Unternehmensorganisation und menschliches Verhalten

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Cordes, Christian | Unternehmensorganisation und menschliches Verhalten
Tätigkeitsbericht 2008
Sozial- und Verhaltenswissenschaften
Unternehmensorganisation und menschliches Verhalten
Cordes, Christian;
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Abteilung - Evolutionsökonomik
Korrespondierender Autor
Cordes, Christian,
E-Mail: [email protected]
Zusammenfassung
Firmen existieren auch deshalb, weil sie einen geeigneten Rahmen für eine Unternehmenskultur bieten, die die menschliche Neigung zu kooperativem Verhalten in Gruppen fördert. Forscher am MaxPlanck-Institut für Ökonomik untersuchen die Rolle solcher evolvierter menschlicher Verhaltensdispositionen im organisationalen Kontext aus naturalistischer Perspektive, wobei Erkenntnisse aus anderen
Disziplinen, etwa der Psychologie oder der Anthropologie, herangezogen werden. Die Erkenntnisse
erweitern das Verhaltensmodell in der Theorie der Unternehmung.
Abstract
One reason why firms exist is because they are organizations within which cooperative corporate
cultures based on human social predispositions can evolve. Researchers at the Max Planck Institute of
Economics present formal models that depict how the biased transmission of cultural contents via social learning processes within the firm influence employees’ behavior and the performance of the firm.
The naturalistic approach suggested here provides a behaviorally enriched theory of the firm. It draws
on insights from other disciplines such as psychology, anthropology, and sociology.
Unternehmensorganisationen und das Verhalten ihrer Mitglieder werden in den Wirtschaftswissenschaften häufig unter der Annahme mehr oder weniger rationaler, von Eigeninteressen geleiteter, autonomer Individuen analysiert. Diese Betrachtungsweise erklärt allerdings nicht, warum viele Menschen
sich über ihre persönlichen Interessen und über vertragliche Vereinbarungen hinaus für die Ziele eines
Unternehmens oder ihrer Organisation engagieren. Gewinnstreben und materielle Anreize sind offensichtlich nicht die einzigen Determinanten für den Erfolg eines Unternehmens.
Welche Bedeutung haben die – in der Natur einzigartige – menschliche Neigung zur Kooperation, die
Übertragung und Weiterentwicklung kultureller Inhalte durch Prozesse sozialen Lernens, und welche
Rolle spielt der Entrepreneur (Unternehmer) in Firmenkulturen und bezüglich des Funktionierens von
Firmen [1, 2, 3, 4]? Diese Fragen wollen Forscher am Max-Planck-Institut für Ökonomik mit Hilfe
eines naturalistischen Ansatzes klären, der Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, wie zum Beispiel der
Psychologie, der Anthropologie oder der Evolutionsbiologie, heranzieht. Außerdem setzen sie mathematische Methoden ein, um kulturelles Lernen in Gruppen abzubilden.
Die zentrale Hypothese des naturalistischen Ansatzes sagt aus, dass Unternehmensorganisationen
jenseits mehr oder weniger anonymer Marktbeziehungen einen geeigneten Rahmen bieten, ein Kooperationsregime zu etablieren, das auf den pro-sozialen Dispositionen menschlicher Akteure beruht,
etwa der Neigung, in Gruppen kooperatives Verhalten zu zeigen, deren Ursprünge in der menschlichen
Entwicklungsgeschichte zu finden sind. Solche kognitiven Dimensionen werden in den traditionellen
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Unternehmenstheorien üblicherweise kaum betrachtet. Während der Entwicklungsgeschichte der
Menschheit hingen Erfolg und Überleben immer auch von der Fähigkeit zur Kooperation in Gruppen
ab; deshalb ist die Neigung zur Kooperation über einen Prozess genetisch-kultureller Koevolution fest
in den Genen verankert. In modernen Unternehmen arbeiten heutzutage Menschen mit Prädispositionen und einer Sozialpsychologie, die sich von denen in den Stammesgesellschaften unserer Vorfahren
nicht wesentlich unterscheiden.
Die Forscher beleuchten darüber hinaus die wichtige Rolle des Entrepreneurs in der Sozialisierung und
der Implementierung geteilter kognitiver Interpretationsrahmen unter den Angestellten einer Firma.
Der Entrepreneur – oder eine andere leitende Persönlichkeit in einem Unternehmen – stellt mit seinem
Geschäftskonzept einen kognitiven Bezugsrahmen bereit, der von den Angestellten des Unternehmens
adaptiert werden kann. Das stärkt den psychologischen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und die
Identifikation mit dem Unternehmen und prägt die Firmenkultur. Zum anderen bietet sich der Entrepreneur oder Manager als prominentes Rollenmodell für soziales Lernen an [5].
Ein formales Modell evolvierender Unternehmenskulturen liefert einige interessante Einsichten: Mit
wachsender Gruppengröße sinkt der Einfluss des Entrepreneurs im Sozialisierungsprozess und damit
das Niveau kooperativen Verhaltens in der Firma – oft eine kognitive Beschränkung des Firmenwachstums. Das Modell zeigt, dass Firmen relativ klein bleiben, und so ein hohes Kooperationsniveau
innerhalb der Firma ermöglichen, wenn hohe potenzielle Kosten zu befürchten sind, die aus opportunistischem Verhalten resultieren würden. Dies mag ein Grund sein, warum etwa Unternehmen, die von
selbständig und eigenverantwortlich arbeitenden Experten abhängen, eher klein sind. Die Möglichkeit,
durch die Etablierung eines Kooperationsregimes in kleineren Firmen die potenziellen Kosten, die
aus opportunistischem Verhalten resultieren können, unter Kontrolle zu halten, stellt sich auch in den
entwickelten formalen Modellen kulturellen Lernens als größenbestimmender Faktor einer (angenommenen) gewinnmaximierenden Firma heraus. Abbildung 1 zeigt diesen systematischen Zusammenhang für verschiedene Werte von αE auf, dem charismatischen Potenzial des Entrepreneurs, welches
dessen Einfluss in der Sozialisierung neuer Mitarbeiter und der Implementierung geteilter kognitiver
Interpretationsrahmen misst.
Abb. 1: Der Zusammenhang zwischen der profitmaximierenden Größe einer Firma und den Kosten opportunistischen Verhaltens für verschiedene Werte von αE. Die gewinnmaximierende Firmengröße nimmt mit steigenden
Kosten für opportunistisches Verhalten ab.
Urheber: Max-Planck-Institut für Ökonomik/Cordes
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Je höher die Kosten opportunistischen Verhaltens sind, desto kleiner ist die profitmaximierende Größe
des Unternehmens bei einem gegebenen charismatischen Potenzial des Entrepreneurs – ein Resultat,
das von der traditionellen Unternehmenstheorie abweicht. In dieser wird eine positive Beziehung
zwischen den Opportunismuskosten und der optimalen Firmengröße unterstellt, da die Kontroll- und
Überwachungsmöglichkeiten innerhalb einer Firma als entscheidendes Mittel gegen opportunistisches
Verhalten gesehen werden.
Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts leugnen nicht, dass Opportunismus eine wichtige Facette
menschlichen Verhaltens in einem organisationalen Kontext ist. Aber darüber hinaus gibt es zweifellos
weitere Triebkräfte, die das Verhalten von Menschen in Firmen und anderen Organisationen beeinflussen. Der hier präsentierte naturalistische Ansatz soll dazu beitragen, die Verhaltensmodelle, die in
diesen Zusammenhängen zum Einsatz kommen, zu erweitern.
Literaturhinweise
[1] C. Cordes:
Darwinism in Economics: From Analogy to Continuity.
Journal of Evolutionary Economics, 16(5), 529–541 (2006).
[2] C. Cordes, P. J. Richerson, R. McElreath, P. Strimling:
A Naturalistic Approach to the Theory of the Firm: The Role of Cooperation and Cultural
Evolution.
Journal of Economic Behavior and Organization, 68(1), 125–139 (2008).
[3] C. Cordes, P. J. Richerson, R. McElreath, P. Strimling:
How Does Opportunistic Behavior Influence Firm Size?
Papers on Economics ä Evolution 2006-18. Max Planck Institute of Economics, Jena 2006.
[4] C. Cordes:
The Role of “Instincts” in the Development of Corporate Cultures.
Journal of Economic Issues 41(3), 747–764 (2007).
[5] U. Witt:
Firms as Realizations of Entrepreneurial Visions.
Journal of Management Studies 44(7), 1125–1140 (2007).
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