Aus Machtkalkül hielt die Kirche des späteren Mittelalters

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EINE BIBEL FÜR ALLE
Sendlinge
Satans
Aus Machtkalkül hielt die Kirche des späteren
Mittelalters den Text der Bibel von
Laien fern. Doch der Siegeszug volkssprachlicher
Übersetzungen war nicht zu stoppen.
Hinrichtung des Jan Hus
Kupferstich von
M. Merian, 1630
93
Geldgeschäfte wittern, Bettler, die auf
Almosen hoffen.
Ein gewaltiger Auflauf, und natürlich
onstanz,
die
Freie
Reichsstadt am Boden- dürfen dabei die Huren nicht fehlen,
see um das Jahr 1415. wohl 800 sind es. Der Stadtrat hatte die
6000 Bürger leben in Preise für Bordellbesuche festgelegt, ofden engen Gemäuern. fenbar recht üppige. „Denk ich an den
Und jetzt sind es 25 000, vielleicht sogar Bodensee“, notierte eindeutig zweideu35 000. Menschen aus allen Ecken der tig der Lyriker und Liedermacher OsChristenwelt, aus Äthiopien oder Valen- wald von Wolkenstein, „tut mir gleich
cia oder dem russischen Nowgorod. Kar- der Beutel weh.“
Seit November 1414 tagt in Konstanz
dinäle und Patriarchen, Mönche, Gelehrte und Gaukler, Banker, die gute ein Konzil, dessen politische Aufgaben-
Von GEORG BÖNISCH
K
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stellung eine gewaltige ist. Endlich soll
die Spaltung der einst so mächtigen katholischen Kirche, die später als Abendländisches Schisma in die Geschichte
eingehen wird, beendet werden. Drei
Päpste sind gleichzeitig im Amt: Benedikt XIII., Gregor XII., Johannes XXIII.
Ein Irrsinn.
Bei diesem „Weltereignis des Mittelalters“, so der Titel einer im September
2014 beendeten Ausstellung in Konstanz,
geht es aber auch um ein anderes, ganz
wichtiges Thema für die Millionenschar
SPIEGEL GESCHICHTE
6 | 2014
SEITE 92/93: AKG
Karl der Große empfängt den Theologen Alkuin
Gemälde von J.-V. Schnetz, 19. Jh.
ALFREDO DAGLI ORTI / CORBIS
EINE BIBEL FÜR ALLE
infrage zu stellen oder gar die Autorität
des Papstes in Zweifel zu ziehen, gilt als
Ketzer.
So wie der Theologieprofessor John
Wyclif aus Oxford. Er hatte um 1380 aus
früheren Entwürfen anderer eine Übersetzung der Bibel ins Englische in Gang
gebracht, um das Gotteswort all jenen
Landsleuten, die des Lateinischen nicht
mächtig waren, zugänglich zu machen.
Oder Jan Hus, Professor der Prager
Universität und engagierter Prediger –
Wyclif war sein Vorbild. Hus wetterte
über seine Berufskollegen, sie arbeiteten
„mit Macht“ dagegen, dass die „gemeinen Leute zur Kenntnis der Schrift“ kämen – weil sie es „nicht gerne“ sähen,
wenn „Menschen, die nicht Priester
sind“, in der Bibel läsen. Das Volk, so
Hus weiter, solle bei den Predigten
„Irrtümer“ nicht bemerken, weil ansonsten die Gefahr bestünde, sie könnten
„von den Laien nicht mehr so geehrt“
werden.
Die Folgen dieser Unbotmäßigkeiten
und anderer Kritik an den Kirchenoberen waren fürchterlich. Hus, längst exkommuniziert, wurde nach Konstanz geladen: Hier, vor den Konzilsvätern, sollte
er widerrufen. Hus war gekommen, weil
der deutsche König und Kaisersohn Sigismund ihm freies Geleit zugesichert
hatte. Dies bedeutete: Selbst bei einer
Verurteilung durfte der Delinquent unbehelligt zurückkehren in die Heimat.
Dennoch wurde Jan Hus wegen
Häresie in den Kerker geworfen und
schließlich bei lebendigem Leib verbrannt, samt seinen Schriften. „Ich
weiß“, schrieb er in einem Abschiedsbrief über seine Peiniger, dass sie seine
Ausarbeitungen „fleißiger gelesen“ hätten als die Heilige Schrift – „weil sie in
ihnen Irrlehren zu finden wünschten“.
Auch sein Freund und Gesinnungsgenosse Hieronymus von Prag, der ihm
zu Hilfe geeilt war, starb nach schrecklichen Folterungen im Feuer; die Gebeine Wyclifs – er war bereits seit vielen
der Gläubigen: um die Deutungshoheit Jahren tot – wurden ausgegraben und
ebenfalls auf den Scheiterhaufen geworüber die Bibel.
Die Heilige Schrift, das Grundbuch fen. Die kirchlichen Racheengel missder Christenheit, ist die Welterklärungs- achteten in ihrem rechthaberischen
fibel des Mittelalters. Jedoch: Diese In- Wahn sogar die Totenruhe.
Wer die Bibel in die Sprache seines
terpretations- und Auslegungsarbeit ist
ein Monopol des Klerus und seiner Spit- Volkes übersetzte und damit eine Emanzenkräfte. Wer es wagt, diesen Anspruch zipation von Rom signalisierte, hatte
schnell die päpstlichen Inquisitoren am
Hals. Es gab sogar Krieg um die Bibel,
richtigen Krieg – zum Beispiel 1419 bis
1434 gegen die Anhänger von Hus, die
durchaus abwertend als Hussiten bezeichnet wurden.
erbst des Mittelalters“,
so benannte der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga jene
bleierne Zeit nach dem
Konstanzer Konzil. Im Frühling dieser
langen Epoche, um das Jahr 800, hatte
begonnen, was als neue Standardisierung der Bibel bezeichnet werden könnte – es war ein Sprung nach vorn.
Zwar existierte schon seit Jahrhunderten die Vulgata, deren Name bloß „allgemein verbreitete Ausgabe“ oder „allgemeine Übersetzung“ bedeutet (siehe
Seite 88). Freilich, so Experten, war sie
„keine homogene Arbeit“ gewesen, „sondern eine Zusammenstellung von Texten unterschiedlicher Entstehung“. Frühere Versionen, schlechte Abschriften
und Eigenmächtigkeiten weckten häufig
Zweifel am Wortlaut. Da musste Ordnung hinein, und dafür sorgte mit der
Kraft seines Amtes und gut gefüllter
Schatulle vor allem einer: Karl der Große, legendärer König der Franken.
Der König brachte ein gewaltiges
Werk auf den Weg – die verlässliche Fassung der Bibel. „Emendieren“, lautete
die Vorgabe. Heißt: die Bibel von Fehlern befreien. Zwei seiner besten Leute
am Hofe beauftragte er damit. Sie sollten
unabhängig voneinander agieren: Alkuin, ein Theologe aus York, „der Gelehrteste, der überhaupt zu finden war“,
wie Karls Biograf Einhard notieren sollte. Und den Westgoten Theodulf, auch
er von hoher Intelligenz, belesen, scharfzüngig.
Theodulf war vielleicht der akribischere Arbeiter, Alkuin jedoch der erfolgreichere, vielleicht auch deshalb,
weil er sich auf PR-Arbeit verstand. Er
nämlich schaffte es, dass seine Bibelausgabe den König pünktlich zum wichtigsten Termin in dessen Leben erreichte –
seiner Krönung zum Kaiser am 1. Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom. Die
Wissenschaftler der Pariser Universität,
eine der führenden Akademien Europas,
adelten später die Alkuin-Bibel als
H
Der Frankenkönig Karl der Große beauftragte seine besten
Männer am Hofe, Ordnung in das Bibelchaos zu bringen.
SPIEGEL GESCHICHTE
6 | 2014
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EINE BIBEL FÜR ALLE
„Normtext“, erklärt die Tübinger Wissenschaftlerin Eva Schulz-Flügel.
Während Handschriften der Bibel bis
zum Ende des ersten Jahrtausends recht
selten waren, setzte gegen 1050 eine massenhafte Produktion ein – die Mönche,
die sie wieder und wieder abschrieben,
waren von großem Arbeitseifer. Manchmal legten sie mehrere Bände vor, oft
auch kommentiert („glossa ordinaria“, so
die Fachsprache). Bilder oder ganze Bildzyklen schmückten die Texte.
Solch eine opulente Bilderbibel vom
Ende des 12. Jahrhunderts erfreute beispielsweise die Könige von Navarra; drei
Bände existieren noch. Auch gab es wundervolle literarische Ergänzungen – etwa die „Aurora“ des Kanonikus Petrus de Riga aus
Reims, eine historisch-allegorische Erklärung fast aller Bücher
der Heiligen Schrift in metrischer Form. Diese „Aurora“ gehöre somit „zu den längsten
Versdichtungen des Mittelalters“, so der Befund des Bibelforschers Alfred Weckwerth.
Allegorie, das ist für die mittelalterliche Bibeldeutung ein
Schlüsselbegriff. Wörtlich meint
er: „Etwas anderes sagen, als
gemeint ist“. Für das FaktischKonkrete der Bibel hatten Theologen den Begriff „Literalsinn“
geprägt. Doch diese buchstäblichen Informationen wirkten oft
unverständlich, widersprüchlich, gar unsinnig. Gott, dies
wurde zur Geschäftsgrundlage,
habe einen höheren, „geistlichen Sinn“ mitteilen wollen. So-
bald dies möglich erscheint, muss ein erzählender Bibeltext nicht unbedingt die
Tatsachen meinen, von denen in ihm die
Rede ist. Beispiel: Die sechs Tage, an denen angeblich die Welt erschaffen worden ist – das brauchten keine menschlichen Tage zu sein.
Petrus de Riga, der auch Pierre Raye
hieß und 1209 starb, hatte sein Werk bewusst Aurora genannt – wegen der Doppeldeutigkeit: Aurora heißt Zwielicht,
aber auch Morgenröte. So habe er, urteilte ein Experte, die „Wolken der Dunkelheiten des Alten Testaments“ vertreiben wollen, „indem er das scheinende
Licht des Neuen Testaments herein-
ließ“. Altes gegen Neues Testament, die
Erfüllung des einen im anderen und die
Vorahnung des Neuen im Alten, das war
lange ein brandgefährlicher Konfliktstoff.
m die Wende des 11. zum
12. Jahrhundert hatte sich
eine Glaubensgemeinschaft formiert, die ziemlich rasch an Bedeutung
gewann – die Katharer. „Katharoi“ heißen im Griechischen „die Reinen“, im
Italienischen „Gazzari“; im Deutschen
geriet daraus „Ketzer“. Das Credo dieser
Menschen war schlicht und nachvoll-
U
800 – 1800
Vom Mittelalter
bis zur Aufklärung
800 Im Auftrag Karls des Großen überprüft und
redigiert der Gelehrte Alkuin die Vulgata. Sein
Text wird dank vieler Abschriften zur Basis der
meisten mittelalterlichen Bibeln.
800
Kulturgeschichte
der Welt
900
730–843 Der lange,
mehrfach aufflammende
Streit um das Verbot der
Bilderverehrung
erschüttert das Byzantinische Reich, die christliche Großmacht im Osten.
96
1135–1153 In 86 Predigten über das Hohelied
deutet der Zisterzienser-Abt Bernhard von
Clairvaux virtuos den Bibeltext im Sinne
mönchisch-mystischer Spiritualität.
1000
um 1455 Für das erste gedruckte Buch, die Vulgata-Bibel, braucht
Johannes Gutenberg 290
Lettern und vier Jahre. Finanziell ist
sein Werk kein Erfolg.
1100
1189–1192 Im dritten
Kreuzzug versuchen
Heere unter Kaiser Friedrich
Barbarossa sowie Frankreichs
und Englands König vergebens, Jerusalem von den
Sarazenen zurückzuerobern
(l. Kampf um Akkon, 1191).
1522 Mit der Übersetzung des Neuen
Testaments beginnt Martin Luther
seine epochale Verdeutschung der Bibel –
die Endfassung erscheint 1545.
1200
1434–1464 Unter Cosimo de’ Medici (r.) erreicht
der Stadtstaat Florenz
seine kulturelle Blüte und
wird zu einem Mittelpunkt
des italienischen und europäischen Humanismus.
1300
V.L.N.R.: W. RADTKE/KNA; BRITISH LIBRARY/SCIENCE PHOTO LIBRARY/AGENTUR FOCUS; AKG (2); UNIVERSAL HISTORY ARCHIVE; E. LESSING / AKG (2)
ziehbar: Der gute Gott schuf die himmlische Welt, der böse Gott die sündige.
Und die sündige, die böse Welt offenbarte sich ihrer Überzeugung nach in
vielen Protagonisten des Alten Testaments. Deshalb lehnten sie es in weiten
Teilen ab oder kritisierten es zumindest
heftig. Abraham und Mose, Isaak oder
David seien Mörder gewesen, Sendlinge
Satans. So dachten viele Hunderttausend
Menschen, in Südfrankreich, im Piemont, in Savoyen, Italien, in der Schweiz,
in Spanien und im Süden Deutschlands.
Noch eine zweite Fraktion Oppositioneller kam hinzu, die Waldenser. All das
brachte die katholische Kirche unter
starken Druck. Die Sektierer suchten
nämlich nicht, wie etwa die Theologen
der Frühscholastik, „durch dialektische
Konkordanz … die divergierenden Traditionen und Autoritäten in Einklang zu
bringen“, analysierte der Mittelalterforscher Herbert Grundmann. „Sondern
sie fanden die kirchliche Tradition und
Praxis unvereinbar mit ihrem eigenmächtigen Verständnis der Bibel.“
Die Katharer wollten Kult- und Bibelverständnis radikal ändern; zudem strebten sie, wie die Waldenser, apostolische,
urchristliche Armut an. Beide Gemeinschaften nannten sich pauperes, also
Arme, auch pauperes Christi, so die Katharer, oder pauperes de Lugduno, „von
Lyon“ die Waldenser. „Die römisch-katholische Kirche“, schreibt Weckwerth,
„sah sich somit einer gewaltigen, ihren
Bestand aufs Äußerste bedrohenden Armenbewegung gegenüber.“
Papst Innozenz III. hatte 1208 zum
Kampf gegen die Abtrünnigen aufgerufen, und weil das Städtchen Albi im Süden Frankreichs eine Hochburg der Häretiker war, wurde die 20 Jahre währen-
1653 Der puritanische
Missionar und Siedler John
Eliot (2. v. r.) bringt in
Boston seine Übersetzung
der Bibel in der Sprache des
Massachusett-Stammes
heraus.
1400
1618–1648 Der Dreißigjährige Krieg
verheert das konfessionell
zerklüftete Mitteleuropa. Der
gelernte Schuster und Philosoph Jakob Böhme
deutet Bibel und Christentum
mystisch-esoterisch.
1500
1661–1715 Das absolute Regiment des „Sonnenkönigs“ Ludwig
XIV. (r.)wird stilbildend für Europa –
während sich Glaubenszweifler und Pietisten
zunehmend feindlich
gegenüberstehen.
Vertreibung der Albigenser
aus Carcassonne 1209
Französische Chronik, 15. Jh.
de, brutale Unternehmung danach benannt: der Albigenserkreuzzug.
Kirchentreue Kreise setzten allerdings auch auf Überzeugungsarbeit. Um
den aus ihrer Sicht Irrigen die Richtigkeit orthodox-kirchlicher Anschauun-
1710 Die Cansteinsche Bibelanstalt in
Halle, eine fromme protestantische Stiftung, beginnt mit dem massenhaften
Druck erschwinglicher Bibeln
für jedermann.
1600
1748 Das Bibel-Epos „Der
Messias“ macht Friedrich Gottlieb Klopstock bekannt – aber es
erregt auch Spott, etwa des
Aufklärers Gotthold
Ephraim Lessing.
1700
gen klarzumachen, entstanden bebilderte Texte, die nur einen Sinn hatten: zu
belegen, dass das Heil Gottes vom Alten
ins Neue Testament herüberreiche, eines also das andere bedinge und erfülle.
Diese Gegenüberstellung, eine Sonder-
1776 In seinem Spätwerk
1799 In „Reden über die
„La Bible enfin expliquée“
resümiert der Philosoph
Voltaire seine lebenslang
betriebene scharfe Detailkritik an der Bibel, die häufig
in Glaubensskepsis übergeht.
Religion“ fordert der Protestant Schleiermacher
vom Glauben „Sinn und
Geschmack für das Unendliche“ – dagegen tritt das
Bibelwort in den Hintergrund.
1800
1740 In Preußen verkündet
Friedrich der Große, jeder Bürger des Staa-
1788 Seit seiner „Kritik
der praktischen
Vernunft“ erklärt
tes dürfe „nach seiner Fasson
selig werden“, also seine
Religion frei ausüben.
der Philosoph Immanuel Kant (l.) Gott für
moralisch notwendig,
aber unbeweisbar.
97
EINE BIBEL FÜR ALLE
98
Lesarten. Möglicherweise waren die Armenbibeln nämlich Rüstzeug für Bettelmönche und mittellose Weltgeistliche,
denen es neben Geld auch an einer umfassenden theologischen Bildung fehlte.
Oder sie waren schlichtweg bestimmt
für die Armen im Geiste, denen in bildlich-lehrhafter Zusammenstellung die
wichtigsten Ereignisse der biblischen
Geschichte nähergebracht werden sollten – mit dem Zweck, ihnen die richtige
Bibel, manche nennen sie Vollbibel, bekannt und vertraut zu machen. Schließlich waren die allermeisten Laien des
Lateinischen nicht mächtig.
Fast 95 Prozent aller mittelalterlichen
Handschriften sollen verloren gegangen
oder verschollen sein. Heute existieren
noch etwa 80 Exemplare der Armenbi-
bel unterschiedlichster Herkunft. Dieser
Buchtypus war im Mittelalter offenkundig ungeheuer verbreitet.
inter dieser Erfindung
der Armenbibel spürt
man bis heute deutlich
den Versuch, die Deutungshoheit der päpstlich-kirchlichen Zentralgewalt abzusichern. Es gab natürlich auch andere Mittel, etwa Restriktionen und Verbote.
In allen Phasen des Mittelalters ist
die Bibel in Volkssprachen übersetzt
worden – ins Alt- und Mittelhochdeutsche, ins Provenzalische und ins Englische, lange schon vor Wyclif. Auch ins
Polnische, ins Niederländische, in slawische Sprachen. Kirchenführer allerdings
H
SPIEGEL GESCHICHTE
6 | 2014
PICTURE-ALLIANCE / DPA
art allegorischen Bibelverständnisses,
nennen Fachleute Typologie.
Ein Beispiel: Kreuzigung Christi in
der Mitte, Opferung Isaaks links, eherne
Schlange rechts, darunter: Seitenwunde
Christi, Erschaffung Evas, Mose schlägt
Wasser aus dem Felsen. Auf beiden Seiten der Bilder stehen entsprechende
Texte, mal lateinisch, mal deutsch, mal
deutsch-lateinisch, je nach Ausgabe.
Am weitesten trieb dieses Spiel mit
einprägsamen Parallelen in Szenen aus
dem Alten und Neuen Testament die biblia pauperum, die Armenbibel. Experte
Weckwerth glaubt, dass sie „gewissermaßen das Arbeitsmaterial der Priester
und Prediger gegen die Häresie“ gewesen sei. Eine Erklärung, die durchaus
Charme hat, aber es gibt auch andere
Kolorierte
Frühdrucke
religiösen Inhalts,
rechts eine „Biblia
Pauperum“
Herzogin Anna
Amalia Bibliothek
Weimar, 2007
trieb die Sorge um, eine nicht autorisierte Übersetzung könne dazu führen, dass
die Bibel der katholischen Lehre zuwider ausgelegt würde. Oder dass die Leser
verfälschten Texten aufsäßen.
So untersagte im Jahre 1199 Papst Innozenz III. die Lektüre der Bibel bei privaten Lesestunden, die er „finstere Versammlungen“ nannte. Nach dem Albigenserkreuzzug, auf der Synode von
Toulouse (1229), verbot Gregor IX. allen
Laien den „Besitz von Büchern des Alten
oder des Neuen Testaments“, Ausnahme:
Psalter und Stundenbuch.
Bald darauf dekretierten die spanischen Bischöfe auf einer Synode in Tarragona: „Wenn jemand solche Bücher
hat, muss er sie innerhalb von acht Tagen
… abgeben, damit sie verbrannt werden
können.“ Der König ergänzte eine solche
Form des Bibelverbots mit dem Hinweis,
niemand außer Geistlichen dürfe über
den Glauben disputieren, weder öffentlich noch privat. Später wurde dieses
Diktum gar in Gesetzesform gegossen.
Die Kleriker behaupteten, so empörte
sich ein österreichischer Bibelübersetzer im 14. Jahrhundert, dass nur sie Got-
tes Wort verstünden – dabei hätten sich
viele nie wirklich damit beschäftigt. Der
Name des Übersetzers ist nicht bekannt.
Wahrscheinlich hat er ihn aus guten
Gründen verschwiegen.
Denn wer sich auf eigene Faust mit
der Heiligen Schrift abgab, lebte gefährlich. Erst ein gutes Jahrhundert nach
dem Konstanzer Konzil wurde der Bibeltext tatsächlich den meisten Menschen zugänglich, die lesen konnten. Dafür sorgte Martin Luther – eine Gestalt,
die für heutige Historiker das Ende des
Mittelalters markiert.
n
Im privaten Kreis war die Bibellektüre verboten – Papst
Innozenz wetterte gegen die „finsteren Versammlungen“.
SPIEGEL GESCHICHTE
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