Ausführungen zur geschlechtsbezogenen Arbeit mit Jungen

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Ausführungen zur geschlechtsbezogenen Arbeit mit Jungen
Zusammengestellt von Alexander Mavroudis
Zum Einstieg: Bilder von Jungen und Männern …
„Objekte“ der pädagogischen Bemühungen in der Jungenarbeit sind: die Jungen.
Junge zu sein wird nun, wie Kindheit ja überhaupt, von Erwachsenen eher als
Übergangsphase wahrgenommen: als Zeit des Erwachsen-Werdens. Jungen sollen aber
nicht nur erwachsen werden, sie sollen Männer werden. Das ist die Erwartungshaltung, die
ihnen von Kindesbeinen an entgegengebracht wird.
Was aber sind – aus Sicht der Gesellschaft, der Erwachsenen – Männer?
Hinweise bieten ausgewählte sozialhistorische Schlaglichter auf Männer (und Frauen); die
Auswahl ist zufällig und dient lediglich der Illustration.
Frauen seien als das Abfallprodukt ethisch degenerierter Männer anzusehen. „Die Species
Frau, ... nicht der Menschheit, sondern der Tierwelt angegliedert, ist das Ergebnis einer
göttlichen Strafmetamorphose an Männern, die entweder ‘Feiglinge’ waren oder ihr Leben
auf ungerechte Weise verbrachten“1 – sagte ... Platon.
Die Frau sei ein ‘verunglückter Mann’, die weibliche Physis müsse im Verhältnis zur
männlichen als eine Art Mangelbildung, als etwas, „dem es an Vollkommenheit fehlt,
aufgefaßt werden“ – meinte ... Aristoteles.
In der klassischen griechischen Philosophie, einer zentraler Bezugsquelle für das (christlich-)
abendländische Denken, findet sich somit, neben der Abwertung allen Weiblichen, bereits
die hohe Erwartungshaltung, die Männern entgegengebracht wird – und wird mit der
Aberkennung von Männlichkeit bei Anzeichen von Schwäche oder weiblichen Verhaltens
gedroht.
Und noch ein Zitat, nicht ganz so alt: „Die Frau ist ein ‘Mißgriff der Natur’“, sie ist, im
Vergleich zum Mann, durch „geistige Unzulänglichkeit“ gekennzeichnet behauptete ...
Thomas von Aquin. Die Sichtweise, wonach nur der Mann als vollkommenes Wesen
angesehen wird und die Frau als potentielle Bedrohung erscheint, setzt sich somit fort in der
christlichen Morallehre.
Einen Umbruch erfährt die Perspektive auf Männer und Frauen mit der Aufklärung im 17.
und 18. Jahrhundert. Deren Gleichheitspostulate führen jedoch interessanterweise nicht
dazu, dass beide Geschlechter als gleichwertig angesehen werden, sondern: „Die
Geschlechterverschiedenheit wird zu einer elementaren, qualitativen Differenz auf
physischer, geistiger und psychischer Ebene erhoben; die Mann und Frau zugeschriebenen
Eigenschaften gruppieren sich um die Zentralbegriffe aktiv-welterobernd und passivweltbewahrend“, die Charakterdifferenz der Geschlechter wird „wie ein naturgesetzlich
vorherbestimmtes und deshalb unhinterfragbares Phänomen behandelt“. Diese Haltung
spiegelt sich in den philosophischen und pädagogischen Überlegungen der damaligen Zeit
wieder. So wird „allein dem Mann die Fähigkeit, kraft angeborener Ordnungsprinzipien zur
reinen Erkenntnis“ vordringen zu können, bescheinigt, der Mann muß seiner Natur zufolge
1
Die Zitate in diesem Abschnitt stammen aus dem Fachartikel von Susanne Schunter-Kleemann
(1990): Geschlechterverhältnis. In: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu
Philosophie und Wissenschaft. Band 2. Hamburg. S. 318 ff.
2
„wahrhaftig-kühn-erhaben“ sein und darf sich nicht dem Verdacht aussetzen „schön-listigeitel“ zu sein oder gar sinnlichen Trieben zu folgen – die als natürliche weibliche
Eigenschaften angesehen werden – schreibt ... Immanuel Kant.
Egalitäre Denktraditionen entstehen dann im Zuge der französischen Revolution (ab 1789),
wo gleiche Rechte für Männer und Frauen gefordert werden und gleiche Kompetenzen bei
den Geschlechtern angenommen werden. Nun wird davon ausgegangen, „daß Frauen
ebenso wie Männer mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fähige Wesen seien und daher die
gleichen Rechte haben müßten wie diese“ sagte ... Olympe de Gouges.
Emanzipatorische Bestrebungen wie diese veranlassen jedoch „in der Folge eine ganze
Armada von Philosophen, Soziologen, Historikern und Psychologen, das Wort zur
Verteidigung der ‘natürlichen Geschlechterordnung zu ergreifen“ – was zu einer Neuauflage
polarisierender Geschlechtertheorien in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des
20. Jh. führt. In der Frau personifizieren sich „alle Gefahren, die den nach Weitsicht
strebenden Bürger aus seiner Bahn zu schleudern drohen“, meinte ... nun wieder ein Mann:
Arthur Schopenhauer.
Die ursprüngliche Frau trägt „Züge einer noch ungebändigten, rätselhaften Wildkatze, die der
Mann als gefährliches Spielzeug begehrt“: meint wer zu wissen ... Friedrich Nietzsche.
Diese sozialhistorischen Schlaglichter sollen illustrieren, dass das Bild von dem per se
höherwertigen Mann, der sich zugleich mit hohen Freiräumen wie Erwartungen konfrontiert
sieht und der sich vor der Frau und den ihr eigenen Charaktereigenschaften in acht nehmen
muss, über die Jahrhunderte überlebt gewachsen ist.
Das zeigt auch der Blick auf die alltagsgeschichtliche Bedeutung des Begriffs „Mann“: Der
Begriff „Mann“ meint zwar von seinem Ursprung her „den menschen ohne rücksicht auf das
geschlecht“; aber da sich nach der altgermanischen rechtlichen Anschauung nur der Mann
im Vollbesitz des menschlichen Wesens befindet, liegt von uralter Zeit her in dem Worte
bereits die heutige Bedeutung, heißt es 1877 im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder J. und
W. Grimm (Band VI, Leipzig 1877). In der Bezeichnung für den männlichen Menschen – „den
erwachsenen und gereiften, im gegensatz zu kind, jüngling, meinend ..., der frau, dem weib
gegenüber gestellt“ – waren zu dieser Zeit bereits verschiedenste Verwendungen
gebräuchlich, „mit betonung der ihn vor dem weibe auszeichnenden eigenschaften, der
thatkraft, des mutes, der stärke, der kampflust: a) im gegensatz zu schwächling, feigling,
bube ... b) ein mann sein, thatkräftig, tapfer, mutig sein ... c) auch ein wahrer, ganzer mann
sein, eines mannes werth sein ... d) manns genug sein ... ein mann werden, einen zum
manne machen, als mann sich zeigen, dastehen“.
Die hinter derartigen Verwendungen stehenden Bilder von Männern und den sie
auszeichnenden Eigenschaften haben sich bis heute gehalten, wo Redewendungen
gebräuchlich sind wie: „sei ein Mann! ... er ist zum Mann gereift ... Manns genug sein, etwas
zu tun ... seinen Mann stehen ... seinen Mann gefunden haben“ (Duden, Deutsches
Universalwörterbuch, Mannheim 1989).
… sozio-kulturelle Zuschreibungen, mit denen sich Jungen früh konfrontiert sehen
Diese einführenden Zitate und Anmerkungen sollen illustrieren, dass die alltäglichen Bilder
von Männern und Männlichkeit sowie im gesellschaftlichen Denken verhaftete
Geschlechterstereotypien sozialhistorisch gewachsene Zuschreibungen sind. Anders
ausgedrückt: Männlichkeit ist keine naturgegebene oder frühkindlich eingeprägte
Charaktereigenschaft, die per se vorhanden und unveränderlich ist, sondern ein soziales
Phänomen, kulturell konstruiert und in stetiger Entwicklung befindlich.
3
Vom Tag der Geburt an sind Kinder, so darf vermutet werden, in den Augen der
Erwachsenen entweder „blau“ oder „rosa“ – und zwar ein Leben lang. Ein
Geschlechtswechsel ist normalerweise nicht denkbar, kein Erwachsener würde auf die
Erzählung eines Mannes „Früher hatte ich lange Haare und einen Zopf“ reagieren wie der
vierjährige Sohn von Freunden: „Warst Du da ein Mädchen?“ Die Kinder lernen
geschlechtsspezifische Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster kennen, die etwas zu tun
haben mit sozio-kulturellen Standards und gesellschaftlichen Strukturen, aber auch mit
Hoffnungen, Wünschen, Zukunftsplänen, Erwartungen, Befürchtungen von Eltern und
anderen Erwachsenen sowie mit deren Lebenserfahrungen als Mann beziehungsweise Frau
und mit anderen Männern und Frauen. Und: Es sind durchaus nicht immer wertfreie Blicke,
die auf das jeweilige Geschlecht gerichtet werden. „häufig ist das Scheltwort dummer Junge
..., bisweilen hat auch junge allein den üblen beisinn des flegelhaften oder doch eckigen im
betragen“, halten die Gebrüder Grimm bereits 1877 in ihrem Deutschen Wörterbuch fest. –
„Jungen sind von Geburt an die problematischeren Kinder, die, die mehr Zuwendung
brauchen“, erzählte eine Erzieherin bei einer Fortbildung.
Für die Jungen selbst nun bedeutet das, dass sie von frühester Kindheit an mit der Aufgabe
konfrontiert sind, eine für sie stimmige Identität als „kleiner Mann“ herauszubilden und sich
als solcher im Alltag zu inszenieren und zu behaupten: eine Aufgabe, an der sie natürlich
auch scheitern können. Sie erfahren, dass Männlichkeit jeden Tag neu bewiesen werden
muss und dass der Titel „Mann“ ihnen (wieder) aberkannt werden kann.2 – Hinzu kommt,
dass praktizierte Inszenierungen von Mann-Sein für die Jungen selbst stimmig sein können
und in ihrer Lebenswelt anerkannt werden, nicht immer jedoch auch sozial akzeptiert sind.
Diese Überlegungen zum Junge-Sein und Mann-Werden sind theoretische Eckpfeiler nicht
aller, aber doch vieler Ansätze von Jungenarbeit. Vor diesem Hintergrund lässt sich bereits
hier festhalten: Jungenarbeit ist keine Methode, sondern vielmehr eine bestimmte
professionelle Haltung und Sichtweise, „das soziale Geschlecht wird als zentrale Kategorie in
den Blick genommen“.3
Fragen und Positionen für die Reflexion eigener Geschlechterbilder
Welche Bilder von Jungen und Männern hat mann/frau als pädagogische Fachkraft im Kopf?
Wie sehen die eigenen Bilder vom idealen Mann aus – und sind diese handlungsleitend für
die pädagogische Arbeit mit Jungen?
Entspricht dieses Bild dem eigenen Selbstverständnis und Auftreten als Mann/Frau im
privaten Umfeld ...
... sowie im professionellen Kontext?
Welche Geschlechterbilder erkennt man bei den Vätern und Müttern der Kinder? – Passen
diese zu den selbst vertretenen Idealbildern?
Was weiß mann/frau über die (Vor-)Bilder, an denen sich die für die einzelnen Jungen
orientieren?
Achtung: Sozialisation ist kein Prägungsprozess, im Verlauf dessen Jungen vorgegebene
Rollen und Handlungsmuster quasi übergestülpt bekommen. Jungen sind von klein auf
daran beteiligt, Regeln, Sinn und Werte zu entdecken und sich aktiv anzueignen!
Achtung: Kindheit und Jugend sind für Jungen nicht nur eine auf Erwachsen-Sein
vorbereitende Lebensphase, sondern haben auch ihren eigenen Zweck. Die Orientierung der
2
3
vgl. Dieter Schnack, Rainer Neutzling, „Wir fürchten weder Tod noch Teufel“, in: Christian Büttner,
Marianne Dittmann (Hrsg.), „Brave Mädchen – böse Buben?“, Weinheim 1993, S. 136 f.
vgl. Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in NW e. V., „Ansichten, Absichten, Aussichten“,
Positions-Papier vom 22.03.1999. – Quelle: www.lagjungenarbeit.de
4
pädagogischen Fachkräfte an der Aufgabe von Jungen, Mann zu werden, darf nicht dazu
führen, dass das Junge-Sein aus den Augen verloren wird und in Jungen „nur“ noch kleine
Männer gesehen werden.
Die Entwicklung geschlechtsbezogener Angebote für Jungen in der Kinder- und
Jugendhilfe ... und im Bereich Schule
Die Praxis der geschlechtsbezogenen Arbeit mit Jungen in der Jugendhilfe hat sich seit den
80er Jahren sowohl quantitativ als auch qualitativ kontinuierlich weiterentwickelt. Man kann
feststellen, dass die Entwicklung von Jungenarbeit maßgeblich durch folgende Impulse
beeinflusst wurde, wobei es sicherlich Querverbindungen gegeben hat:
(a) „Jugendarbeit ist Jungenarbeit.“ Angesichts der Dominanz und Überpräsenz von Jungen
in Einrichtungen der offenen Jugendarbeit entstanden in den 70er Jahren Initiativen der
„parteilichen Mädchenarbeit“, die später dann auch eine ihre Bemühungen „ergänzende
Jungenarbeit“ forderten;
(a) Ein zweiter Impuls kam von der Männerbewegung, das heißt von Männern, die sich
selbstkritisch mit ihrer eigenen Männlichkeit sowie den herkömmlichen Bildern von
Männlichkeit auseinander setzten – und die dabei zu der Erkenntnis gelangten, dass
Probleme, die Männer haben oder aber verursachen, mit der männlichen Sozialisation zu
tun haben und dass es von daher frühzeitiger geschlechtsbezogener Hilfestellungen für
Jungen bedarf.
(b) Ein dritter Weg zur Jungenarbeit geht auf die Präventionsarbeit in der Jugendarbeit
zurück, bedingt durch die Erfahrung, dass der überwiegende Anteil der Zielgruppen in
vielen Bereichen männlich war und ist.
Stetig wachsend, unterstützt durch die Diskussionen über die mögliche Benachteiligung von
Jungen in der Schule, aber auch aus einer gewissen Machtlosigkeit gegenüber „auffälligen“
Verhaltensweisen von Jungen im Lebensraum Schule, ist zudem das Interesse von
Lehrerinnen und Lehrern an Angeboten der außerschulischen Jungenarbeit – auch dies ein
Impuls für geschlechtsbezogene Arbeit.
Christoph Blomberg zeichnet in seinem Beitrag „Jungs und Schule: Ohne
geschlechtersensiblen Blick geht es nicht“ die durch die PISA-Studien ausgelöste (fach)öffentliche Wahrnehmung von Jungen nach. Er kommt u.a. zu dem Ergebnis: „So ist zu
hoffen, dass das momentane Interesse an der Jungenthematik zu einem genaueren und
wohlwollenderen Blick auf Jungen und Männlichkeit allgemein führt. Vielleicht eröffnet das
die Möglichkeit, unaufgeregter und ideologiefreier die Lebenssituation beider Geschlechter
(und ihrer Grenzgänger) zu betrachten (…). Der Grundtenor sollte eine positive
Grundhaltung sein, mit Sensibilität einerseits gegenüber Beschränkungen und Leid,
andererseits gegenüber Ressourcen und individuellen Wünschen – bei Jungen wie
Mädchen, aber auch quer durch diese Unterscheidung hindurch. Gleichsam mit dieser
Haltung ‚im Gepäck’ könnten Lehrer, aber auch alle anderen Pädagogen für sich selbst
Entdeckungen machen – bzgl. eines neuen und erweiterten Zugangs zu Kindern und
Jugendlichen, bzgl. aber auch ihrer pädagogischen Methodik …“.4
Die Hintergründe von Jungenarbeit verweisen auf einen wesentlichen Unterschied im
Vergleich zur Entwicklung von Mädchenarbeit:
- Nicht der Mangel an Angeboten, Freiräumen, Unterstützung und Orientierung an
spezifischen Interessen und Bedürfnissen von Mädchen, nicht emanzipatorische
Bestrebungen waren der „Motor“.
4
Der Fachartikel ist in der Zeitschrift „Jugendhilfe und Schule inform“, Ausgabe 2/05 veröffentlicht, die
in Materialien, Arbeitshilfen & Reader mit Praxismaterialien als PDF-Datei zur Verfügung steht.
5
-
Die Ursprünge von geschlechtsbezogener Arbeit zeigen vielmehr, dass Jungenarbeit als
„klassisches Erziehungsprojekt“ entwickelt wurde und zunächst keine Antwort war auf
Forderungen der Adressaten der geschlechtsbezogenen Angebote: der Jungen.
In ihrer explorativ-qualitativen Forschungsstudie „Kompetent, authentisch und normal?“, bei
der sie Fachkräfte und Jungen interviewt haben, kommen auch Reinhard Winter und Gunter
Neubauer zu dem Ergebnis, dass die Sicht der Fachkräfte auf Jungen fast ausschließlich
negativ und defizitär ist. Nicht die Fähigkeiten von Jungen und ihr Bemühen um Authentizität
stehen im Vordergrund der Einschätzungen von Erwachsenen, sondern Appelle an die
Veränderungsmöglichkelten von Jungen, z. B. die Forderung nach mehr Aufrichtigkeit,
angemessener Selbstdarstellung usw. Die Fachkräfte betrachten Jungen demnach
vorwiegend aus der Problemperspektive, während die Jungen selbst sich eher als
bewältigungsorientiert erleben. Die Autoren fordern deshalb: „Die Diskrepanz zwischen den
Bildern der Erwachsenen und den Selbstbildern der Jungen macht es dringend notwendig,
die Erwachsenen als Teil der Lebenswirklichkeit von Jungen zu thematisieren. (…) Jungen
sind sich entwickelnde Menschen und dürfen nicht an Erwachsenenmaßstäben gemessen
werden“.5
Albert Scherr hat dies in seinem Beitrag „Wie Jungen zu Männern gemacht werden, sich
selbst zu Männern machen – und was Jungenarbeit dazu beitragen kann, Chancen der
bewussten Auseinandersetzung mit Männlichkeiten zu eröffnen“6 ausführlich reflektiert und
stellt zu Recht fest, dass eine Jungenarbeit, die mit eigenen Idealbildern von Männlichkeit an
Jungen herantritt, Gefahr läuft diese und ihre Interessen und Bedarfe nicht wahrzunehmen –
und insofern kaum Erfolg haben kann. Im Gegensatz dazu skizzierte er Jungenarbeit als
Lernprojekt: Es müsse darum gehen, Jungen Lerngelegenheiten zu eröffnen und ihnen bei
der Entwicklung subjektiv stimmiger Selbstkonzepte zur Seite zu stehen, statt ihnen sagen
zu wollen, wie sie zu leben hätten.
Noch einmal anders formuliert: In der geschlechtsbezogenen Arbeit mit Jungen darf es nicht
nur um die Probleme gehen, die Jungen verursachen, sondern es gilt, den Blick vor allem
auch auf die Probleme und Fragen zu richten, die Jungen haben, weil sie nun mal Jungen
sind – und zugleich die Potentiale zu erschließen, die in typischen Verhaltensweisen liegen
können.
Das erfordert hohe Deutungskompetenz seitens der professionellen Akteure!
Eine Übung zur Schulung der eigenen Wahrnehmung
Benedikt Sturzenhecker empfiehlt, die Probleme der Jungen aufzuschlüsseln nach den
Schwierigkeiten, die sie machen, und dahinter die Probleme zu erkennen, die sie haben.
Zielsetzung ist es zu entdecken, welche Motive, Schwierigkeiten, Ängste usw. bei den
Jungen hinter dem äußerlichen Verhalten liegen könnten. Das folgende Beispiel bezieht sich
auf Probleme von Jungen im Jugendhaus, die aber auch in anderen Settings wie Schule
auftreten können; versucht wird, dahinter liegende Problemgründe zu interpretieren.
In einer dritten Spalte wird dann noch überlegt, welche Stärken/Kompetenzen der Jungen in
dem als Störung wahrgenommenen Verhalten zum Ausdruck kommen könnte – wobei das
nicht immer gelingt.
Probleme, die Jungen
machen
5
Probleme, mit denen Jungen
konfrontiert sind/die Jungen haben
Stärken, die in Problemen zum
Ausdruck kommen, die Jungen
Winter, Reinhard; Neubauer, Gunter: Kompetent, authentisch und normal? Aufklärungsrelevante
Gesundheitsprobleme, Sexualaufklärung und Beratung von Jungen, hrsg. von der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung. Köln 1998. Seite 344 ff.
6
Die Dokumentation „Praxis der Jungenarbeit 1“ mit dem Beitrag von Albert Scherr ist in Materialien,
Arbeitshilfen & Reader mit Praxismaterialien als PDF-Datei abgelegt.
6
machen
konfrontiert sind/die Jungen haben
Raumdominanz
Stress des Behauptungskampfes
in der Öffentlichkeit –
Hierarchiedurchsetzung
und Unterlegenheit
Leistungszwang (Spiel- und
Technik-Kompetenz)
Behauptungsstress
Machtkämpfe, Anpassungsdruck
an Männlichkeitsnorm (cool, hart,
unabhängig usw.), Abwertung des
Gegenübers (Mädchen), Einsamkeit
Geräte-/TechnikDominanz
Männliche Clique
Sexualisierung ihrer
Beziehungen
Sexuelle Anmache und
Gewalt gegen Mädchen
Gewalt untereinander
mangelndes Mitgefühl
und fehlendes soziales
Verantwortungsgefühl
mangelnde SorgeSelbständigkeit
irreal überfordernde Normen (sexueller
Leistungsstress), Verbot von
Unsicherheit und Hilflosigkeit, Angst vor
Potenzmangel, Homophobie,
Gewaltsexualität
Hilflosigkeit und Unwissen über positive
Annäherung, Verlust von Zuneigung,
Unwissenheit, wie positive
Kontaktaufnahme sein kann, für sich
selbst, für das Gegenüber und für die
Männlichkeitsnormen der männlichen
Clique
Körperliche Verletzung, Zwang zu
Panzerung und Härte, Zwang zur
Kontrolle der Gefühle, Verbot von
Verletzlichkeit, Angst
Mangelndes Selbstgefühl und
Misslingen von förderlichen
Beziehungen
Allein hilflos, mangelnde soziale
Eingebundenheit und Unterstützung,
Ruinierung der Gesundheit
Ausdruck kommen, die Jungen
machen
Räume werden erobert; man
setzt sich durch, inszeniert sich
Neugier auf technische
Neuerungen; technisches
Geschick
Interesse an anderen Jungen
und an der Gruppe; man will
miteinander etwas erleben,
Spaß haben;
Zusammengehörigkeitsgefühl
wird ausgelebt
Interesse an Sex wird
formuliert; Sex ist Thema, das
wird ausgesprochen
Interesse an Mädchen
artikuliert/zum Ausdruck
gebracht; Suche nach
Beziehung; Versuch sich
durchzusetzen; ggf. Idee, sich
so als Mann zu inszenieren
(positives Selbsterleben)
Körperliche Stärke; Fähigkeit
sich durchzusetzen und/oder in
der Gruppe und/oder an ihren
öffentlichen Plätzen zu
behaupten
Eigene Interessen sind klar und
werden verfolgt
???
Wichtig ist hier: Es handelt sich um eine Interpretationsübung, die helfen soll, die eigene
Wahrnehmung und ggf. vorschnelle Deutungsmuster zu reflektieren. Ob vermutete Probleme
und Stärken wirklich existieren, kann nur in der Interaktion mit den jeweiligen Jungen geklärt
werden.
Ein weiterer Ansatz, „die eigene Wahrnehmung zu öffnen, besteht in der Regel, alles was die
Jungen tun, als positives Angebot an den Pädagogen zu deuten. Häufig nehmen Pädagogen
die Jungen nur negativ wahr und entdecken in ihrem Handeln Provokation, Angriffe,
Grenzverletzungen usw. Wenn man dann auf Grund dieser negativen Konstruktionen
handelt, entstehen häufig negative Handlungsketten, die in Kämpfen und gegenseitigen
Abgrenzungen enden. Stattdessen kann es helfen, das Handeln der Jungen als positive
Angebote zu verstehen.“ 7
7
Nach: Benedikt Sturzenhecker, Arbeitsprinzipien in der Jungenarbeit. In: Landesjugendamt
Westfalen-Lippe: Ideen & Konzepte. Methoden aus der Jungenarbeit. Münster 1998
7
Grundverständnis und Ziele von geschlechtsbezogener Arbeit mit Jungen8
Grundlegend für die geschlechtsbezogene Arbeit ist, dass Geschlechtsbilder und
Geschlechtsidentitäten als weitestgehend gesellschaftlich konstruiert angesehen werden. So
wird der Blick bewusst auf männliche Heranwachsende als Jungen gerichtet. Sie sollen mit
ihren geschlechtstypischen Qualitäten, Stärken wie Problemen, wahrgenommen werden.
Zentrales Anliegen ist es, mit Jungen an Themen und Inhalten zu arbeiten, die sie für sich
selbst als wichtig und für ihr Leben als relevant erleben. Jungen und junge Männer sollen in
allen Belangen ernst genommen werden, mit den Hoffnungen, Ängsten, Wünschen und
Problemen, die sie selber haben, ebenso wie mit den Problemen, die sie anderen bereiten.
Ziel der Jungenarbeit ist die Unterstützung von Jungen und jungen Männern in ihrer Entwicklung zu einer emotional lebendigen, sozialverantwortlichen und selbstreflexiven Persönlichkeit. Dies gilt vom Grundsatz her sowohl für die geschlechtsbezogenen Arbeit von
Fachfrauen mit Jungen – als auch für Jungenarbeit als Angebot von Fachmännern.
Zur Erreichung dieses Bildungszieles sind folgende Akzente wichtig:
•
die Entwicklung zu einer eigenen Persönlichkeit, die auf Achtung und Wertschätzung der
eigenen und fremder Personen, auch und gerade der Geschlechter untereinander,
basiert und die ihr Selbstbewusstsein darüber bezieht, dass die jungen Männer ihre
eigenen Interessen erkennen und entfalten;
•
die Erziehung zu einer Achtung der sozialen Gemeinschaft in ihrer Vielfältigkeit sowie zu
einer Übernahme von Verantwortung in der Gemeinschaft;
•
die Erkenntnis, dass Strukturen und autoritäre Verhaltensweisen sowie
Diskriminierungen, insbesondere geschlechtsspezifische, eine gemeinschaftliche
Entwicklung der Gesellschaft behindern;
•
die kritische, hinterfragende Auseinandersetzung mit tradierten Rollenbildern.
Wie bereits zuvor angesprochen, korrespondiert das jedoch nicht immer mit den Aufträgen
an Jungenarbeit(-er)!
Wenn Jungenarbeit angefragt oder eingefordert wird, erhält sie oft den Auftrag, einzelne
Jungen (wieder) gemeinschaftstüchtig, ausbildungs- oder lernfähig zu machen und die
soziale Atmosphäre unter Jungen und/oder zwischen Jungen und Mädchen und/oder
zwischen Jungen und Fachkräften zu verbessern. Konkret bedeutet dies Gewalttätigkeiten
verhindern und Konfliktfähigkeit erhöhen und/oder sexistisches Verhalten abbauen und/oder
Akzeptanz gegenüber Schwächeren erhöhen und/oder soziales und
Kommunikationsverhalten verbessern.
Diese Reduzierung von Jungenarbeit auf die Korrektur des „Mangelwesens Junge”
verhindert allerdings die notwendige ganzheitliche Sicht auf Jungen und würde der
Jungenarbeit nur eine „Feuerwehrfunktion“ zuschreiben.
Jungenarbeit muss vom Grundsatz her aber alle Jungen in den Blick nehmen!
Die pädagogische Aufgabe geschlechtsbezogener Arbeit besteht gerade nicht in der
Korrektur einzelner problematisch erscheinender Sozialisationsprozesse, sondern darin, als
Begleitung der Jungen bei ihrer Mannwerdung den Druck rigider Idealbilder von Männlichkeit
abzubauen und das Selbstwertgefühl der Jungen zu stärken, ohne dass diese auf die
Abwertung anderer angewiesen sind. Hierzu gehören Angebote, die die (selbst-)reflexive
8
Die Ausführungen in diesem Abschnitt stammen aus dem Projektbericht „Von der Arbeit mit Jungen
zur Jungenarbeit (Seite 5 ff.). Der Bericht ist in Materialien, Arbeitshilfen & Reader mit
Praxismaterialien als PDF-Datei abgelegt.
8
Auseinandersetzung mit traditionellen Männerbildern sowie eine kritische Reflexion der
eigenen Geschlechterrolle im gesellschaftlichen Kontext und damit einhergehenden
Erwartungen und Anforderungen fördern.
Dabei soll nicht geleugnet werden, dass Jungen im pädagogischen Alltag wie in der
Öffentlichkeit sozial auffälliger sind als Mädchen und tendenziell unverhältnismäßig viel
Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Leidtragende des Gebarens der auffälligen Jungen sind oft
genug Mädchen. Doch ebenso machtvoll behindern Jungen andere Jungen in ihrer
Entfaltung. Opfer von Jungengewalt sind gerade auch Jungen.
Jungenarbeit muss Jungen somit zum einen mit ihrem Tun konfrontieren und zur Übernahme
von Verantwortung bringen; zum anderen gilt es, sie in der Wahrnehmung ihrer Stärken und
Fähigkeiten zu fördern und ihnen zu helfen, diese umsichtig und unter Wahrung eigener und
fremder Grenzen einzusetzen. Dies bietet ihnen die Möglichkeit, sich zu gleichberechtigten
Partnern in der Gesellschaft zu entwickeln, die lernen, ihr Selbst zu behaupten und Konflikte
gewaltfrei zu lösen.
Ein Modell zur Klärung von gelingendem Junge- bzw. Mann-Sein
In der geschlechtsbezogenen Arbeit geht es nicht darum, die Jungen auf ein idealtypisches
Männerbild hin zu erziehen. Gleichwohl gibt es den Bedarf in der pädagogischen Arbeit,
ausgehend von einem Modell von gelingendem, positiven Junge-/Mann-Sein
Entwicklungsbedarfe bei Jungen erkennen und daraus Ziele ableiten zu wollen.
Reinhard Winter und Gunter Neubauer haben deshalb das Variablenmodell „Balancierte
Männlichkeit“ als diagnostisches Modell für u.a. die Arbeit mit Jungen entwickelt. Es besteht
aus den folgenden acht Begriffspaaren sich gegenüber liegender männlicher Potenziale und
Kompetenzen.
Konzentration
Aktivität
Präsentation
(Kulturelle) Lösung
Leistung
Bezug zum eigenen Geschlecht
Konflikt
Stärke
Integration
Reflexivität
Selbstbezug
(Kulturelle) Bindung
Entspannung
Bezug zum anderen Geschlecht
Schutz
Begrenztheit
Die Begriffspaare sind jeweils als sich ergänzende Gegenpole auf einem Kontinuum zu
verstehen; sie schließen sich also nicht aus, sondern gehören zusammen. Die Begriffspaare
stehen für die Notwendigkeit, dass Jungen unterschiedliche Anforderungen ausbalancieren
müssen. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass keiner der Begriffe prinzipiell negativ belegt
ist. Die Lösung besteht vielmehr darin, in der Arbeit mit Jungen zu klären, wo diese jeweils
stehen – und von daher Entwicklungsziele für die geschlechtsbezogene Arbeit abzuleiten.
Achtung: Ob die den Jungen zugeschriebenen Kompetenzen und Potenziale, vor allem aber
die daraus abgeleiteten Entwicklungsbedarfe passen, bedarf natürlich der Rückversicherung.
Eine Möglichkeit der Vergewisserung könnte z.B. sein, den Jungen das Variablenmodell zu
erklären und sie dazu aufzufordern, sich selbst einzuordnen – und so ein Vergleichsmodell
zu erstellen.9
9
Quelle: Winter, Reinhard; Neubauer, Gunter: Kompetent, authentisch und normal?
Aufklärungsrelevante Gesundheitsprobleme, Sexualaufklärung und Beratung von Jungen, hrsg. von
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln 1998. Seite 364. – Die PDF-Datei ist als
9
Anforderungen an die pädagogischen Akteure – und hier vor allem die Fachmänner
Die Auseinandersetzung der pädagogischen Akteure – Fachfrauen wie Fachmänner – mit
der eigenen Sozialisation und Biographie als wesentliche Voraussetzung
geschlechtsbezogener Arbeit dient der Reflexion und Einbeziehung der eigenen
Geschlechtsidentität in den pädagogischen Alltag. Die Fachkräfte sollen eine kritische
Haltung zum bestehenden Geschlechterverhältnis gewinnen. Es geht darum, einen
geschlechtsbezogenen Blick auf Jungen, ihre Stärken, Ängste, Hoffnungen und Nöte zu
erlernen – und Jungen ernst zu nehmen.
Die damit einhergehenden Anforderungen an die pädagogischen Akteure kommen
besonders bei Fachmännern zum tragen, die Jungenarbeit machen wollen. In der
Jungenarbeit – als geschlechtsbezogenes pädagogisches Angebot von Fachmännern an
Jungen – geht es insbesondere darum, dass mann sich als mögliches Vorbild und zugleich
„Reibungsfläche“ den Jungen zur Verfügung stellt und so im günstigen Falle eine
Identifikation mit positiv besetzten erwachsenen männlichen Vorbildern ermöglicht.
Dabei gilt der Leitsatz: Die Persönlichkeit des Jungenarbeiters ist das Handwerkszeug seiner
Jungenarbeit.
Für Fachmänner, die sich auf den Weg von der Arbeit mit Jungen zur Jungenarbeit machen,
ergeben sich deshalb u.a. folgende Anforderungen:
¾Die Bereitschaft, sich mit Männlichkeit und dem eigenen Mann-Sein auseinander zu
setzen; hierzu gehört die biographische Arbeit zur Genese des eigenen
Männerbildes, die „Reise“ zurück in die eigene Jugend.
¾Die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Männerbild, seinen Stärken und auch
Schwächen zur Diskussion zu stellen: im Rahmen einer Qualifizierung, im Team und
vor allem in der Jungenarbeit. – Jungen sind neugierig; jeder Fachmann muss
deshalb auch für sich klären, wo er die Grenze zieht.
¾Die Klärung der eigenen (Männer-)Rolle im pädagogischen Alltag: Wie verhalte ich
mich in der Interaktion mit Kollegen/-innen? Wie gestalte ich Männlichkeit? Passt
meine Arbeit zu meinem Verständnis von Männlichkeit?
¾Die Klärung der Rolle, in der man Jungen begegnet. – Hier ist es wichtig zu
erkennen, dass Jungen nicht den Kumpel suchen, der meint, ihre Probleme schon zu
kennen und/oder zu teilen, sondern ein Interesse haben an erwachsenen
Ansprechpartnern, die anders sind!
¾Die Neugier, sich auf die Suche nach den Themen und Fragen der Jungen machen
zu wollen, mit denen mann dann im Alltag arbeitet.
¾Das Interesse, Jungen mit ihrem oft eigensinnigen Selbstbildern ernst zu nehmen –
auch wenn diese nicht den eigenen Idealen von Junge-Sein entsprechen.
Diese Anforderungen lassen sich vom Grundsatz her auch auf Fachfrauen übertragen, die
mit Jungen geschlechtsbezogen arbeiten wollen.
Ein letzter Punkt: Eine Qualifizierung in geschlechtsbezogener Arbeit endet nicht mit dem
Abschluss einer Fortbildung, sondern setzt sich im Alltag fort. Das bedeutet, kontinuierlich
gendersensibel die Arbeit mit Jungen, die eigenen Wahrnehmungsmuster, die mögliche
Vorbildrolle und die Zusammenarbeit mit den Kollegen/-innen im Team zu reflektieren.
kostenloser Download auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
verfügbar unter: http://www.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=341)
10
Nur so kann geschlechtsbezogene Arbeit zu einer selbstverständlichen Qualität in der Arbeit
von Fachmännern und Fachfrauen mit Jungen werden.
Weitere Fragen und Positionen für die eigene und/oder die Reflexion im Team
Aus welcher Motivation heraus entstand die Idee zur Jungenarbeit?
Sind Zielsetzungen der eigenen Arbeit an angenommenen Defiziten der Jungen
ausgerichtet?
Hat mann/frau alle Jungen im Blick – oder nur auffällige Jungen?
Verschleiert möglicherweise vorhandenes – abstraktes – Wissen über Jungen den Blick auf
den einzelnen Jungen und seine Persönlichkeit?
Was erscheint am Verhalten von Jungen im Schulalltag typisch „männlich“?
Und: Wie wird dieses Verhalten dann wahrgenommen – eher positiv oder eher negativ?
Was macht von Jungen inszenierte Männlichkeiten möglicherweise für diese attraktiv,
welchen Eigensinn könnten diese Männlichkeitsentwürfe haben?
In welcher Rolle sieht mann/frau sich in der Jungenarbeit?
Welche geschlechtsbezogenen Bilder sind im eigenen Verhalten den Jungen gegenüber
erkennbar? Gibt es ggf. versteckte/unentdeckte geschlechtstypische Interaktionsverläufe?
Wie verhält mann/frau sich den Jungen gegenüber? Bietet mann/frau Verlässlichkeit, ein
erfahrbares Gegenüber, das Stärken und Schwächen hat und zeigt? Bewegt mann/frau sich
auf die Jungen zu, nimmt ihre Ideen ernst, spielt mit, lässt sich auf sie ein
Welches Bild von Jungen haben Kollegen/-innen? Sind „männliche“ Verhaltensweisen
Thema bei Teamsitzungen?
Achtung: Anders als im Alltag oft angenommen, gibt es nicht ein vorherrschendes
Männerbild – vielmehr existieren verschiedene Entwürfe von Männlichkeiten im
gesellschaftlichen Alltag nebeneinander.
Achtung: Je nach Lebenshintergrund gelten in den Familien und sozialen Bezügen der
Jungen andere Werte und Normen mit Blick auf stimmige Geschlechterbilder als bei den
pädagogischen Akteuren. So gibt es z.B. neben den oftmals nur im Blick befindlichen
„deutschen“ Männerbildern viele andere Männerbilder in den verschiedenen
Migrantenkulturen.
Themen für die geschlechtsbezogene Arbeit mit Jungen
Was können Themen von geschlechtsbezogener Arbeit mit Jungen sein?
In diesem Zusammenhang ist zunächst interessant zu hören, wie das Echo der Jungen auf
Jungenarbeit aussieht. Hinweise bietet hier eine Befragung von Fachmännern und Trägern
aus dem Jahr 2000. Demzufolge stoßen geschlechtsbezogene Angebote offensichtlich auf
das Interesse der Jungen. Die befragten Fachmänner und Träger berichteten von
überwiegend positiven Rückmeldungen der Jungen, die zeigen, dass Jungenarbeit
willkommen ist, wenn die Angebote den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe entsprechen,
wenn erste Vorbehalte überwunden werden, wenn Jungen und Fachmänner sich besser
kennen gelernt haben und letztere sich vor allem offen, engagiert, nicht paternalisierend,
sondern akzeptierend verhalten, den Jungen zuhören, ihnen alternative Interaktions- und
Kommunikationsformen und das eigene Mann-Sein bei Bedarf als reflektiertes Vorbild
11
anbieten. Eine weitere Erfahrung ist: Jungenarbeit muss von der Zielgruppe nicht immer als
solche wahrgenommen werden – und macht trotzdem, oder gerade deshalb, Spaß.
Als Interessen, Bedürfnisse, Fragen, Probleme, Wünsche, die Jungen selbst äußern, wurden
u.a. genannt:
Sexualität, Partnerschaft, Mädchen, Homosexualität, Pornographie, Berufswahl,
Freundschaft, Mann-Werden, Drogen, erlebnispädagogische und andere
Freizeitangebote, Ängste bezüglich (körperlicher) Gewalt durch andere,
Selbstbehauptung, Nachfrage nach ‘eigenen’ Räumen, Handlungsanleitungen
bekommen, mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten, mehr Respekt, mehr Zuwendung,
mehr kompetente Hilfe, schulische Probleme, im Alltag Männer (und Frauen) finden,
die einen ernst nehmen, Zukunfts- und Versagensängste,
also die gesamte Spannbreite der Themen, die von Jungenarbeitern angeboten werden.
Junge-Sein und Mann-Werden ist eine Phase, in der die Jungen Ansprechpartner suchen,
die sie und ihre Fragen und Bedürfnisse verstehen, ernst nehmen und die Hilfen und Tipps
anbieten können – und zwar auch in geschützten Räumen.10
Grundsätzlich eignet sich jedes Interesse der Jungen für die Jungenarbeit. Es kommt
weniger auf die Konstruktion von Anlässen an, sondern auf die Haltung, mit der Fachmänner
und Fachfrauen Jungen begegnen und wie sie sie mit ihren Themen – laut, bewusst,
versteckt oder leise geäußert – ernst nehmen. Die folgenden beispielhaften Themenbereiche
dienen als Hinweis auf erfahrungsgemäß so oder ähnlich „auftauchende” Themen der
Jungen.11
Stärke und Schwäche. – Dies ist ein zentrales Thema männlicher Identitätsbildung. Kein
Junge kann sich je als so stark erleben, wie das herrschende Klischee vom männlichen
Helden es ihm vermittelt. Die unerreichbaren Allmachtsphantasien von HeMan über Power
Rangers bis zu den Pokémon-Helden lasten als Anspruch an den starken Mann auf jedem
Jungen.
Andererseits beweisen Jungen oft eigene „Stärke” gegenüber schwächeren Jungen und
Mädchen (z.B. auf dem Schulhof). Hier muss der Jungenarbeiter eindeutig entgegentreten.
Dies kann und sollte Anlass sein zu vermitteln, dass Stärke nicht auf Kosten von anderen
oder der eigenen Gesundheit produziert und/oder inszeniert werden darf.
Ein „gesunder” Umgang mit Stärken der Jungen und mit ihrer Lust am Ausprobieren oder
Grenzen testen und erleben kann und sollte gerade in der Jungenarbeit vermittelt werden.
Auf der Suche nach dem „Planet M”!? – Wo betrifft die Jungen das Thema „Mann-Sein”? Wie
gestalten Jungen ihre Männlichkeit? Wann werden Jungen Männer? Diese Anfrage wird von
den Jungen oft nicht unmittelbar gestellt, benötigt also je nach Adressaten noch eine
spezifische „Übersetzung”. Berührt werden die Themen Sexualität und Körper, aber auch
Verantwortung und Vorstellungen über die zukünftige Lebensplanung.
Vater – Mutter – Vorbilder. – Ein weiteres Thema ist die Auseinandersetzung mit Vater und
Mutter im eigenen Erleben. Hinzu kommt die Reflexion männlicher Vorbilder, die wichtig ist,
da viele Väter für die Jungen nicht greifbar sind: weil sie als abwesende Väter ihre Kinder
nach Trennung von der Partnerin nicht oder nur wenig sehen oder weil sie als „anwesende”
Väter zumindest im Alltag für ihre Kinder nicht erlebbar sind, da bei der Arbeit und/oder nicht
zu emotionaler Nähe fähig.12
10
Aus: Landkarte Jungenarbeit in NRW. Die Publikation ist in Materialien, Arbeitshilfen & Reader mit
Praxismaterialien als PDF-Datei abgelegt.
11
Die Themenbeispiele stammen aus dem Projektbericht „Von der Arbeit mit Jungen zur Jungenarbeit
(Seite 10 ff.). Der Bericht ist in Materialien, Arbeitshilfen & Reader mit Praxismaterialien als PDFDatei abgelegt.
12
Die Rolle des Vaters in der Gesellschaft und seine damit in der Regel einhergehende „Abwesenheit“
wird als Schlüsselproblem für die Sozialisation von Jungen angesehen, die Väter sind, u.a. wegen
12
Dem gegenüber steht in der Regel die Mutter als anwesende Bezugsperson, die mit allen
Facetten im Alltag der Jungen erlebbar ist und ihnen ein hohes Maß an Orientierung bietet.
Häufig ist dieses krasse Ungleichgewicht im Erleben von Mutter und Vater Ursache für eine
komplizierte Identitätsfindung der Jungen.
In diesem Themenbereich finden sich viele Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit
den Erfahrungen der Jungen in ihren aktuellen Lebenszusammenhängen, aber auch – bei
älteren Jungen – für die Arbeit an Entwürfen der Lebensplanung, bezogen auf die Bereiche
Arbeit, Partnerschaft und Familie. Über Phantasiereisen, Collagen oder Rollenspiele können
Experimente für die eigene Zukunft mit einer Jungengruppe erprobt werden.
Jungen und Männer unter sich. – Unbehagen, Ablehnung und Misstrauen sind häufige
Reaktionen von (jungen) Männern auf geschlechtshomogene Gruppenarbeit (außerhalb
klassischer männlicher Orte). Hier kommt zum Tragen, dass ein innerer Bezug, ein
emotionaler Kontakt zu eigenen Geschlechtsgenossen ungeübt und angstbesetzt ist und
daher abgelehnt wird (Homophobie). Ursache und wiederum Folge hiervon ist es, dass sich
Beziehungen zwischen Jungen und zwischen Männern oft in Konkurrenz zueinander
entwickeln. Emotionale Geborgenheit wird eher bei Frauen gesucht. Aufgabe von Jungenarbeit ist es, hier unterstützende Aspekte des Miteinanders von Jungen zu fördern.
Hinzu kommt, dass Jungen es häufig kaum für möglich halten, dass erwachsene Männer
sich wirklich für sie als Jungen interessieren. So steht zu Beginn einer Jungengruppe
vielfach der „Verdacht” im Raum, die Jungenarbeiter müssen schwul sein. Hinter der
Ablehnung von Homosexualität steht bei vielen Jungen (und Männern) die Angst, als nichtmännlich zu gelten. Jungenarbeit kann genau dies aufgreifen und thematisieren.
Weitere thematische Anregungen für die geschlechtsbezogene Arbeit mit Jungen im
Ganztag bieten:
¾Der Fachartikel „Gender macht Schule bunter – durch einen erweiterten Blick auf
Jungen“ von Christoph Blomberg in der Zeitschrift „Jugendhilfe und Schule inform“
2/2005, Seite 7 ff.
¾Die Arbeitshilfe „Von der Praxis für die Praxis. Projekte in der Jungenarbeit in NordrheinWestfalen.
Beide Publikation sind in Materialien, Arbeitshilfen & Reader mit Praxismaterialien als PDFDatei abgelegt.
Weitere Fragen für die Reflexion von möglichen Themen für die Arbeit mit Jungen
Was weiß mann/frau darüber, was Jungen brauchen, was ihre aktuellen Fragen und
Interessen, aber auch Unsicherheiten sind, wo sie sich wohl fühlen, welche Themen
und/oder Räume (z.B. in der Schule) ihnen Angst machen?
Welche Möglichkeiten der Mitwirkung wird Jungen geboten? Was wäre darüber hinaus noch
denkbar (z.B. Schulhofgestaltung, ein Jungenraum)?
Welche Angebote im Ganztag werden von Jungen besonders gerne besucht?
Was brauchen unruhige, bewegungshungrige Jungen?
Was dagegen könnte eher die ruhigen, unauffälligen Jungen interessieren?
der nach wie vor dominierenden Präsens der Männer auf dem Arbeitsmarkt, in der Regel räumlich
abwesend; sind sie zu Hause, fehlt es an emotionaler Nähe; damit fehlt es den Jungen an
erfahrbaren männlichen Bezugspersonen, die helfen, die eigene geschlechtliche Identität zu
gestalten – ein Problem, das sich angesichts fehlender Erzieher und Grundschullehrer in Kita und
Schule fortsetzt.
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Lassen sich aus dem Verhalten der Jungen Themen für die geschlechtsbezogene Arbeit
ableiten?
Kontakt:
Alexander Mavroudis, Landschaftsverband Rheinland, Dez. Schulen, Jugend, 50663 Köln.
Telefon 0221/809-6932. E-Mail: [email protected]
Im Internet: www.jugend.lvr.de
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