Medienfassaden ... die mediale Inszenierung der Corporate Identity ... ag4 Media facade GmbH entwickelt und realisiert die Medienskulptur für Bayer in Leverkusen. Ohne Wolfram Lusche wäre dieses Projekt niemals zustande gekommen und deswegen habe ich ihn gebeten, den Bericht über das Projekt aus der Sicht von Bayer zu verfassen. Wolfram Lusche ist Dipl.-Ing. Architekt, war von 1991 bis 2002 Leiter Design in der zentralen Messeabteilung der Bayer AG und verantwortlich für jährlich 150 Messen. Seit 2002 ist er Head of Corporate Events & Fairs in der Bayer AG. Seit 2005 ist er verantwortlich für die Entwicklung von Design und Content der Medienskulptur. Die Medienskulptur der Bayer AG Es gibt nicht viele Gebäude der modernen Architektur, die auf eine so bewegte Geschichte zurückblicken können wie das ehemalige Verwaltungshochhaus der Bayer AG. In den Jahren 1960 bis 1963 nach Plänen des Architekturbüros Hentrich, Petschnigg & Partner als damals höchstes und modernstes Bürogebäude Deutschlands errichtet, diente es bis zum Jahre 2002 als Sitz der Konzernzentrale und setzte ein selbstbewusstes, weithin sichtbares Wahrzeichen des Unternehmens in der Region. Der Standort war städtebaulich wohl überlegt und hatte die Verlegung eines liebevoll angelegten japanischen Gartens mit seltenen Gehölzen, Skulpturen und einem japanischen Teepavillon um mehrere hundert Meter zur Folge. Im März des Jahres 1999 machte das Gebäude weltweit Schlagzeilen, als es anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Aspirin mehrere Wochen als größte Tablettenpackung der Welt komplett verhüllt wurde. 212 Wegen zu hoher Sanierungskosten fiel im gleichen Jahr die Entscheidung für den Abriss des Hochhauses und den Neubau der Konzernzentrale. Dieser Neubau wurde von 2000 bis 2002 gleich nebenan nach Plänen des Architekturbüros Helmut Jahn errichtet, ebenfalls von einem Abriss des Hochhauses ausgehend (geringer Gebäudeabstand). Nach dem Umzug der Konzernführung in den Neubau wurde das Hochhaus bis 2007 als Bürogebäude genutzt, während parallel die Vorbereitungen für den Abriss getroffen wurden. www.mediatecture.info/22 213 Medienfassaden Die Idee Die architektonischen Anforderungen Im Zentrum des Bayer-Werkes vollendete sich damit ein einzigartiges städtebauliches Ensemble bestehend aus Es bot sich nun die konkrete Möglichkeit, etwas völlig Neuartiges zu schaffen. Ein Gebäude, welches, auf seine Tragstruktur reduziert, von einer transparenten Medienhülle allseitig umfasst, keine weiteren Funktionen beherbergen musste. Die einmalige Ausgangssituation war durch die vorhandene Stahlskelettkonstruktion und die sehr gut geeigneten Dimensionen und Proportionen des Gebäudes gegeben. Durch eine zusätzliche Lichtinszenierung sollte die Tragstruktur in die Bespielung der Fassaden mit einbezogen werden. Deshalb kam der Transparenz eine wesentliche Bedeutung zu, nicht nur für die Fassadengestaltung, sondern vor allem um so die Möglichkeiten einer dreidimensionalen Bespielung nutzen zu können. Dieses inszenierte Zusammenspiel von beleuchteter Gebäudestruktur, Lichtdesign und medialisierter Hülle an dem gewaltigen Baukörper (21 m x 65 m x 122 m) konnte nicht mehr unter dem Terminus Medienfassade subsumiert werden. Um den Unterschied zu verdeutlichen, führte ich deshalb hierfür einen neuen Terminus ein: Medienskulptur. »» dem alten Hauptverwaltungsgebäude, erbaut 1903 bis 1912 nach Plänen der Architekten Willy Günther und Hubert Amrhein im Stil des Historismus, »» dem Pharma-Verwaltungsgebäude, errichtet 1937 bis 1939 nach Plänen des Architekten Emil Fahrenkamp, mit seiner strengen Sandsteinfassade (beide Bauten stehen unter Denkmalschutz), »» dem Neubau der Konzernzentrale von Helmut Jahn mit seiner konvexen Glasfassade Ich ging bei meinen Mittagsspaziergängen oft um dieses Gebäudeensemble herum, betrachtete es aus vielen Perspektiven und spielte in Gedanken durch, wie das Hochhaus zu erhalten sei.Im August 2005 blieb ich mit dem Blick auf das Hochhaus stehen und hatte plötzlich eine Vision: Ich sah das skelettierte Hochhaus vor mir, umhüllt von einer transparenten Medienhaut. Foto © Bayer AG »» und dem Verwaltungshochhaus als weithin sichtbarer Landmarke, das durch seine Querstellung dieses Ensemble räumlich abschließt. Damit könnte diese bedeutende Landmarke nicht nur bewahrt, sondern durch eine neuartige, innovative Nutzung zum neuen Wahrzeichen der Bayer AG transformiert werden. Den weltweiten Trend und die kontroversen Diskussionen zur Medialisierung von Architektur im öffentlichen Raum hatte ich mit großem Interesse verfolgt und die ersten geplanten und realisierten Projekte waren mir weitgehend bekannt. Sie lassen erkennen, dass sich in unserer Gesellschaft – in unterschiedlichsten Ländern – ein 214 es musste noch ein anderes architektonisches Problem gelöst werden: die gestalterische Einbindung in das Gebäudeensemble, insbesondere in Beziehung zur neuen Konzernzentrale mit ihrer geringen Distanz und konvexen Form. Die inhaltlichen Anforderungen Die Aufgabenstellung Ausgehend von dieser Idee mussten eine konkrete Aufgabenstellung und eine Machbarkeitsprüfung erarbeitet werden. Und es mussten Partner gefunden und für diese Idee begeistert werden. Im unbespielten bzw. ausgeschalteten Zustand sollte dieses Gebäude auch hohen architektonischen und ästhetischen Ansprüchen genügen und durch seine Transparenz die unterschiedlichsten Wirkungen des Sonnenlichtes zu den wechselnden Tageszeiten widerspiegeln. Aber Bindung des Hochhauses an die neue Konzernzentrale von Murphy/ Jahn durch die Außenanlagen zunehmender Bedarf entwickelt hat, öffentlichen Raum zu emotionalisieren. Medienfassaden bieten dabei die phantastische Möglichkeit, dem statischen Charakter der Architektur dynamische Elemente hinzuzufügen. Sie schaffen eine Kommunikationsebene mit dem Betrachter und die Möglichkeit zur Interaktion. Diese Chancen wollte ich für das Projekt nutzen. Alle bisher weltweit realisierten Medienfassaden dienen entweder wirtschaftlichen (profitable Werbeflächen) oder im weitesten Sinne künstlerischen Interessen. Mich interessierte etwas anderes: Kann ein solches innovatives Medium auch als ein neuartiges Kommunikationsmittel für ein Unternehmen wie Bayer genutzt werden und darüber hinaus einen künstlerischen Anspruch damit verbinden? Ließe sich mit diesem neuen Medium und einer intelligenten und emotional ansprechenden Bespielung das Image eines Unternehmens modernisieren? Könnte es zu einem Leuchtturm einer neuen Kommunikationskultur werden? Würde dieser positive Impuls der Außenwirkung auch nach innen wirksam werden? Wenn die Medienskulptur als Kommunikationsmittel verstanden werden soll, müsste sie sich auch in eine Kommunikationsstrategie integrieren lassen. Ein weiterer für mich – und sicher auch für die Durchsetzbarkeit des Projektes – wichtiger Punkt war die Frage: Gibt es ein Content-ManagementSystem, welches die Inhalte nach vorgegebenen Kriterien selbständig und über einen längeren Zeitrahmen (24/7/365) generiert und somit eine permanente Betreuung unnötig macht? 215 Medienfassaden Das Screening nach geeigneten Medienfassadensystemen und Partnern mit entsprechenden Erfahrungen führte schneller zu einem Ergebnis als gedacht. Die zentralen Anforderungen waren: »» transparentes, integriertes Medienfassadensystem »» mehrjähriger Praxistest von Installationen an Gebäuden »» alle nötigen baulichen Zulassungen im Fassadenbau Darüber hinaus verlangten die besonderen Witterungsbeanspruchungen des Gebäudes, insbesondere durch starke Winde, und die Offenheit nach allen Seiten eine mehrjährige Garantie. Das gefundene Produkt wird ganz in der Nähe hergestellt: Mediamesh®, eine gemeinsame Entwicklung von ag4 mediatecture company Köln und der Edelstahlweberei GKD Düren. Nach ersten Kontakten mit ag4 zeigte sich, dass ich ein motiviertes Team unter der Geschäftsführung von Ralf Müller und in dem Architekten Christoph Kronhagel einen kongenialen Partner gefunden hatte, um die Idee konzeptionell weiterentwickeln zu können. In diesem Team wurden außerdem Visualisierungen und erste Machbarkeitsprüfungen erarbeitet. Es zeigte sich weiterhin, dass ag4 bereits über ein Content-Management-System verfügte. Es war ausbaufähig und würde unsere Vorstellungen und Anforderungen an eine sich selbst generierende Dauerbespielung verwirklichen. Die Notwendigkeit, ein oder zwei Personalstellen durch kontinuierliche redaktionelle Betreuung im Unternehmen bereitstellen zu müssen, hätte die Chance zur Realisierung gefährden können. Aus meinen Erfahrungen bei der medialen Bespielung von Messeständen oder Großscreens bei Events wusste ich, dass Bilder und feste Bildfolgen einem hohen moralischen Verschleiß unterliegen und Wiederholungen schnell zur Übersättigung und Abneigung beim Betrachter führen. Das erfordert außer dem intelligenten Content-Management-System auch eine hinreichend große und gut strukturierte Bilddatenbank, die dafür aufgebaut werden musste. Die technischen Anforderungen Was den Rückbau und die Bauteilkonservierung angeht, konnten wir auf die Fachleute unserer internen Bayer-Bauabteilung zurückgreifen. Die Untersuchungen zur Machbarkeit begannen mit bautechnischen Analysen, dem Studium der alten Planunterlagen, einer statischen Voruntersuchung, einem Standsicherheitsnachweis und punktuellen Prüfungen am Gebäude selbst (z. B. des Zustandes der freiliegenden Stahlträger). Die Ergebnisse sprachen für eine Umsetzbarkeit. Als Nächstes mussten die Kosten und der Zeitbedarf für die beiden großen Gewerke Rückbau und Sanierung der verbleibenden Gebäudeteile geschätzt werden. Bei den ersten Kostenermittlungen für das Gewerk Medienfassade zeigte sich schnell, dass eine hoch auflösende Version mit 18.000 m² Fläche wirtschaftlich nicht darstellbar sein würde. Die vierseitige und vollflächige Bespielung war aber eine Ausgangsforderung. 216 Der entscheidende Zusatznutzen schien mir deshalb die Möglichkeit einer Tagesbespielung zu sein. Diese setzte jedoch eine hohe Auflösung und starke direkt abstrahlende LEDs voraus, was mit Illumesh® nicht zu realisieren ist. Nach mehreren Untersuchungen und Ideenansätzen gemeinsam mit ag4 fand sich dann die Lösung: Es sollten zwei Hybridflächen an den Breitseiten des Gebäudes geschaffen werden. Das heißt: Mediamesh® muss so in das Raster von Illumesh® integriert werden, dass ein homogenes Bild in der Illumesh®-Bespielung möglich wird, ohne erkennbare Hybridflächen. Nach der Festlegung des minimalen und des optimalen Betrachtungsabstandes wurden die Pixelabstände in mehreren Lichttests optimiert. Für die Tagesbespielung mit Mediamesh® wurde ein Pixelabstand von 6x6 cm gewählt und die maximale Fläche mit 40x40 m fixiert (bei einer Gebäudebreite von 61 m). Die quadratische Form ergab sich aus der Anforderung, unser rundes Logo auch tagsüber in maximaler Größe auf dem Gebäude darstellen zu können. Nach dem Abgleichen von Aufgabenstellung und Machbarkeitsprüfung wurde das Konzept, an dem zum Teil auch parallel gearbeitet wurde, konkretisiert. Das Konzept Deshalb wurde eine Ausrüstung mit dem alternativen Produkt Illumesh® untersucht, bei dem die LEDs indirekt abstrahlend das Edelstahlgewebe beleuchten und durch die Reflektion Bilder entstehen. Damit können große Bildflächen mit deutlich weniger Pixel erzeugt werden. Mir war aber klar, dass für die Durchsetzbarkeit des Projektes weitere Zusatznutzen nötig waren, die sich deutlich von der großen Lichtanlage des Bayer-Kreuzes auf dem Werksgelände unterschieden. Dieses riesige leuchtende Bayer-Kreuz (Durchmesser 51 m) war 1933 als größte freitragende Werbelichtanlage der Welt, bestehend aus 1680 Glühbirnen (heute: 1702), errichtet worden und ist seitdem ein ausschließlich nachts weithin sichtbares Wahrzeichen des Unternehmens und der Region. Es war klar, dass von der Qualität des Konzeptes für dieses visionäre Projekt die Chance seiner Realisierung wesentlich abhängen würde. Nur mit einem prägnanten und in sich schlüssigen Konzept würde Aussicht bestehen, unternehmensintern und -extern die Entscheidungs- und Begutachtungsinstanzen zu überzeugen und zu gewinnen. Auch müsste für eine Investition dieser Größenordnung der Nutzen klar erkennbar sein. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, weil es weltweit kein Referenzprojekt mit dieser Aufgabenstellung gibt. Noch kein Unternehmen hat bisher versucht, medialisierte Architektur als direktes Kommunikationsmittel zu nutzen. In diesem Fall konnte nur eine ganzheitliche Betrachtung von Architektur, Gesellschaft, Unternehmenskultur, Markenwerten, Geschichte und dem Ort, sowohl auf abstrakter als auch auf konkreter Ebene, weiterführen. 217 Medienfassaden Es soll ein attraktiver visueller Anker bei weltweiten Presseberichten werden und damit einen hohen Werbeäquivalenzwert erreichen. Die Medienskulptur als Corporate Architecture Architektur ist eine Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Zeit und Ort und wird in ihrer Wirkung immer in diesem Kontext wahrgenommen. Unternehmensarchitektur, Corporate Architecture, ist zusätzlich noch ein Ausdruck der Corporate Identity eines Unternehmens, das heißt der Unternehmenskultur, der spezifischen Werte des Unternehmens, der Marke, des Corporate Design sowie der Unternehmenskommunikation und beeinflusst damit nachhaltig das Corporate Image des Unternehmens. Corporate Architecture soll diese Anforderungen sichtbar und im günstigsten Fall erlebbar machen. Sie sollte darüber hinaus einen Mehrwert schaffen, nicht nur für den Ort und die Zeit, sondern auch für die sie wahrnehmenden Menschen (Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner u. a.). Corporate Architecture hat damit eine klare kommunikative Aufgabe. Der Standort im Herzen des Werksgeländes ist ideal, sowohl hinsichtlich einer guten Fernwirkung auf die wichtigen Verkehrswege ringsherum (Autobahnen, Hauptbahnstrecken, Einflugschneise für den Flughafen Köln/Bonn, Rheinschifffahrt) als auch in der Nahwirkung auf die Mitarbeiter, Besucher und Geschäftspartner der Bayer AG und des Chemparks mit seinen ca. 30.000 Beschäftigten. Hier ergeben sich enorm viele Werbekontakte, was sich vortrefflich mit dem vorhandenen, großen, leuchtenden Bayer-Kreuz ergänzt. Das Architekturkonzept Für die architektonische Einbindung der Medienskulptur in das gesamte Gebäudeensemble wurden zunächst mehrere unterschiedliche Ansätze untersucht. Da bei der Gestaltung der neuen Konzernzentrale keinerlei Bezug zum Hochhaus wegen des damaligen Abrissvorhabens vorgesehen war, mussten aber nun umgekehrt Bezugspunkte zu dessen Architektur gefunden werden. Die gebäudehohe Pergola, die von Helmut Jahn als Vermittlung zur historitischen Fassade der gegenüberliegenden alten Hauptverwaltung benutzt wurde, konnte auch für die Medienskulptur zur Vermittlung dienen. Zu diesem Zweck wurde ein neues architektonisches Element geschaffen: der Lichtrahmen. Er greift Höhe, Querschnitt und Material des Pergola-Rahmens auf und umfasst frei schwebend die Medienskulptur. Er wird mit einer innen liegenden Beleuchtung ausgestattet, verbunden mit der Mediensteuerung, und begrenzt die bespielte Fläche des Gebäudes gegenüber der unbespielten Fläche der unteren Etagen. Letztere soll eine Belästigung der nahe liegenden Büros in der Konzernzentrale in den dunkleren Jahreszeiten verhindern. Dieses kräftige, visionäre Bild war eine wichtige Kernaussage des Konzeptes. Mit einem solchen beispiellosen Projekt kann die Bayer AG als Erfinderunternehmen ein selbstbewusstes und unübersehbares Zeichen für Innovation und Kreativität setzen. Vergleichbar mit dem damals spektakulären Bau der größten Leuchtwerbeanlage vor 75 Jahren, soll die Medienskulptur ein neues, adäquates Wahrzeichen für das Unternehmen werden. Außerdem haben wir in mehreren Entwürfen eine völlig neue Grünplanung im Team erarbeitet, um auch am Boden eine sichtbare Verbindung zur neuen Konzernzentrale zu schaffen. Plattenmaterial, Fluchtlinien und Rhythmik der Platanenbepflanzung wurden dabei aufgenommen. Ein wichtiger Gestaltungsgrundsatz war dabei, der Medienskulptur eine ausreichend große, helle Bodenfläche als Plateau – wie ein Passepartout – und damit dem nach unten strahlenden Licht des Lichtrahmens eine entsprechende Reflexionsfläche zu geben. Fotos © Bayer AG In der Geschichte der Bayer AG spielt Corporate Architecture eine wichtige Rolle, wie bereits an den bereits genannten Beispielen exemplarisch erkennbar ist. Einige Unternehmerpersönlichkeiten, wie zum Beispiel Carl Duisberg – Generaldirektor von 1912 bis 1925 – machten sie sogar zum persönlichen Anliegen, initiierten kühne Projekte und überwachten alle Bautätigkeiten im Werk. Insofern passt das Projekt der Medienskulptur als größte Medienarchitektur der Welt in die Reihe der wegweisenden Beispiele der Bayer Corporate Architecture. Außerdem ist das Gebäude selbst ein hervorragendes Beispiel für Architektur im engen Kontext mit der Geschichte. Durch den Rückbau auf den tragenden Kern, die Essenz, und die anschließende Metamorphose in eine Medienskulptur wird das Gebäude selbst zu einem starken, Identität stiftenden Symbol für den kreativen Umgang mit der eigenen Unternehmensgeschichte. Das Motto, „wir arbeiten das Beste aus der eigenen Geschichte heraus und transformieren es in etwas innovatives, zukunftsorientiertes Neues“, ließ sich damit sehr gut visualisieren. Im Gegensatz zu diesem kann die Medienskulptur jedoch wesentlich mehr für das Unternehmen leisten: Sie visualisiert nicht nur das Markenzeichen des Unternehmens, sondern die Marke Bayer selbst. Die Medialisierung von Architektur birgt gerade für Unternehmen – jenseits von Werbeclips – ein enormes Potenzial. Mit ihr lässt sich die Faszination einer Marke ideal herausstellen und mit Emotionen aufladen. Da, wo der Architektur selbst natürliche Grenzen gesetzt sind, kann das Medium virtuell die Schwerkraft, die Statik des Bauens aufheben, dynamisieren, verfremden, das Innere sichtbar machen, alles auflösen und wieder zusammenfügen. Hierin liegt enorme Magie und sogar Poesie. Diese Magie wollte ich für die Marke Bayer nutzen. 218 219 Medienfassaden Das Content-Konzept Das erklärte Ziel ist es, beim Betrachter der Medienskulptur positive Assoziationen und Emotionen auszulösen, eine hohe ästhetische Qualität auszustrahlen und damit dem Image des Unternehmens zu dienen. Im ersten Schritt mussten die Themen festgelegt werden, die dafür geeignet waren. Das Dachthema, unter dem alle anderen Themen subsumiert werden mussten, ist unser Leitbild-Claim: „Bayer – Science For A Better Life“. In Übereinstimmung mit der Kommunikationsstrategie wurden folgende Themen ausgewählt: Wissenschaft, Forschung, Innovation, Zukunft, Mensch & Gesellschaft, Natur & Umwelt. Ein besonderes Anliegen war mir, Foto © ag 4 Das neue Bayer Logo in voller Bildauflösung durch das integrierte Mediamesh® (Performance auch bei Tageslicht). Transformation der Farben des Logos durch den grünen Kern und die blauen Decken. 220 221 Medienfassaden 222 223 Photo © Arne Hofmann Medienfassaden den Fokus auf Bild- und Videomaterial zu legen, das die Schönheit von Natur, Umwelt und Forschung im Makro- wie im Mikrokosmos darstellt und damit neue Sichtweisen eröffnet, gesteigert durch die gewaltige Dimension der Medienskulptur und der Ästhetik der Darstellung und Beleuchtung. In unserem Logo sind die CI-Farben Blau und Grün enthalten. Die ursprüngliche Bedeutung der beiden Farben – Kompetenz und Verantwortung – kannten nur noch wenige langjährige Mitarbeiter. Wir schlugen vor, diese Logo-Farben mit dem Thema Natur & Umwelt neu aufzuladen. Eine Verbindung zu den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit, die in der Kommunikation unseres Unternehmens in den vergangenen Jahren immer stärker in den Vordergrund gestellt wurden, lag nahe. Wir waren überzeugt, dass gerade die Medienskulptur als neues Kommunikationsmittel geeignet ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Es entwickelte sich in der Phase der konzeptionellen Arbeit der Anspruch, sie nicht nur in der Bespielung, sondern auch in der Architektur zu visualisieren. Nach mehreren Brainstormings mit Christoph Kronhagel fand sich die Lösung. Das Gebäude steht am Rande des groß angelegten Carl-Duisberg-Parks. Ein so genannter „grüner Kern“ im Inneren des Gebäudes soll symbolisch den grünen Energiestrom aus dem Park umlenken in die Vertikale, aufstrebend und sich verdichtend. Das Grün unseres Logos bildet den Kernfarbwert, ergänzt durch je zwei hellere und zwei dunklere Töne der gleichen Farbe, die künstlerisch verteilt wurden. Als Assoziation diente das Lichtspiel eines belaubten Baumes in der Sonne. Dieser grüne Kern sollte zurückgesetzt vom Gewebe aus semitransparenten MakrolonStegplatten, einem Bayer-Produkt, gebaut werden und hat die Abmessungen des eingerückten Erdgeschosses. Er soll hinterleuchtet und in die Lichtinszenierung integriert werden. So kann das Aufstrebende dieser Kraft richtungsbetont und dynamisch dargestellt werden. An der zurückspringenden Erdgeschossfassade, als Betrachtungsnahfeld, sollen die vorhandenen acht Meter hohen Glasscheiben mit einer künstlerischen Gestaltung von vergrößerten organischen Formen und Strukturen versehen werden, welche sich in den Farbwerten und der Rhythmik harmonisch in die Gesamtgestaltung des grünen Kerns einfügen. Die zweite Kraft, die blaue Energie des Himmels, strömt symbolisch von oben in das Gebäude, visualisiert durch einen blauen Anstrich der untersichtigen Deckenfelder. Die Intensität unserer Logo-Farbe Blau nimmt von oben nach unten in gleichmäßigen Stufen ab, die Richtung darstellend. Beide Kräfte, aus entgegengesetzten Richtungen kommend, vereinen sich in dem Gebäude und bilden dann mittels der Lichtinszenierung und der Bespielung unser Logo. Unterstützt wird die Sequenz durch passende Bild- und Wortaussagen. Diese Vereinigung der beiden elementaren Kräfte hat eine hohe symbolische Bedeutung und lässt sich mit der Medienskulptur faszinierend darstellen und damit die Markenwerte der Bayer AG auf völlig neue Art und Weise emotional erlebbar gestalten. Das Bespielungskonzept Für das Konzept war es enorm wichtig, erste Ansätze der Bespielungsideen zu visualisieren, weil es keine vergleichbaren Referenzobjekte gibt. Dazu musste nicht nur formuliert werden, was dargestellt wird, sondern vor allem auch, was nicht dargestellt werden soll. Die erste Frage, wenn man mit Nichtfachleuten von einer Medienfassade spricht, lautet: „Das ist doch wie ein großer Fernseher, nicht?“ 224 Diese Assoziation resultiert daraus, dass die meisten existierenden Medienfassaden mit Begriffen wie „public monitor“, „urban monitor“ oder „electronic billboard“ besetzt sind und die dem Medium innewohnenden Möglichkeiten häufig nicht einmal ansatzweise genutzt werden. Dieses negative Bild sollte bei der Präsentation der Idee vermieden und der Unterschied klar herausgearbeitet werden. Als Erstes musste klargestellt werden, dass diese Medienskulptur nicht für Werbe-Clips jeder Art, nicht als elektronische Anzeige-Tafel, nicht für Film- und Fernsehübertragungen und vor allem nicht zur Vermietung, weder für BayerTochter-Gesellschaften noch für Fremdfirmen, zur Verfügung stehen würde. Als nächster Schritt wurde festgelegt, dass ein Regelwerk ausgearbeitet und ein Redaktionsrat gegründet werden muss, der die Einhaltung der Regeln überwa- chen und ggf. nach ersten Erfahrungen nötige Anpassungen vorschlagen soll. Die Vorzüge dieses neuartigen Kommunikationsmittels sind so naheliegend wie überwältigend. Auch hier gilt wie bei jedem neuen Medium: Die Freiheiten sind verlockend, es kommt darauf an, die Gefahren zu erkennen und frühzeitig Regeln zu definieren, um Missbrauch und Belästigungen zu verhindern. 225 Medienfassaden Live-Spielern und via Internet zugeschalteten Spielern anlässlich der Messe gamescom in Köln. Eine weitere notwendige Differenzierung war die zwischen Tages- und Nachtbespielung. Die Notwendigkeit einer Tagesbespielung hatte ich schon in den Anforderungen formuliert. Es war aber auch wichtig, eine inhaltliche Unterscheidung festzulegen, bedingt durch die Andersartigkeit und unterschiedliche Größe der beiden gewählten Systeme, das tageslichttaugliche Mediamesh® (3.006 m²) mit seiner sehr hohen und das Illumesh® (15.066 m²) mit verhältnismäßig niedriger Auflösung. Im Konzept wurden deshalb unterschiedliche Ziele und damit auch Inhalte festgelegt. Für die Tagesbespielung wurde als Ziel formuliert: Als neues Wahrzeichen des Unternehmens sollen ca. drei Viertel der Spielzeit der animierten Darstellung des BayerLogos und der Corporate-Design-Elemente der Bayer-Teilkonzerne dienen. Ergänzt werden kann die Bespielung durch Visualisierungen von konzernübergreifenden Themen (Bayer Climate Illumination Grüner Kern aufsteigend Illumination Blaue Decken abfallend Präsentation aktueller Informationen auf Illumesh® Horizontal in verschiedenen Geschwindigkeiten laufend Darüber hinaus sollen eine Schnittstelle für zusätzliche Effektbeleuchtung und eine Schnittstelle für Beschallung von Beginn an eingeplant werden. Ein sehr komplexer Masterplan regelt den Einsatz all dieser Elemente zu einer prozessualen Bespielung. Von einem Zentralrechner wird damit, gemäß sehr präzise definierten Regeln, die Nachfolge der oben genannten Elemente selbständig gesteuert unter Zugriff auf eine exakt strukturierte ContentDatenbank (in der die ersten vier oben genannten Elemente enthalten sind). Dies geschieht unter der Vorgabe, sinnvolle Zusammenhänge zu bilden und Wiederholungen zu vermeiden. Die Herausforderungen für die Gestaltung sowie für die Programmierung liegen darin, die vier Elemente aus der Content-Datenbank mit den drei Beleuchtungselementen sinnvoll so zu kombinieren, dass durch Motiv-Freistellungen und Überlagerungen mehrerer Ebenen eine Dreidimensionalität entsteht. Das ist eine der wesentlichen Anforderungen für die Dramaturgie der Gesamtinszenierung, um die gewünschte Faszination und Magie zu erzeugen. Damit wollen wir die Betrachter unmittelbar ansprechen und ihnen in Sekunden etwas vermitteln, was sie so noch nie gesehen haben und was kein Monitor bieten kann. Verbindung aktueller Informationen mit der Website von Bayer Kombination Text mit Bild Dreidimensionale Fragmentierung der Installation durch die synchronisierte Steuerung von Grüner Kern, Blauen Decken und Illumesh® Program, Corporate Social Responsibility etc.). Unterstützt werden die oben genannten Themen in ihrer Aussage durch entsprechendes Bildund Videomaterial und Zusatzelemente, wie beispielsweise eine Uhr zu den vollen Stunden. Für die Nachtbespielung war das gesamte Spektrum der Möglichkeiten vorgesehen. Wir differenzierten dafür die Elemente der ganzheitlichen Bespielung in: 1. Bildmodule 2. Videomodule 3. Grafikmodule 4. Schriftmodule 5. Beleuchtung des grünen Kerns 6. Beleuchtung der blauen Deckenunterseite 7. Beleuchtung des Lichtrahmens 8. Hinterleuchtete Grafiken des Foyers Renderings © Kronhagel Mediatecture Als Nächstes musste konzeptionell festgelegt werden, was wie und wann visualisiert werden soll. Es wurden zwei grundsätzliche Bespielungsarten definiert: a) nach Inhalt und b) nach der Zeit. Inhaltlich war mir wichtig zu unterscheiden zwischen der so genannten permanenten und der temporären Bespielung. Die permanente Bespielung ist die dauerhafte, unterbrechungsfreie Bespielung über das ganze Jahr innerhalb des festgelegten Zeitrahmens. Es war aber von Anfang an Bestandteil der Idee, zu besonderen Anlässen, etwa vier- bis fünfmal pro Jahr, auch Sonderevents und damit Sonderformen der Bespielung zuzulassen und dafür einen Katalog auszuarbeiten. Wichtigstes Anliegen war dabei, ausgewählten Künstlern die Medienskulptur für einen definierten Zeitraum zur Verfügung zu stellen, vielleicht sogar ein MediaArt Festival auszurichten als feste regelmäßige Instanz. In unserem Unternehmen werden traditionell diverse Formen der Kunstförderung gepflegt. Jahrezeitliche Sonderbespielungen sind ebenso vorgesehen wie auch interaktive, z. B. eine Games Night mit hunderten 226 227 Medienfassaden Eine weitere Idee entstand während der konzeptionellen Arbeit im Team: Die Medienskulptur muss mit dem Medium Internet verbunden werden. Wir wollten die Wirkung dieses neuen Wahrzeichens nicht auf den sichtbaren, lokalen Bereich beschränkt lassen. Es sollte in die Welt hinausstrahlen, wahrgenommen werden und eine weltweite Kommunikation ermöglichen. Das bedeutet, die Medienskulptur benötigt eine eigene Internetseite mit permanent laufender Webcam und eine Schnittstelle für Interaktionen. Damit bietet dieses neue Kommunikationsmittel die großartige Chance für unser Unternehmen, völlig neue Zielgruppen zu erreichen und mit ihnen neue Formen der interaktiven Kommunikation zu entwickeln. Die Content-Datenbank Dem Aufbau und der Struktur der Content-Datenbank kam eine wesentliche Bedeutung zu. Hier wurde definiert, wie und wo jede Datei systematisch abgelegt, klassifiziert und verschlagwortet werden soll. Anfangs schätzten wir die benötigte Größe auf 18.000 Dateien, bestehend aus Bild-, Video-, Text- und Grafikdateien. Für den Aufbau der Content-Datenbank vertraute ich auf Wolfgang Blum, Firma Blickpunkte, und seine Kompetenz, solche Bilddatenbanken zu strukturieren und verwalten. Deshalb haben wir sehr früh begonnen, eine Ordnerstruktur zu schaffen, die zunächst sehr komplex aussah. Aber im Nachhinein wurde sie bis zum Schluss mit wenigen Veränderungen beibehalten, obwohl tausende Bilddaten über Monate von mehr als zehn Bearbeitern ständig bewegt und bearbeitet wurden. Die Content-Datenbank besteht aus drei bis vier Ebenen: In der 1. Ebene sind 17 Hauptordner angelegt (z. B. Logos, Texte, Image-Motive, Specials, Events, Pool etc.). In der 2. Ebene wurden Unterordner festgelegt, die in den Hauptordnern enthalten sind und aus Konzernbereichs- und Themenbereichsordnern bestehen. Die 3. Ebene besteht aus verschiedenen Ordnern zu Themewelten und Images. Sie sind ebenfalls in allen Unterordnern der 2. Ebene enthalten. Die Themenwelten unterteilen sich weiter auf der 4. Ebene in Ordner mit ausgewählten Schwerpunktthemen wie Nanotechnologie, Optical Data Storage, Biotechnologie etc., mit denen sich die Forschung in unserem Unternehmen beschäftigt und welche visualisiert werden sollen. Erst auf dieser 4. Ebene liegen hierfür die Bild- und Videodateien. Die einzige Ausnahme ist der Hauptordner „Pool“, in dem sich die nicht thematisch zuordenbaren Ambient-Pictures befinden, unterteilt nur in zwei Ordner: Stills und Videos. Durch diese komplexe und verästelte Struktur bekommen alle Dateien nachvollziehbare Pfade. Sie sichern den jeweiligen Herkunfts- und Themenbezug. Die Dateien behalten aber alle ihre originalen Dateinamen zur Identifizierung der Quellen. Diese aufwändige Differenzierung war notwendig, um genügend spezifische Auswahl- und Verknüpfungsmöglichkeiten für die Steuerungssoftware anzubieten. Außerdem sollte die Datenbank erweiterbar sein und für die nächsten Jahre funktionieren. Diese Arbeiten nahmen viel Zeit in Anspruch, waren aber eine Basis für die Programmierung, weil wir danach viele Regeln erst festlegen konnten. Erst nachdem die Struktur fertig gestellt und mit allen Beteiligten abgestimmt war, konnte mit der umfangreichen Bildrecherche sowohl aus der bestehenden Bayer-, als auch aus kommerziellen Bilddatenbanken und dem Auffüllen der Ordner durch Wolfgang Blum begonnen werden. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass diese Datenbank auch für andere Bespielungen – zum Beispiel von Events, Konferenzen, Foyers und Ähnlichem – genutzt werden kann. Hinterleuchtete Grafik im Foyer, 9m hoch, Gestaltung Christoph Kronhagel 228 229 Auszug aus der Datenbank zum Thema „Forschung“, Recherche, Datenbankaufbau & Komposition BLICKPUNKTE Wolfgang Blum Medienfassaden Themen Nutrition Health Care Climate Program Das Programm wählt nach voreingestellten Regeln ein Thema aus und sucht automatisch das geeignete Bild- und Textmaterial aus der Datenbank High-tech Materials Corporate Social Responsibility Research Startregel: 1. Bild aus der Datenbank vollflächig setzen. 2. Überlagerung mit Logo Prozessregeln: 1. Zoom in das Bild + Drehung 2. Zone freistellen 3. Einsatz Text in freie Zone 4. Schaltung Lichtrahmen 5. Schaltung blaue Decken in freier Zone Prozessregeln: 1. Bild in Zone 1 - oben 2. Bild in Zone 2+3+4, genau unterhalb des Bild in Zone 1 3. Schaltung Grüner Kern von unten nach oben ansteigend 4. Schaltung blaue Decken unterhalb von Bild in Zone 1 abfallend Prozessregeln: 1. Bild in Zone 1 überblenden in nächstes Bild 2. Bild in Zone 1 von oben nach unten bewegen 3. Text oberhalb Bild Zone 1 rundlaufend 4. Schaltung Blaue Decken + Grüner Kern Das Content-Management-System Eine große Bedeutung kam der Wahrnehmung der Bespielung zu. Ich glaube, dass die Wahrnehmung das entscheidende Kriterium für das Funktionieren von Medienarchitektur ist. Das hat Auswirkungen auf Auswahl und Art der Aufbereitung inhaltlicher Themen. Es war klar, dass ein öffentliches Gebäude mit dieser exponierten Sichtbarkeit keine narrativen Inhalte darstellen sollte. Das heißt, dass die Inhalte in wenigen Sekunden erfassbar sein müssen und trotzdem eine Faszination beim Betrachter auslösen sollten. Außerdem mussten wiedererkennbare Wiederholungen 232 unbedingt vermieden werden, weil ein großer Anteil der Zielgruppe täglichen Kontakt mit der Medienskulptur haben würde. Gemeinsam mit Wolfgang Blum hatte ich in den zurückliegenden Jahren folgende Gestaltungsprinzipien für Bayer-Event-Bespielungen entwickelt, welche auf schneller Erfassbarkeit und assoziativer Wahrnehmung beruhen: Als Basis dienen selektierte Fotos und Videos der konzerneigenen Bilddatenbank mit konkreten Bildinhalten, thematisch sortiert, die durch besondere Ausschnitte ins Bildformat gesetzt werden. Prozessuale Kombinatorik für „Kunststoffe optimieren“ Ergänzt werden sie durch passende abstraktere Bilder und Grafiken von Bildagenturen, sog. „Ambient-Pictures“, die als Verbindungen und Übergänge zwischen thematischen Bildfolgen verwendet werden. Renderings © Kronhagel Mediatecture Nachdem das Konzept freigegeben war, stellten wir ein Content-Team, bestehend aus mehreren Mitarbeitern von ag4, Christoph Kronhagel, Wolfgang Blum und mir, zusammen, um mit der Content-Gestaltung beginnen zu können. Als Erstes wurden die Bespielformate definiert, weil das Einfluss auf die Bildformate und damit auch auf die Bildauswahl hat. Außer den quadratischen Mediamesh®-Flächen wurden noch fünf andere Bildformate für die Illumesh®-Flächen festgelegt. In der Kombination entstanden daraus 15 Bespielungstypen. Alle Bilder werden aus verschiedenen Richtungen leicht bewegt, gedreht oder gezoomt, d. h. animiert. Prozessuale Kombinatorik für „Biotechnologie“ 233 Medienfassaden Ausgewählte animierte Bilder und Videos werden mit Begriffen und Headlines aus den ausgewählten Themengebieten kombiniert, die ebenfalls animiert werden und als Übergangselement dienen. Alle animierten Elemente gehorchen einer fließenden Rhythmik und durchgehenden Dramaturgie, welche die Reihenfolgen, die Art des Bildaufbaus und -abbaus und die unterschiedlichen Arten der Übergänge definieren. Erst durch die Kombination stellen sich beim Rezipienten die gewünschten Assoziationen ein, weil Bilder selten selbsterklärend sind. Es war hierbei von Vorteil, dass diese spezielle Bildsprache im Unternehmen durch viele Events bereits bekannt war. Diese bisher für Eventbespielung genutzte lineare und zweidimensionale Art der Inszenierung konnte jetzt als Basis dienen für die Content-Gestaltung. Der entscheidende Unterschied war der Wegfall der linearen Erzählstruktur. Für die prozessuale, sich selbst generierende Steuerung der Bildfolgen mussten alle Inhalte in Einzelsequenzen aufgelöst, die Zusammenhänge zwischen ihnen genau definiert und alle Bild- und Videodaten einzeln profiliert werden. Die Profilierung der Daten Weiter mussten Eigenschaften und Kriterien der zu verwendenden Dateien festgelegt werden. Diese sollten danach individuell profiliert werden, um sinnvolle Zusammenhänge von einem Zentralrechner, der gewissermaßen die „redaktionelle Arbeit“ übernimmt, auch herstellen zu lassen. Wir merkten schnell, dass davon abhängt, ob das Bespielungskonzept funktioniert. Das heißt, je mehr und präziser die Einzelkriterien waren, umso mehr Kombinationsmöglichkeiten konnten entstehen und umso weniger Fehler in der Abfolge traten auf. Zunächst legten wir drei Kriterienkategorien an: »» thematische Kriterien, mit Schlagworten verknüpft »» funktionale Kriterien »» grafische/ästhetische Kriterien Die funktionalen Kriterien differenzierten die möglichen Bildpositionen und alle Bewegungsformen auf dem Gebäude, wie Dreh-, gerichtete Bewegungen (horizontal, vertikal, diagonal), Zoombewegungen, Bildfragmentierungen, Kombinationen Illumesh®/Mediamesh®. Bei den grafischen Kriterien musste unter anderem der Bildcharakter über Gegensatzpaare, zum Beispiel statisch – dynamisch, abstrakt – gegenständlich, farbdominant – polychrom, ausgewählt und mit einem Skalenwert von 1 bis 20 bewertet werden. Dann wurden die Dateien acht vorgegebenen Farb234 Bildmanagement in Echtzeit Steuerung Bayer kann jederzeit Bildmaterial zufügen, Regeln ändern oder spezielle Features einspeisen. wertgruppen zugeordnet. Ziel der Profilierung war es, sequentielle Folgen von Dateien zu sortieren und mögliche Nachfolger-Dateien zu ermitteln und zu bewerten. Damit sollen eine möglichst hohe Anzahl an Verknüpfungen erreicht und gleichzeitig unpassende Bildfolgen vermieden werden. Als der Kriterienkatalog fertig war, zeigte sich, dass dieser Prozess der Profilierung so nicht automatisierbar war. Die ästhetischen Grundlagen, besonders die Kombinatorik des Bilderkanons, die ich gemeinsam mit Wolfgang Blum für Corporate Events entwickelt hatte, waren sehr individuell auf eine gewachsene Bildkultur für Bayer ausgerichtet. Deshalb konnte die Bewertung und Profilierung dieser geforderten Qualitäten nur von Menschen vorgenommen werden, die subjektiv diese spezielle Kombinatorik nachvollziehen können. Dafür waren in Bildbearbeitung erfahrene Mitarbeiter mit sicheren gestalterischen Erfahrungen gefragt. Von ag4 wurden diese „Profilierer“ ausgewählt und geschult. Für sie wurde ein spezielles Profilierungsprogramm entwickelt, um über Masken, Tabellen und Vorschaufunktionen diese Arbeit zu erleichtern. Um jedes Bild, Video, Grafik oder Text in seiner dreidimensionalen Wirkung auf dem Gebäude beurteilen und bewerten zu können, wurde ein 3D-Simulationsmodell mit dem Gebäude und den Nachbarbauten, der Straße und dem Park entwickelt. Mit einem Mausklick kann jede Da- Das Bildmanagement wendet voreingestellte Regeln an, um die Bilder auf der Medienhaut zu verteilen und zu animieren. Die Anwendungen der Regeln führen zu unterschiedlichen ästhetischen Wirkungen der Bildgestaltung. Time Table Die Bildgestaltung wird interaktiv zur Tageszeit gesteuert. Regelwerk 1. Das Regewerk bestimmt, welche Bilder mit welchen Eigenschaften miteinander kombiniert werden. 2. Das Regelwerk bestimmt, wie die Bilder animiert werden Eigenschaften (z.B.): 1. Farbintensität 2. Kontrast 3. abstrakt-real 4. wissenschaftlich-emotional Profiling In einer Eingabemaske werden insgesamt 10.000 Bildern oder clips Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeordnet. Animationssregeln (z.B.): 1. Fullscreen-Bildausschnitt 2. Zoom in das Bild 3. Drehung des Bildes Bilddatenbank Nutrition Health Care, Climate Program, High-tech Materials, Corporate Social Responsibility, Research tei auf dem Gebäude dargestellt, in jede beliebige Position gedreht und Betrachtungspunkt und -höhe verändert werden. Das war eines der wichtigsten Werkzeuge zur Auswahl und Bewertung der Dateien. Auch der erfahrenste Bildbearbeiter kommt an seine Grenzen, wenn er sich ein Bildmotiv um drei Gebäudeseiten gewickelt vorstellen und die ästhetische Eignung bewerten soll. Am Ende des Prozesses musste ich alle, inzwischen über 10.000 Dateien bewerten und freigeben oder mit Anmerkungen zur Nachbearbeitung in den Prozess zurückführen. Ohne dieses 3D-Simulationsmodell wäre das nicht möglich gewesen. 235 Medienfassaden Die Steuerungssoftware Im nächsten Schritt musste ein konkreteres Anforderungsprofil für die Steuerungssoftware auf der Grundlage des oben genannten Konzeptes erarbeitet werden. Dieses wurde während des Prozesses ständig aktualisiert und mit dem jeweiligen Stand abgeglichen. Vielfach konnten wir erst an Beispielen am 3D-Simulationsmodell ermitteln, welche Regeln noch geändert werden müssen. Zum Beispiel haben wir im Einzelfall entschieden, welche Animationen in Echtzeit gerendert und welche besser vorproduziert werden, um die Laufsicherheit bei dieser komplexen Steuerung zu keiner Zeit zu gefährden. Die von ag4 entwickelte Steuerungssoftware IMPP (Interactive Media Pool Platform) wurde für diese Anforderungen deutlich weiterentwickelt. Diese sollte nicht nur, wie bisher, die Bildfolgen auf einem Medium (z. B. Mediamesh®) steuern, sondern auch die von Illumesh® sowie die Kombination von beiden und das gesamte Lichtdesign im Gebäudeinneren – alles zeitlich synchronisiert und aufeinander abgestimmt. Eine besondere Herausforderung war es, die Dreidimensionalität der Medienskulptur gestalterisch mittels einer faszinierenden Inszenierung herauszuarbeiten. Dazu wurden spezielle Regeln definiert und programmiert. Auch bei der Bild-/ Videoauswahl und deren Bearbeitung musste diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hier galt es durch Freistellungen, Maskierungen und Fragmentierungen die gestalterischen Freiräume für die Lichtinszenierung zu schaffen. Ebenso musste der Einsatz von Textbausteinen in solche Freiräume mitbedacht werden. Solche Überlagerungen mehrerer Ebenen mit Transparenzen und Durchdringungen in die Tiefe, vielleicht noch realisiert mit unterschiedlichen Bespielungsmodulen (z. B. Schrift-, Bild-, Video- und Lichtmodule), lassen eine sehr komplexe Bildsprache entstehen, die vielfältige Ausdrucksformen ermöglicht. Das macht die Faszination dieser dreidimensionalen Medienskulptur gegenüber einer zweidimensionalen Medienfassade oder erst recht gegenüber einem Urban Screen aus. Damit bekommt sie eine Einzigartigkeit, die kein anderes Medium realisieren kann. Sie kann die Emotionen und das ästhetische Empfinden der Betrachter ansprechen und gleichzeitig auf unaufdringliche und intelligente Art Botschaften vermitteln. Mit diesem Konzept begann ich Sympathisanten für dieses Projekt innerhalb des Unternehmens zu gewinnen. Meine Kollegen von der Bauabteilung waren damals bereits mit der Vorbereitung der Abrissarbeiten beschäftigt. Es gelang, in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Wolfgang Vogel, den ich als Mitstreiter gewonnen hatte, die Planungen und Vorbereitungen so zu verändern, dass auch ein Umschwenken auf einen Rückbau ohne größere Probleme zu einem späteren Zeitpunkt möglich war. Damit war Zeit gewonnen. Ein offizieller Antrag auf Nutzungsänderung (der Abriss war bereits genehmigt) bei der Bauaufsicht wäre zu langwierig gewesen. Deshalb beschlossen wir, das Konzept den Zuständigen bei der Stadt, Fachbereiche Stadtplanung und Bauaufsicht sowie Untere Denkmalbehörde, vorzustellen. Wichtig war hierbei, die Vorteile für die Stadt und das Umland zu verdeutlichen und die Sorgen, vor allem der Denkmalpfleger, auszuräumen. Das schlüssige Konzept, die städtebaulichen Überlegungen und die Visualisierungen, besonders der ersten Ansätze für die Bespielung, waren äußerst hilfreich bei den Gesprächen. Die Sorge, dass aus dem alten Hochhaus eine Werbeanlage à la Times Square werden könne, wurde schnell ausgeräumt und machte nach dem Herausstellen der künstlerischen Aspekte einer Begeisterung Platz. Unterstützung bei der Abwicklung aller Genehmigungen wurde zugesagt. Somit ist die Medienskulptur nicht nur ein innovatives und aufmerksamkeitsstarkes Wahrzeichen, sondern auch ein hervorragendes, neuartiges Kommunikationsmittel und für die Bayer AG von hoher Bedeutung. Renderings © Kronhagel Mediatecture In enger Zusammenarbeit mit den Programmierern von ag4 wurden die Kriterien des Anforderungskataloges immer wieder daraufhin überprüft, welche davon in das Programm aufgenommen werden und welche über Scripte besser zu realisieren sind. Außerdem sollte die Software erweiterbar und jederzeit an neue Anforderungen für geplante Sonderevents anpassbar sein. Die Genehmigungsphase Beispiel: K ontrastreiches Bild, abstrakt, Fullscreen - wird gezoomt und gedreht (die Parameter für die Animation sind jederzeit justierbar oder können in Abhängigkeit zu besonderen Ereignissen gesetzt werden, z. B. Feiertage oder Events) 236 Eine weitere Hürde stellte sich aus urheberrechtlicher Sicht. Die Entwurfsurheber des Architekturbüros Hentrich, Petschnigg & Partner lebten nicht mehr, aber die Rechte lagen bei den Nachfolgern des unter gleichem Namen arbeitenden Architekturbüros. Im Falle des Abrisses wäre das Urheberrecht nachrangig, aber bei einem Umbau nicht. Wir entschlossen uns zu einem persönlichen Gespräch unter Kollegen mit dem Geschäftsführer von HPP, Joachim H. Faust, und präsentierten ihm das Konzept. Er war spontan sehr angetan von dem Projekt und sagte direkt seine Unterstützung zu. Danach wollte ich zur Sicherheit eine Zustimmung von Helmut Jahn als Entwurfsverfasser des Nachbargebäudes, weil das Konzept seinerzeit ebenfalls von dem Abriss des Hochhauses ausgegangen war. Auch hier glaubte ich, dass eine Lösung auf kollegialer Ebene die beste Strategie sei. Wir stellten deshalb die Ideen zur architektonischen Anpassung an seinen Gebäudeentwurf heraus und bauten auf seine grundsätzlich positive Grundhaltung Medienfassaden gegenüber. Es gelang unter Vermittlung von Christoph Kronhagel, nicht nur seine Zustimmung zu erhalten, sondern auch seine besten Wünsche zum Gelingen. Damit waren die schwierigsten Hürden der Vorbereitung genommen. Unbedenklichkeitserklärungen seitens der Flugsicherung und der Landesstraßenbaubehörde schlossen den vorläufigen Genehmigungsprozess ab. Jetzt war der Weg frei für eine Vorstandsvorlage. Der Vorstand hatte eigentlich den Abriss des Hochhauses beschlossen. Ich versuchte aber weiter, im Unternehmen mit einer Präsentation des Konzeptes Fürsprecher zu gewinnen. Den Auftakt der Präsentation bildete eine Explosionsanimation des Hochhauses, um die entstehende räumliche Lücke des Bauensembles zu demonstrieren. Dieser kleine Effekt war ebenso ein Schritt auf dem Weg zum Ziel wie auch eine animierte Visualisierung, die an die Verhüllungsaktion des Hochhauses 1999 erinnerte. Ende des Jahres 2006 erfuhr unser CEO Werner Wenning von der Idee und gab mir die Chance, diese im Januar 2007 vor dem Vorstand zu präsentieren. Die Idee fand im Vorstand Zustimmung. Allerdings blieben noch Bedenken, ob ein solches spektakuläres Projekt als Gigantomanie bewertet werden und damit nicht zur Marke passen könnte. Deshalb wurde beschlossen, in einer repräsentativen Umfrage zu klären, wie dieses Projekt von Mitarbeitern und Anwohnern angenommen und wie es in Beziehung zur Marke Bayer bewertet werden würde. 237 Medienfassaden Die drei Bauphasen Diese empirische Untersuchung wurde schnellstens in Form von persönlichen Interviews mit 1.000 Probanden initiiert. Diese sollten sich wie folgt zusammensetzen: ein Drittel Mitarbeiter, ein Drittel Anwohner im Nachbarschaftsbereich und ein Drittel Personen verteilt auf ganz Deutschland, die keinen Bezug zur Bayer AG haben. Folgende Aspekte wurden evaluiert: »» spontane Reaktion »» allgemeine Akzeptanz »» Anmutung (Fern- vs. Nahwirkung) »» Einstellungen, Bewertung der Idee »» Abwägungen gegenüber alternativem Abriss des Gebäudes »» vermutete Wirkung für Bayer, den Standort, die Region Die Umfrageergebnisse wurden im April 2007 wieder dem Vorstand präsentiert, zusammen mit neuen Ergebnissen der weiteren Projektbearbeitung, inklusive Zeit- und Kostenplanung. Die Umsetzung des Projektes Medienskulptur wurde daraufhin einstimmig beschlossen. wollte ich als Zeitdokument und für eine eventuelle spätere Nutzung konservieren. Einige Konzeptideen dafür waren schon vorhanden. In der 2. Bauphase, der Gebäudesanierung, mussten alle tragenden Teile wetterfest geschützt und die ca. 25.000 m² Stahl durch Sandstrahlen vorher gereinigt werden. Die ca. 90.000 m² Betonflächen erhielten eine Epoxydharzbeschichtung. Auch dabei kamen vorzugsweise Bayer-Materialien zum Einsatz. Die vorgehängte Glas-Aluminium-Fassade wurde so lange wie möglich belassen, um einen unmittelbaren Wettereinfluss auf die Arbeiten zu verhindern. Nach deren Demontage verzögerten sich die Arbeiten durch Frost an den Bauteilen und Stürme um mehrere Monate. Als letztes Gewerk wurde der grüne Kern aus ca. 15.300 m² in fünf Grüntönen speziell eingefärbten Makrolon®Stegplatten, 25 mm stark, nach einem Gestaltungsplan montiert. Die Vorgabe war hier, dass keine vertikalen Konstruktionsteile wegen der Foto © Bayer AG Zu den Interviews wurden Charts gezeigt, die knapp die Idee vorstellten und in Renderings visualisierten. Die Ergebnisse waren überdurch- Die baulichen Randbedingungen sollen an dieser Stelle nur kurz gestreift werden. Unsere Ingenieure der Bauabteilung, allen voran Wolfgang Vogel, stellten sofort alle Planungen um und beauftragten die bereitstehenden Firmen zum Rückbau nach Räumung der Hochhauses im Sommer 2007. Baubeginn war am 01.10.2007 mit dem Teilabriss nicht benötigter Gebäudeteile. Die erste Idee, alles bis auf das Stahlskelett zu entkernen, ließ sich nicht realisieren, weil die Deckenfelder in Ortbeton gegossen waren. Der Aufwand hierfür an Zeit, Geld, Arbeit, Lärm- und Schmutzbelästigung war nicht zu rechtfertigen. Trotzdem kamen allein an Bauschutt 10.000 Tonnen zusammen zuzüglich mehrerer tausend Tonnen sortierter Materialien. Alle nichttragenden Gebäudeteile wurden entfernt einschließlich der acht Personenaufzüge, bis auf den Lastenaufzug. Die Innenausstattung des Erdgeschosses (Marmorwandverkleidungen mit großartigen Maserungsbildern, Natursteinfußboden, geschosshohe Verglasung, individuelle Einzelleuchten) schnittlich positiv und sogar ohne signifikante Unterschiede zwischen den Probandengruppen. Bei der Bewertung der Idee auf einer Skala von 1 bis 5 entschieden sich 69% für gut bis sehr gut. Zwischen 74 und 81% der Befragten beurteilten die Anmutung des Projektes als sehr innovativ, zeitgemäß und zukunftweisend und viele davon hätten dieses dem Unternehmen Bayer nicht zugetraut. Die Zustimmung zur Wirkung für Bayer als passend bzw. angemessen wurde mit 70 bis 74% positiv bewertet. Daran war erkennbar, was für einen positiven Effekt die Medienskulptur bereits als Idee für die Marke liefern kann. Foto © Ralf Krieger Die Umfrage 238 239 Medienfassaden Hinterleuchtung sichtbar sein sollten. Das ergab ein statisches Problem. Die Experten vom Büro Werner Sobeck schlugen daraufhin vor, die Platten mittels Verbiegung zwischen Decke und Boden einzuspannen. Die Amplitude wurde im Windkanal ermittelt. In weiteren Lichttests musste daraufhin untersucht werden, wie der Nachteil der Biegung durch die Art und Anordnung der Hinterleuchtung aufgefangen werden konnte. Die vorgefertigten LED-Tubes von 4,03 m Einzellänge ergäben eine Gesamtlänge von 79.500 m. Die Gesamtmenge der verbauten LEDs beträgt 5.632.905 Stück. Fünf LEDs, in den Farben rotgrün-blau-grün-rot angeordnet, ergeben ein Pixel. Foto © Bayer AG Die 3. Bauphase, die Montage der 18.072 m² Gewebematten mit zum Teil vormontierten LEDs, startete am 01.06.2009. Die Matten waren in der Regel 4,03 m breit und zwei Geschosse, d. h. 7,20 m hoch und wurden an eine Stahlkonstruktion mit Auslegern vor das Gebäude vertikal verspannt. Die 684 Stück wurden in speziell angefertigten Transportstellagen direkt aus der Weberei in Düren angeliefert und von Südtiroler Spezialmonteuren mit Bergsteigererfahrungen montiert. Die Montage war im September 2009 abgeschlossen. Parallel dazu liefen die Elektroarbeiten mit ca. 30.000 m Kabellängen, die Installation der Hardware, die Verkabelung der Steuerungstechnik (ca. 20.000 m) und die Blitzschutzmaßnahmen. www.mediatecture.info/23 Das Konzept zum Vogelschutz In einer frühen Phase des Projektes begannen wir uns über den Vogelschutz Gedanken zu machen. Bei Recherchen zu dem Thema fiel uns auf, dass dieses Problem in Internet-Foren und Veröffentlichungen sehr emotional diskutiert wird. In den wenigen Fällen, wo es Erhebungen und konkrete Zahlen von toten Vögeln an Medienfassaden gab, war der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht eindeutig belegt bzw. die Ursache nicht gründlich und differenziert erforscht. Es fehlten wissenschaftliche Untersuchungen. Wir wollten deshalb etwas über das Verhalten und die Wahrnehmung von Vögeln gegenüber Licht und Farben allgemein und ihre Reaktion auf 240 beleuchtete Objekte im städtischen Umfeld konkret herausfinden. Nach längerer Suche fand sich ein renommierter Wissenschaftler mit Schwerpunkt in Wahrnehmungspsychologie bei Vögeln, der sich sehr für das Thema interessierte. In einem ersten Gutachten zum Vogelschutz im Falle der Medienskulptur differenzierte er, nach Prüfung der Situation und der Bedingungen, verschiedene Ursachen, die zu Gefährdungen bei Zugvögeln während der Vogelzugzeiten führen könnten. Er stellte heraus, dass Zugvögel sich normalerweise nicht nach Lichtquellen orientieren, sondern über eine Magnetkompass-Orientierung verfügen. Erst bei Witterungskonstellationen, die die- se Orientierung stören, suchen ortsfremde Vögel nach anderen Möglichkeiten und können durch Lichter irritiert werden. Eine Gefährdung wird insbesondere dann erhöht, wenn die Lichter direkt abstrahlen und Hindernisse für die Vögel dadurch nicht erkennbar sind. Das deckt sich mit den Erfahrungen in unserem Unternehmen mit dem erwähnten großen Bayer-Kreuz, das während der Hauptflugzeiten abgeschaltet wird. Dort kam es zu Verletzungen von Vögeln nicht an den Glühbirnen, sondern an den im Lichtschatten liegenden Halterungen und Kabellagen. Der Forscher schlug eine Versuchsanordnung vor, um zu exakteren Daten zu gelangen. Wir haben diesen Vorschlag akzeptiert, uns mit dem örtlichen NABU, Naturschutzbund Deutschland e.V., in Verbindung gesetzt und um fachliche Unterstützung gebeten. Der Versuch sieht vor, in der Herbst- und Frühjahrsflugzeit täglich in den Morgenstunden, um das Gebäude, kollidierte Vögel statistisch zu erfassen und zu konservieren – bei ausgeschalteter Medienskulptur. Die Ergebnisse werden als Referenzdaten verwendet und mit den Ergebnissen der nächsten Flugzeiten bei eingeschalteter Medienskulptur verglichen. Parallel dazu werden genau definierte Wetterdaten erfasst und Daten über den Betrieb der Anlage (Lichtintensität, besonders vorherrschende Farben, Betriebszeiten etc.). Alle Daten werden bei ausreichender Menge und Qualität von dem Forscher ausgewertet und die Ergebnisse gemeinsam bewertet. Wir versprechen uns davon völlig neue und gesicherte Erkenntnisse zum Betrieb von Medienarchitektur, die einen differenzierten Umgang mit der Themenstellung ermöglichen. Unser Ziel ist es, unterschiedliche Schwellenwerte herauszufinden, auf die mit einer Änderung der Bespielung reagiert werden kann, so dass Vögel nicht gefährdet werden. Sollte sich zum Beispiel herausstellen, dass bei einer Sicht von unter 100 m und einer Wolkendecke von unter 300 m besonders rote Beleuchtung gefährdend wäre, so könnten wir diese Daten in die Steuerungssoftware einpflegen und diese könnte, ohne menschliche Eingriffe, bei dieser Witterungskonstellation automatisch auf Bilder ohne Rotanteile (dank unserer detaillierten Profilierung) in der Bespielung umstellen. Diese Methodik könnte als Referenz für viele Medienlagen neue Maßstäbe setzen. Epilog Zum Zeitpunkt der Textverfassung (April 2010) war das Projekt noch nicht abgeschlossen. Alle baulichen Maßnahmen, sowie die Content-Bearbeitung waren im Zeitplan beendet. Nach den ersten, erfolgreichen Probeläufen im September 2009 (nachzusehen in YouTube unter: http:// www.youtube.com/watch?v=7sS6FbTDDuo) wurden Belastungstests gefahren mit dem Ergebnis, dass täglich immer mehr LEDs ausfielen. Als klar war, dass die Ausfallrate konstant zunahm, wurden die Tests abgebrochen und eine umfangreiche Analysephase eingeleitet. Da in unserem Unternehmen Anlagensicherheit und Nachhaltigkeit einen sehr hohen Stellenwert haben, sollte die Analyse von den Lieferanten gründlich und ohne hohen Druck durchgeführt werden. Nach mehreren Monaten und unter Einbeziehung von externen Experten und Forschungsinstituten wurden mehrere Fehler lokalisiert und gemeinsam die weiteren Maßnahmen besprochen. Es zeigte sich, dass bei einer Neuentwicklung dieser Art und dieser noch nie gebauten Größe und Komplexität ohne die entsprechenden Erfahrungen nicht alle Faktoren kontrollierbar sind. Zu den wesentlichen Faktoren gehörten die Umwelteinflüsse, d.h. Stürme, Kälte, Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen. Deshalb wurden die gefundenen Fehler in den vorgeschalteten Labortests und Qualitätssicherungsprüfungen nicht entdeckt, sondern erst nach den Belastungstests am Gebäude. Unsere Auftragnehmer schlugen im April als Ergebnis einen Maßnahmeplan vor, der zur Beseitigung aller Fehler einen Komplettaustausch aller LEDs unumgänglich machte. Unter Berücksichtigung der damit verbundenen Fertigungs- und Testzeiten – im Labor und am Gebäude – ist es nun das Ziel der beteiligten Firmen, das Projekt bis zum Ende des Jahres 2010 fertig stellen zu können. 241 Medienfassaden 242 Photo © Bayer AG 243