Skinheads - komplex RLP

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Ministerium des Innern und für Sport
Rechtsextremistische
Skinheads
Rheinland-Pfalz
Ministerium des Innern und für Sport
55116 Mainz, Schillerplatz 3-5
55022 Mainz, Postfach 3260
Tel./Fax: 06131/16-3772 /16-3688
E-Mail: [email protected]
[email protected]
Internet: http://www.verfassungsschutz.rlp.de
Rechtsextremistische
Skinheads
Stand: Dezember 2006
Vorwort
Zu den auffälligsten und lautesten Erscheinungsformen im rechtsextremistischen Spektrum zählt
zweifelsohne der rechtsextremistisch geprägte Teil
der Skinheadbewegung. Auf viele Betrachterinnen
und Betrachter wirkt dieser Personenkreis ebenso
abstoßend wie bedrohlich. Ein zumeist martialisches Äußeres, Hass erfüllte Parolen und Liedtexte
rechtsextremistischer Skinheadbands sowie der
immer wieder beschriebene exzessive Alkoholkonsum und eine ganze Reihe von mitunter schwersten Gewalttaten prägen das oberflächliche
Erscheinungsbild dieser Szene in der Öffentlichkeit. Dieser plakative Eindruck entspricht zwar im
wesentlichen den Tatsachen. Es ist aber gleichwohl
nur ein verkürzter, bruchstückhafter Ausschnitt aus einem komplexen Bereich des
aktuellen Rechtsextremismus. Umso mehr ein Grund, sich mit diesem Personenkreis
näher zu befassen.
Wichtig ist dabei vor allem die differenzierte Auseinandersetzung mit dem gesellschaftspolitischen Problem rechtsextremistische Skinheads. Grundsätzlich gilt nach
wie vor: Es gibt keine generelle politisch-extremistische Ausrichtung der gesamten
Skinheadszene. Nicht jeder, der sich selbst als Skinhead versteht oder dem Anschein
nach als solcher zu erkennen ist, kann daher automatisch als Rechtsextremist bezeichnet werden. Auch ist nicht jeder Skinhead per se ein Gewalttäter. Ebenso gibt es
keinen zwingenden Automatismus, der den Einstieg gerade junger Menschen in die
Szene bedingt.
Besorgnis erregend ist gleichwohl, dass die rechtsextremistische Skinheadbewegung
nunmehr über eine Reihe von Jahren hinweg eine ungebrochene Anziehungskraft vor
allem auf junge Menschen ausübt. Offensichtlich gibt es Anreize und Verlockungen,
die den Einstieg in diese Szene für manche Jugendliche attraktiv machen. Von einer
Form der Jugendsubkultur zu sprechen, ist nicht abwegig. Der bundesweite Zulauf
hat jedenfalls dafür gesorgt, dass sich neben den herkömmlichen rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen eine charakteristische, eigenständige Variante des Rechtsextremismus etablieren konnte.
Diese Broschüre des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes soll ihre Leserinnen
und Leser über einige Facetten und Hintergründe der rechtsextremistischen Skinheadszene informieren. Ihr liegt die Absicht zugrunde, unter dem Motto „Prävention
durch Information“ einen Teil zur Bekämpfung rechtsextremistischer Umtriebe in
unserer Gesellschaft beizutragen. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihr aufmerksames
Interesse findet.
Karl Peter Bruch
Minister des Innern und für Sport
Anmerkung für die Leserinnen und Leser:
1. Bei den in dieser Broschüre genannten Mitgliederzahlen muss berücksichtigt werden,
dass diese auf den sorgfältigen Beobachtungen der Verfassungsschutzbehörden in
Deutschland beruhen, aber letztlich keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit haben können. Aufgrund verschiedener Umstände wie beispielsweise der signifikant hohen Fluktuation innerhalb der Skinheadszene muss stets von einer gewissen Grauzone ausgegangen
werden. Diese dürfte allerdings nach bisherigen Einschätzungen keine beachtliche, Lage
beeinflussende Größe ausmachen. Insgesamt kann der Verfassungsschutz somit ein relativ exaktes Lagebild einschließlich der jeweiligen tendenziellen Veränderungen skizzieren.
Ebenso muss darauf hingewiesen werden, dass nur die Personen zahlenmäßig erfasst
werden, deren Verhalten Anhaltspunkte für den Verdacht extremistischer Bestrebungen1 im Sinne der Verfassungsschutzgesetze begründet.
2. Hinsichtlich der exemplarisch dargestellten Liedtexte ist anzumerken, dass deren Veröffentlichung im Rahmen einer möglichst umfassenden Berichterstattung trotz der oftmals
abscheulichen Deutlichkeit angemessen erscheint. Durch eine maßvolle Darstellung auch
der drastischsten Ausprägungen des Rechtsextremismus kann sich den Leserinnen und
Lesern die Kausalität zwischen einem vorurteilsgeladenen, rassistisch geprägten Menschenbild und den sich ggf. daraus ergebenden Folgewirkungen erschließen.
Einige der abgedruckten Liedtexte sind jugendgefährdend bzw. wurden von der
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. Sie dürfen Kindern und
Jugendlichen unter 18 Jahren daher nicht isoliert von dieser Broschüre zugänglich
gemacht werden.
3. Das Kapitel 5. dieser Publikation widmet sich der Soziologie der Skinheadbewegung. Da der Verfassungsschutz aufgrund seiner gesetzlichen Voraussetzungen keine
Erforschung bzw. Analyse dieses Themenkomplexes betreibt, fließen in diesem Abschnitt
Erkenntnisse aus der Wissenschaft sowie aus Themen bezogenen Veröffentlichungen
ein.
1
Politisch bestimmte, ziel- und zweckgerichtete Verhaltensweisen in einem oder für einen Personenzusammenschluss. Diese Verhaltensweisen zielen darauf ab, die freiheitliche demokratische Grundordnung des Grundgesetzes teilweise oder in Gänze zu beeinträchtigen oder abzuschaffen. Bloße
Meinungsäußerungen stellen regelmäßig nicht eine Verhaltensweise im beschriebenen Sinne dar und sind
somit auch nicht Gegenstand der Beobachtungstätigkeit des Verfassungsschutzes.
5
Inhaltsverzeichnis
Seite
1.
Skinheads in den Schlagzeilen
8
2.
Wurzeln der Skinhead-Bewegung
9
3.
Entwicklung der Skinhead-Bewegung in Großbritannien
9
4.
Entwicklung der Skinhead-Bewegung in Deutschland
12
5.
Soziologie der Skinhead-Bewegung
14
5.1 Allgemeine Forschungsergebnisse zur Skinhead-Szene
15
5.2 Forschungsergebnisse zur rechtsextremistischen Skinhead-Szene
17
5.3 Forschungsergebnisse zum Thema rechtsextremistische Gewalt
20
6.
Strömungen der Skinhead-Bewegung
22
7.
Rechtsextremistische Skinheads – „kurze Haare, radikal,
sozialistisch, national“
23
7.1 Bezeichnungen – Strukturen – Ideologie
23
7.2 Symbolik – Kleidungsstil
26
7.3 Entwicklung der rechtsextremistischen Skinhead-Szene
in Deutschland
29
7.4 Rechtsextremistische Skinheads in Rheinland-Pfalz
32
8.
33
Rechtsextremistische Skinheadmusik
8.1 Entwicklung rechtsextremistischer Skinheadmusik
34
8.2 Musikstil und Musikinhalte
37
8.3 Konzerte
38
9.
Vertrieb von Skinheadmusik und Szeneartikeln
40
10. Szenekommunikation - vom „Fanzine“ zum Internet
41
Anhang
44
A. Begriffserläuterungen
44
B. Liedtexte
51
6
Quellen: Verfassungsschutz
Neben eigenen Erkenntnissen bilden Erkenntnisse des Bundesamtes für Verfassungsschutz sowie der Landesbehörden für Verfassungsschutz Bayern,
Baden Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen die
informative Grundlage dieser Broschüre.
Literatur
„Die Skins – Mythos und Realität“, Klaus Farin (Hg.), erschienen im Ch. Links
Verlag, Berlin, 1997, ISBN: 3-86153-136-4
„Ich will halt anders sein wie die anderen – Abgrenzung, Gewalt und Kreativität
bei Gruppen Jugendlicher“, Roland Eckert, Christa Reis, Thomas A. Wetzstein,
erschienen im Verlag Leske+Budrich, Opladen 2000, ISDN: 3-8100-2247-0
„Reaktionäre Rebellen - Rechtsextreme Musik in Deutschland“, Archiv der
Jugendkulturen (Hg.), Berlin, 2001, ISBN: 3-936068-04-6
„Rechte Cliquen – Alltag einer neuen Jugendkultur“, Benno Hafeneger,
Mechthild Jansen, erschienen im Juventa Verlag, Weinheim u. München, 2001,
ISBN: 3-7799-0260-5
„Skinheads: Portrait einer Subkultur“, Christian Menhorn, erschienen in
Nomos-Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2001, ISBN: 3-7890-7563-9
„Nicht wegschauen – eingreifen!“, Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Am Kronberger Hof 6, 55116 Mainz, August 2000
„Skinheads und Rechtsextremismus“, Innenministerium des Landes NordrheinWestfalen, Haroldstraße 5, 40213 Düsseldorf, 4. Auflage, April 2001
„Texte zur Inneren Sicherheit. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus – drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern“, Bundesministerium des Innern, Alt-Moabit 101 D, 10559 Berlin, Dezember 2001
„Beiträge zur Inneren Sicherheit“, „Unsere Texte sind deutsch – Skinheadbands
in der Bundesrepublik Deutschland“, Christoph Mengert, Fachhochschule des
Bundes für öffentliche Verwaltung, Köln,1994, ISBN: 3-0930732-02-5
7
1. Skinheads in den Schlagzeilen
„Steckbrief – so sind die neuen Nazis“
„Prozess gegen Magdeburger Skins eröffnet“
„Sieg heil im Paradies – ein kleines Dorf in Rheinland-Pfalz
wurde zum Wallfahrtsort für Skinheads und Neonazis“
„Skinheads: Haftstrafen“
„Blut und Ehre, Mord und Totschlag – die Skinheads und
die rechte Militanz“
Diese Aneinanderreihung von einschlägigen Schlagzeilen ließe sich problemlos fortsetzen. Ungeachtet aller anderen aktuellen Schwerpunkte im Bereich der extremistischen Bestrebungen hat sich nichts daran geändert, dass die rechtsextremistische
Skinheadszene bereits über einen längeren Zeitraum ein Faktor von Belang ist. Skinheads sorgten in der Bundesrepublik Deutschland insbesondere durch gewalttätigen
Aktionismus in den vergangenen Jahren für stete Aufmerksamkeit und rücken somit
bis heute immer wieder in das Rampenlicht des öffentlichen Interesses. Zweifellos
gibt es innerhalb dieser subkulturellen Jugendbewegung ein großes Aggressionspotenzial; für nicht wenige Skinheads gehört Gewaltbereitschaft oder gar Gewalttätigkeit zum unverzichtbaren „Szenefeeling“. An dieser Stelle muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass weder alle Skinheads diese Gewaltbereitschaft auch im Alltag ausleben, noch dass sie per se dem rechtsextremistischen Spektrum zugeordnet
werden können. Es gilt, sorgfältig zu differenzieren. Die Bandbreite der Szene
erstreckt sich vom unpolitischen Typ über den linksextremistisch geprägten Skinhead bis hin zum nationalistisch ausgerichteten, dessen sich ideologisch verdichtendes
Weltbild in den Rechtsextremismus führen kann.
Allerdings können nach wie vor beträchtliche Teile der bundesweiten SkinheadBewegung der rechtsextremistischen Szene zugerechnet werden und sind somit
bereits seit geraumer Zeit ein Beobachtungsschwerpunkt der Verfassungsschutzbehörden in der Bundesrepublik Deutschland. Die folgenden Ausführungen sollen den
Leserinnen und Lesern einen Überblick und Einblicke in die rechtsextremistische
Skinheadszene aus verschiedenen Blickwinkeln vermitteln.
8
2. Wurzeln der Skinhead-Bewegung
Die Wurzeln der Skinhead-Bewegung liegen in Großbritannien. In den 50er und 60er
Jahren hatten sich dort verschiedene Jugendszenen bzw. -subkulturen gebildet, aus
denen letztlich auch die Skinheads hervorgehen sollten. Hierzu zählten z.B. die so
genannten Teddy-Boys (Teds), die sich bereits Mitte der 50er Jahre im Zuge der
ersten Rock`n`Roll Welle entwickelten. Unter ihnen waren überwiegend Jugendliche
aus dem Arbeitermilieu, meist ohne Ausbildung bzw. mit schlecht bezahlten Jobs. Sie
kopierten in Kleidung und Auftreten den exzentrischen Stil von König Edward VII
(genannt Teddy/Ted, Regentschaft 1901-1910). Viele Teds wandelten sich später zu
Rockern, die wiederum eine eigenständige Szene bildeten.
Eine weitere Jugendbewegung waren die Mods (Modernists), Arbeiterkinder mit eleganter Fassade und dem Sinn für Statussymbole sowie dem Traum von Wohlstand.
Einen markanten Kontrapunkt hierzu setzten in den 60er Jahren die Hippies, Töchter
und Söhne überwiegend aus der etablierten Mittelschicht, mit dem Wunsch nach
selbst verordneter Abkehr vom Wohlstand.
Die Mods können als Vorläufer der Skinheads bezeichnet werden; es gibt bereits einige frühe, interessante Parallelen. So trugen sie ihr Haar entgegen dem damaligen
Trend kürzer und gepflegter, Gewalt und Alkohol waren Teil ihres Selbstverständnisses. Sie hörten u.a. Ska-Musik jamaikanischer Einwanderer, die anfangs auch unter
Skinheads beliebt war. Der „Run“ auf Statussymbole (z.B. teure Mode, Motorroller)
wurde für Mods aus Arbeiterfamilien letztlich aber zum Verhängnis - sie konnten nicht
mehr mithalten. Andere wiederum, solche mit betuchterer Herkunft, orientierten sich
um. Sie fingen an zu studieren oder glitten in die Mode werdende Hippie-Bewegung
hinein. Im Zuge des Niedergangs der Mods-Szene mutierten ihre Arbeiterkinder zu
Hard-Mods. Ihr Äußeres veränderte sich: die Haare wurden noch kürzer, Jeans und
Arbeiterstiefel signalisierten ein neues Selbstverständnis. Der Übergang vom HardMod zum Skinhead konnte jetzt quasi fließend erfolgen. Etwa ab Mitte der 60er Jahre setzte diese Entwicklung ein; im Jahre 1969 tauchte zum ersten Mal die Bezeichnung Skinhead auf.
3. Entwicklung der Skinhead-Bewegung in Großbritannien
Die Skinhead-Bewegung bildete sich zunächst in den Arbeitervierteln der Großstädte
mit industrieller Prägung, so vor allem im Londoner Eastend. Anfangs schien sie nicht
viel mehr zu sein als eine eher unpolitische Gegenbewegung zu den anderen
Jugendszenen und spiegelte nicht das gewachsene Selbstverständnis einer politisch
9
motivierten Opposition zum gesellschaftlichen Mainstream wider. Skinheads der
ersten Stunde ließen beispielsweise kaum eine Gelegenheit aus, Hippies wegen
deren langen Haare und ungepflegtem Äußeren zu verspotten. Und doch waren die
Hintergründe der Genese der Skinhead-Bewegung durchaus vielschichtiger.
Die Welt der damaligen Jugendlichen war im Umbruch. Rationalisierung und Modernisierung veränderten die Arbeitswelt und ließen die Arbeitslosigkeit steigen. Vertraute soziale Strukturen verschwanden über Nacht; z.B. wurden ganze Stadtviertel im
Zuge der Modernisierung durch anonyme Wohnblöcke ersetzt. Entfremdung in der
gewohnten Umgebung war eine Folge und ein Mosaikstein in einem wachsenden
Frustrations- und Aggressionspotenzial, das kanalisiert werden wollte. Hinzu kam das
subjektive Gefühl der Überfremdung durch den Zuzug von Einwanderern aus den
ehemaligen britischen Kolonien.
Unter dem Eindruck dieser Entwicklung wuchs unter Arbeiterkindern ein neues, auf
Abgrenzung angelegtes Selbstbewusstsein heran - man zeigte plötzlich (wieder) Stolz
auf die eigene Herkunft. Dokumentiert wurde dies zunächst im äußeren Erscheinungsbild durch ein einheitliches, „sauberes“ aber auch provozierendes Aussehen.
Hervorstechendes Merkmal war bereits damals das extrem kurz geschnittene Kopfhaar; richtige Glatzen waren anfangs jedoch noch verpönt. Damit wurde auch eine
Selbststigmatisierung als „Underdog“ bzw. Opfer der herrschenden Umstände signalisiert2. Von den Jugendkulturen, die sich vornehm gaben, grenzte man sich bewusst
auch in der Freizeit durch robuste Arbeiterkleidung ab, die zum neuen Statussymbol
wurde. Obligatorisch waren klobige Stiefel (Bergarbeiter- bzw. Werftarbeiterstiefel der
Firma Doc Martens) mit zum Teil eingearbeiteten Stahlkappen, Jeans und derbe,
karierte Baumwollhemden mit offen über dem Hemd getragenen Hosenträgern.
Letzthin beschwor man durch diese bisweilen überzeichnete Symbolik des äußeren
Erscheinungsbildes eine selbst definierte Arbeitertradition, und brachte damit eine
zurück gerichtete Sehnsucht nach den „besseren Tagen“ der Arbeiterklasse zum
Ausdruck. Die Gegenwart machte diesen Jugendlichen zu schaffen; die Zukunft
machte ihnen Angst.
Die Aktivitäten der ersten Skinhead-Generation in Großbritannien konzentrierten sich
im wesentlichen auf den Besuch von Fußballspielen3 und Musikveranstaltungen.
Gewalt war schon in der Frühphase ein Faktor; jede Eskalation war eine Abwechse-
2
3
Das Abschneiden der Haare hat eine kulturgeschichtlich lange „Tradition“ und war bereits in frühen
Gesellschaften auch ein Zeichen der Unfreiheit und Demütigung.
Fußball genoss in Großbritannien traditionell großes Ansehen, was durch die gewonnene Weltmeisterschaft 1966 noch gesteigert wurde. Das Phänomen der Hooligans keimte dort bereits in den 60er Jahren
auf. Gewalttätige Auseinandersetzungen begleiteten viele Spiele. Aus Hooligans und Skinheads bildete
sich die Boot-Boys-Szene (boot: Stiefel), die bis Mitte der 70er Jahre starken Zulauf hatte.
10
lung im ansonsten oft trostlosen Alltag. Viele Skinheads hatten wenig zu verlieren.
Entsprechend lebten sie die Gewalt aus. Es ging darum, angestammte „Reviere“ zu
„verteidigen“. Die Ausgrenzung von Minderheiten war bereits ein Thema, wenngleich
ohne einen tiefsinnigen ideologisch fundierten bzw. manifestierten Hintergrund. Ziele
ihrer Attacken waren u.a. Obdachlose, Hippies und unter den Ausländern anfangs
vornehmlich Einwanderer aus Pakistan („Paki-Bashing“).
Von Beginn an war auch die Musik ein wichtiger Bestandteil im Leben eines Skinheads. Bemerkenswert ist, dass die erste Generation eine Vorliebe für die Ska-Musik
entwickelte, die jamaikanische Einwanderer nach Großbritannien brachten. Diese, im
Grunde „schwarze“ Musik, schuf zeitweise den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen ihren zugewanderten Interpreten und der damaligen Skinheadszene. Leider
sollte dies nicht von Dauer sein.
In den 70er Jahren begann eine weitere Entwicklungsphase, in deren Verlauf eine
neue Generation Skinheads heranwuchs. Insgesamt verschärfte sich in Großbritannien das soziale Klima weiter. Wirtschaftliche Probleme und immer weniger werdende Arbeitsplätze verstärkten den Konkurrenzkampf und vertieften die Gräben zwischen Einheimischen und Einwanderern. Die Skinheadszene stagnierte zunächst, der
Zulauf wurde geringer. Ein Grund hierfür lag im Entstehen einer neuen subkulturellen
Jugendszene, den Punks. Das etablierte Bürgertum wurde von dieser schrillen, provokanten Szene mehr noch als durch die Skinheads in Unruhe versetzt. Das kam gut
an – und aus manchem Skinhead wurde so ein Punk. Zeitweise sah es sogar danach
aus, als würde die Skinheadszene angesichts dieser „Konkurrenz“ zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Es sollte jedoch anders kommen. Die Punk-Musik wurde kommerzialisiert, was viele ihrer Anhänger auf der Suche nach einer neuen subkulturellen
Heimat förmlich in die Skinhead-Bewegung (zurück)trieb. Auch Punk-Bands wechselten zur Skinheadszene über.
Teile dieser Bewegung veränderten sich gleichzeitig aber grundlegend: Outfit und
Musik der Skinheads wurden deutlich aggressiver. Man trug nun auch Bomberjacken
und Springerstiefel, Schädel wurden völlig kahl rasiert („Boneheads“). Etwa zehn Jahre nach der Frühphase der Skinheadbewegung dominierte nun ein noch stärker ausgrenzender, weißer Männlichkeitskult. Das neue Schlagwort hieß ebenso kurz wie
schlicht: „oi„!4 Der „Oi-Punk“, eine wesentlich härtere Variante der seitherigen Skin-
4
Es gibt eine Reihe von Erklärungen und Deutungen, wie der „Schlachtruf“ oi quasi zu einem Markenzeichen wurde: Im Cockney-Slang der Arbeiterschicht bemüht man mit einem oi die Aufmerksamkeit seines/seiner Zuhörer/s. Eine Band stimmte ihre Lieder mit einem dreifachen oi statt mit „one, two, three“
an, usw.. Wenig wahrscheinlich erscheint der Erklärungsansatz, wonach der Begriff aus einer Verballhornung des Nazislogans „Strength through joy“ (joi, „Kraft durch Freude“) entstanden sein soll.
11
head-Musik, eroberte die Szene. Während sich die erste Skinhead-Generation noch
stark von Rechtsextremisten abgrenzte, gewann dieses neue Spektrum nun das
Interesse von Aktivisten mit ausgeprägt rassistischen Einstellungen. In dieser Zeit
gelang es auch einschlägigen rechtsextremistischen britischen Organisationen, wie
der neonazistischen „National Front“ (NF) oder dem „British Movement“ (BM), Teile
der Skinhead-Bewegung für ihre Ziele zu gewinnen5.
Das Abdriften beträchtlicher Teile der Skinheadszene in den Rechtsextremismus
setzte sich in den 80er Jahren verstärkt fort - die „Oi-Musik“ wandelte sich immer
mehr zum „Rechtsrock“. Wiederum wuchs eine neue Generation von Skinheads heran, deren Weltbild nun maßgeblich von rechtsextremistischen Ideologieelementen
geprägt wurde. Wie kaum ein anderer verkörperte der zur Kultfigur erhobene Bandleader Ian Stuart DONALDSON6 einen paneuropäisch verstandenen Rassismus mit
starken Anklängen an den historischen Nationalsozialismus7. Er fand viele (neue)
Anhänger. Der Trend der Politisierung nach rechts fand jedoch nicht nur Befürworter;
die Skinheadszene blieb uneinheitlich. Teile der Bewegung blieben unpolitisch, andere wiederum stemmten sich gegen die Rassisten. Eines war aber nicht mehr aufzuhalten: Von Großbritannien aus verbreitete sich die Skinheadsubkultur in andere Länder, so vor allem auf dem europäischen Festland.
4. Entwicklung der Skinhead-Bewegung in Deutschland
In der Bundesrepublik Deutschland begann die Skinhead-Bewegung ab Ende der
70er Jahre langsam Fuß zu fassen. Anfangs konnte man allerdings noch nicht von
Strukturen oder einer Szene im eigentlichen Sinne sprechen. Grundlegende und
überregional verbindende Elemente, wie die Kommunikation mittels Szenepublikationen („Fanzines“) oder eigene Bands, waren noch unbekannt. Zu Beginn stellte vieles
eine Kopie des Vorbilds in Großbritannien dar. Wie seinerzeit in Großbritannien kam
eine Reihe von Aktivisten der ersten Stunde aus der Fußballfangemeinde. Auch hier
gab es sogleich ein ausgeprägtes Gefühl für Ausgrenzung und die Pflege von Feind-
5
6
7
Von Beginn dieser Entwicklung an zeigte sich die Szene gespalten. Es gab weiterhin Skinheads, die sich
von den „rechten“ Parolen distanzierten; nicht alle Oi-Bands spielten rassistische Musik (z.B. die Gruppe
„Sham 69“). In der Folgezeit entstanden sogar „linke“ Skinzusammenschlüsse, teils organisiert, wie z.B.
die „League of Labourskins“. Während der heftigen Jugendunruhen in Großbritannien im Jahre 1981
waren immer wieder gemeinsame Aktionen von jungen schwarzen Einwanderern zusammen mit Skinheads zu beobachten.
In der Szene genannt und bekannt unter seinem Künstlernamen Ian STUART. Vgl. Nr. 7.1 Seite 25 und
Nr. 8.1, Seite 34.
Vgl. Christoph Mengert, „Unsere Texte sind deutsch…“, „Beiträge zur Inneren Sicherheit“, Juli 1994.
12
bildern8. Entgegen der ersten Skinhead-Generation in Großbritannien spielte die Frage sozialen Protestes allerdings kaum eine Rolle. Politisch provozierendes Auftreten,
so durch das Zeigen von Nazisymbolen, gehörte hingegen von Beginn an dazu.
Ab Beginn der 80er Jahre entwickelte sich die Skinheadszene in der Bundesrepublik
Deutschland kontinuierlich weiter. Erste Skinhead-Bands entstanden; mit Szenemagazinen („Fanzines“) begann die informationelle Vernetzung. Mitte der 80er Jahre
nahm die Gewalt innerhalb der Skinheadszene in Deutschland drastisch zu. Wie
ursprünglich in Großbritannien rückte auch hier eine neue, militantere und auch jüngere Generation nach, die sich härter gerierte. Neue Einflüsse, so aus den Vereinigten Staaten von Amerika, verstärkten diese Entwicklung. Die rassistischen Töne
innerhalb der Bewegung wurden immer vernehmbarer; „der Fremde“ (Ausländer)
wurde zum bevorzugten Feindbild, was sich vor allem in den Liedtexten der Skinhead-Bands widerspiegelte. Andere, nicht politisierte Jugendliche begannen zudem,
den Stil der Skinheads zu kopieren - es war plötzlich „in“, sich dieses provozierende
Outfit anzulegen. Parallel zu dieser Entwicklung entstanden innerhalb der Skinheadbewegung aber auch Strömungen, die sich von dem rassistischen, nationalistischen
Block distanzierten, so die SHARP-Skins9.
Bemerkenswert ist, dass sich nahezu zeitgleich auch in der ehemaligen DDR - wenngleich von Staats wegen geleugnet - eine eigene Skinheadszene entwickelte. Auch
dort zeigten sich alsbald interessante Parallelen zu den beschriebenen Entwicklungslinien. Anfangs fehlte weitestgehend eine politische Ausrichtung. Die meisten DDRSkinheads bekundeten mit ihrem Auftreten Abgrenzung zu den herrschenden Verhältnissen und den Wunsch nach Verbesserung der eigenen Lebensumstände10. Auch
hier kam es (in der zweiten Hälfte der 80er Jahre) zu einer Zäsur, so durch einen stärkeren Zulauf jüngerer Menschen, die sich radikaler im Sinne einer dumpfen, rassistisch geprägten Weltanschauung gaben. Kontakte zu rechtsextremistischen Strukturen im Untergrund taten ihr übriges.
In den 90er Jahren überzogen Skinheadstrukturen das gesamte (wiedervereinigte)
Deutschland. Dies trifft für die ganze Bandbreite der Szene zu, die sich nun ungehindert ausbreiten konnte. Aber auch fortan gab es keine homogene Bewegung. Der
unpolitische „Oi-Skin“ fand ebenso seinen Platz wie der „Redskin“ oder der „Nazi-
8
Zu den bevorzugten Feindbildern zählten schon damals vor allem Punker („Schweinepunx“). Zeitweise
versuchten Punker, Skinheads für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind Staat und Polizei zu gewinnen, was allerdings nur punktuell gelang.
9 SHARP = SkinHeads Against Racial Prejudice (Skinheads gegen rassistische Vorurteile).
10 Damit unterschieden sich die Skinheads in der DDR kaum von der schweigenden Mehrheit der Bevölkerung. Auch viele andere Menschen suchten ihr (privates) Heil in Nischen außerhalb des „sozialistischen“
Alltags, allerdings in aller Regel in weniger auffälliger Form.
13
Skin“. Insgesamt zeigte sich diese Entwicklung nicht mehr allein mit dominierenden
Schwerpunkten im städtischen Milieu. Der ländliche Raum war vom Auftreten dieser
Jugendbewegung längst mit betroffen.
Als ein aus Sicht des Verfassungsschutzes zentrales Problem stellte sich die Entwiklung der rechtsextremistischen Skinhead-Szene in den 90er Jahren dar. Deren Potenzial wuchs drastisch an; parallel hierzu stiegen die Fallzahlen rechtsextremistisch
motivierter Straf- und Gewalttaten mit Täterhintergrund aus dem Skinheadmilieu.
Rechtsextremistische Skinheadbands propagierten in ihren Liedtexten rassistische
Hassparolen bislang nicht gekannten Ausmaßes. Diese Entwicklungslinien setzen
sich auch im neuen Jahrhundert fort.
5. Soziologie der Skinheadbewegung
Bei allen tiefer gehenden Betrachtungen der Soziologie dieser subkulturellen Jugendbewegung erscheint zunächst der Gesichtspunkt der individuellen Befindlichkeiten
von Szeneangehörigen bedenkenswert. Skinheads verbinden mit ihrem „Sein“ offensichtlich nicht selten ein Lebensgefühl bzw. einen Lebensstil11, den sie nicht als
Zwang verstehen, sondern vielmehr emotional befriedigend empfinden. Dabei spielen eine Reihe von Gesichtspunkten, wie beispielsweise das Gemeinschaftserlebnis,
das Gefühl von „Kameradschaft“ und Corpsgeist oder auch Verbindung und Verbindlichkeit schaffende äußere Attribute (Symbolik, Kleidung, Sprache), tragende Rollen.
Eine politische Dimension kann, muss aber keineswegs mit im Spiel sein. Manch ein
Szeneangehöriger definiert sich und sein Tun gänzlich ohne einen politischen bzw.
politisch extremistischen Hintergrund - ein Skinhead-Gefühl aus einer just-for-fun
Stimmung, weil „man“ anders sein will. Vielleicht um des Reizes der Andersartigkeit
selbst willen, oder als Signal, „ich grenze mich von euch ab, weil ihr mich nicht versteht“. Diese Abgrenzung wird in der Skinhead-Szene nicht selten durch ein ausgeprägtes Bekenntnis zur eigenen Nation mitgetragen. Auch in diesem Punkt gibt es
vielfach Irritationen und Missverständnisse: Es gibt durchaus eine Grauzone mit fließenden Übergängen in einen undemokratischen, Menschen verachtenden Nationalismus. Somit sollte auch in dieser Frage sorgfältig differenziert werden, denn nicht
jeder Skinhead, der nationale Töne anschlägt, muss per se ein Nationalist im Sinne
rechtsextremistischer Ideologie sein. Die Gefahr, in ein solches Fahrwasser zu geraten, ist allerdings offenkundig und latent.
11 Vgl. Kurt Möller „Hässlich, kahl und hundsgemein“ in „Die Skins, Mythos und Realität“ von Klaus Farin,
erschienen 1997 im Ch. Links Verlag, Berlin, ISBN: 3-86153-136-4.
14
Die Skinheads stellen demnach in vielfacher Hinsicht keine homogene Bewegung dar.
Bei generalisierenden Aussagen ist daher Vorsicht geboten. Erschwerend kommt hinzu, dass bislang aus hiesiger Sicht nur wenige umfassende Untersuchungen über das
Skinhead-Phänomen vorliegen. Eingeflossen sind in den vergangenen Jahren hingegen wiederholt Einzelerkenntnisse in Forschungen über die Hintergründe rechtsextremistischer Gewalt.
Im Folgenden werden einige Ergebnisse jüngerer Forschungen exemplarisch dargestellt:
5.1 Allgemeine Forschungsergebnisse zur Skinhead-Szene
Eine Studie von Helmut Heitmann aus dem Jahre 199512 erhebt den Anspruch, die
Skinhead-Szene repräsentativ zu analysieren. Grundlage der gewonnenen, nachfolgend auszugsweise geschilderten Daten stellen 406 ausgefüllte, von damals
insgesamt 8.000 an Szeneangehörige versandte Fragebögen dar. Inwieweit diese
Erhebung tatsächlich ein verlässliches Bild zeichnet, kann hier nicht abschließend
bewertet werden. Allerdings gewährt die Studie nur einen stark fokussierten Einblick
in nur etwa 5 % der Szene. Gerade in Hinblick auf die ermittelten Daten zum
Bildungshintergrund dürfte eine gewisse Skepsis angezeigt sein. Der verhältnismäßig
hohe Anteil an Abiturienten ließe sich beispielsweise auch damit deuten, dass diese,
da in aller Regel im Schreiben geschulter, in vergleichsweise größerer Zahl den
Fragebogen ausgefüllt und zurück gesandt haben.
Die Heitmann-Studie stellt fest, dass sich bestimmte Strukturdaten der SkinheadSzene im Grunde nur wenig von den Vergleichsdaten der Jugendlichen insgesamt
unterscheiden. Dies trifft nach dieser Erhebung u.a. für den Altersquerschnitt und das
Bildungsniveau zu. Mit über 55 % wurde danach zum damaligen Zeitpunkt (1995) der
Szeneanteil der 19-24 Jahre alten Jugendlichen bemessen, etwa 23 % lagen darunter (davon ca. 2,7 % unter 16 Jahren). Im Hinblick auf das Bildungsniveau wird angemerkt, dass die „vermuteten eher niedrigen Bildungsabschlüsse nicht festgestellt
werden konnten“. Die Antworten (Basis: 342) wiesen bei mehr als 75 % einen Realschul- bzw. Gymnasialabschluss (Gymnasium: 24,9 %) aus. Als arbeitslos gaben sich
9,3 % (Basis: 397) aus, wohingegen sich 83,4 % in einem Schul-, Ausbildungs- oder
Arbeitsverhältnis befanden. Ein Anteil von 18,6 % Facharbeitern standen 4,8 % ungelernte Arbeiter gegenüber.
12 Vgl. Helmut Heitmann, „Die Skinhead-Studie“, veröffentlicht in „Die Skins, Mythos und Realität“ von
Klaus Farin, erschienen 1997 im Ch. Links Verlag, Berlin, ISBN: 3-86153-136-4.
15
Als Zwischenbilanz stellt die Studie fest, dass für die Skinhead-Szene per se die These von mehrheitlich sozial Entwurzelten offensichtlich nicht zuzutreffen scheint. Vor
allem der wichtige Indikator Arbeitslosigkeit weist hier keinen signifikanten Wert auf.
Eine starke Abweichung vom soziologischen Querschnitt der Jugendlichen ergibt
sich bei der Geschlechterverteilung. Die Skinhead-Szene wurde und wird von jungen
Männern dominiert. Die erwähnte Studie weist bei der Geschlechterverteilung einen
Anteil von 87,3 % Männer und 12,7 % Frauen auf.
Einen weiteren Unterschied zur Vergleichsgruppe Jugendliche zeigt die Studie in
Sachen Zufriedenheit mit der Arbeits- und Lebenssituation auf. Hier ergaben sich
innerhalb der Skinhead-Szene vergleichsweise höhere Werte der „Unzufriedenen“.
Gefragt nach der Arbeits- und Lebenssituation zeigten sich laut der o.g. Studie annähernd 40 % (Basis: 395) „eher unzufrieden“.
Einen sehr hohen Stellenwert genoss für mehr als 93 % die Zukunftssicherheit im
Beruf. Bemerkenswert ist, dass die meisten der befragten Skinheads ihre beruflichen
Perspektiven kaum oder gar nicht mit Karriere- oder Statusdenken verbanden bzw.
mit der Frage, über andere bestimmen zu können. Körperliche, eigenverantwortliche
Arbeit stand dabei für viele ebenso im Vordergrund, wie der Gedanke, im Beruf für
andere oder die Gesellschaft insgesamt nützlich zu sein. Interessant ist ebenso, was
die Befragten angaben, nicht sein zu wollen: „Bonzen oder Spießer“, „profitgierige
Ellenbogentypen“ oder „Schickimickis“.
Momentane Unzufriedenheit und eine ausgeprägte Erwartungshaltung an eine sichere Zukunft bestimmten demnach die Alltagssituation vieler Skinheads, die sich dabei
oft in bewusster Opposition/Protesthaltung gegen gesellschaftliche Mainstreams
oder Klassifizierungen sehen.
Neben den beruflichen Hintergründen war auch nach dem Freizeitverhalten gefragt worden. Weit überwiegend (81,6 %) wurden Freizeitaktivitäten mit Freund, Freundin oder
der Clique entwickelt. Dabei dominierte im Ergebnis der hedonistische Faktor. Ganz
oben auf der Beliebtheitsskala standen Konzertbesuche, Musik hören und der Alkoholkonsum. Letzterer spielte offensichtlich eine ganz wesentliche Rolle. Erwähnenswert ist,
dass man mehrheitlich strikt zwischen Freizeit und Arbeit zu trennen vermochte.
Zur Frage der politischen Präferenzen gaben zwar mehr als 63 % der Befragten an,
politisch interessiert zu sein. Gleichzeitig artikulierte sich aber ein starker Unwille
gegenüber Parteien und Politikern; politische Vereinnahmungsversuche erfuhren eine
„heftige Ablehnung“. Auf die Frage nach der Parteienpräferenz („Sonntagsfrage“:
welcher Partei würde ich meine Stimme geben, wenn am Sonntag Wahlen wären)
gaben etwa 26 % rechtsextremistische Parteien an (Basis: 209). Von Interesse sind in
diesem Zusammenhang auch die Einstellungen gegenüber rechtsextremistischen
16
Skinheads und Minderheiten. Während nämlich fast 70 % der Befragten „Nazi-Skins“
eher negativ einstuften (18,2 %: eher positiv), wurden von immerhin etwa 33 % auch
Ausländer als eher negativ bewertet (13,1 %: eher positiv), Homosexuelle gar von
mehr als 49 % (9,3%: eher positiv). SHARP-Skins, die sich gegen Rassismus wenden, wurden immerhin von 45,6 % eher positiv bewertet (36,4 %: eher negativ).
Obwohl politisch nicht uninteressiert besteht aber mehrheitlich der Hang zum autonomen Individuum jenseits der etablierten politisch-gesellschaftlichen Strukturen. Einen
gewissen Widerspruch signalisiert die vergleichsweise starke Ablehnung rechtsextremistischer Skinheads, obgleich etwa ein Viertel durchaus mit rechtsextremistischen
Gruppen sympathisieren (vgl. Parteienpräferenz). Ebenso widersprüchlich erscheint die
Sympathie für SHARP-Skins (antirassistische Skinheads) und die trotzdem von jedem
dritten Skinhead mitgetragene negative Haltung gegenüber Ausländern.
Von Bedeutung für die Gesamteinschätzung der Szene sind auch die Fragen nach
deren Gewaltverständnis. Dies ist durchaus nicht unkritisch. So befürworteten 68,7 %
der Befragten (Basis: 405), „dass es Situationen gibt, in denen einem nichts anderes
übrig bleibt, als Gewalt anzuwenden“. Immerhin 30,4 % waren der Auffassung, „dass
man durch Gewalt mehr Beachtung erfährt“. Gerade diese Antwort erscheint recht
aufschlussreich. Zeigt sie doch, dass als ein Motivationsfaktor für Militanz innerhalb
der Szene durchaus die individuelle Nichtbeachtung bzw. Vernachlässigung eine Rolle zu spielen scheint. Hinzu kommt, dass nahezu jeder Zweite der Befragten Gewalt
unter Jugendlichen als „normal“ erachtet; eine große Zahl berichtete von persönlichen Gewalterlebnissen (ca. 68 % der Befragten hatten sich in den letzten zwei Jahren vor der Befragung mindestens zwei Mal geprügelt).
Insgesamt bestätigt die erwähnte Studie also das Bild, dass es den typischen Skinhead ebenso wenig gibt, wie es nur rechtsextremistische Skinheads gibt. Wie ist es
nun aber gerade um das Spektrum der rechtsextremistischen Skinheads bestellt?
5.2 Forschungsergebnisse zur rechtsextremistischen Skinhead-Szene
Aufschluss hierüber gibt u.a. eine im Jahr 2000 veröffentlichte Forschungsarbeit13
über „Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher“, in deren Rahmen auch eine Gruppe „rechter Skinheads„14 in den Zeiträumen 1995-97 und 199799 analysiert wurde.
13 Vgl. Roland Eckert, Christa Reis, Thomas A. Wetzstein, „Ich will halt anders sein wie die anderen –
Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher“, erschienen 2000 im Verlag Leske +
Budrich, Opladen, ISBN: 3-8100-2247-0.
14 Zu der Gruppe zählte ein „harter Kern“ von etwa 10 Personen, die sich selbst als „rechtsextrem“ und
„ausländerfeindlich“ bezeichneten sowie ein Umfeld von ca. 15 Personen, die von Sozialarbeitern als
„rechts orientiert“ eingestuft wurden. Die Altersspanne innerhalb der Gruppe reichte von 16-32 Jahren.
17
Im Gegensatz zu der vorgenannten Studie, die den gesamten Szenequerschnitt analysiert, ist hier, im Teilsegment rechtsextremistischer Skinheads, hinsichtlich des Bildungsniveaus von „zum größten Teil niedrigen“ Schulabschlüssen die Rede; die
Jugendlichen galten als „schwer vermittelbar“. Hinzu kommt die Erkenntnis von
„überwiegend problematischen Familiengeschichten“.
Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Fragen individueller sozialer Probleme und Verwerfungen bei den Angehörigen rechtsextremistischer Skinheadzusammenschlüsse eine größere Rolle als im gesamten Szenequerschnitt spielen dürfte. In
diesem Zusammenhang ist auch die Aussage von nachhaltiger Bedeutung, dass
durch das Skinhead-Sein bei einigen der Befragten die familiären Probleme noch verstärkt würden. Damit wäre sodann ein fataler Teufelskreis von gegenseitigen negativen Wechselwirkungen eröffnet.
Keine wesentlichen Unterschiede zum „Durchschnittsskinhead“ lässt das Freizeitverhalten der analysierten rechtsextremen Skinheads erkennen. Auch hier wurden die
meisten Aktivitäten innerhalb der Gruppe entwickelt; Konzertbesuche und Musikhören standen ganz oben auf der Beliebtheitsskala.
Der politische Hintergrund innerhalb der untersuchten rechtsextremen Skinheadgruppe wurde als sehr unterschiedlich ausgeprägt wahrgenommen. Einerseits wurden
solche Skinheads ausgemacht, denen die politische Ausrichtung wichtig war. Andererseits waren auch in dieser Gruppe Aktivisten, denen es primär um den „Skin-Stil“
als solchen ging, und weniger um politische Inhalte. Ältere Gruppenmitglieder zeigten
sich als „ideologisch geschult“ und verhältnismäßig argumentationssicher. Jüngere
wiederum fielen durch das „ständige Wiederholen von Stereotypen“ auf. Die Älteren
versuchten immer wieder, Alltagssituationen (z.B. Erlebnisse mit Ausländern) mit
weltanschaulichen Gesichtspunkten zu verknüpfen. Dabei waren vor allem einschlägige rassistische und nationalistische Argumentationsmuster üblich. Bemerkenswert
ist nach den Forschungsergebnissen, dass sich in der Phase 1997-99 eine zunehmende Radikalisierung der Gruppe zeigte.
Besonders wichtig, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Prävention, erscheinen
auch Gesichtspunkte des Hineinwachsens in die rechtsextreme Skinheadgruppe
bzw. der spezifischen Gruppendynamik.
Der Zugang zu der untersuchten Gruppe erfolgte „häufig im Alter von 14 bzw. 15 Jahren“. In der frühen Phase der Gruppe wurde von einem „allmählichen Hineinwachsen
in die Szene“ gesprochen; meist traf man sich mit Gleichgesinnten. Besondere Aufnahmerituale gab es nicht. Daran hatte sich im Laufe der Zeit etwas geändert: zum
Zeitpunkt der Untersuchung war von Aufnahmebedingungen die Rede (z.B. eine
überzeugende politische Einstellung, Eigenschaften als „guter Schläger“ etc.).
18
Innerhalb der Gruppe unterwarf man sich bestimmten Regeln und solidarisierte sich
u.a. durch die Übernahme des szeneüblichen Dresscodes. Hierzu zählte neben dem
kahl geschorenen Schädel natürlich das entsprechende Outfit; hinzu kamen Tätowierungen („ein unbedingtes Muss“).
Die Gruppe selbst schien ihren Mitgliedern Halt und Geborgenheit zu geben. Aus einzelnen Aussagen geht hervor, dass Begriffen wie „Gemeinsamkeit“ und „Kameradschaft“ große Bedeutung beigemessen wurde.
Innerhalb der Gruppe gab es eine klare Hierarchie. Der Anführer, der auch der Älteste
war, zeichnete sich dadurch aus, dass er „verbal am geschicktesten war und das
größte Durchsetzungsvermögen“ hatte.
Am unteren Ende der Hierarchie standen die weiblichen Gruppenmitglieder, die als
„vollkommen ohne Rechte“ beschrieben werden. Sie selbst zählten sich „zum weiteren Umfeld“ der Gruppe. Äußerungen der männlichen Gruppenmitglieder spiegelten
ein extrem archaisches Rollenverständnis von Mann und Frau wider.
Weitere relevante Erkenntnisse vermittelt die Forschungsarbeit15 „Rechte Cliquen Alltag einer neuen Jugendkultur“ aus dem Jahre 2001. Die Studie baut auf einer
Regionalforschung von Hafeneger/Niebling aus dem Jahre 1999 auf. Am Beispiel von
drei Jugendcliquen aus hessischen Gemeinden werden „lokale Milieuerfahrungen“
von Jugendlichen u.a. im Hinblick auf die Bedeutung rechtsextremer Orientierungen16
wieder gegeben. Nachfolgend soll auf eine der drei Gruppen näher eingegangen
werden:
Bei der besagten Clique wurde ein „harter Kern ideologisch gefestigter“ Jugendlicher,
bestehend aus sechs Personen (vier Männer, zwei Frauen. Altersgruppe 18-23 Jahre), ausgemacht. Das weitere Gruppenumfeld wurde von den Jugendlichen zwischen
10 und 35 Personen angegeben.
Die Mitglieder des harten Kerns werden als „unterprivilegiert“ und „ohne Karrierechancen auf dem Arbeitsmarkt“ beschrieben. Die männlichen Gruppenmitglieder
waren zum Zeitpunkt der Untersuchung arbeitslos bzw. befristet angestellt. Sie hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung; einige waren ohne Hauptschulabschluss. Als prägend für ihr aktuelles Leben wurden „Langeweile, Alkohol und Politik“
15 Vgl. Benno Hafeneger, Mechthild Jansen: „Rechte Cliquen – Alltag einer neuen Jugendkultur“, erschienen im Juventa Verlag, Weinheim und München 2001, ISBN: 3-7799-0260-5.
16 Cliquen werden als selbstgewählte, und relativ selbstorganisierte, spontane, erwachsenenunabhängige
informelle Gruppierungen im lokalen Nahraum und Milieu beschrieben. Sie können Teil einer größeren
Szene sein. Bei rechten Cliquen wird von mehr oder weniger ausgeprägten Sympathien zum organisierten Rechtsextremismus, sowie von Einstellungen und Verhaltensweisen, die aus dem Ideologiebereich
des Rechtsextremismus kommen, gesprochen.
19
ausgemacht. Es wurde die Sehnsucht nach stabilen und klaren Strukturen und strengen Befehlen, nach Männerbünden sowie nach einem Leben als „Kämpfer für das
Vaterland“ artikuliert.
Nach außen tritt der „harte Kern“ der besagten Clique durch martialisches Outfit in
Erscheinung; es wird eindeutig die Zugehörigkeit zur rechten Skinhead-Szene signalisiert. Man bekennt sich offen als „rechtsextreme und ausländerfeindliche Gruppe“
und bedient sich zumeist entsprechender Ideologiefragmente. Eine intensive rechtsextremistisch-ideologische Schulung ist die Ausnahme.
Die Sinnwelt der Clique ist von ausgeprägtem Fremdenhass bzw. Rassismus und eindeutigem Freund-Feind-Denken gekennzeichnet. Ein Teil der Clique sieht sich in der
Tradition zur SA und SS; extrem rassistische Gruppierungen wie der „Ku Klux Klan“
haben Vorbildcharakter. Missfallen rufen jene Skinheads hervor, die besagte politische Haltungen nicht teilen.
Ein wesentlicher Kernbegriff ist für die Gruppe die Kameradschaft. Sie ist gleichsam
Inbegriff von Zugehörigkeit und Halt und wird entsprechend idealisiert. In ihrer subjektiven Bedeutung rangiert sie vor anderen identitätsstiftenden Gruppen oder Institutionen, wie der Familie, Arbeit und Schule.
Innerhalb der Gruppe wird Homogenität und das Negieren von Hierarchien hervorgehoben. Gleichwohl gibt es unterschiedliche Rollen und Funktionen, die mit Macht und
Einfluss verbunden sind.
5.3 Forschungsergebnisse zum Thema rechtsextremistische Gewalt
Abschließend soll auf Untersuchungen des Phänomens rechtsextremistisch motivierter Gewalt und daraus resultierende Erkenntnisse über die Skinhead-Szene eingegangen werden.
Grundlage für die nachfolgenden Daten ist eine Veröffentlichung des Bundesministerium des Innern aus dem Jahre 200117. Eine der darin enthaltenen Studien befasst
sich mit der Analyse polizeilicher Ermittlungsakten zu fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremistischen Tatverdächtigen (Verfasser: Christian Peucker, Martina Gaßebner, Klaus Wahl) im Analysezeitraum 199718. Exemplarisch soll auf den
Deliktsbereich fremdenfeindliche Straftaten eingegangen werden, da hierzu auch Ver-
17 „Texte zur Inneren Sicherheit“, Dezember 2001, „Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus – Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern“.
18 Diese Studie stellt in vielen Punkten eine Wiederholungsstudie von zwei Untersuchungen der Uni Trier dar
(vgl. Willems/Eckert/Würtz/Steinmetz 1993 und Willems/Würtz/Eckert 1994). Diesen beiden Studien liegen die Analysezeiträume 1991 bzw. 1992/93 zugrunde.
20
gleichsdaten zum Forschungszeitraum 1992/93 vorliegen (vgl. Fußnote Nr. 12). Die
Basis für die Daten aus dem Jahre 1997 bilden 2.887 von Polizeidienststellen ausgefüllte Fragebögen zu Tatverdächtigen. Zunächst einige allgemeine Daten:
Der Altersschwerpunkt der analysierten Tatverdächtigen lag in den Zeiträumen
1992/93 sowie 1997 in der Gruppe 15-24 Jahre. Am stärksten repräsentiert waren die
18-20-jährigen, gefolgt von den 15-17-jährigen. Jeweils mehr als 90 % der Tatverdächtigen waren männlich (der Anteil der weiblichen Tatverdächtigen stieg von 5 %
in 1992/93 auf 9 % in 1997). Zumeist handelte es sich um Gruppentaten (1992/93: 79
%, 1997: 76 %); über zwei Drittel der Tatverdächtigen war zum Tatzeitpunkt alkoholisiert. Jeweils stark vertreten waren Tatverdächtige mit Hauptschulabschluss
(1992/93: 60 %, 1997: 56 %). Tatverdächtige mit Abitur oder Hochschulabschluss bildeten jeweils eine Minderheit von 3 %. In beiden Vergleichszeiträumen war etwa jeder
fünfte Tatverdächtige arbeitslos (mit zunehmenden Lebensalter steigt diese Quote,
und liegt bei der Gruppe ab 25 Jahre bei mehr als 40 %). Im Straftatenteilsegment
der Gewalttaten konnte allerdings kein überproportionaler Anteil an arbeitslosen Tatverdächtigen festgestellt werden. Es wird festgehalten, dass zwar Problemgruppen
unter den Tatverdächtigen sind, solche Gruppen aber nicht zunehmend fremdenfeindliche Straftaten begehen.
In diesem Zusammenhang erscheint die Anmerkung wichtig: ein bisweilen dargestellter „Mechanismus der Zwangsläufigkeit“, wonach individuelle Probleme und soziale
Konfliktlagen nahezu automatisch in die Gewaltkriminalität führen, ist nicht haltbar.
Was nun Skinheads bzw. Skinheadgruppen anbelangt, so ist zunächst bemerkenswert, dass diese im Zusammenhang mit den Tatverdächtigen im Jahre 1997 (31 %)
öfter genannt werden, als 1992/93 (20 %). Nahezu jeder dritte Tatverdächtige gehörte 1997 einer Skinheadgruppe an. Dabei lag der Altersschwerpunkt mit fast 90 % in
der Gruppe der 15-24-jährigen. Im Zuge dieser Entwicklung verweist die Studie u.a.
auch auf eine Radikalisierung fremdenfeindlicher Straftäter und eine Stabilisierung
der rechtsextremen Szene. Im Teilsegment fremdenfeindliche Gewalttaten zeichneten
1997 für 27 % der Delikte Skinheadgruppen verantwortlich19. Wichtig ist, dass im
Ost-West-Vergleich im Jahre 1997 rund 49 % der Tatverdächtigen Gewalttäter im
Westen sich als Skinheads benannt haben, während nur 8 % aus dem Osten dies
getan haben. Damit wird eine gängige These, dass im Osten hauptsächlich Skinheads für fremdenfeindliche Gewalttaten verantwortlich sind deutlich in Frage
gestellt.
19 Zum Vergleich: ca. 31 % der Gewalttäter konnten so genannten informellen Gruppen zugerechnet werden.
21
6. Strömungen der Skinheadbewegung
Innerhalb der Skinheadbewegung in der Bundesrepublik Deutschland sind mehrere
größere Strömungen sowie einzelne, weniger stark ausgeprägte Erscheinungsformen
wahrnehmbar. Insgesamt kann daher nicht von einer einheitlichen oder homogenen
Bewegung gesprochen werden.
Einen zahlenmäßig großen Anteil bilden die so genannten Oi-Skins (s.a. Seite 11,
Fußnote 4.). Weite Teile dieses Spektrums haben sich bislang resistent gegenüber Vereinnahmungsversuchen rechtsextremistischer Gruppen gezeigt. Politischen
Extremen begegnet man weitgehend mit Ablehnung. Für „Oi-Skins“ steht in aller
Regel nicht die politische Agitation, sondern der „Spaß“ am Skinheaddasein als
solchem und den damit verbundenen Aktivitäten (Konzertbesuche etc.) im
Vordergrund. Gleichwohl bezeichnen sich viele „Oi-Skins“ auch als „Patrioten“ und
lassen eine nationalistisch geprägte, stark reservierte Haltung gegenüber Ausländern
erkennen.
Eine Minderheit innerhalb der Skinheadbewegung bilden „linke“ bzw. „antifaschistische“ Skinheads. Sie firmieren unter Bezeichnungen wie „Redskins“, „Red & Anarchist Skinheads“ (RASH) oder „SHARP“
(„Skinheads Against Racial Prejudice“).
„Redskins“ verstehen sich als Vertreter
einer militanten Arbeiterjugendbewegung.
Sie können zumeist der linksextremistischen Autonomen-Szene zugerechnet werden. In ihrem äußeren Erscheinungsbild
grenzen sie sich von rechtsextremistischen
Skinheads z.B. durch rote Bomberjacken20
und Anti-Nazi-Aufnäher ab. Ihre Springerstiefel versehen sie bisweilen mit roten
Schnürsenkeln, im Gegensatz zu den in der
rechtsextremistischen Skinheadszene gebräuchlichen weißen21.
20 Nicht zu verwechseln mit glänzend roten Jacken mit der Aufschrift „Redskins“. Hierbei handelt es sich
um Fanjacken einer Footballmannschaft aus Washington/DC (USA).
21 Die Farbe der Schnürsenkel kann ein Indiz sein, muss es aber nicht. Insofern können vorschnelle Beurteilungen eines etwaigen politischen Hintergrundes allein aufgrund solcher Äußerlichkeiten fehlleiten.
Vgl. Nr. 7.2, Seite 26.
22
Gegenüber den „Redskins“ sehen sich die SHARP-Skins als weitgehend unpolitischen Teil der Skinheadbewegung. Allerdings bilden sie ein antirassistisches Gegengewicht zu den rechtsextremistischen Skinheads und treten beispielsweise demonstrativ für Ausländer ein, um diese vor Übergriffen zu schützen.
Zu einer starken Strömung in der SkinheadSzene ist mittlerweile der Bereich geworden,
der dem rechtsextremistischen Spektrum zuzurechnen ist. Auch dieses Feld muss differenziert
betrachtet werden. Es reicht von Skinheads, die
(zunächst nur) mehr oder weniger starken
rechtsextremistischen Einflüssen unterliegen,
bis zu solchen, die bereits ein ausgeprägtes
rechtsextremistisches Weltbild verinnerlicht haben und ihr Leben danach ausrichten.
Die jeweilige Zuordnung bzw. Einschätzung des Grades der extremistischen Haltung
fällt in diesem durch hohe Fluktuation und Strukturdefiziten gekennzeichneten Gebiet
des Rechtsextremismus aber in vielen Fällen nicht leicht. Gerade im Umfeld der
rechtsextremistischen Skinheadszene hat sich in den vergangenen Jahren eine
schwer quantifizierbare Grauzone mit entwickelt. Sie umfasst Personen, die zwar als
Sympathisanten oder Mitläufer eingestuft werden können, bei denen aber (noch)
nicht von einem rechtsextremistischen22 Hintergrund gesprochen werden kann.
7. Rechtsextremistische Skinheads - „kurze Haare,
radikal, sozialistisch, national„
7.1 Bezeichnungen - Strukturen - Ideologie
Für rechtsextremistische Skinheads gibt es eine Reihe von Szenebezeichnungen und
Arbeitsbegriffen23. Zu den gebräuchlichsten gehören der „Nazi-Skin„24, wie er üblicherweise von der „linken“ Szene verwendet wird, oder der Begriff „White-Power-
22 Extremismus umfasst Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung des Grundgesetzes zu beeinträchtigen oder gar abzuschaffen. Der Verfassungsschutz grenzt den
Extremismus vom Radikalismus wie folgt ab: Radikalismus bedeutet, den politischen Gestaltungsspielraum des Grundgesetzes bis zum Äußersten zu nutzen, ohne dabei jedoch die Verfassung selbst oder
ihre elementaren Bestandteile in Frage zu stellen bzw. zu bekämpfen. Während der Extremist also gegen
das politische und gesellschaftliche System mit dem Ziel vorgeht, es abzuschaffen, nutzt der Vertreter
radikaler Positionen es erschöpfend aus - allerdings ohne die Absicht, die freiheitliche demokratische
Grundordnung zu beseitigen.
23 Hierbei handelt es sich nicht um Organisationsbezeichnungen.
24 Die Bezeichnung „Nazi-Skin“ wird mitunter auch von rechtsextremistischen Skinheads selbst verwendet.
Als weiterer Szenebegriff ist auch der des „Fascho-Skin“ bekannt, abgeleitet vom Begriff Faschismus.
23
Skin„25, der einen rassistisch eingestellten Skinhead charakterisieren soll. Ein weiterer
Szenebegriff ist „Bonehead“ (Knochenkopf), der sich von den kahl rasierten Schädeln
ableitet. Diese Bezeichnung gilt auch als Synonym für den „harten“, militanten Kern
der rechtsextremistischen Skinheads.
Der überwiegende Teil der rechtsextremistischen Skinheads verzichtet weitestgehend
auf verbindliche, z.B. vereinsähnliche Organisationsstrukturen. Zumeist bestehen cliquenförmige Zusammenschlüsse, die regional agieren, ohne dass sie eines straffen
organisatorischen Rahmens oder Hierarchien im eigentlichen Sinne bedürfen. In
ihnen spiegelt sich der Charakter einer losen Bewegung wider, wie er für die Skinheads insgesamt typisch ist. Innerhalb dieser Gruppierungen gibt es in der Regel einen
„harten Kern“ von Personen mit einem stark verdichteten rechtsextremistischen Weltbild sowie ideologisch wenig gefestigte „Mitläufer„26. Ebenso charakteristisch ist ein
oft zu beobachtendes hohes Maß an Fluktuation, vor allem im Umfeld solcher Gruppierungen. Gruppenintern prägend sind nicht Hierarchien auf der Basis klarer Aufgabenzuweisungen, sondern persönliche Beziehungsgeflechte und mehr oder weniger
dominante Einzelpersonen.
27
Skinhead-Szene - Erscheinungsformen
„Linke“
„Redskins“
SHARP-Skins
Unpolitische
„Oi-Skins“
Rechtsextremistische
Unorganisierte
„Blood&Honour“
Organisierte
„Hammerskins“
25 Unter dem Begriff „White-Power-Movement“ ist keine fest gefügte Organisation zu verstehen, sondern
vielmehr ein „kleinster, gemeinsamer Nenner“ des Rassismus, der international Fuß gefasst hat. Im Kern
dreht sich diese Ideenwelt um die „Reinerhaltung der weißen Rasse“. Die Anhänger dieses Gedankens
sind in aller Regel ausgeprägt fremdenfeindlich und antisemitisch eingestellt. Als internationales Symbol
mit entsprechendem Wiedererkennungswert gilt die so genannte White-Power-Faust (vgl. Schaubild
„Skinheads - Kämpfer für Deutschland“ auf Seite 23).
26 Vgl. Nr. 5.2., Seite 17.
27 Das Organigramm spiegelt nur einen Teil markanter Erscheinungsformen der vielfältigen Szene wider.
24
Defizitär sind auch in weiten Teilen der rechtsextremistischen Skinheadszene fundierte, kontinuierliche politische Schulungen bzw. Arbeit. Oft steht dem gegenüber die
aktionsorientierte Freizeitgestaltung im Vordergrund (z.B. Szenefeiern, Konzerte etc.).
In ideologischer Hinsicht bedient sich der strukturarme, eher lose formierte Teil der
Skinhead-Bewegung zumeist nur recht oberflächlicher, plakativ verkürzter Formeln,
die sich eng an das Gedankengut der Neonaziszene anlehnen. Dabei spielen vor
allem Symbole und ideologische Bruchstücke aus der Zeit der nationalsozialistischen
Terrorherrschaft eine Rolle; ein tiefer gehender politischer Diskurs findet in der Regel
nicht statt.
Neben dem beschriebenen strukturarmen Bereich gibt es innerhalb der rechtsextremistischen Skinhead-Szene aber auch Gruppierungen mit straffen Organisationsstrukturen und einem stärkerem Maß an Gruppendisziplin. Zu diesem Spektrum zählen die „Blood & Honour“-Bewegung und die „Hammerskins“.
Die „Blood & Honour28-Bewegung (B&H)“ hat ihre Wurzeln in Großbritannien und steht
von Beginn ihrer Gründung Ende der 80er Jahre an in der Tradition rechtsextremistischer Skinheadmusik29. Einer ihrer Gründer war der 1993 durch Unfalltod verstorbene Bandleader der Gruppe Skrewdriver, Ian STUART, der in der Szene auch heute
noch Kultstatus hat. Die B&H-Bewegung wurde vor allem ins Leben gerufen, um junge Menschen über das Medium Musik an die Szene heranzuführen und mit neonazistischem, rassistischem Gedankengut vertraut zu machen. Die ideologische Ausrichtung der B&H-Bewegung orientiert sich u.a. an einem deutlichen Bekenntnis zu Adolf
Hitler sowie anderen Nazigrößen und ist durch die Verwendung von Symbolik und
Begriffen des Nationalsozialismus gekennzeichnet. Wesentliche Aktionsschwerpunkte sind somit die Veranstaltung von Skinheadkonzerten und die Verbreitung von
Tonträgern. Zudem sorgen eigene Fanzines30 für eine informationelle Vernetzung der
Szene.
Seit ihrer Gründung hat sich die B&H-Bewegung in Europa und im außereuropäischen Ausland verbreitet. Sie gliedert sich in Länder bezogene „Divisionen“, die
wiederum über hierarchische Suborganisationen (Sektionen) verfügen. Im Gegensatz
zur frühen Phase der Bewegung arbeiten die einzelnen „Divisionen“ weitgehend autonom und nicht in unmittelbarer Abhängigkeit von Entscheidungen der „Mutterorganisation“ in Großbritannien.
Die 1994 in Berlin gegründete „B&H Division Deutschland“ und deren Jugendorganisation „White Youth“ wurden mit Verfügung des Bundesministers des Innern am 12.
28 „Blut und Ehre“ (engl. „Blood and Honour“) war die Losung der Hitlerjugend im „Dritten Reich“.
29 Vgl. Nr. 8.1, Seite 34.
30 Szeneschriften (abgeleitet vom englischen Begriff fan magazine).
25
September 2000 verboten31. Zum Zeitpunkt des Verbots wurden der „B&H Division
Deutschland“ ca. 200 Personen zugerechnet, die „White Youth“ verfügte nach eigenen Angaben über ca. 100 Mitglieder. Dieser Personenkreis unterwarf sich straffen
Organisationsregeln (z.B.: Mitgliedschaft ab 21 Jahre nach sechsmonatiger Anwärterschaft, regelmäßige Schulungen etc.).
Nach dem Verbot sind die Kontakte zwischen ehemaligen B&H-Mitgliedern nicht
abgerissen. Versuche, die Organisationsstrukturen wieder aufleben zu lassen, sind
allerdings gescheitert.
Wie die B&H-Bewegung sind auch die „Hammerskins„32 international strukturiert.
Gegründet wurden die „Hammerskins“ Mitte der 80er Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika. Heute gibt es „Hammerskin“-Gruppen in einer Reihe von Ländern,
so in Europa u.a. in Deutschland (ca. 100 Personen in regionalen Untergliederungen,
so genannte Chapter), Frankreich, Italien, Tschechien und in der Schweiz. Die zumeist
nur wenigen Mitglieder dieser Zusammenschlüsse pflegen ein elitäres Bewusstsein.
Ihr Ziel ist die weltweite Vereinigung der Skinheads in einer „Hammerskin-Nation“.
Das Gedankengut der „Hammerskins“ ist von einem deutlich rassistischen Charakter
und neonazistisch geprägt. Im Vordergrund ihrer nach Aktivitäten steht u. a. die Ausrichtung von Konzerten. Öffentlich tritt diese Gruppierung in Deutschland ansonsten
kaum in Erscheinung. Ansonsten finden interne Funktionärstreffen statt.
7.2 Symbolik - Kleidungsstil
Zeichen und Kleidung können wichtige Identifikations- und Integrationsfaktoren sein.
Nicht zuletzt schaffen sie Identität und ein „Wir-Gefühl“. Gleichzeitig grenzen sie ab
und sind Ausdrucksmittel individueller oder kollektiver Befindlichkeiten.
In der rechtsextremistischen Skinheadszene haben
sich eine eigene Symbolik und ein szenetypischer Kleidungsstil entwickelt. Vielfach kann dabei von einer
Visualisierung rassistischer Gesinnung gesprochen
werden; zu den markantesten Symbolen rechtsextremistischer Skinheads zählen heute solche, die auf diese rassistische Haltung hindeuten sollen. Dies müssen
nicht zwangsläufig Zeichen sein, wie sie beispielsweise
in der Zeit des Dritten Reiches von den Nationalsozialisten verwendet wurden. Es zählen auch solche dazu, die mitunter länger zurückliegende Wurzeln haben und vom Ursprung her oft eine ganz andere Bedeutung. Exem31 Das Verbot ist seit dem 13. Juni 2001 bestandskräftig.
32 Der Name leitet sich von dem Symbol der Bewegung, zwei überkreuzte Zimmermannshämmer, ab.
26
plarisch sind die aus der nordisch-germanischen Mythologie, so beispielsweise
Runen oder das Keltenkreuz (s.o.). Derartige Attribute verlieren bei ihren Trägern aus
rechtsextremistischen Kreisen in aller Regel ihren historischen Hintergrund, oder dieser wird bis zur Unkenntlichkeit verwischt bzw. deformiert. Vielmehr verbindet sich für
sie damit ein Nebel von Halbwahrheiten und politischer Legendenbildung. Das Ganze mündet in einem diffusen Gruppengefühl vermeintlicher Stärke und Geschlossenheit aus der einschlägigen Symbolik heraus.
Eine Rolle spielen auch Symbole, die von bekannten rassistischen Organisationen
wie beispielsweise dem „Ku Klux Klan“ (KKK)33 benutzt werden. Hinzu kommen im
internationalen rechtsextremistischen Milieu entstandene Zeichen wie die so genannte White-Power-Faust34.
Ebenso typisch sind neben grafischen Zeichen vielfältige Zahlen- und Wortcodes.
Hinlänglich bekannt ist beispielsweise der Zahlencode „88“, der aufgeschlüsselt zwei
Mal den achten Buchstaben im Alphabet (H) bezeichnet und hinter dem sich die verbotene, strafbare Losung „Heil Hitler“ verbirgt. Zu den bekannten Wortcodes zählt
u.a. „WAW“, im Klartext „Weißer Arischer Widerstand“. Die Szene ist hinsichtlich der
Neuschöpfung solcher typischen Codes recht fantasievoll, zumal sie weiß, dass derartige Verschlüsselungen in aller Regel nicht strafbar sind.
Rechtsextremistische Skinheads pflegen seit jeher auch einen ausgeprägten Dresscode. Im Vergleich zu den oftmals recht eindeutigen Symbolen fällt hier die Szenezuordnung nicht immer leicht - manchmal kann die „Verpackung“ trügen. In diesem
Zusammenhang sind im Laufe der Entwicklung so manche Klischees entstanden.
Oberflächliche Betrachter ordnen beispielsweise rechtsextremistischen Skinheads
spontan Schnürstiefel mit weißen Schnürsenkeln zu, wohingegen rote Schnürsenkel
ein scheinbar eindeutiges Indiz für „linke“ Skinheads seien. Das kann, muss aber
nicht stimmen. Das Tragen bestimmter Kleidungsstücke hängt nicht allein von dem
verbreiteten Eindruck ab, sondern auch von regionalen bzw. gruppenspezifischen
Gegebenheiten. So kann es durchaus sein, dass ein rechtsextremistischer Skinhead,
um sich zu tarnen, auch einmal rote Schnürsenkel benutzt. Und manchmal ist es auch
nur der Nachahmereffekt, der Jugendliche animiert, bestimmte szenetypische Kleidungsstücke unreflektiert zu tragen. In solchen Fällen ist Auffallen und Provozieren
angesagt und nicht die Zurschaustellung einer politisch-extremistischen Weltanschauung.
33 Im Jahre 1865 in Tennessee (USA) gegründete rassistische Organisation, die heute aus mehreren unabhängig voneinander agierende Gruppen mit Schwerpunkt in den „Südstaaten“ der USA besteht
34 Dabei handelt es sich um das Abbild einer rechten Faust mit über den Fingern platziertem Daumen. Die
„White-Power-Faust“ soll als Gegensymbol zur amerikanischen Black-Power-Bewegung entstanden
sein.
27
Die Entwicklung in Sachen Kleidungsstil verläuft zudem wechselhaft. In jüngerer Zeit
fällt auf, dass sich in Teilen der rechtsextremistischen Skinheadszene das äußere
Erscheinungsbild wandelt. Ein Trend zu „normaler“ Kleidung, modischen Sportschuhen und längeren Haaren bricht sich neben dem bekannten Erscheinungsbild von
Glatze, Bomberjacke und Schnürstiefeln Bahn. Nicht geändert hat sich dadurch allerdings die Welt des Markenkults und der Kultmarken unter Szeneangehörigen. Ungeachtet aller Antibürgerlichkeit können sich auch rechtsextremistische Skinheads hiervon nicht freimachen. Zu den „Rennern“ unter den Marken zählt traditionell die Firma
Dr Martens (Doc Martens) aus Großbritannien, die u.a. Arbeiterschuhe bzw. -stiefel
produziert. Hemden, T-Shirts und Sweatshirts werden bevorzugt von den britischen
Firmen Ben Sherman (Hemden, Sweatshirts etc.), Lonsdale35 (Boxerbekleidung, etc.)
und vor allem Fred Perry (Polo-Hemden etc.) getragen. Viele Produkte dieser Firmen
wirken auf den uninformierten Betrachter unverfänglich. Sie können von jedermann
getragen werden und lassen keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Gesinnung
zu.
Ungeachtet dessen gibt es aber nach wie vor eine Reihe von markanten Kleidungsstücken, die in der Szene bevorzugt werden, um die eigene Identität zu signalisieren
und zu wahren. Ein großes Stück weit definiert sich diese Identität aus einer Art
archaischem Männlichkeitskult – Körperlichkeit, Stärke, Härte sind einige der Ideale,
die man damit verbindet. Durch die gleichzeitige Heroisierung des Arbeitermilieus
gibt man sich antibürgerlich. Dies alles spiegelt sich im äußeren Erscheinungsbild
rechtsextremistischer Skinheads wider, so wie sie sich selbst oder in ihrer Kleidung
präsentieren.
Zur Selbstpräsentation gehören daher immer noch der markante kurz geschorene
oder gar blanke Schädel sowie nicht zuletzt Tattoos oder auch Piercings. Sie sorgen
bereits für ein szenetypisches, martialisches Auftreten. Die Kleidung unterstreicht
dies. Obligatorisch sind derbe Arbeiterschuhe oder Schnürstiefel, oft mit zusätzlichen
Stahlkappen versehen. Enge, hochgekrempelte Jeans oder Camouflagehosen (Mili-
35 Seit einiger Zeit wird immer wieder öffentlich dargestellt, dass die Firma Lonsdale in Szenekreisen u.a.
wegen der Buchstabenkombination (Lo)-nsda-(le) in ihrem Namen beliebt sei. Rechtsextremistische
Skinheads trügen solche Produkte gerne unter der offenen Bomberjacke, so dass nur die Buchstaben
„nsda“ sichtbar sind, was dann soviel wie „nationalsozialistische deutsche Arbeiter“ signalisieren soll.
Nach hiesiger Einschätzung dürfte dies ein Stück weit Mythenbildung sein. Lonsdale scheint nicht von
allen seinen Trägerinnen und Trägern in dieser Weise interpretiert zu werden. Die Firma Lonsdale distanziert sich im übrigen vom Rechtsextremismus. Anders sieht es offensichtlich mit der von deutschen
Rechtsextremisten entworfenem Label Consdaple aus (NSDAP = „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“). Bei dieser Markenbezeichnung handelt es sich um eine Verfremdung des englischen Begriffes Constable (Schutzmann). Eine Version des Signets beinhaltet auch einen Adler, der dem Hoheitszeichen des Dritten Reiches (Reichsadler) ähnlich ist. Artikel dieser Marke werden u.a. über den rechtsextremistischen „Patria-Versand“, Landshut, vertrieben.
28
tärhosen mit Tarnmuster), über groben Baumwollhemden getragene Hosenträger und
Bomberjacken sollen diesen Eindruck verstärken.
7.3 Entwicklung der rechtsextremistischen Skinheadszene in Deutschland
Bereits Anfang der 80er Jahre ließen Skinheads in der Bundesrepublik Deutschland
dumpfe nationalistische, rassistische, antisemitische und Gewalt orientierte Züge
erkennen. Bei verschiedenen Anlässen, so bei Fußballspielen, skandierte man einschlägig bekannte Parolen aus der Nazizeit wie „Rotfront verrecke“ und „Sieg heil!“.
Über einen rein provokativen Ansatz hinaus gab es auch erste Bestrebungen der Ideologisierung. Im Jahre 1982 hieß es in der Szeneschrift „Attacke – unabhängig überparteilich – erstes Berliner Skinhead-Magazin“ in einem Vorwort u.a.:
„Wir sehen es als eine heilige Pflicht an, mit diesen völkischen Beobachtern36 die
kahlköpfige Bewegung mit ideologischem Gedankengut zu versorgen“.
Schon in dieser Zeit deutete sich an, dass offensichtlich nicht wenige der Aktivisten
ein „rechtes“ Weltbild pflegten. Wirklich rechtsextremistische Skinheads, im Szenejargon „Naziskins“ tituliert, bildeten aber (noch) eine Minderheit innerhalb des breiten,
diffusen Spektrums. Diese Skinheads weckten das Interesse „etablierter“ neonazistischer Gruppen, die hier ein willkommenes neues Rekrutierungspotenzial ausmachten. Erste Annäherungs- und Vereinnahmungsversuche, so durch den damals
bundesweit bekannten Neonaziführer Michael KÜHNEN37, scheiterten jedoch weitgehend. Ganz offensichtlich hat man bereits damals seitens des strukturierten Rechtsextremismus das von Eigenständigkeit und Organisationsmüdigkeit geprägte Selbstverständnis der Skinheadszene falsch eingeschätzt. Letzthin wurden noch bis Ende
der 80er Jahre von den Sicherheitsbehörden allenfalls rund 10% der Skinheadszene
als rechtsextremistisch eingestuft. Dabei sollte es aber nicht bleiben.
In den 90er Jahren beobachteten die Verfassungsschutzbehörden ungeachtet kurzeitiger Rückgänge ein nahezu kontinuierliches, immenses Anwachsen des rechtsextremistischen Skinheadpotenzials. Besonders augenfällig wird dieser Umstand, wenn
36 Der „Völkische Beobachter“ war von 1920 bis 1945 das Sprachrohr und Parteiorgan der NSDAP.
37 KÜHNEN (1955-1991) war seinerzeit einer der bekanntesten Neonaziführer, der Teile der Szene dominierte. Zeitweise leitete er die 1983 verbotene „Aktionsfront Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten“
(ANS/NA). Zu seinen Zielen zählten die Integration der aufgesplitterten und teilweise auch zerstrittenen
Neonazigruppierungen sowie die Verstärkung der Bewegung, so durch „linientreue“ Skinheads. Vorbildcharakter hatte für ihn die „Sturmabteilung“ (SA) der NSDAP als straff durchorganisierte „Parteiarmee“.
Mit einer solchen Zielsetzung stieß er allerdings bei den weit überwiegend organisationsfeindlichen Skinheads auf keine nennenswerte Resonanz.
29
man die Verfassungsschutzstatistik gewaltbereiter Rechtsextremisten zugrunde legt.
Der weitaus größte Teil dieses Spektrums rekrutiert sich aus der Skinheadszene38.
Während diesem Kreis im Jahre 1991 bundesweit noch etwa 4.200 Personen zugeordnet werden konnten, waren es Ende 2002 mit vorläufigem Höchststand ca.
10.700. Damit betrug die Steigerung in diesem Zeitraum 155 %. Erst im Jahre 2003
war wieder ein vorübergehender leichter Rückgang auf etwa 10.000 Personen festzustellen. Bei gleich bleibender Zahl im Jahre 2004 war 2005 wieder ein Anstieg auf
nunmehr 10.400 Personen zu verzeichnen.
Rechtsextremistisches Gewaltpotenzial
(überwiegend rechtsextremistische Skinheads)
11.000
10.000
9.000
8.000
7.000
6.000
5.000
4.000
3.000
2.000
1.000
0
1991
1993
1995
1997
1999
2001
2003
2005
Der weit überwiegende Teil der rechtsextremistischen Skinheads folgte auch in den
90er Jahren bis heute dem Selbstverständnis, einer eher lose formierten, nahezu
strukturlosen Bewegung anzugehören, die vor allem ein gemeinsames Lebensgefühl
verbindet. Skinheadgruppen mit Organisationsstrukturen bilden auch heute noch
eher die Ausnahme. Neben der subjektiven Organisationsunwilligkeit spielen hierfür
sicher auch ganz pragmatische Gründe eine Rolle: verbindliche Strukturen, wie z.B.
38 Eine exakte zahlenmäßige Erfassung ist insbesondere aufgrund der starken Fluktuation in der Szene nur
bedingt möglich. Hinzu kommt, dass es eine Grauzone von Personen gibt, bei denen (noch) nicht von
einem kohärenten Weltbild im Sinne einschlägiger rechtsextremistischer Ideologieelemente ausgegangen
werden kann oder eine Einbindung in bestehende rechtsextremistische Zusammenschlüsse erkennbar
ist. Im Verfassungsschutzbericht 1999 des Bundesinnenministeriums wird dargelegt, dass etwa 85 % des
rechtsextremistischen Gewaltpotenzials der Skinheadszene entstammt.
30
Vereine, können unter bestimmten Voraussetzungen verboten werden. Von dieser
Erfahrung blieb auch die Skinheadszene nicht verschont39.
Somit blieben auch bis in die jüngste Zeit die wiederholten Versuche etablierter rechtsextremistischer Gruppen weitgehend erfolglos, Skinheads organisatorisch zu vereinnahmen. Anders sieht es aber immer wieder in aktionistischer Sicht aus. Dies korrespondiert eng mit der 1997 vollzogenen Neuorientierung der rechtsextremistischen
„Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD). Unter der Führung ihres
Bundesvorsitzenden Udo VOIGT verfolgt die Partei seitdem eine Dreifachstrategie:
„Kampf um die Straße“, „Kampf um die Köpfe“, „Kampf um die Parlamente“. Gerade
der erstgenannte Gesichtspunkt, die provokante Präsenz im öffentlichen Raum,
schließt den Gedanken von Aktionsbündnissen mit anderen Rechtsextremisten ein40.
Im Zuge dieser Entwicklung haben in den letzten Jahren z.B. wiederholt Demonstrationen stattgefunden, an denen sich NPD-Mitglieder wie auch Neonazis und nicht
zuletzt Skinheads gemeinsam beteiligten41. In den Jahren 2002/2003 wuchs allerdings
unter dem Eindruck eines möglichen NPD-Verbots wieder eine zunehmende, taktisch
begründete Distanz zwischen der NPD und den Neonazis bzw. Skinheads; Demonstrationen wurden vermehrt getrennt voneinander durchgeführt. Diese Entwicklung hat
sich allerdings so nicht fortgesetzt. Heute sind die punktuellen, aktionistischen Verbindungen zwischen der NPD und rechtsextremistischen Skinheads wieder ausgeprägter.
So lädt die NPD immer wieder einschlägige Skinheadbands ein, um Großveranstaltungen wie das jährliche „Deutsche Stimme“42 Pressefest musikalisch zu umrahmen.
Gemeinsamer Aktionismus ist auch zwischen der rechtsextremistischen Skinheadszene und Neonazis unabhängig von der anhaltenden Ambivalenz in Fragen des
gegenseitigen Grundverständnisses wahrzunehmen. Bemerkenswert ist, dass sich in
den letzten Jahren in Teilen des Neonazispektrums das Lebensgefühl der Skinheads
stärker ausgebreitet hat43, während umgekehrt die Skinheadszene verstärkt neonazi-
39 Das Bayerische Staatsministerium des Innern verbot am 30. Juli 1996 den Verein „Skinheads Allgäu“. Am
12. September 2000 verfügte der Bundesminister des Innern das Verbot der Gruppierung „Blood &
Honour – Division Deutschland“ und ihrer Jugendorganisation „White Youth“. Am 5. April 2002 wurde
Vom Sächsischen Minister des Innern die Gruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) verboten.
40 Die NPD spricht dabei vom „Nationalen Widerstand“ als überparteiliches Bündnis. Gelegentlich wird auch
der Begriff „Nationale außerparlamentarische Opposition“ verwendet.
41 Einen Anlass für derartige Demonstrationen bot sich für die Rechtsextremisten wiederholt in der Wanderausstellung „Verbrechen der Wehrmacht, Dimension des Vernichtungskrieges“.
42 Bei der „Deutschen Stimme“ handelt es sich um das monatlich erscheinende Presseorgan der NPD.
43 Ein Grund hierfür könnte der strukturelle Wandlungsprozess sein, den die Neonaziszene in den letzten
Jahren eingeleitet hat. Nicht zuletzt aufgrund einer Reihe von Organisationsverboten haben sich weite
Teile des Spektrums von den herkömmlichen, starren Strukturen gelöst, um heute als (autonome) „Kameradschaften“ weiter zu existieren. Damit verstärkt sich in diesem Bereich der Charakter einer Bewegung,
wie er von Skinheads seit jeher mehrheitlich gepflegt wird. Aktuell existieren bundesweit ca. 160 solcher
neonazistischen „Kameradschaften“.
31
stische Inhalte und Phrasen adaptiert. Neben rein neonazistischen Gruppen bzw. reinen Skinheadvereinigungen gibt es in Folge dieser Entwicklung auf regionaler Ebene
auch zwischenzeitlich eine Reihe gemischter Gruppierungen. Diesen Gruppen, die
sich häufig als „Kameradschaften“ bezeichnen, gehören in der Regel etwa 10 bis 25
überwiegend junge Männer an. Bisweilen kann allerdings auch ungeachtet martialischer Gruppennamen oder Internetauftritte nur von Kleinstgruppen mit zwei bis drei
Mitgliedern gesprochen werden („Phantomkameradschaften“).
7.4 Rechtsextremistische Skinheads in Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz gibt es etwa 450 Skinheads44 (2002-2004: je ca. 400, 2001: ca.
350). Zumeist handelt es sich bei den hiesigen Szeneangehörigen um Personen, bei
denen (noch) nicht von einem in sich geschlossenen rechtsextremistischen Weltbild
oder die feste Einbindung in rechtsextremistische Zusammenhänge gesprochen werden kann. Teile dieses Spektrums lassen eine latente Neigung zur Gewalt erkennen.
Zudem besteht aufgrund von persönlichen Kontakten zu Rechtsextremisten eine permanente Gefahr des Abgleitens in den Rechtsextremismus.
Von den etwa 450 Skinheads können ca. 50 als rechtsextremistisch mit neonazistischer Prägung eingestuft werden. Diese Zahl ist entgegen dem Bundestrend, der in
den vergangenen Jahren aufwärts verlief, relativ konstant geblieben. Fluktuation hat
allerdings auch in Rheinland-Pfalz wiederholt das Bild der Szene verändert.
Ein Teil der rechtsextremistischen Skinheads in Rheinland-Pfalz ist in „Kameradschaften“ zusammen mit Angehörigen der Neonaziszene organisiert. Rechtsextremistische
Skinheads treten im Lande vor allem in der Pfalz mit einer gewissen Konzentration in
der Vorderpfalz sowie im Großraum Zweibrücken/Westpfalz auf. Der Aktionismus und
die Verbindungen dieses Personenkreises beschränken sich nicht auf die Landesgrenzen von Rheinland-Pfalz. Im Bereich der Vorderpfalz unterhalten Skinheads Kontakte zu neonazistischen „autonomen Kameradschaften“ in Baden-Württemberg und
Hessen (Rhein-Neckar-Raum). Von der Westpfalz aus bestehen Verbindungen zu
Gesinnungsgenossen im Saarland. Im Hinblick auf die Koordination von gemeinsamen Aktionen kommt in der Rhein-Neckar-Region dem „Aktionsbüro Rhein-Neckar“
Bedeutung bei, dem nach eigenen Angaben Vertreter von Gruppierungen aus BadenWürttemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz angehören.
Zwischenzeitlich an Bedeutung verloren hat die Westerwaldregion. In Folge eines
umfassenden Strafverfahrens gegen Angehörige der „Kameradschaft Westerwald“
kamen auch die Aktivitäten der örtlichen rechtsextremistischen Skinheadszene zum
44 Stand: Anfang 2006.
32
Erliegen. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die hinlänglich bekannten Szeneangehörigen damit auch von ihrem Weltbild losgesagt haben. In den vorausgegangenen
Jahren haben rechtsextremistische Skinheads in Rheinland-Pfalz wiederholt durch
gewalttätigen Aktionismus (Schlägereien) am Rande von Wein- und Volksfesten im
rheinhessischen und Pfälzer Raum für Schlagzeilen gesorgt. Dieser Aktionismus ist
zwischenzeitlich aber - nicht zuletzt aufgrund erfolgreicher Maßnahmen der rheinland-pfälzischen Sicherheitsbehörden - merklich zurückgegangen. Ungeachtet dessen muss anhaltend von einem hohen Aggressionspotenzial auch unter den in Rheinland-Pfalz lebenden rechtsextremistischen Skinheads ausgegangen werden. Grundsätzlich unterscheiden sie sich in diesem Punkt nicht von ihren Gesinnungsgenossen
in anderen Bundesländern.
Rheinland-Pfalz ist in den letzten Jahren nicht von Konzerten rechtsextremistischer
Skinheadbands verschont geblieben. Bis November 2006 fanden fünf Konzerte statt,
von den zwei aufgelöst werden konnten. Im Jahre 2005 wurden zwei Auftritte von
Skinheadbands in unserem Bundesland bekannt (2001: 3, 2002: 7, 2003: 7, 2004: 3).
An größeren Veranstaltungen beteiligten sich in der Vergangenheit bis zu 400 Personen. Ansonsten liegen die Teilnehmerzahlen im Durchschnitt unter 100 Personen.
Hinzu kommt eine nicht näher bestimmbare Zahl kleinerer interner Skinheadpartys
mit jeweils geringer Teilnehmerzahl und ohne Liveauftritte.
Besondere regionale Schwerpunkte für die Auftritte rechtsextremistischer Skinheadbands lassen sich in Rheinland-Pfalz nicht ausmachen. Betroffen waren bislang beispielsweise die Hunsrückregion und der Pfälzer Raum.
8. Rechtsextremistische Skinheadmusik
Musik begleitet die Geschichte der Skinheadbewegung von Beginn ihrer Entwicklung
an. Sie ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiger, nicht wegzudenkender Bestandteil; sie war
und ist Weg bereitend für die Ausbreitung der Szene. In hohem Maße kommt der
Musik Bedeutung als Instrument zur Nachwuchswerbung bei. Sie wird als solche auch
von Beginn an gezielt eingesetzt; für manchen Jugendlichen ist sie zu einer Art „Einstiegsdroge“ geworden. Mittlerweile hat diese Tatsache in rechtsextremistischen Kreisen viele Nachahmer gefunden. Auch Parteien wie die NPD nutzen dieses Medium
längst, um sich neue Anhängerschichten zu erschließen (Stichwort: „Schulhof-CD“)45.
45 Die NPD-Schulhof-CD steht nicht im Zusammenhang mit dem „Projekt Schulhof“. Dieses von Rechtsextremisten im Jahre 2004 initiierte Projekt sah die bundesweit kostenlose Verteilung der in einer Auflage
von rund 50.000 Exemplaren produzierten CD „Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund“ an
Schülerinnen und Schüler vor. Aufgrund eines Beschlagnahmebeschlusses des AG Stendal fand eine
Verteilung in größerem Umfang bislang nicht statt. Mehrere Tausend CDs wurden sichergestellt.
33
Die Musik ist zudem ein bedeutender Agitations- und Integrationsfaktor. Der Szenezusammenhalt definiert sich auch heute zu einem großen Teil über die Musik als Ausdruck eines Lebensgefühls und weniger über ausgesprochen politische Inhalte.
Gleichwohl darf auf keinen Fall verkannt werden, dass die Musik ein wichtiges
Medium zur Weitergabe politischer Botschaften ist Die Szeneangehörigen verstehen
die Sprache der Musik nämlich viel besser, als komplexe Theorien und ideologische
Konvolute. Auf subtile Weise verbinden sich gerade bei Konzerten somit Emotion und
Erlebnis mit der politisch-extremistischen Dimension. Konzertveranstaltungen von
Skinheadbands sind zugleich auch Kontaktbörsen und Kommunikationsforen. Nicht
zuletzt wurde durch diese spezielle Form der Musik ein eigener Markt geschaffen. Mit
Konzerten und Tonträgern kann Geld verdient werden, auch das haben die Akteure
erkannt.
8.1 Entwicklung rechtsextremistischer Skinheadmusik
Für die Entwicklung der rechtsextremistischen Skinhead-Musikszene maßgebend
und richtungweisend war der Brite Ian STUART46 (1957-1993). Wie kaum ein anderer
fungierte er als ein Wegbereiter rechtsextremistischer Skinheadmusik. Ian STUART
war Bandleader der 1976 gegründeten Formation „Skrewdriver“ (eigentlich: screwdriver, wörtl.: Schraubenzieher, umgangssprachlich.: to screw = „vögeln“), die sich
zunächst nicht von vielen anderen Rockbands unterschied. Ende 1979 trat STUART
in die rechtsextremistische britische Organisation „National Front“ (NF) ein. Fortan
sollte er ein gänzlich anderes Selbstverständnis von Musik entwickeln. Unter anderem unter dem Slogan „Rock against Communism47“ und dem „White-Power“-Signet
verbreitete er sein rassistisches, neonazistisches Credo. In einem Interview aus dem
Jahre 198348 äußerte er:
„Wir glauben, dass eine nationalsozialistische Lebensart der einzige Weg nach
vorne ist für Europa…Deshalb hoffe ich, durch meine Musik meine rassistischen
Kameraden in Deutschland zu inspirieren, für ihre rassistischen und nationalen
Rechte zu kämpfen, und ich begrüße sie in ihrem Kampf!“
Ian STUART hatte nicht allein einen strammen musikalischen Rechtsruck vollzogen und
in Szenekreisen populär gemacht; er hat auch nicht zuletzt für einen organisatorischen
46 Vgl. Nr. 7.1, Seite 25.
47 Vgl. Anhang, Begriffserläuterungen, Seite 44.
48 Vgl. Klaus Farin: „In Walhalla sehen wir uns wieder“, veröffentlicht in „Die Skins, Mythos und Realität“ von
Klaus Farin, erschienen 1997 im Ch. Links Verlag, Berlin, ISBN: 3-86153-136-4.
34
Umbruch gesorgt. Mit der „Blood & Honour“-Bewegung49 gründeten er und einige
Gesinnungsgenossen eine straff durchorganisierte, elitäre Speerspitze zur Verbreitung
rechtsextremistischer Skinheadmusik und zur Organisierung entsprechender Konzertveranstaltungen. Für STUART sollte diese Vereinigung u.a. folgende Ziele verfolgen:
– Jugendliche für (rechtsextremistische) Skinheadmusik zu begeistern und
– durch die Musik an die Szene heranzuführen, um sie
– mit rechtsextremistischem, vor allem rassistischen Gedankengut zu
infiltrieren und schließlich,
– die Szene zu festigen.
Diese Rechnung ging auf. Rechtsextremistische Skinheadmusik im Sinne des Vermächtnisses von Ian STUART ist heute einer der wichtigsten Kristallisationsfaktoren
in den entsprechenden Szenen der unterschiedlichen Herkunftsländer. Rechtsextremistische Kultbands wie „Blue Eyed Devils“ oder „Final War“ (USA), „Brutal Attack“
oder „Celtic Warrior“ (Großbritannien) und „Fortress“ (Australien) haben sich in Szenekreisen auch hierzulande einen Namen gemacht; ihre Konzerte finden regen Zulauf.
In Deutschland entwickelte sich die rechtsextremistische Skinheadmusikszene in den
80er Jahren zunächst ein wenig zaghaft, dann in den 90er Jahren mit umso mehr
Schwungkraft. Dies zeigt u.a. die stete Aufwärtsentwicklung der Anzahl rechtsextremistischer Skinheadbands, die sich in den 90er Jahren nach Beobachtungen der Verfassungsschutzbehörden durch öffentliche Auftritte oder nichtöffentliche Aktivitäten
(Studioaufnahmen) hervortaten. Nach einer zwischenzeitlichen Phase der Stagnation
steigt die Zahl rechtsextremistischer Skinheadbands bundesweit seit dem Jahre 2003
wieder weiter an. Die Namen rechtsextremistischer Skinheadbands weisen in aller
Regel mehr oder weniger eindeutige Bezüge zu rechtsextremistischem Gedankengut
bzw. zur rechtsextremistischen Ideologie auf. Ein Teil der Bands trägt Namen, die den
Rassegedanken in den Mittelpunkt stellen (z.B. „Eugenik“50, „Race War“). Eine Band
trägt gar den Namen „Endlöser“, eine Anspielung auf die Judenvernichtung im „Dritten Reich“. Bezüge zum Nationalsozialismus werden zudem durch Bezeichnungen
wie „Garde 18“ oder „Kommando Freisler“ hergestellt51. Ebenso gebräuchlich sind
49 Vgl. Nr. 7.1, Seite 25.
50 Erbgesundheitsforschung. Die Eugenik wurde zur einem wichtigen Bestandteil der nationalsozialistischen Rasselehre im „Dritten Reich”.
51 Die Zahl „18” steht bedeutungsgleich für den Namen Adolf Hitler (versteckter Verweis auf den ersten und
achten Buchstaben im Alphabet). Der Name „Kommando Freisler” spielt auf Roland Freisler, den Präsidenten des so genannten Volksgerichtshofs im „Dritten Reich” an. Freisler wurde vor allem durch Seinen
bedingungslosen Einsatz für die Machthaber der Nazidiktatur und seine entwürdigenden Auftritte In Prozessen gegen Oppositionelle und Angehörige des Widerstandes bekannt.
35
kriegs- und militärverherrlichende Bandnamen wie „Blitzkrieg“ und „Hauptkampflinie“
sowie Bezeichnungen in Anlehnung an die germanisch-keltische Mythologie (z.B.
„Wotan“, „Thor“). In vielen Namen drückt sich zumindest unterschwellig die szenetypische aggressive Grundhaltung rechtsextremistischer Skinheads aus (z.B. „Gegenschlag“, „Gnadenlos“), bisweilen auch ganz offen, wie im Fall der Gruppe „Aggressor“.
Rechtsextremistische Skinheadbands
160
140
120
100
80
60
40
20
0
142
100
63
39
93
100
106
103
90
95
70
47
23
1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001
2002 2003
2004 2005
Der Zusammenhalt vieler einschlägig bekannt gewordener Bands war bzw. ist jedoch
nicht immer von langer Dauer. Auch in diesem speziellen Spektrum der rechtsextremistischen Skinheadbewegung gibt es ein verhältnismäßig hohes Maß an Fluktuation. Nicht nur einzelne Bandmitglieder wechseln oft, auch viele Gruppen entstehen,
um sich nach mitunter nur kurzem Wirken wieder aufzulösen. Zudem ist gerade unter
dem Gesichtspunkt des erheblichen staatlichen Verfolgungsdrucks bei der Bekämpfung strafrechtlich relevanter Musik, vor allem was den Vertrieb solcher Musik anbelangt, eine Art „Schattenszene“ entstanden, die sich geschickt zu tarnen weiß. Heute kann von verschiedenen Ebenen ausgegangen werden – einer offenen, zur Produktion und Verbreitung „harmloser“ Musik(texte) und einer konspirativen, um strafrechtlich relevante Inhalte zu produzieren und zu verbreiten (z.B. Texte mit rassistischen,
volksverhetzenden Inhalten).
Am Beispiel der Szenekultband „Landser“ wird die Dimension dieser Entwicklung
deutlich. Aufgrund ihrer Aktivitäten wurden Mitglieder der Musikgruppe im Dezember
36
2003 wegen Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung nach § 129
StGB verurteilt52. In dem Urteil wird insbesondere der volksverhetzende Charakter der
Musikstücke der Gruppe „Landser“ hervorgehoben.
8.2 Musikstil und Musikinhalte
Einen eigenständigen Skinheadmusikstil gibt es offenkundig nicht. So ist beispielsweise der Begriff „Rechtsrock“ irreführend, weil es ihn als solchen, d.h. als ausdrükliche Stilrichtung, nicht gibt Die Skinheadmusik wurde im Laufe ihrer Entwicklung vielmehr von unterschiedlichen Stilrichtungen und Strömungen geprägt bzw. hat sich an
ihnen orientiert. In der Frühphase war es beispielsweise die Ska-Musik karibischer
Einwanderer in Großbritannien. Später hatte die aus dem Punk-Rock entstandene
„Oi-Musik“ maßgeblichen Einfluss. Was sich daraus entwickelt hat und von rechtsextremistischen Skinheadbands dargeboten wird, ist auf der Grundlage dominierenden
Gitarreneinsatzes, zumeist ohne elektronischem Beiwerk, harter und schneller Rhythmen sowie einer oft grölenden Gesangsbegleitung ein lauter, aggressiver Stil. Auf die
Szene wirkt er unverfälscht, auf Außenstehende abstoßend und verstörend.
Rechtsextremistische Skinheadmusik ist Bekenntnis und Botschaft zugleich. Zu
Beginn der 80er Jahre, als sich die rechtsextremistische Musikszene zu formieren
begann53, waren die Inhalte der Musik überwiegend unpolitisch geprägt. Viel eher
wurden Themen aufgegriffen, die das Lebensgefühl der Skinheads vermitteln sollten
(Partys, Fußball, Alkohol, Sex etc.). In den 90er Jahren trat die Entwicklung der
(rechtsextremistischen) Skinheadmusik in eine neue Phase: politische Inhalte sollten
fortan das Geschehen dominieren. Starken Einfluss auf die deutsche SkinheadmusikSzene übten dabei internationale Kultbands aus, wie die bereits erwähnte englische
Gruppe Skrewdriver. Die Inhalte und Botschaften, die vermittelt werden sollen, sprechen eine deutliche Sprache. Ein Kernelement ist der offene, in äußerst drastischer
Weise dargestellte Rassismus. In ihren Liedtexten bekennen sich rechtsextremistische Skinheadbands zu einer diffusen „arisch-nordischen“ Rassenideologie. Alles
Fremde wird abgelehnt und ausgegrenzt. Menschen, die nicht in dieses Weltbild passen, werden durch zum Teil widerwärtige Verunglimpfungen erniedrigt. Hierzu zählen
regelmäßig bestimmte Volksgruppen (z.B. Türken), Religionsgemeinschaften (z.B.
Juden54) oder Minderheiten (z.B. Homosexuelle, Obdachlose etc.). Der auf diese
Weise zum Ausdruck gebrachte Rassismus mündet immer wieder in folgenden zentralen Aussagen:
52 Das Urteil ist mit der Zurückweisung der Revision am 10. März 2005 durch den BGH rechtskräftig.
53 Vgl. Nrn. 2. und 3., Seite 9 ff.
54 Die propagierte Judenfeindlichkeit entspringt nicht einer religiösen, sondern vielmehr einer rassistischen
Motivation, wie sie für das rechtsextremistische Spektrum typisch ist.
37
Die weiße Rasse, die Herrenrasse, ist zu bewahren, da sie durch Rassenmischung,
zionistische Machenschaften, Kommunismus, Kapitalismus und Gleichgültigkeit
der herrschenden demokratischen Systeme akut bedroht ist.
Die Feinde der weißen Rasse, Kommunisten, Kapitalisten, Juden, sind zu beseitigen und entsprechende Regierungsformen durch das System des „Dritten Weges“
zu ersetzen.
Skinheads, arische Jugendliche, haben die „Gefahr für ihre Rasse“ erkannt und
sehen sich als Kämpfer in einem nahen Rassenkrieg.
Mit diesen rassistischen Darstellungen geht oft eine Verherrlichung und Verklärung
des Nationalsozialismus einher. Entsprechende Anspielungen finden sich beispielsweise immer wieder auf CD-Hüllen, so in Form von Abbildungen bekannter Nazigrößen. Manche Skinheads sehen sich gar als „politische Soldaten“ in der Tradition der
„Sturmabteilung“ (SA55) der NSDAP. Neben der Verherrlichung der Nazizeit spielt auch
die unreflektierte Heroisierung von Wehrmacht und Waffen-SS eine Rolle. Das „Vorbildliche“ des Soldatischen wird in Liedtexten beschworen und visuell auf CD-Hüllen
dargestellt.
Neben diesen historisch noch eher „greifbaren“ Vorbildern aus der Zeit des Nationalsozialismus orientieren sich Musikinhalte rechtsextremistischer Skinheadbands und
Darstellungen auf CD-Hüllen an einer verklärten und bisweilen erheblich verdrehten
nordisch-germanischen Mythenwelt56.
8.3 Konzerte
Konzertveranstaltungen sind für die Skinhead-Bewegung von großer Bedeutung. Sie
sind ebenso Identifikations- wie Integrationsfaktor in einer ansonsten eher strukturarmen Szene57. Wie bei kaum einem anderen Anlass bieten Konzerte die Möglichkeit,
das szenespezifische Gemeinschaftsgefühl auch auszuleben. Eingestimmt durch mitunter exzessiven Alkoholkonsum entfalten die hämmernden Rhythmen und einpeitschenden Texte der rechtsextremistischen Skinheadmusik gerade unter den jugendlichen Zuhörern eine fatale Sogwirkung. Dabei werden auch immer wieder indizierte
Lieder und Liedtexte mit strafrechtlich relevanten Inhalten angestimmt. Oft geben die
Bands den Rhythmus nur vor und lassen ihr Publikum diese Lieder singen. Ebenso
55 Die 1921 gegründete, braun uniformierte SA verstand sich als paramilitärische Kampf- und Schutztruppe der NSDAP Hitlers.
56 Damit entspricht man einem stärker gewordenen Trend unter rechtsextremistisch geprägten Jugendlichen, Heidentum und Germanenkult zu thematisieren bzw. zu pflegen.
57 Vgl. Nr. 7.1, Seite 23 ff.
38
gehört das Skandieren von verbotenen Grußformeln (z.B. „Sieg Heil“) zu den bei Konzerten gepflegten Ausdrucksformen. Während der Konzerte oder unmittelbar nach
solchen Veranstaltungen kommt es kaum zu gewalttätigen (fremdenfeindlichen) Ausschreitungen. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sie einen
erheblichen Beitrag zur Steigerung des ohnehin vorhandenen Aggressionspegels in
der Szene leisten dürften. In einzelnen Fällen kann ein Zusammenhang zwischen dem
Konsum von entsprechender Musik und Gewalttaten nicht ausgeschlossen werden.
Rechtsextremistische
Skinheadkonzerte
250
200
193
128
150
106
100
70
109
112
82
117
137
80
35
50
20
0
1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005
Wie die obige Grafik verdeutlicht, haben rechtsextremistische Skinheadkonzerte in
der ersten Hälfte der 90er Jahre erheblich zugenommen. Nach einem bisherigen
Höchststand im Jahre 1998 konnte ein vorübergehender Rückgang der durchgeführten Veranstaltungen festgestellt werden. Dies bedeutete aber keineswegs eine Entwarnung. Motivation und Mobilisierungsfähigkeit sind offenkundig ungebrochen. Seit
dem Jahre 2002 sind wieder stetig steigende Zahlen an Konzertveranstaltungen zu
verzeichnen. Im Jahre 2005 waren es schließlich 193, gegenüber dem Vorjahr 2004
ein Anstieg um 40 %. In 22 weiteren Fällen gelang es den Sicherheitsbehörden, im
Vorfeld Konzerte zu verhindern.
Im Jahre 1994 nahmen an den einzelnen Konzerten mehrheitlich zwischen 150 und
maximal 500 Personen teil, im Jahre 1996 waren es zwischen 400 und 700 sowie bei
einzelnen Veranstaltungen auch mehr als 1.000 Personen. Im Jahre 1998 nahmen
39
durchschnittlich noch etwa 200 Personen an den Konzerten teil. Danach sank die
durchschnittliche Teilnehmerzahl zunächst; 2002 lag sie bei 180 Personen, 2003 bei
160. Seitdem ist sie in etwa konstant.
Die zwischen 1998 und 2001 rückläufige Entwicklung rechtsextremistischer Skinheadkonzerte dürfte nach hiesiger Einschätzung nicht zuletzt auf den erheblichen staatlichen Verfolgungsdruck zurückzuführen gewesen sein, dem gerade die SkinheadMusikszene seit geraumer Zeit ausgesetzt ist. Verbote und andere exekutive Maßnahmen haben die Aktivisten in ihrem Bewegungsspielraum eingeschränkt. Es darf aber
nicht verkannt werden, dass damit natürlich nicht alle Probleme beseitigt worden sind
– sie haben sich zum Teil nur verlagert. So werden Konzerte heute erheblich konspirativer vorbereitet und durchgeführt. Möglichst unverfänglich werden geeignete Lokalitäten (z.B. Gaststätten im ländlichen Raum mit angeschlossenen Hallen) ausgesucht
und unter einer Tarnung (z.B. „private Feier“) bei den ahnungslosen Betreibern angemietet. Im Vorfeld einer Veranstaltung werden zunächst nur wenige, besonders vertrauenswürdige Gesinnungsgenossen informiert. Unmittelbar vor dem Konzert werden die „Musikfans“ u.a. mittels SMS über Anfahrtsrouten und Zeitpunkte informiert.
Dabei werden oft lange und verwirrende Anfahrtswege in Kauf genommen, um die
Sicherheitsbehörden in die Irre zu führen. Im unmittelbaren Umfeld des Konzertortes
verhalten sich die Skinheads mitunter äußerst diszipliniert, um nicht einen Verbotsgrund zu provozieren. Zudem haben die Veranstalter erkannt, dass die polizeiliche
Einsatzschwelle höher liegt, wenn Konzerte im Rahmen von Aktivitäten rechtsextremistischer Parteien stattfinden. Die NPD hat sich hier in jüngerer Zeit als „Helfer“ hervorgetan.
Konzerte finden zudem auch in anderen europäischen (Nachbar-)Ländern statt. Konzertbesucher aus Deutschland und deutsche Skinheadbands nahmen bereits wiederholt an Veranstaltungen u.a. in Dänemark, England, Frankreich (z.B. im benachbarten
Elsaß), Österreich, Tschechien, Ungarn und der Schweiz teil. Dabei stellten deutsche
Konzertbesucher bereits mehrfach den größten Anteil des Publikums.
9. Vertrieb von Skinheadmusik und Szeneartikeln
Die Verbreitung der Skinheadmusik wurde im Laufe der Zeit erheblich ausgeweitet.
Für die erste Generation der Skinhead-Musikszene war dies noch eine eher beschauliche Angelegenheit. Wie allgemein üblich, wurden Aufnahmen auf Schallplatten oder
Audiokassetten produziert. Die Musik war recht exotisch, sprach die Mehrheit der
Jugendlichen nicht an, und wurde daher auch regelmäßig nur in relativ geringen Auflagen reproduziert und verkauft. Zwischenzeitlich, im Zeitalter von Musik-CD und
40
Internet58, hat sich dies grundlegend geändert. Die Zahl der produzierten Tonträger ist
immens gestiegen. Die Weiterverbreitung mittels PC und CD-Brenner potenziert Auflagen stetig. Noch mehr sorgt das Internet als weltumspannendes Informations- und
Kommunikationsmedium für die Verbreitung (auch) rechtsextremistischer Skinheadmusik, so mittels MP3-Dateien.
Innerhalb der rechtsextremistischen Skinhead-Bewegung hat sich zudem eine Vertriebsszene entwickelt. Sie dient vorrangig der Verbreitung von Musik-CDs, aber auch
einer ganzen Reihe von szenerelevanten Artikeln, so bedruckte T-Shirts59, bevorzugte
Kleidungsstücke (z.B. Bomberjacken, Stiefel usw.), Devotionalien etc.. Ende der 90er
Jahre gab es bundesweit 50 solcher Musikvertriebe60; sodann war die Zahl zunächst
rückläufig (2000: 46, 2001: 40). Seit den Jahren 2002/2003 (jeweils 50) steigt die Zahl
wieder an; 2004 waren es 60. Im Jahre 2005 konnten schließlich 75 Vertriebe festgestellt werden. Hinzu kommen einzelne regionale Szeneläden, die neben ihrer kommerziellen Funktion auch als örtliche Treffpunkte dienen.
In der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde die Szene vor allem von Großhändlern
geprägt; heute hat sich das Geschäft zunehmend auf kleine und Kleinsthändler verlagert. Zum Teil sind dies Einzelpersonen, die nur ein regionale Szene beliefern oder
spontane Tagesgeschäfte abwickeln, so beispielsweise am Rande von Konzerten. Ein
Grund für diese Entwicklung dürfte sein, dass es heute für den Einzelnen erschwinglicher geworden ist, CDs mittels PC und Brenner zu reproduzieren. Mit dieser Dezentralisierung trägt die Szene offenkundig aber auch den wiederholten Exekutivmaßnahmen der vergangenen Jahre Rechnung, bei denen wiederholt große Mengen indizierter oder strafrechtlich relevanter Produkte sichergestellt werden konnten. Neben der
Dezentralisierung des Vertriebs kann ein erhöhtes Maß an Konspiration (z.B. beim Versand strafrechtlich relevanter Tonträger) und die arbeitsteilige Produktion von strafbarem Musikgut bzw. der dazugehörigen Tonträger festgestellt werden. Ein weiterer
Aspekt ist die Verlagerung solcher Aktivitäten in das Ausland. Im einzelnen erfolgt der
Vertrieb von Skinhead-Musik-CDs mittels Angebotslisten (u.a. via Internet) über den
Postversand oder durch Direktverkauf, so am Rande von Skinhead-Konzerten.
10. Szenekommunikation - vom „Fanzine“ zum Internet
Der Mangel an politisch-theoretischer Reflexion61 innerhalb der rechtsextremistischen
Skinhead-Szene ist nicht gleichbedeutend mit einem Mangel an Kommunikation. Die58.
59
60
61.
Vgl. Nr. 10.
Um den englischen Ausdruck T-Shirt zu vermeiden, wird auch gerne vom T-Hemd gesprochen.
Von dieser Zahl nicht erfasst sind Vertriebe im Ausland.
Vgl. Nr. 7.1, Seite 25.
41
se findet in vielfältiger Weise statt, so wie bereits erläutert, insbesondere im Rahmen
von gemeinsamen Konzertbesuchen. Konzerte bieten im übrigen den Szeneangehörigen auch den „Gedankenaustausch“ mit Gesinnungsgenossen aus anderen Ländern, zumal diese Treffen oft unter internationaler Beteiligung ablaufen.
Ein seit vielen Jahren gebräuchliches, Kommunikationsmittel in Heftform ist das so
genannte Fanzine, ein Begriff, der sich aus einer verkürzten Zusammensetzung der
beiden englischen Wörter fan (begeisterter Anhänger) und magazine (Magazin, Illustrierte) ergibt. In Art und Aufmachung gibt es Unterschiede. Manche „Fanzines“ wirken primitiv und sind von mäßiger Qualität; andere wiederum sind durchaus ansprechend und qualitativ hochwertig gestaltet. Unterschiede gibt es auch in den Erscheinungsweisen und Auflagenhöhen bzw. in der Verbreitung. Zudem ist auch in diesem
szenerelevanten Feld eine hohe Fluktuation feststellbar.
Inhaltlich erheben die „Fanzines“ weit überwiegend keinen großen Anspruch. Meist
bedienen sie sich einer einfachen Vulgärsprache. Schwerpunktthemen sind vor allem
die Berichterstattung über Skinhead-Treffen, Konzerte, Skinheadbands und ihre
Musik sowie Fußballveranstaltungen oder andere gemeinsame Events. Außerdem
wird die interne Situation von Skinheadgruppen im In- und Ausland beschrieben.
Die ersten „Fanzines“ erschienen im Jahre 1982, bereits 1986 waren in Deutschland
mehr als 20 verschiedene Publikationen bekannt. In den 90er Jahren stieg die Zahl
bis auf zeitweise etwa 50 (1998/99) an. Seitdem ist der Trend insgesamt rückläufig;
im Jahr 2001 wurden 35 „Fanzines“ gezählt, 2003 waren es nur noch weniger als 20.
Nach ca. 20 im Jahre 2004 wurden 2005 nur noch 17 bundesweit festgestellt. Ein
Grund für diese Entwicklung dürfte in der zunehmenden Bedeutung des Internets für
die Szenekommunikation und die Selbstdarstellung der rechtsextremistischen Skinheadbewegung sein.
Das Internet ist auch für die rechtsextremistische Skinhead-Szene ein wichtiges
Medium geworden, weil es nicht zuletzt über interaktive und multimediale Elemente
verfügt. Hinzu kommen die Aktualität und ein besserer Kosten-Nutzen-Faktor im Vergleich zur Herausgabe von „Fanzines“. In Chatrooms und Foren kann unmittelbar mit
Gesinnungsgenossen kommuniziert werden, Musik lässt sich mittels MP3-Dateien
aus dem World-Wide-Web (www) herunterladen. Über Musikaustauschbörsen werden auch Lieder mit indizierten oder strafbaren Inhalten weitergegeben.
Zudem nutzen auch rechtsextremistische Skinheads die Möglichkeit, sich im Internet
mit Homepages zu präsentieren, um so neue Anhänger zu gewinnen. Insgesamt
erreichen diese Darstellungen einen bei weitem größeren Kreis, als dies mit dem
überkommenen Mittel der Herausgabe von „Fanzines“ der Fall ist. Insbesondere für
junge Menschen ist das Internet weitaus attraktiver als herkömmliche Printmedien.
42
Damit ist für die Szene auch der „Werbeeffekt“ größer geworden. Allerdings ist auch
anzumerken, dass natürlich nicht jeder neugierige Jugendliche, der sich entsprechende Darstellungen anschaut, potenziell gefährdet ist, in diese subkulturelle Szene
abzugleiten. Wie auch im übrigen Extremismus zu beobachten, baut man aber auf
eine Langzeitwirkung.
43
Anhang
A. Begriffserläuterungen
Mit dem Begriff Skinhead wird in der öffentlichen Diskussion und in den Medien bisweilen undifferenziert umgegangen. Hinzu kommt vielfach Unklarheit über szenetypische Begriffe und Redewendungen.
Für eine seriöse Auseinandersetzung mit der subkulturellen Skinhead-Bewegung ist
es unabdingbar, die gebräuchlichsten Bezeichnungen zu kennen. In diesem Sinne
soll die nachfolgende Zusammenstellung einen Überblick verschaffen, ohne den
Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
Altglatzen
Ältere Szeneangehörige, die bereits seit mehreren Jahren aktiv sind.
Babyskins
Junge Mitläufer bzw. Szenesympathisanten in lokalen Skinheadzusammenschlüssen
(teils unter 14 Jahre alt). Politisierung und Motivierung zu szenetypischen Aktionen
erfolgt in aller Regel durch ältere Gruppenmitglieder, die oft eine fatale Vorbildfunktion haben und der Szenesozialisation jüngerer Gesinnungsgenossen Vorschub leisten.
„Blood & Honour“ (B&H oder „28“62)
Straff organisierte und ideologisierte Skinheadbewegung mit Wurzeln in Großbritannien. Name leitet sich von dem Leitspruch „Blut und Ehre“ der Hitlerjugend ab. Entstanden in den frühen 80er Jahren auf Initiative des ehemaligen Leadsängers der
Skinhead-Kultband „Skrewdriver“, Ian STUART (DONALDSON). Die B&H „Division
Deutschland“ und ihre Jugendorganisation „White Youth“ wurden am 14. September
2000 durch den Bundesinnenminister verboten. Vor dem Verbot erfolgten vor allem
Aktivitäten zur Ausrichtung von Konzertveranstaltungen.
Bonehead
In der Szene geprägter Begriff für einen rechtsextremistischen Skinhead mit blank
rasiertem Schädel (Bonehead: Knochenkopf) und der szenetypischen, martialischen
Bekleidung. Die „Boneheads“ bilden den harten, militanten Kern der rechtsextremi62 28 steht sinnbildlich für den 2. und den 8. Buchstaben des Alphabets: B und H.
44
stischen Skinhead-Szene. Von nichtextremistischen Skinheads wird die Bezeichnung
als Beleidigung benutzt.
„Combat 18“ (C18)
Militante Neonazivereinigung in Großbritannien, die einen nationalsozialistischen
Staat anstrebt. Die Zahl „18“ steht für den ersten und den achten Buchstaben im
Alphabet und steht als Synonym für „Adolf Hitler“. Der Schriftzug wird u.a. auf szenetypischen Kleidungsstücken verwendet.
Crops
Sammelbezeichnung für Skinheadfrisuren (engl. to crop: abschneiden, stutzen, scheren).
Fanzine (Zine)
Kunstwort, steht für fan magazine (engl.), und bezeichnet Szenepublikationen, die in
zumeist kleinen Auflagen erstellt werden. Sie dienen dem Informationsaustausch und
der Kommunikation. Bezug erfolgt u.a. über Abo, in Szene-Läden oder am Rande von
Veranstaltungen. Inhalte sind z.B. Beschreibungen von Bands bzw. Konzerten, Interviews mit Musikern, Beschreibungen von Events etc.. Rechtsextremistische „Fanzines“ enthalten oft neonazistische Parolen und Symbole; zudem kennzeichnen sie
fremdenfeindliche, antisemitische Agitation.
Fascho-Skin
Begriff, der meist in den Medien oder von politischen Gegnern gebraucht wird, um
einen nationalistischen Skinhead zu bezeichnen. In den neuen Bundesländern wird
der Begriff häufig für die so genannten Scheitel verwendet. Gemeint sind damit Skinhead-Sympathisanten mit szenetypischen Outfit und markant kurz geschnittenen
Haaren mit Seitenscheitel.63
Feathercut
Haarschnitt, der unter weiblichen Skinheads („Renees“) verbreitet ist. Wird in verschiedenen Versionen getragen. Markant sind kurz geschnittenes Haar am Ober- und
Hinterkopf mit längeren Strähnen am Pony und Nacken oder ein geschorener Kopf
mit Fransen rund um das Gesicht. Hinweis: der Haarschnitt allein lässt keine Rükschlüsse auf die politische Prägung ihrer Trägerin zu.
63 Diese Frisur hatte auch in der Neonaziszene eine Bedeutung. Man kopierte damit einen Haarschnitt, der
in den 20er/30er Jahren von Adolf Hitler und vielen seiner Gesinnungsgenossen bzw. von jungen Menschen in der Hitlerjugend getragen wurde. Mittlerweile sind allerdings viele Neonazis hiervon wieder
abgekommen. Eine weitere Version ist beispielsweise die „Kante“ (an der Seite geschoren, oben kurz) Die
bevorzugte Haartracht kann also sehr unterschiedlich sein. Daher sollte man vorschnelle Gleichsetzungen (z.B. Glatze = Rechtsextremist) vermeiden.
45
„Gay Skinhead Movement„
Internationaler Zusammenschluss homosexueller Skinheads. Die deutsche Sektion
versteht sich als weder links- noch rechtsextremistisch ausgerichtet.
Glatze
Oft abwertend benutzter Begriff für Skinheads. Gemeint ist damit häufig nicht allein
die rasierte Kopfhaut, sondern die Person als solche. Im Hinblick auf die Einschätzung einer Person ist bei fehlender Haartracht allerdings Vorsicht und Zurückhaltung
geboten - auch wenn der Hinweis selbstverständlich erscheint: nicht jeder Glatzenträger ist ein Skinhead oder ein Rechtsextremist. Die unterschiedlichsten Beweggründe können hierbei eine Rolle spielen. Angefangen von persönlichkeits- oder
krankheitsbedingten Gründen bis hin zu einem bloßen Modebekenntnis ist vieles
möglich.
„Hammer-Skins“ (HS)
Skinhead-Strömung, die sich in den USA entwickelt hat. Gründung erfolgte 1987 in
Dallas/Texas. Die HS verstehen sich als „weiße rassistische Bruderschaft“. Ihr Symbol, von dem sich auch der Name ableitet, sind zwei überkreuzte Zimmermannshämmer. Ziel ist der Aufbau eines weltweiten Netzwerkes von Gleichgesinnten. In den
USA existieren bedeutende Strukturen: Eastern HS, Northern HS, Midland HS,
Western HS, Confederate HS. In Europa gibt es Strukturen u.a. in Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, der Schweiz, der Slowakei und in Tschechien. In Deutschland gibt es etwa 100 Anhänger, so vor allem in Berlin, Brandenburg und Sachsen.
Hooligan (Hool)
Jugendlicher oder junger Erwachsener einer zum Teil gewalttätigen Fußball-„fan“Szene, die weitgehend unpolitisch ausgerichtet ist. Bislang gibt es nur punktuelle
Überschneidungen mit Skinhead- oder Neonazigruppierungen. Zudem gibt es bisweilen ein Zusammentreffen bei Konzerten, Feten und ähnlichen Veranstaltungen.
Krakig/Krake
Im Szenejargon für besonders martialisch auftretende Skinheads.
„Nazi-Skin„
Dieser Begriff wird hauptsächlich in der „linken“ Szene für „rechte“ Skinheads verwendet. Innerhalb der Skinhead-Szene - vor allem in den neuen Bundesländern - ,
bezeichnen sich manche rechtsextremistische Skinheads auch selber als Nazi-Skins.
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Oi
Oi ist multifunktional. Der Begriff kann ein Zugehörigkeitsgefühl ausdrücken, auf eine
bestimmte Musikrichtung hindeuten oder nur ein schlichter „Schlachtruf“ sein. Es gibt
eine Reihe von Erklärungen und Deutungen, wie der Ausdruck oi quasi zu einem Markenzeichen wurde:
Im Cockney-Slang der Arbeiterschicht bemüht man mit einem oi die Aufmerksamkeit
seines/seiner Zuhörer. Die Band Cockney Rejects stimmte ihre Lieder mit einem dreifachen oi statt mit „one, two, three“ an, in Fußballstadien oder beim Zug durch die
Straßen wurde oi rhythmisch skandiert usw. Wenig wahrscheinlich erscheint aus heutiger Sicht hingegen der Erklärungsansatz, wonach der Begriff aus der Verballhornung des Nazislogans „Kraft durch Freude“, „Strength through yoy“ (yoi) entstanden
sein soll. In dieser Form tauchte oi nämlich erst 1981 auf einem Plattencover auf
(STRENGTH TRU OI!)
Oi-Musik, Oi-Punk
Aus dem Punk Rock entstandene Musikrichtung mit Wurzeln in den 70er Jahren. Als
Genrebegriff seit 1980 bekannt. Im Gegensatz zur Musik der ersten Skinhead-Generation geprägt durch schnellere, härtere und einfachere Rhythmen. Vielfach Gewalt
verherrlichende und auch rassistische Texte. Nicht jede Oi-Band konnte bzw. kann
allerdings dem rechtsextremistischen Lager zugerechnet werden.
Oi-Skin
Der Begriff als Zugehörigkeitsmerkmal zu einer bestimmten Strömung innerhalb der
Skinhead-Bewegung existiert seit den 70er Jahren. Überwiegend bezeichnen sich
damit Skinheads, denen in erster Linie an dem Lebensgefühl des Skinheaddaseins
gelegen ist und weniger bzw. gar nicht an politischen Inhalten. Dabei spielen die
Musik und ein zum Teil exzessiver Alkoholgenuss tragende Rollen. Oi-Skins gehen
Annäherungs- und Vereinnahmungsversuchen durch rechtsextremistische Skinheads bzw. rechtsextremistische Gruppen in aller Regel aus dem Weg. Allerdings pflegen auch viele Oi-Skins ein Gedankengut, das nicht frei ist von Feindbildern, wie sie
Rechtsextremisten pflegen. Als „undeutsch“ gelten in ihren Augen u.a. Ausländer,
Angehörige von Minderheiten oder Personen, die dem „linken“ Spektrum angehören.
Pogo (pogen)
Szenetypischer Tanz, bei dem man sich gegenseitig schubst und anrempelt. Damit
soll die Auseinandersetzung mit einem fiktiven Gegner dargestellt werden.
47
RASH („Red and Anarchist Skinheads“)
Im Jahre 1993 in New York gegründeter Zusammenschluss „linker“ Skinheads. Versteht sich als Teil der internationalen „Redskin-Bewegung“ und als eine Art Dachverband zum Austausch von Informationen, zur Aufklärung und zur Durchführung von
Konzerten etc. Zielsetzungen sind u.a. der Klassenkampf auf der Straße und letztlich
die Zerschlagung des „kapitalistischen Systems“. RASH-Gruppen gibt es heute auch
in einer Reihe europäischer Länder, so in Deutschland.
Redskin
Politisch links stehende Skinheads. Verstehen sich als Vertreter einer militanten Arbeiterjugendbewegung. Teile der „Redskins“ können der linksextremistischen Autonomen-Szene zugeordnet werden; grenzen sich von rechtsextremistischen Skinheads
strikt ab. Outfit der „Redskins“ beinhaltet als szenetypische Elemente oft Anti-NaziAufnäher oder rote Bomberjacken, bisweilen auch rote Schnürsenkel64.
Renee
Weiblicher Skinhead (Haarschnitt: s. „Feathercut“). Bedeutung und Herkunft des
Namens ist nicht geklärt. Innerhalb der Skinhead-Bewegung dominieren Männer das
Geschehen; Frauen stellen nach wie vor eine kleine Minderheit dar.
Rock Against Communism (RAC)
Im Jahre 1977 von der Jugendorganisation der britischen Neonazigruppierung
„National Front“ (NF) als Gegenpol zur 1976 in London ins Leben gerufenen Initiative
„Rock Against Racism“ gegründet. RAC widmet sich der Organisation von RechtsRock-Konzerten.
SHARP (SHARP-Skin)
Antirassistisch ausgerichtete Skinheadvereinigung („Skinheads Against Racial Prejudice“ = „Skinheads gegen rassistische Vorurteile“). Enstanden 1986 in den USA; mittlerweile Sektionen in vielen Ländern der Erde. Ein Ziel ist das Entgegenwirken zur
rechtsextremistischen Szene und dem durch sie mit verursachten insgesamt schlechten Medienimage der Skinhead-Bewegung.
Ska-Musik
Lautstärke- und rhythmusbetontere Variante der jamaikanischen Reggae-Musik, von
Einwanderern in den 60er Jahren nach Großbritannien gebracht. Anhänger waren z.B.
64 Eine (politische) Einschätzung des jeweiligen Trägers sollte nicht allein auf der Grundlage der beschriebenen Stilelemente erfolgen. Oft kann die „Verpackung“ über den wahren Inhalt täuschen. Vgl. Nr. 7.2,
Seiten 28ff.
48
die Rude Boys („Rudies“, „Rüde Jungs“), Angehörige jamaikanischer Jugendbanden.
Die erste Skinheadgeneration griff Modeelemente der Rude Boys auf, so über dem
Hemd getragene Hosenträger (Braces) oder die hochgekrempelten Jeans. Die SkaMusik fand in Skinheadkreisen der ersten Generation noch viele Anhänger; bei Konzerten bildeten Skinheads und farbige Einwanderer gemeinsam das Publikum.
Skinhead/Skin
Angehörige einer in der einschlägigen Literatur nahezu durchgängig als subkulturell
definierten Jugendbewegung. Insgesamt ergibt sich ein äußerst heterogenes Bild
unterschiedlicher Strömungen/Erscheinungsformen. Die Zugehörigkeit zu dieser
Bewegung bedingt nicht automatisch eine politisch(-extremistische) Ausrichtung. Es
gibt eine Reihe von szenetypischen verbindenden wie auch innerhalb der Szene
abgrenzenden Stilelemente.
Skinhead-Sympathisant
Diffuses Spektrum, das von der bloßen Kopie des Skinheadoutfits bis hin zum sich
immer stärker integrierenden Mitläufer reicht. Nicht zwangsläufig muss mit einer Szenesozialisation auch die Entwicklung eines politisch-extremistischen Weltbildes einhergehen.
Tattoo
Tätowierungen zählen gerade unter rechtsextremistischen Skinheads zum gängigen
„Outfit“. Wie auch andere Symbole, Riten usw. dienen Tattoos als Integration und
Identifikation stiftende Elemente. Sie grenzen gleichzeitig aber auch ab. Tattoos
kommt dabei neben der Rasur der Kopfhaut in der Skinhead-Szene eine besondere
Bedeutung bei. Derartige archaische Riten, zu denen auch das Piercing zählt, haben
eine lange zurückliegende Entstehungsgeschichte und werden in ihrer „reinen“ Form
heute noch von Urvölkern gepflegt. Zu den gängigen Symbolen, die rechtsextremistische Skinheads als Tattoos tragen, zählen z.B. solche aus der Zeit des Nationalsozialismus (Hakenkreuz, SS-Runen), Zeichen aus der Zeit keltischer und germanischer
Geschichtsschreibung (Keltenkreuz, Runen), Zeichen aus der nordisch-germanischen
Mythologie (Thors Hammer).
Trojan-Skin
Skinheads, die sich weitgehend von Politik und vor allem vom Rassismus distanzieren. Die Bezeichnung entspricht einem Jamaikanischen Reggae-Platten-Label aus
den 60er Jahren. „Trojan-Skins“ sind vielfach Anhänger der (alten) Ska- und Reggaemusik.
49
Vierzehn Worte (14 Worte/Words, „14“)
Bekannter Slogan in der Neonaziszene und unter rechtsextremistischen Skinheads:
„Wir müssen den Fortbestand von unserem Volk und die Zukunft der weißen Kinder
sichern!“ (Original: „We must secure the existence of our white people and a future
for white children!“). Verfasst hat diesen Satz der amerikanische Rechtsextremist
David LANE (geb. 1938), der in den USA u.a. wegen Mordes inhaftiert ist. Deutsche
Rechtsextremisten benutzen das Kürzel „14 Worte“ oder nur „14“ beispielsweise als
Aufnäher oder bei Schmieraktionen.
White-Power-Skin
Keine Organisationsbezeichnung. Steht vielfach als Synonym für rechtsextremistische Skinheads, die sich zu einer extrem rassistischen Haltung bekennen. Vorbildcharakter für diese Skinheads hat vor allem die internationale „White-Power-Bewegung“, bei der es sich um keine eigenständige, Organisationsform handelt. Vielmehr
stellt sie unter Gleichgesinnten eine Art rassistisches „Glaubensbekenntnis“ dar und
kann als ein grenzüberschreitendes (mentales) Sammelbecken für Rassisten verstanden werden. Ein gängiges Symbol, dessen man sich gerne bedient, ist die so genannte White-Power-Faust (weiße rechte Faust mit über die ersten drei Finger angewinkeltem Daumen). Als „White-Power-Skins“ bezeichnen sich gerne Szeneangehörige, die
„elitären“ Zusammenschlüssen wie B&H oder den „Hammerskins“ angehören.
Zecken
Szenebezeichnung für „Linke“ (Autonome etc.).
50
B. Liedtexte (Auszüge)
Einige der abgedruckten Liedtexte sind jugendgefährdend bzw. wurden von
der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. Sie dürfen
Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren daher nicht isoliert von dieser
Broschüre zugänglich gemacht werden.
B.1 Selbstverständnis der Skinheadszene
„Stiefel trommeln auf den Straßen
Kahle Köpfe, Fäuste aus Stahl
Die Augen starr, Gesichter die hassen
Ohne Reue gegen Rot.„
„Rheinwacht“: „Ohne Reue“, 1998
„Sie sperren dich ein, warum weißt du nicht
Denn du bist Skinhead, mehr Gründe gab es nicht
Doch du stehst da, stolz und kahlgeschoren
Treue bis zum Schluss hast du dir geschworen.„
„Oidoxie“: „Sprengt die Ketten“, 1998
„Wir sind bekannt für Disziplin und Fleiß
Unsere Würde wahren wir um jeden Preis
Pflichtgefühl fürs Heimatland
Ja, das ist unser treues Band.„
„Schlachtruf“: „Deutscher Stolz“, 1995
„Wir sind die Richter der Straße
Und ihr blutiges Gesetz
Es wird gnadenlos gejagt
Der, der Recht verletzt.„
„Volkszorn“: „Stiefel auf Asphalt“, 1994
„Ich bin bereit zur Gewalt
Und trinke gern.„
„Boots Brothers“: „Brave Jungs“, 1997
51
B.2 Antisemitische und fremdenfeindliche Inhalte
„Er ist kein Mensch, er ist ein Jud’
Drum denk nicht nach und schlag ihn tot.„
„Macht und Ehre“: „Kein Mensch“, 1997
„Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig
Lasst die Messer flutschen in den Judenleib…
Zerrt die Konkubine aus dem Fürstenbett
Schmiert die Guillotine mit dem Judenfett
In die Synagoge hängt ein schwarzes Schwein
In die Parlamente schmeißt die Handgranaten rein.„
„Nordheim Live Volume 1“: „Blut muss fließen“ 1997
„Afrika für Affen, Europa für Weiße
Steckt die Affen in ein Klo
Und spült sie weg wie Scheiße.„
„Landser“: „Afrika-Lied“, 1996
„Hängt die Nigger auf und habt kein Erbarmen!
Wir hassen Nigger und auch ihr habt es erfahren
Oder ist es euch neu, dass wir Rassisten sind?
Der Planet ist unser, und die Kaffer müssen schwinden
Wulstlippenträger sind nur noch in Geschichtsbüchern
zu finden.„
„White Aryan Rebels“: „Nigger“, 2000
„…da steht ein Sonderzug nach Mekka
…raus aus unserm Berlin
Wir woll’n euch nicht, niemand will euch mehr sehen
Mit eurer fremden Kultur, mit der da stört ihr uns nur
Wir haben die Schnauze voll von euch, ihr sollt euch verpissen
Kein deutscher weit und breit wird euch hier jemals vermissen
Ihr liegt uns auf der Tasche, das ist eure Masche
Verdammtes Lumpenpack haut endlich ab.„
„Zillertaler Türkenjäger“: „Der Sonderzug nach Mekka“, 1997
52
Nigger, Türken, Asylanten, Juden, alles der gleiche Dreck.
Da gibt es nur noch eins zu tun, schickt sie endlich ins KZ!
…
Jeden Tag ein toter Türke, jeden Tag ein toter Punk.
Killt endlich den ganzen Abschaum,
denn der Dreck der macht mich krank.
Kanakenkiller, das sind wir. Zykon B genannt.
Wir sind Kanaken-Massenmörder und überall bekannt.
„Zyklon B“, „Kanakenkiller„
B.3 Feindbilder „Linke“, Staat und Demokratie
„In meine Klasse ging ´ne Punkerin
Die so schön gestunken hat
Ihre Haare waren so fettig
Und mit Läusen übersät
Die Klamotten so dreckig
Und keiner war da, wo sie steht
Hey, du scheiß Zecke – verrecke!„
„Leitwolf“: „Verrecke!“, 1998
„Alle Politiker an den Galgen, alle Richter an die Wand
Jetzt kommt der Tag der Rache, euer Schicksal
ist in unserer Hand
Ihr werdet vom Staat bestochen
Eure Urteile sind schon vorprogrammiert
Euren Eid habt ihr längst gebrochen
Und der Judas euch das alles finanziert.„
„Bonzenjäger“: „An alle Richter und Politiker“, 1997
„…Existenz ist enorm bedroht
durch Multikulti und Terror in Rot
Die Diktatur der Demokratie
Zwingen wir gemeinsam in die Knie
…Nationalisten im Kampf vereint
Kein Schritt zurück vor unserem Feind.„
„Dragoner“: „Auge um Auge“, 2000
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„Ich hasse diese Demokratiemeute
Fettgfressen und pflichtvergessen
Bezahlte Dealer fremder Interessen
Stürmt den Reichstag, räuchert sie aus
Macht der Rattenbande den Garaus.„
„Landser“: „Ran an den Feind“, 2000
B.4 Verherrlichung des Nationalsozialismus
„In einer dunklen Nacht haben sie dich umgebracht
Ein Märtyrer bist du, im Grabe fandest du endlich deine Ruh’
Doch über deinen Tod hinaus, strahlst du Ideale aus
Du warst und bist ein großer Held
Doch schlecht ist diese Welt
Aber dennoch, wir verstehen diese Sprache
Und einst, da kannst du sicher sein,
da kommt der Tag der Rache.„
„Noie Werte“: „Rudolf Heß“, 1990
„Er war der Retter uns’rer Nation
Des Deutschen Volkes größter Sohn
Er beseitigt die Schranken der Klasse
Und brachte uns die Botschaft der Rasse
Refrain:
Adolf Hitler, unser Führer
Adolf Hitler, unser Held
Adolf Hitler war der größte
Revolutionär der Welt.„
„Weißer Arischer Widerstand“, „Unser Führer“, 1996
54
B.5 Germanen- und Wikingerkult (Feindbild Christentum)
„Ich glaube nicht an Jesus Christus
Weil der mir nicht geheuer ist
Denn Christentum und Religion
Ist Dumpfheit und Inquisition
Ich komm nicht vom gelobten Land
Bin nicht beschnitten und verbannt
Auch Satan wird mich niemals führen
Nur Wotan öffnet mir die Türen.„
„Staatsfeind“: „Wotan“, 1996
„Odins Legionen sind auferstanden
Auferstanden, um zu siegen
Sie werden an jeder Küste landen
Um ihr Land zurück zu kriegen
Germanische Völker, jetzt kommt die Zeit!
Germanische Völker zum Kampf bereit!
Sie haben keine Angst vor dem Tod
Sie befreien das Land von dieser Not.„
„Chaoskrieger“: „Dämmerung“, 1997
55
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Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums des
Innern und für Sport herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerbern oder Wahlhelfern im Zeitraum von sechs Monaten vor einer Wahl zum Zwecke
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gestattet, die Druckschriften zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden.
FAIRSTÄNDNIS
Menschenwürde achten – Gegen Fremdenhass
Die Innenminister von Bund und Ländern
Ministerium des Innern und für Sport
Abteilung Verfassungsschutz
Schillerplatz 3-5
55116 Mainz
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