BR-ONLINE | Das Online-Angebot des Bayerischen Rundfunks Sendung vom 23.04.2001 Stephan Barbarino Intendant Musical Theater Neuschwanstein im Gespräch mit Christian Mößner Mößner: Barbarino: Mößner: Barbarino: Mößner: Barbarino: Mößner: Barbarino: Verehrte Zuschauer, herzlich willkommen zu Alpha-Forum. Unser heutiger Gast ist ein echter Bayer des Jahres 2000 und zugleich Intendant des Musicals "Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies": Stefan Barbarino. Ich begrüße Sie, Herr Barbarino. Grüß Gott. Der Titel "Bayer des Jahres" wurde ihnen im letzten Jahr verliehen. Ehrt Sie so eine Auszeichnung eigentlich? Ja, selbstverständlich, denn wenn man als Bayer etwas macht, das ganz Bayern ans Herz geht, dann ist das schon eine tolle Geschichte. Aus diesem Grund ist so ein Titel einfach toll. Als Auszeichnung für mich selbst gilt das sowieso, denn ich habe mir ja meine Theatersporen überall anders verdient, nur nicht in Bayern. Jetzt habe ich praktisch das erste Mal in Bayern gearbeitet und das hat gleich funktioniert. Ihr Musical feiert Anfang April 2001 sozusagen das einjährige Jubiläum. Welche Bilanz würden Sie denn jetzt in der Rückschau ziehen? Es war ja sicher auch für Sie eine sehr spannende Zeit, dieses große Projekt vorzubereiten. Wie schaut also eine erste Bilanz aus? Erstens freut man sich natürlich bei der Premiere und kurz nach der Premiere, wenn man merkt, dass es ankommt: Es funktioniert, was man gemacht hat, inszeniert hat, geschrieben und gearbeitet hat mit dem Team und mit dem Komponisten Franz Hummel und dem Bühnenbildner Heinz Hauser. Das Team hat ganz einfach etwas abgeliefert, was beim Publikum ankommt. Da fragt man sich dann natürlich, warum es ankommt und ob es bei der Kritik auch ankommt. Aber auch da wurden wir ja sehr gelobt. Jetzt über das Jahr hinweg hat nun auch die Mundpropaganda so richtig eingesetzt: nicht nur in Bayern, sondern auch in ganz Deutschland. In der Zwischenzeit hatten wir nämlich schon den 350000 Besucher: Dass wir das in neun Monaten geschafft haben, ist schon eine hervorragende Bilanz. Deshalb kann man sich jetzt mehr darauf konzentrieren, das alles in geregelte Besucherbahnen zu leiten, also den Vertrieb, das Marketing usw. so zu organisieren, dass wir auch ein internationaleres Publikum bekommen. Wir haben uns im Vorgespräch auch über diese Bezeichnung "Musical" unterhalten. Sie meinten da, dass das eigentlich gar nicht die richtige Bezeichnung sei für dieses Projekt. Wieso können Sie in dem Fall mit dem Genre "Musical" nicht so viel anfangen? Weil alle, die da mitgemacht haben, eigentlich aus einem ganz anderen Bereich kommen. Alle kommen vom Theater, vom so genannten subventionierten und ernsten Theater, und eben nicht aus der Unterhaltungs-, aus der Musicalbranche. Diese so genannte Musicalbranche hat ja auch deshalb einen so schlechten Ruf bekommen, Mößner: Einblendung: Barbarino: Mößner: Barbarino: weil es dabei immer mehr darum ging, quasi in einem Immobilienverein Immobilien zu vermakeln, als Stücke auf die Bühne zu stellen, die wirklich interessant sind. Natürlich war es prima, "Cats" nach Hamburg zu bringen und es dort 13 Jahre lang zu spielen: Das fand ich eine ganz großartige Geschichte. Aber auch durch diesen dauernden Import wurde in dieser Branche doch recht wenig Neues gemacht: Die Musicals, die man in New York oder in London sehen konnte, wurden dann eben auch bei uns gezeigt. Wir dagegen haben etwas ganz Neues gemacht. Wir haben praktisch etwas Neues entwickelt: Ich hatte damals zu Franz Hummel, dem Komponisten, gesagt, wir müssten uns etwas ausdenken, von dem niemand mehr weiß, ob es U- oder E-Musik ist, ob es in der Unterhaltungsoder in der Ernsten Musik angesiedelt ist. Es gibt im Übrigen nur in Deutschland diese Unterscheidung: Auf der ganzen Welt gibt es nur gute und schlechte Musik, allein in Deutschland gibt es zusätzlich noch die Unterscheidung in U- und E-Musik. Wir haben gesagt, dass wir uns genau auf diese Spalte setzen wollen. Das ist uns auch gelungen. Denn in der Zwischenzeit kann man gar nicht mehr genau sagen, wohin unser Stück gehört. Nehmen Sie z. B. die GEMA: Auch bei der GEMA wusste man nicht, in welchen Bereich wir gehören. Es kamen zwölf Mann von der GEMA angereist, um sich das vor Ort anzuschauen und sich zu entscheiden. Sie haben dabei genau darauf aufgepasst, ob es denn symphonische oder gehobene Unterhaltung sei. Da auch eine Blaskapelle spielt bei uns, sind wir nun der gehobenen Unterhaltung zugeschlagen worden. Wir sind also gerade noch so in der Unterhaltung drin, aber eigentlich sind wir schon auch ganz ernst und deswegen in der Ernsten Musik beheimatet. Man könnte ja auch sagen, dass das eine ernste Operette geworden ist, wenn man vom alten Genre der Operette ausgeht. Die Operette ist eben normalerweise lustig, aber in diesem Fall bei diesem Thema, also bei Ludwig II., wäre es natürlich sehr schwierig, das rein ins Lustige zu verlegen. Georg Ringswandl hat das in München ja auch gemacht, indem er das Ganze mehr in Richtung Persiflage und Satire verlagert hat. Wir dagegen haben uns mit der ganzen Situation in Füssen doch sehr ernsthaft befasst. Deshalb haben wir ja auch diesen Originalschauplatz gewählt, sodass es bei uns eben so ist, dass man am Schluss, wenn die Tür aufgeht, das echte Schloss Neuschwanstein sehen kann. Das beeinflusst natürlich die ganze Aufführung sehr wohl. Vielleicht schauen wir uns einen kleinen Ausschnitt an, denn es gibt ja viele Menschen, die noch nicht nach Füssen gekommen sind, um sich Ihr Musical anzusehen. Vielleicht könnten Sie diese Filmeinblendung auch ein wenig kommentieren. Lied der Kaiserin Sissi: "Es schluchzt meine Seele, sie jauchzt und sie weint..." Ja, das ist eine Szene, in der ich der Kaiserin von Österreich ihren eigenen Text – er ist aus einem Gedicht von ihr - in den Mund gelegt habe. Sie hatte ja mit dem König auch tatsächlich Gedichte ausgetauscht. Das habe ich eben zum Anlass genommen, um ihr ein eigenes Gedicht in den Mund zu legen und ein Lied daraus zu machen. Wie schwer war es eigentlich, diese Schauspieler alle zu finden? Sie mussten die großen Rollen ja mehrfach besetzen, weil die Schauspieler ja die ganze Woche durchspielen. Ja, wir sind beim König fünfmal besetzt. Auch die anderen Rollen sind mindestens dreimal besetzt. In der Zwischenzeit tun wir uns da ein wenig leichter, weil wir nun doch bereits neun Monate spielen – einschließlich der Proben ist es sogar ein ganzes Jahr. Deshalb haben wir auch schon manche Rollen wieder neu besetzt. Das heißt, wir hatten in der Besetzung z. T. einen Wechsel. Aus diesem Grund haben wir nun auch Leute, auf die wir mal zurückgreifen können, wenn solche Krankheitsepidemien Mößner: Barbarino: ausbrechen, wie das im letzten Winter der Fall war. Da bekamen alle die Grippe und von 48 Leuten im Ensemble waren 18 krank. Da wird es dann schon schwierig: Da wird es dann sogar bei dreifacher Besetzung etwas eng. Aber auch das hat irgendwie funktioniert. Sie haben dieses Musical ja über mehrere Jahre hinweg geplant und sicherlich auch mit vielen Kollegen darüber gesprochen, ob so etwas überhaupt funktionieren kann. Gab es im Vorfeld auch mal Situationen, in denen Sie gesagt haben: „Dieses Ding wird mir zu groß, das ist eine Dimension, die mir über den Kopf wächst"? Es kam ja noch hinzu, dass Sie das von jeher vor dieser Traumkulisse geplant hatten und es dabei um eine Person geht, die wie keine andere in die bayerischen Geschichte eingegangen ist. Da war die Erwartungshaltung Ihnen gegenüber doch sehr, sehr groß. Kam da mal der Moment, in dem Sie gedacht haben, dass Ihnen das alles über den Kopf wächst? Genauso wenig wie der König bei seinen Schlössern über so etwas nachgedacht hat, habe ich darüber nachgedacht. Jetzt ist das natürlich anders, wenn man sich im Rückblick ansieht, was man da eigentlich gemacht hat: Da wirken diese fünf Jahre Vorbereitung oder Aufbereitung bis zur Premiere wie ein einziges komprimiertes Stück. Während dieser fünf Jahre habe ich aber ausschließlich an die Umsetzung und an die Realisierung dieses Projekts gedacht. Es ging mir dabei z. T. auch viel zu langsam, wenn ich meinetwegen auf einen Termin beim Landratsamt warten musste usw. Man muss aber sagen, dass diese Leute alle toll mitgearbeitet haben: Es ist im Nachhinein schon erstaunlich, wie schnell es dann doch ging. Wir hatten nur eine siebzehnmonatige Bauzeit. Aufgrund der Tatsache, dass meine Frau als Architektin dieses Haus gebaut hat, war natürlich auch eine Ausgangsbasis vorhanden, die man ansonsten selten hat. Sie dachte nämlich schon auch mal eine Zeit lang, ihre architektonische Karriere wäre mit der Graphik und den Programmheften in den Hamburger Kammerspielen zu Ende gegangen. Damals hatten wir halt überhaupt noch nicht daran gedacht, ein Theater zu bauen. In der Zwischenzeit hatte sie als Architektin aber schon ein anderes Theater gebaut und sich großes Wissen über den Theaterbau angeeignet. Ich musste Ihr daher nicht mehr viel erzählen und wir konnten uns auf ganz andere Sachen konzentrieren. Aus diesem Grund hatten wir halt schon bei der Planung und in der Konzeption einen großen Vorsprung. Das heißt, wir konnten mit etwas antreten, das in der Vorstellung schon sehr konkret ausgearbeitet war. Die Vorstellung, wie das Theater auszuschauen hat, was auf der Bühne stattzufinden hat, wie die Bühnenbilder aussehen müssen, wie die Musik zu sein hat, ist eben nebenbei mitgewachsen. Das heißt, wir haben eigentlich um die Bühnenbilder und um die Musik herum ein Hülle gebaut. Denn diese beiden Dinge waren immer die ersten, die feststanden: das, was auf der Bühne stattfindet, also die Kunst. Davon ging immer alles aus. Wir haben dann alle Ideen, die es z. B. in Büchern über Ludwig II. gibt, in einen großen Topf hineingetan: Danach haben wir kräftig umgerührt und daraus dann unsere ganz eigene Königswelt gemacht. Diese Welt hat sehr wohl mit der Originalwelt zu tun, aber bei uns siegt dann eben doch manchmal die theatralische Wahrheit über die historische, wie ich gestehen muss. Denn manchmal ist es im Sinne der historischen Wahrheit ganz einfach zu kompliziert, diese 20 Jahre darzustellen. Deshalb kommt bei uns auch der Bismarck im Schloss Neuschwanstein auf die Bühne: In der Wirklichkeit hat das nie stattgefunden, für das Stück und dessen Dramatik ist das jedoch sehr wichtig: Bismarck ist eine wunderbare Theaterfigur, wenn er bei uns auftritt. Ich weiß freilich, dass das historisch nicht korrekt ist. Es ist nicht so, dass ich manche Dinge nicht wüsste, es ist nur so, dass man bestimmte Dinge im Sinne des Theaters ganz einfach anders behandeln muss, wenn man ein Stück daraus macht. So ist dann eben alles aus diesem Umfeld Ludwigs vom Komponisten und vom Bühnenbildner transformiert und neu Mößner: Barbarino: bearbeitet worden. Das, was dabei entstanden ist, ist eine ganz eigene Ludwig-Welt. Dass der Zuschauerraum bei uns eine große Ähnlichkeit mit Bayreuth hat, ist kein Zufall, und es ist auch kein Zufall, dass wir 150 Meter Glasfassade mit Blick über den Forggensee auf die Schlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau haben. Unsere Einbauten im Haus, die Vitrinen, das Museum: Das sind alles Dinge, die mit der Idee und dem Inhalt dieses Stücks zusammenhängen. Man kann da also mit Fug und Recht behaupten, dass bei uns der Inhalt immer die Form bestimmt hat. Das ist eben auch etwas, das uns sehr wohl von anderen MusicalBetreibern unterscheidet: Wir stellen keine Immobilienspekulation dar. Ich konnte vielmehr jedem, mit dem ich über das Projekt gesprochen habe, immer genau erzählen, was ich eigentlich meine. Ich konnte genau sagen, was ich vor habe, weil ich wirklich eine ganz feste Vorstellung davon hatte: auch von dem, was auf der Bühne stattfinden muss und wie das alles um die Bühne herum ablaufen muss. Diese Produzententätigkeit zusammen mit den richtigen Leuten, die man sich dann dazuholt - sei es im künstlerischen, im architektonischen wie auch im Finanzbereich –, hat diese Sache über die fünf Jahre hinweg stetig weiterwachsen lassen. Natürlich gab es auch Einbrüche, bei denen man sich gesagt hat, "jetzt schmeiß' ich gleich alles hin!". Aber das waren eher Dinge, die mit dem Landschaftsschutz usw. zu tun hatten. Es war schon äußert schwierig, den richtigen Standort für den Bau zu finden, von dem aus man einen Blick auf die Schlösser hat und der trotzdem nicht in einem Landschaftsschutzgebiet steht. Den richtigen Platz habe ich dann endlich mit dem ehemaligen Kreisbaumeister von dort gefunden. Er war Interims-Stadtbaumeister in Füssen. Er kam jede Woche für zwei Stunden und in diesen zwei Stunden war ich dann immer bei ihm. Ich habe ihn dann gebeten, mir auf der großen Umgebungskarte von Füssen zu zeigen, von wo aus man das Schloss sehen kann, ohne dass dort ein Landschaftsschutzgebiet wäre. Es gab dann da auf der Karte so eine merkwürdige gelbe Fläche. Ich fragte, was das sei, und bekam zur Antwort: "Nein, nein, das ist ja im See. Da ist jetzt noch See." - "Warum ist das gelb?" - "Ja, das war mal zur Aufschüttung für Sport und Freizeit vorgesehen gewesen." - "Dann nehmen wir doch das!" "Ja, aber das ist doch noch nicht aufgeschüttet. Das ist ja noch See bis jetzt." - "Dann schütten wir das Ganze halt auf." Wenn man in Theaterkategorien denkt, hieß das: Dann wechseln wir eben das Bühnenbild. Ich habe im Stück ja dem König Ludwig den Satz in den Mund gelegt: "Die ganze Welt muss Bühne sein." Das ist ein Satz, an den freilich ich selbst auch glaube. Entsprechend diesem Grundsatz haben wir dort dann ganz einfach drei Monate lang jeden Tag 480 Fuhren Kies aufgeschüttet. Dadurch haben wir heute einen traumhaften Barockgarten mit einem Theater: im See! Daher auch unsere Adresse: "Im See 1, in Füssen." Und das Ganze eben auch noch mit Blick auf Neuschwanstein. Sie hat das alles natürlich auch von der künstlerischen Seite her interessiert. Sie waren sich dabei vermutlich völlig sicher, dass vor diesem Hintergrund auch die inhaltliche Umsetzung ganz einfach funktionieren muss. Wie schwierig war es denn, für so ein Projekt die Geldgeber zu finden? Denn dieses Projekt hat ja immerhin rund 80 Millionen Mark verschlungen: Bau plus Inszenierung. Wie schwierig war es, bei den Banken betteln zu gehen? Auch das war selbstverständlich ein Prozess. Der komplizierteste Teil in dem Ganzen war, in den ersten drei Jahren überhaupt mal das erste Geld zu finden, um so eine Projektgesellschaft gründen zu können, die diese Sachen dann alle plant, die ein Planungsteam engagieren kann, um so ein Theater planen zu können. Diese Projektgesellschaft muss bei ihrer Arbeit natürlich auch damit rechnen, dass es sich herausstellt, dass das Ganze unmöglich durchzuführen ist. Das heißt, dieses erste wirkliche Risikokapital habe ich dadurch aufgetrieben, dass ein Bankdirektor eine besonders musische Ader hat. Das ist etwas ganz Außergewöhnliches: Ich fand das Mößner: Barbarino: Mößner: Barbarino: ganz toll. Das war ein Bankdirektor bei der LfA, also bei der "Förderbank Bayern". Ich habe mich mit Dr. Pfeffer, dem damaligen Präsidenten, der heute bereits im Ruhestand ist, getroffen und ihm das Ganze geschildert. Er meinte, dass das ja auch für den Tourismus in der Gegend interessant sein müsste. Daher wäre das auch so etwas wie eine Tourismusförderung. Dieser Mann hat sich dann wirklich dafür stark gemacht, die ersten zwei Millionen Mark als Risikokapital in diese Projektgesellschaft einzubringen. Damit konnte das alles dann starten. Es kamen immer mehr Leute hinzu: Über den Verleger von Franz Hummel kam ich an einen ganz jungen TopÖkonomen, der mir von ihm empfohlen wurde. Das ist der Betriebs- und Volkswirt Felix Maria Roehl und diesen Mann habe ich dann mit hinein ins Boot genommen. Wir beide haben dann zusammen diese Projektgesellschaft gegründet. Er kümmerte sich dabei um die ganzen Finanzen: Er hat dann losgelegt, sozusagen die restlichen 78 Millionen aufzutreiben. Im Nachhinein sieht das alles möglicherweise recht locker und leicht aus, aber in Wirklichkeit war das natürlich auch mit sehr vielen Rückschlägen verbunden. Wie lange muss das Musical jetzt laufen, damit diese Kosten wieder hereingeholt werden können – ganz unabhängig davon, wie lange Sie selbst dieses Projekt in Füssen noch machen wollen? Das ist verschieden: Manche Gelder sind auf längere Zeit angelegt, manche waren aber auch kurzfristiges Kapital. Das heißt, wir müssen in einem gewissen Zeitraum relativ viel schnell und kurzfristig zurückzahlen. Das Ganze geht dann aber allmählich in einen langfristigen Zeitraum über. In vier bis fünf Jahren werden die Kommanditisten - denn wir sind ja eine Kommanditgesellschaft – eine Rendite erhalten. Sie bekamen sie zwar schon im ersten Jahr, aber natürlich nicht in der Höhe, wie sie sie im vierten, fünften, sechsten Jahr erwarten können. Wir befinden uns da wunderbar im Plan. Das ist natürlich schon ungeheuer wichtig, wenn man so etwas macht: Es ist wichtig, dass so etwas nicht nur künstlerisch ein Erfolg wird, sondern dass man da auch in finanzieller Hinsicht irgendwann wieder Land sieht. Es hat da schon wahnsinnig viele Kritiker und Skeptiker gegeben, die gesagt haben: Das wird ja nie etwas, da draußen in Füssen. Da musste man sich also schon erst mal durchsetzen. Als ich mit dieser Idee überhaupt angefangen habe, dachte ich mir ja auch erst, dass man das in München machen sollte. Ich dachte mir: "Vielleicht sollte ich ein kleines Stück daraus machen für das Cuvilliéstheater, das da zwei Jahre en suite gespielt werden kann." Ich wurde aber gleich belehrt, dass das kein Theater ist, sondern ein Museum, und dass ich mir deshalb meine Idee aus dem Kopf schlagen könne. Danach bin ich dann eben herumgefahren. Ich habe mich auch auf Herrenchiemsee umgesehen. Eine andere Idee war, vielleicht ein Zelt in den Nymphenburger Park zu stellen. Ich hatte also durchaus auch solche spinnerten Ideen, bis sich das in Füssen dann konkretisiert hat. Dort war dann auch der Bürgermeister sehr dahinter her. Es gab freilich aber auch große und heftige Diskussionen einschließlich eines Bürgerentscheids. Es kam wirklich so weit, dass ein Bürgerentscheid durchgefochten worden ist, der dann freilich zu unseren Gunsten ausging. Heute, im Rückblick, sieht das alles so leicht und einfach aus, aber damals war das wirklich ein richtiger politischer Kampf. Woran lag das eigentlich, denn normalerweise würde man ja sagen, dass Füssen auf so ein Musical quasi gewartet haben muss: Es bietet sich doch an, diese sagenumwobene Figur Ludwig II. auch mal in so einem Rahmen zu fassen. Füssen hätte sich ja auch denken können, dass der Tourismus in Schwung kommt, wenn dieses Stück gut läuft, und dass das doch eine ungeheuer günstige Auswirkung auf die Region haben müsste. Woher speiste sich denn diese Skepsis in der Hauptsache? Das war meiner Meinung nach diese grundsätzliche Skepsis allem Neuen Mößner: Barbarino: Mößner: gegenüber. Deshalb hatte ich ja auch bereits im Theater in Hamburg folgenden Slogan entwickelt: Die Leute wollen mit etwas Bekanntem überrascht werden, denn es darf auf keinen Fall etwas Unbekanntes sein. Das ist uns eben auch bei "Ludwig II." gelungen. Ich selbst komme ja aus Burghausen und deshalb kann ich einen Teil des Widerstandes zunächst einmal schon verstehen. Wenn dort einer ankäme und meinte, er müsste neben der Burg ein 80-Millionen Mark Projekt hinstellen, dann würden die Burghausener auch sagen: "Mal langsam, den schauen wir uns aber ganz genau an!" Es ist eben nicht so, dass man da als jemand auftreten kann, der als Obergschaftlhuber aus München kommt und verlangt, sofort von allen geliebt zu werden. Stattdessen besteht die wichtige Aufgabe eben auch darin, Überzeugungsarbeit zu leisten und den Leuten zu erklären, dass so ein Projekt nichts mit Abzocke zu tun hat oder dem Versuch, irgendwie an schnelles Geld zu kommen, sondern dass das ein sehr durchdachtes und auf lange Zeit hin angelegtes Projekt ist, bei dem eben alle mitmachen müssen. Ich habe genau das versucht und deswegen habe ich auch mehr an den Stammtischen gesessen als sonst wo, um mit den Leuten in Füssen reden und ihnen zu sagen, dass das wirklich eine tolle Sache werden kann. Zum Großteil wurde mir dann eben geglaubt und deswegen haben die Leute auch mitgezogen. Ohne die Hilfe der Füssener wäre das alles jedenfalls nie entstanden. Es hat sich in der Zwischenzeit ja auch schon bewährt, denn der Umsatz insgesamt ist in Füssen bereits um 15 Prozent gestiegen. Das ist schon ein enormer Zuwachs. Wer kommt denn vor allem in Ihr Musical? Wie hoch ist der Anteil an Touristen, die sowieso nach Neuschwanstein pilgern? Wie hoch ist der Anteil an Leuten, die das über Mundpropaganda, über die Medien usw. mitbekommen haben? Kann man das überhaupt näher bestimmen? Es gibt ungefähre Zahlen: Im Großen und Ganzen kommen jedenfalls die Bayern – und auch die Baden-Württemberger. Aber es kommen eben schon hauptsächlich die Bayern: Sie kommen zu ihrem König. In der Zwischenzeit hat das sogar schon etwas mit Wallfahrt zu tun, denn es gibt viele Menschen, die mich ansprechen, wenn sie mich im Theater treffen und mir sagen, dass sie bereits das dritte oder vierte Mal hier sind. Es gibt auch ganz viele, die mir erzählen, dass es beim zweiten Mal viel schöner war. Denn beim ersten Mal ist es so voluminös und so außergewöhnlich aufregend mit diesen riesengroßen Bühnenbildern, mit der Musik, mit dem, was auf der Bühne alles passiert, dass man beim zweiten Mal entspannter zuhören kann, dass man das alles noch mehr genießen kann. Es gibt also bereits viele Wiederholungstäter. Das Umfeld, die Landschaft, der Ort: Das alles hat ja eine ganz starke Magie. Man schaut aus dem Theater hinaus und blickt dabei auf dieses Schloss Neuschwanstein. Wenn da dann auch noch der Mond aufgeht, dann hat das schon sehr viel Magie. Als uns der Theatermacher Bob Wilson besucht hat, war über Neuschwanstein gerade ein Regenbogen zu sehen: Wilson konnte überhaupt nicht mehr glauben, dass das alles echt sei. Wir haben ihm aber gesagt: "Wenn wir diesen Schalter kennen würden, dann würden wir natürlich jeden Tag einen Regenbogen hinzaubern oder den Mond überm Schloss aufgehen lassen." Es gibt jedenfalls ganz unterschiedliche Besucher, die hauptsächlich über Mundpropaganda zu uns kommen, über Busunternehmer oder über unsere Partner im ganzen Land. Insgesamt ist das Thema schon ein wenig Bayern-spezifisch: Das schlägt sich halt auch bei den Besuchern nieder. Ich finde es jedenfalls sehr schön, dass wir unsere Bayern damit in ihr Herz getroffen haben. War es denn immer schon klar gewesen, wie man sich dieser sagenumwobenen Figur Ludwigs II. künstlerisch nähert? Denn er ist ja auch heute noch ein Mythos. Die Handlung besteht ja Ihrer eigenen Aussage nach aus einer Mischung zwischen Realität und Fiktion: Wie bringt man das in ein zweieinhalbstündiges Opus? Wie sind Sie da herangegangen? Barbarino: Mößner: Barbarino: Mößner: Ausgangspunkt für diese Idee war ja in einem übertragenen Sinn der Bayerische Rundfunk gewesen. Wir machten in Hamburg in den Kammerspielen gerade eine Aufzeichnung von "Così fan tutte", als ein Redakteur vom BR kam und zu mir sagte, er müsse jetzt einen Themenabend zum 150. Geburtstag von Ludwig II. machen. Er fragte mich, ob mir da als Bayer nicht irgendein Theaterstück einfallen würde, ob es denn nicht etwas gäbe in der Richtung. Er wisse schon, dass es da die Filme über Ludwig II. gibt, aber er wäre eben auch auf der Suche nach einem Theaterstück. Das war im Jahr 1994. Ich antwortete, ich würde mal nachschauen. Ich befasste mich dann ein wenig näher mit diesem Thema: über das hinaus, was man dabei ja immer schon zu wissen glaubt. Dabei stellte ich dann fest, dass man über diesen König eigentlich nur ganz wenig weiß. Man hat zwar ein bayerisches Gefühl dazu, aber wissen tut man wenig darüber. Ich beschäftigte mich also immer mehr damit und merkte dann, dass das alles für einen kurzen Beitrag im BR nicht taugt: "Der Stoff ist so grandios, daraus muss man etwas Größeres machen." Das war mein Ausgangspunkt. Ja, und dann habe ich halt etwas Größeres gemacht. Hat Sie diese Person auch in historischer Hinsicht besonders gereizt? Oder haben Sie sich gesagt, "wenn es so etwas noch nicht gibt, dann muss man das eben machen und zwar gerade vor den Toren Neuschwansteins"? Oder hat es bei Ihnen auf Grund der Herkunft nicht doch auch so eine kleine Begeisterung für die bayerische Geschichte gegeben, sodass Sie aus dem Grund merkten, dass sich diese Person ja wie keine andere für ein Musical anbietet? Als Theatermacher ist man an so einem üppigen Stoff natürlich wahnsinnig interessiert, weil da einfach schon unglaublich viel an Bildern in den Köpfen vorhanden ist. Mich persönlich hat aber etwas ganz anderes interessiert. Mir wurde dieser König nämlich immer zu sehr in diese Pop-Ikonen-Ecke abgedrängt. Ich mochte es nie, wenn man gemeint hat, er wäre so etwas wie heute Elton John oder Michael Jackson: so eine schillernde PopstarFigur. Ich halte das für ziemlichen Käse, denn ich halte ihn viel eher für einen Produzenten, wenn man ihn mit heutigen Worten beschreiben soll: Ich halte ihn für einen außergewöhnlichen Produzenten, der sich wie Spielberg seine Welten gebaut hat. Er hat sich nämlich in seinen Schlössern usw. tatsächlich seine eigene Welt gebaut bzw. bauen lassen. Er war quasi als Produzent tätig, denn er hat ja im Endeffekt auch Richard Wagner produziert. Er hat Kunst ermöglicht und in seinem eigenen Leben auch selbst so etwas wie ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Dies hat mich immer schon sehr fasziniert: Das ist natürlich etwas, das ich in der Richtung auch selbst weiterzutreiben versuche. Ich möchte in dieser meiner Produzentenrolle die richtigen Künstler holen. Für dieses Stück gilt das natürlich ganz besonders, denn da habe ich ja mit dem Hummel als Komponisten, dem Hauser als Bühnenbildner und dem Joachim Herzog als Kostümbildner wirklich hervorragende Künstler geholt. Die Kostüme, die in Füssen gezeigt werden, sind überwältigend schön. Die Damen bei uns haben tatsächlich 17 Kilo Kleider zu schleppen. Das ist alles original: Auch der Unter-Unterrock ist noch original handgenäht. Denn unser Kostümbildner sagt: "Das spürt ein Sänger, ob so ein Unterrock echt ist oder ob da ein Klettbandverschluss eingebaut ist." Es wurde bei uns also mit sehr viel Mühe und natürlich auch mit sehr viel Geld an den Kostümen gearbeitet. Das ist etwas, das man sich sonst normalerweise beim Theater nicht leistet. Wir dagegen haben gesagt, dass es unbedingt in dieser Üppigkeit sein muss. Das ist man dem König schlicht schuldig: Der braucht das! Ich als bayerisch barocker Mensch würde sowieso sagen, dass man eben auch im Theater eine gewisse Üppigkeit braucht bei so einem Stoff. Wie lange haben Sie denn an dem Tod Ludwigs II. geschrieben? Denn dieser Tod ist ja bis heute von Mythos umrankt. Wie lange haben Sie an dieser Todesszene gebastelt, die ja z. B. in den Zeitungskritiken immer Barbarino: Mößner: Barbarino: wieder beschrieben wird, weil sie am Schluss des Stückes wirklich etwas Besonderes darstellt? Da arbeiten Sie ja auch mit diversen Tricks: Hatten Sie dieses Ende von Anfang an so im Kopf? Wollten Sie von Anfang an eine Schlussszene machen, bei der das Ende genauso unklar bleibt wie beim wirklichen Tod des Königs? Ich wusste genau, wie der Schluss sein muss. Das wusste ich schon von Anfang an. Mich freut am allermeisten, dass die Diskussion, wie es denn am 13. Juni 1886 am Starnberger See wirklich war, abgelöst worden ist durch die Frage, wie die denn das in Füssen machen. Wir haben also diese Diskussion um den Tod des Königs weitergeführt: Denn wir zeigen einen Abgang, der so grandios ist, wie man ihn in einem Theater noch nie gesehen hat. Das heißt, es gibt bei uns ein Verschwinden des Königs im See, das so beeindruckend ist, dass man nicht darauf kommt, wie das genau funktioniert. Das ist ganz einfach ein Trick, von dem ein großer Zauber ausgeht. Das ist etwas, das jeder Besucher mit aus dem Theater nimmt. Im Bus, im Auto oder dann auch zu Hause wird weiter diskutiert: "Wie ging das? Wie machen die das, dass der König ganz einfach im Wasser verschwindet?" Wie geht es überhaupt, diese riesigen Wassermengen ins Theater zu bekommen? Das war ja wahrscheinlich auch in technischer Hinsicht ein Problem? Ja, aber das wussten wir von Anfang an. Der Gero Zimmermann ist ein ehemaliger Direktor von Bayreuth, den ich schon lange sehr gut kenne. Er hat zusammen mit dem Hauser und mir für diese Bühnenbilder eine entsprechende Bühne entwickelt. Das heißt, wir haben bei uns als Bühnendrehscheibe die zweitgrößte Drehscheibe in Deutschland mit ihren 28 Metern Durchmesser. Sie wurde extra konzipiert, um den See erscheinen zu lassen. Das heißt, ein Drittel dieser Drehscheibe wird hinten versenkt, dann fährt das Ganze nach vorne und dann kommt von unten das Wasser, das Schwimmbad, sozusagen der "Starnberger See" nach oben gefahren – mit knapp 26 Grad Wassertemperatur. Das geschieht aber unmerklich: Im Theater ist das eine Verwandlung, die man so in der Weise nicht merkt. Wenn das dann fertig ist, haben wir 90 Tonnen Wasser auf der Bühne sichtbar. Das macht schon was her! Bleiben wir aber noch einen Moment bei dieser Geschichte um den Tod von Ludwig II. Der Doktor Gudden z. B., der ja in diesen Tod mit involviert ist, ist bei mir eine Figur, die am Schluss sagt: "Ich habe das alles nicht gewollt." Dann geht er weg. Das ist schon so etwas wie ein Judas-Abgang. Manchmal, bevor der König ganz alleine ist, seine Schlussarie singt und ins Wasser geht, fällt an dieser Stelle ein Schuss. Ich habe da ins Libretto geschrieben: "Vielleicht fällt hier ein Schuss." Das ist natürlich für das Theater völlig unpraktisch, denn im Theater gibt es ja kein "vielleicht" in der Inszenierung. Ich wusste das freilich, als ich das hingeschrieben habe. Ich sagte daher: "Da fällt dann eben manchmal ein Schuss." Nun fällt ab und zu ein Schuss an dieser Stelle – und ansonsten eben nicht. Diejenigen, die das mit Schuss gesehen haben, werden daher sagen, dass sich der Gudden am Schluss erschossen hat. Andere, die das Stück an einem anderen Tag gesehen haben, werden jedoch erwidern: "Wieso?" - "Weil da ein Schuss war!" "Nein, da war doch kein Schuss!" Ich habe also versucht, die Diskussion um den Tod von Ludwig und von Gudden weiter am Leben zu erhalten: Ganz einfach, indem ich das Wort "vielleicht" im Theater eingeführt habe. Der Rüstmeister sagt mir natürlich: "Was soll ich jetzt machen? Soll ich jetzt schießen? Oder soll ich jetzt nicht schießen?" Ich antworte ihm dann immer: "Vielleicht." Im Theater selbst ist es eben auch gut aufgenommen worden, dass wir nur ab und zu schießen. Ich glaube, dass ich über diese Art von Ironie mit dem Franz Hummel als Komponisten und dem Heinz Hauser als Bühnenbildner etwas erfunden und entwickelt habe, das bei aller Ernsthaftigkeit, mit der wir an diesem Thema arbeiten, gerade wegen dieser Mößner: Barbarino: Mößner: Ironie für alle etwas bietet. Es gibt also mehrere Ebenen in diesem Stück. Jemand, der von diesem König in Bayern überhaupt keine Ahnung hat, kann sich dieses Stück auch anschauen und versteht dann wenigstens ein bisschen was. Wenn er aus England kommt, dann hat er dazu einen englischen Übertitel, wenn er aus Japan kommt, einen japanischen, wenn er aus Frankreich kommt, einen französischen. Das ist ganz unaufdringlich gemacht. Das ist so wie bei den Salzburger Festspielen oder hier in München bei den Opernfestspielen: Das ist ein Übertitel, der den Leuten hilft, wenigstens die Story ein wenig zu verstehen. Aber das meiste versteht man sowieso aus den Bildern. Diejenigen, die ein bisschen mehr wissen, die die bayerische Geschichte oder die Musik von Wagner kennen, haben alle einen weiter gehenden Spaß an diesem Stück. Man kann bei uns eben laufend bestimmte Dinge wiedererkennen. Man kann auch in politischer Hinsicht etwas wiedererkennen: Plötzlich ist da ein Ausspruch des Ministerpräsidenten gar nicht so weit weg, weil man sich ja auch sehr gut einen bayerischen Ministerpräsidenten aus unserer Zeit vorstellen kann, der so etwas mal gesagt haben könnte. Die Diskussion "Kunst oder Politik" wird bei uns ja ganz heftig ausgefochten. Ich habe in dem Stück auch behauptet, dass der Eiffelturm eigentlich in München hätte stehen sollen. Das funktioniert sehr gut: dieses Spiel mit der Ironie und auch mit der Geschichte. Ich mache das, um den König heute deutlich so zu zeigen, wie er mir ganz wichtig ist: als Produzent, der heute viel mehr mit Beuys und mit uns zu tun hat, als man gemeinhin glaubt. Ich habe z. B. dem Wagner Worte in den Mund gelegt, die heute auch der Beuys so gemeint hat. Ich habe das gemacht, um einen modernen Künstler mit dem König sprechen zu lassen, damit dieser König nicht ständig in diese historische Ecke abgeschoben bleibt. Ich glaube tatsächlich, dass der Ludwig eine Figur ist, an der heute jeder irgendetwas sehen kann, das ihn interessiert. Wie schaut das nun mit Ihren Kollegen in Deutschland aus? Wenn man dieses Musical über Ludwig II. einordnet in die gesamte Szene in Deutschland: Schaut man da nun neidvoll nach Füssen und sagt sich, dass man sich selbst das auf keinen Fall leisten kann, was dem Barbarino da in Füssen gelungen ist? Wir verorten Sie selbst Ihr Musical in der gesamten Szene? Denn vielen anderen Produktionen von der gleichen Größenordnung geht es in Deutschland ja bei weitem nicht so gut wie Ihnen? Ich glaube, das hebt sich ein wenig ab. Von unserer Seite her ist das schon mal eine ganz andere Vertriebs- und Marketingschiene. Wir stehen selbstverständlich auch ganz normal mit den Busunternehmen usw. in Geschäftsbeziehung, um unser Publikum zu akquirieren und es nach Füssen zu bringen. Der Unterschied ist aber, dass man sich hier wirklich für Füssen entscheiden muss. Es ist uns aber in der Tat Folgendes gelungen: Die Münchner fahren jetzt wirklich wieder ins Allgäu. Vorher sind sie entweder auf der Lindauer Autobahn in die Schweiz gefahren oder auf der Garmischer Autobahn zum Ski fahren. Aber dazwischen rein, also ins Allgäu oder nach Neuschwanstein und nach Füssen ist man eigentlich nur gefahren, wenn man Besuch hatte. Jetzt gibt es aber noch einen Grund dorthin zu fahren. Dies geschieht nun auch allmählich. Ein großer Teil unseres Publikums kommt tatsächlich aus München. Die Mischung dabei ist ganz kunterbunt, da kann man überhaupt keine feste Kategorisierung abgeben. Das Publikum, das bei uns zusieht, ist aber vermutlich kein potentielles Musical-Publikum. Darin unterscheiden wir uns halt. Wir spielen an einem Originalschauplatz: Da ist schon mal der Spielort ganz anders. Wir sind also keine Abspielbühne für ein amerikanisches oder englisches Musical. Stattdessen ist unser Stück von der Entstehungsgeschichte und auch von der Machart her etwas ganz anderes. Unser Stück ist auch nie als Konkurrenz zu den bestehenden Musicals entwickelt worden. Wo steht denn für Sie das Musical in künstlerischer Hinsicht in Barbarino: Mößner: Barbarino: Deutschland? Ist das immer noch ein sehr schwieriges Metier? Viele Menschen sagen ja, dass das Musical meinetwegen im Vergleich zur Oper immer noch recht stiefmütterlich behandelt wird. Das liegt natürlich auch daran, dass man dieses Genre in Deutschland nicht gewohnt ist. Man hat bei uns die Operettentradition radikal unterbrochen: Man hat die guten Operettenleute dann in den dreißiger Jahren aus dem Land gejagt. Das heißt, auf diesem Gebiet ist ein ziemlicher Bruch entstanden. In den USA ist die Geschichte aber weitergegangen: Das Genre ist verändert worden und hat sich dann am Broadway als Musical durchgesetzt. Heute ist es bei uns freilich aufgrund dieser spezifischen Vermarktungstechnik immer noch ein Stiefkind. Nehmen Sie die Technik des Musicals selbst: In den achtziger Jahren war es ungeheuer aufregend, was da ein Andrew Lloyd Webber gemacht hat. Heute ist das schon wieder ein bisschen altmodisch geworden. Meiner Ansicht nach muss jetzt mal wieder etwas Neues her. Dieses Neue zu machen, ist in Deutschland aber deshalb so kompliziert, weil man bei uns die dafür notwendige Tradition gar nicht hat. Ein Produzent, er eine eigene Idee hat oder der einen Librettisten oder Komponisten an der Hand hat, der etwas Neues machen will, weiß, dass das immer mit Geld verbunden ist. In Deutschland ist die Frage des Geldes auf diesem Gebiet aber normalerweise eine Sache des Staatstheaters und der Subvention. Das Staatstheater forscht aber zu wenig, denn es gibt ja kaum Opernhäuser bei uns, die wirklich mindestens zwei, drei Komponisten fest angestellt haben. Bei einem Etat von 120 Millionen Mark wäre das aber unbedingt notwendig, um jedes Jahr wirklich eine große neue Oper machen zu können. Dadurch könnte man das auch viel theaterpraktischer machen, denn das würde dann auch nicht mehr in diesem Elfenbeinturm namens Kunst abgehandelt werden. Durch die viele Subvention ist das alles meiner Meinung nach aber sehr theaterunpraktisch geworden. Auf der anderen Seite, auf der Seite des Musicals, gibt es stattdessen den Produzenten, der sagt: "Ich mache dieses Musical, ich gebe das Geld dafür her und deswegen habe ich auch die letzte Entscheidungsbefugnis. Wenn es nötig sein sollte, dann werfe ich auch mal dieses oder jenes Leid 'raus." Auf so etwas lässt sich aber kein Künstler ein; zumindest hier in Deutschland nicht. Deshalb ist das ein ganz kompliziertes Terrain, auf dem man sich da bewegt. Dieses amerikanische System der Produktion im ganz freien Bereich hat also einerseits schon gewisse Vorteile, aber andererseits hat das auch ganz starke Nachteile. Aus diesem Grund gibt es eben auch nur so wenig Neues: Es gibt wirklich so gut wie nichts Neues bei uns. In Hamburg wird jetzt der "Lion King" gemacht: Ich halte das schon für ein tolles Stück. Ich habe es schon gesehen und muss sagen, dass diese Masken wirklich traumhaft schön sind. Aber dieses Stück kann man natürlich überall auf der Welt sehen und so hätte man eben auch mal etwas wirklich Neues für Hamburg machen können. Fehlt es da auch an geeigneten Stoffen? Liegt es neben der mangelnden öffentlichen Subvention nicht auch wirklich daran, dass niemand auf die Idee kommt, ein neues Musical zu schreiben? Ich glaube, es liegt an der fehlenden Kommunikation bzw. an einer fehlenden Werkstatt. Ich fände es toll, wenn man als Werkstatt produzieren könnte, wenn es in einer Werkstatt mehrere Komponisten gäbe, die sogar noch im Dialog miteinander stehen, sodass man sich über die Stoffe auch auseinander setzt. So eine Werkstatt bekommt einen Auftrag und soll dann etwas entwickeln. Sie muss freilich auch so subventioniert werden, dass sie mal ein halbes Jahr lang etwas entwickeln darf. Diese Art von Werkstatt müsste man aufbauen: Es braucht mehrere kreative Werkstätten hier im Land. Bei Brecht und Weill war es ja auch so: Das war ja auch so eine kleine Werkstatt, die in sechs Wochen die "Dreigroschenoper" gemacht hat. Diese Dinge müssen also ganz theaterpraktisch organisiert werden. Bei uns in Deutschland läuft ja die Arbeit der Regisseure usw. immer nur unter dem Mößner: Barbarino: Mößner: Label der großen Kunst. Das heißt, die Regisseure werden nicht als Theater-Handwerker betrachtet. Ich sehe diesen Job aber tatsächlich mehr in Richtung Handwerk, bei der freilich die große Kunst schon auch herauskommen darf und kann. So kann es funktionieren und bei uns hat es ja auch so funktioniert. Zuerst einmal muss diese Arbeit schon als Handwerk begriffen werden: Die Zutaten, die Mitarbeiter usw. müssen stimmen. Es muss auch die Chemie untereinander stimmen. All das muss man als Handwerker erst einmal zusammenbringen. Haben Sie schon neue Ideen? Was machen Sie, wenn das Musical "Ludwig II." irgendwann seine Pforten schließt? Dass es die Pforten schließt, ist etwas, über das man im Moment überhaupt noch nicht nachdenken kann, weil wir die Pforten ja erst geöffnet haben. Wir werden auch alles dafür tun, damit das so lange wie nur irgend möglich auch so bleibt. Was käme dann danach? Nun, es ist ja so, dass ich am Tag der Premiere nicht aufhöre bestimmte Ideen zu produzieren. Die Sache ist auch da noch nicht vorbei: Ich habe immer weiter neue Ideen. Das sind Ideen, die sich vor allem auch auf dieses Stück beziehen. Das heißt, dieses Stück wächst immer weiter. Dieses Stück verändert sich selbstverständlich nicht total, aber in manchen Dingen gibt es tatsächlich eine Veränderung. Ich probe ab und zu heute noch: schon allein deswegen, weil ja auch die neuen Darsteller hinzukommen. Es kann eben sein, dass man von so einem neuen Darsteller den Text ganz, ganz anders hört, weil er ihn ganz neu intoniert. So ein Text entfernt sich im Laufe der Zeit auch ziemlich von einem: Als Regisseur kann man dann auch wieder ganz anders damit umgehen. Es macht also immer noch Spaß, mit diesem Text umzugehen. Die Veränderungen beziehen sich allerdings nur auf winzige Kleinigkeiten. Da draußen bei uns gibt es darüber hinaus aber auch eine ideale Situation für noch etwas anderes: Der Forggensee ist im Winter ein leerer See. Es ärgert die Leute, dass da im Winter das Wasser aus dem See ausgelassen wird. Es gibt nun neue Ideen, wie man den Spieß umdrehen kann, sodass sich alle darüber freuen, wenn das Wasser wegfließt. Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Barbarino. Da wird auf die Musical- und Theaterszene sicherlich noch einiges an Ideen von Ihnen zukommen. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren. Verehrte Zuschauer, das war das Alpha-Forum mit Stephan Barbarino, dem Intendanten des Musicals "Ludwig II.". Ich bedanke mich für Ihr Interesse. © Bayerischer Rundfunk