Frank Schäfer 1966

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Frank Schäfer
1966
Frank Schäfer
1966
Das Jahr, in dem die Welt
ihr Bewusstsein erweiterte
Residenz Verlag
Inhalt
Das 1966-Gefühl
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No-1-Hits Januar . . . . .
Woolworth für Acid Heads
Der Starkstrombrause-Trip
Explodierende Plastikwelt
Der Palomares-Vorfall . . .
Sonnenscheinjäger . . . .
Mittwoch, 26. Januar . . .
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No-1-Hits Februar . . . . . . . .
Übersteuerung . . . . . . . . .
Der Marsch auf das Amerikahaus
Montag, 7. Februar . . . . . . .
Mehr Demokratie wagen . . . .
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.dnb.de abruf bar.
www.residenzverlag.at
© 2016 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks
und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.
Quellenangaben:
S. 26 und 37: Karl-Heinz Neumann: Das Jahr im Bild – 1966. Carlsen: Reinbek bei Hamburg 1966
S. 120: »Günter Amendt: Die Legende vom LSD. Zweitausendeins: Frankfurt a. M. 2008«
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
Umschlagbild: iStock / Sunny_Lion
Typografische Gestaltung, Satz: L anz, Wien
Lektorat: Josef Weilguni
Produktion: Book Print POSmaterial | Manfred Kleisel | Mautern / Donau, Wien
ISBN 978 3 7017 3381 1
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No-1-Hits März . . . . . . . . . . . . . . . .
Populärer als Jesus . . . . . . . . . . . . . .
Sonnabend, 9. März . . . . . . . . . . . . .
Der Tintenfisch . . . . . . . . . . . . . . . .
Die genitale Persönlichkeit . . . . . . . . . .
Die neuen Mutanten . . . . . . . . . . . . .
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger
No-1-Hits April . . . .
Schwarzmalerei . . . .
Beschreibungsimpotenz
Mittwoch, 27. April . .
LSD-Astronauten . . .
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No-1-Hits Mai . . . . . . . .
Gut geschulte Gorillakämpfer
Montag, 2. Mai . . . . . . .
Musik für Hunde . . . . . .
Judas . . . . . . . . . . . .
Wal, da bläst er . . . . . . .
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No-1-Hits Juni . . . . . . . . . . .
Unkultiviert . . . . . . . . . . . .
Ihr inneren Emigranten . . . . . .
Langhaarig, trinkfest, schmuddelig
Konkrete Musik aus Liverpool . .
Man muss das hören . . . . . . .
Donnerstag, 30. Juni . . . . . . .
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89
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93
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103
No-1-Hits Juli .
Rauchzeichen .
Freitag, 15. Juli
Im Kino . . . .
Das dritte Tor .
Tarantula . . .
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No-1-Hits August . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dienstag, 2. August . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Vom Beat der frühen Jahre weit entfernt
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Klactoveedsedsteen . . . . . . . . . . . . . . . . .
Auf der Suche nach dem Landeplatz . . . . . . . . .
Der unüberwindliche Elan revolutionärer Volksmassen
Satte Bräune . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
No-1-Hits September . . . . . .
Donnerstag, 1. September . . .
Turn on, tune in, drop out . . .
No mark! . . . . . . . . . . . .
Dann sprechen die Lichtkanonen
Aufregender als ein Bajonett . .
Er ist tot, Jim! . . . . . . . . . .
No-1-Hits Oktober . . . . .
Beat und Prosa . . . . . . .
Schwarze Selbstverteidigung
Freitag, 28. Oktober . . . .
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No-1-Hits November . . . . . . . . .
Eine große gesunde rumänische Jüdin
Das psychedelische Erlebnis . . . . .
Dr. Strangelove existiert wirklich . . .
Freitag, 11. November . . . . . . . .
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No-1-Hits Dezember . . . . . . . . . . .
Der Forellenfischer . . . . . . . . . . . .
Den Hals gebrochen . . . . . . . . . . .
Ein Professor versteht die Welt nicht mehr
Was es heißt, zu fotografieren . . . . . .
UFO presents Nite Tripper . . . . . . . .
Sonnabend, 24. Dezember . . . . . . . .
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Brüderchen
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199
1966 veränderte sich die Welt im Wochenrhythmus.
Joe Boyd
Das 1966-Gefühl The Who überschlagen im Herbst
1966 die bisherigen Aufnahmen zu ihrem zweiten Album und
kommen dabei bloß auf 25 Minuten. Das ist zu wenig. Ein Longplayer muss mehr als eine halbe Stunde Spielzeit haben. Also fordert Kit Lambert, ihr Manager und Produzent, Pete Townshend
auf, einen zehnminütigen Song zu schreiben, um das Album abzuschließen. Als der einwendet, Popsongs würden nur zwei oder
drei Minuten dauern, meint Lambert: »Dann nimm mehrere Popsongs und verbinde sie miteinander!«
Townshend macht genau das. So entsteht mit »A Quick One
(While He’s Away)« eine stilistisch abwechslungsreiche, komödiantische Suite, die als vermutlich erste Rockoper (na ja,
mit 9:10 Minuten zumindest als eine Bonsai-Version davon) in
die Geschichte eingeht und auf spätere Schandtaten der Band
vorausweist.
Hier ist etwas passiert. Ein Musikproduzent rät seinem Künstler, die Grenzen des Genres zu sprengen und sich etwas ganz
und gar Radiountaugliches auszudenken. Vermutlich mit vollem
kommerziellen Kalkül. Pop darf mittlerweile also anspruchsvoll
sein, den Hörer fordern, ihn möglicherweise sogar überfordern,
ohne dass dies ein kommerzielles Ausschlusskriterium wäre. Pop
wird zu Rock. Ausgestattet mit allen Insignien der Kunst. Entsprechend löst das Album die Single ab. Die aufwendig produzierten, soundverliebten Referenzwerke »Aftermath«, das mit seinem
über elfminütigen Blues-Jam auch die quantitativen Dimensionen
sprengt, »Pet Sounds« und »Revolver« haben mit ihrem enormen
symbolischen wie monetären Erfolg eine Prätention formuliert,
die bald zum Anforderungsprofil gehört. Wenn schon ein Produzent seinen Künstler zu größerer Komplexität ermutigt, wie es Kit
Lambert tut, dann ist dieser ästhetische Konsolidierungsprozess
schon ziemlich weit gediehen.
Mit der Aufwertung der populären Musik zur Kunstform steigt
das Selbstbewusstsein der Musiker – beziehungsweise bedingt das
eine das andere. Sie eignen sich im Wortsinn die Produktionsmit9
tel an. Noch sind sie keine Studiobesitzer, wie Jimi Hendrix ein
paar Jahre später, aber sie haben plötzlich weitaus mehr Mitbestimmungsrecht oder tragen sogar wie im Fall von Brian Wilson
die Hauptverantwortung für die Produktion.
Dieser enorme Emanzipationsschub wird begünstigt von der
langsamen Formierung einer jugendlichen Gegenkultur mit
durchaus politischen, revolutionären Ambitionen, die sich Rock
als Leitmedium für sich erwählt. Nicht nur in der sich konstituierenden San-Francisco-Szene verschmelzen Politik und Leben
miteinander, unter dem Einfluss der Droge. Und die Musik entwickelt sich zu ihrer wichtigsten Integrations-, Motivations- und
Selbstverständigungsinstanz. Dass populäre Musik nicht mehr
nur zur Unterhaltung dient, sondern gesellschaftliche Relevanz
beanspruchen darf und alsbald auch muss, um satisfaktionsfähig
zu sein – man findet in diesem Jahr zumindest einige Gründungsdokumente dieser Entwicklung.
1966 ist das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte.
Noch sind es nur Gedankenspiele, denen sich Einzelne oder auch
kleinere Gruppen hingeben. Halluzinationen, Wachträume, Imaginationen. Mitunter auch schon Laborversuche, Proben im Simulationsraum der Kunst oder sogar kleinere Feldstudien. Noch
fehlt jedoch die kritische Masse, die eine Kettenreaktion auslösen
könnte, in deren Folge eine fixe Idee sich expansiv verbreitet und
schließlich auf gesellschaftlicher Ebene Raum beansprucht, oder
sogar das Kollektiv in Form einer Mode, Strömung, eines Zeitgeistparadigmas mitreißt und prägt.
Aber die Weichenstellungen, die in diesem Jahr stattfinden,
und die Veränderungen und Grenzverschiebungen, die sich hier
bereits ankündigen, sind so vielfältig und durchgreifend, dass
man sich 1966 als so eine Art ideelle Keimzelle vorstellen kann
für das, was sich dann im tatsächlichen Epochendatum 1968 ff.
verdichtet. Für jemanden, der ein Buch über 1966 schreibt, ist das
eine ziemlich verlockende Vorstellung.
Die man aus verschiedenen Gründen auch in Zweifel ziehen darf.
10
Zum einen ist sie tautologisch. Eine historische Entwicklung
tritt ja nur ein, wenn es Ursachen dafür gibt, die diese Entwicklung eintreten lassen. Insofern wird sich ein historischer Wandel
immer durch diverse Manifeste, Happenings, Signalfeuerwerke
oder was auch immer ankündigen, sonst wäre die Geschichte
einfach anders verlaufen. Folglich wird man wohl zu ähnlichen
Ergebnissen kommen, wenn man sich die Jahre 1967 bzw. 1965,
1964 etc. anschaut. Alleweil wird auf die eine oder andere Weise
die Saat ausgestreut, die dann 1968 ff. endlich aufgeht.
Zum anderen ist sowieso immer auch selektive Wahrnehmung
im Spiel. Man sieht, was man sehen will, und im Vormärz einer Bewusstseinsrevolution will man eben vor allem die Anzeichen sehen.
Nun, wer zu viele Skrupel hat, fängt gar nicht erst an. Deshalb
habe ich diesen Versuch, aus 1966 ein Jahr der Anfänge zu machen,
auch eher als intellektuelles Spiel begriffen. Es geht darum, Zusammenhänge, Beziehungen, Entwicklungen zu beschreiben oder,
wenn das nicht reichte, zu beschwören. Das Urteil über die jeweilige Plausibilität darf ich getrost dem Betrachter überlassen.
Nun sehen die Anfänge in Los Angeles und San Francisco anders aus als in London, Berlin, Hannover oder gar Leipzig. Um
das Neben- und Durcheinander dieses Jahres in seiner ganzen
Heterogenität abbilden zu können, musste die Erzählstruktur
sich dem Gegenstand unterordnen, das heißt, Stringenz und Geschlossenheit zugunsten einer kaleidoskopischen oder, vielleicht
besser, Mandala-artigen Darstellung aufgeben.
Auch in diesem kulturhistorischen Wimmelbild fallen jedoch
Kohärenzen und Gemeinsamkeiten auf. Erstaunlicherweise findet man hier wie dort subkulturelle Gruppenbildungen, die mit
einem gewissen Selbstbewusstsein auftreten und nicht zuletzt mit
der glücklichen Gewissheit, in Zeiten des Auf- und Umbruchs zu
leben. Es gibt tatsächlich so eine Art 1966-Gefühl.
Das wird sogar in den bildungsbürgerlichen Kreisen, wenn
auch hier eher defensiv und skeptisch, formuliert. Zwei Filme aus
diesem Jahr mögen dies belegen. »Schonzeit für Füchse« von Peter
11
Schamoni versteht sich als analytisch-kritisches Zeitporträt mit
einer gewissen dokumentarischen Attitüde. Ein einigermaßen typisches Beispiel des »Neuen Deutschen Films«, ein Gegenentwurf
zu »Opas Kino« mithin, ganz auf der Linie des Oberhausener
Manifests, zu dessen Unterzeichnern Schamoni gehörte.
Der Held, ein junger Journalist, dessen Namen wir nicht erfahren, ein intellektueller Jedermann also, ist unzufrieden mit sich
und der Welt. »Du bist ein bisschen negativ geworden«, kommentiert das seine Ex. Mit seinem Freund Viktor, Sohn aus reichem
Elternhaus, pflegt er einen anständigen Welt- und Menschenhass,
aber alles im Rahmen des gesellschaftlich Vertretbaren. Sie lassen
sich regelmäßig als Treiber für die Jagdgesellschaft von Viktors
Vater anstellen, und die steht ein bisschen auch pars pro toto für
die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Der Film entlarvt das
unglaublich trantütig-reaktionäre Jägermilieu, aber der Widerstand der beiden erschöpft sich in ironisch-versnobter Lethargie.
Sie wollen nicht werden »wie die Alten«, aber wie sie werden wollen, wissen sie auch nicht, und passen sich deshalb an, klappern
ihre »schlechte Laune in die Schreibmaschine«, wie Viktor seinem
Freund desillusioniert vorhält. Er wandert schließlich nach Australien aus, um dort eine etwas aufregendere Version vom Leben
seines Vaters zu beginnen.
Der Grundtenor dieses Films ähnelt in auffälliger Weise Michelangelo Antonionis »Blow Up«. Auch hier äußert sich fast durchgängig ein gepflegt-dekadenter Wohlstands-Ennui. Die Geschäfte
laufen wie geschmiert, aber da muss doch noch mehr sein? Weil
die handelnden Personen dem mondänen Mode- und Künstlermilieu angehören, spielen hier Drogen eine gewisse Rolle, die den
Figuren zumindest zeitweilige »Schonzeiten« gewähren. Aber
ähnlich wie sein junger deutscher Regiekollege inszeniert Antonioni eine existenzielle Unzufriedenheit. Eine Leere, die mit irgendetwas zu füllen wäre. Nur womit, ist noch nicht klar.
Während also das Bildungsbürgertum noch die schwer erträgliche Ruhe vor dem Sturm skizziert, werden die Subkulturen be12
reits nervös, in voller Vorfreude auf das Kommende. Beides sind
Symptome für einen Zeitenwandel. Und in »Blow Up« wird der
zumindest symbolisch bereits vorweggenommen. In der bekannten Konzertszene steht die Menge zunächst apathisch herum,
aber als Jeff Beck mit seiner Gitarre plötzlich Gewalt sät, lässt sie
sich mitreißen. Eine Gesellschaft in Aufruhr. Zumindest im Film
klappt das bereits ganz gut.
13
No-1-Hits Januar
Deutschland
The Rolling Stones: Get Off Of My Cloud (1.1.–14.1.)
Drafi Deutscher: Marmor, Stein und Eisen bricht (15.1.–31.1.)
England
The Spencer Davis Group: Keep On Running (1.1.–20.1.)
The Overlanders: Michelle (21.1.–27.1.)
Nancy Sinatra: These Boots Are Made for Walkin’ (28.1.–17.2.)
USA
Simon & Garfunkel: The Sound Of Silence (1.1.–7.1.)
The Beatles: We Can Work It Out (8.1.–21.1.)
Simon & Garfunkel: The Sound Of Silence (22.1.–28.1.)
The Beatles: We Can Work It Out (29.1.–4.2.)
Woolworth für Acid Heads Die Brüder Ron und Jay
Thelin kennen die Wäscherei an der Ecke Haight und Ashbury
Street gut. Sie sind hier aufgewachsen und ihr Vater leitet das
Woolworth-Kaufhaus auf der anderen Straßenseite. Im Jahr zuvor
haben sie erstmals einen mit Acid beträufelten Zuckerwürfel vom
Szenechemiker Owsley Stanley III gelutscht, seitdem haben sie
den Wunsch, allen davon zu erzählen. Und noch mehr als das.
Der psychedelischen Revolution zum Sieg zu verhelfen. Denn eins
ist ihnen aufgegangen beim Lutschen: Wenn man die Menschen
schon nicht mit Vernunftgründen davon überzeugen kann, dass
Kriege sinnlos sind, dann hilft nur noch das LSD-Sakrament.
Die Marketender-Mentalität des Vaters steckt ihnen aber ebenfalls in den Genen. Also kratzen Ron und Jay ihre Ersparnisse
zusammen und mieten die mittlerweile leer stehende Wäscherei,
Haight Street 1535, um dort am 3. Januar 1966 den Psychedelic Shop
zu eröffnen. Gewissermaßen das Woolworth für Acid Heads.
15
Die Wände sind mit Leinentüchern und Kunsthandwerk behängt. Es riecht gut. Und die Produktpalette der Gebrüder Thelin ist recht breit gefächert. Zigarettenpapier, freaky Kleidung,
Tücher, Glocken, Glasperlen und Accessoires, Flöten, Poster,
Schallplatten, kleine Zangen zum Halten von Joint-Kippen, Fanzines und Bücher über Drogen, Bewusstseinserweiterung, orientalische Weisheitslehren – sie haben alles, was der Hippie zur
täglichen Feier des Lebens eben so benötigt. Hier bekommt man
auch die Karten für die Happenings im Fillmore Auditorium und
im Avalon Ballroom.
Der Psychedelic Shop ist viel mehr als ein Laden – er ist eine
Mischung aus Kulturzentrum, Informationszentrale, Beratungsstelle und Kreativspielplatz. Und bald nachdem er geöffnet hat,
ändert sich auch das Gesicht der Straße. Die billigen Mieten sprechen sich herum. Das sich prächtig entwickelnde Hippie-Business
siedelt sich in der Nachbarschaft an. Der Klamottenladen In Gear
etwa, Wild Colors, ein Geschäft, in dem lokale Kunsthandwerker ihre Töpfereien und Makramee-Eulen feilbieten, Xanadu, ein
Lederfachgeschäft, die Mnasidika Boutique, der I / Thou Coffee
Shop. Love Burgers gibt es auch bald und das »San Francisco
Oracle«, die Underground-Zeitung der Stadt. Das Viertel entwickelt eine ganz neue, ganz originäre Infrastruktur. In einem
Tempo, das man den kommerzverachtenden Weltverbesserern
nicht unbedingt zugetraut hätte.
Der Starkstrombrause-Trip Seit November 1965
schon kurven Ken Kesey und seine Hippie-Gang Merry Pranksters durch Kalifornien und Oregon, um den »squares« zu zeigen,
was ein Haufen durchgeknallter Säureköpfe ist. Neal Cassady alias
Dean Moriarty, der hyperaktive Held aus Kerouacs Beat-Bibel
»On the Road«, findet sich ein und sofort seine Rolle als nimmermüder, rastloser Lenker von »Furthur« (!), dem umgebauten
Schulbus, ihrem fahrenden Hauptquartier und mit allerlei audio16
visuellem Freak-Schnickschnack aufgerüsteten Propagandazentrum. Denn die Pranksters haben eine Mission – sie wollen die
Gesellschaft mit LSD erleuchten oder doch wenigstens ein bisschen aufmischen. Eine Band gibt es auch: The Warlocks liefern
den Soundtrack zum Schlangentanz, in ein paar Wochen heißen
sie Grateful Dead.
Acid Tests nennen die Merry Pranksters ihre schrillen öffentlichen Happenings, man kann auch ruhig Orgien dazu sagen,
auf die nicht nur die Menschen in der Provinz mit Verstörung,
Unverständnis und latenter Gewalttätigkeit reagieren. Selbst
Acid-Apologeten wie Timothy Leary, Richard Alpert oder Owsley Stanley III, der als talentierter LSD-Koch für den nie versiegenden Nachschub sorgt, ist das zu viel Aufmerksamkeit. Noch
haben die Behörden zwar keine Handhabe, das Gesetz, das LSD
verbietet, muss erst noch verabschiedet werden, aber die Strafen
für ein paar Gramm Marihuana sind drakonisch. Und man hat
die Szene im Visier.
»Die Acid Tests waren einer jener seltenen Verstöße gegen die
guten Sitten, einer jener Skandale, die einen neuen Stil oder gar
eine neue Weltanschauung begründen. Alle tun aufgeregt gackernd ihre Besorgnis kund, knirschen wutschnaubend mit den
Zähnen ob so viel schlechten Geschmacks – Unmoral! Vulgarität!
Unverschämtheit! Unreife! Wahnsinn! Grausamkeit! Verantwortungslosigkeit! Rosstäuscherei! – und steigern sich dramatisch
geifernd in eine solche Aufregung, dass sie die Geschichte nicht
mehr loswerden. Sie wird zur perfekten Obsession«, schwärmt
Tom Wolfe in seiner Mammutreportage »The Electric Kool-Aid
Acid Test«, für die er Kesey und seine Mannen monatelang begleitet hat. Wolfe ist der kongeniale Biograf der »neuen Bewegung«.
Er legt zwar zunächst noch Wert auf eine gewisse Distanz, gibt
sich schon auf den ersten Seiten als Ostküsten-Dandy zu erkennen, den man »in der Welt der Heads« wegen seines »blauen Seidenblazers, einer überbreiten Krawatte voller Clowns und eines
Paars … schwarzer … glänzender … Halbschuhe« eher milde be17
lächelt, aber er wird immer mehr mit hineingezogen in diesen Irrwitz. Und auch seine Sprache, die zunächst noch um eine gewisse
objektive Beschreibungsakkuratesse bemüht ist, geht bald mit auf
den Starkstrombrause-Trip, wird ein Teil dieses Dauerdeliriums.
Was dieses Buch leistet, ist nicht weniger als eine wohlwollende,
aber letztlich ungeklitterte Innenansicht der frühen Hippiekultur
mit all ihren Ritualen, Ideologemen und Phrasen, ihren halben
Wahrheiten und Lebenslügen, den heute kaum noch fassbaren
Freiheiten und vielfältigen Möglichkeiten, sich auszuprobieren.
»Die Acid Tests waren der epochemachende Markstein des
psychedelischen Stils und praktisch all dessen, was man damit
verbindet. Das soll nicht nur heißen, dass die Pranksters die
Ersten waren, sondern darüber hinaus auch, dass sich alles Weitere in einer direkten Linie aus den Acid Tests ableiten lässt«,
konstatiert er. Nicht zuletzt das große Ding der Stunde, das
Mixed-Media-Konzept, sei »schnurgerade aus der bei Acid Tests
üblichen Kombination von Licht- und Filmprojektionen, Stroboskopen, Bändern, Schwarzlicht und Rock ’n’ Roll« hervorgegangen. »Sogar Details wie die psychedelische Plakatkunst mit ihren
Quasi-Jugendstilkringeln in Schrift und Design, ihren vibrierenden Farben, den Elektropastelltönen, dem spektralen DayGloFarbenspiel, das alles kam aus den Acid Tests.«
Ein bisschen vollmundig ist das allemal, es gibt schließlich
auch in London und an der Ostküste Künstler, die auf Lysergsäure
Kunst produzieren und die eingeübten Formate und Präsentationsformen transzendieren. Aber die Merry Pranksters mit ihrer
Entourage sind schon sehr früh. Und ihre Überzeugungsarbeit
trägt langsam Früchte. Im Januar des Jahres wird aus dem übersichtlichen Underground-Spaß erstmals ein Massenspektakel –
das Trips-Festival.
Schon am 8. Januar 1966 findet im Fillmore, San Francisco, ein
bunter LSD-Abend statt, der ein paar hundert Menschen anlockt
und den die Polizei nur mit Mühe auflösen kann, weil sie nicht
recht weiß, wo sie anfangen soll in diesem Durcheinander. Bei18
nahe kommt es auch zum Eklat, als Pranksters-Vize Ken Babbs
nicht weiß wohin mit seiner Virilität und sich den Uni(n)formierten in den Weg stellt.
Stewart Brand, ein Szene-Aktivist und Gründer der Organisation »America needs Indians«, der bald mit dem »Whole Earth
Catalog« eine der essenziellen Publikationen zur Selbstverständigung der jungen Counterculture herausgeben wird, und der befreundete Künstler Ramon Sender planen etwas noch Größeres.
Eine mehrtägige Messe, die einen Querschnitt der aktuellen AcidKultur zeigen soll. »Die Dinge haben sich geändert«, heißt es in
ihrer Pressemeldung, »aus Feierlichkeiten in kleinen, sich selbst
genügenden Gruppen sind nunmehr große Happenings geworden, bei denen das gesamte Publikum mitwirkt. Das gemeinsame
Tanzen aller Anwesenden ist ein Teil der Darbietungen, und alle,
die kommen, sind aufgerufen, sich so ekstatisch wie möglich zu
kleiden und selbst Instrumente mitzubringen (Anschlüsse für
Elektronikinstrumente sind vorhanden).«
Um die Behörden einzulullen, gibt man sich betont abstinent.
Eine »psychedelische Erfahrung ohne Drogen« sei das Ziel, eine
bloße Simulation des Trips also, allein mit einer opulenten LightShow, Film- und Overheadprojektoren, Livemusik, absurden Verkleidungen und nicht zuletzt viel Gruppendynamik.
Ken Kesey wird ins Boot geholt. Und schließlich, als allen die
Sache über den Kopf zu wachsen droht, auch Bill Graham, der
noch der Agitprop-Theatertruppe San Francisco Mime Troupe
angehört, aber gerade dabei ist, als Veranstalter zu reüssieren, und
sich mit Benefiz-Partys im Fillmore auch bereits einen Namen gemacht hat.
Das dreitägige Freakout-Wochenende, vom 21. bis 23. Januar,
findet in der Longshoremen’s Hall, San Francisco, statt. Kurz zuvor
wird Kesey zum wiederholten Mal mit Marihuana geschnappt und
vor Gericht gestellt, eine dreijährige Haftstrafe droht. Das alles ist
zusätzliche Werbung für das Festival. Die Halle platzt dann auch
aus allen Nähten, 1700 Besucher fasst sie für gewöhnlich, an jedem
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der Abende kommt mindestens die doppelte Zahl. Und wenn die
Merry Pranksters mit von der Partie sind, wird hier natürlich nicht
nur ein Trip simuliert. Owsley hat einmal mehr die Spendierhosen an und versorgt die Gemeinde großzügig, und so schwebt
die ganze Bagage bald gut anderthalb Meter über der Erde.
Bis auf Bill Graham, der sich nur wundern kann. »Bisher hatte
ich noch nicht die ganze Gewalt von dieser Acid-Geschichte erlebt«, erinnert er sich später. »An diesem Abend war es dann soweit. Sie hätten den Leuten genausogut Handgranaten anbieten
können. Woher wollten sie wissen, was für einen Schaden dieses
LSD-Schrapnell anrichten würde, wenn es im Körper explodiert?
Es gab Eis mit LSD gespickt. Auch die Kinder konnten sich davon
bedienen.«
Und so läuft Graham herum mit seinem Veranstalter-Klemmbrett und versucht, für den geregelten Ablauf des Abends zu sorgen,
aber dafür ist es längst zu spät. Kesey, Babbs und die anderen Pranksters lachen sich kaputt über ihn. Der Running Gag des Abends:
»Wer ist eigentlich das Arschloch mit dem Klemmbrett?«
»Tatsache ist, dass die Heads, die zu Hunderten hereingeströmt
kommen, bis über die Kalebasse zugeknallt sind; Hunderte von
LSD-Freaks, die zum ersten Mal völlig ungeniert total verstrahlt
in der Öffentlichkeit auftreten«, konstatiert Tom Wolfe. Aber
die kiebitzende Exekutive habe einfach weiterhin treudoof dem
Motto des Abends geglaubt. »Na, was soll’s, die Kids machen
sich eben halt ein LSD-Erlebnis ohne LSD, was ist schon dabei,
und so was sieht eben so aus. Ein ausgerasteter bullenmächtiger
Malstrom! Das ist doch nett. Filmprojektionen und Scheinwerfer
wischen durch den Saal; fünf Projektoren sind am Laufen und
weiß Gott wie viele Lichtorgeln; Interferometer; intergalaktische
Science-Fiction-Ozeane über sämtliche Wände geklatscht; Lautsprecher spicken die Wände ringsum wie lodernde Armleuchter,
Stroboskope explodieren, Schwarzlichtlampen mit DayGlo-Objekten darunter und DayGlo-Farben zum Spielen, Verkehrsampeln an jedem der Eingänge blinken abwechselnd rot und gelb;
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gleich zwei Bands spielen, Grateful Dead und Big Brother and
the Holding Company; und rund um das Ganze tanzt eine Horde
durchgedrehter Mädchen mit Hundepfeifen.«
In einem Punkt, mindestens, irrt Tom Wolfe. Vielleicht hat er ja
auch von dem Eis gekostet? Grateful Dead werden von Kesey zwar
auf die Bühne gebeten, aber die dort ebenfalls herumspringende
Meute hat Jerry Garcias Gitarre umgeschmissen. Der Steg ist abgerissen. Bill Graham versucht auch das noch zu regeln, krabbelt auf dem Boden herum, sucht die Einzelteile, um sie wieder
zusammenzuschrauben. »Wir haben uns fantastisch amüsiert«,
meint Jerry Garcia später, »aber gespielt haben wir nicht.« Dafür
jedoch Jefferson Airplane, The Charlatans, The Great Society mit
Grace Slick, The Loading Zone. Die lokalen Szenebands eben.
Aber Stars gibt es hier sowieso nicht. Das Publikum selbst ist
der Star. Eine eklektische Masse, von allem etwas. VaudevilleTheater, Grand Guignol, Science-Fiction, Zirkus, Karneval in
Rio. Kesey hat sich in einen goldenen Raumfahreranzug geworfen, Neal Cassady, als Gorilla verkleidet, jagt seiner Freundin Ann
Murphy hinterher. Einer der Pranksters wickelt sich komplett in
schwarzes Isolierband ein, ein anderer kommt mit vollem indianischen Kriegsschmuck, einige sind bald ganz nackt. Von einem
Balkon aus springen Gäste auf eine Art Sprungtuch und hüpfen
dort herum, das »stroboskopische Trampolin«.
Genau in der Mitte der Halle steht der Kontrollturm der Merry
Pranksters, Soundtüftler Ken Babbs hat einen Moog-Synthesizer,
Amps und sechzehn Lautsprecher ein Gerüst hochgewuchtet.
»Ich war immer der Mr.-Tausend-Hertz, sowas Ähnliches wie ein
Conférencier. Ich bin zu dem Mikrofon da oben raufgeklettert
und hab irgendwas erzählt, und wir konnten meine Stimme im
ganzen Saal herumschicken«, erinnert sich Babbs im Gespräch
mit Robert Greenfield. »Kesey hatte sein Ding mehr an der Seite.
Von da aus konnte er auch in ein Mikrofon sprechen, hatte aber
außerdem noch einen Projektor, mit dem er handschriftliche
Kommentare auf die große Leinwand hinter der Band werfen
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konnte. Er hat da also gesessen und eine Menge Zeug geschrieben,
was ihm gerade so einfiel. Und wir haben uns hin und her unterhalten. Dabei haben sich die Sachen dann ziemlich vermischt.«
Charles Perry bezeichnet das Festival in seiner Hippie-Historie »The Haight-Ashbury« später als »McLuhanite Global Village / electronic art happening«. Für Jerry Garcia ist es aber vor
allem ein großes »Veteranentreffen«. »Ich habe wirklich alle Leute
wiedergetroffen, die ich jemals irgendwo kennengelernt hatte.
Jeden Beatnik, jeden Hippie, die ganzen Typen, die quer durch
Kalifornien in den Cafés rumgehangen haben. Alle waren da. Und
alle sind schwer auf dem psychedelischen Trip.«
Alle, aber so gut wie keine Schwarzen.
Die urbane weiße Acid-Szene, »die bisher nur auf einer verschwiegenen Zelle-an-Zelle-Ebene existiert hatte«, noch einmal
Tom Wolfe, feiert hier ihre erste spektakuläre Zusammenkunft
und ist selbst »über die Maßen erstaunt, wie stark ihre eigenen
Reihen inzwischen geworden waren – und sie freuten sich irre
über den Umstand, dass sie einfach so an die Öffentlichkeit kommen konnten, high wie die Koalas, ohne dass ihnen der Himmel
oder das Gesetz auf den Kopf fiel«. Sie gehen gestärkt und voller Selbstvertrauen aus diesem Wochenende hervor. Die HaightAshbury-Ära nimmt hier ihren Anfang.
Aber es ist wie immer auch nicht alles bloß Love & Peace an diesen drei Tagen. Die Hells Angels haben sich ebenfalls eingefunden
und müssen anderen Motorradrockern beweisen, dass sie die Platzhirsche sind. Verschiedentlich setzt es Dresche, angeblich weil nicht
ganz satisfaktionsfähige Clubs Sonny Barger und seine Männer provoziert hätten. Es gehören bekanntlich immer zwei dazu.
Und von Anfang an zeigt sich hier auch, dass sich eine Menge
Geld mit der neuen, bald gar nicht mehr so untergründigen Subkultur verdienen lässt. Auch wenn die wahren Hippie-Aktivisten
ein schlechtes Gewissen dabei haben. Die Merry Pranksters lassen immer wieder Freunde, Bekannte und schließlich egal wen
durch die Hintertür ein, zum großen Ärger des Arschlochs mit
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dem Klemmbrett. »Mach dir da keine Sorgen drum, Bill. Es ist
schon Geld in der Kasse«, will ihm Ken Babbs zugerufen haben.
»Er hat mich angeschaut, als ob ich verrückt wäre.«
»Er wollte den Leuten, die an diesem Abend gekommen waren,
jeden Cent aus der Tasche ziehen«, erinnert sich auch Ken Kesey.
»Und dabei gab es da haufenweise Leute, die irgendwie zum Acid
Test gehört haben und deshalb nicht dafür zu zahlen brauchten.
Sie haben einfach dazugehört. Er hat sich selbst zuzuschreiben,
was aus seinem ›Nein, nein, alle müssen zahlen‹ geworden ist. Seit
damals hatte er nämlich seinen Ruf weg. Und damit mußte er sich
lange Jahre herumplagen. Bis er sich schließlich dazu entschlossen hat, dieses Kreuz nicht weiter zu schleppen, sondern daran
hochzuklettern und von da oben aus zu regieren.«
Bald darauf mietet Bill Graham denn auch das Fillmore Auditorium und steigt dank seines Geschäftssinns, einer geradezu
unhippiesken Skrupellosigkeit und Ausgeschlafenheit zum Veranstaltungs-Impresario der San-Francisco-Szene auf.
Explodierende Plastikwelt Lou Reed ist von Haus
aus Dichter. In Greenwich Village findet er den Stoff, der seiner
an Verlaine und Baudelaire geschulten Schmuddelpoesie Erdung
verleiht, und hier lernt er auch, im Zusammenspiel mit seinem
Mitbewohner John Cale, dass sich die Suggestionskraft eines Gedichts mit ein paar lauten Gitarrenriffs und einem monotonen
Beat im Rücken durchaus steigern lässt, vor allem wenn man dazu
auch noch Dias oder Filme zeigt. Mit ihrer Band Velvet Underground bringen sie eine solche Mixed-Media-Performance erstmals auf die Bühne. »Das war vor Andy«, darauf besteht ihr Bassist Sterling Morrison. »Wir sind mit sowas die Ersten gewesen,
noch vor Ken Kesey oder sonst wem.«
Aber Andy – Warhol nämlich – verleiht dem Projekt dann ein
gewisses Format. Am 13. Januar treten sie zum ersten Mal gemeinsam auf. Im Delmonico’s Hotel, Park Avenue. Warhol soll
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die New York Society for Clinical Psychiatry bei ihrem jährlichen
Festbankett mit einer Rede erfreuen, stattdessen mischt er den
Laden mächtig auf. Er lässt Velvet Underground losdröhnen,
zeigt eigene Filmexperimente, Factory-Hofdichter Gerard Malanga schwingt die Bullenpeitsche, seine damalige »Muse« Edie
Sedgwick versucht sich an einem Ausdruckstanz, und zu allem
Überfluss mischen sich die beiden Filmemacher Jonas Mekas und
Barbara Rubin unters Publikum und befragen die entsprechend
konsternierten Wissenschaftler nach ihren sexuellen Präferenzen.
Es endet im Eklat. »Psychiater ergreifen vor Warhol die Flucht«,
titelt die »International Herald Tribune« am nächsten Tag. Ein
ziemlich verheißungsvoller Auftakt, der beide Seiten von der Notwendigkeit einer weiteren Kollaboration überzeugt haben muss.
Bereits im April treten sie erneut zusammen auf, im Dom am
St. Markus Place. Unter dem Titel The Exploding Plastic Inevitable hat man mittlerweile eine abendfüllende Show ausgearbeitet.
Malanga schwingt weiterhin die Peitsche, es gibt Filme, Dias, man
hat Tänzer engagiert. Und der von der Minimal Music des Free
Jazzers La Monte Young inspirierte, mit Disharmonien und Verzerrungen experimentierende Proto-Punk-Sound von Velvet Underground liefert den Score. Auf Geheiß Warhols werden sie jetzt
gesanglich unterstützt vom Factory-Superstar Nico als sinistrer
deutscher Venus. Andy Warhol steht am Rand, unbemerkt, und
spielt den diabolischen Zeremonienmeister, vor allem aber drückt
er dem Ganzen seinen Stempel auf, er verleiht diesem elektrifizierten Vaudeville-Theater die Weihen der Kunst. »Der Filmemacher wurde hier zum Dirigenten«, schwärmt Mekas, der von Warhol eingesetzt wird, um die Interpretation und damit ästhetische
Legitimation nachzureichen, »er hatte nicht nur alle verschiedenen kreativen Möglichkeiten zur Verfügung – wie den Tonregler,
die Rock-Band, Dia- und Filmprojektionen –, sondern auch alle
extremen Persönlichkeiten der Mitarbeiter. Er bildete Strukturen
mit Temperamenten, Egos und Persönlichkeiten. Warhol übertrug alles in Ton-, Bild- und Lichtsymphonien.«
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Es gibt kaum Bilder von diesen Shows, aber wenn man den Zeitgenossen glauben darf, muss es ziemlich beeindruckend gewesen
sein. »Die Rock ’n’ Roll-Musik wird lauter, die Tänzer bewegen
sich wilder und die Lichter fangen an zu flackern, aus, an, aus,
an, wie verrückt«, schreibt George English in »Fire Island News«.
Man merkt sein Bemühen, den Eindrücken sprachlich gerecht
zu werden. »Die Scheinwerfer strahlen einem in die Augen, die
Autohupen tuten, und Gerard Malanga und die Tänzer schütteln
und verrenken sich wie Verrückte, und man glaubt nicht mehr,
dass der Lärm noch zunehmen könnte, und dann tut er’s doch,
bis es nur eine einzige riesige rhythmische Woge aus Geräusch
gibt, die sich über einen wälzt, einem gerade noch so viel Luft
lässt, dass man den Beat mitkriegt; die Zuhörer, die Tänzer, die
Musik und die Filme, all das zusammengeschaltet für den einen
glorreichen Augenblick der Hysterie.«
Einen Monat lang spielen sie im New Yorker Dom, danach
geht es zusammen auf Nordamerika-Tour. Ende Juni sind sie
für eine Woche im Poor Richard’s in Chicago gebucht. Ihr Engagement wird sogar noch um eine weitere Woche verlängert.
Michaela William berichtet für die »Chicago Daily News« vom
ersten Abend, und ihr Artikel »Warhols Brutal-Assemblage, eine
Nonstop-Horror-Show« fängt die dunkle Faszination, die von der
Show ausgeht, ganz gut ein. »Er hat in der Tat das totale Environment zusammengebracht, aber es ist eine Ansammlung von
Dingen, die geradezu vibriert vor Bedrohlichkeit, Zynismus und
Perversion. Sie kennenzulernen heißt, der Brutalität ausgeliefert
zu werden, hilflos – man erlebt jede Art von Horror, die man sich
vorstellen will, vom Polizeistaat bis zum Irrenhaus. Das Gedröhne
in den Ohren hört irgendwann auf. Aber was soll man mit dem
anfangen, was einem auch dann immer noch im Gehirn dröhnt?«
Ja, was soll man damit anfangen? Für Warhols Sprachrohr Jonas
Mekas ist diese Bricolage des Bösen der »dramatischste Ausdruck
der gegenwärtigen Generation«, in dem sich all ihre »Bedürfnisse
und Verzweiflungen« spiegeln. Muss ja nicht stimmen. Aber of25
fenbar möchte sich diese Inszenierung ganz gern als politisches
Statement lesen lassen: Eure Plastikwelt wird euch irgendwann
unweigerlich um die Ohren fliegen!
Der Palomares-Vorfall Ein US-amerikanischer B52-Bomber, eine »Stratofortress«, startet am 17. Januar in North
Carolina von der Seymour Johnson Air Force Base und steuert
nach Osten über den Atlantik und das Mittelmeer, um an der europäischen Grenze zur Sowjetunion Patrouille zu fliegen. Er hat
vier Wasserstoffbomben an Bord, jede einzelne hat mehr als die
tausendfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. »Operation
Chrome Dome« heißt die Mission. Ein Routineeinsatz. Täglich
gibt es solche Flüge. Die US-Luftwaffe ist in Alarmbereitschaft,
der Kalte Krieg in seine heißeste Phase eingetreten.
Gegen halb elf soll der Bomber in der Luft betankt werden. Zu
diesem Zweck steigt von der Morón Air Base in Südspanien eine
KC-135 auf. In knapp 9500 Meter Höhe setzt sich die B-52 unter
das Tankflugzeug, sie ist ein bisschen zu schnell und droht die
KC-135 zu überholen. »Es gibt da eine Vorgehensweise beim Betanken«, erinnert sich der Pilot Major Larry G. Messinger später.
»Wenn der Tankassistent meint, dass du zu nah rankommst und
es eine gefährliche Situation gibt, ruft er ›Break away, break away,
break away‹. Aber es gab keine solche Warnung, also sahen wir
gar nicht, wie gefährlich die Situation war. Und plötzlich brach
die Hölle los.«
Die Flugzeuge prallen zusammen. Die Düse des Betankungsauslegers trifft die Tragflächenaufhängung des Bombers, durchschlägt einen Holm und lässt den linken Flügel abknicken. Das
ausströmende Kerosin fängt sofort Feuer. Die KC-135 hat mehr
als 150 000 Liter Kerosin an Bord und explodiert in der Luft. Auch
der Bomber stürzt ab. Immerhin fünf Besatzungsmitgliedern gelingt der Absprung. Bei einem öffnet sich der Fallschirm nicht.
Die anderen vier jedoch landen wohlbehalten. Einer auf dem
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Land, drei im Meer, wo sie schließlich von Fischern des nahe gelegenen Küstendörfchens Palomares gerettet werden.
Zuvor wirft die Besatzung noch die vier Atombomben ab.
Eine fällt ins Meer, die zweite in ein Flussbett. Sie bleiben verhältnismäßig unversehrt. Die anderen beiden schlagen in den
dorfnahen Tomatenfeldern auf und explodieren konventionell.
Es kommt glücklicherweise nicht zur nuklearen Kettenreaktion,
die im Umkreis von 1000 Kilometern eine radioaktive Todeszone
hinterlassen hätte. Zwanzig Kilogramm Plutonium werden aber
dennoch freigesetzt, und die dabei entstehende atomare Wolke
kontaminiert eine Fläche von 260 Hektar – Wohngebiet, Ackerland und Wälder.
Es ist nicht der erste Bombenverlust der US-Luftwaffe. Mission
»Broken Arrow« läuft an. »Dies ist der Code-Name für atomare
Aufräumungsarbeiten nach dem Absturz von A-Bombern oder
dem Notwurf von Kernwaffen«, weiß der »Spiegel«. »Zwölfmal
hatten die Bomberstrategen in den letzten Jahren bereits ›Zerbrochener Pfeil‹ spielen müssen.« Entsprechend erfahren agiert die
Truppe. Vierundzwanzig Stunden später hat man alle landwärts
niedergegangenen Bomben lokalisiert. Mehrere tausend USSoldaten sammeln in den folgenden Wochen Wrackteile ein und
tragen 2000 Tonnen besonders stark verstrahltes Erdreich ab, um
es in Fässer zu füllen und ins atomare Endlager Savannah River
Plant nach South Carolina zu verschiffen. Es ist eine der größten
Dekontaminationsaktionen in der US-Militärgeschichte. Zeitweilig kreuzen 33 Schiffe der US-Marine vor Spanien.
Die im Meer versunkene Bombe macht dem Befehlshaber der
Operation, Luftwaffengeneral Delmar Wilson, größere Sorgen. Es
dauert zwei Wochen, bis man in drei Kilometer Entfernung in
knapp 800 Meter Tiefe einen Gegenstand ausfindig macht, der
die Bombe sein könnte. Sicher ist man sich nicht, weil die Taucher ihn so weit unten nicht in Augenschein nehmen können.
Allerdings will der Fischer Francisco Simo Orts gesehen haben,
wo die Bombe aufs Wasser aufgeschlagen ist. Dafür bekommt er
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den Spitznamen »Bomben-Paco«. Einen merkwürdigen Humor
haben sie hier. Ähnlich ergeht es der alten Ana Guirao Martínez.
Sie hat eine der explodierenden Bomben einschlagen sehen, entsprechend feiert man sie als die »radioaktivste Oma Spaniens«.
Man benötigt jetzt dringend ein Tauchboot, das allerdings erst
aus den USA eingeflogen werden muss. Amtshilfe lehnen die
USA ab, die Waffe ist so geheim, man will sie vor fremden Blicken schützen, sogar vor denen der NATO-Partner. »Die Sowjets
sollen sie nicht einmal aus der Ferne sehen. Ein roter Trawler, der
prompt auf der Szene erschien, wurde zum Abdrehen gezwungen. Für alle Fälle bekamen die US-Taucher Befehl, nach FeindFroschmännern Ausschau zu halten«, schreibt der »Spiegel« Mitte
Februar. Da weiß man immer noch nichts Genaues. Schon am
Anfang seines Artikels hat der Autor auf die kuriosen Parallelen
zum gerade angelaufenen James-Bond-Streifen »Feuerball« hingewiesen, in dem sich der Superschurke Blofeld zwei Atombomben unter den Nagel reißt, um von den Vereinten Nationen 280
Millionen US-Dollar zu erpressen. Aber auch »ohne Verbrecher
wurden Bombensuche und Bergungsversuche zu einem bondesken Abenteuer der Atomzeit«.
So ganz falsch ist das nicht. Erst nach immerhin 80-tägiger
Suche stößt das Mini-Tauchboot DSV Alvin auf die Bombe, versucht sie zu bergen, verliert sie dann aber beim Auftauchen. Erst
zwei Wochen später, am 2. April, kann die Alvin sie erneut lokalisieren. Mittlerweile in fast 900 Meter Tiefe. Und fünf Tage später
gelingt es endlich, die Bombe mithilfe eines ferngesteuerten Bergungsroboters nach oben zu holen.
»Unterdessen lernten die Fischer und Bauern von Palomares
mit der Bombe zu leben. Sie, deren modernste Errungenschaft
bislang ein Kino war« – noch einmal der »Spiegel«. »Die Frauen
kauften keine Fische mehr – aus Angst, die Meerestiere könnten
radioaktiv verseucht sein. Die Bauern saßen argwöhnisch auf dem
Dorfplatz. Sie beobachteten amerikanische Spezialtrupps, die mit
blauen Masken vor dem Gesicht in weißer Schutzkleidung auf die
28
gesperrten Felder fuhren und die möglicherweise radioaktiv verseuchte Erde der Bombenfundstellen auf Lastwagen luden.
Aber die Furcht blieb, und der Erwerbssinn gedieh: Die Bauern
gaben sich nicht damit zufrieden, daß ihnen die US Air Force die
während der Absperrung verfaulten Tomaten bezahlte. Sie verlangten, auch für die nächste Ernte entschädigt zu werden. PalomaresTomaten werden vorwiegend in die Bundesrepublik geliefert.«
Sonnenscheinjäger Die deutsche Luftwaffe soll in
die Lage versetzt werden, Atombomben »bis zum Ural« zu tragen. »Massive Vergeltung« heißt das bei den Militärstrategen
der NATO. Anders lässt sich die UdSSR nicht wirksam von einer
Usurpation der Bundesrepublik abschrecken, glaubt jedenfalls
Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Mit Frankreich kann
man sich nicht auf ein atomares Bündnis verständigen, insofern
fällt die technisch überlegene Mirage III aus. Die USA indes sind
gern bereit, Deutschland im Ernstfall auch mit atomaren Waffen
auszustatten, deshalb wird 1960 der schnelle Abfangjäger Lockheed F-104 Starfighter angeschafft. Es hätte noch andere vergleichbare Kampfflugzeuge gegeben, aber der Starfighter besitzt
Vorteile. Er ist schneller als die sowjetischen MiGs und verspricht
eine gewisse Flexibilität, soll sich also mit entsprechenden Umrüstungen auch als Jagdbomber oder Aufklärer einsetzen lassen.
Zudem kann man sich mit Lockheed schnell über eine Lizenz einigen, die der Luftfahrtindustrie Deutschlands, nicht zuletzt Bayerns, wo ein Großteil der Abfangjäger gebaut werden soll, volle
Auftragsbücher beschert.
Dummerweise gibt es von Anfang an Probleme mit dem Jet.
Bereits bei der Erprobung fallen die Maschinen vom Himmel.
Die Konstruktion ist augenscheinlich nicht ausgereift. Testpiloten warnen vor der Indienststellung, und die US Air Force hält
sich denn auch mit Ankäufen eher zurück. Aber Strauß will den
Starfighter so dringend, dass man bald gewisse Unregelmäßig29
keiten bei der Auftragsvergabe wittert. Schmiergeldzahlungen
von Lockheed lassen sich jedoch nicht nachweisen, das Verteidigungsministerium gewährt allerdings auch keine vollständige
Akteneinsicht – bis heute übrigens.
Zu einer veritablen »Starfighter-Affäre«, so titelt der »Spiegel«
am 24. Januar, wächst sich der hybride Versuch, die deutsche Luftwaffe zu einer der schlagkräftigsten der NATO zu machen, allerdings erst aus, als die Jets dutzendfach abschmieren und immer
mehr deutsche Piloten dabei ums Leben kommen. 1964 zählt man
zehn Abstürze. 1965 sind es 26, wobei 17 Piloten ihr Leben verlieren. In diesem Jahr liegt die Zahl mit 21 zerlegten Maschinen und
zwölf tödlich verunglückten Piloten nur knapp darunter – und
auch in den Folgejahren ändert sich wenig an den hohen Unfallund Todesraten. »Schon müssen sich die Geschwader-Kommodores um Stimmung und Einsatzfreude der Starfighter-Piloten
sorgen. Unaufhaltsam wachsen in den Offizierskasinos und Klubräumen deutscher Fliegerhorste Mißmut und Unbehagen«, weiß
der »Spiegel«. Und die F-104 bekommt hämische Spitznamen –
»Sargfighter«, »fliegender Sarg«, »Witwenmacher« oder, besonders hübsch, »Erdnagel«.
Eine Hauptursache für die Anfälligkeit des Starfighters ist die
Umwidmung vom »Sonnenschein-Abfangjäger ohne Radareinrichtung für die Nachtjagd und ohne elektronische Navigationshilfen für den Schlechtwetterflug über Feindesland« zum
»allwetterfähigen Jäger-, Aufklärungs- und Bomber-Mehrzweckflugzeug«. Das Verteidigungsministerium habe offenbar gehofft,
dies könne mit ein »paar Handgriffen der Konstrukteure« geschehen, aber diese Vorstellung erweist sich »als einer der kostspieligsten Irrtümer der deutschen Wiederbewaffnung«. »In Wahrheit wurde die US-Version des Starfighters für die Deutschen so
grundlegend und vielfältig abgewandelt, als würde man etwa alle
Komfort-Knöpfchen und technischen Finessen des Mercedes 600
nachträglich in das 200er Serienmodell einbauen.« Aufgrund dieser »massiven Elektronik-Last mußten dann auch die Tragflächen
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und der Rumpf verstärkt, das Leitwerk um ein Viertel vergrößert
und die Leistung des Triebwerks erhöht werden. So wog das bundesdeutsche Starfightermodell – mit voller Bewaffnung – am
Ende fast ein Drittel mehr als der amerikanische Vorläufer.«
Das Flugzeug, das Bonn bestellt, muss erst noch zu Ende entwickelt werden. Abgesehen davon, dass die Produktionskosten in
der Folge stetig wachsen, bekommt die Bundeswehr ein unausgereiftes Produkt. Das führt zu ständigen Modifikationen während
des regulären Flugbetriebs, die zwangsläufig eine größere Fehleranfälligkeit nach sich ziehen. Hinzu kommen konstruktionsbedingte Mängel etwa beim Triebwerk oder bei der Hydraulik.
Außerdem führt die Personalsituation der Bundeswehr zu Wartungsproblemen. Es fehlt schlicht an ein paar tausend qualifizierten Mechanikern. Bei den vorhandenen ist einmal die Arbeitsbelastung zu hoch, zum anderen müssen sie sich in relativ kurzer
Zeit auf die spezifische Beschaffenheit dieser Rakete mit Flügeln
einstellen, was augenscheinlich einige überfordert. Und schließlich fehlt es in den Fliegerhorsten an Hangars, vielerorts stehen
die Maschinen unter freiem Himmel. Der Einfluss von Wind und
Wetter zieht vor allem die Elektronik in Mitleidenschaft.
Aber in den Stellungnahmen der Bundeswehr sind meistens »Pilotenfehler« für die Abstürze verantwortlich. Die Untersuchungsunterlagen bleiben geheim, nicht einmal den Frauen der Flieger
wird Einsicht gewährt. Das Bild von fünf Witwen, die skeptisch
der einschlägigen Bundestagsdebatte beiwohnen, rührt die Öffentlichkeit. Die Frauen werden misstrauisch und engagieren einen
US-Staranwalt, der eine Sammelklage gegen Lockheed anstrengt.
Man einigt sich dann außergerichtlich. Nach Abzug der Anwaltskosten bekommt jede vom Flugzeugbauer eine Entschädigung im
sehr niedrigen fünfstelligen Bereich. Der zuständige Anwalt gibt
später zu, dass damit nicht einmal die Gerichtskosten abgedeckt
gewesen wären, wenn es tatsächlich eine Klage gegeben hätte.
Auch das Verteidigungsministerium unter Strauß hat sich von
Lockheed über den Löffel balbieren lassen. Nicht zuletzt, weil die
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militärtechnischen Erfahrungen der deutschen Minister, Generale, Abteilungsleiter und Referenten »aus einer Zeit stammten, in
der Düsenantriebe und Kriegselektronik noch in den ersten Anfängen steckten«, konstatiert der »Spiegel«. Und als der Starfighter
erst einmal fliegt, ist der Schaden und der damit einhergehende
Gesichtsverlust der beteiligten Politiker zu groß, als dass man den
Fehler einfach so hätte rückgängig machen können. Abgesehen
davon verdient die deutsche Luftfahrtindustrie viel zu gut daran.
Folglich spielt auch Straußens Nachfolger, Verteidigungsminister
Kai-Uwe von Hassel, die Risiken herunter, mauert und hält eisern
am Starfighter fest. »Jede Luftwaffe der Welt muss bereits im Frieden mit einer gewissen Verlustrate rechnen«, ruft er im Bundestag
seinen Kritikern zu. Zwei Jahre später verliert er seinen Sohn bei
einem Starfighter-Absturz.
Mittwoch, 26. Januar Unabhängig Überparteilich /
Auflage über 4 Millionen Exemplare / 18-Meter-Sturz vom Dach:
Unverletzt! / Lehrling wollte gleich weiterarbeiten / »Ich schlidderte über die Dachpfannen / und sah nur weiße Schneeflocken
vor / meinen Augen.« / Sein Meister Harald Stein: / »Der Unfall
hat ihm nichts ausgemacht.« / Immer richtig bei der Hetze des
Tages, beim / Autofahren, statt zu rauchen / Langenbergs Katjes
Lakritz / Magenverstimmung rettete Stewardeß / »Ich kann das
Wunder noch gar nicht fassen« / So entging sie der Katastrophe
am Montblanc, / bei der alle 117 Insassen starben / Brotpreis wackelt wieder / Sensationeller Erfolg deutscher Forscher / Elektrizitätswerk aus der H-Bombe / Sowjetische, amerikanische und englische / Wissenschaftler haben sich bisher vergeblich / bemüht,
die Wasserstoffbombe zu »zähmen« / Das neue Make-up für den
Frühling / Eis auf den Lippen – Frost auf den Wangen / Warum
sollen wir für fremde Kinder zahlen? / Empörung über den Vorschlag: / Höhere Steuern für Kinderlose / Sie sind im Alter die
Einsamsten! / Weiter letzte Seite
32
No-1-Hits Februar
Deutschland
Chris Andrews: Yesterday Man (1.2.–14.3.)
England
Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walkin’ (28.1.–17.2.)
The Walker Brothers: The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore (18.2.–17.3.)
USA
The Beatles: We Can Work It Out (29.1.–4.2.)
Petula Clark: My Love (5.2.–18.2.)
Lou Christie: Lightnin’ Strikes (19.2.–25.2.)
Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walkin’ (26.2.–4.3.)
Übersteuerung Dass bayrische Kulturverweser die
Musik der Rolling Stones nicht unbedingt als »künstlerisch wertvoll« ästimieren, hätte man sich denken können. Aber im Januar
spricht die Regierung von Oberbayern mit Aplomb und Aktenzeichen ein Machtwort – nämlich der Musik der Rolling Stones
gänzlich den Charakter von Musik ab.
Bei ihren (ja, was eigentlich? – na, sagen wir mal:) Auftritten
im Circus Krone im September des Vorjahres »handelte es sich
nicht um Konzerte oder sonstige musikalische Aufführungen«,
dekretiert der für seine Bauernschläue bekannte Freistaat. Und
die Begründung ist ziemlich ausgeschlafen: »Durch zahlreiche
elektrische Tongeräte wird die Musik in einem Maße verstärkt,
das sie des Charakters der Musik im üblichen Sinne weitgehend
entkleidet und schier als Lärm erscheinen läßt.«
Warum muss sich ein bayrischer Regierungsdirektor überhaupt
mit solch niederen Dingen wie den Rolling Stones beschäftigen?
Es geht ums Geld. Man hat im Jahr zuvor aus Unachtsamkeit,
niederen moralischen Beweggründen, dem absurd freisinnigen
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Zeitgeist folgend oder um endlich »a Ruah« zu haben das Vergnügungssteuergesetz auf unschöne Weise liberalisiert. Galt bis dahin
Steuerfreiheit nur bei Musikveranstaltungen von »künstlerisch
hohem Wert«, was dann allerdings immer wieder zu Auseinandersetzungen führte, wie der beschaffen sein sollte, nimmt man
nun grundsätzlich »Konzerte und sonstige musikalische und gesangliche Aufführungen« von der Steuer aus. Was kann man also
tun, um die zuständige Fiskalbehörde der Landeshauptstadt doch
noch ins Recht zu setzen, den Veranstalter um 14 158 Mark Vergnügungssteuer zu erleichtern? Man behauptet einfach, es sei gar
keine Musik, sondern Lärm, und darf folglich die Darbietungen
der Stones »nach Art. 2 VgnStG« als »steuerpflichtiges Vergnügen« einsortieren. Zur Auswahl stehen hier die Kategorien »Zirkusvorstellung«, »Sport«, »Faschings- und Tanzveranstaltung«
und schließlich »Schaustellung zur Unterhaltung«, die man dann
auch für Jagger, Richards und Co. in Anschlag bringt. Das »showartige Gebaren« und die »artistischen Beigaben« hätten einfach
einen stärkeren Affekt erzeugt als die »musikalischen Darbietungen«. Warum nicht gleich Zirkusvorstellung?
Dass es sich beim »Beat« um Lärm handelt, da sind sich links
und rechts erstaunlich einig. Nur die Schlussfolgerungen sind andere. Der Dichter Rolv Heuer schreibt im Februar-Heft von »konkret« eine Apologie auf den Lärm des Beat. Für ihn ist es ein Segen,
dass der sich die Steckdose »als Tabernakel dieses Jahrhunderts
zunutze« mache, weil das Sounds zeitigt, die anders nicht herzustellen sind. »Plötzlich hatte man die Autobahn auf der Bühne,
die Maschinenhallen, das ganze Mobiliar einer industrialisierten
Welt. Die Musikinstrumente wurden nicht mehr verzärtelt und
auf das Podest ›Kunst‹ gestellt, sie erschienen zum ersten Mal als
Werkzeug, machten den Fräsen und Kreissägen Konkurrenz.«
Keine Ahnung, welche Trümmertruppe Heuer konkret meint.
Wichtiger ist etwas anderes. Hier beginnt die Aufwertung der
Rockmusik zu einem gesellschaftsrelevanten Medium. Von einem
Werkzeug, das die Welt abkonterfeit, wie sie sich aktuell darstellt,
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sind wir nur noch einen gnadenlos übersteuerten Powerchord entfernt von einem Werkzeug, das der Welt lautstark ins Bewusstsein
ruft, wie sie eigentlich sein müsste. Der Radau bekommt langsam
eine revolutionäre Dimension.
Noch ist das allerdings nicht allen klar. »Ok«, ein kurzlebiges
Jugendmagazin, das sich eigentlich auf dem Zeitschriftenmarkt
als eine aufmüpfige Variante von »Bravo« situieren will, stellt in
seinem dritten Heft von Anfang Februar die Frage »Was ist Beat?«,
um dann ganz handzahm zu werden. »Auf keinen Fall ’ne Halbweltsache. Beat ist eine Musik, die mehr aktive Musiker hervorgezaubert hat, als je eine Musikart zuvor. Beat hat auch nichts mit
dreckigen Fingernägeln, Gaunern und Asozialen zu tun. Beat ist
jung und das, was die meisten jungen Leute heute am meisten interessiert. Beat kann sogar Lebensanschauung sein: unkonventionell, mutig, ideenreich, selbständig, kritisch. – So wollen Sie doch
die Jugend haben. Was schaden da ein paar lange Haare, Fransen
an den Hosen oder Amijacken mit was draufgekritzelt. Das sind
Äußerlichkeiten. Der Beat gibt unzähligen Leuten einen zusätzlichen Lebensinhalt. Beat tut was für die Jugend, er tut nichts gegen
sie. Ganz bestimmt auch nichts gegen Sie.«
Da sind sich andere nicht so sicher.
Der Marsch auf das Amerikahaus Der Berliner
SDS hat bereits im Dezember 1965 eine ablehnende »Erklärung
über den Krieg in Vietnam« veröffentlicht, die auch 70 Schriftsteller, darunter fast die gesamte Gruppe 47, und 130 Professoren unterzeichnen. In einem Begleitbrief wendet man sich auch entschieden gegen die affirmative Berichterstattung der Springer-Presse.
Anders als »blinde Antikommunisten uns einreden möchten«, sei
die Situation in Vietnam keineswegs mit der in Berlin gleichzusetzen. »Man erweist den Interessen Berlins einen schlechten Dienst,
wenn man uns rät, das amerikanische Vorgehen in Vietnam zu
billigen oder zumindest keiner Kritik zu unterziehen.«
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Aber Springer und Co. legen nach. Zu Weihnachten 1965 veröffentlichen sämtliche Westberliner Zeitungsverleger in ihren Tageszeitungen einen Spendenaufruf für die US-Opfer des Vietnamkriegs. Von
den gesammelten 130 000 Mark erwirbt man kleine Freiheitsglocken
aus Porzellan und schickt diese an die Familien der in Vietnam gefallenen US-Soldaten. Denn die hätten, so paraphrasiert der Satiriker
Wolfgang Neuss den Kotau vor der »Schutzmacht«, ihr Leben lassen
müssen, »damit wir ungestört auf ’n Kudamm unsere Weihnachtseinkäufe tätigen können … Ekel würgt mir. Ich kotze kurz.«
In einem weiteren Artikel setzen er und seine Mitstreiter sogar
noch einen drauf. »Heute für die amerikanische Vietnam-Politik
Geld spenden heißt sparen fürs eigene Massengrab«, vermelden sie
im eigenen Satireblatt »Neuss Deutschland«. Viel wichtiger seien
doch »Gasmasken und Luftschutzkeller für die Redaktionsstäbe
der Westberliner Tageszeitungen. Wie leicht fällt aus Versehen so
eine Napalmbombe der Amerikaner auf das Ullsteinhaus.«
Neuss marschiert dann auch vorne mit, als am 5. Februar 1966 die
erste Vietnam-Demo durch Berlins Straßen zieht. Der SDS hat die
Verwaltungsgebühr von 20 Mark entrichtet, und so wird der Marsch
auf das Amerikahaus vom Polizeipräsidium genehmigt. Es gibt
schließlich Vereins- und Versammlungsfreiheit in der Bundesrepublik. Nur wie man sie nutzt, das muss man noch ein bisschen üben.
Es ist Grüne Woche, ein langer Samstag. Winterschlussverkauf.
»WSV«-Plakate allenthalben. Fast hätte es noch andere gegeben –
mit »Amis raus aus Vietnam«-Slogan. Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann und einige ihrer Kombattanten ziehen zwei Tage vorher
mit Quast und Leimeimer los, aber einige von ihnen werden von
der Polizei erwischt und fahren ein. Untersuchungshaft. Die Demonstration hat jetzt noch ein anderes Ziel – die linken Studenten
zu befreien.
Die Plakate hat die Polizei sofort wieder entfernt, aber es gibt
genug zu lesen, die 2500 Menschen, die sich um 14 Uhr am Steinplatz treffen, haben Pappschilder und Spruchbänder gemalt. »Wo
bleiben freie Wahlen für Vietnam?« … »Frankreich ist gegen den
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USA-Krieg in Vietnam. Und Bonn?« … »Beginnt in Vietnam der
3. Weltkrieg?« … »Wie viele Kinder habt ihr heute ermordet?« …
»Solidarität mit Kriegsgegnern in USA« … »Vietnam den Vietnamesen« … »500 000 Tote. Wie viele noch?« … »Selbstbestimmung, wenn alle tot sind?« … »Um ihre ›Freiheit‹ zu erreichen,
gehn ›Christen‹ wieder über Leichen!« … »US-Eskalation bedroht den Weltfrieden« … »Warum nicht gleich Cyclon-B-Medikamente nach Vietnam?!« … »Herr Johnson läßt Menschen ausrotten wie Läuse und Motten« … »Wildwest in Fernost« … »Wird
der Mond kommunistisch? US-Truppen auf zum Mond!« …
Im Steinplatz-Kino nebenan laufen »Tatis Schützenfest« und
»Julia, Du bist zauberhaft«, aber das hier ist großes Straßentheater. Sogar der SFB hat einen Ü-Wagen vor Ort.
Der Demo-Kurs ist mit den Behörden abgestimmt. Vom Steinplatz geht es zum Bahnhof Zoo, von dort in die Joachimsthaler
Straße, eine kurze Strecke über den Kurfürstendamm, in die Uhlandstraße und wieder zurück zum Steinplatz. Und danach mal
sehen.
Es beginnt pünktlich, wird ja auch früh dunkel in dieser Jahreszeit. Am Ende sieht man nichts mehr. Man will aber etwas sehen,
nicht zuletzt der Verfassungsschutz, der mitmarschiert und Fotos
macht von prominenten »Linksabweichlern«.
»Dreierreihen, bitte«, verfügt die Polizei aufgeräumt und
freundlich, »bitte in Dreierreihen zu demonstrieren.« Eine Spur
muss für den Verkehr frei bleiben. Man gehorcht und beginnt loszuziehen. Nach 500 Metern das Amerikahaus. Viele setzen sich
auf die Straße. Sitzstreik. Sit-in sagt man dazu schon eine Weile
in den USA. Jetzt lernt es auch die deutsche Linke. Dabei sind
nicht nur Linke unter den Demonstranten. Neuss berichtet später,
er habe sogar CDU-Mitglieder getroffen, die ihrer abweichenden
Meinung durch diesen friedlichen Samstagsspaziergang durch
Charlottenburg Ausdruck verleihen wollten. Erste Sprechchöre.
»Johnson-Mörder!«
»Jeder, der den Springer liest, auch auf Vietnamesen schießt.«
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»Geht erst mal arbeiten!«, schreit eine Passantin.
»Geht doch nach Ostberlin demonstrieren!«, spuckt eine andere hysterisch.
»Dort darf ich ja nicht.«
»Ebend«, schreit sie erneut, »und hier machste es!«
»Genau, hier darf ich!«
Immer wieder Sprechchöre.
»LASST DIE STUDENTEN FREI!«
»AMIS RAUS AUS VIETNAM!«
Wolfgang Neuss denkt den Satz zu Ende.
»Springer raus aus den Amis.« Denen man vorher in den Arsch
gekrochen ist, will er vielleicht damit sagen.
»Wirrkopf«, wird ihm vom Straßenrand Bescheid getan.
Nach ein paar Minuten geht es weiter. Beim altehrwürdigen
Gasthaus Aschinger kommt ein Kellner heraus, wirft die kleinen
Brötchen, die man hier gratis zur berühmten Erbsensuppe bekommt, in die Menge. Die reagiert auch gleich, skandiert: »Brötchen für Vietnam!« Etwas später halten Arbeiter ein Schild aus
dem Fenster. »Sei schlau, lern beim Bau!« Und auch hier weiß die
Menge eine Antwort. »Kein Maurer nach Vietnam.«
Die Menschen haben Spaß, weil sie merken, für wie viel Aufmerksamkeit sie sorgen, im Positiven wie im Negativen. Meistens
wohl Letzteres. »Die feinen Studenten!« »Nichts Besseres zu tun?«
Aber das ist ihnen völlig egal.
Sie biegen ein in den Ku’damm. Hinter den Fenstern des Cafés
Kranzler Blicke aus Erschrecken und Anerkennung. Ein paar
Burschenschaftler wollen dem Spuk etwas entgegensetzen. »USA
schützt auch Berlin!«, rufen sie. »Es lebe L. B. Johnson!« Und:
»Studenten sollen studieren, nicht sich blamieren!« Aber die Protestmarschierer sind lauter.
Vor der Maison de France an der Uhlandstraße setzen sich
einige erneut hin. Auch Frankreich hat schon mal in Vietnam
gekämpft und dort sein Dien Bien Phu erlebt.
»FRIEDEN STATT LÜGEN!«
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»LASST DIE STUDENTEN FREI!«
Jetzt macht ein Gerücht die Runde. »Nach der Demonstration
gibt’s Freibier am Amerikahaus.« Hier geht es also weiter.
Einer hat beim Delikatessengeschäft Hefter im Bahnhof Zoo
(»Erst einmal, dann öfter, dann immer zu Hefter!«) sechs Eier
der Güteklasse eins erstanden. Eier für Ho Chi Minh. Aber der
edle Spender hat Schwierigkeiten, die Eier loszuwerden. Ein Zeichen will man ja setzen, nachdrücklich soll es schon sein, aber
gleich Eier? Wie gesagt, man muss erst noch lernen, wie man das
macht – demonstrieren.
Dann ist der offizielle Teil auch schon um. Aus dem Polizeilautsprecher lobt ein soignierter Wachtmeister. »Wir danken Ihnen
für die ruhige eindrucksvolle Demonstration, nunmehr ist sie beendet, bitte die Schilder ablegen, auf Wiedersehen.«
Neuss kontert mit Brecht. »Es werden die Revolutionäre gebeten / den städtischen Rasen nicht zu betreten.« Der SDS greift
sich eine Flüstertüte und ruft noch ein paar der mittlerweile bekannten Parolen. »Und vergessen Sie nicht unsere Unterschriftenaktion.«
Ermuntert von einer Handvoll SED-Funktionäre, so heißt es
später in SPD-Kreisen, seien die Studenten danach zur Attacke
übergegangen. Ein harter Kern von 150 Unverfrorenen will nicht
nach Hause. Sie sind in Feierlaune und ziehen ein weiteres Mal
zum Amerikahaus. Noch ein Sit-in. Dem ursprünglichen Einsatzbefehl der Polizei, die Menge von dort fernzuhalten, tritt der
Direktor Ernest J. Colton entgegen. Er zeigt sich diskussionsbereit
und um Deeskalation bemüht. Dreißig, vierzig Demonstranten
dürfen eintreten, dann wird die Tür wieder verschlossen.
Das reicht der Menge aber nicht. Jetzt kommen die Ho-ChiMinh-Eier zum Einsatz. Sie kommen aus dem Schutz der Bahnunterführung geflogen, zwei geben der mit blauen und roten
Mosaiksteinen gefliesten Außenwand einen zusätzlichen Farbtupfer, ein drittes geht daneben, das vierte trifft wieder. Die SEDler sind schnell verschwunden, geworfen haben, zum Kummer
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der Partei – Sozialdemokraten. Zwei von ihnen vergreifen sich
jetzt auch am Sternenbanner und zerren es herunter. Zunächst
bleibt die Polizei besonnen. Erst als ein SDS-Student die Flagge
auf Halbmast setzen will, schreitet sie ein. »Da kann ja jeder
kommen!« Zur Verstärkung rauscht ein Überfallwagen heran.
Und jetzt gibt es doch noch Gummiknüppel satt.
Die »bürgerliche Presse« hat tags darauf viel zu schimpfen.
»Berlins Schild« sei beschmutzt worden, meint der SPD-eigene
»Telegraf«, »studentische Narren« (»Berliner Morgenpost«) hätten sich zu »antiamerikanischen Ausschreitungen« (»BZ«) hinreißen lassen. Auch Berlins regierender Bürgermeister Willy Brandt
spricht von einer »Schande« und sieht die deutsch-amerikanische
Freundschaft besudelt. Von Ludwig Erhards Berlin-Beauftragtem
Ernst Lemmer ist sowieso nichts anderes zu erwarten, auf der
eilig von der Jungen Union anberaumten Gegendemo drei Tage
später schäumt er über die »Verrückten« und »politischen Spinner«. Und der Rektor der Freien Universität meint gar, beim Berliner Stadtkommandanten John Franklin für die »Beleidigung«
seiner Studenten um Entschuldigung bitten zu müssen. Semesterziel erreicht!
Obwohl – so ganz doch nicht. Denn die, die man treffen will
und über deren empörte Reaktion man sich am ehesten die
Hände gerieben hätte, zucken nur einmal kurz mit den Achseln.
Die »Amis« sind aus dem eigenen Land Kummer mit den jungen
Leuten gewohnt und fragen verwundert bei den deutschen Journalisten nach, warum man so viel publizistischen Wind mache
um diesen Protestmarsch. Nichts Besseres zu tun?
Montag, 7. Februar Judo-Mädchen fingen den Würger / Der Lehrling gestand: »Ich wollte die Frauen bis / zur Bewußtlosigkeit würgen und sie dann mißbrauchen.« / Hubschrauber suchten zwei verliebte Hunde / Sportstudent Cigarillos / Die
Lieblingsmarke prominenter Sportler / Massenschlägerei nach
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Fußballspiel / Gastwirt erstach jungen Polizisten / Zur selben Zeit
wurde der Vater des Toten, / Hauptkommissar Heck, auf einem
Karnevalsball / in einer Nachbarwirtschaft mit närrischen Orden
geehrt / Neuer Roman: »Bis gleich, Liebling!« / Aus der Welt der
Stewardessen / Der Winter kommt noch mal zurück / Das Frühlingswetter trügt / Nach dem Todessturz des Bob-Stars: / Goldmedaille für einen Toten! / Ausführlicher Bericht auf Seite 5
Mehr Demokratie wagen »Am Samstagnachmittag
wird auf der Moorweide in Hamburg gemeckert. Weder Schnee
noch Kälte noch Regen konnten die Hamburger davon abhalten,
zu ihrer ›Meckerwiese zu gehen und den Mitbürgern einmal ordentlich ihre Meinung zu sagen. An jedem Samstag zwischen 14
und 17 Uhr darf man – wie es in einem Merkblatt heißt – ›ohne
besondere Erlaubnis und ohne vorherige Anmeldung‹ von der
Redefreiheit Gebrauch machen. Diese Einrichtung gibt es in London an der Hyde-Park-Corner schon seit etwa 140 Jahren. Hier
halten Politiker und Weltverbesserer, Studenten und Männer, die
sich über ihre Frauen geärgert haben, regelmäßig ihre Reden.
Hamburgs Innenbehörde hatte in den letzten Jahren viele Anträge
von kleinen Gruppen oder Einzelpersonen ablehnen müssen, die
unter freiem Himmel Reden halten wollten. Außerdem standen
Verordnungen der Verkehrspolizei dagegen. Nun hatte Hamburgs
energiegeladener Innensenator Ruhnau die Möglichkeit geschaffen, daß jeder ›seinen Senf dazugeben‹ konnte. Viele, die das
zurückhaltende hanseatische Temperament kannten, glaubten
nicht an den Erfolg dieser Aktion, aber schon am ersten Samstag
drängten sich viele tausend Zuhörer um die Redner und es wurde
kein Blatt vor den Mund genommen! Eine Hausfrau beklagte sich
über die steigenden Preise und belegte ihre Klagen mit einer langen Liste. Gesetzte Herren glaubten nicht an die Finanzpolitik
der Bundesregierung, machten Bemerkungen über Vietnam und
die Notstandsgesetzgebung. Die Starfighter-Abstürze ergaben ein
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Diskussionsthema, jemand trug eigene Gedichte vor und BeatlesAnhänger forderten mehr Toleranz für ihre langen Haare. So kam
jeder zu Wort, wenn auch manchmal schallendes Gelächter die
Reden übertönte.
Innensenator Heinz Ruhnau, mit 30 Jahren jüngster Minister
eines Bundeslandes, besuchte mit seiner Frau mehrfach inkognito
die ›Meckerwiese‹ und hatte großes Vergnügen an den Reden. Er
sagte: ›Wir werden so liberal und großzügig wie irgend möglich
sein, wir sollten mehr Vertrauen in unsere Demokratie haben.
Eine Meckerwiese paßt gut in Hamburgs liberale Landschaft. Bei
uns soll jedermann diskutieren dürfen.‹ So störte kein Polizist
und kein Beamter des Verfassungsschutzes die debattierfreudigen
Hamburger. Um Auswüchse zu vermeiden, hatte er allerdings ein
amtliches Merkblatt vorbereiten lassen, das einige Einschränkungen enthielt. Verboten sind auf der Meckerwiese Reden, die gegen
das Strafgesetz verstoßen, Propaganda für die in der Bundesrepublik verbotenen Parteien, geschäftliche Werbung und vorher
angekündigte Veranstaltungen sowie größere Versammlungen.«
(Karl-Heinz Neumann: Das Jahr im Bild – 1966)
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No-1-Hits März
Deutschland
Chris Andrews: Yesterday Man (1.2.–14.3.)
Roy Black: Ganz in Weiß (15.3.–31.3.)
England
The Walker Brothers: The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore (18.2.–17.3.)
The Spencer Davis Group: Somebody Help Me (18.3.–14.4.)
USA
Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walkin’ (26.2.–4.3.)
Staff Sergeant Barry Sadler: The Ballad Of The Green Berets (5.3.–8.4.)
Populärer als Jesus Die seit Jahren mit den Beatles
bekannte britische Journalistin Maureen Cleave bekommt vom
»London Evening Standard« den Auftrag, Homestorys zu allen
vier Bandmitgliedern zu schreiben, die im März sukzessive veröffentlicht werden. Am Vierten des Monats erscheint ihr Artikel
»How does a Beatle live? John Lennon lives like this«, dafür hat sie
sich mit ihm in Kenwood getroffen. Cleave liefert die typische, von
ihrem Gegenstand selbst unglaublich hingerissene, völlig unkritische Hofberichterstattung, beschreibt das Zusammenleben mit
Sohn Julian und Frau Cynthia, sein Verhältnis zu Reichtum und
Ruhm und naturgemäß die liebenswerten Popstar-Verrücktheiten – einschließlich Gorilla-Kostüm. Aber sie versteckt in all dem
Promi-Boulevardgerümpel eine Stange Dynamit. »Erfahrung
hat in ihm ein paar Samen des Zweifels gesät«, heißt es an einer
Stelle. »Seine Überlegungen sind zwar noch nicht abgeschlossen,
aber er ist sich ziemlich sicher in dem, was er gerade glaubt. ›Das
Christentum wird vergehen‹, sagte er. ›Es wird verschwinden und
schrumpfen. Darüber brauche ich nicht zu diskutieren; ich habe
recht und ich werde recht behalten. Wir sind gerade populärer als
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Jesus; ich weiß nicht, was zuerst dahinscheiden wird – Rock ’n’ Roll
oder das Christentum.« Im Gegenteil, er scheint es ziemlich genau
zu wissen.
Rock ’n’ Roll ist keine Offenbarungsreligion mit einer für alle
verbindlichen Lehre, dafür ist er von Anfang an einfach zu vielgestaltig und dezidiert polytheistisch, aber er usurpiert langsam
die Geschäftsbereiche der Kirchen und beschneidet mehr und
mehr ihre Marktrelevanz. John Lennons großmäuliges Diktum
ist eben nicht nur dem »Übermut eines Jugendlichen der englischen Arbeiterklasse« geschuldet, der »offensichtlich überwältigt war von einem unerwarteten Erfolg«, wie die Vatikanzeitung
»L’Osservatore Romano« die Sache viele Jahrzehnte später verniedlicht, weil der kuschelbedürftige Papst ihm den blasphemischen Witz von einst nun endlich verzeihen zu dürfen glaubt.
Nein, Lennon trifft schlicht den Nagel auf den Kopf. Und die Kirche weiß das auch. Sie bemerkt ihren Einflussverlust gerade bei
den jüngeren Generationen sehr wohl, sonst hätte sie kaum in der
Folge so kopflos polemisch reagiert.
Gar nicht unbedingt in England. Hier nimmt man die kleinen
blasphemischen Sottisen der Stars mit Gelassenheit zur Kenntnis, zumal in klerikalen Kreisen längst Pläne geschmiedet werden,
dem schleichenden Bedeutungsverlust etwas entgegenzusetzen.
Die stets ein wenig albernen, unfreiwillig komischen Anbiederungsversuche an den jeweiligen Zeitgeist beginnen in dieser Zeit.
»Nenn mich nicht Herr Pastor, nenn mich einfach Schorse!«
In den Hoheitsgebieten der Bigotterie allerdings, dem Süden
der Vereinigten Staaten, kommt es bald darauf zum Eklat. Tony
Barrow, der Pressesprecher der Band, bietet die Storys gleich nach
dem Erscheinen dem amerikanischen Teenie-Magazin »Datebook« an, um die amerikanische Jugend mit der intellektuellen
Entwicklung der Band bekannt zu machen. Als nachdenkliche,
politisch wache Zeitgenossen hat sie Cleave hier porträtiert. Das
Magazin lässt sich nicht lange bitten, druckt die Serie im AugustHeft, das Ende Juli erscheint. McCartney wird Coverboy, und um
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den Verkauf anzukurbeln, pickt man auch noch zwei diskussionswürdige Zitate heraus. McCartney stänkert: »It’s a lousy country
where anyone black is a dirty nigger!« Das hat man vielleicht
für den eigentlichen Aufreger gehalten, aber den neuralgischen
Punkt trifft dann die sehr freie Paraphrase von Lennons bereits
zitiertem Diktum: »I don’t know which will go first – rock ’n’ roll
or Christianity!«
Zwei bibeltreue Rundfunkmoderatoren können ihr Wutschnauben nicht für sich behalten, befragen ihre Zuhörer, und die
sind in der Mehrzahl ebenfalls empört. Der Sender beschließt,
die Beatles aus seinem Programm zu verbannen. Die »New York
Times« bekommt Wind von der Geschichte, macht eine Schlagzeile draus, und jetzt schließen sich auch andere Sender dem Boykott an. Ein paar, die gedanklich offenbar noch tiefer im Süden
situiert sind, organisieren Demos, die mit Beatles-Platten auf dem
Scheiterhaufen enden. Und langsam solidarisiert sich die Gemeinschaft der Christenheit auf internationaler Ebene. Mexiko,
Südafrika, Spanien und der Vatikan sowieso – sie alle prügeln auf
»die Pilzköpfe« ein.
Dummerweise steht ausgerechnet jetzt eine US-Tour vor der
Tür. Manager Brian Epstein sorgt sich um die Sicherheit seiner
Schützlinge. Nicht ganz zu Unrecht. Es gibt Drohanrufe und der
Ku-Klux-Klan macht ebenfalls mobil, um die Konzerte zu stören.
Bei einer Pressekonferenz in Chicago ringt sich Lennon auf Geheiß Epsteins, und nachdem er von einem Reporter explizit dazu
aufgefordert worden ist, eine halbgare Entschuldigung ab. »Wenn
du willst, dass ich mich entschuldige, also gut, wenn es jemanden
glücklich macht: Es tut mir leid!«
In Memphis hilft auch das nichts. Der Stadtrat rät, die Konzerte
zu verbieten, und lässt via Presseerklärung verlauten, die Beatles
seien nicht willkommen in der Stadt. Ein lokaler Pfaffe ruft zu
einer Massenkundgebung auf, die »der Jugend des mittleren Südens die Möglichkeit gibt zu zeigen, dass Jesus Christus populärer
ist als die Beatles«. Und auch der Ku-Klux-Klan empfiehlt sich
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erneut als Hort der Kreativität – er nagelt ein Beatles-Album ans
Kreuz und schwört Rache.
Aber die für den 19. August anberaumten Konzerte finden dennoch statt. Bei der Nachmittagsvorstellung geht alles ohne Störungen über die Bühne, aber bei der Show am Abend schmeißen
ein paar Frömmler Böller auf die Bühne, was die Band zunächst
etwas beunruhigt, weil sie glaubt, unter Beschuss zu stehen.
Die Beatles haben ohnehin längst die Nase voll vom Touren.
Das Gekreische, bei dem man die eigenen Instrumente nicht mehr
hören kann. Und jetzt dieser Hass. George Harrison will ganz hinschmeißen und die Band verlassen. Unter der Bedingung, dass
sie nur noch im Studio agieren, lässt er sich aber zum Weitermachen überreden. Sie beenden die US-Tour am 29. August 1966 im
Candlestick Park, San Francisco – ihr letztes reguläres Konzert.
Auf dem Bootleg, das bald Verbreitung findet, klingen sie stellenweise wie eine kaputte Garagenband. Gar nicht schlecht. Aber das
hat nicht mehr viel gemein mit ihren gewandelten, sublimierten
Soundvorstellungen.
»Ich werde Jesus stets dafür danken, dass er meine Tage auf
Tour beendet hat«, schreibt Lennon später. »Wenn ich nicht gesagt hätte, die Beatles seien ›bekannter als Jesus‹, und damit den
Ku-Klux-Klan gegen uns aufgebracht hätte, Gott, ich würde
immer noch da oben stehen mit all den anderen Show-Wanzen!
Gott schütze Amerika. Dank dir, Jesus.«
Sonnabend, 9. März Taxis sollen billiger werden /
33. Absturz / Starfighter-Pilot Harry Thiedemann ist tot! / Harry
Thiedemann war ein erfahrener Pilot mit / über 2000 Flugstunden. Er sollte am 1. April zum / Oberfeldwebel befördert werden. Seine Frau / erwartet in den nächsten Tagen ihr zweites
Kind. / Die Hausperle der Matura will zum Film / Ingeborg
Siemon (25, Foto), ehemalige / Raumpflegerin der ermordeten Frankfurter / Dirne Helga Matura, mußte Reinemachen, /
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Geschirr spülen und den Pudel »Tango« / füttern. Männer sah
Ingeborg nur selten / in der Wohnung. / Gegen die von der Bundesregierung geplante / Meldepflicht für körperlich und geistig
behinderte / Kinder hat sich auch der Marburger Professor Dr. /
R. Mittermaier ausgesprochen. / Ab April kosten Briefe 30 Pfennig / Gelähmt durch Polizeikugel: Keiner zahlt / Fortsetzung auf
der letzten Seite
Der Tintenfisch Am 10. März 1966 stellt Alfa Romeo
auf dem Genfer Automobilsalon den neuen Spider vor. Das Vorgängermodell wird in Deutschland noch beworben mit dem Hinweis auf das »künstlerische Erbe« Italiens. Botticellis Venus stehe
»in unmittelbarem Zusammenhang mit der reinen Linienführung des GIULIETTA SPIDER«, dekretiert die deutsche Werbeabteilung von Alfa Romeo 1961.
Das geht mit dem neuen nicht mehr. Er erinnert an einen
Tintenfisch-Schulp. »Osso di Sepia« heißt er denn auch bei den
Ingenieuren im Alfa-Hauptquartier Arese. Entsprechend wenig
amüsiert zeigt sich die Fachpresse zunächst. Man trauert offenbar
der klassischen Eleganz des alten Giulietta nach. Der Alfa Romeo
1600 Duetto Spider ist dagegen geradezu futuristisch, in der Seitenansicht fast symmetrisch, lang, schlank, spitz – aggressiv, ja
zickig. Ein Frauenauto! So sehen es jedenfalls viele von Kastrationsängsten geplagte Tester.
»Bizarr« meint das US-Magazin »Autocar«, »rather ugly« urteilt »Motor Sport«, und die deutsche Blechpresse wiegt bedenklich den Kopf. »Schon in Genf deutete sich an, daß diese Form
nicht einhellige Begeisterung auslösen wird«, schreibt »Auto,
Motor und Sport«. »Und wenn man wie bei vielen Automobilen nach der Perspektive sucht, aus der man den Wagen nicht
ansehen darf, dann ist sie hier schnell gefunden: nämlich direkt
von hinten.« Auch die Stuttgarter erkennen also den Tintenfisch.
Adele, Botticelli!
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Spider-Designer Battista »Pinin« Farina hat das Geschmocke
nicht mehr miterlebt. Er stirbt am 3. April 1966, eine Woche nach
Auslieferung der ersten Testwagen an die Presse. Aber eben auch
nicht die Auratisierung, die spätestens im Jahr darauf einsetzt, als
in allen großen Kinos der Einser-College-Absolvent Benjamin
Braddock im roten Duetto mit seiner doppelt so alten Geliebten
Mrs. Robinson durch Los Angeles kurvt. Und später auch noch
mit Elaine, ihrer hübschen Tochter.
Das ist kein glücklicher Zufall, sondern werbestrategisches
Kalkül. »The Graduate« ist vermutlich der erste Film, bei dem
professionelles Product-Placement als eine neue Form der Filmfinanzierung Anwendung findet. Jedenfalls ist es der erste Film,
bei dem das wirklich funktioniert. Alfa Romeo verzeichnet schon
bald nach dem Kinostart deutlich steigende Absatzzahlen. Als
»Graduate Spider« geht er dann auch ins US-Kollektivgedächtnis
ein und absorbiert gewissermaßen den Auf- und Umbruchsgeist
jener Jahre, diese wunderbar luftige, optimistische, gelassene und
tolerante Atmosphäre.
Mike Nichols’ Film fängt dieses intellektuelle Frühlingserwachen, diesen Vormärz, der schon ahnen lässt, dass sich hier bald
Maßgebliches ändert, glaubhaft und authentisch ein. Zunächst
mal durch den Plot. Ben lehnt sich auf gegen den starren und vor
allem scheinheiligen Moralkodex des Bürgertums, hat zunächst
ein Verhältnis mit der sehr viel älteren Frau eines väterlichen Geschäftsfreundes, dann auch noch mit ihrer Tochter – und kommt
damit tatsächlich durch. Der Film vermittelt nicht zuletzt den
jungen Zeitgenossen, dass sich Ungehorsam, der Aufstand gegen
die Tradition tatsächlich lohnen und in gewisser Weise unumgänglich sind, weil sich die Moral nicht für alle Zeiten in haltbare
Maximen einwecken lässt, sondern immer wieder neu und jetzt
erst recht verhandelt wird.
Aber die lässige Anmutung des Films entsteht wohl auch durch
die dezent aufgerufene Warenwelt und den fröhlichen Konsumismus, der hier praktiziert wird und der danach ja niemals wieder
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so unbeschwert war. Wer sich also ein Bild vom kalifornischen
Alltagsleben des Bürgertums jener Zeit machen will, kommt an
»The Graduate« kaum vorbei. Der Spider gehört unmittelbar
dazu. Er wird zu einem ihrer Dingsymbole.
Kurioserweise hat das Auto zunächst keinen richtigen Namen,
obwohl man ihn als Spider 1600 bereits bestellen kann. Allerdings
ist diese Bezeichnung in der Szene für ein Roadster-Cabriolet
eingeführt, die Zahl beschreibt ganz profan die Größe des Hubraums. Deutsche Händler inserieren ihn deshalb bereits unter
seinem wenig glamourösen maritimen Nickname. Jetzt reagiert
Alfa Romeo und ruft Anfang des Sommers alle Interessierten auf,
sich etwas Hübsches einfallen zu lassen. Über 100 000 Vorschläge
kommen bis zum Einsendeschluss am 10. Mai 1966 zusammen.
Dem Vorgängermodell entsprechend sind viele Frauennamen darunter – Lucia, Patricia, Lollobrigida, Brigitte Bardot. Aber auch
Ausgefalleneres ist den Taufpaten eingefallen – Gin, Pizza, Sputnik, Al Capone. Sogar Stalin und Hitler müssen herhalten.
Duetto soll er dann wirklich heißen, wegen der zwei Sitzplätze,
zwei Vergaser und – wie die »Alfisti« jetzt ergänzen würden –
der charakteristischen zwei Nockenwellen. Allerdings geht Alfa
Romeo eher vorsichtig mit der Bezeichnung um, weil bereits ein
biederer Pädagogen-Kombi aus dem Hause Volvo die Bezeichnung »Duett« trägt. Und in Italien selbst heißt so ein Schokoladenkeks. Zwei Jahre später fällt der Name dann auch wieder
weg. Am Ende lässt sich die ganze Rumpelstilzchen-Nummer
vielleicht am ehesten als weiterer gelungener Marketing-Coup
verbuchen.
In Deutschland findet das »Gummiboot«, wie man den Spider
nicht zuletzt wegen der roten Lackierung bald nennt, durchaus
seine Liebhaber. Er ist zwar mit 12 990 Mark mehr als doppelt so
teuer wie ein VW Käfer, allerdings bekommt man für das Geld
einen echten Sportwagen, noch dazu einen, der zwar nicht die
Vorfahrt, aber doch immerhin die kalifornische Coolness eingebaut hat.
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Im deutschen Straßenalltag sieht alles etwas weniger strahlend
aus. Spider sind anfällig und wenig reparaturfreundlich. Die große
Fronthaube ist entsprechend empfindlich bei Steinschlag. Kenner
unken Ende des Jahres, der Erfolg des Autos werde von der Qualität der Werkstätten abhängen. Ein echter Italiener eben!
Noch dazu hat der Klappdeckelascher für deutsche OverstolzKampfraucher nicht die adäquaten Dimensionen. Und es gibt
nur eine Scheibenwischer-Stufe. Man kann ihn anmachen. Und
wieder aus. Bei einem richtigen Landregen bleibt man besser zu
Hause und liest Wilhelm Reich. Oder besser noch: praktiziert ihn.
Die genitale Persönlichkeit Das Buch ist alt. Bereits
1936 publiziert der von den Nazis verfolgte Sozialpsychologe Wilhelm Reich im dänischen Exil seine Studie »Die Sexualität im Kulturkampf«. Nach Reichs Emigration in die USA sorgt sie zunächst
dort für Furore und erlebt mehrere Auflagen – unter dem deutlich
eingängigeren und irgendwie auch programmatischen Titel »The
Sexual Revolution«. Jetzt, dreißig Jahre nach der Erstpublikation,
erscheint »Die sexuelle Revolution« auch hierzulande und läutet
gleich einen veritablen Hype ein. Wilhelm Reich ist vermutlich
der Autor, von dem in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die meisten Raubdrucke erscheinen.
Den heißen Kern seiner Theorie bildet die »Sexualökonomie«,
die er schon 1924 in dem Text »Über Genitalität« in Grundzügen
formuliert und in »Die sexuelle Revolution« dann systematisch
entwickelt. Der primäre Trieb des Menschen ist die Libido; sie besteht aus sexueller Energie, die verbraucht werden muss. Staut sie
sich, entstehen Ängste, Neurosen, Minderwertigkeitskomplexe,
soziale Unverträglichkeit etc. Nur durch freies Ausleben der Sexualität (Bedingung ist ferner »orgastische Potenz«, »die Fähigkeit zur völligen sexuellen Hingabe«, zur »vollständigen Entladung der gesamten aufgestauten Erregung durch unwillkürliche,
lustvolle Körperzuckungen«) ist man in der Lage, eine gesunde,
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glückliche und gesellige, kurzum »genitale Persönlichkeit« auszubilden.
Nun verhindert aber die repressive patriarchalische Gesellschaft in der Regel diese absolute sexuelle Erfüllung. Das Instrument einer solchen Sexualunterdrückung ist Moral, Reich nennt
sie »Zwangsmoral«. Ihre Institution ist die »Zwangsfamilie«, in
der sexuell sich anödende Ehepartner ihre Frustration an die
Kinder weitergeben, indem sie ihnen das Onanieren verbieten.
Dadurch wiederum können sich bei den Kindern niemals demokratische Tugenden, »Selbstsicherheit, Willensstärke, Kritikfähigkeit«, ausprägen; das Onanieverbot erzeugt folglich den typischen
demokratieunfähigen Untertan, nach oben katzbuckelnd, nach
unten tretend. Weil die Mächtigen aber auf den Untertan nicht
verzichten können, unterstützen sie weiterhin die Zwangsfamilie – als »Untertanenfabrik«.
Ob das wissenschaftlich alles ganz astrein ist, darüber darf man
zumindest streiten. Aber die Message ist einfach zu schön und
auch zu bequem, um unwahr zu sein. Wer sich sexuell befreit,
schafft schon mal die notwendigen Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft. Deshalb kann Reich im Titel auch von einer
»Revolution« sprechen.
Seine Ursache-Wirkung-Analyse fällt in diesen Zeiten aber
auch noch aus einem anderen Grund auf fruchtbaren Boden. Sie
erklärt ziemlich einleuchtend die historische Schuld der Eltern.
Der von Reich hergestellte Kausalzusammenhang zwischen ihrer
Verdruckstheit und Prüderie zum einen und ihrer Autoritätshörigkeit, Uniformität und Aggression zum anderen ist eine typische Alltagserfahrung für die jüngere Generation.
Und so kann man mit Reichs »Die sexuelle Revolution« gleich
mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Man darf nicht nur,
man soll seinen Spaß haben, kann sich als besserer Mensch fühlen, als Revolutionär sogar, und nebenbei auch noch die Alten
nach den vielen Jahren des kollektiven Beschweigens der NS-Vergangenheit mit guten Argumenten aus der Reserve locken.
51
Der enorme Erfolg des Buches bei der Intelligenzija zeigt aber
noch etwas anderes – ein großes Defizit. Die »Medien« haben das
längst erspürt und reagieren auf ihre Weise. Das ruft allerdings
sogleich auch die Moralpauker auf den Plan, die eine wahre »SexWelle« über die Bundesrepublik hereinbrechen sehen. »Keine
deutsche Zinkbadewanne, so scheint es, in der nicht eine rote Inge
säße. Und all die Bettseller der Literatur, all die Leinwandspiele
über Spiele auf der Leinwand, die Stretch-Pos und Schattenaugen,
die Begierde im Büro, die Playboy-Philosophie und das Zetern
der Tugendwächter addieren sich zur Pop-Allegorie einer Zeit,
die von Sex besessen ist. Die gleiche Generation, die Sonnenenergie in handlichen Bomben bereithält und zur Landung auf dem
Mond gerüstet ist, gebärdet sich, als sei die Lust am Fleisch die
neueste und größte ihrer Errungenschaften.«
Der »Spiegel« mal wieder in ganz großer Form. Er bindet sich
auch gleich das Sabberlätzchen um. »Die Mädchen zeigen ihren
Nabel herum, als ob es der Hope-Diamant wäre. Sie lassen sich
die Haare ins Gesicht wehen und balancieren ihre Oberweite vor
sich her wie ein Torten-Tablett. Sie tun es im Sand, im Schnee, im
Schlafzimmer – und vor allem im Vierfarbendruck. Von den Kiosken und Plakatwänden herab drängen sich ihre flaumigen Flanken beharrlich in die Wachtraumwelt des Zeitgenossen, bis, wie
Fernseh-Pfarrer Sommerauer sagt, ›auch der letzte Mann merkt,
was für einen Mist er zu Hause hat‹.«
Eine immerhin zehnseitige Coverstory widmet das Magazin
im Mai des Jahres den flaumigen Flanken und räsoniert dann
ein bisschen herum, was dieser neue erotische Hedonismus für
die Gesellschaft zu bedeuten habe. Selbstredend medienkritisch,
denn anders als »Quick«, »Neue Revue« und »Stern« will man
ja kein Geld verdienen mit dieser »Sexpansion« oder wahlweise
auch »Sexplosion«, nein, es geht hier ganz altruistisch darum,
»das hypnotische Interesse an ›solcher Unterhaltung‹, das die
bundesdeutsche Öffentlichkeit und ihre Medien übermannt hat«,
zu analysieren.
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Die ganze Bigotterie dieses Unterfangens zeigt sich schon in
den Anführungsstrichen. Ständig versuchen die Autoren ironische
Distanz herzustellen, ihren eigenen Biedersinn hinter albernen
Wortspielen und Manierismen zu verstecken. Eine Frau zeigt hier
nie nur ihren nackten Körper, sondern mindestens »die weibliche
Epidermis im Stadium fortgeschrittener Entblätterung«. Und trotzdem merkt man dem Text förmlich an, wie die Redakteure beim
Schreiben mit den Ohren geschlackert haben. »›Neulich kam eine
Dame aus besten Münchner Traditionskreisen‹, erzählt ein JugendFürsorger. ›Sie hatte in der Brieftasche des Freundes ihrer Tochter
einen Kalender entdeckt, in dem die Tochter ihre sicheren Tage rot
eingetragen hatte – für ein Jahr im voraus.‹« Na, nu wird’s Tach.
Letztlich krankt dieser Text genau an dem, was er den vielen
Illustriertenstrecken vorwirft, er nimmt »Rücksicht auf die verklemmt-laszive Mentalität eines Publikums, dem das Sex-Tabu in
Wahrheit noch tief in den Knochen steckt«. Nur ist es hier eben
nicht platte moralische Empörung, die vorgeschützt werden muss,
um darüber sprechen zu können, sondern intellektuelle Überheblichkeit. Man steht halt meilenweit drüber. Und so ist der Artikel nolens volens selbst ein Beweis für den Befund, den er dann
aufstellt und der so falsch vermutlich nicht ist. Die »Sex-Welle«
spiegele »nur Bedürfnisse, nicht Tatsachen«. Der »Sexkult« sei in
Wahrheit »eine bloß vorgeträumte und eingebildete Kompensation für eine sexuelle Befreiung, die in der Realität nur bruchstückhaft stattgefunden hat«.
Der Ansicht ist auch der Frankfurter-Schule-Philosoph Ludwig
Marcuse. »Wenn die lockeren Bilder und Texte einen entscheidenden Ursprung haben, so den einen: daß Millionen nicht genug
von dem haben, was sie in der Phantasie ausgiebiger genießen
können.«
Aber zum Jahreswechsel 66/67 gründet sich ja schon die Kommune I, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Die Jüngeren arbeiten durchaus mit einigem Eifer daran, den Bedürfnissen endlich
Tatsachen folgen zu lassen.
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Die neuen Mutanten Leslie A. Fiedler diagnostiziert
im Herbst 1965 in seinem Essay »Die neuen Mutanten« eine »radikale Metamorphose des westlichen Mannes – gänzlich unvorhergesehen in den vergangenen Jahrzehnten, heute sichtbar in jeder
höheren Schule, in jedem Universitätshörsaal und an jedem Taschenbuchständer in Flughäfen und Supermärkten. Überall um
uns herum sind junge Männer im Begriff, sich jene stolze Rolle
zurückzuerobern, die ihre Kavaliersahnen einst aus Frömmigkeit
und Klassenbewusstsein den Frauen überantworteten: schön sein
und geliebt zu werden.«
Ein ganz neuer Typus hat sich hier seiner Ansicht nach herausgemendelt. Der neue Mann sei antiheroisch, antipuritanisch,
das heißt, arbeitsscheu, drogenaffin, sexuell liberal, er sei pazifistisch und vor allem, so als würde dieses eine Attribut alle anderen im Grunde enthalten oder zumindest bedingen – effeminiert.
»Kamm, Taschentuch und Haarklemmen haben Baseballhandschuh, Taschenmesser und Schlagring abgelöst«. Nicht einmal die
weiße Zivilisation bedeute ihm noch etwas, im Gegenteil, dass er
ein Teil von ihr ist, sei ihm in erster Linie Bürde und eben nicht
mehr Auszeichnung.
Fiedler, Jahrgang 1917, der traditionelle linke Egghead, kann
seine Faszination nicht verbergen, aber eben auch nicht seine
»Mischung aus Verwirrung und Ressentiment«. Offenbar sieht er
die guten Köpfe der jungen Generation, die kommenden Radikalinskis und Revolutionäre sich an einen Lebensstil verschwenden, ohne dabei politisch etwas zu bewirken.
Die linke Pop-Intellektuelle Susan Sontag, am 16. Januar
ist sie 33 geworden, ist näher dran an den »Aktivitäten junger Leute«. Sontag nutzt eine Umfrage der Zeitschrift »Partisan Review«, in der anhand einiger Leitfragen »die moralische
und politische Krise« der USA analysiert werden soll, um ihm
entschieden zu widersprechen. Ihr Essay »Was in Amerika geschieht« (1966) liest sich im Kern als eine Abrechnung mit der
alten Linken, wie sie Fiedler repräsentiert, und eine emphati54
sche Begrüßung der neuen Protestgeneration, die für sie »das
einzige Verheißungsvolle« ist, »was sich in diesem Land heutzutage finden läßt«.
Für sie sind die »Kapriolen« der Jungen viel mehr als eine Art
Zeitgeistphänomen »in der vorüberziehenden Parade kultureller Moden«. Ihr Veränderungsgeist zielt auf etwas Grundsätzliches, er hat nicht weniger als einen neuen Menschen im Sinn,
da stimmt sie dem Befund Fiedlers durchaus zu. Aber gerade das
ist für sie hochpolitisch. »Die Kids glauben nämlich nicht, daß
es wirklich etwas ändern wird, wenn Institutionen in gewissem
Maße sozialistisch umgestaltet werden und durch Wahlen oder
andere Mittel bessere Führer an die Macht kommen.« Sie seien
stattdessen der Ansicht, dass »es keine Unvereinbarkeit gibt zwischen der Erkundung innerer Befindlichkeiten und der Verbesserung gesellschaftlicher Befindlichkeit« und dass »die gesamte
Charakterstruktur des modernen amerikanischen Mannes« einer
»Generalüberholung bedarf«.
Im Grunde predigt sie das, was Wilhelm Reich, Timothy Leary
et alii ebenfalls propagiert haben. Man muss erst mal vor der eigenen Seelenhaustür kehren, gesellschaftliche Veränderungen sind
dann eine unausweichliche Folge. Aber sie ist eben keine sozialpsychologische Sektiererin und auch kein spinnerter Acid Head,
sondern eine New Yorker Starintellektuelle, die von der Geistesszene hofiert wird.
»Wenn Amerika tatsächlich den Höhepunkt der westlichen
weißen Zivilisation darstellt, wie es von Links bis Rechts jedermann erklärt, dann muß mit dieser westlichen weißen Zivilisation
etwas schrecklich falsch sein.« Eine solche Fundamentalkritik hat
aus ihrer Feder weitaus mehr Gewicht. Und wenn Sontag gleichzeitig einräumt, »daß Amerika während seiner langen kolossalen
Agonie zugleich seine subtilste Generation, eine Minorität von
anständigen und sensiblen jungen Leuten« hervorgebracht habe,
die vielleicht nicht »viel verändern werden in diesem Land«, aber
doch zumindest »ihre eigene Seele retten«, dann ist das für die
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Hippies ein Ritterschlag und geht mit einem ziemlichen Reputationsgewinn einher. Auch an der Ostküste kommt man an ihnen
nicht mehr vorbei.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger
»Bundespräsident Dr. h. c. Heinrich Lübke unternahm vom
21. Februar bis zum 25. März eine Reise durch sechs afrikanische
Länder. Seine Aufenthalte auf Madagaskar, in Kamerun, Togo
und Mali waren Staatsbesuche. In Kenia und Marokko hielt sich
Bundespräsident Lübke privat auf. Der 71jährige Bundespräsident legte in diesen 23 Tagen über 20 000 Kilometer zurück. Auf
Madagaskar empfing ihn strömender Regen, drückende Schwüle
in Kamerun und Togo, Sandsturm in Mali und große Hitze in
Marokko. Er wurde begleitet von seiner Gattin Wilhelmine, Entwicklungsminister Walter Scheel und Staatssekretär von Hase.
Die Reise wurde unternommen, um die diplomatische Arbeit der
Bundesrepublik während der letzten Jahre zu krönen, die in diesen häufig zwischen Ost und West hin- und herschwankenden
Staaten für die Zukunft sehr wichtig ist. Die afrikanischen Staaten
erhalten von der Bundesrepublik größere Summen als Entwicklungshilfe, aber diese Reise war nicht als eine Aktion zur Verteilung von finanzieller Unterstützung gedacht. Die afrikanischen
Staaten benutzten natürlich die Gelegenheit, die Delegation aus
der Bundesrepublik für bestimmte Entwicklungsprojekte zu interessieren. Die Wünsche reichen von einer Limonaden-Fabrik in
Madagaskar bis zu deutscher Hilfe für den Bau eines neuen Stahlwerks in Marokko. Besonders amüsant waren die Staatsbesuche in
Kamerun und Togo. Hier sah man unseren Bundespräsidenten als
Nachfolger des deutschen Kaisers an und versuchte, alte Erinnerungen, Orden und Helme aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
hervorzukramen. In der Togo-Kleinstadt Palime wurde Heinrich
Lübke zum Ehrenhäuptling des Ewe-Stammes ernannt und in die
dazugehörige Tracht eingekleidet. Alte Krieger erinnerten sich an
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ihre Zeit als kaiserliche Soldaten und begrüßten den Bundespräsidenten mit Transparenten. Andere Schriftbänder lauteten: ›Gott
schenke den Deutschen die Wiedervereinigung‹ und ›Wir brauchen eine Brücke über den Togo-See‹. In Kamerun sang ein farbiger Männerchor ›Muß i denn zum Städtele hinaus‹. Veteranen
mit Ordensbändern zeigten, was sie unter der Regierung Kaiser
Wilhelms gelernt hatten, indem sie ihre Säbel präsentierten. Aber
es gab auch diplomatische Verwicklungen. Lübke hatte angekündigt, daß er dem Oberstleutnant Eyadema nicht die Hand geben
würde. Dieser hatte Sylvanus Olympios, den Vorgänger des jetzigen Togo-Präsidenten Nicholas Grunitzky, hinterrücks ermordet.
Lübke vermied Schwierigkeiten, indem er wegen eines Ausschlages seine Hand dick verbinden ließ und so niemandem die Hand
geben konnte.« (Karl-Heinz Neumann: Das Jahr im Bild – 1966)
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No-1-Hits April
Deutschland
The Rolling Stones: 19th Nervous Breakdown (1.4.–14.4.)
Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walkin’ (15.4.–31.5.)
England
The Spencer Davis Group: Somebody Help Me (18.3.–14.4.)
Dusty Springfield: You Don’t Have To Say You Love Me (15.4.–28.4.)
Manfred Mann: Pretty Flamingo (29.4.–5.5.)
USA
Staff Sergeant Barry Sadler: The Ballad Of The Green Berets (5.3.–8.4.)
The Righteous Brothers: (You’re My) Soul And Inspiration (9.4.–29.4.)
The Young Rascals: Good Lovin’ (30.4.–6.5.)
Schwarzmalerei Andrew Loog Oldham, der alerte
Manager, der sich als PR-Mann bei den Beatles seine ersten Sporen verdient hat, profiliert die Band von Anfang an als dreckigen,
plebejischen Gegenentwurf zu den Fab Four. Und die bürgerliche
Presse, die man Mitte der 60er Jahre tatsächlich noch aus der Reserve locken kann, wenn ein Musiker Krawatte, akkuraten Haarschnitt und zutrauliches Lächeln vermissen lässt, hilft getreulich
mit bei der Konstitution ihrer üblen Reputation. Oldham schwört
die Rolling Stones ein auf den selbst in dieser Zeit schon nicht
mehr ganz unerprobten Rock ’n’ Roll-Komment: Bring die Eltern
gegen dich auf, und die Kids liegen dir zu Füßen!
Das ist auch insofern ein ziemlich schlüssiges Konzept, als der
musikalische Gegenwert dem voll und ganz entspricht. Ihr rudimentärer, rabiater, konsequent riffbasierter Rhythm & Blues,
der die Musik der schwarzen Ahnherren Howlin’ Wolf, Muddy
Waters und nicht zuletzt Robert Johnson mit der juvenilen Ausgelassenheit einer aufgedrehten Beat-Band verschmilzt, klingt
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genauso, wie sie aussehen und sich benehmen. Herausfordernd,
verdorben, gefährlich. Vor allem der dreiköpfigen Frontline, bestehend aus Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones, scheint
diese Rolle wie auf den Leib geschrieben. Und so sind es neben
den halb versteckten, mit der Zunge in der Backe vorgetragenen
Anzüglichkeiten in den Songs immer auch die Skandalmeldungen, die ihre rebellische Imago aufrechterhalten. Die von der
Regenbogenpresse genüsslich kolportierten Drogendelikte zum
Beispiel. Oder die legendäre Geschichte von dem Tankwart, der
dieser Horde »zotteliger, behaarter Monster« den Gang aufs Klo
verwehren will, sich ihnen in den Weg stellt, woraufhin er von
Mick Jagger mit den Worten zur Seite geschoben wird: »Wir pissen, wo wir wollen, Mann!«
Die Geschichte ist schon ein gutes Jahr alt, aber immer noch
redet man davon. Die einen mit Kopfschütteln, die anderen mit
stetig wachsender Hochachtung. Im Frühjahr 1966 erklärt sie der
»New Musical Express« zu »Sprechern« der »Ich-tue-was-ichwill-Fraktion«. Und spätestens jetzt steht man als juveniler RockFan am Scheideweg – Beatles oder Rolling Stones. Rebellion geht
mittlerweile einfach besser mit Letzteren.
Am 15. April erscheint in UK das vierte Album der Rolling
Stones, »Aftermath«, das ihren guten schlechten Ruf festigen soll.
Und sie haben überhaupt kein Problem damit. Das Album beginnt mit einer Sottise gegen die bigotte Elterngeneration, die sich
über die amoralische Jugend aufregt (»Kids are different today / I
hear every mother say«), aber selbst die »little yellow pill« braucht,
um über den Tag zu kommen. Man kann »Mother’s Little Helper«
eigentlich nicht als frühe Kritik an der Pharmakologisierung des
Alltags missverstehen, es ist nichts weiter als eine freche Verarsche der Älteren.
Doctor please
Some more of these
Outside the door
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She took four more
What a drag it is getting old
Nachdem er das mal geklärt hat, beschimpft Jagger das »Stupid Girl«, das sich das Maul zerreißt über Dinge, die es nicht
kennt. »She’s the sickest thing in the world.« Nicht zu ertragen,
diese dumme Gans. Eine Menge sexuell frustrierter Jungs da
draußen hat das viel zu gut verstanden. »Under My Thumb« ist
das komplementäre Gegenstück. Der Klage folgt der Triumph
über das Mädchen »who once had me down«. Eine grandiosdumpfe Mackerfantasie, die sich Mick genießerisch auf der
Zunge zergehen lässt.
Under my thumb
A siamese cat of a girl
Under my thumb
She’s the sweetest … hmmm … pet in the world
It’s down to me
The way she talks when she’s spoken to
Down to me, the change has come,
She’s under my thumb
»Out Of Time«, »Think«, »High And Dry« kommen nicht ganz so
breitbeinig daher, aber die Rolle des Bad Boys, der mit diversen
Exemplaren der Damenwelt abrechnet, spielt Jagger offenbar ganz
gern. Nur gelegentlich hält er sich noch mit halbseidenen Sehnsuchtsadressen auf, die sich in ihrer Zweideutigkeit aber auch
schon wieder ironisch selbst kommentieren. »Lady Jane« etwa ist
nur an der Oberfläche ein anachronistisch-keusches Minnelied.
Leser von »Lady Chatterley’s Lover« kennen diese Dame als Chiffre für das weibliche Geschlecht – offenbar stimmt er unter der
Bettdecke des Songs noch eine andere, hübsch versaute Hymne
an. »My sweet Lady Jane / When I see you again / Your servant
am I / And will humbly remain«.
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Und nachdem er auf der über elf Minuten und bis dahin wirklich unerhört langen Blues-Improvisation »Going Home« sich gewunden und gegreint hat, dass er nur noch nach Hause und das
Gesicht seiner Liebsten sehen will, dass er nicht mehr schlafen
kann vor Verlangen – führt er ganz am Schluss des Songs doch
noch etwas konkreter aus, wie dieses Verlangen aussieht. »Got
to see my baby, she makes me feel so good, yes, she does in the
middle of the night …«
Die Mitte Juni erscheinende US-Version von »Aftermath« hat
nicht nur ein anderes Cover, sondern auch ein um vier Songs
gekürztes Set, dafür jedoch einen neuen Opener, der in seiner Schlechtgelauntheit noch besser passt als der sarkastische
Pillendreher.
I see a red door and I want it painted black
No colors anymore, I want them to turn black
I see the girls walk by dressed in their summer clothes
I have to turn my head until my darkness goes
»Paint It, Black« ist ein schwarzmalerisches Statement. Möglicherweise beklagt der Trauernde ganz profan den Verlust einer
Geliebten, aber in seiner semantischen Indifferenz hören die Zeitgenossen in dem Song auch einen bitter-defätistischen Kommentar zu den aktuellen Weltenläuften. Nicht nur die GIs in Vietnam
bringen ihn zusammen mit dem, was sie hier täglich erleben.
I want to see your face painted black, black as night, black as coal
I want to see the sun blotted out from the sky.
I want to see it painted, painted, painted, painted black, yeah
Das liegt wohl nicht zuletzt an der fremd klingenden Sitarmelodie,
die Brian Jones beisteuert. Die Gitarre langweilt ihn immer mehr.
Dem einstigen Chef gleitet seine Band langsam aus den Händen.
Auf »Aftermath« gibt es keine Covers mehr. Jagger / Richards
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harmonieren immer besser miteinander und schreiben erstmals
alle Songs gemeinsam, etablieren sich hier als Songwriter-Duo
à la Lennon / McCartney. Jones fällt kompositorisch nicht viel
ein, dafür trägt er einiges dazu bei, das Klangbild zu erweitern.
Er beweist ein beachtliches Talent und enorme Schnelligkeit
beim Erlernen exotischer Instrumente und weiß sie effektvoll in
die Songs zu integrieren – eine Sitar bei »Paint It, Black« und
»Mother’s Little Helper«, eine Marimba bei »Under My Thumb«,
eine Appalachian Dulcimer bei »Lady Jane«, ein Cembalo bei
»Take It Or Leave It«.
Eine kleine Weile noch bleibt Brian Jones das Aushängeschild
der Stones. Auch weil er mit seinem optischen Zwilling Anita
Pallenberg, dem Model mit Zugang zu den wirklich erlauchten
Bohémekreisen, stets hübsch verkleidet um die Häuser zieht und
ihr dann und wann auch ein blaues Auge haut. Sie trägt die Veilchen mit Stolz, als Unterpfand ihrer wilden Liebe. Aber diese
Gewaltausbrüche zeigen schon, wie sehr er unter dem Machtverlust leidet.
In diesem Jahr scheint er sich mit der neuen Rolle des kosmopolitischen Multiinstrumentalisten so gerade noch abfinden zu
können. Lange wird es nicht mehr dauern …
Beschreibungsimpotenz Es ist nicht der erste Auslandsaufenthalt der Gruppe 47, aber die USA sind dann doch
etwas anderes als Italien oder Schweden. Das lockere, informelle,
von Hans Werner Richter als Primus inter Pares geleitete Treffen befreundeter Literaten und Kritiker hat sich längst zu einer
den Buchmarkt dominierenden »Literaturbörse« gemausert.
»Die Presse kann ihre Tagungen ebensowenig wie irgendeinen
Parteitag ignorieren«, konstatiert Dieter E. Zimmer in der »Zeit«.
»Funk und Fernsehen kommen. Verleger sind anwesend, hoffend,
daß ihre Autoren gut abschneiden oder daß ihnen eine Neuentdeckung zufällt, halb Trainer, halb talent scouts. Es soll vorkom63
men, daß sie ihren Autoren die Reise bezahlen, weil sie sich von
einer erfolgreichen Lesung Chancen versprechen, die ihnen kein
Waschzettel und keine Anzeige im ›Börsenblatt‹ bietet.«
Von dieser Wandlung zur literaturpolitischen Institution zeugt
auch die diesjährige Tagung vom 21. bis zum 24. April an der
Eliteuniversität in Princeton, etwa 75 Kilometer südwestlich von
New York. Gleich danach beginnt sich Widerstand zu regen. Vor
allem auf Seiten der Linken. Zum einen gegen die Dominanz der
Gruppe auf dem Literaturmarkt, zum anderen gegen die Harmlosigkeit der von ihr propagierten Literatur, »die ihre Produkte«,
schreibt Hans Erich Nossack in »konkret«, »allein nach technischer Perfektion bewertet und jedes politische, gesellschaftliche
und menschliche Engagement als unkünstlerisch verwirft«. Bei
der Tagung in der »Pulvermühle« im Jahr darauf protestieren Studenten. Man schimpft die Anwesenden »Papiertiger« und belegt
sie mit wahrhaft groben Schmähworten. »Dichter! Dichter!« Die
daraufhin in der Gruppe ausbrechenden politisch motivierten
Konflikte führen schließlich zu deren Auflösung.
Bereits in diesem Jahr ist der Gruppenfrieden kurzzeitig gestört, als man Hans Werner Richter die »Times« vorlegt, die mit
Peter Weiss ein Interview geführt hat. »I am not for the war in Vietnam«, wird Weiss dort zitiert, »this is the thing that brought me
and the other writers here. We want to show our sympathies with
those who are fighting for another America, to contact groups
fighting for a new America.« Richter wird ärgerlich, keine Kollektiverklärung wider den Vietnamkrieg ist die Absprache. Aber
Weiss kann die Mannschaft noch einmal beruhigen. Er habe nur
in eigener Sache gesprochen.
Der eigentliche Eklat in diesem Jahr hat gar keinen politischen Hintergrund. Im Gegenteil, er kommt direkt aus dem Elfenbeinturm. Der junge österreichische Autor Peter Handke liest
in Princeton. Und der »Mädchenjunge Peter mit seinen zierlich
über die Ohren gekämmten Haaren, mit seinem blauen Schirmmützchen, fast ist man versucht zu sagen: mit seinem blauen
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Schirmmützchen, seinen engen Höschen, seinem sanften OstereiGesicht«, so sieht ihn der »Spiegel«, fällt mit seiner spröden, auf
knappe Hauptsätze eingedampften Krimi-Collage »Der Hausierer« bei der Großkritik durch. Als »Sekundärbeschreibung eines
Films« diffamiert ihn Reinhard Baumgart, Günter Grass findet ihn
einfach nur »langweilig«, Walter Jens liest ihn als eine »grammatikalische Etüde«, als einen »Versuch, nur auf den schwarzen Tasten zu spielen«, und Marcel Reich-Ranicki glaubt »nicht an diese
Schreibweise«, für ihn endet »das Ganze in einem sehr primitiven« und »sehr altmodischen Manierismus«. Wie so viele andere
vor ihm wird der Debütant Handke runtergeputzt. Aber entgegen
den Gruppenspielregeln ist er nicht gewillt, diese Schmach hinzunehmen. In soldatischem Stoizismus, dem Verhaltensideal dieses
Veteranenvereins. Am letzten Tag nach der Lesung von Hermann
Peter Piwitt steht er sofort auf und nimmt Rache. Verschüchtert,
verzagt, aber eben auch im vollen Bewusstein, für einen Skandal
zu sorgen.
»Ich möchte zu dieser Art von Literatur wie auch zu dieser
Prosa, dieser eben vorgelesenen Prosa, einige Sätze bemerken,
die ich mir im Verlauf dieser Lesung aufgeschrieben, die ich mir
versucht aufzuschreiben habe.« Handke faselt, stammelt, fällt in
seinen Heimatdialekt. Er ist nervös, weil er genau weiß, um was
es geht. Das hier ist Kalkül, denn er liest von einem vorher vorbereiteten Zettel ab. Er inszeniert sich als junger Wilder, der es mit
der ganzen Gruppe 47 aufnimmt.
»Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine
Oart … eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht.« Das böse
und später viel zitierte Wort sorgt schon einmal für ein leichtes Raunen. »Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung,
was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man Literatur
überhaupt nur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann
kann man immer noch Einzelheiten beschreiben. Es ist eine ganz
unschöpferische Periode in der deutschen Literatur doch hier angebrochen, und dieses komische Schlagwort vom Neuen Realis65
mus wird von allerlei Leuten ausgenützt, um doch da irgendwie
ins Gespräch zu kommen, obwohl sie keinerlei Fähigkeiten und
keinerlei schöpferische Potenz zu irgendeiner Literatur haben.«
Jetzt wird es richtig unruhig im Plenum. Man fühlt sich offenbar
mitgemeint bei dieser harschen Generalabrechnung, vielleicht
sogar ertappt.
»Es wird überhaupt keinerlei Reflexion gemacht«, fährt Handke
unverdrossen fort. »Es wird eine Philosophie vorgegeben, eine
Weltanschauung vorgegeben, indem man so tut, als gäbe es nur
die Beschreibung von Einzelheiten und Vorgängen. Und das ist
auch eine Art Cinéma vérité der Literatur meiner Ansicht. Es ist
zwar zu sehen, dass gewisse Fehler der alten Literatur nicht mehr
gemacht werden, zum Beispiel wird mit Metaphern sehr vorsichtig umgegangen, aber es ist zu beobachten, dass vor allem die Errungenschaften dieser neuen Literatur in einer Negation bestehen, dass also die Fehler, die Klischees der alten Literatur zwar
abgeworfen wurden, aber das Heil keineswegs in einer neuen
Position gefunden wurde, sondern in einer ganz primitiven und
öden Beschränkung auf eine sogenannte Neue Sachlichkeit. Und
das wird auch in der Form dieser Prosa … auch die Form dieser
neuen deutschen Prosa ist fürchterlich konventionell, vor allem
im Satzbau, in der Sprachgestik überhaupt, auch wenn die einzelnen Worte, wie gesagt, metaphernlos sind, ist die Gestik dieser
Sprache völlig öd und den Geschichten der früheren Zeiten fürchterlich ähnlich.« Jetzt wird es richtig laut. Man merkt langsam,
dass hier einer aufs Ganze geht.
»Es ist hier eine Prosa zu sehen, das Übel dieser Prosa besteht
darin, dass man sie ebenso gut aus einem Lexikon abschreiben
könnte. Man könnte den Sprach-Duden, diesen Bilder-Duden
verwenden, und die Bilder aufschlagen und auf die einzelnen
Teile hinweisen, und dieses System wird hier angewendet, es
wird vorgegeben, Literatur zu machen, eine läppische und idiotische Literatur …« Der Rest geht in Gelächter unter, in einem
Begeisterungssturm, von dem man nicht genau weiß, ob er ernst
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gemeint oder ironisch ist, ein paar klatschen auch. Handke muss
jetzt lauter sprechen.
»Und die Kritik … und die Kritik ist damit einverstanden, weil
eben ihr überkommenes Instrumentarium noch für diese Literatur ausreicht, gerade noch hinreicht.« Wieder herrscht großes
Gelächter. »Weil die Kritik ebenso läppisch ist wie diese läppische
Literatur.« Vereinzelte Lacher, die offenbar jetzt erst verstanden
haben, dass er wirklich »läppisch« gesagt hat.
»Wenn nun eine neue Sprachgestik auftaucht, so vermag die
Kritik nichts anderes als eben zu sagen, entweder das ist langweilig, sich in Beschimpfungen zu ergehen oder auf gewisse einzelne Sprachschwächen einzugehen, die sicher noch vorhanden
sein werden. Das ist hier die einzige Methode, weil die Kritik, das
überkommene Instrumentarium eben hier nicht mehr hinreichen
kann, während sie bei dieser läppischen Beschreibungsliteratur
eben noch hinreicht.« Zumindest die letzten Sätze sind vor allem
pro domo gemeint, denn gerade an seinem Beispiel hat die läppische Kritik ihm ja bewiesen, dass ihr Instrumentarium nicht
mehr hinreicht.
Danach verläppert die Suada etwas. Man ermahnt ihn, etwas
zum Vorgängertext zu sagen. Das ist die eherne Gruppenregel,
man darf eigentlich keine grundsätzlichen poetologischen Statements abgeben, es soll um konkrete Kritik am Text gehen. Handke
möchte noch ergänzen, dass in jedem dieser neuen deutschen
Prosatexte Auschwitz »wenigstens in einem Nebensatz« vorkommen müsse. Da versucht Hans Werner Richter ihn abzuwürgen,
aber das löst auch wieder Protest aus. Man möge ihn ausreden lassen. »Also gut, aber fassen Sie sich kurz«, mahnt Richter, »kein Seminar.« Aber jetzt kann sich Handke nur mehr wiederholen und
bringt sich fast um die Wirkung dieses starken Auftritts. Am Ende
wird gelacht, ein bisschen wohl auch über ihn. Aber als dann in
der folgenden Diskussion Hans Mayer, einer der Kritikerstars der
Gruppe 47, auf Handkes Einwände ernsthaft eingeht, kann man
ihn nicht mehr als bloße Lachnummer abtun.
67
»Danach hatte die literarisch eher langweilige Tagung ihr
Thema«, meint Dieter E. Zimmer. »Handke wurde zum meistfotografierten Schriftsteller in Princeton. Man verglich seinen
Haarschnitt mit dem Pilzkopf der Beatles, und später veralberte
er amerikanischen Journalisten gegenüber Gruppenleitwolf
Grass als ›neuen Ganghofer‹ und stellte sich selbst als Nachfolger
Kafkas vor.« Aus dem Debütanten wird ein Star. »Nun werden
Sie ja wohl in den ›Spiegel‹ kommen«, mokiert sich Hans Werner
Richter. Und Handke antwortet nassforsch. »Das weiß ich und
das will ich ja.«
Es ist wohl dieses unbändige Wollen, das sich hier zeigt und
das fast ein bisschen im Widerspruch steht zu dieser nervösen,
ängstlichen, ein bisschen auch lächerlichen Performance. Eine
hübsche Anekdote, die Klaus Stiller viele Jahre später Helmut
Böttiger für dessen Monografie »Die Gruppe 47« erzählt, demonstriert Handkes Sehnsucht, eine echte Type sein zu wollen.
Mit den anderen Neulingen Piwitt und Peter O. Chotjewitz flaniert Stiller durch den Park der Universität. »Und dann lief vielleicht so 50 Meter hinter uns dieser scheue Beatle, und der tat
uns irgendwie leid, so dass wir auf ihn gewartet haben und ihn
in die Gruppe mit hineinnahmen. Und er selbst war dann immer
noch schüchtern und hat kaum was gesagt. Da saßen wir alle
zusammen auf so Bänken, und um zu zeigen, was für ein Kerl
er ist, hat er dann ein Mädchen angesprochen, die vorn an uns
vorbeiging, eine junge Amerikanerin. Und rief dann – und ich
sag das, weil es einfach die Situation schildert, in der der Handke
sich damals befand, er wollte auch zeigen, was für ein Kerl er ist,
aber er war eigentlich ein ganz schüchterner Typ. Und um das zu
beweisen, hat er gerufen: Hello, I want to fuck you! Und da haben
wir natürlich gelacht, und das Mädchen hat auch gelächelt und
ist weitergegangen.«
»Wer andere öffentlich impotent nennt, prahlt ja vor allem mit
seiner Potenz«, meint Friedrich Christian Delius, der sich auch
unter den Gästen befindet und von Handkes Auftritt ziemlich
68
abgestoßen ist. Damit ist sicher einiges gesagt über die hormonelle Disposition des frühen Handke – und nichts über die Qualität seiner Arbeit.
Wer nach Handkes großem Auftritt noch nicht genug hat von
literarischen Posern, der geht an diesem Abend zu einer mit Grass
und Allen Ginsberg hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion.
Dieter E. Zimmer ist auch dabei und kann sich nur wundern,
»wie verschieden die Sorgen der amerikanischen Intellektuellen«
von denen der deutschen Kollegen sind. »Sie redeten von der
›Glücksexplosion‹, die gegenwärtig in den Vereinigten Staaten
stattfinden soll, von der ›pop‹- und Kitschzivilisation (die Wörter ›kitsch‹ und ›kitschy‹ haben jüngst Aufnahme in die amerikanische Sprache gefunden) und natürlich von der populären
Psychodroge LSD und den Bemühungen um ihre Legalisierung,
von Bewußtseinsexpansionen, vielfacher Wahrnehmung und
Unendlichkeitsvisionen – die fremde Sprache eines sonderbaren
eklektischen Mystizismus, der dem Unglück in die Halluzination
entflieht. Die Antwort von Grass: Ich nehme kein LSD, ich trinke
Kaffee, er tut es auch.«
Mittwoch, 27. April Inflation droht in der Zone / Die
Bevölkerung in der Zone hat 1965 weniger / gespart als sonst. Sie
hat das Geld sofort für / Warenkäufe ausgegeben – ein Zeichen
für das / geringe Vertrauen der Bevölkerung zu ihrer Regierung /
Olympia 1972 / Hurra! Wir haben die Spiele / Aus Mitleid und
Verzweiflung ertränkte / der Betonarbeiter Franz Hubl (39) aus /
Feldkirchen (bei München) seinen / schwachsinnigen Sohn Heinz
(14) / in einer Kiesgrube! / »Ich habs getan, weil ich das Elend /
nimmer mit ansehen konnte.« / 3 x Volltreffer / 3 x Frische unterm
Arm – / den ganzen Tag! / Mennen / für den Mann / Zwei jungen Zonen-Flüchtlingen verhalf / der Lübecker Steward Harald
Ehrlinger (28) / zur Flucht in die Freiheit. / »Hier mußten die Paragraphen hinter der / Menschlichkeit zurückstehen. Ich würde /
69
immer wieder so handeln.« / Dafür wurde er von seiner Reederei / fristlos entlassen. / Weiter letzte Seite
LSD-Astronauten Jeden Tag, wochenlang, sieht Philip
K. Dick, wenn er zu seiner Hütte bei Point Reyes in Kalifornien
fährt, um dort zu schreiben, ein Gesicht am Himmel, das auf ihn
herabstarrt. Das Gesicht ist riesig, es hat geschlitzte Augen, keine
Pupillen, ein stählernes Gebiss. Und es hat ihn offensichtlich im
Visier. Wenn die Geschichte stimmt, dann wird man ihm auch
gern glauben, dass er seinen Roman »Die drei Stigmata des Palmer Eldritch« nur geschrieben hat, um diese Fratze ein für alle
Mal zu exorzieren.
Philip K. Dick führt das Science-Fiction-Genre ins psychedelische Zeitalter. Irgendwann in der ersten Hälfte der Sechziger
experimentiert er mit der Säure und erlebt eine Art Epiphanie.
Anschließend ist er sich aber nicht mehr so recht im Klaren, ob es
sich hier bloß um eine drogeninduzierte Halluzination gehandelt
hat oder eben doch wahrhaftig um eine Erscheinung Gottes. Wie
andere Acid Heads, nicht zuletzt Timothy Leary, geht er diesen
Dope-gestützten Transzendenzerfahrungen nach. Am suggestivsten in dem Roman »Die drei Stigmata des Palmer Eldritch«, der
in der ersten deutschen Übersetzung nicht ohne Grund »LSDAstronauten« heißt. Das Buch erscheint zwar schon 1965, aber
besprochen und in den einschlägigen Kreisen herumgereicht werden, kurzum, seine ganze Wirkung entfalten kann es erst in dem
Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweitert.
Im 21. Jahrhundert ist die Erdatmosphäre so überhitzt, dass die
Menschen nur noch mit einem transportablen Kühlaggregat vor
die Tür gehen können. Wenn man Pech hat, wird man von den
Vereinten Nationen zwangsrekrutiert und muss für den Rest des
Lebens die Kolonisierung des Mars oder der Venus vorantreiben.
Das Leben hier ist noch trostloser. Die Menschen vegetieren in
»Gruben«, kleinen Wohneinheiten unter der Erde, vor sich hin
70
und fallen über kurz oder lang der Lethargie anheim. Kleine
Fluchten verheißt allein die Droge Can-D, die es ermöglicht, sich
virtuell in ein idealisiertes Amerika der 20er Jahre zurückzuversetzen. Voraussetzung dafür ist ein Miniaturmodell jener Welt,
ein sogenanntes Layout mit Spielpuppen, Utensilien etc. Nach
zehnjähriger Abwesenheit kommt der Aussteiger Palmer Eldritch
aus entlegenen Sonnensystemen zurück und bringt eine Droge
mit, die keine Imaginationskrücke in Gestalt einer Miniaturwelt
mehr benötigt. Eldritchs Droge Chew-Z bietet freilich noch eine
weitere Verbesserung: Das vom Junkie kreierte Wunschuniversum ist keine bloße Imagination mehr, sondern eine Art Parallelwelt – also objektive Realität.
Leo Bulero, der Chef von Perky Pat Layouts, marktführender
Layout-Anbieter und Drogenboss im Verborgenen, sieht seine
Felle davonschwimmen, versucht Eldritch umzubringen und wird
von diesem unter Chew-Z gesetzt. Von nun an geht alles drunter
und drüber. Der Roman oszilliert zwischen den beiden Realitäten,
da Bulero während des Trips der Parallelwelt zu entkommen sucht,
sich aber nur eine Gegenwelt schafft, die der wirklichen haargenau
gleicht. Dick treibt sein Vexierspiel mit den Erzählebenen ohne
Rücksicht auf logische Verluste. Immer wenn der Leser sich gerade
halbwegs wieder eingerichtet hat, festen narrativen Boden unter
den Füßen zu haben scheint, fällt Dick ein neuer absurder Fiktionsbruch ein. Bis zum Schluss kann man nie wissen, was noch
Trip und was schon wieder objektive Realität sein soll.
Dick geht es übrigens genauso. »Nicht nur, dass ich den Roman
beim besten Willen nicht verstehe, ich kann ihn noch nicht einmal lesen. Was nicht heißen soll, dass er nichts taugt; im Gegenteil. Aber ich habe nicht den leisesten Schimmer, worum es
darin geht. Im Augenblick zumindest nicht«, schreibt er an einen
Freund. »In diesem Fall hat mein Unbewusstes die ganze Arbeit
geleistet.« Angefeuert von Acid.
Der Roman liefert aber nicht nur eine authentische Darstellung psychedelischer Bewusstseinszustände. Man kann ihn auch
71
als hinterhältige religiöse Allegorie lesen. Palmer Eldritch ist
Gott. Ein böser Gott, »der aus dem Prox-System über uns hereinbricht … und uns das bietet, wofür wir seit über zweitausend Jahren beten«. Das ewige Leben im Chew-Z-Universum. Allerdings
auch nicht ganz bedingungslos: »Eldritch wird in unser Leben
eindringen und uns auf Schritt und Tritt verfolgen.«
Wer sagt uns denn, dass Gott ein lieber Kerl sein muss? Vielleicht ist er auch nur so ein neurotischer, mal halbwegs manierlicher, mal aber auch richtig hundsföttischer Charakter. Am Ende
stinkt er sogar aus dem Mund. Metaphorisch gesprochen. Dass
Dick mit dieser Schopenhauer’schen Wendung die Fratze vom
Himmel geholt hat, sei ihm herzlich gegönnt.
No-1-Hits Mai
Deutschland
Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walkin’ (15.4.–31.5.)
England
Manfred Mann: Pretty Flamingo (29.4.–5.5.)
The Rolling Stones: Paint It, Black (6.5.–26.5.)
Frank Sinatra: Strangers In The Night (27.5.–2.6.)
USA
The Young Rascals: Good Lovin’ (30.4.–6.5.)
The Mamas & The Papas: Monday, Monday (7.5.–27.5.)
Percy Sledge: When A Man Loves A Woman (28.5.–10.6.)
Gut geschulte Gorillakämpfer Seit dem Sommer
des Vorjahres treibt sich Hunter S. Thompson mit den Hells Angels herum. Seine Eintrittskarte für den räudigen Zirkel ist der
Artikel »The Motorcycle Gangs: Losers and Outsiders«, den er in
»The Nation« veröffentlicht. Sonny Barger, Maximum Leader der
Hells Angels, hat zwar geschworen: »Sollte einer von euch versuchen, aus diesem Totenkopf Geld zu machen, werde ich den
Scheißkerl killen.« Aber als Thompson auftaucht, der gerade die
ersten Stufen nimmt, die ihn geradewegs in die Chefetage des New
Journalism führen, und ein Buch über seinen Haufen schreiben
will, schlägt er ihn nicht sofort zusammen, sondern erlaubt ihm
tatsächlich ein knappes Jahr teilnehmender Beobachtung. Die
versprochene Sonderbehandlung bekommt er erst am Schluss des
Outlaw-Praktikums.
Bargers Gang ist gerade dabei, zu einem »Faktor« zu werden,
»mit dem im gesellschaftlichen, intellektuellen und politischen
Leben Nordkaliforniens zu rechnen« ist, schreibt Thompson in
seinem Buch »Hell’s Angels«, das dann bereits Ende 1966 bei
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73
Random House erscheint und den Hype als gigantisches Missverständnis entlarvt. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als diese ungebildeten, unberechenbaren Wegelagerer bei Ken Keseys Landsitz
in La Honda haltmachen – »THE MERRY PRANKSTERS WELCOME THE HELLS ANGELS« steht in weißen, roten und blauen
Patriotenbuchstaben auf einem Schild am Einfahrtstor – und
einem Acid Test beiwohnen, glauben Hippies und linke Intellektuelle, die Angels seien auf ihrer Seite.
Auch wenn »ein gewisses Maß an Plünderungen und Körperverletzungen unvermeidlich« ist, wie Thompson süffisant
bemerkt, hofiert sie das Westküsten-Hipster-Establishment als
»symbolische Helden«. Der Beat-Lyriker Allen Ginsberg ist
ganz vernarrt in die Outcasts, sieht hier Abkömmlinge der Räuberbande aus dem Sherwood Forest vor sich und widmet ihnen
gleich mehrere Gedichte. Die Angels verstehen die Welt nicht
mehr. »Doch dadurch bot sich ihnen ein ganz neues Reservoir an
Frauen, Alk, Drogen und neuer Action – sie stürzten sich darauf,
und scheiß auf die Symbolik. Bloß kapierten sie die Rolle nie, die
sie da spielen sollten, und bestanden darauf, ihren Text zu improvisieren. Das sorgte für Irritationen in der Kommunikation«,
meint Thompson mit leichter Untertreibung. Denn im Grunde
ihres Herzens sind sie ein Haufen Rednecks, die zwar ihre Freiheit
und Gesetzlosen-Attitüde lieben, deren unbändiger Patriotismus
jedoch außer Frage steht.
Dass diese herzliche Eintracht nicht ewig währen würde, hätte
man also ahnen können. Im Oktober 1965 kommt es dann zum
ersten großen Eklat. Zwei Dutzend Hells Angels greifen eine Demo
gegen den Vietnamkrieg am Stadtrand von Oakland an. »Die existenziellen Helden, die auf Keseys Partys mit Berkeleyer Liberalen
gekifft hatten, verwandelten sich mit einem Mal in Bestien, die mit
dreschenden Fäusten und den Rufen ›Verräter!‹, ›Kommunisten!‹,
›Beatniks!‹ über eben jene Liberale herfielen.«
Ein Missverständnis, so lautet die Erklärung der Geprügelten.
Angeblich sei Geld aus rechten Quellen geflossen. Oder die Poli74
zei selbst habe die Gruppe infiltriert. Als eine zweite Demo Mitte
November anberaumt wird, nehmen die Bay-Area-Radikalinskis
deshalb frühzeitig Verhandlungen mit den Angels auf, um weitere Angriffe aus deren Reihen zu verhindern. Allen Ginsberg und
Ken Kesey treffen sich mit Barger, um ihn von der gemeinsamen
Sache zu überzeugen. Ginsberg veröffentlicht sogar ein unsägliches Gedicht, in dem er zwischen devoter Ankumpelei und PolitPropaganda changierend, »WHITMANS freie Seele, Camarado«
anrufend, die dumpfe Schlägertruppe tatsächlich rhetorisch umzustimmen versucht.
Natürlich hilft alles nichts. Bis kurz vor der Demo beabsichtigt
Barger, mit einer gewaltigen Streitmacht von Outlaw-Bikern die
Demonstranten Mores zu lehren. Aber dann beruft er am Tag vor
der Demonstration überraschenderweise eine Pressekonferenz
ein, auf der er erklärt, doch keine »Gegendemonstration gegen
diese verabscheuungswürdigen, unamerikanischen Aktivitäten
zu veranstalten«, denn »unsere patriotische Besorgnis darüber,
was diese Leute unserer großen Nation antun, könnte uns zu Gewalttaten verleiten«, die »nur Mitgefühl mit diesem Verräterpack
produzieren« würden. Und dann kommt der ganz große PromoCoup. Barger verliest sein Telegramm an den Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika, Lyndon B. Johnson:
»Sehr geehrter Mr. President,
in meinem und im Namen meiner Kameraden biete ich Ihnen
eine Gruppe loyaler Amerikaner für den Dienst hinter den feindlichen Linien in Viet Nam an. Wir glauben, ein Topteam gut geschulter Gorillakämpfer [sic!] würde den Viet Cong demoralisieren und die Sache der Freiheit voranbringen. Wir stehen sofort
für Ausbildung und Einsatz zur Verfügung.«
Damit ist das Tischtuch endgültig zerschnitten, sollte man denken. Spätestens seit dem Erscheinen von Thompsons Bestseller in
diesem Jahr hätte die Gegenkultur wissen können, wes Geistes
Kind die Hells Angels sind. Nicht zuletzt das widerliche Kapitel
über die Gangbang-Exzesse des Haufens, denen auch Thompson
75
beiwohnt und die er mit einem Ideechen zu viel Fasziniertheit abkonterfeit, demonstriert in kaum zu überbietender Deutlichkeit,
dass ihre Vorstellung von freier Liebe sich von der der Liberalen
und Hippies durchaus ein bisschen unterscheidet. Dennoch ist die
Liaison hier längst noch nicht beendet. Man wanzt sich weiterhin
an sie ran und engagiert sie sogar als Ordner beim Altamont Free
Concert 1969. Mit den bekannten Folgen.
Auch Hunter S. Thompson entgeht seinem Schicksal nicht.
Dass sich die Stimmung verändert, dass man ihn nicht mehr wie
einen kleinen, kaum ernst zu nehmenden und daher Welpenschutz genießenden Bruder eines Vollmitglieds behandelt, merkt
er erstmals, als man in einer Kneipe droht, seine Frau Sandy »ranzunehmen«, falls er den Angels keinen Anteil von seinen Buchtantiemen überlässt. Von Geld ist zuvor nie die Rede gewesen,
Barger hat ihm erlaubt, dabei zu sein, weil er eine authentische,
wahrhaftige Darstellung von ihm erwartet. Thompson wird langsam wieder zum Fremdkörper, der aus dem »Totenkopf Geld zu
machen« versucht.
Am Labour Day 1966 entladen sich die angestauten Animositäten gegen ihn. Thompson ist bekifft und hat zu viel getrunken. Er hat eine Kamera dabei und macht Fotos fürs Buch, das
bringt einige der Biker gegen ihn auf. Thompson denkt sich
nichts dabei und begeht schließlich einen Kardinalfehler. Er, der
BSA-Fahrer, der stets für seine Karre aus England gehänselt worden ist, glaubt einen der anwesenden Harley-Fetischisten davon
überzeugen zu können, dass seine BSA schneller fahre als jede
Harley-Davidson.
»Keiner von denen, die über mich herfielen, gehörte der Gruppe
an, die ich für meine Freunde hielt – aber sie waren Angels, und
das genügte, damit viele der anderen mitmachten, nachdem einer
ihrer Brüder den ersten Schlag gegen mich geführt hatte. Dieser
Schlag kam gänzlich ohne Vorwarnung, und für einen Moment
dachte ich, es handele sich nur um eins jener Versehen im Suff,
mit denen man in dieser Liga leben muss. Doch nur Sekunden
76
später schlug mich der Angel, mit dem ich eben noch gesprochen
hatte, von hinten mit einem Knüppel. Dann fielen sie alle prügelnd über mich her.« Er sieht einen Bekannten und ruft um Hilfe,
und der beruhigt dann tatsächlich den Mob, bevor man ihm den
Schädel einschlagen kann. »Ich konnte das fiese Schwein sehen,
das den Stein in beidhändigem Godzillagriff über seinen Kopf
hievte und damit auf meinen zielte. Tiny zerrte ihn gnädigerweise
außer Reichweite, und als die Treterei kurz nachließ, holte er mich
auf die Beine und ließ mich zum Highway davonlaufen.«
Es gibt keine Entschuldigung von seinen vermeintlichen
Freunden. Er beschwert sich noch einmal bei Sonny Barger über
den Vorfall, der alles andere als »Klasse« gezeigt habe. Danach ist
Schluss. Und als das Buch erscheint, darf er sich sowieso nicht
mehr bei ihnen blicken lassen. So viel Authentizität und Wahrhaftigkeit hat Barger eben doch nicht gewollt.
Im Grunde macht Thompson den gleichen Fehler, den er der
liberalen Westküsten-Szene vorwirft. Er glaubt tatsächlich eine
Weile, man könne sich mit ihnen arrangieren – oder gar befreunden. Am Ende muss er sich eingestehen, dass es ein »schlechter
Trip gewesen« sei – »manchmal schnell und wild, dann wieder
träge und schmutzig, aber alles in allem ein richtig fieser Trip«.
Montag, 2. Mai Rote Panzer an der Mauer: / Kanonen
zeigten nach Osten / Trotz des drückend heißen Frühlingswetters / erlebte Ost-Berlin ein eiskaltes Wochenende / Die Menschen drüben sind verbittert / Leben Sie besser! / Sie können es
mit Biocitin / Flugzeug stürzte in Obstgarten: Zwei Tote / Fachleute vermuten einen Bedienungsfehler / Preußen-Prinz ging
ins Wasser / Lotsen fischten toten Kaiser-Enkel aus dem Rhein /
Polizist schoß drei Verwandte nieder / An seinem ersten Hochzeitstag: / Sein Schwager starb / Zeidler war erst kurz zuvor zum /
Hauptwachtmeister befördert worden / Charly, der Liebling von
Millionen »Radio / Luxemburg«-Hörern ist entlassen worden. /
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Sein Chef: »Keine Äußerung. Ich will ihm / nicht die Karriere
verbauen.« / Speck weg! / Iß Dich schlank mit BILD! / Die Kur
beginnt auf Seite 3
Musik für Hunde Im Dezember 1964 bricht Brian Wilson, das psychisch labile musikalische Mastermind der Beach
Boys, auf dem Flug nach Houston schluchzend zusammen und
beendet die laufende Tour. Er ist erschöpft, angewidert von den
Liveauftritten, und ihn plagen Versagensängste. Ohnehin steht
er dem ideellen Beach-Boys-Kosmos, wie er in den Lyrics allzeit
gut gelaunt beschrieben wird, eher mit Befremden gegenüber.
Sein Bruder Dennis ist der Surfer, aber Brian kann kaum als gut
gebräunter, athletischer Strandläufer durchgehen. Er ist etwas
dicklich, eigenbrötlerisch, ein Kopfhänger, der sich lieber in sein
Zimmer verzieht, als mit den anderen Jungs am Strand die Zeit
totzuschlagen und den Mädchen hinterherzupfeifen.
Er werde von nun an nicht mehr auf der Bühne stehen, teilt er
nach seiner Genesung im Bandrat mit, sondern seine ganze Energie auf das Songwriting und die Studioarbeit verwenden. Brian
Wilson ist der talentierteste Komponist unter ihnen – solange er
also weiterhin genügend Top-Ten-Ware liefert, hat keiner etwas
dagegen, nicht einmal Murry Wilson, das bis zum Sadismus überambitionierte Oberhaupt der Familie, den die Band zwar als Manager bereits geschasst hat, der aber immer noch ungefragt seine
Nase in ihre Belange steckt.
Während die anderen touren, setzt sich Brian Wilson ans Klavier. Dann erscheint im Dezember 1965 »Rubber Soul«, das Album
der Beatles, bei dem sie erstmals ihr Instrumentarium erweitern,
um eine Sitar zum Beispiel, und die Studiotechnik etwas genauer
inspizieren. Wilson ist angefixt und kreativ herausgefordert und
sieht, dass die Band für diese künstlerischen Experimente verehrt
wird. Auch bei den Beach Boys ist die Zeit jetzt reif für einen anderen Sound.
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Um seinen musikalischen Ambitionen textlich etwas Kongeniales entgegenzusetzen, engagiert er zunächst einmal den WerbeJingles-Texter Tony Asher. Sein Hauslyriker Mike Love ist Brian
Wilson zu sehr festgelegt auf Sommer, Sonne, Surfen, »Fun, Fun,
Fun«. Zusammen entwickeln sie Songinhalte, die Wilson eher aus
der Seele sprechen, weil sie meistens tatsächlich autobiografisch
unterfüttert sind.
»Wouldn’t it be nice if we were older?«, singt Brian im Opener
des entstehenden Albums, in der Rolle eines High-School-Lovers,
der sich schon sehr auf die Ehe und damit auf die Erfüllung aller
(vulgo: fleischlichen) Träume freut. Aber es klingt auch – nach
dem harfenartigen Märchenfilm-Intro zumal, das jäh unterbrochen wird von einem brutalen Snare-Schlag – wie ein Versprechen, den Teenie-Kitsch jetzt endlich mal hinter sich lassen zu
wollen und etwas musikalisch Erwachsenes zu produzieren.
Es geht immer noch oft um die Liebe in den neuen Songs,
aber jetzt ist das meistens frei von Pubertanten-Klischees. »I
may not always love you / But as long as there are stars above
you / You never need to doubt it«, heißt es in »God Only
Knows«. Wobei nicht ganz eindeutig ist, ob der Sternenhimmel
die idealistische Liebesewigkeit illuminiert – oder nicht doch
vielleicht eher diese eine besondere Nacht gerade eben. Für
kommerzielle Surf-Pop-Verhältnisse ist das an Verruchtheit
kaum zu überbieten.
Und eine Melancholiker-Meditation wie »I Just Wasn’t Made
For These Times«, die tief in die Gedankenwelt Wilsons hineinzuleuchten scheint, hat es bisher erst recht noch nicht gegeben.
Every time I get the inspiration
To go change things around
No one wants to help me look for places
Where new things might be found
Where can I turn when my fair weather friends cop out
What’s it all about?
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Man kann in diesen Song vielleicht auch schon die Befürchtungen
des Harmonie-Tüftlers und Soundfexes hineinlesen, der ein wirklich unerhörtes Album machen will und der von seinen Schönwetterfreunden und Kollegen, zuallererst mal seiner Plattenfirma
Capitol Records, zu wenig Unterstützung erfährt.
Die Beach Boys jedenfalls sind ziemlich überrascht, als sie
nach einer dreiwöchigen Japan-Tour nach Hause kommen und
Wilson ihnen komplett fertige Songs präsentiert, die sie jetzt nur
noch nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten im Studio einsingen und
-spielen müssen. Wilson vertraut auch nicht mehr allein auf die
Fähigkeiten der Band, sondern bucht für die Plattenaufnahmen
erfahrene L.-A.-Sessionmusiker dazu, die Wrecking Crew, die das
klangliche Spektrum erweitern und verdichten soll. Vor allem
Mike Love fühlt sich etwas ausgebootet, und so fällt sein Urteil
nicht besonders positiv aus. »Who’s gonna hear this shit? The ears
of a dog?« Damit hat er immerhin eine hübsche Vorlage für den
Titel des Albums geliefert – »Pet Sounds«.
Im Grunde ist es Brian Wilsons Soloalbum. Er behält die Zügel
als Arrangeur und Produzent fest in den Händen und gibt den
beteiligten Musikern genaue Instruktionen, was sie zu spielen
haben. Und es gibt viel zu spielen, hier noch ein Akkordeon und
gleich noch eins, hier ein präpariertes Piano, dessen Saiten gezupft werden, um diesen hübschen Cembalo-Sound hinzubekommen, da eine Hupe, auch mal ein ganzes Streicherensemble,
Hörner, Klarinetten, exotische Tiki-Instrumente, allerlei Flöten,
eine Fahrradklingel, eine Cola-Dose, ein Vibrafon und ein Tannerin, das hübsch gleitende, psychedelische Klänge produziert.
Und am Ende kommen eben auch noch bellende Hunde und ein
vorbeifahrender Zug als Soundcollage-Schnipsel zum Einsatz.
Brian Wilson interpretiert hier auf seine originäre Weise Phil
Spectors Wall-of-Sound-Überwältigungsstrategie, geht aber noch
darüber hinaus. Er versucht den Popsong ästhetisch aufzuwerten,
indem er ihn zur Bonsai-Symphonie sublimiert. Pop emanzipiert
sich hier endgültig als Kunst. Man hat sich deshalb bald gestritten,
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ob »Pet Sounds« als Konzeptalbum zu bezeichnen sei. Für Wilson ist es eine Sammlung von »Kunststücken«, die für sich allein
stehen können, aber doch zusammengehören. Mit anderen Worten: »It wasn’t really a song concept album, or lyrically a concept
album; it was really a production concept album.«
Ein derartiger Anspruch kostet Zeit und Geld. An »Good Vibrations«, einem Song aus dem »Pet Sounds«-Umfeld, der dann
aber kurz vor Schluss noch ausgetauscht wird gegen ihren 65erHeuler »Sloop John B« und erst im Oktober des Jahres als Single
erscheint, doktert Wilson mit Unterbrechungen sieben Monate
lang in diversen Studios herum, bis er ihn zur Veröffentlichung
freigibt. Immerhin, der Aufwand lohnt sich, der Song avanciert
weltweit zu ihrem größten Hit.
Zunächst sieht aber alles nach einem Flop aus, als das Album
am 16. Mai erscheint. Capitol Records ist der Stilwandel der Band
gar nicht geheuer und schiebt deshalb bereits ein paar Wochen
später ein »Best Of The Beach Boys« hinterher, das in den USACharts dann auch tatsächlich zwei Plätze vor »Pet Sounds« auf
Platz acht landet. Sie haben es ja gewusst! Überall sonst auf diesem Planeten, nicht zuletzt in England, belegt das Album jedoch
die vorderen Ränge der Charts und besiegelt damit den weltweiten Durchbruch der Band.
Und die Musikerszene weiß ohnehin sofort, was sie an »Pet
Sounds« hat. Als Bruce Johnston, einer der Sänger der Beach Boys,
nach England reist, um das Album dort der Presse vorzustellen,
trifft er auf John Lennon und Paul McCartney, die sich gerade im
Studio aufhalten, um »Revolver« einzuspielen. Angeblich lässt er
das Album zweimal durchlaufen für sie, woraufhin die beiden ohne
ein Wort zu sagen den Raum verlassen. Es gibt noch so viel zu tun.
Judas Im Frühjahr des Jahres ist Bob Dylan auf EnglandTour. Erstaunlicherweise hat sich der Skandal von Newport, der
sich von nun an regelmäßig wiederholt und im New Yorker
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Forest-Hill-Stadion die 15 000 Anwesenden so in Rage versetzt,
dass Keyboarder Al Kooper um seine Gesundheit fürchten muss,
noch nicht bis hierher herumgesprochen.
Späterhin wird man ihn für die Bastardisierung des Folk mit
dem Rock rühmen und jede Pophistorie ihm ein paar Seiten dafür
einräumen, im Frühjahr 1966 setzt er einfach nur seine Karriere
aufs Spiel. Die ganze Tour ist ein Debakel, aber Dylan, was auch
immer er nimmt, um bei Laune zu bleiben, hat offenbar diebische
Freude daran, gegen das empörte Publikum anzuspielen. Das will
einfach nur seinen Folkie zurück, der ihm mit simplen politischen
Botschaften aus der Seele spricht. Aber Dylan hat Rimbaud und
die Beat-Literatur für sich entdeckt – und vor allem die Stromgitarre. In den Interviews während dieser Tour schwankt seine
Haltung zwischen schwer erträglicher Rock ’n’ Roll-Rotzbengelhaftigkeit und großartiger Journalistenverarsche. »What are your
songs about?«, wird er gefragt. Dylan antwortet: »Some are about
three minutes, some are about five minutes, and some, believe or
not, are about eleven minutes.«
Am 17. Mai 1966 spielt Bob Dylan in Manchester, in der Free
Trade Hall, und hier kulminiert der Hass des Publikums, der wie
so oft aus enttäuschter Liebe entsteht. Er hat das Konzert einmal
mehr mit einem akustischen Set beginnen lassen, spielt aber fast
nur neue Songs der letzten beiden Alben »Bringing It All Back
Home« und »Highway 61 Revisited« – und »Visions Of Johanna«
vom demnächst erscheinenden »Blonde On Blonde«. Eben die
mehrdeutigen, interpretationsbedürftigen, symbolistischen Songs
der letzten Zeit. Der Applaus ist eher reserviert, aber es gibt ihn.
Nach »Mr. Tambourine Man« schnallt sich Dylan allerdings seine
Telecaster um, und seine Begleitband, angeführt von Robbie Robertson an der Gitarre, brettert los. Er wird nicht gerade von der
Bühne gebuht, denn ein Teil des Publikums will den elektrischen
Dylan tatsächlich hören, aber nach jedem Song setzt es Zwischenrufe, teils höhnisch, teils wütend. Man versucht mit Sprechchören
und rhythmischem Klatschen die Band am Weiterspielen zu hin82
dern. Aber die hat viel zu viel Spaß an der eigenen Musik, um sich
wirklich einschüchtern zu lassen.
Nach »Ballad Of A Thin Man« reicht es schließlich einem der
alten Fans, und er macht seiner Enttäuschung Luft. »Judas!«,
schreit er. Es folgt eine zunächst diffuse Publikumsreaktion aus
Belustigung und Zustimmung, wobei dann aber Applaus aufbrandet, der wohl Einverständnis signalisieren soll. Der Nachsatz
des Schreihalses geht fast unter in dem akustischen Durcheinander. »I’m never listening to you again, ever!«
Dylan schrubbt ein paar Akkorde und antwortet dann gelassen abfällig: »I dont believe you.« Anschließend arbeitet er sich
langsam hinein in den nächsten Song, »Like A Rolling Stone«,
und er ist bereits im Songmodus, als er noch einen Satz hinterherschiebt, passend zur Riff-Harmonie, beinahe gesungen. »You’re a
liar!« Und dann wendet er sich gut gelaunt seinem Gitarristen zu,
ein schalkhaftes Lächeln huscht über sein Gesicht. »Play fucking
loud!« Das lässt sich Robbie Robertson nicht zweimal sagen.
Diese Szene ist gut dokumentiert. Wie immer kursiert ein
Konzert-Bootleg. Aber hier gibt es sogar Filmaufnahmen, weil
Dylan sich von ABC für 100 000 Dollar überreden lassen hat,
die aktuelle Tour mitzudrehen. Der US-Fernsehsender will die
etwas krude Montage »Eat The Document« dann zwar doch nicht
bringen, aber Martin Scorsese darf das Material fast vierzig Jahre
später für seinen Dokumentarfilm »No Direction Home« verwenden. Hier kann man es ganz gut sehen. Dylan ist nicht wütend, er
brüllt auch nicht. Er ist sich viel zu sicher bei dem, was er vorhat.
Und es gefällt ihm.
Als die BBC 1999 eine filmische Recherche über das Konzert
dreht, meldet sich unverhofft ein Angestellter aus Toronto namens Keith Butler und outet sich als der legendäre Zwischenrufer.
»Wir waren so enttäuscht. Das war nicht der Bob Dylan, den wir
gewohnt waren. Der Dylan, den wir hören wollten, war ›The Freewheelin’ Bob Dylan‹. Ich war ein 20-jähriges Kind«, beichtet er
der BBC, »und war völlig geschockt, als er mir direkt antwortete.«
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Dass sein Ausraster Geschichte gemacht hat, will er gar nicht mitbekommen haben. Er habe all die Jahre versucht, den Vorfall zu
verdrängen und sich auch nur jetzt gemeldet, um klarzustellen,
dass er kein Antisemit sei.
Als die Radiosendung »The Ghosts of Electricity« im Frühjahr
1999 gesendet wird, meldet sich John Cordwell aus der Grafschaft
Cumbria beim zuständigen Redakteur Andy Kershaw. Er sei doch
arg verwundert über das Gehörte, denn er, Cordwell, sei für den
legendären »Judas«-Ruf verantwortlich. Auch er erzählt von der
maßlosen Enttäuschung, die ihn damals als jungen Jurastudenten beim Besuch des Konzerts in der Free Trade Hall überfallen
habe. Da das entsprechende Bootleg bisher fälschlicherweise als
Konzert in der Royal Albert Hall ausgewiesen worden sei, habe
er immer gedacht, in London habe man dergleichen ebenfalls deklamiert. Sonst ist er mit sich im Reinen. Er bereue nichts. Von
einer Wiederholung würde er jedoch heutzutage absehen, gibt
er zu Protokoll. Bei der Wiederholung der Radiosendung hängt
Kershaw sein Gespräch mit Cordwell an. Er lässt ihn darin auch
noch einmal »Judas« rufen, damit die Dylanologen die Stimmen
vergleichen können.
Wal, da bläst er Am 18. Mai 1966, gegen 9.30 Uhr, schippern Bernd Albrecht und Willy Dethlevs mit ihrem Motorschiff
Medina über den Rhein, als sie eine höchst erstaunliche Entdeckung machen. Nur kurze Zeit später passiert sie ein Polizeiboot.
Aufgeregt rufen die beiden den Flusssheriffs zu: »Bei Strom-Kilometer 778,5 haben wir eben einen fünf Meter langen Riesenfisch
gesichtet.« Das Polizeiboot dreht bei, ein Beamter geht an Bord.
»Hauchen Sie mich mal an.« Besoffen sind sie nicht, also meldet der Wasserpolizist, mit gewissen Vorbehalten, den Kasus dem
Hauptquartier. Eine Patrouille wird aufs Wasser geschickt, und
es dauert nur eine halbe Stunde, da geht der bestätigende Funkspruch ein. »Weißer Wal gesichtet.«
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Die Meldung geht an das Düsseldorfer Innenministerium, die
Beamten glauben immer noch an einen »verspäteten Aprilscherz«,
schalten aber vorsichtshalber den Direktor des Duisburger Zoos
mit dem fast schon ein wenig vorausdeutenden Namen Dr. Gewalt ein. Der Mann besteigt ein Feuerwehrboot und inspiziert das
Meeresungeheuer. »Mann, is det een Wurm!« Es handelt sich um
einen etwa fünf Meter langen und 35 Zentner schweren BelugaWal aus dem nördlichen Eismeer. Jetzt hat die Presse ein Thema,
mit dem sie durch das Sommerloch kommt. Ein weißer Wal im
deutschen Rhein! Da prallen Mythen aufeinander.
Bald ist geklärt, woher der weiße Riese kommt. Man hat ihn
vor der Küste Kanadas gefangen, um ihn in einen englischen
Zoo zu überführen, aber bei hoher See im Ärmelkanal kippt
das Transportschiff und der Wal kann entfliehen. Es treibt ihn
dann rheinaufwärts von Rotterdam bis ins Ruhrgebiet, wo Dr.
Gewalt nur auf ihn gewartet zu haben scheint. Der Duisburger
Zoo besitzt nämlich bereits ein Delfinarium, das der frisch bestallte Zoodirektor gern um eine weitere Attraktion vergrößern
würde. Und so mutiert er binnen Kurzem zum WestentaschenAhab, der sich an Bord des Polizeiboots »Wiking 10« auf die
Fährte setzt, um »Lümmel«, wie ihn der »Kölner Express«, oder
»Moby Dick«, wie ihn der Rest Deutschlands tauft, seinem Zoo
einzuverleiben. Erste Versuche, ihn mit Tennisnetzen zu fangen,
scheitern. Dr. Gewalt greift zu Mitteln, die seinem Namen alle
Ehre machen. Er rekrutiert weitere Bundeswehr- und Feuerwehr-Einheiten, treibt den Meeressäuger ins Duisburger Hafenbecken, jagt ihm mit einer Pistole zwei Injektionen unter den
Speck, die ihn ins Reich der Träume befördern sollen, aber der
weiße Wal beweist Nehmerqualitäten und entkommt. Spätestens
als Dr. Gewalt auch noch seinen Affenwärter Franz Schramke,
einen versierten Sportbogenschützen, an Bord holt, um mit
einem Pfeil eine Boje an ihm zu befestigen, weitet sich diese
mediale Schmierenkomödie langsam aus zur ersten deutschen
Tier- und Umweltschutzkampagne.
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Das Mitgefühl der Öffentlichkeit ist geweckt, man solidarisiert sich mit dem weißen Pummel. Schaulustige werfen Stullen
und Rollmöpse ins Wasser, um ihn zu füttern. Die »Bild«-Zeitung chartert ein Luftschiff, um nichts zu verpassen, und fordert
schließlich: »Verhaftet Dr. Gewalt!« Von einem Hubschrauber aus
bombardieren Tierschützer die Walfänger mit Orangen. Sogar
die holländischen Nachbarn beschweren sich über die »barbarischen« Moffen.
Bernhard Grzimek, der onkelhafte Tierfilmer, schreibt einen
Gastkommentar im »Spiegel«, in dem er das eigentliche Problem
benennt. »Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Gemüter erregen, wenn Tieren vor ihren Augen etwas angetan wird.
Um diesen einen Beluga sorgen sich Hunderttausende. Daß die
Norweger dieselben Weißwale vor Spitzbergen so gut wie ausgerottet haben, und zwar in recht blutiger, grausamer Weise, kümmert niemanden, denn Spitzbergen ist ja weit weg.«
Gegen den Fang hat er gar nichts einzuwenden, allerdings
müsse man bei der Betäubung aufpassen, dass die Tiere nicht
ertrinken. »Sie müssen ja zum Atmen an die Oberfläche aufsteigen.« Nebenbei weist er damit noch auf eine andere Umweltsünde hin. »Das ist auch der Grund, warum ein Wal es so
lange in dem giftigen Dreckwasser des Rheins aushält, wo alle
Fische sterben.«
Aber auch der Wal leidet sichtlich unter der Kloake. Die ARD
zeigt auffallende Flecken auf der weißen Haut, die Chloride,
Phosphate, Fäkalien verursachen bei ihm einen schweren Ausschlag. Das Problem ist bekannt, die Internationale Kommission
zum Schutz des Rheins besteht seit anderthalb Jahrzehnten, aber
es geschieht nichts. Die Industrie leitet weiterhin ihre Abfälle
mehr oder weniger ungefiltert in den Fluss. Wie schlecht die
Wasserqualität in dieser Zeit ist, riecht man schon von Weitem.
Nicht mal Weidevieh will die Brühe noch trinken. Das Thema
Luftverschmutzung ist mittlerweile in den Blick gerückt, auf
lokaler und regionaler Ebene formiert sich seit einiger Zeit der
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Widerstand. Der merklich abgemagerte, von dunklen Flecken
übersäte Moby Dick lenkt nun die Aufmerksamkeit auch auf die
Verschmutzung der Flüsse.
Wie ein alttestamentarischer Vorbote nahenden Unheils taucht
er rheinaufwärts bis nach Bonn, am Auswärtigen Amt, am Bundespräsidial- und Kanzleramt vorbei bis ans Ufer des Bundeshauses, wo er eine internationale Pressekonferenz aufmischt, weil alle
nach draußen laufen, um ihn mit eigenen Augen zu sehen. Und
jetzt reicht es ihm. Unbehelligt von Dr. Gewalt, den man zwar
nicht verhaftet, aber immerhin von weiteren Ahabesken abhalten
kann, schwimmt er nun wieder zurück in die Nordsee. Und er
beeilt sich jetzt, so als hätte er seine Aufgabe erfüllt. Bei Hoek van
Holland wird er ein letztes Mal gesehen. Über vier Wochen hat er
Deutschland und seine Anrainer in Atem gehalten.
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No-1-Hits Juni
Deutschland
Freddy Quinn: Hundert Mann und ein Befehl (1.6.–14.6.)
The Beach Boys: Sloop John B (15.6.–14.7.)
England
Frank Sinatra: Strangers In The Night (27.5.–2.6.)
The Beatles: Paperback Writer (3.6.–23.6.)
The Kinks: Sunny Afternoon (24.6.–7.7.)
USA
Percy Sledge: When A Man Loves A Woman (28.5.–10.6.)
The Rolling Stones: Paint It, Black (11.6.–24.6.)
The Beatles: Paperback Writer (25.6.–1.7.)
Unkultiviert Ein cremeweißer Bolide prescht, einen gewaltigen Schweif aus Staub hinter sich herziehend, einen Feldweg
hinan. Spannungsheischende Big-Band-Musik, die von einem
James-Bond-Streifen abgekupfert sein könnte, dynamisiert das
Geschehen zusätzlich. »Da ist er!«, der Sprecher scheint sich ein
wenig zur Sachlichkeit zwingen zu müssen, es ist wohltemperierte
Euphorie, die er hier offenbart. »125 Kilometer! Ausgezeichnete
Straßenlage.« Und wie zum Beweis hüpft der Wagen in der nächsten Einstellung keck über eine kleine Bodenwelle. Das ist kein
Aston Martin, das sieht man sofort, aber eine gewisse sozialistische Agilität, ja, wenn man nicht vom pazifistischen Ethos der
DDR so überzeugt wäre, könnte man fast sagen: Angriffslust ist
dem Auto in diesem vermutlich leicht gepitchten Werbefilm nicht
abzusprechen.
Jetzt sind wir auf der Zielgeraden. Eine Flughafen-Landebahn. Der Wagen sprintet auf die Kamera zu, aber eine weiß
behandschuhte Verkehrspolizistenhand streckt die Kelle raus.
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Ein wenig widerwillig, aber sicher kommt der Wagen zum Stehen. »Der neue Wartburg 1000, ein echter Fünfsitzer.« Und tatsächlich sitzen jetzt zwei elegant gekleidete Herrschaften hinten. Plötzlich befinden wir uns im Strafraum eines Fußballfeldes
und wie von Geisterhand respektive Tricktechnik füllt sich die
geöffnete Ladeluke. »Kofferraum für 57 Fußbälle.« Die DDR hat
sich zwar nicht für die WM qualifiziert, aber die früheren Modelle sind Exportrenner, man hat wohl mit diesem Werbefilm
vornehmlich das kapitalistische Ausland im Blick. »Modernste
Karosserieform. Der neue Wartburg 1000 aus der WartburgStadt Eisenach.«
Die hat man dem Wagen tatsächlich auch außerhalb der DDR
bescheinigt. Im Juni gehen die ersten neuen Wartburgs vom
Band. Der Autotester der »Zeit« nimmt ihn sich Mitte November
mal vor, erfreulich unvoreingenommen und ideologisch unangekränkelt. »Der neue Wartburg 1000 des Eisenacher Automobilwerks verdient Aufmerksamkeit trotz des Zweitaktmotors, von
dem die westliche Automobilindustrie abgekommen ist«, heißt es
da. »Warum eigentlich? Womöglich, weil er, wie beim DKW, zu
robust und damit zu dauerhaft war? Da sich der Ostblock an die
häufig zweifelhaften technischen Modernisierungstendenzen im
Westen nicht zu halten braucht, produziert also die DDR nach wie
vor den dreizylindrigen Zweitakter, jetzt freilich mit einigen Verbesserungen gegenüber den Vorgängern des Wartburgs. Dieser
neue Wartburg 1000 ist ein gut durchdachtes Automobil, durch
Preis und Qualität interessant. Das Armaturenbrett ist übersichtlich, der Kofferraum ist auffallend groß. Alles ist zweckmäßig, für
bequeme Reisen bestimmt.« Der Preis von 5150 Mark für die Standardausführung, das entspricht in etwa dem VW Käfer, ist für
einen echten Fünfsitzer tatsächlich ein echter Schnapper. Wenn
nur der Zweitakter nicht wäre. Der ist im Westen unbeliebt, das
hat der »Zeit«-Testfahrer unterschlagen, weil er im Leerlauf einigermaßen »unkultiviert« klingt und durch eine bläuliche Stinkfahne auf sich aufmerksam macht.
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Ihr inneren Emigranten Ein Stück »ohne Handlung,
ohne Szenenbilder und ohne Requisiten« soll das sein, aber immerhin noch mit Schauspielern und – »nach den Klangelementen
der Beatmusik gebaut«. Gut sechs Wochen nach seiner ersten kalkulierten Provokation in Princeton lässt Peter Handke im Frankfurter »Theater am Turm« eine weitere folgen. Am 8. Juni wird
seine »Publikumsbeschimpfung« uraufgeführt, inszeniert von
Claus Peymann. Man erwartet einen Skandal – und bekommt ihn
dann auch.
»Sie werden kein Schauspiel sehen. Ihre Schaulust wird nicht
befriedigt werden. Sie werden kein Spiel sehen. Hier wird nicht
gespielt werden«, versprechen die vier Akteure auf der Bühne,
stattdessen klettern sie in die Logen oder in den Souffleurkasten, begutachten das Publikum und geben ihm Noten. »Sie sind
ausgezeichnet in Form heute Abend.« Oder verlieren sich in
Feuilletonphrasen. »Hier werden die Möglichkeiten des Theaters nicht genutzt.« Und am Ende kommt es dann tatsächlich
zu der schwer erträglichen Beschimpfungssuada, in die sich die
vier mit vollem Körpereinsatz hineinwerfen. Gelegentlich tatsächlich wie eine »Beat-Band« – da wird gestöhnt, geächzt, die
Sprache auf einen Viervierteltakt genagelt und geshoutet. Und
spätestens hier nimmt dieses vermeintlich so unpolitische Stück
dann doch noch eine Wendung ins Subversive, wenn die vier
Sprecher ihr deutsches Publikum mit Verbalinjurien belegen
wie »Ihr Totengräber der abendländischen Kultur, ihr Asozialen, ihr übertünchten Gräber«, »ihr Maulhelden, ihr Hurrapatrioten, ihr jüdischen Großkapitalisten« und eben auch »ihr inneren Emigranten«. Und dann ganz am Ende, sozusagen als letzte
Steigerung: »Ihr Mitmenschen.« Das Publikum ist jung, aber ein
paar kulturbeflissene WK-II-Veteranen haben sich eben doch
auch hierherverirrt.
Handke ist mittlerweile so eine Art literarischer Popstar.
Und so meldet sich schon zur zweiten Vorstellung das Fernsehen an und schneidet den Spaß mit. Das aufgekratzte Publikum
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weiß längst, was es dem Autor schuldig ist, und pöbelt herum
(»Fernsehen raus!« – »Keine blöden Kameras!«), macht Sprüche, feiert sich selbst und betritt schließlich sogar die Bühne,
um das Spiel zu übernehmen. Die Off-Theater-Flegeleien passen zum Aufführungsrahmen der Avantgarde-Theaterwoche
»Experimenta I«. Zuvor hat schon der Düsseldorfer Künstler
Otto Piene in »Lichtauktion oder Neu York ist dunkel« eine
Collage aus Stadtszenen, Autolärm und Lyrik auf die Bühne
gebracht. Und der Pop-Intellektuelle Bazon Brock mit »Theater
der Position – eine dramatisierte Illustrierte« sogar ein paar
Stripperinnen.
Es geht in dieser Reihe folglich um die Zerstörung herkömmlicher Theaterformen – und nichts anderes passiert auch bei der
»Publikumsbeschimpfung«. Das Stück hat zwei Hauptpersonen.
Zum einen das Publikum. Handke dreht ja die herkömmliche
Aufführungssituation um, stellt nichts dar, sondern kommentiert
nur das »Spiel« des Kollektivsingulars Zuschauer. Zum anderen
die Sprache, die immer wieder in ihrer ganzen Vernutztheit ausgestellt wird. »Ihr wart die richtigen. Ihr wart atemberaubend. Ihr
habt unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Ihr wart die geborenen Schauspieler.«
»Indem Handke das Theater aufhebt, macht er neues Theater«,
meint der Suhrkamp-Klappentexter dem Buch »Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke« mit auf den Weg geben
zu können. Aber hier ist Theater eigentlich zu Ende. Offensichtlicher lässt es sich kaum noch negieren. Am Schluss weiß das Publikum auch nicht so recht. Die »Handke«- und etwas leiseren
»Peymann«-Sprechchöre halten sich mit den ausgelassenen Buhrufen etwa die Waage. Aber auch die lautstarke Ablehnung hat
man vielleicht als ironische Reaktion zu verstehen, als Spiel des
Publikums, das jetzt eben mal ein bisschen Empörung gibt.
Der Autor, der dann mit Sonnenbrille und seinem Markenzeichen, der »Beatles-Frisur«, die Bühne betritt und Blumen in
die Menge wirft, scheint jedenfalls zufrieden. Er rudert mit den
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Armen, feuert das Auditorium an und lächelt süffisant, mit provozierender Überheblichkeit. Auch Handke spielt eine Rolle, wie
alle an diesem Abend. Seine ist die des Popstars. Und die kann er
schon ganz gut.
Langhaarig, trinkfest, schmuddelig Bevor Studentenbewegung und Außerparlamentarische Opposition die
Medien beherrschen, sorgt eine »schleichende Revolution« (Margret Kosel) für einige Aufmerksamkeit. Als »die langsamste Jugendbewegung aller Zeiten« bezeichnet der »Spiegel« die neuen
Rebellen, die sogenannten Gammler. Sie musizieren, reden viel,
lesen, schauen ihren Haaren beim Wachsen zu, kurzum: Sie stellen in aller Öffentlichkeit eine erwerbsmäßige Untätigkeit zur
Schau, die das stramme Leistungsdiktat der Wohl- und Anstandsgesellschaft mit provozierend lässiger Geste beiseitewischt.
Aber die Gammler haben einen schweren Stand. Den Alten
und Reaktionären sind sie zu müßiggängerisch, den jungen Linken – auch. Sie gammeln gleichsam zwischen den Stühlen. Sie
wollen das Bruttosozialprodukt nicht mehren, aber auch nicht im
gemeinsamen politischen Kampf die Verhältnisse umstürzen. Sie
wollen schlicht ihre Ruhe haben.
Jack Kerouacs »The Dharma Bums«, 1963 auf Deutsch erschienen unter dem kongenialen Titel »Gammler, Zen und hohe
Berge«, ist einer ihrer Verständigungstexte. Kerouac schildert
darin seine »Vision von einer großen Rucksackrevolution«. »Tausende oder sogar Millionen junger Amerikaner, die mit Rucksäcken rumwandern, auf Berge gehen, um zu beten, Kinder zum
Lachen bringen und alte Männer froh machen, junge Mädchen
glücklich machen und alte Mädchen noch glücklicher, alles ZenBesessene, die rumlaufen und Gedichte schreiben und die durch
Freundlichkeit und auch durch seltsame, unerwartete Handlungen ständig jedermann und jeder lebenden Kreatur die Vision
ewiger Freiheit vermitteln.«
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Aber die alten Männer wollen sich einfach partout nicht
froh, die alten Mädchen nicht glücklich machen lassen. Peter
Fleischmanns in München gedrehter Dokumentarfilm »Herbst
der Gammler«, der im Jahr darauf im Fernsehen läuft, gibt der
»Weltstadt mit Herz« Gelegenheit, dieses sprechen zu lassen.
»Der Gammler is überflüssig wiar a Kropf.« – »Ein kleiner Hitler
müsste her.« – »Ihr gehört vergast – das ist meine Meinung!«
Ja, das ist ihre Meinung. Dass außerhalb der Metropolen die wenigsten von ihnen schon mal einen Gammler im Fleische gesehen
haben – die Bewegung ist nicht besonders zahlreich, in ganz Europa schließen sich ihr allenfalls ein paar tausend Menschen an –,
schmälert die allgemeine Entrüstung nicht. Im Gegenteil.
Im Juni kann Bundeskanzler Ludwig Erhard nicht länger zusehen und sagt den Gammlern den Kampf an. »Solange ich regiere,
werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören.« Nun, er
macht es nur noch ein knappes halbes Jahr … Die Münchener
CSU-Fraktion will aber auch etwas tun und stellt den Antrag,
das »Gammlertum« auf das ihm »zukommende Maß zu reduzieren«. Da geht sie einmal mehr im Gleichschritt mit der NPD, die
in ihrem Parteiorgan »Deutsche Nachrichten« vorschlägt, »das
ganze Problem radikal und im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen«. Dem wiederum leiht Freddy Quinn gern seine
volltönende Stimme. »Wir« nennt er die gesungene Hetztirade
mit vielen rollenden »Rs«.
Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR!
Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!
Wer hat den Mut, für euch sich zu schämen? WIR!
Wer läßt sich unsere Zukunft nicht nehmen? WIR!
Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren,
und muß vor euch jede Achtung verlieren? WIR! WIR! WIR!
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Das ewige »WIR«, die Antwort des Chors, hat appellativen Charakter. Man soll schön mitgrölen. Denn wenn die Reihen gesanglich geschlossen sind, kann der Demagoge »die anderen« noch
besser diffamieren.
Die Welt von Morgen sind bereits heute? WIR!
Wer bleibt nicht ewig die lautstarke Meute? IHR!
Wer sagt sogar, daß Arbeit nur schändet,
so gelangweilt, so maßlos geblendet? IHR! IHR! IHR!
Der »Spiegel« erkennt ebenfalls das Potenzial des Themas und recherchiert für Mitte September eine mehrseitige Titelgeschichte
über »Gammler in Deutschland«. Das Magazin hat sich weit vorgewagt in die Szene – und fast sogar schmutzig gemacht. »Ernst
August Meves, 25, gelernter Bergknappe aus Lüneburg, dreht
sich in der Berliner ›Dicken Wirtin‹ gelangweilt um und erbricht
zwei Flaschen Helles über die Stuhllehne. Mit einem 40-PfennigKamm, den er am Nachmittag bei Woolworth mitgehen ließ, fährt
er schweigend durch seinen Bart. Das ist seine Arbeit.«
Der »Spiegel« präsentiert ein paar solcher »Typen«, bevor er
eine erste Gesamteinschätzung des Phänomens wagt. »So sehen
sie aus – Deutschlands Gammler. Langhaarig, trinkfest, schmuddelig, gleichgültig, lungern sie an den Ecken der Nation: am Ohr
oder um den Hals blechernes Geschmeide, um die Hüften zerfranste Jeans, an jedem Fuß eine andersfarbige Socke, eher aber
noch ohne Strümpfe und Schuhe. Ihre Gewänder beschriften sie
mit Protest-Gestammel oder Nonsens-Floskeln: ›Beethoven for
ever‹, ›Die Mauer muß weg‹, ›Gammler vermehrt euch‹. Sie waschen sich, wenn überhaupt, unterm Springbrunnen oder auf Warenhaus-Toiletten … Sie nächtigen in Parks, Streusandkisten, Autowracks und halbfertigen Neubauten. Sie sorgen sich nicht um
ihr Leben und erstreben keinen persönlichen Besitz (ein nacktfüßiger Berliner Gammler mit Bart und Abitur: ›Ich halte es wie
Kalle Marx, der hielt auch nichts von dieser Eigentumsscheiße‹).«
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Was »ihre unappetitliche Welt zwischen Straßenrand und Kellernische zusammenhält«, ist »der Müßiggang«.
So recht versteht der »Spiegel« die große Aufregung aber
nicht, da es sich deutschlandweit eben nur um ein paar hundert
Personen handele, die noch dazu, das habe Erhards sofortige
Anfrage bei den Innenministerien ergeben, kaum einmal mit
dem Gesetz in Konflikt geraten seien. So komme die Polizei zu
dem Schluss, »daß Gammeln für Jugendliche nicht gefährlicher
als das sogenannte bürgerliche Leben ist. Nur vereinzelt ist bei
Gammlern Rauschgift gefunden worden: Für solchen Stoff fehlt
ihnen das Geld. Gammler veranstalten auch keine Sex-Orgien:
Dazu mangelt es ihnen an Boudoirs.« Abgesehen von einem
»Mundraub oder einem groben Unfug unterlaufen ihnen selten
strafbare Delikte«. Und »Profi-Gauner« wollten von ihnen ohnehin nichts wissen. Einbruch sei ihnen zu anstrengend. Und
um »einen Schmierensteher abzugeben«, seien sie auch zu undiszipliniert.
So schließt diese süffisant-ironische, zwischen freundlicher Veralberung und Verständnis schwankende, also typische »Spiegel«Reportage mit einer schönen Sottise gegen den Bundeskanzler.
Erhard, der »Altfranke«, verstehe eben die Welt nicht mehr. »Ihm
ist unbegreiflich, daß seine formierte Gesellschaft jemandem
nicht behagt. Außerstande, offenkundige Probleme zu lösen«, sei
er nur allzu bereit, »Probleme dort zu sehen, wo keine sind«.
Dass von einem »Unwesen« keine Rede sein könne, meint auch
Jürgen von Manger, der sein Alter Ego Adolf Tegtmeier auf Exkursion in den Stadtpark schickt, um sich dort mit ein paar anderen Passanten »gleich drei Stück Unwesen« anzusehen. »Sehen
konnte man leider nichts von diese ganze Sachen, weil, wie ich
ankam, waren sie wohl grad mal nicht tätig, sondern saßen sie nur
so da und guckten die Leute zu, wie die sie anguckten, nicht? Also
wollen mal sagen: Gegenseitig waren sie am Begucken. Und ich
sag noch zu eine Dame, die neben mich stand: Ja, nun, das ist doch
gar nicht nach die Vorschriften! Ich sage: Wenn diese Gammler so
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ein anständiges Unwesen treiben, das hat doch nun auch keinen
Wert!« Aber nachdem drei Stunden vergangen sind und sich eine
riesige Menschenmenge angesammelt hat, die Gammler sich aber
immer noch nicht »bequemen, bisschen was mit ihrem Unwesen
da zum Treiben«, da schwant ihm Böses. »Siebzig, achtzig fleißige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft haben die Brüder
durch ihren Faulenzen von der Arbeit abgehalten!«
Aber weder Tegtmeiers noch der Moderationsversuch des
»Spiegels« fruchten. Obwohl Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber zuvor noch tapfer zu Protokoll gegeben hat, »Dreck
allein« sei »kein Straftatbestand«, greift seine Behörde jetzt, offenbar auf Druck des Innenministeriums, ziemlich hart durch.
»Deutschlands Gammler-Hochburg« wird gesäubert. Mehrere
hundert Nichtstuer greifen die Beamten in der Folge auf. Vorgeworfen wird ihnen »verbotswidriges Lagern« im Englischen Garten, Behinderung des Fußgängerverkehrs auf der Leopoldstraße
oder Gotteslästerung – Anlass ist ein Schild mit der garstigen Aufschrift »Christus war auch ein Gammler«.
In der Provinz das gleiche Bild. In Hannover bejubeln Passanten städtische Arbeiter, die mit Wasserschläuchen, Putzmitteln
und Besen die einschlägigen Versammlungsplätze der Stadt vom
Dreck befreien. Nicht nur im Westen kocht die Volksseele über.
Jenseits der Mauer geht es auch recht handgreiflich zu. Das »Neue
Deutschland« verlangt, den DDR-Gammlern »einen sauberen
Messerformschnitt« zu verpassen. Und die »Junge Welt« darf alsbald Vollzug melden. Beim VEB Omnibus- und LastkraftwagenReparaturwerk bekommt Lehrling Detlev von seinen Genossen
Kollegen einen Denkzettel verpasst. Sie frisieren dem »Leitgammler von Weißensee« mit Gewalt die Matte.
Freddy Quinn, die alte Stimmungskanone, hat genau ins
Schwarze getroffen. In die auch zwanzig Jahre nach Kriegsende
trotz Re-Education-Programm längst noch nicht eingeebneten
Abgründe deutscher Gesinnung. Wer kann eure sinnlose Faulheit
nicht fassen? WIR! WIR! WIR!
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Konkrete Musik aus Liverpool Schon im Vorjahr
hat das überaus beliebte Pubertantenorgan »Bravo« gleichsam als
flankierende Werbemaßnahme eine Tour mit den Rolling Stones
veranstaltet. Die läuft vor allem in der Waldbühne etwas aus dem
Ruder. Die von der kurzen, lustlos heruntergerockten Show erzürnten – oder vielleicht auch grundsätzlich schlecht gelaunten –
Fans reißen Sitzbänke ab, biegen Laternen um und machen Lagerfeuer aus »Bravo«-Heften. In den Linernotes des bald darauf
erscheinenden Albums »Bravo Rolling Stones« muss man folglich
etwas publizistische Kosmetik betreiben.
»Berichte erschienen in einigen Zeitungen, die den Eindruck
erweckten, Mick Jagger und die Rolling Stones hätten vieles mit
Attila und den Hunnen gemein«, heißt es da. »Bedauerlich, daß
nur ganz wenige Gelegenheit haben, Menschen wie die ROLLING STONES aus der Nähe kennenzulernen – sie würden ihre
Meinung gründlich revidieren. Denn hinter der eigenwilligen
Erscheinung entdeckt man allmählich fünf liebenswürdige, sensible, intelligente und außerordentlich hilfsbereite Jungen. Fünf
gute Freunde, die zusammengehören, wie die fünf Finger einer
Hand.« Und was ist denn schon groß passiert? »Die Jugend jubelt
ihnen zu, und manchmal gehen in der Begeisterung für sie ein
paar Stühle kaputt. Die Welt wird jedenfalls durch Idole wie die
ROLLING STONES nicht in Scherben fallen.«
Da die Stones »weitaus aggressiver als die Beatles« sind, fühlt
man sich in der Redaktion mit Letzteren offenbar auf der sicheren
Seite und wagt einen zweiten Versuch. Man engagiert sie vom 24.
bis 26. Juni für sechs Shows in drei Städten. Zwei an jedem Abend,
Früh- und Spätvorstellung, wie das so üblich ist. Aber auch hier
gibt es Rabatz in größerem Maßstab. An den ersten beiden Abenden im Münchner Circus Krone und in der Essener Grugahalle
geht es noch verhältnismäßig gesittet zu, aber in Hamburg herrscht
Ausnahmezustand. Während die Band in der Ernst-Merck-Halle
spielt, rottet sich in der Innenstadt auf Krawall gebürstetes Jungvolk zusammen und liefert sich eine veritable Straßenschlacht mit
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der Polizei. Die hat mit so etwas gerechnet und sogar ein eigenes
Filmteam losgeschickt, um den Einsatz zu dokumentieren. Der
Film kommt kurioserweise später sogar in den Handel. Man kann
hier sehr schön verfolgen, wie neben dem guten alten Gummiknüppel sogar Wasserwerfer zum Einsatz kommen. Ein voller
Erfolg, 117 Rowdys, Rocker und Radaubrüder werden verhaftet
und am nächsten Tag bereits, irgendwie passend zum Anlass, in
Blitzgerichtsverfahren abgeurteilt. Die Jugendstrafen sind hoch,
man will ein Exempel statuieren.
Die »Bravo-Beatles-Blitztournee« geht aber nicht zuletzt deshalb in die deutsche Popgeschichte ein, weil alle Anwesenden
schon vorher wissen, dass sie hier einem geschichtsträchtigen Ereignis beiwohnen dürfen – und folglich alles dafür tun, damit es
das auch wird. Die klassische Selffulfilling Prophecy. Nicht zuletzt
durch die enorme mediale Aufmerksamkeit, die man der Tour
hierzulande schenkt – ein bisschen rechnet man sich in Deutschland die Karriere der Beatles als Verdienst an, schließlich haben
sie sich nur ein paar Jahre vorher im Star-Club die Hornhaut auf
den Fingerkuppen geholt –, ist die Legende bereits fertig, bevor
der erste Ton gespielt ist. Und beim nachträglichen Schwärmen
ist sowieso jeder der Erste.
»Es war ein Urknall, eine Erschütterung, eine Explosion, ein
Erdbeben gar, eine persönliche Weltneuerschaffung. Kreischende
Mädchen, rockende Jungen – Menschen ohne Kontrolle! Gefühlsausbrüche der extremen Art, Ekstase bis zur Bewusstlosigkeit; Mädchen, die außer sich waren. Alles tanzte, schrie, manche
tobten, bis sie umfielen und weggetragen wurden«, erinnert sich
Tanja Krienen auf »Spiegel online« an die erste Show in der Grugahalle, »diese Atmosphäre – die Bässe, die Lautstärke, die Hitze,
der Geruch – das alles war neu, aufregend und völlig anders, als
sämtliche vorangegangenen Erfahrungen.«
Klaus Humann ist beim zweiten Hamburg-Konzert dabei und
weiß Ähnliches zu berichten – im Vorwort des von ihm herausgegebenen »Rowohlt Lesebuchs der Rockmusik«. »Die Halle,
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Vielzweckbeton, war wie verzuckert. Schreien, Kreischen, Beatlemania auf hamburgisch. Obschon ein braver, angepaßter Junge,
stand ich schon beim zweiten Song, wie die meisten, auf meinem
Klappstuhl, hatte längst meinen dunkelroten Wollpulli mehr ausgerissen als ausgezogen, schwenkte ihn wie ein Wahnsinniger
über meinem Kopf hin und her – wohin sonst mit der Energie? –
und war eine Mischung aus voll da und ganz weit weg. Bis zur
letzten Zugabe. Zucker wurde wieder zu Beton, und meine Mutter, die mit war, zerrte mich zum Parkplatz. Dabei war ich doch
gerade sechzehn geworden.«
Sogar der abgezockte Musikkritiker der »Zeit«, Heinz Josef
Herbort, ist von der historischen Relevanz überzeugt und nimmt
die Show heimlich auf, um den Mitschnitt später mal seiner »noch
nicht fünfjährigen Tochter« vorspielen zu können. Das ist auch
insofern bemerkenswert, als Herbort in seinem langen Artikel
»Unerhört und unhörbar – die Beatles« sich wirklich viel Mühe
gibt, vom hohen Ross des Ästheten auf das niedere Liverpooler
Fußvolk hinabzusehen. »Zum ersten Male bei einer musikalischen
Veranstaltung fragte ich mich, ob ich denn nicht zuviel riskierte,
wenn ich in einem ganz normalen Anzug, gar noch einem dunklen, dorthin ginge. Zum ersten Male hörte ich von dem, das zu
hören ich gekommen war, so gut wie nichts.« Er kann es gar nicht
fassen. »Da besitzen sie nun alle Platten dieser Pilzköpfe, kennen
jede der inzwischen rund hundert Nummern; sie standen lange
für eine Karte an, haben zwischen zehn und dreißig Mark dafür
auf den Tisch gelegt, machten zum Teil einen weiten Weg nach
München, Essen oder Hamburg – um dann schließlich so laut zu
pfeifen, zu schreien, zu kreischen, daß sie ihr eigenes Wort nicht
mehr, geschweige denn das hörten, was ihre Idole vorn auf dem
Podium von sich gaben. Aber es scheint dies zum wahren BeatEreignis hinzuzugehören: daß man ihm nicht zuhört, es sich nicht
veranstalten läßt, sondern daß man es originär mitbestimmt, es
mitformuliert. Die Aktion des Publikums ist Bestandteil eines
totalen Konzertes geworden.« Wollt ihr das totale Konzert?
100
Herbort ist ein Bildungsbürgersnob von Graden, der es eigentlich unter seiner Würde erachtet, zu so einer Proletenveranstaltung
gehen zu müssen, aber einer muss nun mal den Müll runtertragen. »Was da in Hamburg auf Platz 20 der Reihe 12 in Block B zu
vernehmen war, würde ich als eine (elfsätzige) ›Suite‹ in einer Art
von ›musique concrète‹ der Pariser Schule bezeichnen, und zwar
einer, wie die Theoretiker der Neuen Musik sagen, aleatorischen.«
So ganz ernst ist das natürlich nicht gemeint, denn so ganz ernst
zu nehmen ist diese Musik für ihn ja nicht. Aber er wetzt dennoch
die Messer und filetiert dann tapfer drauflos, um »die Komponenten des komplexen klanglichen Ereignisses zu isolieren«.
»Die originalen Gesangs- und Instrumentalstimmen« sind seiner Ansicht nach »der einzige komponierte und damit auch der
einzige auf herkömmliche Art kontrollierbare Anteil, allein sie
spielen im Gesamt-Lautstärke-Pegel kaum eine Rolle.« Mit anderen Worten, da sind Melodien, aber im allgemeinen Krach gehen
sie unter.
»Die Klänge der direkt an die Instrumente, die Gitarren also, gekoppelten Verstärker« werden »in den einzelnen Sätzen der halbstündigen Suite ad libitum der Interpreten dynamisch variiert.
In den hohen Lagen besetzen sie offensichtlich enge Frequenzfilter und lassen deswegen die für die Instrumenten-Klangfarbe
wichtigen Obertöne nicht durch. Andererseits jedoch verfügen
sie in den tiefen Lagen über jene durchschlagende Kraft, die dem
Klangganzen das solide Fundament und dadurch das Kriterium
einer ›guten Beatmusik‹ geben. Sie sind in der Magengegend zu
spüren.« Mit anderen Worten, Herbort hat offenbar noch nie eine
Stromgitarre gehört, kennt keine Riffs und will damit auch nichts
zu tun haben.
Elektrifizierung scheint ihm prinzipiell nicht ganz geheuer zu
sein. Den »Hauptanteil am Klangganzen« liefern für ihn nämlich die von der »Super-Lautsprecher-Anlage in Non-Hi-Fi abgestrahlten Klangverzerrungen«, auf die er aber »wegen der Gefahr
der Geschäftsschädigung« nicht weiter eingehen will.
101
So geht das weiter und weiter. Er beweist mit jedem Satz seiner vermutlich sogar irgendwie witzig gemeinten »Analyse der
Komponenten dieser konkreten Musik aus Liverpool«, so der
Untertitel, dass man einiges von Musik verstehen und trotzdem
komplett auf den Ohren sitzen kann. Herbort hat es schließlich
selbst eingesehen. Beatles, Stones und all die anderen überlässt
er von nun an popaffinen Schreibern wie Uwe Nettelbeck oder
später Helmut Salzinger.
Man muss das hören Herborts »Analyse« ist symptomatisch für die Distanz, Sprachlosigkeit und das mitunter
auch völlige Unverständnis des bildungsbürgerlichen Feuilletons gegenüber Pop. Es braucht eine Musikzeitschrift, die angemessen affiziert und passioniert ist und den Spaß im Gegensatz
zur infantilistisch-boulevardesken »Bravo« auch intellektuell
ernst nimmt.
Rainer Blome füllt jetzt die Lücke mit seinem zunächst hektografierten Fanzine »Sounds«. Noch ist es erklärtermaßen eine
»Zeitschrift für neuen Jazz«, die sich um die aktuellen Alben des
Ornette Coleman Trios, von Albert Ayler, Sonny Rollins, John
Coltrane etc. kümmert. Erst drei Jahre später ändert Blome den
Untertitel in »Magazin zur Popmusik«, aber schon in Heft drei
vom Sommer 1967 kündigt sich ein programmatischer Richtungswechsel an. »Freak Out!« von Frank Zappas Mothers of
Invention nimmt Blome zum Anlass, grundsätzlich zu werden.
»In aller Stille hat sich eine musikalische Revolution vollzogen,
die von den meisten Jazzfreunden gar nicht bemerkt wurde: In
den letzten zwei Jahren hat sich eine Rockmusik entwickelt, die
heutige Gefühle repräsentiert. Eric Burdon & The Animals, die
Beatles, die Rolling Stones, Jimi Hendrix, The Byrds, Jefferson
Airplane, Pink Floyd, The Fugs, Blues Project, Love, Big Brother
and the Holding Company, The Grateful Dead, Bill Butterfield
Blues Band, Bob Dylan, The Quicksilver Messengers und The
102
Mothers of Invention – sie alle machen eine Musik, die auf dem
Blues basierend den Anspruch auf Kunstmusik erhebt.«
Das Tertium Comparationis zum Jazz ist also – Kunstanspruch.
Hier wird bereits indirekt das fatale Schisma eingeführt, das die
Zeitschrift fast das gesamte nächste Jahrzehnt noch beschäftigen
wird und das sich bald im Gegensatzpaar »kommerziell« versus
»progressiv« manifestiert. Klar, dass nur Letzteres in »Sounds«Kreisen satisfaktionsfähig ist.
Der Umstand, dass Blome sich bei seiner Aufzählung zweimal
verhaut, es gibt die Paul Butterfield Blues Band und Quicksilver
Messenger Service, mag ein Indiz dafür sein, dass er Neuland betritt. Dafür spricht auch, dass er tatsächlich zu glauben scheint,
diese Revolution habe sich »in aller Stille« vollzogen. Aber er gelobt Besserung. »Diese Musik sollte gehört werden. Wer sich als
engstirniger Jazzfan immer noch über Rock und Beat mokiert,
macht sich einfach der Uninformiertheit schuldig. SOUNDS wird
diese Musik weiterhin beachten.«
Das bisschen Kritik in diesem verkappten Programmtext ist
eher eine Ohnmachtserklärung, ein Eingeständnis, diese Musik
(noch) nicht beschreiben zu können. »Man muß das hören.« Das
kennt man. Auch der Kritiker der »Los Angeles Times«, Pete
Johnson, streckt die Waffen, als er »Freak Out!« besprechen soll.
»Falls jemand dieses Album besitzt – vielleicht kann er mir verraten, was, zum Teufel, das Ganze überhaupt bedeuten soll.«
Noch hat sich die deutsche Rockkritik nicht sehr weit entfernt
von den Mainstream-Feuilletons. Kein Wunder, schließlich ist das
ihre Geburtsstunde. Sie muss erst ihre eigene Sprache finden.
Donnerstag, 30. Juni Ulbricht verkriecht sich hinter
seiner Mauer / Gern hätten wir uns diesmal geirrt. Im / Interesse unserer eingeschlossenen / Landsleute, für die ein offenes,
ehrliches / Gespräch so viel bedeutet. / 18jährige vom eisernen
Theater-Vorhang getötet / Schnaps teurer / Keller-Geister / gut
103
gekühlt löscht er wunderbar den Durst / Richter: Drafi ist kein
Sittenstrolch / USA bombardieren Hanoi / Kommt es jetzt zum
Krieg China – Amerika? / England: Wir distanzieren uns von
diesen Angriffen / Rußland: Die Amerikaner sind hilflose Luftpiraten / Amerika: Unsere Bomben sollen Frieden erzwingen! /
Millionen Männer vertrauen auf Okasa / BB und Gunther machen Urlaub in Bayern / Weiter Seite 2
No-1-Hits Juli
Deutschland
The Beach Boys: Sloop John B (15.6.–14.7.)
The Beatles: Paperback Writer (15.7.–31.7.)
England
The Kinks: Sunny Afternoon (24.6.–7.7.)
Georgie Fame and the Blue Flames: Getaway (8.7.–21.7.)
Chris Farlowe: Out Of Time (22.7.–28.7.)
The Troggs: With A Girl Like You (29.7.–4.8.)
USA
The Beatles: Paperback Writer (25.6.–1.7.)
Frank Sinatra: Strangers In The Night (2.7.–8.7.)
The Beatles: Paperback Writer (9.7.–15.7.)
Tommy James & The Shondells: Hanky Panky (16.7.–29.7.)
The Troggs: Wild Thing (30.7.–12.8.)
Rauchzeichen
Seine Vorlesungen pflegt Marshall
McLuhan mit Wortspielen und Witzen einzuleiten, einerseits
wohl um seine Studenten aufzuwecken, andererseits, um sie aus
der Reserve zu locken, zu verstören, sie vorzubereiten auf das, was
dann kommt – seine »Explorations«, frei extemporierte Gedankenexperimente, die den Zweck haben, Ideen auszuprobieren, um
auf neue Ideen zu kommen. Einer dieser Witze geht so: »Zwei
Navajo-Indianer unterhalten sich mit Rauchzeichen quer über ein
Tal in Arizona. Mitten in ihrem Plausch startet die Atomenergiekommission einen Atomversuch, und als der dicke Atompilz sich
verzogen hat, schickt der eine Indianer dem anderen ein Rauchzeichen: ›Junge, Junge, ich wünschte, ich hätte das gesagt.‹«
Anschließend illuminiert er mit einem rhetorischen und intellektuellen Feuerwerk, dessen Leuchtkraft ihm längst die Gunst
104
105
der Studenten und den Neid der Kollegen eingetragen hat, den
philosophischen Kern des Witzes. Das Medium ist die Botschaft!
Neue Technologien, vor allem auf dem Feld der Massenkommunikation, bewirken unabhängig von ihren Inhalten eine Veränderung der Wahrnehmung und des Denkens, sie evozieren neue
Wirklichkeiten. »Wir formen unser Werkzeug, und danach formt
unser Werkzeug uns.«
Vermutlich lässt McLuhans mitreißende, zwischen Genialität
und höherem Blödsinn changierende Performance das Missverständnis entstehen, er sei ein flammender Befürworter des kulturellen Fortschritts, am Ende sogar ein Liberaler und Sympathisant
der Hippies. Das Gegenteil ist der Fall. Während seines zweiten
Studiums in Cambridge und seiner eingehenden Beschäftigung
mit Gilbert K. Chesterton konvertiert er zum Katholizismus. Er
ist ein Frömmler, ein elitärer, misogyner Erzreaktionär, der das
Fernsehen, Boulevardmagazine, die allgegenwärtige Werbung,
die ganze Massenkultur grundsätzlich verabscheut und ihr doch
eine gewisse Faszination zugestehen muss, nicht zuletzt auch, weil
ihm als Kind der Weltwirtschaftskrise ihr enormes monetäres
Potenzial ins Auge sticht.
Er hasst den elektronischen, medialen Fortschritt, aber er will
ihn verstehen, um nicht im »Mahlstrom« unterzugehen. »Um
Ordnung in diesen aufgewirbelten Kosmos zu bringen, muss der
Mensch dessen Zentrum finden.« In seinem Buch »The Gutenberg
Galaxy« von 1962 formuliert er erstmals so etwas wie eine Kulturtheorie. Am Anfang steht die geschlossene Stammesgesellschaft,
eine orale, emotional hochtemperierte Kultur in räumlicher Einheit. Mit dem Alphabet und der Verschriftlichung verliert die
Sprache ihre ursprüngliche Emotionalität, sie wird vereinheitlicht,
zu einem abstrakten Zeichensystem. Durch die völlige Alphabetisierung des Kollektivs infolge des Buchdrucks transformiert sich
der Stammesmensch zum emotional reduzierten, vereinzelten,
in linearen Kategorien denkenden »Gutenberg-Menschen«. Die
elektronischen Medien haben nun einen weiteren (kultur-)evolu106
tionären Siebenmeilenschritt zur Folge. Als Verlängerungen des
Nervensystems ermöglichen die neuen Kommunikationstechnologien, vor allem der Fernseher, die Rückführung des modernen
Menschen in die ursprüngliche Stammesgesellschaft, ins »globale
Dorf«. Diese Pointe macht seine Theorie so anschlussfähig für die
Hippies. Mithilfe der Elektronik eine Reise um die Welt herum
machen zu können, um dann durch den Hintereingang wieder ins
Paradies zu gelangen – das muss ihnen gefallen.
Und McLuhans schillernder, sentenziöser, enigmatischer Stil
hat sicherlich nicht wenig zum Erfolg seiner Bücher beigetragen.
Heilsbotschaften lassen sich immer besser verkaufen mit ein bisschen Kabbalismus. McLuhan weiß das sehr wohl. »The Medium
is the Massage«, wird McLuhans nächstes Buch heißen, um den
irgendwann zum Klischee geronnenen Satz zu ironisieren. Der
Massagecharakter des Werkes ist eine der Ursachen seines Erfolgs. Er selbst will seine Bücher ohnehin als literarische Artefakte
verstanden wissen, die den Leser eben auch noch an ihren völlig
unergründlichen Stellen affizieren sollen – oder vielleicht gerade
hier. Nicht umsonst ist Joyces »Finnegans Wake« der Maßstab seiner Arbeit.
1965 hat ihn Starreporter Tom Wolfe ausführlich porträtiert
und ihn als »Eingeweidebeschauer« der elektronischen Umwelt
und möglicherweise »wichtigsten Denker seit Newton, Darwin,
Freud, Einstein und Pawlow« der Öffentlichkeit schmackhaft
gemacht. Jetzt, ein Jahr später, ist er endgültig als einer der intellektuellen Gurus der Jüngeren inthronisiert. Das beweist der
berühmte Cartoon von Alan Dunn im »New Yorker« vom Juli
des Jahres – wenn man erst Gegenstand von Witzen ist, hat man
es geschafft.
Die Zeichnung zeigt eine vollgestellte Gelehrtenbibliothek. Im
Lesesessel sitzt mit aufgeschlagenem Buch der Hausherr. Sein
Blick ist betrübt, weil er ganz offensichtlich nicht kapiert, was ihm
sein aufgeregter Filius auf dem Hocker vor ihm, die E-Gitarre in
Griffweite, zu erläutern versucht. »Verstehst du, Vater, Professor
107
McLuhan sagt, dass die vom Menschen geschaffene Umwelt zu
seinem Medium wird, mit dem er seine Rolle bestimmt. Die Erfindung der Lettern führte zu linearem oder sequentiellem Denken und trennte das Denken vom Handeln. Heute rücken durch
Fernsehen und Folkmusik Denken und Handeln wieder enger
zusammen, und das soziale Engagement nimmt zu. Wir leben
wieder in einem Dorf, verstehst du?«
Dass dieses »globale Dorf« nicht unbedingt so paradiesisch
ist, wie es zunächst scheint, hat McLuhan früh prognostiziert. Er
kann sich erstaunlich gut einfühlen in eine virtualisierte Welt,
die es dann erst viele Jahrzehnte später geben wird. »Statt sich
auf eine riesige alexandrinische Bibliothek hinzubewegen, ist die
Welt ein Computer geworden, ein elektronisches Gehirn … Und
so wie unsere Sinne sich nach außen begeben haben, so dringt
der Große Bruder in uns ein. Folglich werden wir, wenn wir uns
dieser Dynamik nicht bewusst sind, schlagartig in eine Phase panischen Schreckens hineingeraten, was genau zu unserer kleinen,
von Stammestrommeln widerhallenden Welt, zu unserer völligen
Interdependenz und aufgezwungenen Koexistenz passt.« Unser
Problem ist, wir sind schlicht nicht »vorbereitet worden, die Konsequenzen eines Stammes zu akzeptieren«.
Denn wenn die Welt ein Dorf ist, geht uns alles, was dort passiert, gleichermaßen etwas an. Und dabei will man doch eigentlich
seine Ruhe haben und von den Problemen der anderen möglichst
nicht behelligt werden. Jedenfalls nicht von allen und nicht jederzeit. Früher hat man bei Einbruch der Dämmerung die Rollläden
runtergelassen und die Nachbarschaft ausgesperrt. Aber nicht
einmal mehr das funktioniert noch. Die Nachbarn sind immer
anwesend. Kein Zuckerschlecken, dieses »Wir leben wieder in
einem Dorf, verstehst du?«.
Die Counterculture will von McLuhans Kassandrarufen allerdings nichts wissen, sie interessiert sich noch nicht für das kommende Unbehagen im Informationszeitalter, sondern vorerst nur
für die unmittelbar einleuchtenden positiven Folgen der media108
len Evolution. Etwa dass ein viele tausend Kilometer entfernter
Stellvertreterkrieg die Empathie der Pazifisten auf der ganzen
Welt erregen und sie überall auf die Straßen treiben kann. Das
soziale Engagement nimmt zu. Tatsächlich.
Freitag, 15. Juli Bei Spatzenjagd selbst erschossen /
Frankreichs Sex-Idol, Filmstar Brigitte Bardot (31), / und Deutschlands Playboy Nr. 1, Gunther Sachs (33), / haben gestern geheiratet / Im Film heißt sie weiter die Bardot / Sonntags immer /
Nescafé Gold / Laßt Deutsche zu Deutschen! / Dem Frieden dient
nicht, wer an Mauer / und Stacheldraht schießen läßt / Argentinien können wir kaum schlagen / Nur wenn unsere Elf 90 Minuten
lang brennt / 60. Starfighter abgestürzt / Heute bleibt die Küche
kalt / da geh’n wir in den Wienerwald / Massenmörder tötete 8
Mädchen / Nur eine entkam dem Hünen / Nach der Mordnacht
konnte die überlebende / Schülerin die Polizei alarmieren. Dann
bekam / sie Schreikrämpfe und brach zusammen. / Weiter Seite 2
Im Kino fasst die »UFA Wochenschau« für alle, die immer
noch kein Fernsehgerät ihr Eigen nennen, die Neuigkeiten der
letzten Tage zusammen. Nämlich so: »Gunther Sachs hat Brigit
Bardot heim ins Reich geführt. In Las Vegas nahmen sich die beiden Königskinder noch nicht einmal die Zeit, sich für die Trauung umzuziehen. Frankreichs Sexbombe erhält innerhalb von
Minuten einen deutschen Sachs-Antrieb.«
Das dritte Tor Schon seit drei Jahren ist Helmut Schön
offiziell der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft,
und noch immer sitzt er nicht fest im Sattel. Bern-Wundercoach
Sepp Herberger gehört weiterhin als Berater und Intrigant zur Entourage des Nationalteams. Er mäkelt am neuen, liberalen Füh109
rungsstil Schöns herum, der seinen Spielern, mittlerweile alles
Profis, eine gewisse Mitbestimmung einräumt, beschimpft ihn
hinter vorgehaltener Hand als »faulen Hund« – und überhaupt
hält er ihn für zu weich. Das sensible Bildungsbürgersöhnchen,
das seinen Spielern nach dem Training auch schon mal einen Theaterbesuch verordnet, hat einen nervösen Magen und muss sich
öfter mal mit einer warmen Milch ins Bett legen, wenn die Querelen hinter den Kulissen ihm die Stimmung verhageln.
Vielen erscheint Herbergers Genörgel nicht unberechtigt.
Schon die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in England
im Jahr zuvor ist eine denkbar knappe Angelegenheit. Ein Sieg
im letzten Spiel gegen die Schweden muss her, aber die internationale Fachpresse rechnet den Deutschen wenig Chancen
aus. Die Mannschaft ist im Umbruch, mit Wolfgang Overath,
Horst-Dieter Höttges, Wolfgang Weber und nicht zuletzt Franz
Beckenbauer hat Schön einige junge Spieler in den Kader geholt.
Da meldet sich der nach einem Achillessehnenriss eigentlich
schon abgeschriebene »Uns Uwe« Seeler wieder zum Training
des HSV. »Uwe, ich brauche Sie«, soll Schön dem alten Recken
gesagt haben, und Seeler lässt sich nicht lange bitten, läuft im
Stockholmer Råsunda-Stadion auf. In einem an der Ferse zu
schnürenden Spezialschuh, wie die Legende besagt, schießt er
das 2:1, das die Deutschen mit Mühe über die Zeit bringen – und
das ihnen doch noch die WM-Teilnahme sichert. Die englische
Presse warnt die Heimmannschaft danach vor den »neuen Teutonen«. An diesem Abend braucht Schön keine warme Milch.
Im Gegenteil. »Komm Uwe«, soll er seinen Altstar aufgefordert
haben, »heute trinken wir mal ne Cola-Whiskey, das haben wir
uns verdient.«
Noch bevor die achte Fußballweltmeisterschaft am 11. Juli 1966
beginnen kann, blamiert sich aber erst einmal der Gastgeber bis
auf die Knochen. Der WM-Pokal ist weg. Er wird im März aus
der Central Hall in Westminster entwendet, wo er die Ausstellung
»Sport und Briefmarken« aufwerten soll. Der Täter meldet sich
110
alsbald und bekundet, gegen 15 000 Pfund Lösegeld von einem
Einschmelzen der Trophäe absehen zu wollen. Edward Betchley
heißt der Spielverderber, Scotland Yard hat ihn schon nach einer
Woche dingfest gemacht, aber wo er den Cup versteckt hält, will
er nicht verraten. Abrain Teble, Chef des brasilianischen Fußballverbandes, kübelt Häme über die Briten aus. Beim Weltmeister sei
er acht Jahre lang sicher gewesen, kaum gebe man ihn nach England, sei er auch schon weg. »Das wäre in Brasilien nie passiert«,
erzählt er der »Times«. Selbst Diebe liebten in seinem Land den
Fußball. »Sie würden niemals solch ein Sakrileg begehen.« Aber
dann schlägt die große Stunde von Pickles, einer schwarz-weiß
gemusterten Promenadenmischung aus Süd-London. Der Besitzer, der Themse-Fährmann David Corbett, geht eines Abends mit
ihm Gassi, und Pickles entdeckt »ein eng in Zeitungspapier eingeschlagenes Paket unter einem Busch«. »Als ich es auspackte«,
berichtet Corbett der erleichterten englischen Fußball-Öffentlichkeit, »sah ich eine Statue und dann eingraviert die Namen:
Deutschland, Uruguay, Brasilien. Ich wusste sofort, was los war.«
England hat einen neuen Helden.
Jetzt können die Spiele beginnen. Für die deutsche Nationalmannschaft verlaufen die Vorbereitungen in den Midlands überaus harmonisch. Der Teamspirit stimmt. Beckenbauer teilt sich
mit Helmut Haller ein Zimmer, und die Komplizenschaft der
beiden wird sich später auf dem Platz fortsetzen. Die gerade eingeführten Dopingkontrollen ergeben keinen Befund. Vor allem
aber nehmen ihre Gastgeber die Mannschaft warmherzig auf, obwohl immer wieder lustige Dinge über die Krauts in der Zeitung
stehen – wie der Umstand, dass sie sich vornehmlich von Käse
ernährten, der stinke wie Hitlers Unterhose.
Österreich hat sich nicht qualifiziert, die Schweiz schon. Und
gegen sie bestreitet Deutschland am 12. Juli in der Stahlstadt Sheffield das erste Spiel der Vorrunde. Mit einem 5:0 schießt sich die
deutsche Elf im ausverkauften Hillsborough Park in die Titelaspiranten-Rolle hinein. Ein Solo von Siggi Held leitet nach einer
111
Viertelstunde den Reigen ein. Held dribbelt sich über links in
den Sechzehner, lässt drei Mann stehen, passt kurz zu Seeler, der
schließt aus kurzer Distanz ab, aber der Schweizer Schlussmann
Elsener bekommt noch eine Hand an den Ball, im Nachschuss
macht Held ihn dann rein. In der Folge zieht das Mittelfeld-Duo
Haller / Beckenbauer ein brillantes Kombinationsspiel auf. Jeder
schießt zwei Tore. Aber vor allem der junge Beckenbauer verzückt die englische Sportpresse mit seinen beiden Treffern, die
eine hinreißende Kombination aus Technik, Eleganz und Agilität
offenbaren. »Zeigt mir einen besseren Mittelfeldspieler als Franz
Beckenbauer, und ihr habt einen idealen Fußballer. Der Schrecken verbreitende Franz nahm im Mittelfeld die Parade ab, wie
ein General vor seiner Truppe«, trompetet der »Daily Mirror«.
Aber auch Held bekommt gute Noten. »Wer behauptet, das Spiel
über die Flügel sei tot? Ein blonder Flieger namens Siegfried Held
ließ es wieder auferstehen!«
England hat den Zweiten Weltkrieg nicht vergessen und der
Fußballjournalismus atmet immer noch den feurigen Geist der
Frontberichterstattung. »Deutschland brauchte gerade eine Viertelstunde, um das Gefühl für den Platz zu bekommen«, kann man
im »Daily Express« lesen. »Dann begann ein systematisches Abschlachten der Schweizer.«
Das nächste Gruppenspiel gegen Argentinien bringt schon
die Ernüchterung. Über ein torloses Unentschieden kommt die
deutsche Mannschaft nicht hinaus, weil sich Beckenbauer ausschließlich auf Defensivaufgaben konzentrieren soll und so der
Mittelfeldmotor alles andere als rund läuft, Held auf links sich
ständig in der Verteidigung festdribbelt, vor allem aber, weil ihnen
die Argentinier mit ihrem sehr robusten Einsteigen den Schneid
abkaufen. In der 65. Minute nimmt der auch vorher schon verhaltensauffällig gewordene José Albrecht Weber mit Volldampf
auf die Hörner. Nach dem obligatorischen Platzverweis muss der
Unparteiische das Spiel minutenlang unterbrechen, weil argentinische Offizielle aufs Feld laufen und lautstark ihre Verärgerung
112
kundtun. Die Deutschen haben die besseren Chancen, aber die
defensive Strategie beider Mannschaften sorgt für ein ziemlich
unansehnliches Spiel und laute Unmutsbekundungen des Publikums nach dem Abpfiff.
»So ein Fußball darf doch nicht sein«, klagt Beckenbauer später über die vermeintliche Treterei der Gegner. Der argentinische
Trainer Juan Carlos Lorenzo beschimpft ihn und seine Mitspieler
im Gegenzug als »Schauspieltruppe«. Ein Attribut, das die Mannschaft nun durch die WM begleitet.
Aber auch mit ihrer eigenen Mannschaft sind die Briten keineswegs glücklich. Das Unentschieden gegen Uruguay zum WMAuftakt und auch das 2:0 gegen den krassen Außenseiter Mexiko
sehen wenig souverän aus. Wegen ihrer ungelenken Dampfspielweise sind sie längst als »Ramseys Roboter« verschrien. Trainer
Alf Ramsey ist denn auch tatsächlich ein Schleifer alten Geblüts.
»Hast du Spaß, Allan?«, fragt er Leeds-United-Stürmer Allan
Clarke, weil er sich zu lachen erlaubt hat. »Ja, danke, Trainer.«
Ramsey blafft ihn an. »Es gibt keinen Spaß, wenn du mit mir unterwegs bist, vergiss das nie, Allan!« Der Erwartungsdruck der
Öffentlichkeit lastet auf ihnen allen.
Auch die Deutschen haben Sorgen. Sie müssen gewinnen,
um als Sieger aus der Vorrundengruppe hervorzugehen, sonst
treten sie bereits im Viertelfinale gegen den Gastgeber England
an. Außerdem hängt der Haussegen schief. Der Leib-und-SeeleHamburger Seeler ist verärgert über den Italien-Legionär Haller.
Lauffaul sei er. Außerdem schaltet sich das Mittelfeld lieber selber
vorne ein und schießt die Tore, anstatt ihn adäquat mit Bällen zu
füttern. »Abnutzungserscheinungen« meint auch Bundestrainer
Schön im Argentinien-Spiel festgestellt zu haben und lässt Haller
kurzerhand auf der Bank. Trotzdem läuft alles verhältnismäßig
glatt. Die Spanier gehen zwar in Führung, aber dann kommt die
Weltsekunde von Nationalmannschaftsneuling Lothar Emmerich. Mit seiner »linken Klebe« hämmert er den Ball fast von der
Torauslinie humorlos ins rechte Dreieck – »aus unmöglichem
113
Winkel«, wie die Presse daraufhin dichten und damit wieder eine
schöne neue Fußballerphrase in die Welt setzen wird. Alles in
allem zeigt sich Spanien als technisch großartiger, in allen Belangen gleichwertiger Gegner, aber während der deutschen Schlussoffensive macht Seeler mit etwas Glück ein Abstaubertor. Haller
darf jetzt wieder mitspielen.
Im Viertelfinale geht es gegen Uruguay, noch so eine übel
beleumundete Mannschaft. Gleichzeitig spielt England gegen
Argentinien. Einmal mehr legen die Südamerikaner eine gewisse physische Ausgelassenheit an den Tag. »Tiere«, schimpft
Coach Ramsey danach und verbietet seinen Spielern den Trikottausch. England kann froh sein über den wenig schmeichelhaften 1:0-Sieg. Deutschland gewinnt ebenfalls – 4:0. Und auch der
sonst so schöngeistige Bundestrainer macht aus seinem Herzen
keine Mördergrube und spart nicht mit übelstem Ressentiment.
»So sind Südamerikaner eben: Begegnet man ihnen mit korrekter Härte, greifen sie zu Mitteln, die nichts mehr mit Fußball zu
tun haben.« Solche Sprüche bilden den Nährboden für die Verschwörungstheorie, es habe zwischen Deutschland und England
geheimdienstliche Absprachen gegeben, die südamerikanische
Mannschaft aus dem Turnier zu pfeifen.
Uruguay hat zunächst durchaus die besseren Chancen, aber
Helds abgefälschter Schuss bringt die Deutschen in der 11. Minute
unverdient in Führung. Die »Urus« drücken, Tilkowski muss sich
mehrfach lang machen, aber irgendwann gehen ihnen die Nerven
durch. Der Schiri stellt zwei vom Platz, und jetzt machen Beckenbauer, Seeler und Haller alles klar. Herberger scheint langsam zu
ahnen, dass die deutsche Mannschaft mit so viel Dusel tatsächlich ins Finale kommen kann, und lästert neidvergilbt. »Übrigens
bleibt mein Weltmeisterschaftstipp Portugal.« Aber die scheiden
im nächsten Spiel gegen die »Glory Boys« aus England aus, die
sich doch noch in die Herzen des Publikums gespielt haben. Die
Mitfavoriten Italien und Brasilien sind schon nach der Vorrunde
nach Hause gefahren.
114
Das Halbfinale bestreitet Deutschland gegen die Sowjetunion –
und gewinnt halbwegs souverän 2:1. Der Anschlusstreffer der Sowjets fällt erst kurz vor dem Schlusspfiff. Deutschland ist drückend
überlegen, und nur Lew Jaschin, der beste Torwart der Welt, mit
Händen wie Bratpfannen, sorgt dafür, dass es immerhin 43 Minuten dauert, bis Haller zum 1:0 einschießt. Aber auch in diesem
Spiel gibt es einen Platzverweis wegen Nachtretens. Einmal mehr
gehen die Deutschen gegen eine dezimierte Mannschaft als Sieger vom Platz, und langsam beginnt das die internationale Presse
zu ärgern. »Die Deutschen spielten nach vielen Zweikämpfen
›Sterbender Schwan‹«, lässt sich der österreichische Sportreporter Heribert Meisel vernehmen. »Manche von Uwes Sterbeszenen
hatten den Oscar verdient.« Im Gegenzug soll ausgerechnet der
Edeltechniker Beckenbauer ziemlich hingelangt und bei einer
Aktion den Ukrainer Szabo so lädiert haben, dass der nur mehr
als Statist weiterspielen kann. Auswechseln darf man erst wieder
bei der nächsten WM. »Wir können uns über Fortuna nicht beklagen«, meint Helmut Schön danach sibyllinisch.
England und Deutschland sind im Finale. Der 30. Juli ist ein
Samstag. Englisches Wetter. Wolkenbrüche gehen nieder, der
letzte kurz vor dem Spiel. Blitze zerreißen den Himmel. Fast
100 000 Zuschauer haben sich im Wembley-Stadion eingefunden,
immerhin 12 000 deutsche. Volle Hütte.
Das Spiel geht munter los, beide Mannschaften suchen das Tor,
wobei England sich gleich zwei hochkarätige Chancen erarbeitet,
bei denen sich Tilkowski auszeichnen kann. Dann passt Held hoch
in den Strafraum der Engländer. »Sehr schön«, kommentiert Rudi
Michel für die »Zuschauer an den heimischen Bildschirmen«. Er
ahnt offenbar was und behält recht. Verteidiger Ray Wilson wehrt
zu kurz ab, köpft den Ball Haller fast direkt vor die Füße, der legt
ihn sich zurecht und zieht aus der Drehung ab ins linke untere
Eck. Gordon Banks streckt sich vergeblich. »Goal!«, ruft Michel
um landeskundliche Akkuratesse bemüht, und muss durchatmen.
Erst nach langen Sekunden kann er weiterreden. »Herrschaften
115
noch mal … 12. Minute … Haller, mehr brauche ich ja nicht zu
sagen.« Die deutschen »Schlachtenbummler« grölen sich derweil
eins. »RI RA RO, ENGLAND IST K. O.«
Aber da täuschen sie sich. Nur fünf Minuten später foult Overath Bobby Moore im Mittelfeld. »Eine Regelwidrigkeit, aber kein
großes Vergehen. Die Entscheidung ist aber richtig«, beruhigt
Michel. Dann geht alles sehr schnell, Moore führt den Freistoß
aus, hoch in den Strafraum. Da steht mutterseelenallein Geoffrey
Hurst – »Achtung!« – und köpft ein. »Hei«, greint Michel und
muss erst mal nachschlagen. »Hunt hat den … oder … Hurst hat
den Ausgleich erzielt für die Engländer, die Nummer zehn.«
Weiterhin offener Schlagabtausch. Zwei Kopfbälle von Seeler kann Banks entschärfen, auf der anderen Seite hat Tilkowski
Mühe mit einem Kopfball von Hurst, den sein Bewacher Höttges
einfach nicht in den Griff bekommt. Kurz vor der Pause Glück
für die Engländer, als Overath nach einer Ecke draufhält. Banks
pariert, kann den Ball nicht festhalten, aber den Nachschuss von
Emmerich hat er dann sicher. Kurze Zeit später aus 25 Metern
ein Gewaltschuss von Seeler, den Banks grandios aus dem rechten
Winkel fischt.
In der zweiten Halbzeit dann ein Spiel fast auf ein Tor – das
deutsche. Die Engländer rennen an gegen die »Hunnen«, und in
der 78. Minute ist es dann so weit. Hurst kommt nach einer Ecke
von rechts an den Ball, passt vors Tor, da ist Höttges, aber sein
Abwehrversuch misslingt kläglich, er schlägt eine Kerze, die Martin Peters direkt verwandelt. Michels leidet. Es ist ein fast schon
alalisches Wehklagen. »Oaarsagma«, stöhnt er. »Ooooaaaaar.« Er
ist tief enttäuscht, findet aber bald seine Beherrschung wieder.
»Zwei zu eins für England durch Peters, die Nummer 16 … da
ist er. Schade, schade um den Fehlschlag von Höttges. Aber wem
unterläuft in einem solchen Spiel kein Fehler?«
Jetzt kommen die Deutschen doch tatsächlich noch mal zurück. Seeler und Haller sind platt, aber Siggi Held und der heute
grandios aufspielende Wolfgang Overath stemmen sich gegen die
116
drohende Niederlage, unterstützt von Beckenbauer, der bis dahin
durch die Bewachung von Bobby Charlton zu sehr vereinnahmt
worden ist, um viel für die Offensive tun zu können. Und sie bekommen ihre Chance. Jackie Charlton drückt Held zu Boden,
etwa 30 Meter vor dem Tor. »Aufgestützt. Foul, jawoll!« Michel
sieht die Reklamationen der Spieler und hört den Protest des Publikums. »Ja, natürlich!«, ruft er sie wütend zur Räson. »Ich sag’s
ja immer, die Engländer haben das Fairplay erfunden, aber nicht
alle Spieler wissen es.« Die englische Mannschaft spielt auf Zeit,
trödelt bei der Aufstellung der Mauer. Auch das missfällt ihm entschieden. »So verrinnen Minuten und Sekunden.« Dann endlich
der Freistoß von Emmerich. Er bleibt in der Abwehr hängen, Held
zieht ein weiteres Mal ab, trifft Schnellinger im Rücken, der Ball
prallt glücklich Wolfgang Weber vor die Füße, der ihn aus kurzer
Distanz hineinwuchtet. »Goal!«, schreit Michel. »Goal!« Wieder
diese lange Pause. Michels Spezialität heute. Vielleicht hat er in
der Zwischenzeit seine Frau angerufen und gesagt, dass er jetzt
doch noch etwas länger braucht. Oder er hat das Mikro kurz ausgeschaltet, um sein Glück hinauszuschreien. Nach langen Sekunden besinnt er sich doch wieder seiner Aufgabe. »Wenn Sie mich
hören in Ihrem Jubel, dann kann ich Ihnen jetzt sagen« – jetzt,
vorher konnte er es wohl tatsächlich nicht –, »es war der Kölner
Weber, und es gibt keinen Zweifel für mich an dem Verdienst dieses Ausgleiches.«
England muss doch noch in die Verlängerung. »Ihr habt sie
schon einmal besiegt. Jetzt besiegt ihr sie eben ein weiteres Mal«,
macht Ramsey seine Boys heiß. »Schaut sie euch an, sie sind
fertig!« Und recht hat er. Die Deutschen gehen auf dem Zahnfleisch, während die Roboter jetzt noch einmal richtig aufdrehen.
Sie haben gute Chancen im Minutentakt. In der 101. passiert es.
Alan Ball sprintet wieder einmal über rechts, flankt in die Mitte
zu Hurst – »Achtung … Achtung!« –, der nimmt ihn an, schießt
aus der Drehung an die Latte, von wo er schnurgerade nach unten
springt. »Heiiii. Nicht im Tor! Kein Tor! Oder doch? Jetzt, was
117
entscheidet der Linienrichter! Tor. Bachramow aus der UdSSR
sagt, dass der Ball nicht aus dem Tor von der Unterkante zurückgesprungen ist, sondern dass er hinten im Netz war.« Na ja, der
Zuschauer weiß, was Michel meint. »Torschütze Hurst. Drei zu
zwei für England durch Hurst. Schiedsrichter Dienst hatte den
Treffer zunächst nicht anerkannt. Das wird nun wieder Diskussionen geben.« Und die hat es gegeben. »Wir haben 2:2 verloren«,
schreibt »Bild« tags darauf.
Wieder werfen die Deutschen alles nach vorn und haben Chancen. Zweimal kommt Seeler in der zweiten Halbzeit der Verlängerung zum Kopfball, aber es fehlt jetzt die Kraft. »Noch ist das
Spiel nicht beendet, noch nicht. Immer weiter, sagt Schiedsrichter
Dienst.« Aber dann treibt Hurst auf links den Ball nach vorn und
zieht aus heiterem Himmel ab ins linke obere Dreieck. »Goal! Vier
zu zwo durch Hurst in der 120. Spielminute. Das Spiel ist aus. England ist Fußballweltmeister 1966.«
Die Deutschen, die später immer wieder als faire Verlierer gelobt werden, sind zunächst gar keine so großen Sportsmänner.
Beckenbauer geht zu Bachramow und bedankt sich bei ihm wütend, Overath klatscht Beifall und Seeler grollt offensichtlich dem
Schweizer Schiri, will ihm als Kapitän nicht die Hand geben. Aber
Schön eilt aufs Feld und ermahnt sie zur Contenance. Bei der anschließenden Siegerehrung stehen den Spielern Erschöpfung und
Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
Der beste Verlierer an diesem Samstagnachmittag ist der wunderbare Rudi Michel. Er hat mitgefiebert, ihm hat es mitunter vor
Aufregung und emotionalem Überschwang die Sprache verschlagen, und er hat sich auch nicht als besonders objektiver Kommentator erwiesen, aber nach dem Spiel zeigt sich seine ganze
Größe. Plötzlich wird er sanft, besonnen und stimmt das deutsche Fernsehvolk auf die Rolle des edlen Verlierers ein. Seine Pathosrede schafft einen Rahmen für dieses Ereignis, bearbeitet es
schon einmal für dessen Eingang in die Sportmythologie. »Jetzt
Beifall für das deutsche Team.« Das gerade an Queen Elizabeth
118
vorbeidefiliert. »Ein würdiger, ein großer Abschluss dieser Fußballweltmeisterschaft, der vieles vergessen lässt an unschönen
Szenen, die wir gesehen haben. Hadern Sie nicht, meine Damen
und Herren, mit diesem Fehler, mit jenem Fehler, mit dieser Entscheidung. Die deutsche Elf hat großartig gespielt und sie haben
Pech gehabt, das werden uns auch objektive ausländische Berichterstatter bestätigen.«
Damit kann man in Deutschland ganz gut leben. »Wir sind
stolz auf Sie«, säuselt Bundespräsident Heinrich Lübke bei der
Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die deutschen Spieler, »und Sie dürfen stolz sein auf Ihren Kameradschaftsgeist. Sie
haben sauber, fair und ritterlich gekämpft.«
Tarantula Bob Dylans erstes Buch wird angekündigt
und schließlich auch publiziert, aber nur als Raubdruck auf Basis
der Korrekturbögen. Die offizielle Version bei MacMillan & Scribner erscheint erst fünf Jahre später. Der Verlag hat zunächst Fahnenabzüge an ein paar Magazine und Zeitungen verschickt, aber
Dylan kümmert sich schließlich nicht mehr um den »Roman«,
weil ihn der berühmte Motorradunfall Ende Juli außer Gefecht
setzt und auch weil er ihn mittlerweile als »Unsinn« abtut. Stimmt
ja auch: Unsinn mit Kalkül.
Niedergeschrieben hat er »Tarantula« von Januar bis September
des Vorjahres. Auch in seinen Songs flüchtet er sich jetzt in eine
surrealistische Bilderwelt, um sich nicht länger von den ProtestFolkies als ihr Sprachrohr vereinnahmen zu lassen. »Tarantula«
geht noch einen Schritt weiter. Der Text ist ein Experiment mit
dem totalen Sinnentzug und erinnert an die surrealistische Praxis der »écriture automatique«. Durch bloße Schnelligkeit oder
chemische Hilfsmittel gilt es, einen Zustand der Bewusstlosigkeit
herbeizuführen und so alte Konditionierungen, wie sie Ratio und
gesellschaftliche Normen einem aufzwingen, hinter sich zu lassen. Was Joan Baez von der Zeit der Niederschrift erzählt, scheint
119
dies zu bestätigen: Er habe gearbeitet wie »ein Fernschreiber.
Er stand da und wackelte mit den Knien. Er stand, rauchte den
ganzen Tag und trank Wein. Und ich konnte ihn nur zum Essen
bringen, wenn ich hinging und vor seinen Augen aß. Und sofort
langte er nach allem, was ich in der Hand hatte.«
Auch wenn nichts davon stimmt, ist die Beschreibung aufschlussreich, weil sie zeigt, was Dylan vorhat und in welche Tradition er sich stellt – in die des triebhaften, ekstatischen Schreibens
der Beat-Literaten Allen Ginsberg, William S. Burroughs und
Jack Kerouac. »On The Road« ist der Legende gemäß ganz ähnlich entstanden. Die eine oder andere Passage zeigt den Einfluss
der Beats auch ziemlich deutlich: »das jaulende F aus dem neon
dobro & ein erhebendes gefühl nach enttäuschenden liedertexten
auf der outlaw matratze am ende der straße während du trophäen
abfummelst die zu besuch sind & dem tramp mit dem eisbeutel
auf dem kopf im bett ein kissen in den rücken stopfst und die
nächsten verwandten stehn am nackten paravent – ein herz voll
tratsch & ein wolf mit silbrigen speichelfäden, drohend und unumgänglich, ein schoß der sich öffnet wie ein abgrundtiefer rostiger tümpel, ein jähes erwachen & dann gefriert alles in träumen
von einem nebulösen geburtstag …« Das hätte so ähnlich auch in
»Naked Lunch« oder »Nova Express« stehen können.
Die Inkohärenz von »Tarantula« geht jedoch weit über das hinaus, was uns die Beats zumuten. Bisweilen sieht es so aus, als habe
er alle Avantgarde-Schreibweisen ausprobiert, die er so kennt:
dadaistische Montage, Cut-up-Verfahren, drogeninduziertes
Bewusstseinsprotokoll, religiöse Exaltationen in der Nachfolge
William Blakes etc. Er verschmilzt das alles zu einer gewaltigen
Kakofonie, die manchmal nach einem monumentalen MedienMix klingt, so als seien alle Rundfunk- und Fernsehsender des
Landes einen kurzen Moment lang übereinandergeblendet. Ein
unlesbares, weil undurchschaubares Stimmengewirr, das ein bisschen an »Finnegans Wake« erinnert, weil man auch hier nicht
herausbekommt, worum es eigentlich geht.
120
Diese kryptische Prosa-Suada wird immer wieder unterbrochen von kleinen Versinseln, die nicht mit dem Bewusstseinsstrom
(oder was immer das ist), sondern eher untereinander korrespondieren. Sie sind stringenter, bisweilen geradezu herkömmlich erzählt und vor allem albern, parodistisch, meistens ganz komisch:
»lieber tom hab ich dir schon mal gesagt daß ich finde du solltest
eigentlich bill heißen. ist natürlich nicht so wichtig, aber weißt
du, ich habs gern leger wenn ich mit jemand zusammen bin. Wie
gehts margy? Oder martha oder wie zum Teufel heißt sie eigentlich? Paß auf: wenn du ankommst & du hörst, dass einer ›willy‹
brüllt, dann bin das ich, ja? … also komm. Ein wagen & eine party
werden dich erwarten. ich werde sehr leicht zu finden sein, also
sag hinterher nicht du hättest nicht gewußt, dass ich da war
dein dankbarer
truman peyote«
Joan Baez hat vermutlich auch gewusst, dass er neben Wein
und Zigaretten noch was anderes konsumiert hat, um die Vernunftbremse zu lösen.
121
No-1-Hits August
Deutschland
Frank Sinatra: Strangers In The Night (1.8.–30.9.)
England
The Troggs: With A Girl Like You (29.7.–4.8.)
The Beatles: Yellow Submarine / Eleanor Rigby (5.8.–18.8.)
Small Faces: All Or Nothing (19.8.–15.9.)
USA
The Troggs: Wild Thing (30.7.–12.8.)
The Lovin’ Spoonful: Summer In The City (13.8.–2.9.)
Dienstag, 2. August Der deutsche Vize-Weltmeister
wurde in der Heimat / begeistert gefeiert. Aber die Diskussionen
reißen / nicht ab. / Das ist der Beweis / Ohne dieses Foto zu kennen, hatten vorher / schon Journalisten, die in der Nähe des Tores /
saßen – darunter auch Reporter aus dem / Ostblock – erklärt: Der
Ball war nicht drin / Toller Erfolg / Nescafé Gold / Ihr Frauen wart
großartig / Sie galten als Fußballmuffel / Viele von ihnen wußten
und wissen / nicht, was »abseits« ist. Trotzdem / haben sie in den
letzten Wochen nicht / abseits gestanden. / Für »Sie« – Erntekrone /
Wir sind kein Volk, das sich gewaschen hat / Jeder vierte Bundesbürger badet nur alle drei Wochen. / Obwohl sich das »saubere
Volk« einig ist, daß es / mindestens einmal in der Woche in die
Badewanne / steigen müßte. / Jeder zweite Bundesbürger zwischen
6 und 65 Jahren / läßt die Zahnbürste ewig ruhen. / Weiter Seite 2
Vom Beat der frühen Jahre weit entfernt Noch
im Jahr zuvor hat Theodor W. Adorno im Hessischen Rundfunk
die Musik der Beatles als »etwas Zurückgebliebenes« bezeichnet,
123
insofern »die Ausdrucksmittel, die hier verwandt und konserviert
werden, in Wirklichkeit allesamt nur heruntergekommene Ausdrucksmittel der Tradition sind, die den Umkreis des Festgelegten
in gar keiner Weise überschreiten«. Hier irrt Adorno. Was man
über frühere Schmonzetten wie »I Want To Hold Your Hand«
oder »She Loves You« vielleicht gerade noch sagen kann, jedenfalls als knallharter Verächter, stimmt bereits für das 1965er-Album »Rubber Soul« nicht mehr. Man merkt hier bereits deutlich –
und nicht nur beim Sitar-Einsatz in »Norwegian Wood (This Bird
Has Flown)« – die Prätention der Band, sich in stärkerem Maße
»arty« zu präsentieren.
Der Nachfolger »Revolver« erscheint am 5. August in England
und drei Tage später in den USA, und dieses Album ist ein weiterer Emanzipationsschritt für die Band und – zusammen mit
Brian Wilsons »Pet Sounds« – auch für die Popmusik als solche.
Ein Album wird jetzt eben nicht mehr einfach nur aufgenommen,
sondern produziert. Die Studiotechnik ist in besonderem Maße
Teil des ästhetischen Ergebnisses. Damit wächst den vermeintlich
so heruntergekommenen Ausdrucksmitteln des Popsongs etwas
zu, das sie anderen Artefakten wie dem Buch, dem Bild und der
klassischen Piece durchaus voraushaben. Die Präsentationsform
selbst bekommt semantische Potenz, wird also unmittelbares ästhetisches Ausdrucksmittel. Der Sound, das klangliche Erlebnis
tritt den Lyrics und der Komposition als eine weitere, mindestens
gleichberechtigte Bedeutungsdimension an die Seite.
Wie wesentlich diese Seite den Beatles ist, zeigt der Umstand,
dass sie die Aufnahmesessions gleich mit dem avanciertesten Song
beginnen, »Tomorrow Never Knows«, John Lennons Versuch, das
von den Psychedelikern als eine Art Bibel rezipierte Tibetische
Totenbuch in einen knapp dreiminütigen musikalischen Trip zu
überführen. »Turn off your mind / Relax and float down stream /
It is not dying / It is not dying …«
»Ich möchte so klingen«, soll Lennon seinem Produzenten
George Martin eingeschärft haben, »als wäre ich der Dalai Lama,
124
der vom höchsten Berggipfel aus singt, und trotzdem die Wörter
hören, die ich singe.« Ken Townsend, einer der Technikfexe der
Abbey Road Studios, scheint zu ahnen, was er meint, und entwickelt für Lennon das Artificial Double Tracking, das schließlich
nach Lennons Benennung als Flanging in die Standardtrickkiste
der Tontechnik wandert. Auch der verantwortliche Mixer Geoff
Emerick hängt sich richtig rein. Er lässt Johns Stimme über einen
modifizierten Leslie-Lautsprecher laufen, um den dünnen, weit
entfernten Sound im zweiten Teil des Songs zu erzeugen.
Es herrscht eine allgemeine Ausgelassenheit und Experimentierlust im Studio. Vor allem Lennon und McCartney haben einen
Wettstreit laufen, wer die verrücktesten Geräusche liefern kann.
Letzterer bringt nach der ersten Aufnahmesession diverse Tonbandschnipsel mit ins Studio, auf denen er zu Hause verzerrte Gitarren, Bässe, klirrende Weingläser, Seemöwen und allerlei andere
Alltagsgeräusche gesammelt hat. Einiges davon können sie verwenden. Und nachdem man erst mal entdeckt hat, wie bizarr ein
verkehrt herum abgespieltes Tonband klingt, bekommt die Band
das »Rückwärtsfieber«. »Jedes Overdub, das wir für ›Revolver‹
aufnahmen«, erzählt Emerick in seiner Biografie »Here, There
and Everywhere«, »haben wir immer auch rückwärts probiert.«
So landet McCartneys, für Beatles-Verhältnisse erstaunlich abgedrehtes Gitarrensolo vom Album-Opener »Taxman« schließlich
ebenfalls »backwards« in »Tomorrow Never Knows«. Am Ende
packt George Harrison auch noch seine neueste Errungenschaft
aus, eine riesige Tanbur. Mit dem sonoren Dröhnen der indischen
Langhalslaute beginnt diese Sound-Collage, die als Song gar nicht
besonders viel taugt, aber als Exempel für den Kunstcharakter von
Pop großartige Dienste leistet.
Auch »Yellow Submarine« merkt man den Recording-Aufwand
an, aber eben auch den Spaß, den die Band hat, dieses Kinderlied zu einer Art Kirmes-Theaterstück aufzuhübschen. George
Martin, der Produktionsleiter und kühle Kopf, fällt wegen einer
Lebensmittelvergiftung aus, und so treibt man allerlei Schaber125
nack mit viel Geschrei und verstellter Stimme. Schließlich wird
auch noch das Sound-Archiv des Studios geplündert, um diese
ebenfalls drogeninduzierte Vision vom Unterwasserglück im gelben »Tauchseeboot« mit allerlei nautischen Klang-Schnipseln zu
konkretisieren, und dann kopiert Emerick sogar noch eine ausgewachsene Sousa-Marschkapelle hinein.
Bei »Eleanor Rigby« spielt die Band erst gar nicht. George Martin hat passend zum tristen Thema Alterseinsamkeit für den Song
ein melancholisches Streicherarrangement geschrieben, das von
einem achtköpfigen Ensemble eingegeigt wird. Da es längst nicht
mehr darum geht, diese Songs auch auf der Bühne aufführen zu
müssen, holen sich die Beatles diverse Mietmusiker ins Studio,
den indischen Tabla-Spieler Anil Bhagwat und den Sitar-Meister
Anyara Deva Agandi für Harrisons Raga-Rock-Exerzitium »Love
You To« etwa oder den Hornisten Alan Civil für das hübsche Solo
in »For No One«.
Der große »künstlerische« Aufwand, den die Band hier betreibt, die kalkulierte pophistorische Innovationsleistung kann
gar nicht unbemerkt bleiben. Der Grafiker und Musiker Klaus
Voormann, ein Freund aus Hamburger Tagen, soll das Cover gestalten und kommt ins Studio, um sich Anregungen zu holen.
»Was da aus den Lautsprecher-Boxen an meine Ohren drang,
selbst in ungeschliffenem und rohem Zustand, war etwas absolut Neues«, erzählt er in seinen »Erinnerungen an die Beatles
und viele andere Freunde«. »Ich weiß noch, dass mich für einen
Moment Wehmut überkam. Ich dachte an Hamburg, an die verrauchten Clubs, an John, wie er den Rock ’n’ Roll fast wie eine
Waffe gegen das Establishment einsetzte und seine Gefühle
Nacht für Nacht aus dem oftmals frustrierten Bauch in das Mikro
schrie. Ich dachte an diesen energiegeladenen Kraft-Sound, der
von der Bühne schmetterte und mich an die Wand drückte,
wenn sie das Abendprogramm mit ›Tutti Frutti‹ einleiteten, an
Pauls Version von ›Long Tall Sally‹, die mir heute noch wohlige
Gänsehautschauer über den Rücken jagt. Aber all das hatte nichts
126
mehr mit dem zu tun, was sich vor meinen Augen und Ohren im
Abbey-Road-Studio 2 abspielte.«
Und noch in derselben Nacht – so will es nun mal die Märchenlogik – setzt er sich an sein Zeichenbrett und beginnt mit
den ersten Entwürfen zum berühmten Haar-Cover, dieser leicht
anpsychedelisierten, zwischen Naivität und Avantgardismus
changierenden Wimmelbild-Collage, die den gewachsenen ästhetischen Ambitionen der Band durchaus gemäß ist. In diesem
Cover manifestiert sich der Übergang der Beatles von der juvenilen Beat- zur ernst zu nehmenden Rockband. Und im Kleinen
spiegelt sich hier auch die Transit-Situation der Popmusik an
sich. Sie ist auf dem besten Weg, als Kunstform ernst genommen
zu werden.
Was Voormann hier intuitiv erkennt und ins Bild setzt, bleibt
den bürgerlichen Feuilletons noch eine Weile verborgen. Noch
fasst man Pop mit spitzen Fingern an. Und mit aristokratischer Herablassung, die sich so gern in eine muffige Ironie flüchtet. »Vom
Beat der frühen Jahre weit entfernt, präsentiert das Gesangsquartett zu abgestufter Instrumental-Begleitung lyrische und pseudophilosophische Songs von gelben Unterseebooten, von einsamen
Menschen, schönen Sonnentagen, üblen Steuereinnehmern, vom
gesunden Morgenschlaf und vom salbadernden Pastor«, schreibt
der »Spiegel«. »Das sensible Musizieren, das die Beatles nun dem
chaotischen Harmoniedelirium vorziehen, läßt einstige Fans zu
krawallkräftigeren Ensembles konvertieren. Experten vermuten:
Der ›Revolver‹ ist eine Selbstmordwaffe.« Die »Experten« haben
sich wie so oft getäuscht.
Klactoveedsedsteen Carl Weissner ist Anglistik-Student in Heidelberg und angefixt von der aktuellen US-Avantgardeliteratur, um die sein Fachbereich immer noch einen großen
Bogen macht. Nicht zuletzt von William S. Burroughs und seiner
Cut-up-Methode. Weissner sucht Anschluss an die Szene und gibt
127
bald darauf eine Zeitschrift heraus, »Klactoveedsedsteen«, nach
dem gleichnamigen Album von Charlie Parker. Jazz – als Rationalität und Kalkül mehr oder weniger ausschaltende Improvisationskunst – ist eine der ästhetischen Referenzgrößen der zeitgenössischen Avantgarde.
Weissner erweist sich als gewiefter Strippenzieher. In den fünf
Ausgaben, die bis 1967 entstehen, versammelt er den literarischen
Underground jener Jahre: Harold Norse, Jeff Nuttall, Claude
Pélieu, Allen Ginsberg und eben Burroughs. Der besucht ihn in
diesem Jahr sogar in Heidelberg, so klein ist die Szene damals.
Sie experimentieren mit diversen Kassettenrekordern, dabei entstehen akustische Cut-ups.
Noch wichtiger wird jedoch ein anderer Autor – Charles Bukowski. Von dem kommt Weissner nie wieder los. Im Juli nimmt
er erstmals Kontakt auf zu ihm und leitet damit eine jahrzehntelange, überaus fruchtbare Geschäftsbeziehung ein, die erst Bukowskis Krebstod 1994 beendet. Der dreckige alte Mann haut
es raus, und Weissner kommt kaum hinterher mit seinen – hier
stimmt es wirklich einmal – kongenialen Übersetzungen, die dessen Kolumnen, Gedichte, Storys und Romane in Deutschland
sehr bald zu kontrovers rezipierten, durchaus auch geschmähten,
aber eben doch: Bestsellern machen. Bukowski weiß bald, was er
an seinem »guten Hunnen« hat. Der gibt sogar seine eigenen literarischen Ambitionen dran, um ganz in dem Job als Vermittler
der unfrohen US-Underground-Botschaft aufzugehen.
Am 9. August schickt ihm Bukowski die ersten drei Gedichte
für »Klactoveedsedsteen« und entschuldigt sich für die lange
Wartezeit. »Dein Brief liegt seit dem zwölften Juli da, aber es ist
mir nichts rausgerutscht, nicht einmal Scheiße, bis heute früh –
diese 3 Gedichte zwischen 5:30 und 7:10 Uhr.«
Von Anfang an, so macht es den Eindruck, erkennt Bukowski
in ihm den verwandten Geist. »Seltsam, aber Briefe von dir scheinen mich ruhiger zu machen, mir wieder festen Stand zu geben«,
schreibt er am 18. November. »Ich starre dann die rostigen Rasier128
klingen nicht mehr mit so einem irrationalen Stotterblick an. Das
soll nicht heißen, dass ich Törtchen mit Zuckerguß brauche. Aber
Mitteilungen von Fakten, z. B. wieviel Platz in einer Zivilisation
für Folter ist, machen mir bewusst, dass ich nicht der einzige bin,
der sich nur mit Mühe daran hindern kann, sich einen Eispickel
in den Bauchnabel zu rammen.«
Bald belässt er es nicht nur bei den üblichen Andeutungen,
sondern schildert neben seinen literarischen Plänen ausführlich
und detailreich seine ständigen, manchmal blutigen Stürze und
Abstürze, Gerichtstermine wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit, Frauengeschichten, die immer wieder an der eigenen,
durchaus reflektierten Asozialität scheitern, seine Misanthropie,
die notorischen Besuche der Pferderennbahn und seine kruden
politischen Überzeugungen. Nachzulesen ist das alles sehr schön
in dem von Seamus Cooney herausgegebenen Briefband »Schreie
vom Balkon«.
»Dieses Land ist so seelenlos«, schreibt er im schon zitierten
Brief vom 18. November. »Kein Wunder können sie die paar kleinen halbverhungerten Nordvietnamesen nicht besiegen. Es ist
nicht die russische oder chinesische Waffenhilfe für den Gegner,
die es verhindert. Sondern bescheuerte verfettete amerikanische
Boys, die gelebt haben wie Idioten. Gemästete seelenlose Idioten,
von der Wiege an. Kein Wunder foltern sie ihre Gefangenen. Tief
drin wissen sie, dass sie Zombies sind. Und Greueltaten begehen
an echten lebendigen Menschen ist ihre Art, sich zu revanchieren.
Wie Blumen zerfetzen, Schmetterlinge abfackeln. Alles, was ihnen
begegnet, zu Tode hassen und in Grund und Boden ficken. Ich
habe noch nie von einem solchen Krieg gehört. Wir sind mit Sicherheit degeneriert und zurückgeschrumpft auf einen Zustand,
der finsterer ist als das finsterste Mittelalter.«
Bukowski ist viel zu sehr Solitär, um sich bei einer VietnamProtestdemo einzureihen, zumal er wahrscheinlich immer noch
nicht ganz fit ist nach seiner Hämorrhoiden-Operation im Sommer und Auftritte vor großem Publikum ohnehin verabscheut.
129
Aber was die sich gerade formierende Anti-Vietnam-Allianz der
Eggheads wohl gedacht oder gesagt hätte angesichts solcher grandios wirrköpfigen Wutanfälle, man wüsste es schon ganz gern.
Auf der Suche nach dem Landeplatz Am 10. August 1966 startet Lunar Orbiter 1, die erste von fünf Sonden der
NASA. Jeweils im vierteljährlichen Abstand folgen die anderen
nach. Es sind fliegende Fotolabore, mit denen die Mondoberfläche, sogar die geheimnisvolle Rückseite, kartiert werden soll. Und
das gelingt auch. Die fünf Lunar Orbiter fotografieren 99 Prozent
der Mondoberfläche, die Aufnahmen bilden die Grundlage für
den ersten und einzigen Mondatlas. Vor allem aber weisen sie potenzielle Landeplätze für die geplante bemannte Apollo-Mission
aus. Ein Jahr später erscheint bereits Marcus Turners erste populärwissenschaftliche Dokumentation des Lunar-Orbiter-Programms mit dem sprechenden Titel »Auf der Suche nach dem
Landeplatz«. Und der Schweizer Hallwag-Verlag publiziert einen
Mondführer in Form einer Straßenkarte (Maßstab: 1:5 000 000
nebst Detailkarten). Entsprechend kann der »Spiegel« im Januar
1968, also nach erfolgreichem Abschluss der Mission, den US-Astrogeologen Howard Pohn mit den Worten zitieren: »Wir haben
eine bessere Übersicht über den Mond als über die Erde.« Die
USA ziehen langsam mit den Sowjets gleich.
Lunar Orbiter 1 sendet vom 18. August an 229 Fotos vom Mond,
187 Weitwinkelaufnahmen mit einer Genauigkeit von 60 Metern
und 42 Teleaufnahmen mit einer Genauigkeit von zwei Metern,
bis die NASA am 29. Oktober das fliegende Auge gezielt zum Absturz bringt, um eine störungsfreie Kommunikation mit Lunar
Orbiter 2 zu gewährleisten. Die steht längst auf der Startrampe.
Die zur Erde gefunkten Bilder sind spektakulär. Vor allem die
am 23. August über der Mondoberfläche aufgehende Erde lässt
die Menschen träumen. Zum ersten Mal sieht man unsere Erde
von einem außerirdischen Standpunkt aus. Das ist das Bild, das
130
ein Mondbewohner von unserer Welt haben muss. Eine ScienceFiction-Fantasie wird Realität.
So es ihn denn gibt, den Mann im Mond. So ganz lässt sich
die Fantasie von der Wissenschaft noch nicht entmutigen. 1966
erscheint auch Arno Schmidts Sammelband »Trommler beim
Zaren« mit dem Dialogessay »Die Kreisschlösser«, in dem sich
der Schriftsteller und Jules-Verne-Aficionado Franz de Paula
Gruithuisen widmet. Gruithuisen, ein vielseitiger Naturforscher,
Anthropologe und Astronom, lässt 1824 eine Schrift erscheinen,
die eine »Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner; besonders eines colossalen Kunstgebäudes derselben«, ebenjener »Kreisschlösser« verspricht. Arno Schmidt zeigt sich ziemlich fasziniert von dessen »krausen« Theorien. Offenbar so sehr,
dass er die Existenz von »Seleniten« zumindest als Gedankenspiel
noch nicht völlig vom Tisch wischen möchte. Am Ende seines
Essays fordert er sogar, gänzlich ironiefrei, »diesen ersten, in vielen Beziehungen durchaus diskutablen Gedankengängen wieder
nachzugehen«. Gerade in diesen mondsüchtigen Zeiten, »wo alle
diese Überlegungen brennend akut geworden sind«.
Aber dieses Bild der halb verdeckten Erde weckt noch andere
Hoffnungen. Stewart Brand, ein Mitveranstalter des Trips-Festivals, verkauft bald darauf Ansteck-Buttons mit dem Aufdruck
»Why haven’t we seen a photograph of the whole Earth yet?«. Er
insinuiert, dass die Regierung, aus welchen Gründen auch immer,
Informationen zurückhalte, und will die NASA mit seiner Kampagne zur Veröffentlichung eines solchen Fotos bewegen. Aber es
existiert wirklich noch nicht, erst im Jahr darauf macht der Satellit ATS-3 das gewünschte Bild, das dann noch ein Jahr später
das Cover von Brands erstem »Whole Earth Catalog« ziert, jener
Hausbibel der US-Gegenkultur, in der die wesentlichen und für
den alternativen Lebenswandel notwendigen »tools« vorgestellt
werden. Ganz im Sinne Buckminster Fullers: »Ich erkenne Gott
in denjenigen Instrumenten und Mechanismen, die verlässlich
funktionieren.«
131
Die Betrachtung unseres Planeten aus dem Weltall, die mit dem
suggestiven Foto von Lunar Orbiter 1 ihren Anfang nimmt, setzt
einen umfassenden, gleichsam geozentrischen Bewusstseinswandel in Gang. Die Verletzlichkeit des »Blauen Planeten« wird offenkundig. Zugleich fördert diese neue Perspektive die Vorstellung von der Erde als globaler Einheit und geschlossenem System,
woraus sowohl die Umwelt- als auch die Friedensbewegung und
alles, was sich dazwischen tummelt, Hippies, Acid Heads, Naturfrömmler, Kybernetiker, »Global Village«-Apologeten, Computerpioniere und so weiter, ihre maßgeblichen Impulse beziehen.
Der unüberwindliche Elan revolutionärer
Volks massen Eine Million junger Chinesen versammeln
sich am 18. August auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, huldigen
ihrem kultisch verehrten Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung
und bekommen von ihm einen neuen revolutionären Auftrag.
Sie sollen abrechnen mit den Revisionisten, alten Autoritäten, abtrünnigen Intellektuellen und nicht zuletzt dem satten roten Establishment. Aber nicht nur das. Die »Vier Alten Elemente« – alte
Ideen, Kulturen, Sitten und Gebräuche – sollen auf ganzer Linie
eliminiert werden.
Die »Große Proletarische Kulturrevolution« ist von langer
Hand geplant. Mao schürt die Angst vor einer Konterrevolution
und den Hass gegen die Eliten, um seine innerparteilichen Gegner, die ihn eine Weile kaltgestellt haben, aus dem Weg zu räumen
und auch um abzulenken von den desaströsen Misserfolgen seiner Kollektivierungskampagne »Großer Sprung nach vorn«, die
China binnen kürzester Zeit zu einem kommunistischen Idealstaat ummodeln sollte und mit Millionen Hungertoten endete.
Kritische Wandzeitungen, in denen lokale Funktionäre beschuldigt werden, die Ideale der Revolution verraten zu haben,
machen den Anfang. Eine ist mit »Rote Garde« unterschrieben,
jetzt haben seine jugendlichen Hilfstruppen auch einen Namen.
132
Im Sommer ruft er sie zusammen, schwört sie ein auf die »permanente Revolution« und schickt sie los, um alles Kapitalistische,
Feudalistische, Reaktionäre, Traditionalistische in welcher Form
auch immer auszulöschen. »Wir müssen brutal sein«, lassen sie
verlauten. »Denn Feinfühligkeit gegenüber dem Feind bedeutet
Brutalität gegenüber der Revolution.« Und sie sind brutal. Binnen
Wochen stürzen sie das Land in Chaos und Verwüstung.
Sie verbrennen Bücher, weil sie nur ablenken von der Lektüre
des »Roten Buchs«, der Mao-Bibel. Sie zerstören Tempel, Statuen,
Denkmäler, Schulen und Universitäten, Friedhöfe, Opernhäuser
und Theater und stellen in den Ruinen Mao-Büsten auf. Sie wollen das klassische Ballett verbieten: »Seht es euch an! Liebelei in
den Palästen der feudalen Herrscher, Rendezvous leichtbekleideter bourgeoiser Fräulein und ihrer Kavaliere, schöne Frauen, kollektive Spiele und Amüsements von Jugendlichen – was soll das
alles?« Sie drangsalieren Reiche, Lehrer, missliebige Parteikader,
denunzieren sie in quasirituellen Schauprozessen, indem sie den
Delinquenten die Gesichter schwärzen, einen hohen weißen Papierhut aufsetzen und sie beschimpfen. »Nieder mit dem schwarzen Element!«
Sie treiben die »Klassenfeinde« durch die Straßen und zählen
auf großen Plakaten ihre Verfehlungen auf. Es herrscht Lynchjustiz. Über die Zahl der Todesopfer, der Morde und Selbstmorde
infolge der öffentlichen Schmach, kann man nur spekulieren. Von
mehreren Hunderttausenden kann man wohl ausgehen, vielleicht
sogar von einer Million Menschen.
Der revolutionäre Eifer von Maos Rotgardisten kennt keine
Grenzen. Sich öffentlich küssende Liebespaare werden misshandelt, weil sie ihr Herz nicht allein Mao schenken, Ausländer als
vermeintliche Imperialisten oder Kapitalisten verprügelt, Hotels
durchsucht und ihre Betreiber gewarnt. »Wir fanden hier immer
noch Leute mit dick gepuderten Gesichtern und öligen Halbstarken-Haartrachten. Andere tragen ausländische Kleider und spitze
Schuhe. Werft diesen Dreck binnen 48 Stunden hinaus!«
133
Sie kehren das Unterste zuoberst, kaum ein Lebensbereich
bleibt unangetastet. Sie schließen öffentliche Parks, um sie landwirtschaftlich zu nutzen, und Zoos, weil Tiere hier das Fleisch
fressen, »das dem Volk als Nahrung dienen könnte«. Sie inkriminieren Tabak, Alkohol, Schachspielen, Briefmarkensammeln und
Blumenzüchten, ächten Schmuck, Parfüm, Luxusartikel und Neonreklame, verbieten die Erste Klasse in Eisenbahnen und singen
das hohe Lied der körperlichen Arbeit.
Der alte Kalender soll abgeschafft werden und die neue revolutionäre Zeitrechnung 1818 mit der Geburt von Karl Marx beginnen. Sogar in den Verkehr greifen Maos Heerscharen ein, Rechtswird Linksverkehr und an der Ampel heißt rot jetzt fahren. Aber
diese Neuerungen müssen sofort wieder zurückgenommen werden, weil zu viele Unfälle passieren.
Mao und sein Kreis haben Mühe, den heraufbeschworenen
»unüberwindlichen Elan revolutionärer Volksmassen« zu moderieren, aber Mäßigung tut not, weil das Riesenland in totalem
Chaos zu versinken droht. Die wirtschaftlichen und logistischen
Folgen sind bereits erheblich. Die Arbeit in den Betrieben und auf
den Feldern bleibt liegen, viele Schulen und Universitäten sind
geschlossen, es kommt zu neuerlichen Versorgungsengpässen,
auch weil das öffentliche Verkehrsnetz durch den Kinderkreuzzug verstopft ist.
»Millionen und aber Millionen Rotgardisten – sie sind 14 bis
25 Jahre alt – beherrschen das Straßenbild. Ältere Leute sind
kaum zu sehen. Ihnen begegnet man nur in Betrieben, Kommunen, Parteilokalen, auf Ämtern. Die Jungen aber, mit kleinem
Marschgepäck, Mao-Bibeln, Spruchbändern und roten Fahnen,
sind allgegenwärtig; sie füllen Züge und Lastkraftwagen, Plätze,
Parks und Straßen«, berichtet Elisabeth Steil-Beuerle, die sieben
Wochen lang das Land bereist hat und dem »Spiegel« ihre »Erlebnisse im Reich der Kulturrevolution« berichtet. »Wenn Mao
und seine Apostel in Peking Paraden ihrer jungen Sturmscharen
abnehmen, dann lagern schon am Abend vorher Zehn- und Hun134
derttausende Gardisten bei Flutlicht, roten Fahnen, roten Papierballons und roten Plakaten am Platz des himmlischen Friedens,
dem Tien An Men, dem größten Platz der Welt.«
Schließlich gelingt es dem greisen, mittlerweile gottgleich verehrten Mao und seiner Clique den Revoluzzerschwarm zu domestizieren. Verbale Überzeugungsarbeit soll an die Stelle von
Gewaltexzessen treten und die Revisionisten bekehren, und dafür
ist immer noch genug Zeit nach Feierabend. Im Herbst des Jahres
normalisiert sich das öffentliche Leben wieder.
Der beispiellose Traditions- und kulturelle Gedächtnisverlust,
den die Kulturrevolution notwendig zeitigt, lässt sich zu dieser
Zeit in Europa möglicherweise erahnen, jedenfalls noch nicht voll
überschlagen. Vom dubiosen Führerkult um den »Großen Vorsitzenden«, der Brutalität seiner gigantischen Säuberungsaktion
und ihrer offensichtlichen Intellektuellenfeindlichkeit kann man
allerdings sogar in Deutschland etwas wissen. Das scheint die sich
gerade konstituierende Studentenbewegung allerdings nicht abschrecken zu können, sie identifiziert sich prompt mit den chinesischen Jungrevoluzzern.
Ende November stürmen »Maoisten« das Podium des Hörsaals A der Freien Universität Berlin, wo ihr Rektor, der Soziologe Hans-Joachim Lieber, gerade mit seinen Studenten über
universitäre Reformen zu diskutieren versucht. Die mit MaoButtons ausgewiesene Gruppe um Rudi Dutschke, Bernd Rabehl
und Eike Hemmer entreißt Lieber das Mikrofon und schimpft
erst mal über die aktuellen Zustände an der Universität. Man
müsse sich »herumschlagen mit schlechten Arbeitsbedingungen,
mit miserablen Vorlesungen, stumpfsinnigen Seminaren und absurden Prüfungsbestimmungen. Wenn wir uns weigern, uns von
professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausbilden zu lassen,
bezahlen wir mit dem Risiko, das Studium ohne Abschluss beenden zu müssen.«
Die Rote Garde des SDS habe in einer bewusst anarchistischen
Aktion die Veranstaltung gesprengt, schreibt das Berliner Boule135
vardblatt »Der Abend« daraufhin. Und was es von den sozialrevolutionären Plänen der linken Studenten zu erzählen weiß, rechtfertigt den Vergleich sogar ein wenig. Man wolle nämlich »die
Universität verlassen, in die Fabrik gehen und Geld verdienen«,
davon »dann ein Haus kaufen, um dort die ›Kommune‹ mit freier
Liebe und Parteischulung zu verwirklichen. Ausbilden wollen sie
dort ›Provos‹, die dann in die Gesellschaft geschickt werden, um
Störaktionen zu inszenieren. So soll das Schwungrad der Revolution in Deutschland in Bewegung gesetzt werden.« Es ist die
Kommune I, die hier ein erstes Lebenszeichen von sich gibt. Und
man darf sich schon mal ein bisschen gruseln in den gutbürgerlichen Kreisen.
Aber woher rührt diese Begeisterung für den Maoismus ausgerechnet bei jungen linken Intellektuellen? Nun, sie brauchen
Vorbilder und Integrationsfiguren – und die sind gerade schwer
zu finden. Die revolutionäre Bewegung der Sowjetunion ist in der
parteibürokratischen Ebene versandet, außerdem klebt ihr viel zu
viel Blut an den Händen, um in der Öffentlichkeit als leuchtendes
Vorbild durchzugehen. China kommt da wie gerufen. Die katastrophalen Resultate des Maoismus sind noch nicht in aller Munde,
zudem ist die Revolution hier noch nicht saturiert, im Gegenteil,
sie hat sich gerade eben verjüngt und noch einmal erfolgreich
transformiert. So sieht man es jedenfalls aus ein paar tausend Kilometern Entfernung und mit einem Blick, den juvenile Abenteuerlust und Revolutionsromantik verschleiert haben. Und der
sich vielleicht auch berauschen kann an der ungeheuren Machtdemonstration der chinesischen Massenbewegung. Er hätte gar
nichts gegen »ein bißchen Rote Garde«, bekennt der Kabarettist
und Parteigänger des SDS, Wolfgang Neuss.
Satte Bräune »Durch die Straßen eines ›weißen‹ Vorortes von Chikago wälzte sich am Sonntag eine erregte Menschenmenge – überwiegend jugendliche, weiße Demonstranten. Einige
136
dieser Halbwüchsigen hatten sich den linken Arm mit Hakenkreuzbinden verziert, andere trugen Plakate mit der Aufschrift:
›Löst das Negerproblem durch Ausrotten.‹ Wie eine Sturzflut
strömte die Menge einer recht friedfertigen Demonstration von
farbigen und weißen Bürgerrechtlern entgegen, die in Chikago
auf Geheiß von Dr. Martin Luther King seit Wochen einen Werbefeldzug für die Integration der Wohnviertel führen – für das
Recht der schwarzen Amerikaner, sich auch in den exklusiv weißen Vororten ein Haus zu kaufen oder eine Wohnung zu mieten.
Die aufgebrachten weißen Rassisten wurden angefeuert von
Agitatoren der nur wenige hundert Mitglieder zählenden amerikanischen Nazi-Partei des Schwadroneurs Lincoln Rockwell. Sie
waren mit Steinen, Flaschen, frischen Eiern und Feuerwerkskörpern versehen. Als sie auf die Bürgerrechtler stießen, schleuderten sie ihnen einen Hagel dieser Wurfgeschosse entgegen. Es kam
zum Handgemenge, die Polizei schritt energisch gegen die Unruhestifter ein, schlug mit den Holzknüppeln drein und feuerte
Warnschüsse in die Luft.«
Joachim Schwelien, USA-Korrespondent der »Zeit«, bilanziert:
»Einige Dutzend Verletzte und Festgenommene. Schlimmer jedoch: vertiefter, sich immer fester fressender Haß auf beiden Seiten der Kampfesfront um die Gleichberechtigung der amerikanischen Neger.«
Die Ausschreitungen in diesem Sommer gehen zwar weitaus
glimpflicher ab als ein Jahr zuvor in Watts, dem Schwarzenviertel
von Los Angeles, konstatiert Schwelien in seinem Artikel über
die »Rassenkrawalle in den amerikanischen Nordstaaten« (»Die
Zeit« vom 19. August), aber sie »tragen neue und beunruhigende
Merkmale. Sie wiederholen sich von Tag zu Tag; sie greifen auf
immer mehr Städte im traditionell liberalen und als relativ negerfreundlich geltenden Norden über; auf beiden Seiten rufen
die Zwischenfälle organisierte Aktionen und Gegenaktionen
hervor; unter den Segregationisten wie unter den Bürgerrechtlern gewinnen die jugendlichen Radikalen die Überhand. Was als
137
Streit um die Grundrechte der Neger begann, geht über in einen
latenten Bürgerrechtskrieg.«
Schwelien hat durchaus Verständnis für die von ihren neuen
jungen Frontmännern wie Stokely Carmichael, dem Vorsitzenden des »Student Nonviolent Coordinating Committee«, oder
Floyd McKissick vom »Congress of Racial Equality« entfachte
Wut. »Wer will den jungen Negern, von denen ein Viertel arbeitslos ist, das Verständnis versagen, wenn sie, verbittert und
enttäuscht, von Zerstörungslust befallen werden, da ihnen selbst
ein bescheidener Anteil am Überfluß einer gesättigten Gesellschaft verweigert wird? Wer will übersehen, daß das weiße amerikanische Suburbia gerade im liberalen Norden bis heute in den
Wohnverhältnissen so streng segregiert ist wie das die Apartheid
pflegende Südafrika?«
Aber ihre zunehmende Militanz verderbe die Sache. »Der
Schrei nach der schwarzen Macht« aktiviere nur die »weiße Übermacht, und damit werden all die mühsam errungenen Erfolge
wieder in Frage gestellt: das große Bürgerrechtsgesetz von 1964,
das die Diskriminierung in publikumsoffenen Einrichtungen und
am Arbeitsplatz beseitigen sollte, und das Wahlrechtsgesetz von
1965, das den Farbigen die politische Macht des Stimmzettels in
die Hand gab.«
Die Paranoia wächst. Sogar bei den liberalen weißen US-Amerikanern, den ehemaligen Mitstreitern der emanzipatorischen
Sache. Bereits im März des Jahres erscheint in der Brooklyner OffLiteraturzeitschrift »Magazine« ein Brief von Charles Bukowski
an den Herausgeber Kirby Congdon, der noch die Ereignisse vom
letzten Jahr im Blick hat, der sich aber durchaus als Vorausdeutung für diesen Sommer lesen lässt.
»Bißchen Rassenkrawall in Watts letzte Nacht. Nicht viel – ein
Mexikaner und ein Neger tot, 25 Verletzte. Nicht viel? Für euch
lachhaft wenig. Mhm, schon verstanden. Ein Bekannter von mir,
Profi-Autor via Sex- und Nackedei-Magazine, rief mich spät am
Abend an: ›Meine Knarre ist geladen! Von mir aus kanns los138
gehn!‹ Dabei wohnt er nicht mal in Los Angeles. Sehr fickrig, der
Mensch. Da klingelte es bei ihm an der Tür, und er ist praktisch
ausgerastet. Ich glaubte zu hören, wie er entsicherte. ›Muß Schluß
machen‹, sagte er. ›Bis später.‹ Wahrscheinlich hat er einen Telegrammboten erschossen, der sich ne satte Bräune zugelegt hat.«
139
No-1-Hits September
Deutschland
Frank Sinatra: Strangers In The Night (1.8.–30.9.)
England
Small Faces: All Or Nothing (19.8.–15.9.)
Jim Reeves: Distant Drums (16.9.–22.9.)
The Four Tops: Reach Out I’ll Be There (23.9.–27.10.)
USA
The Lovin’ Spoonful: Summer In The City (13.8.–2.9.)
Donovan: Sunshine Superman (3.9.–9.9.)
The Supremes: You Can’t Hurry Love (10.9.–23.9.)
The Association: Cherish (24.9.–14.10.)
Donnerstag, 1. September Reisende mußten warten: Lokführer war geflüchtet / Interzonenzug stand still / Er ließ
seine Frau und sein Kind in der Zone zurück / Sondergefängnisse
für Triebverbrecher! / 10. Tag der Krise / Was Hassel verbot … /
Was der Spiegel nicht druckte … / BILD bringt es! / StarfighterGeneral Krupinski: / So freimütig sprach ich noch nie / Sensation im Diskus-Werfen: / Drei Medaillen für die Zone / Eine
Kranke kämpft um ihren Hund / Nachbarn haben kein Herz /
BILD trainierte gestern mit Cassius Clay, / der größte Boxer aller
Zeiten / »Muhammad Ali« (wie er sich jetzt nennt) / hatte uns
zum Waldlauf-Training eingeladen. / Wir revanchierten uns mit
einem Stadtbummel. / Da war Schaumann Cassius in seinem Element: / Der »Größte« in Blue-Jeans, abgerissenem / Hemd und
Latschen aus alten / US-Armee-Beständen. Der echteste Gammler, / den es je gab. / Bericht Seite 5
141
Turn on, tune in, drop out Der »Playboy« fragt Timothy Leary im September-Heft nach jenen Sachen, die dieses
Magazin am meisten interessieren. »Wir haben gehört, dass manche Frauen, die normalerweise nur mit Schwierigkeiten einen
Orgasmus erreichen, unter LSD mehrfache Orgasmen erleben
können. Stimmt das?«
Leary weiß, wie man sich verkauft.
»In einer sorgfältig vorbereiteten, liebevollen LSD-Sitzung
kann eine Frau mehrere hundert Orgasmen haben.«
Ungläubiges Staunen.
»Mehrere hundert?«
»Ja, mehrere hundert.«
Man hört förmlich das anerkennende Pfeifen des Journalisten.
Timothy Leary tritt auf wie ein Scharlatan, einer aus der Gilde
der Wunderheiler, Magnetiseure und Mesmeristen, dabei ist er
Wissenschaftler, zunächst in Berkeley, später Harvard, bis man
ihn von der Hochschule relegiert, weil seine Forschungen und
nicht zuletzt seine wachsende Hippie-Anhängerschaft die ehrwürdige Institution in Verruf bringen.
Während eines Sommerurlaubs in Mexiko, sechs Jahre vor dem
»Playboy«-Interview, hat er bei einem Dorfschamanen eine Handvoll Pilze gekauft. Die Wirkung ist überaus erfreulich. »Während
der nächsten fünf Stunden wurde ich durch eine Erfahrung gewirbelt, die man in vielen fantastischen Metaphern beschreiben
könnte, die aber vor allem und ohne Frage die tiefste religiöse
Erfahrung meines Lebens war.«
Nach dieser ersten Exkursion durch den »inner space«
schwört Leary, den Rest seines Lebens »der systematischen Erforschung dieses neuen Instruments zu widmen«. Er nimmt
alles, Psilocybin, Marihuana, Peyote, Mescalin und schließlich
das potenteste aller verfügbaren Halluzinogene, LSD 25, das
der Schweizer Biochemiker Albert Hofmann 1938 mehr oder
weniger zufällig entdeckt, als er nach einem Schmerzmittel
gegen Migräne sucht. Die »religiöse Erfahrung« seiner psyche142
delischen Initiation beeinflusst seine Forschungen von Anfang
an auf ungute Weise. LSD wird bei ihm zum »Sakrament«, das
dem modernen Menschen seine verlorene Spiritualität zurückzugeben imstande ist. Sein Messianismus ruft bald Kritiker auf
den Plan, sogar aus dem eigenen Counterculture-Milieu. So
macht sich Robert Crumb schon früh in seinen Comics lustig
über ihn.
Das »Playboy«-Interview ist nicht seine erste Reklameschrift,
aber seine bis dahin wohl wirkungsvollste. Leary verklärt hier die
Säure zu einem Allheilmittel. Sexuelle Perversionen, Homosexualität, Frigidität, psychische Erkrankungen – alles kein Problem
mehr. Die psychotherapeutische Wirkung der Droge ist aber nur
ein hübscher Nebeneffekt. In erster Linie macht sie einen alten
Menschheitstraum wahr: Sie erlaubt dem Drogenesser, die phylogenetische Leiter hinabzusteigen, zurück zum Anfang. LSD
wird zu einem Sprungbrett in die Glück verheißende Ursuppe.
Wo Subjekt und Objekt in eins fallen, wo noch kein Verstand ist,
der uns von dem göttlichen Urzustand immer weiter entfernt.
»In Ihrem DNS-Code haben Sie die genetische Geschichte Ihres
Vaters und Ihrer Mutter. Sie geht zurück, zurück, zurück durch
die Generationen, durch die Äonen. Ihr Körper trägt einen Protein-Bericht über alles, was Sie seit dem Augenblick erlebt haben,
in dem Sie als einzelliger Organismus empfangen wurden. Es ist
eine lebende Geschichte über jede Form der Energie-Umwandlung auf diesem Planeten, bis zurück zu dem Blitzstrahl im präkambrischen Schlamm, der den Lebensprozess vor über zwei Billionen Jahren angefacht hat.«
Diese in den Zellen gespeicherten Informationen können
»während einer LSD-Erfahrung in das Bewusstsein geblitzt werden« – ein überwältigendes transzendentales Erlebnis, das den
»Tripper« nachdrücklich verändert, sein Bewusstsein dekonditioniert und erweitert. Er erkennt die kleinlichen, ephemeren
Zwänge, Prinzipien und Repressionen seiner Gesellschaft als das,
was sie sind.
143
So kommt Leary zu seiner zentralen triadischen Lehre, die dieser große PR-Stratege zum griffigen Slogan »Turn on, tune in, drop
out« eindampft: »›Turn on‹ bedeutet, Verbindung mit den alten
Energien und Weisheiten aufzunehmen, die in das Nervensystem
eingebaut sind. ›Tune in‹ heißt, sich diese Perspektive nutzbar zu
machen und in einem harmonischen Tanz mit der äußeren Welt
zu verbinden. ›Drop out‹ bedeutet, sich vom Stammesspiel zurückzuziehen«, endlich klar zu sehen, »dass die amerikanische
Gesellschaft zu einem Ameisenhaufen mit Klimaanlage wird.«
Und die Aussicht ist tatsächlich mehr als verlockend: »Eine Generation schöpferischer Jugendlicher lehnt es ab, im Gleichschritt zu
marschieren, weigert sich, ins Büro zu gehen, Ratensparverträge
zu unterzeichnen, sich in die Tretmühle zu begeben.«
Das ist Learys Glaubensbekenntnis oder, wie er es bezeichnet,
»Politik der Ekstase«.
Als der »Playboy«-Reporter ihn trifft, lebt er in Millbrook, New
York, in einer mondänen 64-Zimmer-Villa, die ihm ein junger
Hippie-Millionär und überzeugter LSD-User überlassen hat und
die sich zu einer Art Wallfahrtsort entwickelt. Noch ist seine Aura
in der Szene unangetastet. Vielmehr scheint er sich gerade zu einer
Art Hippie-Märtyrer zu entwickeln. Im Dezember des Vorjahres
haben Zollbeamte ihn und seine Tochter an der Grenze nach Mexiko mit 14 Gramm Marihuana hochgenommen. Aufgrund des
restriktiven Marihuana-Tax-Acts drohen ihm 33 Jahre Gefängnis.
Ein Berufungsverfahren ist anhängig. Das Gesetz wird dann zwar
drei Jahre später vom »Obersten Gerichtshof« als verfassungswidrig gekippt, aber das ahnt derzeit noch keiner. Es sieht nicht rosig
aus für ihn.
Und letztlich geht der »psychedelische Kampf« auch verloren. Seine sozialpolitischen Prophezeiungen bewahrheiten sich
nicht – wegen des von ihm durchaus erkannten massiven Widerstands »des autoritären Mittelklasse-Establishments«. Einen
Monat nach Erscheinen des Interviews kommt LSD in Kalifornien auf den Index. Die anderen Bundesstaaten und der Rest der
144
Welt schließen sich dem Verbot bald an. »Heute gibt es keine
Substanz, die schärfer verboten ist als LSD«, beklagt sich später
sein Erfinder Albert Hofmann. »Nicht einmal Ärzte haben dazu
mehr Zugang, sie können es auch nicht, wie Morphin, kontrolliert
beziehen. Schon die Herstellung ist verboten. So wie Besitz und
Anwendung. Ein Totalverbot.«
Und so setzt sich LSD als »zentrale Erziehungsmethode der Zukunft« doch nicht durch. Aber in einem Punkt immerhin behält
Leary recht: »Der LSD-Kult hat in der amerikanischen Kultur bereits revolutionäre Veränderungen hervorgebracht.« Dieser »neue
psychedelische Stil« habe »nicht nur einen neuen Rhythmus in
die moderne Musik gebracht, sondern auch eine neue Dekoration in unsere Diskotheken, eine neue Art des Filmens, eine neue
kinetische, visuelle Kunst, eine neue Literatur, und er hat damit
begonnen, eine Überprüfung unseres philosophischen und psychologischen Denkens zu erzwingen.«
No mark! Muhammad Ali ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, kann aber wieder mal seinen Mund nicht halten. Er,
der später über sich sagen wird, er wolle der »eine Nigger« sein,
»den der weiße Mann nicht kriegt«, dichtet der Musterungsbehörde seiner Heimatstadt Louisville ein paar Verse, als die ihn im
Februar für kriegstauglich erklärt: »Keep asking me, no matter
how long / On the war in Viet Nam, I sing this song / I ain’t got no
quarrel with them Viet Cong.«
Ein Jahr später wird er sogar noch einen Schritt weitergehen
und den Kriegsdienst verweigern. »Nein, ich werde nicht 10 000
Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu
ermorden und niederzubrennen«, lässt er sich vernehmen, »nur
um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren
Völker der Welt sichern zu helfen.« Das führt zur Aberkennung
seines Weltmeistertitels und zu einem dreijährigen Verlust der
Boxlizenz. So weit ist es noch nicht, aber sein Poem empört die
145
Patrioten. Ein bereits terminierter Kampf gegen Ernie Terrell
muss abgeblasen werden, weil sowohl der Bürgermeister von Chicago als auch der Gouverneur von Illinois ihr Veto einlegen. In
den Vereinigten Staaten will man einen solchen Landesverräter
nicht mehr in den Ring lassen, also arrangiert sein Management
erst mal ein paar Kämpfe außerhalb der USA, damit sich die Wellen glätten.
Ende März besiegt er in Toronto George Chuvalo. Im Mai
boxt er in London gegen Henry Cooper und bezwingt ihn in
der sechsten Runde nach technischem K. o. Ein Vierteljahr später, noch einmal in der britischen Hauptstadt, ist Brian London
fällig, und zwar bereits nach der dritten Runde. Und jetzt am
10. September geht es gegen den Deutschen Karl Mildenberger
im Frankfurter Waldstadion. Es ist der erste Kampf Alis und zugleich auch der erste Weltmeisterschaftsfight im Schwergewicht
auf deutschem Boden.
Mildenberger trägt den Europameistertitel, trotzdem wird er
als großer Außenseiter gehandelt. Seine Verächter schimpfen ihn
»Karl den Flachen«, weil er sich vier Jahre zuvor von dem Engländer Dick Richardson in der ersten Runde hat ausknocken lassen.
Seine Fans nennen ihn »Milde«, auch nicht besonders angsteinflößend. Entsprechend fallen die Wetten gegen ihn aus. Man gibt
ihm eine oder zwei Runden gegen den »Größten«, allenfalls drei,
mehr wären eine Sensation! Nur Alis Trainer Angelo Dundee hält
sich lieber an die Fakten. »Mildenberger ist die Nummer vier der
Weltrangliste«, gibt er zu bedenken. »Außerdem hat der Champ
seine Probleme mit diesen verfluchten Rechtsauslegern.«
Mehr als 20 000 Zuschauer sind ins Frankfurter Waldstadion
gekommen. Die Sympathien sind gleich verteilt. Mildenberger ist
der Lokalmatador und Underdog, dem man die Daumen drückt,
keine Frage. Jeder Treffer von ihm wird denn auch mit frenetischem Jubel bedacht.
Aber Ali ist der Champ, der schwebt wie ein Schmetterling und
sticht wie eine Biene, den man wegen seiner eleganten Technik,
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enormen Schnelligkeit und Schlagkraft bewundert – und der eine
Ahnung davon vermittelt, dass es beim Boxen um weitaus mehr
gehen könnte als ums Boxen.
Es spreche einiges dafür, meint Joyce Carol Oates in ihrem
Essay »Über Boxen«, »dass sich Boxer gegenseitig bekämpfen,
weil ihnen die Gegner, auf die sich ihre Wut tatsächlich richtet,
nicht zugänglich sind. Es gibt kein einziges politisches System,
in dem das Schauspiel zweier miteinander kämpfender Männer
nicht offenkundig, wenn auch absichtslos, für etwas anderes steht:
für die politische Ohnmacht der meisten Männer (und Frauen).
Man bekämpft, was einem am nächsten liegt, was verfügbar ist,
was sich anbietet.«
Im Falle Alis ist es offensichtlich, dass es sich um eine Ersatzhandlung handelt. Dieser Enkel eines Sklaven legt seinen »Sklavennamen« Cassius Clay ab und erfindet sich neu als politischer
Popstar. Für das schwarze Selbstverständnis der Zeit ist er von
entscheidender Bedeutung. »Das Boxen war nichts. Es war ganz
unwichtig. Das Boxen war bloß dazu da, mich der Welt zu präsentieren«, gibt er später zu Protokoll.
Im Frankfurter Waldstadion präsentiert er sich der Welt zunächst einmal schlecht gelaunt. Mit düsterem Killerblick mustert
Ali seinen Gegner beim Fotoshooting, so als wüsste er schon, was
auf ihn zukommt, während sich Mildenberger mit gewinnendem
Lächeln in der Popularität zu sonnen scheint. Das ist der Höhepunkt seiner Karriere, das weiß er, ganz egal wie dieser Kampf
ausgeht.
Dundee darf sich zunächst bestätigt fühlen – diese verfluchten Rechtsausleger. Ali hat sichtlich Probleme in den ersten fünf
Runden, auch weil Mildenberger aggressiv anfängt und ihn mit
ein paar mächtigen linken Schwingern durchklopft. Das Frankfurter Publikum wittert seine Chance und feuert ihn an. »MILDE,
MILDE!« Was für ein Schlachtruf.
Aber am Ende der fünften Runde dreht auch Ali endlich auf und
faltet den Deutschen kurz zusammen. Nach der achten Runde ist
147
Mildenbergers linke Augenbraue angeschwollen. Ali versucht mit
weiteren Treffern der Augen den Schaden zu vergrößern. Durch
die Sichtbehinderung gehandicapt, hat der Deutsche nun deutliche Probleme. Einmal holt ihn Ali kurzzeitig von den Beinen,
aber in der zehnten Runde kommt er noch einmal zurück. Offener Schlagabtausch. Beiden sieht man die Wirkung der Schläge
an, auch Ali hat zu beißen, aber kurz vor dem Gong schickt er
Mildenberger noch einmal mit einer trockenen rechten Geraden
auf die Bretter. Jetzt schwillt auch noch dessen rechtes Auge zu,
und Ali macht weiter mit seinem Zermürbungswerk. Mitte der
zwölften Runde geht Mildenberger infolge massiver Kopftreffer
stehend k. o. Ringrichter Teddy Waltham bricht den Kampf sofort
ab. »Ich habe auf beiden Augen nichts mehr gesehen«, wird er
später einräumen. »Es war schon gut, dass der Ringrichter den
Kampf abgebrochen hat.«
»Cassius Clay bleibt vorerst der Größte, aber es war sein härtester Fight«, bramarbasiert danach die »UFA Wochenschau«. »Karl
Mildenberger aber hat sein Versprechen gehalten, er lieferte den
besten Kampf seines Lebens.« Und wird dafür vom Publikum
auf Händen getragen und wie ein Held gefeiert. Ali selbst, so berichtet später der Sportreporter Hartmut Scherzer, der schon in
den Katakomben auf ihn wartet, geht zuallererst zum Spiegel und
streicht sich wohlgefällig übers Gesicht. »No mark!«
Aber er findet später sehr freundliche Worte für seinen Kontrahenten. »Mildenberger ist ein wahrer Gentleman, der zweitschnellste Schwergewichtler der Welt, der am besten aussehende
weiße Boxer. Ich bin erst in der zwölften Runde mit ihm fertig
geworden, in einem Kampf, von dem jedermann geglaubt hatte,
ich würde leichtes Spiel haben.«
Seine Heimatstadt Kaiserslautern bereitet Mildenberger ein
paar Tage später einen triumphalen Empfang. 30 000 Menschen
säumen die Straßen, als er in offener Mercedes-Limousine,
winkend und mit Sonnenbrille, nach Hause kommt. So als hätte
er gewonnen.
148
Dann sprechen die Lichtkanonen Im deutschen
Fernsehen ist sogar die Zukunft immer noch schwarz-weiß. Eine
fliegende Untertasse mit schnittigen Spoilern und pulsierender
Leuchtkuppel nähert sich einem Planeten und geht in den Sinkflug über, schwebt in leichter Schräglage über eine zerklüftete
Mondlandschaft. Realiter sind es die Abraumhalden des Braunkohlebergwerks Peißenberg bei München. In der nächsten Einstellung steht das Raumschiff mit ausgefahrenem Landebolzen
inmitten dieser unwirtlichen Gegend, und ein Teil der Besatzung
geht auf Erkundungsspaziergang. Währenddessen verliest Claus
Biederstaedt den Off-Text.
»Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen«, intoniert
er sanft, tatsächlich ein bisschen wie ein Märchenonkel. »Es gibt
keine Nationalstaaten mehr, es gibt nur noch die Menschheit
und ihre Kolonien im Weltall. Man siedelt auf fernen Sternen,
der Meeresboden ist als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch
unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe
unser Milchstraßensystem. Eins dieser Raumschiffe ist die Orion,
winziger Teil eines gigantischen Sicherheitssystems, das die Erde
vor Bedrohungen aus dem All schützt. Begleiten wir die Orion
und ihre Besatzung bei ihrem Patrouillendienst am Rande der
Unendlichkeit!«
Dass es dabei, ganz wie in einem Grimm’schen Märchen, nicht
zimperlich zugeht, zeigt der Vorspann auch noch. Auf einem
überdimensionierten Rundbildschirm beobachtet ein futuristisch Uniformierter die Zielerfassung, im nächsten Bild explodiert eine Raumstation und danach gleich ein ganzer Planet. Die
Kritik ist von Anfang an nicht gut zu sprechen auf »Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion«,
die erste Science-Fiction-Serie im deutschen Fernsehen. Die
»Frankfurter Allgemeine Zeitung« erkennt Klischees »eines öden
Raum-Feldwebel-Denkens«. Sogar das böse Wort »faschistisch«
fällt gelegentlich.
149
Der Vorwurf stimmt aber nur auf den ersten Blick. Es gibt sie
durchaus, diese laut hackenschlagenden, stramm seitengescheitelten und betont zackig auftretenden deutschen Militärs, aber
ihnen wird doch immer wieder eine lange Nase gedreht. Zum
einen durch den Helden der Serie, Commander Cliff Allister
McLane, einem Abenteurer und Freigeist, der keine Möglichkeit
zur Insubordination ungenutzt lässt und mit einem süffisanten
Lächeln auf die militärische Befehlskette pfeift, wenn es spannend
zu werden verspricht oder eine Entscheidung seine Moralvorstellungen verletzt. Zum anderen durch seinen geheimen Verbündeten Oberst Villa, den Oberbefehlshaber des galaktischen Sicherheitsdiensts, die fleischgewordene Vernunft sozusagen, der sich
schon in der ersten Folge eine hübsche Verbalschlacht mit der
galaktischen Heeresleitung liefert.
Aliens haben den irdischen Außenposten MZ-4 in ihre Gewalt
gebracht, und die Militärs wollen naturgemäß sofortige Vergeltung.
»Ich habe die erste und zweite Raumflotte in Alarmbereitschaft
versetzt und bitte um Freigabe des Einsatzbefehls.«
»Ich weiß nicht, ob das die richtige Maßnahme ist«, warnt Villa.
»So? Und was sollen wir Ihrer Meinung nach tun? Warten, bis
sie auch die anderen Basen besetzen?«
»Ich halte es für verfrüht, strategische Maßnahmen gegen einen
Gegner zu ergreifen, von dem wir noch nicht mal genau wissen,
ob es überhaupt ein Gegner ist.«
»Der urplötzlich vor unserer Haustür auftaucht und gleich die
Besatzung von MZ-4 eliminiert. Halten Sie das etwa für gute Manieren?«
»In einem Kosmos, dessen Anzahl von Milchstraßensystemen
wir nicht einmal annähernd schätzen können, da werden Sie doch
nicht erwarten, dass unsere Vorstellung von guten Manieren allgemeinverbindlich ist«, belehrt ihn Villa kopfschüttelnd.
»Aber dass wir nicht mal eine Ahnung von ihnen hatten.«
»Wir erhalten doch seit Jahrhunderten Nachrichten von fremden Welten, die …«
150
»Diese fremden Welten sind mir egal, solange sie uns in Ruhe
lassen.«
»Gerade diese Einstellung halte ich, mit Verlaub gesagt, für
etwas antiquiert«, meint Villa mit feinem Lächeln.
»Ich muss doch sehr bitten!«
Aber jetzt wird Villa erst richtig warm.
»Es ist doch wirklich seltsam, mit unserem Fortschritt haben
wir Kolonien auf dem Mars und sonst wo errichtet, aber die Einstellung unserer Generale, die ist seit Jahrtausenden dieselbe: Wir
sind wir! Und taucht irgendjemand anderes auf, dann sprechen
eben die Lichtkanonen.«
Gut gegeben!
Und wenn dann auch noch der Befehlshaber der Terrestrischen
Raumaufklärungsverbände (TRAV), eine vierschrötige, cholerische Göring-Type, General Wamsler heißt und sein speichelleckerischer Adjutant wahrhaftig und tatsächlich Spring-Brauner,
dann ist der das Militär verhohnepipelnde Subtext doch schon
beinahe mit Händen greifbar.
Die USA und UdSSR sind schon viele Jahre dabei, den Kalten
Krieg ins Extraterrestrische auszudehnen. Das Rennen zum Mond
soll letztlich auch die Frage entscheiden, welches der konkurrierenden Systeme Zukunft hat. Wie immer reagiert die populäre
Kultur am schnellsten auf solche weltpolitischen Reizamplituden –
durch Aneignung. In Comics, Romanheftchen, Magazinstrecken,
Science-Fiction-Filmen avanciert der Weltraum in den frühen
Sechzigern zum exotischen Abenteuerspielplatz für die stets etwas
kindliche Fantasie des Populären. Das deutsche Fernsehen als Bildungsanstalt braucht da naturgemäß länger, und so liegt das OrionKonzept des Drehbuchschreibers Rolf Honold erst mal ein paar
Jahre in den Schubladen der Bavaria. Die Sender trauen sich nicht
so recht heran an den trivialen Stoff, und man scheut auch die Produktionskosten eines solchen Ausstattungsfilms, die sich nur durch
hohe Einschaltquoten rechtfertigen lassen. Und die sind keineswegs gewiss, man hat schließlich keine Erfahrung mit dem Genre.
151
Der WDR greift erst zu, als die Bavaria mit der französischen
Rundfunkanstalt ORTF einen potenten Co-Produzenten an Land
zieht. Honold und ein paar andere Regisseure und Produzenten,
die sich hinter dem Sammelpseudonym W. G. Larsen verbergen,
arbeiten jetzt die Drehbücher aus. Und die verraten zunächst einmal Gespür für ein suggestives Zukunftsidiom. »Magnetkissen
fluten«, befiehlt McLane seinem Bordingenieur Hasso Sigbjörnson, und in allerhöchster Not auch schon mal »Rücksturz zur
Erde«. Sogar ein bisschen Augenzwinkerei leisten sich die Autoren. Hasso fragt seinen Freund, den »Astrogator« Atan Shubashi,
am Ende des ersten Abenteuers. »Sag mal, Atan, das Ganze war
doch wohl nur ein böser Traum, was?« »Viel schlimmer«, meint
Shubashi, »das war Science-Fiction!«
Die Plots sind noch nicht auserzählt, da wird bereits der Filmarchitekt Rolf Zehetbauer mit seinem Team ins Boot geholt. Man
klappert Schreibgeschäfte, Eisen- und Haushaltswarenläden ab,
um mit Uhrpendeln, Wasserhähnen, Plastikbechern, Lüftungsrohren, Bleistiftanspitzern, Garnrollen und nicht zuletzt dem bald
auch als solchem identifizierten Bügeleisen den Kommandostand
eines Raumschiffs halbwegs kostengünstig und dennoch für zeitgenössische Augen ziemlich eindrucksvoll auszustatten. Eine gerade erst erfundene Technologie zum Formen von Kunststoffen
leistet Zehetbauer ebenfalls gute Dienste. Das mondäne StarlightCasino auf dem Meeresgrund, wo Riesenfische durch die Rundfenster glotzen und die Raumsoldaten im hautengen Dress den
»Galyxo« tanzen, gehört zu seinen überzeugendsten Interieurs.
Man ist denn auch einigermaßen stolz auf das Set, immer wieder
leiten kleine atmosphärische Kameraschwenks durch die Räumlichkeiten Szenenwechsel ein.
Von Mitte März bis Ende Juli 1965 dauern die Dreharbeiten,
danach dürfen sich die Tricktechniker um Theodor Nischwitz
noch ein halbes Jahr austoben, am Ende füllen sie rund ein Fünftel der Serie mit ihren direkt ins Filmmaterial geritzten Laser- und
Omikronstrahlen, den Lichtstürmen, Supernovas und Overkills.
152
Eine der spektakulärsten und deshalb ständig wiederholten Sequenzen zeigt den Start der Orion aus der Tiefenbasis 104. Das
Raumschiff steigt von einem mit umgedrehter Kamera gefilmten
Brausetabletten-Blubbern begleitet an die Oberfläche und erhebt
sich aus einem gigantischen Wasserstrudel in den Weltraum. Das
Fernsehvolk ist hingerissen.
Am Samstag, dem 17. September, gleich nach der »Tagesschau«,
also zur besten Sendezeit, geht die »Raumpatrouille« erstmals auf
Sendung. Danach folgen in zweiwöchentlichem Abstand weitere
sechs Folgen, die letzte läuft am 10. Dezember. Danach ist Schluss.
Und das obwohl die Serie die Straßen der Republik leer fegt. Bis zu
56 Prozent der Fernsehzuschauer kleben zeitweilig an den Bildschirmen, wenn die Besatzung des schnellen Raumkreuzers Orion sich
gegen wabernde Energiewesen, die »Frogs«, zur Wehr setzen, rebellierende Bergbau-Roboter zur Räson bringen, die Welt vor einem
Planeten auf Kollisionskurs und einmal sogar ein ziemlich heißes
außerirdisches Matriarchat vor der Vernichtung durch die eben
auch zukünftig noch ziemlich kriegerischen Erdlinge retten muss.
Mit den Frauen auf der Orion hat es sowieso eine besondere
Bewandtnis. Sie tragen alle dieselbe, utopische Extravaganz suggerierende Helmfrisur mit diesem halbmondförmigen WangenSchisslaweng und eine etwas matrjoschkahafte Rock-StiefelKombination. Von Gender-Mainstreaming kann also noch keine
Rede sein. Aber immerhin scheint die Emanzipation vollends
gelungen in der Zukunft. Der mit Dietmar Schönherr kongenial
besetzte Ladykiller und Lausbub McLane hat eine Chefin, die ihm
herzlich zugetane, seine Eskapaden tolerierende Befehlshaberin
der schnellen Raumverbände, General Lydia van Dyke, die Charlotte Kerr mit befehlsgewohntem Selbstbewusstsein und souveräner Schlagfertigkeit ausstattet.
Sie versucht ihren Untergebenen zu schützen, aber nach seiner
befehlswidrigen Landung auf dem zweiten Jupitermond Rhea,
»eine raumfahrttechnische Meisterleistung«, wie van Dyke verschmitzt anmerkt, kann sie eine Strafversetzung nicht mehr ver153
hindern. Er muss wieder zurück in den Streifendienst, sich um
die »Raumverkehrsüberwachung und -sicherung im Raumsektor 219/33/9« kümmern. Eigentlich ein Job für Anfänger. Und zu
allem Überfluss bekommt er auch noch eine Aufpasserin an die
Seite gestellt, die betont beherrschte Tamara Jagellovsk, gespielt
von der wunderbaren Eva Pflug, die ihre überlegene Coolness mit
lässiger Ironie und spöttischem Widerspruchsgeist kontert, was
ihr bei der restlichen Crew sofort die Spitznamen »Roboter« und
»Eisblock« einträgt. Als Leutnant des galaktischen Sicherheitsdiensts soll sie McLane auf die Finger schauen und von weiteren
Husarenstücken abhalten. Sie ist befugt, in Ausnahmesituationen
eine »Alpha-Order« zu erteilen, der er Folge zu leisten hat, und
sie macht auch mehrfach davon Gebrauch. Jagellovsk ist – als eine
Art Mrs. Spock – McLanes ebenbürtige Gegenspielerin an Bord,
und die von Anfang an erotisch unterfütterten Meinungsverschiedenheiten der beiden, die sich in nicht unebenen Wortgefechten
entladen, sorgen neben den abenteuerlichen Einsätzen zusätzlich
für Spannung. Dass sie am Ende als Paar aus den Einsätzen hervorgehen, ahnt man früh, aber Jagellovsk muss sich dafür keineswegs unterordnen. Sie bleibt die aufreizend selbstgewisse, wortgewandte, mit ihrem Intellekt McLane alleweil aus der Reserve
lockende Frau in gleichberechtigter Position.
Das hat die Männer damals nicht sehr amüsiert, erzählt Eva
Pflug später in Interviews. Sie nimmt für sich in Anspruch, ein
neues weibliches Rollenmodell zumindest mitgeprägt zu haben.
»Waschkörbeweise Briefe« seien damals eingegangen, »und es
waren fast immer Mädchen. Und da hab ich dann mal eine, die
jetzt drei Staatsexamen hat, gefragt: Du, sag mal, wieso wart ihr
eigentlich so auf mich konzentriert?« Ihr weiblicher Fan habe darauf geantwortet: »Du warst das, was wir sein wollten. Du hast dich
durchgesetzt. Du warst ein völlig neuer Typ, was wir gar nicht
fassen konnten, dass man so sein könnte. Und dann haben wir alle
versucht, so zu werden.« »Aber es ist nicht vielen geglückt«, ahnt
Pflug. »Mir ja auch nicht.«
154
Die Aufmerksamkeit, die der Orion zuteilwird, ist enorm. Die
Printmedien verdienen da gerne mit und bringen Frisiertipps
für die Dame von übermorgen, machen sich mit betont spitzen
Fingern lustig über den »Weltraum-Kitsch« oder erfinden eben
eine »Hausfrau«, die »56jährige Henny P. aus Brake (Unterweser)«, die sogar »bei einem Facharzt in Behandlung« ist, weil sie
meint: »Ich werde von ›Frogs‹ verfolgt!« Ignorieren können sie
es alle nicht.
Auch die Zweitverwertung lässt nicht lange auf sich warten.
Peter Thomas’ Musik-Score »New Astronautic Sound« erscheint
als Schallplatte, es gibt Orion-Spiele, McLane-Trinkgläser etc. –
nur keine neuen Folgen.
Aufregender als ein Bajonett Im März und April
des Jahres hat der kriegsbesoffene Staff Sergeant Barry Sadler die
US-Single-Charts beherrscht, mit »Ballad Of The Green Berets«,
seinem Lobgesang auf die Special Forces. Selbstredend kann man
nach dem Song auch marschieren.
Fighting soldiers from the sky
Fearless men who jump and die
Men who mean just what they say
The brave men of the Green Beret
Silver wings upon their chest
These are men, America’s best
One hundred men we’ll test today
But only three win the Green Beret
Trained to live, off nature’s land
Trained in combat, hand to hand
Men who fight by night and day
Courage deep, from the Green Beret
155
Sie nehmen nur die besten drei Prozent, das ist ja klar, denn wo
man sie hinschickt, kann man Schisshasen nicht gebrauchen.
Das wirklich Perfide an diesem Stück ist aber der Schluss, wo
sich endlich der ewige Kreislauf des Kanonenfutters schließt.
Einen dieser Tapfersten hat das Schicksal ereilt, er stirbt im
Kampf für die Erniedrigten, aber an Nachschub ist kein Mangel, denn dem tapferen Weib zu Hause hinterlässt er ja seinen
letzten Wunsch.
Put silver wings on my son’s chest
Make him one of America’s best
He’ll be a man they’ll test one day
Have him win the Green Beret
Ein Land ist im Ausnahmezustand. Anders lässt sich der Erfolg
dieser musikalisch und textlich dummdreisten Patrioten-Litanei nicht erklären. Sadler ist damit auch aufgetreten, in Ausgehuniform, strammstehend und vor Elitekämpferstolz förmlich
brummend.
Tuli Kupferberg, mit Ed Sanders Gründer der Kabarett-RockTruppe The Fugs, muss sich das Skrotum zusammengezogen
haben vor Widerwillen. Er schreibt ein Gedicht, das sich fast wie
eine Antwort liest auf Sadlers Ballade, jedenfalls einen gänzlich
anderen Problemlösungsvorschlag parat hält. Marschieren kann
man danach auch nicht.
Bajonett Drill
Fick dich Präsident Johnson
Ne, ich meine lieb dich
Ich meine ist das nicht schon Krieg?
Ich glaube du kriegst zu wenig gute Liebe, stimmts
& ich übrigens auch
& Mao Tse Tung kriegt auch nicht genug
156
oder Ho Chi Minh
& man kann nicht gerade gut ficken bei einer Schüssel Reis pro Tag
& was ist mit McNamara?
Man müßte einen internationalen Fick Tag haben
& einen Trupp Beatnik F (für Frieden) Mädchen
Fickt für den Frieden
& nach all dem Liebe-machen
Herr Präsident
Herr Diktator
7 Frau Chiang Kai Nu
können wir uns vielleicht einigen
daß Brust an Brust
noch aufregender ist
als ein Bajonett
Robert Strange McNamara ist der derzeitige US-Verteidigungsminister, Chiang Kai Nu eine offenbar imaginierte Nebenfrau des
für seine Frauengeschichten bekannten chinesischen Politikers
Chiang Kai-shek.
Das Gedicht ist eine albern-poetische Paraphrase der Thesen
Wilhelm Reichs, die Kupferberg hier satirisch runterbricht zu so
einer Art Bonobo-Prinzip. Und das will er als Allheilmittel gegen
den Vietnamkrieg, gegen jegliche Art von kriegerischer Auseinandersetzung verstanden wissen. Weit ist es nicht mehr von diesem Gedicht zum Spruchband »Make love, not war«. Der ProtestEvergreen wird aber angeblich erst im Jahr darauf erfunden – und
folglich kann auch erst dann Ronald Reagan in unnachahmlicher
Weise kontern: »Diese Leute schreien ›Make love, not war‹. Sie
sehen aus, als könnten sie keins von beiden.«
So ein Gedicht kann naturgemäß in keiner herkömmlichen
Zeitung erscheinen. Um solche vaterlandslosen Gesellenstücke
lesen zu können, haben Walter Bowart und seine Leute im Jahr
zuvor die New Yorker Underground-Zeitung »The East Village
157
Other« gegründet, die mit ihrem wilden Mix aus alternativem
Journalismus, Comics und Poesie sofort zu einer der wichtigsten Publikationen der jungen Counterculture avanciert. Zeichner
wie Manuel »Spain« Rodriguez, Robert Crumb, Kim Deitch und
Gilbert Shelton können hier ihre durchgeknallten Sachen publizieren. Aber eben auch Szeneliteraten wie Ed Sanders und Tuli
Kupferberg. Am 15. September erscheint Nummer 20 der »EVO«
mit Kupferbergs Gedicht. Ralf-Rainer Rygulla hat diese hübsche
Kleinigkeit dann übersetzt und in seine Anthologie »Fuck You!
Underground-Gedichte« (1968) aufgenommen.
Er ist tot, Jim! Der Pilotfilm von »Star Trek« hat mit der
späteren Serie noch nicht so viel zu tun. NBC lehnt »The Cage«
auch ab. Vor allem der Plot gefällt der Sendegesellschaft nicht.
»Westward Ho!« im Weltraum hat Gene Roddenberry versprochen. Stattdessen liefert er einen komplex erzählten, etwas langatmigen Mummenschanz über das uralte, überlegene Kulturvolk der
Talosianer, die einst ihre Zivilisation in die Luft gejagt, den Planeten unbewohnbar gemacht, sich deshalb unter die Oberfläche verzogen und dort angesichts der Enge ihre telepathisch-imaginativen Fähigkeiten weiterentwickelt, ihre handwerklichen allerdings
vergessen haben und deshalb nun eine Sklavenrasse brauchen,
die ihnen die Arbeit abnimmt. Da kommt die U.S.S. Enterprise
gerade recht. Vor allem Captain Christopher Pike (Jeffrey Hunter), ein entschieden wohlgeratenes Exemplar seiner Gattung, mit
dem die Zucht beginnen soll. Die großen Träumer und Illusionisten vom Planeten Talos IV verschließen aber nicht den Blick vor
der Realität und erkennen, dass die unbändige Freiheitsliebe der
menschlichen Gattung sie für eine Sklavenexistenz unbrauchbar
macht. Deshalb ergeben sie sich schließlich ihrem Schicksal, dem
Untergang, denn irgendwann gehen zwangsläufig die lebenserhaltenden Maschinen kaputt, und die können sie mit ihren zwei
linken Händen nicht mehr reparieren.
158
Wer totale Kopfarbeiterwesen erschafft, darf sich nicht wundern, wenn ihre Belange den Senderverantwortlichen »zu verkopft« vorkommen. Vielleicht gefällt denen aber auch die medienkritische Stoßrichtung dieser Allegorie nicht so recht. Eine
Stubenhockerrasse, die sich in ihrer selbst erschaffenen imaginativen Welt verliert und deshalb schließlich den Anforderungen
des Lebens nicht mehr gewachsen ist – beim Fernsehen kann man
das nur allzu leicht als kulturpessimistische Desavouierung der
eigenen Arbeit verstehen. Später hat Roddenberry gern darauf
hingewiesen, dass er – wie jeder gute Science-Fiction-Autor – die
utopische Kulisse stets auch genutzt habe, um allerlei zeitkritische Kommentare »über Sex, Religion, Vietnam, Gewerkschaften, Politik und Intercontinentalraketen« abzugeben, und dass
sie »beim Network unbeanstandet durchgerutscht« seien. Hier
offenbar noch nicht.
Aber etwas anderes missfällt ebenfalls. »Number One« (Majel
Barrett), der erste Offizier an Bord, ist eine Frau. Und sie verfügt
nicht nur über militärische Befehlsgewalt, sondern auch über
einen scharfen Verstand und überdurchschnittliche emotionale
Beherrschung. Der spitzohrige, diabolische Wissenschaftsoffizier Mr. Spock (Leonard Nimoy) hingegen darf hier noch mit
einem breiten Grinsen auflaufen. Eine vernunftbestimmte Frau,
noch dazu so weit oben in der Hierarchie – das ist den Geldgebern denn doch zu utopisch. Wir sind schließlich nicht im
Raumschiff Orion.
Roddenberry muss nachbessern. Und beim zweiten Versuch »Where No Man Has Gone Before« schlägt NBC endlich
zu. Mr. Spock rückt einen Rang auf und übernimmt die Eigenschaften der weiblichen Nummer eins, mutiert nun also langsam zum rationalistischen, affektreduzierten Halbvulkanier
und Stellvertreter des Captains, als der er ins populäre Kollektivgedächtnis eingeht. Alle anderen Schauspieler und Figuren
werden ausgetauscht. Weil Jeffrey Hunter gerade anderweitige
Rollenverpflichtungen hat, bekommt William Shatner als Cap159
tain James T. Kirk das Kommando. »Pille« alias Dr. Leonard
McCoy (DeForest Kelley) ist noch nicht an Bord, und Hikaru
Sulu (George Takei) begegnet einem hier als Astrophysiker und
nicht als Steuermann, aber so nach und nach findet sich jetzt die
Stammmannschaft zusammen – mit Pavel Chekov (Walter Koenig) als Navigator, Montgomery »Scotty« Scott (James Doohan)
als Chefingenieur und Lieutnant Uhura (Nichelle Nichols) als
Kommunikationsoffizierin.
Den TV-Einstand feiert »Star Trek« am 22. September 1966
mit der fünften Folge »The Man Trap«, die den Mainstream-Erwartungen der NBC-Entscheider offenbar am ehesten entsprochen hat. Immerhin bekommen Kirk und Co. es hier mit einem
seltenen Formwandler-Alien zu tun – »Das Letzte seiner Art«
heißt die synchronisierte Fassung –, das sich von Salz ernährt
und aus reiner Not vampirisch bei den Besatzungsmitgliedern
gütlich tun muss. Mit einem solchen veritablen Weltraummonster schließt die Folge an altbekannte Science-Fiction-Motive
der Fifties an. Insofern ist sie als Serien-Teaser tatsächlich gut
geeignet. Sie moderiert gewissermaßen zwischen Tradition und
Innovation.
Und die gibt es durchaus. Vor allem in der ersten Staffel ist die
Realität oft trügerisch, eine durch technische Tricks oder paranormale Fähigkeiten des jeweiligen Gegners hergestellte Imagination. Hier zeigt sich der psychedelische Zeitgeist. Menschen auf
Acid wissen, dass sie manchmal ihren eigenen Augen nicht trauen
können. So auch in dieser Geschichte, wenn der Salzvampir sich
nach und nach in diverse Enterprise-Besatzungsmitglieder verwandelt. Und ausgerechnet für den Schiffsmediziner Dr. McCoy
entwickelt sich das Abenteuer dann ja auch zu einem echten Horrortrip. Er muss das Wesen exekutieren, als es gerade die Gestalt
seiner früheren Geliebten angenommen hat.
Vor allem aber besitzen die Charaktere schon jetzt ihre sprachlichen, gestischen, habituellen Eigenheiten, die sich dann bald zu
kleinen Running Gags entwickeln. Mr. Spock etwa wundert sich
160
auf seine ureigene Weise über eine Leiche, der das Salz gänzlich
entzogen worden ist. »Faszinierend!« Und Pille darf sich erstmals
mit erschrockenem Blick an seinen Freund Kirk wenden. »Er ist
tot, Jim!«
In späteren Folgen kann er sich noch ein Sprüchlein sichern.
»Ich bin Arzt und kein …« – wahlweise: »Ingenieur«, »Maurer«,
»Psychiater«, »Pfarrer«, »Bergführer«, »Bergmann«, »Zauberer«
oder »Raumschiffschaffner«. Besonders schön sind seine Variationen. »Wieso Arbeit. Ich bin Arzt!« Oder noch besser: »Ich bin
zwar nur ein Pillendreher, aber McCoys munteren Magentröster
kennt man bis zum Orion.«
»Star Trek« gibt sich zwar betont zukunftsoptimistisch. Alte
Unsitten wie Nationalismus und Rassismus hat die Menschheit
längst überwunden, die Enterprise selbst ist eine MultikultiMikrogesellschaft, und man sucht stets nach einem friedlichen
Ausgleich mit den fremden Spezies. Aber an Kirks oftmals zerrissenen Trikotagen merkt man eben auch, dass noch ein echter Westernheld des 20. Jahrhunderts in ihm steckt, der aus der
Haut fahren kann und gegen eine ordentliche Prügelei absolut
nichts einzuwenden hat – und der dafür von den Frauen geliebt
wird. Immerhin 18 Eroberungen haben die »Trekkies« bei den
79 Folgen der Originalserie gezählt. Also fast in jeder vierten
Folge eine.
Die Stellung der Frau in der Gesellschaft scheint sich denn
auch im Verlauf der Jahrtausende nicht verändert zu haben.
Auf der Enterprise haben sie vor allem die Aufgabe, sich (Kirks)
Minnediensten zu ergeben, mit hysterischem Kreischen Gefahrensituationen anzuzeigen, die Mahlzeiten zu bringen oder wie
Lieutnant Uhura als Telefonistin zu arbeiten. Das ist in etwa der
Stand von 1966.
161
No-1-Hits Oktober
Deutschland
The Beatles: Yellow Submarine (1.10.–31.10.)
England
The Four Tops: Reach Out I’ll Be There (23.9.–27.10.)
The Beach Boys: Good Vibrations (28.10.–17.11.)
USA
The Association: Cherish (24.9.–14.10.)
The Four Tops: Reach Out I’ll Be There (15.10.–28.10.)
Question Mark & The Mysterians: 96 Tears (29.10.–4.11.)
Beat und Prosa Rockmusik wird langsam zum Leitmedium der devianten und – wie die Krawalle am Rand der BravoBeatles-Blitztournee und im Vorjahr auch schon bei den Rolling
Stones gezeigt haben – durchaus auch schon mal handgemeinen
Jugend. Um nicht abgehängt zu werden, versucht die Literatur
zu kollaborieren. Peter Rühmkorf und Michael Naura liefern
die Vorlage mit ihrer Jazz-und-Lyrik-Performance. Aber Jazz ist
mindestens von gestern. Entsprechend neugierig reagiert die Öffentlichkeit, als der Rowohlt-Autor und kommende Literaturstar
Hubert Fichte am Sonntag, dem 2. Oktober, im Hamburger StarClub das Konzept auf den aktuellen Stand bringt.
»Beat und Prosa« steht auf den violetten, vom Verlag großzügig aufgehängten Plakaten. Und tatsächlich teilt sich Fichte die
Bühne mit dem belgischen Bluessänger Ferre Grignard & Co.
und der waschechten Liverpooler Beatband Ian & the Zodiacs.
Da werden an diesem Ort natürlich Erinnerungen wach! Und das
noch aus einem anderen Grund. Fichte liest aus dem Manuskript
seines halb fertigen Romans »Die Palette«. Die gleichnamige, gerade geschlossene und schon legendäre Kneipe am Gänsemarkt,
163
in der sich Künstler, Studenten, Gammler, Schwule und die lokale
Halbwelt trafen, um den Tag zu verbummeln, bekommt ihr literarisches Denkmal. Und so finden sich neben den Musik- und
Literaturinteressierten nicht zuletzt die ehemaligen Stammgäste
der Palette ein.
Die Resonanz ist enorm, der Star-Club mit 1200 Besuchern
ausverkauft. Ein paar hundert Menschen müssen abgewiesen
werden. Der NDR filmt die Show und alle wichtigen überregionalen Tageszeitungen sind vor Ort, um zu sehen, wie sich Beat
und Prosa zusammen auf der Bühne bewähren.
»Würde sich das Beat-Publikum bereitfinden, einen nicht
unkomplizierten Prosatext anzuhören?«, beschreibt Dieter E.
Zimmer in der »Zeit« vom 7. Oktober seine Bedenken. »Wäre
das überhaupt zu vereinbaren: laute Musik und leise Literatur?
Würden vielleicht die Leute von der ›Palette‹ dem einstigen Kumpel verdenken, daß er jetzt, in ähnlichem Milieu vor ihnen, über
ihnen stand, während drei Fernsehkameras surrten, Blitzlichter
blitzten und fünfzehn Mikrophone sich anstrengten, das alles
zu verstärken und festzuhalten? Würde es also betretene Enttäuschung geben oder Radau? Und war das ein schlechter Einfall,
Beat und Prosa zusammenbringen zu wollen?«
Aber die Befürchtungen sind grundlos. Es herrscht »Hochstimmung, als Fichte in Lokaltracht, schwarzer Nappajacke, lila Hemd
auf der Bühne Platz nahm«, berichtet Helmut Salzinger einen
Tag vorher in der »Stuttgarter Zeitung« von seinen Eindrücken.
»Der Beat heizte den Leuten noch etwas ein, ehe Hubert Fichte
ans Mikrophon trat, seine Blätter in den leicht zitternden Händen, und von der guten alten Paletten-Zeit erzählte.« Der Livemitschnitt, den Philipps kurze Zeit später auf Vinyl erscheinen
lässt, bestätigt seinen Stimmungsbericht. »Viele hatten sich auf
ein Schlachtfest gefreut. Vergeblich! Fichte schaffte es, selbst mit
seinen schwierigen Sprachspielen die Leute gefangenzunehmen.
Er beherrscht perfekt den Gammler- und Halbstarken-Jargon
und montierte aus ihm Wortkaskaden nach Walserschem Muster,
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die Heiterkeitsstürme hervorriefen. Er erzählte von Streifzügen
auf St. Pauli, von den langen Haschisch- und Biernächten, von
Ausflügen zu den Abessiniern in Kampen, von Ostermarsch und
Jugendgefängnis, vom Kult der Langeweile und der Ideologie des
Nichtstuns. Das Publikum nahm seine Vergangenheit mit Genugtuung zur Kenntnis.«
Das sieht der Hamburger Schriftsteller Daniel Dubbe genauso.
»Hubert Fichtes Texte waren rhythmisiert, parataktisch. Es hatte
etwas von Beatmusik«, erinnert sich Dubbe. »Und diese Form
kam beim Publikum gut an, die prickelnde Atmosphäre, die der
Star-Club sowieso schon hatte, übertrug sich auf die Literatur –
sie ging nahtlos in die Atmosphäre ein, es war wie Beatmusik sozusagen. Es war ganz was anderes als Jazz und Lyrik, es war einfach härter. Fichtes Literatur passte exakt in den Zwischenraum
zwischen zwei Beatbands.«
Das Experiment gelingt also. »Hier, im ›heiligen Sanktus-Paulus-Village‹, erschlug der Beat die Prosa nicht«, konstatiert Zimmer, »beide koexistierten, mehr: sie machten gemeinsame Sache,
sie dementierten das angebliche Schisma zwischen der Sub-, der
Pop-Kultur, die ihre Kleidung und Sprache und Umgangsformen
hat, und der seriösen, der höheren, der dunkel gekleideten ›eigentlichen‹ Kultur.«
Salzinger geht sogar noch einen Schritt weiter. »Hier scheint
sich ein neuer begrüßenswerter Typus der Dichterlesung herauszubilden. Die etwas gezwungene, akademische Atmosphäre des
vom Blatt abgelesenen Geistes wird durch einen Schuß heißer
Musik entspannt, das Dichterwort von seinem Sockel heruntergeholt. Zweifellos gerät es damit in die Nähe des Showbusiness,
dem die Musik ja sowieso zugehört. Literatur als Show also.« Der
junge Salzinger, der bald darauf für die »Zeit« schreiben und sich
dort nicht zuletzt um Pop-Belange kümmern wird, hat überhaupt
nichts dagegen. »Die Literatur erhält damit ein Element zurück,
das ursprünglich ihr Wesen ausmachte. Sie kann und darf wieder
unterhalten.«
165
So richtig setzt sich die Arbeitsteilung von Beat und Literatur
jedoch nicht durch, vor allem wohl, weil in den seltensten Fällen Künstler, Lokalität und Publikum so gut harmonieren wie
bei Fichtes Star-Club-Lesung. Zwei Tage zuvor steht eine Gruppe
politaktivistischer Junglyriker, Heike Doutiné, Uwe Herms, Rolv
Heuer und Ulrich Krause, mit den Blizzards ebenfalls in Hamburg auf der Bühne, und hier ist keineswegs eitel Sonnenschein.
Es hagelt Buhrufe. Dennoch touren sie in dieser Besetzung eine
Weile durch die Republik. Mit wechselndem Erfolg.
Noch ein paar andere, Peter Handke, Fitzgerald Kusz und Paul
Gerhard, der spätere Hadayatullah Hübsch, versuchen ihr Glück
mit Band. Und in der Schweiz macht Urban Gwerder mit seiner
Poëtenz-Show von sich reden und tritt dann auch in deutschen
Clubs auf. Aber schließlich verebbt es. Der Witz ist weg. Ohnehin
profitieren Rockbands nicht so sehr von dieser Symbiose wie die
Poesie. Sie füllen die Hallen auch ohne die hehre Kunst, vermutlich sogar besser.
Und manch ein »ernsthaft an Literatur Interessierter«, vermutet der sehr besorgte Reporter des »Hamburger Abendblatts«, der
sich im Star-Club nicht rundum wohlgefühlt zu haben scheint,
wird sich auch eher in Räumlichkeiten »wagen«, wo es »nicht so
erschrecklich eng und heiß und laut ist«.
Schwarze Selbstverteidigung
»Black Panther
Party for Self-Defense«, der Name, den Bobby Seale und Huey
Newton ihrer schwarzen Putztruppe ursprünglich geben, enthält bereits das Programm. Es geht ihnen um Selbsthilfe, und
das meint in diesen Tagen tatsächlich zunächst einmal Selbstverteidigung. Nach der Ermordung von Malcolm X und den anschließenden Krawallen sind im Jahr zuvor über 300 Schwarze
durch Polizei und Nationalgarde ums Leben gekommen. Und
dass Schwarze, wie auch weniger privilegierte Weiße, ungleich
häufiger zum Wehrdienst nach Vietnam eingezogen werden als
166
die vielen WASPs aus gutem Haus – 1965 hat fast ein Viertel der
in Vietnam gefallenen Soldaten eine dunkle Hautfarbe, obwohl
Schwarze nur elf Prozent der US-Bevölkerung ausmachen –, sorgt
auch nicht für mehr Zutrauen zur US-Regierung. Man will sich
endlich wehren gegen den schon nicht mehr bloß latenten Rassismus der Exekutive.
Das von Seale und Newton ausgearbeitete Zehnpunkteprogramm »Was wir fordern / Was wir denken« ist ein eklektisches,
aus marxistischen, maoistischen, antirassistischen, antikapitalistischen, antiimperialistischen, sozialreformerischen und nicht zuletzt separationistischen Ideen amalgamiertes Manifest, das sich
noch nicht so richtig im Klaren darüber zu sein scheint, ob man
mit der »rassistischen Regierung« trotz allem kooperieren oder
nicht gleich einen eigenen unabhängigen Staat für Black People
gründen soll.
Einige ihrer Forderungen greifen noch nicht unbedingt den
Staat in seinen Grundfesten an: etwa die nach »angemessenen und
menschenwürdigen Wohnungen«; nach »Befreiung aller schwarzen Männer vom Militärdienst«; nach Entschädigungszahlungen
in Höhe der »vor 100 Jahren als Wiedergutmachung für die Sklavenarbeit und den Massenmord an dem schwarzen Volk« vereinbarten »vierzig Morgen Land und zwei Maultiere«; oder nach
einer schwarzen Jury, wenn Schwarze vor Gericht stehen. Derlei Postulate setzen ja gerade eine gewisse Gesprächsbereitschaft
voraus und rechnen mit dem Staat als Verhandlungspartner.
Andere dagegen sind im eigentlichen Sinn revolutionär, zielen
im Kern auf eine Überwindung des politischen Systems und sorgen letztlich dafür, dass FBI-Chef J. Edgar Hoover die Black Panther Party bald als »die größte Bedrohung der inneren Sicherheit
des Landes« bezeichnen und sie mit Agenten zu unterwandern
versuchen wird:
So postulieren Seale / Newton »Vollbeschäftigung« für ihr
Volk und nehmen dabei in Kauf, »dass den weißen amerikanischen Unternehmern, sofern sie keine Vollbeschäftigung wollen,
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die Produktionsmittel entzogen und dem schwarzen Volk übertragen werden«.
Sie verlangen ein »Bildungsprogramm für unser Volk«, »das
den wahren Charakter dieser dekadenten amerikanischen Gesellschaft entlarvt«.
Sie wollen »schwarze Selbstverteidigungsgruppen« organisieren, »die sich verpflichten, unsere schwarze Gemeinschaft vor der
rassistischen Polizei zu schützen«, und regen auch an, »dass sich
alle schwarzen Menschen zu ihrer Selbstverteidigung bewaffnen
sollten«.
Sie verlangen »die Freilassung aller schwarzen Männer« aus den
Gefängnissen, »weil sie kein faires und gerechtes Verfahren hatten«.
Und schließlich formulieren diese beiden Utopisten ihr »politisches Hauptziel«, »ein von den Vereinten Nationen überwachtes
Plebiszit, das in allen Teilen der schwarzen Kolonie abgehalten
wird und an dem nur schwarze kolonialisierte Untertanen teilnehmen dürfen, um den Willen des schwarzen Volkes hinsichtlich seines nationalen Schicksals festzustellen«.
Diesen letzten Punkt wird Hoover mit einem besonders dicken
Ausrufungszeichen versehen haben. Denn hier erklären die beiden quasinaturrechtlich, warum sie politische Selbstbestimmung
für eine legitime Forderung der schwarzen Bevölkerung halten:
Wenn »Unterdrückung und Machtmissbrauch, die in der Regel
das gleiche Ziel verfolgen, offenkundig in Tyrannei enden, dann
hat das Volk das Recht, sogar die Pflicht, zur eigenen Sicherheit
diese Regierung zu stürzen und eine neue zu schaffen.«
Aber bis es so weit ist, gehen sie durchaus pragmatisch vor. In
ihrer ersten Amtshandlung rüsten sie in Oakland Patrouillen mit
Waffen aus und folgen den in Schwarzenvierteln Streife fahrenden
Polizisten. Von diesen zur Rede gestellt, zitieren die Wachtrupps
die entsprechenden Gesetzestexte, die ihre Arbeit als legal ausweisen, und drohen mit Klage, falls man sie daran hindern wolle.
Solche Aktionen machen die Black Panther Party bald in der Öffentlichkeit bekannt und prägen ihr wehrhaftes, militantes Image.
168
Späterhin übernehmen sie auch vermehrt soziale und karitative
Aufgaben. Ähnlich wie die Diggers in San Francisco organisieren
sie Armenspeisungen, Nachhilfe für Schulkinder und initiieren
Bildungsveranstaltungen, gehen aber auch gegen lokale Dealer vor
und unterstützen aktiv den Widerstand gegen den Vietnamkrieg.
»Ihr müsst damit beginnen, die rassistischen Schweine umzubringen, die euch in Vietnam Befehle erteilen«, wird Vizechef
Eldrige Cleaver ein paar Jahre später auf dem Höhepunkt der
Popularität propagieren. »Entweder desertiert oder zerstört die
Armee von innen!« Ende der 60er Jahre hat die Partei mehrere
zehntausend Mitglieder.
So weit sind wir im Oktober 1966 noch nicht, aber die programmatischen Grundlagen ihres späteren Wirkens haben sie
hier bereits in einer nicht nur für J. Edgar Hoover verständlichen
Weise ausformuliert. Wie überhaupt in diesem Jahr eine Menge
gedacht, geschrieben und angeschoben wird, was sich erst in der
Folge wirklich realisieren lässt. 1966 ist ein Schwellenjahr.
Freitag, 28. Oktober Der Gast den Schenker viel zu
klein fand: / Ja – NORIS ist ein guter Weinbrand / Schwiegermutter rausgeworfen – / kein Grund zur Scheidung / CDU-FDPRegierung zerbrochen / Bonn sucht neuen Kanzler / Barzel hat
die besten Chancen / Erhard erledigt? / Er beschwor den zurückgetretenen / Vizekanzler: Bleiben Sie doch im Kabinett! / Aber
Erhard bat vergeblich. / Diesmal blieb Mende hart / Nachdem die
FDP-Minister den Abend zuvor / umgefallen waren, mußten sie
auf Befehl ihrer / Fraktion wieder aufstehen und zurücktreten /
Ganz gleich, welche Politik Deutschland / machen will – wenn
Deutschland überhaupt / Politik machen will, muß es mit vollen
Taschen / auf gesunden Beinen stehen / Eine Wohltat für die Nerven / Nervenruh Beruhigungsmittel / Krach um deutschen Nationalspieler / in Italien – Sein Verein: / Wir werden Fußballstar
Haller / nie wieder ausleihen / Lesen Sie Seite 6
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No-1-Hits November
Deutschland
Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich: Bend It (1.11.–31.12.)
England
The Beach Boys: Good Vibrations (28.10.–17.11.)
Tom Jones: Green, Green Grass of Home (18.11.–1.12.)
USA
Question Mark & The Mysterians: 96 Tears (29.10.–4.11.)
The Monkees: Last Train To Clarksville (5.11.–11.11.)
Johnny Rivers: Poor Side Of Town (12.11.–18.11.)
The Supremes: You Keep Me Hangin’ On (19.11.–2.12.)
Eine große gesunde rumänische Jüdin Lenore
Kandel wächst auf in Kalifornien, als Tochter eines Romanciers
und Drehbuchschreibers für Horror-B-Movies, studiert in New
York, an der New School for Social Research, und verdingt sich
als Bauchtänzerin in einem türkischen Kabarett, als Französischlehrerin, Model, Folksängerin, Schulbus-Chauffeuse und in einer
Käsekuchenbäckerei. Die Anthologisten und Dokumentaristen
haben das aus ihren spärlichen autobiografischen Äußerungen
zusammengestoppelt. Wie glaubwürdig solche Angaben sind,
wenn »street credibility« gefragt ist, weiß man spätestens, seit
Dylans selbstgestrickte Hobo-Legende aufgeflogen ist. Die Abneigung gegen das Akademische, die die jungen Wilden im Kern
zusammenhält, scheint sie jedenfalls auch für sich in Anspruch
nehmen zu wollen.
Zurück in Los Angeles, kellnert Kandel im Beat-Café Unicorn
am Sunset Strip, dessen Besitzer den kleinen Verlag Three Penny
Press betreibt, wo dann auch ihre ersten kleinen Gedichtheftchen
erscheinen. 1960 geht sie nach San Francisco und findet bald An171
schluss an die bereits brodelnde Szene. Jack Kerouac, Gary Snyder,
Gregory Corso, Lawrence Ferlinghetti, Lew Welch, Richard Brautigan und andere machen die Stadt in ein paar Jahren zu einem literarischen Zentrum des Undergrounds. Und seit Anfang 1966 ist
die Straßenecke Haight-Ashbury mehr als nur eine Straßenecke.
Kandel rückt ins Zentrum, nicht zuletzt wegen ihrer lasziven,
exotisch-osteuropäischen Ausstrahlung. Kerouac schwärmt in
seinem Roman »Big Sur« von ihrem fiktionalen Ebenbild Romana Swartz: »Sie ist auf jeden Fall eine große dunkle Schöne
von der Sorte, auf die wohl jeder durchgedrehte hungrige Sexsklave der Welt Lust hat, aber auch intelligent, belesen, schreibt
Gedichte, ist Zenschülerin, weiß alles, ist eigentlich einfach eine
große gesunde rumänische Jüdin …« Sie publiziert in den einschlägigen Underground-Organen wie der »Evergreen Review«
und macht als Hippie-Aktivistin von sich reden, organisiert mit
den Diggers, diesem losen Haufen von Anarcho-Künstlern, Happenings, veranstaltet Straßentheater, verteilt Kleidung und Nahrung an Bedürftige.
Als 1966 »The Love Book« erscheint, ein kleines geklammertes
Heftchen, wird Lenore Kandel quasi über Nacht zu einer moralischen Bedrohung der Nation – und Szeneberühmtheit.
»Ich lege von dem göttlichen Tier Zeugnis ab und von der Möglichkeit, durch die Ekstase Zugang zur Erleuchtung zu erlangen«,
hat die Hobby-Buddhistin verlauten lassen, und nichts anderes geschieht in diesen vier Hoheliedern des Vögelns: »ich liebe dich /
dein Schwanz in meiner Hand / rührt sich wie ein Vogel / zwischen
meinen Fingern / während du anschwillst und in meiner Hand hart
wirst / dabei meine Finger auseinanderdrängst / mit deiner unnachgiebigen Kraft«. Das geht eine Weile so weiter, und schließlich
kommt es, wie es kommen muss: »dein Gesicht über mir / ist das
Gesicht aller Götter / und schöner Dämonen / deine Augen … /
Liebe berührt Liebe / der Tempel und der Gott / sind eins«.
Man hat schon bessere erotische Gedichte gelesen, aber für die
Zeit ist das harter Stoff – noch dazu von einer Frau! Die Öffent172
lichkeit entrüstet sich über die kalifornischen Landesgrenzen hinweg. Im November filzt die Polizei die einschlägigen Läden, nicht
zuletzt den City Lights Bookstore und den Psychedelic Shop, die
heiße Ware wird sichergestellt und beschlagnahmt – und der Obszönität bezichtigt. Folglich haben sich nun die Gerichte mit dem
Heftchen zu befassen.
Der gerade gewählte Gouverneur Kaliforniens, ein gewisser
Ronald Reagan, will seine Wahlversprechen einlösen und für
Ordnung sorgen, also in alter Westerner-Manier an diesen heidnischen, schamlosen, unpatriotischen, schlecht frisierten Läusefängern ein Exempel statuieren. »Warum ausgerechnet Kandels
Buch herausgepickt und als obszön bezeichnet wurde«, schreibt
Charles Perry in seiner persönlichen Stadt- und Szenegeschichte
»The Haight Ashbury«, »führte zu allerhand Rätselraten. Die
Gedichte waren bereits in einer Anthologie namens ›The Erotic
Revolution‹ erschienen, die ohne irgendwelche Probleme landesweit verkauft worden war. In der Tat handelten die Gedichte von
Sex, aber eher auf eine romantische und hochgestimmte Art –
trotz der vielen Slangwörter, die sie enthielten. Sie lasen sich so,
als hätte E. B. Browning Acid geschluckt und sich dann daran
gemacht, den Geschlechtsakt genüsslich als kosmisches Ereignis zu beschreiben, mit den Liebenden als dem göttlichen Paar
der Hindu-Mythologie. Es war eigentlich eine feierliche Verherrlichung der Monogamie, und in den Zeitungsläden und Buchhandlungen überall in San Francisco war weitaus rohere Erotik
zu haben.«
Aber eben nicht von einer Frau! Und auch nicht in der scheinbar ungeschützten, unmittelbaren, durch keine Handlungsfiktion
moderierten, direkten Aussprache der Dichterin. Welcher rotnackige Puritaner kennt denn schon solche literaturtheoretischen
Spitzfindigkeiten wie ein lyrisches Ich? Der Gouverneur jedenfalls nicht.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: dass sich hier eine
Frau selbst ermächtigt, die Sache auch sprachlich in die Hand zu
173
nehmen. Und Kandel illuminiert die weibliche Seite der Libido
so selbstbewusst, selbstbestimmt und auch so unprotestantisch,
epikureisch, dass die paternalistische Gesellschaft das wohl als
Angriff auf tradierte Herrschaftsstrukturen gewertet hat. Der
Beat-Autor John Clellon Holmes bestätigt das indirekt, wenn er
in einem »Playboy«-Artikel über »Die neuen Mädchen« von 1968
(nachgedruckt in der »Acid«-Anthologie von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla) vor allem mit Blick auf Kandel
nur staunen kann, »daß wir in den letzten zehn Jahren mehr über
das sexuelle Verhalten der Frau gelernt haben als in den zehn
Jahrhunderten, die ihnen vorausgingen, und daß wir es von den
Frauen selbst erfahren haben«.
Dass der Zuspruch der Avantgarde-Kollegen vor einem konservativen Gericht nichts wert ist, vor allem wenn der Kasus politischen Symbolwert besitzt, zeigt das Urteil des obersten kalifornischen Gerichtshofs. Nach einem monatelangen Verfahren wird
»The Love Book« 1967 für obszön erklärt und also verboten. Kandel wiederholt, wenig erfolgversprechend, vor dem hohen Gericht
noch einmal ihr Credo, demzufolge »Geschlechtsakte zwischen
Liebespaaren religiöse Handlungen« seien und ihre Gedichte nur
der Versuch »einer angemessenen Art der Anbetung«. Die Reaktion des Vorsitzenden ist nicht überliefert.
Am 14. Januar 1967 tritt Kandel im Golden Gate Park beim
großen Human Be-In an der Seite von Allen Ginsberg, Timothy
Leary und anderen auf – und bringt noch einmal ihr »Love Book«
zum Vortrag. Es ist ihr Geburtstag und alle circa 20 000 Anwesenden singen ihr ein Geburtstagsständchen. 1970 hat sie mit
ihrem Mann, dem Hells Angel Billy Fritsch, einen schweren Motorradunfall, der ihr das Genick bricht und den sie entgegen den
Prognosen der Ärzte doch überlebt. Danach zieht sie sich völlig
aus der Öffentlichkeit zurück, leidet offenbar unter chronischen
Schmerzen. Als die Hippies Geschichte sind, auch sich selbst, und
ihre Musealisierung beginnt, hat sie sich nicht beteiligt und wird
wohl auch nicht gefragt. Und so hat man diese 1966 berühmte,
174
legendäre Autorin und ihr schmales, damals so skandalöses Werk
langsam vergessen.
Das psychedelische Erlebnis Das Forscherehepaar Robert Masters und Jean Houston veröffentlicht das Buch
»The Varieties of Psychedelic Experience« und demonstriert hier
ausdrücklich, dass man über die psychedelische Erfahrung auch
ganz ohne Mystifikationen sprechen kann. »Selbst das knappste
Resümee«, versuchen sie die physischen und psychischen Reaktionen der Säure auf den Punkt zu bringen, »würde folgende
Momente einschließen: Veränderung der visuellen, auditiven,
taktilen, der Geruchs- und Geschmacks- und der kinästhetischen
Sinneswahrnehmung, Veränderungen in der Raum-Zeit-Wahrnehmung, quantitative wie qualitative Veränderung des Denkens
sowie der Wahrnehmung der Physiognomie; Halluzinationen,
lebhafte Bilder – bildhafte Konfigurationen einer Ideenschau –
mit geschlossenen Augen gesehen; stark erhöhte Sensibilität für
Farben; jähe, häufige Stimmungs- und Affektwandlungen; verstärkte Erinnerungs- oder Gedächtnisleistungen; Egoverlust und
Auflösung der Ich-Instanz; gedoppeltes, vervielfachtes und fragmentiertes Bewusstsein; scheinbare Wahrnehmung der inneren
Organe und Körperprozesse; Auftauchen unbewussten Materials;
gesteigerte Empfindsamkeit für sprachliche Feinheiten; erhöhte
Empfindsamkeit für nichtsprachliche Andeutungen; Gefühl der
Fähigkeit, mit nicht verbalen Mitteln besser formulieren zu können; manchmal einschließlich telepathischer Wege; Empfindung
engagierter Einfühlsamkeit; Regression und ›Primitivisierung‹;
offenkundig gesteigerte Konzentrationsfähigkeit; Vertiefung von
Charakterzügen und psychodynamischen Vorgängen; eine offenkundige Nacktheit psychodynamischer Prozesse, welche das
wechselseitige Zusammenspiel von ideeller Konzeption, Gefühl
und Wahrnehmung sowie der Intelligenz unbewusster Prozesse
deutlich macht; Interesse für philosophische, kosmologische und
175
religiöse Fragen; und im Allgemeinen ein Auffassen einer Welt,
welche die Ketten normaler kategorischer Ordnung abgestreift
hat; was zu einem intensiveren Interesse an der eigenen Identität
und der Welt führt und auch zu einer Skala von Reaktionen, die
sich von den Extremen der Angst zu den Extremen der Lebensfreude erstreckt«. Das ist gründlich!
Zur selben Zeit heuert die junge Musikerin Grace Slick bei den
drogistisch auch nicht ganz unerfahrenen Folkrockern Jefferson
Airplane als Sängerin an. Im Gepäck hat sie einen frischen Song,
den sie gerade noch mit ihrer ehemaligen Band The Great Society
gespielt hat und der nun mit aufs neue Album soll, das sie in den
ersten drei Novemberwochen aufnehmen. »White Rabbit« erscheint erst im Februar nächsten Jahres auf dem Album »Surrealistic Pillow«, aber sie spielen den Song bereits live, erstmals in Bill
Grahams Fillmore am 6. November. Er wird einer der großen, die
Zeitläufte überdauernden Hits der Band, nicht zuletzt, weil Grace
Slick hier ebenfalls ein ziemlich knappes Resümee des psychedelischen Erlebnisses gelingt.
One pill makes you larger, and one pill makes you small
And the ones that mother gives you, don’t do anything at all;
Go ask Alice, when she’s ten feet tall.
And if you go chasing rabbits, and you know you’re going to fall;
Tell ’em a hookah-smoking caterpillar has given you the call;
To call Alice, when she was just small.
When the men on the chessboard get up and tell you where to go;
And you’ve just had some kind of mushroom, and your mind is
moving low;
Go ask Alice, I think she’ll know.
When logic and proportion have fallen sloppy dead;
And the white knight is talking backwards;
And the red queen’s off with her head;
Remember what the dormouse said,
Feed your head, feed your head!
176
Durch die hübsche Poetisierung, mit der sie den Trip als Variation auf Carrolls »Alice in Wonderland« tarnt, unterläuft Slick
geschickt die Zensur. Und so wird im Jahr darauf erstmals eine
eindringliche Aufforderung zum Drogengenuss im Radio gespielt. Die »experienced people« in San Francisco kennen ihn
da schon längst. Und ihnen muss man sowieso kein »feed your
head!« mehr zuraunen.
Dr. Strangelove existiert wirklich Der Westernheld und Republikaner Ronald Reagan gewinnt am 8. November
1966 mit 57 Prozent der Stimmen die Wahl zum Gouverneur von
Kalifornien. Die Linken schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Er macht dann auch bald Haight-Ashbury als »Quelle
des Übels« aus. Über die Szene weiß er einiges: »Sie kleiden sich
wie Tarzan, haben Frisuren wie Jane und riechen wie Cheetah!«
»Ein bizarrer Nebel des Grauens hat sich über Kalifornien
gelegt und alles verdüstert, und zwar in einem Tempo, das es
nicht einmal mehr möglich ist, noch Witze darüber zu machen«,
schreibt Hunter S. Thompson an Cary McWilliams, Herausgeber
der Zeitschrift »The Nation«. »Ich habe meine liberalen Mitstreiter immer wieder gewarnt und ihnen gesagt, Reagan werde die
Wahl mit einer Million Stimmen gewinnen und sie alle hinter
Gitter bringen; aber bis vor zwei Wochen hätte ich nicht geglaubt,
dass die Dinge tatsächlich schon so schlecht stehen – und dann
also lässt Reagan verlauten, dass er um 12 Uhr 10 den Eid schwören wird. Da gab es keine Zweifel mehr – Dr. Strangelove existiert
wirklich … Reagan schlägt einen Ton an, dass die Liberalen an der
Ostküste Deutschland vergessen und sich lieber Gedanken über
ihr eigenes Gelobtes Land machen sollten. Ich sehe keinen Sinn
mehr darin, noch so düstere Prognosen über Kalifornien anzustellen; bis der Artikel gedruckt ist, sind sie eingetreten. Das gesamte Land jagt mir Angst ein. Ich meine das nicht abstrakt; denn
ich habe die schlechte Angewohnheit, mich mit seltsamen Leuten
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an seltsamen Orten zu unterhalten, und es gab zuletzt einige Situationen, bei denen mir unmissverständlich klar gemacht wurde,
dass ich hier nicht dazugehöre.«
Aber die Gegenkultur kümmert sich nicht darum und pilgert
trotzdem nach San Francisco. »Das Hashbury ist die Hauptstadt der Hippies«, ist ein paar Monate später ein Artikel in der
»New York Times« überschrieben. Der Verfasser ist Hunter S.
Thompson.
Freitag, 11. November Mädchen »verkauften« sich
für Kinokarten / Der Kino-Geschäftsführer zu den Schülerinnen: / »Wenn ihr mitkommt, dann schenke / ich euch die Starbilder.« / Polizei: Die schlimmsten Sünder / sind die Fußgänger /
Viel Glück, Herr Kiesinger / Natürlich hat auch Kiesinger, ein Politiker / von Geschick, ein Mann mit Humor, / einen Fehler: Er hat
sich vor 33 Jahren / für die NSDAP interessiert. Schon ein Jahr /
später hat er sich jedoch von dieser Partei / abgewandt / Trotzdem
wird es einige Stänkerei im Ausland / geben. Wir sollten darüber
zur Tagesordnung / übergehen. / 11 Uhr 11: Start frei für die Narren / Seite 2: / Ludwig Erhard – der einsamste Mann im Saal
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No-1-Hits Dezember
Deutschland
Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich: Bend It (1.11.–31.12.)
England
Tom Jones: Green, Green Grass Of Home (18.11.–1.12.)
The Monkees: I’m A Believer (2.12.–31.12.)
USA
The Supremes: You Keep Me Hangin’ On (19.11.–2.12.)
The New Vaudeville Band: Winchester Cathedral (3.12.–9.12.)
The Beach Boys: Good Vibrations (10.12.–16.12.)
The New Vaudeville Band: Winchester Cathedral (17.12.–30.12.)
The Monkees: I’m A Believer (31.12.)
Der Forellenfischer Mit sechs oder sieben Jahren
trifft Brautigan einen fremden Mann auf der Straße, der seine
Börse zückt und ihm ein paar Dollar in die Hand drückt: »Das
ist alles, was du je von mir kriegen wirst.« Dad! Mit neun Jahren
lässt ihn seine Mutter mit der noch jüngeren Schwester in einem
schäbigen Hotel in Great Falls, Montana, sitzen; eine Weile füttert
sie der Hotelkoch durch, bis sie doch noch zurückkommt und die
beiden wieder zu sich nimmt.
»Jede neue Veröffentlichung«, weiß sein Freund, der Schriftsteller Keith Abbott zu berichten, »wurde an einem Ehrenplatz
vor seinen alten Einmachgläsern und den abgenutzten Andenken
an seine trostlose Kindheit im Nordwesten aufgebaut – fast als
wolle er den Geistern, vor denen er geflohen war, ein Opfer bringen.« Vielleicht ist seine ganze Literatur auch nur der Versuch,
seine Kindheit zu überschreiben.
Richard Brautigans erster veröffentlichter Roman »Ein konföderierter General aus Big Sur«, im Januar 1965 erschienen,
179
wird von der Kritik wohlwollend aufgenommen – und verkauft
sich ganze 743-mal im ersten Jahr. Die Zusammenarbeit mit
Grove Press hat keine Zukunft. Nicht zuletzt aus Not macht
Brautigan Bekanntschaft mit den Diggers in Haight-Ashbury,
die nicht nur politisches Straßentheater und situationistische
Happenings veranstalten, sondern eben auch Nahrung zusammenschnorren und -klauen, um die ärmeren Brüder und
Schwestern durchzufüttern.
Aber mit der sich langsam konsolidierenden Hippie-Szene in
San Francisco steigt bald auch sein Stern. Brautigans Werk harmoniert aufs Schönste mit der neuen naiv-lustvollen Spiritualität.
Seine Welt ist noch nicht rational vermessen und fixiert, sondern
im Fluss. Die Worte und also die Dinge gehen spielerische Verbindungen miteinander ein. Er ist ein Kind geblieben oder hat
doch zumindest eine Methode gefunden, die infantile Perspektive
auf die Welt noch einmal abzurufen – mit all ihren magischen,
schamanistischen Erweiterungen und Verbiegungen der Realität.
So werden aus Profanitäten des Alltags, indem er sie noch einmal
dreht und wendet, sich fast wie zum ersten Mal über sie wundern
kann, Epiphanien. Mystische Erweckungserlebnisse.
Das kann man gerade in diesem Sommer auch als psychedelisch missverstehen, obwohl er sich seinen Rausch ganz konservativ beschafft, bevorzugt mit Wein und Whiskey. Grove Press gibt
zwar noch im Juli des Jahres die Option für »Forellenfischen in
Amerika« an den Autor zurück – jenes Buch, das im Jahr darauf
in einem kleinen Underground-Verlag erscheint, ihn zu einem
reichen Mann und zum bekanntesten Schriftsteller der USA in
dieser Dekade macht –, dennoch wird 1966 das Jahr, in dem seine
Karriere Fahrt aufnimmt. Mit seiner runden Nickelbrille, dem
Seehundschnauzer und kuriosen Cattleman-Hut ist er bald weltbekannt in Haight-Ashbury. Er gibt Lesungen und publiziert kleinere Arbeiten in Underground-Mags.
Im Dezember des Jahres erscheinen in der Literaturzeitschrift
»O’er« ein paar Gedichte von ihm:
180
Meine Nase wird alt
Ja.
Ein langer träger Septemberblick
in den Spiegel zeigt mir,
daß es stimmt:
Ich bin 31
und meine Nase wird
alt.
Es beginnt ungefähr einen
Zentimeter
unter dem Nasenbein
und zieht sich geriatrisch
nach unten hin,
noch zwei Zentimeter oder so:
dann hört es auf.
Glücklicherweise ist der Rest
der Nase verhältnismäßig
jung.
Ich frage mich, ob die Mädchen
mich noch wollen mit einer
alten Nase.
Ich kann sie jetzt schon hören,
diese herzlosen Luder!
»Er sieht gut aus,
aber seine Nase
ist alt!«
181
Das hat den Hippies gefallen. Und das folgende Gedicht sicher
auch:
3. November
Ich sitze in einem Café
und trinke eine Cola.
Eine Fliege schläft
auf einer Papierserviette.
Ich muß sie aufwecken,
damit ich meine Brille putzen kann.
Da drüben sitzt ein hübsches Mädchen,
das ich anschauen will.
Sie haben ihm die Blumenkrone aufgesetzt – und da ist sie dann
verwelkt. Aus dem »Summer of Love« wird irgendwann eine nostalgische Reminiszenz, die zwar immer noch den Blick verklärt,
aber allen auch ein bisschen peinlich ist. Einer, der so identifiziert
wird mit einer Zeit, geht mit ihr unter.
Brautigan leidet unter dieser Zurückweisung, umso mehr, als
sich seine frühe Schüchternheit und Sensibilität mit dem Erfolg
in eine maßlose Eitelkeit verwandelt. Es muss schon Hemingway
sein – als literarische Vergleichsgröße. Und dass er wie dieser den
Literaturnobelpreis verliehen bekommen muss, steht auch schon
mal fest. Er säuft wie ein Loch, dient sich den in seiner Nähe
wohnenden Hollywood-Größen an, Peter Fonda et alii, ballert –
auch darin ein amerikanischer Archetyp – mit der Flinte in der
Gegend herum, verprellt immer mehr Freunde, nervt die noch
verbliebenen mit nächtlichen Anrufen, ergibt sich einer ziemlich
unansehnlichen Egomanie. Dass er irgendwann nicht mehr zurückruft, fällt zunächst keinem weiter auf. Fünf Wochen liegt er
182
bereits tot in seinem Haus in Bolinas, Kalifornien, bevor man ihn
schließlich findet – mit weggeschossenem Kopf, die Verwesung
des Körpers ist bereits stark fortgeschritten. Eine 44er-Magnum
daneben. Stutzig wird man erst, als sich nicht mal mehr der Anrufbeantworter meldet, weil dessen Batterien leer sind.
Keith Abbott ist der Ansicht, »daß es niemanden gibt, der mehr
als Richard Freunde gebraucht hat, und niemanden, der weniger
Verwendung für sie hatte«. Und wer in dieses Gesicht mit den
schwermütig lächelnden Augen blickt oder auch nur eins seiner
Bücher aufschlägt, der wird wohl vor allem eins darin lesen, ein
großes Liebesbedürfnis. Was man entbehrt hat, davon kann man
nie genug kriegen.
Den Hals gebrochen Ein junger Gitarrist, der als Sideman bei den Isley Brothers und Little Richard bereits seine außergewöhnliche Technik unter Beweis gestellt hat, verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach Greenwich Village, dem durchgeknallten,
drogenverseuchten Hipsterzentrum der Stadt. Hier will er endlich
seine eigene Karriere in Angriff nehmen. Das Village ist der richtige Ort dafür. Es gibt Musik an jeder Ecke, die immer noch lebendige Folkszene trifft sich in Gerde’s Folk City oder im Gaslight
Cafe, im Bitter End oder Cafe Au Go Go. Richie Havens, Dave Van
Ronk, Phil Ochs oder Tom Paxton spielen Abend für Abend. Lebenskünstler, Freaks und Süchtlinge treiben durch die Straßen. In
einer verranzten Kellerkaschemme Ecke MacDougal und Minetta
Street, dem Café Wha?, veranstalten die Fugs ihr Rock-Ringelpiez
gegen den Vietnamkrieg. Und wenn die Menschen hier mal einen
wirklich langweiligen Abend erleben wollen, gehen sie in eins der
Off-Theater.
Der junge schwarze Gitarrist versucht sich an eigenen Songs.
Und als er erstmals Bob Dylan hört, hegt er sogar Hoffnungen,
die selbst singen zu können. »Auftritte bekamen wir nur alle Jubeljahre mal«, erzählt er später. »Wir haben sogar versucht, Oran183
genschalen mit Tomatenmark zu essen. Zwischen diesen Mietskasernen im Freien zu schlafen, war echt die Hölle. Die Ratten
sind auf einem rumgekrabbelt, und die Kakerlaken haben einem
noch die letzten Süßigkeiten aus der Tasche geklaut.« Fantasie
muss man haben!
Mit wachsendem Selbstbewusstsein – bei einem Soloauftritt
im Café Wha? spielt er die Anwesenden förmlich über den Haufen – formiert er seine eigene Band: Jimmy James and The Blue
Flames. Bald gilt er mit seinen aufgedrehten, von langen FuzzSoli tranchierten Coverversionen der aktuellen Hits »House Of
The Rising Sun«, »Like A Rolling Stone« und »Wild Thing« als
Geheimtipp unter Musikern. Das Geraune dringt an das Ohr
von Mike Bloomfield, den man für seine stilistischen Grenzüberschreitungen bei der Butterfield Blues Band gerade als Gitarrenhelden feiert. Er wittert Konkurrenz und sieht ihn sich an.
»An jenem Tag hat er mich regelrecht abgefackelt. Ich kann gar
nicht beschreiben, welche Geräusche er seiner Gitarre entlockte.
Atombomben fielen, Marschflugkörper flogen durch den Raum.«
Bloomfield war beeindruckt.
Linda Keith nicht minder. Das »Vogue«-Model ist eigentlich
noch mit Keith Richards liiert. Nicht mehr lange. Sie schleppt den
Stones-Manager Andrew Loog Oldham in eins der Konzerte, aber
der wittert zu Recht Ärger mit seinen Schützlingen, also muss
sich Noch-Animals-Bassist Chas Chandler diesen gitarristischen
Wunderknaben ebenfalls ansehen, und der ist sofort begeistert.
Chandler hat keine Lust mehr auf das Musikzigeunerleben und
will als Produzent richtig Geld verdienen. Dieser junge Schwarze
bringt offensichtlich genügend kommerzielles Potenzial auf die
Waage, also überredet er ihn, mit nach Swinging London zu
kommen, dem Musik-Dorado der Sechziger, um von hier aus die
freundliche Übernahme der Rockwelt ins Werk zu setzen.
Aus Jimmy James wird Jimi Hendrix, und noch bevor mit Noel
Redding und Mitch Mitchell seine Band The Jimi Hendrix Experience richtig handlungsfähig ist, hat er London bereits in der Ta184
sche. Chandler besorgt ihm einen Gastauftritt beim Debütkonzert
der als Supergroup gehypten Cream. Und nachdem Hendrix Eric
Clapton vor den Augen aller gezeigt hat, was man mit Howlin’
Wolfs »Killing Floor« so alles anstellen kann, ist der die längste
Zeit »God« gewesen. Aus Clapton wird ein richtiger Fanboy, er
imitiert eine Weile sogar Jimis Afro.
»Mr. Phenomenon!«, titelte der »Record Mirror« am 10. Dezember. »Nun hör dir das an – und hör am besten genau hin!
Bist du auch einer von diesen Fans, die meinen, es passiere nicht
mehr viel Neues in der Popszene? Richtig … dann möchten wir
um Aufmerksamkeit bitten für einen neuen Künstler, einen kommenden Star, der, wie wir vorhersagen, durch das Business wirbeln wird wie ein Tornado.
Name: Jimi Hendrix. Beruf: Gitarrist – Sänger – Komponist –
Showmann – Derwisch – Original. Seine Band, nur drei Mann
stark: The Jimi Hendrix Experience.«
Unterstützt von Mike Jeffery, ihrem durchsetzungsfähigen,
skrupellosen Manager, besorgt ihnen Chandler einen Plattendeal
mit dem neu gegründeten Label Track Records. Vorher geht es
nach Frankreich, wo die Experience ihre musikalische Feuertaufe
im Vorprogramm von Johnny Halliday bestehen, danach ins Studio, um die erste Single aufzunehmen. Den aktuellen Leaves-Hit
»Hey Joe« hat Hendrix schon in New York im Programm gehabt,
seine düstere, sinistre Version soll den gewünschten Auftakt mit
Aplomb bringen. Und nach dem fulminanten Auftritt in der Fernsehshow »Ready Steady Go!« und ein paar begleitenden Schmiergeldzahlungen an wichtige Radio-DJs gelingt das auch.
Aber Hendrix ist unzufrieden, wie er es auch später immer sein
wird, wenn er seine eigenen Platten taxieren soll. »Ach, es gibt
so viele verschiedene Ausdrucksmittel, wir haben so viele verschiedene Songs«, gibt er zu Protokoll. »›Hey Joe‹ ist da nur ein
kleiner …, verstehst du, da steckt vielleicht ein Prozent von unseren Gefühlen drin. Der Song hat uns gefallen, sonst hätten wir
ihn nicht aufgenommen. Aber wir haben so viele andere Sachen,
185
wir haben ja gerade erst angefangen.« Auf der B-Seite – »Stone
Free« – zeigt er dann aber auch bereits, dass mit ihm als Songwriter zu rechnen sein wird.
Gegen Ende des Jahres jammt Jimi beinahe jeden Abend in
irgendeinem Londoner Club oder steht mit der Experience auf
der Bühne. Drei Tage hintereinander treten sie in der Münchner
Diskothek Big Apple auf und sorgen auch in Deutschland sofort für Furore. »Jimi wurde von ein paar enthusiastischen Fans
von der Bühne gezogen«, erzählt Chandler später. »Nachdem er
sich befreit hatte, warf er seine Gitarre auf die Bühne zurück und
sprang hinterher. Als er sie aufhob, bemerkte er, dass der Hals angebrochen war. Er rastete völlig aus. Er packte die Gitarre und zerschmetterte sie voller Wut auf dem Bühnenboden.« Die Münchner sehen es gern.
Purer Zufall also? Ohne Kalkül? Kaum zu glauben bei einem
Showman wie Hendrix. Mit Sicherheit hat er davon gehört, dass
Pete Townshend dergleichen schon eine Weile betreibt. Auch Jeff
Beck könnte ihm erzählt haben, dass er just im Sommer bei den
Dreharbeiten zu Antonionis »Blow Up« sein Spielgerät effektvoll
zu Kleinholz verarbeitet und so die Menge in Ekstase versetzt
hat. Wie auch immer, der selbstzerstörerische Antrieb, der sich
schon hier am Anfang seiner Karriere zu offenbaren scheint, lässt
sich fast zu eindeutig als Vorausdeutung auf ihren tragischen
Verlauf lesen.
Ein Professor versteht die Welt nicht mehr Der
Germanist Emil Staiger bekommt am 17. Dezember den Literaturpreis der Stadt Zürich verliehen und nutzt die Gelegenheit, in
seiner Dankesrede die moderne Literatur mal grundsätzlich abzukanzeln. »Man gehe die Gegenstände der neueren Romane und
Bühnenstücke durch«, wettert er vom Podium herab. »Sie wimmeln von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen,
von Scheußlichkeiten großen Stils und ausgeklügelten Perfidien.
186
Sie spielen in lichtscheuen Räumen und beweisen in allem, was
niederträchtig ist, blühende Einbildungskraft. Doch wenn man
uns einzureden versucht, dergleichen zeuge in tiefer Empörung,
Beklommenheit oder von einem doch irgendwie um das Ganze
bekümmerten Ernst, so melden wir – nicht immer, aber oft – begründete Zweifel an.«
Die »Littérature engagée« mag er nicht. Denn bei ihr werde
»niemand wohl, der die Dichtung wirklich als Dichtung liebt.
Sie verliert ihre Freiheit, sie verliert die echte, überzeugende, den
Wandel der Zeit überdauernde Sprache, wo sie allzu unmittelbarbeflissen zum Anwalt vorgegebener humanitärer, sozialer, politischer Ideen wird. So sehen wir denn in der Littérature engagée
nur eine Entartung jenes Willens zur Gemeinschaft, der Dichter
vergangener Tage beseelte.«
Es ist dieser zwischen muffiger Gravität und forcierter Zackigkeit changierende Ton, der den sprachsensibleren Zeitgenossen
sofort bekannt vorkommen muss. Spätestens beim Wort »Entartung« wird er zusammengezuckt sein – und die noch folgenden
Ausführungen über die »Legion von Dichtern, deren Lebensberuf
es ist, im Scheußlichen und Gemeinen zu wühlen«, etwas aufmerksamer zur Kenntnis genommen haben. »Wenn solche Dichter behaupten, die Kloake sei ein Bild der wahren Welt, Zuhälter,
Dirnen und Säufer Repräsentanten der wahren, ungeschminkten
Welt, so frage ich: In welchen Kreisen verkehren sie?«
Die altbekannten Diffamierungen mal wieder, die mit dem
Beifall des konservativen bildungsbürgerlichen Publikums rechnen – den Staiger im Zürcher Schauspielhaus dann auch prompt
bekommt. Drei Tage später erscheint seine Rede unter dem Titel
»Literatur und Öffentlichkeit« in der »Neuen Zürcher Zeitung«
und fordert vor allem bei den linken Intellektuellen enormen
Widerspruch heraus. Die erhitzte Debatte geht als »Zürcher Literaturstreit« in die Literaturgeschichte ein, nicht nur, weil sie die
Reputation Staigers, sondern auch die mit ihm verbundene apolitische Literaturexegese, die unter dem Rubrum »Werkimmanenz«
187
(»begreifen, was uns ergreift«) die Germanistik der 50er und 60er
Jahre beherrscht hat, ein für alle Mal demontiert.
Max Frisch, Walter Boehlich, Hugo Loetscher, Hans Heinz
Holz, auch schon der junge Helmut Salzinger und noch einige
andere sind entsetzt über so viel »Spießbürgertum«. Boehlich
etwa wundert sich in seinem Aufsatz für die Zeitschrift »Sprache
im technischen Zeitalter«, dass »einer, dessen Fach die Literatur
ist, die Literaten anklagt, ihre Bilder seien ›peinlich, unappetitlich, ekelhaft‹, aber keine Anklage gegen das Peinliche, Unappetitliche, Ekelhafte findet, das diesen Bildern zugrunde liegt«.
Schuld sei für Staiger kurioserweise nicht, »wer Verhältnisse zementiert, in denen der Mensch des Menschen Wolf ist, sondern
wer die Menschen Wölfe nennt«. Und auch Salzinger meint im
»Mannheimer Morgen«, Staiger tue ja gerade so, »als ob die Unsittlichkeit auf unserer Erde von denen stammte, die sie beschreiben und anprangern«.
Salzinger bemerkt aber noch etwas anderes – nämlich »in welche Gesellschaft er sich damit begibt«. Staiger »ist nicht der erste,
der im Zusammenhang mit Kunst und Literatur von ›Entartung‹
spricht, und die Scheiterhaufen hat er selbst noch erlebt«.
Nicht nur erlebt, sondern sogar begrüßt. Auch Hans Heinz
Holz kommt dieser Ekel vor dem Pathologischen, dieser Gesundheits- und Reinheitsfetisch merkwürdig bekannt vor. Er
schaut sich im Werk Staigers ein wenig um und wird prompt
fündig. Bereits 1933, vermeldet Holz in der »Basler NationalZeitung«, hat er in einem Aufsatz die Bücherverbrennungen
der Nazis als »Indiz für den Aufbruch zu einer neuen, geistig
gesunden Volksgemeinschaft« gewürdigt. Ein Unbelehrbarer
also, der immer noch nicht einsehen will, »dass die Einstellung,
aus der heraus er Künstler als psychopathisch und kriminell
brandmarkt, zu den Verbrennungsöfen von Auschwitz führen
muss«. Das ist zwar auch ein wenig grobhölzern argumentiert,
aber in einer polemischen Replik wohl legitim. Immerhin hat
Staiger angefangen.
188
Und wie er angefangen hat! Das ist das andere Bemerkenswerte
an dieser Geschichte. Ausgerechnet ihn, den Philologen und Literaten, verrät – die Sprache. Fast könnte man meinen, er wollte ertappt werden. Als habe er absichtlich Spuren in die Vergangenheit
gelegt. Vielleicht um sich seiner eigenen intellektuellen Kontinuität zu versichern? Es war nicht alles falsch damals … Möglicherweise nimmt diese erregte Debatte in aller Öffentlichkeit, wenn
auch eher unterschwellig, also auch einen Streit vorweg, der bald
an allen Küchentischen der Republik ausgetragen wird.
Was es heißt, zu fotografieren Ein weniger ambitionierter Regisseur hätte einen Krimi aus dem Stoff gemacht …
Der erfolgreiche und entsprechend schwerbeschäftigte Londoner Fotograf Thomas (David Hemmings) fotografiert ein Liebespaar im Park. Jane (Vanessa Redgrave), die Frau aus dem Park,
versucht ihn zur Herausgabe der Bilder zu bewegen, aber er lehnt
energisch ab. Danach taucht sie unverhofft in seinem Atelier auf
und bietet einen hohen Preis – sich! Thomas spielt den Gentleman, drückt ihr jedoch einen falschen Film in die Hand und
entwickelt stattdessen die Bilder. Nachdem er sie vergrößert hat,
geben sie – anscheinend oder nur scheinbar? – ihr Geheimnis
preis. Er fährt noch einmal in den Park, und tatsächlich, da liegt
die Leiche des Mannes auf dem Foto. Zu Hause schläft seine Frau
mit ihrem Geliebten, also kehrt er wieder ins Atelier zurück, das
in der Zwischenzeit ausgeraubt worden ist. Die Bilder sind weg,
bis auf eins – ein Blow Up von der Leiche, dessen Körnung allerdings so grob ist, dass nur der Eingeweihte darauf etwas erkennt.
Er will seinem Freund und Verleger Ron davon erzählen, kurvt
durchs nächtliche London, das sich hier bunt und belebt, eben
swingin’ präsentieren darf, und sieht plötzlich Jane vor einem
Schaufenster. Auf der Suche nach ihr gerät er in ein YardbirdsKonzert. Jeff Becks Verstärker muckt, Beck wird sauer, zerschlägt
seine Gitarre, tritt fluchend auf ihr herum und schmeißt die Ein189
zelteile in die Menge, die sich anfangs wie eine Ansammlung von
Schaufensterpuppen geriert hat, jetzt aber doch zu wilder Begeisterung fähig ist. Thomas lässt sich anstecken, stürzt sich in den
Tumult, schnappt sich den Gitarrenhals und flieht nach draußen,
wo er ihn dann aber achtlos fallen lässt. Danach fährt er zur Party
und versucht Ron für die Leiche im Park zu interessieren.
»Da ist jemand umgebracht worden und ich …«
»Na schön. Na und?«
»Du weißt doch, die Fotos, die ich in dem Park gemacht habe …«
Das Model Veruschka von Lehndorff, die sich ihm am Morgen noch in einer sexualisierten Fotosession, ja, hingegeben hat,
kommt mit einem Joint.
»Du hast mir doch gesagt, du fliegst nach Paris?«
»Na ja, ich bin in Paris.«
Thomas gibt schließlich auf. Er lässt sich einlullen von der bekifften Atmosphäre und den Drogen. Am Morgen nach der Party
begibt er sich aber doch noch ein drittes Mal in den Park, und
jetzt ist die Leiche verschwunden. Hat er sich am Ende alles nur
eingebildet?
Die letzte Szene des Films bringt noch einmal fast zu offensichtlich symbolisch auf den Punkt, worum es Regisseur Michelangelo Antonioni hier geht. Eine Gruppe junger Theaterleute
führt auf dem nahe gelegenen Tennisplatz eine Tennis-Pantomime ohne Ball und Schläger auf. Thomas lässt sich hineinziehen in diese Illusion und wirft ihnen den imaginären Ball zurück,
der über den Zaun geflogen ist. Und der Film macht gemeinsame
Sache mit ihm, wie die ganze Zeit schon, denn plötzlich hört man
Tennisgeräusche.
»Sometimes reality is the strangest fantasy of all«, weiß der
Trailer des Streifens. Man darf Michelangelo Antonionis »Blow
Up« wohl als filmische Reflexion über Realität und Imagination
in der Kunst respektive der Fotografie und im Film lesen, die hier
eine nicht mehr trennbare und damit auch nicht mehr in ihre
Bestandteile auflösbare Verbindung eingehen. Uwe Nettelbeck
190
schreibt in der »Zeit«, dass »hinter der Frage, ob auf den Photos
nun ein Mord zu sehen war oder ob Thomas nur geträumt hat, die
wichtigere Frage wartet, ob dies nicht vielleicht gleichgültig ist«.
Die Fotos faszinieren ihn nämlich nicht, »weil er mit ihrer Hilfe
vielleicht einen Mord aufklären könnte, sondern weil er bei ihrem
Anblick begreift, was es heißt, zu photographieren«. Nämlich eine
eigene Realität zu erschaffen, die mit der Wirklichkeit in etwa so
viel gemein hat wie mit der Fantasie.
Wer »Blow Up« somit als Eins-zu-eins-Porträt seiner Zeit
zu instrumentalisieren versucht, schlägt Antonionis poetologischen Warnhinweis einfach in den Wind. Vermutlich mit
Kalkül. Man ahnt, worauf der »Evangelische Filmbeobachter«
hinauswill, wenn er hier einer »inneren Leere« der Protagonisten begegnet, denen die »Krankheit zum Normalfall geworden
ist«, und daraus den Schluss zieht, dass »ein Teil der englischen
Jugend«, »die mit Erfolg auch andernorts imitiert wird, dem
entworfenen Bild entspricht«.
Aber anstatt zu Gott zurückzufinden und die »Krankheit« ausgerechnet mit der abgewrackten Religion auszutreiben, wie es die
evangelischen Cineasten so gern hätten, geht die Jugend in England und »andernorts« lieber ins Kino und muss sich doch schwer
wundern, was ein alter Mann wie Antonioni (Jg. 1912) über sie zu
sagen hat.
Wie er hier etwa das berühmte Yardbirds-Konzert mit der
pophistorisch frühen Gitarrenzertrümmerung inszeniert, lässt
sich an Künstlichkeit kaum überbieten. Der Regisseur will gar
keinen authentischen Liveauftritt abkonterfeien, sondern einen
kulturpessimistischen Kommentar ästhetisch in Szene setzen. Im
Grunde zeigt er einmal mehr, was es heißt, »zu photographieren«.
Man muss das vergleichen mit zeitgenössischen Konzertaufnahmen, um ermessen zu können, wie anders das sonst abläuft – etwa
mit den ersten »Beat Club«-Sendungen. Auch da spielen Bands
live, wenn auch nicht in Farbe, und neben den Musikern zeigt die
Kamera das Publikum. Es tanzt. Es schaut auch schon mal zur
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Bühne, ist aber mindestens genauso mit sich selbst beschäftigt. In
»Blow Up« dagegen ist das Publikum Teil einer Installation. Die
Menschen stehen oder sitzen betont steif, reglos, nachgerade lethargisch herum. Erst Becks Gewaltexzess soll sie aus der Reserve
locken. Dabei machen hier die echten Yardbirds mit Jimmy Page,
Jeff Beck, Keith Relf etc. durchaus Dampf im Kessel. Sie haben eigens dafür den alten Rockabilly-Fetzer »The Train Kept A-Rollin«
abgestaubt und zu »Stroll On« umgewidmet, offenbar um das in
dieser Szene noch einmal akzentuierte Lieblingsthema Antonionis – Vereinsamung, Empathielosigkeit und Kälte in der modernen Gesellschaft – mit passenden Lyrics zu flankieren.
Strollin’ on ’cause it’s all gone
The reason why you made me cry
By tellin’ me you didn’t see
The future bore our love no more
Der Film läuft in den USA am 18. Dezember an. Europa muss
noch ein paar Monate warten. Zumindest die Jugend hier wie dort
ist längst wieder dabei, Gefühle zuzulassen. Viel Liebe vor allem.
UFO presents Nite Tripper Joe Boyd, folk- und
bluesinfizierter Harvard-Abgänger mit Ambitionen, ist bereits
ziemlich herumgekommen in der Welt. Er hat die erfolgreiche
Musik-Gala English Blues and Gospel Caravan als Produktionsmanager begleitet und beim legendenumrankten 1965er Newport
Folk Festival als verantwortlicher Stagemanager Bob Dylan geholfen, seine Konversion zur Stromgitarre öffentlich zu machen.
Jetzt, ein Jahr später, lässt er sich vom Plattenlabel Elektra nach
London schicken, ins popkulturelle Zentrum der Alten Welt, um
dort die Promotion-Belange der brandheißen Elektra-Verpflichtungen Paul Butterfield Blues Band, Love, Doors oder Tim Buckley zu koordinieren. Aber Boyd schlägt sich lieber die Nächte in
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verranzten Pubs und Underground-Clubs um die Ohren, taucht
ein in das Freak-Milieu, »in dem Haschisch und LSD konstante
Faktoren des Zusammenlebens waren«, immer auf der Suche
nach der einen Band, mit der er als Produzent reich und berühmt
werden kann. Und er hat den Riecher, entdeckt die Acid-Folks
von der Incredible String Band, bringt sie bei Elektra unter und
nimmt mit ihnen noch im selben Jahr zwei Alben auf. Bei The
Move und Soft Machine läuft es nicht so glatt. Im ersten Fall sind
andere schneller und im zweiten gibt es nicht ganz zu Unrecht
Zweifel ob des kommerziellen Erfolgs der Avantgarde-Rocker.
Zugleich absorbiert ihn der Underground. Er engagiert sich in
der London Free School, einem von ihm mitbegründeten Verein, der sich unter anderem für Sozialhilfeempfänger einsetzt,
sie im Streit gegen säumige Ämter juristisch unterstützt und der
vor allem kostenlosen Unterricht für die einkommensschwachen
Immigranten aus Irland, Polen und der Karibik organisiert. Business und Idealismus schließen sich in der jungen psychedelischen
Szene keineswegs aus.
Ihr großer Antreiber und ihre Integrationsfigur ist Boyds
Freund John »Hoppy« Hopkins. Ein ehemaliger Atomwissenschaftler mit Unbedenklichkeitsbescheinigung im Harwell Atomic Energy Laboratory, der einmal zu oft atomare Abrüstung
propagiert hat und plötzlich für sehr bedenklich gehalten wird.
Hopkins verdingt sich daraufhin als Rockfotograf etwa für den
»Melody Maker« und gründet schließlich mit einigen anderen
Aktivisten wie Barry Miles oder David Zane Mairowitz das Underground-Magazin »International Times«.
Hoppy ist so eine Art Trip-Guide für Boyd. Und der bedankt
sich nachträglich dafür mit einem sehr warmherzigen Porträt in
seiner Autobiografie »White Bicycles«. »Er betrachtete die Stadt
als sein Forschungslabor, und immer wenn er auf etwas stieß,
das ihm gefiel oder ihn interessierte, brummelte er ein entzücktes ›Wow!‹. In seiner Dunkelkammer brachte er mir bei, wie man
Filme entwickelte, er zeigte mir, wo man in West London das beste
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Cholesterinbomben-Frühstück und das billigste Curry bekam, er
zeigte mir die Schleichwege, auf denen man die Ampeln umging,
und stellte mich einem ganzen Verbrecheralbum von fantastischen Gestalten vor. In seinem purpurroten Mini schoss er von
einem Ende der Stadt zum andern, lieferte Filme ab, berief konspirative Treffen ein, traf sich mit Mädchen zu nachmittäglichen
Schäferstündchen, besorgte Dope und erwies Gefälligkeiten.«
Und er nimmt Boyd mit zum ersten Treffen der London Free
School. Dort organisieren sie auch den Notting Hill Carnival im
August des Jahres, der die verschiedenen Kulturen des Stadtteils,
Hippies inklusive, auf der Portobello Road zusammenbringt,
auch um dem alltäglichen Rassismus etwas entgegenzusetzen.
Das libertinäre, flamboyante Chaos und die verbotenen Gerüche
auf offener Straße bringen die Bobbys ziemlich in Rage. Ein Achtungserfolg.
Um Geld einzuspielen für die Schule, veranstalten sie Benefizkonzerte, für die im September auch eine unbekannte Band
aus Cambridge engagiert wird. Ursprünglich eine erdige Bluesband, die irgendwann ein paar Mutmacher eingeworfen hat und
sich jetzt weit hinauswagt in andere Sphären. Im November
des folgenden Jahres sind sie bereits Stars und gehen auf USTour. Pink Floyd. Für Boyd ist ihre Musik »der Soundtrack des
Undergrounds«.
Eigens für sie gründet er seine Produktionsfirma Witchseason,
interessiert Polydor, holt die Band ins Studio, aber mittlerweile
haben auch andere ihr kommerzielles Potenzial entdeckt. Die Managementagentur, bei der sie unterschreiben, bootet ihn aus. Statt
Polydor bekommt EMI den Zuschlag, und die haben für Boyd keine
Verwendung. Immerhin die erste Single »Arnold Layne«/»Candy
And A Currant Bun«, die im Jahr darauf erscheint, darf Boyd noch
produzieren, als kleine Anerkennung für seine Mühe.
Elektra hat ihn zu diesem Zeitpunkt längst gefeuert. Er sollte
sich um die PR der hauseigenen Künstler kümmern und nicht
den Talentsucher spielen. Also macht er auf eigene Faust weiter.
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Aber noch wirft die Produzententätigkeit zu wenig ab, er braucht
einen Brotjob. Auch Hoppy muss Geld verdienen, um den Anlauf
seiner »International Times« zu finanzieren. Mit einem eigenen
Club, so die naheliegende Überlegung, lassen sich ihr popkulturelles Know-how, ihre Passion und die monetären Notwendigkeiten vielleicht auf einen Nenner bringen.
Also suchen sie London nach einem maroden, abgewirtschafteten Kino oder Kellerlokal ab, das man für einen Tag in der Woche
mieten kann. Anfang Dezember werden sie fündig. The Blarney
Club heißt das Etablissement, das von Mr. Gannon geleitet wird,
einem echten irischen Gentleman. »Eine breite Zementtreppe mit
einem roten, zerschlissenen Läufer führte hinunter in einen düsteren, niedrigen Ballsaal mit winziger Bühne und einer glatten
Tanzfläche aus Holz«, erinnert sich Joe Boyd. »Links führte ein
mit Leuchtstoffröhren erhellter Durchgang zu einem schmuddeligen Barbereich.«
Für fünfzehn Pfund bekommen sie den Freitag. Und so öffnet am vorletzten Dezemberwochenende der UFO Club seine
Pforten und hebt auch gleich ab. Die psychedelische Subkultur
der Stadt hat offenbar nur gewartet auf diesen Laden. Man rennt
ihnen den Keller ein. Und Boyd kann hier endlich seinen Instinkt
für junge, hungrige Bands mit Potenzial unter Beweis stellen. Pink
Floyd werden gleich mal als Hausband installiert. Soft Machine
kommen hinzu, später auch Crazy World of Arthur Brown, Procol Harum, The Move, Pretty Things, gegen Ende sogar Jeff Beck
und Ten Years After.
Allein für die frühen Pink-Floyd-Sessions geht der UFO Club
in die Rockgeschichte ein. Dabei sind sich Boyd und Hopkins auf
dem ersten Plakat noch gar nicht sicher, ob die Sause unter dem
Rubrum UFO oder doch lieber Nite Tripper firmieren soll, und
schreiben deshalb in schöner Hippie-Nonchalance einfach beide
Namen drauf: »UFO presents Nite Tripper«.
Aber von Anfang an gibt es hier nicht nur Musik. Ähnlich
wie Andy Warhol und Velvet Underground in den »Exploding
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Plastic Inevitable«-Shows oder die Merry Pranksters bei ihrem
Trips-Festival in der Longshoremen’s Hall setzen die beiden auf
multimediale Reizüberflutung. Avantgarde-Streifen von Kenneth
Anger, Warhol und Jack Smith, Disney-Cartoons oder Kurzfilme von WC Fields gehören ebenso zum Rahmenprogramm
wie die Tänzerinnen der Exploding Galaxy Dance Troupe und
die Comedy-Truppe People Show. Überdies fahren nicht zuletzt
Pink Floyd eine Lightshow auf, die einen nicht unwesentlichen
Teil ihrer Livesensation ausmacht. Der audiovisuelle Trip ist das
große Ding in diesem Jahr.
Und es kann sein, dass vielleicht, unter Umständen, selten! sogar
richtige Trips eingeworfen werden. Einmal sei Pete Townshend da
gewesen und habe die ganze Nacht an der rechten Seite der Bühne
neben Roger Waters Verstärker gestanden, meint Boyd in »White
Bicycles«. »Er war offensichtlich auf Drogen. Ich ging zu ihm, und
er zeigte auf Rogers offenen Mund und sagte, gleich würde Roger
ihn verschlucken.«
Aber Mr. Gannon, der Wirt, ist ein Glücksgriff. Seine Toleranz
wird offenbar nur noch von seiner Güte übertroffen. Als er mitbekommt, was hier jeden Freitag unter seinem Dach stattfindet,
stellt er Boyd zur Rede. Er habe den dringenden Verdacht, dass
hier einige Typen Dope rauchen. Boyd schüttelt überrascht den
Kopf. Er könne es natürlich nicht ausschließen, aber es würde ihn
doch sehr wundern. »Tja, Joe«, antwortet ihm Gannon darauf,
»das mag nun sein, wie es will, in jedem Fall hielte ich es für keine
schlechte Idee, mal den Ventilator anzustellen.«
17 Millionen Deutsche jenseits von Mauer / und Stacheldraht
leben noch immer von / der Hoffnung auf Freiheit / Kiesinger
betonte, daß die Gesundheit / unserer Wirtschaft und unserer Finanzen / Opfer von jedem einzelnen verlangt / Johnnie Walker –
der meist gefragte / schottische Whisky in der Welt / Verlassene
Drillinge suchten eine neue Mutti / … und fanden sie zum Weihnachtsfest / Fortsetzung letzte Seite
Sonnabend, 24. Dezember Riesenproteste gegen
die Anti-Baby-Pille frei Haus / Eltern – Pfarrer – Ärzte fordern /
Die Pille muß unter Kontrolle bleiben / Autoreifen billiger / Gänsedame überlebt 32 Weihnachtsfeste / Die alte Jenny gehört zur
Familie / Fritz Walter wieder »aktiv« / Nicht alle Deutschen werden diese Tage / so sorglos begehen wie noch vor einem Jahr /
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197
Brüderchen Am 23. September trifft sich mein großer
Bruder an der Straßenecke vor unserem Haus mit seinen Freunden Milki und Thomas, um zur Schule zu gehen. Es ist ein Freitag. Außer einer Begrüßung sagt er nicht viel, aber die anderen
merken, dass etwas los ist, und drängen ihn zu erzählen. Er hebt
nur stumm und abweisend die Schultern. Mein Bruder besucht
die zweite Klasse. Er ist ein »stilles Kind«, wie seine Klassenlehrerin den Eltern bei ihrem ersten und bisher einzigen Elternsprechtag ein bisschen traurig mitgeteilt hat. Sie ahnt vielleicht
schon, dass ihm die Schule nie Spaß machen und dass deshalb
auch kein guter Schüler aus ihm wird. Er müsse sich mehr beteiligen, gibt sie ihnen noch mit auf den Weg, aber sie weiß auch,
dass manche Dinge einfach nicht zu ändern sind. Deshalb ist sie
so erstaunt und auch gerührt von einem besonderen Vorkommnis an diesem Morgen. In der ersten großen Pause erzählt sie es
im Lehrerzimmer. Und einige Wochen später beim Elternabend
auch seiner Mutter.
Sie betritt nach dem Klingeln den Klassenraum, die Kinder stehen auf wie gewohnt, warten ihre Begrüßung ab und
schmettern dann ihr »Guten Morgen!«. Noch ist nicht wieder Ruhe eingekehrt, Ranzen werden geöffnet, Füße scharren,
Stühle rücken, da meldet sich dieser schüchterne Junge mit
strahlenden, erwartungsvollen Augen. Sie ist zunächst einfach
nur erstaunt, dann freut sie sich und nimmt ihn dran mit einem
aufmunternden Lächeln, das den schüchternen Schülern vorbehalten bleibt.
»Ja, Karsten, was gibt es?«
»Ich habe gestern Abend ein kleines Brüderchen bekommen!«, sagt er mit einem frohen Grinsen. Alle Schüchternheit
scheint von ihm abgefallen. Er ist sich seiner Sache sicher. Das
will er erzählen. Danach kann er wieder still sein, und ist es dann
auch, aber das hier sollen alle wissen.
Keiner in der Klasse lacht. Alle sind nur erstaunt über diesen
Ausbruch.
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Die Klassenlehrerin weiß vor Überraschung nicht, was sie
sagen soll, und flüchtet sich in Glückwunschfloskeln. Sie ist gerührt, muss vielleicht sogar eine Träne verdrücken.
Kein schlechter Einstand – so als Brüderchen.
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Der neue Wartburg 1000, ein echter Fünfsitzer!
Heiiii! Nicht im Tor! Kein Tor! Oder doch?
MILDE! MILDE!
»Westward ho!« im Weltraum
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dpa / picturedesk.com
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Ein Märchen von übermorgen
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Dr. Strangelove existiert wirklich
Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner
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www.blackpanther.org
Selbstverteidigung
UFO Club
Haight Street 1535
Spiegel-Verlag Rudolf Augstein GmbH
Der audiovisuelle Trip ist das große Ding in diesem Jahr.
Die weibliche Epidermis im Stadium fortgeschrittener Entblätterung
www.beatles-club.de
Jonathan Cape
Authentische Darstellung psychedelischer Bewusstseinszustände
Menschen ohne Kontrolle!
Privat
Wes Wilson
Wollt ihr das totale Konzert?
Capitol Records
Das gemeinsame Tanzen aller Anwesenden ist ein Teil der Darbietungen.
Im Rückwärtsfieber
Pixie Records Inc.
Privat
Sprungbrett in die Glück verheißende Ursuppe
Philips 843933
Eine Nonstop-Horror-Show
Viele hatten sich auf ein Schlachtfest gefreut. Vergeblich!
Dister Alain / Dalle APRF / picturedesk.com
Delacorte Press
Polydor Records
Wäre es nicht schön, wenn wir älter wären?
Ich bin 31 / und meine Nase wird / alt.
Wir haben ja gerade erst angefangen.
Columbia Record
Nach ein paar Mutmachern
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