Raum - Beck-Shop

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Raum
Ein interdisziplinäres Handbuch
Bearbeitet von
Stephan Günzel
1. Auflage 2010. Buch. xi, 372 S. Hardcover
ISBN 978 3 476 02302 5
Format (B x L): 17 x 24,4 cm
Gewicht: 845 g
Weitere Fachgebiete > Philosophie, Wissenschaftstheorie, Informationswissenschaft >
Wissenschaft und Gesellschaft | Kulturstudien > Kulturwissenschaften: Allgemeines
und Interdisziplinäres
Zu Inhaltsverzeichnis
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978-3-476-02302-5 Stephan Günzel, Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch
© 2010 Verlag J.B. Metzler (www.metzlerverlag.de)
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7. Technischer Raum:
Enträumlichung
7.1 Entstehung des Themenfeldes
Das Stichwort ›Enträumlichung‹ hat erst seit wenigen Jahren den Status eines wissenschaftlichen
Begriffs erlangt. Eine frühe Verwendung findet
sich in einem Aufsatz des Soziologen Helmuth
Kromrey, der 1984 in einer avantgardistischen
Architekturzeitschrift veröffentlicht wurde. Darin geht es um die Frage, ob durch moderne Kommunikationsmittel räumliche Verkehrs- und
Transportbewegungen ersetzt werden können.
Kromrey beantwortet diese Frage nur zögernd
mit Ja und meint, Transporte von Menschen oder
Gütern könnten durch fernmündliche und
-schriftliche Kommunikationen bequem vorbereitet und organisiert werden. Kromrey hält den
Bildschirmtext tatsächlich für ein Mittel zur Aufwandsersparnis, meint aber nicht, dass er in dieser Funktion – und sei es auch nur innerhalb einer relativ engen Lebenswelt – große Wirkungen
ausüben kann. Insofern verhält sich Kromrey gegenüber dem Begriff der ›Enträumlichung‹ zurückhaltend; von heute aus gesehen wohl auch
deshalb, weil er sich zum Einsatz des Begriffs
durch eine Informationstechnik motivieren lässt,
die eben ihre ersten Schritte getan hat.
Entgrenzung und Entankerung
Auf einer makrosozialen Ebene setzt der Politikwissenschaftler Rainer Tetzlaff (2000, 18 ff.) den
Begriff der ›Enträumlichung‹ ein – und zwar zu
einer Analyse des Phänomens der Globalisierung
(s. Kap. III.3). Diese habe nämlich zwei polare
und anscheinend konträre Aspekte. Einer bestehe
in Entortung, Entgrenzung, Entflechtung – und
insofern Enträumlichung. Man könnte nach
Tetzlaff diesen Aspekt auch umschreiben als
Leerräumung, Beseitigung aller Hindernisse –
Enträumlichung als Überwindung der Distanzen, Schrumpfung und Implosion der Räumlichkeit. Damit aber ist die freie Bahn geschaffen für
vielerlei weitreichende Eroberungen, Durchset-
III. Themen und Perspektiven
zungen, Penetrationen, Expansionen, Diffusionen und Verflechtungen auf der anderen Seite.
Den ersten der eben genannten Aspekte bezeichnet der Sozialgeograph Benno Werlen
(2005) als ›Entankerung‹ und er verweist darauf,
dass die damit gemeinte Veränderung des gegenwärtigen Raumverhaltens sich sehr zweideutig
darstellt: Legt man die Durchschnittsgeschwindigkeit der Verkehrsmittel, wie sie sich vom 18.
bis zum 21. Jahrhundert gesteigert hat, zugrunde,
dann scheinen die geographischen Entfernungen
mindestens um das Fünfzigfache ›geschrumpft‹
zu sein. Diese Raumschrumpfung ergibt sich allerdings nur aus der Messung der Transportzeiten: Diese haben sich verkürzt und wirken sich
für unser Empfinden so aus, als hätten sich die
Raumdistanzen verkürzt.
Industrialisierung: ›Tötung‹ des Raums
Einen klassischen Ausdruck hat diese Empfindung schon im 19. Jahrhundert gefunden. Anlässlich der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Paris-Orléans im Jahr 1843 schrieb Heinrich Heine
(1757–1856): »Welche Veränderungen müssen
jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise und
in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig«
(Heine 1900, 65). Heine transponiert sein Erschrecken sogleich ins Philosophische, indem er
eine mehr oder weniger kantische Anschauung
durch das neue Verkehrs- bzw. Geschwindigkeitsmittel erschüttert sieht. Die ›Tötung‹ des
Raumes stellt zweifellos eine drastische Version
der Enträumlichung dar und andererseits wird
auf eine Asymmetrie zwischen Raum und Zeit
abgehoben, aus der die Zeit als Siegerin der ganzen Umwälzung hervorgehen soll. Diese sozusagen medientheoretische und ontologische Reaktion Heines hebt sich deutlich von anderen, von
medizinischen Reaktionen auf die Erfindung der
Eisenbahn ab, die den Ausbruch von Gehirnkrankheiten fürchteten und die Aufstellung von
Bretterzäunen forderten.
Offensichtlich hat sich das Empfinden der
7. Technischer Raum: Enträumlichung
Menschen relativ schnell an die neuen Reisezeiten gewöhnt, und ein vierstündiger Flug kann
uns bereits als unangenehm lang, die Reisestrecke folglich als sehr weit erscheinen. Immerhin
sehen wir an diesem Beispiel, dass die Dimension
des Raumes, jedenfalls dort, wo menschliche
Raumwahrnehmung im Spiel ist, von der Dimension der Zeit zwar unterschieden aber nicht getrennt werden kann.
Vom Beginn des Eisenbahnbaus bis heute sind
die üblichen Reisewege – auch für die gewöhnlichen Leute – etwa hundertfach länger geworden.
Man fliegt heute selbstverständlich in den Nahen,
in den Mittleren, in den Fernen Osten. Unser Reiseraum hat sich ausgeweitet, und diese Ausweitung kann man schwerlich unter ›Enträumlichung‹ subsumieren. Man könnte also sagen, dass
die moderne Entwicklung der Verkehrsmittel einerseits zu einer ›zeitlichen‹ Raumimplosion und
andererseits zu einer ›raumhaften‹ Raumexplosion geführt hat, die sich großteils überlappen –
aber nicht vollständig.
Man sieht bereits, dass der so klar weil sehr abstrakt wirkende Begriff der ›Enträumlichung‹
doch nicht frei von Unklarheiten ist. Das Wort
legt immerhin nahe, dass es sich dabei um einen
Vorgang handeln muss, in dem etwas, was vorher
räumlich oder raumbestimmt war, sich von dieser Bestimmtheit nun löst und ›unräumlich‹
wird. Auch auf dieser Ebene, die von der Wortform, von der Nähe des Substantivs zum Zeitwörtlichen – also den Verben −, nahegelegt wird,
zeigt sich, dass ›Enträumlichung‹ einen engen
Bezug zur Zeit hat: Eine parallele Wortbildung
würde übrigens ›Entzeitlichung‹ lauten und die
festgestellte Raumschrumpfung stellt sich dann
genaugenommen als ›Zeitschrumpfung‹ dar. Falls
es aber doch einen strukturellen Gegensatz zwischen Raum und Zeit geben sollte, wäre denkbar,
dass Enträumlichung mit Verzeitlichung korreliert. Und es wird sich zeigen, dass diese Korrelation tatsächlich schon behauptet worden ist.
Raumverdrängung vs. Raumüberwindung
Das Wort ›Enträumlichung‹ zwingt noch zu einer
weiteren Vorüberlegung. Wer oder was enträum-
205
licht sich oder wird enträumlicht? Was ist das
Subjekt bzw. Objekt von Enträumlichung? Sind
es Dinge, sind es menschliche Verhaltensweisen
oder Verhältnisse? Oder bezeichnet ›Enträumlichung‹ einen intransitiven Vorgang, der den
Raum oder die Räume selber in Mitleidenschaft
zieht, ihn entmachtet oder annulliert?
Eher noch dramatischer als Heinrich Heine
hat Peter Handke die Vernichtung des Raumes
zum Thema gemacht, wobei er weniger eine technische als vielmehr eine politische Strategie im
Auge hat, die sich aber nicht so leicht mit unserer
Erfahrungswelt in Beziehung setzen lässt. In seinem Theaterstück Zurüstungen für die Unsterblichkeit. Ein Königsdrama hat es eine »Raumverdrängerrotte« irgendwo, sei es auf dem Balkan,
sei es in Andalusien, auf ein Land (d. h. auf Land
und Leute) abgesehen, das sie auslöschen will;
»und zusammen mit ihm auch den Raum da,
diese scheinbare letzte Natur, den Raum aufschlucken, ersticken, ausräuchern […]. Raum:
veraltet; das Wort ›Raum‹: veraltetes Wort, lächerlich, altfränkisch […]. Wir, die Helden des
Raumschluckens – die Raumsauger, die Aufsauger der gefälschten Zwischenräume, Devise: nicht
Raum sondern Reiz – Reiz statt Raum!« (Handke
1997, 55 f.). Für den Häuptling dieser Rotte ist
›Raum‹ der theoretische Begriff, der bis in seine
Schwundstufen wie ›Nullraum‹, ›Minusraum‹,
›Chaosraum‹, ›Abraum‹ all das bezeichnet, was es
auch noch gibt aber nicht mehr geben sollte. Die
›Raumsauger‹ sind politische Gewalttäter – und
zwar moderne.
Diese aggressive weil ganz bewusste Raumvernichtung bildet den äußersten Pol in einem Spektrum von Vorgängen, die man mit ›Enträumlichung‹ meinen kann – vielleicht ein zu ungenauer und schwammiger Ausdruck, mit dem
vielerlei Veränderungen bezeichnet werden, die
eigentlich andere Bezeichnungen erfordern. Handelt es sich eher um Umformungen, Umbildungen von bestimmten Räumen oder von Räumlichkeit überhaupt? Eine aktuelle Version einer
wiederum medientechnisch bedingten und unserer Erfahrung näherstehenden Raumveränderung – um nicht zu sagen -verwirrung – ist von
Daniel Kehlmann formuliert worden und sogar
206
auf philosophische Aussagen bezogen worden:
»Raum ist zu etwas anderem geworden: Man ist
selbst ständig woanders, und zugleich führt man
zu jedem Zeitpunkt ein Dutzend Konversationen
mit Leuten, die über die halbe Welt verteilt sind.
Das sind alles keine oberflächlichen Veränderungen. Was wir da mitmachen, ist eine große seelische Umwälzung. […] Heidegger konnte selbst
noch gar nicht wissen, wie sehr er recht haben
würde mit seiner Analyse, dass wir einer technischen Lebenswelt überantwortet sind, der wir
nicht entkommen können« (Kehlmann 2008).
Man könnte sagen, dass Heine die klassisch ›moderne‹ Medienrevolution, Kehlmann hingegen
die ›postmoderne‹ Medienrevolution als Träger
von dramatischen Raumveränderungen im Auge
haben; Handke hinwiederum scheint das Vorhaben einer aktuellen Raumzerstörung gewissen
politischen Mächten zuzuschreiben.
Um den Begriff der ›Enträumlichung‹ verständlich zu machen, muss man ihn mit parallelen oder analogen, mit verwandten oder oppositionellen Begriffen umstellen, die aber alle den
›verbalen‹ Charakter mit ihm teilen. Einige dieser
Wörter sind bereits genannt worden: So etwa
›Raumüberwindung‹ – vermutlich ein Schlüsselwort auch für das Verständnis von ›Enträumlichung‹. Gemeint ist damit zunächst die sowohl
banale wie auch basale Tatsache der Bewegung
durch den Raum, der Durchquerung des Raums,
also ein Verhalten, das den Raum ›benutzt‹, auch
spürbar macht und insofern, wenn man will, auch
konstituiert. Aber in ›überwinden‹ klingt auch
›besiegen‹, ›hinter sich bringen‹ und ›Schluss machen mit‹ an – dieser Bedeutungsaspekt scheint
direkt mit ›Enträumlichung‹ zu konvergieren,
wenn man darunter versteht, dass irgendein
Räumliches ausgeschaltet oder abgeschafft wird.
Die zeitwörtlichen Parallelbegriffe zu ›Enträumlichung‹ empfehlen sich auch deswegen, weil
neuere Raumtheorien großen Wert darauf legen,
den Raum nicht mehr als eine objektive, gar natürliche Sache, nicht mehr als etwas Dingliches
zu betrachten, sondern als ein Bündel menschlicher Verhaltensweisen bzw. als deren Ergebnis.
Als eine solche Verhaltensweise oder Entwicklung, die den Raum verändert, wird die »Denatu-
III. Themen und Perspektiven
rierung des Raumes« (Ahrens 2001, 27) genannt,
dank welcher der Raum etwas Menschengemachtes oder Kulturelles geworden sein soll.
Es lassen sich verschiedene theoretische Oberbegriffe denken, auf die sich ›Enträumlichung‹ so
beziehen lässt, dass ihr formaler Charakter berücksichtigt und hervorgehoben bleibt: etwa
›Raumpraktiken‹ oder ›Raumtechniken‹, obwohl
letzterer Begriff das Ereignishafte eher ausklammert. ›Raumkonstruktion‹ oder ›Raumgestaltung‹ würden dem konstruktivistischen Zeitgeist
am ehesten entsprechen; es dürfte aber etwas
schwierig sein, die betont ›negative‹ Konnotation
der ›Enträumlichung‹ darunter zu subsumieren.
Deswegen sei der sehr allgemein angesetzte Oberbegriff ›Raumverhalten‹ vorgeschlagen, worunter
alle menschlichen Handlungen und Einstellungen gegenüber bzw. mit Raum fallen können; es
können auch Raumverhältnisse darunter subsumiert werden und schließlich kann damit sogar
gemeint sein, dass Räume selbst sich so oder so
verhalten (wie man etwa auch vom Verhalten von
Atomen spricht). ›Raumverhalten‹ deckt also das
anthropozentrisch-konstruktivistische Verständnis sehr gut ab und legt sich doch nicht völlig darauf fest.
Raumproduktion und Raumabstraktion
Da ›Enträumlichung‹ ein sehr junger theoretischer Begriff ist, muss seine theoretische Vorgeschichte geklärt werden, die auch nicht sehr alt
ist, sich aber immerhin weit verzweigt und an
verschiedene sprachliche Ausdrücke geknüpft ist.
Es handelt sich dabei um eine Theoriegeschichte,
die sich mehr oder weniger um die Frage dreht,
ob und wie der Prozess der Modernisierung, der
seit einigen Jahrhunderten den Sonderweg des
Abendlandes vorangetrieben hat, auch solche
tiefgreifenden Veränderungen umfasst, die seit
kurzem mit dem Begriff der Enträumlichung resümiert werden. Die eben erwähnte konstruktivistische Theorierichtung wird offensichtlich in
Henri Lefebvres (1901–1991) Buch Die Produktion des Raums eingeschlagen. Für uns ist von Interesse, ob in der Geschichte der Produktion des
Raums auch so etwas wie seine Destruktion vor-
7. Technischer Raum: Enträumlichung
kommt bzw. etwas, was einer ›Enträumlichung‹
gleicht. Zunächst fällt auf, dass Lefebvre seinen
Hauptbegriff ›Raum‹ als allgemein bekannt voraussetzt und keinerlei definitorische Klärung liefert. Hierzu muss bemerkt werden, dass die Verweigerung der Wesensbestimmung gerade für
den Raum zum Zeitgeist der theoretischen Korrektheit zu gehören scheint – obwohl einige wenige Autoren wie etwa der Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998) sich nicht daran halten (Seitter 2002, 378 ff.). Wohl aber erklärt Lefebvre, dass
es unterschiedliche Schichten oder ›Aggregatzustände‹ von Raum gibt: den physischen Raum,
den sozialen oder gesellschaftlichen Raum und
den sprachlich-mentalen.
Bekannten zeitgenössischen Theoretikern wie
Noam Chomsky, Jacques Lacan (1901–1981)
oder Jacques Derrida (1930–2004) wird vorgehalten, sie würden letzteren absolut setzen und
den physischen und den sozialen Raum ignorieren. Lefebvre (1991, 12 f.) postuliert, alle drei
Raumtypen nicht nur zu berücksichtigen, sondern theoretisch zu verbinden. Als theoretisches
Verbindungsmittel setzt er den marxschen Begriff der gesellschaftlichen Produktion (mitsamt
Reproduktion) ein und schlägt eine dreistufige
Raumkonzeption vor, in der der Naturraum zunächst vorausgesetzt, dann von elementaren
Raumpraktiken (etwa architektonischer Art) zurückgedrängt wird; diese Raumpraktiken werden
durch Raumplanungen weiterentwickelt, die
schließlich zu komplexen Erlebnisräumen führen, die auch Imaginationen unterschiedlichster
Qualität, künstlerische Tätigkeiten usw. einschließen (s. Kap. II.2). Mit dieser Dreistufigkeit ist
auch das Grundschema einer ›Geschichte des
Raums‹ gegeben, deren erster großer Schritt der
Übergang vom »absoluten Raum« zum »abstrakten Raum« sein soll. Der absolute Raum – gelegentlich auch »organischer Raum« genannt (ebd.,
229) − besteht in der Markierung ausgewählter
Naturorte und -ereignisse, während der abstrakte
Raum zum einen homogen künstlich installiert
ist, zum anderen ist er von gesellschaftlichen Widersprüchen durchzogen. Außerdem verbindet
sich mit ihm die Gefahr, den Raum als das, was er
ist, nämlich eine Verflechtung aus Natur, Gesell-
207
schaft und Individuum, der Wahrnehmung zu
entziehen. Noch akuter ist allerdings die Gefahr
für die Zeit, ›das größte aller Güter‹: »Mit der Ankunft der Moderne ist die Zeit aus dem gesellschaftlichen Raum verschwunden […]. [U]nsere
Zeit, dieser wesentlichste Teil gelebter Erfahrung
[…] ist für uns nicht mehr sichtbar, nicht mehr
einsichtig« (ebd., 95). Lefebvre spricht von Austreibung, Ausradierung und Ermordung der Zeit.
Weit mehr als die Enträumlichung dramatisiert
er die Entzeitlichung. Diese setzt er aufs Konto einer gewissen Raumschwächung, die man eventuell mit ›Enträumlichung‹ wiedergeben könnte.
Tatsächlich führt Lefebvre an dieser Stelle den
Begriff »Verräumlichung« ein, und zwar in Verbindung mit »Visualisierung« (ebd., 98), denn er
fragt sich, ob der unwahrnehmbar gewordene
Raum künstlich doch wieder wahrnehmbar gemacht werden kann.
Wenn Lefebvre den ›abstrakten‹ Raum als ein
Symptom der Moderne kritisiert, so nähert er
sich dem Begriff einer ›Enträumlichung‹, die als
Moment des Modernisierungsprozesses verstanden wird. Er sieht im »abstrakten«, »antagonistischen« oder »differenziellen« Raum der Moderne
einen gewissen Raum-Defekt – aber der erscheint
ihm überwindbar (ebd., 412 f.). Dass die Räumlichkeit als solche in der Moderne an Bedeutung
noch gewinnen wird, hält er für unumgänglich.
Darüber hinaus hält er es für möglich, dass es der
Gesellschaft gelingen wird, ihre Raumproduktion
so weiterzuentwickeln, dass die Produkte den
Charakter von Kunstwerken haben – Kunstwerke, die nicht bloß isolierte Objekte für Individuen sind. Er operiert also mit einem erweiterten
Kunstbegriff, der indessen die Räumlichkeit und
die Sichtbarkeit beibehält. Die marxsche Programmatik, die sich durch das Buch zieht, wird
am Schluss gewissermaßen umgedreht, indem
Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels
(1820–1895) zu Utopisten erklärt werden und
Charles Fourier (1772–1837) ihnen ›vorgesetzt‹
wird: der Raumfreund und Raumentwerfer, der
Topiker Fourier, der seinen Wunschvorstellungen
die Form palastartiger Architekturen gegeben
hat.
208
7.2 Spektrum der Diskussion
Die Erfahrungen und Denkansätze, die zum Begriff der Enträumlichung geführt haben, lassen
sich auf drei Ebenen anordnen. Erstens kann es
sich um reale, materielle Vorgänge handeln, die
sich damit direkt fassen lassen; zweitens um theoretische Aussagen, die diesen Begriff mit verwandten Begriffen vorbereitet oder nahegelegt
haben; drittens um wissenschaftliche Aussagensysteme oder theoretische Einstellungen, die ausdrücklich oder unbeabsichtigt (oder gar unbewusst) eine theoretische Option für ›Enträumlichung‹ befördern.
Raumverwandlung durch Verkehr
Die erste Ebene ist bereits erwähnt und mit dem
Heine-Zitat emblematisch markiert worden.
Wolfgang Schivelbusch (1977, 39) hat näher ausgeführt, dass die Eisenbahn im 19. Jahrhundert
mit ihrer neuartigen Geschwindigkeit einerseits
neue Räume aufschloss, die bisher nicht verfügbar waren, andererseits sei damit Raum vernichtet worden, nämlich der Raum dazwischen. Natürlich sind die Landstriche zwischen dem Wohnort und dem Zielort nicht plötzlich verschwunden.
Aber den psychisch-kognitiven Schock, der seinerzeit zum Ausdruck gebracht worden ist, wird
es wirklich gegeben haben. Er wurde von einem
durch und durch materiellen Körper-EreignisArrangement ausgelöst, das übrigens das Alltagsleben der Leute – auch ohne Schock – immer
noch mitprägt. Nach der Eisenbahn haben Auto
und Flugzeug ähnliche Erlebnismutationen hervorgerufen – die sich ebenfalls in Routinen verwandelt haben. ›Routine‹ heißt ja, dass die Erfahrung einer Geschwindigkeitstechnik zur Gewohnheit wird.
Was den Raum selber betrifft: Wenn er schon
nicht ganz und gar vernichtet wird, so ist er verwandelt worden. Dem Psychologen Erwin Straus
(1891–1975) zufolge hat die Eisenbahn den Landschaftsraum in einen geographischen Raum verwandelt: In der modernen Reise wird der »Zwischenraum gleichsam übersprungen, durchfahren oder gar verschlafen« (zit. n. ebd., 52). Der
III. Themen und Perspektiven
neuartige geographische Raum – das ist der
durchsichtige, durchgängige, desobstakulierte
Raum, der nur aus Stellen und geradlinigen Entfernungen besteht. Vielleicht sollte man doch unterscheiden zwischen der Auswirkung oder Ausstrahlung auf den Raum, die tendenziell eine derartige sein mag, und der Eisenbahn selber, die
tatsächlich eine enge Schneise von Glättung, Hindernisbeseitigung und Beschleunigung durch
den Raum legt. Die heutigen vielfach tunnellierten Hochgeschwindigkeitstrassen zeigen diesen
Schneisencharakter noch viel deutlicher. Abgesehen davon, dass sie mit ihren Tunnelführungen
noch eine ganz andere Lektion in Sachen Raum
bereithalten: Sie entziehen uns auf lange Strecken
mit der Landschaft sogar den geographischen
Raum und schleudern uns durch den geologischen Raum, den es auch gibt. Denn alle Festkörper ›enthalten‹ Raum (auch wenn sie ihn zu verschlucken und zu vernichten scheinen).
Der Verkehrstheoretiker Paul Virilio (1986)
hat die Kategorie der Geschwindigkeit in den
Vordergrund gestellt und auf die Spitze getrieben.
Er assoziiert die »Penetrationsmacht der Bewegung« mit der »Destruktionsmacht des Feuers«,
was bedeutet, dass jede Geschwindigkeitstechnik
auf ein Verschwinden hinausläuft. Auch die friedlichen Beschleunigungserfolge bedeuten eine
»Niederlage für die Welt als Boden, Entfernung
und Materie« (Virilio 1980, 177 f.). Dementsprechend gibt es mehrere Stufen von Verschwinden:
Verschwinden der Orte und Verschwinden der
Materie. Verschwinden selber bedeutet ja eigentlich nur Beendigung der Wahrnehmbarkeit. In
diese Kaskade der Ent-Realisierungen lässt sich
so etwas wie die ›Enträumlichung‹ leicht, ja zwingend einfügen.
Raumverwandlung durch Architektur
Ein komplexer Raumtyp, der sowohl eine materiell-architektonische wie auch eine lebensweltlichpolitische Dimension aufweist, ist der öffentliche
Raum, der im Dorf und vor allem in der Stadt
zwischen den Häusern liegt, die teils das Privatleben bergen, teils selber öffentlichen Aufgaben
dienen. Diesen öffentlichen Raum, der in der
7. Technischer Raum: Enträumlichung
Stadt die Form des Platzes aufweist, hat Camillo
Sitte (1843–1903) schon am Anfang des 20. Jahrhunderts bedroht gesehen, da die sogenannte
›Blockbauweise‹ zwischen den Häusern nur mehr
Verkehrsbahnen zuließ. Plätze für den gemächlichen, flanierenden Aufenthalt, für das Herumgehen und Herumstehen, für vereinbarte oder zufällige Begegnungen habe der damalige moderne
Städtebau weitgehend ausgeschlossen, weil die
vorhandenen Flächen aus ökonomischen Gründen entweder ›verbaut‹ werden mussten und damit dem Raum im Sinne von Leerraum entzogen
wurden, oder sie wurden den mächtig auftrumpfenden Verkehrsanforderungen geopfert. Bezogen auf die Individuen greift Sitte den medizinischen Begriff der »Platzscheu« auf und meint
damit wohl die ›Agoraphobie‹ – die agora bezeichnete ja den zentralen multifunktionalen
Platz in der Stadt (Sitte 1983, 56 und 119). Bezogen auf die Stadt prägt er keinen prägnanten Begriff für das von ihm Kritisierte – man könnte es
›Raumschwund‹ oder ›Platzschwund‹ nennen.
Aber für das, was er ›Platz‹ nennt, also für den
unverbauten oder vielmehr umbauten und insofern auch gebauten Raum, setzt er einen Begriff
aus der Morphologie ein: »Konkavität« (ebd.,
150). Deren Gestaltung sei die Hauptaufgabe des
Städtebauers; sie stoße sich jedoch an dem, was
die Architekten als ihre Aufgabe betrachten: die
Gestaltung von Konvexitäten.
Der Soziologe Richard Sennett (1991) hat dasselbe Phänomen in verschärfter Form am Ende
des 20. Jahrhunderts gesehen und einige konkrete
Fälle davon in New York, London und Paris beschrieben: Er nennt einige Hochhauskomplexe,
die trotz der vielen Glasfassaden scharfe Schnitte
zwischen den Außenraum und den Innenraum
legen, wobei der Außenraum fast zur Gänze dem
Autoverkehr gewidmet ist, und im Inneren müsse
man sich sogleich in die Aufzüge begeben, um irgendwohin zu gelangen. Es gibt nur minimale
Flächen, die den horizontalen Straßenverkehr
vom vertikalen Aufzugsverkehr trennen. Der öffentliche Raum wird ganz und gar der Fortbewegung untergeordnet, er hat jedes eigene Gewicht
verloren. Hier kann man tatsächlich die Formeln
»Entmachtung des Raumes«, »Außerkraftsetzen
209
des Raumes« einsetzen, wie Daniela Ahrens
(2001, 33) vorschlägt.
Um die Erde mit ihrer spezifischen, nämlich
örtlichen, klebrigen, widerständigen Räumlichkeit überwinden zu können, hat sich die Menschheit imaginär immer schon zu einer Art »Überflug« erhoben, den sie allerdings technisch erst
seit dem 20. Jahrhundert realisiert (Deleuze/
Guattari 1977, 249). Aufs flüssige Meer sind die
Menschen indessen schon seit langem ausgewichen (Virilio 1980, 51 ff.). Den Schritt zum Ozeanischen, den Portugiesen und Spanier, Holländer
und Engländer im 15., 16. und 17. Jahrhundert
vollzogen haben, als sie ihre »geschichtliche Gesamtexistenz vom Land aufs Meer« verlagerten,
kann man, so der Staatsrechtler Carl Schmitt
(1888–1985), eine »Raumrevolution« nennen
(Schmitt 2001, 55; s. Kap. III.2). Damit hat er einen Begriff geprägt, der keineswegs gleichbedeutend mit ›Enträumlichung‹ ist, wohl aber deren
Kontingenzniveau anzeigt, also die Ebene, auf der
sich Mutationen vollziehen, von denen die Enträumlichung eine ist – wenn es sie denn gibt. Eine
Revolution führt bekanntlich dazu, dass ›kein
Stein auf dem andern bleibt‹ – das heißt zunächst
einmal: Es wird zerstört. Deshalb muss der Begriff der ›Enträumlichung‹ ständig mit der Frage
konfrontiert werden, ob damit auch eine ›Raumzerstörung‹ verbunden ist und wenn ja, eine Zerstörung welcher Räume. Begriffsbildungen wie
»Raumverdunklung« und »Raumerweiterung«
(Schmitt 2001, 61 f.) zeigen ebenfalls, dass
Schmitts Überlegungen Teil der Begriffsgeschichte der ›Enträumlichung‹ sind – und dass
dieser Begriff wohl keineswegs ein univoker ist,
sondern zwischen psychischen, kognitiven, technischen und natürlichen Bedeutungen oszilliert.
1958 hat Hannah Arendt (1906–1975), welche
die eben erwähnte Sphäre des öffentlichen Raums
von der antiken Kultur aus theoretisch rekonstruiert hat, in Vita Activa von zur europäischneuzeitlich vorangetriebenen »Erdschrumpfung«
geschrieben, dass »Ferne und Entfernung vor
dem Ansturm der Geschwindigkeit verschwunden« seien, die Geschwindigkeit habe den Raum
erobert und würde ihn zu vernichten drohen, die
Ferne als solche würde vielleicht nur noch als
210
sprachliche Metapher überleben. Der Zusammenschrumpfung des Erdraums und der Aufhebung von Entfernung durch Eisenbahn, Dampfschiff und Flugzeug gehe eine viel radikalere
Zusammenschrumpfung voraus, die dadurch zustande komme, dass das Vermessungsvermögen
des menschlichen Verstands durch Zahlen, Symbole und Modelle das physisch Gegebene im
Maßstab beliebig verkleinern könne (Arendt
1981, 245 f.).
›Globales Dorf‹ und Beschleunigung
Die mit den neuen Verkehrsmitteln möglich gewordene ›Raumüberwindung‹, die sich empirisch
als Dialektik zwischen ›Raumausweitung‹ und
›Raumschrumpfung‹ (Schivelbusch 1977, 36 f.)
darstellt, wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
durch die modernen Nachrichtentechniken ergänzt, verdoppelt sowie entscheidend besser organisiert und erreicht Formen und Ausmaße, die
bislang Engeln und ›Geistern‹ vorbehalten schienen. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan
(1911–1980) hat in Understanding Media von
1964 diese Stufe der Raumüberwindung als »elektrische Implosion« bezeichnet, und als ihr Ergebnis sei »die Welt nur mehr ein Dorf« (McLuhan
1994, 17). So hat er selbst die später populär gewordene Redensart vom global village analytisch
geprägt, und dieses geflügelte Wort kann sehr
wohl als ein Vorläufer für den Begriff der ›Enträumlichung‹ gelten (McLuhan/Powers 1995):
Mit ›Dorf‹ ist das – auf der geographischen Ebene
kleinstmögliche – Beisammensein zwischen
Fremden gemeint, das sich für den Einzelnen
dann in jedem Computer materialisiert: also eine
Zusammenziehung der ganzen Welt auf fast einen Punkt. Allerdings ist die ganze Welt damit
nicht einfach verschwunden, sondern im Gegenteil, gewissermaßen hier und jetzt präsentierbar,
und für diese neue Fassung der Makrodimension
gibt es eben auch Wörter wie ›World Wide Web‹
oder ›Cyberspace‹, wobei hier sogar das Wort
›Raum‹ zitiert wird, seine Dimensionalität jedoch
im Unklaren bleibt (s. Kap. III.8).
Mit diesen Begriffen ist der Bereich technischmedial erzeugter psychisch-kognitiver Räume
III. Themen und Perspektiven
angesprochen, die es ›immer schon‹, d. h. seit
dem Bestehen der Menschheit, gegeben hat, da
Menschen als solche ihr Realitätsverhalten medial gestalten: wahrnehmend, zeigend, sprechend, bauend, bildend (s. Kap. III.9). Einige dieser Medientätigkeiten operieren mit Miniaturisierung, laut Lambert Wiesing (2008, 248) sogar
mit »Physikentmachtung«. Das heißt, es liegt in
ihnen selbst ein gewisser Raumreduktions- oder
Raumaufhebungseffekt, der aber kein endgültiger sein dürfte, sondern es handelt sich eher um
Codierungsphasen, die in die Mediationen Kontingenzen einschleusen: So steht Räumlichkeit
›für uns‹ immer ›auf dem Spiel‹. Daher kann es
›Enträumlichung‹ auch medienbedingt geben
und zwar ständig verknüpft mit neuartigen ›Verräumlichungen‹: mit der Bildung von Sprach-,
Text- und Bildräumen sowie von virtuellen Räumen.
War eben von einer Reduzierung auf den
Punkt die Rede, so ist eine andere Reduzierung
von dem Medientheoretiker Vilém Flusser (1920–
1991) als Kennzeichen der neuen Medien behauptet worden – und zwar auf einer anderen
medientechnischen Dimension. Er trifft sich mit
McLuhan in der Behauptung, dass die große historische Vorstufe für die neueste Medienmutation eine durch die alphabetische Schrift induzierte ›Linearisierung‹ gewesen sei, die sich nicht
bloß materiell-graphisch niederschlage, vielmehr
habe sie die mentalen und kognitiven Strukturen
der Menschen erfasst und strukturell linearisiert.
Die Denkformen der Historie und der Kausalität
seien in der hebräischen und in der griechischen
Kultur ausgebildet worden, hätten sich dann
überlagert und sich inzwischen weltweit durchgesetzt. Flusser pathologisiert die alphabetische
Codierung nicht so entschieden wie – vor ihm –
McLuhan; aber auch bei ihm erscheint die Linearisierung gegenüber der Dreidimensionalität als
eine gewissermaßen enträumlichende Reduktion
– die für die gesamte klassische Moderne typisch
sei (Flusser 1996, 90 ff.).
Mit dieser Form von ›Enträumlichung‹ ist allerdings ein Typ berührt, der von den besprochenen technisch-medialen ›Enträumlichungen‹ zu
unterscheiden ist. Bei diesem handelt es sich im-
7. Technischer Raum: Enträumlichung
mer um reale historische Vorgänge bzw. deren
Resultate, die allesamt seit einigen Jahrhunderten zu beobachten sind, seit wenigen Jahrzehnten auch nicht mehr eine Besonderheit der westlichen Zivilisation darstellen, sondern den Erdball umspannen, wofür auch die technische
Einbeziehung des ›Weltraums‹ notwendig ist.
Und doch kann man nicht ernsthaft behaupten,
dass Raum oder Räumlichkeit damit abgeschafft
seien oder auch bloß menschliches Handeln,
Verhalten oder Wissen schlechterdings raumlos
geworden seien. Dem Begriff der ›Enträumlichung‹ scheint somit eine Dialektik aus Anspruch und Realität oder aus Empfindung und
Illusion innezuwohnen.
Historische Gleichzeitigkeit und Raumvergessenheit
In derselben Zeit, in der das Theorem der Linearisierung von McLuhan und von Flusser aufgestellt worden ist, hat der Historiker Reinhart Koselleck (1923–2006) unabhängig von ihnen eine
These formuliert, die begriffsgeschichtlich motiviert war, sich auf einen engeren Zeitraum, nämlich auf die Zeit um 1800 und zwar in Westeuropa
bezog. Sie nahm ihren Ausgang von der Feststellung, dass um diese Zeit die vielen Geschichten –
im Plural – von dem Kollektivsingular ›die
Geschichte‹ abgelöst worden ist. Eine Singularisierung, die im Namen ›des Fortschritts‹ gerechtfertigt und durch die neuen Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten nahegelegt worden
ist, was die Frage aufwirft, ob diese mental-kognitive Transformation nicht doch mit der technisch-medialen Enträumlichung zusammenhängt. Inwiefern aber kann diese Begriffsumschichtung ihrerseits als Enträumlichung angesehen werden? Weil die Vielheit der Geschichten,
sofern sie als simultan gedacht waren, notwendigerweise eine Räumlichkeit implizierten – denn
Raum ist die formale Bedingung für die synchrone Existenz des Vielen. Wenn die Homogenisierung auf Singularisierung oder Unifizierung
hinausläuft, wird Räumlichkeit – in welchem metaphorischen Sinn auch immer – überflüssig. Was
aber ist nach Koselleck (1989) der Antrieb für
211
diesen Vorgang, der im Großen und Ganzen mit
der Aufklärung zusammenfällt? Es ist der Wille
zu einer großen Bewegung, die ›Fortschritt‹ genannt wird und die alle verstreuten, also räumlich gegebenen Elemente zusammenfassen und
umfassen soll. Das Ergebnis ist das Gefühl einer
intensiven ›Verzeitlichung‹ der menschlichen
Angelegenheiten. Diese schlägt sich zum einen
als Historisierung, zum anderen als Beschleunigung nieder. Damit ist wieder das Stichwort gefallen, von dem die Diskussion ihren Ausgang
nahm.
Hat man die mentale und kognitive Option für
›Enträumlichung‹ auch schon direkter konzeptualisiert als dies Flusser und Koselleck getan haben? Hier kann man zunächst auf Claude LéviStrauss (1908–2009) verweisen, der die »kumulative Historie« definiert als die Neigung, die
verschiedenen Zivilisationsformen grundsätzlich
in der Dimension der Zeit aufzufädeln (LéviStrauss 1972, 34). Sie erweist sich insofern als
›enträumlichend‹, weil die andere Form der Historie sich eher im Raum, im Nebeneinander, ausbreitet. Erst seit wenigen Jahren, nämlich in kritischer Reaktion auf die Enträumlichungstendenz
der Geistes- und Sozialwissenschaften, benennt
man diese Tendenz: etwa als »Raumindifferenz«
in der Geschichtswissenschaft (Sandl 2009, 159)
oder als »Raumvergessenheit in den Geisteswissenschaften der letzten beiden Jahrhunderte«
(Sasse 2009, 231).
Der Begriff ›Raumvergessenheit‹, der sich an
Martin Heideggers (1889–1976) Rede von ›Seinsvergessenheit‹ anlehnt, hat schon vor längerer
Zeit ein bemerkenswertes Pendant in der »Luftvergessenheit« gefunden, die Luce Irigaray dem
Denken des 20. Jahrhunderts vorgehalten hat,
wobei sie die »Verleugnung der räumlichen Dimension« bereits der anthropozentrischen Kultur der Griechen zuschreibt (Irigaray 1980, 94; s.
Kap. III.4). Was die Luft anlangt, so steht sie zum
einen für die dominierende übliche Raumauffassung, die den leeren Raum meint. Zum anderen
handelt es sich klarerweise um eine Materie, aber
eine, die regelmäßig ignoriert wird. Deshalb kann
die sogenannte ›Luftvergessenheit‹ auch als
Chiffre für eine andere große ›Ent-Realisierung‹
212
stehen: für die »Entmaterialisierung« oder auch
»Entkörperung«, die man vor allem auf die Medien zurückführt (Seitter 2002, 183 ff.; Krämer
2002, 49 ff.; Virilio 2006, 263).
Entmaterialisierung und Wissensproduktion
›Entmaterialisierung‹ stellt einen wichtigen Parallelbegriff zu ›Enträumlichung‹ dar – und zwar
sowohl auf der Ebene tatsächlicher Mutationen
in der Realität wie auch auf der jetzt ins Auge gefassten Ebene kognitiver, also auch wissenschaftlicher oder theoretischer Behauptungen. Falls
sich Entmaterialisierungen oder Enträumlichungen irgendwo tatsächlich feststellen lassen, ist die
Rede von ihnen natürlich wissenschaftlich geboten. Es muss aber unterschieden werden, inwiefern sie sich materiell vollziehen oder etwa psychisch oder gar nur illusionär. Spricht man in solchen Fällen immer noch von schlechterdings
realen Vorgängen, dann werden ›Enträumlichung‹ oder ›Entmaterialisierung‹ zu bloßen Optionen – die allerdings immer noch der Rede wert
sind. Nicht nur weil sie kritisiert werden sollen,
sondern weil sie ihrerseits Realitäten bilden, die
wirksam sein können.
Hartmut Böhme (2009, 191) führt aus, dass
um 1800 das Verschwinden topologischer Wissensformen, wie sie im räumlichen Tableau-Denken der Naturgeschichte herrschten, eingesetzt
hat. Seine Aussage konvergiert mit Kosellecks
Annahmen von der ›Verzeitlichung‹ um 1800
und sie greift direkt auf Michel Foucaults (1926–
1984) Ausführungen in Die Ordnung der Dinge
zurück, wo für diesen Moment ein Paradigmenwechsel zu einer Wissensordnung angesetzt wird,
eben zur Wissensordnung der Moderne, die von
Leitbegriffen wie ›Leben‹, ›Wille‹, ›Produktion‹,
›Revolution‹ bestimmt wird (Foucault 1974,
307 ff.). Das bedeutet eine Dynamisierung, die
sogar bis zur Aufhebung der Geschichte führen
kann. Die Dimension der Räumlichkeit aber ist
reduziert, und erst im 20. Jahrhundert kommt es
zu ihrer neuerlichen Entfaltung, wie Foucault um
dieselbe Zeit in seinem berühmten Essay »Von
anderen Räumen« dargestellt hat. Nach Foucault
(2005) hängt die epistemische Zurückdrängung
III. Themen und Perspektiven
der Raumdimension zwar mit einem Vordrängen
der Geschichtsdimension zusammen. Sie muss
aber keineswegs zur Folge haben, dass das Verständnis und die Bearbeitung der Geschichte
sachlich und konsequent praktiziert werden. Im
19. Jahrhundert mündete die Geschichtsauffassung David Ricardos (1772–1823) − und in ähnlicher Weise auch die von Marx − in eine Stilllegung der Geschichte, auch wenn sie als deren
Vollendung gedacht wurde (Foucault 1974,
312 ff.).
Vor kurzem kam ein Schweizer Autor in einem
ganz anderen Kontext zu ähnlichen Ergebnissen:
Der Architekt Martin Boesch geht davon aus,
dass die Enträumlichung integrierender Bestandteil des Programms der Moderne ist, und zwar
nicht nur als deren Ziel, sondern auch als zentraler Teil ihrer Realisierungsstrategie. Dabei gehe
es um die Beseitigung aller Raumwiderstände,
seien es physische, administrative oder sozio-kulturelle Barrieren. Dies könne man als ›Ende der
Geographie‹ resümieren – und von da sei es nicht
weit zur ›Geographie ohne Raum‹, die Benno
Werlen vorgeschlagen hat (möglicherweise lässt
sich das von Handke auf die Bühne gebrachte
Raumvernichtungsprogramm von derartigen
Strategien her verstehen). Die Aufhebung der
Raumwiderstände ermögliche eine Beschleunigung derjenigen Prozesse, die den Fortschritt der
Moderne ausmachen. Kommen diese Prozesse an
ihr Ziel, erreichen sie die erwünschte Saturierung, und zwar programmgemäß flächendeckend, nähert sich der Fortschritt der Vollendung, so muss der Schwung seiner Bewegung
entweder in Stillstand oder in routinehafte Wiederholung auslaufen. Und deswegen – so Boesch
(1996, 2 ff.) – schließe sich hier das Schlagwort
vom ›Ende der Geschichte‹, das 1990 nach dem
Zusammenbruch des Ostblocks von dem amerikanischen Politologen Francis Fukuyama lanciert
worden ist, nahtlos an. Es würde sich ebenso gut
anfügen, wenn beispielsweise 1990 vom Ostblock
aus eine globale geopolitische Einheit hergestellt
worden wäre.
Alles dies – die vollständige Enträumlichung
der Erde oder deren Entgeographisierung wie
auch das Ende der Geschichte oder die Enthisto-
7. Technischer Raum: Enträumlichung
risierung der Welt – wird hier zunehmend konjunktivisch referiert, weil die Dinge nicht eindeutig in diese radikalen Konsequenzen hineintreiben. Es handelt sich um reale und sehr gemischte
Ereignismengen, um reale Tendenzen und Gegentendenzen, um reale Theoreme, um reale Illusionen. Insofern um Realitäten, die wissenschaftlich ernstgenommen werden dürfen. Wissenschaftshistorisch ist festzuhalten, dass der Begriff
der ›Enträumlichung‹ offensichtlich innerhalb
der Disziplin der Soziologie gebildet worden ist
und diese Tatsache ist durchaus geeignet, ein
Licht auf die Problematik dieses Begriffs zu werfen. Dieser setzt ja eine vorgängige Räumlichkeit
voraus, die irgendwie aufgehoben oder entkräftet
wird. Die vorgängige Räumlichkeit ist dem Gegenstand der Soziologie eigentlich fest eingeschrieben oder vielmehr eingezeichnet. Er besteht nämlich in der Verflechtung zwischen mindestens zwei simultan existierenden Menschen,
die ohne Raum nicht ›stattfinden‹ kann. Denn
»das Medium der Intersubjektivität ist«, wie der
Philosoph Helmuth Plessner (1892–1985)
schrieb, »Räumlichkeit« (Plessner 1980, 81).
Wenn nun seit den 1980er Jahren einige Soziologen den Begriff der Enträumlichung lanciert haben, so beriefen sie sich sehr wohl auf neuere
›Entwicklungen‹, in denen die Raumbestimmtheit und vor allem die Ortsbestimmtheit ihre Prägekraft fürs Soziale verlieren würden. Es ist jedoch zu bemerken, dass sich die Soziologie schon
in ihrer Entstehung im frühen 19. Jahrhundert
von den überlieferten politischen Wissenschaften
(deren Gegenstand massenhaft wirksame Entscheidungen über simultan existierende Menschen waren) dadurch abgesetzt hat, dass sie die
Koordinaten der Historie und der Geographie
zurückgedrängt hat. Sie zielt auf eine Lehre von
den Vergesellschaftungstypen, die sich im Raum
frei bewegen können, während die Zeit auf ein lineares Entwicklungsschema festgelegt wird.
›Entbettung‹ und Modernisierung
Im frühen 20. Jahrhundert, als die Soziologie ihren zweiten Gründungsschub erlebte, hat sich
Georg Simmel (1858–1918) sehr ausführlich mit
213
der Frage beschäftigt, welcher Zusammenhang
und welche Kausalität zwischen sozialen Tatsachen und räumlicher Ordnung besteht (s. Kap.
III.6). Simmel geht von gewissen Wesenszügen
der Räumlichkeit aus und stellt fest, dass im Zuge
sozialer Entwicklungen selbst räumliche Elemente, wie etwa Grenzen, mehr und mehr sozialen, ja ›seelischen‹ Charakter bekommen. Wenn
er schreibt, dass es für das »primitive Bewußtsein« charakteristisch sei, die »Zusammengehörigkeit des räumlich Getrennten und die Nichtzusammengehörigkeit des räumlich Nahen«
nicht realisieren zu können, dann korreliert er
mit ›Entwicklung‹ eine gewisse Entmachtung des
Raums (Simmel 1986, 233). Das gilt aber nicht in
allen Bereichen: Wenn die Hausnamen abgeschafft werden und durch Hausnummern ersetzt
werden, dann verlieren die Orte an qualitativem
Eigenleben – zugunsten des Raums, der linear
strukturiert wird.
Mithilfe des Begriffs der ›Entbettung‹ hat Anthony Giddens (1995, 30) Umstrukturierungen
der Räumlichkeit zu fassen gesucht, die sich weder durch ›Enträumlichung‹ noch durch ›Entortung‹ charakterisieren lassen (s. Kap. II.4). Es
handelt sich um Entkoppelungen von Raum und
Ort, die dazu führen, dass lokale Prozesse weniger oder nicht nur durch lokale Faktoren, sondern durch fern und gleichzeitig anwesende Kontexte gesteuert werden. Das heißt auch: Die Ferne
ist gar nicht abgeschafft, sie wird vielmehr auf
neue Weisen wirksam. Und andererseits wird die
Tendenz der Entbettung durch eine Umkehrbewegung, eine »Rückbettung«, zwar nicht aufgehoben aber kompliziert (ebd., 102). Daher meint
Giddens, lassen sich die Veränderungen besser so
zusammenfassen, dass man sagt, das »Gewebe
der Raumerfahrung insgesamt verändere sich«
(ebd., 175).
Die Veränderungen auf dem Niveau von
Räumlichkeit selber werden seit den 1980er Jahren noch expliziter als bei Georg Simmel als Folgen von Großbewegungen betrachtet, die genaugenommen politischen Charakter haben, der
aber von den Soziologen nicht gern bestätigt
wird. Es handelt sich um zwei weltweit wirksame
Veränderungen, oder vielleicht auch nur um eine,
214
für die es eine Bezeichnung aus dem Register der
Zeitlichkeit und eine Bezeichnung aus dem Register der Räumlichkeit gibt: Modernisierung
und Globalisierung. Selbst wenn mit beiden Ausdrücken dasselbe gemeint sein sollte, so wäre
doch der Begriff der ›Globalisierung‹ mit ›Enträumlichung‹ nur sehr bedingt vereinbar, denn
›Globalisierung‹ heißt zwar ›Entgrenzung‹, vielleicht ›Entortung‹, aber vor allem ›Raumausweitung‹. Der Begriff ›Modernisierung‹ hingegen
berührt die Raumdimension überhaupt nicht –
wohl aber impliziert er stillschweigend die Expansion einer qualitativ einheitlichen Transformation auf alle Räume und Orte. Von der ›Globalisierung‹ ist der Theorieansatz zu unterscheiden,
der die ›Globalität‹ zu seinem Hauptbegriff
macht. Ein Begriff, der die zeitliche Dynamik zurückstellt und entschieden die Räumlichkeit betont: die Endlichkeit eines Erdraums, in dem allerdings unterschiedliche und antagonistische
›Globalisierungen‹ möglich sind. Die Globalität
ermöglicht den clash der Globalisierungen.
Ein weiterer soziologischer Theorieansatz, die
Systemtheorie von Niklas Luhmann, unterläuft
alle genannten Raum- und Zeitkonzepte. Während die Modernisierungs- und die Globalisierungsbewegungen das Element des Nationalstaates als Ausgangsbasis brauchen, hat die ›Gesellschaft‹ der Systemtheorie nur über die Subsysteme
›Politik‹ und ›Recht‹ einen Bezug zu derartigen
räumlichen Einheiten. Ist sie funktional ausdifferenziert (und insofern ein Resultat von Evolution), so ist sie mit einem Schlag ›Weltgesellschaft‹ – und enthält wohl eine räumliche Dimension, aber keine räumlichen Grenzen.
Die vier neueren soziologischen Theorieansätze, die unter ›Modernisierung‹, ›Globalisierung‹, ›Globalität‹, ›Weltgesellschaft‹ gefasst werden, bilden den gemeinsamen Boden, auf dem
der Spezialbegriff ›Enträumlichung‹ mitsamt einigen Nachbarbegriffen geprägt worden ist. Er ist
zu einem wichtigen Element in der soziologischen Diskussion geworden, wofür außer den genannten Autoren auch noch Ulrich Beck und Arjun Appadurai (1998) namhaft gemacht werden
können. Bei Giddens, Beck und Appadurai dreht
sich die Diskussion bereits darum, dass die Ent-
III. Themen und Perspektiven
räumlichung, wenn sie denn eindeutig ausgemacht werden kann, längst mit Gegentendenzen
auskommen muss, die aber auch keine bloßen
Gegenbewegungen sind, sondern auf die Erzeugung neuartiger Orte, Räume, Raumtypen und
Räumlichkeiten hinauslaufen. Also besteht gute
Aussicht darauf, dass in der Soziologie, die den
wohlgeformten abstrakten Begriff ›Enträumlichung‹ hervorgebracht hat, fragwürdige theoretische Einstellungen wie »Raumblindheit« oder
»Raumvergessenheit« oder das Paradox einer
»raumlosen Soziologie« überwunden werden
können (Ahrens 2001, 16, 20 und 67).
Die habituell-mentale Version der Enträumlichung, die als ›Raumvergessenheit‹ bezeichnet
werden kann, ist vor allem dank der Wirkungen
der Globalisierung in die Krise geraten. Dies zeigt
sich schon in der Tatsache, dass Begriffe wie
›Raumvergessenheit‹, ›Raumblindheit‹, ›Raumindifferenz‹, auch ›Enträumlichung‹ erst seit kurzem in Umlauf sind. Derartige Begriffe sind bereits ›Angriffe‹ auf die von ihnen bezeichneten
Einstellungen, sofern diese hauptsächlich aus Unbewusstheit bestehen. Aber selbst wenn es sich
bei der Enträumlichung um eine sich deklarierende Programmatik handeln würde, würde das
Aufgreifen des Begriffs vonseiten neutraler bzw.
gegnerischer Beobachter an der Gesamtsituation
einiges ändern. Manche Begriffe, wie etwa ›Geographie ohne Raum‹ können schwerlich von allen affirmativ gebraucht werden.
7.3 Offene Fragen und Kontroversen
Zum Schluss soll an einem Beispiel aus der Philosophiegeschichte gezeigt werden, wie die Raumvergessenheit mit großer Selbstverständlichkeit
praktiziert wird, und dass sie sich gleichwohl als
unhaltbar herausstellt. − Wie erwähnt hat der
Historiker Marcus Sandl (2009, 159) seiner Disziplin »Gleichgültigkeit gegenüber dem Raum« bescheinigt. Eine Erklärung, die eigentlich Erstaunen auslösen sollte. Dass die Geschichtswissenschaft auf die Dimension der Zeit ausgerichtet ist
und sein muss, bedarf keiner Rechtfertigung.
Aber wenn sie, deren Gegenstand nicht bloß die
7. Technischer Raum: Enträumlichung
Vergangenheit überhaupt ist, sondern vornehmlich die Geschichte der Staaten und der Kriege,
der Entscheidungen über Bevölkerungen, über
räumliche und geographisch wirksame Phänomene, wenn sie die Raumdimension tatsächlich
geringschätzt, dann grenzt das schon an Verfehlen des Gegenstands. Und trotzdem, so erfahren
wir, macht sich die Geschichtswissenschaft erst
zu Beginn des 21. Jahrhunderts daran, die spezifische Räumlichkeit ihres Gegenstandsfeldes und
die spezifische Raumbezogenheit ihres Vorgehens zu bedenken.
Philosophiegeschichte und Geographie
Die Philosophiegeschichte, d. h. die Historiographie der Philosophie, befindet sich in einer gänzlich anderen Lage als die Geschichtswissenschaft.
Erstens ist ihr Gegenstand, also die Philosophie,
ein viel spezielleres Phänomen als die Geschichte,
die sich unmittelbar auf das Leben vieler Menschen auswirkt. Philosophie steht im Geruch einer Spezialistentätigkeit. Zweitens realisiert sie
sich in den Tätigkeitsformen des Denkens, Sprechens und Schreibens, also in sogenannten geistigen bzw. in medialen Tätigkeiten, und sie beschäftigt sich mit Fragestellungen, die nicht immer in die Dimensionen von Zeit und Raum
eingefangen sind; man sagt der Philosophie eine
Vorliebe für überzeitliche, überörtliche und immaterielle Realitäten nach; insofern wäre sie immer schon für gewisse ›Enträumlichungen‹ zuständig gewesen. Drittens ist sie auch ein – räumlich − rares Phänomen. Und gerade das verleiht
ihr einen engen Bezug zur (historischen) Geographie.
Nun ist von den Vorgangsweisen, von den Objektwahlen die Rede, die für die Philosophiegeschichtsschreibung ganz überwiegend immer
noch typisch ist. Sie setzt, da sie eine Spezialgeschichte ist, in einer bestimmten Zeitphase ein
und muss gleichzeitig geographische Koordinaten angeben. Denn die ›Erfindung‹ von Philosophie war, jedenfalls unter diesem Namen, ein Ereignis. Und nicht etwa eine Evolutionsstufe, die
in menschlichen Populationen überall, wo es sie
gab, irgendwann erreicht wurde. Die geographi-
215
sche Koordinate, die für die Entstehung der Philosophie eingesetzt wird, bezeichnet erstens einen größeren Raum, der ethnisch bzw. linguistisch als ›griechisch‹ bezeichnet wird. Im 6.
Jahrhundert v. Chr., so wird die Zeitstufe angegeben, war der griechische Raum ziemlich weit auseinandergezogen: Er erstreckte sich vom eigentlichen Griechenland weg nach Westen bis (mindestens) nach Unteritalien und Sizilien und nach
Osten über alle Inseln bis Zypern, an den Küsten
Kleinasiens entlang bis hin zum Schwarzen Meer.
Also ein sehr großer Raum, aber kein riesiges
kontinentales Territorium, sondern eigentlich
nur ein Meer mit vielen Halbinseln, Inseln und
Küstenstrichen. Für den allerersten Philosophen,
Thales (ca. 624 – ca. 546 v. Chr.), wird die Stadt
Milet genannt, und mit seinen ersten Nachfolgern bildet er die Gruppe der ionischen Naturphilosophen, wobei mit ›ionisch‹ in diesem Fall
die griechisch besiedelte Westküste von Kleinasien gemeint ist.
Die weitere Philosophiegeschichte ist bekannt,
und daher ist auch bekannt, dass sie von Anfang
an auch als Philosophiegeographie überliefert
und geschrieben worden ist: Weitere Philosophen
in Unteritalien, in Sizilien, im eigentlichen Griechenland usw. Der gesamte Anfang der Philosophie war ein rein griechischer und die Philosophiegeschichte operiert von Anfang an mit makrogeographischen Begriffen, auch wenn diese
linguistischen, kulturellen oder politischen Bezeichnungen entstammen: hellenistisch, römisch
(eine politische Bezeichnung, die ihrerseits von
einem Ortsnamen abstammt). Die Geschichte
der Philosophie – immer noch im Rahmen einer
Historiographie der Philosophie, wie sie sich im
19. Jahrhundert etabliert hat – hält sich in ihrer
geographischen Dimension an das Römische
Reich, verengt sich aber ab dem 5. Jahrhundert
auf das Westreich, das damals untergegangen ist
und von der Völkerwanderung überflutet worden
ist und später von den ersten Staatenbildungen
der Germanen abgelöst wird. Die Philosophiegeschichtsschreibung fixiert sich auf den geographischen Raum, der heute Westeuropa genannt
wird und der damals der Raum der Latinität war
– also ein sprachlich bestimmter Raum, dessen
216
Sprache allerdings eine reine Elitensprache und
keine Volkssprache war. Arabisch und hebräisch
schreibende Philosophen werden ebenfalls einbezogen, teils weil sie im selben Raum gewirkt
haben, teils weil sie mit den lateinischen Philosophen in der Tradierung und Auslegung der ersten
Philosophen, also der griechischen, kooperierten
bzw. konkurrierten (Gouguenheim 2008).
All das macht in der Philosophiegeschichte
das Kapitel ›Mittelalterliche Philosophie‹ aus. Bereits diese Bezeichnung sollte uns stutzig machen: Sie ist vollkommen enträumlicht, jedenfalls
entgeographisiert. Es handelt sich um eine rein
zeitliche Bestimmung, die von drei aufeinanderfolgenden Stadien ausgeht, von denen das mittlere das zweite ist, das nur vom dritten aus, vom
fortgeschrittensten Stadium aus, also nachträglich, als mittleres benannt wird. In diesem Fall ist
das mittlere Zeitalter auch noch als Dekadenzepoche, als dunkle Zwischenzeit, konnotiert.
Also wirkt in dieser Benennung bereits die ›Verzeitlichung‹, die Koselleck gemeint hat, und die
jede Räumlichkeit, jedes räumliche Anderswo
vergisst oder vielmehr verleugnet. Die Geographieverleugnung, die in diesem unserem Mittelalter-Begriff impliziert ist, hat aber dann auch
noch einen kleinen und ganz konkreten Effekt, es
ist nur ein Nebeneffekt, und zwar die Ausschließung eines Neben, das der lateinischen bzw. westeuropäischen Philosophie des Mittelalters eigentlich noch näher sein müsste als die schon genannten und immerhin zugelassenen arabischen
und hebräischen Philosophielinien im Mittelalter. Es gab nämlich im Mittelalter, neben der lateinischen, noch eine andere Philosophielinie,
will sagen: einen Philosophieraum, in dem ebenfalls vom griechischen Ursprung der Philosophie
aus philosophiert worden ist. Allerdings in griechischer Sprache, in genau derselben Sprache, in
der Aristoteles, Mark Aurel oder Plotin geschrieben haben. Genannt seien zwei Philosophen, die
im ›Mittelalter‹ der Philosophiegeschichte bis
heute keinen Platz finden, und zwar nur aus geographischen Gründen – weil sie im nachträglich
›byzantinisch‹ genannten Reich gelebt und damit
nicht zu der Raumzone gehört haben, welche die
Philosophiegeschichte für das ›Mittelalter‹ als
III. Themen und Perspektiven
maßgebliche definiert hat, obwohl sie die geographische Dimension eben für dieses Mittelalter
gar nicht deklariert: Michael Psellos (1017–1078),
der in Konstantinopel gelebt und gelehrt hat, und
Georgios Gemistos Plethon (1355–1452), der in
Südgriechenland gewirkt hat. Bei diesem kommt
noch eine kleine Komplikation dazu, welche die
festgestellte unbewusste Raumeinschränkung
nur scheinbar relativiert: Plethon wird in den
Philosophiegeschichten manchmal eine Fußnote
eingeräumt, aber nur, weil er sich kurze Zeit in
Italien aufgehalten und dort zur Entstehung der
Renaissancephilosophie beigetragen hat. Indem
man ihn ausschaltet, erspart man sich auch die
Erkenntnis, dass er als Philosoph eine traditionelle ›philosophische Raumabwertung‹ überwunden hat: Da er die rationalistische Wahrheitsauffassung durch eine konsensuale ergänzt
hat, hat er die Erkundung und Vergleichung der
Weisheiten aller Völker und deswegen auch die
geographische Forschung für notwendig gehalten (Seitter 2006, 88 ff.).
Diejenigen, die auf die Einbettung der Philosophie in die Raumkoordinaten aufmerksam gemacht haben, sind Deleuze und Guattari, welche
die »Deterritorialisierung« wie auch die »Reterritorialisierung« erfunden haben (Deleuze/Guattari 1977, 332). Sie gehen auf den griechischen
Ursprung des Philosophierens ein, sie überfliegen das lateinische Mittelalter, und stellen dann
die Frage, wie und wieso sich das Philosophieren
in der Frühen Neuzeit ›nationalisiert‹ und in
diesem Sinn ›reterritorialisiert‹ hat (Deleuze/
Guattari 1996, 97–131). Es geht darum, in der
Philosophiegeschichte einen extremen Fall von
notwendigem Geographiegebrauch und gleichzeitiger Geographievergessenheit vorzuführen.
Dass so eine in sich widersprüchliche Verhaltensweise langsam erkannt und wohl auch überwunden wird, liegt hauptsächlich an der sogenannten
›Globalisierung‹, die sich eben auch gegen ›Enträumlichung‹ auswirkt: Sie lässt nicht mehr zu,
dass man Europa oder gar Westeuropa mit der
Welt verwechselt. Und man sieht es an verschiedenen Publikationen, die so etwas wie die Geographie der Philosophie denkbar machen (Günzel 2001; Wimmer 2003 und 2004; Holenstein
7. Technischer Raum: Enträumlichung
2004). Analog dazu wird es nun auch unvermeidlich, dass in die Geschichte der Kunst oder der Literatur die jeweilige Geographiedimension eingebaut wird: Geographie der Kunst, Geographie
der Literatur. Wenn die Enträumlichung im Sinne
einer Geographievergessenheit erkannt und
überwunden wird, schlägt dies gewiss nicht zuungunsten der Geschichte aus. Ein derartiges
Nullsummenspiel zwischen Historie und Geographie gibt es nicht. Werden räumliche Weite
und lokale Heterogenitäten wissenschaftlich
ernstgenommen, gewinnt die ›Historie‹ eben dadurch Einsatzflächen und -punkte, an denen sie
in die Vergangenheitsdimension vorstoßen kann
(s. Kap. III.1). Mehr Raum, mehr Orte: mehr Geschichten.
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Walter Seitter
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