Einleitung - Skriptum - Einführung in die Internat-Politik

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Helmut KRAMER (Oktober 2002)
Universität Wien
Zum „State of the Art“ der Disziplin „Internationale
Politik“. Einleitende Bemerkungen zur
Lehrveranstaltung
„EINFÜHRUNG IN DIE INTERNATIONALE POLITIK“
1.
Zum
Gegenstandsbereich
der
„Internationale Beziehungen“ als
Disziplin
„Internationalen
Politik“/
wissenschaftlich-akademischer
„Soziologische Phantasie ist das geistige Vermögen, Informationen
richtig zu benutzen und eine vernünftige klare Übersicht über das
Weltgeschehen und über sich selbst zu erlangen.“
(C. Wright Mills)
Ziel der Lehre und Forschung der „Internationalen Politik“/„Internationale Beziehungen“, die
in den meisten europäischen Staaten als Teil der Politikwissenschaft, in den USA und in
Großbritannien als eigene Disziplin („International Relations“) akademisch institutionalisiert
worden ist, ist die systematische Analyse der Strukturprobleme der internationalen Politik und
der internationalen Wirtschaft, wie sie sich aus den und für den Beziehungen zwischen
Staaten, nicht-staatlichen Akteuren (Internationale Konzerne, NGOs=Non-Governmental
Organizations) und internationalen Organisationen ergeben. Der Begriff „Internationale
Politik“/„Internationale Beziehungen“ bezeichnet also zweierlei: den Gegenstandsbereich und
die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit diesem Problembereich beschäftigt.
Die Themen und Untersuchungsbereiche der Internationalen Politik umfassen, zitieren wir die
Anfangspassagen einer neueren englischen Einführung in die Internationale Politik, „viele der
brisantesten politischen und moralischen Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert
ist“. (Nicolson 1998) Als wichtige Fragen, die von den WissenschafterInnen der
„Internationalen Politik“ diskutiert und analysiert werden, wurden hier von Michael Nicolson
angeführt: „Krieg und Frieden; Imperialismus und Nationalismus; der Reichtum einiger und
die Armut anderer Gesellschaften; Nuklearwaffen und die Möglichkeit der Auslöschung der
Menschheit; die Umwelt und globale Erwärmung; Menschenrechte überall in der Welt; der
Zusammenschluss und das Auseinanderfallen von Staaten; die Europäische Union;
internationale Organisationen; Religionen und ihr politischer Einfluss; Handel und die
Entwicklung der multinationalen Konzerne; die Rassen- und die Geschlechterproblematik;
Globalisierung und die Informationsrevolution.“ (Nicolson 1998, 1, Übersetzung H.K.)
Hier muss ergänzend festgehalten werden, dass die Disziplin „Internationale
Politik“/„Internationale Beziehungen“ (im folgenden mit IP abgekürzt) im Rahmen der
Untersuchung des grenzübergreifenden Beziehungs- und Interaktionssystems von staatlichen
und nichtstaatlichen Akteuren auch als Teilsystem „Außenpolitik“ (in aller Kürze definiert als
die Politik eines Staates bzw. einer Gesellschaft gegenüber seiner auswärtigen Umwelt)
einschließt. Weiters ist darauf zu verweisen, dass aufgrund der zunehmenden
1
Internationalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche durch den wirtschaftlichen
Globalisierungsprozess und die Zunahme politisch-regionaler Integration eine traditionelle,
auf die Beziehungen von Nationalstaaten sowie auf eine Trennung von Gesellschafts-, Innen-,
Außen- und Internationaler Politik zentrierte und eingeschränkte Perspektive spätestens seit
den siebziger Jahren nicht mehr adäquat sein kann. Die Disziplin IP hat auf diese
Veränderungen im internationalen System mit der Entwicklung neuer analytischer
Grundkategorien, der „transnationalen Politik“ bzw. der „transnationalen Beziehungen“
reagiert. „Im Unterschied zur zwischenstaatlichen, internationalen Politik“, schreibt Reinhard
Meyers, einer der wichtigsten Vertreter der kritischen Theorie in der Disziplin IP in der
Bundesrepublik Deutschland, „sind die Prozesse der transnationalen Politik
zwischengesellschaftlichen Ursprungs; sie ziehen sich gleichsam durch mehrere
nationalstaatliche Systeme gleichzeitig hindurch, schaffen Verbindungen und gegenseitige
Abhängigkeiten zunächst zwischen nichtstaatlichen gesellschaftlichen Akteuren (Parteien,
Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, weltanschaulichen Organisationen etc.). In dem
Masse, in dem sie versuchen, direkt oder auf dem Weg über gleichartige
Korrespondenzpartner die Politik der Regierung eines Staates zu beeinflussen, der nicht ihr
Sitzland ist, werden sie transnational politisch relevant, unterlaufen sie die traditionelle
Grenzlinie zwischen nationaler und internationaler Politik“. (Meyers 1994, 18)
Ein weiterer, aktueller Versuch, der zeigt, wie notwendig und produktiv es ist, die Konzepte
der IP an die rezenten Veränderungen im internationalen System anzupassen, stammt von
Ernst-Otto Czempiel. In seinem Buch „Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert“
plädiert Czempiel dafür, den Begriff „Außenpolitik“ durch den adäquateren Begriff
„internationalisierende Politik“ zu ersetzen. Dieser Begriff „beschreibt sehr viel genauer, was
im Verhältnis zwischen einem Staat und seiner internationalen Umwelt abläuft. Die
Interdependenz hat die Schale des Staates aufgebrochen; die emanzipierte gesellschaftlichen
Akteure sind in die internationale Umwelt vorgestoßen und konkurrieren dort mit dem
Politischen System um die Erzeugung von Werten, die in der Gesellschaft verteilt werden.
(...) Auf diese vielfältige Weise wird mehr und mehr zusammengeschoben, was in der
Staatenwelt als ‚Innenpolitik’ und ‚Außenpolitik’ säuberlich getrennt war. Beide sind nur
noch unterschiedliche Kontexte der Politik.“ (Czempiel 1999, 70)
2.
Zum Wissenschafts- und Analyseprogramm der Disziplin
„Internationale Politik“/„Internationale Beziehungen“ in der
Gründungsphase der Disziplin am Ende des I. Weltkrieges
„Die Sozialwissenschaft soll Kenntnisse über die Technik liefern, wie
man das Leben, die äußeren Dinge sowohl als das Handeln der
Menschen durch Berechnung beherrscht.“
(Max Weber)
Die oben angeführten großen Fragen, die „burning issues“ der internationalen Politik sind in
wichtigen moralisch-philosophischen, aber auch analytischen Dimensionen bereits vor dem
20. Jahrhundert von bedeutenden Philosophen, Historikern und Ökonomen diskutiert und
behandelt worden. So hat der griechische Philosoph Thukydides in seiner Geschichte des
Peloponnesischen Krieges Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. zwischen Athen und Sparta als
Folge des Rüstungswettlaufs der zwei griechischen Stadtstaaten analysiert und hiermit
wesentliche Themen und Theoreme der Rüstungs- und Außenpolitikforschung der IP im 20.
Jahrhundert vorweggenommen. Anfang des 16. Jahrhunderts hat der florentinische Denker
Niccolo Macchiavelli mit seinem im politischen Exil 1513 verfassten Werk „Der Fürst“ (Il
2
Principe) die erste moderne, d.h. sich aus dem mittelalterlich-religiösen
Argumentationszusammenhängen befreiende und auf das sich herausbildende System der
Nationalstaaten in Europa realpolitisch beziehende Analyse von Staatsräson und Handeln der
Staatenlenker geschaffen. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert haben Philosophen und Ökonomen
wie Hugo Grotius, Thomas Hobbes, Edmund Burke, Immanuel Kant, Adam Smith und Karl
Marx faszinierende und folgenreiche Deutungen der Strukturen und Grundwidersprüche ihrer
Zeit vorgelegt.
Diese grandiosen Interpretationen und Analysen der Zusammenhänge und Probleme ihrer Zeit
durch die „Klassiker“ der politischen und ökonomischen Theorie sind – wie etwa die
intensive Debatte über Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ im Kontext der aktuellen Debatte
über den„Demokratischen Frieden“ in der Disziplin IP in den letzten Jahren zeigt – auch
heute noch relevant. Sie regen uns dazu an, ja zwingen uns dazu, die Grundfragen nach einer
guten, einer gerechten Ordnung in nationalstaatlich verfassten Gesellschaften und in der
Weltgesellschaft in unseren empirisch-historisch begrenzten Analysen nicht außer Acht zu
lassen. „Die Frage nach der guten Ordnung verweist auf die Grundfrage: Was ist der Mensch?
Woher kommt er? Wohin geht er? Nur aus dem Nachsinnen hierüber kann jede Zeit eine
Antwort darauf versuchen, was ‚gut’ ist. Politische Theorie ist daher auch immer verknüpft
und verschwistert mit politischer Philosophie, mehr noch: Sie ist angewandte Ethik. ‚Die
Politik kann keinen Schritt tun, ohne der Moral zu huldigen’, schreibt Kant.“ (Evers 1995,
219; eine ausführliche neuere Darstellung der ideengeschichtlichen historischen Grundlagen
der IP findet sich in Kees van der Pijl 1996)
Aber zu einer akademischen Institutionalisierung der Disziplin IP, der Herausbildung einer
international kommunizierenden „scientific community“, die über Möglichkeiten
systematischer methodischer Analyse und theoretischer Fundierung diskutiert bzw. sich
darüber verständigt, kam es erst im 20. Jahrhundert, zu Ende des I. Weltkrieges. Als
„Geburtstag“ der IP wird zumeist der 30. Mai 1919 angesehen, als die britische und USamerikanische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz übereinkamen, in ihren Ländern
wissenschaftliche Institutionen zur Erforschung der Bedingungen von friedlichen
Beziehungen zwischen den Staaten ins Leben zu rufen. Im Jahre 1920 wurde in London das
Royal Institute of International Affairs und in Deutschland die Deutsche Hochschule für
Politik in Berlin gegründet. Das im selben Jahr gegründete American Institute of International
Affairs wurde 1921 in Council on Foreign Relations mit Sitz in New York umbenannt. Heute
gehören dieser Einrichtung ca. 3600 Mitglieder an. Der CFR gibt zweimonatlich die führende
US-amerikanische IP-Zeitschrift „Foreign Affairs“ heraus.
Zu einer Durchsetzung der Disziplin IP als universitärem Studienfach kam es dann in den
20er und 30er Jahren insbesondere in den USA, was sehr früh die dann durch die „Pax
Americana“ nach 1945 verstärkte wissenschaftliche Dominanz der US-IP begründete. In
Deutschland und auch in Österreich ist die akademische Institutionalisierung eng verbunden
mit der – im Vergleich mit vielen anderen Ländern, vor allem gegenüber dem
angelsächsischen Raum deutlich verspäteten – Einrichtung der Politikwissenschaft an den
Universitäten, in Deutschland bereits nach 1945 (durch die Westalliierten). In Österreich
wurde die Politikwissenschaft als universitäres Fach erst 1971 eingerichtet. Das IPForschungsinstitut Österreichische Institut für Internationale Politik (OIIP) in Laxenburg, das
seit Frühjahr 2000 in Wien angesiedelt ist, wurde 1979 gegründet.
Es ist wichtig zu sehen und zu betonen, dass die Gründung der Disziplin IP mit sehr
ambitionierten Zielsetzungen und Hoffnungen in bezug auf eine wissenschaftliche
Durchdring- und Analysierbarkeit der internationalen Politik und einer hohen Relevanz der
3
wissenschaftlichen Erkenntnisse der IP für die Politik und die Diplomatie verbunden war.
Aufgerüttelt von der Katastrophe des I. Weltkrieges hoffte man – durch die
wissenschaftlichen Errungenschaften der Naturwissenschaften bestärkt – soziales und
politisches Handeln systematisch erklären und auf der Basis dieser Erklärungen
geschichtlicher und aktueller Prozesse auch Prognosen, also Voraussagen für zukünftiges
Handeln und somit konkrete Anleitungen und Strategien für eine friedenssichernde Politik,
gewinnen zu können.
So schreibt Ernst-Otto Czempiel in seinem auch heute noch lesenswerten Aufsatz „Die
Entwicklung der Lehre von den Internationalen Beziehungen“ aus dem Jahre 1965 zum
Wissenschaftsprogramm der IP in der Gründungsphase: „Die Absicht, der Politik bei der
Realisierung des Friedens zu helfen, machte geradezu das Lebenselixier dieser Disziplin aus.“
(Czempiel 1965, 373) Diese ambitioniert-aktivistische Grund- und Gründungsintention der IP
ist auch auf den starken gesellschaftlich-politischen Einfluss der Friedensbewegung in Europa
vor dem I. Weltkrieg zurückzuführen. Ein Höhepunkt war hier 1889 die Publikation des
Buches „Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte“ der österreichischen Baronesse Bertha
von Suttner, die für ihr Engagement für den Frieden 1905 als erste Frau mit dem
Friedensnobelpreis (gestiftet vom französischen Rüstungsindustriellen Alfred Nobel)
ausgezeichnet wurde.
Von Ulrich Menzel (2001) wird diese explizit praxeologische Gründungsintention der IP auch
in den Kontext der in der Gründungsphase dominierenden Großtheorie (Paradigma) des
„Idealismus“ gestellt, einer Sicht des Menschen, der Gesellschaft und des internationalen
Systems, in dem ein optimistischer Grundton, der Glauben an das Vernunft- und
Demokratieprinzip und deren Durchsetzbarkeit auch in der internationalen Gesellschaft
vorherrscht. In dem Text von Menzel kann auch das durch die weltpolitische Verdüsterung
der dreißiger Jahre (das Scheitern des Völkerbundes, das Aufkommen des deutschen und
japanischen Faschismus und der Ausbruch des II. Weltkrieges) bedingte Verdrängen des
„Idealismus“ durch die „Realistische Schule“ in der IP nachgelesen werden. Der „Realismus“
geht von einem pessimistischen Welt- und Gesellschaftsbild aus. Die Vertreter dieser Schule
schätzen die Chancen einer weltweiten Friedensgesellschaft als völlig unrealistisch und
utopisch ein. Eine Stärkung und Maximierung von Sicherheit für die Nationalstaaten sei nur
durch Rüstungs- und Machtgleichgewichte denkbar.
In unserem Zusammenhang interessiert hier aber vor allem die in der Gründungsphase
artikulierte und dominierende wissenschaftliche Hoffnung, dass die Sozialwissenschaft/IP im
Stande sei bzw. sein müsse, gesellschaftliche Prozesse umfassend und systematisch und damit
auch das Handeln der Politik authoritativ-anleitend untersuchen und analysieren zu können.
Dieses Setzen auf Sozialwissenschaft als Gesellschafts- und Welterklärung, deren
Erkenntnisse in politische Strategien ummünzbar sei, ist in stärker politisch-ideologisch
bestimmter Form auch Grundlage des wissenschaftlichen Selbstverständnisses der
marxistischen Imperialismustheorie, wie diese in den Werken von Wladimir I. Lenin,
Bucharin, Rudolf Hilferding und von Rosa Luxemburg in den ersten beiden Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts grundgelegt worden sind. So schreibt Lenin in seinem 1916 im Zürcher Exil
entstandenen Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ im Vorwort:
„In der Schrift wird der Beweis erbracht, dass der Krieg von 1914-1918 auf beiden Seiten ein
imperialistischer Krieg (d.h. ein Eroberungskrieg, ein Raub- und Plünderungskrieg) war, ein
Krieg um die Verteilung und Neuverteilung der Kolonien, der ‚Einflusssphären’ des
Finanzkapitals usw. Denn der Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den
wahren Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen
Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der
4
herrschenden Klassen in allen kriegsführenden Staaten.“ (Lenin 1979, 10, Hervorhebung im
Text)
Die marxistische Imperialismustheorie, die sich im normalen „bürgerlichen“
Wissenschaftsbetrieb der IP aufgrund ihrer radikalen politischen Ausrichtung nicht
durchsetzen konnte und die in der Sowjetunion und in ihren Satellitenstaaten nach 1945 nur in
einer dogmatisch-rigiden Form etabliert wurde, ist Vertreter der dritten wichtigen Großtheorie
bzw. Paradigma in der IP, des „Strukturalismus“. Die strukturalistischen Ansätze betonen vor
allem die ökonomische Basis der internationalen Beziehungen und sehen in der ungleichen
Machtverteilung im internationalen System die Quellen für kriegerische Konflikte, für Armut
und Unterentwicklung. Varianten dieses strukturalistischen Theorieansatzes in der IP werden
seit den siebziger Jahren, als Folge der Systemkrise der USA (Vietnamkrieg) und der
Zuspitzung des Nord-Süd-Konflikts stärker auch an den Universitäten des Westens beachtet.
Wichtige marxistische und historisch-kritische Ansätze in der IP wurden durch die von vor
allem von lateinamerikanischen Wissenschaftlern entwickelte Dependencia-Theorie in die
Disziplin IP eingeführt, und die sehr empfehlenswerte Darstellung bei Simonis 1995, 31 und
39ff.; Simonis fasst die strukturalistischen Theorieansätze in der IP unter der Kategorie der
„Klassentheorie“ zusammen und geht im Unterschied von Menzel, der vier
„Grosstheorien“=Idealismus,
Realismus,
Institutionalismus
und
Strukturalismus
unterscheidet, nur von drei zentralen Paradigmen in der IP aus, indem er Idealismus und
Institutionalismus unter „Institutionalismus“ zusammenfasst.)
3. Zum Wissenschaftsprogramm der „behavioral revolution“ in der
Disziplin „Internationale Politik“/„Internationale Beziehungen“ in
den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts
„Ich würde lieber eine einzige Sache erklären können
als König von Persien sein.“
(Demokrit)
Die zweite Phase der Disziplin IP, in der wie in den Gründungsjahren ein sehr ambitioniertes
Wissenschaftsprogramm für die Analyse internationaler Beziehungen entwickelt und das im
Kontext der Dominanz der US-amerikanischen IP dann auch weltweit forciert und
durchgesetzt wurde, war die Periode der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
In diesen Jahren versuchten Vertreter des so genannten „behavioral approaches“ (behavior=
Verhalten) die Sozialwissenschaften durch die Übernahme der methodischen und
wissenschaftstheoretischen Kriterien der Naturwissenschaften zu einer „hard science“ zu
machen. Durch die Verwendung quantitativer Methoden (Sammlung statistischer Daten,
Korrelationsanalysen etc.) und durch Hypothesenbildung bzw. deren Überprüfung nach den
Kriterien der empirisch-analytischen Wissenschaftstheorie (Verifikation, Falsifikation) sollte
es möglich werden, Regel- und Gesetzmäßigkeiten im politischen Verhalten von Individuen,
Institutionen und Staaten zu entschlüsseln, auf deren Basis dann auch Prognosen für
zukünftiges Verhalten ausgearbeitet werden könnten.
Nach Meinung der „Behavioralisten“ in der IP wäre es vor allem auf den vorherrschenden
unfruchtbaren Traditionalismus in der IP (der Anwendung geistesgeschichtlicher, historischer,
diplomatiegeschichtlicher und völkerrechtlicher Ansätze) zurückzuführen, dass der Disziplin
IP und den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften generell keine ähnliche gesellschaftliche
Anerkennung zuteil wurde, wie das die Vertreter der Naturwissenschaft erreicht hatten. Es ist
jedoch wichtig zu betonen, dass das Wissenschaftsprogramm der Behavioralisten im
Gegensatz zu der Gründungsphase der IP nicht mit einem Plädoyer für eine aktive
5
Praxisorientierung, d.h. für den möglichst aktiven Einsatz der wissenschaftlichen Ergebnisse
für die aktuellen brisanten Probleme der internationalen Politik verbunden war. Die Vertreter
des „behavioral approach“ argumentierten vielmehr, dass sich die IP (und die
Politikwissenschaft) analog zur Entwicklung der Naturwissenschaften, in der der Weg von
Kepler zu Newton und Einstein Jahrhunderte gedauert hatte, auf eine jahrzehntelange
geduldige wissenschaftliche Aufbauarbeit einstellen müsse. Erst durch geduldige empirische
Sammlung, Überprüfung und Weiterentwicklung von Daten, Hypothesen und Theorien
könnte die Basis für Politikberatung und konkrete Politikanleitung geschaffen
werden.Außerdem sollte – eine zentraler Aspekt des behavioralistischen Programms –
unbedingt politische und gesellschaftliche Werturteile in den Analysen der Wissenschaftler in
der IP vermieden werden. Die Untersuchungen müssten sich auf überprüfbare
Tatsachenaussagen stützen und dürften Aussagen darüber, wie die Welt sein soll oder wie sie
sich der Wissenschaftler wünscht, vermeiden. (Prinzip der Wertfreiheit)
Die Entwicklung und der Versuch der weltweiten Durchsetzung des behavioralistischen
Wissenschaftsprogramms in der IP unter der Ägide der kulturell-wissenschaftlichen
Hegemonie der USA führte zu einer sehr intensiven Diskussion über die Möglichkeiten der
Sozialwissenschaften und der IP, eine strikte, an den Methoden und Wissenschaftskriterien
der Naturwissenschaften orientierte Verhaltenswissenschaft zu werden. Es stellte sich bald
heraus, dass der tatsächliche Ertrag der Entwicklung und Anwendung quantitativer Methoden
in der IP im speziellen und der Politikwissenschaft im allgemeinen weit bescheidener war und
weit weniger wissenschaftlich stringent umgesetzt werden konnte als dies im
Wissenschaftsprogramm der Behavioralisten formuliert und erhofft worden war. Statt der
angestrebten umfassenden Theorien, die empirisch abgestützt bzw. empirische
Untersuchungen systematisch anleiten sollten, kam es lediglich zur Entwicklung von
Forschungsprogrammen und Klassifikationsschematas, die zumeist nur unwesentliche Teilund Detailbereiche der Politik erfassen konnten (eine der Standardphrasen in den
Konklusionen behavioralistischer Analysen wurde der Abschlusssatz „More research is
needed“).
Die methodisch-szientistische Tendenz des Behavioralismus (auch Positivismus genannt)
führte, wie das von Theodor Adorno (mit Max Horkheimer wichtigster Vertreter der
Kritischen Theorie im so genannten Positivismus-Streit Ende der 60er Jahre und in den 70er
Jahren) prägnant formuliert worden ist, dazu, dass „die Methode über die Sache gestellt
wird“. Die Kritik am Behavioralismus konnte auch deutlich machen, dass in deren Modellen
und Theorieansätzen mechanistisch-deterministische Vorstellungen vom Verhalten der
Menschen, der politischen Institutionen und der Staaten dominierten und dass durch die
Konzentration auf Verhaltensdaten, auf sozialpsychologische Variablen und
Erklärungsansätze die relevanten wirtschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhängen
ausgeklammert wurden. Ganz im Gegensatz zur beanspruchten Wertfreiheit war in den
konkreten Analysen der Behavioralisten in der IP, aber auch in ihrem technischtechnokratischem Erkenntnisinteresse deutliche eine politische Tendenz der Legitimierung
des Status quo (des herrschenden Zustandes) gegenüber kritischen politischen Bewegungen
und kritisch-alternativen historischen Erklärungsversuchen nachweisbar.
In der Darstellung und kritischen Einschätzung des Behavioralismus in der
Politikwissenschaft und der IP wird neuerdings auch mit Recht darauf verwiesen, dass in der
neueren Entwicklung der Naturwissenschaften von dem ultimativen Anspruch,
allgemeingültige Gesetze und Prognosen im traditionellen Sinn ausarbeiten zu können, längst
abgegangen worden ist. So schreibt die US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin K. C.
Cole in ihrem im Jahre 1995 vom American Institute of Physics prämierten Buch über den
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neuesten Erkenntnisstand der Physik und der Naturwissenschaften, dass die „Voraussage
weder das Ziel noch die Stärke der Naturwissenschaften (ist) (...) Leider erlaubt uns allerdings
nicht einmal vollkommenes Verständnis einer Sache, die Zukunft vorherzusagen. Die Natur
scheint es geschafft zu haben, die Wahrnehmung sogar der einfachsten Muster unter vielen –
gar nicht außergewöhnlichen – Umständen ziemlich unzuverlässig zu machen. Zum Beispiel
erlaubt uns keine noch so genaue Kenntnis der Verhaltensmuster von Atomen, genau
vorherzusagen, wo sich ein atomares Teilchen zu einer ganz bestimmten Zeit befindet. Das
Beste, was man herausbekommen kann, ist eine Wahrscheinlichkeit.“ (Cole 1999, hier zitiert
nach einem Auszug in: Die Presse, 14.08.1999). Und auch die Naturwissenschaften sind eine
Schöpfung und „Konstruktion“ der Menschen . So haben die britischen Soziologen Harry
Collins und Trevor Pinch, beide auch ausgebildete Physiker, in einer Analyse der
Entwicklung und des wissenschaftlichen Erfolges der Naturwissenschaften herausgearbeitet,
dass bei der Durchsetzung von wichtigen Theorien nicht nur rationale Argumente, sondern
auch soziale Faktoren und Momente, d.h. die Absprache und Abstimmung in der „scientific
community“ entscheidend waren und sind. (Collins/Pinch 1999)
4.
Was sind die Gründe dafür, dass die Disziplin „Internationale
Politik“/„Internationale
Beziehungen“
eine
„weiche“
bzw.
„verstehende“ Wissenschaft ist und dies unserer Meinung nach auch
bleiben wird
„Die Soziologie kann nicht die Zukunft voraussagen, sie kann
nur Tendenzen diagnostizieren. Die Sozialwissenschaften haben keine einzige
der großen Veränderungen in diesem Jahrhundert prognostiziert. Die alten
Propheten sprachen mit Gott, wir reden nur mit den Menschen.“
(Zygmunt Baumann)
Die Bewegung des „Behavioralismus“ kann als der bisher konsequenteste und
ambitionierteste Versuch eines „szientistischen Ansatzes“ in der Disziplin IP angesehen
werden. Dass die Vertreter des „behavioral approach“ ihr Programm, ihren Traum von einer
Entwicklung der Sozialwissenschaften und der IP zu einer „harten Wissenschaft“ trotz des
gewaltigen Mitteleinsatzes – insbesondere in den Universitäten und zahlreichen
Forschungsinstitutionen der USA – nicht oder nur in sehr bescheidenen Ansätzen
verwirklichen konnten, muss und kann vor allem auf die folgenden zwei Charakteristika,
Grundbedingungen und Voraussetzungen politisch-gesellschaftlicher Systeme und nationaler
sowie internationaler Handlungs- und Beziehungszusammenhänge zurückgeführt werden:
1)
Die hohe Komplexität und Nicht-Linearität gesellschaftlicher Prozesse und
menschlich-historischen Handelns. So ist die Entstehung, der Verlauf und die
Beendigung eines bewaffneten Konfliktes, eines Krieges (oder eines epochalen
politischen Prozesses wie dem Ende des Ost-West-Systemkonflikts und den
demokratischen und pazifistischen Revolutionen in Osteuropa Ende 1989) als
komplexes Netzwerk unterschiedlicher Faktoren, Ebenen und Wechselwirkungen
(wirtschaftlicher, sozialer, psychologischer und politischer Natur) zu sehen und zu
verstehen, deren Besonderheit aus der jeweiligen spezifischen historischen
Konstellation, seinen innergesellschaftlichen, regionalpolitischen und internationalen
Umweltbedingungen erwächst;
7
2)
Die Tatsache, dass die Menschen freie, nicht historisch und deterministisch
festgelegte Wesen sind. Oder, wie dies eine der bedeutendsten Philosophinnen des
20. Jahrhunderts – Hannah Arendt – so schön formuliert hat, dass „der Mensch zum
Handeln im Sinne des Neuanfangs begabt ist, (was) daher nur heißen (kann), dass er
sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht.“ (Arendt 1992, 167) Der Fall
der Berliner Mauer im November 1989 oder der „serbische Oktober“ im Jahre 2000.
der zum Sturz von Slobodan Milosevic führte, sind faszinierende Beispiele dieses
bestehenden und uns mit Hoffnung erfüllenden historisch-politischen Freiheitsgrades
menschlichen Handelns bzw. Nicht-Handelns. „Es gibt wenige Fälle in der
Geschichte“, so der neue, demokratisch gewählte Bürgermeister von Belgrad in den
Oktobertagen 2000evic als Präsident Jugoslawiens führten, „wo nur ein
innergesellschaftlicher und pazifistischer Druck eine Diktatur zusammenstürzen ließ.“
(Le Monde, 5.10.2000, Übersetzung H.K.)
Diese beiden Dimensionen, also die Komplexität (die dadurch bestimmt ist, dass es viele
Faktoren, Variablen, Handlungsebenen gibt, die unter- und zueinander in Beziehung stehen)
und das Nicht-Festgelegt-Sein menschlichen Handelns machen es notwendig, die
Begrenzungen systematischer Erklärungen in der Analyse internationaler Politik,
insbesondere was unser Wissen über Kausalzusammenhänge betrifft, zu bedenken und ernst
zu nehmen. Politik wird immer in einem entscheidenden Masse die „Kunst des Möglichen“
bleiben. So hat der englische Philosoph Isaiah Berlin in seinem äußerst lesenswerten Essay
„On Political Judgment“ das Erfolgsgeheimnis erfolgreicher Politiker („Political Leadership“)
mit der Gabe umschrieben, „dass diese die einzigartige Kombination von Charakteristika, die
eine bestimmte Situation konstituieren, erfassen können (...) (und) die Fähigkeit (besitzen),
eine große Menge von ständig sich verändernden, vielfarbigen, schwer zu fassenden und sich
ständig überlappenden Daten zu integrieren, zu viele (Daten), zu schnelllebig, um wie
einzelne Schmetterlinge gefangen und aufgespießt zu werden.“ (Berlin 1996, 27, Übersetzung
H.K.)
Und zum Geheimnis erfolgreicher Politik gehört – wie die neuere „Political Leadership“Forschung anschaulich gemacht hat (eine gute Zusammenfassung der Fragestellungen und
Ergebnisse dieser Forschungsrichtung findet sich im Schwerpunktheft „Leadership“ der
Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft, 26, 1997/4) – vor allem auch die
Fähigkeit, Strukturen und Tendenzen der gesellschaftlich-politischen Entwicklung richtig und
rechtzeitig einzuschätzen und aus dieser Analyse von einer Mehrheit der Bevölkerung bzw.
der Wähler akzeptierte politische Strategien zu formulieren und auch umzusetzen.
Robert O. Keohane gehört zu den angesehensten US-amerikanischen Vertretern der IP. Das
Buch „Power and Interdependence“, das er gemeinsam mit Joseph S. Nye Jr. 1977
veröffentlichte, war eine der bahnbrechenden Revisionen des traditionellen Realismus.
Keohane hat in einem vor einigen Jahren veröffentlichten Überblicksartikel über den Stand
der IP im „New Handbook of Political Science“ diese für die Disziplin der IP notwendige
methodisch-theoretische analytische Sensibilität und Offenheit, d.h. angesichts der
Komplexität und Handlungsfreiheit der Menschen nicht auf „Erklären“, sondern vielmehr auf
„Verstehen“ zu setzen, dargelegt. Damit betont Keohane den Aspekt, das Besondere und
Spezifische in bestimmten Situationen und Handlungen als Zusammenfluss und Produkt
vieler komplexer Phänomene und Erklärungsebenen zu sehen und bei Vergleichen und dem
Versuch der Verallgemeinerung sehr vorsichtig und reflektiert vorzugehen, wobei er auf der
Fähigkeit der berühmten Detektivinnen und Detektive, wie sie in den großen
Kriminalromanen portraitiert worden sind, verweist: „I will call it the ‚Marple-Dagliesh8
Method’ after two famous detectives created by Agatha Christie and P.D. James, respectively.
They rely on forensic science“ (forensic science=gerichtsmedizinische Erkenntnisse, H.K.),
„but no amount of science ever caught a murderer by itself. They are both theoreticians and
empiricists: they begin with some evidence (‘clues’), formulate tentative hypotheses that are
consistent with the evidence at hand and scientific generalizations, look for evidence that will
test those hypotheses, find new evidence, reformulate their hypotheses, and so on, until the
villain is found. No predictive ‘policy science of murder’ exists, yet we believe that detectives
Marple and Dagliesh do good work when they deduce who the murderer was. Students of
international relations would do well to imitate these detectives by carefully observing and
describing events, specifying the causal mechanisms that could have led to these results, and
testing hypotheses with evidence. The test of our work will not be whether it yields accurate
predictions of complex events – it won’t – but whether it enhances our ability to anticipate
patterns of action.” (Keohane 1996, 465)
Ein weiteres wesentliches Argument für ein Plädoyer für „weiche” oder „verstehende“
Theorien bzw. Analyseansätze in der Disziplin IP ist, dass viele wichtige Phänomene und
Fakten der internationalen Politik in wesentlichen Punkten einer objektiven, d.h. direkten
Beobachtung nicht zugänglich sind und für eine „Entschlüsselung“ bestimmter
Entscheidungen und Motive erst nach vielen Jahren historische Quellen bzw. in manchen
Fällen die Entscheidungsträger selbst zugänglich sind.
In einem spannenden Text des englischen Historikers und Politologen Timothy Garton Ash
über den Krieg im Kosovo wird konkret ausgeführt bzw. nachgewiesen, dass wir über die
Motive von Miloševic, warum dieser „Staatsmann“ seit 1989/1991 auf nationalistische und
kriegerische Strategien gesetzt bzw. durch die Nicht-Annahme der Bedingungen der
Konferenz von Rambouillet im Februar 1999 den Krieg mit der NATO riskiert hat, so gut wie
keine verlässlichen Daten haben. So schreibt Ash: „The truth is that we simply do not know
why Miloševic and his tiny clique of cronies and advisers behaved as they did.“ (Ash 2000, 4)
Geschichte ist eine „Geschichte“, die einen Erzähler braucht und dieser Erzähler – wie die
feministische Kritik an den dominanten „Mainstream“/“Malestream“-Ansätzen in der IP
argumentiert ist bzw. war hier die Erzählerperspektive fast ausschließlich männlich („Hisstory“) – hat einen bestimmten gesellschaftlichen, politischen und historischen Standort. Und
wenn Entscheidungsträger, wie dies vor allem in der Außenpolitik der USA zuweilen in
faszinierender Weise in Memoiren von Spitzenpolitikern geschieht, über die Konstellation in
wichtigen Entscheidungssituationen, in denen sie maßgebliche Akteure waren, in der
internationalen Politik offen und ausführlich berichten, ist immer die persönliche Perzeption
und die daraus resultierende Selektion und Parteilichkeit in der Darstellung in Rechnung zu
stellen. Auch die von Henry Kissinger – eminenter Politologe in Harvard und dann von 1969
bis 1974 Nationaler Sicherheitsberater bzw. ab 1973 Außenminister in der Administration von
Richard Nixon (1969-1974) und Gerald Ford (1974-1977) – vorgelegten dreibändigen
„Erinnerungen“ sind, wie das Goethe so schön im Titel seiner Lebenserinnerungen genannt
hat, eine Mischung von „Dichtung und Wahrheit“. Ein neueres Beispiel ist eine Publikation
des Verteidigungsministers der Kennedy- und Johnson-Regierungen, Robert McNamara. Sein
1995 in New York erschienenes Buch „In Retrospect. The Tragedy and Lessons of Vietnam”
und mehrere öffentliche Entschuldigungen des Autors für sein Verhalten bzw. konkrete
Entscheidungen während seiner Amtszeit die Vietnam-Frage betreffend („I was wrong! My
God, I was wrong“) lösten in den USA eine breite Debatte über die Rolle McNamaras selbst
bzw. der Entscheidungen der Regierungen von John F. Kennedy (1961-1963) und Lyndon B.
Johnson (1963-1969) aus. Anders oder im methodisch-theoretischen Jargon der Disziplin IP
formuliert: Wir müssen davon ausgehen, dass „die empirische Wirklichkeit, auf die sie (die
9
Disziplin IP, Anm. H.K.) sich bezieht, ‚an sich’ nicht zugänglich ist, sondern eine sprachlich
konstituierte Wirklichkeit ist.“ (Meyers 1990, 54)
5.
Die Disziplin „Internationale Politik“/„Internationale Beziehungen“
angesichts der „neuen Unübersichtlichkeit“ von Gesellschaft, Politik
und Weltpolitik nach 1989
„Die Motivation zu allgemeinem Nachdenken über Politik
ist ganz und gar keine allgemeine, sondern entsteht aus dem
mitunter verzweifelten Verlangen, jenem Spiel von Macht
und Streben, das uns an zerklüfteten Orten und in
zerrissenen Zeiten wie ein Strudel umgibt, einen Sinn abzuringen.“
(Clifford Geertz)
„Our essential task is understanding (...)“
(Robert O. Keohane)
Die Disziplin IP war in den neunziger Jahren vollauf beschäftigt mit den tiefgreifenden
Veränderungen im internationalen System und ihren Auswirkungen auf Nationalstaaten und
nationale Politik, die vor allem durch den Globalisierungsprozess und das Ende des Ost-WestKonfliktes 1989 bedingt und verursacht sind, einigermaßen zu Rande zu kommen. „Die
Disziplin Internationale Beziehungen“, schreibt Robert O. Keohane in dem bereits zitierten
Überblicksaufsatz, „ist am Ende des 20. Jahrhunderts in einem Zustand von Gärung und
Konfusion. (...) Kontroversen in der Disziplin haben Aufklärung und Verwirrung in
unglücklicherweise ungleichem Masse gemischt. Wir sind auf unruhiger See; aber in einem
faszinierenden Ozean mit neuen Geschöpfen, die auf neue Art und Weise interagieren, die es
zu beobachten gilt.“ (Keohane 1996, 462, Übersetzung H.K.)
Die Komplexität und damit auch die „neue Unübersichtlichkeit“ – ein Ausdruck, den der
deutsche Sozialwissenschafter Jürgen Habermas geprägt hat – der internationalen und
nationalen Politikstrukturen sind vor allem durch die Vermehrung der politisch relevanten
Akteure und der Ausweitung von Handlungs- und Wirkungsebenen in Politik und Ökonomie
in den letzten beiden Jahrzehnten enorm gesteigert worden.
Neben den Nationalstaaten – deren Zahl ständig zunimmt (im Herbst 2002 wurden die
Schweiz und Ost-Timor –offizielle Bezeichnung Timor-Leste- als 190. und 191.
Mitgliedsstaat in die UNO aufgenommen, 1989 war die Zahl der UN-Mitglieder 158, bei der
Gründung der UNO waren es 51 Mitgliedsstaaten) – und den Internationalen Organisationen
sind transnational operierende Konzerne und Gruppen des Finanzkapitals als Akteure in der
Weltpolitik und Weltwirtschaft immer wichtiger geworden. Zitieren wir die angesehene
(neo)liberale englische Wochenzeitschrift „Economist“:„Die Finanzmärkte sind zu den
Richtern und Geschworenen jeder Wirtschaftspolitik geworden.“ (The Economist, 7th of
October, 1995; zitiert nach Martin/Schumann 1996, 90)
Hinzu kommt als wichtigste Vertreterin der „internationalen Zivilgesellschaft” (international
civil society) die neue Akteursgruppe der Nicht-Regierungsorganisationen (NonGovernmental Organizations, NGOs), die durch ihre internationalen Netzwerke und mit
äußerst effizienter Organisation und optimalem Mitteleinsatz zu einer – so der Aufmacher der
Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Profil” über NGOs – zu einer „neuen Weltmacht”
(Profil, 20.12.1999) geworden sind. Im internationalen Rahmen arbeiten schätzungsweise
25.000 solcher Organisationen, regional und im nationalen Rahmen dürfte ihre Zahl noch weit
10
höher sein. Hiezu Ernst-Otto-Czempiel: „Ihren ersten großen Auftritt hatten sie beim
‚Erdgipfel’ von Rio de Janeiro im Juni 1992. Ihren größten Triumph feierten sie mit dem
Vertrag über die Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag, 1998.
Gegen den Widerstand der Supermacht USA setzte die ‚NGO-Koalition für einen
Internationalen Strafgerichtshof’, die sich 1995 in New York gegründet und bis 1998 auf 800
Organisationen vergrößert hatte, durch, dass künftighin Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, Völkermord und Angriffskrieg als internationale Straftatbestände angesehen
und geahndet werden können.“ (Czempiel 1999, 59)
Die Funktionsveränderungen und teilweise beträchtliche Schwächung der nationalstaatlichen
Instanzen, die vielen Widersprüchlichkeiten der Globalisierung, der gleichzeitig ein Prozess
von Vereinheitlichung und Fragmentierung ist, die Entgrenzung und Entstofflichung im
Wirtschaftsleben zu all dieser neuen Komplexität im Akteurs- und Handlungssystem der
internationalen Politik und Wirtschaft gehört auch die Entwicklung, dass von der
Durchlässigkeit der nationalstaatlichen Grenzen und den neuen technologischinformatorischen Möglichkeiten die Akteure und Gruppen der Organisierten Kriminalität
(Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Menschenhandel etc.) massiv profitieren. UNGeneralsekretär Kofi Annan hat in seinem Bericht „Die Rolle der Vereinten Nationen im 21.
Jahrhundert“ anlässlich des so genannten „Millennium-Gipfels“ im September 2000 auf diese
bedrohliche Herausbildung und Stärkung einer „unzivilen Gesellschaft“ hingewiesen:
„Darüber hinaus hat die Globalisierung eine neue Anfälligkeit für alte Bedrohungen mit sich
gebracht. Kriminelle Zusammenschlüsse nutzen die neuesten Technologien, um weltweit mit
Drogen, Waffen, Edelmetallen, Edelsteinen und sogar Menschen zu handeln. In der Tat
schaffen diese Elemente der ‚unzivilen Gesellschaft’ Weltkonzerne der Illegalität.“ (United
Nations: Die Rolle der Vereinten Nationen im 21. Jahrhundert, 2000, 7). Welche Ausmaße die
Kriminalisierung der Weltwirtschaft erreicht hat, kann am besten am internationalen
Drogenhandel veranschaulicht werden. Nach Angaben der in Wien ansässigen
Drogenkontroll-Kommission der Vereinten
Nationen (United Nations Drug Control
Programe/UNDCP) wird geschätzt, dass das Volumen des weltweiten Drogenhandels zur Zeit
zwischen 400 und 500 Mrd. Dollar beträgt, das ist fast ein Zehntel des gesamten Welthandels.
Drogen sind somit nach Rüstungsgütern und Informationstechnologien die drittgrößte Warenund Produktionsgruppe im Welthandel, also noch vor Erdöl und Erdgas, Stahl und
chemischen Produkten. (vgl. Observatoire Geopolitique des Drogues 2000, 18)
Und der zunehmende Komplexitätsgrad von internationaler Politik schlägt sich auch in der
institutionellen Strukturentwicklung von internationalen und transnationalen Organisationen
nieder. Man kann sagen, dass zur Zeit „die Europäische Union die internationale Organisation
mit der komplexesten institutionellen Struktur (ist)“. (Keohane 1996, 467, Übersetzung H.K.)
Die dynamische, von ständigen Krisen und schwierigen Entwicklungsschüben, aber auch von
einer kontinuierlich voranschreitenden politischen Finalität gekennzeichnete Institution der
Europäischen Union ist besonders repräsentativ für die neue Form und die neue Qualität
politischer Mehrebenensysteme und der dadurch entstehenden und notwendigen
komplizierten und vieldimensionalen Kooperationen zwischen nationalstaatlichen,
internationalen, regionalen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. (vgl. dazu den relevanten
Teilbereich der Dokumentation des Skriptums) So sind alle Akteure und Instanzen der
Europäischen Union angesichts der großen Herausforderung der Erweiterung und
Institutionenreform unter Zugzwang, neue, offenere politische Verfahren und Formen eines
effizienten Kooperationsmanagements zu entwickeln, wodurch sowohl eine effektive
Koordinierung der Mehrebenen-Politik im Kontext von Staat, Europäischer Union,
Internationalen Organisationen und über effiziente Verwaltungs- und KooperationsLeistungen hinaus auch die Einbeziehung der Bürger und die Stärkung der
11
Kontrollmechanismen der bisher nur in nationalstaatlichem Kontext realisierten Prinzipien der
repräsentativen Demokratie realisiert werden kann.
Es gibt viele Anzeichen und Belege hiefür, dass die Disziplin IP auf diese Zunahme der
Komplexität, die vielen neuen Dimensionen und Widersprüchlichkeiten im internationalen
System, mit einer offenen Haltung und einer Bereitschaft zu einer qualitativ-reflexiven
Überprüfung ihrer tragenden Konzepte, analytischen Ansätze und Theorien reagiert hat bzw.
zu reagieren beginnt. Ganz entscheidend für die Infragestellung der bislang dominierenden
Großtheorien in der IP und für die Einleitung einer intensiven Debatte über die Möglichkeiten
und Grenzen von Kausalaussagen und Prognosen in der Analyse von internationaler Politik
und Wirtschaft war der historische Systembruch des Jahres 1989, der Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums in der zweiten Hälfte des Jahres 1991, dessen Rasanz und vor allem
dessen im wesentlichen nicht-gewaltsame Form die Spezialisten für kommunistische Systeme
und internationale Politik in den USA und in anderen westlichen Ländern völlig überrascht
hat.
Der schwedische IP-Spezialist Kjell Goldmann hat in einem weiteren, im „New Handbook of
Political Science“ (Goodin/Klingemann 1996) enthaltenen Überblicksartikel über den „Stateof-the-Art“ der Disziplin IP diesen tiefen „End-of-the-Cold-War“-Schock für die „scientific
community“ in den IP anschaulich beschrieben: „Few IR scholars anticipated the changes that
took place in world politics in the second half of the 1980s. It is difficult to quarrel with
Gaddis’s (1992, 53) conclusion that ‚none of the three general approaches to theory that have
evolved since 1945’ – the behavioural, the structural and the evolutionary, in Gaddis’ view –
‘came anywhere close to anticipate how the Cold War would end.’ Indeed, IR scholarship
from the mid-1950s to the mid-1980s may be characterized as the accumulation of
explanations of the Cold War’s persistence. (...) The sum was a powerful theory of
international non-change. There was little base in this rich literature to expect the East-West
confrontation to end – and to do so peacefully and in short time.” (Goldmann 1996, 408)
In diesem historischen Kontext stellt sich nun, wie das die eingangs zitierte Einschätzung von
Robert O. Keohane gut ausdrückt, die Disziplin IP weit weniger geschlossen und viel offener,
zum Teil auch durch die Aufspaltung in sehr viele verschiedene miteinander konkurrierende
Methoden- und Theorieansätze ziemlich fragmentiert und unübersichtlich dar. Neben die bis
Mitte der achtziger Jahre dominierenden Großtheorien (Neorealismus und
Institutionalismus/Liberalismus) sind andere Ansätze getreten, wie etwa feministische
Ansätze in der IP im „New Handbook of Political Science“: „Feministinnen suchen nach einer
neuen Definition der Bedeutung von Objektivität als Teil eines umfassenderen Versuchs eine
erkenntnistheoretische Position zu entwickeln, die auch wenn sie davon ausgeht, dass es
unmöglich ist, zu einer allgemeinen Wahrheit zu gelangen, in die Richtung geht, bessere und
von mehr Menschen geteilte verstehende Interpretationen der Welt zu ermöglichen.“ (Tickner
1996, 455.
Die produktivste Kraft dieses neuen methodischen und theoretischen Pluralismus in der
Disziplin IP zeigt sich meines Erachtens vor allem darin dass in zunehmenden Masse auch
von Vertretern des „Mainstream“ anerkannt oder zumindest konzediert wird, wie notwendig
es ist, Ansätze und Denkweisen zu entwickeln, die es erlauben, die Spezifizität des konkreten
Problembereichs, der konkreten historisch-politischen Konstellation – der „Wahrnehmung der
Vielzahl gesellschaftlicher Bestimmungen von Zeit-Räumen“ (Wallerstein 1998, 278) – auf
der Basis und dem Hintergrund von vorsichtig vorgetragenen, historisch fundierten
Verallgemeinerungen, synthetisierenden Konzepten und Kategorialsystemen zu analysieren.
In einem brillanten Text des US-amerikanischen Ethnologen und Politikwissenschafters
12
Clifford Geertz kommt diese konsequent aus der zunehmenden Widersprüchlichkeit und
„Stückhaftigkeit“ der Welt und der internationalen Politik nach 1989 entwickelte offene
Denk- und Sichtweise besonders schön und eindrucksvoll vom Ausdruck: „Wir brauchen
neue Denkweisen, die mit Besonderheiten, Individualitäten, Absonderlichkeiten,
Diskontinuitäten, Kontrasten und Singularitäten umgehen können und die auf etwas
ansprechen, was Charles Taylor kürzlich ‚tiefe Vielfalt’ (deep diversity) genannt hat – eine
Pluralität der Zugehörigkeiten und Seinsweisen. Es fehlt uns an Zugängen, die aus diesen
Seinsweisen, aus dieser Pluralität dennoch das Gefühl einer Verbundenheit gewinnen können,
die weder umfassend noch einförmig, weder originär noch unwandelbar und dennoch wirklich
sind.“ (Geertz 1996, 24)/ Geertz-Text als verbindlicher Vorlesungstext auf der Homepage
zur Vorlesung
Diese Einsicht in die Notwendigkeit einer offenen, auf Verstehen von möglichen und
denkbaren Zusammenhängen und gesellschaftlich-historischen Entwicklungslinien und
Alternativen ausgerichteten Analyseperspektive in der internationalen Politik bedeutet auch,
die naiv-arrogante Haltung abzulegen, dass die Wissenschaft (ob Natur- oder
Sozialwissenschaft) per se eine höherwertigere und bessere Form der Erschließung der
Wirklichkeit als andere Erkenntnismöglichkeiten (Kunst, Literatur, Philosophie) darstellen
würde. John Lewis Gaddis hat in seinem bereits zitierten, sehr folgenreichen und
kontroversiellen Aufsatz über den – recht geringen – Erkenntnis-Beitrag der Großtheorien in
der IP zur Erklärung des Endes des Kalten Krieges diese angesichts der Erfahrung unserer
begrenzten Fähigkeiten zu gesichteten Kausalaussagen in den Sozialwissenschaften gebotene
„neue Bescheidenheit“ ganz treffend formuliert: „My point, though, is not to suggest that we
jettison (jettison=aufgeben, H.K.) the scientific approach to the study of international
relations; only that we bring it up to date by recognizing that good scientists, like good
novelists and good historians, make us of all the tools at their disposal in trying to anticipate
the future. That includes not just theory, observation, and rigorous calculation, but also
narrative, analogy, paradox, irony, intuition, imagination, and – not least in importance –
style. If today’s physical und natural sciences can benefit from, and even can enrich
themselves by a recognition of how imperfect the old scientific method ‘modeled’ the real
world, then surely the social science can do the same. We may not gain greater clairvoyance
as a result. But we will learn more about the limits of our vision, and hence more about
ourselves.” (Gaddis 1992, 57-58, Hervorhebung im Text)
6.
Wissenschaftliche Analyse der internationalen Politik ist möglich,
wichtig
und
faszinierend/Umberto
Ecos
Kriterien
für
Wissenschaftlichkeit
Admittenda tibi joca sunt post seria quaedam, sed tamen et dignis
ipsa gerenda sunt/Erlaubt sind Dir Scherze nach gewissem Ernst,
doch sind sie würdevoll zu betreiben.“
(Hildebert v. Lavardin zitiert in Umberto Eco, Der Name der Rose)
In unserer Darstellung der Entwicklung und der Erkenntnisse der Disziplin IP wurde betont,
wie wichtig es ist, die Möglichkeiten und die Grenzen des Wissens über
Kausalzusammenhänge in der Disziplin IP klar zu sehen und zu akzeptieren, dass die
Methoden und Theorien der IP bei aller verständlicher „Sehnsucht nach der Kristallkugel“ –
so der Titel eines interessanten Essays von Helga Haftendorn zu den Grenzen der
Leistungsfähigkeit der Theorien in der IP (Haftendorn 1996) – und nicht in die Lage versetzen
können, den Politikern systematische Rezepte für politische Entscheidungen und Prognosen
über künftige Entwicklungen zur Verfügung zu stellen. Es ist auch weiter davon auszugehen,
13
dass es keine politisch-gesellschaftlich wertneutrale Analyse und keine „wertneutralen
Gelehrten (gibt). Unsere Werthaltungen sind ein integraler Bestandteil unserer Wissenschaft.
In diesem ist Wissenschaft immer auch Philosophie.“ (Wallerstein 1998, 275) Und – was den
Blick auf die Funktion kritischer Sozialwissenschaft (und auch einer emphatischen und
aktivistischen Auffassung von Universität) in der Gesellschaft schärft – wie das die
bedeutende englische Ökonomin Joan Robinson formuliert hat: „The function of social
science is quite different from that one of the natural sciences – it is to provide society with an
organ of self-consciousness.“
Trotz all dieser notwendigen Bescheidenheit in bezug auf „Erklärungswissen“ gehe ich
persönlich als Sozialwissenschaftler und in dieser Einführung in die Internationale Politik
davon aus, dass es möglich, produktiv und sinnvoll ist, sich in (sozial)wissenschaftlichersystematischer Manier mit den komplexen Problemen der internationalen Politik zu
beschäftigen und Erkenntnisse zu produzieren, die uns zwar nicht das „Wesen“ der
Phänomene erschließen und Problembereiche entschlüsseln können, uns aber doch
ermöglicht, die dahinterliegenden Strukturen, mögliche Erklärungsfaktoren und
Zusammenhänge zu erfassen und diese Erkenntnisse dann auch zu vermitteln, in der
„scientific community“, aber auch in der Öffentlichkeit. Anders formuliert: Die
Unmöglichkeit, auf komplexe historische Phänomene ein methodisches Programm analog zu
den Naturwissenschaften anzuwenden und das Vorhandensein von Werturteilen in der
Analyse (dass es keine wertfreie Erkenntnis gibt, heißt nicht, das es keine Regeln für die
wissenschaftliche Vorgangsweise gibt) bedeutet keineswegs, dass keine systematische
Wissenschaft im Bereich der internationalen Politik betrieben werden kann.
Wie bereits ausgeführt, „tobt“ über wichtige Kriterien und Prinzipien des wissenschaftlicherkenntistheoretischen Programms der Sozialwissenschaften und der Disziplin IP eine
intensive Debatte (man spricht hier von einer „third debate“ in der IP/die erste war jene
zwischen Idealismus und Realismus in den dreißiger Jahren, die zweite zwischen
„Traditionalisten“ und „Behavioralisten“ in den fünfziger und sechziger Jahren), was zur
Folge hat, dass bislang konsensual akzeptierte Regeln und Methoden „objektiverintersubjektiver“ Überprüfung von Daten und Hypothesen von Vertreterinnen und Vertretern
so genannter „weicher“ oder „verstehender“ Ansätze kritisch reflektiert und adaptiert werden
(so ist es, um ein schönes Wort des Doyen der kritischen Ökonomie in Österreich, Kurt
Rothschild zu zitieren, zumeist zielführender „eine Frage ungefähr richtig als sie präzise
falsch zu beantworten“). Dennoch gibt es über die wichtigsten Regeln eines
wissenschaftlichen bzw. sozialwissenschaftlichen Zugangs weitgehende Übereinstimmung.
So steht außer Streit, dass eine prinzipielle Nachprüfbarkeit der Aussagen, eine möglichst
klare Definition von Konzepten, die Verlässlichkeit der Messung von Indikatoren
(Reliabilität), ein möglichst hohes Ausmaß Validität (Bezug der Konzepte auf die
Wirklichkeit) und andere Regeln für einen wissenschaftlichen Zugang sinnvoll und
angemessen sind u.a.m.
Sehr hilfreich und vor allem auch für Studierende, die sich am Beginn ihres sozial- und
geisteswissenschaftlichen Studiums – aber auch in den Wehen der Schreibphase am Ende
ihres Studiums – befinden, sehr herzstärkend ist in diesem Kontext die Darstellung, die
Umberto Eco, einer der faszinierendsten Wissenschafter, Dichter und Intellektuellen unserer
Zeit, in seinem zum erstenmal im Jahre 1977 in italienischer Sprache erschienenen und in
deutscher Version zurzeit in 9.Auflage gedruckten Büchlein „Wie man eine wissenschaftliche
Abschlussarbeit schreibt“ (2002, 9.Auflage) von den kardinalen Prinzipien (kardinal nicht im
Sinne von „Im Namen der Rose“, sondern in der Bedeutung von besonders wichtig) bietet. Im
14
folgenden zitiere ich einige für unseren Vorlesungs- und Arbeitskontext besonders wichtige
Stellen und Argumente daraus:
„Was ist Wissenschaftlichkeit? Für manche ist die Wissenschaft mit den Naturwissenschaften
oder mit Forschungen auf quantitativer Grundlage gleichzusetzen. Eine Untersuchung ist
nicht wissenschaftlich, wenn sie nicht mit Formeln und Diagrammen arbeitet. Ginge man
davon aus, dann wäre eine Arbeit über die Moral bei Aristoteles nicht wissenschaftlich, aber
ebenso wenig wären es Untersuchungen über Klassenbewusstsein und Baueraufstände im
Zeitalter der Reformation. An der Universität misst man dem Begriff ‚wissenschaftlich’
offensichtlich nicht diese Bedeutung bei. Versuchen wir also festzulegen, unter welchen
Voraussetzungen eine Arbeit sich eine Arbeit in einem weiten Sinn wissenschaftlich nennen
darf (...):
Prinzip 1: „Die Untersuchung behandelt einen erkennbaren Gegenstand, der so genau
umrissen ist, dass er auch für Dritte erkennbar ist.“
Prinzip 2: „Die Untersuchung muss über diesen Gegenstand Dinge sagen, die noch nicht
gesagt worden sind, oder sie muss Dinge, die schon gesagt worden sind, aus einem neuen
Blickwinkel sehen.“
Prinzip 3: „Die Untersuchung muss für andere von Nutzen sein.“
Prinzip 4: „Die Untersuchung muss jene Angaben enthalten, die es ermöglichen
nachzuprüfen, ob ihre Hypothesen falsch oder richtig sind.“
(Eco 2002, 39-44, Hervorhebung im Text)
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