Deutschland/Österreich 4 Euro, Schweiz 5 CHF inprekorr INTER NATIONA LE PR ESSEKOR R ESPONDENZ WELTWEIT DEN AUFZUG DER RECHTEN STOPPEN! Juli/August 4/2014 Ausgabe 4/2014 In eigener Sache Liebe Leserinnen und Leser, aus Platzgründen konnten wir leider nicht mehr die Resolution des Exekutivbüros der IV. Internationale zur Ukraine unterbringen. Den Text „Volksbewegung und Imperialismus“ vom 8. Juni 2014 findet ihr auf unserer Website. Eure Redaktion die internationale Der Krieg und die Internationale Leo Trotzki..................................................................................... 54 • Vom Elend des revidierten Marxismus • und der alternativen Politikberatung Willi Eberle.........................................................56 letzte Seite Die Revolution macht keine Ferien! • Europa Frankreich EU-WAHLEN – EIN RÜCKSCHLAG FÜR DIE HERRSCHENDEN? Europa FRANKREICH ZWISCHEN WAHLEN UND PROTESTEN Spanischer Staat Indische Union DER FASCHISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS PODEMOS – EIN KIND DER BEWEGUNG „15-M“ DUNKLE WOLKEN ÜBER INDIEN Eigentlich tendieren die Interessen der Bourgeoisie nicht in Richtung Faschismus, aber die sich überschlagenden Krisen legen zumindest autoritäre Modelle zunehmend nah. Die Krise der EU fördert den Aufschwung rechtspopulistischer und rassistischer Parteien. Sie radikalisieren die Wut, die der von den Regierenden vorangetriebene Sozialabbau provoziert. Auch in Frankreich schwenkt – wie in vielen europäischen Ländern – das Pendel nach rechts, glücklicherweise nicht ohne auf sozialen und politischen Widerstand zu treffen. Gewisse Organisationen haben sich zu wenig in der horizontalen, radikaldemokratischen Kultur verankert. Podemos versucht, diesen Fehler zu vermeiden – und wird dafür belohnt Die Wahlen sind vorbei, die düsteren Aussichten für den Subkontinent sind mit der absoluten Mehrheit für Narendra Modi Realität geworden. Die sich entwickelnde Linke ist noch sehr schwach – noch! Von François Sabado Von Jean Batou Von François Sabado 4 10 13 16 Raúl Camargo und Daniel Albarracín 19 Von Nagesh Rao I N H A LT Die Internationale Syrien Südafrika Venezuela DIE SYRISCHE BOURGEOISIE UND DIE VOLKSREVOLUTION SÜDAFRIKA HEUTE – WAHLEN UND POLITISCHE UMBRÜCHE WIDER DIE OFFENSIVE DER NEOLIBERALEN RECHTEN STOPPT DEN KONFRONTATIONSKURS UM DIE UKRAINE! Die Internationale Die Verschiebung des Klassenkampfs auf ein Stadium nach dem Sturz des Regimes kann für die Klasse der ArbeiterInnen verheerend sein. Die Geschichte kennt dafür einige Beispiele. Der Ausgang der Wahlen in Südafrika hat nichts an den wirtschaftlichen und politischen Bedingungen im Land geändert. Der „rassische“ Kapitalismus ist noch nicht überwunden. Eine kritische Analyse des bolivarischen Prozesses lässt auch nach Chávez Tod noch Raum für eine Weiterentwicklung erkennen. Der Neoliberalismus hat noch nicht gewonnen! 36 Der Erste Weltkrieg sollte uns lehren, dass Linke nichts zu gewinnen haben, wenn sie sich in diesem Spiel auf eine Seite schlagen. Weder Berlin, noch Moskau noch Washington! Auf dem Maidan fand ein „Volksaufstand“ statt: Ohne die Triebfeder des Protests gegen die Verarmung großer Bevölkerungsteile hätte die Bewegung nicht diese Dimension erreicht. Von Ghayâth Naîssa Von Claude Gabriel Stellung­nahme der isl Stellung­nahme des RSB 24 28 32 Interview mit Franck Gaudichaud ERKLÄRUNG DES RSB ZUR UKRAINE 36 E U RO PA EU-WAHLEN – EIN RÜCKSCHLAG FÜR DIE HERRSCHENDEN? In Europa lösten die Wahlergebnisse einen wahrhaft historischen Schock aus und in Frankreich – mit dem Sieg der Front National – sogar fast ein Erdbeben. François Sabado Die politischen Auswirkungen sind noch gar nicht komplett absehbar, sicher ist nur, dass Europa in einer massiven politischen Krise steckt. Auch wenn sich die Verhältnisse in Frankreich nicht direkt auf alle beteiligen 28 Staaten in Europa übertragen lassen und die Kräfteverhältnisse entlang der jeweiligen politischen Situation variieren, sind die Folgen der Krise und die Schwächung der Arbeiterbewegung in groben Zügen überall gleich: massive Wahlenthaltung, Aufschwung der extremen Rechten, Schwächung der traditionellen Rechten und besonders der Sozialdemokratie sowie gleichbleibende Verhältnisse der linken Parteien, wobei allerdings Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien einen Durchbruch verzeichnen konnten. Massive Wahlenthaltung Was bereits bei allen sonstigen Wahlen durchgängig der Fall ist, zeigten die Europawahlen nochmals deutlicher, dass die Partei der NichtwählerInnen entweder weiter auf dem Vormarsch ist oder zumindest mit fast 57% weiterhin 4 Inprekorr 4/2014 die erste Kraft darstellt. Dies bestätigt wieder einmal, dass der einfachen Bevölkerung die EU eher abhold ist. Bereits von Anfang an war das gemeine Volk bei der Schaffung der EU außen vor geblieben und lag der aktive Part bei den herrschenden Klassen, den Regierungen und den technokratischen Eliten. Inzwischen aber hat der Gleichklang von Stärkung der EU und Austeritätspolitik auf dem Rücken der Bevölkerung dazu geführt, dass deren Gleichgültigkeit einer massiven Ablehnung gewichen ist. Dies zeigt die Legitimitätskrise der politischen VertreterInnen in nahezu sämtlichen Ländern Europas, die sich inzwischen zur politischen Krise nicht nur innerhalb der europäischen Institutionen, sondern auf längere Sicht auch zwischen den einzelnen europäischen Ländern zuspitzt. Besonders ausgeprägt verläuft die Wahlenthaltung dort, wo die einfache Bevölkerung wohnt. Wieso sollte dort auch der „schöne europäische Gedanke“ verfangen, wenn die offizielle EU-Politik für Millionen von Menschen mit Austerität, wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmender Armut verbunden ist? Und diese Wahlenthaltung führt in E U RO PA vielen Fällen dazu, dass populistische oder neofaschistische Parteien Zulauf erhalten. Der Vormarsch der extremen Rechten und der populistischen und neofaschistischen Parteien Am augenfälligsten zeigt sich dieses Phänomen in Frankreich, wo die Front National zur stärksten Partei bei den Wahlen geworden ist und die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hat. Oft ist die Rede von der „Ausnahmestellung Frankreichs“ in der europäischen Geschichte und verweist dabei auf die Kämpfe und Revolutionen der gemeinen Bevölkerung. Auch jetzt fällt Frankreich aus der Reihe, wenn auch diesmal zulasten der Bewegung von unten. Der Front National hat sich in der Bevölkerung Frankreichs tief verankert. Umfragen zufolge haben 43% der ArbeiterInnen, 38% der Angestellten und 37% der Arbeitslosen ihre Stimme der FN gegeben. Umgekehrt haben nur 8% der ArbeiterInnen, 16% der Angestellten und 14% der Arbeitslosen für die PS votiert. Unter den jungen WählerInnen hat jedeR Dritte für die FN gestimmt! Zwar ist ganz Europa vom Aufschwung der extremen Rechten und der europafeindlichen Parteien betroffen, aber Frankreich bildet wieder eine „Ausnahme“, sowohl was das Ausmaß der Stimmen für die FN anlangt, aber auch weil der Durchbruch der extremen Rechten dort zur mithin schärfsten politischen Krise geführt hat. Dies liegt zunächst einmal daran, dass Frankreich neben Deutschland zu den beiden mächtigsten Staaten in Europa gehört. Zudem geht der Durchbruch der FN in Frankreich mit einem Absturz aller anderen politischen Formationen dort einher. Die traditionelle Rechte wird für ihre Korruptionsaffären abgestraft und leidet obendrein unter einer offenen Führungskrise. Das Schicksal ihrer klassischen Partei – der UMP – steht in den Sternen. Die Linke – diesmal unter Einschluss der PS – ist mit gerade mal 34% der abgegebenen Stimmen an ihrem historischen Tiefpunkt angelangt. Das Aus einem bipolaren System, in dem sich Rechts und Links gegenüberstanden, ist ein tripolares geworden, das jetzt die FN einschließt. Der Vormarsch der extrem rechten oder populistischen Formationen beschränkt sich jedoch nicht nur auf Frankreich. In Dänemark hat die Volkspartei 27% der Stimmen erhalten, in Großbritannien die UKIP ebenfalls 27% und die österreichische FPÖ mehr als 20%. Hierbei sind noch nicht einmal die „antieuropäischen“ Parteien eingerechnet, die bspw. in Deutschland, Polen oder Schweden stärker geworden sind. Ganz zu schweigen von den offen faschistischen Organisationen wie der Goldenen Morgenröte in Griechenland mit fast 10% der Stimmen oder Jobbik in Ungarn, die mit knapp 15% noch vor der Sozialdemokratie liegt. Beide Ergebnisse werden die politische Landschaft ihrer Länder prägen. Wir stehen hiermit einer grundlegenden politischen Tendenz gegenüber, auch wenn es hiervon situationsbedingte Abweichungen geben mag wie in den Niederlanden, wo der Rückgang der islamophoben Partei von Geert Wilders auf den wirtschaftlichen Wiederaufschwung des Landes zurückgeführt werden muss, oder in Spanien und Portugal. Dort gibt es keine neofaschistischen Organisationen, was vermutlich in einer tiefen Aversion der Bevölkerung gegen diktatorische Regimes nach ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen mit Franco bzw. Salazar/Caetano begründet liegt. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass es innerhalb der Volkspartei PP von Rajoy einen extrem rechten Flügel gibt, der auf Druck des katholischen Klerus das Recht auf Abtreibung gesetzlich aushebeln will. Dieser generelle Aufschwung verdankt sich dem Anstieg nationalistischer Bestrebungen in einer Zeit, die von der Wirtschaftskrise und der historischen Schwächung der Arbeiterbewegung geprägt ist. Die soziale Identität tritt dabei hinter die nationale zurück, die Konflikte zwischen den Klassen weichen einer ethnischen Zuordnung der sozialen Verhältnisse und der Rassismus gewinnt breiten Zulauf unter der einfachen Bevölkerung. „Es ist einfacher, sich an einem Immigranten zu vergehen als an einem Banker“, lautet wohl die Devise. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte Europas, dass wir mit einem Anstieg der extremen Rechten konfrontiert sind. Bereits in den 30er Jahren haben die herrschenden Klassen sowohl unter dem Eindruck der Krise, die eine verschärfte Ausbeutung der Arbeitskräfte zur Profitwahrung der kapitalistischen Konzerne erfordert hat, als auch zur Eindämmung des revolutionären Aufschwungs in vielen Ländern im Gefolge der Russischen Revolution auf die Karte des Faschismus gesetzt. Die Spannungen in Europa werden auch an einem anderen Punkt deutlich, nämlich an der Krise in der Ukraine und den Auflösungstendenzen in Mittel- und Osteuropa, die durchaus an nationalistischen Konfrontationen vor dem Ersten Weltkrieg erinnern. Natürlich befinden wir uns heute in einer anderen Situation, die sich allenfalls mit den 30er Jahren „in Zeitlupe“ vergleichen lassen, wobei jedoch heute die weltweite Lage, die sozialen Klassen und die Kräfteverhältnisse anders beschaffen sind. Anders als zu den Zeiten, wo die europäischen Bourgeoisien auf die nationalistische Karte gesetzt haben, bevorzugen die herrschenden Klassen von heute eindeutig die Integration in die kapitaInprekorr 4/2014 5 E U RO PA listische Globalisierung. Und es drohen keine Revolutionen, die die Herrschenden zur Option für den Faschismus veranlassen könnten und zur gewaltsamen Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der demokratischen Rechte. Die Besonderheiten der gegenwärtigen Lage schaffen eine feste Konstellation, die den Aktionsrahmen der rechtsextremistischen Kräfte einschränken. Deren Organisationen zeigen eine große Bandbreite. Einige von ihnen haben sich komplett in den Parlamentarismus integriert und ihre faschistischen Wurzeln gekappt, wie etwa die Alleanza Nazionale in Italien. Andere sind offen profaschistisch oder gar neonazistisch wie die Goldene Morgenröte in Griechenland oder Jobbik in Ungarn. In Skandinavien geben sich diese Formationen populistisch oder schüren die fremden- und islamfeindliche Hysterie. Die französische FN ist am Führerprinzip und einer neofaschistischen Organisationsstruktur orientiert, verknüpft dies aber mit Zielsetzungen, die am klassischen Politikbetrieb ausgerichtet sind, was über kurz oder lang zu Spannungen und Spaltungsprozessen führen kann. Die FN hat sich natürlich weiterentwickelt, sowohl was ein Teil ihrer Themen angeht als auch die Führung, und entspricht nicht mehr der faschistischen Organisation der 80er Jahre. Aber diese Entwicklung ging nicht soweit, mit den faschistischen Wurzeln und der Organisationsstruktur zu brechen, weswegen sie sich einerseits zu „entdämonisieren“ versucht, andererseits in ihren Reihen oder ihrem Umfeld offen faschistische Strömungen umfasst. Mit dem Aufschwung der FN entsteht ein zweifaches Phänomen: die traditionelle Rechte gerät unter Druck und es eröffnen sich Spielräume für außerparlamentarische faschistische Gruppierungen, linke AktivistInnen jedweder Couleur zu attackieren. Zur Kategorie der Populisten gehören auch die sogenannten „Euroskeptiker“ wie die UKIP in Großbritannien, die deutsche AfD oder die PiS („Recht und Gerechtigkeit“) in Polen. Innerhalb dieser Bandbreite nationalistischer und populistischer Gruppierungen gibt es faschistische Strömungen, die durchaus zu Angriffen auf ImmigrantInnen und demokratische Organisationen bereit sind, wenn sich die sozialen und politischen Konflikte entsprechend zuspitzen sollten. Auch die Bewegung Cinque Stelle von Beppe Grillo, die sich offen zu ihrem Populismus bekennt, ohne indes der extremen Rechten zu entstammen, erhielt fast 24% der Stimmen, was auf die ungebrochene politische und institutionelle Krise in Italien verweist. Cinque Stelle rangiert damit noch vor Berlusconis Forza Italia, allerdings deutlich hinter Renzis Partito Democratico. Die absolut fehlende 6 Inprekorr 4/2014 Kohärenz ihrer Politik, die einerseits die Austeritätspolitik der EU ablehnt, andererseits immigrantenfeindliche Züge trägt, sowie ihre Funktionsweise als Organisation machen klar, dass hiervon keine politische Alternative ausgehen kann, sondern eher ein Teil der Krise Italiens ist. Für die Politik folgt daraus, dass die herrschenden Klassen eigentlich stabile parlamentarische Verhältnisse bräuchten, um in der Weltwirtschaft effektiv zu konkurrieren – sei es in Vertretung der traditionellen Rechten oder der Sozialdemokratie - sich die politische Lage stattdessen aber destabilisiert und nationalistische, populistische oder neofaschistische Gruppierungen Auftrieb erhalten. Nehmen wir Großbritannien als Beispiel. Was wäre, wenn nach dem Durchbruch der UKIP das Referendum über die EUZugehörigkeit zu einem Austritt aus der EU führen würde? Dies wäre wohl der Anfang vom Ende der EU! Eigentlich tendieren die Interessen der Bourgeoisie nicht in Richtung Faschismus, aber die sich überschlagenden Krisen legen zumindest autoritäre Modelle zunehmend nah. Denn die herrschenden Klassen verfügen über andere Optionen als den Faschismus, um die Lohnabhängigen, die Jugend und die kleinen Leute nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Die EU-Institutionen sind absolut undemokratisch und die parlamentarische Demokratie in den einzelnen Ländern gerät zunehmend zur Farce, wie bspw. die diversen Interventionen der Troika mit Aushebelung der jeweiligen Autonomie in Südeuropa gezeigt haben. Solche autoritäre Vorgehensweisen können durchaus Koalitionen unter Einschluss der extremen Rechten attraktiv machen. Insgesamt muss man sagen, dass nach der lang anhaltenden Destabilisierung der ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse in Europa, der historischen Legitimationskrise des Parlamentarismus und der beängstigenden Schwächung der Arbeiterbewegung durchaus Situationen auftreten können, wo ad hoc und „ungewollt“ extreme Rechte an die Macht gelangen können. Die traditionelle Rechte Sie hat Verluste erlitten, aber ihre Mehrheit im Europaparlament mit 213 Abgeordneten (vs. 190 der sozialdemokratischen Fraktion) behauptet. Im Bündnis mit dem Zentrum und den Liberalen wird sie somit auch in der kommenden Legislaturperiode die Kontrolle behalten. Der deutschen CDU kommt dabei unverändert die politische Führungsrolle innerhalb der europäischen Rechten zu. Sie setzt die Maßstäbe für Politik und Regierungen der nationalen Einheit, wobei in mehreren Ländern die neoliberale Sozialdemokratie mit von der Partie ist. Solche Koa- E U RO PA litionsregierungen gibt es derzeit in Deutschland, Holland, Österreich, Griechenland, Italien, Belgien und Finnland. Die herrschenden Klassen setzen in vielen Ländern weiterhin auf dieses Herrschaftsmodell. Aber insgesamt geht die traditionelle parlamentarische Rechte geschwächt aus den Wahlen hervor, da sie über die Frage der EU gespalten ist in diejenigen, die auf eine weiter zunehmende europäische Integration setzen, und in die sogenannten Euroskeptiker. Dadurch steht sie in einer ganzen Reihe von Ländern unter dem Druck seitens der extremen Rechten. Nach wie vor erhielten die christdemokratischen oder Zentrums- oder rechten Volksparteien die meisten Stimmen, aber infolge der Krise ist die gesellschaftliche Wähler- und politische Basis der traditionellen Parteien erodiert, sodass sie im Grunde nur noch bloße Wahlvereine sind. Unter dem Druck der extremen Rechten und der Nationalisten findet eine Radikalisierung und Fragmentierung der Rechten statt. Radikalisierung insofern, als sie in der Frage der Einwanderung dem Einfluss der rechtsextremen Parteien nachgibt. Und eine Fragmentierung findet statt zwischen den rechten Hardlinern einerseits und denjenigen, die eher auf ein Mitte-Links-Bündnis mit der Sozialdemokratie schielen. Für Frankreich gilt, dass die UMP-Führung, also die traditionelle Rechte, durch Korruptionsaffären wieder einmal derart ins Straucheln geraten ist, dass ihr eine dauerhafte Schwächung droht, was wiederum der Front National Auftrieb verschafft. Die Sozialdemokratie Auch sie hat Stimmen verloren und nicht die erhoffte Mehrheit im Europäischen Parlament erlangt. In Frankreich hat sie sogar eine regelrechte Abfuhr erteilt bekommen und selten zuvor hat ein amtierender Präsident eine derart geringe Wählerbasis, nämlich unter 15%, hinter sich gehabt. Er verliert eine Wahl nach der anderen und kann sich nur noch mithilfe der auf den Präsidenten zugeschnittenen Institutionen der V. Republik halten. Grundsätzlich betrachtet offenbaren diese Wahlen den strukturellen Wandel der europäischen Sozialdemokratie. In der gegenwärtigen Krise ist sie noch enger an neoliberale Positionen gerückt, worüber auch die Kampagne ihres Spitzenkandidaten Martin Schulz als vorgeblicher Gegner der Austeritätspolitik nicht hinweg täuschen kann. In Zeiten der Vorherrschaft des Finanzkapitals musste die Sozialdemokratie, die bisher auf das kapitalistische Gleichgewicht bedacht war, sich von den klassischen Rezepten des Keynesianismus distanzieren, was dazu geführt hat, dass Millionen von Lohnabhängigen keinen Unterschied mehr sehen zwischen sozialdemokratischer und rechter Regierungspolitik. In Frankreich sorgen die bonapartistischen Institutionen der V. Republik dafür, dass keine Regierung der nationalen Einheit zwischen der Rechten und der Sozialdemokratie entstehen kann. In praxi jedoch funktioniert das Abkommen zwischen Regierung und Unternehmern, das im sog. „Pakt der Verantwortung“ geregelt wird, nach demselben Prinzip. In der Tat paktiert unter dem Eindruck der Krise das Gros der rechten Parteien mit den Sozialdemokraten, um im Rahmen der EU die Krise im Sinne der Finanzmärkte und multinationalen Konzerne zu verwalten. Des ungeachtet sind die Grundfesten der Sozialdemokratie ohnehin in Auflösung begriffen. Auch wenn sie sich noch auf ihre einstigen historischen und politischen Wurzeln beziehen mögen, ist ihre neoliberale Wandlung so gut wie abgeschlossen. In diesem Mutationsprozess gleichen sich die sozialdemokratischen Parteien der Demokratischen Partei der USA an, die der Bourgeoisie als Instrument zum Regierungs- ohne Politikwechsel dient. Dabei verschwinden auch noch die letzten Reste sozialdemokratischer Identität. Die SPD als Stütze der europäischen Sozialdemokratie mag sich zwar stimmenmäßig halten, fungiert aber in der Großen Koalition als Juniorpartner der CDU. Und ihre relative politische Stärke verdankt sie keineswegs ihrem Eintritt in diese Große Koalition sondern der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands und seiner Führungsrolle in Europa. Dort, wo die sozialdemokratischen Parteien Austeritätspolitik hingegen direkt umsetzen müssen, erleben sie regelrechte Einbrüche, wie etwa die PASOK in Griechenland. In Frankreich steht die PS unter der Führung von Hollande und Valls vor einem regelrechten Debakel und erlebt eine Wahlschlappe nach der anderen, was in nächster Zeit, spätestens jedoch bei den Präsidentschaftswahlen 2017 zum völligen Zusammenbruch führen kann. In Italien hingegen konnte die PD völlig überraschend mehr als 40% gewinnen und damit den Durchbruch der 5-Sterne-Bewegung von Grillo eindämmen. Ob dies darauf zurückzuführen ist, dass Renzi als Premierminister gezeigt hat, dass er zu Initiativen fähig ist und Maßnahmen wie etwa eine Steuersenkung ergriffen hat, lässt sich derzeit noch nicht beantworten. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass ein solcher Parteientypus, der sich seiner kommunistischen oder sozialistischen Wurzeln entledigt hat und zu einer beliebigen bürgerlichen Partei geworden ist, bei diesen Europawahlen profitiert hat. In Spanien war die PSOE klarer Verlierer und erzielte nur noch 3,5 Millionen Stimmen gegenüber mehr als Inprekorr 4/2014 7 E U RO PA 6 Millionen 2009. In Portugal konnte die PS durch ihre Oppositionsrolle, die Stimmenverluste, die sie während ihrer jahrelangen Regierungszeit erlebt hatte, in gewissem Umfang wieder wettmachen. Die Krise, die die Sozialdemokratie durchmacht, mag zu internen Differenzen führen, aber kaum zu nennenswerten Brüchen und Abspaltungen. In den vergangenen Jahren sind lediglich Oskar Lafontaine in Deutschland oder Mélenchon in Frankreich soweit gegangen, ihre eigene Partei zu gründen. In der Regel jedoch gibt es nur vereinzelte interne Kritik an der einen oder anderen Maßnahme einer sozialdemokratischen Regierung, wenn sie eine unumwundene Austeritätspolitik betreibt. Mitunter muss auch Führungspersonal ausgetauscht werden, aber darüber hinaus passiert nichts, da alle Parteiströmungen den neoliberalen Wandel mehr oder weniger mittragen. Im Gegensatz zur früheren Geschichte hat die interne Krise bis dato nicht dazu geführt, dass sich wirkliche linke Strömungen herausgebildet hätten. Dies mag auch daran liegen, dass – abgesehen vom Einbruch der PASOK und möglicherweise absehbar der französischen PS – die sozialdemokratischen Parteien zwar Stimmenverluste hinnehmen müssen, aber nicht ins Bodenlose fallen, sich sogar in der Opposition gegen eine diskreditierte Rechte regenerieren können. Die Grünen Ihre Ergebnisse spiegeln die Realität der Umweltbewegung in Europa wider: etwa 50 Abgeordnete und um die 10% in Ländern wie Frankreich, Österreich oder Deutschland. Die gegenwärtige Systemkrise mit ihren ökologischen Dimensionen und den Risken der Atomindustrie liefert der Umweltbewegung ihren politischen Nährboden. Dabei können sie sich auf ein umfangreiches Netzwerk an Bürgerinitiativen stützen, integrieren sich andererseits immer mehr in den offiziellen Politikbetrieb, was sie in Koalitionen mit oder Tolerierung sozialdemokratisch geführter Regierungen treibt. Unter Teilen der Jugend, einkommensstärkeren oder kleinbürgerlichen Schichten rangieren die Grünen weiterhin als mithin „europäischste Partei“, was ihnen eine soziale und Wählerbasis verschaffen mag. Diese Klientel ist allerdings instabil; in Frankreich bspw. haben die Grünen über 6% verloren, nachdem Daniel Cohn-Bendit nicht mehr für das EUParlament kandidiert. Die radikale Linke Sie blieb in etwa stabil, wobei es in Griechenland, Spanien und Belgien deutliche Zugewinne gab. 8 Inprekorr 4/2014 Syriza erzielte über 26% und bekräftigte damit ihren Anspruch als Regierungsalternative zu ND und PASOK. Jetzt fordert sie vorgezogene Neuwahlen. Als stärkste politische Kraft des Landes kann sie sich auf soziale Netzwerke und Mobilisierungen im gesamten Land stützen. Trotz mancher Verlautbarungen ihrer führenden Vertreter, die auf einen Ausgleich mit der EU bedacht sind, repräsentiert sie weiterhin die radikale Opposition gegen die Austeritätspolitik des Landes. Inzwischen steht sie unter dem Zugzwang, ob sie weiterhin eine konsequente Anti-Austeritätspolitik mit Annullierung der Schulden und Ablehnung aller EU-Memoranden vertreten will oder sich dem Druck der griechischen und europäischen Bourgeoisie beugt. Eine entscheidende Rolle kommt in dieser Auseinandersetzung der Syriza-Linken zu, die eine linke Regierung unter Einschluss von KKE und Antarsya fordert. Diese Wahlergebnisse zeigen, dass es in den südeuropäischen Ländern mit Massenkämpfen gegen die Austeritätspolitik durchaus einen beachtlichen wahlpolitischen Ausdruck zugunsten linker Kräfte gibt. In Spanien hat Podemos mit 7,9% fünf Abgeordnete erhalten – ein Durchbruch, der ohne solche landesweite Protestbewegungen in der Vergangenheit wie der „marea verde“ und der „marea blanca“ oder der Bewegung der Empörten nicht vorstellbar gewesen wäre. Hinzu kommt die politische und institutionelle Krise des politischen Modells, das 1978 mit dem Übergang vom Franco-Regime aus der Taufe gehoben worden war. Die bisherige Vorherrschaft zweier Parteien ist durch die Stimmen für IU und Podemos mit zusammen mehr als 18% ins Wanken geraten. Damit stellt sich auch die Frage nach einer Einheitsfront. Die Stärke von Podemos liegt in ihrer Verknüpfung mit den kämpferischen und autonomen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit. Ihnen kann eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau einer politischen und sozialen Alternative zukommen, die die ganze spanische Linke unter Zugzwang setzt, sich zusammenzuschließen. Damit sind die an diesem Prozess beteiligten revolutionären Kräfte gefordert. Erwähnenswert sind auch die guten Ergebnisse der PTB-Gauche d’ouverture, die in Wallonien (Belgien) mit 5,48% einen regelrechten Durchbruch erzielt hat. In diesen Ländern ist es gelungen, die Proteste gegen die Austeritätspolitik in Erfolge der antikapitalistischen und anti-neoliberalen Kräfte umzumünzen. In Frankreich erzielte die Front de gauche das gleiche Ergebnis wie 2009, was deutlich unter den eigenen Erwartungen lag, zumal Mélenchon bei den diesmaligen Wahlen seine Formation noch vor der PS sehen wollte. Die Linke lag in Deutschland mit 7,5% nahezu unverändert. Die E U RO PA Kommunistischen Parteien haben sich i. W. gehalten: in Portugal sogar mit einem deutlichen Stimmengewinn (12% vs. bloß knapp über 4% für den Bloco de Esquerda), einem Rückgang hingegen in Griechenland zugunsten von Syriza und einem Ergebnis unterhalb der eigenen Erwartungen in Spanien, wo die IU gleichauf mit Podemos liegt. Die revolutionäre Linke musste Verluste hinnehmen, besonders in Frankreich, wo die NPA – die aus finanziellen Gründen freilich nur in 5 von 8 Wahlbezirken antreten und eine nur sehr reduzierte, dennoch gelungene Wahlkampagne führen konnte – lediglich 0,3% erzielte, während Lutte ouvrière 1,0% errang. Damit unterlag auch die NPA dem rückläufigen Trend, der alle linken Listen erfasste und fiel auch deutlich hinter die früheren Ergebnisse zurück. Das aktuelle Resultat spiegelt auch nicht ihre Rolle bei den Klassenkämpfen und Mobilisierungen wider, die sie beispielsweise bei den landesweiten Protesten gegen die Austeritätspolitik am 12. April gespielt hat. Wohin steuert Europa? Die Wirtschaft in Europa wächst nur schwach oder befindet sich gar in einer anhaltenden Rezession. Auch wenn Regierungen und EZB mit verschiedenen Maßnahmen einer neuerlichen Bankenkrise vorbeugen wollen, lässt sich nicht absehen, ob nicht die eine oder andere Großbank wieder bankrottgehen wird. Ebenso unklar ist, wie sehr die Schuldenrückzahlungen einer Reihe südeuropäischer Länder, darunter auch wirtschaftlich relativ starken wie Italien oder Frankreich, zu schaffen machen wird. In politischer Hinsicht besteht eine völlige Führungskrise. Auch wenn Europa weiterhin der reichste Kontinent ist, nimmt sein weltweites Gewicht ab. Durch die Austeritätspolitik und das wirtschaftliche Auseinanderdriften der einzelnen Länder, das durch die Krise noch verstärkt wird, droht der Zusammenhalt der EU zu explodieren. Unabsehbar wären die Konsequenzen, wenn sich Großbritannien nach dem Wahlerfolg der UKIP für einen Austritt aus der EU entscheiden würde. Natürlich wird die Krise durch die machtvollen wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Klassen in Europa und die Manövrierräume der Regierungen wie der Vorstände in den Großbanken und multinationalen Konzernen sowie die Stabilität der Institutionen der einzelnen Mitgliedsstaaten überschaubar gehalten. Aber so wie die EU gegenwärtig verfasst ist, ohne wirkliche Demokratie, ohne gemeinsame Sozial-, Fiskal- und Haushaltspolitik und ohne eine über die endlosen Austeritätsrezepte hinausgehende zusammenhängende Regierungspolitik, bleiben gesamteuropäische Perspektiven inhaltsleer. Im Wesentlichen liegt es an der Schwäche der Arbeiterbewegung, dass die herrschenden Klassen in Europa über solche Manövrierräume verfügen. Aber auch da besteht ein Widerspruch zwischen den kapitalistischen Globalisierungsbestrebungen der Schlüsselsektoren der europäischen Bourgeoisie und dem Anstieg eines reaktionären Nationalismus in Form der neofaschistischen und populistischen Parteien, der leider auch nicht vor vielen anderen politischen Formationen auf der Linken wie der Rechten haltmacht. Die Auslassungen von Sarkozy über das Schengener Abkommen sind ein Beispiel für die Suche nach einem nationalistischen Befreiungsschlag. Ebenso zeugen die wirtschaftspatriotischen Propagandasprüche oder die verschiedentlichen Ausfälle gegen das „deutsche Europa“ von diesem nationalistischen Druck. Gegen das Anwachsen des reaktionären Nationalismus bedarf es – einmal mehr in der Geschichte – eines Zusammenschlusses aller kämpferischen Strömungen, Initiativen und Parteien, die sich gegen die populistische oder neofaschistische Gefahr stellen. Essentiell ist hierbei die Frage der Aktionseinheit und der Einheitsfront bei den Kämpfen wie auch beim Aufbau einer politischen Opposition gegen die Austeritätspolitik. Dabei muss man freilich darauf achten, dass nicht die erforderliche gemeinsame Massenmobilisierung mit politischen oder programmatischen Abkommen erkauft wird, die den antikapitalistischen Kampf behindern. In dieser Situation muss das eigene Vorgehen immer wieder hinterfragt werden, müssen soziale und demokratische Sofortforderungen der Austeritätspolitik von Kapital und Regierung gegenübergestellt werden, der Kampf gegen die Rechte und extreme Rechte intensiviert werden, eine völlige Unabhängigkeit gegenüber sämtlichen neoliberalen Kräften gewahrt werden – also keine Allianz mit der Sozialdemokratie in Parlament oder Regierung – und es muss das Ziel einer internationalistischen Politik aufrecht erhalten werden: Bruch mit der EU in ihrer gegenwärtigen Verfassung, aber zugleich für ein Europa der Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den Völkern und den Lohnabhängigen. � Übersetzung: Miwe Inprekorr 4/2014 9 E U RO PA DER FASCHISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS Die Krise der EU fördert den Aufschwung rechtspopulistischer und rassistischer Parteien. Jean Batou Bei den Wahlen zum Europaparlament vom 25. Mai des Jahres erzielten europafeindliche und rassistische Parteien, die von extrem rechten Strömungen befeuert werden, bedeutende Erfolge. Am stärksten schnitten die britische Unabhängigkeitspartei (UKIP) mit 27,5 %, die dänische Volkspartei mit 26,7 %, die französische Front National mit 24,9 % und die österreichischen Freiheitlichen mit 19,7 % ab. Dazu kommt der jüngste Erfolg der schwedischen Demokraten (9,7 %) und der Alternative für Deutschland (7 %). Die Führung der italienischen Bewegung Cinque Stelle um Beppe Grillo (21,1 %) zeigt auch gewisse Affinitäten zu einzelnen dieser Strömungen. Die offen faschistischen Parteien der europäischen Peripherie wie Jobbik in Ungarn (14,7 %) oder Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) in Griechenland (9,4 %) sind ein wenig anders gelagert. Zudem ist zu beachten, dass trotz der durch russische Propaganda verbreiteten und in der westlichen Presse aufgegriffenen Übertreibungen die beiden extrem rechten Präsidentschaftskandidaten in der Ukraine zusammen nur 2,3 % der Stimmen erzielten. Immigrationsfeindliche Parteien Wo liegt der gemeinsame Nenner dieser Parteien? Allen voran darin, dass sie die Immigration als Hauptursache für den explosionsartigen Zuwachs der Arbeitslosigkeit, der Sozialausgaben und der „Unsicherheit“ bezeichnen. Weiter stellen sie die Personenfreizügigkeit in der EU infrage, weshalb sie in schöner Einhelligkeit den Erfolg der von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) lancierten „Masseneinwanderungsinitiative“ vom 9. Februar begrüßt haben. Das bedeutet noch nicht, dass sie alle völlig gegen die EU wären. Gleichzeitig bekennen sie sich zu einem hemmungslosen Imperialismus, der einen rassistischen Diskurs salonfähig macht und auf Islamfeindlichkeit setzt, um 10 Inprekorr 4/2014 sich gegenüber der Immigration aus außereuropäischen Ländern abzuschotten. Die faschistischen Strömungen, die sich darin eingenistet haben, bedienen über diskretere Kanäle oder in versteckter Form auch bedenkenlos eine antisemitische Rhetorik. Für die ImmigrantInnen, für sexuelle Minderheiten, aber auch für solidarische AktivistInnen stellen sie mittlerweile eine physische Bedrohung dar, wie kürzlich die Ermordung von Clément Méric in Frankreich gezeigt hat. Diese Parteien befürworten Privatwirtschaft und freies Unternehmertum. Sie treten für die Liberalisierung des Arbeitsmarkts und den Abbau von Sozialabgaben, namentlich für KMU1, ein. Sie beteuern, eine Abkehr vom Euro und die Einführung von Zollschranken würden der heimischen Wirtschaft einen Aufschwung bescheren. Sie schlagen demagogische Maßnahmen für niedrige Einkommen vor, lehnen aber eine Erhöhung gesetzlicher Mindestlöhne, die sie bekämpfen, kategorisch ab und behaupten, die soziale Sicherheit der Einheimischen zu verteidigen. Sie unterstützen einen nationalen Produktivismus, der jegliches Umweltdenken ausschließt. Die Front National zweifelt im Übrigen den Klimawandel an, die UKIP will dieses Thema von britischen Schulen verbannen. Sie geben immer neue Erklärungen zugunsten der Familie, der Frau am Herd und der traditionellen Erziehung heraus. Als Anhänger der „moralischen Ordnung“ schrecken sie nicht davor zurück, mit der Homophobie zu kokettieren. Als Verteidiger des „strafenden Staates“ treten sie für die Todesstrafe für „die abscheulichsten Verbrechen“ ein. Schmelztiegel rechter Kulturen Sie behaupten, gegen das System, also die konservativen wie die sozialdemokratischen Parteien, zu sein. „Was die disparaten Kräfte der UKIP zusammenschweißt, ist die sozial paranoide Ideologie einer beinharten Rechten, für die (…) die EU ein von Eurokraten entworfenes sozialistisches Komplott auf dem Rücken der Kleinbetriebe ist, das die Einwanderung und somit den Wohlfahrtsstaat fördert“, schreibt Richard Seymour zu England. (Red Pepper, Sept. E U RO PA 2013) Nach dem Fall der Berliner Mauer haben sie einen Kreuzzug gegen die UdSSR geführt und verdanken ihren Erfolg der Fähigkeit, historisch rechte Kulturen – nationalistisch, militaristisch, kolonialistisch, rassistisch, sexistisch, homophob, autoritär, klerikal, konservativ, ultra-liberal, antisozialistisch etc. – zusammenzubringen. Sie verführen heute eine Massenwählerschaft, die aus breiten Teilen der Arbeiterschaft und des Mittelstands besteht und teilweise aus den sozialdemokratischen und traditionellen rechten Parteien kommt. Es gelingt ihnen, im rechten Lager die Wut zu radikalisieren, die der von den regierenden Parteien mit Eifer vorangetriebene Sozialabbau provoziert. Sie individualisieren die Arbeitswelt, die auf eine Wählerschaft verärgerter „weißer kleiner Leute“ reduziert wird, vor allem aber durch die Spaltung der WählerInnen in Ausländer und Inländer, Farbige und Weiße, Arbeitslose und Beschäftigte, RentnerInnen und Aktive, Frauen und Männer etc. Damit werden die WählerInnen von jeder kollektiven Antwort abgehalten. Das kann sich als nicht zu vernachlässigender Trumpf in den Händen der Bourgeoisie erweisen. Das gilt insbesondere in Ländern wie Frankreich, wo die geplante Austeritätspolitik, die im Namen der Maastricht-Kriterien verordnet wird, ausgesprochen hart zu werden droht. sie noch immer als zu teuer – trotz aller Opfer, die sie den Lohnabhängigen in den letzten 30 Jahren bereits abgefordert haben. Worin bestehen diese Errungenschaften? Erstens in der Wahrnehmung, dass ein Lohn ein „ordentliches“ Leben erlauben sollte, d .h. die Deckung einer Reihe von Grundbedürfnissen, die über das körperlich Notwendigste hinausgehen: abwechslungsreiche Nahrung, modische Kleidung, dauerhafte Konsumgüter, Freizeit, Kultur etc. Zweitens in der Überzeugung, dass der indirekte Lohn – also Sozialversicherungen (Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit, Rente etc.) – für einen Großteil der Bevölkerung enorme Bedeutung hat. Denn sie verfügen über keine eigenen Produktions- und Subsistenzmittel und können daher nicht einmal ansatzweise ein Leben als Selbständige oder Selbstversorger führen. Drittens im Wissen, dass die massive Subventionierung des öffentlichen Dienstes (Bildung, Gesundheit, sozialer Wohnungsbau, Transport etc.) durch eine progressive Steuer einem Grunderfordernis entspricht. Und viertens in der Überzeugung, dass man für eine „wirkliche Demokratie hier und jetzt“ kämpfen muss, wenn all dies durch die „Diktatur der Märkte“, die von immer undurchsichtigeren und autoritäreren Institutionen mitgetragen wird, infrage gestellt wird. Neue Erscheinungsformen der Barbarei Wie reagieren? Der Faschismus der 20er- und 30er-Jahre hatte Massenorganisationen aufgebaut, die den kämpferischsten Teilen des Kapitals als Rammbock dienten, um die revolutionären Bedrohungen abzuwenden, die Arbeiterorganisationen zu zerstören, die demokratischen Rechte auszuhebeln und die Arbeitskosten dauerhaft zu senken. An diesem Punkt sind wir heute ganz offensichtlich nicht, außer vielleicht in Griechenland, wo sich die Goldene Morgenröte explizit auf ein solches Modell beruft. Doch wozu sollte im übrigen Europa die heutige nationalistisch-populistische Rechte den Herrschenden dienen, wo doch die linken Parteien und Gewerkschaften darniederliegen? In Wirklichkeit ist sie ihnen angesichts des Ausmaßes an sozialem Rückschritt, den sie planen und von dem der Süden des alten Kontinents bereits einen Vorgeschmack erfahren hat, vermutlich nützlicher, als man meinen möchte. Tatsächlich geht es um nichts Geringeres als darum, die heute nummerisch größte Arbeiterschaft aller Zeiten – die berühmten 99% – der wichtigsten sozialen und demokratischen Rechte zu berauben, die im 20. Jahrhundert errungen wurden. Diese werden zu Recht als zivilisatorische Elemente angesehen, denn die berüchtigten 1% erachten Auch wenn heute die meisten traditionellen Organisationen der alten Arbeiterbewegung im Namen des „unvermeidlichen“ Wettbewerbs unter nationalen Unternehmen de facto extrem harte Sparprogramme akzeptieren, gelingt es ihnen wegen ihrer relativen Schwäche nicht unbedingt, die ArbeiterInnen davon zu überzeugen, sich ohne Widerstand zur Schlachtbank führen zu lassen. Denn sie sind weiterhin zutiefst vom Wert überzeugt, den sie mit ihrer Arbeitskraft schaffen – ein Ergebnis eines langen Entwicklungswegs, der markiert ist von zahlreichen Kämpfen und der vom Kapital nicht so radikal und schnell ausgehebelt werden kann, wie es das gerne möchte. Und gerade weil die nationalistisch-populistische Rechte eben hinter diesen Bestrebungen steht, drastisch schlechtere Bedingungen für weite Bevölkerungskreise – Sanspapiers, Farbige, prekär beschäftigte Jugendliche, RentnerInnen, Frauen – zu schaffen, was den Wert ihrer Arbeit senkt, trägt sie dazu bei, diesen zu untergraben. Indem sie ein Loblied auf das Hausfrauendasein singt, während die meisten Lohnabhängigen heute für den Unterhalt der Familie auf zwei Löhne angewiesen sind, rechtfertigt sie die Zunahme von unbezahlter (Pflege) Inprekorr 4/2014 11 E U RO PA Hausarbeit, die erlaubt, den Preis für die Wiederherstellung der Arbeitskraft zu senken. Nicht zuletzt bereitet die Rechte den Boden dafür, Gewerkschaftskämpfen, sozialen Bewegungen und der kämpferischen Linken die Straße streitig zu machen, da sie Teile der einfachen Bevölkerung organisiert, zu denen die traditionellen Parteien praktisch keine organische Verbindung mehr haben. Eine Anpassung der politischen Kultur in diesem Ausmaß ist ohne einen hohen Grad an physischer und moralischer Gewalt, insbesondere gegen Frauen, undenkbar. Dieser Preis wäre für einen solchen zivilisatorischen Rückschritt zu zahlen. Um diesen zu Ende zu führen, könnte das Kapital neben dem Staat zusätzliche zivilgesellschaftliche Kräfte benötigen. In diesem Sinn ist es nicht unbegründet, von einer neuen protofaschistischen Bedrohung für das Europa des 21. Jahrhunderts zu sprechen, wobei zu berücksichtigen ist, dass sich dessen Formen von jenen der Vergangenheit ziemlich unterscheiden könnten. Im Bemühen, diese Entwicklung abzuwenden, wäre es verheerend, erneut dieselbe Spaltungspolitik zu betreiben, die bereits in den 30er-Jahren gescheitert ist. Wir müssen also zwei Klippen vermeiden: einerseits die der „republikanischen Front“ mit den AnhängerInnen des Sozialabbaus, ob sich diese als „Sozialdemokraten“ oder „Mitte-Rechts“ bezeichnen, und andererseits Spaltungen in den sozialen Bewegungen an der Basis, aber auch zwischen den antiliberalen Wahllisten, die sich gegen diese Politik wehren. Eine solche Einheitsfront zur Befriedigung der sozialen Bedürfnisse, die sich gegen die kapitalistische Austeritätspolitik und die nationalistisch-populistische Rechte stellt, muss dem Kampf gegen Rassismus einen bevorzugten Platz einräumen und MigrantInnen in einer internationalistischen Perspektive vollwertig in ihre Mobilisierungen einbeziehen. Deshalb müssen wir die von Frontex im Dienste der Festung Europa ergriffenen Maßnahmen ebenso kritisieren wie die immer restriktiveren Gesetze der europäischen Staaten, die von sozialdemokratischen Parteien initiiert oder mitgetragen werden. Der Kampf von MigrantInnen gegen ihre willkürliche Internierung und ihre Abschiebung, aber auch gegen die Demütigungen einer Sklavenarbeit, zu der sie oft gezwungen sind, ist auch unser Kampf. Eine solche Aktionseinheit kann nur wachsen, wenn sie deutlich zu ihrer transeuropäischen Dimension steht. Ungeachtet ihrer Begrenztheit und ihrer schwachen Wählerbasis ist dies eine Qualität, die der Liste „L’Altra Europa con Tsipras“, die bei den Wahlen zum Europaparlament in Italien 4 % der Stimmen erreicht hat, zugestehen muss. Das Eintreten solcher Kräfte für den ge12 Inprekorr 4/2014 meinsamen Widerstand auf einer gemeinsamen politischen Grundlage negiert noch keineswegs die Autonomie jeder einzelnen dieser Kräfte in der demokratischen Festlegung ihrer Kampfziele, Aktionsformen und politischen Orientierungen. 2. Juni 2014 Aus dem Französischen: Tigrib 1 KMU – K(leine und )M(ittlere )U(nternehmen) FR ANKREICH FRANKREICH ZWISCHEN WAHLEN UND PROTESTEN Die Wahlen in Frankreich offenbaren eine Rechts­ verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse. François Sabado 1. Mit den Kommunalwahlen hat sich das politische Kräfteverhältnis weiter zu Ungunsten der Linken und der Arbeiterbewegung verschoben. Allein 150 bisher von der PS oder der KP gehaltene Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern fielen an die bürgerliche oder extreme Rechte. Natürlich ist eine Wahlniederlage der PS, die seit Jahren neoliberale Politik betreibt und sich von der Arbeiterbewegung verabschiedet hat, nicht automatisch mit einer Niederlage der Arbeiterbewegung gleichzusetzen. Denn die Arbeiter, die in der Sozialdemokratie nicht mehr ihre parlamentarische Vertretung sehen, fühlen sich durch deren Abgesang zum Glück nicht mehr betroffen und reagieren vielmehr massenhaft mit Stimmenthaltung (die in den Arbeitervierteln und –gegenden zwischen 50 und 60 % erreichte). Allerdings wirkt sich eine Situation, in der die Wahlniederlage der PS der Rechten und den Rechtsextremen Auftrieb verschafft, die wenigen Überbleibsel fortschrittlicher Kommunalpolitik wegfallen, die KP ein Drittel ihrer Hochburgen – besonders im einstmals „roten Gürtel“ – verliert und die radikale Linke in keiner Weise davon profitiert, zwangsläufig negativ auf die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen aus. Der wirtschaftliche Rahmen dieser Ereignisse wird geprägt durch Betriebsschließungen und Austeritätspolitik seitens der Regierung, die zwar zu Kampfmaßnahmen und Teilmobilisierungen führen mögen, letztlich aber nicht verhindert oder auch nur zurückgedrängt werden können. Jahrelange Umstrukturierung der Arbeitsplätze, Prekarisierung und wachsende Arbeitslosigkeit haben die Lohnabhängigen geprägt und in der gegenwärtigen Krise gelähmt. Verschärfend hinzu kommt noch, dass die Gewerkschaftsbürokratie mit Regierung und Unternehmern entweder offen kollaboriert oder sich zumindest „sozialpartnerschaftlich“ zurückhält. 2. 3. Der jüngste Ausdruck dieses Rechtsrutschs ist die Nominierung von Manuel Valls zum Premierminister. Dieser hatte sich bereits bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur der PS als Rechtsausleger der ohnehin schon rechtsgewirkten Sozialdemokratie präsentiert. Er trat gegen die 35h-Woche und gegen Umverteilungsmaßnahmen auf und für die Privatisierung öffentlicher Dienste und Senkung der Sozialabgaben und damit für Sozialabbau. Sein offenes Credo galt der „Angebotspolitik“, will heißen: Senkung der Lohnkosten und Subventionen für die Unternehmer, im Gegensatz zur keynesianischen Konjunkturpolitik. Damals erhielt Valls nur 5 % der Stimmen, weil er selbst in einer rechtsgewendeten PS als inakzeptabel galt. Gerade mal zwei Jahre später wird diese Politik hoffähig und von Hollande, der Regierung und der PS offen praktiziert. In nackten Zahlen: 30 Milliarden Subventionen für die Unternehmer und 50 Milliarden Haushaltskürzungen mit entsprechenden Einschnitten bei den öffentlichen Ausgaben und der sozialen Sicherung. Schon jetzt wird die Schließung Dutzender Kliniken angekündigt, sollen bestimmte Medikamente nicht mehr erstattet werden und die Beamtengehälter gekürzt werden. Diese Politik kann vor dem Hintergrund der tiefen und anhaltenden Krise in Europa, wo die Wirtschaft um gerade ein Prozent wächst, nur dazu führen, dass das Land in eine Spirale von Austerität, Prekarität und Arbeitslosigkeit gerät. Genau dies jedoch ist das angestrebte Ziel, um die sozialen und politischen Kräfteverhältnisse nachhaltig zu verändern. Es sollen die Überreste des „europäischen Sozialstaats“ auf den Prüfstand und etliche soziale Errungenschaften liquidiert werden, damit sich Europa in die weltweite Konkurrenz einreiht. Mit dieser Ausrichtung der Sozial- und Wirtschaftspolitik wird den traditionellen Parteien der Rechten wie der Linken jedoch die soziale Basis entzogen, was politische Krisen heraufbeschwört. Für die Sozialdemokratie heißt das, dass sie immer weniger Arbeiterpartei und immer mehr bürgerliche Partei wird. Freilich nicht eine bürgerliche Partei wie die anderen, da das herrschende System auf deren Besonderheiten angewiesen ist, um seine Herrschaft zu variieren. Aber der Bezug dieser Parteien zur Arbeiterbewe- 4. Inprekorr 4/2014 13 FR ANKREICH gung reduziert sich auf die geschichtliche Vergangenheit und ihre Politik hat mit der klassischen Sozialdemokratie nichts mehr gemein, sondern ist nur noch neoliberal. Für die Bürger und für die Lohnabhängigen hat sich unter Hollande und Valls nichts gegenüber Sarkozy geändert, weder sozial- und wirtschaftspolitisch noch hinsichtlich der Repression gegen „illegale“ Einwanderer oder Minoritäten wie die Roma. Valls ficht es übrigens nicht einmal an, wenn er als der Sarkozy der Linken gilt. Bleibt die Frage, in wieweit die neoliberale Wende der sozialdemokratischen Parteien deren Existenz infrage stellen könnte. In Portugal und Spanien haben sie nicht den katastrophalen Einbruch erlebt wie die PASOK in Griechenland, auch wenn sie schwächer geworden sind. Und die französische PS ist noch immer bedeutend, wobei allerdings ihre Grundfesten, ihr Rückhalt in den Kommunen, bei diesen Wahlen ins Wanken geraten sind. Wenn sie diese Politik fortsetzt, sind weitere Wahlschlappen absehbar: bei den Europawahlen, den Regional- und Kantonalwahlen und wohl auch bei den künftigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Der Einbruch lässt sich nicht ignorieren. Der Rückgang der KP hat andere Ursachen, nämlich den historischen Absturz des Post-Stalinismus. Aber auch hier schlägt sich die Verschlechterung der Kräfteverhältnisse nieder, besonders in einigen Städten, wo die Rechte die KP aus den Amtssesseln gedrängt hat. Vor diesem Hintergrund und einer Rekordenthaltung fand der Aufschwung der Rechten und der Front National statt, wobei diese in einem Dutzend großer Städte siegreich war. Die Rechte ging gestärkt hervor, obwohl sie über etliche Fragen uneins war: Europa, die Beziehungen zur FN und Querelen um die Führung und die „Rückkehr“ von Sarkozy. Ihre Mitglieder- und Wählerbasis sind dem Druck seitens der rechten Hardliner und der extremen Rechten ausgesetzt. Die FN konnte ihre Verankerung im Land behaupten und zweifellos ihre Anhänger unter den Arbeiterschichten und der einfachen Bevölkerung noch enger an sich binden. So wie die Parteien faschistischen Ursprungs verbindet sie soziale Anliegen mit Rassismus, offen bleibt jedoch, wie sie in dieser Situation mit den Widersprüchen umgehen wird, die zwischen ihren Ursprüngen und ihrer faschistoiden Führung einerseits und den aus ihrer Einbindung in die staatlichen Institutionen sich ergebenden Zwängen andererseits erwachsen. Natürlich befinden wir uns nicht mehr in den 30er Jahren, sondern die herrschenden Klassen haben sich für die Integration in die kapitalistische Globalisierung entschieden und nicht für den protektionistischen Nationalismus. Trotzdem kann es zu politischen „Unfällen“ kommen, in denen die Si- 5. 14 Inprekorr 4/2014 tuation kippt und die strategische Ausrichtung der herrschenden Klassen in ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik einerseits und die konkrete politische Herrschaftsform andererseits auseinander klaffen und autoritäre Regierungen unter (direktem oder indirektem) Einschluss der extremen Rechten angesagt sind. Wie dadurch demokratische Rechte und fortschrittliche Organisationen gefährdet sind, davon zeugen der Vormarsch der Rechtsextremisten in ganz Europa und die Akzeptanz bspw. der Orban-Regierung im heutigen Ungarn. Auch in Frankreich schwenkt – wie in vielen europäischen Ländern – das Pendel nach rechts, glücklicherweise nicht ohne auf sozialen und politischen Widerstand zu treffen. Ein Beispiel dafür waren die Protestaktionen am 12. April, die in Paris und ganz Frankreich Zehntausende auf die Straße trieben, um einem Aufruf von über 200 Initiatoren aus Politik, Gewerkschaft und Verbänden zum Protest gegen die Sparpläne der Regierung und den Vormarsch der Rechten und extremen Rechten zu folgen. Ausgangspunkt war ein Aufruf von Olivier Besancenot zu einem Protestwochenende der Linken gegen die sich häufenden Aufmärsche der Ultrarechten und die Regierungspolitik. Dem schlossen sich führende Mitglieder der Front de Gauche mit gleichlautenden Verlautbarungen an. Nach ein paar Wochen war ein gemeinsamer Aufruf verfasst und man traf sich zur Vorbereitung der Aktion. Die Mobilisierung nahm durch die Nominierung von Valls noch an Fahrt auf. Was den Erfolg dieser Aktion ausmachte, war ihre Radikalität und ihre Einheit hinter ihrer Vielfalt. Außer politischen Organisationen waren Dutzende von Initiativen – vorwiegend aus der Obdachlosenbewegung – und Teile der Gewerkschaftsbewegung aktiv beteiligt. Gegen die offizielle Position der Gewerkschaftsführung riefen etliche Untergliederungen und regionale Verbände der CGT zur Teilnahme an den Aktionen auf. Bemerkenswert waren auch die starken Blöcke der KP und der NPA im Pariser Demonstrationszug. Trotz der Ergebnisse bei den jüngsten Kommunalwahlen haben diese Protestaktionen gezeigt, dass es in Frankreich über die Parteien der radikalen Linken hinaus eine linke Bewegung gibt, die die Politik der Regierung nicht widerstandslos hinnimmt. Entscheidend ist nun, wie es weitergeht und wie man in diesen Zeiten der Defensive diese Dynamik der in all ihrer Begrenztheit doch bedeutsamen Mobilisierungen politisch ausschlachten kann. Dabei sollte es uns AntikapitalistInnen um Aktionseinheit und Radikalisierung dieser Mobilisierungen gehen und um die Orientierung auf den Kampf gegen die Politik der Regierung, der Rechten und der extremen Rechten. Zuvörderst gilt dies für den alltäglichen sozialen Widerstand, wie er sich in den Kämpfen gegen 6. 7. FR ANKREICH Entlassungen und Haushaltskürzungen, in den Streiks oder in den Mobilisierungen um die sozialen Rechte widerspiegelt. Ohne eine breite gesellschaftliche Mobilisierung, die die Sparpläne blockiert und über – wenigstens teilweise – Erfolge den Lohnabhängigen und den sozialen Bewegungen wieder Selbstvertrauen einflößen kann, wird sich das Kräfteverhältnis niemals ändern – und darauf kommt es an. Aber auch auf die politische Ebene kommt es an, indem wir Aktionseinheiten in den Kämpfen und auch bei anstehenden Wahlen anstreben. Bereits bei den Kommunalwahlen hat die NPA in 87 Wahlkreisen allein oder auf Einheitslisten kandidiert bzw. deren Kandidatur unterstützt. Programmatische Achse dabei war der Kampf gegen Austeritätspolitik ohne Unterstützung der PS in beiden Wahlgängen. Daneben gab es etliche Hundert Kandidaturen der radikalen Linken, die im Unterschied zu dem Debakel der Sozialdemokraten mitunter achtbare Ergebnisse erzielt hat. Nach den Kommunalwahlen und der Vorbereitung der Aktionen vom 12. April stand die Frage an, bei den Europawahlen gemeinsam zu kandidieren. In diesem Sinne wandte sich die NPA an die Front de Gauche, Lutte ouvrière und Alternative Libertaire, um über eine mögliche gemeinsame Liste bei den Europawahlen zu diskutieren. Natürlich ist uns bewusst, dass hierbei unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Die Parti de Gauche tritt für einen Neubeginn der EU ein, der eher auf eine Reform abzielt, während wir für den Bruch mit den europäischen Institutionen kämpfen. Während Mélenchon zweifelhafte Erklärungen gegen „das deutsche Europa“ oder für den „solidarischen Protektionismus“ abgibt, treten wir für eine internationalistische Politik ohne Zugeständnis an Nationalismen ein. Aber beide Positionen werden in der breiten Öffentlichkeit so verstanden, dass sie gegen die Sparpolitik der Regierungen und der EU und für ein soziales und demokratisches Europa eintreten. Zu unserem Bedauern kam ein solches Abkommen nicht zustande. Zögerlichkeiten gab es auf allen Seiten, aber eine richtige Diskussion kam deswegen nicht zustande, weil die Front de Gauche durch interne Spannungen paralysiert war. So haben sich auch deren Einzelorganisationen erst in letzter Minute über ihre eigenen Listen einigen können. Und trotz dieser Einigung bleibt die Front de Gauche zutiefst gespalten in der Frage, wie sie zur PS stehen soll: In den meisten großen und mittleren Städten hat die KP mit der PS paktiert, während die übrigen beteiligten Organisationen eine solche Allianz für den ersten Wahlgang der Kommunalwahlen abgelehnt hat. Die Bruchstelle verlief somit genau dort, wo die NPA seit Jahren den Knackpunkt verortet, nämlich: Wie stehen wir zur PS und zur Regierung. Während die NPA in der Vergangenheit für ihr Beharren auf der Klärung dieser Frage heftig angegriffen und beschuldigt worden war, sich bloß unter diesem Vorwand einer Einigung entziehen zu wollen, erkennen nunmehr viele Mitglieder der FdG selbst, dass die Differenzen in dieser Frage zum Scheitern bei den Kommunalwahlen geführt haben. Vieles wird vom Ausgang der nächsten Wahlen und besonders der EU-Wahlen abhängen, aber der Konsens, der 2010 zur Gründung der FdG geführt hat, ist inzwischen hinfällig und über die Einheit und ihre Grundlagen muss neu diskutiert werden. Denn wir brauchen die Einheit und die Antikapitalisten müssen sich noch mehr darum bemühen, eine gemeinsame Politik zu entwerfen, aber mit der zunehmend schärferen neoliberalen Verortung der PS verbieten sich Wahlallianzen mit den Sozialdemokraten und erst recht deren Unterstützung in Parlament und Regierung. Aus diesem Grund führt auch die Position von Mélenchon, mit der Führung der Grünen eine „ökologische Volksfront“ aufbauen zu wollen, wieder in eine Sackgasse, zumal die Mehrheit der grünen Parlamentarier die Regierung Valls unterstützt. In der kommenden Zeit geht es darum, der Regierung eine wahrnehmbare und entschiedene linke Opposition entgegen zu stellen, die einig, aber eindeutig ist. Dies lässt sich naturgemäß nicht mit denjenigen machen, die die Regierung unterstützen oder daran teilnehmen, was leider für den „linken“ Flügel der PS und die Grünen etc. gilt. Für uns geht es in dieser schwierigen Situation darum, Einigkeit in der sozialen und politischen Aktion mit einer dezidierten Abgrenzung zur PS und einem antikapitalistischen Programm zu verbinden und dabei die Bedürfnisse der Lohnabhängigen und der Bevölkerung zu vertreten. In einer Situation, in der die traditionelle Linke abgewirtschaftet hat, muss die Arbeiterbewegung wieder aufgebaut werden, indem man wieder eine gemeinsame Perspektive schafft, auf der sich die Organisationen auf der Grundlage neuer Formen und neuer programmatischer Inhalte zusammenfinden können. Den Revolutionären kommt dabei die Aufgabe zu, die „Aktionseinheit“ mit antikapitalistischen Inhalten zu befruchten. In diesem Sinn waren die Aktionen am 12. April und der Vorstoß der NPA zu einer gemeinsamen Liste bei den EU-Wahlen ein Schritt in die richtige Richtung. Ursprünglich in Vientosur erschienen: Tras las municipales y la manifestación del 12 de abril) : http://www.vientosur.info/ spip.php?... Übersetzung: Miwe Inprekorr 4/2014 15 S PA N I S C H E R S TA AT PODEMOS – EIN KIND DER BEWEGUNG „15-M“ Mit Podemos ist in Spanien eine neue politische Kraft der Linken auf den Plan getreten. Raúl Camargo und Daniel Albarracín Die politische Initiative Podemos wurde am 17. Januar 2014 auf Anregung von Pablo Iglesias, dem Fernsehsprecher des Senders La Tuerka („Schraubenmutter“), einer um ihn versammelten Gruppe von LehrerInnen und von Izquierda anticapitalista öffentlich lanciert. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, an den Europawahlen mit einer eigenen Liste aufzutreten. Am Anfang des Projektes stand ein Manifest unter dem Titel Mover Ficha („Wir sind am Zug“, wörtlich: „den Spielstein bewegen“), das von dreißig Persönlichkeiten der sozialen, der politischen und der kulturellen Linken unterzeichnet wurde. Dieses Manifest fordert insbesondere die Durchführung eines öffentlichen Schulden-Audits und die Annullierung der illegitimen Schulden, die Nationalisierung der Banken, die Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Völker, die Verteidigung der reproduktiven Rechte der Frau, die Enteignung des Energiesektors und eine Umwandlung der Produktionsweise. Innerhalb sehr kurzer Zeit wurde es von mehr als 100 000 Personen unterstützt. Die Versammlungen, in denen es vorgestellt wurde und die in mehreren Städten organisiert wurden, übertrafen alle Erwartungen; sie waren voll von Jungen aber auch von Veteranen zahlreicher Kämpfe. Der Geist der Bewegung vom „15-M“1 schien sich nun in dieser politischen Bewegung eines neuen Typs zu verkörpern. Bei den Vorwahlen zur Aufstellung der KandidatInnen für die Europawahlen haben 33 000 WählerInnen teilgenommen, ein Rekord in ganz Europa im Vorfeld der Europawahlen. Pablo Iglesias, aufgrund seines regelmäßigen Auftretens im Fernsehen die bekannteste Persönlichkeit, kam auf der Liste an die erste Stelle, vor der Aktivistin Teresa Rodríguez von Izquierda anticapitalista. […] Ein großer Teil der breiten Bevölkerung und der Arbeiterklasse, der nicht in Ohnmacht versinken will, möchte 16 Inprekorr 4/2014 über glaubwürdige politische Instrumente verfügen, die es erlauben, sich weitgehend am politischen Prozess zu beteiligen. Die kritische Situation, in der wir uns befinden, hat im größeren und komplexen Rahmen der Linken einen Raum für die Schaffung eines politischen Instruments wie Podemos geschaffen. Es ist unbestritten, dass es innerhalb dieser Bewegung verschiedene Bestrebungen gibt – einige orientieren sich auf eine Bekämpfung der Korruption, andere auf einen Ausbau der Demokratie usw. Diese könnten innerhalb des Rahmens eines breiten, selbst technokratischen politischen Ansatzes integriert werden. Aber es gibt auch Strömungen, und dies im wachsenden Maße, die erkennen, dass das eigentliche Problem das System ist, und die keinen organisatorischen Rahmen finden, um sich auszudrücken. Gerade für diese eröffnet Podemos jetzt einen Weg. Was ist mit der Izquierda Unida? Izquierda Unida (IU, Vereinigte Linke) ist ein von der kommunistischen Partei Spaniens (PCE) angeführtes Bündnis. Als reformistische Formation verficht sie eine Orientierung, die in allen Institutionen auf eine Einigung mit der sozialistischen Partei (PSOE) hinarbeitet. Dies ist gegenwärtig z. B. in der Regierung von Andalusien der Fall, der bevölkerungsreichsten autonomen Region Spaniens. Das Fehlen alternativer Formationen, die die Mehrheit begeistern und den Widerstand organisieren könnten, lässt die zahlreichen Menschen außen vor, die sich jetzt den Kämpfen anschließen. Für viele sind Wahlen eine notwendige Option, aber nicht ausreichend. Umso mehr, als man am Willen gewisser politischer Führungen zweifeln kann, über die Institutionen der „transición“2 und des darauffolgenden Regimes hinauszugehen – eine Herausforderung, die antikapitalistische Kühnheit erfordert. Gewisse Organisationen haben sich gleichfalls als wenig fähig erwiesen, sich ausreichend in der horizontalen, radikaldemokratischen Kultur zu verankern, wie sie durch die Bewegung der Indignad@s eingebracht wurde. Vielleicht kann das Auftauchen von Podemos dazu beitragen, Veränderungen bei ihnen zu beschleunigen. S PA N I S C H E R S TA AT Wie dem auch sei, dies ist eine Herausforderung, die wir beherzt anpacken müssen, mit neuen, für alle verpflichtenden Organisations- und Handlungsformen. Falls sich solche Veränderungen ergeben, umso besser; sie werden die Versammlungen leichter gestalten. Aber selbst wenn einige Reaktionen erfolgen – wurde die Botschaft verstanden? Bis jetzt sieht es eher nach einem Nein aus oder man wollte sie nicht hören. Für uns jedenfalls, die wir keine Loyalität gegenüber einer Verfassung3 empfinden, für die wir nicht gestimmt haben – wie andere auch, von denen man verlangte, zwischen dem Franquismus und dem Zugestehen von einigen sehr beschränkten demokratischen Rechten zu wählen –, ist es erforderlich, etwas Besseres und soweit möglich Einheitliches aufzubauen. Eine Einheit, die sich auf gegenseitiges Zuhören stützt und nicht auf einen Monolog, in dem den anderen nur widersprochen wird oder der einfach nur darauf abzielt, Lektionen zu erteilen. Es sind genau diese Fehler der IU […] sowie die durch die Initiative Podemos entstehende Hoffnung, die zahlreiche nicht organisierte Personen, die sahen, dass ihre persönliche und gemeinsame Zukunft zerbrochen ist, dazu brachten, sich neuen, gemeinsamen politischen Organisationsformen anzunähern. Einem politischen Instrument, das sich politischen Maßnahmen, die die breite Bevölkerung angreifen, widersetzt und das Alternativen vorschlägt, um die Regierung zu vertreiben, das Regime zu überwinden und mit dem Kapitalismus zu brechen. Zweifelsohne kann sich Podemos nicht die politische Alleinvertretung der Linken anmaßen. Die mehr oder weniger gefestigte Präsenz von organisierten Kräften, die seit langem über ein Wählerpotential in ganz Spanien verfügen, sowie die linksnationalistischen Kräfte sind eine Realität. Sie alle sind wichtig. Wir alle sind wichtig. Es ist dringend notwendig, dass wir uns mit unseren Unterschieden anerkennen und dass wir insbesondere im Stande sind, die Themen und die Mittel zu finden, um gemeinsam Einfluss auszuüben – und dies auch zu tun. Podemos , eine Herausforderung im Aufbau Wir möchten daran erinnern, dass wegen des Fehlens wirksamer Gegenmaßnahmen (zeitliche Begrenzung der Mandate, Absetzbarkeit, Arbeitspläne und -bilanzen, Rotation der Gewählten usw.) die Ausdrucksmöglichkeiten der Basis zu einem sehr hohen Grade durch die von der Führung vorgegebenen Rhythmen und von deren Informationspraxis bestimmt werden; wohingegen diese hinsichtlich der Kontakte, der Informationen, der verfügbaren Zeit und PODEMOS erzielte bei den Europawahlen einen überraschenden Erfolg. Bloß vier Monate nach seiner Gründung und getragen lediglich von Spenden aus der Bevölkerung und den Aktiven wurde das Bündnis mit knapp 8% auf Anhieb zur landesweit viertstärksten Kraft. In Regionen wie Madrid (11,2%), Aragon (9,5%) und Asturien (13,67%) lagen sie sogar noch vor der drittplatzierten Izquierda Unida. Der Wahlerfolg der Linken bedeutet nicht nur einen Einbruch in das bisherige Zweiparteiensystem von PSOE und PP, die zusammen über fünf Millionen Stimmen verloren, sondern zeigt auch, dass vom Erosionsprozess der traditionellen Parteien und deren Diskreditierung nicht notwendigerweise eine extreme Rechte profitiert, wenn sich eine plausible Alternative Gehör verschaffen kann. Für unsere GenossInnen der Izquierda Anticapitalista, die in dem Bündnis eine tragende Rolle spielen und mit Teresa Rodriguez eine EU-Abgeordnete stellen, geht es nun darum, die Woge des Enthusiasmus in ein dauerhaftes politisches Engagement für einen Bruch mit dem herrschenden System umzumünzen und die 400 Basiskomitees in die leitenden Strukturen einzubinden. Podemos muss dabei als pluralistische und basisdemokratische Partei, gestützt auf die Massenbewegungen, aufgebaut und darf nicht Anhang einer substitutionalistischen, über den Massen stehenden Führung werden. Hierfür bedarf es neben der Stärkung unserer eigenen Organisation u.a. auch des Wiederaufbaus der gewerkschaftlichen Linken als einer der tragenden Säulen des Bündnisses der Ressourcen privilegiert ist. Dies erklärt das Zögern dieses Sektors, der sich bis jetzt nicht repräsentiert fühlt. Podemos ist ein Zusammenhang der Selbstorganisation, der den Leuten insbesondere die Möglichkeit verschafft, Macht auszuüben, die Dinge im Rahmen der gegenseitigen und kollektiven Unterstützung selbst zu tun; ein Zusammenhang, in dem die Delegierung nur zeitweilig sein kann und nur für konkrete Aufgaben definiert ist, wo die Erfahrung, die Verantwortung und die politische Fähigkeit aller auf allen Ebenen sozialisiert wird. Podemos ist eine Herausforderung, die auf den Weg gebracht wurde. Wenn man sich natürlich auch bewusst sein muss (was gerade für uns gilt), dass es weder magische Formeln noch einfache und schnelle Rezepte gibt, so bietet es doch etwas an, was andere Instrumente bislang nicht verwirklichen konnten oder doch nur bis zu einem gewissen Punkt, ohne aber sehr weit zu führen; eine horizontale Inprekorr 4/2014 17 S PA N I S C H E R S TA AT Beteiligung, die sich an demokratische Prozesse hält, ohne vertikale Unterordnung, wie sie von den herrschenden Führungen der bürokratischen Apparaten durchgesetzt wird – ohne eine wirksame demokratische Kontrolle; die Versammlung der Kollektive und der ehrlichen und kämpferischen Personen; eine wirkliche Öffnung um ein politisches Projekt, das eine gute Ausgangsposition hat. Aus diesem Grund beruht das Potenzial von Podemos grundsätzlich auf den Prozessen der Selbstorganisation der breiten Bevölkerung, der neuen AktivistInnen, die daraus hervorgegangen sind – obwohl wir die politischen Organisationen der Linken immer wieder zu einer politischen Strategie aufrufen, sich mit den sozialen Kämpfen zu verbinden. Dieser Aufruf impliziert ohne Zweifel eine Linkswende, die nicht nur in der Förderung von partizipativen Mechanismen besteht, sondern einen Bruch mit dem Sozialliberalismus in jeder Hinsicht erfordert – sei dies nun in Andalusien (wo eine Koalition aus PSOE und IU regiert), auf der Ebene Spaniens oder der EU. Genau zu diesen zwei Punkten stellt sich Izquierda Unida, der „große Bruder“ der Linken, bis heute taub. Vielleicht könnten andere Personen, die sich bereits einer anderen Formation angeschlossen haben, dieser Initiative misstrauisch begegnen (weil sie aus Gewohnheit neue Initiativen als Gegner im Wahlkampf interpretieren). Die Leute, die sich über die vergangenen Jahre den sozialen Kämpfen angeschlossen haben oder lediglich mit ihnen sympathisieren und noch nicht organisiert sind, haben sich für Podemos begeistert. Einfach, weil es sich um ein Werkzeug handelt, das sie von gleich zu gleich mitauf bauen können, mit der Garantie, dass man keine Kompromisse mit der hergebrachten Art zu funktionieren macht, weder mit dem Neo- noch mit dem Sozialliberalismus, welcher mancherorts (Frankreich, Andalusien usw.) außerordentlich enttäuscht hat. Eine kollektive, basisdemokratische Führung Die führenden Personen, die heute den Prozess anstoßen, haben eine große Verantwortung. Ihre erste Aufgabe besteht darin, sich keine Rollen zuzuschanzen, die andere erfüllen müssen. Sie müssen durch ihre Stimme in einem ständigen Dialog mit der politischen Bewegung, die ihnen diese Rolle anvertraut, die Erwartungen der zahlreichen Menschen respektvoll im Rahmen eines politischen Projektes einbringen. Indem sie sich gegenüber der führenden Rolle der Circolos (den Basisgruppen, durch die sich Podemos territorial und sektorweise organsiert) loyal verhalten, sollen 18 Inprekorr 4/2014 sie die Kontakte untereinander und die Aktionen innerhalb einzelner gesellschaftlichen Bereiche, des Arbeitslebens und der institutionellen Arbeit erleichtern und unterstützen, um überall radikale Änderungen voranzubringen. Geduldig die Ungeduld organisieren und die zentrale Rolle der Circolos Lassen wir die Hoffnung arbeiten. Ohne Ungeduld, aber pausenlos. Die Wegmarke der Wahlen steht für eine Etappe auf einer Reise, die lange und voller Hindernisse sein wird. Wir wissen, dass wir in unseren Alltagsgewohnheiten einen vertrauensvollen Umgangs miteinander und das Funktionieren mit anderen verankern müssen, um in all den Widerwärtigkeiten voranzukommen. Dies ist unsere erste Aufgabe. Aufgrund des Gegners, den wir herausfordern müssen, und der Anstrengung, die der gegenseitige Austausch der Erfahrungen und Fähigkeiten erfordert, wird der Auf bau eines gemeinsamen politischen Instrumentes nicht leicht sein. Wir werden lernen müssen, einander zuzuhören, mit den Meinungsverschiedenheiten umzugehen, uns auf gemeinsame Positionen zu einigen und gemeinsam zu handeln. Wir werden einen lebensfähigen Kompromiss finden müssen, um unser Leben führen zu können, ohne unsere Ziele aufzugeben, und ohne dass die Lebensnotwendigkeiten in eine Ecke abgedrängt werden. Wir werden dies erarbeiten und voneinander lernen müssen. Vor allem werden wir gegen unsere Ungeduld kämpfen müssen, damit diese uns nicht verzehrt oder uns in einen illusorischen Elektoralismus führt. Das Ziel ist viel weiter entfernt, aber wir beginnen, uns nun durchzusetzen – mit dem Beispiel und der Praxis, mit einer offenen Geisteshaltung. Denn diese Bewegung ist nicht ausschließend und kann dies nicht sein. Wir werden nur gegenüber Privilegien unnachgiebig sein, wo sie auch seien und wem sie auch gehören mögen. Nur so wird sich eine größere Einheit herausbilden, in der Verschiedenheit der Menschen an der Basis. Und nur so werden zukünftige Erfolge möglich sein. Übersetzung aus dem Französischen: Willi Eberle 1 Am 15. Mai 2011 fand eine große Demonstration auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid statt, aus der dann die Bewegung und die Mobilisierungen der Indignad@s hervorgingen. 2 Der Prozess zwischen 1975 und 1978, der den „Übergang“ vom Franquismus in eine formelle Demokratie bezeichnete. 3 Diese wurde 1978 in einem Referendum angenommen und ließ viele Fragen offen. Im Baskenland wurde sie verworfen. INDISCHE UNION DUNKLE WOLKEN ÜBER INDIEN Die Wahlen sind vorbei, die Befürchtungen über deren Ausgang und die düsteren Aussichten für die Zukunft des Subkontinents sind mit der absoluten Mehrheit für Narendra Modi mit seiner Bharatiya Janata Party Realität geworden. Nagesh Rao zeigt die für das Verständnis der Wahlen in Indien notwendigen Hintergründe und die sich abzeichnende Drohung eines Triumphes der hinduistischen Rechten auf. Nagesh Rao Im Vorfeld der indischen Parlamentswahlen – die Anfang April begannen und sich bis Mitte Mai hinzogen – zeigten sich viele fortschrittliche Intellektuelle, Aktivisten und Organisationen alarmiert über die Aussicht eines Sieges des Kandidaten der hinduistischen Rechten, Narendra Modi. Eine Stellungnahme gut bekannter linker Intellektueller, die in The Hindu veröffentlicht wurde, begann wie folgt: „Nie zuvor im unabhängigen Indien haben politische Kräfte, die in vorderster Front für eine Organisation eintreten, die eine Hindu-Nation schaffen will, sich derart um die Macht bemüht, wie in den kommenden Wahlen.“ In ähnlicher Weise warnten Salman Rushdie, Deepa Mehta und andere, dass die Wahl Modis „ein schlechtes Omen sei für Indiens Zukunft als eines Landes, das die Ideale der Inklusion schätzt.“ Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Praful Bidwai warnte noch eindringlicher: „Wenn Modi gewinnt, wird sein Regime wahrscheinlich Schlimmeres bewirken [als Indira Gandhis Verhängung des Ausnahmezustandes zwischen 1975 und 1976], mit systematischen Angriffen auf soziale und politische Rechte, Verfolgung jeglicher legitimer Opposition, despotischer Umsetzung wirtschaftlicher Agenden im Interesse der Konzerne und weitere Militarisierung und identitärer Segmentierung der Gesellschaft, was zur Bedrohung engagierter BürgerInnen und zur Illegalisierung und Repression abweichender Meinungen führen wird.“ Dieses Gefühl von Bedrohung ist gerechtfertigt. Narendra Modi ist ein früherer Pracharak (wörtlich: Propagandist) für die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, oder Nationale Freiwilligenorganisation), die das organisatorische und ideologische Rückgrat der faschistischen Sangh Parivar ist, einer „Familie“ fundamentalistischer Hindu-Gruppen, die militante Kaderorganisationen wie die Bajrang Dal und die Shiv Sena einschließt. Die Bharatiya Janata Party (BJP, oder Indische Volkspartei) ist der parlamentarische Flügel der Sangh Parivar. In den 1990er und 2000er Jahren entwickelte sich die BJP zum größten Herausforderer der Kongress-Partei, der dominierenden Kraft in der indischen Politik seit der Unabhängigkeit 1947. Zurzeit [vor den Wahlen] führt die BJP die parlamentarische Opposition in einer Koalition, Inprekorr 4/2014 19 INDISCHE UNION die sich Nationale Demokratische Allianz (NDA) nennt, während der Kongress die regierende Parteienkoalition Vereinigte Progressive Allianz (UPA) anführt. Modis Nominierung zum Premierminister-Kandidaten der BJP wird von vielen als Ausdruck eines RSSCoups innerhalb der Partei angesehen, durch den die alte Garde an den Rand gedrängt wurde. Die alte Garde bestand selbst aus fanatischen Chauvinisten und Despoten. Die aber gelten im Vergleich zu dem intoleranten und autoritären Modi jetzt als die „Gemäßigten“. Als leitender Minister des Staates Gujarat in Westindien präsidierte Modi einem der schlimmsten Anti-Muslim Pogrome der jüngeren Geschichte. In seinem Verlauf im Frühjahr 2002 wurden mehr als 1000 MuslimInnen getötet und mehr als 100 000 mussten fliehen. Die Beziehungen zwischen BJP und RSS waren nicht immer problemlos, weil die Erfordernisse von Wahlpolitik manchmal einen Keil zwischen ihre unterschiedlichen Strategien zur Erreichung ihres Zieles, dem Hindutva („Hindutum“), getrieben haben. Aber das waren „Familienstreitigkeiten“. Der Kandidat der Wahl für das Kapital Natürlich ist Modi die Wahl der RSS. Aber seine Machtquelle sind seine Beziehungen zum Großkapital. Große Teile der indischen Bourgeoisie unterstützen ihn mit Blick auf die Konsolidierung ihres Reichtums und ihrer Macht angesichts eines wirtschaftlichen Rückgangs und wachsenden Widerstands der arbeitenden Klassen. Ein Artikel in der Financial Times hat den euphorischen Enthusiasmus der Wirtschaftseliten eingefangen. Unter der Überschrift „Indien braucht einen Ruck – und Modi ist das Risiko, das er darstellt, wert“ beginnt der Artikel wie folgt: „Der Aufstieg von Narendra Modi hat etwas Erregendes.“ Modi findet auch Anklang bei der wachsenden städtischen Mittelklasse, deren hedonistisches Streben nach Konsumentenkapitalimus und naive Vergötterung der Superreichen nur durch ihre Verachtung für das Schicksal (und die Kämpfe) der plebejischen Massen übertroffen wird. Shiv Visvanathan schrieb dazu auf der Website RadicalSocialist.in: „Die Mittelklasse sieht in Modi einen entschiedenen, sicherheitsbewussten, entwicklungsorientierten, auf die Stadt fixierten Politiker, der allen ihren Ängsten vor Muslimen, Anarchie und ihrem Streben nach Sicherheit Ausdruck verleiht und sie zu einem riesigen Wählerreservoir macht.“ Der Hintergrund dafür sind die neoliberalen Reformen 20 Inprekorr 4/2014 in Indien seit den frühen 1990er Jahren. Ihr Ziel war es, die Wirtschaft durch die Abschaffung des hemmenden bürokratischen Regimes früherer Jahrzehnte, des sogenannten „License Raj“, zu reorganisieren. Große Staatsunternehmen wurden privatisiert oder geschlossen. Sonderwirtschaftszonen als Steueroasen und regelfreie Zonen für ausländische Investoren wurden geschaffen. Ausländische und einheimische Investitionen wuchsen und die Wachstumsrate zwischen 7 und 9 Prozent währen fast zweier Jahrzehnte sorgten für ein massives Wachstum des Reichtums der Spitzen der indischen Gesellschaft. Laut Forbes besitzen die 56 indischen Milliardäre ein Gesamtvermögen von fast 200 Mrd. Dollar. The Hindu berichtete, dass der Reichtum der 7850 reichsten Individuen des Landes 950 Mrd. Dollar beträgt; fast die Hälfte des jährlichen Bruttosozialprodukts. Aber die Jahre des hohen Wirtschaftswachstums sind vorüber. Seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 hat sich das Wachstum der indischen Wirtschaft verlangsamt und die Investitionen stürzten von durchschnittlich ungefähr 12 Prozent während des letzten Jahrzehnts auf fast null während der letzten zwei Jahre, wie Michael Roberts berichtet. Die städtische Ungleichheit erreichte inzwischen eine vorher nicht erreichte Höhe und wuchs auch in den ländlichen Gebieten an. Um ihre Popularität zu verbessern, hat die vom Kongress geführte UPA-Regierung einige kleine Reformen beschlossen, wie den National Rural Employment Guarantee Act, das jedem ländlichen Haushalt 100 Tage Lohnarbeit versprach; eine bescheidene Erhöhung des Essenszuschusses für die Armen und kleinen Änderungen im berühmt-berüchtigten Land Acquisition Act (Land Übernahme Gesetz) aus der Kolonialzeit. Aber dieser wässerige Populismus zeigte wenig Wirkung, besonders nachdem Jahre eines hohen wirtschaftlichen Wachstums die Schere zwischen Arm und Reich nicht geschlossen hat – und nach einer Reihe von sensationellen Korruptionsskandalen im Bereich von Milliarden Dollars, in die Industrielle und hochrangige PolitikerInnen verwickelt waren. Mit seiner Vetternwirtschaft, seinen Verbindungen zum Großkapital und seinen opportunistischen Appellen an die „Wählerreservoire“ der unterdrückten Kasten und Minderheiten, diskreditierte sich die Kongress-Partei. Das Versagen der UPA-Regierung trug viel zu Modis Aufstieg bei. Wie der Journalist Siddharth Varadarajan schrieb: „Modi ist, wo er heute ist – auf dem Gipfel seiner Macht INDISCHE UNION – nicht weil in Indien die Gegensätze zwischen Ethnien/ Konfessionen größer geworden sind, sondern weil die Großunternehmen ungeduldiger geworden sind.“ Die Antwort des indischen Kapitals auf den Rückgang des Wirtschaftswachstums ist der Abbau des Wohlfahrtsstaats – Abschaffung von Essens- und Heizkosten-Zuschüssen für die Armen, Verstärkung der regressiven Steuerpolitik und das weitere Beseitigen von Restriktionen für den Zugriff auf Land- und Waldgebiete für den Bergbau und die Ausbeutung anderer Rohstoffquellen. Die Art, wie sich die Großunternehmen vom Kongress – als „entschlossen“ und nicht verlässlich eingeschätzt – ab- und Modi zuwandten, schreibt Vardharajan, erzählt „eine belehrende Geschichte über die tiefe Krise, die durch Gewinnsuche und Filzokratie in der indischen Wirtschaft verursacht wurde, nachdem die unmittelbaren Gewinne aus der Liberalisierung ihre natürlichen Grenzen erreicht haben.“ Modis Wahlkampfrhetorik konzentrierte sich daher auf Themen wie „Entwicklung“ und „gute Regierung“; das „Gujarat Modell“ wurde dabei als Beispiel präsentiert. Aber dieses Modell ist mehr Schein als Sein. Während Gujarat das zweit-höchste Pro-Kopf-Einkommen des Landes hat, haben hier auch fast 5000 Bauern in der Periode zwischen 2003 und 2012 Selbstmord begangen. Gujarat hatte 2013 das siebthöchste Wachstum des Bruttoinlandsprodukts aller indischen Staaten, stand aber auf dem 13. Platz in Bezug auf das Wachstum des Konsums in den ländlichen Gebieten. Die Wirtschaftswissenschaftler C. P. Chandrashekbar und Jayati Ghosh ermittelten, dass die Löhne in Gujarat unter dem nationalen Durchschnitt liegen – und die „von männlicher informeller Arbeit am Ende der Skala in Indien, was das durch sie erzeugte Realeinkommen betrifft“. Die kommenden Gefahren Während er das „Gujarat Modell“ in den Vordergrund stellte, hat sich Modi aber nicht explizit hindu-nationalistischer Themen enthalten. Seine Reden im Nordosten des Landes sind diesbezüglich aufschlussreich. Hier wurde das Thema „illegaler Immigranten“ aus Bangladesch schon lange von Politikern benutzt, um nationalen und ethnischen Chauvinismus zu schüren. In einer Wahlkampfrede Anfang des Jahres gab Modi die absurde Behauptung von sich, dass die Staatsregierung von Assam Rhinos tötet, um Platz für ImmigrantInnen aus Bangladesch zu schaffen. Später, in der Stadt Serampore in Westbengalen rief Modi zur Abschiebung von Immigran- INDIEN Neu-Delhi Fläche: 3 287 469 km2 (mehr als 9 mal so groß wie Deutschl.) Einwohner: 1,2597 Mrd. (Bevölkerungsdichte 381 Einw./km2; zum Vergleich D.: 231) Wirtschaft: BIP 2013: 2 117 Mrd. $. Indien gehört als eines der wichtigsten Schwellenländer zu den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), basierend hauptsächlich auf den hohen Wachstumsraten in den letzten 20 Jahren: In den letzten 10 Jahren betrug das Wachstum des BIP zwischen 4,5% (2012) und 10% (2007 und 2010). Deregulierung: Seit 1991 wurde die ind. Wirtschaft in großen Schritten dereguliert, was einen großen Teil des Booms der letzten 20 Jahre erklärt. Es entwickelte sich eine bedeutsame Mittelschicht, aber die Armen haben davon wenig bis gar nicht profitiert. 44% der Bevölkerung haben weniger als 1 $/ Tag zur Verfügung. ¼ der Bevölkerung ist nicht ausreichend ernährt; 200 Mio. leiden an Hunger. Die Analphabetenrate liegt bei 37% (2006). Segmentierung: Verschärft wird die große wirtschaftliche und soziale Ungleichheit durch das Fortbestehen des Kastenwesens sowie durch religiös-nationalistische Ausgrenzung und Diskriminierung (etwa der 13% Moslems oder bspw. der 8% indigenen Stammesbevölkerung). tInnen auf, als er sagte, dass nach dem 16. Mai – dem Tag, an dem die Wahlergebnisse bekannt gegeben werden – von den Menschen aus Bangladesch erwartet würde, dass sie „ihre Koffer packen“. Jedoch nicht alle ImmigrantInnen aus Bangladesch: Hinduistische ImmigrantInnen müssten, so sagte er, willkommen geheißen und untergebracht werden. Was beweist, dass Modis Position gegen Menschen aus Bangladesch in Wirklichkeit antimuslimisch ist. Die Monate vor den Wahlen waren durch mehrere Gewaltausbrüche gekennzeichnet, einschließlich der AusInprekorr 4/2014 21 INDISCHE UNION schreitungen in Muzaffarnagar im August und September 2013, in deren Verlauf mindestens 62 Personen getötet wurden und Zehntausende von MuslimInnen flohen. Die Furcht vieler Linken vor Modi ist daher nicht überraschend. Aber nicht alle warnen. Ramachandra Guha, ein bekannter liberaler Intellektueller, schrieb kürzlich: „Diejenigen, die fürchten, dass … Narendra Modi eine „faschistische“ Regierung oder gar eine Periode einer Regierung des Ausnahmezustandes in Indien einleiten würde, unterschätzen die Stärke unserer demokratischen Institutionen und die Robustheit unseres föderalen Systems.“ Guha mag Recht haben, dass eine Abschaffung oder Außerkraftsetzung der Verfassung und die Errichtung einer hinduistischen Theokratie nicht unmittelbar bevorstehen. Der sozialistische Aktivist und Wissenschaftler Chattopadhyay warnt jedoch vor der Gleichgültigkeit, die durch Guhas Haltung begünstigt wird; denn während Guha die Warnungen der Linken als Panikmache runtermacht, gingen andere Liberale wie der Soziologe Andre Beteille weiter und haben ihre Unterstützung für Modi verkündet. Außerdem deckt die Verfassung weitreichende repressive Maßnahmen. Für die andauernde militärische Besetzung Kaschmirs mit ihrem zügellosen Machtmissbrauch und der Unterdrückung des Willens der Bevölkerung musste die Verfassung in Neu-Delhi nicht außer Kraft gesetzt werden – und das gilt auch für die fortgesetzte Unterdrückung der Adivasis und Vertriebenen in Chhattisgarh und Bihar. Das berüchtigte Armed-Forces-Special-Gesetz und viele andere repressive Mechanismen geben dem Staat auch ohne Ausrufung des Kriegsrechts eine Menge Möglichkeiten zur Unterdrückung. Ein Bericht von Human Rights Watch weist darauf hin, dass Indien die Konvention gegen Folter und die Konvention gegen das Verschwinden von Personen (Convention against Enforced Disappearance) noch ratifizieren muss: „Human Rights Watch hat eine umfangreiche Dokumentation eines Verhaltensmusters von Straffreiheit, das sehr oft nach indischem Recht legal ist.“ Die „demokratischen Institutionen“ und der „robuste Föderalismus“ des indischen Staates koexistieren problemlos mit der militärischen Gewalt, die er zum Erhalt seiner Macht in vielen Teilen des Subkontinents einsetzt; nicht zuletzt in Kaschmir. Eine Regierung Modi würde die sowieso aufstrebende Hindutva-Brigade ermutigen; sie würde die freiwilligen Moralwächter legitimieren, die Frauen auf Partys und in Bars physisch angreifen, ebenso wie die Schläger, die ver22 Inprekorr 4/2014 suchen kritische Journalisten zum Schweigen zu bringen; die Khap Panchayats (Dorfräte), die Frauen das Tragen von Jeans und die Benutzung von Mobiltelefonen verbieten wollen; die vielen Rowdys aus den oberen Kasten, die von Dalits bewohnte Dörfer und Stadtviertel terrorisieren. Obwohl sich die Wirtschaftsentwicklung verlangsamt hat, steht das indische Kapital zurzeit nicht vor unüberwindbaren Herausforderungen seiner Herrschaft durch die Linke oder die arbeitenden Klassen. Es ist nicht dabei, sich der demokratischen Verfasstheit zu entledigen und einfach die Zügel der Staatsmacht den Pravin Togadias und Baba Ramdevs zu überlassen. Aber, auch wenn die Errichtung eines faschistischen Regimes von oben nicht unmittelbar bevorsteht, würden die Kader der Sangh Parivar durch einen Sieg Modis gestärkt werden. Diesen Kräften entgegenzutreten und ihnen zu widerstehen, ist eine anhaltende Herausforderung für die Linke. Gibt es eine Alternative? Es muss erwähnt werden, dass die sogenannte „ModiWelle“ zu einem großen Teil von den Medien erzeugt wird und Ausdruck der weitreichenden Wirkung von Modis Kampagne ist - genauso wie der beständige Tanz der JournalistInnen zur Musik ihrer großindustriellen Sponsoren und Eigentümer. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels weisen Berichte von AktivistInnen aus Varanasi, wo Modi für die Parlamentswahl kandidiert, darauf hin, dass Modis Unterstützung bei ArbeiterInnen und den unterdrückten Kasten recht gering ist. Auch hat die Welle in Uttar Pradesh und Bihar, zwei Staaten, die die BJP gewinnen muss, anscheinend keinen materiellen Niederschlag gefunden. Während die Fassungslosigkeit und selbst Panik der indischen Progressiven angesichts der Möglichkeit eines Sieges von Modi offensichtlich ist, haben die meisten Wahlberichte die Bedeutung des Widerstands gegen den Neoliberalismus und seine Auswirkungen unterbewertet. Die spektakuläre Anhäufung von Reichtum bei den Spitzen der indischen Gesellschaft – was Arundhati Roy als „aufwärts schwallende“ Ökonomie bezeichnet – wurde durch die Politik sowohl von Kongress- als auch BJP-geführten nationalen Regierungen ermöglicht. In dieser Periode gab es eine bemerkenswerte Kontinuität der Wirtschaftspolitik. Auf der anderen Seite gab es Widerstand gegen die neoliberalen Prioritäten: die Rebellionen gegen Landaneignungen in Nandigram und Singur, die sich verstär- INDISCHE UNION kenden Streikkämpfe in den Autofabriken in der Delhi/ NCR-Region, die Generalstreiks 2010, 2012 und 2013 und die Anti-AKW-Proteste in Mithi Virdi und Kudankulam. Aber diese Kämpfe konnten die Richtung noch nicht ändern. Die ArbeiterInnen in den Autofabriken sind mit einer fürchterlichen Repression konfrontiert und viele militante GewerkschafterInnen schmachten seit fast zwei Jahren im Gefängnis (trotzdem hat die Gewerkschaft der ArbeiterInnen von Maruti Suzuki kürzlich einen bedeutenden Sieg errungen, als sie den Versuch der Bosse, eine gelbe Gewerkschaft zu gründen, verhindern konnte). Die von oben angekündigten und auch weitgehend so geführten Generalstreiks haben nicht genug zur Verstärkung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads oder der Selbstorganisierung der Basis beigetragen. Der heroische Kampf gegen das AKW in Kudankulam konnte seinen Bau nicht verhindern und sein prominentester Führer S. P. Udayakumar musste untertauchen, nachdem er für seine führende Rolle bei den Protesten wegen Aufruhrs angeklagt worden war. Während diese Kämpfe das Potenzial für eine Alternative der Arbeiter- und Arbeiterinnenklasse aufzeigen, waren sie bislang noch keine ernsthafte Herausforderung der bürgerlichen Politik. Das Entstehen der Aam Aadmi Partei (gegr. 2012, A. d. Red.) zeigt die Entfremdung der Bevölkerung von BJP und Kongress. AAP ist eine Partei voller Widersprüche (wie jede andere bürgerliche reformistische Partei) – ein großer Schirm, der nicht in der Lage sein dürfte, seinen inneren Zusammenhalt zu bewahren. Aber ihre Massenbasis drückt das Verlangen nach Veränderung aus. Zehn-, wenn nicht Hunderttausende städtischer Jugendlicher wurden politisiert, haben mit der traditionellen Loyalität zu dynastischer Politik gebrochen und lernen die Einzelheiten von Aktivismus und Organisierung kennen. Die organisierte Linke ist schwach und gespalten, was dazu führte, dass die Anti-Korruptions-Plattform der AAP die Unterstützung vieler progressiver AktivistInnen gewinnen konnte. Die parlamentarische Linke, geführt von der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) und der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch) (CPI-M) ist verwirrt. Ihre Kräfte lecken noch ihre Wunden nach der erniedrigenden Niederlage bei der letzten Wahl in Westbengalen. Als sie die Staatsregierung Westbengalens führte, präsentierte sich die CPI-M als „verlässlicheren“ Verbündeten westlicher Multis; sie vertrieb fast 100 000 Slum-BewohnerInnen von den Straßen Kalkuttas, erhöhte die Restriktionen für Gewerkschaften, um Streiks und Aktionen am Arbeitsplatz zu verhindern und heuerte die amerikanische Public Relations Firma McKinsey and Company um ihr Ansehen im Ausland zu verbessern. Die CPI-M hat sich als willige Komplizin bei der neoliberalen Geschäftemacherei erwiesen – und wurde dafür 2011 an den Wahlurnen abgestraft. Mehr noch: Weit davon entfernt, eine Alternative zu bürgerlicher Politik zu sein, haben die Kommunistischen Parteien aktiv einen großindischen Nationalismus gefördert, sowie die „Idee von Indien“, mit der die neokoloniale Besetzung von Kaschmir und Manipur gerechtfertigt wird. Im Kampf gegen das Kastenwesen sind die kommunistischen Parteien bestenfalls schwache Verbündete, da sie es in ihren eigenen Reihen praktizieren oder ignorieren. Außerhalb der Kommunistischen Parteien gibt es eine kleine, aber wachsende und dynamische Linke, die eine immer sichtbarere Präsenz hat bei: Streikpostenketten, Mobilisierungen gegen Atomkraftwerke in ländlichen Gebieten, der Verteidigung der Rechte der Dalits-unter den StudentInnen auf dem Campus und bei Straßenprotesten für Frauenrechte und gegen Vergewaltigung. Die nicht-stalinistische Linke steht im Falle eines Wahlsiegs von Modi vor gewaltigen Herausforderungen. Der Auf bau revolutionärer Organisationen, die eine Alternative zu Kapitalismus, Kommunalismus und dem Kastenwesen bieten, wird unter einem Modi-Regime schwieriger werden. Aber diese sich entwickelnde Linke und die verschiedenen Kämpfe, an denen sie beteiligt ist, schaffen Hoffnung in einer der verstörendsten Wahlen der indischen Geschichte. 19. Mai 2014 � Übersetzung: W. W. Inprekorr 4/2014 23 SYRIEN DIE SYRISCHE BOURGEOISIE UND DIE VOLKSREVOLUTION Gerade weil die Arbeiterklasse in Syrien von mehreren Seiten massiv bedroht ist, darf sie der Bourgeoisie nicht zu einer „nationaldemokratischen“ Wendung der Volksrevolution verhelfen. Sie muss schon jetzt um ihr Überleben kämpfen. Denn die Bourgeoisie, die sich vorerst im Ausland „in Sicherheit“ gebracht hat, scharrt schon mit den Hufen. Ghayâth Naîssa Seit gut drei Jahren läuft nun die Revolution des syrischen Volkes. Die ganze Zeit war und ist sie der Mörder- und Zerstörungsmaschine der Diktatur ausgesetzt. Die Volksmassen haben in dieser Zeit unglaubliche Opfer erbracht. Die Zahl der getöteten Menschen beläuft sich auf über 150 000; hinzu kommen die Verwundeten und die Verschwundenen, deren Zahl auch in die Hunderttausende geht. Die Hälfte der syrischen Bevölkerung befindet sich inner- oder außerhalb des Landes im Exil. Zu diesem düsteren Bild gehören auch die Zonen der Rebellen, wo die Klassen der einfachen Bevölkerung, also auch die Arbeiterklasse, die Hauptkräfte der sozialen Revolution, leben und arbeiten und massiver Zerstörung ausgesetzt sind. Die politischen Vorstellungen der Milieus der traditionellen, stalinistischen und nationalistischen Linken vor der revolutionären Welle, die die Region erschüttert hat, war durch eine Mischung aus Rhetoriken charakterisiert, die von der kommenden oder laufenden Revolution als einer nationaldemokratischen sprachen; andere gingen von einer Revolution in Etappen aus, deren erste die nationaldemokratische sein sollte, jedoch mit einer – weit entfernten – „sozialistischen Perspektive“. Diese beiden Konzeptionen stalinistischen Ursprungs beruhten auf der Idee der Existenz einer nationalen Bourgeoisie, mit der man sich verbünden müsse, um die „nationaldemokratische Etappe“ zu erreichen, um dann eine starke Wirtschaft, eine Industrie, eine Entwicklung usw. zu schaffen. 24 Inprekorr 4/2014 Auf der Grundlage dieser Konzeption entstanden „Tiersmondistische Schulen“, die die mafiöse Kompradoren- oder Rentiersbourgeoisie verteufelten und sie sorgfältig von der nationalen Industriebourgeoisie unterscheiden wollten, die das Land entwickle. Einige dieser Schulen halten die Führung der „revolutionären Partei“ in einem Klassenbündnis („des Volkes mit der nationalen Bourgeoisie“) in dieser nationaldemokratischen Etappe für notwendig. Tatsächlich führt uns dieses Konzept zu den Erfahrungen mit „nationalen Befreiungsbewegungen“ oder „Volksdemokratien“, die sich letztlich als rein kapitalistische oder staatskapitalistische Diktaturen erwiesen haben. Es geht hier nicht darum, über die vorgestellten Thesen eine theoretische Debatte zu führen. Im Gegenteil, die reale Erfahrung mit der syrischen Bourgeoisie in der gegenwärtigen Lage zeigt die Logik dieser „demokratischen Revolutionen“ auf. Geld und Macht in der Hand der Bourgeoisie Die Regime von Vater und Sohn Assad haben binnen vierzig Jahren eine starke und breite bürgerliche Klasse zusammengezimmert. Binnen drei Jahrzehnten hat Assad senior große Umsicht walten lassen, mittels ausgeklügelter Maßnahmen und einer organischen Beziehung zum Staat der Großbourgeoisie ihren Platz zu verschaffen. Er hat ein Regime der allgemeinen Korruption und Plünderung errichtet, in dem die obersten Bürokraten des Staates, vor allem seine Führungsclique und ihre Verbündeten, sich durch die Plünderung des Reichtums in eine große Immobilien-, Handels- und Industrie-Bourgeoisie verwandelt haben. Doch hatte Assad bis zu einem bestimmten Grad die soziale Rolle des Staates beibehalten, indem er das kostenlose Gesundheits- und Schulsystem aufrecht erhielt und Subventionen für lebensnotwendige Güter auszahlen ließ. Einen Teil der Arbeitslosigkeit hatte er mittels Jobs in der aufgeblähten Staatsbürokratie ohne produktive Aufgaben abgebaut, vor allem in der Armee und im Sicherheits- und Verwaltungsapparat. Diese Umsicht, nämlich einen Teil der sozialen Errungenschaften zu erhalten, wurde von seinem Sohn Baschar SYRIEN al-Assad aufgegeben, der im Juli 2000 auf den Vater gefolgt war. Stattdessen hat er die Wirtschaft rigoros und zügig nach neoliberalem Muster umgebaut, ohne sich darum zu scheren, wie dies von der Bevölkerung aufgenommen würde. Er meinte, der Sicherheitsapparat habe für lange Jahre jedem Versuch von gesellschaftlichem Protest den Garaus gemacht. Das war ein schwerer Fehler, denn die Proteste hörten nicht nur nicht auf, sondern gewannen seit 2006 an Fahrt. Das Regime „taufte“ seine neoliberale und unsoziale Politik zugunsten der Großbourgeoisie Syriens „soziale Marktwirtschaft“. Nach dem Machtantritt von Assad junior stieg der Anteil der Menschen unter der Armutsschwelle von 11 % auf 33 %; wenn man noch alle hinzurechnet, die mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen, also alle Armen gemäß den Statistiken der UNO, dann war 2009 nach den Statistiken der UNO die halbe Bevölkerung von Armut betroffen. Die neue Bourgeoisie hat sich laut Statistiken von 2009 etwa 70 % des BIP des Landes unter den Nagel gerissen. Zwischen ihr und der herrschenden Clique an der Macht gab es eine Art stillschweigenden Vertrag: „Bereichert Euch, wie ihr wollt, aber lasst uns die Macht!“ Genauso wurde während 40 Jahren verfahren. Der Staat hat auf symbolische Weise Geschäftsleute in den Volksrat integriert, der keine reale Macht besaß, und er hat die Macht der Union der Industriellen und Händler gestärkt. Ja er hat sogar mit 69 Staaten Unternehmensräte gebildet, die es den betreffenden Unternehmen ermöglichten, direkt mit den Handels-, Bank- und Industrieunternehmen und den entsprechenden Institutionen dieser Länder zu kooperieren und sich abzustimmen. Diese Gesellschaften wurden im Juni 2013 aufgelöst, weil sie sich wegen des gegen Syrien erlassenen Wirtschaftsboykotts im Niedergang befanden. Die autoritäre Form des Regimes entsprach entsprach den Interessen der syrischen Bourgeoisie, denn weil es kein juristisches oder gewerkschaftliches Hindernis für ihre Gier gab, ließ sie keinen Raum für Kämpfe gegen Ausbeutung und Plünderung zu. Welche nationale Bourgeoisie? In den ersten Monaten der Revolution drückte ein Teil dieser syrischen Großbourgeoisie dem Regime seine Unterstützung aus, während ein anderer Teil, vor allem jener, der mit der herrschenden Clique an der Macht verbunden war, die Milizen finanzierte, die mit ihm verbunden sind. Doch wie man weiß, hat das Kapital weder Vaterland noch Religion, sondern nur Appetit auf Profit. Binnen eines Jahres hat sich eine Bewegung der Kapitalflucht jener Bourgeoisie in Richtung Libanon und anderer arabischer sowie auch nicht-arabischer. Länder ergeben. Im zweiten Jahr hat sie ihre Fabriken geschlossen und Abertausende von Arbeitern einfach entlassen oder aber die Fertigung verlegt. Die Bourgeoisie brauchte nicht lange, um die Gefahr zu begreifen, die die Volksrevolution für sie darstellt. Die Zeitung al-Watan berichtete von der „Entlassung von 89 000 Arbeitern im ersten Jahr der Revolution, davon die Hälfte in den Bezirken von Damaskus mit seinen Vorstädten; gemäß den offiziellen Statistiken wurden 187 Fabriken des Privatsektors zwischen dem 1. Januar 2011 und dem 28. Februar 2012 vollständig geschlossen“. Doch „besitzen diese Zahlen keinerlei Glaubwürdigkeit, denn die Zahl der geschlossenen Betriebe und Fabriken liegt bei annähernd 500“. Die britische Financial Times hat berichtet, dass die „syrischen Unternehmer seit Ausbruch der Krise ihr Kapital diskret ins Ausland geschafft haben, und die Ökonomen haben festgestellt, dass sich diese Bewegung in dem Maße beschleunigt hat, wie sich die Gewalt in Richtung der Zentren Damaskus und Aleppo verlagert hat“. Der Wissenschaftler Samy Abboud hat den Abzug von Kapital von den syrischen Banken durch die Eigentümer (vor allem die Großbourgois) bis Ende 2012 auf fast 100 Mrd. syrische Pfund geschätzt. Doch niemand verfügt über genaue Schätzungen des Umfangs der von der Bourgeoisie vorgenommenen Kapitalflucht, vor allem auch nicht hinsichtlich der Clique an der Macht. Laut Handelskammer von Damaskus wird die „Kapitalflucht auf 20 Mrd. Dollar geschätzt“, wobei diese Zahl wohl deutlich an der Realität vorbei geht. Es gibt keine vertrauenswürdige Studie hinsichtlich der Zahl der ins Ausland verlagerten Fabriken noch über diejenigen, die zerstört wurden oder nicht mehr produzieren. Allein in Aleppo, dessen Industrie 36 % der Gesamtindustrie Syriens umfasste, beläuft sich die Zahl der Produktionsstätten, die nicht mehr arbeiten, auf über tausend, was zur Entlassung von über 500 000 Arbeitern geführt hat. Die industrielle Bourgeoisie hat die Mehrzahl ihrer Fabriken nicht heimlich, sondern mit Zustimmung des Regimes verlegt. Das hat eine Erklärung des ägyptischen Ministers für Industrie und Kommerz, Hatem Salah, Ende März 2012 bestätigt. Seinen Ausführungen zufolge sind 80 syrische Fabriken nach Ägypten verlagert worden, während „die Verlegung von 300 weiteren noch vom Erwerb des nötigen Geländes abhängig“ sei. Inprekorr 4/2014 25 SYRIEN Im März 2013 hat die syrische Regierung im Übrigen den Beschluss gefasst, den „Export“ von Fabriken zu untersagen. Der Wirtschaftsexperte Mohammad Said al-Halabi behauptete seinerseits, „bei etwa 90 % der industriellen Betriebe, die ins Ausland verlegt wurden, habe die Zustimmung des Staates und der Besitzer“ vorgelegen. Die Mehrheit der Bourgeoisie hat ihre Unternehmen nicht nur verlagert oder verkauft, sondern auch das meiste Kapital ins Ausland geschafft. Ein Gutteil der Leute ist auch ins Ausland geflohen und wartet dort ab, wie die anderen Klassen oder Fraktionen (vor allem diejenigen, die die politischen Fäden in der Hand halten) sich in einem brutalen Kampf ausbluten, bis sich die Lage beruhigt und sie zurückkommen und neuerlich unter politisch und wirtschaftlich besseren Bedingungen herrschen können. Ein anderer Sektor profitiert vom Kauf von Land, in der Bauwirtschaft, im Schwarzhandel, der Spekulation, dem Liefermonopol oder anderen lukrativen Geschäftsfeldern. Manche von ihnen, die ausschließlich davon leben, haben sich inzwischen den Namen „Kriegsherren“ erworben. Bestätigte Informationen aus dem Jahr 2013 schätzen, dass etwa 30 % der syrischen Unternehmer nach Ägypten gegangen sind, das wären etwa 50 000.Mazen Hamour, Mitglied des Verwaltungsrates der Handelskammer von Damaskus, schätzt, dass „60 % der Unternehmer das Land während des Höhepunktes der Krise verlassen haben und die Wirtschaft Verluste in der Größenordnung von 20 Mrd. Dollar erlitten hat“. Marwa al-Yatouni, Mitglied des Verwaltungsrates der Industriekammer von Damaskus und Umgebung, behauptet, dass „70 % der syrischen Unternehmer sich nun im Ausland befinden, und das ist schrecklich“. Die Arbeiterklasse, die Ausgebeuteten und das Volk Die gewerkschaftlichen Aktivitäten der syrischen Arbeiterklasse werden seit Machtantritt der Baath-Partei von oben bestimmt. 1984 hat sich das Regime die Gewerkschaftsbürokratie unter dem Motto „politisches Gewerkschaftswesen“ einverleibt. Dasselbe passierte mit dem Bauernverband, den Studenten usw. In den ersten Monaten der Revolution 2011 hat die Bourgeoisie die gelben Gewerkschaftsstrukturen und deren passive Haltung gegenüber Repression und Terror, um zahlreiche Arbeiter, Beamte und LehrerInnen zu den Demonstrationen zur Unterstützung von Baschar al-Assad zu bringen. Sobald sie aber fürchtete, die Demos könnten sich gegen das Regime wenden, da die Truppen des Regimes gegen die Massendemonstrationen der Oppositionellen vorgingen, hat das Regime die Unterstützungsdemos beendet. Das Regime fürchtet vor allem zwei soziale Gruppen, die 26 Inprekorr 4/2014 der Arbeiter und die der Studierenden. Das Gründungsdokument der regierenden „Nationalistischen und Fortschrittlichen Front““, zu der neben der Baath-Partei noch kleine nationalistische und stalinistische Parteien (die KP) gehören, enthielt einen Absatz, der diese Organisationen verpflichtete, keine Aktivitäten in diesen beiden gesellschaftlichen Sektoren und in der Armee zu entfalten. Doch die Verschärfung der Lage großer Teile der Bevölkerung hat seit 2006 zu einem Anstieg der Proteste und Demonstrationen der Arbeiter und der Massen geführt; die Unzufriedenheit erstreckte sich auch auf Zwischenschichten und die offizielle Gewerkschaftsbasis. Zu Beginn der Revolution konnte man sehen, dass die Gewalt des Regimes vor allem die von den Arbeitermassen und den Ausgebeuteten bewohnten Zonen betraf, etwa die Vorstädte von Damaskus, Deraa, Homs, Aleppo und Dir ez-Zor. Die Bourgeoisie schritt zu willkürlichen Entlassungen, auch bei Fabriken, die weit von den Gewalthandlungen entfernt oder sogar in vom Regime kontrollierten Gebieten lagen. Das Regime belagerte sogar mit seinen Milizen solche Fabriken und versuchte erfolglos, Sektoren der Arbeiterklasse in seinen Kampf zu integrieren, untersagte aber deren Mitgliedern, ihre eigenen Klasseninteressen zu verteidigen; und dies umso mehr, als der Zusammenbruch der Wirtschaft und des Lebensstandards diejenigen, die noch Arbeit haben, dazu drängt, sich an sie zu klammern. Wer arbeitslos wird, muss sich entweder der Opposition anschließen, die ihren Kämpfern einen Sold bezahlt, oder aber der sogenannten syrischen Verteidigungsarmee, einer Art Miliz des Regimes. Die wirtschaftliche und soziale Lage in Syrien ist verheerend. Anfang 2013 erreichte die Zahl der Arbeitslosen 2,96 Mio. oder 48,8 %; die reale aktive Bevölkerung wird auf 3,1 Mio. beziffert, während sie 2010 noch bei sechs Mio. lag. Das hat zu einer Ausweitung des informellen Sektors geführt; ambulante Händler bieten Waren aller Art an, darunter Benzin, oder sie schmuggeln. Die Lage der arbeitenden und einfachen Bevölkerung hat sich so verschlechtert, dass sogar die Arbeiterunion von Damaskus, die offizielle Gewerkschaft, sie in ihrem Jahresbericht zu kritisieren nicht umhin kam. Darin wird aufgezeigt, dass der Staat viel Geld gedruckt hat, was die Inflation auf 75 % hochtrieb. Die Preise besonders für Lebensmittel und Erdölprodukte sind explodiert. Der Bericht sagt, „die Kapitalflucht habe zu einer Schließung von Tausenden von Betrieben und Fabriken in Syrien und zu einer Rekordarbeitslosigkeit sowie dem Aufkommen sozialer Probleme geführt“. Die Mieten haben sich mehr als verdoppelt. Die offizielle Gewerkschaft verlangt Lohnerhöhungen zwischen 30 % und 300 %. SYRIEN Natürlich hat dies, ganz zu schweigen von der Militarisierung eines Großteils der Revolutionäre, der Gewalt des Regimes und der Brutalität der laufenden Kämpfe, den Kampf der Arbeiterklasse als Klasse und an ihrem Arbeitsplatz äußerst schwierig gemacht – auch wenn es am 29. Juli 2013 einen ersten Arbeiterstreik in einer Medikamentenfabrik in Damaskus gegeben hat. Welche Position nimmt die syrische Bourgeoisie ein? Die neue Kriegsbourgeoisie hat ein Interesse daran, die Konfrontation zeitlich zu strecken, um die geplünderten Fonds recyclen zu können. Einige ihrer Repräsentanten befinden sich auf Seiten der politischen Strukturen der Opposition, vor allem im syrischen Nationalrat oder in der Koalition der Kräfte der Revolution und Opposition, doch sie hat sich kein Verbot auferlegt, mit dem Regime zu kooperieren. Viele von ihnen haben ihre Hand auf die Ölquellen gelegt und verkaufen die Produktion dem Regime, das sie zu bekämpfen vorgeben, während andere mit dem Schmuggel in Richtung Türkei beschäftigt sind. Der Hauptteil der syrischen Bourgeoisie sieht auch weiterhin im Regime „sein Regime“. Sie machen keinen politischen Schritt, den man als feindlich oder auch nur distanziert ansehen könnte. Mouadh al-Khatib, der frühere Vorsitzende der nationalen Koalition, der einen bedingungslosen Dialog und Verhandlungen anstoßen wollte, sprach lediglich im Namen der Bourgeoisie von Damaskus. Die einzige politische Initiative der syrischen Bourgeoisie kam nach zwei Jahren Revolution, nach einem Treffen von syrischen Geschäftsleuten Ende März 2013 in Amman in Jordanien. Die „Initiative des syrischen Gewissens“ schlug vor, Baschar al-Assad sowie die gegenwärtige Regierung bis Ende 2014 im Amt zu belassen, jedoch den Verteidigungsund den Innenminister auszutauschen. Wie die Lage in Syrien sich auch immer entwickeln wird – die wirtschaftlichen und sozialen Forderungen werden im Mittelpunkt jedes politischen Projektes stehen. Sie werden mit umso größerer Überzeugungskraft in Erscheinung treten, als von ihnen neben dem Kampf um die Beendigung des Despotismus und die Erkämpfung der grundlegenden Freiheiten eine wirkliche Veränderung ausgeht. Das Regime konnte von der Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage profitieren. Es versucht, breite Teile der Volksmassen in die Verzweiflung zu treiben, damit sie sich aufs Überleben, die Flucht vor Kämpfen, Zerstörungen, Hunger und Entbehrungen beschränken. Dadurch hofft es, ihre deren revolutionäres Potential zu isolieren und zu paralysieren. Das ist ihm teilweise gelungen, denn die „befreiten Regionen“ leiden unter denselben Übeln, unter denen sie bereits unter der Diktatur litten. Hinzu kommt der wachsende Einfluss von dschihadistischen und salafistisch Kräften, die versuchen, reaktionäre soziale Verhältnisse und ihre bigotten, rückwärtsgewandten Visionen durchzusetzen; mit einem engstirnigen Islams versuchen sie sogar, ein neues Kalifat zu errichten. Dies steht in diametralem Gegensatz zu den Zielen der syrischen Volksrevolution und macht aus diesen reaktionären und faschistischen Kräften ein gefährliches Hindernis für die Weiterentwicklung der Volksbewegung. Im gegenwärtigen Stadium der Revolution und im Hinblick auf ihren Sieg haben die Volksrevolution und der bewaffnete Widerstand keine andere Wahl, als die Verantwortung zu übernehmen und diese reaktionären Kräfte – gegebenenfalls auch mit Waffengewalt – zu bekämpfen und gleichzeitig den Kampf gegen das Regime der Oligarchie fortzusetzen. Nur unter dieser Voraussetzung kann die Volksrevolution zu ihrem ursprünglichen Weg zurückkehren, dem Kampf für Freiheit, Demokratie, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Dies erfordert ein Zusammenführen der Kräfte, um eine Strategie für den Sieg der syrischen Volksrevolution zu entwickeln. Wir müssen unsere Bemühungen fortsetzen, um eine revolutionäre Massenführung zu schaffen, die in der Lage ist, sich auf die Selbstorganisation der Bevölkerung in den Regionen, die nicht unter der Kontrolle des Regimes stehen, zu stützen, sowie eine vereinigte Führung des bewaffneten Widerstandes des Volkes zu schaffen. Wir müssen den Gangs ein Ende bereiten und die faschistoiden Fundamentalisten umzingeln und sie als ersten Schritt zu ihrer Eliminierung von der Massenbewegung abschneiden, weil sie die Volksbewegung sabotieren und sogar zu Morden greifen. Für die revolutionäre Linke bleibt der Aufbau einer revolutionär-sozialistischen Arbeiterpartei eine dringliche Aufgabe, eine Frage auf Leben und Tod im gegenwärtigen Stadium des Klassenkampfes. Ghayâth Naîssa ist Mitglied der Revolutionären Strömung Syriens. Quelle: Dieser Artikel wurde zunächst auf Arabisch in „Permanente Revolution“ Nr. 4, Januar 2014, veröffentlicht (http://permanentrevolution-journal.org/ar/node/67). � Übersetzung aus dem Französischen: Paul B. Kleiser Inprekorr 4/2014 27 S ü da f r i k a SÜDAFRIKA HEUTE – WAHLEN UND POLITISCHE UMBRÜCHE Der Ausgang der Wahlen in Südafrika hat nichts an den wirtschaftlichen und politischen Bedingungen im Land geändert. Claude Gabriel Am 7. Mai sollen in Südafrika die allgemeinen Wahlen stattfinden. Höchstwahrscheinlich wird der ANC trotz allem gewinnen, aber er wird nicht unversehrt aus der Abstimmung hervorgehen. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage des Landes ist bedrückend, und die Regierungspartei sieht sich einer Folge bedeutsamer politischer Veränderungen gegenüber. Zwanzig Jahre ist es her – zwei Jahrzehnte – seit der ANC der Inbegriff einer neuen Epoche war, einer Zeit nach der Apartheid. Aber was ist inzwischen aus dem erneuerten Südafrika geworden? Im Sozialbereich nichts als Kosmetik Eingestuft als Schwellenland, bisweilen in einer Reihe mit den BRIC(S)-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und eben Südafrika) genannt, erreicht das Land dennoch nur ein sehr bescheidenes Wirtschaftswachstum von 1,9% im Jahr 2013 nach 2,5% im Vorjahr. Diese Eingruppierung ist somit eher eine symbolische oder politische als eine wirtschaftliche: Südafrika ist eines der wenigen afrikanischen Länder, die über ein strukturiertes und stabiles Staatswesen verfügen, aber seine Wirtschaftsleistung ist und bleibt sehr niedrig. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass Nigeria, welches wahrlich nicht als Musterbeispiel politischer Tugend gelten kann, ein weit höheres Bruttoinlandsprodukt vorzuweisen hat als Südafrika. Dieses leidet unter einem viel zu geringen Investitionsniveau und einer zu niedrigen Sparquote. Unter den Exporten herrschen Rohstoffe vor, besonders Platin, Diamanten, Gold und Kohle, und die private Wirtschaft hat außerhalb der Landwirtschaft seit 1980 rund eine Million Beschäftigte eingebüßt. Obwohl sämtliche volkswirtschaftlichen Bemühungen der neuen Regierung seit 1994 auf das Hereinholen ausländischer Investitionen ausgerichtet waren, ist das Ergebnis 28 Inprekorr 4/2014 himmelweit von den anfänglichen Hoffnungen neoliberaler Prägung entfernt. 2012 flossen gerade einmal 4,6 Milliarden Dollar an ausländischen Direktanlagen nach Südafrika, womit es hinter Nigeria und Mozambique weit abgeschlagen rangiert. Der Nettozustrom an ausländischen Investitionen ist zwischen 2009 und 2012 um etwa 40% zurückgegangen, um dann bei einer Höhe von zwei Dritteln des Zustroms nach Nigeria zu verbleiben. Nur 17% dieser Kapitaleingänge fließen in die Industrie, gegenüber 30% in den Bergbau und 36% in den Finanz- und Immobiliensektor. In der Folge der Politik des „quantitative easing“ der US-amerikanischen Zentralbank FED konnte sich das Land, ähnlich der Entwicklung in den anderen Schwellenländern, nicht der Tendenzumkehr und dem Kapitalabfluss widersetzen. Dies wurde im Fall Südafrikas noch verschärft durch die Häufigkeit harter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Die Währung, der südafrikanische Rand, hat zwischen 2011 und 2013 um 30% an Wert verloren. Der Gini-Koeffizient, ein Maß für die Ungleichverteilung in einer Gesellschaft, ist für Südafrika mit der höchste weltweit, er liegt – wie übrigens der für Brasilien – bei 0,58. Offiziellen Statistiken zufolge lag der Median der Einkommen 2013 bei 3300 Rand (227 Euro). Im Lauf der letzten 15 Jahre waren die Löhne größtenteils rückläufig, während die Profite zugelegt haben. Nur das oberste Zehntel der Gehälter ist tatsächlich gestiegen. Von 1998 bis 2013 ist die Lohnquote in der Privatwirtschaft um 7 Punkte auf 42% gefallen. In vielen Bereichen – darunter vor allem der Landwirtschaft und dem Abbau von Kohle und Platin – entsprechen die Löhne gerade einmal 30% der Wertschöpfung! Wie in vielen der sogenannten Schwellenländer geht der beträchtliche Reichtum Hand in Hand mit abgrundtiefer sozialer Ungleichheit. Bemerkenswert ist, dass in Südafrika noch immer die Armen dunkelhäutig sind wie zu Zeiten der Apartheid, während das kapitalistische Eigentum zum weitaus größten Teil in den Händen von Weißen verblieben ist. Die Arbeitslosenquote beträgt laut offizieller Zahlen landesweit 25%, doch alle Welt weiß, dass sie in manchen Townships die 50-%-Marke weit überschreiten. Der extrem niedrige Preis der Arbeit gestattet es zudem den Besserge- S ü da f r i k a stellten, zusätzliche Dienste zu sehr günstigen Kosten zu genießen. Die wohlhabendsten 10% der Bevölkerung vereinigen auf sich 52% aller Einkünfte. 14% bis 18% der Bevölkerung sind Studien zufolge von AIDS betroffen. Die Verbrechensquote beträgt laut offiziellen Angaben 20 000 Tötungsdelikte im Jahr, 30 000 registrierte Mordversuche, 50 000 Vergewaltigungen, 300 000 Raubüberfälle... Die Lebenserwartung war im betrachteten Zeitraum rückläufig und beträgt heute 49,5 Jahre. Die Polizeikräfte sind erheblich verstärkt worden, hinzugekommen sind außerdem 420 000 Sicherheitskräfte in privaten Diensten. Über 1,5 Millionen Südafrikaner – hauptsächlich Weiße – halten sich Leibwächter. Auch wenn 1994 das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde und alle Gesetze der Rassentrennung aufgehoben wurden, so haben doch viele Züge der Apartheid überdauert. Vor allem wegen der geringen gesellschaftlichen Durchlässigkeit bleibt die Zugehörigkeit zu Wohnvierteln auf das Engste verknüpft mit der Hautfarbe seiner Bewohner: In dieser Township leben „Schwarze“, in jener „Mischlinge“1, hinzu kommen die Gettos der MigrantInnen aus den Nachbarländern. Die LandarbeiterInnen leben weiterhin in erbärmlichen Baracken auf den Besitztümern, wo sie arbeiten. Die Elendsviertel wachsen unaufhörlich. Der massenhafte Ansturm von afrikanischen Einwanderern trifft zusammen mit einer beträchtlichen Landflucht im Inland nach dem Ende des Systems ethnischer Reservate, welches mit der unabhängigen Entwicklung der einzelnen Rassen gerechtfertigt worden war. Diese afrikanischen Arbeitskräfte erhöhen den Druck auf die Löhne, stacheln damit ungewollt den Hass der schwarzen Südafrikaner an und überleben nur, indem sie sich in allen möglichen Banden organisieren. Weltmarktintegration So sieht also die Bilanz nach 20 Jahren Regierungszeit des ANC aus, der von der Gewerkschaftszentrale COSATU und von der Kommunistischen Partei unterstützt wird. Von Anfang an ist das von Nelson Mandela geführte neue Regime zweigleisig gefahren: im Inneren eine Wirtschaftspolitik der „positiven Diskriminierung“, die den sozialen Aufstieg von Schwarzen und das Entstehen eines schwarzen Kapitalismus begünstigte, nach außen hin der Ruf nach ausländischem Kapital, das in der Lage zu sein schien, den Übergang in die Post-Apartheid zu unterstützen. Diese „Dialektik“ zeitigte gewisse Erfolge: eine Konsumwelle, die Rückkehr ausländischer Investitionen, ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt (3,1% im Jahr 1995 und 4,3% im Jahr darauf). Aber nichts davon hatte Bestand. SÜDAFRIKA Pretoria Fläche: 1.219.912 km2 (etwa dreieinhalb mal so groß wie Einwohner: Etwa 90% der 50 Mio. EinwohnerInnen sind Deutschland) Nichtweiße (hauptsächlich Schwarze, aber auch Menschen indischer Abstammung). BIP/Kopf 8 300 €; 43% (fast ausnahmslos Schwarze) leben in absoluter Armut. 80% der Ackerböden gehören Weißen, die weniger als 10% der Bevölkerung stellen. Einkommen: 60% der Bevölkerung haben nur 2 $ am Tag zur Verfügung. Die offizielle Erwerbslosenrate liegt bei 20%, real bei 35 – 40%. Wahl 2014 ANC: 62,5%, EFF: 4,6% Waren auch durch die positive Diskriminierung einige Zehntausend Schwarze in qualifiziertere und besser entlohnte Beschäftigungen aufgestiegen, und hatte auch das Entstehen einer Schicht schwarzer Geschäftsleute den inländischen Konsum angeheizt – so erblühte doch nun ein ausgeprägtes System der Korruption zugunsten von Hunderten Kadern des ANC, der kommunistischen Partei und des Gewerkschaftsapparats, die zu Aktionären der großen Gesellschaften oder Direktoren aller möglichen Unternehmen geworden waren. Innerhalb von ein paar Monaten hatte eine Vielzahl von Kämpfern gegen die Apartheid im Namen des Endes der Diskriminierung sich derart gewandelt. Und was die Öffnung des Landes für ausländisches Kapital betrifft, kehrte nach dem Abklingen der anfänglichen Euphorie zwangsläufig mehr Realismus ein. Seit Anbruch des 21. Jahrhunderts wurden China, Brasilien und Mitteleuropa für das Finanzkapital ungleich anziehender als ein Land mit immer noch schwacher Industrie, sozialer Unsicherheit und dazu einer Lage im Süden eines Kontinents mit denkbar geringem Warenabsatz. Traum und Wirklichkeit des Kapitalismus Die herrschende weiße Klasse hat jedenfalls die institutionellen Umwälzungen glänzend für sich zu nutzen gewusst, Inprekorr 4/2014 29 S ü da f r i k a um im Wesentlichen ihre wirtschaftlichen Positionen zu erhalten. Im Gegensatz dazu hat sich der Traum des ANC von der Entfaltung eines „normalen“, von den Härten der Apartheid und internationaler Isolierung befreiten Kapitalismus ganz offensichtlich nicht erfüllt. Diese Illusion hatte ihre „theoretischen“ Wurzeln in der Analyse des Rassentrennungssystems durch die südafrikanische Kommunistische Partei, die aufs Engste mit dem ANC verbunden ist: Ihr zufolge handelte es sich dabei nicht um eine spezifische Art kapitalistischer Akkumulation (die im Übrigen am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt war), sondern um eine besondere Form des Kolonialismus. Diese sehr einschränkende Analyse der demokratischen und revolutionären Aufgaben hat über lange Zeit, seit den 50er Jahren, die Nähe der KP zum ANC begründet, aber auch ihre Ausgrenzung der „Linken“ jedweder Couleur in den 80er Jahren. Als sich ab 1987 die gesellschaftlichen Kämpfe zuspitzten, wurde die KP plötzlich zum hitzigsten (ultralinken) Streiter im Kampf für den Sozialismus. Doch sobald es darum ging, das künftige Wirtschaftssystem auszuhandeln – also um 1994 herum – kehrte sie kurzerhand wieder zu ihrer früheren Lehre zurück und rechtfertigte jeglichen Kompromiss mit der Notwendigkeit, das Land über eine Phase gezügelten oder wenigstens modernen Kapitalismus aus seiner kolonialen Rückständigkeit herauszuführen. Auf dieser Grundlage haben ANC und KP die Bereitstellung von Wohnungen und den Zugang zur Grundversorgung (Wasser, Strom, Kanalisation) in Aussicht gestellt. Nur ein kleiner Teil dieser Versprechungen wurde während der Präsidentschaft von Nelson Mandela erfüllt. Musste man sich einfach in Geduld üben? Unter der Regierung seines Nachfolgers Thabo Mbeki (1999-2008) jedenfalls gab es nichts weiter als eine Verschärfung des liberalen Kurses. Dies erlaubte dann dem damaligen Vizepräsidenten Jacob Zuma, der durch seine Verwicklung in eine Bestechungs- und Vergewaltigungsaffäre unter Druck stand, sich mithilfe populistischer und stalinistischer Gruppierungen der Allianz (ANC, KP und COSATU) als linke Alternative zu empfehlen. Mbeki wurde schließlich innerhalb des ANC abgewählt, und damit war der Weg offen für die von den genannten Gruppen stark unterstützte Präsidentschaft Zumas. Es dauerte nicht lange, bis die Korruption als beherrschendes Moment seiner Regierung hervortrat, und 2013 kam dann eine neue Affäre ans Licht: Auf Staatskosten waren Megaprojekte auf seinen Besitztümern ausgeführt worden. Diese mächtige Entgleisung des Regimes führte dazu, dass ein Teil der Anhänger des ANC Zumas Rede am 10. Dezember 2013 im FNB-Stadion zu Ehren Nelson 30 Inprekorr 4/2014 Mandelas mit einem Pfeifkonzert quittierten. Die Regierung ist durchseucht von Geschäftemacherei, was die KP und die Gewerkschaften der COSATU, die mit ihren Beiträgen Erstere finanzieren, nicht davon abhält, viele „progressive“ und „proletarische“ Begründungsverweise anzuführen. Die Spaltungen Das erste Fanal war der Ausschluss von Julius Malema aus dem ANC im Jahr 2012. Er war Präsident der Jugendliga des ANC und gut vertraut mit den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Cliquen innerhalb des ANC. Ab 2008 entwickelte er eine fortschrittliche linke und stark gegen die Weißen gerichtete Linie, die manchmal Erinnerungen an die Auswüchse der Politik von Präsident Mugabe in Zimbabwe weckte. Am 10. November 2011 enthob die Kommission für innerparteiliche Disziplin ihn für 5 Jahre seines Amtes, da er die innere Spaltung des ANC betrieben, dessen nationale Führer verunglimpft und dem Ansehen der Partei geschadet habe. Am 29. Februar 2012 wurde er aus der Jugendbewegung des ANC ausgeschlossen. Daraufhin gründete Malema eine eigene Partei, die EFF (Economic Freedom Fighters). Es ist nicht leicht, diese Bewegung jenseits der Verlautbarungen ihres Anführers zu charakterisieren. Im Wesentlichen geht es um Gegnerschaft zu Korruption und Liberalismus, aber gelegentlich gibt man sich einen antikapitalistischen Anstrich. Sie verspricht der schwarzen Mehrheit „wahre Freiheit“, doch ihr wirtschaftliches Programm bleibt verworren und die innerparteiliche Demokratie fragwürdig. „In fünf Jahren wird keine Gemeinde mehr ohne Wasser oder ohne Strom dastehen“, so wird versprochen, oder „Wahre Freiheit heißt Strom, Wasser, gute Arbeit und ausreichende Löhne“. Das Aufsetzen der „roten Mütze“ durch alle Aktivisten und das bisweilen militaristische Auftreten erwecken den Eindruck einer Strömung, die von radikalem afrikanischem Nationalismus mit sozialistischem Einschlag inspiriert ist, wie es am Ende des Befreiungskampfes auch Bewegungen wie die Frelimo in Mozambique, die angolanische MLPA oder vor allem die Zanu von Mugabe sein konnten. Das Ereignis ist allemal bedeutsam. Die EFF hat heute einen gewissen Einfluss auf die Jugend, und ihre Listen könnten bei den kommenden Wahlen ein paar gute Ergebnisse erzielen. Die Herkunft als Abspaltung des ANC erhöht ihre Symbolkraft. Das zweite, noch bedeutendere Ereignis war das Massaker vom 16. August 2012, als 34 streikende Arbeiter der S ü da f r i k a Bergbaugesellschaft Lonmin bei Marikana bei der gewaltsamen Auflösung ihrer Versammlung getötet wurden. Der hierdurch ausgelöste Schock ist umso größer, als Erinnerungen an die schlimme Unterdrückung durch das weiße Regime wachgerufen werden. Zuma sah sich gezwungen, eine einwöchige Staatstrauer auszurufen. Aber viel größere Aufmerksamkeit verdienen die Auswirkungen auf gewerkschaftlicher und politischer Ebene. Während der gesamten Dauer dieses Streiks hatte die Bergbaugewerkschaft NUM, einer der Pfeiler der COSATU, sich geweigert, die Forderung der Streikenden nach einer Lohnerhöhung auf 12 500 Rand monatlich (ungefähr 850 Euro) zu unterstützen. Die NUM erschien dabei als willfähriges Werkzeug der Bergbaugesellschaft und damit von Cyril Ramaphosa, dem ehemaligen Vorsitzenden der NUM in der Zeit der Apartheid, der heute eine der Leitfiguren des ANC und … Gesellschafter der genannten Firma ist und der als Fürsprecher einer harten Haltung auftrat. Damit wurde die rote Linie überschritten, und die verbreitete Abneigung ist eine Folge dieser Verfilzung von Bürokratie und Geschäftemacherei. Als erste hat die Metallgewerkschaft NUMSA den Kampf eröffnet, indem sie auf ihrem Kongress im Dezember 2013 das Ende ihrer Unterstützung für den ANC und die KP bekannt gegeben hat. Schluss mit finanziellen Zuwendungen und der Unterstützung bei Wahlen, die Losung lautet jetzt „Marikana nicht vergessen“. Die Spaltung der COSATU schreitet nun voran, wobei die NUMSA vor der Aufgabe steht, zu überzeugen und zusammenzuführen. Eine schwierige Sache, zumal die Gewerkschaft zugleich ihren Willen betont, wieder eine sozialistische Arbeiterbewegung aufzubauen und die Frage der Bildung einer Arbeiterpartei aufwirft. Dies ist eine sehr schwierige Aufgabe, zumal dabei mit der stalinistischen Vergangenheit gebrochen werden muss, besonders was die Beziehung zwischen Partei und Gewerkschaft betrifft. Das erfordert nämlich eine Klärung hinsichtlich aller bürokratischer Mechanismen – angefangen mit der Verwaltung der gewerkschaftlichen Gelder. Die Art und Weise, wie es der NUMSA gelingen wird, ohne Vorherrschaftsanspruch Verbindungen zu den unterschiedlichen Organisationen in den Townships und auf dem Land zu knüpfen, wird dabei von großer Bedeutung sein. Die Gewerkschaftsbewegung ist seit über 20 Jahren nicht in den Elendsvierteln präsent und muss nun – auch wenn sie unabhängig ist – erst noch ihre Nützlichkeit unter den großen Teilen der Bevölkerung beweisen, die von der Lohnarbeit ausgeschlossen sind. Es handelt sich damit heute schon um eine außerordent- liche Veränderung in der politischen Situation des Landes. Denn all dies wird ausgetragen vor dem Hintergrund täglicher sozialer Auseinandersetzungen, von Arbeitskämpfen und von Protestbewegungen in den elendesten Townships. Während dieser Artikel geschrieben wird, sind 80 000 Minenarbeiter seit 6 Wochen im Ausstand. Das Ziel einer demokratischen, volksnahen und sozialistischen Kraft Was da begonnen hat, wird ein langer Prozess sein. Es wird weitere Abgänge und weitere Spaltungen geben. Und es ist eine neue Generation von Aktiven auf den Plan getreten, die nichts anderes kennt als die Regierung des ANC und die sich nicht mehr so stark den bestehenden Sinnbildern der Vergangenheit verpflichtet fühlt. Die südafrikanische Linke wird in verschiedenen Bereichen tätig werden müssen: die Diskussion mit der Führung der NUMSA oder einem Teil der EFF verfolgen (zweifellos auch noch mit anderen), aber auch ihren eigenen gesellschaftlichen und politischen Einfluss unabhängig vom Fortgang des allgemeinen Umgruppierungsprozesses ausbauen. Die Tatsache, dass die erdrückende Mehrheit der Armen und der Arbeiter Schwarze sind, und dass die südafrikanische Wirtschaft im Kern weiterhin in den Händen einer weißen Bourgeoisie liegt, zeigt, dass der „rassische Kapitalismus“ immer noch gegenwärtig ist. Folglich müssen die Kämpfe auch heute immer noch die Form von Widerstand gegen diese spezifische Unterdrückung annehmen. Die politische Komplexität des Landes bewirkt, dass es weiterhin schwierig sein wird, die notwendige Verbindung von emanzipatorischen Forderungen einerseits und antikapitalistischen Forderungen andererseits herzustellen. 13. April 2014 � Übersetzung: V. K. 1 Nach einer Übereinkunft progressiver Kräfte aus der Zeit des Kampfes gegen die Apartheid bezeichneten sich in Südafrika all diejenigen als „Schwarze“, denen die uneingeschränkte Wahrnehmung der Bürgerrechte verwehrt war (Schwarzafrikaner, Mestizen, Inder). Aber das Gesetz unterschied sie rechtlich wie auch nach dem Wohnort, in dem sie leben durften, und zwar nach einer Rangfolge, welche die Afrikaner auf die unterste Stufe stellte, zusätzlich aufgeteilt nach ihrer ethnischen Abstammung (Zulu, Xhosa usw.). Inprekorr 4/2014 31 Venezuel a WIDER DIE OFFENSIVE DER NEOLIBERALEN RECHTEN Venezuela ist zerrissen zwischen den Destabilisierungsversuchen der Rechten, den Beschränkungen des bolivarischen Prozesses und der Möglichkeit, dass die Arbeiterklasse und die Volksbewegungen das Projekt mit seinen Spannungen und Widersprüchen vorantreiben. Die argentinische Historikerin Valeria Ianni hat dazu Franck Gaudichaud befragt. Wie charakterisierst Du die gegenwärtige Lage in Venezuela? Um was geht es dort? Als Ausgangspunkt ist festzustellen, dass wir es mit einer ungeheuren globalen Medienkampagne gegen den bolivarischen Prozess zu tun haben. Deswegen ist es wichtig, Räume der Gegeninformation zu schaffen. In Anbetracht von dermaßen viel Fehlinformation ist zunächst einmal zu unterstreichen, dass der bolivarische Prozess ein langfristiger Prozess ist, mit umfangreichen sozialen Errungenschaften (in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Verringerung der Ungleichheit), Demokratisierung (neue Verfassung), zunehmender Machtübernahme und politischer Einbeziehung der Volksklassen. Er steht in einem sehr straffen Verhältnis zu der charismatischen Führungspersönlichkeit, die Hugo Chávez gewesen ist. Dieser Prozess ist auch für die Herausbildung von neuen Hoheitsrechten für das Volk auf nationaler Ebene und die Schaffung von ALBA, UNASUR und CELAC entscheidend gewesen. Von daher hätten ein bedeutsamer Rückschritt in Venezuela und die Wiederkehr des Neoliberalismus tiefgreifende und sofortige Auswirkungen auf die Region. All das erscheint offenkundig, doch es ist unabdingbar, das Wesentliche und die geopolitischen Kräfteverhältnisse zu betonen, zu einer Zeit, in der die herrschenden Medien – und die venezolanische Opposition – von „castro-kommunistischer Diktatur“ und von „Völkermord“ in Venezuela sprechen … Die gegenwärtige Lage ist hochgradig angespannt, da der reaktionärste Teil der Opposition auf Gewalt und Destabilisierung durch die Straße setzt. In diesem Kontext gibt es in den Reihen der Linken eine Tendenz zu einem vereinfachten 32 Inprekorr 4/2014 Verständnis der Lage: Man sagt, man sei entweder gegen den Imperialismus oder für den „faschistischen“ Putsch. Diese binäre Sichtweise erscheint mir verheerend. Natürlich muss man den „Aufstandsversuch“ der Rechten anprangern und sich einheitlich dagegen stellen. Wir wissen, dass die USA bei dieser Destabilisierung klare geopolitische Interessen haben; die Verbindungen zwischen den „Falken“ in Washington und dem von Leopoldo López angeführten Teil der Opposition in Venezuela sind keine Verschwörungstheorie, sondern objektive Information. Es gibt auch eine reale Intervention von Kolumbien aus und seitens des „Uribismus“ sowie ein Eindringen von Paramilitärs, vor allem im Grenzstaat Táchira. Diese Aspekte sind wichtig. Haben wir es nun mit einem Staatsstreich im Stil vom April 2002 zu tun? Meiner Ansicht nach nein. Denn erstens sind die realen Kräfteverhältnisse anders als 2012. Der Generalstab und die Streitkräfte unterstützen die Regierung eindeutig; die Großbourgeoisie setzt nicht auf Gewalt und eine verfassungswidrige Lösung. [Der Unternehmerverband] Fedecámaras und die wichtigsten Unternehmer (wie Mendoza von dem Konzern Polar) nehmen an der Friedenskonferenz mit [Präsident] Maduro teil und verurteilen die Gewalt auf den Straßen. Das heißt, die zentralen Elemente der Situation im April 2002 sind zurzeit nicht gegeben. Es gibt allerdings einen Teil der Rechten um Leopoldo López, der eindeutig auf die Gewalt auf den Straßen setzt und zum Sturz von Maduro aufruft. Das Beunruhigende ist, dass es diesem Sektor gelungen ist, sehr bedeutende Mobilisierungen zustande zu bringen – im Staat Táchira, in Mérida mit der Studierendenbewegung, auf den Straßen von Caracas. Sicherlich kommen diejenigen, die sich an diesen Mobilisierungen beteiligen, vorwiegend aus den wohlhabenden Stadtteilen, aus der Oberklasse und der oberen Mittelschicht, aber auch aus der nicht so gut gestellten Mittelschicht. Gewalttätige Sektoren der Rechten gewinnen Raum in der Gesellschaft. Sie wenden Gewalt gegen Beschäftigte und gegen AktivistInnen der Barrios an, sie errichten Barrikaden (die „guarimbas“); sie sind für die große Mehrzahl der Morde in den letzten Wochen verantwortlich. Die neoliberale Opposition ist zum Teil fragmentiert, aber jeder spielt seine Rolle gegen den [revolutionären] Prozess, von Henrique Capriles oder [der Partei] COPEI (Comité de Organización Política Venezuel a Electoral Independiente), die sagen, sie würden nach den aufeinander folgenden Wahlniederlagen auf Dialog setzen, bis zu Parteien wie Leopoldo López’ Voluntad Popular oder wie dem Verband Súmate und der Abgeordneten María Corina Machado, die auf die Schaffung eines mehr oder weniger aufständischen Klimas setzen und nicht auf die nächsten Wahlen warten wollen. Einige Analytiker wie Ignacio Ramonet haben die Existenz eines „langsamen Staatsstreichs“ festgestellt, der auf den Destabilisierungstheorien von Gene Sharp beruht. Ich meine aber, für die antikapitalistische Linke ist das zentrale Thema, nicht nur all dies anzuprangern, sondern auch weiterhin „von links unten“ zu denken. Es geht darum, kritisch und dialektisch zu begreifen, welche Elemente es im Raum des Chavismus gibt, die es möglich machen, dass so große Enttäuschung in verschiedenen Schichten der Gesellschaft, nicht nur seitens der Studierendenbewegung, zum Ausdruck kommt. In diesem Sinn müssen wir auch die Widersprüche und Schwächen der „bolivarischen Revolution“ benennen und den kritischen Stimmen der revolutionären und Volksbewegung innerhalb und außerhalb des Chavismus zuhören. Auf [der Webseite] Rebelión haben wir Beiträge von verschiedenen venezolanischen Verfassern veröffentlicht, die in diese Richtung gehen, von Roland Denis, Simón Rodríguez P., Javier Biardeau, Gonzalo Gómez usw. Worin bestehen die Schwächen des Chavismus hauptsächlich? Zuerst wäre der Regierungs-Chavismus vom bolivarischen arbeitenden Volk zu unterscheiden. Für mein Verständnis gibt es hier Spannungen, vor allem ein Jahr nach dem Ableben von Hugo Chávez. Er war ein zentraler Manager des Prozesses, der dazu imstande war, zwischen der Vertikalen der Führung und der breiten Ebene der Partizipation der Bevölkerung zu pendeln. In der Ära des „Chavismus ohne Chávez“ verfügt Maduro über die Legitimität durch demokratische Wahlen: Er hat die Präsidentschaftswahl [im April 2013] korrekt gewonnen und die Kommunalwahlen [vom Dezember 2013] haben den erneuten bolivarischen Sieg an den Urnen bestätigt (mit 17 Siegen bei 18 Wahlgängen). Aber Maduro verfügt nicht über die charismatischen Führungseigenschaften von Chávez, während es einen beschleunigten wirtschaftlichen Niedergang gibt. Natürlich wird viel über Unsicherheit gesprochen, vor allem von der Rechten, aber das ist auch die große tagtägliche Sorge für die Volksklassen. Doch treten die Probleme in der jüngsten Zeit stärker auf wirtschaftlicher Ebene auf: Die Zentral­ bank von Venezuela hat bekannt gegeben, dass bei 28 % der Konsumgüter Mängel auftreten und dass die Inflation 2013 bei 56 % gelegen hat. Dadurch werden die Löhne der Beschäftig- ten beschnitten. Die schlechte Leitung der Wirtschaft und die Art von Geldwechsel verstärken die Spekulation, den schwarzen Markt und das Horten durch die Kompradorenbourgeoisie. Einige marxistische Ökonomen wie Manuel Sutherland oder Víctor Álvarez sprechen von der größten Kapitalflucht in Südamerika. Mehrere „Marschallpläne“ werden nach Miami verbracht. Sicher sind die Inflation und der Warenmangel ein Produkt der Offensive der herrschenden Klassen, aber auch einer ineffizienten Wirtschaftspolitik. Ein weiteres grundlegendes Thema ist die Korruption nach 15 Jahren bolivarischem Prozess. Wie kann man bei derartiger bürokratischer Korruption behaupten, es werde der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ aufgebaut? In Anbetracht des Umfangs des Phänomens, das mit dem Modell des nach wie vor hegemonialen PetroRenten-Kapitalismus1 verbunden ist, reicht es nicht aus, dass es ein Ministerium für „poder popular“ gibt … Ich sehe keine andere Lösung als die der Kontrolle der Staatsverwaltung von unten, demokratische Partizipation und Räte der Beschäftigten sowie Stärkung der existierenden kommunalen Räte. Wie soll man ansonsten auf Dauer der Offensive der Rechten entgegentreten? Mit Dialog und Frieden mit [antichavistischen Wahlbündnis] der Mesa de Unidad Democrática, mit [dem Medienmogul und Milliardär Gustavo] Cisneros und der Bolibourgeoisie? Zudem ist daran zu erinnern, dass die für den Putsch vom April 2002 oder für die Morde vom April 2013 Verantwortlichen bis heute nicht bestraft worden sind. Es ist auch sehr besorgniserregend, dass die Mörderbanden gegen GewerkschafterInnen, die es im Land gibt, nicht bestraft werden; welches Niveau von Repression es gegen einige Arbeiterstreiks gibt; dass zunehmend Gebiete militarisiert werden (im Staat Táchira hat der bolivarische Gouverneur öffentlich sein Unbehagen darüber geäußert und sich davon distanziert). Vor kurzem haben Präsident Maduro und die Staatsanwaltschaft die Verantwortung der Nationalgarde und der bolivarischen Polizei für den Tod und die Misshandlung verschiedener Demonstranten anerkannt; hoffentlich bleibt das nicht straflos, denn der Staat muss die Grundrechte garantieren. Du hast Dich kritisch auf den Weg bezogen, den die Regierung beschreitet, um die Offensive der Rechten zu bremsen. Was wäre deiner Ansicht nach die effektivste Art und Weise, um der Rechten entgegenzutreten? Die beste Art und Weise, sich zu verteidigen, ist die Vertiefung der Revolution und der Errungenschaften des Prozesses, wie es einige venezolanische antikapitalistische Sektoren vorschlagen. Das heißt Stärkung eines kritischen und vom Volk ausgehenden, von der Bürokratie und der Bolibourgeoisie Inprekorr 4/2014 33 Venezuel a unabhängigen Ansatzes, der auf eine Machtgewinnung von unten ausgerichtet ist. Ich meine, dass die Absicht der Regierung vollständig gerechtfertigt ist, auf die Gewalt auf den Straßen kaltes Wasser zu schütten, mit ihren Aufrufen zu Dialog und Frieden. Nun, Dialog und Frieden – ja, aber wofür und mit wem? Hoffentlich wird die Priorität auf dem Dialog mit den mobilisierten Teilen des Volkes liegen, den organisierten Beschäftigten, die nach Wegen zur Volksmacht suchen, den Bauern und Bäuerinnen, die Agrarreformen wollen, den Indígenas, zusammen mit mehr konkreten Ankündigungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Sicherlich hat Maduro bereits Ankündigungen zu dem „Wirtschaftskrieg“ gemacht, aber außer dem positiven „Gesetz über gerechte Preise“ bezogen sie sich auf Anpassungsmaßnahmen und eine Abwertung. Im Gegensatz dazu schlagen kleine Strömungen wie Marea Socialista und andere außerhalb des Chavismus (libertäre, marxistische, trotzkistische Strömungen) vor, der neoliberalen Rechten mit revolutionären Maßnahmen entgegen zu treten: zum Beispiel durch eine Kontrolle des Außenhandels, aber mit Beaufsichtigung durch die BürgerInnen (damit Korruption vermieden wird); nachdrückliche Bekämpfung der Spekulation und Zentralisierung der ausländischen Devisen; Eingriffe in das Bankensystem unter gesellschaftlicher Kontrolle, damit die Ölrente nicht zum Teil von denen, die horten, an sich gerissen wird; Unterstützung der kommunalen Räte durch mehr Befugnisse, Förderung der nationalen Produktion von Lebensmitteln und Bildung eines demokratischen nationalen Planungssystems. Ich betone, ich gebe hier nur Erklärungen von venezolanischen bolivarischen und antikapitalistischen Kollektiven wieder. Schritte in diese Richtung würden sicher auch bedeuten, über die internen Widersprüche der Volksbewegung nachzudenken, über ihre Schwächen und Grenzen, aber auch über das Gewicht des politischen Bonapartismus, beispielsweise in der PSUV. Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Prozess in Chile während der Regierung Allende und dem in Venezuela stellst du fest? Vor allem in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Räumen der Volksorganisierung und einem Staat, der trotz aller Veränderungen weiterhin ein kapitalistischer Staat ist. Mir scheint Folgendes zuerst einmal ganz wesentlich zu sein: In Venezuela existiert der kapitalistische Staat noch, wenngleich mit neuen, viel demokratischeren Institutionen. Der Staats- und Rentierkapitalismus ist vorherrschend und über 70 % des Bruttoinlandprodukts befinden sich in den Händen des Privatsektors. Sich strategisch zu positionieren, bedeutet 34 Inprekorr 4/2014 zuerst einmal zu wissen, wo wir stehen. Wie in Venezuela bedeutete die Unidad Popular 1973 in Chile große demokratische und soziale Errungenschaften sowie Gewinnung von Macht von unten, die zudem durch eine gewerkschaftlich und politisch stark organisierte Arbeiterklasse gestützt wurde. Ein großes Defizit in Venezuela ist, dass es nicht gelungen ist, eine klassenbewusste, demokratische und von der Staatsbürokratie unabhängige Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung aufzubauen. Ein weiteres interessantes Element war die spannungsgeladene Beziehung zwischen der Volksbewegung und der Regierung Allende. Ich habe die „cordones industriales“ als besondere Organisationsform der Volksmacht untersucht2, in verschiedenen Momenten waren die „cordones“ imstande, sich gegen Allende zu stellen und revolutionäre Maßnahmen zu verlangen. Ein weiterer Diskussionspunkt ist: Wie weit können wir auf die Institutionen vertrauen, auf die Möglichkeit, den Staat zu „benutzen“, um die Gesellschaft von oben her zu reformieren; anders ausgedrückt ist die Frage, ob wir den Sozialismus vom Staat her aufbauen oder ob wir Sozialismus von der konstituierenden Volksmacht, der Arbeiterkontrolle und der Partizipation der BürgerInnen her aufbauen. In Venezuela sind zum Beispiel Erfahrungen der gemeinsamen Leitung [durch Belegschaft und Staatsverwaltung] wie bei Sidor rasch erstickt worden. Dasselbe gilt für das höchst komplizierte Thema der politischen Gewalt, der Rolle des Imperialismus und der Streitkräfte: Es steht ja fest, dass der Prozess in Venezuela anders als in Chile als „friedlich, aber bewaffnet“ gedacht worden ist. Es gibt in Venezuela eine zivil-militärische Dynamik, die sich deutlich von der Erfahrung in Chile unterscheidet. Darüber hinaus liefert die „bolivarische Revolution“ einen aktuellen Beitrag zu der nicht abgeschlossenen Debatte der Unidad Popular: Was können wir mit dem Staat machen und mit welcher Art von Staat? Bis zu welchem Punkt sind die Regierung und Wahlen Werkzeuge demokratischer Errungenschaften und wie kann man sich entschieden auf Formen der Volksmacht stützen, um weiterzugehen? Wie kann man den Rechten und dem Imperialismus mit den besten Kräfteverhältnissen entgegentreten? Franck Gaudichaud ist Universitätsdozent und Mitglied der Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) und der IV. Internationale. � Übersetzung aus dem Spanischen: Friedrich Dorn 1 Vgl. hierzu: F. Gaudichaud, „Las tensiones del proceso bolivariano: nacionalismo popular, conquistas sociales y capitalismo rentista“, Rebelión, Dezember 2012, www.rebelion.org/noticia. php?id=160554. 2 F. Gaudichaud, Poder popular y cordones industriales en Chile, Santiago: LOM, 2004. Die Internationale 36 STOPPT DEN KONFRONTATIONSKURS UM DIE UKRAINE! Der Erste Weltkrieg sollte uns lehren, dass Linke nichts zu gewinnen haben, wenn sie sich in diesem Spiel auf eine Seite schlagen. 38 ERKLÄRUNG DES RSB ZUR UKRAINE Ohne die Triebfeder des sozialen Protests hätte die Maidan-Bewegung nicht diese Dimensionen angenommen. 46 DER KRIEG UND DIE INTERNATIONALE Der Erste Weltkrieg – zu seinem Verständnis gehört mehr als die Klärung der Frage der Alleinschuld oder Hauptschuld Deutschlands. 56 VOM ELEND DES REVIDIERTEN MARXISMUS UND DER ALTERNATIVEN POLITIKBERATUNG Mit vielen eigenen Gedanken zur marxistischen Ökonomie reichert der Autor seine Besprechung der „Apologie von links“ an. d i e I n t e r n at i o n a l e STOPPT DEN KONFRONTATIONSKURS UM DIE UKRAINE! Der Erste Weltkrieg sollte uns lehren, dass Linke nichts zu gewinnen haben, wenn sie sich in diesem Spiel auf eine Seite schlagen. Die Agenda der Arbeiterbewegung und der fortschrittlichen Kräfte muss unabhängig davon sein! Stellung­ nahme der Koordination der isl 1. In der Ukraine drohen ein Bürgerkrieg und die Spaltung des Landes. Es rasen zwei Züge aufeinander zu: der Expansionskurs der Nato und die Freihandelspolitik der EU nach Osten und der Versuch Russlands, Teile der früheren Sowjetunion in eine eurasische Zone unter russischer Vorherrschaft zurückzuholen. 2. Die Ukraine wurde erst 1991 unabhängig und ist von zahlreichen historischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Trennungslinien durchzogen. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde der damals zu Polen gehörende Westen von polnischen Großgrundbesitzern ausgebeutet, während der Osten in den 1930er Jahren stark unter der stalinistischen Zwangskollektivierung mit Millionen von Todesopfern zu leiden hatte. Nach dem Krieg wurden im Osten sowjetische Schwer- und Militärindustrien errichtet; im Gegensatz zum agrarischen Westen gibt es hier eine starke Arbeiterschaft, deren Einkommen im Schnitt doppelt so hoch liegt wie im Westen, auch wenn Teile dieser Industrien heute daniederliegen. Das Ende der Sowjetunion hat zu einem tiefen Wirtschaftseinbruch geführt, von dem sich die Ukraine, die von etwa 100 Oligarchen beherrscht wird, bis heute nicht erholt hat. Ihr Bruttoinlandsprodukt liegt mit 3200 Dollar pro Kopf bei weniger als einem Drittel des russischen BIP und somit auf dem Niveau eines Dritt-Welt-Landes. 3. Die Proteste auf dem Maidan waren nicht allein vom Wunsch nach stärkerer Annäherung an die EU getrieben, sondern mehr noch von der Auflehnung gegen die Korruptheit des Regimes und gegen Polizeigewalt (vor allem nach dem brutalen Einsatz der Berkut im Dezember und der Verabschiedung der Sondergesetze im Januar) sowie vom Wunsch nach mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Aufgrund ihrer Fähigkeiten im organisierten Straßenkampf spielten ultranationalistische bis faschistische Verbände wie der „Rechte 36 Inprekorr 4/2014 Sektor“ bei der Verteidigung des Maidan gegen die Angriffe der Sonderpolizei von Janukowitsch eine herausragende Rolle. Es gelang ihnen, das so erworbene Ansehen im Zuge der Eskalation der Auseinandersetzungen in eine politische Führungsrolle umzumünzen. Svoboda und der „Rechte Sektor“ konnten sich dadurch auch in der neu gebildeten Übergangsregierung wichtige Positionen sichern. Diese Regierung hat sofort einen aggressiven antirussischen Kurs eingeschlagen und den politischen Teil des EU-Assoziierungsabkommens sowie einen Kreditvertrag unterzeichnet, der ein hartes Sparprogramm, umfangreiche Privatisierungen und die Abwicklung der Schwerindustrie im Osten impliziert. Die Oligarchenherrschaft wurde nicht beendet, im Gegenteil, sie ist drückender als zuvor. Die Bevölkerung im Osten und Südosten des Landes hat dies zu Recht als einen Generalangriff auf ihre Arbeitsplätze und auf die Rechte der russischsprachigen Minderheit verstanden; die Aufmärsche des Rechten Sektors und der Konfrontationskurs der neuen Regierung haben bei ihr Ängste und Empörung ausgelöst, diese stellt für sie eine schwere Bedrohung dar und sie erkennt ihre Legitimität nicht an. Aber auch auf Seiten der Aufständischen im Südosten sind nationalistische bis separatistische, in diesem Fall pro-russische, Kräfte tonangebend. Obwohl das von Westeuropa aus schwer zu beurteilen ist, so scheint es doch, dass nach wie vor beträchtliche Teile der Bevölkerung im Südosten der Ukraine einen Verbleib in der Ukraine wünschen. 4. Die Westmächte tragen die Hauptverantwortung für die entstandene Situation. Sie haben frühzeitig ihr Versprechen gebrochen, im Gegenzug zur Anerkennung der deutschen Wiedervereinigung die Nato nicht nach Osten auszudehnen, haben große Teile der früheren Sowjetrepubliken militärisch und ökonomisch ihrem Einflussbereich angegliedert und die Ukraine mit dem Drängen auf die Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der EU in die Situation getrieben, sich zwischen Russland und dem Westen zu entscheiden. Westliche Regierungen, auch die Bundesregierung, haben auf dem Maidan offen die nationalistischen Kräfte unterstützt und die Swoboda-Partei hofiert. Die neue ukrainische Regierung ist inzwischen von den Krediten der EU und des IWF abhängig und wird von der Nato militärisch aufgerüstet, was die Bevölkerung im Ostteil des Landes nur als Bedrohung d i e I n t e r n at i o n a l e empfinden kann. Jetzt ist die Lage zum Zerreißen gespannt und die Nato gießt noch Öl ins Feuer, indem sie an den Ostgrenzen der EU Truppen aufmarschieren lässt und die USA mit privaten Söldnern in der Ukraine operieren! 5. Die russische Regierung ist bestrebt, ihren Status als Großmacht um jeden Preis zu verteidigen. Sie interveniert in der Ostukraine hauptsächlich über die Mobilisierung „russischer Kämpfer“, die zumindest teilweise unter dem Kommando russischer Reserveoffiziere stehen und sich zu „Beschützern der russischen Bevölkerung“ aufspielen. Auf diese Intervention allein lässt sich der pro-russische Separatismus jedoch nicht reduzieren. Die Ostukraine wird von einer Schwerindustrie dominiert, die eng mit dem russischen militär-industriellen Komplex verflochten ist. Russisches und ost-ukrainisches Agieren lässt sich deshalb häufig nicht auseinander halten. Putins zynisches Spiel, die Ukraine je nach Interessenlage mit Gas und Öl und mit billigen Krediten zu versorgen oder sie davon abzuschneiden, ist der beste Beweis dafür, dass auch für die russische Regierung die Ukraine nicht mehr als eine Figur auf dem Schachbrett im Spiel zwischen Großmächten ist. Russland ist keineswegs die antifaschistische Macht, als die es sich gerne darstellt. Unter den Kräften, die im Osten und Südosten öffentliche Gebäude besetzen und sich den Faschisten vom Rechten Sektor entgegenstellen, sind nicht wenige, die selber Mitglieder russischer faschistischer Organisationen waren oder sind und beste Kontakte zum russischen Geheimdienst unterhalten. Faschisten und Ultranationalisten gibt es auf beiden Seiten. Sie führen keinen antifaschistischen Kampf, ebenso wenig wie die Herrschenden im Westteil des Landes keinen Kampf um Rechtsstaatlichkeit führen. 6. Nur eine soziale Bewegung, die sich gegen jeden Nationalismus stellt und stattdessen den zum Himmel schreienden Widerspruch zwischen der übermächtigen superreichen Oligarchie einerseits und der am Hungertuch nagenden lohnabhängigen Bevölkerungsmehrheit andererseits zum Kernpunkt der Auseinandersetzung macht, wird den Problemen in der Ukraine gerecht. Eine Verbesserung für die ukrainische Bevölkerung könnte nur durch eine breite multiethnische ArbeiterInnenbewegung erreicht werden, die über alle ethnischen, kulturellen und sprachlichen Differenzen hinweg soziale und demokratische Forderungen vertritt. Die linken Kräfte, die eine solche anti-oligarchische, demokratische und nicht-nationalistische, von beiden Blöcken unabhängige Lösung vorschlagen, sind leider sehr schwach. Es ist eines der Hauptprobleme für die weitere Entwicklung, dass es ihnen bislang nicht gelungen ist, in den Massenprotesten eine führende Rolle zu spielen. 7. In Anbetracht dieser Lage erklären wir: Einmal mehr geht es den Regierungen, wie vor hundert Jahren, um die Aufteilung der Welt. Der Erste Weltkrieg sollte uns lehren, dass Linke nichts zu gewinnen haben, wenn sie sich in diesem Spiel auf eine Seite schlagen. Die Agenda der Arbeiterbewegung und der fortschrittlichen Kräfte muss unabhängig davon sein! Keinen Fußbreit den Faschisten – wo und in wessen Namen sie auch immer auftreten! Eine soziale und politisch fortschrittliche Orientierung können wir auch bei den separatistischen Kräften nicht entdecken. Eine landesweite antifaschistische Bewegung, die explizit antinationalistisch, multiethnisch, antisexistisch und demokratisch auftritt, könnte ein erster Schritt sein, die Vorherrschaft der extremen Rechten zu brechen und Wege zu öffnen für soziale Alternativen. Weder Berlin, noch Moskau noch Washington! Die Lage der Ukraine zwischen den Blöcken und ihr natürlicher Reichtum eröffnen durchaus die Perspektive, einen eigenständigen Entwicklungspfad einzuschlagen, der das Land wirtschaftlich und außenpolitisch unabhängiger macht. Außenpolitische Neutralität braucht allerdings einen wirtschaftlichen Unterbau; dafür wäre die Abkehr von der fossilen Wirtschaft eine zentrale Voraussetzung. Stoppt Nato und EU! Abzug aller US-Streitkräfte aus Europa! Keine Militärhilfe für die ukrainische Regierung! Verbot aller Rüstungsexporte! Nein zur Militärunion EU! Nein zum Spardiktat! Kündigung der EU-Partnerschaftsprogramme zugunsten von solidarischen Entwicklungsprogrammen, die nicht die Oligarchen und die ausländischen Kapitalinteressen, sondern die Interessen der Bevölkerungsmehrheit bedienen. Unsere Solidarität gehört denen in der Ukraine, die gegen die Herrschaft der Oligarchen, gegen den Ausverkauf des Landes an ausländisches Kapital, gegen Nationalismus, für die Einheit der Ukraine und für deren grundlegende demokratische, soziale und ökologische Erneuerung stehen. Die Forderungen der Linken Opposition, u. a. nach Ausweitung der Arbeiterrechte und Kontrolle des Produktionseigentums durch die Arbeiter und Arbeiterinnen, finden unsere Unterstützung. Die Einheit der arbeitenden Bevölkerung kann nur auf gemeinsamen sozialen und demokratischen Forderungen hergestellt werden, nicht auf nationalistischen oder gar separatistischen. Köln, 10. Mai 2014 www.islinke.de, www.facebook.com/islinke Inprekorr 4/2014 37 d i e I n t e r n at i o n a l e ERKLÄRUNG DES POLITISCHEN KOMITEES DES RSB ZUR UKRAINE Auf dem Maidan fand ein „Volksbegehren“ statt: Ohne die soziale Triebfeder des Protests gegen die wachsende Verarmung großer Bevölkerungsteile hätte die Maidan-Bewegung nicht diese Dimensionen angenommen. Die aktuelle Ukrainische Krise ist eine Folge zugespitzter gesellschaftlicher Widersprüche, gleichzeitig aber auch des heftigen Konkurrenzkampfes zweier konkurrierender imperialistischer Mächte, nämlich der EU und Russlands. Hinzu kommt der Drang der NATO (und dort vor allem der USA), ihr militärisches Einflussgebiet nach Osten auszudehnen und Russland weiter einzukreisen. Im Zusammenhang dieser Entwicklungen haben sich die Konflikte zwischen den Oligarchen (und ihren jeweiligen Clans) in der Ukraine verschärft. So sind verschiedene Konfliktstränge miteinander verwoben, aber ohne die soziale Triebfeder des Protests gegen die wachsende Verarmung großer Bevölkerungsteile hätte die Maidan-Bewegung nicht diese Dimensionen angenommen. Tiefe Wirtschafts- und Systemkrise Entscheidend für die Tiefe der Wirtschafts- und Systemkrise in der Ukraine ist die Tatsache, dass nach dem Umbruch von 1991 und dem Einsetzen einer breiten Privatisierungswelle in den 1990er Jahren ehemalige Staatsbürokraten sich große Teile des Produktivvermögens zu Schleuderpreisen unter den Nagel reißen konnten.1 So entstand eine kleine Schicht von Oligarchen, die sich hemmungslos auf Kosten der Gesellschaft bereicherten und die gleichzeitig auf sehr direkte Weise politische Macht ausüben. So werden z. B. alle politischen Parteien von unterschiedlichen Clans gesponsert, die damit ihre wirtschaftliche und politische Macht absichern. Einige der Oligarchen sind inzwischen auch noch zu Gouverneuren ernannt worden. Die tiefe Systemkrise wurde nur in den Jahren 38 Inprekorr 4/2014 2003–2008 durch einen gewissen Aufschwung verdeckt. Dieser basierte weitgehend auf privater Verschuldung und hatte sich schon vor 2009 erschöpft, als die Wirtschaft im Zusammenhang mit der internationalen Krise dramatisch abstürzte (Rückgang des BIP um 15%). Das Bruttoinlandsprodukt der Ukraine beträgt heute nur 69% des Werts von 1990. Wirtschaftlich besteht das Land aus zwei sehr unterschiedlichen Regionen: Im Westen überwiegt die Landwirtschaft (viele fruchtbare Böden), im Osten die Industrie und Schwerindustrie, an deren Kooperation mit Russland die russische Regierung weiterhin sehr interessiert ist. Von diesen guten Böden sind allerdings schon 100 000 ha an einen britischen Fonds und 300 000 ha an einen russischen Fonds (Renaissance) verkauft (Letzteres entspricht einem Fünftel der belgischen Ackerfläche). Lohnabhängige zahlen 40% Steuern, Dividendenempfänger zahlen nur 17% („Flat Tax“). Der Gini-Koeffizient stieg in den MOE-Staaten2 zwischen 1987/1990 und 1996/1998 von 0,23 auf 0,33; in der Ukraine von 0,24 auf 0,47.3 Offiziell leben 25% der Menschen unter der Armutsgrenze (Stand Januar 2014), Zwischen 2 und 16% leben in extremer Armut und sind unterernährt. Hilfe aus dem Westen? Der IWF fordert als Bedingung für die Bereitstellung weiterer Kredite Strukturanpassungsprogramme. Schon in den letzten Jahren wurden die Banken für ausländisches Kapital geöffnet. Europäische Banken sind in der Ukraine mit 23 Mrd. € „engagiert“, darunter hauptsächlich österreichische Banken. Die neue Regierung ist bereit, für den Kredit des IWF über 15 Mrd. $ ein typisches IWF Strukturanpassungsprogramm umzusetzen und die eh schon prekäre Lage der arbeitenden Bevölkerung noch weiter zuzuspitzen. Sie hat sich dabei vorgenommen, die sozialen Grausamkeiten am Anfang und möglichst rasch umzusetzen, um sie möglichst bald vergessen zu machen. Kern des IWFProgramms: d i e I n t e r n at i o n a l e Viele soziale Sicherungen sind zu kürzen. Das Gesundheitssystem soll demontiert werden. So wird beispielsweise keine Arbeitskleidung mehr zur Verfügung gestellt werden; vor allem Beschäftigte des Gesundheitssektors werden u. a. deswegen ihre Stellen im Öffentlichen Dienst aufgeben, um anderswo mehr zu verdienen. Dann kann z. B. das in der Verfassung verankerte Prinzip der kostenlosen Gesundheitsversorgung nicht mehr gewährleistet werden, was die Durchsetzung von Privatisierungen auch in diesem Bereich erleichtern soll. Offene Stellen werden nicht mehr besetzt. Viele Preise sollen angehoben werden. Es werden keine Prämien mehr gezahlt. Die Interessen der Oligarchen werden nicht angetastet.4 EU Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989/1990 eröffnete vor allem dem europäischen Kapital und im Besonderen den starken Mächten in der EU eine ungeahnte Möglichkeit, ihren Einflussbereich dramatisch auszuweiten. Dabei sind zwei Phasen zu unterscheiden. In der ersten wurde – gemäß den Kopenhagener Kriterien von 1993 – im Jahr 2002 beschlossen, 8 Staaten Mittel- und Osteuropas sowie Malta und Zypern in die EU aufzunehmen, was zwei Jahre später seinen Abschluss fand. Damit wurden den Konzernen der EU neue Absatzmärkte und ein einfacherer Zugang zu Produktionsstätten mit Billiglöhnen eröffnet. Gekoppelt waren alle diese EU-Beitritte an Auflagen neoliberaler Reformen, die vor allem die öffentliche Daseinsvorsorge (Abbau von Sozialleistungen, Privatisierungen usw.) wie auch das Arbeits- und Sozialrecht betrafen. Unter diesen Voraussetzungen hatte der Abbau von Zollund Handelsschranken für diese Wirtschaften und vor allem für die Lohnabhängigen verheerende Folgen. Die Erweiterung von 15 auf 25 Staaten (wirksam geworden am 1.5.2004) bedrohte die Dominanz der zentralen EU-Mächte (vor allem Deutschlands), weshalb gleichzeitig eine institutionelle Reform durchgesetzt wurde, die den bevölkerungsreichen Staaten ein größeres Gewicht verschaffte. Schon vor 2004 war für die EU klar, dass der Expansionsdrang zwar weitergehen sollte, auf keinen Fall aber mit dem Beitritt bevölkerungsreicher Staaten. Deshalb wird seit zehn Jahren die weitere Ausdehnung des unmittelbaren Macht- und Wirkungsbereiches der EU mittels der Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP) betrieben, also einer „Expansion ohne Erweiterung“. Die Arbeit daran wurde im November 2002 aufgenommen.5 Im Moment sind 16 Länder an der ENP beteiligt. 2009 wurde das Projekt „Ostpartnerschaft“ gestartet (initiiert von Schweden und Polen und dann von der EU beschlossen). Sie zielt ab auf: Ukraine, Moldawien, Weißrussland, Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Der Inhalt dieser Politik ist der gleiche wie bei den Beitrittsverhandlungen: Für den Abbau von Zoll- und Handelsschranken werden neoliberale Reformen (Privatisierungen usw.) als Bedingung gestellt, ohne aber die Perspektive des Beitritts zu eröffnen. Es gibt weder Mitsprachemöglichkeiten bei der EU noch Leistungen aus dem Topf der EU noch etwa Personenfreizügigkeit (Visumfreiheit). Es werden also nur Assoziationsabkommen geschlossen. Sie bieten gute Voraussetzungen für die Öffnung dieser Märkte (zusätzlicher Warenabsatz und aufgrund der Billiglöhne auch profitable Investitionen in EINIGE GRUNDDATEN: Der zweitgrößte Flächenstaat Europas hatte 1991 etwas mehr als 51,4 Mio. Einwohner, im Jan.2014 waren es nur noch 45,4 Mio. Mehr als 6 Mio. Menschen leben im Ausland (vor allem in Russland und im Westen, wo jeweils die Löhne deutlich höher sind als in der Ukraine). Der durchschnittliche Monatslohn liegt heute bei ca. 330 $ (das sind weniger als 250 Euro). Offiziell gibt es in der Ukraine 127 Millionäre. Die reichsten Oligarchen: Ihor Kolomojskyji (Gouverneur von Dniptopetrowsk) 2,1 Mrd. $; der Abgeordnete Wadim Nowinskyj: 1,5 Mrd. $; Petro Poroschenko: 1,5 Mrd. $, der Abgeordnete Serhij Tihipko: 1 Mrd. $; Sergej Taruta (Gouverneur von Donezk): 0,59 Mrd. $; Rinat Achmetow: 16 Mrd. $. Die Oligarchen aller Fraktionen parken ihre Gewinne auf ausländischen Banken. Der heimliche Wirtschaftssektor umfasst 170 Mrd. Hrywnja, die Gesamtschattenwirtschaft ca. 350 Mrd. Hrywnja (= ca. 27 Mrd. €, das sind etwa 18% des BIP). Die Requirierung der außer Landes geschafften Mittel brächte 350 Mrd. $ (ca. 260 Mrd. €). Zum Größenvergleich: 2013 betrug das BIP der Ukraine 145 Mrd. €, das sind weniger als 6% des BIP der BRD, obwohl die Bevölkerung mehr als halb so groß ist wie die der BRD. (Alle Daten in diesem Text beziehen sich auf den Stand Anfang 2014.) Inprekorr 4/2014 39 d i e I n t e r n at i o n a l e verlängerte Werkbänke sowie niedrige Steuersätze). Dazu werden allgemeine Zielsetzungen definiert und dann werden Länderstrategiepapiere (für einen Zeitraum von sieben Jahren) und Nationale Indikativprogramme (zwei bis drei Jahre) sowie Aktionspläne (ein bis zwei Jahre) ausgearbeitet. In dem Papier der EU-Kommission vom 11.3.2003 heißt es: „Die durch Nähe und Nachbarschaft aufgeworfenen praktischen Fragen sind getrennt von der Frage der Aussicht auf einen EU-Beitritt zu beantworten.“6 Genau das, nicht mehr und nicht weniger, hat die EU mit der Ukraine vor. Durch die fehlende Beitrittsperspektive – und weil jedes dieser Kandidatenländer einzeln gegenüber der mächtigen EU verhandeln muss – bleibt die Verhandlungsperspektive solcher Länder wie auch der Ukraine extrem prekär.7 Die Erwartungen an die EU sind durchaus erklärbar, denn die Menschen erwarten mit einem Beitritt zur EU auch Hilfen (mit Mitteln der Agrarförderung, des Strukturfonds usw.) Das Dumme an diesen Erwartungen: Außer einem freien Warenverkehr wird es keine zusätzlichen „Freiheiten“ geben, nicht mal Reisefreiheit (d. h. Visumfreiheit). Im Gegenteil: Wenn künftig für den Export ukrainischer Waren in die EU die EU-Standards eingehalten werden müssen, wird der ukrainische Export eher zurückgehen. Putin wollte mithilfe der Janukowitsch-Oligarchen seine Kontrolle über die Ukraine sichern und damit den Gastransport und die privilegierten Beziehungen zu den Industrien in der Ostukraine absichern. Das ging allerdings den anderen ukrainischen Oligarchen gegen den Strich, deren Absatzmärkte vorzugsweise im Westen liegen. Putin argumentiert damit, dass in Kiew jetzt rechte und faschistische Kräfte das Sagen haben. Mit seiner faktischen Annexion der Krim stachelt er aber gerade den Nationalismus an und gibt den rechten Kräften Auftrieb. Die Eliten in Kiew sind mit den Ultraliberalen in Moskau verbunden und wollen diese dazu bewegen, auf Putin einzuwirken. Den konkreten Auftrag hat jetzt der Oligarch Dmytro Firtasch. Auch Achmetow hat sich angeboten. Insgesamt aber schwankt die industrielle und finanzielle Oligarchie zwischen Russland und dem Westen. Die neue Regierung hat die „lokalen“ Sprachen als Amtssprachen abgeschafft, was im Wesentlichen das Russische betrifft. Dies wird zwar aufgrund eines präsidialen Vetos nicht umgesetzt, aber es zeigt die Richtung an, mit der sich die neue Regierung beim Westen anbiedern will und womit sie gleichzeitig die Spaltung des Landes vorantreibt. Nationale Frage Auf der Krim sind 60% der Bevölkerung russisch, 20% ukrainisch und 15% sind Krimtataren. Die Krimtataren konnten erst nach 1991 zurückkehren9. Ihr historischer Führer Mustafa Dschemilew stimmte im ukrainischen Parlament gegen den Anschluss der Krim an Russland und ist deswegen jetzt Persona non grata auf der Krim. Refat Tschubarow, der Präsident des Medschlis (Parlament der Tataren auf der Krim), erklärte: „Das Referendum stand unter russischer Bedrohung.“ Inzwischen wurde der Kuratay, der tatarische Generalkongress, einberufen. Putin instrumentalisiert die russische Bevölkerung auf der Krim wie auch die russischsprachige Bevölkerung in der Ostukraine. Auf der anderen Seite ist heute im Besonderen die Politik der Kiewer Regierung dazu angetan, die Spannungen zu erhöhen Dies ist ein ideales Terrain für den westlichen Imperialismus, sich noch mehr in die Geschicke dieses Landes reinzuhängen und den EU-Einflussbereich und die NATO-Expansionspolitik nach Osten voranzutreiben. Jahrhundertelang wurden die Ukrainer unterdrückt (sprachlich, kulturell)8. Am Anfang der Sowjetunion gab es dann eine Ukrainisierung (eine positive Diskriminierung) und später unter Stalin eine Rückkehr zur Russifizierung. (die Intelligenzija wurde massakriert, Millionen Bauern bluteten aus). Nach dem II. Weltkrieg wurde die Russifizierung fortgesetzt (außer in der Regierungszeit von Petro Schelest 1963–72). Die Ukraine ist in gewisser Weise eine historische Anomalie der Geschichte, denn als Nationalstaat existiert sie erst seit 23 Jahren. Damit haben sich dort noch mehr Widersprüche entwickelt als in den „normalen“ kapitalistischen Staaten. Da die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Ukraine sich in einer Nation ohne Staat vollzog, ist die große Verwirrung zu verstehen, wie sie schon bei der orangen Revolution zum Ausdruck kam. Vor allem aber erklärt dies die große Gegnerschaft gegen Fremdbestimmung (vor allem durch Russland). Selbst im Osten des Landes – wo heute für mehr Autonomie gestritten wird – ist nur eine Minderheit für den Anschluss an Russland. 40 Inprekorr 4/2014 Krim Geopolitik Seit der Unabhängigkeit 1991 ist das Land zwischen zwei Machtblöcken – Russland auf der einen Seite, die EU auf d i e I n t e r n at i o n a l e der anderen – hin- und hergerissen. Die EU und die von Moskau initiierte und dominierte Zollunion stehen sich dabei als heftig konkurrierende Blöcke gegenüber. Vor diesem Hintergrund fand 2004 die „orange“ Revolution statt, 2005 gab es dann den ersten „Gaskrieg“ (mit Russland) sowie Finanzskandale, die dazu beitrugen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker dramatisch schwand. 2009 folgte der zweite „Gaskrieg“. Jetzt droht der dritte „Gaskrieg“. Janukowitsch wollte sich mithilfe der EU und des IWF dem Druck Russlands entziehen. Als dann Putin kurz vor Unterzeichnung des Abkommens mit der EU (gemäß ENP) mit 15 Mrd. $ Unterstützung winkte, wechselte Janukowitsch unvermittelt die Seiten. Ein Seitenwechsel ist aber nicht ganz einfach. Denn: 80 Prozent des in die EU gelieferten Gases aus Russland läuft durch die Ukraine, die nur ein geringes Transitentgelt erhält, dafür aber auch einen deutlich niedrigeren Gaspreis zahlt. Bisher saß die russische Regierung hier am längeren Hebel. 25% des ukrainischen Handels werden mit Russland abgewickelt. 38% der Exporte gehen in die GUS-Staaten, 26% in die EU, 36% in andere Länder. 36% der Importe kommen aus Russland; 60% des Gases kommen aus Russland; 80% des russischen Gases für die EU gehen durch die Ukraine. Rosneft, der größte Ölproduzent der Welt, besitzt bereits die Mehrheit an der zweitgrößten ukrainischen Raffinerie. Putin wollte den Vertrag mit der Ukraine modifizieren, den Sewastopol-Vertrag10 verlängern usw. Dafür bot er an: 15 Mrd. $, eine Senkung des Ölpreises um ein Drittel (jährlich 3 Mrd. $), Preisnachlass beim Gas plus eine Zollunion. Zu dem russisch dominierten einheitlichen Wirtschaftsraum (Zollunion) gehören seit 2012 Russland, Weißrussland und Kasachstan. Im September 2013 kam Armenien dazu, das damit dem Assoziationsabkommen mit der EU eine Absage erteilte. Bei nüchterner Betrachtung ist auf jeden Fall klar: Engere Beziehungen mit Russland wären unter den gegebenen Umständen für die Ukraine vorteilhafter als die Unterwerfung unter die Strukturanpassungspolitik von IWF und EU. Die Nichtunterzeichnung des Assoziationsabkommens mit der EU war also ökonomisch betrachtet alles andere als widersinnig, aber weite Teile der Bevölkerung sahen die Gefahr einer erneuten politischen (und später auch ökonomischen) Unterwerfung unter russische Interessen. In diesem Bieterwettbewerb wurde die EU also glatt ausgestochen, was ein Downrating der Ukraine durch Fitch zur Folge hatte. Der Hintergrund für das geänderte Rating: Der IWF forderte am 20. November 2013 (als Bedingung für neue Kredite) die Erhöhung des Gaspreises für ukrainische Privathaushalte und die Einfrierung der Gehälter. Durch die Abkehr von der EU wurde diese besondere Quelle der Profitmaximierung zunächst einmal verschlossen. Die EU wollte aber nach dem Angebot Russlands nicht aufgeben und erhöhte den politischen Druck und die Einmischung in die innerukrainische Auseinandersetzung. Die Härte des Konfliktes zwischen der EU, der russischen Administration und der Ukraine ist eng mit der geplanten Ausbeutung der in den letzten Jahren entdeckten Ressourcen verbunden. Nie vermutete Gasvorkommen schlummern kilometertief im ukrainischen Boden im Schiefergestein eingelagert. Die Ukraine kennt die Risiken des Frackings beim Fördern, möchte aber nach den Erfahrungen mit dem russischen Lieferstopp 2004 und 2009 endlich unabhängig vom russischen Gas werden. Die Größe der Vorkommen könnte durchaus zu einer massiven Senkung des Weltmarktpreises beitragen und würde damit die Profite der russischen Konzerne empfindlich schmälern. Da es Putin in seiner 12-jährigen Amtszeit nicht gelang, eine weitere bedeutende Industriebranche aufzubauen, ist die Gas- und Ölbranche für die Stabilität Russlands von existenzieller Bedeutung. Es gibt drei große Vorkommen dieses Gases in der Ukraine. Chevron11 gewann die Ausschreibung über die Erschließung von Schiefergas in Olesko in der westlichen Ukraine. Im Vorfeld gestaltete sich das Projekt allerdings schwerer als gedacht, weil sich das “Olesko-Feld” über zwei Hoheitsgebiete erstreckt. Zum einen ist das Lwiw (Lemberg), zum anderen die Iwano-Frankiwsk Region. In beiden Regionen fand man sich zum einen mit einer harschen Kritik von UmweltaktivistInnen konfrontiert, als auch von massiver Kritik seitens lokaler Politiker, die Einsicht in rechtliche und vertragliche Grundlagen forderten. Diese regionalen Proteste verschafften den „nationalen Kräften“ einen Zulauf, da sie am heftigsten gegen die Landschaftszerstörungen und den „nationalen Ausverkauf “ agitierten. Die Bestrebungen der NATO, die ukrainische Krise für die Ausweitung ihrer Basis im Osten zu nutzen und Russland weiter zu umzingeln, sind nichts anderes als imperialistische Machtpolitik. Russland wiederum handelt mit nicht minder imperialistischen Methoden und hat nur deshalb die Krim annektiert, weil sie den Zugriff auf Inprekorr 4/2014 41 d i e I n t e r n at i o n a l e die vorgelagerten Gasfelder sowie ihre militärische Basis behaupten will. Die Interessen der russischen Bevölkerung auf der Krim oder der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine sind nur vorgeschoben. Auch der Verweis auf die faschistischen Kräfte wie den Rechten Sektor oder die Partei Swoboda ist heuchlerisch, denn mit Putins Machtpolitik (nicht nur mit der Annexion der Krim) bekommen gerade solche Kräfte erst wirklichen politischen Auftrieb. In dem Hauptanliegen der Einkreisung Russlands sind sich die USA und die EU einig, dennoch konkurrieren sie auch darum, wer konkret in der Ukraine mehr Einfluss bekommt. So haben die USA z. B. seit Ende des Kalten Kriegs fünf Mrd. $ „für Frieden und Demokratie“ in der Ukraine investiert. Sie setzen dabei auf Timoschenko. Die EU wiederum hat allein im Rahmen der ENP fast eine Mrd. € in die Ukraine transferiert, um dort einen EU-freundlichen Beamtenapparat aufzubauen. Hinzu kommen zweistellige Millionenbeträge, die bilateral abgewickelt wurden und die alle zusammengenommen bei der orangen Revolution 2004 ihre ersten Wirkungen zeitigten. So hat beispielsweise die Konrad-Adenauer-Stiftung die Partei Witali Klitschkos, die Ukrainische demokratische Allianz für Reformen (Udar, Der Schlag) aufgebaut. Andere Hilfen kamen von der EVP (prominent vertreten durch Elmar Brok). Die EU und die USA würden gerne mit Sanktionen Russland in die Knie zwingen und ihre Osterweiterung vorantreiben (sowohl auf der Ebene der EU wie auch der NATO). Aber die Verschränkung der Wirtschaften lässt sie zurückschrecken. Der Einbruch in der Weltwirtschaft könnte beträchtlich sein. Deswegen wird es wohl nur bei relativ symbolischen Sanktionen (eher politischer Art) bleiben. Die Interessen des Kapitals und im Besonderen des deutschen. Geopolitisch – nicht zuletzt auch militärisch – war seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die NATO in der Offensive und konnte ehemalige Warschauer Pakt Staaten in ihr Bündnis aufnehmen (1999: Polen, Tschechien u. Ungarn; 2004: Rumänien, Bulgarien und die baltischen Staaten.) Diese Einkreisung Russlands sollte nun mit der Annäherung (und späteren Aufnahme) der Ukraine in die NATO einen weiteren Schritt nach vorne tun. Das Putin-Regime, das zurzeit schon drei Kriege an der Südflanke Russlands führt, hat zwar kein unmittelbares Interesse, in der Ukraine einzumarschieren, aber 42 Inprekorr 4/2014 dem Drang der NATO nach Osten wollte es auch nicht tatenlos zusehen. Mehr als in den anderen Gebieten (Tschetschenien, Georgien usw.) verfolgt der Westen in der Ukraine sehr bedeutsame wirtschaftliche Interessen, weshalb sich hier der geopolitische Konflikt in einem viel stärkeren Maße zuspitzte als in anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Die Ukraine ist ein rohstoffreiches Land und verfügt im Osten über hochmoderne, leistungsfähige Industrien (Rüstung und Flugzeugbau). Hier verstärkt in Joint Ventures einzutreten oder bestimmte Betriebe komplett zu übernehmen kann für das westliche Kapital beträchtliche Gewinnmöglichkeiten eröffnen, erst recht angesichts der sehr niedrigen Lohnkosten vor Ort. Vorrangig für das westliche Kapital ist also nicht der „bündnispolitische“ Geländegewinn (der NATO oder der EU), sondern die Sicherung der Geschäfte in den nächsten Jahren. Denn heute schon sind die Verflechtungen ganz beträchtlich. Vor allem im Russland-Geschäft soll es zu keinem schwerwiegenden Einbruch kommen. 2012 belief sich das deutsch-russische Handelsvolumen auf 76.5 Mrd. Euro (Import aus Russland 40,4 Mrd. €; Exporte nach R.: 36,1 Mrd. €). Rainer Lindner, Geschäftsführer beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, zeigt sich deshalb äußerst besorgt über die Zuspitzung der Lage auf der Krim: „Wir erleben große Turbulenzen an den Märkten, die russische Wirtschaft ist bereits stark betroffen, genauso die börsennotierten deutschen Unternehmen, die auf dem russischen Markt tätig sind; darunter Metro, Volkswagen, BMW oder Daimler.“ Deutschland habe deutlich engere Verbindungen zu Russland als andere europäische Länder, mit 6000 Betrieben seien mehr deutschstämmige Firmen in Russland tätig als aus allen anderen EU-Staaten zusammen. Lindner zufolge hängen 300 000 deutsche Arbeitsplätze am Russland-Geschäft. […] Fast 40 Prozent der deutschen Gasimporte kommen aus den Fördergebieten Russlands, und mehr als die Hälfte davon fließt durch Pipelines durch die Ukraine. […] Mehr als 35 Prozent des deutschen Erdölbedarfs kommen aus russischer Produktion.“ (Spiegel Online) Angeführt wird die Liste der Investitionen deutscher Unternehmen in Russland durch VW 6,5 Mrd. €, Daimler, 2,34, BMW 1,98; EON 1,879, Siemens 1,6, BASF 1,3 Adidas 1,09, Henkel, 1,08; Bayer 0,72 , Allianz 0, 573. Deutsche Bank 0,4, (FAZ 24.3. 2014). Vor diesem Hintergrund ist gut ersichtlich, wieso die deutsche Regierung zwar weiter Druck auf Moskau aus- d i e I n t e r n at i o n a l e üben will, sich aus dem Konflikt in der Ukraine rauszuhalten – eben damit es doch noch zu einem Assoziationsabkommen mit der EU kommt . Aber darüber die Geschäfte mit Russland zu gefährden oder gar einen Krieg zu riskieren, dessen Weiterungen kaum zu überschauen sind, entspricht nicht dem Interesse des westlichen und am wenigsten des deutschen Kapitals. Die USA sind viel weniger wirtschaftlich mit der Ukraine verbunden und haben das vorrangige Interesse, das Territorium der NATO auszudehnen. Aber auch sie können schwerlich einen neuen Krieg riskieren, zumal auch für sie die Folgen unabsehbar sind und die eigene Bevölkerung eher kriegsmüde ist. Russland kann zurzeit (Ende April 2014) zwar ebenfalls keinen neuen Krieg gebrauchen und auch die Wirtschaft läuft nicht gerade blendend. Aber im Konflikt um die Krim und im besonderen um die Ostukraine kann das PutinRegime auf eine gewisse Mobilisierung der ostukrainischen Bevölkerung gegen die Kiewer Regierung setzen, weshalb diese mit ihrem Repressionsbestrebungen gegen die „Separatisten“ nur schwer vorankommt. Solange aber militärische Auseinandersetzungen stattfinden, sind unabhängige Regungen der ArbeiterInnenklasse für soziale Forderungen oder für eine Änderung des politischen und wirtschaftlichen Systems oder für sonstige emanzipative Bestrebungen weitgehend unmöglich. Dies umso mehr, als der Rechte Sektor in solchen Zeiten Oberwasser hat. Die Maidan-Bewegung Die Bewegung richtete sich zunächst (recht spontan) gegen die neu auftauchende Gefahr, dass die Ukraine wieder unter ein russisches Joch gerät. Der unvermittelte Kurswechsel von Janukowitsch weckte Ängste, die nur vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Unterdrückung durch Russland zu erklären sind. Zweitens war und ist es ein Aufstand gegen die östlichen Oligarchen, genauer gegen die Politiker, die diesen Oligarchen willfährig sind. Die Bewegung war weitgehend unabhängig von den Oppositionsparteien entstanden, die immer nur auf das Parlament orientierten. Und da die neue Regierungskoalition ebenfalls von Oligarchen abhängig ist, ist die Bewegung ihr gegenüber sehr kritisch eingestellt. Heute kann keine politische Kraft in der Ukraine ohne direkte Unterstützung eines Teils der Oligarchie eine größere Partei aufbauen. Die zweite Welle der Protestbewegung startete, als am 16. Januar das Parlament die demokratischen Rechte ein- DEUTSCH-RUSSISCHE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN Bilateraler Handel. Russland ist aufgrund des anhaltend hohen Modernisierungsbedarfs seiner Wirtschaft ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Investitionsgüter. In der Struktur des deutschen Exports nach Russland nehmen im Jahr 2012 Maschinen und Anlagen (22,9 Prozent), Fahrzeuge/-teile (22,1 Prozent), Chemieerzeugnisse (14,4 Prozent) und Elektrotechnik (7,5 Prozent) die ersten Plätze ein. Damit war Deutschland mit 9,4 Prozent des russischen Imports nach China (15,4 Prozent) das zweitwichtigste Lieferland für Russland. Wichtigste Exportgüter Russlands sind Rohstoffe, insbesondere Erdöl und Erdgas, außerdem metallurgische und petrochemische Erzeugnisse. Dies illustriert die komplementäre Wirtschaftsstruktur beider Länder, aus der sich auch für die Zukunft ein großes Kooperationspotential eröffnet. […] Über 6.200 deutsche Unternehmen sind in Russland aktiv. Eine steigende Zahl deutscher Unternehmen hat dabei in den letzten Jahren auch russische Produktionsstandorte aufgebaut oder anderweitig erhebliche Investitionen getätigt. Direktinvestitionen: Die kumulierten deutschen Direktinvestitionen in Russland erreichten Ende 2012 ein Volumen von rund 23 Mrd. Euro. Deutschland ist damit unter den größten ausländischen Investoren in Russland. Zudem zeichnen sich die deutschen Investitionen durch eine besonders starke Präsenz mittelständischer Unternehmen aus. (Bundeswirtschafts­ ministerium) schränkte. Die Bewegung richtete sich in erster Linie gegen die regierende Familie Janukowitsch (und allgemein gegen Korruption) sowie gegen das oligarchische System, das zunehmend repressiv wurde. Die Euromaidan-Bewegung brachte zum Ausdruck: die tiefe Verzweiflung der Bevölkerung angesichts des sozialen Abstiegs breitester Bevölkerungsschichten; die Ablehnung der Korruption; Angst davor, von Russland erpresst zu werden; Illusionen in die Möglichkeit eines EU-Beitritts und einer Reisefreiheit in den Westen (also Abschaffung der Visumpflicht). Dass die meisten Menschen dabei auf Illusionen oder Scheinlösungen setzten, steht auf einem anderen Blatt. Der schwierige Stand der Linken ist ohne die katastrophalen Inprekorr 4/2014 43 d i e I n t e r n at i o n a l e Erfahrungen mit dem Stalinismus – der mit Sozialismus und Kommunismus, also mit linken Gesellschaftsmodellen gleichgesetzt wird – nicht erklärbar. In Kiew können sich Linke heute kaum als solche zu erkennen geben und auf jeden Fall nur mit hohem Risiko in der Öffentlichkeit rote Fahnen mittragen. Sie sind gezwungen, ausschließlich mittels konkreter Forderungen (Teilprogramme) und damit nur sehr indirekt und unvollständig für eine andere Perspektive einzutreten. Eine gesellschaftliche Gesamtalternative zu propagieren ist extrem schwierig bis unmöglich, denn der rechte Sektor fühlt sich heute siegesgewiss und hat zur Genüge seine Brutalität bewiesen. Ohne jeden Zweifel ist die Maidan-Bewegung sehr heterogen und in der zugespitzten Konfrontation, die zum Machtwechsel führte, konnten sich rechte nationalistische und faschistische Kräfte (die Partei Swoboda und vor allem der offen faschistisch auftretende Rechte Sektor) weiter auf bauen und gewisse Machtpositionen erringen. Aber sie sind nicht repräsentativ für die gesamte Maidan-Bewegung. Auf dem Maidan, so berichten Beobachter, die die Proteste vor Ort miterlebt haben, zeige das Volk, wie es wirklich leben wolle. Der Charakter der Proteste ist seinem Wesen nach spontan, unorganisiert und politisch diffus, von seiner Grundstimmung her sogar teilweise unpolitisch, zumindest von tiefem Misstrauen gegenüber politischen Ideologien und Vereinnahmungsversuchen gleich welcher Couleur geprägt. Vergleiche zu den spanischen „Empörten“, zu „Occupy“, zur „Arabellion“ und zu anderen Bewegungen werden gezogen, in denen Vorboten eines neuen Miteinander sichtbar würden. Aus dieser Perspektive sind die Maidan-Proteste, einschließlich ihrer militanten Spitzen, Ausdruck einer allgemeinen, globalen Bewegung gegen die Ausplünderung lokaler Bevölkerungen durch das internationale Kapital. In der Ukraine wird diese Ausplünderung heute in der Form der extrem korrupten Oligarchisierung wahrgenommen. Die Hartnäckigkeit der DemonstrantInnen, welche die Platzbesetzung trotz Kälte und staatlicher Repression über Monate aufrecht erhielten, weist auf die tieferen sozialen Wurzeln der Proteste hin. Diese sind sowohl in der sozialen Lage als auch in der Gesellschaftsstruktur zu finden. Ivo Georgiev, Referatsleiter für Ost-, Mittel- und Südeuropa bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, stellt in seiner Analyse vom 25.2.2014 richtigerweise fest: „Die Protestbewegung, die mit dem Namen Euromaidan assoziiert wird, ist eine heterogene Massenbewegung, an der sich auch viele linksorientierte Ukrainer beteiligen oder mit der sie zumindest 44 Inprekorr 4/2014 sympathisieren. Darunter sind Sozialisten, Anarchisten, Trotzkisten, FeministInnen, linksliberale Intellektuelle und auch nicht organisierte linke Aktivisten. Es ist also nicht korrekt, diese Bewegung ausschließlich oder pauschal als Aufstand von national-radikalen Kräften zu bezeichnen.“ Der Konflikt verschärft sich Die jetzt gebildete Übergangsregierung in der Ukraine wird die Krise nicht entschärfen. Ihr Programm von sozialen Angriffen wird sie in Widerspruch zur Bevölkerung bringen. Um dem mörderischen Prozess, der im Gange ist, Einhalt zu gebieten, können die Völkergruppen der Ukraine zur Verteidigung ihres Rechts auf Selbstbestimmung nicht auf die UNO und die Diplomatie setzen, da diese durch die Interessenskonflikte von USA, Russland, EU und China bestimmt sind. Die Ukraine ist derzeit nur mit massiver Finanzhilfe als Staat weiter lebensfähig. Die EU wird versuchen, Sparprogramme nach griechischem Vorbild durchzusetzen und damit die nächsten Aufstände vorprogrammieren, die auch nach Überwindung der aktuellen militärischen Zuspitzung durchaus die Einleitung für einen Bürgerkrieg darstellen können. Nur das Eingreifen der ArbeiterInnen – der unteren Klassen insgesamt – kann sowohl in der Ukraine als auch in Russland das Schlimmste verhindern. So, wie die Volksbewegung die Diktatur von Janukowitsch gestürzt hat, um die Respektierung der Rechte der Völker und der Arbeitenden durchzusetzen, die wilden Privatisierungen und die Politik der Korruption zu beenden, so ist der Weg zu einem Europa aufzustoßen, das auf Solidarität, Kooperation und humaner Kultur und nicht auf der tödlichen Konkurrenz unter Völkern und Volksgruppen beruht. Nein zum Lagerdenken Ein großer Teil der bundesdeutschen Linken und der Friedensbewegung in der BRD schert die heterogene Maidanbewegung über einen Kamm und schlägt sich – ganz ohne oder fast ohne Vorbehalte – auf die russische Seite (genauer: auf die Seite Putins), immer in der Annahme, dass der Feind meines Feindes mein Freund sein muss. Diese verheerende Methode politischer Analyse lehnen wir strikt ab. Alle politischen Stellungnahmen, die bei der Betrachtung der ukrainischen Krise nur den Blick auf die rechten und faschistischen Kräfte richten und damit die Unterstützung der russischen Position (genauer: der Position Putins) d i e I n t e r n at i o n a l e rechtfertigen, begehen einen katastrophalen Fehler. Sie gehen letztlich davon aus, dass die Welt in zwei Lager geteilt ist (Ost und West) und dass letztlich weder der Klassenstandpunkt – also die Frage: Was liegt im Interesse der lohnabhängigen Bevölkerung? – zählt noch etwa humanitäre oder ökologische oder feministische Fragen. Dagegen setzen wir zusammen mit unseren FreundInnen und GenossInnen in Russland und in der Ukraine auf das Herausarbeiten der sozialen Frage und der Klassenauseinandersetzungen. Eine Unterordnung der konkreten aktuellen wie der historischen Interessen der Menschen – genauer der ArbeiterInnenklasse und der armen Bauern – unter geostrategische Großmachtüberlegungen kann nur ins Verderben führen. Für uns hier muss der Kampf gegen die erpresserische Politik der EU (und im Besonderen Deutschlands) im Vordergrund stehen, getreu der Parole Karl Liebknechts: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land.“ Deswegen treten wir vornehmlich für folgende Forderungen ein: Schluss mit der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP). Rückzug aller Bundeswehreinheiten aus Osteuropa. Schluss mit der Unterstützung rechter und EU-freundlicher Kräfte in der Ukraine. Keine Sanktionen gegenüber Russland, weil dies nur die Spirale der Gewalt anstacheln kann. Keine Unterstützung der Politik Putins, der sich einen Dreck um das Selbstbestimmungsrecht der Völker schert und nur machtpolitische Interessen verfolgt. der Grenzen der erweiterten EU. Das ist ein geostrategisches Schlüsselprojekt für Europa. Diese Zone der Stabilität und des Wohlstandes soll von Osteuropa über den Kaukasus und den Nahen Osten quer durch den gesamten Mittelmeerraum reichen.“ 6 Das Papier findet sich unter http://ec.europa.eu/world/enp/ pdf/com03_104_de.pdf Kurzlink: http://wck.me/4KQ 7 Übrigens ist auch nur vor diesem Hintergrund der EUStrategie zu verstehen, warum die bevölkerungsreiche Türkei keine wirkliche Beitrittsperspektive hat. Sie wäre gemessen an der Bevölkerungszahl das zweitgrößte Land der EU und könnte die bisherige Machtkonzentration Mitteleuropas in der EU stark gefährden. 8 Siehe dazu u. a. Roman Rosdolski: „Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und das Problem der ‚geschichtslosen‘ Völker“, Berlin (Olle & Wolter) 1979. S. 51 – 73 9 Diese ganze Volksgruppe wurde unter Stalin während des Zweiten Weltkriegs unter dem willkürlichen Vorwurf der Kollaboration mit Nazi-Deutschland von der Krim deportiert. 10 inzwischen erledigter Pachtvertrag für die Nutzung des russischen Schwarzmeerflotten-Stützpunkts bis 2042 11 Die Chevron Corporation ist das zweitgrößte Öl- und Gasunternehmen in den USA. Das Unternehmen hat sich auf die Gewinnung und Erschließung von Kohlenwasserstoffen, Raffinierung, Marketing und Transport von Rohstoffen spezialisiert. Es unterhält in den USA das größte Tankstellennetz. Politisches Komitee des RSB, 27.4.2014 1 Im Mai 1993 waren erst 100 der über 68 000 Staatsbetriebe privatisiert worden. Dann aber nahm die Privatisierungswelle Fahrt auf. 2 Mittel- und Osteuropäische Staaten 3 Je höher dieser Koeffizient ist, desto ungleicher ist der gesellschaftliche Reichtum verteilt. 4 Angaben nach GASLO, Die Website GASLO (Holownyj Analitytschnyj Sajt Livoji Opozytsiji – Hauptwebsite für Analysen der „Linken Opposition“) wird von der sozialistischen Organisation „Linke Opposition“ betrieben: http://gaslo.info/ 5 Diese Strategie wurde erstmals dargelegt in dem Papier der EU-Kommission „Größeres Europa“ vom März 2003. Die damalige EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner führte das so aus: „Um die politischen und wirtschaftlichen Vorteile der Erweiterung mit unseren neuen Nachbarn zu teilen, haben wir die Europäische Nachbarschaftspolitik konzipiert. Mit dieser Politik etablieren wir einen ‚Ring von Freunden‘ entlang Inprekorr 4/2014 45 d i e I n t e r n at i o n a l e DER KRIEG UND DIE INTERNATIONALE Die Zweite Internationale hätte den Ersten Weltkrieg kaum verhindern können. Trotzdem war es ein folgenschweres Versagen der Führung der Arbeiterklasse, dem weite Teile der Klasse erfassenden Patriotismus nichts entgegenzusetzen. Leo Trotzki A uf ihrem Parteitag in Paris, zwei Wochen vor Ausbruch der Katastrophe, beharrten die französischen Sozialisten darauf, alle Teile der Internationale zur revolutionären Aktion im Falle einer Mobilmachung zu verpflichten. Sie hatten dabei hauptsächlich die deutsche Sozialdemokratie im Auge. Der Radikalismus der französischen Genossen in Fragen der äußern Politik hatte nicht so sehr internationale, als nationale Wurzeln. Die Kriegsereignisse haben endgültig bestätigt, was vielen schon vorher klar war. Die französische sozialistische Partei wollte von ihrer deutschen Bruderpartei eine gewisse Garantie für die Unantastbarkeit Frankreichs haben. Nur wenn sie sich auf diese Weise beim deutschen Proletariat versichert, hätten die französischen Sozialisten ihre Hände endgültig für einen entschiedenen Kampf gegen den nationalen Militarismus frei zu haben geglaubt. Die deutsche Sozialdemokratie hat ihrerseits rundweg abgelehnt, eine Verpflichtung solcher Art auf sich zu nehmen. Bebel wies nach, dass die sozialistischen Parteien, wenn sie die fran46 Inprekorr 4/2014 zösische Revolution unterzeichneten, damit noch nicht in Stand gesetzt würden, im entscheidenden Augenblick ihren Verpflichtungen auch nachzukommen. Gegenwärtig kann man kaum bezweifeln, dass Bebel recht hatte. Wie die Ereignisse wiederum bewiesen, lähmt die Mobilisationsperiode die sozialistische Partei fast völlig, jedenfalls schließt sie die Möglichkeit aufschiebender Aktionen aus. Sobald die Mobilisation verkündet ist, befindet sich die Sozialdemokratie Auge in Auge mit der konzentrierten Regierungsgewalt, die sich auf einen mächtigen militärischen Apparat stützt, der bereit ist, alle Hindernisse auf seinem Wege niederzuwerfen, unter unbedingter Mitwirkung aller bürgerlichen Parteien und Institutionen. Eine nicht minder wichtige Bedeutung hat die Tatsache, dass die Mobilisation jene Kreise aufweckt und auf die Füße stellt, deren wirtschaftliche Bedeutung eine minimale ist und die in friedlichen Zeiten fast keine politische Rolle spielen. Hunderttausende und Millionen kleiner Handwerker, Lumpenproletarier, Kleinbauern und d i e I n t e r n at i o n a l e landwirtschaftlicher Arbeiter werden in die Reihen der Armee einbezogen, wo im Rock des Kaisers jeder von ihnen ebensoviel bedeutet, als der klassenbewusste Arbeiter. Ihre Familien werden gewaltsam aus einer stumpfsinnigen Gleichgültigkeit herausgerissen und an dem Schicksal des Landes interessiert. In allen diesen Kreisen, zu denen unsere Agitation fast nicht dringt, und die sie unter gewöhnlichen Bedingungen nie mit sich fortreißen wird, erweckt die Mobilisation und Kriegserklärung neue Erwartungen. Wirre Hoffnungen auf Änderung des gegenwärtigen Zustandes, auf Umschwung zum Besseren erfassen die aus dem Gleichmut des Elends und der Knechtschaft herausgerissenen Massen. Hier vollzieht sich das gleiche wie am Beginn einer Revolution, doch mit dem ausschlaggebenden Unterschied, dass die Revolution diese erst erwachten Volkskreise mit der revolutionären Klasse verbindet, der Krieg aber mit der Regierung und Armee! Wenn dort alle unbefriedigten Bedürfnisse, alle angehäuften Leiden, alle sehnsüchtigen Hoffnungen ihren Ausdruck in revolutionärer Begeisterung finden, so nehmen hier dieselben sozialen Empfindungen zeitweilig die Form patriotischer Trunkenheit an. Weite Kreise der vom Sozialismus berührten Arbeiterschaft werden in denselben Strom hineingezogen. Die sozialdemokratische Vorhut fühlt sich in der Minderheit, ihre Organisationen sind zur Ergänzung der Heeresorganisation verwüstet. Unter solchen Umständen kann keine Rede sein von revolutionären Aktionen seitens der Partei. Und dies alles ganz unabhängig von der Einschätzung des Krieges. Der russisch-japanische Krieg hat ungeachtet seines kolonialen Charakters und der Unpopularität im Lande, im Laufe des ersten Halbjahres die revolutionäre Bewegung fast vollständig erstickt. Es ist folglich klar, dass bei allem guten Willen die sozialistischen Parteien die Verpflichtung der totalen Obstruktion zur Zeit einer Mobilmachung, d.h. eben in einem Moment, in dem der Sozialismus sich politisch am isoliertesten erweist, nicht auf sich nehmen konnten. Sonach schließt die Tatsache, dass die Arbeiterparteien der militärischen Mobilisation ihre revolutionäre Mobilisation nicht entgegensetzten, nichts Unerwartetes und Entmutigendes in sich. Hätten sich die Sozialisten darauf beschränkt, ihr Urteil über den gegenwärtigen Krieg auszusprechen, jede Verantwortung für ihn abzulehnen, ihren Regierungen das Vertrauen und die Kriegskredite zu verweigern, so wäre ihre Schuldigkeit vorerst erfüllt gewesen. Sie hätten eine abwartende politische Position eingenommen, deren oppositioneller Charakter den Regierenden wie den Volksmassen gleich klar gewesen IM OKTOBER 1914 … … kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, schrieb Trotzki, der damals in Zürich lebte, eine politische Kampfschrift über den Krieg und die Zweite Internationale. Das war die erste umfassende Darlegung einer Antikriegspolitik durch einen russischen Sozialisten. Sie richtete sich vorwiegend gegen die kriegsbejahende Haltung, die die deutschen Sozialdemokraten einnahmen. Die deutsche Übersetzung trug Trotzki eine Verurteilung in absentia wegen Majestätsbeleidigung zu einer Gefängnisstrafe von mehreren Monaten durch einen deutschen Gerichtshof ein. Nachdem Trotzki 1918 zum ersten bolschewistischen Außenminister ernannt worden war, wurde die kleine Schrift in den USA unter dem Titel The Bolsheviki and World Peace mit einer Einleitung von Lincoln Steffens veröffentlicht. Sie soll Präsident Wilson bei der Formulierung seiner „Vierzehn Punkte“ unmittelbar beeinflusst haben. In dem Pamphlet erläutert Trotzki den sozialistischen Internationalismus. (Aus: Trotzki, Denkzettel, Edition Suhrkamp 896, S. 74) wäre. Die weiteren Aktionen wären dem objektiven Gang der Ereignisse entsprungen und jenen Veränderungen, welche die Kriegsereignisse im Volksbewusstsein hervorrufen müssen. Das innere Band wäre der Internationale erhalten, das sozialistische Banner unbefleckt geblieben; die Sozialdemokratie, zeitweilig geschwächt, hätte freie Hand behalten zur entschiedenen Einmischung in die Ereignisse, sobald der Umschwung in der Stimmung der Arbeitermassen sich vollzogen hätte. Und man kann mit Bestimmtheit sagen: all den Einfluss auf die Massen, dessen die Sozialdemokratie bei einer solchen Haltung im Anfang des Krieges verlustig gegangen wäre, hätte sie nach dem unvermeidlichen Umschwung wieder gewinnen müssen. Wenn dies nicht geschehen ist, wenn das Zeichen zur Kriegsmobilisation auch das Zeichen zum Sturz der Internationale geworden ist, wenn die nationalen Arbeiterparteien, ohne einen Protest aus ihrer Mitte, sich mit ihren Regierungen und Armeen vereinigten, so muss es dafür tiefe und dabei für die gesamte Internationale gemeinsame Ursachen geben. Es ist nicht angängig, diese Ursachen in persönlichen Fehlern, in der Beschränktheit der Führer und der Parteivorstände zu erblicken, vielmehr müssen sie in den objektiven Bedingungen jener Epoche, in der die sozialistische Internationale entstand und sich konstruierte, gesucht werden. Das heißt nicht‚ dass die UnzuInprekorr 4/2014 47 d i e I n t e r n at i o n a l e verlässigkeit der Führer und konfuse Unzulänglichkeit der Parteivorstände je gerechtfertigt werden soll. Durchaus nicht. Das sind aber keine grundlegenden Faktoren. Diese müssen in den historischen Bedingungen der ganzen Epoche aufgesucht werden. Denn es handelt sich diesmal – und darüber muss man sich klare Rechenschaft geben – nicht um einzelne Fehler, nicht um opportunistische Schritte, nicht um ungeschickte Erklärungen von der parlamentarischen Tribüne, nicht um das Votum der großherzoglichbadischen Sozialdemokraten für das Budget, nicht um einzelne Experimente des französischen Ministerialismus und sozialistischen Karrierismus, es handelt sich um das vollständige Versagen der Internationale in der Verantwortlichen historischen Epoche, zu der die bisher geleistete gesamte Arbeit des Sozialismus nur als eine Vorbereitung betrachtet werden kann. Einem historischen Rückblick wird es leicht, eine ganze Reihe von Tatsachen und Symptomen festzustellen, die eine Beunruhigung in Bezug auf die Tiefe und Festigkeit des Internationalismus in der Arbeiterbewegung hätten hervorrufen sollen. Wir sprechen nicht von der österreichischen Sozialdemokratie. Vergebens suchten die russischen und serbischen Sozialisten in den Aufsätzen weltpolitischen Inhalts der Wiener Arbeiter-Zeitung Zitate, die sie den serbischen und russischen Arbeitern übermitteln könnten, ohne sich der Internationale zu schämen. Die Verteidigung des österreichisch-deutschen Imperialismus nicht nur gegen seine äußeren, sondern auch gegen seine inneren Gegner – auch der Vorwärts gehörte ja dazu! – blieb immer eine der hervorstechendsten Richtlinien dieses Blattes. Man kann ohne Ironie sagen, dass in der gegenwärtigen Krise der Internationale die Wiener Arbeiter-Zeitung ihrer Vergangenheit am treuesten geblieben ist. Der französische Sozialismus hatte auf dem einen Pol einen stark patriotischen Ausdruck, der von Deutschfeindlichkeit nicht frei war, auf der andern spielen die grellsten Farben des Hervéischen Antipatriotismus, der, wie die Erfahrung zeigt, sich leicht in sein Gegenteil verwandelt. Der terroristisch gefärbte Patriotismus Hyndmans, der seinen sektiererischen Radikalismus ergänzt, hat öfters der Internationale politische Schwierigkeiten bereitet. In weit minderem Maße konnte man nationalistische Symptome in der deutschen Sozialdemokratie beobachten. Freilich hat sich der Opportunismus der Süddeutschen auf dem Boden des Partikularismus entwickelt, welcher deutscher Nationalismus in Oktav [=im Kleinformat] war. Doch die Süddeutschen wurden gerechtermaßen als die einflussarme politische Arrièregarde [Nachhut] der 48 Inprekorr 4/2014 Partei betrachtet. Bebels Versprechen, im Falle der Gefahr den Schießprügel auf den Buckel zu nehmen, fand in der Partei geteilte Aufnahme. Und als Noske dieselbe Phrase wiederholte, wurde ihm von der Parteipresse hart zugesetzt. Im allgemeinen hielt die deutsche Sozialdemokratie strenger als irgendeine andere der alten sozialdemokratischen Parteien an der internationalen Linie fest. Aber eben darum hat sie den allerschärfsten Bruch mit ihrer Vergangenheit bewerkstelligt. Nach den formellen Erklärungen der Partei und den Aufsätzen der Presse zu urteilen, gibt es zwischen dem Gestern und Heute des deutschen Sozialismus keinerlei Zusammenhang. Es ist aber klar, dass dieser katastrophale Umfall nicht hätte geschehen können, wenn nicht seine Voraussetzungen in der vergangenen Epoche bereitet gewesen wären: Die Tatsache, dass zwei junge Parteien, die serbische und die russische, ihren internationalen Pflichten treu blieben, ist durchaus nicht eine Bestätigung der philiströsen Philosophie, welche Prinzipientreue als einen natürlichen Ausdruck der Unreife betrachtet. Doch diese Tatsache veranlasst uns, die Ursachen des Zusammenbruches der zweiten Internationale in eben jenen Bedingungen ihrer Entwicklung zu suchen, die am allerwenigsten auf ihre jungen Mitglieder Einfluss ausübten. Das im Jahre 1847 verfasste Kommunistische Manifest schließt mit den Worten „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Doch dieses Losungswort erschien viel zu früh, um sogleich zur lebendigen Wirklichkeit zu werden. Auf der geschichtlichen Tagesordnung stand damals die bürgerliche Revolution von 1848. Den Verfassern des Manifestes selbst wurde in dieser Revolution nicht die Rolle von Führern eines internationalen Proletariats sondern die von Kämpfern auf der äußersten Linken der nationalen Demokratie zuteil. Die Revolution des Jahres 1848 hat nicht eines der nationalen Probleme gelöst, sie hat diese nur aufgerollt. Die Konterrevolution zusammen mit dem industriellen Aufschwung riss den Faden der revolutionären Bewegung ab. Es verging ein neues Jahrzehnt der Ruhe, bis die von der Revolution nicht gelösten Widersprüche sich neuerdings so weit verschärften, dass sie die Einmischung des Schwertes heischten. Es war aber diesmal nicht das den Händen der Bourgeoisie entfallene Schwert der Revolution, sondern das aus der dynastischen Scheide gezogene Kriegsschwert. Die Kriege von 1859, 64, 66 und 70 schufen ein neues Italien und ein neues Deutschland. Die Feudalen haben auf ihre Art das Vermächtnis der Revolu- d i e I n t e r n at i o n a l e tion vom Jahre 1848 erfüllt. Der politische Bankrott der Bourgeoisie, der sich in diesem geschichtlichen Austausch der Rollen äußerte, wurde auf der Grundlage der rapiden kapitalistischen Entwicklung ein entschiedener Ansporn zu einer selbständigen proletarischen Bewegung. all ihrer prinzipiellen und erzieherischen Bedeutung den vorgeschritteneren Arbeitern aller Länder nur noch klarer ihre Ohnmacht gegenüber dem nationalen Klassenstaat fühlen lassen. Die aus dem Kriege emporgeflammte Pariser Kommune war der Kulminationspunkt in der Epoche der Selbst die Schöpfer der Internationale hofften, dass der revolutionäre Gang der Ereignisse in kürzester Frist den Missstand zwischen Ideologie und Praxis überwinden werde.“ Im Jahre 1863 gründet Lassalle in Deutschland den politischen Arbeiterverein. 1864 wird unter Marxens Leitung in London die erste Internationale geschaffen. Die abschließende Losung des Kommunistischen Manifestes geht in das erste Rundschreiben der Internationalen Arbeiterassoziation über. Es ist für die Tendenzen der modernen Arbeiterbewegung im höchsten Grade bezeichnend, dass sie bei ihren ersten Schritten eine Organisation internationalen Charakters schafft. Nichtsdestoweniger erscheint diese Organisation weitaus mehr als eine Vorausnahme der weiteren Bedürfnisse der Bewegung, denn als ein wirklich leitender Apparat des Klassenkampfes. Eine weite Kluft lag noch zwischen dem Endziel der Internationale, der kommunistischen Revolution, und ihrer unmittelbaren Praxis, die vorwiegend in der internationalen Mitwirkung zur chaotischen Aufstandsbewegung [gemeint: Ausstandsbewegung?] der Arbeiter in den verschiedenen Ländern aufging. Selbst die Schöpfer der Internationale hofften, dass der revolutionäre Gang der Ereignisse in kürzester Frist den Missstand zwischen Ideologie und Praxis überwinden werde. Der Generalrat hat zugleich mit der Überweisung von Geldbeträgen an die einzelnen Gruppen in England und auf den Kontinent klassische Versuche gemacht, die Aktion der Arbeiter aller Länder auf dem Gebiet der Weltpolitik zusammen zu fassen. Doch diese Bestrebungen hatten noch keine ausreichende materielle Unterlage. Die Tätigkeit der ersten Internationale fällt zeitlich mit jener Kriegsepoche zusammen, die in Europa und Nordamerika den Weg zur kapitalistischen Entwicklung ebneten. Die Einmischungsversuche seitens der Internationale mussten bei ersten Internationale. Wie das Kommunistische Manifest die theoretische Vorausnahme der modernen Arbeiterbewegung war, und die erste Internationale die organisatorische Vorausnahme der Arbeitervereinigung der ganzen Welt, so war die Pariser Kommune die revolutionäre Vorausnahme der Diktatur des Proletariats. Aber nur eine Vorausnahme. Eben darum zeigte sich, dass es dem Proletariat nicht möglich ist, allein nur durch seine revolutionäre Improvisation den Staatsapparat zu unterwerfen und die Gesellschaft umzuformen. Die aus den Kriegen hervorgegangenen nationalen Staaten schufen für diese historische Arbeit die einzig reale Grundlage, die nationale. Es muss darum durch die Schule der Selbsterziehung gehen. Die erste Internationale hat ihre Mission, die einer Pflanzschule der nationalen sozialistischen Parteien erfüllt. Nach dem deutsch-französischen Kriege und der Pariser Kommune schleppte die Internationale noch eine kurze Frist ihre halbaktive Existenz hin und wurde 1872 nach Amerika verlegt, wohin schon öfters mancherlei Experimente religiösen, sozialen und anderen Charakters wanderten, um dort zu sterben. Es begann die Epoche mächtiger kapitalistischer Entwicklung auf der Grundlage des nationalen Staates. Für die Arbeiterbewegung war das die Epoche allmählicher Kraftsammlung, organisatorischer Gestaltung und politischen Possibilismus. In England hat die stürmische Epoche des Chartismus, des revolutionären Erwachens des englischen Proletariats, sich völlig erschöpft, noch zehn Jahre vor dem Entstehen der ersten Internationale. Die Aufhebung der Getreidezölle (1846), das ihr folgende industrielle Auf blühen, Inprekorr 4/2014 49 d i e I n t e r n at i o n a l e welches England zur Werkstatt der Welt umwandelte; die Einführung des Zehnstundentages (1847), das Wachsen der Emigration aus Irland nach Amerika, und endlich die Ausdehnung des Stimmrechts auf die städtischen Arbeiter (1867) – alle diese Bedingungen, die die Lage der oberen Schichten des Proletariats bedeutend verbesserten, führten seine Klassenbewegung in den Strom des TradeUnionismus und in die ihn ergänzende liberale Arbeiterpolitik über. Die Epoche des Possibilismus, d.h. der bewussten und planmäßigen Anpassung an die ökonomischen, rechtlichen und staatlichen Formen des nationalen Kapitalismus, begann für das englische Proletariat, als den ältern der Brüder, noch vor der Entstehung der Internationale, um zwei Jahrzehnte eher als für das kontinentale Proletariat. Wenn die großen englischen Gewerkschaften sich nichtsdestoweniger anfangs der Internationale anschlossen, so ausschließlich darum, weil es ihnen dadurch besser möglich wurde, sich vor dem Import kontinentaler Streikbrecher bei Lohnkonflikten zu schützen. Die französische Arbeiterbewegung hat sich nur langsam von dem Blutverlust der Kommune erholt, auf dem Boden verlangsamter industrieller Entwicklung, in der Atmosphäre der giftigsten nationalen Revanchegier. Auf ihren Flanken der anarchistischen „Verneinung“ des Staates und der vulgär-demokratischen Kapitulation vor ihm schwankend, entwickelte sich die französische proletarische Bewegung durch die Anpassung an den sozialen und politischen Rahmen der bürgerlichen Republik. Der Schwerpunkt der sozialistischen Bewegung übertrug sich, wie Marx schon 1870 voraussagte, nach Deutschland. Nach dem deutsch-französischen Kriege begann für das vereinigte Deutschland eine Ära, ähnlich den vorausgegangenen Dezennien in England: das kapitalistische Auf blühen, das demokratische Wahlrecht, die Erhöhung der Lebenshaltung der oberen Schichten des Proletariats. Theoretisch marschierte die Bewegung des deutschen Proletariats unter der Fahne des Marxismus. Doch in seiner Abhängigkeit von den Bedingungen der Epoche wurde der Marxismus für das deutsche Proletariat nicht zur algebraischen Formel der Revolution. wie er es in der Epoche seiner Schöpfung war, sondern zur theoretischen Methode der Anpassung an den mit dem preußischen Helm bekrönten national-kapitalistischen Staat. Der Kapitalismus, der ein zeitweiliges Gleichgewicht errungen, revolutionierte unaufhörlich die ökonomische Grundlage des nationalen Lebens. Die Erhaltung der aus dem Kriege hervorgegangenen Machtstellung forderte die 50 Inprekorr 4/2014 Vergrößerung des stehenden Heeres, Die Bourgeoisie hat der feudalen Monarchie alle ihre politischen Positionen abgetreten, aber um so energischer hat sie sich unter dem Schutze des militärischen Polizeistaates‚ in ihren ökonomischen Positionen befestigt. Der siegreiche Kapitalismus, der auf kapitalistische Grundlage gestellte Militarismus, die aus dem Ineinanderwachsen der feudalen und kapitalistischen Klassen hervorgegangene politische Reaktion – die Revolutionisierung des ökonomischen Lebens und das völlige Fallenlassen revolutionärer Methoden und Traditionen im politischen Leben – das sind die Grundlinien der letzten Epoche, die vierundeinhalb Jahrzehnte umfasst. Die gesamte Tätigkeit der deutschen Sozialdemokratie war auf die Erweckung der rückständigen Arbeiterschichten mittels eines planmäßigen Kampfes für ihre unmittelbaren Bedürfnisse gerichtet – auf Anhäufung der Kräfte, Erhöhung der Mitgliederzahl, Füllung der Kassen, auf Entwicklung der Presse, Eroberung aller sich bietender Positionen, ihre Ausnützung, Erweiterung und Vertiefung. Das war die große geschichtliche Arbeit der Erweckung und Erziehung der bisher „unhistorischen“ Klasse. Unmittelbar an die Entwicklung der nationalen Industrien angelehnt, ihren Erfolgen auf dem nationalen und Weltmarkt angepasst, die Bewegung der Preise für Rohmaterialien und Fertigfabrikate kontrollierend, bildeten sich die mächtigen zentralisierten Berufsverbände Deutschlands. Dem Wahlrecht angepasst, örtlich den Wahlkreisen angeschmiegt, ihre Fühler in den städtischen und ländlichen Gemeinden ausstreckend, errichtete sie das einzigartige Gebäude der politischen Organisation des deutschen Proletariats, mit ihrer vielverzweigten bürokratischen Hierarchie, einer Million zahlender Mitglieder, vier Millionen Wählern, 91 Tageszeitungen und 65 Parteidruckereien. Diese ganze vielseitige Tätigkeit von unermesslicher historischer Bedeutung war praktisch durch und durch erfüllt vom Geiste des Possibilismus. In viereinhalb Jahrzehnten hat die Geschichte dem deutschen Proletariat nicht eine einzige Gelegenheit geboten, mit stürmischem Vorstoß ein Hindernis zu stürzen, in revolutionärem Anlauf irgendeine feindliche Position zu erobern. Infolge der wechselseitigen Beziehungen der sozialen Kräfte war es gezwungen, Hindernisse zu umgehen oder sich ihnen anzupassen. In dieser Praxis war der Marxismus als Denkmethode ein wertvolles Werkzeug politischer Orientierung. Aber er konnte nicht den possibilistischen Charakter der Klassenbewegung ändern, die ihrem Wesen nach in dieser Epoche in England, Frankreich und Deutschland gleichartig war. Die Taktik der Gewerkschaften war, bei unbestrittener Überlegenheit d i e I n t e r n at i o n a l e der deutschen Organisation, prinzipiell ein und dieselbe in Berlin und London: ihre Krönung bestand in dem System der Tarifverträge. Auf politischem Gebiete hatte der Unterschied einen unzweifelhaft viel tieferen Charakter. In der Zeit, wo das englische Proletariat unter der Fahne des Liberalismus marschierte, schufen die deutschen Arbeiter eine selbständige Partei mit sozialistischem Programm. Doch die politische Wirklichkeit dieses Unterschieds ist weit weniger tief, als seine ideologischen und organisatorischen Formen. Durch ihren Druck auf den Liberalismus erreichten die englischen Arbeiter jene beschränkten politischen Eroberungen auf dem Gebiete des Wahlrechts, der Koalitionsfreiheit und der Sozialgesetzgebung, welche das deutsche Proletariat mit Hilfe seiner selbständigen Partei bewahrte oder erweiterte. Angesichts der frühen Kapitulation des deutschen Liberalismus war das deutsche Proletariat genötigt, eine selbständige Partei zu schaffen. Doch diese Partei, die prinzipiell unter der Flagge des Kampfes um die politische Macht stand, war in ihrer ganzen Praxis gezwungen, sich der herrschenden Macht anzupassen, die Arbeiterbewegung vor ihren Schlägen zu schützen und einzelne Reformen zu erkämpfen. Mit andern Worten: Kraft des Unterschiedes der historischen Traditionen und politischen Bedingungen passte sich das englische Proletariat an den kapitalistischen Staat an durch die Vermittlung der liberalen Partei; das deutsche Proletariat war gezwungen, für dieselben politischen Ziele eine selbständige Partei zu schaffen. Doch der Inhalt des politischen Kampfes des deutschen Proletariats hatte in dieser ganzen Epoche denselben historisch begrenzten, possibilistischen Charakter, wie der des englischen. Am klarsten tritt die Gleichartigkeit dieser beiden, in ihren Formen so verschiedenen Erscheinungen, in den letzten Resultaten der Epoche zu Tage: einerseits war das englische Proletariat im Kampfe für seine Tagesaufgaben gezwungen, eine selbständige Partei zu gründen, ohne jedoch mit seinen liberalen Traditionen zu brechen; andererseits hat die Partei des deutschen Proletariats, die durch den Krieg vor die Notwendigkeit einer entscheidenden Wahl gestellt wurde, eine Antwort im Geiste der national-liberalen Traditionen der englischen Arbeiterpartei gegeben. Der Marxismus war natürlich nicht etwas Zufälliges oder Bedeutungsloses in der ‚deutschen Arbeiterbewegung. Aber es wäre völlig unbegründet, aus der offiziellen, marxistischen Ideologie der Partei auf ihren sozialrevolutionären Charakter zu schließen. Die Ideologie ist ein wichtiger Faktor der Politik, aber nicht ein bestimmender; ihre Rolle ist eine poli- tisch dienende. Jener tiefe Widerspruch, in dem sich die erwachende revolutionäre Klasse in ihrem Verhältnis zu dem feudal-reaktionären Staate befand, bedurfte einer unversöhnlichen Ideologie, welche die ganze Bewegung unter das Banner sozialrevolutionärer Ziele brachte. Da die historischen Bedingungen ihr eine possibilistische Taktik aufdrängten, so fand die Unversöhnlichkeit der proletarischen Klasse ihren Ausdruck in den revolutionären Formeln des Marxismus. Dialektisch hat der Marxismus den Widerspruch zwischen Reform und Revolution mit vollem Erfolg versöhnt. Doch die Dialektik der historischen Entwicklung ist etwas weit Schwerfälligeres, als die Dialektik des theoretischen Denkens. Die Tatsache, dass die in ihren Tendenzen revolutionäre Klasse gezwungen war, jahrzehntelang sich dem monarchischen Polizeistaat anzupassen, der auf der mächtigen kapitalistischen Entwicklung ruhte, wobei in dieser Anpassung sich eine Millionenorganisation bildete und die die gesamte Bewegung leitende Arbeiter-Bürokratie erzogen wurde, diese Tatsache hörte nicht auf zu existieren und verliert nicht ihre schwerwiegende Bedeutung dadurch, dass der Marxismus den sozialrevolutionären Charakter der künftigen Entwicklung vorweggenommen hat. Nur ein naiver Ideologismus konnte diese Vorausnahme der politischen Wirklichkeit der deutschen Arbeiterbewegung gleichstellen. Die deutschen Revisionisten gingen von dem Widerspruch zwischen der reformistischen Praxis der Partei und ihrer revolutionären Theorie aus. Sie verstanden nicht, dass dieser Widerspruch von zeitlichen, wenn auch lange andauernden Verhältnissen bedingt ist, und dass er nur durch die weitere gesellschaftliche Entwicklung überwunden werden kann. Für sie war es ein logischer Widerspruch. Der Fehler der Revisionisten lag nicht darin, dass sie den seinem Wesen nach reformistischen Charakter der Parteipolitik in der verflossenen Epoche konstatierten, sondern darin, dass sie den Reformismus theoretisch verewigen wollten, als die einzige Methode des proletarischen Klassenkampfes. Auf diesem Wege gerieten die Revisionisten in Widerspruch zu den objektiven Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung, welche durch Verschärfung der Klassenwidersprüche zur sozialen Revolution führen muss, als den einzigen Weg zur Emanzipation des Proletariats. Aus dem theoretischen Streit ging der Marxismus auf der ganzen Linie als Sieger hervor. Doch der theoretisch geschlagene Revisionismus lebte fort, sich von der gesamten Praxis der Bewegung und ihrer Psychologie nährend. Die kritische Widerlegung des Revisionismus als einer Theorie bedeutete durchaus nicht seine taktische und psyInprekorr 4/2014 51 d i e I n t e r n at i o n a l e chologische Überwindung. Die Parlamentarier, Gewerkschaftler und Genossenschaftler fuhren fort zu leben in der Atmosphäre allseitigen Possibilismus, praktischer Spezialisierung und nationaler Beschränktheit. Sogar der Erscheinung Bebels, des größten Repräsentanten dieser Epoche, drückte sie ihren deutlichen Stempel auf. Besonders stark musste der Geist des Possibilismus sich des Geschlechtes bemächtigen, das in den achtziger Jahren in die Partei eintrat, in der Epoche Bismarckscher Ausnahmegesetze und drückender Reaktion in ganz Europa. Ohne den apostolischen Geist des mit der ersten Internationale verbundenen Geschlechts, in seinen ersten Schritten durch die Macht des siegreichen Imperiums niedergehalten, gezwungen, sich den Fallen und Schlingen des Sozialistengesetzes anzupassen, ist dieses Geschlecht ganz und gar groß gewachsen im Geiste der Mäßigung und des organischen Misstrauens gegen revolutionäre Perspektiven. Jetzt sind es alles Leute im Alter von 50 bis 60 Jahren, und eben sie stehen an der Spitze der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen. Der Reformismus ist ihre politische Psychologie, wenn nicht gar ihre Doktrin. Das allmähliche Hineinwachsen in den Sozialismus – das ist die Grundlage des Revisionismus – erwies sich als die jämmerlichste Utopie in Anbetracht der Tatsachen der kapitalistischen Entwicklung. Doch das allmähliche politische Hineinwachsen der Sozialdemokratie in den Mechanismus des nationalen Staates erwies sich – für das ganze Geschlecht – als eine tragische Wirklichkeit. Die russische Revolution war das erste große Ereignis, das 35 Jahre nach der Pariser Kommune die abgestandene Atmosphäre Europas erschütterte. Das schnelle Entwicklungstempo der russischen Arbeiterklasse und die unerwartete Kraft ihrer konzentrierten revolutionären Tätigkeit machten einen großen Eindruck auf die ganze Kulturwelt und gaben überall den Anstoß zur Verschärfung der politischen Widersprüche. In England hat die russische Revolution die Bildung einer selbständigen Arbeiterpartei beschleunigt. In Österreich hat sie dank besonderer Umstände zum allgemeinen Wahlrecht geführt. In Frankreich erschien als Echo der russischen Revolution der Syndikalismus, der in unzulänglicher taktischer und theoretischer Form den erwachten revolutionären Tendenzen des französischen Proletariats Ausdruck verlieh. Endlich zeigte sich der Einfluss der russischen Revolution auf Deutschland in der Verstärkung des jungen linken Flügels der Partei, in der Annäherung des leitenden Zentrums an ihn und der Isolierung des Revisionismus. Es erhob sich schärfer die Frage des preußischen Wahlrechts, dieses 52 Inprekorr 4/2014 Schlüssels zu den politischen Positionen des Junkertums. Die revolutionäre Methode des allgemeinen Streiks wurde von der Partei prinzipiell adoptiert. Doch die äußeren Erschütterungen erwiesen sich als ungenügend, um die Partei auf den Weg der politischen Offensive zu stoßen. In Übereinstimmung mit der gesamten Partei-Tradition fand der Umschwung zum Radikalismus in Diskussionen und prinzipiellen Resolutionen seinen Ausdruck. Eine weitere Entwicklung erlangte er nicht. Vor sechs bis sieben Jahren folgte der revolutionären Flut überall eine politische Ebbe. In Russland triumphierte die Gegenrevolution und eröffnete eine Periode politischen und organisatorischen Zerfalls des russischen Proletariats. In Österreich zerriss schnell der Faden der Eroberungen, die Arbeiterversicherung moderte in den Regierungskanzleien, die nationalen Kämpfe erneuerten sich in der Arena des allgemeinen Wahlrechts mit verdoppelter Kraft und führten die Sozialdemokratie zur Zersetzung und Schwächung. In England hat die Arbeiterpartei nach ihrer Absonderung vom Liberalismus sich wieder mit ihm aufs engste verbunden. In Frankreich sind die Syndikalisten in reformistische Positionen hinübergerückt; Gustav Hervé hat sich in kürzester Zeit in sein Gegenteil umgewandelt. In der deutschen Sozialdemokratie erhoben die Revisionisten das Haupt, ermutigt dadurch, dass die Geschichte ihnen eine solche Revanche verlieh. Die Süddeutschen vollbrachten ihr demonstratives Votum für das Budget. Die Marxisten waren genötigt, vom Angriff zur Verteidigung überzugehen. Die Anstrengungen des linken Flügels, die Partei auf den Weg einer mehr aktiven Politik hinüberzuziehen, blieben erfolglos. Das herrschende Zentrum näherte sich immer mehr dem rechten Flügel, die Radikalen isolierend. Der sich nach den Schlägen von 1905 erholende Konservatismus triumphierte auf der ganzen Linie. Aus Mangel an revolutionären Aktionen, wie auch realer reformistischer Möglichkeiten, ging die ganze Energie auf automatischen organisatorischen Ausbau: neue Partei- und Gewerkschaftsmitglieder, neue Zeitungen, neue Abonnenten. Im Laufe der Jahrzehnte zu einer Politik des possibilistischen Verharrens verurteilt, schuf die Partei den Organisationskult als Selbstzweck. Wohl nie hat der Geist organisatorischer Trägheit in der deutschen Sozialdemokratie so unbedingt geherrscht, wie in den letzten Jahren, die der großen Katastrophe unmittelbar vorangingen. Und es kann keinerlei Zweifel sein, dass die Frage der Erhaltung der Organisationen, Kassen, Volkshäuser, Druckereien bei der Bestimmung der Position der Reichstagsfraktion zum Kriege eine gar wichtige Rolle spielte. Das erste Argu- d i e I n t e r n at i o n a l e ment, das ich von einem führenden deutschen Genossen hörte, war: „Hätten wir anders gehandelt, so hätten wir unsere Organisationen und unsere Presse dem Verderben geweiht.“ Wie bezeichnend ist doch für die Psychologie des organisatorischen Possibilismus die Tatsache, dass von 91 sozialdemokratischen Zeitungen nicht eine es für möglich erachtete, einen Protest gegen die Vergewaltigung Belgiens zu erheben. Nicht eine! Nach dem Fallen der Ausnahme- ges beim „Kaiserhoch“ verlassen oder sitzen bleiben solle. „Die Herstellung der Republik im deutschen Reiche liegt gegenwärtig und für lange Zeit außerhalb aller absehbaren Möglichkeiten, dass sie wirklich nicht Gegenstand unserer Tagespolitik ist.“ ... Die immer ausbleibenden praktischen Erfolge könnten erreicht werden, jedoch nur bei einer Zusammenarbeit mit dem liberalen Bürgertum. „Aus diesem Grunde und nicht aus Zimperlichkeit habe ich darauf Mit seiner ganzen bewussten Politik hat das Proletariat zu der Entwicklung der Produktionskräfte auf nationaler Grundlage beigetragen.“ gesetze hat die Partei lange gezögert, eigene Druckereien einzurichten, damit diese bei Eintreten wichtiger Ereignisse nicht von der Regierung konfisziert werden können. Und jetzt, nachdem sie eigene Druckereien errichtet, befürchtet die Parteihierarchie jeden entschiedenen Schritt, um keinen Anlass zur Konfiskation zu geben. Noch beredter erscheint der Zwischenfall mit dem Vorwärts, der die Erlaubnis erbat weiter zu existieren – auf der Grundlage eines neuen Programms, das bis auf weiteres den Klassenkampf suspendiert. Jeder Freund der deutschen Sozialdemokratie empfand das Gefühl einer reinigenden Kränkung, als er die Nummer des Zentralorgans mit der herabwürdigenden Vorschrift des „Oberkommandos“ erhielt. Wäre der Vorwärts unter dem Verbot geblieben, so wäre das eine bedeutende politische Tatsache, auf die sich später die Partei selbst mit Stolz berufen hätte. Jedenfalls wäre das weit ehrenwerter, als das Existieren mit dem Abdruck des Generalstiefels an der Stirn. Doch höher als alle Erwägungen der Politik und der Parteiwürde standen die Erwägungen des Unternehmens, des Verlages, der Organisation – und so existiert nun der Vorwärts als ein zweiseitiges Zeugnis der unbegrenzten Brutalität des kommandierenden Junkertums in Berlin wie in Leuven und des unbegrenzten Possibilismus der deutschen Sozialdemokratie. Der rechte Flügel nahm eine mehr prinzipielle Position ein, die von politischen Erwägungen ausging. Diese prinzipiellen Erwägungen des deutschen Reformismus hat Wolfgang Heine sehr krass formuliert in einer lächerlichen Diskussion darüber, ob man den Sitzungssaal des Reichsta- hingewiesen, dass die parlamentarische Zusammenarbeit erschwert wird durch Demonstrationen, die den größten Teil des Hauses unnötig in seinen Gefühlen verletzen.“ Wenn aber schon die Verletzung der monarchischen Etikette imstande war, die Hoffnung auf eine reformatorische Mitarbeit mit dem liberalen Bürgertum zu zerstören, so hätte der Bruch mit der bürgerlichen „Nation“ in der Stunde der nationalen „Gefahr“ für lange hinaus einen Strich gemacht nicht nur durch die erwünschten Reformen, sondern auch durch die reformistischen Wünsche. Jene Haltung, die den konservativen Routineuren des Parteizentrums durch die nackte Sorge um die organisatorische Selbsterhaltung diktiert war, ergänzte sich bei den Revisionisten durch politische Erwägungen. Der Standpunkt der Revisionisten erwies sich auf alle Fälle als weit umfassender und hat allerenden das Feld erobert. Fast die gesamte Parteipresse weist jetzt fleißig auf das hin, was sie früher hart verspottete: dass die patriotische Haltung der Arbeiterschaft ihnen nach dem Kriege die Wohlgeneigtheit der besitzenden Klassen für Reformen bringen müsse. Sonach fühlte sich die deutsche Sozialdemokratie unter den Schlägen der großen Ereignisse nicht als eine revolutionäre Macht, welche vor sich Aufgaben hat, die weit über den Rahmen der Frage nach der Verschiebung der Staatsgrenzen hinausgehen, die sich nicht einen Augenblick in den nationalistischen Wirbel verliert, sondern den günstigsten Moment abwartet, um gleichzeitig mit den anderen Teilen der Internationale kraftvoll in den Gang der Ereignisse einzugreifen – nein, sie fühlte sich vor allem als ein schwerfälInprekorr 4/2014 53 d i e I n t e r n at i o n a l e liger organisatorischer Train, den die feindliche Kavallerie bedroht. Darum hat sie auch die ganze Zukunft der Internationale der von ihr unabhängigen Frage der Verteidigung der Grenzen des Klassenstaates untergeordnet – weil sie sich selbst vor allem als ein konservativer Staat im Staate fühlte. „Siehe Belgien!“ munterte der Vorwärts die ArbeiterSoldaten auf. Dort sind die Arbeiterhäuser in Lazarette verwandelt, die Zeitungen geschlossen, das Leben unterdrückt.1 Und darum haltet aus bis zum Ende – „bis der Sieg endgültig unser ist“. Mit anderen Worten: Zerstört weiter, erschrecket selbst vor dem Werke eurer Hände – „siehe Belgien!“ – und schöpfet aus diesem Schrecken Mut für neue Zerstörungen! Das oben gesagte bezieht sich im Großen und Ganzem nicht nur auf die deutsche Sozialdemokratie, sondern auf alle alten Teile der Internationale, die die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts durchgemacht haben. Doch mit dem Gesagten erschöpft sich nicht die Frage nach den Ursachen des Zusammenbruchs der zweiten Internationale. Es bleibt der bisher in diesem Zusammenhang ungeklärte Faktor, der in dem Kern aller durcherlebten Ereignisse ruht. Die Abhängigkeit der Klassenbewegung des Proletariats, insbesondere seiner ökonomischen Kämpfe, von Umfang und Erfolgen der imperialistischen Politik des Staates ist eine Frage, welche, soviel wir wissen, noch keiner Erörterung in der sozialistischen Presse unterzogen worden ist. Mit ihrer Lösung können auch wir uns nicht beschäftigen, im Rahmen eines politischen Pamphlets, als welches diese Broschüre ihrem Wesen nach erscheint. Was wir darüber sagen werden, wird daher notgedrungen den Charakter eines kurzen Überblickes haben. Das Proletariat ist stark interessiert an der Entwicklung der Produktionskräfte. Als der Grundtypus der ökonomischen Entwicklung der vergangenen Epoche erschien der Nationalstaat, der in Europa in den Revolutionen und Kriegen der Jahre 1789 bis 1870 geschaffen wurde. Mit seiner ganzen bewussten Politik hat das Proletariat zu der Entwicklung der Produktionskräfte auf nationaler Grundlage beigetragen. Es unterstützte das Bürgertum in seinem Kampfe gegen äußere Feinde für nationale Befreiung; in seinem Kampfe gegen Monarchie, Feudalismus und Kirche für das Regime der politischen Demokratie. In dem Maße, als das Bürgertum „ordnungsfreundlich“ wurde, das heißt zur Reaktion überging, hat das Proletariat die von ihm nicht vollendete historische Arbeit auf sich genommen. Indem es gegen das Bürgertum eine Politik des Friedens, der Kultur und Demokratie verfocht, trug es zur Absatzvergrößerung auf dem nationalen Markt bei, es drängte also die 54 Inprekorr 4/2014 Entwicklung der Produktionskräfte vorwärts. In gleichem Maße war es wirtschaftlich interessiert an der Demokratisierung und dem kulturellen Aufschwung aller anderen Länder, als Käufer oder Verkäufer im Verhältnis zu seinem eigenen Lande. Darin bestand die wichtigste Gewähr der internationalen Solidarität des Proletariats – nicht nur in seinem Endziele, sondern auch in seiner Tagespolitik. Der Kampf gegen die Überbleibsel feudaler Barbarei, gegen maßlose Forderungen des Militarismus, gegen Agrarzölle, gegen indirekte Steuer machten den Grundinhalt der Arbeiterpolitik aus und dienten direkt wie indirekt dem Werke der Entwicklung der Produktionskräfte. Eben darum ging die erdrückende Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in ihrer Politik mit der Sozialdemokratie; jede Hemmung in der Entwicklung der Produktionskräfte berührt am unmittelbarsten die gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats. In dem Maße, als der Kapitalismus vom nationalen Boden auf einen international-imperialistischen übertrat‚ geriet die nationale Produktion und mit ihr der ökonomische Kampf des Proletariats in unmittelbare Abhängigkeit von jenen Bedingungen des Weltmarktes, die mit Hilfe der Dreadnougths und Mörser gesichert werden. Mit anderen Worten: im Gegensatz zu den grundsätzlichen Interessen des Proletariats, in ihrem vollen historischen Umfang genommen, erwiesen sich die unmittelbaren beruflichen Interessen seiner einzelnen Schichten in direkter Abhängigkeit von den Erfolgen oder Misserfolgen der äußeren Politik der Regierung. England hat viel früher seine kapitalistische Entwicklung auf die Grundlage imperialistischen Raubbaus gestellt. Es hat die oberen Schichten des Proletariats an seiner Weltherrschaft interessiert. Das englische Proletariat hat bei Verfechtung seiner Interessen sich darauf beschränkt, einen Druck auf die bürgerlichen Parteien auszuüben, die ihm einen Anteil an kapitalistischer Ausbeutung anderer Länder gewährten. Eine selbständige Politik begann es in dem Maße einzuschlagen, als England seine Position auf dem Weltmarkt verlor, zurückgedrängt unter anderem durch seinen Hauptrivalen Deutschland. Doch zugleich, mit der Zunahme der industriellen Weltrolle Deutschlands wuchs nicht nur die materielle, sondern auch die ideelle Abhängigkeit weiter Schichten des deutschen Proletariats vom Imperialismus. Am 11. August schrieb der Vorwärts, dass die deutschen Arbeiter, „die man bisher zu den politisch aufgeklärten gezählt hat und denen seit Jahren (wir müssen gestehen, mit recht wenig Erfolg) die Gefahren des Imperialismus gepredigt worden sind“, ebenso über die italienische d i e I n t e r n at i o n a l e Neutralität schimpfen, wie die extremsten Chauvinisten. Dies hat aber den Vorwärts nicht gehindert, die deutschen Arbeiter mit „nationalen“ und „demokratischen“ Argumenten zur Rechtfertigung der blutigen Arbeit des Imperialismus zu speisen – bei vielen Literaten sind die Rücken ebenso biegsam wie die Federn. Doch ändert dies nichts an den Tatsachen. Im Bewusstsein der deutschen Arbeiter zeigte sich im entscheidenden Augenblick keine unversöhnliche Feindschaft gegen die imperialistische Politik – im Gegenteil, sie offenbarten eine außerordentliche Empfänglichkeit für ihre von nationaler und demokratischer Phraseologie umhülltem Einflüsterungen. Der sozialistische Imperialismus offenbart sich in der deutschen Sozialdemokratie nicht zum ersten Male. Es genügt, an die Tatsache zu erinnern, dass auf dem internationalen Kongress in Stuttgart die Mehrheit der deutschen Delegierten, besonders die Gewerkschafter, gegen die marxistische Resolution über die Kolonialpolitik stimmten. Erst im Lichte der jetzigen Ereignisse erhält die Tatsache, die damals Sensation hervorgerufen, ihre ganze Bedeutung. Gegenwärtig verquickt die Gewerkschaftspresse mit mehr Bewusstheit und nüchterner Sachlichkeit als die politische die Sache der deutschen Arbeiterklasse mit dem Werke der hohenzollernschen Armee. Solange der Kapitalismus auf nationaler Grundlage verblieb, konnte sich das Proletariat an der Mitwirkung der Demokratisierung der politischen Beziehungen und der Entwicklung der Produktivkräfte mittels seiner parlamentarischen, kommunalen und sonstigen Tätigkeit nicht entziehen. Die Versuche der Anarchisten, dem politischen Kampf der Sozialdemokratie eine formal-revolutionäre Agitation entgegenzustellen, verurteilte sie zur Isolierung und zum Aussterben. Soweit aber die kapitalistischen Staaten aus nationalen Gebilden zu imperialistischen Weltstaaten werden, kann das Proletariat diesem Imperialismus keine Opposition entgegensetzen auf Grund des sogenannten Minimalprogramms, das seiner Politik im Rahmen des Nationalstaates die Richtung gegeben hat. Auf der Grundlage eines Kampfes um Tarifverträge und Sozialgesetzgebung ist das Proletariat außerstande, die gleiche Energie gegen den Imperialismus zu entwickeln, wie es dies gegen den Feudalismus getan hat. Indem es auf den veränderten kapitalistischen Grundlagen seine alte Methode des Klassenkampfes – der ständigen Anpassung an die Bewegung des Marktes – anwendet, gerät es selbst, materiell und ideell, in Abhängigkeit vom Imperialismus. Dem Imperialismus seine revolutionäre Kraft entgegenstellen, kann das Proletariat nur unter dem Banner des Sozialismus als einer unmittelba- ren Aufgabe. Die Arbeiterklasse erweist sich umso machtloser gegen den Imperialismus, je länger ihre alten mächtigen Organisationen auf dem Boden der alten possibilistischen Taktik verbleiben; die Arbeiterklasse wird übermächtig gegen den Imperialismus, wenn sie den Kampfesweg der sozialen Revolution betritt. Die Methoden national-parlamentarischer Opposition verbleiben nicht nur objektiv resultatlos, sondern verlieren für die Arbeitermassen jede subjektive Anziehungskraft angesichts der Tatsache, dass hinter dem Rücken der Parlamentarier der Imperialismus mit bewaffnetem Arm den Verdienst und selbst die Existenz des Arbeiters in immer größerer Abhängigkeit von seinen Erfolgen auf dem Weltmarkt bringt. Dass der Übergang des Proletariats vom Possibilismus zur Revolution nicht durch agitatorische Antreiberei, sondern nur durch historische Erschütterungen hervorgerufen werden kann, war jedem denkenden Sozialisten klar. Aber dass diesem unvermeidlichen Umschwung der Taktik die Geschichte einen solchen erschütternden Zusammenbruch der Internationale vorausschicken würde, hat niemand vorausgesehen. Die Geschichte arbeitet mit titanischer Erbarmungslosigkeit. Was bedeutet ihr die Kathedrale von Reims? Und was einige hundert oder tausend politische Reputationen? Und was ist ihr Leben oder Tod von Hunderttausenden oder Millionen? Das Proletariat hat sich zu lange in der Vorbereitungsklasse aufgehalten, viel länger als seine großen Vorkämpfer es sich gedacht haben – die Geschichte nahm den Besen zur Hand, warf die Internationale der Epigonen auseinander und führte die schwerfälligen Millionen ins Feld, wo ihnen mit Blut die letzten Illusionen abgewaschen werden. Ein schreckliches Experiment! Von seinem Ausgang hängt vielleicht das Schicksal der europäischen Kultur ab. 1 Ein Korrespondent des Vorwärts erzählt sentimental, wie er in Brüssel in der Maison du peuple die belgischen Genossen suchte und ein deutsches Lazarett fand. Wozu brauchte der Korrespondent des Vorwärts belgische Genossen? „Um sie für die Sache des deutschen Volkes zu gewinnen“ – in einem Moment, wo schon Brüssel selbst „für die Sache des deutschen Volkes“ gewonnen war. Übersetzung: unbekannt. Siehe http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1914/kriegint/kap06.htm Inprekorr 4/2014 55 d i e I n t e r n at i o n a l e VOM ELEND DES REVIDIERTEN MARXISMUS UND DER ALTERNATIVEN POLITIKBERATUNG Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es eine wahre Flut von Versuchen, die beiden Hauptelemente der Marx’schen Kapitalismusanalyse – die Krisentheorie und die Theorie des Klassenantagonismus – abzuschwächen oder gar wegzurevidieren. Willi Eberle D ie Revisionsversuche erfolgen aus verständlichen Gründen: Sie sind absolut ungeeignet, die Politik der Klassenzusammenarbeit, wie sie die reformistische Arbeiterbewegung prägen, zu begründen. Im Gegenteil, sie stehen ihr im Wege! In einer neuen, kurzen und prägnanten Darstellung versuchen Jakob Schäfer aus dem Revolutionär sozialistischen Bund (RSB) und Guenther Sandleben, ein linker Ökonom, diese Zusammenhänge zu beleuchten: Guenther Sandleben, Jakob Schäfer, Apologie von links. Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien, Köln (Neuer ISP Verlag) 2013. Eine falsche Theorie begründet fast ohne Ausnahme eine falsche Politik, eine falsche Politik verträgt sich nicht mit einer richtigen Theorie. Dass die Politik der reformistischen Organisationen der Arbeiterbewegung falsch ist, ist an der wachsenden Bedrohung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Lohnabhängigen, der breiten Bevölkerungsschichten, durch die praktizierte Politik der 56 Inprekorr 4/2014 Klassenzusammenarbeit abzulesen. Die Regierungslinken und die Gewerkschaftsführungen sind kaum mehr bereit, die demokratischen und sozialen Errungenschaften zu verteidigen, ja leisten oft genug – nicht selten unterfüttert von einer entsprechenden falschen Kapitalismus- und Krisenanalyse, einer revidierten Variante des Marxismus – aktive Beihilfe, diese Errungenschaften zu opfern. Die Pflege der Standortvorteile des einheimischen Kapitalismus im verschärften internationalen Konkurrenzkampf ist längst zu deren Grundorientierung geworden. Sie entwaffnen so die Arbeiterklasse im Kampf gegen die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Sie sind neuerdings z. B. in Deutschland, aber auch sonst wo in Europa und den USA an vorderster Front der Kriegshetze gegen Russland, aber auch in Afrika und verschiedenen Krisenherden in Asien. Aufgrund der speziellen Stellung der Schweiz im Imperialismus ist auch die Rolle der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsführungen im Rahmen der Klassen- d i e I n t e r n at i o n a l e zusammenarbeit eine etwas andere; die Bilanz fällt aber mindestens gleich ernüchternd aus wie an anderen Orten. Der Diskussionszusammenhang für eine alternative Politikberatung – vor allem in ihrer linkskeynesianischen Ausprägung –, wie er von den Autoren kritisiert wird, ist in der Schweiz – auf theoretisch viel bescheidenerem Niveau allerdings – am ehesten im Umfeld von Denknetz (http://www.denknetz-online.ch/) tätig. Die Autoren setzen für ihr Argument bei den aktuell vier wichtigsten Richtungen „alternativer Politikberatung“ in Deutschland an, die die „Politik“ über vernünftigere Wege aus der seit über 40 Jahren andauernden Wachstumskrise belehren wollen. Zurückgehend auf Rudolf Hilferding setzen diese alle voraus, dass der Kapitalismus durch eine „Hegemonie der Finanzmärkte“ weitergetrieben bzw. blockiert wird. Keine dieser Strömungen geht von der Arbeitswertlehre der Marx‘schen Kapitalismusanalyse und der damit verbundenen Krisentheorie aus; vor allem aber setzen drei von ihnen auf ein vernünftiges Einvernehmen mit den Unternehmern, statt von der zu entwickelnden Selbstaktivität der Arbeiterklasse als der einzigen möglichen Krisenlösungsstrategie auszugehen. Die alternative Politikberatung appelliert an die Vernunft der Herrschenden und nicht an den Widerstandsgeist der Beherrschten und beschwört ein normales, krisen- und weitgehend konfliktfreies Funktionieren des Kapitalismus – wie die Führungen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, die sich ja ihrerseits wieder auf diejenigen diffusen retardierenden Segmente abstützen, die im Widerstand gegen dieses immer zerstörerische System keine Vernunft sehen. Die Wertkritiker weichen etwas ab von diesem Muster: Sie entwickeln eine Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus und verabschieden sich gleichzeitig von der Arbeiterklasse als einzig möglichem Subjekt, um die Kapitalherrschaft zu überwinden. In diesem Punkt herrscht also wieder Einigkeit zwischen den vier hier behandelten Ansätzen. Nicht so noch bei Hegel (1807): „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und vor der Verwüstung rein bewahrt, sondern ihn erträgt, und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er … nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut“. Dieses Leben des Geistes sind heute – wie vor über 200 Jahren – die sich ans Licht der Freiheit vorwärtsdrängenden Geknechteten und Ausgebeuteten, die Gedemütigten und Entrechteten, die sich auf diesem Weg der Befreiung von den Ketten der Lohnabhängigkeit und des Freihandels die Welt aneignen wollen. Eben, wie es Marx 40 Jahre nach Hegel formulierte: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Die vier linken Apologien Die beiden Autoren argumentieren, dass die behandelten vier „finanzmarktbezogenen Krisentheorien […] große Übereinstimmung mit bürgerlichen Interpretationsmustern haben: die Apologie der bestehenden Verhältnisse von kapitalistischer Warenproduktion und Zirkulation, das behauptete Fehlverhalten der Regierungspolitik, in Regulierungsfragen des Finanzmarktes, die Fokussierung der Krisenanalyse auf den Kredit-, Banken- und Kapitalmarktsektor, die fehlende Analyse des inneren Zusammenhangs von Finanzmarktkrise und Krise kapitalistischer Warenproduktion, die gelegentliche Betonung der Verteilungsfrage, die besondere Hervorhebung der Immobilienkrise samt der damit verbundenen Finanzkrise und schließlich die unzureichende Analyse der Überproduktionskrise von 2008“ (11f ). Den kritisierten Ansätzen liegt zudem eine falsche Geldtheorie zugrunde. „Über das aber, was schließlich als Geld akzeptiert würde, entscheiden nicht die Banken, wie die keynesianischen Marxinterpreten meinen, sondern die Warenbesitzer. Denn diese werden im Verkauf das als Geld akzeptieren, was ihnen als sicher genug erscheint, um damit Waren ihrer Wahl zu kaufen“ (136). Die Linkskeynesianer um die Memorandumgruppe (Rudolf Hickel, Jörg Huffschmid u.a.) entsprechen mit der Unterkonsumtionstheorie am ehesten der Position, wie sie häufig von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften zumindest propagandistisch vertreten wird. Dies gilt auch für die Schweiz. Zum Beispiel wird im Rahmen der aktuellen Mindestlohninitiative (wie bei der gewerkschaftlichen Propaganda) gelegentlich auf solchen Positionen argumentiert. Andererseits fanden sich alle repräsentativen Kräfte der Schweizer Bourgeoisie mit der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften einhellig auf keynesianischen Positionen friedlich beieinander, als 2008 für die Bankenrettung gegen 15% des Bruttosozialproduktes aufgeworfen wurden. Ein ähnlicher Schulterschluss konnte damals weltweit beobachtet werden. Denn: „Zu Ehren und Ansehen kommt eine Theorie nur dann, wenn sie die vorherrschenden Kapitalinteressen einer Zeit ausdrückt. Und das tut die keynesianische Theorie nur zu gut, wenn das Kapital in eine Krise gerät“ (37). Die Kriseninterpretation der neuen StamokapTheorie – hier am Beispiel von Lucas Zeise – weist Inprekorr 4/2014 57 d i e I n t e r n at i o n a l e insofern „etliche Parallelen zur linkskeynesianischen Krisendiskussion auf, [als auch sie auf der Vorstellung beruht, Einfügung maulwuerfe.ch ], die Marx‘sche Theorie müsse wegen ihrer Schwächen korrigiert und ergänzt werden u.a. durch die Theorie von J. M. Keynes“ (39). Aber als wichtige Referenz knüpft Zeise an Rudolf Hilferdings Verschmelzungsthese zwischen Industrie- und Bankenkapital in der Form des Finanzkapitals an, und dass der Kapitalismus der freien Konkurrenz zunehmend durch den Monopolkapitalismus abgelöst worden sei. Bekannterweise hat Lenin seine Imperialismustheorie auf dieser falschen Grundlage begründet, aber ganz andere politische Konsequenzen gezogen als etwa Hilferding als führender deutscher Sozialdemokrat und vor allem als der Marxismus-Leninismus, der damit seine verheerende Bündnispolitik der sogenannten Volksfrontstrategie und der antimonopolistischen Bündnisse begründet hat. Für die beiden Autoren sind, der Stoßrichtung ihres Argumentes gemäß, reale ökonomische Einwände maßgebend: „Wieso haben wir gesamtwirtschaftlich eher sinkende Profitraten, wenn doch die Monopole so allmächtig sind und sich über das Wirken des Wertgesetzes hinwegsetzen können?“ (65) Michael Heinrich treibt mit seiner Reformulierung der Marx‘schen Werttheorie die Verdinglichung es fiktiven Kapitals noch weiter als die beiden vorerwähnten Ansätze: „Werte entstehen […] nicht mehr in der Produktion, sondern in der Zirkulation, also paradoxerweise dort, wo gar nicht mehr gearbeitet wird“ (70). Während bei Marx das fiktive Kapital – Aktien, Wertpapiere, Bankeinlagen aller Art, Schuldscheine, usw. – nur illusorisch als Kapital, als sich vermehrender Wert, fungieren (siehe dazu z. B. den ganzen V. Abschnitt in Kapital III, MEW25), so ist dieses illusorische, eben fiktive Kapital (ebd. 483) bei Heinrich „eine Welt für sich […] jenseits der wirklichen Akkumulation“; das fiktive Kapital erlangt bei ihm als „Steuerungssystem der kapitalistischen Ökonomie“ (72f ), wie bei Hilferding, gar eine Kommandofunktion über den gesamtwirtschaftlichen Prozess. Da liegt es nur auf der Hand, dass bei dem anderen Pfeiler der Marx‘schen Theorie und Praxis, dem Klassenbegriff, ebenfalls wacker gerüttelt wird. Ohne hier auf diesen Teil der Theorie von Heinrich näher einzutreten (das diskutierte Buch tut dies ja auch nicht), sei nur festgehalten, dass bei ihm in entscheidenden Argumenten jeweils nur von Gesellschaft als Ganzem und nicht von Klassenkonflikt die Rede ist; die Gesellschaft ist in einem fetischisierten Verblendungszusammenhang und in einer abstrakten 58 Inprekorr 4/2014 Totalität eingesperrt. Ein Topos, wie er bei der Frankfurter Schule und der kritischen Theorie bestenfalls in eine politische Sackgasse geführt hat.1 Mit ihrer theatralisch vorgetragenen radikalen Attitüde scheint die in den 90er Jahren auf kommende Wertkritik vor allem der Gruppe Krisis gerade nicht unter das Verdikt einer linken Apologie zu fallen. Die beiden Autoren arbeiten jedoch heraus, dass ihr wie den anderen behandelten Ansätzen die These vom „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“ zugrunde liegt. Nur ist diese nun gewendet, die Verdinglichung der Geldform am weitesten getrieben: Die Finanzmärkte sind nun zu den zentralen Quellen der Wertschöpfung geworden, da es in der Produktionssphäre zu einer Zerschmelzung der Wertquellen kommt. Marx scheint also auch hier, contrecœur der Wertkritiker, recht zu behalten: „Das fiktive Kapital ist die Quelle aller Hirngespinste“ (Das Kapital III, MEW 25, 29. Kapitel, 409). Ganz in dieser Logik der Mystifizierung der Warenform alles Gesellschaftlichen wird der Klassencharakter der Gesellschaft als „bloßes Phänomen der Konkurrenz innerhalb der Marktlogik“ behandelt (Siehe dazu z. B. F. Köln, 2002).2 Die permanente Krise und praktische Schlussfolgerungen Es gibt ihn also nicht, den normal funktionierenden, mehr oder weniger krisen- und konfliktfreien Kapitalismus, wie er von der Bourgeoisie und in ihrem Gefolge von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaftsführungen und ihrer akademischen Hilfstruppen der MarxRevidierer gerne beschworen werden. Das Buch schließt ab mit einer Einschätzung über den Charakter der sich seit 2008 verschärfenden Krise und mit einem knappen, vielleicht allzu knappen Hinweis auf politische Perspektiven der Entwicklung der Arbeiterklasse als historischem Subjekt, das allein den zerstörerischen Tendenzen der Herrschaft des kapitalistischen Privateigentums entgegentreten könnte. „Einen Zusammenbruch des Finanzsystems halten wir unter solchen Umständen für möglich. […] Die Besitzer von Geldkapital und von fiktivem Kapital würden ruiniert, weil sich ihre Vermögen massenhaft entwerteten. […] In einer solchen Blockade würde sich zeigen, dass die Eigentumsverhältnisse direkt den Bedürfnissen des Lebens entgegenstehen [….] Eine solche Situation würde die Menschen zwingen, ihre Ökonomie selbst zu regeln“. (137f ) Die tiefe Wahrheit der Marx‘schen Kapitalismusanalyse erweist sich eben gerade darin, dass sie, gerade in ihren d i e I n t e r n at i o n a l e politischen Schlussfolgerungen, auf eine tragische Weise stimmt; das heißt, die Arbeiterklasse braucht unabhängige politisch-organisatorische Instrumente, um ihren immer wieder aufflammenden Widerstand gegen die Kapitalherrschaft zu entwickeln und in letzter Konsequenz die politische und soziale Macht zu erobern. Wird diesen Einsichten und strategischen Orientierungen zuwidergehandelt, dann vertiefen sich über kurz oder lang die Probleme der weltweiten Bevölkerung. Bis zu Massenverarmung, ökologischer Zerstörung, Krieg, autoritären Regimes, entfesseltem Irrationalismus…. Alles Erscheinungen, die wieder einmal drohend bis in die Zentren des Imperialismus als Gespenster am Horizont auftauchen. Da angesichts der Katastrophen im 20. Jahrhundert schwer verfehlt zu haben, ist die große historische Verantwortung der Sozialdemokratie und des Stalinismus. Die beiden Autoren lassen mit ihrem dünnen aber gewichtigen Buch diesbezüglich keinen Zweifel auf kommen. „Wenn der klassenbewusste Widerstand von unten auf dem tiefen Niveau verharrt, dann drohen“ barbarische Verhältnisse. „Oder aber es kommt zu einer Belebung des Klassenbewusstseins und des aktiven Klassenkampfes von unten. Dann gibt es eine Chance, dass dies [die Krisenlö- sung, Anm. maulwuerfe.ch] nicht alles auf Kosten der Klasse der Lohnabhängigen abgewickelt wird“ (138). 1 Siehe für eine Kritik dieser Position von Heinrich z. B. GegenStandpunkt, Heft 2-08, zu finden auch unter: http:// www.kapital-lesen.com/texte/kritik-an-michael-heinrich/ 2 F. Köln: „Neue Deutsche Wertkritik“ – Marxismus in Zeiten des Neoliberalismus. In: Wildcat, Februar 2002. Zu finden auch unter: http://www.wildcat-www.de/zirkular/62/z62wertk.htm Willi Eberle ist Mitglied er Antikapitalistischen Linken / Gauche anticapitaliste /Sinistra anticapitalista und lebt in Zürich. Er ist in verschiedenen politischen Zusammenhängen aktiv und betreibt die Web-Seite maulwuerfe.ch, woraus wir die Buchbesprechung mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen haben. Inprekorr 4/2014 59 d i e I n t e r n at i o n a l e Die Revolution macht keine Ferien! Einladung zum internationalen antikapitalistischen Jugendcamp der IV. Internationale vom 3. bis zum 9. August 2014 D as Jugendcamp der IV. Internationale ist wie das Muster einer utopischen Gesellschaft. Es bildet einen Mikrokosmos einer sozialistischen Gesellschaft, in der der Klassenkampf gewonnen, gender egal und die Gleichheit absolut ist.“ So beschrieb vor einigen Jahren einmal ein britischer Teilnehmer das alljährlich stattfindende antikapitalistische Sommercamp. Nachdem das Camp im Jahr 2013 in Griechenland stattgefunden hat, werden wir in diesem Sommer in Südfrankreich unsere Zelte aufschlagen. Erwartet werden dazu über 400 antikapitalistisch bewegte Menschen aus über 20 Ländern. Die meisten Teilnehmenden sympathisieren mit der IV.Internationale, sind Mitglied dieser Organisation, oder engagieren sich zusammen mit Menschen aus dieser Organisation aktiv in der Bewegung. Beim letzten Sommercamp in Griechenland kamen die Teilnehmenden u.a. aus Belgien, Brasilien, Dänemark, Niederlande, Polen, Portugal, Russland, Kanada, Griechenland, Spanien, Indonesien, Philippinen, Mexiko, Serbien, USA, Großbritannien, Schweiz, Deutschland, Italien und nicht zuletzt Frankreich. Das Programm des Camps ist so breit wie die Probleme, vor denen wir heute stehen – nicht nur in Europa: Krieg, Rassismus, Klimawandel, Rechte der Lohnabhängigen, Feminismus, Sexualität, soziale Kämpfe, kapitalistische Globalisierung und europäischer Imperialismus. Aber auch die globale Entwicklung mit dem Fokus auf dem Nahen Osten, Lateinamerika und dem globalen Süden wird nicht zu kurz kommen. Zahlreiche Diskussionen werden sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung befassen, sowie mit theoretischen Fragen des Internationalismus, des Antikapitalismus und der revolutionären Strategie. Dazu, und zu vielem mehr, gibt es Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge – viele spannende Gespräche darüber entwickeln sich aber auch abends bei einem Bierchen bzw. einer Limo an der selbstverwalteten Camp-Bar oder auch beim gemeinsamen Sonnenbad in der Mittagshitze. 60 Inprekorr 4/2014 Ganz besonders hervorzuheben sind die zahlreichen Aktivitäten rund um das Thema Feminismus und LGBTQ (lesbisch-schwul-bisexuell-transgender-queer). Neben den genannten Programmpunkten gibt es auf dem Camp je einen besonderen sog. Space für Frauen bzw. LGBTQ-Genossinnen und -Genossen. Dort können sie themenspezifische Diskussionen führen, die sie in männlich-heterosexuell geprägten Kreisen oft nicht ohne Weiteres besprechen könnten. Diese Spaces bereiten auch jeweils die Frauen- bzw. LGBTQ-Party vor, die für viele Teilnehmende zu den Höhepunkten des Camps zählen. Wer mit uns zusammen im August nach Frankreich fahren möchte, kann sich ab sofort für das Camp anmelden – spätestens bis zum 1.Juli. Wenn ihr euch aus besonderen Gründen erst später anmelden könnt, schreibt uns trotzdem! Möglicherweise sind dann jedoch keine Plätze mehr frei. Der genaue Ort des Camps steht noch nicht fest. Der Campbeitrag wird etwa 130 Euro betragen. Genauere Infos werden in den Wochen und Monaten vor dem Camp auf dem CampBlog veröffentlicht. Wer es sich nicht leisten kann, aber trotzdem gerne am Camp teilnehmen möchte, sollte sich bei uns melden. Wie in jedem Jahr wird es auch 2014 einen Solifonds geben, um Teilnahmewillige finanziell zu unterstützen. Infos & Bilder zu den Jugendcamps der IV. Internationale finden sich auf: www.sommercamp.blogsport.eu Anmeldung & Fragen: [email protected]