Artikel im Baumeister B10 / Oktober 2010

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Baumeister Zeitschrift für Architektur 107. Jahrgang
Oktober 2010
Baumeister
B10
4 194673 015006
10
D
15 EUR
A, L 17 EUR
CH 23 SFR
Fortsetzung
folgt
Anbauten und Dranbauten,
Erweiterungen und Erfindungen:
Architektur endet nie.
Fünf Beispiele aus Österreich,
Schweden und Deutschland
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Baumeister B10 2010
Das Wunder von Münster
Bibliothek auf dem Leonardo-Campus in Münster
Planungsgemeinschaft Zauberscho(e)n
mit Bühler und Bühler Architekten
Als Gegenmodell zu einem behördlichen Vorschlag ist dieser
Anbau an die FH-Bibliothek entstanden. Er könnte Mut für weitere
interdisziplinäre Kooperationen machen, und er zeigt, dass
Studenten nicht nur für den Papierkorb entwerfen müssen.
von Frank R. Werner
Baumeister B10 2010
Bibliothek auf dem Leonardo-Campus in Münster
Die neue Bibliothek aus Glas strahlt in der Nacht vor dem
historischen Backsteingebäude, das früher als Reitstall genutzt
wurde. Die Büchersammlung fällt sofort ins Auge – dem
Lernen steht nichts mehr im Weg.
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N
ur wer um die sprichwörtlichen Qualitäten
jener grundsoliden aber selten wirklich anmutigen Bauten weiß, welche der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) für die Hochschulen
des Landes NRW in Eigenregie errichtet, nur
der wird das kleine Wunder so richtig begreifen
können, das seit geraumer Zeit auf dem
Leonardo-Campus der westfälischen Stadt Münster zu
bestaunen ist.
Unerwartete Praxisnähe:
Studierende und Lehrende kooperieren
Bei der Bebauung des weitläufigen Leonardo-Areals, auf
dem die Fachhochschule Münster mit den Studiengängen
Architektur und Design sowie die Kunstakademie Münster
untergebracht sind, handelt es sich überwiegend um denkmalgeschützte Kürassierkasernen und Stallungen aus dem
Jahre 1901, ergänzt durch ein neueres Kunstakademiegebäude (von Günther Domenig) sowie einen Neubau für die
Designer. Die zentrale Bibliothek für alle Fachbereiche ist
im Inneren des Campusareals in einem der alten Marstallgebäude untergebracht und bedurfte dringend einer Erweiterung. Dafür legte der BLB einen schlichten Vorentwurf vor,
der die Bibliothekserweiterung hinter der jetzigen Bibliothek
versteckt hätte. Dies erregte bei einigen Architekturstudenten der Gruppe „Zauberscho(e)n“ im Masterkurs von Prof.
Herbert Bühler heftigen Widerspruch. Woraus ein Gegenentwurf entstand, der den neuen Bibliothekstrakt als regelrechtes Schauobjekt mitten ins Zentrum des Campus rückte.
Es blieb jedoch nicht beim Vorschlag. Als Gemeinschaftsprojekt von Studierenden und Lehrenden konnte der Entwurf im Rahmen der vorgegebenen Budgetierung und wachsam vom BLB beäugt auch tatsächlich realisiert werden.
Damit war das Wunder von Münster perfekt.
Farbenlehre in einer leuchtenden Büchervitrine
Die Idee der Arbeitsgruppe „Zauberscho(e)n“ mit
Andreas Schüring und Stephan Weber (und Mathias Horstmann in der Entwurfsphase) bestand darin, die neuen Bücherregale vor den alten Pferdestall mit der bestehenden
Bibliothek zu stellen, dreiseitig umrahmt von einer raumhoch durchlaufenden, nur durch Glasschwerter ausgesteiften Glasfassade. Das dicke, von einer Firma gesponserte
Spezialglas ist nicht grünlich, sondern klar und damit be-
Eine Verbindung von Alt und Neu wie bei einer „promenade
architecturale“: das schwarze, skulpturale Treppenelement ist vor
der Backsteinwand geschickt in Szene gesetzt. Rechte Seite: Ein
Vorhang trennt den Gruppenarbeitstisch vom restlichen Raum ab.
sonders transparent. Bei Tag spiegelt sich das Grün der
Bäume in den Fassaden, bei Nacht präsentiert sich die neue
Bibliothek hingegen wie eine illuminierte Vitrine als regelrechter Eyecatcher und Fokus des gesamten Campus.
Der lange Bibliotheksraum ist unterteilt in drei Zonen.
Im vorderen Bereich gibt es zur Schmalseite hin Leseplätze
und an der Längsseite drei leicht schräg gestellte, abgetrennte Kabinen zur ungestörten Lektüre. Es folgen die langen Reihen mit Bücherregalen. Neusachliche, an den Regalen befestigte Industrieleuchten aus Frankreich sorgen für
eine ephemere horizontale Ebene aus Licht. Vor der hinteren Stirnwand steht ein ovaler Tisch für Gruppenarbeit
und Präsentationen. Durch einen oval um den Tisch herum
geführten Akustikvorhang kann der Raum hier flexibel und
organisch für eine „Denkzone“ abgetrennt bzw. geöffnet
werden. Außen ist der Vorhang bedruckt mit einem digital
generierten Motiv aus Rafaels Gemälde „Schule der Philosophen“.
Gottfried Sempers Feststellung, der zu Folge Farben
weniger schreiend wirken als blendendes Weiß, wurde der
Raum in Anlehnung an Corbusiers „Polychromie architecturale“ farbig gefasst. So entsteht ein delikates Zusammenspiel von grüner Decke, weißen Stützen und schwarzem
Fußboden mit dem roten Ziegelton der angrenzenden Backsteinbauten und der jahreszeitbedingten Farbigkeit der
Bäume.
Im Dialog mit dem denkmalgeschützten Reitstall
Der wie ein Flügel ausgebildete Dachkörper aus Stahl
ruht auf drei auffällig dekonstruierten, kastenförmig verschweißten Stahlstützen. Ihre eingefrorene Dynamik wurde
digital abgeleitet aus den Bewegungsstudien eines Reiters
von Eadweard Muybridge aus dem Jahre 1878; eine Reverenz vor dem Genius loci des angrenzenden ehemaligen
Reitstalls. Zwischen dem Dach der neuen Bibliothek und
dem alten Reitstall für die bereits vorhandene Bibliothek
wurde eine von farbig lackierten Stahlprofilen eingefasste
Lichtfuge installiert. Diese setzt die historische Stallwand inklusive der vielen auffälligen Ringe zum Anleinen der Pferde
theatralisch ins rechte Licht. Automatisch gesteuerte Lüftungsklappen am Fuß der Glaswände lassen Frischluft in die
Bibliothek eintreten, welche über dieser Glasfuge oben entweichen kann. So ist für eine natürliche Be- und Entlüftung
gesorgt. Ebenso präzise wie geschickt inszenierte Durchgänge in die Bibliotheksräume des denkmalgeschützten
alten Marstalls sowie skulpturale, in die alte Backsteinfassade eingehängte Treppen verbinden Alt und Neu nach Art
einer „promenade architecturale“.
Außen wurde an der Traufe des Daches auf Fallrohre
verzichtet. Was bei Münsters sprichwörtlichem Regenreichtum verblüfft. Das bei Schlechtwetter wie ein transparenter
Schleier herabfallende Regenwasser wird jedoch in einem
Graben gesammelt und ökologisch abgeleitet. Vor dem Graben steht als Kunstinstallation ein hoher Mast, der sich bei
näherer Betrachtung als Blitzableiter entpuppt.
Mithin hat das junge Team von „Zauberscho(e)n“, unterstützt von seinem Mentor Herbert Bühler, tatsächlich ein
kleines Kabinettstück zuwege gebracht. Denn sein aus Protest heraus geborenes Low-Budget-Projekt ist zum Dreh- und
Angelpunkt, zur sprichwörtlichen Corporate Identity einer
ganzen Hochschule geworden. Das ist für einen Erstling
wahrhaftig ein unglaublicher Mehrwert, der zur Nachahmung anregen sollte. Münster ist mit diesem „kleinen Wunder“ um eine wesentliche architektonische Attraktion reicher geworden. ●
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Bibliothek auf dem Leonardo-Campus in Münster
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Gottfried Sempers Feststellung, der
zu Folge Farben weniger schreiend
wirken als blendendes Weiß,
wurde der Raum in Anlehnung
an Corbusiers „Polychromie architecturale“ farbig gefasst.
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Bibliothek auf dem Leonardo-Campus in Münster
Zwischen rotem Ziegel, schwarzem Fußboden, grüner Decke
und der Glasfassade des Neubaus finden die Studenten Lese- und
Gruppenarbeitsplätze.
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Zur Baukonstruktion
Der Dachträgerrost der Bibliothekserweiterung, der auf drei
modellierten Stahlstützen aufliegt, ist mit Trapezblech gedeckt. Die Computer-generierten Stahlstützen sind aus lasergeschnittenen 1,5 cm starken Stahlblechen mit polierten
Schweißnähten gefertigt. Windlasten der Fassade werden
mit Stahlstreben in das Bestandsmauerwerk geleitet.
Insgesamt 25 festverglaste Scheiben bilden die hochtransparente Fassade aus Weißglas. Sie ist als StructuralGlazing ausgeführt. Vertikal wird die Fassade lediglich
durch transparente Glasschwerter ausgesteift. Sie nehmen
die Windlasten auf und sind auf der Längsseite des Gebäudes außenliegend, auf den Stirnseiten raumseitig montiert.
Am Schnittpunkt mit der historischen Altbauwand ist das
Backsteinmauerwerk eingeschlitzt, die letzte Scheibe sowie
die Fluchttür sind darin fixiert.
Eine Lichtfuge aus einer Stahl-Pfosten-Riegel-Verglasung trennt Neubau vom Bestand. Lamellenfenster sorgen
zusammen mit den Lüftungsklappen unter der Fassade für
die Luftzirkulation und ein angenehmes Raumklima. Sie
dienen der natürlichen Entrauchung im Brandfall. Im Bereich der Studiercarrels befinden sich manuell zu öffnende,
vertikale Lüftungsklappen. Entwässert wird über eine offene
Traufe an der gesamten Längsseite. Eine Rigole vor dem Gebäude sammelt das Regenwasser, das zur Bewässerung des
Geländes genutzt wird. ●
Fassadenschnitt M 1 : 50
1 Dachaufbau:
Dachabdichtungsbahn
Gefälledämmung
Zwischendämmlage
Dampfsperre
Trapezblech
Stahlprofil
Direktabhänger
Gipskarton Unterdecke
2 Dachrand Aufbau:
Sekundärtragwerk Quadratrohr-Stahl
Furnierschichtholz
Verbundblech mit Tropfnase
Zementbauplatte
Lochblech Insektenschutz
3 Stütze
4 thermische Trennung Stahlbau/Fassadenbau,
dazwischen Wärmedämmung
5 Glasschwert
6 Fassadenkragarm unten (Stahlblech)
Anschweißplatte Fassadenkragarm, einbetoniert
7 Bodenaufbau:
Linoleum
Zementestrich, integrierte Flächenheizung
Trennlage
Wärmedämmung
Feuchtigkeitssperre
Stahlbeton-Sohlplatte
Sauberkeitsschicht
Andreas Schüring
1
2
4
3
5
Neben einfachster Materialwahl sind die ungewöhnlich geformten Stützen und das flügelartige Dach ein Blickfang auf dem
Leonardo-Campus in Münster.
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HST-M12/20
HST-M12/20
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Bibliothek auf dem Leonardo-Campus in Münster
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Bauherr: Land Nordrhein-Westfalen
Nutzer: Fachhochschule Münster,
Kunstakademie Münster
Architekten: Bühler und Bühler Architekten,
Prof. Prof. h.c. Herbert Bühler, München
www.buehler-buehler.de
Planungsgemeinschaft Zauberscho(e)n, Münster
www.zauberschon.eu
Team Entwurf: Mathias Horstmann,
Andreas Schüring, Stephan Weber
Team Ausführung:
Andreas Schüring, Stephan Weber
Tragwerksplaner: Ingenieurgemeinschaft Führer
Kosch Jürges, Aachen
Generalunternehmer:
Averbeck Bau GmbH, Ostbevern
Stahlbau: Bentheimer Stahl und Hallenbau,
Bad Bentheim
Fassadenplaner: Josef Gartner GmbH, Gundelfingen
Fertigstellung: April 2010
Standort: Leonardo Campus, Münster
Fotos:
Roland Borgmann, Münster
Der britische Fotograf Eadweard Muybridge wurde bekannt durch
seine Reihenfotografien zum menschlichen und tierischen Bewegungsablauf. 1878 entstand die Studie zum Galopp eines Reiters.
Lageplan M 1 : 10 000
Schnitt M 1 : 250
Grundriss M 1 : 500
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