die medienskulptur der bayer ag

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Medienfassaden
... die mediale Inszenierung
der Corporate Identity ...
ag4 Media facade GmbH entwickelt und realisiert die Medienskulptur für Bayer in Leverkusen.
Ohne Wolfram Lusche wäre dieses Projekt niemals zustande gekommen und deswegen habe ich ihn gebeten, den Bericht über das Projekt aus der Sicht von Bayer zu verfassen.
Wolfram Lusche ist Dipl.-Ing. Architekt, war von 1991 bis 2002 Leiter Design in der
zentralen Messeabteilung der Bayer AG und verantwortlich für jährlich 150 Messen. Seit
2002 ist er Head of Corporate Events & Fairs in der Bayer AG. Seit 2005 ist er verantwortlich
für die Entwicklung von Design und Content der Medienskulptur.
Die Medienskulptur der Bayer AG
Es gibt nicht viele Gebäude der modernen Architektur, die auf eine so bewegte Geschichte
zurückblicken können wie das ehemalige Verwaltungshochhaus der Bayer AG.
In den Jahren 1960 bis 1963 nach Plänen des
Architekturbüros Hentrich, Petschnigg & Partner
als damals höchstes und modernstes Bürogebäude Deutschlands errichtet, diente es bis zum
Jahre 2002 als Sitz der Konzernzentrale und
setzte ein selbstbewusstes, weithin sichtbares
Wahrzeichen des Unternehmens in der Region.
Der Standort war städtebaulich wohl überlegt
und hatte die Verlegung eines liebevoll angelegten japanischen Gartens mit seltenen Gehölzen,
Skulpturen und einem japanischen Teepavillon
um mehrere hundert Meter zur Folge. Im März
des Jahres 1999 machte das Gebäude weltweit
Schlagzeilen, als es anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Aspirin mehrere Wochen
als größte Tablettenpackung der Welt komplett
verhüllt wurde.
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Wegen zu hoher Sanierungskosten fiel im gleichen Jahr die Entscheidung für den Abriss des
Hochhauses und den Neubau der Konzernzentrale. Dieser Neubau wurde von 2000 bis 2002
gleich nebenan nach Plänen des Architekturbüros Helmut Jahn errichtet, ebenfalls von einem
Abriss des Hochhauses ausgehend (geringer
Gebäudeabstand). Nach dem Umzug der Konzernführung in den Neubau wurde das Hochhaus bis 2007 als Bürogebäude genutzt, während parallel die Vorbereitungen für den Abriss
getroffen wurden.
www.mediatecture.info/22
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Medienfassaden
Die Idee
Die architektonischen Anforderungen
Im Zentrum des Bayer-Werkes vollendete sich
damit ein einzigartiges städtebauliches Ensemble bestehend aus
Es bot sich nun die konkrete Möglichkeit, etwas völlig Neuartiges zu schaffen. Ein Gebäude,
welches, auf seine Tragstruktur reduziert, von
einer transparenten Medienhülle allseitig umfasst, keine weiteren Funktionen beherbergen
musste. Die einmalige Ausgangssituation war
durch die vorhandene Stahlskelettkonstruktion
und die sehr gut geeigneten Dimensionen und
Proportionen des Gebäudes gegeben. Durch
eine zusätzliche Lichtinszenierung sollte die
Tragstruktur in die Bespielung der Fassaden mit
einbezogen werden. Deshalb kam der Transparenz eine wesentliche Bedeutung zu, nicht nur
für die Fassadengestaltung, sondern vor allem
um so die Möglichkeiten einer dreidimensionalen
Bespielung nutzen zu können. Dieses inszenierte Zusammenspiel von beleuchteter Gebäudestruktur, Lichtdesign und medialisierter Hülle
an dem gewaltigen Baukörper (21 m x 65 m x
122 m) konnte nicht mehr unter dem Terminus
Medienfassade subsumiert werden. Um den
Unterschied zu verdeutlichen, führte ich deshalb
hierfür einen neuen Terminus ein: Medienskulptur.
»» dem alten Hauptverwaltungsgebäude, erbaut
1903 bis 1912 nach Plänen der Architekten
Willy Günther und Hubert Amrhein im Stil des
Historismus,
»» dem Pharma-Verwaltungsgebäude, errichtet
1937 bis 1939 nach Plänen des Architekten
Emil Fahrenkamp, mit seiner strengen Sandsteinfassade (beide Bauten stehen unter
Denkmalschutz),
»» dem Neubau der Konzernzentrale von Helmut
Jahn mit seiner konvexen Glasfassade
Ich ging bei meinen Mittagsspaziergängen oft
um dieses Gebäudeensemble herum, betrachtete es aus vielen Perspektiven und spielte in
Gedanken durch, wie das Hochhaus zu erhalten
sei.Im August 2005 blieb ich mit dem Blick auf
das Hochhaus stehen und hatte plötzlich eine Vision: Ich sah das skelettierte Hochhaus vor mir,
umhüllt von einer transparenten Medienhaut.
Foto © Bayer AG
»» und dem Verwaltungshochhaus als weithin
sichtbarer Landmarke, das durch seine Querstellung dieses Ensemble räumlich abschließt.
Damit könnte diese bedeutende Landmarke
nicht nur bewahrt, sondern durch eine neuartige,
innovative Nutzung zum neuen Wahrzeichen der
Bayer AG transformiert werden.
Den weltweiten Trend und die kontroversen Diskussionen zur Medialisierung von Architektur im
öffentlichen Raum hatte ich mit großem Interesse verfolgt und die ersten geplanten und realisierten Projekte waren mir weitgehend bekannt.
Sie lassen erkennen, dass sich in unserer Gesellschaft – in unterschiedlichsten Ländern – ein
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es musste noch ein anderes architektonisches
Problem gelöst werden: die gestalterische Einbindung in das Gebäudeensemble, insbesondere in Beziehung zur neuen Konzernzentrale mit
ihrer geringen Distanz und konvexen Form.
Die inhaltlichen Anforderungen
Die Aufgabenstellung
Ausgehend von dieser Idee mussten eine konkrete Aufgabenstellung und eine Machbarkeitsprüfung erarbeitet werden. Und es mussten
Partner gefunden und für diese Idee begeistert
werden.
Im unbespielten bzw. ausgeschalteten Zustand
sollte dieses Gebäude auch hohen architektonischen und ästhetischen Ansprüchen genügen
und durch seine Transparenz die unterschiedlichsten Wirkungen des Sonnenlichtes zu den
wechselnden Tageszeiten widerspiegeln. Aber
Bindung des Hochhauses an die neue Konzernzentrale von Murphy/
Jahn durch die Außenanlagen
zunehmender Bedarf entwickelt hat, öffentlichen
Raum zu emotionalisieren. Medienfassaden bieten dabei die phantastische Möglichkeit, dem
statischen Charakter der Architektur dynamische Elemente hinzuzufügen. Sie schaffen eine
Kommunikationsebene mit dem Betrachter und
die Möglichkeit zur Interaktion. Diese Chancen
wollte ich für das Projekt nutzen.
Alle bisher weltweit realisierten Medienfassaden dienen entweder wirtschaftlichen (profitable
Werbeflächen) oder im weitesten Sinne künstlerischen Interessen. Mich interessierte etwas
anderes: Kann ein solches innovatives Medium
auch als ein neuartiges Kommunikationsmittel für
ein Unternehmen wie Bayer genutzt werden und
darüber hinaus einen künstlerischen Anspruch
damit verbinden? Ließe sich mit diesem neuen
Medium und einer intelligenten und emotional
ansprechenden Bespielung das Image eines Unternehmens modernisieren? Könnte es zu einem
Leuchtturm einer neuen Kommunikationskultur
werden? Würde dieser positive Impuls der Außenwirkung auch nach innen wirksam werden? Wenn
die Medienskulptur als Kommunikationsmittel verstanden werden soll, müsste sie sich auch in eine
Kommunikationsstrategie integrieren lassen.
Ein weiterer für mich – und sicher auch für die
Durchsetzbarkeit des Projektes – wichtiger Punkt
war die Frage: Gibt es ein Content-ManagementSystem, welches die Inhalte nach vorgegebenen
Kriterien selbständig und über einen längeren
Zeitrahmen (24/7/365) generiert und somit eine
permanente Betreuung unnötig macht?
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Medienfassaden
Das Screening nach geeigneten Medienfassadensystemen und Partnern mit entsprechenden
Erfahrungen führte schneller zu einem Ergebnis
als gedacht. Die zentralen Anforderungen waren:
»» transparentes, integriertes Medienfassadensystem
»» mehrjähriger Praxistest von Installationen
an Gebäuden
»» alle nötigen baulichen Zulassungen
im Fassadenbau
Darüber hinaus verlangten die besonderen Witterungsbeanspruchungen des Gebäudes, insbesondere durch starke Winde, und die Offenheit nach allen Seiten eine mehrjährige Garantie.
Das gefundene Produkt wird ganz in der Nähe
hergestellt: Mediamesh®, eine gemeinsame Entwicklung von ag4 mediatecture company Köln
und der Edelstahlweberei GKD Düren.
Nach ersten Kontakten mit ag4 zeigte sich, dass
ich ein motiviertes Team unter der Geschäftsführung von Ralf Müller und in dem Architekten
Christoph Kronhagel einen kongenialen Partner gefunden hatte, um die Idee konzeptionell
weiterentwickeln zu können. In diesem Team
wurden außerdem Visualisierungen und erste
Machbarkeitsprüfungen erarbeitet. Es zeigte
sich weiterhin, dass ag4 bereits über ein Content-Management-System verfügte. Es war ausbaufähig und würde unsere Vorstellungen und
Anforderungen an eine sich selbst generierende
Dauerbespielung verwirklichen. Die Notwendigkeit, ein oder zwei Personalstellen durch kontinuierliche redaktionelle Betreuung im Unternehmen bereitstellen zu müssen, hätte die Chance
zur Realisierung gefährden können.
Aus meinen Erfahrungen bei der medialen Bespielung von Messeständen oder Großscreens
bei Events wusste ich, dass Bilder und feste
Bildfolgen einem hohen moralischen Verschleiß
unterliegen und Wiederholungen schnell zur
Übersättigung und Abneigung beim Betrachter
führen. Das erfordert außer dem intelligenten
Content-Management-System auch eine hinreichend große und gut strukturierte Bilddatenbank, die dafür aufgebaut werden musste.
Die technischen Anforderungen
Was den Rückbau und die Bauteilkonservierung
angeht, konnten wir auf die Fachleute unserer internen Bayer-Bauabteilung zurückgreifen.
Die Untersuchungen zur Machbarkeit begannen
mit bautechnischen Analysen, dem Studium der
alten Planunterlagen, einer statischen Voruntersuchung, einem Standsicherheitsnachweis
und punktuellen Prüfungen am Gebäude selbst
(z. B. des Zustandes der freiliegenden Stahlträger). Die Ergebnisse sprachen für eine Umsetzbarkeit. Als Nächstes mussten die Kosten und der
Zeitbedarf für die beiden großen Gewerke Rückbau und Sanierung der verbleibenden Gebäudeteile geschätzt werden. Bei den ersten Kostenermittlungen für das Gewerk Medienfassade zeigte
sich schnell, dass eine hoch auflösende Version
mit 18.000 m² Fläche wirtschaftlich nicht darstellbar sein würde. Die vierseitige und vollflächige
Bespielung war aber eine Ausgangsforderung.
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Der entscheidende Zusatznutzen schien mir deshalb die Möglichkeit einer Tagesbespielung zu
sein. Diese setzte jedoch eine hohe Auflösung
und starke direkt abstrahlende LEDs voraus, was
mit Illumesh® nicht zu realisieren ist. Nach mehreren Untersuchungen und Ideenansätzen gemeinsam mit ag4 fand sich dann die Lösung: Es
sollten zwei Hybridflächen an den Breitseiten des
Gebäudes geschaffen werden. Das heißt: Mediamesh® muss so in das Raster von Illumesh®
integriert werden, dass ein homogenes Bild in
der Illumesh®-Bespielung möglich wird, ohne erkennbare Hybridflächen. Nach der Festlegung
des minimalen und des optimalen Betrachtungsabstandes wurden die Pixelabstände in mehreren
Lichttests optimiert. Für die Tagesbespielung mit
Mediamesh® wurde ein Pixelabstand von 6x6 cm
gewählt und die maximale Fläche mit 40x40 m fixiert (bei einer Gebäudebreite von 61 m). Die quadratische Form ergab sich aus der Anforderung,
unser rundes Logo auch tagsüber in maximaler
Größe auf dem Gebäude darstellen zu können.
Nach dem Abgleichen von Aufgabenstellung
und Machbarkeitsprüfung wurde das Konzept,
an dem zum Teil auch parallel gearbeitet wurde,
konkretisiert.
Das Konzept
Deshalb wurde eine Ausrüstung mit dem alternativen Produkt Illumesh® untersucht, bei dem
die LEDs indirekt abstrahlend das Edelstahlgewebe beleuchten und durch die Reflektion Bilder
entstehen. Damit können große Bildflächen mit
deutlich weniger Pixel erzeugt werden.
Mir war aber klar, dass für die Durchsetzbarkeit des Projektes weitere Zusatznutzen nötig
waren, die sich deutlich von der großen Lichtanlage des Bayer-Kreuzes auf dem Werksgelände unterschieden. Dieses riesige leuchtende
Bayer-Kreuz (Durchmesser 51 m) war 1933 als
größte freitragende Werbelichtanlage der Welt,
bestehend aus 1680 Glühbirnen (heute: 1702),
errichtet worden und ist seitdem ein ausschließlich nachts weithin sichtbares Wahrzeichen des
Unternehmens und der Region.
Es war klar, dass von der Qualität des Konzeptes für dieses visionäre Projekt die Chance seiner
Realisierung wesentlich abhängen würde. Nur
mit einem prägnanten und in sich schlüssigen
Konzept würde Aussicht bestehen, unternehmensintern und -extern die Entscheidungs- und
Begutachtungsinstanzen zu überzeugen und zu
gewinnen. Auch müsste für eine Investition dieser
Größenordnung der Nutzen klar erkennbar sein.
Eine nicht ganz leichte Aufgabe, weil es weltweit kein
Referenzprojekt mit dieser Aufgabenstellung gibt.
Noch kein Unternehmen hat bisher versucht, medialisierte Architektur als direktes Kommunikationsmittel zu nutzen.
In diesem Fall konnte nur eine ganzheitliche Betrachtung von Architektur, Gesellschaft, Unternehmenskultur, Markenwerten, Geschichte und dem
Ort, sowohl auf abstrakter als auch auf konkreter
Ebene, weiterführen.
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Medienfassaden
Es soll ein attraktiver visueller Anker bei weltweiten Presseberichten werden und damit einen hohen Werbeäquivalenzwert erreichen.
Die Medienskulptur als Corporate
Architecture
Architektur ist eine Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Zeit und Ort und wird in ihrer Wirkung
immer in diesem Kontext wahrgenommen. Unternehmensarchitektur, Corporate Architecture,
ist zusätzlich noch ein Ausdruck der Corporate
Identity eines Unternehmens, das heißt der Unternehmenskultur, der spezifischen Werte des
Unternehmens, der Marke, des Corporate Design sowie der Unternehmenskommunikation
und beeinflusst damit nachhaltig das Corporate
Image des Unternehmens. Corporate Architecture soll diese Anforderungen sichtbar und im
günstigsten Fall erlebbar machen. Sie sollte darüber hinaus einen Mehrwert schaffen, nicht nur
für den Ort und die Zeit, sondern auch für die sie
wahrnehmenden Menschen (Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner u. a.). Corporate Architecture hat damit eine klare kommunikative Aufgabe.
Der Standort im Herzen des Werksgeländes ist
ideal, sowohl hinsichtlich einer guten Fernwirkung
auf die wichtigen Verkehrswege ringsherum (Autobahnen, Hauptbahnstrecken, Einflugschneise
für den Flughafen Köln/Bonn, Rheinschifffahrt)
als auch in der Nahwirkung auf die Mitarbeiter,
Besucher und Geschäftspartner der Bayer AG und
des Chemparks mit seinen ca. 30.000 Beschäftigten. Hier ergeben sich enorm viele Werbekontakte, was sich vortrefflich mit dem vorhandenen, großen, leuchtenden Bayer-Kreuz ergänzt.
Das Architekturkonzept
Für die architektonische Einbindung der Medienskulptur in das gesamte Gebäudeensemble wurden zunächst mehrere unterschiedliche
Ansätze untersucht. Da bei der Gestaltung der
neuen Konzernzentrale keinerlei Bezug zum
Hochhaus wegen des damaligen Abrissvorhabens vorgesehen war, mussten aber nun umgekehrt Bezugspunkte zu dessen Architektur
gefunden werden. Die gebäudehohe Pergola,
die von Helmut Jahn als Vermittlung zur historitischen Fassade der gegenüberliegenden alten
Hauptverwaltung benutzt wurde, konnte auch
für die Medienskulptur zur Vermittlung dienen.
Zu diesem Zweck wurde ein neues architektonisches Element geschaffen: der Lichtrahmen.
Er greift Höhe, Querschnitt und Material des
Pergola-Rahmens auf und umfasst frei schwebend die Medienskulptur. Er wird mit einer innen
liegenden Beleuchtung ausgestattet, verbunden mit der Mediensteuerung, und begrenzt die
bespielte Fläche des Gebäudes gegenüber der
unbespielten Fläche der unteren Etagen. Letztere soll eine Belästigung der nahe liegenden
Büros in der Konzernzentrale in den dunkleren
Jahreszeiten verhindern.
Dieses kräftige, visionäre Bild war eine wichtige
Kernaussage des Konzeptes. Mit einem solchen beispiellosen Projekt kann die Bayer AG
als Erfinderunternehmen ein selbstbewusstes
und unübersehbares Zeichen für Innovation und
Kreativität setzen. Vergleichbar mit dem damals
spektakulären Bau der größten Leuchtwerbeanlage vor 75 Jahren, soll die Medienskulptur ein
neues, adäquates Wahrzeichen für das Unternehmen werden.
Außerdem haben wir in mehreren Entwürfen
eine völlig neue Grünplanung im Team erarbeitet, um auch am Boden eine sichtbare Verbindung zur neuen Konzernzentrale zu schaffen.
Plattenmaterial, Fluchtlinien und Rhythmik der
Platanenbepflanzung wurden dabei aufgenommen. Ein wichtiger Gestaltungsgrundsatz war
dabei, der Medienskulptur eine ausreichend
große, helle Bodenfläche als Plateau – wie ein
Passepartout – und damit dem nach unten
strahlenden Licht des Lichtrahmens eine entsprechende Reflexionsfläche zu geben.
Fotos © Bayer AG
In der Geschichte der Bayer AG spielt Corporate
Architecture eine wichtige Rolle, wie bereits an den
bereits genannten Beispielen exemplarisch erkennbar ist. Einige Unternehmerpersönlichkeiten,
wie zum Beispiel Carl Duisberg – Generaldirektor
von 1912 bis 1925 – machten sie sogar zum persönlichen Anliegen, initiierten kühne Projekte und
überwachten alle Bautätigkeiten im Werk.
Insofern passt das Projekt der Medienskulptur
als größte Medienarchitektur der Welt in die Reihe der wegweisenden Beispiele der Bayer Corporate Architecture. Außerdem ist das Gebäude
selbst ein hervorragendes Beispiel für Architektur im engen Kontext mit der Geschichte. Durch
den Rückbau auf den tragenden Kern, die Essenz, und die anschließende Metamorphose in
eine Medienskulptur wird das Gebäude selbst
zu einem starken, Identität stiftenden Symbol für
den kreativen Umgang mit der eigenen Unternehmensgeschichte. Das Motto, „wir arbeiten
das Beste aus der eigenen Geschichte heraus
und transformieren es in etwas innovatives, zukunftsorientiertes Neues“, ließ sich damit sehr
gut visualisieren.
Im Gegensatz zu diesem kann die Medienskulptur jedoch wesentlich mehr für das Unternehmen
leisten: Sie visualisiert nicht nur das Markenzeichen des Unternehmens, sondern die Marke
Bayer selbst. Die Medialisierung von Architektur birgt gerade für Unternehmen – jenseits von
Werbeclips – ein enormes Potenzial. Mit ihr lässt
sich die Faszination einer Marke ideal herausstellen und mit Emotionen aufladen. Da, wo der
Architektur selbst natürliche Grenzen gesetzt
sind, kann das Medium virtuell die Schwerkraft,
die Statik des Bauens aufheben, dynamisieren,
verfremden, das Innere sichtbar machen, alles
auflösen und wieder zusammenfügen. Hierin
liegt enorme Magie und sogar Poesie. Diese Magie wollte ich für die Marke Bayer nutzen.
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Medienfassaden
Das Content-Konzept
Das erklärte Ziel ist es, beim Betrachter der Medienskulptur positive Assoziationen und Emotionen auszulösen, eine hohe ästhetische Qualität
auszustrahlen und damit dem Image des Unternehmens zu dienen. Im ersten Schritt mussten
die Themen festgelegt werden, die dafür geeignet waren. Das Dachthema, unter dem alle
anderen Themen subsumiert werden mussten,
ist unser Leitbild-Claim: „Bayer – Science For A
Better Life“. In Übereinstimmung mit der Kommunikationsstrategie wurden folgende Themen
ausgewählt: Wissenschaft, Forschung, Innovation, Zukunft, Mensch & Gesellschaft, Natur
& Umwelt. Ein besonderes Anliegen war mir,
Foto © ag 4
Das neue Bayer Logo in voller Bildauflösung durch das integrierte Mediamesh® (Performance auch bei Tageslicht).
Transformation der Farben des Logos durch den grünen Kern und die blauen Decken.
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Photo © Arne Hofmann
Medienfassaden
den Fokus auf Bild- und Videomaterial zu legen, das die Schönheit von Natur, Umwelt und
Forschung im Makro- wie im Mikrokosmos
darstellt und damit neue Sichtweisen eröffnet,
gesteigert durch die gewaltige Dimension der
Medienskulptur und der Ästhetik der Darstellung und Beleuchtung.
In unserem Logo sind die CI-Farben Blau und
Grün enthalten. Die ursprüngliche Bedeutung
der beiden Farben – Kompetenz und Verantwortung – kannten nur noch wenige langjährige
Mitarbeiter. Wir schlugen vor, diese Logo-Farben
mit dem Thema Natur & Umwelt neu aufzuladen.
Eine Verbindung zu den Themen Klimaschutz
und Nachhaltigkeit, die in der Kommunikation
unseres Unternehmens in den vergangenen
Jahren immer stärker in den Vordergrund gestellt wurden, lag nahe. Wir waren überzeugt,
dass gerade die Medienskulptur als neues Kommunikationsmittel geeignet ist, diese Aufgabe
zu erfüllen. Es entwickelte sich in der Phase der
konzeptionellen Arbeit der Anspruch, sie nicht
nur in der Bespielung, sondern auch in der Architektur zu visualisieren. Nach mehreren Brainstormings mit Christoph Kronhagel fand sich die
Lösung. Das Gebäude steht am Rande des groß
angelegten Carl-Duisberg-Parks. Ein so genannter „grüner Kern“ im Inneren des Gebäudes soll
symbolisch den grünen Energiestrom aus dem
Park umlenken in die Vertikale, aufstrebend und
sich verdichtend. Das Grün unseres Logos bildet
den Kernfarbwert, ergänzt durch je zwei hellere und zwei dunklere Töne der gleichen Farbe,
die künstlerisch verteilt wurden. Als Assoziation
diente das Lichtspiel eines belaubten Baumes in
der Sonne.
Dieser grüne Kern sollte zurückgesetzt vom
Gewebe aus semitransparenten MakrolonStegplatten, einem Bayer-Produkt, gebaut werden und hat die Abmessungen des eingerückten Erdgeschosses. Er soll hinterleuchtet und
in die Lichtinszenierung integriert werden. So
kann das Aufstrebende dieser Kraft richtungsbetont und dynamisch dargestellt werden. An
der zurückspringenden Erdgeschossfassade,
als Betrachtungsnahfeld, sollen die vorhandenen acht Meter hohen Glasscheiben mit einer
künstlerischen Gestaltung von vergrößerten
organischen Formen und Strukturen versehen
werden, welche sich in den Farbwerten und der
Rhythmik harmonisch in die Gesamtgestaltung
des grünen Kerns einfügen.
Die zweite Kraft, die blaue Energie des Himmels, strömt symbolisch von oben in das Gebäude, visualisiert durch einen blauen Anstrich
der untersichtigen Deckenfelder. Die Intensität
unserer Logo-Farbe Blau nimmt von oben nach
unten in gleichmäßigen Stufen ab, die Richtung
darstellend. Beide Kräfte, aus entgegengesetzten Richtungen kommend, vereinen sich in dem
Gebäude und bilden dann mittels der Lichtinszenierung und der Bespielung unser Logo.
Unterstützt wird die Sequenz durch passende
Bild- und Wortaussagen. Diese Vereinigung der
beiden elementaren Kräfte hat eine hohe symbolische Bedeutung und lässt sich mit der Medienskulptur faszinierend darstellen und damit
die Markenwerte der Bayer AG auf völlig neue
Art und Weise emotional erlebbar gestalten.
Das Bespielungskonzept
Für das Konzept war es enorm wichtig, erste Ansätze der Bespielungsideen zu visualisieren, weil es
keine vergleichbaren Referenzobjekte gibt. Dazu
musste nicht nur formuliert werden, was dargestellt
wird, sondern vor allem auch, was nicht dargestellt
werden soll. Die erste Frage, wenn man mit Nichtfachleuten von einer Medienfassade spricht, lautet:
„Das ist doch wie ein großer Fernseher, nicht?“
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Diese Assoziation resultiert daraus, dass die meisten existierenden Medienfassaden mit Begriffen
wie „public monitor“, „urban monitor“ oder „electronic billboard“ besetzt sind und die dem Medium
innewohnenden Möglichkeiten häufig nicht einmal
ansatzweise genutzt werden. Dieses negative Bild
sollte bei der Präsentation der Idee vermieden und
der Unterschied klar herausgearbeitet werden.
Als Erstes musste klargestellt werden, dass diese Medienskulptur nicht für Werbe-Clips jeder
Art, nicht als elektronische Anzeige-Tafel, nicht
für Film- und Fernsehübertragungen und vor
allem nicht zur Vermietung, weder für BayerTochter-Gesellschaften noch für Fremdfirmen,
zur Verfügung stehen würde. Als nächster Schritt
wurde festgelegt, dass ein Regelwerk ausgearbeitet und ein Redaktionsrat gegründet werden
muss, der die Einhaltung der Regeln überwa-
chen und ggf. nach ersten Erfahrungen nötige
Anpassungen vorschlagen soll.
Die Vorzüge dieses neuartigen Kommunikationsmittels sind so naheliegend wie überwältigend.
Auch hier gilt wie bei jedem neuen Medium: Die
Freiheiten sind verlockend, es kommt darauf an,
die Gefahren zu erkennen und frühzeitig Regeln
zu definieren, um Missbrauch und Belästigungen zu verhindern.
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Medienfassaden
Live-Spielern und via Internet zugeschalteten
Spielern anlässlich der Messe gamescom in Köln.
Eine weitere notwendige Differenzierung war
die zwischen Tages- und Nachtbespielung. Die
Notwendigkeit einer Tagesbespielung hatte ich
schon in den Anforderungen formuliert. Es war
aber auch wichtig, eine inhaltliche Unterscheidung festzulegen, bedingt durch die Andersartigkeit und unterschiedliche Größe der beiden
gewählten Systeme, das tageslichttaugliche
Mediamesh® (3.006 m²) mit seiner sehr hohen
und das Illumesh® (15.066 m²) mit verhältnismäßig niedriger Auflösung. Im Konzept wurden
deshalb unterschiedliche Ziele und damit auch
Inhalte festgelegt. Für die Tagesbespielung wurde als Ziel formuliert: Als neues Wahrzeichen
des Unternehmens sollen ca. drei Viertel der
Spielzeit der animierten Darstellung des BayerLogos und der Corporate-Design-Elemente
der Bayer-Teilkonzerne dienen. Ergänzt werden
kann die Bespielung durch Visualisierungen von
konzernübergreifenden Themen (Bayer Climate
Illumination Grüner Kern aufsteigend
Illumination Blaue Decken abfallend
Präsentation aktueller Informationen auf Illumesh®
Horizontal in verschiedenen Geschwindigkeiten laufend
Darüber hinaus sollen eine Schnittstelle für zusätzliche Effektbeleuchtung und eine Schnittstelle
für Beschallung von Beginn an eingeplant werden.
Ein sehr komplexer Masterplan regelt den Einsatz
all dieser Elemente zu einer prozessualen Bespielung. Von einem Zentralrechner wird damit, gemäß
sehr präzise definierten Regeln, die Nachfolge der
oben genannten Elemente selbständig gesteuert
unter Zugriff auf eine exakt strukturierte ContentDatenbank (in der die ersten vier oben genannten
Elemente enthalten sind). Dies geschieht unter
der Vorgabe, sinnvolle Zusammenhänge zu bilden und Wiederholungen zu vermeiden. Die Herausforderungen für die Gestaltung sowie für die
Programmierung liegen darin, die vier Elemente
aus der Content-Datenbank mit den drei Beleuchtungselementen sinnvoll so zu kombinieren, dass
durch Motiv-Freistellungen und Überlagerungen
mehrerer Ebenen eine Dreidimensionalität entsteht. Das ist eine der wesentlichen Anforderungen für die Dramaturgie der Gesamtinszenierung,
um die gewünschte Faszination und Magie zu
erzeugen. Damit wollen wir die Betrachter unmittelbar ansprechen und ihnen in Sekunden etwas
vermitteln, was sie so noch nie gesehen haben
und was kein Monitor bieten kann.
Verbindung aktueller Informationen mit der Website von Bayer
Kombination Text mit Bild
Dreidimensionale Fragmentierung der Installation durch die synchronisierte Steuerung von Grüner Kern, Blauen Decken und Illumesh®
Program, Corporate Social Responsibility etc.).
Unterstützt werden die oben genannten Themen
in ihrer Aussage durch entsprechendes Bildund Videomaterial und Zusatzelemente, wie beispielsweise eine Uhr zu den vollen Stunden.
Für die Nachtbespielung war das gesamte
Spektrum der Möglichkeiten vorgesehen. Wir
differenzierten dafür die Elemente der ganzheitlichen Bespielung in:
1. Bildmodule
2. Videomodule
3. Grafikmodule
4. Schriftmodule
5. Beleuchtung des grünen Kerns
6. Beleuchtung der blauen Deckenunterseite
7. Beleuchtung des Lichtrahmens
8. Hinterleuchtete Grafiken des Foyers
Renderings © Kronhagel Mediatecture
Als Nächstes musste konzeptionell festgelegt
werden, was wie und wann visualisiert werden
soll. Es wurden zwei grundsätzliche Bespielungsarten definiert: a) nach Inhalt und b) nach der
Zeit. Inhaltlich war mir wichtig zu unterscheiden
zwischen der so genannten permanenten und
der temporären Bespielung. Die permanente
Bespielung ist die dauerhafte, unterbrechungsfreie Bespielung über das ganze Jahr innerhalb
des festgelegten Zeitrahmens. Es war aber von
Anfang an Bestandteil der Idee, zu besonderen
Anlässen, etwa vier- bis fünfmal pro Jahr, auch
Sonderevents und damit Sonderformen der Bespielung zuzulassen und dafür einen Katalog auszuarbeiten. Wichtigstes Anliegen war dabei, ausgewählten Künstlern die Medienskulptur für einen
definierten Zeitraum zur Verfügung zu stellen,
vielleicht sogar ein MediaArt Festival auszurichten
als feste regelmäßige Instanz. In unserem Unternehmen werden traditionell diverse Formen der
Kunstförderung gepflegt. Jahrezeitliche Sonderbespielungen sind ebenso vorgesehen wie auch
interaktive, z. B. eine Games Night mit hunderten
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Medienfassaden
Eine weitere Idee entstand während der konzeptionellen Arbeit im Team: Die Medienskulptur muss mit dem Medium Internet verbunden
werden. Wir wollten die Wirkung dieses neuen
Wahrzeichens nicht auf den sichtbaren, lokalen Bereich beschränkt lassen. Es sollte in die
Welt hinausstrahlen, wahrgenommen werden
und eine weltweite Kommunikation ermöglichen.
Das bedeutet, die Medienskulptur benötigt eine
eigene Internetseite mit permanent laufender
Webcam und eine Schnittstelle für Interaktionen.
Damit bietet dieses neue Kommunikationsmittel
die großartige Chance für unser Unternehmen,
völlig neue Zielgruppen zu erreichen und mit ihnen neue Formen der interaktiven Kommunikation zu entwickeln.
Die Content-Datenbank
Dem Aufbau und der Struktur der Content-Datenbank kam eine wesentliche Bedeutung zu.
Hier wurde definiert, wie und wo jede Datei systematisch abgelegt, klassifiziert und verschlagwortet werden soll. Anfangs schätzten wir die
benötigte Größe auf 18.000 Dateien, bestehend
aus Bild-, Video-, Text- und Grafikdateien. Für
den Aufbau der Content-Datenbank vertraute ich auf Wolfgang Blum, Firma Blickpunkte,
und seine Kompetenz, solche Bilddatenbanken
zu strukturieren und verwalten. Deshalb haben
wir sehr früh begonnen, eine Ordnerstruktur
zu schaffen, die zunächst sehr komplex aussah. Aber im Nachhinein wurde sie bis zum
Schluss mit wenigen Veränderungen beibehalten, obwohl tausende Bilddaten über Monate
von mehr als zehn Bearbeitern ständig bewegt
und bearbeitet wurden. Die Content-Datenbank besteht aus drei bis vier Ebenen: In der
1. Ebene sind 17 Hauptordner angelegt (z. B.
Logos, Texte, Image-Motive, Specials, Events,
Pool etc.). In der 2. Ebene wurden Unterordner
festgelegt, die in den Hauptordnern enthalten
sind und aus Konzernbereichs- und Themenbereichsordnern bestehen. Die 3. Ebene besteht aus verschiedenen Ordnern zu Themewelten und Images. Sie sind ebenfalls in allen Unterordnern der 2. Ebene enthalten. Die
Themenwelten unterteilen sich weiter auf der
4. Ebene in Ordner mit ausgewählten Schwerpunktthemen wie Nanotechnologie, Optical
Data Storage, Biotechnologie etc., mit denen
sich die Forschung in unserem Unternehmen
beschäftigt und welche visualisiert werden sollen. Erst auf dieser 4. Ebene liegen hierfür die
Bild- und Videodateien. Die einzige Ausnahme
ist der Hauptordner „Pool“, in dem sich die
nicht thematisch zuordenbaren Ambient-Pictures befinden, unterteilt nur in zwei Ordner: Stills
und Videos.
Durch diese komplexe und verästelte Struktur
bekommen alle Dateien nachvollziehbare Pfade. Sie sichern den jeweiligen Herkunfts- und
Themenbezug. Die Dateien behalten aber alle
ihre originalen Dateinamen zur Identifizierung
der Quellen. Diese aufwändige Differenzierung
war notwendig, um genügend spezifische Auswahl- und Verknüpfungsmöglichkeiten für die
Steuerungssoftware anzubieten. Außerdem
sollte die Datenbank erweiterbar sein und für
die nächsten Jahre funktionieren.
Diese Arbeiten nahmen viel Zeit in Anspruch,
waren aber eine Basis für die Programmierung, weil wir danach viele Regeln erst festlegen konnten. Erst nachdem die Struktur fertig
gestellt und mit allen Beteiligten abgestimmt
war, konnte mit der umfangreichen Bildrecherche sowohl aus der bestehenden Bayer-, als
auch aus kommerziellen Bilddatenbanken und
dem Auffüllen der Ordner durch Wolfgang Blum
begonnen werden. Ein zusätzlicher Vorteil ist,
dass diese Datenbank auch für andere Bespielungen – zum Beispiel von Events, Konferenzen,
Foyers und Ähnlichem – genutzt werden kann.
Hinterleuchtete Grafik im Foyer, 9m hoch, Gestaltung Christoph Kronhagel
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Auszug aus der Datenbank zum Thema „Forschung“, Recherche, Datenbankaufbau & Komposition BLICKPUNKTE Wolfgang Blum
Medienfassaden
Themen
Nutrition
Health Care
Climate Program
Das Programm wählt nach
voreingestellten Regeln ein Thema
aus und sucht automatisch das
geeignete Bild- und Textmaterial
aus der Datenbank
High-tech Materials
Corporate Social
Responsibility
Research
Startregel:
1. Bild aus der Datenbank
vollflächig setzen.
2. Überlagerung mit Logo
Prozessregeln:
1. Zoom in das Bild + Drehung
2. Zone freistellen
3. Einsatz Text in freie Zone
4. Schaltung Lichtrahmen
5. Schaltung blaue Decken in
freier Zone
Prozessregeln:
1. Bild in Zone 1 - oben
2. Bild in Zone 2+3+4, genau
unterhalb des Bild in Zone 1
3. Schaltung Grüner Kern von
unten nach oben ansteigend
4. Schaltung blaue Decken
unterhalb von Bild in Zone 1
abfallend
Prozessregeln:
1. Bild in Zone 1 überblenden in
nächstes Bild
2. Bild in Zone 1 von oben nach
unten bewegen
3. Text oberhalb Bild Zone 1
rundlaufend
4. Schaltung Blaue Decken +
Grüner Kern
Das Content-Management-System
Eine große Bedeutung kam der Wahrnehmung der Bespielung zu. Ich glaube, dass die
Wahrnehmung das entscheidende Kriterium
für das Funktionieren von Medienarchitektur
ist. Das hat Auswirkungen auf Auswahl und
Art der Aufbereitung inhaltlicher Themen. Es
war klar, dass ein öffentliches Gebäude mit
dieser exponierten Sichtbarkeit keine narrativen Inhalte darstellen sollte. Das heißt, dass
die Inhalte in wenigen Sekunden erfassbar
sein müssen und trotzdem eine Faszination
beim Betrachter auslösen sollten. Außerdem
mussten wiedererkennbare Wiederholungen
232
unbedingt vermieden werden, weil ein großer
Anteil der Zielgruppe täglichen Kontakt mit der
Medienskulptur haben würde.
Gemeinsam mit Wolfgang Blum hatte ich in den
zurückliegenden Jahren folgende Gestaltungsprinzipien für Bayer-Event-Bespielungen entwickelt, welche auf schneller Erfassbarkeit und
assoziativer Wahrnehmung beruhen:
Als Basis dienen selektierte Fotos und Videos
der konzerneigenen Bilddatenbank mit konkreten Bildinhalten, thematisch sortiert, die durch
besondere Ausschnitte ins Bildformat gesetzt
werden.
Prozessuale Kombinatorik für „Kunststoffe optimieren“
Ergänzt werden sie durch passende abstraktere Bilder und Grafiken von Bildagenturen, sog.
„Ambient-Pictures“, die als Verbindungen und
Übergänge zwischen thematischen Bildfolgen
verwendet werden.
Renderings © Kronhagel Mediatecture
Nachdem das Konzept freigegeben war, stellten wir ein Content-Team, bestehend aus mehreren Mitarbeitern von ag4, Christoph Kronhagel, Wolfgang Blum und mir, zusammen,
um mit der Content-Gestaltung beginnen zu
können. Als Erstes wurden die Bespielformate
definiert, weil das Einfluss auf die Bildformate
und damit auch auf die Bildauswahl hat. Außer den quadratischen Mediamesh®-Flächen
wurden noch fünf andere Bildformate für die
Illumesh®-Flächen festgelegt. In der Kombination entstanden daraus 15 Bespielungstypen.
Alle Bilder werden aus verschiedenen Richtungen leicht bewegt, gedreht oder gezoomt, d. h.
animiert.
Prozessuale Kombinatorik für „Biotechnologie“
233
Medienfassaden
Ausgewählte animierte Bilder und Videos werden mit Begriffen und Headlines aus den ausgewählten Themengebieten kombiniert, die ebenfalls animiert werden und als Übergangselement
dienen.
Alle animierten Elemente gehorchen einer fließenden Rhythmik und durchgehenden Dramaturgie, welche die Reihenfolgen, die Art des Bildaufbaus und -abbaus und die unterschiedlichen
Arten der Übergänge definieren. Erst durch die
Kombination stellen sich beim Rezipienten die
gewünschten Assoziationen ein, weil Bilder selten selbsterklärend sind.
Es war hierbei von Vorteil, dass diese spezielle
Bildsprache im Unternehmen durch viele Events
bereits bekannt war. Diese bisher für Eventbespielung genutzte lineare und zweidimensionale
Art der Inszenierung konnte jetzt als Basis dienen für die Content-Gestaltung. Der entscheidende Unterschied war der Wegfall der linearen
Erzählstruktur. Für die prozessuale, sich selbst
generierende Steuerung der Bildfolgen mussten
alle Inhalte in Einzelsequenzen aufgelöst, die Zusammenhänge zwischen ihnen genau definiert
und alle Bild- und Videodaten einzeln profiliert
werden.
Die Profilierung der Daten
Weiter mussten Eigenschaften und Kriterien der
zu verwendenden Dateien festgelegt werden.
Diese sollten danach individuell profiliert werden,
um sinnvolle Zusammenhänge von einem Zentralrechner, der gewissermaßen die „redaktionelle
Arbeit“ übernimmt, auch herstellen zu lassen.
Wir merkten schnell, dass davon abhängt, ob
das Bespielungskonzept funktioniert. Das heißt,
je mehr und präziser die Einzelkriterien waren,
umso mehr Kombinationsmöglichkeiten konnten entstehen und umso weniger Fehler in der
Abfolge traten auf. Zunächst legten wir drei Kriterienkategorien an:
»» thematische Kriterien, mit Schlagworten
verknüpft
»» funktionale Kriterien
»» grafische/ästhetische Kriterien
Die funktionalen Kriterien differenzierten die möglichen Bildpositionen und alle Bewegungsformen
auf dem Gebäude, wie Dreh-, gerichtete Bewegungen (horizontal, vertikal, diagonal), Zoombewegungen, Bildfragmentierungen, Kombinationen Illumesh®/Mediamesh®. Bei den grafischen
Kriterien musste unter anderem der Bildcharakter über Gegensatzpaare, zum Beispiel statisch
– dynamisch, abstrakt – gegenständlich, farbdominant – polychrom, ausgewählt und mit einem
Skalenwert von 1 bis 20 bewertet werden. Dann
wurden die Dateien acht vorgegebenen Farb234
Bildmanagement in Echtzeit
Steuerung
Bayer kann jederzeit
Bildmaterial zufügen,
Regeln ändern oder
spezielle Features
einspeisen.
wertgruppen zugeordnet. Ziel der Profilierung
war es, sequentielle Folgen von Dateien zu
sortieren und mögliche Nachfolger-Dateien zu
ermitteln und zu bewerten. Damit sollen eine
möglichst hohe Anzahl an Verknüpfungen erreicht und gleichzeitig unpassende Bildfolgen
vermieden werden. Als der Kriterienkatalog
fertig war, zeigte sich, dass dieser Prozess der
Profilierung so nicht automatisierbar war. Die
ästhetischen Grundlagen, besonders die Kombinatorik des Bilderkanons, die ich gemeinsam
mit Wolfgang Blum für Corporate Events entwickelt hatte, waren sehr individuell auf eine
gewachsene Bildkultur für Bayer ausgerichtet.
Deshalb konnte die Bewertung und Profilierung
dieser geforderten Qualitäten nur von Menschen vorgenommen werden, die subjektiv
diese spezielle Kombinatorik nachvollziehen
können. Dafür waren in Bildbearbeitung erfahrene Mitarbeiter mit sicheren gestalterischen
Erfahrungen gefragt. Von ag4 wurden diese
„Profilierer“ ausgewählt und geschult. Für sie
wurde ein spezielles Profilierungsprogramm
entwickelt, um über Masken, Tabellen und Vorschaufunktionen diese Arbeit zu erleichtern.
Um jedes Bild, Video, Grafik oder Text in seiner
dreidimensionalen Wirkung auf dem Gebäude
beurteilen und bewerten zu können, wurde ein
3D-Simulationsmodell mit dem Gebäude und
den Nachbarbauten, der Straße und dem Park
entwickelt. Mit einem Mausklick kann jede Da-
Das Bildmanagement wendet voreingestellte Regeln an, um die
Bilder auf der Medienhaut zu verteilen und zu animieren.
Die Anwendungen der Regeln führen zu unterschiedlichen
ästhetischen Wirkungen der Bildgestaltung.
Time Table
Die Bildgestaltung
wird interaktiv
zur Tageszeit
gesteuert.
Regelwerk
1. Das Regewerk bestimmt, welche Bilder mit
welchen Eigenschaften miteinander kombiniert
werden.
2. Das Regelwerk bestimmt, wie die Bilder
animiert werden
Eigenschaften (z.B.):
1. Farbintensität
2. Kontrast
3. abstrakt-real
4. wissenschaftlich-emotional
Profiling
In einer Eingabemaske werden insgesamt 10.000
Bildern oder clips Eigenschaften oder
Verhaltensweisen zugeordnet.
Animationssregeln (z.B.):
1. Fullscreen-Bildausschnitt
2. Zoom in das Bild
3. Drehung des Bildes
Bilddatenbank
Nutrition Health Care, Climate Program, High-tech Materials, Corporate Social Responsibility, Research
tei auf dem Gebäude dargestellt, in jede beliebige Position gedreht und Betrachtungspunkt
und -höhe verändert werden. Das war eines
der wichtigsten Werkzeuge zur Auswahl und
Bewertung der Dateien. Auch der erfahrenste
Bildbearbeiter kommt an seine Grenzen, wenn
er sich ein Bildmotiv um drei Gebäudeseiten
gewickelt vorstellen und die ästhetische Eignung bewerten soll. Am Ende des Prozesses
musste ich alle, inzwischen über 10.000 Dateien bewerten und freigeben oder mit Anmerkungen zur Nachbearbeitung in den Prozess zurückführen. Ohne dieses 3D-Simulationsmodell
wäre das nicht möglich gewesen.
235
Medienfassaden
Die Steuerungssoftware
Im nächsten Schritt musste ein konkreteres Anforderungsprofil für die Steuerungssoftware auf
der Grundlage des oben genannten Konzeptes
erarbeitet werden. Dieses wurde während des
Prozesses ständig aktualisiert und mit dem jeweiligen Stand abgeglichen. Vielfach konnten wir erst
an Beispielen am 3D-Simulationsmodell ermitteln,
welche Regeln noch geändert werden müssen.
Zum Beispiel haben wir im Einzelfall entschieden, welche Animationen in Echtzeit gerendert
und welche besser vorproduziert werden, um
die Laufsicherheit bei dieser komplexen Steuerung zu keiner Zeit zu gefährden.
Die von ag4 entwickelte Steuerungssoftware
IMPP (Interactive Media Pool Platform) wurde für
diese Anforderungen deutlich weiterentwickelt.
Diese sollte nicht nur, wie bisher, die Bildfolgen
auf einem Medium (z. B. Mediamesh®) steuern,
sondern auch die von Illumesh® sowie die Kombination von beiden und das gesamte Lichtdesign im Gebäudeinneren – alles zeitlich synchronisiert und aufeinander abgestimmt.
Eine besondere Herausforderung war es, die
Dreidimensionalität der Medienskulptur gestalterisch mittels einer faszinierenden Inszenierung
herauszuarbeiten. Dazu wurden spezielle Regeln
definiert und programmiert. Auch bei der Bild-/
Videoauswahl und deren Bearbeitung musste
diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hier galt es durch Freistellungen,
Maskierungen und Fragmentierungen die gestalterischen Freiräume für die Lichtinszenierung zu
schaffen. Ebenso musste der Einsatz von Textbausteinen in solche Freiräume mitbedacht werden. Solche Überlagerungen mehrerer Ebenen mit
Transparenzen und Durchdringungen in die Tiefe,
vielleicht noch realisiert mit unterschiedlichen Bespielungsmodulen (z. B. Schrift-, Bild-, Video- und
Lichtmodule), lassen eine sehr komplexe Bildsprache entstehen, die vielfältige Ausdrucksformen ermöglicht. Das macht die Faszination dieser
dreidimensionalen Medienskulptur gegenüber einer zweidimensionalen Medienfassade oder erst
recht gegenüber einem Urban Screen aus. Damit
bekommt sie eine Einzigartigkeit, die kein anderes
Medium realisieren kann. Sie kann die Emotionen
und das ästhetische Empfinden der Betrachter
ansprechen und gleichzeitig auf unaufdringliche
und intelligente Art Botschaften vermitteln.
Mit diesem Konzept begann ich Sympathisanten
für dieses Projekt innerhalb des Unternehmens
zu gewinnen. Meine Kollegen von der Bauabteilung waren damals bereits mit der Vorbereitung
der Abrissarbeiten beschäftigt. Es gelang, in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Wolfgang
Vogel, den ich als Mitstreiter gewonnen hatte, die
Planungen und Vorbereitungen so zu verändern,
dass auch ein Umschwenken auf einen Rückbau
ohne größere Probleme zu einem späteren Zeitpunkt möglich war. Damit war Zeit gewonnen.
Ein offizieller Antrag auf Nutzungsänderung (der
Abriss war bereits genehmigt) bei der Bauaufsicht
wäre zu langwierig gewesen. Deshalb beschlossen wir, das Konzept den Zuständigen bei der
Stadt, Fachbereiche Stadtplanung und Bauaufsicht sowie Untere Denkmalbehörde, vorzustellen. Wichtig war hierbei, die Vorteile für die Stadt
und das Umland zu verdeutlichen und die Sorgen,
vor allem der Denkmalpfleger, auszuräumen. Das
schlüssige Konzept, die städtebaulichen Überlegungen und die Visualisierungen, besonders der
ersten Ansätze für die Bespielung, waren äußerst
hilfreich bei den Gesprächen. Die Sorge, dass
aus dem alten Hochhaus eine Werbeanlage à la
Times Square werden könne, wurde schnell ausgeräumt und machte nach dem Herausstellen der
künstlerischen Aspekte einer Begeisterung Platz.
Unterstützung bei der Abwicklung aller Genehmigungen wurde zugesagt.
Somit ist die Medienskulptur nicht nur ein innovatives und aufmerksamkeitsstarkes Wahrzeichen, sondern auch ein hervorragendes, neuartiges Kommunikationsmittel und für die Bayer
AG von hoher Bedeutung.
Renderings © Kronhagel Mediatecture
In enger Zusammenarbeit mit den Programmierern von ag4 wurden die Kriterien des Anforderungskataloges immer wieder daraufhin
überprüft, welche davon in das Programm aufgenommen werden und welche über Scripte besser
zu realisieren sind. Außerdem sollte die Software
erweiterbar und jederzeit an neue Anforderungen für geplante Sonderevents anpassbar sein.
Die Genehmigungsphase
Beispiel: K
ontrastreiches Bild, abstrakt, Fullscreen - wird gezoomt und gedreht (die Parameter für die Animation sind jederzeit justierbar oder
können in Abhängigkeit zu besonderen Ereignissen gesetzt werden, z. B. Feiertage oder Events)
236
Eine weitere Hürde stellte sich aus urheberrechtlicher Sicht. Die Entwurfsurheber des Architekturbüros Hentrich, Petschnigg & Partner lebten
nicht mehr, aber die Rechte lagen bei den Nachfolgern des unter gleichem Namen arbeitenden
Architekturbüros. Im Falle des Abrisses wäre das
Urheberrecht nachrangig, aber bei einem Umbau
nicht. Wir entschlossen uns zu einem persönlichen
Gespräch unter Kollegen mit dem Geschäftsführer von HPP, Joachim H. Faust, und präsentierten
ihm das Konzept. Er war spontan sehr angetan
von dem Projekt und sagte direkt seine Unterstützung zu. Danach wollte ich zur Sicherheit eine Zustimmung von Helmut Jahn als Entwurfsverfasser
des Nachbargebäudes, weil das Konzept seinerzeit ebenfalls von dem Abriss des Hochhauses
ausgegangen war. Auch hier glaubte ich, dass
eine Lösung auf kollegialer Ebene die beste Strategie sei. Wir stellten deshalb die Ideen zur architektonischen Anpassung an seinen Gebäudeentwurf heraus und bauten auf seine grundsätzlich
positive Grundhaltung Medienfassaden gegenüber. Es gelang unter Vermittlung von Christoph
Kronhagel, nicht nur seine Zustimmung zu erhalten, sondern auch seine besten Wünsche zum
Gelingen. Damit waren die schwierigsten Hürden
der Vorbereitung genommen. Unbedenklichkeitserklärungen seitens der Flugsicherung und der
Landesstraßenbaubehörde schlossen den vorläufigen Genehmigungsprozess ab.
Jetzt war der Weg frei für eine Vorstandsvorlage. Der Vorstand hatte eigentlich den Abriss des
Hochhauses beschlossen. Ich versuchte aber
weiter, im Unternehmen mit einer Präsentation
des Konzeptes Fürsprecher zu gewinnen. Den
Auftakt der Präsentation bildete eine Explosionsanimation des Hochhauses, um die entstehende räumliche Lücke des Bauensembles zu
demonstrieren. Dieser kleine Effekt war ebenso
ein Schritt auf dem Weg zum Ziel wie auch eine
animierte Visualisierung, die an die Verhüllungsaktion des Hochhauses 1999 erinnerte.
Ende des Jahres 2006 erfuhr unser CEO Werner
Wenning von der Idee und gab mir die Chance, diese im Januar 2007 vor dem Vorstand zu
präsentieren. Die Idee fand im Vorstand Zustimmung. Allerdings blieben noch Bedenken, ob ein
solches spektakuläres Projekt als Gigantomanie
bewertet werden und damit nicht zur Marke
passen könnte. Deshalb wurde beschlossen,
in einer repräsentativen Umfrage zu klären, wie
dieses Projekt von Mitarbeitern und Anwohnern
angenommen und wie es in Beziehung zur Marke Bayer bewertet werden würde.
237
Medienfassaden
Die drei Bauphasen
Diese empirische Untersuchung wurde schnellstens in Form von persönlichen Interviews mit
1.000 Probanden initiiert. Diese sollten sich wie
folgt zusammensetzen: ein Drittel Mitarbeiter, ein
Drittel Anwohner im Nachbarschaftsbereich und
ein Drittel Personen verteilt auf ganz Deutschland, die keinen Bezug zur Bayer AG haben. Folgende Aspekte wurden evaluiert:
»» spontane Reaktion
»» allgemeine Akzeptanz
»» Anmutung (Fern- vs. Nahwirkung)
»» Einstellungen, Bewertung der Idee
»» Abwägungen gegenüber alternativem
Abriss des Gebäudes
»» vermutete Wirkung für Bayer, den Standort,
die Region
Die Umfrageergebnisse wurden im April 2007
wieder dem Vorstand präsentiert, zusammen
mit neuen Ergebnissen der weiteren Projektbearbeitung, inklusive Zeit- und Kostenplanung.
Die Umsetzung des Projektes Medienskulptur
wurde daraufhin einstimmig beschlossen.
wollte ich als Zeitdokument und für eine eventuelle spätere Nutzung konservieren. Einige Konzeptideen dafür waren schon vorhanden.
In der 2. Bauphase, der Gebäudesanierung,
mussten alle tragenden Teile wetterfest geschützt und die ca. 25.000 m² Stahl durch
Sandstrahlen vorher gereinigt werden. Die ca.
90.000 m² Betonflächen erhielten eine Epoxydharzbeschichtung. Auch dabei kamen vorzugsweise Bayer-Materialien zum Einsatz. Die vorgehängte Glas-Aluminium-Fassade wurde so
lange wie möglich belassen, um einen unmittelbaren Wettereinfluss auf die Arbeiten zu verhindern. Nach deren Demontage verzögerten sich
die Arbeiten durch Frost an den Bauteilen und
Stürme um mehrere Monate. Als letztes Gewerk
wurde der grüne Kern aus ca. 15.300 m² in fünf
Grüntönen speziell eingefärbten Makrolon®Stegplatten, 25 mm stark, nach einem Gestaltungsplan montiert. Die Vorgabe war hier, dass
keine vertikalen Konstruktionsteile wegen der
Foto © Bayer AG
Zu den Interviews wurden Charts gezeigt, die
knapp die Idee vorstellten und in Renderings
visualisierten. Die Ergebnisse waren überdurch-
Die baulichen Randbedingungen sollen an dieser Stelle nur kurz gestreift werden. Unsere Ingenieure der Bauabteilung, allen voran Wolfgang
Vogel, stellten sofort alle Planungen um und
beauftragten die bereitstehenden Firmen zum
Rückbau nach Räumung der Hochhauses im
Sommer 2007. Baubeginn war am 01.10.2007
mit dem Teilabriss nicht benötigter Gebäudeteile. Die erste Idee, alles bis auf das Stahlskelett
zu entkernen, ließ sich nicht realisieren, weil die
Deckenfelder in Ortbeton gegossen waren. Der
Aufwand hierfür an Zeit, Geld, Arbeit, Lärm- und
Schmutzbelästigung war nicht zu rechtfertigen.
Trotzdem kamen allein an Bauschutt 10.000
Tonnen zusammen zuzüglich mehrerer tausend
Tonnen sortierter Materialien. Alle nichttragenden
Gebäudeteile wurden entfernt einschließlich der
acht Personenaufzüge, bis auf den Lastenaufzug. Die Innenausstattung des Erdgeschosses
(Marmorwandverkleidungen mit großartigen Maserungsbildern, Natursteinfußboden, geschosshohe Verglasung, individuelle Einzelleuchten)
schnittlich positiv und sogar ohne signifikante
Unterschiede zwischen den Probandengruppen.
Bei der Bewertung der Idee auf einer Skala von 1
bis 5 entschieden sich 69% für gut bis sehr gut.
Zwischen 74 und 81% der Befragten beurteilten
die Anmutung des Projektes als sehr innovativ,
zeitgemäß und zukunftweisend und viele davon
hätten dieses dem Unternehmen Bayer nicht zugetraut. Die Zustimmung zur Wirkung für Bayer
als passend bzw. angemessen wurde mit 70 bis
74% positiv bewertet. Daran war erkennbar, was
für einen positiven Effekt die Medienskulptur bereits als Idee für die Marke liefern kann.
Foto © Ralf Krieger
Die Umfrage
238
239
Medienfassaden
Hinterleuchtung sichtbar sein sollten. Das ergab ein statisches Problem. Die Experten vom
Büro Werner Sobeck schlugen daraufhin vor, die
Platten mittels Verbiegung zwischen Decke und
Boden einzuspannen. Die Amplitude wurde im
Windkanal ermittelt. In weiteren Lichttests musste daraufhin untersucht werden, wie der Nachteil
der Biegung durch die Art und Anordnung der
Hinterleuchtung aufgefangen werden konnte.
Die vorgefertigten LED-Tubes von 4,03 m Einzellänge ergäben eine Gesamtlänge von 79.500 m.
Die Gesamtmenge der verbauten LEDs beträgt
5.632.905 Stück. Fünf LEDs, in den Farben rotgrün-blau-grün-rot angeordnet, ergeben ein Pixel.
Foto © Bayer AG
Die 3. Bauphase, die Montage der 18.072 m²
Gewebematten mit zum Teil vormontierten LEDs,
startete am 01.06.2009. Die Matten waren in der
Regel 4,03 m breit und zwei Geschosse, d. h.
7,20 m hoch und wurden an eine Stahlkonstruktion mit Auslegern vor das Gebäude vertikal verspannt. Die 684 Stück wurden in speziell angefertigten Transportstellagen direkt aus der Weberei in
Düren angeliefert und von Südtiroler Spezialmonteuren mit Bergsteigererfahrungen montiert. Die
Montage war im September 2009 abgeschlossen. Parallel dazu liefen die Elektroarbeiten mit ca.
30.000 m Kabellängen, die Installation der Hardware, die Verkabelung der Steuerungstechnik (ca.
20.000 m) und die Blitzschutzmaßnahmen.
www.mediatecture.info/23
Das Konzept zum Vogelschutz
In einer frühen Phase des Projektes begannen wir
uns über den Vogelschutz Gedanken zu machen.
Bei Recherchen zu dem Thema fiel uns auf, dass
dieses Problem in Internet-Foren und Veröffentlichungen sehr emotional diskutiert wird. In den
wenigen Fällen, wo es Erhebungen und konkrete Zahlen von toten Vögeln an Medienfassaden
gab, war der Zusammenhang zwischen Ursache
und Wirkung nicht eindeutig belegt bzw. die Ursache nicht gründlich und differenziert erforscht.
Es fehlten wissenschaftliche Untersuchungen.
Wir wollten deshalb etwas über das Verhalten
und die Wahrnehmung von Vögeln gegenüber
Licht und Farben allgemein und ihre Reaktion auf
240
beleuchtete Objekte im städtischen Umfeld konkret herausfinden. Nach längerer Suche fand sich
ein renommierter Wissenschaftler mit Schwerpunkt in Wahrnehmungspsychologie bei Vögeln,
der sich sehr für das Thema interessierte. In einem ersten Gutachten zum Vogelschutz im Falle
der Medienskulptur differenzierte er, nach Prüfung
der Situation und der Bedingungen, verschiedene
Ursachen, die zu Gefährdungen bei Zugvögeln
während der Vogelzugzeiten führen könnten. Er
stellte heraus, dass Zugvögel sich normalerweise nicht nach Lichtquellen orientieren, sondern
über eine Magnetkompass-Orientierung verfügen. Erst bei Witterungskonstellationen, die die-
se Orientierung stören, suchen ortsfremde Vögel
nach anderen Möglichkeiten und können durch
Lichter irritiert werden. Eine Gefährdung wird insbesondere dann erhöht, wenn die Lichter direkt
abstrahlen und Hindernisse für die Vögel dadurch
nicht erkennbar sind. Das deckt sich mit den Erfahrungen in unserem Unternehmen mit dem erwähnten großen Bayer-Kreuz, das während der
Hauptflugzeiten abgeschaltet wird. Dort kam es
zu Verletzungen von Vögeln nicht an den Glühbirnen, sondern an den im Lichtschatten liegenden Halterungen und Kabellagen. Der Forscher
schlug eine Versuchsanordnung vor, um zu exakteren Daten zu gelangen. Wir haben diesen Vorschlag akzeptiert, uns mit dem örtlichen NABU,
Naturschutzbund Deutschland e.V., in Verbindung gesetzt und um fachliche Unterstützung gebeten. Der Versuch sieht vor, in der Herbst- und
Frühjahrsflugzeit täglich in den Morgenstunden,
um das Gebäude, kollidierte Vögel statistisch zu
erfassen und zu konservieren – bei ausgeschalteter Medienskulptur. Die Ergebnisse werden als
Referenzdaten verwendet und mit den Ergebnissen der nächsten Flugzeiten bei eingeschalteter
Medienskulptur verglichen. Parallel dazu werden
genau definierte Wetterdaten erfasst und Daten
über den Betrieb der Anlage (Lichtintensität, besonders vorherrschende Farben, Betriebszeiten
etc.). Alle Daten werden bei ausreichender Menge
und Qualität von dem Forscher ausgewertet und
die Ergebnisse gemeinsam bewertet. Wir versprechen uns davon völlig neue und gesicherte
Erkenntnisse zum Betrieb von Medienarchitektur,
die einen differenzierten Umgang mit der Themenstellung ermöglichen. Unser Ziel ist es, unterschiedliche Schwellenwerte herauszufinden, auf
die mit einer Änderung der Bespielung reagiert
werden kann, so dass Vögel nicht gefährdet
werden. Sollte sich zum Beispiel herausstellen,
dass bei einer Sicht von unter 100 m und einer
Wolkendecke von unter 300 m besonders rote
Beleuchtung gefährdend wäre, so könnten wir
diese Daten in die Steuerungssoftware einpflegen
und diese könnte, ohne menschliche Eingriffe, bei
dieser Witterungskonstellation automatisch auf
Bilder ohne Rotanteile (dank unserer detaillierten
Profilierung) in der Bespielung umstellen. Diese
Methodik könnte als Referenz für viele Medienlagen neue Maßstäbe setzen.
Epilog
Zum Zeitpunkt der Textverfassung (April 2010)
war das Projekt noch nicht abgeschlossen. Alle
baulichen Maßnahmen, sowie die Content-Bearbeitung waren im Zeitplan beendet. Nach den
ersten, erfolgreichen Probeläufen im September
2009 (nachzusehen in YouTube unter: http://
www.youtube.com/watch?v=7sS6FbTDDuo)
wurden Belastungstests gefahren mit dem Ergebnis, dass täglich immer mehr LEDs ausfielen. Als klar war, dass die Ausfallrate konstant
zunahm, wurden die Tests abgebrochen und
eine umfangreiche Analysephase eingeleitet. Da in unserem Unternehmen Anlagensicherheit und Nachhaltigkeit einen sehr hohen
Stellenwert haben, sollte die Analyse von den
Lieferanten gründlich und ohne hohen Druck
durchgeführt werden. Nach mehreren Monaten
und unter Einbeziehung von externen Experten und Forschungsinstituten wurden mehrere
Fehler lokalisiert und gemeinsam die weiteren
Maßnahmen besprochen. Es zeigte sich, dass bei
einer Neuentwicklung dieser Art und dieser noch
nie gebauten Größe und Komplexität ohne die
entsprechenden Erfahrungen nicht alle Faktoren
kontrollierbar sind. Zu den wesentlichen Faktoren
gehörten die Umwelteinflüsse, d.h. Stürme, Kälte,
Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen.
Deshalb wurden die gefundenen Fehler in den
vorgeschalteten Labortests und Qualitätssicherungsprüfungen nicht entdeckt, sondern erst
nach den Belastungstests am Gebäude. Unsere
Auftragnehmer schlugen im April als Ergebnis einen Maßnahmeplan vor, der zur Beseitigung aller
Fehler einen Komplettaustausch aller LEDs unumgänglich machte. Unter Berücksichtigung der
damit verbundenen Fertigungs- und Testzeiten –
im Labor und am Gebäude – ist es nun das Ziel
der beteiligten Firmen, das Projekt bis zum Ende
des Jahres 2010 fertig stellen zu können.
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Medienfassaden
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Photo © Bayer AG
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