top Betriebsleitung Welche Zukunft für deutsche Eiererzeuger? Übersicht 1: Entwicklung der Haltungsformen bei Legehennen* 92,4% 89,7% 89,2% 86,5% 6,3% 6,3% ie Stimmung ist schlecht bei deutschen Legehennenhaltern. Verunsicherung über die Zukunft der Betriebe und die Chancen der Eierproduktion in Deutschland macht sich breit. „Viele wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Landwirt Heinz-Josef Becker aus Brilon. Der Grund dafür ist die „Erste Verordnung zur Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung“, die so genannte Hennenhaltungsverordung, die am 13. März 2002 in Kraft getreten ist. Danach soll die Käfighaltung von Legehennen in Deutschland innerhalb kürzester Zeit abgeschafft werden: ■ Ab sofort dürfen keine neuen Ställe mit Käfigen mehr gebaut werden. Ausnahme: Bereits genehmigte Ställe mit ausgestalteten Käfigen. ■ Ab 2003 muss das Platzangebot je Henne in den vorhandenen Anlagen von 450 cm2 auf mindestens 550 cm2 erhöht werden. ■ Herkömmliche Käfige dürfen nur noch bis Ende 2006 betrieben werden. ■ Für ausgestaltete Käfige mit 750 cm2 Platz pro Henne, einem Nest, Sitzstangen und Einstreu gilt eine Übergangsfrist bis Ende 2011. ■ Neue Haltungssysteme müssen eine Mindesthöhe von 2 m haben. Damit kommt die Käfighaltung nicht mehr in Frage, sondern nur noch die Boden-, Volieren- oder Freilandhaltung. Mit dieser Verordnung hat die Bundesregierung die EU-Richtlinie zur Legehennenhaltung von 1999 nicht nur umgesetzt, sondern ist über die Mindestanforderungen in der EU hinausgegangen. Denn 28 top agrar 5/2002 Grafiken: Orb 4,7% 3,4% Bis 2007 muss die Käfighaltung bei Legehennen von 86 % auf Null sinken. 6,3% 6,2% 6,1% 5,1% D 88,3% 3,7% 1,9% 1996 Bodenhaltung Freilandhaltung Käfighaltung 1997 1998 1999 Quelle: ZMP Das Käfigverbot wird drastische Folgen für deutsche Hennenhalter haben. Wie wirkt es sich auf den Eiermarkt aus? Welche Chancen haben unsere Erzeuger dann noch? 2000 ) * Betriebe mit mehr als 3000 Hennenplätzen nach EU-Recht sind herkömmliche Käfige bis Ende 2011 erlaubt. Danach sind nur noch ausgestaltete Käfige zugelassen. Bereits ab 2003 dürfen laut EURichtlinie nur noch Käfige dieser Haltungsform gebaut werden. Für deutsche Hennenhalter ergeben sich aus dem deutschen Alleingang einige wesentliche Wettbewerbsnachteile: ■ Sie müssen fünf Jahre früher als ihre europäischen Kollegen herkömmliche Käfige außer Betrieb nehmen. ■ Während in anderen EU-Staaten auch nach 2011 in ausgestalteten Käfigen produziert werden kann, sollen in Deutschland nur noch alternative Haltungsformen erlaubt sein. „Durch das Käfigverbot wird die Legehennenhaltung in Deutschland kaputt gemacht“, befürchten viele Landwirte. Denn die deutschen Eiererzeuger sind weniger konkurrenzfähig, wenn sie komplett auf Boden- und Freilandhaltung umstellen müssen, während die EU-Nachbarn kostengünstiger in (ausgestalteten) Käfigen produzieren können. Die Folge: Sie verlieren Marktanteile. Mit einer 1:1Umsetzung der EU-Richtlinie hätten die meisten Landwirte dagegen leben kön- nen. Denn die Hennenhaltung in ausgestalteten Käfigen haben viele bereits als gute Lösung akzeptiert. Sie bietet eine Verbesserung des Tierschutzes, aber auch eine Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben. Selbstversorgung mit Eiern geht drastisch zurück Für die heimische Hennenhaltung und den deutschen Eiermarkt wird der Alleingang beim Käfigverbot drastische Folgen haben. Zurzeit werden in Deutschland rund 41 Mio. Hennen gehalten, davon gut 86 Prozent in Käfigen. Die restlichen Hennen werden je zur Hälfte in Boden- und Freilandhaltung gehalten (siehe Übersicht 1). Wenn ab Anfang 2003 das Platzangebot pro Henne erhöht werden muss, können statt fünf nur noch vier Hennen in einem Käfig gehalten werden. Damit sinkt der gesamte Hennenbestand bereits um etwa 15 %. Bis zum Käfigverbot müssten für rund 35 Mio. Tiere Ställe umgerüstet oder neugebaut werden, um den derzeitigen Hennenbestand zu halten. Dass der Selbstversorgungsgrad bei Eiern in Übers. 2: Anteil der Bundesländer am Legehennenbestand Brandenburg, 7 % Niedersachsen, Bremen, 33% BadenWürttemberg, 7% Sachsen, 8% Bayern, % Bei der Volierenhaltung dürfen maximal 18 Hennen pro m2 Stallgrundfläche gehalten werden. Foto: Werkbild In den östlichen Bundesländern, wo die Eierproduktion nach der Wende stark eingebrochen war, haben Sachsen und Brandenburg die größten Legehennenbestände. Während die großen gewerblichen Eierproduzenten Nordrhein Restliche Bundesin Niedersachsen und den Westfalen, 12% länder, 22% neuen Bundesländern sitQuelle: ZMP zen, gibt es vor allem in Bayern und Baden-Württemberg noch sehr viele kleineDeutschland von derzeit 75 % sinken re, bäuerliche Hennenhaltungen. wird, ist unausweichlich. Selbst wenn die bestehenden Ställe umgerüstet würden, Kleine geben auf – sei ein Rückgang auf 35 % zu erwarten, Große gehen ins Ausland rechnet Professor Hans-Wilhelm WindExperten befürchten, dass gerade Fahorst von der Hochschule Vechta. milienbetriebe nach dem Käfigverbot die Weil die Struktur der Hennenhaltung Eierproduktion aufgeben müssen. Für sie in Deutschland sehr unterschiedlich ist, könnte es schwer werden, die nötigen Inwerden einzelne Bundesländer mehr von vestitionen zu tätigen. Hühnerställe in dieser Entwicklung betroffen sein als anDorflage können oft aus Platzmangel dere. Das Bundesland mit den meisten nicht auf alternative Haltungsformen umLegehennen ist Niedersachsen. Mit über gestellt werden. Hinzu kommt: „Durch 13,7 Mio. Tieren werden hier rund ein die neuen Schwellenwerte im ArtikelgeDrittel der deutschen Legehennen gehalsetz sind die Landwirte schon ab 15 000 ten (siehe Übersicht 2). Mit großem AbHennenplätzen (ohne weitere Tiere) verstand folgen die Länder Nordrhein-Westpflichtet, eine immissionsschutzrechtliche falen, Bayern und Baden-Württemberg. Genehmigung einzuholen“, so Berater Alfons Krafeld von der Landwirtschaftskammer Münster. Aber auch mittelgroße Betriebe sehen nach dem Käfigverbot weniger Chancen. „Wir haben eine Umfrage bei Landwirten mit 10 000 bis 30000 Hennen in Niedersachsen gemacht“, erklärt Professor Windhorst. „Von 68 Betrieben wollen 62 mit der Legehennenhaltung aufhören.“ Der wichtigste Grund: Die Investitionen zum Umrüsten der Ställe können oder wollen sie nicht aufbringen. Denn sie glauben nicht, dass sie die teurer produzierten Bodenund Freilandeier künftig zu kostendeckenden Preisen absetzen können. „Bei den großen Betrieben ist bereits eine klare Abwanderungstendenz zu erkennen“, berichtet Heinrich Eiken, Geschäftsführer des Niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes. „Ab 2007 werden viele ihre Käfiganlagen in Deutschland abbauen und in Polen, Tschechien oder Ungarn wieder aufbauen.“ Die meisten Großbetriebe in Nordwestdeutschland sind derzeit ganz auf herkömmliche Käfighaltung ausgelegt. Sie erzeugen Eier sowohl für den Endverbrauch als auch für die Eiproduktenindustrie. Deshalb müssen sie kostengünstig top agrar 5/2002 29 top Betriebsleitung produzieren, um am Markt bestehen zu können. „Wir sehen keine Möglichkeit, in Deutschland zu bleiben“, sagt Gert Stuke von Deutsches Frühstücksei. Das Unternehmen hält 5 Mio. Legehennen an 25 Standorten. „Eine Umstellung auf alternative Haltungsformen ist bei unseren Gebäuden und wegen des Flächenbedarfs gar nicht möglich. Auf ausgestaltete Käfige würden wir dagegen sofort umrüsten“, so Stuke. Insider berichten, das Unternehmen baue bereits in diesem Jahr eine Käfiganlage für 250 000 Hennen in Polen, gleich hinter der Grenze. Die Eier sollen dann nach Deutschland reimportiert werden. Dagegen wollen einige Großbetriebe, die bereits in alternative Haltungssysteme investiert haben, ihre Produktion in Deutschland fortsetzen. Der Marktführer in diesem Bereich ist Heidegold mit über 1 Mio. Hennen. Etwa jedes dritte Ei, das das Unternehmen verkauft, stammt aus alternativer Haltung. „Wir wollen den Weg in diese Haltungform weiter gehen, aber dafür benötigen wir längere Übergangszeiten“, erklärt Herbert Lange von Heidegold. Besonders in Ostdeutschland gibt es bereits viele Großbetriebe, die einen Teil der Hennen in alternativen Haltungsformen halten. Rund 22 Prozent der Hennenplätze entfallen auf Boden- oder Freilandhaltung. Aber diese Betriebe plagen vor allem finanzielle Probleme: Sie haben Schulden aus der DDR-Zeit, dazu kommen laufende Kredite für die Modernisierung der Anlagen nach der Wende. „Da kann Frau Künast zwar Förderungen über Zinsvergünstigungen gewähren, aber kei- Albert Abeler, Nordrhein-Westfalen „Ausgestaltete Käfige sind die einzige Alternative“ W ir wollen den Hennen mehr Platz geben, aber über den Markt müssen die Mehrkosten wieder reinkommen“, schildert Landwirt Albert Abeler (64) aus Nordwalde die Position vieler Legehennenhalter. „Wenn allerdings alle Betriebe auf alternative Haltungssysteme umstellen müssen, sehe ich dafür keine Chance.“ Eine gute Haltungsform, die den Markt und gleichzeitig den Tierschutz berücksichtigt, ist seiner Meinung nach der ausgestaltete Käfig. Bereits 1999 baute der Betrieb einen Stall für 34 000 Legehennen mit ausgestalteten Käfigen für rund eine halbe Million Euro. In der 8 m hohen Halle sind die Käfige auf fünf Ebenen übereinander angeordnet. „Wir haben die Käfige mit einer Firma zusammen entwickelt. Sie haben keine Mittelwände, und die Seitenwände von je fünf Käfigen sind mit Durchschlupfen versehen, so dass 60 Hennen in einer Gruppe sein können“, beschreibt der Legehennenhalter. Jede Henne hat derzeit schon 625 cm2 Platz. Auch die Sitzstangen hat Abeler bereits eingebaut, obwohl der Gesetzgeber dies noch nicht vorschreibt. „Ich war überrascht, wie stark die Tiere die Stangen nutzen. Auch die Krallenkürzer haben mich 30 top agrar 5/2002 „Unsere Abnehmer wollen Qualität zu günstigen Preisen“, weiß Legehennenhalter Albert Abeler. Foto: Heil voll überzeugt“, berichtet der Tierhalter. „Mit all’ diesen Dingen kann man viel für den Tierschutz tun. Dass die Politik diese Haltungsform verboten hat, ist für mich total unverständlich.“ Die Kosten für den größeren Platzbedarf pro Legehenne beziffert Albert Abeler auf einen Cent pro Ei. Ab 2007 muss er pro Gruppe zehn Hennen herausnehmen, damit der Platzbedarf von 750 cm2 eingehalten wird. Dann sinkt der Tierbestand auf 27000 Hennen und die ne Bank gibt verschuldeten Betrieben einen Kredit“, so Ursula Schimmrigk vom Geflügelwirtschaftsverband Brandenburg. Der Neu- und Umbau von Hennenställen kann über das Agrarinvestitionsprogramm (AFP) für landwirtschaftliche Betriebe und über ein Bundesprogramm auch für gewerbliche Betriebe gefördert werden. Das geplante Bundesprogramm soll in diesem Jahr rund 12,8 Mio. E für Kreditverbilligungen umfassen. Den gesamten Investitionsbedarf schätzen Experten allerdings auf rund 1 Mrd. E. Andere Länder investieren noch in die Käfighaltung Doch ob deutsche Betriebe umrüsten oder aussteigen – für die Verbraucher verändert sich letztlich nicht viel. Sie bekomProduktionskosten steigen weiter. Ab 2011 käme für den Betrieb dann das Aus. „Ein Trauerspiel ist das, wenn wir aufhören müssen“, so der frustrierte Landwirt. „Wir haben neueste Technik eingebaut und wollten in die Zukunft investieren.“ Hinzu kommt, dass der Betrieb im Jahre 1994 noch einen Stall mit herkömmlichen Käfigen für 39 200 Legehennen gebaut hat. Auch hier können bald nur noch knapp 31 400 Hennen gehalten werden. Ende 2006 müssten sie die Produktion in diesem Stall ganz einstellen. Die Baugenehmigung für einen weiteren Stall hat der Landwirt noch in der Schublade liegen. „Jetzt warten wir aber erst mal ab. Ich hoffe immer noch, dass die Politiker zur Vernunft kommen und die ausgestalteten Käfige zulassen“, erklärt Abeler. Für den Betrieb steht noch einiges mehr auf dem Spiel: Denn mit dem Bau der neuen Ställe wurde auch in die Trocknung des gesamten Geflügelkots investiert. Dieser Bereich ist mittlerweile zu einem Standbein für Sohn Jürgen Abeler (30) geworden. Die Jahresproduktion von 800 bis 900 t Geflügelkot verkauft er als Pellets in Säcken an Baumärkte, Gärtnereien und Privatkunden. Dass der Kot täglich aus dem Stall transportiert wird, bringt auch einen großen Vorteil für das Stallklima und die Gesundheit der Tiere. „Die Politiker“, so fordert Albert Abeler, „müssen dafür gerade stehen, wie sich die Legehennenhaltung in Deutschland entwickelt. Ich weiß nicht, wie sie den Verbrauchern erklären wollen, dass viele Betriebe mit vergleichsweise hohen Tierschutzstandards und mit modernen Ställen in Deutschland aufgeben müssen – während Eier aus dem Ausland importiert werden, die in veralteten Käfiganla- Übersicht 3: Deutschland ist der zweitgrößte Eierproduzent in der EU Länder Frankreich Deutschland Niederlande Großbritannien Italien Spanien Belgien Eiererzeugung in Mio. Stück 17105 14 377 11065 10 755 10 665 10160 3 615 Selbstversorgung in % 102 75 232 93 94 108 140 Schaleneier in Mio. Stück Import Export 954 586 3 536 964 913 5 329 682 234 970 18 8 618 447 1194 Quelle: ZMP, Angaben aus 2000 men ihre Eier, wenn nötig aus dem Ausland. Deutschland ist innerhalb der EU bereits heute der größte Eier-Importeur (siehe Übersicht 3). Die meisten Lieferungen kommen aus benachbarten EU-Staaten, wie den Niederlanden, Frankreich und Belgien. Die Niederlande sind für Deutschland mit rund 90 Prozent der importierten Schaleneier der wichtigste Handelspartner. Sie nehmen auch bei den Eiprodukten eine dominierende Position ein. Das könnte sich in Zukunft allerdings ändern: ■ In den Niederlanden wird diskutiert, ob man dem deutschen Beispiel folgt und ebenfalls keine ausgestalteten Käfige zulässt. Herkömmliche Käfige wären dann ab 2012 verboten. ■ Wegen steigender Umweltauflagen verteuert sich in den Niederlanden die Produktion. ■ Der Hennenbestand dürfte in Zukunft stark abnehmen, da der Staat die Stilllegung von Betrieben fördert. Ein großer Teil der Käfigeier könnte deshalb künfig aus den südeuropäischen Ländern oder den mittel- und osteuropäischen Ländern importiert werden. In den südlichen EU-Mitgliedstaaten, wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, sowie in Belgien und Frankreich wird die EU-Richtlinie eins zu eins übernommen. „Vor allem die Spanier und Franzosen investieren zurzeit massiv in die Legehennenhaltung“, berichtet Bernd Kuhlencord von Big Dutchman. „Sie bauen ausstaltbare Käfige, die sie bis 2011 wie eine Legebatterie benutzen können. Erst danach bauen sie die vorgeschriebenen Elemente wie Sitzstangen, Nest usw. ein.“ Diese Länder werden weiterhin kostengünstig Käfigeier produzieren können und ihre Marktanteile innerhalb der EU ausbauen. Interessant für die Eierproduktion könnten in Zukunft die mittel- und osteuropäischen Länder werden. Gründe: ■ Westliche Investoren können dort nicht abgeschriebene Käfiganlagen wieder aufbauen. ■ Polen, Ungarn und Tschechien können den deutschen Markt mit geringen Transportkosten beliefern. ■ Auch die Kosten für das Futter und top agrar 5/2002 31 top Betriebsleitung Karlheinz Vogler, Bayern „Das Käfigverbot bedroht unsere Existenz“ Die neue Legehennenhaltungs-Verordnung kann unseren Betrieb die Existenz kosten“, befürchtet Karlheinz Vogler. Dabei blickte der Landwirt aus Schwärzelbach in Unterfranken bis vor kurzem noch sehr optimistisch in die Zukunft. Zusammen mit seiner Familie führt er einen typisch bäuerlichen Legehennenbetrieb. Er hält derzeit 14 500 Hennen, davon 11 000 in Käfigen. Die restlichen Hennen sind in Volieren untergebracht. Die Legehennenhaltung steuert zwei Drittel zum Betriebseinkommen bei. Die Eier vermarktet Vogler durchweg selbst. Den größeren Teil liefert er an Großverbraucher, wie Bäckereien, Hotels und Kurkliniken, sowie an einige Lebensmittelfilialen in seiner Umgebung. Den Rest verkauft er über den eigenen Hofladen, über Bauernmärkte und andere Bauernläden. Kleine und überschüssige Eier werden auf dem Betrieb zu Nudeln verarbeitet. Der Betrieb lief bisher so gut, dass auch Sohn Frank einsteigen wollte. Der Plan: Die alten Käfige sollten komplett durch ausgestaltete Käfige ersetzt werden, um den neuen EU-Vorschriften ab 2012 zu entsprechen. 8 000 zusätzliche Plätze würde der 3,5 m hohe Lagerraum unter dem Stall bieten, der bis vor kurzem die Arbeitskräfte sind geringer. ■ Die Beitrittskandidaten haben längere Übergangsfristen, um ihre Produktion an den EU-Standard anzupassen. ■ Bisher schöpfen diese Länder ihre Kontingente für den Eier-Import in die EU noch nicht aus. Kritiker der deutschen Hennenhaltungsverordnung sehen in den steigenden Importen von Eiern aus dem Ausland einen „Export der Tierschutzverantwortung“. Denn die Tiere werden in anderen Ländern häufig unter schlechteren Bedingungen als in Deutschland gehalten. Eiprodukte aus den USA für den EU-Markt Durch die Umsetzung der EU-Richtlinie in allen Mitgliedstaaten, so rechnen Marktkenner, wird der Selbstversorgungsgrad auch innerhalb der EU von derzeit 103 % sinken. Die EU könnte dann auf Eierimporte aus Drittländern angewiesen sein. Das gilt besonders für Eiprodukte, wie Eipulver oder Flüssig-Ei. Schaleneier werden dagegen aufgrund der schlechten Lagerfähigkeit und der hohen Transport- 32 top agrar 5/2002 als Kotlager genutzt wurde. Mitte 2001 investierte Vogler in eine neue Kotlagerhalle und die dazugehörenden Förderbänder. Gleichzeitig modernisierte er die Lüftungsanlage, errichtete einen neuen Sortierraum und rüstete 5 500 Plätze auf ausstaltbare Käfige um. Insgesamt investierte er 250 000 E. Ernüchternde Erfahrungen mit Volierenhaltung Das Käfigverbot, das auch für ausgestaltete Käfige gilt, bedeutet das Aus für Voglers Pläne. „Bleibt die Verordnung so bestehen, wären 20 Jahre Betriebsentwicklung umsonst“, gibt Vogler zu bedenken. „Auch das Kapital für die jüngsten Modernisierungsmaßnahmen wäre zum größten Teil verloren.“ In der Volierenhaltung sieht der Hennenhalter keine wirkliche Alternative. Seine Erfahrungen damit waren bisher ernüchternd: ■ Der Arbeitsaufwand ist wesentlich höher als in der Käfighaltung. Denn etwa 5 bis 10 % der Eier sind verlegt. Außerdem muss der Boden von Hand entmistet werden. Und für die Einstreu des Bodens gibt es noch keine klaren Empfehlungen. ■ Die Hennen in der Voliere sind krankheitsanfälliger. Vogler musste bereits Bestandsbehandlungen durchführen. Frank Vogler beurteilt die Volierenhaltung kritisch, weil die Verbraucher den Mehraufwand nicht honorieren. Bleibt es bei den jetzigen Rahmenbedingungen, sieht er für sich wenig Perspektiven. Foto: Dorsch kosten weltweit nur wenig gehandelt. Zum Beispiel könnten sich die USA den europäischen Markt in Zukunft stärker erschließen. Sie sind der größte Eierexporteur der Welt. Im Jahre 1998 nahm Deutschland bereits 2 Prozent der US-Exporte an Eiprodukten ab. Die amerikanischen Erzeuger sind auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für ihre ständig steigende Produktion. Hinzu kommt, dass in den USA bei einer Besatzdichte von derzeit 350 cm2 pro Henne viel geringere Kosten bei der Eierproduktion entstehen als in der EU. Durch die großen Produktionsstätten verstärkt sich der Vorteil noch: 60 Prozent der Legehennen stehen in Beständen mit mehr als 1 Mio. Tieren. Derzeit begrenzen Importzölle und -kontingente die Einfuhr von Eiern in die Europäische Union. Ob sich die EU gegen diese Importe auch in Zukunft abschotten kann, hängt davon ab, was bei den nächsten Verhandlungen der Welthandelsorga- nisation (WTO) herauskommt. Die EUKommission will versuchen, höhere Tierschutzstandards in der EU als Grund für Handelsbeschränkungen durchzusetzen. Ob ihr das gelingt, ist fraglich. Experten rechnen damit, dass Importzölle in Zukunft weiter abgebaut und Importkontingente ausgeweitet werden müssen. Begrenzter Markt für Eier aus alternativer Haltung Die deutschen Legehennenhalter fragen sich, ob sie nach dem Käfigverbot überhaupt noch eine Zukunft haben. Viele befürchten, dass die schnelle Umsetzung des Käfigverbots zu einem Überangebot von Eiern aus alternativen Haltungsformen führen und die Erzeugerpreise drücken wird. Welches Potenzial gibt es für die Nachfrage nach Freilandund Bodenhaltungseiern in Deutschland? Rund 25 Prozent der gesamten Eierpro- ■ Die Leistungen in der Voliere waren bisher 10 % schlechter als bei den Käfighühnern. Noch entscheidender ist für den Hennenhalter aber Folgendes: Bei Volierenhaltung könnte er in seinem jetzigen Gebäudebestand nur 7 000 Plätze unterbringen. Bei ausgestalteten Käfigen wären es hingegen 19 000 Plätze. Damit könnte Vogler allenfalls seine eigene Existenz sichern. Für seinen Sohn, der kurz vor der Meisterprüfung steht, wäre kein Platz mehr. Zudem sind die Vollkosten pro Ei wesentlich höher als bei ausgestalteten Käfigen. Das ist gravierend, weil nur wenige von Voglers Kunden das alternative Haltungsverfahren mit einem höheren Preis honorieren. Und selbst hier fällt der erzielbare Zuschlag für die Voliereneier mit 1 bis 1,5 Cent pro Ei mager aus. Der Rest wird normal bezahlt oder muss als Industrieware für 4 bis 5 Cent „verschleudert“ werden. „Für teurere Eier aus Volierenhaltung besteht bisher kaum zusätzliche Nachfrage“, lautet Voglers Fazit. „Wir werden deshalb künftig unsere teuer produzierten Eier zu den gleichen Bedingungen anbieten müssen wie die Käfigeier aus dem Ausland.“ Das ist jedoch auf lange Sicht nicht möglich. Dem Landwirt bleibt nur die Hoffnung, dass die Legehennenhaltungs-Verordnung noch einmal korrigiert wird und zumindest ausgestaltete Käfige erlaubt werden. K. Dorsch duktion werden derzeit in der Verarbeitungsindustrie verwendet – Tendenz steigend. Diese Eier kommen fast vollständig aus Käfighaltung. „Man kann davon ausgehen, dass die Industrie weiterhin auf kostengünstige Käfigeier zurückgreifen wird“, so Heinrich Eiken vom Niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverband. „Dieser wachsende Markt wird mit dem Käfigverbot ab 2007 für deutsche Erzeuger verloren gehen.“ Es scheint eher unwahrscheinlich, dass Verarbeiter in großem Umfang Eier aus alternativen Haltungssystemen bei deutschen Erzeuern nachfragen und dafür auch einen höheren Preis zahlen werden. Großverbraucher, wie Bäckereien, Restaurants, Großküchen usw. nehmen etwa 30 Prozent der Eier ab. Wie die Industrie setzen auch sie, aus Gründen der Hygiene, auf Eier aus der Käfighaltung. Sie verweisen auf Untersuchungen, wonach die Keimbelastung bei Eiern aus alternativen Haltungsformen auf der Schale und im Inneren des Eies wesentlich höher sei als bei Käfigeiern. Das eigentliche Potenzial für die Vermarktung der Freiland- und Bodenhaltungseier beschränkt sich demnach auf den Verkauf an Endverbraucher. Dieser umfasst derzeit etwa 55 Prozent des Gesamtverbrauchs. Wie viele Eier aus alternativen Haltungsformen künftig verkauft werden können, hängt also maßgeblich vom Konsumverhalten der Verbraucher ab. Die Einschätzungen des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) darüber sind sehr optimistisch: Nach den Ergebnissen einer Forsa-Umfrage lehnen 90 Prozent der Bevölkerung die Käfighaltung ab und wären bereit, für Eier aus Boden- und Freilandhaltung mehr zu bezahlen. Handel und Verbraucher müssen Farbe bekennen Dieses positive Bild spiegelt aber nicht das tatsächliche Kaufverhalten der Verbraucher wider. Derzeit werden gut zwei Drittel aller an Endverbraucher verkauften Eier in Verpackungen mit Zusatzbezeichnung wie Bio-, Freiland- oder Bo- denhaltung verkauft. Im alternativen Marktsegment hat insbesondere der Anteil an Freilandeiern (62 %) in den letzten Jahren auf Kosten der Bodenhaltung (28 %) stark zugenommen. Nur etwa die Hälfte dieser Eier wird von deutschen Hühnern gelegt, der Rest kommt aus dem Ausland. Diesen Importanteil zurückzudrängen, darin sieht das Bundesministerium eine Chance für deutsche Produzenten. Zu Bedenken ist aber: ■ Sollte es in den Niederlanden zu einem völligen Käfigverbot ab 2012 kommen, haben wir den größten Konkurrenten auf dem alternativen Markt direkt vor der Haustür. Bereits heute beliefern die holländischen Erzeuger dieses Segment in großem Umfang. ■ Anbieter aus anderen EU-Länder können sowohl Käfigeier als auch Eier aus alternativer Erzeugung liefern. Das erlaubt ihnen eine Mischkalkulation, so dass sie die Preise deutscher Produzenten unterlaufen könnten. ■ Für den Warenverkehr innerhalb der Hennenhalter fordern Schadenersatz E ine Übergangszeit von nur fünf Jahren ist ein unerträglicher Eingriff in die Eigentumsrechte der Erzeuger“, stellt Dr. Bernd Diekmann fest, Vorsitzender des kürzlich gegründeten Bundesverbandes Deutsches Ei (BDE). Die Nutzungsdauer moderner Hühnerställe liegt mittlerweile bei 20 bis 25 Jahren. Für viele deutsche Eiererzeuger bedeutet die Schließung herkömmlicher Käfigstallungen Ende 2006, dass sie ihre Investitionen nicht mehr amortisieren können. Mit allen Mitteln wollen sich die Hühnerhalter gegen den deutschen Alleingang und besonders die zu kurzen Übergangszeiten wehren: ■ Eine Reihe betroffener Legehennenhalter werden innerhalb eines Jahres vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gehen. Sie wollen gegen die massive Verletzung ihrer Eigentumsrechte durch die deutsche Hennenhaltungsverordnung klagen. ■ Weiterhin fordern die Hühnerhalter Schadenersatz für die Verminderung der Belegdichte ab 2003. Sie werden gezwungen, die Produktion – trotz gültiger Baugenehmigungen – um bis zu 20 % zu reduzieren. ■ Erst recht für die zu kurze Übergangszeit bis zum endgültigen Käfigverbot ab 2007 fordern die Geflügelhalter einen finanziellen Ausgleich. Sie verweisen darauf, dass das Bundesverfassungsgericht explizit auf den Vertrauens- schutz für getätigte Investitionen in die Käfighaltung hingewiesen hat. Sogar das Künast-Ministerium räumt ein: „In Einzelfällen könnte es durchaus zu berechtigten Schadenersatzforderungen kommen“, so Dr. Karin Schwabenbauer, Leiterin der Unterabteilung Tiergesundheit (BMVEL). Das Bonner Ministerium verweist darauf, dass in den letzten Jahren kaum noch Investitionen getätigt wurden und daher die meisten Stallungen bis 2006 abgeschrieben seien. Gutachten von Seiten der Geflügelwirtschaft kommen zu einem anderen Ergebnis. Da die steuerliche Abschreibungsdauer von 10 Jahren als Investitionsanreiz zu verstehen ist, müsse die tatsächliche Nutzungsdauer von mindestens 20 Jahren zugrunde gelegt werden. Die Entschädigungen könnten sich laut BDE daher auf bis zu 2,5 Mrd. E belaufen. Hinzu kommt, dass in Deutschland der EU-weit zulässige ausgestaltete Käfig verboten ist. Der BDE bezeichnet dies als „Inländerdiskriminierung“ und hat bei der EU-Kommission eine Beschwerde eingereicht. Brüssel prüft derzeit, ob gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet werden muss. BDE-Vorsitzender Diekmann fasst die Situation folgendermaßen zusammen: „Eine EU-einheitliche Vorgehensweise hätte umfangreiche Investitionen gebracht und nicht die jetzt anstehenden Klagen auf Schadenersatz!“ -qu- top agrar 5/2002 33 top Betriebsleitung Heinz-Josef Becker, Sauerland Nicht zurück zu den Problemen von früher Durch das Käfigverbot werde ich praktisch enteignet“, empört sich HeinzJosef Becker (43) aus Brilon. Schon in knapp fünf Jahren muss er seinen Legehennenstall, der erst 1995 modernisiert wurde, dicht machen. Geplant war eine Nutzungsdauer von 25 Jahren. Mit 2 000 Legehennen ist seine Hühnerhaltung zwar nicht groß. Aber über die Direktvermarktung erzielt er mit den Eiern einen wesentlichen Teil seines Einkommens. Dreimal die Woche ist Becker ganztägig in Brilon und der näheren Umgebung (Sauerland) unterwegs. Er belie- ■ Aufgrund seiner geringen Flächenausstattung liegt der Betrieb über 2 GV je ha. Für den Neu- oder Umbau der Legehennenhaltung würde er eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung benötigen. Kostspielige Gutachten würden angesichts des relativ kleinen Bestandes die Kosten pro Platz in die Höhe treiben. ■ Ein Hühnerstall mit Auslauf würde aufgrund des Wasserschutzgebietes und der angrenzenden FFH-Gebiete an seinem Standort wahrscheinlich gar nicht erst genehmigt werden. Grundsätzlich sieht Becker die Ab- „Die Abschaffung der Käfighaltung sehe ich als Rückschritt für die Tiergesundheit an“, so Heinz-Josef Becker. Foto: Quiring fert Gaststätten, Altenheime, Bäckereien, kleinere Geschäfte und zahlreiche Privathaushalte. Für den 19 ha-Betrieb, der zusätzlich noch 16 Mutterkühe plus Nachzucht und etwas Mastgeflügel hält, ist das Eiergeschäft ein wichtiges Standbein. Durch die direkte Belieferung seiner Kunden kann Becker auch noch selbst erzeugtes Rindund Geflügelfleisch vermarkten. Eine Umstellung auf Boden- oder Freilandhaltung kommt für Heinz-Josef Becker nicht in Frage: ■ Gaststätten und Altenheime z. B. würden solche Eier nicht abnehmen. Denn für Großküchen stelle die höhere Keimbelastung ein hygienisches Problem dar. Schon häufiger hat Becker mitbekommen, dass Lebensmittelkontrolleure die Großküchen auffordern, nur Käfigeier zu verwenden. ■ Die Privathaushalte wären seiner Meinung nach nicht bereit, den höheren Preis zu bezahlen. 34 top agrar 5/2002 schaffung des Käfigs als „Rückschritt“ an. Zu gut erinnert er sich an die Probleme der Hühnerhaltung in früheren Jahren, wie das Aufsammeln verlegter Eier aus dem Dreck und die schlechte Stallluft mit allen Konsequenzen für die Gesundheit von Tieren und Menschen. Dahin möchte er nicht zurück! „Man bekommt die Gesundheit der Tiere am besten mit der Käfighaltung in den Griff“, gibt Becker zu bedenken. Deshalb hätte er sich mit dem ausgestalteten Käfig durchaus anfreunden können. „Aber man kann nicht Tier- und Umweltschutz fordern und dann die Tiere im Kot stehen lassen“, so sein Resümee. Wenn er das Eiergeschäft aufgeben muss, wird es für Familie Becker eng. Dann müsste sich Becker eine Arbeit außerhalb des Betriebes suchen. Oder er nutzt seine langjährigen Kundenkontakte und vermarktet importierte (Käfig-) Eier. Becker: „Dann wäre ich aber nur noch Händler!“ -qu- EU gibt es keine Grenzen. Ob und in welchem Umfang die Verbraucher heimische Eier bevorzugen werden, ist ungewiss. Das Gleiche gilt für die angebliche Bereitschaft der Verbraucher, für Eier aus alternativen Haltungsformen tiefer in die Tasche greifen zu wollen. Rund die Hälfte aller von Verbrauchern nachgefragten Eier werden von Discountern, Verbrauchermärkten, Supermärkten und dem traditionellen Lebensmitteleinzelhandel verkauft. Der Handel muss in Zukunft seine Verantwortung übernehmen und deutsche Eier aus alternativen Haltungsformen anbieten. Auch die Verbraucher müssen ihr Lippenbekenntnis wahr machen. Denn dass viele Verbraucher bei Aldi kaufen, hat sicherlich auch den Grund, dass die Eier dort billig sind. Der Discounter Aldi verkauft allein 15 % der gesamten Eier. Den Einstieg in das Freilandeier-Segment hat sich Aldi mit einer aggressiven Preispolitik am Markt erkämpft. Das bewirkte unter anderem, dass der Verbraucherpreis für Freilandeier seit 1998 gesunken ist. Und das, obwohl die Nachfrage in diesem Segment seitdem um 10 Prozent gestiegen ist. Auf der anderen Seite kaufen aber auch 40 Prozent der Verbraucher ihre Eier direkt beim Erzeuger. Durch die Direktvermarktung haben Landwirte die Chance, höhere Preise zu erzielen. Dann können sich auch alternative Haltungsformen bezahlt machen, vorausgesetzt es bestehen gesicherte Absatzwege. Denn Landwirte mit Freilandhaltung berichten auch, dass sie ihre Eier nur teilweise zu höheren Preisen absetzen können. Bei Eiern aus Boden- oder Volierenhaltung sei es eher noch schwieriger. Durch das steigende Angebot von Eiern aus alternativer Haltung könnte es in Zukunft aber enger am Markt werden. „Wenn die Politik sich nicht an der Nachfrage orientiert und ein Käfigverbot durchdrückt, macht sie damit den Markt für Eier aus Boden- und Freilandhaltung kaputt“, resümiert Professor Windhorst. „Eine bessere Zielsetzung wäre gewesen, bis 2010 etwa 20 Prozent der Eier in alternativen Haltungsformen zu erzeugen. Das würde eher den Marktverhältnissen entsprechen.“ Bleibt festzuhalten Für Verbraucherschutzministerin Renate Künast ist das Käfigverbot ein wichtiges Symbol ihrer Agrarwende. Aus Sicht der Legehennenhalter ist es aber vor allem ein Symbol dafür, wie politische Wunschvorstellungen ohne Rücksicht auf die raue Wirklichkeit der Märkte durchgeboxt werden. Denn Experten rechnen damit, dass die deutsche Eiererzeugung drastisch abnehmen, Importe dafür stark steigen werden. Fest steht: Der deutsche Alleingang ge- top Betriebsleitung fährdet die Zukunftschancen der deutschen Eiererzeuger gleich zweifach: Kurzfristig, weil bei uns die Käfighaltung fünf Jahre früher verboten wird als in allen anderen EU-Ländern. Langfristig, wenn ausgestaltete Käfige in Deutschland tatsächlich verboten bleiben, während sie in allen Nachbarländern erlaubt sind. Viele Legehennenhalter hoffen deshalb, dass ausgestaltete Käfige auch bei uns doch noch zugelassen werden. Wie wahrscheinlich ist das? Der Bundesrat hat die Bundesregierung aufgefordert, diese Frage nach Abschluss der nationalen Pilotprojekte mit ausgestalteten Käfigen (voraussichtlich im Frühjahr 2003) erneut zu prüfen. Auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium verbreitet Optimismus. Ein Sprecher: „Bis die Verordnung 2007 greift, können wir Beelitzer Frischei eG, Brandenburg „Schon wieder umrüsten – das schaffen wir nicht!“ Sabine Kimmel vermarktet jährlich 18 Mio. Eier selbst. Schon heute können nicht alle Freilandeier zu kostendeckenden Preisen abgesetzt werden. abgeschrieben und die Tilgung läuft noch. Wie sollen wir da bis 2006 weiter investieren?“, fragt sich Sabine Kimmel, Geschäftsführerin der Beelitzer Frischei eG in Brandenburg. Der Betrieb liegt in der Nähe von Potsdam, direkt vor den Toren Berlins. Kurz vor der Wende hatte die ehemalige LPG ihre rund 60 000 Hennenplätze modernisiert. Nur fünf Jahre später investierte der inzwischen in eine eG umgewandelte Betrieb ein zweites Mal. Nach EU-Norm waren die noch nicht abgezahlten Käfige zwei Zentimeter zu niedrig und mussten für etwa 750 000 E modernisiert werden. Im Jahre 1999 dann passte sich die GbR den veränderten Marktbedingungen an und rüstete für etwa 150 000 E rund 10 000 Käfig- in Freilandplätze um – obwohl die Einrichtung noch nicht abbezahlt war. Und jetzt drängt eigentlich schon die nächste Investition. Denn für die ab 2003 geforderten 550 cm2 je Henne muss die Hennenzahl in den Käfigen um 20 % reduziert werden. Für die Beelitzer eG be- 36 top agrar 5/2002 Für genauso utopisch hält Kimmel den kompletten Umstieg auf Freilandhaltung ab dem Jahr 2007. Grund dafür sind neben der geschilderten Finanzmisere auch der fehlende Markt für die alternativ erzeugten Eier. Sabine Kimmel muss es wissen: Die GbR vermarktet die jährlich produzierten 18 Mio. Eier alle selbst. Der größte Teil geht an Lebensmittelketten in Berlin und Potsdam. Hierüber werden auch die meisten Freilandeier abgesetzt. Rund ein Drittel der Käfigeier liefert die GbR an Bäckereigenossenschaften. Weitere Abnehmer sind Gaststätten und Krankenhäuser. Rund ein Viertel der Eier werden ab Hof verkauft. Der Markt für Freilandeier ist sehr begrenzt Foto: Neumann Wir haben in den letzten 15 Jahren dreimal umgerüstet, die Ställe sind nicht sie noch einige Male verändern.“ Es wird deutlich: Die Politiker pokern, und die Produzenten bleiben im Regen stehen. Die Bundesländer, die sich für den ausgestalteten Käfig eingesetzt haben, sollten deshalb spätestens nach der Bundestagswahl die Initiative ergreifen und die Hennenhaltungsverordnung wieder auf die politische Tagesordnung setzen. Sandra Meyer deutet das: Bei gleichen Festkosten rund 10 000 Hennen weniger. Um die erwarteten 20 % Erlösrückgang auszugleichen, bliebe nur der Ausbau der Freilandhaltung. Doch Kimmel schätzt die Investitionskosten beim Neubau von 10 000 Freilandplätzen auf über 450 000 E – nach ihrer Ansicht völlig unbezahlbar. Da würden auch die in Aussicht gestellten Förderprogramme kaum helfen. Selbst ein Zuschuss, wie sie verschiedene Bundes- oder Landesförderprogramme vorsehen, könnte dem Betrieb nicht aus der Klemme helfen, wie die Geschäftsführerin erläutert: „Bei 20-jähriger Kreditlaufzeit haben wir von den früheren Investitionen noch mindestens 10 Jahre Kapitaldienst zu leisten. Dazu kommen Altschulden aus der Zeit vor der Wende. Die Banken werden sich daher weigern, weitere Kredite zu gewähren!“ Auch höhere Gewinne sind mit dem Ausbau der Freiland-Kapazitäten nicht zu erwarten, da die etwa 2 bis 3 Cent höheren Erlöse für die Freilandeier gerade die Mehrkosten für Futter, Betreuung und Gesundheitsvorsorge decken. „Wir werden daher wohl oder übel drei der 16 Beschäftigten entlassen müssen“, fürchtet sie. Schon heute lassen sich dabei nicht alle Freilandeier zu höheren Preisen vermarkten, sondern müssen als Käfigeier verkauft werden. Absatzsteigerungen für Freilandeier sind zukünftig nur bei einigen Lebensmittelketten zu erwarten. Kimmel rechnet dabei mit maximal 15 %. Andere Kunden, wie z. B. die Bäckereien, haben dagegen deutlich gemacht, dass sie auch zukünftig nur billige Eier abnehmen werden. „Wenn wir ab 2007 keine Käfigeier mehr liefern, werden sie den Bedarf aus Osteuropa decken“, erwartet die Geschäftsführerin. Auch Privatkunden aus dem ländlichen Bereich kaufen im Hofladen zum großen Teil Eier aus Käfighaltung. Ob die ab 2004 vorgeschriebene Kennzeichnungspflicht zur Herkunft und Haltungsform auf jedem Ei das Verbraucherverhalten ändern wird, glaubt sie kaum. Ein weiterer Hemmschuh für die Ausweitung der Freilandhaltung ist der Mangel an geeigneten Standorten. Freilandgehege dürfen nach Kimmels Ansicht nicht zu weit außerhalb stehen, da sonst die Verluste durch Füchse und Greifvögel zu stark ansteigen. Auch der Betreuungsaufwand und die Logistik für den täglichen Eiertransport sprechen für einen Standort in Hofnähe. „Doch bei 60 000 Freilandplätzen hier hätten wir sofort Bürgerproteste am Hals“, zeigt sie das Dilemma auf. H. Neumann top agrar 5/2002 37