Altertum Altertum

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2600 Jahre
Philosophie
Inhalt
Einleitung
Laotse (um 600 v. Chr.)
Siddharta Gautama
Altertum (ca. 600 v. Ch. - 600)
Mittelalter (ca. 600 - 1500)
Neuzeit (ca. 1500 - heute)
Seite 4 - 23
Seite 24 - 29
Seite 30 - 113
2
Seite 4
Diderot (1713 - 1784)
52
Kant (1724 - 1804)
54
Hegel (1770 - 1831)
58
Schopenhauer (1788 - 1860)
60
Feuerbach (1804 - 1872)
66
Max Stirner (1806 - 1856)
69
Kierkegaard (1813 - 1855)
70
Marx (1818 - 1883)
73
William James (1842 - 1910)
75
Nietzsche (1844 - 1900)
76
Husserl (1859- 1938)
81
Bergson (1859 - 1941)
82
Nishida (1870 - 1945)
83
(um 563 - 483 v. Chr.)
4
Konfuzius (551 - 479 v. Chr.)
6
Heraklit (535 - 475 v. Chr.)
9
Sokrates (469 - 399 v. Chr.)
10
Platon (um 427 - 347 v. Chr.)
13
Aristoteles (384 - 322 v. Chr.)
15
Epikur (341 - 270 v. Chr.)
17
Seneca (1 - 65)
20
Marc Aurel (121 - 180)
22
Augustinus v. Hippo (354 - 430)
24
Avicenna (980 - 1037)
25
Averroës (1126 - 1198)
27
Russell (1872 - 1970)
86
Thomas v. Aquin (1225 - 1274)
28
Jaspers (1883 - 1969)
88
Machiavelli (1469 - 1527)
30
Wittgenstein (1889 - 1951)
95
Montaigne (1533 - 1592)
33
Heidegger (1889 - 1976)
96
Thomas Hobbes (1588 - 1679)
35
Carnap (1891 - 1970)
99
Descartes (1596 - 1650)
37
Krishnamurti (1895 - 1986)
99
Pascal (1623 - 1662)
39
Popper (1902 - 1994)
101
Spinoza (1632 - 1677)
41
Sartre (1905 - 1980)
104
Locke (1632 - 1704)
43
de Beauvoir (1908 - 1986)
107
Berkeley (1685 - 1753)
45
Næss (1912 - 2009)
108
Voltaire (1694 - 1778)
47
Camus (1913 - 1960)
110
Hume (1711 - 1776)
49
Sloterdijk (1947)
112
Am Anfang war die Frage. Sie ist
die Ursache von Philosophie.
M
it der Frage nach dem Ursprung von Welt
haben vor etwa 2500 Jahren die Menschen
einen Bruch mit Ihrer vorherigen Existenz vollzogen. Ihre Fragen waren: „Was ist der Ursprung
der Welt?“, „Was ist wahr?“, „Was ist der Sinn von
Sein?“, „Was ist die Stellung des Menschen in
der Welt?“ Heute sind die Fragen keine anderen:
„Was bin ich in der Welt?“, „Was ist der Mensch?“,
„Was kann ich erkennen?“, „Was soll ich tun?“,
„Was kann ich hoffen?“, „Was soll das?“
Fragen kann eigentlich jeder, nur es fragt nicht
jeder, sondern jeder kann Fragen. Wer sich sein
Leben lang von der Schule über den Beruf bis ins
Alter nur dem Trott des Alltags (nicht der Pflicht)
unterwirft, der wird niemals Erkennen, denn er
fragt nicht. Er fragt nicht nach dem Sinn seiner
Existenz, sondern lebt nur dahin, ohne seine
Bestimmung aufzunehmen, sein Sein zu gestalten, der Strecke zwischen Geburt und Tod einen
Sinn zu geben, auch wenn es nur der wäre, nach
diesem zu fragen.
Wer Erkennender werden will, der wird als Vorbedingung irgendwann den Absprung aus den Fesseln der alltäglichen Normalität in die Welt des
Staunens, des Infragestellens wagen. Für eine
Minderheit der Menschen ist diese Chance schon
von Geburt viel eher gegeben z.B. durch den
Besuch einer Schule, durch anschließendes Studium und eine entsprächende Tätigkeit im Leben.
Dies sind Grundlagen, bieten aber keine Garantie für das Fragen, das zur Erkenntnis wird.
Für die Mehrheit der Menschen jedoch ist diese
Möglichkeit des Fragens nicht von vornherein
gegeben. Frühes Eingebundensein in die Arbeitswelt, tägliche Besorgungen und Anstrengungen,
Eingespanntsein, daraus resultierende Müdigkeit, passive Entspannung vor dem Fernsehapparat oder anderen Apparaten, die das eigene
Leben ersetzen, lassen keine Lücke im Alltag, in
die das Denken, das über die alltägliche Problembewältigung hinausgeht, eindringen kann. Das
Alltägliche, das Gewöhnliche ist zudem überaus
hartnäckig. Es muß meistens erst etwas eintreten, das eine Distanz zum Geschehen des Alltags, zur eigenen eingefahrenen Situation hervorruft. So ein Moment der Distanz, einer Lücke
im Alltag, in die man hineindenkt, kann durch
viele Geschehnisse ausgelöst werden. Der Tod
eines Freundes, eine Krankheit oder eine Trennung kann Nachdenken provozieren.
3
Altertum
Altertum
Philosophen erklären die Welt
Laotse
Das Namenlose dessen Ursprung Himmel und
Erde ist, wird von LAO TSE „TAO“ genannt.
Vorteil der Nicht - Redens Lehre und des Nicht
- Tuns. An TAO teilhaben ist nach LAO TSE der
Lebenssinn, um im Vergänglichen das Unvergängliche zu ergreifen. Belehrung ohne Reden,
Leben ohne Worte, Wandel nicht Rede ist des
Weisen Lehre. Das TAO ist das Reich des wahren Seins des Menschen. „TAO ist der Weg und
das Ziel, es ist das Licht, das sieht und gesucht
wird.“
Zitate:
• Das Dao, das man beim Namen nennen kann,
ist nicht das ewige Dao.
• Das aussagbare Tao ist nicht das ewige Tao.
• Es gibt nichts Schöneres in dieser Welt als
einen gesunden, weisen alten Mann.
• Neben der edlen Kunst, etwas zu erledigen,
gibt es die nicht minder edle, Dinge ungetan
zu lassen. Das Aussortieren des Unwesentlichen ist der Kern aller Lebensweisheit.
• Weiser ist die Weisheit, die schwer errungen
werden mußte.
• Der Weise häuft nicht an für sich allein, je
mehr er an andere denkt, desto mehr besitzt
er.
• Wahrhaft lebt, wer im Tod besteht.
• Die Wiederkehr ist der Weg des Sinns. Die
Sanftheit ist die Wirkung des Sinnes. Alle
Dinge dieser Welt entstehen aus dem Sein.
Das Sein entsteht aus dem Nichtsein.
• Ins Leben treten heißt auch, in den Tod eingehen.
• Nur jene wissen das Leben wahrlich zu schätzen, die nichts tun, es zu stören.
Chinesischer Philosoph (um 600 v. Chr.)
Leben: Laotse, eigentlich Laozi, wurde in der
Präfektur Ku im heutigen Hénán geboren. Je
nach Umschrift wird der Name auch Laozi, LaoTse oder Lao-tzu geschrieben. Laotse war ein
in bedeutender chinesischer Philosoph und Religionslehrer. Über ihn gibt es nur wenige, meist
wiedersprüchliche historische Angaben: nach
gängigen Überlieferungen wurde er im 6. Jahrhundert, nach neueren Datierungsversuchen im
3. Jahrhundert geboren. Laotse diente als Archivar in der Bibliothek der Zhou. Als er Chaos und
den Verfall des Reiches vorhersah, verließ er das
Land.
Laotse
Lehre: Er war der Begründer der Lehre vom Tao,
die den Menschen u.a. durch Nächstenliebe und
Selbstbesinnung den rechten Weg zeigen will.
Laotse lehrte, daß Tao, der Weg des Absoluten
und des Nicht-Seins, durch die Tugenden Enthaltsamkeit, Demut und Mitleid erlangt werden
kann, diese Lehre hat sich zum Taoismus weiterentwickelt. Das Dàodéjing (Tao Te King), der
einflussreichste daoistische Text, wird ihm zugeschrieben. Trotz der beeindruckenden Überlieferung umfangreicher Chroniken und Listen von
Herrschern aus China ist über Laotse ansosnsten fast nichts bekannt. Es ist noch nicht einmal
sicher, ob Laotse bzw. Laozi wirklich gelebt hat
Siddharta Gautama
Begründer des Buddhismus
(um 563 - 483 v. Chr.)
Leben: Gemäß der Überlieferung entstammte
Siddhartha einem Adelsgeschlecht des nordindischen Volks der Shakya. Seine Eltern, König
Shuddhodana und dessen Gemahlin Mahamaya,
gehörten einer Kshatriya-Kaste an und regierten
in der Hauptstadt Kapilavastu (heute in Nepal
gelegen). Vor seiner Geburt soll Siddhartha sei4
Glaube nichts,
ganz gleich,
wo du es gelesen
hast oder wer es
gesagt hat es sei denn
es entspricht
deiner Vernunft.
Siddharta Gautama
ner Mutter in einer Vision in Gestalt eines weißen Elefanten erschienen sein. Geboren wurde
er in einer Vollmondnacht in Lumbini.
Schon als Kind zeigte Siddhartha außergewöhnliche Begabungen und Klugheit. Im Alter von 16
Jahren wurde er mit der Prinzessin Yasodhara
vermählt. Sie lebten in einem Palast, wo ihnen
alles, was zum Wohlleben gehörte, zur Verfügung stand und den er kaum verließ.
Dennoch war er unzufrieden und unausgefüllt.
Mit 29 Jahren, bald nach der Geburt seines einzigen Sohnes Rahula, verließ er das vermeintlich
sorglose Leben, welches er bis dahin im Palast
führte, und unternahm Wanderungen durch die
Umgebung. Dabei sah er sich erstmals der Realität des Lebens und dem Leiden der Menschheit
gegenübergestellt.
Er verließ seine Frau Yasodhara, den Palast und
das Reich seiner Eltern und begann das Leben
eines Asketen zu führen. Er erlernte die yogische
Praxis und Meditation als Schüler zweier angesehener brahmanischer Eremiten,
Im Alter von 35 Jahren saß er in einer Vollmond-
nacht in tiefster Versenkung unter einer Pappelfeige (heute, in Erinnerung an das Erwachen
des Buddhas, als Bodhi-Baum bekannt), als er
Bodhi („Erwachen,“ oft ungenau mit „Erleuchtung“ übersetzt) erlangte. Hass, Begierde und
Unwissenheit fielen von ihm ab. Er wurde zum
„Buddha,“ zum Erwachten.
Nach seinem Erwachen hielt Gautama im Wildpark bei Isipatana (dem heutigen Sarnath) nahe
Benares vor einer Gruppe von fünf Asketen, seinen früheren Gefährten, seine erste Lehrrede
und verkündete die Vier Edlen Wahrheiten. Die
fünf Gefährten wurden damit die ersten Mitglieder der buddhistischen (Mönchs-)Gemeinschaft
(Sangha). Von jenem Tage an lehrte er 45 Jahre
lang im Nordosten Indiens diesen „mittleren
Pfad,“ zwischen Luxus und Askese, den achtfachen Pfad von Tugend, Meditation und Weisheit,
der zum Erwachen führen würde.
Lehre: Befreiung durch Einsicht, Bewußtseinsverwandlungen, Erleuchtung. Wahrheit vom Leiden und Befreiung durch Wissen.
Es gibt kein selbst. Schutz vor Angst und Leiden.
5
Altertum
Altertum
Nirvanna ist keine Sache, die man beschreiben
kann, sondern ist ein „Wert,“ der gelebt werden
muß, bzw. der erlangt werden muß. Dies ist die
Aufgabe eines jeden einzelnen und ist nicht übertragbar.
Nirvanna ist ein Wert, ein Bewußtseinszustand,
ein „Ort,“ der in keinerlei Weise mitgeteilt werden kann, da alle Mitteilung, wenn sie richtig verstanden werden will und soll, zugleich das Verstehen des Adressaten voraussetzt, und das ist
hier nicht möglich.
Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zur
Ruhe, durch Nichtfeindschaft kommt Feindschaft
zur Ruhe, das ist das ewige Gesetz. Schutz vor
Angst und Leiden.
Zitate:
• Glücklich ist, wer sein ich überwunden hat.
• Frieden kommt von innen. Suche ihn nicht im
Äußeren.
• Der Geist ist alles. Was du denkst, wirst du
auch erlangen.
• Lob und Tadel bringen den Weisen nicht aus
dem Gleichgewicht.
• Suche deine eigene Weisheit in dir selbst.
• Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen,
sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren
gilt.
• Unsere Verabredung mit dem Leben findet
im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der
Treffpunkt ist genau da, wo wir uns gerade
befinden.
• Der Mensch, der wenig nur gelernt, wird alt
ganz nach der Ochsen Art: Es wächst ihm
also bloß das Fleisch, die Einsicht wächst ihm
nicht.
• Der Geist ist die Quelle aller Verwirrung.
• Wir sind alle nur ein Resultat dessen, was wir
gedacht haben.
• So wie der Acker verdorben wird durch Unkraut, wird der Mensch verdorben durch seine
Gier.
• Begierden verdunkeln selbst die höchsten und
erhabensten Zustände des Geistes.
• Wer Lust begehrt, begehrt Leid.
• Die Zeit ist ein großer Lehrer. Das Unglück:
Sie tötet ihre Schüler.
• Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen,
was wir dachten.
• Die edelste Art Erkenntnis zu gewinnen ist
die durch Nachdenken und Überlegung. Die
tät und Riten) zu verwirklichen. Dabei stellen
diese für Konfuzius lediglich ein Ideal dar, das
niemals zu erreichen ist. Dies tritt in den Lúnyu
ebenfalls hervor, wenn es über den Meister selbst
heißt: „Ist das nicht jener Mann, der weiß, dass
seine Ideen nicht zu verwirklichen sind, aber
dennoch nicht davon ablässt?“ Auch Konfuzius
selbst beansprucht nicht, dieses Ideal zu erfüllen. Wichtig ist jedoch, dass man nicht davon
ablässt, sich diesem Ideal anzunähern. Redliches Bemühen ist also das faktische Ideal des
Konfuzius, während das imaginäre Ideal als unerreichbar angesehen wird. Dabei steht diese Entwicklung einem jeden offen, der sich nur darum
bemüht. Als Mittel hierfür galt Konfuzius die Bildung und das Lernen. Von Natur aus sind die
Menschen einander ähnlich. Durch die Erziehung
entfernen sie sich voneinander. Wer die Unterschiedlichkeit zum Anlass nimmt, Menschen den
Zugang zu Bildung zu verwehren, weil diese
ihrer Veranlagung nach ungeeignet seien, der
verwechselt Ursache (Erziehung) und Wirkung.
Deshalb fordert Konfuzius: „Bildung soll allen
zugänglich sein. Man darf keine Standesunterschiede machen.“ Dem Lernen wird bei Konfuzius eine hohe Priorität eingeräumt. Es ist das
bevorzugte Mittel, den Edlen zu formen, zu bilden – der Edle ist also wortwörtlich gebildet.
Konfuzius lehrte eine Philosophie des So-ist-es,
es herrscht eine pragmatische Haltung gegenüber der Welt vor.
Zentraler Gegenstand der Lehre des Konfuzius
ist die (Gesellschafts-)Ordnung, also das Verhältnis zwischen Kind und Eltern, Vorgesetzten
und Untergebenen, die Ahnenverehrung, Riten
und Sitten. Konfuzius lehrte, dass erst durch die
Ordnung sich überhaupt Freiheit für den Menschen eröffnet. So wie die Regeln eines Spiels
Bedingung dafür sind, dass die Freiheit des Spielens entsteht, bringt die wohlgeordnete Gesellschaft erst die Strukturen für ein freies Leben des
Menschen hervor. Wie jeder Spieler aus Freiheit
die Regeln akzeptiert, so akzeptiert auch der
Edle Sittlichkeit und Pflichten. Ordnung unterdrückt also nicht die Freiheit, sondern eröffnet
erst einen Handlungsraum, in dem menschliche
Tätigkeiten einen Sinn bekommen. Es wäre hingegen das Chaos, als Gegenteil der Ordnung, welches eine Sphäre des Zwangs und der Bedrängnis entstehen lässt.
Was man weiß,
als Wissen gelten
lassen, was man
nicht weiß,
als Nichtwissen
gelten lassen:
Das ist Wissen.
Konfuzius
einfachste Art ist die durch Nachahmung und
die bitterste Art ist die durch Erfahrung.
• Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind,
entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren
Gedanken formen wir die Welt.
Konfuzius
Chinesischer Philosoph (551 - 479 v. Chr.)
Leben: Zwei Jahre nach seiner Geburt, 551 v.
Chr. in Lu (dem heutigen Shandong) starb sein
Vater und der junge Konfuzius erhielt 539-533 v.
Chr. Privatunterricht bei seinem Großvater. Mit
19 Jahren heiratete er. In den Jahren 532-502
v. Chr. war er als Scheunenaufseher sowie in
anderen niederen Beschäftigungsverhältnissen
tätig.
Seine Mutter starb 529 v. Chr. Nach einem angeblichen Treffen mit Laozi in Luoyang 518 v. Chr.
musste er zwei Jahre später die Flucht vor internen Machtkämpfen ergreifen und Exil im Nach6
barstaat Qi suchen. Nach seiner Rückkehr nach
Lu begann etwa 500 v. Chr. der politische Aufstieg
des Konfuzius. Er wurde zunächst Bauminister
und dann Justizminister von Lu und schließlich
498 v. Chr. stellvertretender Kanzler.
497 v. Chr. nimmt Herzog Ding von Lu 80 Singmädchen als Geschenk des Nachbarstaats Qi
entgegen, woraufhin Konfuzius abermals ins Exil
geht. Nun beginnt eine 13-jährige Wanderschaft
durch verschiedene Staaten.
Erst 484 v. Chr. erfolgt die Zurückberufung nach
Lu. Dort erlebt er 482 v. Chr. den Tod seines Sohnes Bo Yu und 481 v. Chr. den Tod von Yan Hui
und die Ermordung des Herzogs von Qi. Dies
wird auch als der Beginn der „Zeit der Streitenden Reiche“ bezeichnet. 480 v. Chr. stirbt sein
Schüler Zilu auf dem Schlachtfeld und ein Jahr
später stirbt auch Konfuzius selbst.
Lehre: Das menschliche Ideal ist für Konfuzius
der Edle, er strebt danach, die vier Tugenden
(Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Kindliche Pie7
Altertum
Altertum
Lernen und denken, Rettung des Menschen
durch Erneuerung des Altertums, Richtigstellung
der Worte, Praxisbezogen. Halte ein Ding, und
du wirst es behalten, laß es los, und es wird sich
verlieren. Für sein Kommen und Gehn gibt es
keine Gezeiten, niemand weiß, wo sein Los es
erwartet.
Zitate:
• Mache Treue und Aufrichtigkeit zu obersten
Prinzipien.
• Der Edle tut was seiner Stellung angemessen ist, er begehrt nicht, darüber hinaus zu
gehen.
• Was man weiß, als Wissen gelten lassen, was
man nicht weiß, als Nichtwissen gelten lassen:
Das ist Wissen.
• Wenn du einen Würdigen siehst, dann trachte
ihm nachzueifern. Wenn du einen Unwürdigen
siehst, dann prüfe dich in deinem Innern!
• Zuerst die innere Haltung, dann die äußere
Form! Es ist wie beim Malen, wo man Glanzlichter zuletzt aufsetzt.
• Weisheit, Mitleid und Tapferkeit sind die drei
wichtigsten sittlichen Eigenschaften des Menschen.
• Aufbrausend und charakterlos, dumm und
unaufmerksam, unwissend und unehrlich –
was kann man mit solchen Menschen anfangen?
• Der edle Mensch handelt erst, bevor er
spricht,und danach spricht er, wie er gehandelt.
• Etwas lernen und mit der Zeit darin immer
geübter werden, ist das nicht auch eine
Freude?
• Lernen und nicht denken ist unnütz. Denken
und nicht lernen ist zwecklos.
• Wer lernt und nicht denkt, ist verloren! Wer
denkt und nicht lernt, ist in großer Gefahr.
• Die Liebe zum Lernen ist der Weisheit verwandt.
• Maß und Mitte sind der Höhepunkt menschlicher Naturanlage.
• Menschlichkeit ist das Wesen der Sittlichkeit,
Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.
• Mit einem Menschen muß man zusammenleben, um ihn zu kennen.
• Daß mich die Menschen nicht kennen, tut mir
nicht leid. Aber daß ich die Menschen kenne,
das kann mir leid tun.
in den Bergen um Ephesos an Wassersucht
erkrankt sei, Ärzten hatte er sich nicht verständlich machen können. Daraufhin habe er versucht,
sich selbst zu kurieren, indem er sich unter einen
Misthaufen gelegt habe, um seinen wassersüchtigen Körper auszutrocknen.
Werk: Heraklit verfasste eine Schrift, die er –
damaligem Brauch folgend – ohne Titel beließ;
erst in späterer Zeit wurde sie als („Über die
Natur“) betitelt. Sie wurde frühestens 499, wahrscheinlich nach 492 vollendet. Das Werk ist als
Ganzes verloren, doch deckt sich das Bild, das
antike doxographische Quellen von ihm vermitteln, weitgehend mit dem Wissensstand, den die
erhaltenen Fragmente ergeben. Daher wird vermutet, dass nur etwa die Hälfte des ursprünglichen Textes verloren ist.
Lehre: Die Philosophie Heraklits wurde – etwas
einseitig – bereits in der Antike monistisch dergestalt verstanden, dass alle Dinge aus einem
vernünftigen Weltfeuer hervorgehen. Aus dem
Feuer entsteht nach Heraklit die Welt, die in
allen ihren Erscheinungsformen eine den meisten
Menschen verborgene vernunftgemäße Fügung
gemäß dem Weltgesetz des Logos erkennen
lässt. Alles befindet sich in einem ständigen, fließenden Prozess des Werdens, welches vordergründige Gegensätze in einer übergeordneten
Einheit zusammenfasst.
Ein zentraler Aspekt der heraklitischen Philosophie ist die Unterscheidung von lebensweltlichen
Erfahrungen, wie sie die Masse der Menschen
macht, und tiefer gegründeten Zugängen zur
Lebenswirklichkeit, die allein zu Erkenntnis im
Sinne des Logos führen. „Die Vielen“ stehen bei
Heraklit in einer bestimmten Hinsicht für den
Menschen, der sich nicht wahrer Philosophie
widmet und daher nicht zu tieferer Erkenntnis
vordringen kann.
Das Grundprinzip des Kosmos ist nach Heraklit
nicht – wie etwa für Parmenides von Elea – ein
statisches, gleichbleibendes Sein, sondern das
Werden. Während Parmenides das Nicht-Sein
und damit das Werden radikal leugnet, betont
Heraklit das gegensätzliche, aber in untrennbarer Einheit verschränkte Verhältnis von Sein und
Werden.
Heraklit betrachtet die Erfahrungswelt des Menschen als ein Ganzes von Gegensätzen, die
ineinander umschlagen und sich von einem
Der Weg auf und ab
ist ein und derselbe.
Alles iesst.
Heraklit
• Erkenntnis läßt sich nicht von anderen lernen.
Erkenntnis muß aus dem eigenen Ich hervorgehen.
• Der, der morgens die Weisheit entdeckt, darf
abends sterben.
• Was die Menge haßt, mußt du prüfen! Was die
Menge liebt, mußt du prüfen!
• Laute Freunde sind oft leise Feinde.
• Wer sittlichen Wert hat, bleibt nicht allein; er
findet sicher Freunde.
• Der Edle lenkt die Aufmerksamkeit auf die
guten Seiten anderer hin, nicht auf ihre
Mängel. Der kleine Mann tut das Gegenteil.
• Obzwar die Menschen nicht wissen, was das
Gute ist, so haben sie es doch in sich.
• Die ehrenwerten Spießbürger sind gerade die
Verderber der Moral.
• Es gibt Menschen von Bedeutung, die aber
ohne moralischen Wert sind. Nie aber kommt
es vor, das beschränkte Menschen moralischen Wert haben.
8
• Des Weisen Tag hat eine Torenstunde; Ein Tor
schläft ein als Tor, wie er erwacht.
Heraklit
Vorsokratischer Philosoph (535 - 475 v. Chr.)
Leben: Heraklit wurde in der griechischen Kolonie Ephesos in Ionien geboren, das bis in das
5. Jahrhundert unter der Herrschaft der Perser
stand. Als Sohn eines gewissen Blyson oder Herakon, worüber bereits in der Antike Uneinigkeit
herrschte, stammte Heraklit aus einem aristokratischen Geschlecht. Dadurch hätte er erblichen
Anspruch auf das Amt des königlichen Opferpriesters gehabt; zugunsten seines Bruders verzichtete er jedoch darauf. Trotz seiner Abneigung
gegen seine Mitbürger scheint er seine Heimatstadt nie verlassen zu haben.
Heraklits Tod ist von einer Legende umrankt,
dass er aufgrund seiner rein pflanzlichen Nahrung während seines zurückgezogenen Lebens
9
Altertum
Pol zum anderen wandeln. Die Gegensatzpaare
folgen dabei nicht nur einem äußerlichen Prozess, sondern sind als Gegensätze schon ineinander verschränkt.
Feuer, das in der Tradition der ionischen Naturphilosophen als Urstoff fungiert, ist bei Heraklit
auch als Metapher für den Logos zu verstehen,
dessen Dynamik die Welt durchwaltet und dessen
Wandlung ihr Seinsprinzip bildet. So charakterisiert er das Feuer als „ewig lebendig“ und
„vernünftig.“ Das Feuer ist Ursache der Weltregierung.
Prägte das Logos. Der Logos ist verborgen und
kann offenbar werden. Der Logos ist das Gemeinsame. Dialektik des Gegensätzlichen.
Hinweise auf Heraklits politisches Denken sind in
den Fragmenten nur spärlich zu finden. Dennoch
sehen manche Interpreten weniger die Kosmologie, sondern gerade „das Ganze des menschlich-politischen Lebens“ als den Kern der Philosophie Heraklits. Der Auffassung Heraklits zufolge tritt „an die Stelle der göttlichen Autorität das
menschliche Selbst als neue Instanz. Zugleich
ist Heraklits Philosophie nicht nur auf den einzelnen Menschen gerichtet, sondern wesentlich
auch auf das Gemeinwesen, wie es als das
allen „Gemeinsame“ bezeichnet wird: „Drum
ist’s Pflicht, dem Gemeinsamen zu folgen. Aber
obschon der Logos allen gemein ist, leben die
meisten doch so, als ob sie eine eigene Einsicht
hätten.
Aus zahlreichen Fragmenten geht hervor, dass
Heraklit Weisheit äußerst elitär auffasst, in vollkommener Form schreibt er sie nur den Göttern
zu.
Zitate:
• Alles fliesst.
• Der Weg auf und ab ist ein und derselbe.
• Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Überfluss und Hunger. Er wandelt sich
aber wie eine Substanz, die, wenn sie mit
Duftstoffen vermengt wird, nach dem jeweiligen Duft benannt wird.
• Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.
Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu
Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen
zu Freien.
• Richtiges Bewusstsein ist die größte Tugend,
und Weisheit (ist es), Wahres zu sagen und zu
handeln nach der Natur, auf sie hinhörend.
• Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem
strömt stets anderes Wasser zu.
• Drum ist’s Pflicht, dem Gemeinsamen zu
folgen. Aber obschon der Logos allen gemein
ist, leben die meisten doch so, als ob sie eine
eigene Einsicht hätten.
• Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes,
Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes.
Das eine schlägt um in das andere, das
andere wiederum schlägt in das eine um.
• Nicht gut ist, daß sich alles erfüllt, was du
wünschest: Durch Krankheit erkennst du den
Wert der Gesundheit, am Bösen den Wert
des Guten, durch Hunger die Sättigung, in der
Anstrengung den Wert der Ruhe.
• Wo keine Bewegung ist, herrscht Verfall. Das
Gemisch im Becher zersetzt sich, wenn es
nicht geschüttelt wird.
• Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort
der Schrecken in die Glieder.
• Der Mensch ist und bleibt ein Teil des Ganzen,
des Alls, des Urstoffs, der Urkraft.
• Wir steigen in denselben Fluß und doch nicht
in denselben; wir sind es, und wir sind es
nicht.
• Im Vergleich zum Menschen ist selbst der
stattlichste Affe scheußlich.
• Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal.
• Dem, was ich geschaut, gehört, gelernt habe,
gebe ich den Vorrang.
• Den Menschen ist allen zuteil geworden, sich
selbst zu erkennen und gesund zu leben.
• Das Denken ist der größte Vorzug, und die
Weisheit besteht darin, die Wahrheit zu sagen
und nach der Natur zu handeln, auf sie hinhörend.
Sokrates
griechischer Philosoph (469 - 399 v. Chr.)
Leben: Über den Werdegang des Sokrates ist
für die erste Lebenshälfte kaum etwas und
danach auch nur Lückenhaftes bekannt. Laut
Diogenes Laertios stammte er aus dem athenischen Demos Alopeke und war Sohn des Steinmetzes oder Bildhauers Sophroniskos. Platon teilt
mit, dass die Mutter des Sokrates die Hebamme
Phainarete war, außerdem erwähnt Platon einen
Halbbruder mütterlicherseits namens Patrokles.
10
Ich
we
iß,
Altertum
weiß
nicht
h
c
si
da
tätigkeit bezahlen. Er bezeichnete sich bewusst
als Philosoph (philos: Freund; sophia: Weisheit).
Anklagen wegen Gottlosigkeit und Verderbung
der Jugend, brachten 399 v. Chr. Sokrates den
sogenannten Asebie-Prozess. Sokrates agierte
vor Gericht ganz so, wie man ihn im öffentlichen
Leben Athens schon über Jahrzehnte kannte:
als peinlich Untersuchenden, Nachfragender und
die Forschungsergebnisse schonungslos Offenbarender, beide Anklagepunkte wies er zurück.
Mit knapper Stimmenmehrheit (281 von 501
Stimmen) wurde er von einem der zahlreichen
Gerichtshöfe der Attischen Demokratie für schuldig befunden. Nach damaligem Brauch durfte
Sokrates nach der Schuldigsprechung eine Strafe
für sich selbst vorschlagen. In seiner zweiten
Rede bestand Sokrates darauf, seinen Mitbürgern durch die praktische philosophische Unterweisung nur Gutes getan zu haben und dafür
nicht etwa die beantragte Todesstrafe, sondern
die Speisung im Prytaneion zu verdienen, wie sie
Olympiasieger erhielten. Angesichts des Schuldspruchs erwog er dann verschiedene mögliche
Strategien, hielt aber letztlich allenfalls eine Geldstrafe für akzeptabel. Hiernach verurteilten ihn
die Geschworenen nun mit einer Mehrheit, die
noch einmal um 80 auf 361 Stimmen anwuchs,
zum Tode. In dem ihm zustehenden Schlusswort
betonte Sokrates noch einmal die Ungerechtigkeit der Verurteilung und bescheinigte den Anklägern Bosheit.
Seine Weigerung zur Flucht begründete er mit
dem Respekt vor den Gesetzen. Würden Urteile
nicht befolgt, verlören Gesetze überhaupt ihre
Kraft. Schlechte Gesetze müsse man ändern,
aber nicht mutwillig übertreten. Den schließlich
gereichten Schierlingsbecher leerte Sokrates
anscheinend vollständig gefasst.
Lehre: Sokrates selbst hinterließ keine schriftlichen Werke. Die Überlieferung seines Lebens
und Denkens beruht auf Schriften anderer, hauptsächlich seiner Schüler Platon und Xenophon.
Sie verfassten sokratische Dialoge und betonten darin unterschiedliche Züge seiner Lehre.
Jede Darstellung des historischen Sokrates und
seiner Philosophie ist deshalb lückenhaft und mit
Unsicherheiten verbunden.
Zu den Kernbereichen Sokratischen Philosophierens gehören neben dem auf Dialoge gegründeten Erkenntnisstreben die näherungsweise
Sokrates
Seine Ausbildung habe sich, so der deutsche
Althistoriker Alexander Demandt, in den gängigen Bahnen bewegt, was neben Alphabetisierung, Gymnastik und Musikerziehung auch
Geometrie, Astronomie und das Studium der
Dichter, zumal Homers, einschloss. Laut Philosophiehistoriker Diogenes Laertios hat Sokrates
wie sein Vater als Bildhauer gearbeitet und sogar
eine Charitengruppe und eine Hermesfigur auf
der Akropolis gestaltet, diese Tätigkeit aber frühzeitig beendete.
Konkrete Daten sind mit seinen militärischen
Einsätzen im Peloponnesischen Krieg (431–404
v. Chr.) verbunden: Sokrates machte im Felde
großen Eindruck durch die Art, wie er Kälte,
Hunger und sonstige Entbehrungen zu ertragen
in der Lage war und wie er im Falle des militärischen Rückzugs bei Delion – statt wie andere
kopflos zu flüchten – gemessenen Schrittes und
jederzeit verteidigungsbereit Besonnenheit und
entschlossenen Mut bewies.
Seinen Wirkungsmittelpunkt hatte Sokrates auf
dem belebten Marktplatz von Athen, wie Xenophon verdeutlichte: „So tat gerade er stets alles
in voller Öffentlichkeit.“ Im Gegensatz zu den
Sophisten ließ sich Sokrates nicht für seine Lehr11
Altertum
Altertum
Bestimmung des Guten als Handlungsrichtschnur
und das Ringen um Selbsterkenntnis als wesentliche Voraussetzung eines gelingenden Daseins.
Phasen völlig gedanklicher Versunkenheit, machten ebenfalls Eindruck auf Mitbürger Athens.
Das Gespräch, Fragen, Wendung an den Einzelnen, Erziehung sind seine Methode. „Ich weiß,
dass ich nicht weiß,“ lautet eine bekannte, aber
stark verkürzende Formel, mit der verdeutlicht
wird, was Sokrates seinen Mitbürgern voraushatte. Ziel des Sokratischen Dialogs in der von
Platon überlieferten Form ist die gemeinsame
Einsicht in einen Sachverhalt auf der Basis von
Frage und Antwort.
Der Erkenntnisfortschritt in den Sokratischen Dialogen ergibt sich in charakteristischer Abstufung:
Im ersten Schritt suchte Sokrates dem jeweiligen
Diskussionspartner klarzumachen, dass seine
Lebens- und Denkungsart unzureichend seien.
Um seinen Mitbürgern zu zeigen, wie wenig sie
über ihre eigenen Ansichten und Einstellungen
bisher nachgedacht hatten, konfrontierte er sie
anschließend mit den unsinnigen bzw. unangenehmen Konsequenzen, die sich daraus ergeben
würden. Nach dieser Verunsicherung forderte
Sokrates seinen Gesprächspartner zum Umdenken auf. Er lenkte das Gespräch unter Anknüpfung an den Erörterungsgegenstand – sei es
z.B. Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit oder
Tugend überhaupt – hin auf die Frageebene, was
das Wesentliche am Menschen sei. Für die Dialogpartner zeigte Platon im Verlauf der Untersuchung regelmäßig, dass Sokrates, der doch
vorgab nicht zu wissen, alsbald deutlich mehr
Wissen zu erkennen gab, als sie selbst besaßen. Anfangs oft in der Rolle des scheinbar
wissbegierigen Schülers, der seinem Gegenüber die Lehrerrolle antrug, erwies er sich zuletzt
klar überlegen. Seine Ausgangsposition wurde
dadurch häufig als unglaubwürdig und unaufrichtig wahrgenommen, als Ausdruck von Ironie im
Sinne von Verstellung zum Zweck der Irreführung.
Zitate:
• Die den Tod fürchten, bilden sich ein zu wissen,
was man nicht weiß. Vielleicht ist er das größte
Glück und sie fürchten Ihn, als ob sie wüßten,
daß er das größte Übel sei.
• Ein Leben ohne Selbsterforschung ist nicht
lebenswert.
Platon einen jüngeren Halbbruder, Antiphon.
In die Philosophie führte ihn Kratylos ein, ein
Anhänger Heraklits, nach dem Platon später
seinen Dialog Kratylos benannte. Als Zwanzigjähriger begegnete er Sokrates, dem er sich als
Schüler anschloss. Bis zu Sokrates Tod rund ein
Jahrzehnt später blieb er bei ihm. Als Lehrer und
als Vorbild prägte Sokrates die geistige Entwicklung Platons. Nach dem Tod des Sokrates begab
sich Platon mit anderen Sokratikern für kurze
Zeit nach Megara zu Euklid von Megara, der
ebenfalls ein Schüler des Sokrates war. Um 388
unternahm Platon seine erste Sizilienreise. Nach
seiner Rückkehr kaufte Platon um 387 v. Chr.
im Nordwesten von Athen ein Grundstück, wo er
philosophisch-wissenschaftlichen Unterricht zu
erteilen begann und seine Schüler zu Forschungen anregte. 367 zweite Sizilienreise, 361 dritte
Sizilienreise.
Seine letzten Lebensjahre verbrachte Platon lehrend und forschend. In hohem Alter wandte er
sich mit einem öffentlichen Vortrag „Über das
Gute“ an ein breites, nichtphilosophisches Publikum, bei dem er jedoch auf Verständnislosigkeit
stieß. Er starb 347 v. Chr. und wurde auf dem
Gelände der Akademie oder in dessen Nähe
bestattet.
Lehre: Die Einführung der Ideenlehre wird häufig
als die Trennlinie zwischen sokratischer und platonischer Philosophie gesehen. Platon befasst
sich in den mittleren Dialogen mit dem Wesen
einer Tugend oder eines beliebigen Objekts, ohne
sich auf die Suche nach Definitionsmerkmalen zu
beschränken. Ein Mensch mag zwar als gerecht
bezeichnet werden, jedoch ist er nicht an und
für sich gerecht; ein Gegenstand kann schön
genannt werden, aber er ist niemals der Inbegriff des rein Schönen. Die Idee ist für Platon
das wahre Seiende, ihr Sein ist das Sein im
eigentlichen Sinne. Den sinnlich wahrnehmbaren
Gegenständen hingegen kommt nur ein bedingtes und damit unvollkommenes Sein zu. Die
Ideen als eigentliche Wirklichkeit sind absolute,
zeitunabhängig bestehende Urbilder. Da sie nicht
dem Entstehen, dem Wandel und dem Vergehen
unterliegen, sind sie von göttlicher Qualität. Die
Ideen machen das eigentliche Wesen der Eigenschaften aus und verleihen den Dingen deren
Form. Als nicht wandelbare Entität sind sie der
Gegenstand, auf den sich Denken und Erkennt-
Platon
• Ich bin weder Athener noch Grieche, sondern
ein Bürger der Welt.
• Ein Leben, das nicht kritisch untersucht wird,
ist es nicht wert, gelebt zu werden.
• Alles was lebt, kommt aus dem, was schon
tot ist.
• Eigenartigerweise kann ein Mann immer
sagen, wie viele Schafe er besitzt, aber er
kann nicht sagen, wie viele Freunde er hat, so
gering ist der Wert, den wir ihnen beimessen.
• Gewaltsam läßt sich ein Freund weder
gewinnen noch halten, dagegen machen ihn
Güte und liebesvolles Wesen zugänglich und
anhänglich.
• Bekommst du eine gute Frau, wirst du glücklich werden; bekommst du eine schlechte,
wirst du Philosoph werden.
• Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Philosophen, die Verwunderung; ja es gibt keinen
anderen Anfang der Philosophie als diesen.
• Wie vieles gibt es doch, was ich nicht nötig
habe.
• Man sagte mir, ein gewisser Mensch habe
ich auf seinen Reisen nicht gebessert; das
leuchtet mir ein: er hatte sich ja auf seine
Reisen selbst mitgenommen.
12
• Jeder Mensch trägt einen Dämon in sich, der
ihn reizt und ihn zu seinen Handlungen treibt.
• Das Schöne ist schwer.
• Sei, was du scheinen willst.
• Rechtes Handeln folgt dem rechten Denken.
• In jedem Menschen ist Sonne - man muß sie
nur zum Leuchten bringen.
• Ich weiß, das ich nicht weiß.
• Ich sträube mich nicht gegen den Tod, denn
ich hege die frohe Hoffnung, daß es ein Leben
Jenseits gebe für die Verstorbenen.
Platon
Griechischer Philosoph (c. 427 - 347 v. Chr.)
Leben: Platon stammte aus einer vornehmen,
wohlhabenden Familie Athens. Sein Vater Ariston betrachtete sich als Nachkomme des Kodros,
eines mythischen Königs von Athen. Unter den
Ahnen von Platons Mutter Periktione war ein
Freund und Verwandter des legendären athenischen Gesetzgebers Solon.Der Philosoph hatte
zwei ältere Brüder, Adeimantos und Glaukon,
die in der Politeia als Dialogteilnehmer auftreten,
und eine ältere Schwester, Potone. Sein Vater
starb früh, aus zweiter Ehe seiner Mutter hatte
13
Altertum
Altertum
nis richten, denn allein von Unveränderlichem
kann es Wissen geben, von stets mangelhaften
und in Veränderung begriffenen Sinnesdingen
nicht. Platon greift das ursprünglich von Parmenides von Elea entwickelte Konzept eines einzigen Seins hinter den Dingen auf und wendet
diesen Gedanken auf zahlreiche philosophische
Fragen an. Wir können durch die Hierachie der
„Ideen“ zum höchsten, mystischen Verständnis
der „Idee“ des Schönen, Wahren und Guten vorstoßen.
In Platons Philosophie ist die Seele als immaterielles Prinzip des Lebens individuell unsterblich. Ihr Dasein ist von dem des Körpers gänzlich
unabhängig; sie existiert vor seiner Entstehung
und besteht nach seiner Zerstörung unversehrt
fort. Daraus ergibt sich die Rangordnung der
beiden: Der Leib, der mancherlei Beeinträchtigungen und letztlich der Vernichtung unterliegt,
ist der unsterblichen, unzerstörbaren Seele untergeordnet. Es steht ihr zu, über ihn zu herrschen.
Der Körper ist das „Gefäß,“ die „Wohnstatt“ der
Seele, aber auch negativ ausgedrückt ihr „Grab“
oder „Gefängnis“ – eine berühmt gewordene Formulierung Platons. Im Tod löst sich die Seele vom
Körper, das ewig Lebendige trennt und befreit
sich von der nur durch seine Einwirkung belebten
Materie. Vom Leib entbunden kann die Seele auf
ungetrübte Weise erkennen, weshalb der wahre
Philosoph den Tod als sinnvoll anstrebt. Solange
sie sich jedoch im Körper befindet, nimmt die
Seele eine vermittelnde Stellung zwischen der
Ideenwelt und der Sinnenwelt ein.
Da für Platon eigenständige Bewegung ein Definitionsmerkmal der Seele ist, fasst er auch Tiere
und Gestirne als beseelt auf, im Timaios auch
Pflanzen. Der Kosmos selbst verfügt über Vernunft, die ihren Sitz in der Weltseele hat. Die
Weltseele ist die Kraft, die sich selbst und alles
andere bewegt.
In seiner Erkenntnistheorie unterscheidet Platon
streng zwischen Meinung oder Glauben ohne
Wissen einerseits und wahrem Wissen andererseits. Sinneswahrnehmungen reichen nicht zum
Erlangen der Wahrheit aus, sondern erzeugen
lediglich Meinungen. Auch wenn eine Meinung
zutrifft, ist sie von prinzipiell anderer Beschaffenheit und anderen Ursprungs als Einsicht. Ein
Zugang zur Wahrheit und damit Wissen erschließt
sich der Seele nur im Denken, das sich mög-
lichst von der Sinneswahrnehmung emanzipiert
hat.
Der Dialektik weist Platon in der Politeia, dem
Dialog über den idealen Staat, eine zentrale Rolle
für die Ausbildung der philosophischen Herrscher zu. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist der
Ausgangspunkt der Politeia (Der Staat), welche
in der Tetralogienordnung daher den Untertitel
„Über das Gerechte,“ erhielt. Platon zeichnet in
der Politeia den Werdegang eines Staates hin
zu seinem Idealmodell. Pläne von der glücklichen Gesellschaft: Kaiser, Könige, Präsidenten,
Tyrannen, Diktatoren oder wie die Herrschenden
gerade hießen, sollen Philosophen werden oder
den Philosophen gehorchen auf das Macht und
Weisheit eins würden.
Zitate:
• Die Arete eines jeden Dings besteht darin,
wodurch es seine Aufgabe erfülle. Unwissenheit ist das größte Unheil.
• Wer im Guten lebt kann glücklich sein.
• Der einzelne findet keine Wahrheit, er sucht
den anderen um sich mitzuteilen.
• Mann und Frau sollten nichts anderes tun, als
nur die schönsten Spiele feiern. Denken und
Tun sind ein Spiel, zumal in der Mitteilung.
• Wir sind Spielzeuge Gottes.
• Unabhänigkeit des Denkens durch das Denken, mit dem Wissen des Nichtwissens. Ich
weiß das ich Nichtweiss. Der Weissheit letzten
Schluß gibt es also nicht.
• Weißt du denn nicht ... dass unsere Seele
unsterblich ist und in Ewigkeit nicht vergeht?
• Die Philosophie bietet mir einen Hafen, während ich andere mit den Stürmen kämpfen
sehe.
• Wartest du auf eine Gelegenheit zum Philosophieren, so hast du sie schon verpaßt.
• Nun freilich starren Sinnes zu behaupten, daß
das, was ich gesprochen habe, auch unbedingte Wahrheit sei, das schickt sich nicht für
einen, der zu denken pflegt.
• Aus der Demokratie entwickelt sich, wenn Freiheit im Übermaß bewilligt wird, die Tyrannei.
• Das extreme Trachten nach dem, was in der
Demokratie als gut gilt, stürzt die Demokratie.
• Wohlan, mein lieber Freund, wie steht es mit
der Diktatur? Löst sich die Demokratie nicht
selber auf durch eine gewisse Unersättlichkeit
in der Freiheit?
14
• Der ist der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, daß er wirklich, was Weisheit anbelangt,
nichts wert ist.
• Es gibt drei Arten des menschlichen Charakters: Der Philosoph, der Ehrgeizige und der
Habsüchtige.
• Meistens wird der Charakter jedes einzelnen
durch seine Wünsche und durch seine psychische Gemütsart geformt.
• Alles Seiende ist nur ein Schatten.
• Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele.
waren größtenteils nur für den internen Gebrauch
im Unterricht bestimmt und wurden fortlaufend
redigiert. Themenbereiche sind: Logik und Ontologie, Politik und Ethik, Rhetorik und Poetik sowie
Naturlehre und Metaphysik.
In den logischen Schriften arbeitet Aristoteles
auf der Grundlage von Diskussionspraktiken in
der Akademie eine Argumentationstheorie (Dialektik) aus und begründet mit der Syllogistik die
formale Logik. Die Rhetorik beschreibt er als die
Kunst, Aussagen als plausibel zu erweisen, und
rückt sie damit in die Nähe der Logik. Aristoteles’ Naturphilosophie thematisiert die Grundlagen jeder Naturbetrachtung: die Arten und
Prinzipien der Veränderung. In seiner Metaphysik argumentiert Aristoteles (gegen Platons
Annahme von abstrakten Entitäten) zunächst
dafür, dass die konkreten Einzeldinge (wie Sokrates) die Substanzen, d.h. das Grundlegende
aller Wirklichkeit sind. Dies ergänzt er um seine
spätere Lehre, wonach die Substanz konkreter
Einzeldinge ihre Form ist.
Das Ziel des menschlichen Lebens, so Aristoteles in seiner Ethik, ist das gute Leben, das
Glück. Gut ist ein Leben, wenn es uns giebt, was
wir von einem Leben in möglichst aufgeklärter
Weise wollen, was immer es sei, und wenn
wir das Glück haben, daß sich das so weit
aufgeklärte Wollen mit dem Wollen deckt, das
wir hätten, wenn wir alle nötigen Informationen
hätten.
In seiner Theorie der Dichtung behandelt Aristoteles insbesondere die Tragödie, deren Funktion
aus seiner Sicht darin besteht, Furcht und Mitleid zu erregen, um beim Zuschauer eine Reinigung von diesen Emotionen zu bewirken.
Die literarischen Unterschiede zu Platon betreffen nicht bloß die äußere Darstellung, sondern
den Kern der philosophischen Überzeugungen.
Aristoteles übte Kritik an Platons Ideenlehre.
Die Auseinandersetzung mit der aristotelischen
Naturlehre prägte die Naturwissenschaft des
Spätmittelalters und der Renaissance. Im arabischsprachigen Raum war Aristoteles im Mittelalter der am intensivsten rezipierte antike Autor.
Zitate:
• Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit
geht der Vernünftige nach oder der Vernünftige geht auf Schmerzlosigkeit, nicht auf
Genuß aus.
Aristoteles
Griechischer Philosoph (384 - 322 v. Chr.)
Leben: Aristoteles wurde 384 v. Chr. in Stageira,
einer damals selbständigen ionischen Kleinstadt an der Ostküste der Chalkidike, geboren.
Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs
Amyntas III. von Makedonien, seine Mutter Phaestis stammte aus einer Arztfamilie von Chalkis
auf Euboia. Im Alter vom 17 Jahren trat Aristoteles 367 v. Chr. in Platons Akademie ein. Dort
beschäftigte er sich zunächst mit den mathematischen und dialektischen Themen, die den
Anfang der Studien in der Akademie bildeten.
Nicht lange nach seinem Eintritt trat er in eine disputierende und alsbald auch schriftstellerische
Konkurrenz zu seinem Lehrer Platon. Er wurde
mit 18 Jahren Schüler des Platon in Athen, an
dessen »Akademie« er, zuletzt als Lehrer, 20
Jahre lang blieb. Nach Platons Tod verließ Aristoteles 347 v. Chr. Athen. Im Auftrage Philipps
von Makedonien 343/342 v. Chr. wurde er Erzieher von dessen dreizehnjährigen Sohn Alexander, dem späteren Alexander dem Großen.
335/334 v. Chr. kehrte er nach Athen zurück und
gründete eine eigene Schule. Nach dem Tode
Alexander des Grossen 323 v. Chr. musste er
Athen verlassen. Er zog sich nach Chalkis auf
Euboia in das Haus seiner Mutter zurück. Dort
starb er im Oktober 322 v. Chr. Aristoteles war
mit Pythias, einer Verwandten seines Freundes
Hermias, verheiratet, von ihr hatte er eine Tochter. Nach dem Tod seiner Gattin wurde Herpyllis
seine Lebensgefährtin; sie war möglicherweise
die Mutter seines Sohnes Nikomachos.
Lehre: Die an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Schriften des Aristoteles in Dialogform sind
verloren. Die erhalten gebliebenen Lehrschriften
15
Altertum
Altertum
• Das Ziel des menschlichen Lebens ist die
Glückseligkeit.
• Die Wahrheit liegt in der Welt um uns.
• Allgemein in der menschlichen Natur liegt der
Trieb nach Erkenntnis.
• Alles Handeln wird prinzipiell durch sieben
Gründe bestimmt: Zufall, Natur, Gewalt,
Gewohnheit, Reflexion, Gemüt, Begierde.
• In der Muße scheint das Glück zu liegen. Es
gehört denen, die sich selber genügen.
• Vollkommene Freundschaft ist das Wohlwollen
unter Guten. Und weil sie gut sind, sind sie
zugleich nützlich und bereiten einander
Freude.
• Die Neigung zur Freundschaft entsteht oft
plötzlich, die Freundschaft selbst aber braucht
Zeit.
• Die Freundschaft gehört zum Notwendigsten
in unserem Leben. In Armut und im Unglück
sind Freunde die einzige Zuflucht. Doch die
Freundschaft ist nicht nur notwendig, sondern
auch schön.
• Ein Freund aller ist niemandes Freund. Wer
viele Freunde hat, hat keinen.
• Der Charakter des Menschen zeigt sich
am deutlichsten in denjenigen Reden und
Handlungen und bei demjenigen Teile seines
ganzen Betragens, bei welchem er keine
besondere Absicht hat.
• Ein vortrefflicher Charakter wählt immer den
Mittelweg.
• Unser Charakter ergibt sich aus unserem
Benehmen.
• Es gibt für die Menschen nichts Göttliches und
Beseligendes als das, was allein der Mühe
wert ist, nämlich das, was an Denkkraft und
Vernunft in uns ist.
• Auch das Denken schadet bisweilen der
Gesundheit.
• Das Denken für sich allein bewegt nichts, sondern nur das auf einen Zweck gerichtete und
praktische Denken.
• Daß man nun die jungen Leute nicht nur zur
Unterhaltung erziehen darf, ist ja klar: denn
das Lernen ist kein Spiel, sondern eine ernste
Mühe.
• Philosophie ist die Wissenschaft der Wahrheit.
• Was mir mit der Philosophie glückte, erreichte
ich durch meinen Willen, die anderen – nur
weil sie sich vor dem Gesetz fürchten.
nes Laertios, erst aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert stammt. Er war möglicherweise 311 v. Chr.–306 v. Chr. Lehrer der Philosophie
zuerst in Mytilini auf Lesbos, später in Lampsakos am Hellespont. Im Jahre 306 v. Chr. zog
Epikur nach Athen, dort erwarb er für 80 Minen
jenen Garten (Kepos), in dem er seine Schule
gründete. Der Kepos diente seinen aus Menschen aller Gesellschaftsschichten stammenden
Anhängern als Versammlungsort, und er lebte
dort mit seinen Schülern. Etwa 40 Jahre lang,
bis zu seinem Tod im Jahr 270 v. Chr., blieb
Epikur der geistige Mittelpunkt des Gartens,
in dessen Schutz freundschaftliche Beziehungen besonders gepflegt wurden. Epikurs Schule
strebte keinen politischen Einfluss an und fand –
von Ausnahmen abgesehen – kaum Zugang zu
den Reichen und Mächtigen. Dennoch hielt sich
der Kepos, zuletzt noch von dem Stoiker Mark
Aurel gefördert, bis über das 2. Jahrhundert n.
Chr. hinaus. Vom umfangreichen Schaffen Epikurs (mindestens 40 Abhandlungen, darunter 37
Bücher seines Hauptwerks Peri physeos (Über
die Natur)) sind nur noch Fragmente erhalten.
Lehre: Epikuts Lehre ist eine Philosophie der
Freude. Diesem Ziele dient all sein Denken, in
ihm schließen sich alle einzelnen Stücke und
Gruppen seiner Gedanken zu einer festgeschlossenen Einheit zusammen. Charakteristisch für
die Lehre Epikurs sind die Entwicklung spezieller
Formen der Bedürfnisregulation zum Zweck der
Lustmaximierung und die radikale Diesseitigkeit
aller Strebungen, begründet in der Auffassung,
dass auch die menschliche Seele mit dem Tod
zur Auflösung kommt. Nicht ein ewiges Leben,
sondern der bei Lebzeiten zu vollendeter Seelenruhe (Ataraxie) gelangte epikureische Weise
ist das Grundmotiv der Epikureer. Dieses Denken im Dienste des Glücks hielt Epikur für die
wichtigste Angelegenheit des Daseins. Unser
Leben wird ruiniert, weil wir es immer aufschieben zu leben. So sinken wir ins Grab, ohne unser
Dasein so recht gespürt zu haben also nutze
den Tag. Auch Epikurs Lehre umfasst die drei
klassischen Felder der antiken Philosophie: die
Physik (Naturlehre), die Logik oder hier: Kanonik
(Erkenntnislehre) und die Ethik (Verhaltenslehre). Dabei tragen Naturerklärung und erkenntnistheoretische Überlegungen gemeinsam mit
den ethischen Grundprinzipien zur Ausschaltung
Alles Handeln wird prinzipiell durch sieben Gründe bestimmt:
Zufall
Natur
Gewalt
Gewohnheit
Re exion
Gemüt
Begierde
Aristoteles
• Das Leben besteht in der Bewegung. Jede
Bewegung verläuft in der Zeit und hat ein Ziel.
• Gott ist entweder Geist oder ein Wesen, das
noch jenseits des Geistes steht.
• Die Menschen stellen sich sowohl die Gestalt
als auch die Lebensweise der Götter ähnlich
ihrer eigenen vor.
• Der Mensch ist von Natur ein Gemeinschaft
bildendes Wesen.
• Was ist ein Mensch? Ein Bild der Schwäche,
Beute des Augenblicks, ein Spielball des
Schicksals, ein Bild der Unbeständigkeit, eine
Verbindung von Leid und Mißgeschick und
das Übrige: Schleim und Galle.
• Selbst im Hirn des weisesten Mannes gibt es
einen törichten Winkel.
• Fehlt dem Menschen nur der Vestand, wird er
zum Tier.
• Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuß
Verrücktheit. Alle genialen Menschen sind
Melancholiker.
16
Epikur
Griechischer Philosoph (341 - 270 v. Chr.)
Leben: Epikur wurde im Januar 341 v. Chr. auf
der ägäischen Insel Samos als Sohn des Neokles und der Chairestrate geboren. Sein Vater
Neokles war als Kolonist von Athen nach Samos
umgesiedelt worden, wo er als Elementarlehrer
und Landwirt ein nur geringes Einkommen fand.
Epikur wuchs heran inmitten einfacher Ländlichkeit unter der Obhut seiner Eltern und mit
drei Brüdern, die später seine Anhänger wurden.
Schon als 14-Jähriger fand Epikur zur Philosophie. Mit 18 Jahren kam Epikur nach Athen, wo
er als Ephebe im Gymnasion eine zweijährige
vormilitärische Ausbildung absolvierte, die durch
die Mündigkeitserklärung und die Aufnahme in
die Bürgerliste abgeschlossen wurde. Die Überlieferung von Epikurs Lebenslauf ist mit Lücken
und Unsicherheiten behaftet, die sich u.a. daraus
ergeben, dass sein wichtigster Biograph, Dioge17
Altertum
Altertum
individuell beunruhigender Faktoren bei, „indem
sie Unbekanntes verständlich machen, Unerreichbares als irrelevant und Unvermeidbares als
akzeptabel erweisen.“
Epikur übernahm Demokrits atomistische Lehre
und entwickelte sie weiter. Mit ihrer Hilfe erklärte
er die gesamte Wirklichkeit auf rein materialistische Weise, also mit konsequentem Verzicht auf
alle transzendenten und metaphysischen Annahmen. Er deutete alles Existierende als Ergebnis
der Bewegung und unterschiedlichen Verteilung
unveränderlicher Atome im Raum.
Epikurs Ethiklehre zielt im Kern auf Erhöhung
und Verstetigung der Lebensfreude durch den
Genuss eines jeden Tages, womöglich jeden
Augenblicks, wie es das Motto des Horaz: nutze
den Tag besagt. Dazu gilt es, alle Beeinträchtigungen des Seelenfriedens zu vermeiden bzw.
zu überwinden, die aus Begierden, Furcht und
Schmerz erwachsen können. Die Lust am Leben
stetig auszukosten, macht die Kunst des epikureischen Weisen aus.
Das individuelle Seelenheil und wie es zu erlangen sei, steht im Zentrum der ersten 30 Hauptlehrsätze, wie sie von Diogenes Laertios überliefert wurden. Das letzte Viertel aber ist Fragen
der gesellschaftlichen Ordnung gewidmet und
der Rolle des Epikureers in ihr. Die vollendete
Verkörperung von Epikurs Lehre ist die Figur des
epikureischen Weisen.
Epikur hat die reale Existenz von Göttern angenommen, ja sogar für gesichertes Wissen gehalten, ohne dabei im geringsten von seinem strengen Materialismus abzuweichen. Für ihn waren
auch die Götter, die er durchaus als Lebewesen
auffasste, ebenso wie alle anderen Wesen materielle Phänomene, Atomverbindungen. Zwar bestritt
er nachdrücklich die Schöpfung und die Lenkung
der Welt durch eine göttliche Instanz, doch ging
er davon aus, dass es tatsächlich Götter gibt,
die eine selige, sorglose Existenz führen und
sich nicht um die Menschenschicksale kümmern.
Eine göttliche Vorsehung kam für Epikur nicht in
Betracht, da er meinte, dass sie für die Götter
eine Mühe und beschwerliche Arbeit bedeuten
würde, die ihrer unwürdig wäre. Götter sind für
die Menschen unerreichbar, aber erkennbar. Solche Gotteserkenntnis ist nach Epikur so wie jede
andere Erkenntnis über Objekte der Außenwelt
nur durch Wahrnehmung möglich.
• Für uns bedeutet Freude: keine Schmerzen
haben im körperlichen Bereich und im seelischen Bereich keine Unruhe verspüren.
• Die Erkenntnis, daß der Tod ein Nichts ist,
macht uns das vergängliche Leben erst köstlich.
• Lebe heute, vergiß die Sorgen der Vergangenheit.
• Grenze der Größe der Lustempfindungen
ist die Beseitigung alles Schmerzenden. Wo
immer das Lusterzeugende vorhanden ist, da
findet sich, solange es gegenwärtig ist, nichts
Schmerzendes oder Betrübendes oder beides
zusammen.
• Die Lust ist Ursprung und Ziel des glücklichen
Lebens.
• Wer Furcht verbreitet, ist selbst nicht ohne
Furcht.
• Aus Angst, mit Wenigem auskommen zu müssen, läßt sich der Durchschnittsmensch zu
Taten hinreißen, die seine Angst erst recht
vermehren.
• Man kann besser ohne Angst auf einem Haufen Blätter schlafen, als mit Angst in einem
goldenen Bett.
• Du mußt der Philosophie dienen, damit du die
wahre Freiheit erlangst.
• Man soll nicht vorgeben zu philosophieren,
sondern wirklich philosophieren. Denn wir
bedürfen nicht des Anscheins der Gesundheit,
sondern wirklicher Gesundheit.
• Frei ist nur der Mensch, der innerlich frei ist,
und nur das tut, was die Vernunft wählt.
• Die süßeste Frucht der Genügsamkeit ist
Unabhängigkeit.
• Der Weise aber entscheidet sich bei der Wahl
der Speisen nicht für die größere Masse, sondern für den Wohlgeschmack.
• Kleine Seelen werden durch Erfolg übermütige, durch Mißerfolge niedergeschlagen.
• Mit dem Philosophieren soll man getrost
schon in der Jugend beginnen, aber im Alter
auch nicht müde davon ablassen. Denn um für
seine seelische Gesundheit etwas zu tun, ist
keiner zu jung oder zu alt, und wer etwa meint,
für ihn sei es zum Philosophieren noch zu
früh oder schon zu spät, der könnte ebensogut behaupten, der richtige Zeitpunkt für seine
Glückseligkeit sei noch nicht da oder schon
vorbei.
Falls jemand das
Gute will und es hat,
ist er glücklich, falls
er dagegen das
Böse will, ist er,
auch wenn er es
hat, unglücklich.
Epikur
Furcht, Schmerz und Begierden sind für Epikur
die drei großen Klippen, die umschifft werden
müssen, damit dauerhaft Lebenslust und Seelenruhe herrschen können. Bezüglich der Furcht
sind es vor allem zwei Motive, mit denen Epikur
sich auseinandersetzt: Furcht vor den Göttern
und Todesfurcht. „Gott ist Tod“ und „der Tod ist
tot!“ verkündete Epikur. Viele stellen sich das
Leben nach dem Tode ganz entsetzlich vor. Es
ist mit dem Tode wie mit dem Göttern, beruhigte Epikur die Entsetzten. Das Jenseits das ihr
Euch da zurechtgemacht habt, ist nichts als ein
fauler Zauber. Habt also keine Angst vor dem
schlechten Leben nach dem Tod. Das schauerlichste Übel, der Tod geht uns nichts an, weil,
solange wir sind, der Tod nicht da ist, ist er aber
da, so sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er
weder die Lebendigen noch die Gestorbenen.
Zitate:
• Philosophieren heißt sterben lernen, nur wer
das Sterben gelernt hat, kann glücklich wer18
den, und die Philosophie ist dazu da, das
Leben glücklich zu machen.
• Die natürliche Gerechtigkeit besteht in einem
Vertrag, der auf den gegenseitigen Nutzen
aus ist: man wird einander nicht schaden
und sich nicht schaden lassen oder wenn wir
glücklich sein wollen, müssen wir die Zuneigung der Menschen gewinnen von denen
unser Glück abhängt. Das ist aber nur zu
erreichen, wenn wir ihnen unsere Zuneigung
als Gegengabe geben.
• Falls jemand das Gute will und es hat, ist er
glücklich, falls er dagegen das Böse will, ist er,
auch wenn er es hat, unglücklich.
• Die Freundschaft tanzt den Reigen um die
Welt und ruft uns allen zu, aufzuwachen zum
Preise des glückseligen Lebens.
• Man soll sich weder die Voreiligen noch die
Umständlichen zu Freunden machen. Man
muß allerdings auch etwas wagen um der
Freundschaft willen.
19
Altertum
Altertum
Seneca
Seneca
samt. Vom Jahr 49 an war er der maßgebliche
Erzieher des späteren Kaisers Nero. Um diesen
auf seine künftigen Aufgaben vorzubereiten, verfasste er eine Denkschrift darüber, warum es
weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen.
Im Jahre 55 bekleidete er ein Suffektkonsulat.
Senecas Bemühen, Neros eigensüchtig ausschweifendem Temperament gegenzusteuern,
war jedoch kein dauerhafter Erfolg beschieden.
Tacitus zufolge war Seneca im Jahr 59 in den
vollendeten Muttermord Neros unmittelbar einbezogen. Nero hatte nach dem Mord an Agrippina allein die Macht inne und bedurfte Senecas
als eines vermittelnden Wahrers seiner Ansprüche gegenüber der Mutter nicht mehr. Zuletzt
wurde er vom Kaiser der Beteiligung an der
pisonischen Verschwörung beschuldigt und ihm
wurde die Selbsttötung befohlen. Diesem Befehl
kam Seneca ohne Zögern nach. Tacitus schildert
in seinen Annalen das Sterben Senecas als Tod
eines Weisen nach dem Vorbild des Sokrates,
dessen Tod in Platons Phaidon ausgemalt wird.
Demnach soll Seneca die Selbsttötung erst beim
dritten Versuch gelungen sein: Zunächst habe
er sich die Pulsadern und weitere Arterien an
Römischer Philosoph (1 - 65)
Leben: Lucius Annaeus Seneca wurde etwa im
Jahre 1 auf dem Familienbesitz im spanischen
Corduba geboren. Noch als Kleinkind gelangte
er nach Rom. Sein Vater Seneca der Ältere dem
Stande der Ritter zugehörig wollte seinen nach
ihm benannten Sohn schon von klein auf im Herzen der Weltmacht heranwachsen sehen und
den feinen römischen Zungenschlag annehmen
lassen. Mit seiner Frau Helvia hatte er noch zwei
weitere Söhne. Gesundheitlich war Seneca von
Kindesbeinen an und während seines ganzen
Lebens durch Asthma-Anfälle und chronische
Bronchitis stark eingeschränkt. Atemnöte und
Fieberschübe setzten ihm in jungen Jahren derartig zu, dass er davor stand, sich das Leben zu
nehmen. Ausschlaggebend für seinen weiteren
Lebenslauf wurde das julisch-claudische Herrscherhaus allerdings erst im Jahre 41, als Seneca nach der Beseitigung des despotischen Caligula von dessen Nachfolger Claudius in die Verbannung nach Korsika geschickt wurde. Acht
Jahre währte die Verbannung auf Korsika insge20
den Beinen geöffnet, dann soll er wie Sokrates
einen Schierlingsbecher getrunken haben und
sei schließlich in einem Dampfbad erstickt.
Ausdrückliche Bezüge Senecas auf die eigene
Biographie sind in seinen Werken äußerst selten, obwohl er von der Bedeutung seiner schriftlichen Hinterlassenschaft für die Nachwelt überzeugt war.
Lehre: Senecas autobiographisches Schweigen
hat erhebliche Probleme vor allem bezüglich der
Datierung seiner Werke zur Folge, so dass insbesondere für die Abfolge seiner Tragödiendichtung kaum Anhaltspunkte gegeben sind. Er war
einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner
Zeit. Seine Reden, die ihn bekannt gemacht
haben, sind verloren gegangen. Sein Philosophieren bestand nicht in der Schaffung eines
neuen gedanklichen Systems, sondern wesentlich in der Anwendung der stoischen Lehre „nach
Maßgabe der jeweiligen besonderen Lebenslage und Lebensnotwendigkeit.“ In seinen Werken,
auch in den Spätschriften, betonte er seine Verwurzelung in der stoischen Philosophie. Dabei
lehnte er dogmatische Festlegungen ab. Auf
diesem Boden hatte er eigene philosophische
Erkenntnisse zeitgemäß formuliert und für
lebenslanges Lernen plädiert. Die Betonung liegt
bei Seneca häufig auf der praktischen tugendhaften Lebensführung, die nicht jedermann erreichen kann. „Die Philosophie ist keine Kunstfertigkeit, die man dem Volk präsentiert oder die
sich überhaupt zum Vorzeigen eignet, sie beruht
nicht auf Worten, sondern auf Taten. Auch wendet man sich ihr nicht zu, um mit angenehmer
Unterhaltung den Tag zu verbringen, um die Freizeit vom Makel der Langeweile zu befreien. Sie
formt und bildet den Geist, sie ordnet das Leben,
bestimmt unsere Handlungen; sie zeigt, was zu
tun und zu lassen ist.“ Neben Mark Aurel und
Epiktet zählt Seneca zu den wichtigsten Vertretern der jüngeren Stoa. Für Einflüsse anderer
philosophischer Schulen war Seneca offen und
übernahm manches davon in sein Denken, ohne
an seiner Grundeinstellung Zweifel zuzulassen.
Nur die Vernunft kann die Affekte kontrollieren,
deren Beherrschung der stoischen Lehre gemäß
den Weg zum höchsten Gut ebnet. Nur sie kann
den Philosophen zu der Erkenntnis führen, dass
die Lebenszeit begrenzt ist, dass alle Menschen
vor dem Tod gleich sind und dass der Weise
seine kurze Zeit in Gelassenheit und Frieden mit
der Mehrung des Gemeinwohls und des philosophischen Wissens zubringen soll. Wie die späte
Stoa überhaupt, befasste sich Seneca vornehmlich mit Fragen der rechten Lebensführung, insbesondere mit der Ethik. Als höchstes Gut galt
auch ihm die Tugend, unabdingbare Grundlage
und Begleiterscheinung der heiteren Gelassenheit und der Seelenruhe, der stoischen Inbegriffe menschlichen Glücks. Ein glückliches Leben,
meinte Seneca, könne nur derjenige führen, der
nicht nur an sich selbst denke und alles seinem
Vorteil unterordne. Glück spende die Fähigkeit zur
Freundschaft mit sich selbst und anderen. Worauf es Seneca im Verlauf des Lebens schließlich
ankommt, ist die Annäherung an das Ziel, die
Unschuld des Neugeborenen mit den Mitteln der
Vernunft und Einsicht zurückzugewinnen.
Zitate:
• Der Ruhm ist der Schatten der Tugend; er folgt
ihr auch ungeheißen.
• Fang jetzt zu leben an und zähle jeden Tag als
ein Leben für sich.
• Weise Lebensführung gelingt keinem durch
Zufall. Man muß, solange man lebt, lernen, wie
man leben soll.
• Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück; es kommt nicht darauf an, wie lang es
ist, sondern wie bunt.
• Wie lange ich lebe, liegt nicht in meiner Macht;
daß ich aber, solange ich lebe, wirklich lebe,
das hängt von mir ab.
• Was auch immer für ein Ende mir das Schicksal bestimmt hat, ich werde es ertragen.
• Der Tod ist die Befreiung und das Ende von
allen Übeln, über ihn gehen unsere Leiden
nicht hinaus, er versetzt uns in jene Ruhe
zurück, in der wir lagen, ehe wir geboren wurden.
• Es ist unser Irrtum, daß wir den Tod in der
Zukunft erwarten. Er ist zum großen Teil schon
vorüber. Was von unserem Leben hinter uns
liegt, hat der Tod.
• Kinder, junge Leute und Verrückte fürchten den
Tod nicht. Es wäre doch eine Schande, wenn
uns die Vernunft nicht dasselbe verschaffen
könnte.
• Glückselig kann auch der genannt werden, der,
von der Vernunft geleitet, nichts mehr wünscht
und nichts mehr fürchtet.
21
Altertum
Altertum
• Nichts bringt uns mehr vom Weg zum Glück
ab, als daß wir uns nach dem Gerede der
Leute richten, statt nach unseren Überzeugungen.
• Am besten aber wirst du den Charakter eines
Menschen kennen lernen, wenn du beobachtest, wie er jemanden lobt und wie er sich
verhält, wenn er selbst gelobt wird.
• Beweise für die Beschaffenheit des Charakters
kann man auch aus Kleinigkeiten entnehmen.
• Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern vergeuden zu viel.
• Ich wundere mich oft darüber, wie leichtfertig
man um Zeit bittet und sie anderen gewährt.
• Es ist gleichsam, als wenn um ein Nichts gebeten wird.
• Wer ja sagt zu seinem Schicksal, den führt
es voran; den Widerstrebenden aber schleift es
mit.
• Was einen treffen kann, kann jeden treffen.
• Glaube nicht, daß jeder, der lacht, sich auch
freut; wahre Freude ist eine ernste Sache.
• Alle, sage ich, streben dorthin, zur Freude,
aber wo sie dauerhafte und große Freude finden, wissen sie nicht.
• Man muß so lange lernen, als man noch Mangel an Kenntnissen hat, wenn wir dem Sprichwort glauben wollen, also, solange wir leben.
• Nur die Menschen, die für die Weisheit Zeit
haben, sind frei von Unruhe. Sie allein leben.
• Wer Weisheit sucht, ist ein Weiser; wer glaubt,
sie gefunden zu haben, ist ein Narr.
• Vergiß nicht - man benötigt nur wenig, um ein
glückliches Leben zu führen.
• Es ist sinnlos, dem Schicksal zu grollen, denn
es nimmt keine Klagen an.
• Was dir auch zustößt, es war dir von Ewigkeit
her vorbestimmt.
• Sie verachten einander und schmeicheln einander; sie wollen anderen den Rang ablaufen
und kriechen doch voreinander.
• Das macht den vollendeten Charakter aus:
Jeden Tag so leben, als wäre er der letzte, und
weder erregt noch verkrampft noch unecht zu
sein.
• Die Welt ein ewiger Wechsel, das Leben ein
Wahn!
• Wie lange der Mensch lebt, ist gleichgültig,
notwendig aber ist es, daß jeder seine Pflicht
tut.
• Behalte die Kunst, welche du gelernt hast, lieb,
und suche in ihr deine Ruhe. Durchwandere
den Rest deines Lebens als ein Mensch, der
alle seine Angelegenheiten von ganzer Seele
den Göttern überlassen hat und keinem
andern Menschen gegenüber sich als Tyrann
oder Sklave gebärdet.
• Unerschütterliche Ruhe gegenüber denjenigen
Ereignissen, die eine äußere Ursache haben.
• Die ganze Welt ist einem Gesetz untergeordnet und in allen vernünftigen Wesen steckt
eine Vernunft. Deshalb ist die Wahrheit alleinig
und der Begriff der Vollkommenheit ist für vernünftige Menschen ebenfalls alleinig.
• Wir müssen von ganzem Herzen alles, was
uns trifft, willkommen heißen, wir dürfen auch
innerlich nicht murren, ja uns nicht einmal
wundern.
• Die Lebenskunst ist der des Ringers ähnlicher
als der des Tänzers, denn es gilt, bei unvorhergesehenen Schlägen des Schicksals kampfbereit und unerschütterlich fest dazustehen.
• Einsamkeit suchen die Menschen auf ländlichen Fluren, am Meeresufer, in den Bergen.
Doch einer wie beschränkten Ansicht entspringt dieser Wunsch! Kannst du dich doch,
sooft du nur willst, in dich selbst zurückziehen.
Gibt es doch nirgends eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte als die Menschenseele.
• Alles, was dir geschieht, ist dir aus der Ewigkeit vorausbestimmt. Jener große Zusammenhang von Ursache und Wirkung hat beides,
Die Lebenskunst ist
der des Ringers
ähnlicher als der
des Tänzers, denn
es gilt, bei
unvorhergesehenen
Schlägen des
Schicksals
kampfbereit und
unerschütterlich
fest dazustehen.
Marc Aurel
Korruption machten ausgerechnet die Zeit seiner
Herrschaft zum Wendepunkt römischer Macht
und Gesittung. Er ernannte später seinen Sohn
Commodus, einen haltlosen Wüstling, zum Mitkaiser. Am 3. August 178 brachen Mark Aurel und
Commodus zum zweiten Markomannenkrieg auf.
Auf diesem Feldzug starb der Kaiser am 17. März
180, vermutlich in Vindobona, dem heutigen Wien
an einer uns nicht weiter bekannten Krankheit.
Lehre: Bereits als Zwölfjähriger soll er sich in
den Mantel der Philosophen gekleidet und fortan auf unbequemer Bretterunterlage genächtigt
haben, nur durch ein von der Mutter noch mit
Mühe verordnetes Tierfell gepolstert. Marc Aurel
war ein Anhänger der Lehren der Stoa und gilt
als bedeutender Vertreter des Spät-Stoizismus,
er begenete allen Widerwärtigkeiten mit stoischer Gelassenheit und Weisheit. Sein bekanntestes Werk ist „Selbstbetrachtungen,“ in dem er
sich in Gedanken und Aphorismen mit der Stellung und den Aufgaben des Menschen befasst.
Marc Aurel
Römischer Kaiser und Philosoph (121 - 180)
Leben: Der spätere Kaiser Mark Aurel wurde als
Marcus Annius Catilius Severus in Rom geboren.
Nach dem frühen Tod des Vaters wuchs Marcus
im Haus seines Großvaters auf. Am 17. März 136
nahm er anlässlich seiner Verlobung mit Ceionia,
der Tochter des im selben Jahr zum Nachfolger
Hadrians bestimmten Lucius Aelius Caesar, den
Namen Marcus Annius Verus an. Marcus wurde
so in die Familie des voraussichtlichen Thronfolgers eingebunden. 139 wurde Mark Aurel zum
Caesar erhoben und damit formell zum Thronfolger designiert, vorfristig, nämlich schon mit 18
Jahren, bekleidete er im folgenden Jahr sein erstes Konsulat. Kriege, Missernten, Epedemien und
22
Dabei dürften die Grundlagen der dort formulierten Überzeugungen bereits frühzeitig gegolten
haben, denn sie fußten auf einer bald 500-jährigen und gleichwohl lebendigen Tradition stoischen Philosophierens. Qualifizierungsprozess
und Herrschaftspraxis sind gerade darum in
engem Zusammenhang mit seinen Selbstbetrachtungen zu sehen, weil die Einheit von Denken und Handeln, von Wort und Tat für seine
Daseinsauffassung vorrangig war.
Zitate:
• Art und Ziel des Lebens ist das eigene Wohl,
weshalb man mit Bestimmtheit wissen muß,
was das Gute ist, das zu diesem Wohle führt.
• Unser Leben ist das, wozu unser Denken es
macht.
• Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern
daß man nie beginnen wird, zu leben.
• Sieh nach innen. Von keinem Dinge soll dir
seine eigentümliche Beschaffenheit oder sein
Wert entgehen.
23
Mittelalter
Mittelalter
dein Dasein und dieses dein Geschick, von
Ewigkeit aufs innigste verwoben.
• In der Natur des Menschen ist das erste sein
Trieb zur Geselligkeit, das zweite aber seine
Überlegenheit über die Sinnesreizungen. …
Der dritte Vorzug besteht darin, nicht blindlings
beizupflichten noch sich täuschen zu lassen.
nach Nordafrika vor und erreichte 388 Kathago.
391 ging er nach Hippo und gründete dort
das erste Kloster auf afrikanischem Boden, 396
wurde Augustinus Bischof von Hippo, eine Position, die er bis zu seinem Lebensende innehatte,
er diktierte Buch auf Buch; am Ende seines
Lebens waren es mehr als 100 Werke. Augustinus starb 430 während der Belagerung Hippos
durch die Vandalen.
Lehre: Der zunächst vom Skeptizismus geprägte
Augustinus beschäftigte sich zeitlebens mit dem
Problem der Wahrheit, bei der Lösung stellt er
Augustinus von Hippo
Lateinischen Kirchenlehrer und Philosoph
(354 - 430)
Leben: Augustinus wurde 354 in der nordafrikanischen Stadt Thagaste in der römischen Provinz
Numidien geboren. Augustinus Vater Patricius,
ein kleiner Landeigentümer, war Heide, seine
Mutter Monica war Christin aus einer christlichen
Berber-Familie. Bis 370 besuchte Augustinus die
Schule in Thagaste und die Universität der Nachbarstadt Madauros, ab 371 studierte er Rhetorik
in Karthago. Er ging früh eine uneheliche Verbindung mit einer Frau unbekannten Namens aus
Karthago ein die 15 Jahre lang dauern sollte.
Diese Lebensgefährtin gebar 372 einen gemeinsamen Sohn, der den Namen Adeodatus („Der
von Gott Gegebene“) erhielt. 373 wandte Augustinus sich dem Manichäismus zu, einer gnostischen Glaubensgemeinschaft, ab 382 begann er,
sich vom Manichäismus mehr und mehr abzuwenden; 383 kam es zu einer für ihn intellektuell
enttäuschenden Begegnung mit dem manichäischen Bischof Faustus von Mileve und zug nach
Rom. 384 wurde er als Rhetoriklehrer nach Mailand berufen, wo Kaiser Valentinian II. residierte.
Eine seiner Aufgaben bestand darin, die öffentlichen Ehrenreden auf Kaiser und Konsuln zu
halten. Auf Drängen seiner Mutter, die 385 in Mailand eintraf und eine Verlobung arrangiert hatte,
trennte er sich im selben Jahr von seiner Lebensgefährtin, die nach Nordafrika zurückkehrte. Der
gemeinsame Sohn blieb bei Augustinus.
386 geriet Augustinus in eine intellektuelle, psychische und körperliche Krise, woraufhin er
seinen Beruf aufgab. 387 zog Augustinus mit
einigen Verwandten und Freunden auf ein Landgut in Cassiciacum, hier verfasste er zahlreiche
Schriften. Im selben Jahr ließ er sich mit seinem
Sohn Adeodatus und seinem Freund Alypius
in Mailand vom damaligen Bischof Ambrosius
christlich taufen und bereitete seine Rückkehr
Augustinus
die Unzweifelhaftigkeit der Existenz des Denkenden fest und sucht sie im menschlichen Geist
selbst.
Der Grund aller Wahrheit sind bei Augustinus
die ewigen Ideen in Gottes Geist, Gott selbst
ist die Wahrheit. Verfügbar wird die Wahrheit für
den Menschen nun in der vermittelten Erleuchtung des Geistes durch Gott. Der göttliche Geist
„strahlt“ diese Ideen und Regeln direkt in den
menschlichen Geist „ein“; die Wahrheit findet
sich also nicht außerhalb des Menschen, son24
dern im Menschen selbst vor. Darüber hinaus
beschäftigt er sich mit der Zeit, Augustinus spricht
über drei Zeiten: Ge-genwart des Vergangenen,
Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart
des Zukünftigen. Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft als solche existieren nach Augustinus
nicht. „Wie kann man sagen, dass [die vergangenen und zukünftigen Zeiten] sind, da doch die
vergangene schon nicht mehr und die zukünftige noch nicht ist? Die gegenwärtige aber, wenn
sie immer gegenwärtig wäre und nicht in Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.“
Wer Gott hat ist glücklich. Manchmal nannten sie
es die Idee und manchmal das Gute und manchmal Gott. Sie suchten aber die Idee, das Gute
und Gott immer - um des Glückes willen, um des
ungestörten Glücks willen. Alles was ich liebe,
brauche ich nicht zu fürchten. Durch Gott wird
man jede Furcht los, das größte Hindernis auf
dem Wege zum Glück. Auch Epikur hatte im
Sich-Fürchten das Haupthindernis für das Glücklichsein gesehen.
Die Dialektik ist die Disziplin der Disziplinen, lehrt
lernen und lehren um das Sein. Wenn ich weiß
das ich bin, dann weiß ich auch das ich weiß.
Bekämpfung von Aberglauben und Mutmaßungen. Alle Dinge sprechen gleichsam, Himmel,
Erde usw., wir sind nicht dein Gott, Gott hat uns
geschaffen. Gott ist Ursache des Daseins.
Zitate:
• Weg mit dem allen, verwerfen wir es als eitel
und nichtig, wenden wir uns einzig und allein
der Erforschung der Wahrheit zu. Das Leben
ist voll Elends, die Stunde des Todes ungewiß.
• Was nützt ein goldener Schlüssel, wenn er die
Tür zur Wahrheit nicht öffnet.
• Die Wahrheit wohnt im Inneren des Menschen.
• Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in der Gegenwart, die keine Dauer hat,
und geht in die Vergangenheit, die aufgehört
hat zu bestehen.
• Jedes Sein, auch wenn es verderbt ist, ist
gut, insofern es ein Sein ist; es ist schlecht,
insofern es verderbt ist.
• Zeit ist Leben, und Leben ist Verantwortung
und Verantwortung bestimme eure Zeit.
• Keiner von uns sage, er habe die Wahrheit
schon gefunden. Laßt sie uns vielmehr so
suchen, als ob sie uns beiden unbekannt sei.
• Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand
darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber
jemandem auf seine Frage erklären möchte,
so weiß ich es nicht.
• Das Leben des Menschen muß sich von Tag
zu Tag zum Besseren wandeln.
• Nur auf dem Weg der Freundschaft kann man
einen Menschen richtig erkennen.
• Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.
• Ihr seid die Zeit. Seid ihr gut, sind auch die
Zeiten gut.
• Wo der Mensch gefallen ist, dort muß er sich
wieder aufrichten, um wieder hochzukommen.
• Wenn man fragt, ob einer ein guter Mensch
sei, so fragt man nicht, was er glaubt oder
hofft, sondern was er liebt.
• Die Feindschaft schlägt dem Herzen weit tiefere Wunden, als je ein Mensch dem Feinde
Wunden schlagen kann.
• Nicht in den Dingen liegt das Böse, sondern in
dem unrechten Gebrauch.
• Widerwillig ertrug ich den Zwang des Unterrichts, und doch tat der Zwang mir gut, und
ich würde nicht gelernt haben, wäre ich nicht
genötigt worden. Und es ist so, daß jeder
ungeordnete Geist sich selbst zur Strafe wird.
• Gott ist nicht der Vater des Bösen.
• Denn Augen haben und Betrachten ist nicht
dasselbe.
• Die Zeiten sind nicht leer, und sie rollen nicht
spurlos durch unser Empfinden.
• Lieber mit der Wahrheit fallen als mit der Lüge
siegen.
Avicenna
Persischer Arzt und Philosoph (980 - 1037)
Leben: Ibn Sinas Vater war ein aus der chorasanischen Stadt Balch stammender ismailitischer
Steuereintreiber, der sich im Dorf Afscha-na bei
Buchara im persischen Samanidenreich niederließ und dort Ibn Sinas Mutter Setara heiratete. Ibn
Sina und ein Bruder wurden in Afschana geboren,
anschließend zog die Familie nach Buchara. Da
seine Muttersprache Persisch war, lernte er zuerst
Arabisch, die damalige Lingua franca. Danach
wurden ihm zwei Lehrer zugewiesen, die ihm den
Koran und Literatur näher bringen sollten. Bereits
im Alter von zehn Jahren konnte er den Koran
25
Mittelalter
Mittelalter
Die verborgene Zwiesprache
ist eine direkte Begegnung
zwischen Gott und der Seele,
losgelöst aus allen
materiellen Beschränkungen.
Die Seele ist vom Körper getrennt.
Avicenna
auswendig und hatte viele Werke der Literatur
studiert und sich dadurch die Bewunderung
seiner Umgebung erworben. Während der nächsten sechs Jahre studierte er autodidaktisch die
Rechte (Jura), Philosophie, Logik, Werke des
Euklid und den Almagest. Er wandte sich im
Alter von 17 Jahren der Medizin zu und studierte
sowohl ihre Theorie als auch ihre Praxis.
Da er sich im Alter von 18 Jahren bereits einen
Ruf als Arzt erarbeitet hatte, nahm ihn der samanidische Herrscher Nuh ibn Mansur (976–997) in
seine Dienste auf. Zum Dank wurde ihm erlaubt,
die königliche Bibliothek mit ihren seltenen und
einzigartigen Büchern zu nutzen. So gelang es
ihm, im Alter von 21 Jahren sein erstes Buch
zu verfassen. Ibn Sina verlor 1002 seinen Vater
und 1005 mit dem Aussterben der samanidischen Dynastie seine Anstellung. Über das reiche
Oasengebiet südlich des Aralsees herrschte
damals Ali ibn Mamun, dem Ibn Sina in Kath
diente, bis er 1012 floh, um nicht in den Dienst des
Sultans Mahmud von Ghazni treten zu müssen.
In Rayy, wo er sich 1014–1015 aufhielt und im
Dienst der Buyiden stand, gründete Ibn Sina
eine medizinische Praxis und verfasste 30 kurze
Werke. Nach dem Tod Shams ad-Daulas (1021)
bot Ibn Sina dem Kakuyiden-Emir ‘Ala- ad-Daula
Muh.ammad von Isfahan seine Dienste an und
wurde deswegen vom neuen Herrscher Hamadans in der nahen Burg Fardajan eingekerkert,
er kam nach vier Monaten Kerker frei und ging
1024 nach Isfahan. Ibn Sina starb im Juni 1037
im Alter von 57 Jahren entweder an der Ruhr
oder an Darmkrebs. Er wurde in Hamadan begraben, wo noch heute sein Mausoleum steht.
Es wird behauptet, dass Ibn Sina 21 Haupt- und
24 Nebenwerke in Philosophie, Medizin, Theologie, Geometrie, Astronomie und anderen Gebieten vollendet hat. Die meisten von ihnen waren
arabisch; aber auch in seiner Muttersprache Persisch schrieb er eine große Auswahl philosophischer Lehren.
Lehre: Ibn Sina beschäftigte sich ausgiebig mit
philosophischen Fragen, sowohl mit Metaphysik
als auch mit Logik und Ethik. Seine Kommentare
zu Werken des Aristoteles enthielten konstruktive
Kritik an dessen Auffassungen und schufen Voraussetzungen für eine neue Aristoteles-Diskussion. Ibn Sinas philosophische Lehren werden
sowohl von westlichen als auch von muslimi26
schen Forschern als weiterhin aktuell eingeschätzt. Während westliche Wissenschaftler ihn
oft als Rationalisten in der Nachfolge von Aristoteles sehen, neigen muslimische Forscher eher
dazu, ihn als Mystiker zu betrachten. Die frühe
islamische Philosophie, die sich noch eng am
Koran orientierte, unterschied klarer als Aristoteles zwischen Wesen und Existenz. Ibn Sina
entwickelte eine umfassende metaphysische
Weltbeschreibung, indem er neuplatonisches
Gedankengut mit aristotelischen Lehren verband.
Ibn Sina bestritt die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, Gottes Interesse an Einzelereignissen sowie eine Erschaffung der Welt in der Zeit.
Ibn Sina widmete sich der Logik sowohl in islamischer Philosophie als auch in Medizin mit großer
Hingabe und entwickelte sogar ein eigenes logisches System, das auch als „Avicennische Logik“
bezeichnet wird. So war Ibn Sina wohl einer der
ersten, die es wagten, Aristoteles zu kritisieren
und von ihm unabhängige Abhandlungen zu verfassen. Besondere Kritik erhielt die Schule von
Bagdad von ihm, da sie sich zu sehr auf Aristoteles begründete und entwickelte eine neuartige
wissenschaftliche Methode.
Seine philosophischen Tätigkeiten brachten ihn
manchmal in Konflikt mit der islamischen Orthodoxie: Ausgehend von der Seelenlehre des Aristoteles differenzierte er die drei Seelenvermögen
weiter aus und ordnete sie der Weltseele unter.
Damit widersprach er zentralen Glaubensinhalten, was ihm die Feindschaft sunnitischer Theologen einbrachte.
Zitate:
• Die Seele ist vom Körper getrennt.
• Laufe in Sandalen, bis daß dir die Weisheit
Schuhe einbringt.
• Die verborgene Zwiesprache ist eine direkte
Begegnung zwischen Gott und der Seele, losgelöst aus allen materiellen Beschränkungen.
• Durch starkes Denken kann man ein Kamel zu
Fall bringen.
• Du glaubst dich aus dem Nichts und enthältst
das Universum.
dierte Recht, Medizin und Philosophie und war
auch darüber hinaus ein sehr gebildeter Mensch.
Er führte ein vielfältiges Leben, so war er 1169
Richter in Córdoba und Sevilla und 1182 wurde
er für kurze Zeit Leibarzt des Kalifen Abu Yaqub.
Das alle spanisch-arabischen Philosophen kennzeichnende Merkmal der ungünstigen politischen
Verhältnisse zu jener Zeit traf auch für Averroës
zu, die islamischen Herrscher bedurften ihrer
nicht, 1195 fiel er in Ungnade. Averroës‘ Aufforderungen an die Menschen, ihre Vernunft zu
gebrauchen, brachten ihn in Konflikt mit den
Sichtweisen der islamischen Orthodoxie. Der
Kalif, der sich auf einem Feldzug in Spanien
befand, meinte auf die Unterstützung orthodoxer
Kräfte angewiesen zu sein. Daher wurde Averroës nach Lucena, einer Kleinstadt südlich von
Córdoba, verbannt, seine Werke wurden verboten und ihre Verbrennung angeordnet. Doch
schon nach zwei oder drei Jahren holte ihn der
Kalif an seinen Hof nach Marrakesch und machte
alle Maßnahmen gegen ihn rückgängig. Bald
darauf starb Averroës am 10. oder 11. Dezember
1198.
Lehre: Averroës war ein offener und kritischer
Geist seiner Zeit. In seiner Beschäftigung mit Aristoteles ging er so systematisch wie nur möglich
voran und interpretierte ihn wie niemand zuvor. Er
schrieb Kommentare in mehreren Abstufungen,
kürzere, mittlere und größere und machte sich
als Kommentator des Aristoteles einen Namen.
Seine eigene Philosophie baut sehr auf Logik auf,
wie es von einem großen Aristoteliker auch nicht
anders zu erwarten wäre. Sie beginnt zunächst
mit der Frage, ob man überhaupt philosophieren dürfe, ob es vom religiösen Gesetz her
erlaubt, verboten, empfohlen oder notwendig sei.
In Koran-Versen wie »Denkt nach, die ihr Einsicht habt!« findet Averroës nicht nur die Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben
nachzudenken, sondern auch, die bestmögliche
Beweislage für ihr Denken zu finden, und diese
sieht er eindeutig in der Philosophie und zumal
in der aristotelischen Beweisführung gegeben.
Avicenna und anderen wirft er vor, Philosophie
mit Theologie verbunden zu haben und somit die
Philosophie für Leute wie al-Ghazali überhaupt
erst angreifbar gemacht zu haben. Auch Averroës beschäftigte sich – wie fast alle islamischen
Philosophen – mit dem Intellekt bzw. der Ver-
Averroes
Arabischer Arzt und Philosoph (1126 - 1198)
Leben: Averroës wurde am 14. April 1126 in
Córdoba in eine Juristenfamilie geboren. Er stu27
Mittelalter
Mittelalter
Philosophie und
Religion sind nicht
unvereinbar.
Averroes
Thomas von Aquin
nunft. So habe nicht jeder Mensch seinen eigenen individuellen potenziellen Intellekt, der ihm
die Glückseligkeit ermögliche. Denn es gebe nur
einen universalen potenziellen Intellekt. Das Individuum verfüge aber nur über jene Tätigkeiten,
die mit der körperlichen Existenz zusammenhängen, die von einer Seele koordiniert würden,
einer Seele, die mit dem Körper verbunden sei
und mit ihm vergehe. Die geistige Erkenntnis
gehöre also nicht in den Bereich des Individuellen.
Zitate:
• Philosophie und Religion sind nicht unvereinbar.
• Für den Gelehrten sind zwei Dinge erforderlich: Scharfsinn und Tadellosigkeit im Glauben
mit sittlichen Tugenden.
• Eine Wahrheit kann der anderen nicht widersprechen. Die Philosophie stimmt mit dem
Glauben überein und legt Zeugnis für ihn ab.
• Philosophie ist die Freundin und Stiefschwester der Religion.
• Philosophen glauben dass die religiösen
Gesetze notwendige moralische Kunstwerke
sind.
Italienischer Kirchenleherer und Philosoph
(1225 - 1274)
Leben: Thomas von Aquin, auch „der Aquinat“
bzw. nur „Thomas“ genannt, wurde kurz vor oder
kurz nach Neujahr 1225 im Schloss Roccasecca, von Aquino 9 km entfernt, als siebter Sohn
des Grafen Landulf von Aquino und Donna Theodora, Gräfin von Teate, geboren. Mit fünf Jahren
wurde er als Oblate in das Benediktinerkloster
Montecassino geschickt, wo der Bruder seines
Vaters, Sinibald, als Abt wirkte. Von 1239 bis
1244 studierte er im Studium Generale der Universität Neapel. 1244 trat er gegen den Willen
seiner Verwandten bei den Dominikanern ein,
der 1215 als Bettelorden gegründet worden war.
An der Universität Paris studierte er von 1245 bis
1248 bei Albertus Magnus, dem er dann nach
Köln folgte. Von 1248 bis 1252 war er dort Student und Assistent des Albertus. Ab 1252 war
er wieder in Paris. 1259 kehrte er nach Italien
zurück und lehrte zunächst in Neapel und dann
1261 bis 1265 als Konventslektor des Dominikanerkonvents in Orvieto. Von 1265 bis 1268 war
28
er Magister in Rom, wo er mit der Abfassung der
Summa Theologiae begann. Von 1268 bis 1272
lehrte er zum zweiten Mal als Magister in Paris.
In dieser Zeit entstanden besonders viele seiner
Schriften, unter anderem der größte Teil der
Summa Theologiae und die meisten seiner Aristoteles-Kommentare. Von Mitte 1272 bis Ende
1273 unterrichtete er als Magister in Neapel.
Thomas starb am 7. März 1274 auf der Reise
zum Zweiten Konzil von Lyon im Kloster Fossanova, möglicherweise an Vergiftung.
Lehre: Die Argumentationen des Aquinaten stützen sich zu einem großen Teil auf die sich im
Hochmittelalter wieder ausbreitenden Gedanken
des Aristoteles, die er – selbst Schüler des
Begründers der mittelalterlichen Aristotelik, Albertus Magnus, – in seinem universitären Wirken
weitergibt und in seinen Werken mit der christlichen Theologie verbindet. So identifiziert er den
Unbewegten Beweger aus der Physik des Aristoteles mit dem christlichen Gott. Desweiteren
arbeitet er an einer Bedeutung der Offenbarung
in seiner Gotteslehre.
Ein Kernelement der thomistischen Ontologie ist
die Lehre von der Analogia entis, auch die Unterscheidung von Substanz und Akzidenz ist für
das System des Thomas bedeutend. Eine weitere wichtige Unterscheidung ist die von Materie
und Form. Einzeldinge entstehen dadurch, dass
die Materie durch die Form bestimmt wird.
Zu den besonders bedeutenden Aussagen der
thomistischen Erkenntnistheorie gehört die Wahrheitsdefinition der Übereinstimmung von Gegenstand und Verstand.
Thomas’ Anthropologie weist dem Menschen als
leib-geistiges Vernunftwesen einen Platz zwischen den Engeln und den Tieren zu. Gestützt
auf Aristoteles’ De Anima zeigt Thomas, dass die
Seele den Geist als Kraft besitzt, in der Form,
dass das Erkennen die Form der Seele ist, während die Seele wiederum die Form des Leibes
ist.
In der Ethik verbindet Thomas die aristotelische
Tugendlehre mit den christlich-augustinischen
Erkenntnissen. Die Tugenden bestehen demnach
im rechten Maß bzw. dem Ausgleich vernunftwidriger Gegensätze. Das ethische Verhalten zeichnet sich durch das Einhalten der Vernunftordnung
aus (Naturrecht) und entspricht damit auch dem
göttlichen Gesetzeswillen.
Thomas von Aquin war einer der einflussreichsten Theoretiker für das mittelalterliche Staatsdenken. Dabei sah er den Menschen als ein soziales
Wesen, das in einer Gemeinschaft leben muss.
In dieser Gemeinschaft tauscht er sich mit seinen
Artgenossen aus, und es kommt zu einer Arbeitsteilung. Für den Staat empfiehlt er die Monarchie
Gott hätte die Welt
auch ohne Menschen und Seelen
machen können.
Thomas von Aquin
als beste Regierungsform, denn ein Alleinherrscher, der mit sich selbst eins ist, kann mehr
Einheit bewirken als eine aristokratische Elite.
Um die Tyrannei zu verhindern, muss die Gewalt
des Alleinherrschers eingeschränkt sein. Ist sie
jedoch einmal eingetreten, so soll sie zunächst
ertragen werden, denn es könnte ja auch noch
schlimmer kommen. So schlussfolgert Thomas,
dass es besser ist, gegen eine Bedrückung nur
nach allgemeinem Beschluss vorzugehen.
Zitate:
• Das Böse ist das Fehlen des Guten.
• Die Welt war nicht immer da.
• Gott hätte die Welt auch ohne Menschen und
29
Neuzeit
Neuzeit
Seelen machen können.
• Gott kann nicht definiert werden.
• Das höchste Wissen von Gott, das wir
in diesem Leben erlangen können, besteht
darin, zu wissen, daß er über allem ist, was
wir von ihm denken.
• Wähle den Weg über die Bäche und stürze
dich nicht gleich ins Meer! Man muß durch
das Leichtere zum Schwierigeren gelangen.
• Wer einen schweren Weg gegangen, ging ihn
für sich und für uns.
• Die Zukunft allein ist unser Zweck, und so
leben wir nie, wir hoffen nur, zu leben.
• Alles Böse wurzelt in einem Guten und alles
Falsche in einem Wahren.
• Alles, was ist, und sei es auf welche Weise
auch immer – sofern es seiend ist, ist es gut.
• Alle Wesen erstreben das Gute, doch nicht
alle erkennen das Wahre.
• Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken
und Sein.
• Wo immer geistige Erkenntnis ist, da ist auch
freier Wille.
• Der Mensch ist das Ziel der gesamten Schöpfung.
• Klugheit betrachtet die Wege zur Glückseligkeit; Weisheit aber betrachtet den Inbegriff der
Glückseligkeit selbst.
• Gott bewahre mich vor jemand, der nur ein
Büchlein gelesen hat.
• Der Mensch findet die größte Freude in dem,
was er selbst neu findet oder hinzulernt.
• Wie das Werk der Kunst das Werk der Natur
voraussetzt, so setzt das Werk der Natur das
Werk Gottes, des Erschaffenden, voraus.
erntet nach seiner eigenen persönlichen Meinung nur Undank, hervorgerufen durch Neid und
Missgunst seiner Mitbürger. In den folgenden
Jahren wohnte er mit seiner Frau und den mittlerweile sechs Kindern auf seinem kleinen Landgut, das Albergaccio in dem Dorf Sant’Andrea
in Percussina 15 Kilometer südwestlich von Florenz. Machiavelli ertrug es nicht mehr, tatenlos
in Florenz zu leben. Machiavelli führte einige
Geschäftsreisen (1516 Livorno, 1518 Genua,
1519 und 1520 Lucca) durch. Machiavelli blieb
wenig anderes übrig, als sich mit der Präsenz der
Medici zu arrangieren, schrieb eine Geschichte
von Florenz die er im März 1525 beendete. Im
August 1525 reiste Machiavelli im Auftrag der florentinischen Wollzunft nach Venedig, um einen
Konflikt zwischen Kaufleuten zu lösen. Im Frühjahr 1526 bekam Machiavelli den Auftrag vom
Papst die Verteidigung von Florenz zu verstärken. Aus Civitavecchia schickte Machiavelli am
22. Mai 1527 eine Nachricht an Guicciardini. Sie
ist das letzte überlieferte Lebenszeugnis.
Lehre: Machiavelli widmete sich nach seinem
Sturz einer umfassenderen schriftstellerischen
Tätigkeit und seiner politischen Rehabilitierung.
Sein Name wird heute mit rücksichtsloser Machtpolitik unter Ausnutzung aller Mittel verbunden.
Der später geprägte Begriff Machiavellismus wird
oft als abwertende Beschreibung eines politischen Verhaltens gebraucht, das zwar raffiniert
ist, aber ohne ethische Einflüsse von Moral und
Sittlichkeit die eigene Macht und das eigene
Wohl als Ziel sieht. Machiavelli ging es nach heutigem Wissensstand aber – im Ansatz neutral –
darum, Macht analytisch zu untersuchen, anstatt
normativ vorzugehen und die Differenz zwischen
dem, was sein soll und dem, was ist, festzustellen. Er orientierte sich in seiner Analyse an dem,
was er für empirisch feststellbar hielt. Vor allem
aufgrund seines Werks Il Principe („Der Fürst“)
gilt er als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. Der Herrscher wird als
Machtmensch geschildert, dessen Handeln allein
Machtgründen entspringt. Wenn ein Fürst seine
Arbeit gut macht, „so werden die Mittel immer
ehrenvoll, und von jedermann löblich befunden
werden,“ ermunterte der gelehrte Italiener die
Fürsten mit seiner Denkschrift auch zu unkonventionellen Methoden. Machiavelli bricht mit
der Tradition normativer Fürstenspiegel bereits
Nicht wer als erster zur
Wa e greift, ist Anstifter
des Unheils, sondern wer
dazu nötigt.
Machiavelli
Anwalt, war aber in dem Beruf erfolglos und verarmte. Mit seinem geringen Gehalt unterhielt er
eine kleine Bibliothek und ermöglichte seinem
Sohn Niccolò eine umfassende humanistische Bildung. So lernte Machiavelli schon früh autodidaktisch die Werke antiker Klassiker kennen, unter
anderen die Werke von Aristoteles, Boëthius,
Cicero und Claudius Ptolemäus. Er wurde auch
von Privatlehrern in den Sieben Freien Künsten
unterwiesen. 1498 wurde Machiavellis unter vier
Bewerbern zum Staatssekretär und Vorsteher der
zweiten Staatskanzlei, der „Kanzlei der Zehn,“
gewählt und war als solcher für die Außen- und
Verteidigungspolitik zuständig.
Im Sommer 1501 heiratet er Marietta Corsini. Wie
damals üblich, wurde diese Heirat nach sozialen
und ökonomischen Gesichtspunkten geschlossen, mit ihr hatte er fünf Söhne und eine Tochter.
1503 wurde Machiavelli Ende September von der
Signoria nach Rom zur Papstwahl geschickt. Hier
ist Machiavelli „Gesprächspartner aller Mächti-
Machiavelli
Florentinischer Politiker und Philosoph
(1469 - 1527)
Leben: Niccolò Machiavelli entstammte einer
angesehenen, jedoch verarmten Familie. Er wuchs
zusammen mit seinen drei Geschwistern Primavera, Margherita und Totto Machiavelli bei seinen
Eltern Bernardo di Niccolò Machiavelli und dessen
Frau Bartolomea di Stefano Nelli im Florentiner
Stadtviertel Santo Spirito südlich des Arno auf.
Über seine Mutter ist wenig bekannt. Man weiß
nur, dass sie belesen war und kleinere Schriften
verfasste. Der Vater arbeitete hauptsächlich als
30
gen, vom zukünftigen Papst bis zum Kardinal
d‘Amboise.“
Im August 1506 wurde Machiavelli, „der Menschen-Erforscher,“
zum Papst nach Rom
geschickt, um sich und der Stadt Florenz ein
Bild vom Papst zu machen und dessen Ziele
herauszufinden, er wurde im Juni 1507 kurz
zum Geschäftsträger der Republik beim römischdeutschen Kaiser Maximilian I. gewählt. Im
Februar und März führte Machiavelli seine Bauernmiliz nach Pisa, welches am 8. Juni 1509
nach kurzem Kampf kapitulierte. Im Mai 1511
wurde Machiavelli nach Monaco geschickt. Die
Mission verlief ergebnislos, sticht aber aus den
zahlreichen Missionen Machiavellis insofern
heraus, als er während dieser Mission explizit
den Titel eines Botschafters trug. Im September
1511 wurde Machiavelli angesichts der ungeklärten Lage zum französischen König geschickt.
Im November 1512 verlor Machiavelli alle seine
Ämter. Machiavelli, der Reformer in Florenz,
31
Neuzeit
Neuzeit
damit, dass sein Fürst kein Erbfürst ist, sondern
sich den Thron im politischen Spiel selbst errungen hat. Der perfekte Fürst muss die traditionellen Moralvorstellungen vorspielen können, aber
er darf auch – im Interesse der Staatsräson –
vor Gewalt und Terror nicht zurückschrecken. Als
zweites bricht Machiavelli mit der Tradition, dass
ein Fürst generös sein muss, in dem er Freunde
beschenkt und auch selber im Luxus zu leben
hat. Ein Fürst der dies befolgt, schmeichelt aber
nur ein paar Mitläufern und ruiniert mit dem
Luxusleben sein Fürstentum.
Der Mensch ist in Machiavellis Augen ein Wesen,
für das kein Ideal von individueller Vervollkommnung - wie bei Aristoteles - mehr gilt. Somit
wird auch die teleologische Geschichtsauffassung des politischen Aristotelismus verworfen,
wonach das Telos der Geschichte die Vervollkommnung der menschlichen Natur - sprich: der
politischen Natur des Menschen - sei. Die politische Gesellschaft entsteht nach Machiavelli nicht
aufgrund irgendeines Plans der Natur, sondern
‚durch Zufall‘. Machiavelli sieht die Geschichte
„keineswegs in einem kontinuierlichen Fortschritt
„zum Besseren,“ wie Kant und Hegel später
behaupten werden, noch ist sie als Heilsgeschichte zu lesen.“ Die „Menschheit bewegt sich
vielmehr unendlich in einem Kreis.“
„Virtù (Tugend/Tüchtigkeit) ist der Kernbegriff in
Machiavellis Theorie und politischer Lehre.“ Unter
dem Begriff virtù versteht Machiavelli die politische Energie bzw. den Tatendrang, etwas zu
tun. „Seine an der politischen Realität orientierten Ratschläge sind nicht auf ein wünschbares
(Tugend)-Ideal ausgerichtet, sondern auf ihre
Tauglichkeit für die Praxis.“
Zitate:
• Der Zweck rechtfertigt die Mittel.
• Eine Veränderung bewirkt stets eine weitere
Veränderung.
• Der größte Feind der neuen Ordnung ist, wer
aus der alten seine Vorteile zog.
• Wenn ein Volk, das gewohnt ist, unter einem
Machthaber zu leben,durch irgendein Ereignis
frei wird, so behauptet es nur schwer seine
Freiheit.
• Nicht wer als erster zur Waffe greift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt.
• Jemand, der es darauf anlegt, in allen Dingen
moralisch gut zu handeln, muß unter einem
Haufen, der sich daran nicht kehrt, zu Grunde
gehen.
• Kriege können nicht verhindert werden, man
kann sie lediglich zum Vorteil anderer hinauszögern.
• Die Menschen wechseln nämlich ihre Herren,
in dem Glauben, ihre Lage dadurch zu verbessern. Diese Hoffnung läßt sie zu den Waffen
gegen ihren Herrscher greifen.
• Ich weiß wohl, daß viele unter dem Schein von
Anteilnahme uns zum Reden bringen und uns
hinterher verhöhnen.
• Niemals fehlt es dem Volk, wenn es einmal
die Waffen ergriffen hat, an Fremden, die ihm
helfen.
• Die Menschen sind immer schlecht, wenn die
Notwendigkeit sie nicht gut macht.
• Von den Menschen kann man im allgemeinen
das sagen, daß sie undankbar, wankelmütig,
heuchlerisch, Gefahren fliehend, nach Gewinn
begierig sind.
• Es gibt viel Gutes, das zwar von einem klugen
Mann erkannt wird, aber doch keine so auffälligen Gründe hat, um andere von seiner
Richtigkeit überzeugen zu können.
• Wer eine Zeit lang gütig schien und nun, um
etwas zu erreichen, hart werden will, muß es
mit den gehörigen Übergängen tun und die
Gelegenheiten so wahrnehmen, daß er, bevor
er infolge der Veränderung seines Wesens die
alten Freunde verliert, schon so viele neue
gewonnen hat, daß seine Macht keine Einbuße erleidet, sonst wird er durchschaut und
geht ohne Freund zugrunde.
• Starke Menschen bleiben ihrer Natur treu,
mögen sie auch in schlechte Lebenslagen
geraten, ihr Charakter bleibt fest, und ihr Sinn
wird niemals schwankend. Über diese Menschen kann nichts Gewalt bekommen.
• Aus kleinen Dingen werden große Dinge, und
die Gesinnung der Menschen erkennt man
auch an den kleinen Dingen.
• Die Freundschaften, die für alle Vorteile bringen, sind von langer Dauer.
• Nichts gelingt so leicht als das, was dich der
Feind zu wagen außerstande hält.
• Um eine Schlacht zu gewinnen, ist es nötig,
dem Heer Vertrauen zu sich selbst und auf
den Feldherrn einzuflößen.
• Ein guter Minister sollte an seinem Lebens32
ende reicher an Ruhm und guten Taten geworden sein als an Vermögen.
• Die wohlgeordneten Freistaaten müssen den
Staat reich und den Bürger arm halten.
• Während sich auf anderen Gebieten Irrtümer
bisweilen wieder gutmachen lassen, ist dies
bei Fehlern, die man im Kriege begeht,
unmöglich, weil sie sich sogleich rächen.
• Wer an Freiheit gewöhnt war, dem ist jede
Kette eine Last und jegliches Band eine
Fessel.
• Keine Zeit und keine Macht ist imstande, den
Wunsch nach Freiheit zu unterdrücken.
• Wo man Kerker, Folter, Tod durch Henkershand im Hintergrund sieht, ist es gefährlicher
zu warten als zu handeln: Denn im ersten Fall
ist das Übel groß, im anderen zweifelhaft.
• Es ist viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu
sein.
• Einem Machthaber darfst du weder so nah
stehen, daß sein Sturz dich mitreißt, noch so
fern, daß du im Fall seines Sturzes nicht bereit
bist, auf seine Trümmer zu steigen.
• Man darf nie glauben, der Feind handle, ohne
zu wissen, was er tut.
• Nicht wer als Erster die Waffe ergreift,
ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu
nötigt.
Unser Denken ist ein kühnes, riskantes
Spiel, weil auch unser Denken, genau
wie unser Schicksal, nicht erhaben ist
über den unberechenbaren Zufall.
Montaigne
er das Collège de Guyenne in Bordeaux, wo
er von seinen Lehrern teilweise gefürchtet war,
weil er besser Lateinisch sprach als sie. Über
die Jahre 1546 bis 1554 ist fast nichts bekannt.
1554, mit einundzwanzig Jahren, erhielt Montaigne das Amt eines Gerichtsrats, 1557 als das
Steuergericht von Périgueux aufgelöst wurde,
bekam Montaigne einen Gerichtsratsposten am
Parlament von Bordeaux. 1559, 1560 und 1562
reiste er nach Paris, wobei es vor allem um
die Frage der Unterdrückung oder Duldung der
im französischen Südwesten stark verbreiteten
Hugenotten ging. Am 23. September 1565 heiratete er Françoise de La Chassaigne, die Tochter
eines Richterkollegen, Joseph de La Chassaigne. Die einzige das Erwachsenenalter erreichende Tochter war Éléonore Eyquem de
Montaigne. 1570, mit achtunddreißig Jahren,
quittierte Montaigne sein Richteramt und zog
sich auf sein Schloss zurück. Mit der Rolle des
Landedelmanns, als der Montaigne sich nach
seinem Rückzug ins Private offenbar sah, vertrug es sich durchaus, zu lesen und literarisch zu
dilettieren. Dies tat er mit Hilfe einer für damalige Verhältnisse relativ großen Privatbibliothek
(etwa tausend Bände), die ihm zu großen Teilen
von seinem Freund La Boétie vermacht worden
war. Da er seit 1577 unter Nierenkoliken litt,
ging Montaigne 1580 trotz der soeben wieder
ausgebrochenen Kriegshandlungen (Hugenottenkriege in Frankreich 1562 bis 1598) auf eine
Montaigne
Französischer Politiker und Philosoph
(1533 - 1592)
Leben: Montaigne wurde als Michel Eyquem
auf Schloss Montaigne, Château de Montaigne
geboren, er war das älteste von vier ins
Erwachsenenalter gelangten Kindern von Pierre
Eyquem, einem katholisch gebliebenen Franzosen, der König Franz I. auf seinem Italienfeldzug begleitet hatte und dort mit den Ideen der
Renaissance und des Humanismus in Berührung gekommen war. Seine Mutter, Antoinette
de Louppes de Villeneuve (1514–1603) stammte
wahrscheinlich aus einer Familie von Marranen
was aber nicht zweifelsfrei belegt ist. Als er,
etwa drei Jahre alt, stellte sein Vater einen aus
Deutschland stammenden Arzt mit Namen Horstanus als Hauslehrer ein, der weder Französisch noch Gascognisch konnte und mit dem
Kind nur Latein sprach. 1539 bis 1546 besuchte
33
Neuzeit
Neuzeit
Bäder-Reise, von der er sich Linderung erhoffte
und ihn bis nach Rom führte dort blieb er mehrere Monate. Es war 1584 an dem Montaigne
zum ersten Mal von Heinrich von Navarra, dem
zukünftigen König und Anführer der calvinistischen Partei Heinrich IV. besucht wurde. Er
wurde am 1588 in der Bastille eingekerkert,
kam aber durch eine Intervention der Königinmutter Katharina von Medici rasch wieder frei.
Montaigne verstarb plötzlich, am 13. September
1592. Er litt unter der sogenannten „Hals-Bräune“
eine alte Bezeichnung für die Diphtherie.
Lehre: Mit seinem Hauptwerk, den Essais,
begründete Montaigne die literarische Form des
Essays, zu Deutsch in etwa „Versuch.“ Die Essais
waren die ersten bedeutungsvollen philosophischen Schriften in französischer Sprache. Die
einzelnen Bände der Essais wurden in drei Etappen vollendet, der erste Band zwischen 1572 bis
1573, gefolgt vom zweiten Band in den Jahren
zwischen 1577 bis 1580 und schließlich der
dritte Band von 1586 bis 1587. Die einzelnen
Abschnitte seiner Essais betrachten unterschiedliche Objekte von ebenso unterschiedlichem
Rang und reichen etwa von konfessionellen
Streitfragen über die Medizin und Heilkunde,
zu grundlegenden Problemen menschlicher
Erkenntnis, betrachten das zwischenmenschliche
Zusammenleben, Hexenprozesse und Aberglauben, Reiten und Pferde in einer kaleidoskopischen Vielfalt. Die Essais folgen dem
Bewusstseinsstrom des Autors in die verschiedensten Lebensbereiche. Skepsis gegenüber
jeglichen Dogmen, stoische Geringschätzung
von Äußerlichkeiten sowie Ablehnung menschlicher Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen kennzeichnen die Essais. Montaigne
zitierte oder arbeitete in seinen Essais zahlreiche antike Philosophen und Literaten ein. Für
Montaigne war die sinnliche Wahrnehmung ein
höchst unzuverlässiger Akt. Menschen können
unter falschen Wahrnehmungen, Illusionen, Halluzinationen leiden; man könne nicht einmal
sicher sagen, ob man träumt oder nicht. Für Montaigne beruht die Gewissheit sinnlicher Eindrücke deshalb ausschließlich auf den subjektiven
Empfindungen. Das Ergebnis des Wahrgenommenen bleibt im Relativen.
Montaigne war Hauptvertreter der Skepsis in der
späten Renaissance. Montaigne war es der mit
seiner skeptischen Auffassung im Zweifel war,
dass der Mensch Wahrheiten mit Gewissheit
erkennen könnte. Indem Montaigne nun das, was
dem Menschen über seine Sinne vermittelte, als
unzuverlässig bezeichnete, formulierte er das
zentrale Argument für seine Hypothese der skeptischen Weltanschauung, die einerseits in der
Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung liegt und
andererseits in der Unsicherheit der Erkenntnis
und damit der Vernunft ruht. Denn die Empfindung durch die Sinne birgt keine Sicherheit
und ein allgemein gültiges Kriterium für rationale
Urteile gibt es ebenso wenig (später durch Kant
eingeführt).
Platon ließ in seinem Dialog des Phaidon den
Philosophen Sokrates bemerken, dass philosophieren Sterben lernen hieße. Für Montaigne,
indem er Horaz zitiert, steuern wir alle demselben Ziel, dem Sterben und Tod zu. Für Montaigne ist das Verhältnis zum Tod eingebettet in
seine allgemeinen Überlegungen und Reflexionen zur Lebenskunst.
Zitate:
• Ruhm und Ruhe können nicht unter einem
Dach wohnen.
• Letztendlich führen alle Weisheit und Überlegungen der Welt dahin, den Mensch zu
lehren, sich nicht vor dem Tod zu fürchten.
• Nicht der Mangel, sondern vielmehr der Überfluß gebiert die Habsucht.
• Unser Denken ist ein kühnes, riskantes Spiel,
weil auch unser Denken, genau wie unser
Schicksal, nicht erhaben ist über den unberechenbaren Zufall.
• Unser großes und ruhmreiches Meisterstück
ist es, angemessen zu leben. Alles andere
– zu herrschen, Schätze zu bewahren, aufzubauen – sind bestenfalls Anhängsel und
Requisite.
• Die oberste Aufgabe, zu der wir berufen sind,
ist für jeden, sein eigenes Leben zu führen.
• Auf den Tod sinnen heißt auf Freiheit sinnen.
Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen
nicht mehr.
• Wer den Tod fürchtet, setzt voraus, daß er ihn
kennt; ich aber weiß weder, was sein Wesen
ist, noch was er in der anderen Welt aus uns
macht.
• Was wir gewöhnlich Freunde und Freundschaft
nennen, ist weiter nichts als eine durch Zufall
34
zustande gekommene nähere Bekanntschaft,
an die man sich gewöhnt hat und durch die ein
gewisser geistiger Austausch erleichtert wird.
• Freundschaften, die wir selbst geknüpft haben,
sind gewöhnlich wertvoller als die, welche
aus nachbarlichen oder verwandtschaftlichen
Beziehungen hervorgehen.
• Freundschaft kann nicht geknüpft werden, wo
die Gleichheit in den Voraussetzungen für den
geistigen Austausch fehlt.
• Dumme verstehen auch ihre gescheitesten
Gedanken nicht.
• Ich beneide die Dummen um ihre Tollkühnheit:
Sie sprechen den ganzen Tag.
• Den besten Beweis von Weisheit liefet eine
ständig gute Geistesstimmung.
Weisheit ist, die Dinge zu nehmen, wie sie
sind… und sich mit dem Unabänderlichen
abzufinden.
• Von jeder Teilansicht, von jeder Tätigkeit aus
kann man einen Menschen gleich gut beurteilen; in jeder drückt sich irgendwie sein Charakter aus.
• Ein edles Herz verleugnet seine Gesinnung
nicht; es ist ihm recht, wenn man ihm bis ins
Innere sieht.
• Die Kompliziertheit eines Charakters wächst
mit dem feinen Verständnis desselben.
• Ich will lieber geschäftlich als charakterlich
versagen.
• Die meisten Menschen vermieten sich; sie verwenden ihre Kräfte nicht für sich, sondern für
die, von denen sie sich beherrschen lassen:
nicht sie selber sind bei sich zu Hause, sondern ihre Mieter.
• Wir bestehen aus lauter Äußerlichkeiten; wir
denken an das äußere Gebaren und vernachlässigen darüber das Wesentliche.
• Der Mensch ist doch höchst unbesonnen!
Nicht eine Käsemilbe kann er machen, und
Götter und Heilige macht er zu Dutzenden!
• Der Mensch nimmt als Ganzes erst zu, dann
ab.
• Ich suche nach keiner anderen Wissenschaft
als der, welche von der Kenntnis meiner selbst
handelt, welche mich lehrt, gut zu leben und
gut zu sterben.
• Ich kümmere mich nicht so sehr darum, wie
ich bei andern aussehe, als wie ich in mir
selber aussehe.
• Ich habe niemals ein schlimmeres Monster
oder rätselhafteres Geschöpf als mich selbst
erlebt.
• In manchen Städten habe ich gefunden: die
gute Gesellschaft ist mittelmäßig, aber die
schlechte ist vorzüglich.
Thomas Hobbes
Englischer Mathematiker und Philosoph
(1588 - 1679)
Leben: Hobbes wurde 1588 als Sohn eines einfachen Landpfarrers in Malmesbury in der Grafschaft Wiltshire geboren. Seine Mutter stammte
aus einer Bauernfamilie. Da er bereits mit vier
Jahren lesen, schreiben und rechnen konnte,
wurde er als Wunderkind bezeichnet. Mit acht
Jahren wurde Hobbes in einer Privatschule in den
klassischen Sprachen unterrichtet. Schon sechs
Jahre später im Alter von vierzehn Jahren begann
er sein Studium an der traditionell-scholastischen
Universität Oxford, wo er 1603–1607 vor allem
Logik und Physik studierte. Nach seinem Bachelor-Abschluss 1608 in Oxford wurde er Hauslehrer, diesen Posten hatte er mit Unterbrechungen
bis zu seinem Lebensende inne.
Für kurze Zeit war Hobbes Sekretär des Philosophen Francis Bacon, für den er einige seiner
Schriften ins Lateinische übersetzte. Auf den Auslandsreisen, die er mit seinen Schülern der Cavendish-Familie unternahm, lernte er in Pisa Galileo
Galilei kennen. Ferner schloss er auf seinen
Reisen Bekanntschaft mit René Descartes.
Hobbes hatte sich im Streit zwischen Krone und
Parlament anonym für die Rechte des Königs
Karl I. und gegen das Unterhaus eingesetzt und
musste deshalb 1640 nach Frankreich ins Exil
fliehen. Hobbes Materialismus und seine Kritik an
der katholischen Kirche („Reich der Finsternis“)
ließ ihn eine Verfolgung in Frankreich befürchten,
sodass er 1651 nach England zurückkehrte, wo
er sich mit dem Cromwell-Regime arrangierte.
In den Jahren 1655 und 1658 vollendete er seine
Philosophie die aus drei systematisch aufeinander aufbauenden Teilen bestand: der Lehre von
der körperlichen Substanz, der Lehre vom Menschen im Naturzustand und schließlich die Lehre
vom Menschen in der Gesellschaft. Seine 1668
verfasste Geschichte der Bürgerkriegsepoche
Behemoth oder Das Lange Parlament erhielt
35
Neuzeit
Neuzeit
DER
MENSCH
IST
EINE
MASCHINE
Hobbes
keine Druckerlaubnis, seine lateinischen Schriften musste er in Amsterdam verlegen lassen.
Hobbes starb 1697 in Hardwick Hall/Derbyshire.
Lehre: Ausgehend von einer materialistischen
Grundhaltung und dem – exemplarisch durch
René Descartes vertretenen – mechanistischen
Denken seiner Zeit schreibt er allein den Körpern und deren Bewegung Wirklichkeit zu. Dabei
entsteht keine Bewegung aus sich selbst heraus,
sondern ist Folge einer anderen Bewegung. Der
Bewegung unterliegen nur Körper; sie können
ausschließlich durch andere Körper bewegt
werden.
Begeistern konnte sich Hobbes insbesondere
auch für Euklidische Geometrie, die ihm als Vorbild für jegliche exakte Wissenschaft galt und
deren Grundsätze er entsprechend auf seine
Philosophie übertragen wollte.
Auch die Vorgänge im Bewusstsein sind nach
Hobbes lediglich Folge der Bewegung von Körpern. Durch Druck auf die jeweiligen Sinnesorgane lösen sie Sinneswahrnehmungen aus,
die wiederum zu „Einbildungen“ (Imagination)
führen. Diese setzen schließlich mannigfaltige
psychische Prozesse wie Denken, Verstehen,
Erinnern und dergleichen in Gang.
Hobbes vertritt einen moralischen Relativismus
und überträgt seine erkenntnistheoretische
These: mittels menschlicher Wahrnehmung sei
keine gesicherte Erkenntnis über die Welt möglich, auf das Feld der Ethik.
Hobbes’ staatstheoretische Lehren bilden aus
heutiger Sicht den zentralen Teil seines Werkes.
Sie sind es, die ihm einen herausgehobenen Platz
in der Philosophiegeschichte sichern. Vor allem
aber sind sie Gegenstand seines Hauptwerks, des
Leviathan von 1651. Dort beschäftigt er sich mit
der Überwindung des von Furcht, Ruhmsucht und
Unsicherheit geprägten gesellschaftlichen Naturzustands durch die Gründung des Staats, also
der Übertragung der Macht auf einen Souverän.
Dies geschieht durch einen Gesellschaftsvertrag,
in dem alle Menschen unwiderruflich und freiwillig
ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht auf den Souverän übertragen, der sie im
Gegenzug voreinander schützt.
36
Descartes
Ausgehend von seiner Vorstellung der Welt als
geschlossener Kausalzusammenhang, in dem jede
Zustandsveränderung auf den Einfluss bewegter
Körper zurückzuführen sei, nimmt er aber konsequenterweise eine erste, selbst nicht bewegte
Ursache an, die diese Kausalprozesse in Gang
setze, bei der es sich aber nicht notwendig um
Gott handeln müsse. Hobbes war daher, obwohl
ihm dies häufig vorgehalten wurde, nicht Atheist,
sondern vertrat eher deistische Positionen.
Zitate:
• Der Mensch ist eine Maschine.
• Der Krieg besteht nicht nur aus Schlachten
oder Kampfhandlungen, sondern auch aus
einer Zeitspanne, in der der Wille, sich zu
bekriegen, ausreichend vorhanden ist.
• Es ist unleugbar, daß der Krieg der natürliche
Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet wurde, und zwar nicht einfach
der Krieg, sondern der Krieg aller gegen alle.
• Gewalt und Betrug sind die zwei Haupttugenden im Kriege.
• Es ist ein Gebot der rechten Vernunft, den
Frieden zu suchen, sobald eine Hoffnung auf
denselben sich zeigt.
• Ich bin bereit, meine letzte Reise anzutreten –
ein großer Sprung in die Dunkelheit.
• Das erste und Grundgesetz der Natur geht
dahin, daß man den Frieden suche, soweit er
zu haben ist; wo dies nicht möglich ist, soll
man Hilfe für den Krieg suchen.
• Das Fehlen von Wissenschaft, das heißt Unkenntnis von Ursachen, macht dazu geneigt,
oder besser, zwingt dazu, sich auf den Rat
und die Autorität anderer zu verlassen.
• Wissenschaft ist die Kenntnis von den Wirkungen und von der Abhängigkeit eines Faktums
von einem anderen.
• Denn außer Empfindungen, Gedanken und
Gedankenfolge kennt der menschliche Geist
keine Bewegung.
• Die Demokratie ist in Wirklichkeit nicht mehr,
als die Aristokratie der Redner.
• Gut und Schlecht sind Namen, welche unsere
Gelüste und Abneigungen bedeuten.
• Der Mensch strebt von Macht zu Macht.
• Der Mensch ist des Menschen Wolf.
• Die Wahrheit ist für die Menschen nur deshalb
wichtig, weil sie für sie nützlich und unerläßlich ist.
französischer Naturwissenschaftler
und Philosoph (1596 - 1650)
Leben: Descartes wurde als drittes Kind einer
kleinadeligen Familie der Touraine geboren. Sein
Vater, Joachim Descartes, war Gerichtsrat am
Obersten Gerichtshof der Bretagne in Rennes.
Seine Mutter, Jeanne Brochard, starb nach der
Geburt ihres letzten Kindes, das nicht überlebte. Da der Vater rasch wieder heiratete, verbrachte Descartes seine Kindheit bei seiner
Großmutter mütterlicherseits und einer Amme.
Mit acht Jahren kam er als Internatsschüler auf
das Jesuitenkolleg von La Flèche, das er acht
Jahre später mit einer klassischen sowie mathematischen Ausbildung verließ. Anschließend studierte Descartes Jura in Poitiers und legte dort
1616 ein juristisches Examen ab. Nach Reisen
durch Dänemark und Deutschland verdingte sich
Descartes 1619 als Soldat auf katholischer Seite
an den ersten Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges. 1620 hängte Descartes den Soldatenrock
an den Nagel, 1625 ließ er sich in Paris nieder,
hier verkehrte er mit Intellektuellen und bewegte
sich in den Kreisen der gehobenen Gesellschaft.
1629 zog es Descartes in die Niederlande, vermutlich wegen der größeren geistigen Freiheit,
die dort herrschte, er verbrachte dort die nächsten 18 Jahre. Im Spätsommer 1649 folgte er
einer Einladung der jungen Königin Christina von
Schweden, mit der er seit 1645 Briefe wechselte, und reiste nach Stockholm. Anfang Februar 1650 erkrankte er und starb zehn Tage
später im Haus seines Gastgebers, des französischen Botschafters.
Lehre: Descartes gilt als der Begründer des
modernen frühneuzeitlichen Rationalismus, seine
ausführlich formulierte philosophische Methode
wird in vier Regeln zusammengefasst: Skepsis:
Nichts für wahr halten, was nicht so klar und
deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann. Analyse: Schwierige Probleme
in Teilschritten erledigen. Konstruktion: Vom Einfachen zum Schwierigen fortschreiten. Rekursion: Stets prüfen, ob bei der Untersuchung
Vollständigkeit erreicht ist.
Descartes räumte, bei seiner Theorie der
menschlichen Erkenntnis, den Überlegungen
zu den eingeborenen Ideen eine Schlüsselposi37
Neuzeit
Neuzeit
tion ein. Sie seien aber
nicht, etwa wie bei
Platon als ein selbstständig Existierendes
zu denken, sondern
wären durch das
Denken zu erfassen.
Woraus er folgerte,
dass die eingeborenen Ideen eng mit
dem denkenden, sich
selbst bewussten Subjekt zusammenhingen,
da eine zu erkennende
Idee etwas benötigt,
das diese denkt.
Der Mensch kann
allem gegenübertreten und es in Frage
stellen. Er beginnt also
mit dem „Nein.“ Für Sartre beginnt das Reich
des Menschen mit dem „ Nichts.“ Für Descarte
ist die Seele eine geistige Substanz, die von Gott
geschaffen und mit dem Körper, der materiellen
Substanz eine „Composition“ bilden. Der „gesunde Verstand“ oder „Vernunft,“ um Wahres vom
Falschen zu unterscheiden, verläuft in verschiedenen Bahnen und berücksichtigt nicht dieselben Dinge.
In der Mathematik ist er vor allem für seine Beiträge zur Geometrie bekannt: Er verknüpfte Geometrie und Algebra und gehört damit zu den
Wegbereitern der analytischen Geometrie, die
die rechnerische Lösung geometrischer Probleme ermöglicht.
Das teleologische Weltbild des Aristoteles wird
ersetzt durch ein kausalistisches, in dem sich
innerhalb der Objektwelt alles notwendig durch
Druck und Stoß ergibt. Diese Annahme ist im
weiteren Voraussetzung für die Theoriebildung in
vielen Erfahrungswissenschaften geworden und
allgemein Kennzeichen mechanistischen Denkens.
Für Descartes waren physiologische Modellvorstellungen integraler Bestandteil seiner Philosophie. Die aristotelische Hervorhebung des Organischen negiert Descartes. Er reduzierte den
lebenden Organismus des Menschen auf dessen
Mechanik und wurde damit zum Begründer der
neuzeitlichen Iatrophysik, in der Menschenmo-
Das Lesen von guten Büchern
ist wie eine Unterhaltung
mit den besten Menschen
vergangener Jahre.
Descartes
delle und (versuchte oder gedachte) Konstruktionen von Menschenautomaten eine wichtige Rolle
spielten. Diese Betrachtung hat eine Fortsetzung
in der Denkweise, den Menschen körperlich als
mechanischen Apparat, also als Maschine zu
betrachten und sein Denken heute beispielsweise mit dem Funktionieren von Computern zu vergleichen, wenn nicht gleichzusetzen.
Zitate:
• „Dieses ich, also die Seele, wodurch ich bin,
was ich bin, ist vollkommen unterschieden vom
Körper und wäre auch dann nichts anderes als
das, was es ist, wenn der Körper nicht existierte.“
• „Der gesamte Verstand ist die bestverteilte
Sache der Welt, denn jedermann meint, damit
sogut versehen zu sein, dass selbst Diejenigen, die in allen übrigen Dingen sehr schwer
zu befriedigen sind, doch gewöhnlich nicht
mehr Verstand haben zu wollen, als sie wirklich
haben.
• Um die Wahrheit zu finden, muss einmal im
Leben an allem, soweit es möglich ist, gezweifelt werden.
• Das Lesen von guten Büchern ist wie eine
Unterhaltung mit den besten Menschen vergangener Jahre.
• Diejenigen, welche die größten Verstandeskräfte besitzen und ihre Gedanken am besten
ordnen, um sie klar und verständlich zu
38
machen, können stets am überzeugendsten
reden, selbst wenn sie niemals etwas von
Rhetorik gehört haben.
• Der Zweifel ist der Weisheit Anfang.
• Ich Denke, also bin ich. Der Mensch ist die
Krone der Schöpfung: Er kann denken. Er
hat Bewußtsein seiner selbst. Ich denke, also
handle ich mir Komplexe ein.
• Man sollte sich nur den Gegenständen zuwenden, zu deren klarer und unzweifelhafter
Erkenntnis unser Geist zuzureichen scheint.
• Zur Erkenntnis der Dinge braucht man nur
zweierlei in Betracht zu ziehen, nämlich uns,
die wir erkennen, und die Dinge selbst, die es
zu erkennen gilt.
• Wenn man zu leben versucht, ohne zu philosophieren, dann ist das, als halte man die
Augen geschlossen, ohne daran zu denken,
sie zu öffnen.
• Die gesamte Philosophie ist einem Baume
vergleichbar, dessen Wurzel die Metaphysik,
dessen Stamm die Physik und dessen Zweige
alle übrigen Wissenschaften sind.
• Ob wir wachen oder schlafen, nie sollten wir
uns durch etwas anderes lenken lassen, als
durch die Klarheit unserer Vernunft.
• Es gibt keine angeborene Vorstellung im
menschlichen Geist.
• Die einzige unmittelbar glaubwürdige Realität
ist die Realität des Bewußtseins.
• Die nur ganz langsam gehen, aber immer
den rechten Weg verfolgen, können viel weiter
kommen als die, welche laufen und auf
Abwege geraten.
• Die größten Geister sind der größten Fehler
ebenso wie der größten Tugenden fähig.
• Denn mit den Geistern anderer Jahrhunderte
verkehren, ist fast dasselbe wie reisen.
Pascal war von Kindheit an kränklich. Er wurde
deshalb von seinem hochgebildeten und naturkundlich interessierten Vater selbst sowie von
Hauslehrern unterrichtet. Bereits mit zwölf erwies
er sein hervorragendes mathematisches Talent
und fand danach über seinen Vater, der in Pariser Gelehrten- und Literatenzirkeln verkehrte,
Anschluss an den Kreis von Mathematikern und
Naturforschern, wo er als 16-Jähriger mit einer
Arbeit über Kegelschnitte beeindruckte.
1642 erfand er eine mechanische Rechenmaschine, die später Pascaline genannt wurde und
als eine der ältesten Rechenmaschinen gilt. Sie
ermöglichte zunächst nur Additionen, wurde im
Lauf der nächsten zehn Jahre aber ständig verbessert und konnte schließlich auch subtrahieren. Als im Frühjahr 1649 Wirren das Leben in
Paris erschwerten, wichen die Pascals bis Herbst
1650 in die Auvergne aus. Zurück in Paris verfasste er 1653 eine Abhandlung über den Luftdruck
und
beschäftigte
sich
mit
Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Herbst 1654
wurde Pascal von einer depressiven Verstimmung erfasst, mit seiner ohnehin schlechten
Gesundheit ging es immer rascher bergab, so
konnte er 1659 viele Wochen nicht arbeiten.
Anfang 1662 gründete er zusammen mit seinem
Freund Roannez ein Droschkenunternehmen,
im August erkrankte er schwer und ließ seinen
Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen und starb, im Alter von nur 39 Jahren.
Lehre: Pascal hätte das Zeug gehabt einer
der Großen im Felde der Mathematik und der
Naturwissenschaft zu werden. Seine eigentliche
Leidenschaft jedoch gilt im wachsendem Maße
der Philosophie, sein Interesse gilt vor allem
dem Menschen. „Man muß sich selbst erkennen,“ lautet seine Devise. „Es ist eine übernatürliche Verblendung, zu leben, ohne danach
zu suchen, was man ist.“ Die Frage nach dem
Menschen ist „das wahre Studium, das dem
Menschen eigentümlich ist.“
Zitate:
• Man muß sich selbst erkennen.
• Alles Unglück in der Welt kommt daher, daß
man nicht versteht ruhig in einem Zimmer zu
sein. Die Einsamkeit aber ängstigt deshalb,
weil ihr die Menschen unverdeckt sich selber
gegenübergestellt werden. In der Einsamkeit
zeigt sich die Trostlosigkeit, seine Ohnmacht,
Pascal
Französischer Mathematiker und Philosoph
(1623 - 1662)
Leben: Pascal stammte aus einer alten, in zweiter Generation amtsadeligen Familie der Auvergne. Sein Vater Étienne Pascal hatte in Paris Jura
studiert, die Mutter, Antoinette Begon, kam aus
einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, Pascal
hatte zwei Schwestern.
Als er acht war, zog die Familie nach Paris.
39
Neuzeit
Neuzeit
war Miguel oder Michael de Spinozas, seine
zweite Frau und Baruch de Spinozas Mutter
war die Hanna Debora Senior. Über Spinozas
Jugend ist zuverlässig nur bekannt, dass er im
Alter von fünf Jahren mit dem Vater, seinem
älteren Bruder und dem jüngeren Bruder Gabriel in das Mitgliederverzeichnis des Fördervereins Ets Haim eingeschrieben wurde. Wohl in
der ersten Hälfte der 1650er Jahre kam Spinoza
in Kontakt mit Mennoniten und lernte Latein. Er
konnte hier seinen Gesichtskreis erweitern und
wurde unter anderem mit dem Gedankengut
von Descartes und der Spätscholastik bekannt.
1656 äußerte Spinoza starke Zweifel an verschiedenen für seine Gemeinde zentralen Glaubenslehren und wurde dann wegen seiner angeblich
schlechten Meinungen und Handlungen aus der
jüdischen Gemeinde ausgeschlossen. Spinoza
war zu diesem Zeitpunkt erst 23 Jahre alt und
hatte noch nichts veröffentlicht, er hielt sich noch
bis 1659 in Amsterdam auf. In der Folgezeit war
Sein Ruf, nicht nur der eines scharfsinnigen Kenners und eigenwilligen Fortbildners der Philosophie Descartes’, sondern zog auch das Interesse
Alles Unglück in
der Welt kommt
daher, daß man
nicht versteht
ruhig in einem
Zimmer zu sein.
Pascal
Abhängigkeit, Unzulänglichkeit etc., Langeweile, Düsterkeit, Kummer, Verdruß, Traurigkeit befällt den Menschen, die Angst vorm
Alleinsein. Die Größe des Menschen ist darin
groß, daß er sich selbst als elend erkennt.
• Einbildung entscheidet alles
• Der Mensch ist ein Schilfrohr, das schwächste
der Natur; aber er ist ein denkendes Schilfrohr. Es ist nicht nötig, daß das ganze Weltall
sich waffne, ihn zu zermalmen: Ein Dampf, ein
Wassertropfen genügen, um ihn zu töten.
• Es ist gefährlich, den Menschen zu oft daran
zu erinnern, wie sehr er den Tieren gleich ist,
ohne ihm seine Größe zu zeigen. Es ist aber
auch gefährlich, ihm seine Größe zu zeigen,
ohne seine Niedrigkeit sehen zu lassen. Aber
noch gefährlicher ist es, ihn über beides in
Unwissenheit zu lassen. Heilsam ist es, ihm
beides vorzustellen.
• Die Macht und nicht die Meinung regiert die
Welt. Aber es ist die Meinung, die sich der
Macht bedient.
• Es gibt nur drei Arten von Menschen: die einen
dienen Gott, da sie ihn gefunden haben; diese
Menschen sind vernünftig und glücklich. Die
anderen suchen ihn, da sie ihn noch nicht
gefunden haben; solche sind vernünftig, aber
noch unglücklich. Die dritten leben dahin,
ohne ihn zu suchen; diese Menschen sind
Toren und unglücklich.
• Beschreibung des Menschen: Abhängigkeit,
Wunsch nach Unabhängigkeit, Bedürfnisse.
• Der Mensch, so wie er ist: Unbeständigkeit,
Langeweile, Unruhe.
• Ohne Zweifel ist es ein Übel, voll Fehler zu
sein. Aber ein noch größeres Übel ist es, das
nicht erkennen zu wollen.
• Das Leben – es ist die Erinnerung an den
vorüberfliegenden Tag, den wir zu Gast zugebracht haben.
Spinoza
Niederländischer Philosoph (1632 - 1677)
Leben: Spinoza wurde am 1632 als Bento de
Espinosa in Amsterdam geboren. Sein Vater
40
vieler Gelehrter auf sich. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, beschäftigte er sich recht
erfolgreich mit der Herstellung von Mikroskopen
und Ferngläsern. 1669 zog er nach Den Haag
um. Hier erhielt er im Februar 1673 einen Ruf
auf eine Professur an der kurpfälzischen Universität Heidelberg, der jedoch von dem beauftragten Vertrauten des Kurfürsten Karl I. Ludwig so
abgefasst wurde, dass Spinoza sich veranlasst
sah, ihn abzulehnen. Spinoza starb plötzlich im
Alter von 44 Jahren am 21. Februar 1677 in
seiner Mietwohnung an der Paviljoensgracht in
Den Haag.
Lehre: Spinoza wird dem Rationalismus zugeordnet und gilt als einer der Begründer der
modernen Bibelkritik. Er nimmt in der Philosophiegeschichte eine Sonderstellung ein. Er
gehörte weder einer etablierten philosophischen
Schule an noch begründete er selber eine neue.
Sicherlich war er einer der radikalsten Philosophen der frühen Neuzeit. Die Philosophie Spinozas hat vor allem ein ethisch-praktisches Ziel. Er
möchte von den illusorischen Lebenszielen das
einzig wahre unterscheiden, das ihm, wenn er es
Kühnheit ist die
Begierde, durch welche
man angetrieben wird,
etwas zu tun, trotz einer
damit verbundenen
Gefahr, die andere
seinesgleichen von dieser
Tat abhält. Geist und Körper sind
ein und dasselbe Individuum.
Spinoza
41
Neuzeit
Neuzeit
erreichen würde, eine stabile und wirklich befriedigende Freude verschaffen könnte. Um dies
möglich zu machen, entwickelte er eine Ethik,
deren Grundlagen (die in den ersten beiden
Büchern der Ethik dargelegt werden) metaphysischer Natur sind. Die vier Zweige des Denkens
Spinozas sind: Metaphysik, Ethik, politische Philosophie, Erkenntnistheorie.
Lehrt die Vernunft, Frömmigkeit zu üben und ruhigen und guten Sinnes zu sein. Spinozas Ziel ist
die Erkenntnis der Einheit, die den Geist mit der
gesammten Natur verbindet, und ihrer teilhaftig
werden in Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Alles ist Ausdehnung und Denken. Wo Denken
ist, da ist Ausdehnung, und wo Ausdehnung, da
ist Denken. Unter Ideen versteht Spinoza einen
Begriff, den der Geist bildet, weil er ein denkendes Ding ist. Niemand weiß, auf welche Art oder
mit welchen Mitteln der Geist den Körper bewegt.
Alles, was ist, so auch der Mensch, will in seinem
Sein beharren, daher sich gegen Gefahren und
Widerstände behaupten. Was ist und sich behauptet hat Macht, seine Macht ist sein Recht.
Wir nennen dasjenige schlecht, was Ursache
einer Traurigkeit ist und unser Tätigkeitsvermögen vermindert oder hemmt! Wir nennen dasjenige gut, was Ursache einer Freude ist und unser
Tätigkeitsvermögen vermehrt oder fördert!
Die erste Grundlage der Tugend ist es, sein Sein
zu erhalten und zwar nach Anleitung der Vernunft. (Wer sich selbst nicht kennt, kennt die
Grundlage aller Tugenden nicht.) Sodann ist aus
Tugend handeln nichts anderes, als nach Anleitung der Vernunft handeln und wer nach Anleitung der Vernunft handelt, muß notwendigerweise wissen, daß er nach Anleitung der Vernunft
handelt.
Wir können Mitleid als eine Traurigkeit definieren, entsprungen aus dem Unglück eines anderen. Darum sind wir auch demjenigen günstig
gesinnt, der unseresgleichen wohlgetan hat und
dagegen entrüstet über einen, der unseresgleichen Schaden zugefügt hat.
Die Grundlage der Tugend ist das Streben nach
Erhaltung des eigenen Seins und das Glück
besteht darin, daß der Mensch sein Sein zu
erhalten vermag.
Freiheit ist für Spinoza: Freiheit von Affekten.
Zitate:
• Gott ist Ursache von allem, was in ihm ist
• Geist und Körper sind ein und dasselbe Individuum
• Der menschliche Geist ist ein Teil des unendlichen Verstandes Gottes
• Kühnheit ist die Begierde, durch welche man
angetrieben wird, etwas zu tun, trotz einer
damit verbundenen Gefahr, die andere seinesgleichen von dieser Tat abhält.
• Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg. Friede
ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.
• Wer wirklich Gott liebt, den wird es nicht
danach verlangen, daß Gott ihn lieb habe.
• In der Natur der Vernunft liegt es nicht, die
Dinge als zufällige, sondern als notwendige zu
betrachten.
• Es liegt in der Natur der Vernunft, die Dinge
unter einem Gesichtspunkt der Ewigkeit zu
erfassen.
• Jedes Ding kann nur von einer äußern Ursache zerstört werden.
• Die menschliche Freiheit besteht lediglich
darin, daß sich die Menschen ihres Wollens
bewußt, und der Ursachen, von denen sie
bestimmt werden, unbewußt sind.
• Niemand kann wünschen, glücklich zu sein,
gut zu handeln und gut zu leben, wenn er
nicht zugleich wünscht, zu sein, zu handeln
und zu leben.
• Das Ziel der Philosophie ist einzig und allein
die Wahrheit, das Ziel des Glaubens einzig
und allein Gehorsam und Frömmigkeit.
• Ich weiß nicht, wie ich Philosophie lehren soll,
um nicht zum Störer herbeigebrachter Religion zu werden.
• Alle Körper sind entweder in Bewegung oder
in Ruhe.
Locke
Englischer Philosoph (1632 - 1704)
Leben: Locke wurde als Sohn eines Gerichtsbeamten in der Grafschaft Somerset geboren. Er
entstammte einer relativ wohlhabenden Familie.
Sein Großvater Nicholas Locke hatte als Tuchverleger ein kleineres Vermögen und Landbesitz
angesammelt, von dem die Familie leben konnte.
Sein Vater stand im Englischen Bürgerkrieg als
Offizier auf der Seite des Parlaments, die Eltern
waren Puritaner. John Locke besuchte ab 1647
42
Wir wollen also annehmen, die Seele sei ein weißes,
unbeschriebenes
Blatt Papier,
ohne
irgendwelche
Vorstellungen;
wie wird sie nun
damit versorgt?
Locke
die ehemals königliche Westminster School in
der Londoner Innenstadt. Er erlangte ein Stipendium, das ihm erlaubte, ab 1652 am College Christ Church der University of Oxford „klassische Wissenschaften“ zu studieren, was eine
Schulung an Aristoteles und der Scholastik sowie
die alten Sprachen Griechisch und Latein und
die klassischen Autoren umfasste. 1656 verlieh
ihm die Universität den Bachelor of Arts. Überlegungen, sein Studium abzubrechen und in eine
Anwaltskanzlei einzutreten, gab er auf. Stattdessen legte er die Prüfung zum Master of Arts
bereits zwei Trimester vor Ablauf der planmäßigen Studienzeit im Jahr 1658 ab. Danach wurde
er als senior student Mitglied des Lehrkörpers
und nahm seine Tätigkeit als Dozent auf. Er war
ab 1660 Dozent für Griechisch, dann Rhetorik
(1662) und Ethik 1663. Locke zog im Jahre 1667
in Shaftesbury‘s Domizil am Exeter House in
London und diente ihm als Leibarzt obwohl er
keine Zulassung als Doktor der Medizin hatte,
diese wurde Ihm erst 1675 von der Universität
verliehen. 1672 erhielt er durch Shaftesbury, die-
ser protegierte Locke, einen der unwichtigeren
Regierungsposten, der ihm jedoch Ansehen und
Reichtum verschaffte. Locke unternahm von
1675 bis 1679 eine Reise durch Frankreich, die
er nutzte, um sich mit dortigen Naturforschern
auszustauschen. Von 1683 bis 1688 verbrachte
Locke auf Grund von politischen Machtkämpfen
in denen er verwickelt war in Holland. 1684
befahl der englische König, ihn in Abwesenheit
aus dem Christ-Church-College auszuschließen.
Erst mit dem Machtantritt Wilhelms von Oranien
wurde ihm 1689 wieder ein Regierungsamt angeboten, das er aus gesundheitlichen Gründen
ablehnte, ab 1690 zog er sich auf das Gut eines
befreundeten Adligen zurück. Locke starb am 28.
Oktober 1704 in seinem Arbeitszimmer.
Lehre: Lockes politisches Denken geht von „protestantisch-christlichen“ Annahmen aus, er gilt
allgemein als Vater des Liberalismus. Seine politische Philosophie beeinflusste die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die Verfassung der Vereinigten Staaten, die Verfassung
des revolutionären Frankreichs und über diesen
43
Neuzeit
Neuzeit
Weg die meisten Verfassungen liberaler Staaten
maßgeblich. Locke argumentierte dass eine
Regierung nur legitim ist, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und die Naturrechte
Leben, Freiheit und Eigentum beschützt. Wenn
diese Bedingungen nicht erfüllt sind, haben die
Untertanen ein Recht auf Widerstand gegen die
Regierenden.
Locke lieferte einen bedeutenden Beitrag zur
Erkenntnistheorie. Er befürwortet zwar die rationale Theologie und die Wende der Philosophie
des Mittelalters zur Philosophie der Neuzeit, die
die rationalistische Philosophie vor allem René
Descartes verdankt. Locke wandte sich aber
gegen die Rechtfertigung der Naturwissenschaften aus dem bloßen Denken und suchte ihr Fundament stattdessen in der Erfahrung. Dennoch
nahm er wie Descartes als Ausgangspunkt der
philosophischen Überlegungen den Zweifel an
der gegenständlichen Wirklichkeit, an der Existenz der Außenwelt. Die Aufhebung dieses Zweifels wurde von ihm nun nicht mehr über den Gottesbegriff vollzogen, sondern empiristisch. Er ist
zusammen mit Isaac Newton und David Hume
der Hauptvertreter des britischen Empirismus.
Lockes Kritik der Vorstellung der eingeborenen
Ideen hat einen aufklärerischen Charakter. Durch
die Untersuchung der Dinge selbst soll den Dogmen, Vorurteilen und den von Autoritäten vorgegebenen Prinzipien, wie sie zu seiner Zeit an
der Tagesordnung waren, der Boden entzogen
werden. Nachdrücklich wandte er sich gegen
Descartes‘ Annahme, dass auch die Gottesidee
angeboren sei: denn in vielen Gegenden der
Welt gebe es keine entsprechende Gottesvorstellung.
Erkenntnis ist Locke zufolge die Wahrnehmung
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Ideen. Zur Erkenntnis bedarf es also
des Urteils, ob eine Aussage gültig ist. Das Material der Erkenntnis sind einfache Ideen. Wie
sicher ist aber das Wissen um das Erkannte?
Lockes Empirismus begrenzt die Erkenntnis auf
die Erfahrung. Was jenseits der sinnlichen Erfahrung liegt, die Essenz der Dinge, kann nicht
erkannt werden. Der Mensch weiß das er existiert, er weiß aber auch, daß Nichts nichts hervorbringen kann. Aus beidem folgt, daß irgendetwas von Ewigkeit existieren muß, denn was nicht
ewig ist, hat einen Anfang und muß von etwas
anderem hervorgebracht sein. Beide Alternativen, die Annahme einer Zeit, in der nichts ist, und
die Annahme eines Nichts, das etwas hervorbringt sind widersprüchlich. Was als „Naturrecht“
bezeichnet wird, ist notwendigerweise inhaltlich
unbestimmt. Denn man kann aus der „Natur“
des Menschen, aus angeblichen Ur- oder Idealzuständen der menschlichen Gesellschaft als
„Recht“ nur das herauslesen, was man zuvor in
sie hineingetragen hat.
In der Erziehung wandte sich Locke, der nicht verheiratet war und keine Kinder hatte, gegen strenge Schulzucht. Stattdessen müsse die Erziehung
die Individualität der Kinder und Jugendlichen
fördern. Lockes Empfehlungen zu Bildung und
Erziehung sind eng verknüpft mit seiner Lehre,
dass jedes Kind in geistiger Hinsicht als Tabula
rasa zur Welt kommt.
Zitate:
• Übernatürliche Wahrheiten kann man nur glauben
• Glaube ist nichts als feste Zustimmung.
• Neue Meinungen sind immer verdächtig und
man setzt ihnen Widerstand entgegen mit
dem einzigen Grund, daß sie noch nicht Allgemeingut sind.
• Kein Wissen kann die Erfahrung eines Menschen übersteigen
• Es ist nichts im Geist, was nicht vorher
in den Sinnen war
• Betrachtet man neugeborene Kinder aufmerksam, so ist wenig Grund vorhanden, dass sie
viele Begriffe mit sich auf die Welt brächten.
• Wir wollen also annehmen, die Seele sei ein
weißes, unbeschriebenes Blatt Papier, ohne
irgendwelche Vorstellungen; wie wird sie nun
damit versorgt?
• Obwohl ich geschrieben habe, „Von Natur aus
sind alle Menschen gleich,“ möge man mir
nicht unterstellen, ich verstünde alle Arten der
Gleichheit.
• Ohne Unterscheidung gibt es keine Erkenntnis.
• Die Kenntnis unserer Fassungskraft ist ein
Heilmittel gegen Skeptizismus und Müßigang.
• In dem Maße, wie wir selber die Wahrheit und
die Vernunft betrachten und erfassen, besitzen
wir auch reale und wahre Erkenntnis.
• Es gibt fast keine Eigenschaft, die nicht durch
einen Mangel an Lebensart in ein nachteiliges
44
Licht gestellt oder verunstaltet wird.
• Nichts ist dem Auge so schön wie die Wahrheit der Seele. Nichts ist so häßlich und so
wenig mit dem Verstande zu vereinbaren wie
die Lüge.
• Praktische Grundsätze, die aus der Natur entspringen, sind da, um betätigt zu werden, und
müssen eine Gleichförmigkeit des Handelns
bewirken, nicht bloß eine theoretische Anerkennung ihrer Wahrheit.
• Was unser Denken begreifen kann, ist kaum
ein Punkt, fast gar nichts im Verhältnis zu
dem, was es nicht begreifen kann.
• Gleichgültig dagegen zu sein, ob wir das
Falsche oder Rechte ergreifen, ist die große
Heerstraße zum Irrtum.
• Das Gute und das Böse, Belohnung und
Strafe, sind die einzigen Motive eines rational
denkenden Lebewesens; sie stellen die
Sporen und Zügel dar, mit der die gesamte
Menschheit zur Arbeit veranlaßt und angeleitet wird.
• Die Notwendigkeit, nach wahrem Glück zu
streben, ist die Grundlage der Freiheit.
EINE IDEE KANN
NUR EINER IDEE
ÄHNLICH SEIN,
EINE FARBE ODER
FIGUR NUR EINER
ANDEREN FARBE
ODER FIGUR.
Berkeley
Anglikanischer Sensualist und Philosoph
(1685 - 1753)
Berkeley
Naturgesetze sind nur Zeichen. Kategorien wie
Materie, Kausalität, Bewegung und Substanz
sind entbehrlich.“ Dieser sensualistische Ansatz
wurde im Zuge der britischen Aufklärung von
David Hume konsequent zu Ende gedacht.
Zitate:
• Geister sind tätige, unteilbare Substanzen,
Ideen träge, vergängliche, abhängige Dinge,
die nicht an sich existieren, sondern getragen
werden von Geistern oder spirituellen Substanzen oder in diesen existieren.
• Sein ist wahrgenommen werden.
• Eine Idee kann nur einer Idee ähnlich sein,
eine Farbe oder Figur nur einer anderen Farbe
oder Figur
• Zuerst wirbeln wir eine menge Staub auf, dann
klagen wir, weil wir nichts mehr sehen.
• Wenige Menschen können denken, aber alle
wollen eine Meinung haben.
• Die meisten Menschen, welche schlicht und
ungelehrt sind, machen keinen Anspruch auf
den Besitz abstrakter Begriffe.
Leben: Berkeley besuchte das Trinity College in
Dublin und war dort von 1707 bis 1713 Lehrer.
Zur damaligen Zeit erhielt in Irland nur der einen
Lehrstuhl, der auch Theologe war. 1713 ging er
nach London und reiste von dort über Frankreich
nach Italien. Dort beobachtete er 1717 den Ausbruch des Vesuv. Er reiste – nach seiner Heirat
im Jahr 1728 – nach Rhode Island, wartete aber
vergeblich auf die versprochene staatliche Unterstützung. Nach seiner Rückkehr wurde Berkeley
1734 Bischof von Cloyne, dort war er 18 Jahre
Bischof von Cloyne und starb am 1753 in
Oxford.
Lehre: Berkeley kann als das Bindeglied zwischen Locke und Hume angesehen werden. Er
behauptete – radikaler als Locke -, dass er weder
die Substanz „Materie“ noch die Substanz „Geist“
für philosophisch begründbar hielte. „Die Existenz der äußeren Dinge besteht in ihrem Wahrgenommenwerden. Der Geist als solcher ist
unerkennbar. Sein Wesen besteht im Erfassen.
45
Neuzeit
Neuzeit
Zweifel ist kein angenehmer Zustand, Gewissheit jedoch absurd.
Voltaire
literarische Begabung, 1710 gaben seine Lehrer
ein Gedicht von ihm gedruckt heraus, eine Ode
auf die hl. Genoveva. Da er nach dem Willen
seines Vaters Jurist werden sollte wie schon
sein Bruder, schrieb er sich 1711 an der Pariser
juristischen Hochschule ein. 1713 wurde er von
seinem Vater genötigt, eine Stelle als Notariatsangestellter in der Provinzstadt Caen anzutreten. Wieder in Paris, arbeitete Voltaire 1714
nochmals kurz bei einem Anwalt, war aber zunehmend literarisch tätig. 1717 wurde er auf Grund
satirischer Ferse für elf Monate in der Bastille
inhaftiert, anschließend aus Paris verbannt. Als
1722 sein Vater starb, erbte Voltaire einen Teil
von dessen Vermögen und unternahm er seine
erste längere Reise - in die österreichischen Nie-
Französischer Philosoph der Aufklärung
(1694 - 1778)
Leben: Voltaire wurde als François-Marie Arouet
am 21. November 1694 in Paris geboren. Voltaire
war das jüngste von fünf Kindern des bürgerlichen Juristen François Arouet und der adeligen
Marie Marguerite Arouet, geborene Daumart.
Zwei seiner älteren Geschwister waren schon
kurz nach ihrer Geburt gestorben, sein Bruder
Armand war zehn, seine Schwester Catherine
acht Jahre älter als er. 1704 kam Voltaire als
Internatsschüler auf das Jesuitenkolleg Louis-leGrand, hier erwarb er eine solide humanistische
Bildung. Früh schon bewies er mit Versen seine
46
Voltaire
eigenständigen englischen Fassung die Letters
Concerning the English Nation und 1734 in Paris
die französische Originalausgabe die Lettres
philosophiques. Hierin stellt er England seinen
Landsleuten als Modell vor, was die Herrschenden in Frankreich erwartungsgemäß als Affront
empfanden. Sie verboten das Buch, was seiner
Verbreitung nur förderlich war, und erließen Haftbefehl gegen den Autor. In den nächsten zehn
Jahren führte er ein unstetes Wanderleben.
Schon seit 1736 stand er in Briefkontakt mit
dem knapp zwanzig Jahre jüngeren Kronprinzen
Friedrich von Preußen und wurde von diesem
umworben. Bald nach der Thronbesteigung Friedrichs traf er ihn am 11. September 1740 im
Schloss Moyland im Kreis Kleve und folgte im
derlande. 1726 kam er nach einer Auseinandersetzung mit Chevalier de Rohan, Spross eines
alten Adelsgeschlechts erneut in die Bastille. Da
er inzwischen berühmt war, bot ihm der König die
Freiheit an unter der Bedingung, dass er Frankreich verlasse. Voltaire akzeptierte und ging nach
England, wo die industrielle Revolution bevorstand. Für einen Franzosen damals durchaus
nicht selbstverständlich, lernte Voltaire Englisch
sprechen, lesen und auch schreiben. Da er spätestens in England erkannt hatte, wie wichtig
finanzielle Unabhängigkeit für einen kritischen
Literaten wie ihn war, begann er nach seiner
Rückkehr mit fremder Hilfe geschickt sein Vermögen zu vermehren, so dass er bald sehr wohlhabend war. 1733 erschienen in London in einer
47
Neuzeit
Neuzeit
November einer Einladung nach Berlin. 1746
zurück in Paris erhielt er das Amt eines königlichen Kammerherrn und war damit offiziell in
den Adelstand erhoben. Seine Position am Hof
blieb jedoch unsicher, ein Vorfall am Spieltisch
der Königin ließ ihn 1747 bei Ludwig, in Ungnade
fallen. Nach dem Tod seiner Geliebten Marquise
du Châtelet folgte Voltaire der Einladung Friedrichs des Großen von Preußen und begab sich
im Sommer 1750 an dessen Hof nach Sanssouci
bei Potsdam, wo schon andere französische Literaten und Gelehrte Hofämter innehatten, 1753
wurde er wieder entlassen, neue Wanderjahre
begannen. 1755 kaufte er in Genf ein Haus, auch
in Lausanne erwarb er ein Haus. 1756 begann
er seine Mitarbeit an dem 1746 von Diderot und
d’Alembert initiierten Groß-Lexikon, der Encyclopédie. 1757 kehrte Voltaire Genf den Rücken
und ging einmal mehr auf Reisen. Mit 64 Jahren
befolgte Voltaire das Schlusswort von Candide,
wonach man „seinen Garten bestellen“ soll, und
kaufte im französischen Grenzgebiet nahe Genf
Landgüter, wurde sesshaft und schrieb wie eh
und je weiterhin unablässig, und zwar Dutzende
von Werken. Voltaire starb im Alter von 83 Jahren
in Paris. Es bedurfte einer List seines Neffen,
ihm gegen den Willen der Geistlichkeit zu einem
kirchlichen Begräbnis in der Abtei Sellières in der
Champagne zu verhelfen.
Lehre: Mit seiner Kritik an den Missständen des
Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie
am weltanschaulichen Monopol der katholischen
Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung
und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen
Revolution. In der Darstellung und Verteidigung
dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein
umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen
Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine
Kunst der Ironie gelten als unübertroffen. Er war
kein systembildender Denker, sondern ein „Philosoph“ im französischen Sinn, das heißt ein
Autor, der sowohl belletristische als auch philosophische, historische und naturwissenschaftliche Schriften verfasste sowie publizistisch tätig
war. Die dauerhafteste und letztlich weiteste Verbreitung fanden seine ab circa 1746 verfassten
philosophischen Erzählungen, in welchen er zentrale Gedanken der Aufklärung auf undogmati-
sche und unterhaltsame Weise einem breiteren
Publikum näherbrachte. Voltaire kämpfte für die
Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, nicht
für die Gleichheit von Status und Besitz. Er war
der Meinung, dass es immer Arme und Reiche
geben werde. Voltaire war einer der bedeutendsten Kirchenkritiker des 18. Jahrhunderts. Dies
brachte ihm früh die Missbilligung der katholischen Kirche ein, die ihn als Atheisten brandmarkte und seine Schriften verbot. Die Traditionen
und Gebote der monotheistischen Religionen
stehen nach Voltaires Auffassung in vollständigem Gegensatz zu den Idealen und Zielen
der Aufklärung, Toleranz und Rationalismus. Die
Philosophen haben überhaupt keinen Glauben
gelehrt, es gilt nicht, ihre Philosophie zu bekämpfen. Nie hat sich ein Philosoph als von Gott
erleuchtet bezeichnet, denn von da an wäre er
nicht mehr Philosoph gewäsen, sondern er hätte
den Propheten gespielt. Nicht mit erhobenem
Zeigefinger, sondern mit Witz und Sarkasmus kritisierte Voltaire die Missstände seiner Zeit, aber
auch persönliche Gegner. Voltaire hinterließ mit
weit über 700 einzelnen Texten (die er zumindest
in seinen späten Lebensjahren einem Sekretär
diktierte) eines der umfangreichsten und umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte.
Zitate:
• Zweifel ist kein angenehmer Zustand, Gewissheit jedoch absurd.
• Alle Jahrhunderte ähneln sich durch die Bosheit der Menschen.
• Um die Geschichte seines Landes zu beschreiben,
muß man außer Landes sein.
• Die Gesellschaft braucht eine Ansicht, das
Volk braucht eine Religion, gäbe es Gott nicht,
müßte man ihn erfinden.
• Gott ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall
und dessen Umfang nirgends liegt.
• Gott ist ein Komödiant, der vor einem Publikum spielt, das zu ängstlich zum Lachen ist.
• Es ist förderlich für die Gesundheit deshalb
beschließe ich, glücklich zu sein.
• Nichts zeigt besser den Charakter eines
Mannes als die Art und Weise, wie er sich den
Frauen gegenüber verhält.
• Ein Schurke ist oft nur ein Narr.
• Ich weiß nicht, was das sein mag, das ewige
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Leben. Aber dieses hier, das diesseitige, ist
ein schlechter Scherz.
• Die Liebe ist ein Stoff, den die Natur gewebt,
und die Phantasie bestickt hat.
• Die Frau ist ein Wesen, das sich anzieht,
schwätzt und sich auszieht.
• Wahrheiten sind Früchte, die nur ganz reif
gepflückt werden dürfen.
• Dieses Leben ist ein fortgesetzter Kampf, und
die Philosophie ist das einzige Heilpflaster,
das man auf die Wunden legen kann, die man
von allen Seiten empfängt: es heilt nicht, aber
es lindert; und das ist viel.
• Alles um euch, alles in euch ist ein Rätsel,
dessen Lösung zu erraten dem Menschen
nicht gegeben ist.
• Ein guter Freund ist mehr wert als aller Ruhm
der Welt.
• Wie das größte physische Übel der Tod ist, so
ist das größte moralische zweifellos der Krieg.
• In allen Kriegen geht es nur darum, zu stehlen.
• Beurteile die Menschen eher nach ihren
Fragen als nach ihren Antworten.
• Sowie man Gutes tun will, kann man sicher
sein, Feinde zu finden.
• Das Geheimnis, langweilig zu sein, besteht
darin, daß man alles sagt.
Wenn einmal eine Nation zu denken beginnt, ist
es unmöglich, sie daran zu hindern.
• Die Deutschen sind die Greise von Europa,
die Engländer die Männer; die Franzosen die
Kinder, und ich mag gern mit Kindern spielen.
• Der Fanatismus ist sehr rasch bei der Hand,
immer, wenn er sich ein bißchen gekratzt fühlt.
Dieses Scheusal hat Angst vor der Vernunft,
wie die Schlangen vor den Störchen.
• Das Geheimnis der Kunst ist das, daß sie die
Natur korrigiert.
• Alle Künste sind gut, ausgenommen die langweilige Kunst.
Catharine Falconer. In den Jahren 1723 bis 1729
schloss er seine Schulausbildung ab und studierte ab 1726 zunächst Rechtswissenschaft an
der Universität Edinburgh, entschloss sich aber
zum Abbruch des Studiums, da er „eine unüberwindliche Abneigung gegen alles außer gegen
Philosophie und allgemeine Gelehrsamkeit“ verspürte. Eine Tätigkeit als Kaufmann in Bristol,
übte er 1734 nur wenige Monate lang aus, bevor
er bis 1737 nach Frankreich ging und in Reims
und La Flèche an seinem „Traktat über die
menschliche Natur“ arbeitete. Seine Bewerbung
auf den Lehrstuhl für „Ethik und Pneumatische
Philosophie“ in Edinburgh 1745/1746 scheiterte.
Noch einmal bewarb sich Hume für eine Professur, auf den Lehrstuhl für Logik in Glasgow
und scheiterte 1752 ebenfalls, er wurde Bibliothekar des Juristenkollegiums (Anwaltskammer)
in Edinburgh. Humes „Geschichte von Großbritannien“ wurde ein großer Publikumserfolg und
machte ihn zu einem reichen Mann, bis 1769
stiegen Humes jährliche Einkünfte auf rund 1.000
Pfund Sterling. 1763 reiste er mit dem neuernannten britischen Botschafter in Frankreich, als
Privatsekretär nach Paris. 1765 zum Botschaftssekretär ernannt, wurde Hume ab Sommer des
Jahres alleiniger Geschäftsträger der Pariser Botschaft. Hume kehrte 1766 nach London zurück,
wohin er den mit Haftbefehl gesuchten Rousseau
eingeladen hatte, um ihm dort Asyl zu verschaffen, Rousseau verließ diesen jedoch nach wenigen Monaten im Streit. Nach Edinburgh kehrte
Hume 1769 zurück, um seinen Lebensabend im
heimatlichen Schottland zu verbringen, wo er im
August 1776 verstarb.
Lehre: Er war einer der bedeutendsten Vertreter der schottischen Aufklärung und wird der philosophischen Strömung des Empirismus bzw.
des Sensualismus zugerechnet. Sein skeptisches und metaphysikfreies Philosophieren regte
Immanuel Kant zu seiner „Kritik der reinen Vernunft“ an. Hume verwirft auch alle bisherigen
metaphysischen Philosophien und ihre dogmatische Denkweisen deshalb, weil sie aus seiner
Sicht von Theorien statt vom Beobachten ausgehen. Mittelbar wirkte dieser Vordenker der
Aufklärung auf die modernen Richtungen des
Positivismus und der analytischen Philosophie.
Hume stellt den Menschen in den Mittelpunkt
seines Philosophierens. Er geht davon aus, dass
Hume
Schottischer Philosoph und Ökonom
(1711 - 1776)
Leben: David Hume wurde 1711 in Edinburgh
nach einem Bruder und einer Schwester als
zweiter Sohn eines als Anwalt tätigen verarmten
Adeligen, Joseph Hume of Ninewells in Chirnside Berwickshire geboren, seine Mutter war
49
Neuzeit
Neuzeit
Die Schönheit
der Dinge
lebt in
der Seele
dessen,
der sie
betrachtet.
Hume
die Menschen zum Handeln geboren sind. Deshalb möchte er mit seiner Philosophie Basisannahmen entwickeln, die Anleitung zum
menschlichen Handeln geben können. Die Ergebnisse seiner Philosophie sollen gesellschaftsverbessernd wirken.
Hume geht von der menschlichen Natur aus. Der
Terminus Natur bezieht sich u. a. auf anatomischphysiologische Vorgänge und auf das Verhalten
von Menschen, das er an sich und anderen beobachtet. Die zeitgenössische Anatomie und Physiologie gehen im Hinblick auf die Reizbarkeit der
Nerven davon aus, dass die menschliche Natur,
um sich zu erhalten, keinen Geist braucht. Hume
bezeichnet mit Impressionen die lebhaften und
starken Wahrnehmungen, wie hören, sehen,
fühlen, lieben, hassen, wünschen oder wollen.
Für das, was Menschen weniger eindrücklich und
weniger lebhaft wahrnehmen, verwendet Hume
die umgangssprachliche Bezeichnung Idee z.B.
im Zusammenhang mit Nachdenken, Erinnern
und Fantasieren. Kurz gesagt: Alles, worüber
Menschen sich Gedanken machen und womit sie
Vorstellungen von etwas entwickeln, stammt von
Nervenreizen, bzw. perceptions, genauer impressions.
Das Problem der Außenwelt besteht in der philosophischen Frage, ob die äußeren Dinge um uns
herum unabhängig und verschieden von unseren Wahrnehmungen existieren. Er stellte fest,
dass sich der Glaube an die Existenz der Außenwelt nicht durch rationale Begründungen stützen
lasse. Nach der empiristischen Grundthese sind
die Sinne die einzige Quelle unserer Kenntnisse
über die Außenwelt, und diese liefern uns nur
Wahrnehmungen, aber nicht den geringsten Hinweis darauf, dass diese Wahrnehmungen von
etwas außerhalb ihrer selbst verursacht werden.
Dennoch kann der Mensch nicht umhin, an die
Existenz der Außenwelt zu glauben.
Hume zufolge gebe es kein „Selbst“ oder „Ich.“
Seine Begründung machte erneut Gebrauch von
50
seiner Grundthese des Sensualismus: Gäbe es
das Selbst, so müsste sich diese Idee letztlich
von einem Sinneseindruck herleiten lassen. Im
menschlichen Kopf gibt es für Hume aber nur
eine ständige Abfolge von impressions und ideas,
keinen konstanten Sinneseindruck, der alles
zusammenhält und daher mit dem Ich gleichgesetzt werden könnte.
Hume stellte heraus, was nach seiner Ansicht
das Gemeinsame an allen Kausalvorgängen ist.
Zunächst müssten Ursache und Wirkung immer
räumlich benachbart sein. Hat der Mensch die
Abfolge von Ereignissen oft genug gesehen, so
forme er aufgrund von Gewöhnung angesichts
des einen Ereignisses die Erwartung des anderen. Naturgesetze beschreiben demnach nur beobachtete Regelmäßigkeiten und keine notwendige
Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung.
Ähnlich wie bei den Gedanken zur Kausalität
handelt es sich auch beim Induktionsproblem
um eine von Hume neu entdeckte Problematik.
Es ist der bis heute am meisten beachtete Teil
seiner Philosophie. Ein Lernprozess findet beispielsweise statt, wenn jemand angesichts der
Tatsache, dass ihn Brot in der Vergangenheit
genährt hat, darauf schließt, dass es ihn auch
in Zukunft nähren wird. Wie aber bereits in den
Überlegungen zum Kausalitätsproblem herausgestellt, liegen die „kausalen Kräfte“ des Brotes
im Verborgenen und lassen sich aus seinen beobachtbaren Eigenschaften nicht erschließen. Es
gibt damit kein rational begründbares Argument
dafür, dass das Brot tatsächlich auch in Zukunft
nähren wird. Es ist letztlich die Gewohnheit, die
den Menschen erwarten lässt, dass Brot ihn
erneut nähren wird, wenn dies in der Vergangenheit wiederholt der Fall war. Tatsächlich muss
der Mensch eine solche Erwartung hegen und in
diesem Sinne aus der Erfahrung lernen.
In Humes Konzeption einer Gefühlsethik zeigt
sich auch seine grundsätzlich Skepsis gegenüber
der Rationalität: „Es läuft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen
Welt will, als einen Ritz an meinem Finger.“
Durch diese Skepsis kommt Hume auch zu dem
Schluss, dass rationale Einsichten allein niemals handlungsmotivierend sein können. Die
Ratio hingegen kann zwar bejahende oder verneinende Urteile treffen, aber für Hume sind das
keine bewegende Kräfte für Handlungen. Morali-
sche Urteile lassen sich nur treffen, wenn sowohl
die Gefühlswelt als auch der Verstand an diesem
Urteil beteiligt sind.
Zitate:
• Gewohnheit ist die Führerin des Lebens
• Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele
dessen, der sie betrachtet.
• Die Natur nötigt uns mit absoluter und unabwendbarer Notwendigkeit, Urteile zu fällen,
ebenso wie sie uns nötigt zu atmen und zu
empfinden.
• Die religiösen Fehler sind gefährlich, die philosophischen nur lächerlich.
• Nicht die Vernunft ist Richtschnur des Lebens,
sondern die Gewohnheit.
• Die Anfänge einer Religion mögen den Diebstahl einer Münze, eines Hammels verhindert
haben. Es kommt aber früher oder später
ein Zeitpunkt, da um dieser selben Religion
willen sich Hunderttausende von Menschen
die Gurgel abschneiden oder auf dem Scheiterhaufen winden.
• Die Gewohnheit, der große Führer im Leben.
• Sowohl die moralische wie die natürliche
Schönheit wird mehr gefühlt als begriffen.
• Die Zweifelsucht zerstört alles Nachdenken
und selbst alles Handeln.
• Wenige Menschen nur denken lange, ohne
ihre Vorstellungen in Verwirrung zu bringen
und sie zu verwechseln, und hier gibt es verschiedene Grade dieser Schwäche.
• Wir nennen dasjenige barbarisch, was stark
von unseren eigenen Geschmack und Ansichten abweicht.
• Während wir handeln sind wir zugleich ein
Bewirktes.
• Ein ewiger Krieg würde die Menschen in
Raubtiere, ein ewiger Friede in Lasttiere verwandeln.
• Verstand und Genie rufen Achtung und Hochschätzung hervor, Witz und Humor erwecken
Liebe und Zuneigung.
Diderot
Französischer Philosoph der Aufklärung
(1713 - 1784)
Leben: Diderot war das zweitälteste Kind des
wohlhabenden Messerschmiedemeisters Didier
Diderot aus Langres (Champagne) und dessen
51
Neuzeit
Neuzeit
Ehefrau Angélique Vigneron. Diderot hatte noch
fünf jüngere Geschwister, von denen jedoch zwei
im Kindesalter starben. Ab seinem 12. Lebensjahr bereiteten seine Eltern ihn auf das Priestertum vor. In Paris wurde Diderot 1729 zunächst am
Lycée Louis-le-Grand aufgenommen, 1732 beendete er mit dem Grad eines Magister Artium an
der Collège d’Harcourt, er unterließ das geplante
Theologiestudium anzuschließen, schloss aber
sein Studium an der Sorbonne am 1735 als Bakkalaureus ab. Ab 1736 war Diderot als Anwaltsgehilfe tätig, als er 1737 diese Stelle aufgab,
beendete sein Vater die regelmäßigen Geldzuwendungen, es folgte eine Zeit chronischer
Geldnot. Ab 1740 übernahm Diderot Übersetzertätigkeiten aus dem Englischen in das Französische, er heiratete Anne-Toinette Champion am
6. November 1743. Seit 1747 wohnte die Familie
Diderot in der 3 Rue de l’Estrapade, von 1754 bis
1784 dann im 4. und 5. Stockwerk eines Hauses
in der Rue Taranne, das Paar hatte vier Kinder,
von denen drei sehr früh starben. Ab 1747 folgte
die intensive Arbeit an der Encyclopédie. 1749
wurde sie jedoch unterbrochen. Am 24. Juli 1749,
um halb acht morgens, wurde Diderot von Joseph
d’Hémery, Kommissar und Inspektor der königlichen Zensurbehörde, verhaftet, es wurden ihm
gegen die Religion gerichtete Schriften zur Last
gelegt, schon zuvor wurde er als „gottloser, sehr
gefährlicher Mensch“ denunziert. Die Buchhändler, an zügiger Arbeit an der Encyclopédie interessiert, beschwerten sich über die Verhaftung.
Am 3. November 1749 wurde er entlassen, um
den Fortgang der Encyclopédie nicht zu gefährden, ließ er daher in den folgenden Jahren
vieles unpubliziert. Zusammen mit Jean-Baptiste
le Rond d’Alembert später mit Louis de Jaucourt
war er Herausgeber der großen französischen
Encyclopédie, zu der er selbst als Enzyklopädist
etwa 6000 von insgesamt 72.000 Artikeln beitrug.
Trotz all dieser Arbeit nahm Diderot am regen
gesellschaftlichen Leben der Philosophen teil –
der kritisch eingestellten Pariser Intellektuellen.
Seit dem Winter 1752/53 hatte er Briefkontakt zu
Madame de Pompadour, diese empfing später
Diderot zu Informationsgesprächen über die Enzyklopädie, im Juli 1765 beendete Diderot die Arbeit
an der Encyclopédie nach fast zwanzig Jahren.
1773 fuhr Diderot für einige Monate an den Hof
von Sankt Petersburg zu Katharina II. von Russ-
zutage liebt: sich verlieben in wen man will,
zusammenzubleiben, solange man aneinander Gefallen findet und sich zu trennen, sobald
man Langeweile fühlt.
• Man sagt, die Liebe raubt denen den Verstand,
die welchen haben, und gibt ihn jenen, die
keinen haben.
• Es ist hart, ein Bettler zu sein, indes es so
viele reiche Toren gibt, auf deren Unkosten
man leben kann; und dann sich selbst verachten müssen, ist doch auch unerträglich.
• Armut geloben heißt sich durch Eid zu Faulheit
und Dieberei verpflichten…
• Je unglücklicher die Zeiten sind, um so mehr
vermehren sich die Idiotismen.
• Mag nur der Haushalt groß oder klein sein,
mindestens einer von beiden muß gesunden
Menschenverstand besitzen.
• Malerei ist die Kunst, die Seele zu bewegen
durch Vermittlung der Augen. Wenn der Maler
nur bis zu den Augen kommt, hat er nur den
halben Weg zurückgelegt
• Die Zeichnung gibt den Dingen die Gestalt, die
Farbe das Leben.
• Durch Vernunft, nicht aber durch Gewalt soll
man die Menschen zur Wahrheit führen.
• Es ist eine gemeine Niederträchtigkeit, andern
zum Zeitvertreib einen Gutmütigen aufzuopfern, und gewöhnlich verfällt man auf diesen.
Dies ist eine Falle, die wir Neuankommenden
legen, und ich habe fast niemanden gefunden,
der nicht hineingetappt wäre.
• Halte dir stets vor Augen, daß die Natur nicht
Gott, daß ein Mensch keine Maschine und
daß eine Vermutung keine Tatsache ist.
• Der erste Schritt zur Philosophie ist der
Unglaube.
• Die Philosophie schweigt, wo die Gerechtigkeit
den Verstand verliert.
• Wenn man mir sagt, es gebe Dinge, die über
unsere Vernunft hinausgehen, so kann mich
das nicht veranlassen, Unsinn zu glauben.
Zweifellos gibt es Dinge, die über unsere Vernunft gehen; aber ich verwerfe kühn alles, was
ihr widerstreitet, und alles, was gegen sie verstößt.
• Die Erziehung in der Kindheit ist es, die
einen Mohammedaner verhindert, sich taufen
zu lassen; die Erziehung in der Kindheit
ist es auch, die einen Christen verhindert,
Prägnante Sätze sind wie scharfe Nägel, welche die
Wahrheit in unser Gedächtnis hineinzwingen.
Diderot
land, die ihn auch finanziell unterstützte. Die Zarin
empfing Diderot – mitunter dreimal pro Woche
– zu regelmäßigen Audienzen. Als Vertreterin
des aufgeklärten Absolutismus versprach sie sich
davon Anregungen für ihre Reformpolitik. Vor
seiner Abreise, am 5. März 1774 beauftragte sie
ihn, einen Plan zur Reform des russischen Erziehungssystems zu entwickeln, um die Ideen der
französischen Aufklärung im Zarenreich zu verbreiten. Diderots gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich seit der Rückkehr aus Russland
zusehends. Herz- und Kreislaufprobleme machten ihm zu schaffen, er litt unter geschwollenen
Beinen und Kurzatmigkeit, er starb am Samstag,
dem 31. Juli 1784, beim Mittagessen.
Lehre: In seinen Werken wird eine deutliche Entwicklung von einer theistischen über eine deistische zu einer atheistischen Haltung erkennbar.
Doch gibt es auch Hinweise darauf, dass seine
materialistischen und atheistischen Vorstellungen
schon in den frühen Werken, kenntlich werden.
Diderot trat in seinen Spätwerken für die Verbreitung des Geistes der Aufklärung, den Atheismus
und gegen Aberglauben und Bigotterie ein. Diderot und seine Mitstreiter, die philosophes, überließen nicht mehr der Kirche und ihren Agenturen
die alleinige Deutungs- und Interpretationshoheit
über die Welt und die Wissenschaften. Somit gab
es für übernatürliche und irrationale Kräfte im
aufgeklärten Europa sowie in Nord- und Südamerika weniger Raum.
Im Zentrum des diderotschen Denkens stand das
Spannungsfeld zwischen Vernunft und Sensibilität. Vernunft zeichnete sich für Diderot durch die
Suche nach wissenschaftlich fundierten Erkennt52
nissen und der Überprüfbarkeit der empirisch
beobachteten und bewiesenen Fakten aus, ohne
dabei in der rein quantitativen Erfassung der Wirklichkeit, in mathematischen Aussagen, verhaftet
zu bleiben. In den Jahren 1754 bis 1765 entwickelte er die Lehre von der universellen Sensibilität. Als philosophische Position erarbeitete er sich
eine undogmatische materialistische Geisteshaltung. Obgleich Diderot kein Philosoph war, der
sich mit „begründungstheoretischen“ Problemen
oder systematisierenden, analytischen Reflexionen beschäftigte, zählt er zu den vielfältigsten
und innovativsten philosophischen Autoren des
18. Jahrhunderts. Er war ein universal gebildeter
Geist - ein wandelndes Lexikon, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und in verschiedenen Literaturgattungen zu Hause.
Zitate:
• Es gibt ein geheimes Band zwischen den
Frauen; sie hassen einander, aber sie nehmen
einander in Schutz.
• Überhaupt ist das Symbol der Frauen das der
Apokalypse, und auf ihrer Stirn steht geschrieben: Mysterium.
• Während wir in den Büchern lesen, lesen die
Frauen im großen Buch der Welt. So befähigt
sie gerade ihre Unwissenheit, die Wahrheit
ohne Zögern aufzunehmen.
• Es ist das Los fast aller Genies: Sie sind
nicht auf dem Stand ihres Jahrhunderts, sie
schreiben für die kommende Generation.
• Im stillen schreibt sich das Genie wohl ein
jeder zu; aber ich glaube doch nicht, daß sie
sich unterstünden, es zu bekennen.
• Es ist besser, so zu lieben, wie man heut53
Neuzeit
Neuzeit
sich beschneiden zu lassen; die Vernunft des
Erwachsenen ist es, die Taufe und Beschneidung gleichermaßen verachtet.
• Prägnante Sätze sind wie scharfe Nägel,
welche die Wahrheit in unser Gedächtnis hineinzwingen.
erhielt aber die Weisung, sich religiöser Schriften zu enthalten, da sie deistisches und sozinianisches Gedankengut verbreiteten, das nicht
mit der Bibel vereinbar sei. Kant verbrachte
nahezu sein ganzes Leben im damals weltoffenen Königsberg, wo er 1804 fast 80-jährig starb.
Seine letzten Worte waren angeblich: „Es ist gut.“
Das Grabmal Immanuel Kants befindet sich am
Königsberger Dom.
Lehre: Mit seinem kritischen Denkansatz (Habe
Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!) ist Kant der wohl wichtigste Denker der
deutschen Aufklärung.
Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive
in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins
21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Dazu
gehört nicht nur sein Einfluss auf die Erkenntnistheorie mit der Kritik der reinen Vernunft,
sondern auch auf die Ethik mit der Kritik der
praktischen Vernunft und die Ästhetik mit der
Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant
bedeutende Schriften zur Religions-, Rechts- und
Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zu Astronomie und Geowissenschaften.
Metaphysik muss den Anspruch erfüllen, grundlegende Erkenntnisse zu enthalten, die a priori
gelten, mit diesem Denkansatz wie überhaupt
eine Metaphysik als Wissenschaft möglich ist,
will Kant metaphysischer Fragen beantworten.
Kritisches Denken. Kritische Philosophie. Philosophie der reinen Vernunft. Denken ist Urteilen.
Denken ist daher ständig trennen und verbinden. Transzendentalphilosophie. Transzendentale Dialektik.
Nach Kant ist die Aufgabe einer engagierten Philosophie die Beantwortung von drei Fragen, die
in eine vierte münden. Was kann ich wissen?
Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist
der Mensch?
Philosophie ist für Kant: Revolution der Denkungsart, was von Anfang „Weg“ hieß. Die Rolle
der Philosophen im Gemeinwesen ist nach Kant
nicht die der Aktion, sondern des Rates. Der
praktische Philosoph, der Lehrer der Weisheit
durch Lehre und Beispiel, ist der eigentliche Philosoph. Kants Philosophie - setzt Grenzen weil
sie unterscheidet, ist Kritik. Kant wird ein „Rationalist“ genannt, er lasse nur gelten, was der Verstand einsieht.
Für Kant erfolgt Erkenntnis in Urteilen. In diesen
Kant
Deutscher Philosoph der Aufklärung
(1724 - 1804)
Leben: Kant war als viertes Kind des Sattlerund Riemermeisters Johann Georg Kant[ und
dessen Frau Anna Regina am 22 April 1724 in
Königsberg geboren. Von Kants insgesamt acht
Geschwistern erreichten nur vier das Erwachsenenalter. 1732 kam Kant an das Collegium Fridericianum, wo er insbesondere im Erlernen der
klassischen Sprachen gefördert wurde. Bereits
1740 begann er mit dem Studium an der Albertus-Universität Königsberg. Er interessierte sich
sehr für die Naturwissenschaften und beschäftigte sich u. a. mit Philosophie - seinem eigentlichen Studienfach - sowie mit Naturphilosophie
und elementarer Mathematik. Wegen des Todes
seines Vaters 1746 unterbrach Kant sein Studium, er verließ Königsberg und verdiente sich
seinen Lebensunterhalt bis 1754 als Hauslehrer,
kehrte im selben Jahr nach Königsberg zurück
und nahm sein Studium wieder auf. Eine erste
Bewerbung auf den Königsberger Lehrstuhl für
Logik und Metaphysik im Jahre 1759 schlug fehl.
Einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Dichtkunst
lehnte Kant 1764 ab. In den Jahren von 1766 bis
1772 arbeitete Kant als Bibliothekar der königlichen Schlossbibliothek, was seine erste feste
Anstellung war. Weitere Berufungen anderer Universitäten lehnte Kant ab, 1770 im Alter von 46
Jahren erhielt er den von ihm immer angestrebten Ruf der Universität Königsberg auf die Stelle
eines Professors für Logik und Metaphysik. 1786
und 1788 war Kant Rektor der Universität in
Königsberg. 1787 wurde er in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Die
letzten 15 Jahre seines Lebens waren gekennzeichnet durch den sich stetig zuspitzenden Konflikt mit der Zensurbehörde. 1794 wurde Kant die
„Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christentums“
zur Last gelegt. Kant lehrte weiter bis 1796,
54
“Was will ich?”
fragte der Verstand.
“Worauf kommt es an?”
fragt die Urteilskraft.
“Was kommt heraus?”
fragt die Vernunft.
Kant
Urteilen werden die Anschauungen, die aus der
Sinnlichkeit stammen, mit den Begriffen des Verstandes verbunden (Synthesis). Sinnlichkeit und
Verstand sind die beiden einzigen, gleichberechtigten und voneinander abhängigen Quellen der
Erkenntnis. „Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“
Grundsätze der reinen praktischen Vernunft:
Handle so, daß die Maxime deines Willens
jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könne.
Funktion des Verstandes: Unmittelbare Erkenntniss der Verhältnissse von Ursache und Wirkung. Der Verstand ist die Fähigkeit des Menschen, sinnvolle Begriffe zu bilden, sinnvolle
und wahre Aussagen aufzustellen, sowie regelgerechte Schlüsse zu ziehen. Der Verstand
bestimmt, fixiert, beschränkt und macht dadurch
klar und deutlich.
Funktion der Vernunft: Die elementare Form des
Denken. Durch Begriffe werden Gegenstände
der Erkenntnis (Objekte), nämlich Dinge, Eigenschaften und Relationen vorgestellt. Bildet das
Vermögen der Ideenbildung. Die Vernunft öffnet,
bewegt, kennt kein Ausruhen in einem Gewußten,
aber die Vernunft tut keinen Schritt ohne Verstand. Sie will die unablässige Erweiterung des
Bewußtseins überhaupt. Vernunft ist die mögliche Existenz, die denkend ständig auf das
Andere, auf das Sein, das nicht wir selbst
sind, gerichtet ist, auf Welt und Transzendenz.
Vernunft ist die Fähigkeit des Menschen, etwas
für sich oder andere derart zu Handhaben, dass
dabei ein Vorteil gewonnen bzw. bewahrt oder
ein Nachteil beseitigt bzw. vermieden wird, ohne
dass gegen berechtigte Normen verstoßen wird,
und ohne dass das Handhaben überwiegend
Nachteile im Gefolge hat.
• Handhaben ist der Oberbegriff zu Handeln in
der äußeren Welt sowie zum Vollzug von Denkund Vorstellungsakten (Geistesakten) in der inneren; Handhaben umfasst auch Unterlassen.
55
Neuzeit
Neuzeit
Was soll ich tun?
Was ist der Mensch?
Was kann ich wissen?
Was darf ich hoffen?
Kant
Kurzform: Verstand erkennt! Vernunft handhabt!
• Vernunftreligion versteht sich als Fortsetzung
der Moralphilosophie: Nach Kant ist die Religion somit nicht die Grundlage der Moral, sondern
ihre Folge. Aufgabe dieser natürlich-moralischen
Religion ist es, die Menschen zu moralisch handelnden Subjekten zu erziehen. Kant lehnt die
konkrete (christliche) Religion nicht ab, sondern
baut diese in sein Konzept der Vernunftautonomie ein, indem er ihr die Aufgabe zuteilt, der Verbreitung der natürlich-moralischen Religion zu
dienen und die Gehalte der Vernunftreligion zu
veranschaulichen. Es darf nicht übersehen werden, daß für Kant der eigentliche Kern der christlichen Religion die Vernunftreligion ist, was bedeutet, daß die Vernunft – und nicht die Kirche –
über die Wahrheit der Religion entscheidet.
• Moralischer Gottesbeweis bei Kant: das wir uns
einen guten und weisen Schöpfer denken müssen, um zu einer moralischen Welt zu gelangen,
folgert daraus nicht, daß dieser Gott auch existiert. Möglicherweise fällt der Ursprung für das
Konstrukt eines gültigen Schöpfers ebenfalls in
unser menschliches Denken.
• Lebendige Organismen sind das Dasein von
Naturzwecken!
• Klärung des Zweckbegriffs? Der Organismus
erscheint wie eine Maschine, hergestellt von
einem göttlichen Verstand.
• Praktische Grundsätze sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als Willen des
Subjekts gültig von Ihm angesehen wird.
• Praktische Grundsätze sind objektiv oder aber
praktische Gesetze, wenn jene als objektiv für
den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig,
erkannt wird.
• Das höchste Gut, „die Existenz vernünftiger
Wesen unter moralischen Gesetzen.“
• Die Ausdrücke "immanent", "transzendent" werden in zwei Bedeutungen gebraucht. In einem
weiten Sinne bedeutet "transzendent", was unsere Welt, unseren Erfahrungsbereich überschreitet, in diesem Sinn ist Gott etwas Transzendentes. "Immanent", was innerhalb der Erfahrung
bleibt. In einem engeren Sinn, in der Bewußtseinsphilosophie, ist "immanent" das, was innerhalb des Bewußtseins gegeben ist, "transzendent" das was außerhalb des Bewußtseins liegt.
z.B die Gegenstände der Außenwelt.
Transzendentale Dialektik bei Kant: Bei Kant ist
die transzendentale Dialektik ein wesentlicher
Abschnitt in der Kritik der reinen Vernunft. Hier
setzte er sich kritisch mit Aussagen über die
Wirklichkeit auseinander, die völlig ohne Erfahrung auskommen wollen. Er bezeichnete solche
Formen der Erklärung, die sich auf rein formale
Logik gründen, als „Blendwerk“ und als eine
„scheinbare Kunst des Denkens.“ Durch solche
„Vernünfteleien“ werde Dialektik zu einer reinen
Logik des Scheins. Inhaltlich befasst sich die
transzendentale Dialektik mit den drei Grundthemen der Metaphysik: der Freiheit des Willens,
der Unsterblichkeit der Seele und dem Dasein
Gottes.
Zitate:
• “Was will ich?” fragte der Verstand. “Worauf
kommt es an?” fragt die Urteilskraft. “Was
kommt heraus?” fragt die Vernunft.
• Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise
zu werden; es ist aber schwerer, wenn die
Einsicht zu spät kommt.
• Vernunft: das Vermögen, von dem Allgemeinen
das Besondere abzuleiten und dieses letztere
also nach Prinzipien und als notwendig vorzustellen.
• Es gibt zwei Welten: Die Welt, wie sie uns
56
erscheint, und die Welt der Dinge an sich.
• Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind; Nur daraus, dass
sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen.
• Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in
deiner Person, als auch in der Person eines
jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck,
niemals bloß als Mittel brauchst.
• Büchergelehrsamkeit vermehrt zwar die
Kenntnisse, aber erweitert nicht den Begriff
und die Einsicht, wo nicht Vernunft dazukommt.
• Der wahre Philosoph muß also als Selbstdenker einen freien und selbsteigenen, keinen
sklavisch nachahmenden Gebrauch von
seiner Vernunft machen.
• Die Sache der Sinne ist, anzuschauen; die
Sache des Verstandes, zu denken. Denken
aber ist: Vorstellungen in einem Bewußtsein
vereinigen.
• Denken ist die Erkenntnis durch Begriffe.
• Je mehr du gedacht, je mehr du getan hast,
desto länger hast du gelebt.
• Denken ist Reden mit sich selbst.
• Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann
verliert dadurch seine Freiheit.
• In dem ehelichen Leben soll das vereinigte
Paar gleichsam eine einzige moralische
Person ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den Geschmack der
Frau belebt und regiert wird.
• Wenn Mann und Weib einander ihren
Geschlechtseigenschaften nach wechselseitig
genießen wollen, so müssen sie sich notwendig verehelichen, und dieses ist nach Rechtsgesetzen der reinen Vernunft notwendig.
• Man wird des Lebens viel mehr froh durch
das, was man im freien Gebrauche desselben
tut, als was man genießt.
• Moralität muß also vorhergehen, die Theologie
ihr dann folgen, und das heißt Religion.
• Nur die Moral macht den Menschen zum Menschen.
• Moralität besteht keineswegs in der Gutartigkeit des Herzens, sondern in dem guten
Charakter; und den soll sie bilden.
• Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das,
was man Dummheit nennt, und einem solchen
Gebrechen ist leider gar nicht abzuhelfen.
• Die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit zu opfern.
• Dem Toren ist der gescheite Mann entgegengesetzt; wer aber ohne Torheit ist, ist ein
Weiser.
• Der praktische Philosoph, der Lehrer der
Weisheit durch Lehre und Beispiel, ist der
eigentliche Philosoph. Denn Philosophie ist
die Idee einer vollkommenen Weisheit, die uns
die letzten Zwecke der menschlichen Vernunft
zeigt.
• Die Menschen sind insgesamt je zivilisierter,
desto mehr Schauspieler.
• Philosophie ist die Idee einer vollkommenen
Weisheit, die uns die letzten Zwecke der
menschlichen Vernunft bringt.
• Der Tod – das weiß man – nutzt sich
durch Wiederholung ebenso wenig ab wie das
Leben, und die Liebe auch nicht.
• Die Liebe ist ein unentbehrliches Ergänzungsstück der Unvollkommenheit der menschlichen
Natur.
• Die Aufgabe des Menschengeistes besteht
nicht darin, die Wahrheit zu suchen, sondern
ein möglichst treffliches Bild der Wahrheit zu
bekommen.
• Aufklärung ist die Maxime, selber zu denken.
• Der Charakter ist ein Fels, an welchem
gestrandete Schiffe landen und anstürmende
scheitern.
• Die erste Bemühung bei der moralischen
Erziehung ist, einen Charakter zu gründen.
Der Charakter besteht in der Fähigkeit, nach
Maximen zu handeln.
Genie ist das Talent der Erfindung dessen, was
nicht gelehrt oder gelernt werden kann.
• Das Genie schlägt bei den Deutschen mehr
in die Wurzel, bei den Italienern in die Krone,
bei den Franzosen in die Blüte und bei den
Engländern in die Flucht.
• Fragmentarisch ein besserer Mensch werden
zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch.
• Niemand entwächst der Schule der Weisheit.
Hegel
Deutscher Philosoph (1770 - 1831)
Leben: Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde
in Stuttgart geboren, der Vater Georg Ludwig,
war Rentkammersekretär und entstammte einer
57
Neuzeit
Neuzeit
Familie von Beamten und Pfarrern. Hegels Mutter,
Maria Magdalena Louisa Hegel (geborene
Fromm), stammte aus einer wohlhabenden Stuttgarter Familie. 1776 besuchte Hegel das Gymnasium in Stuttgart, 1788 nahm Hegel in Tübingen
an der Eberhard Karls Universität das Studium
der Evangelischen Theologie auf. Nach nur zwei
Jahren erhielt Hegel im September 1790 den
Grad eines Magisters der Philosophie. Im
Sommer 1792 nahm Hegel mit Hölderlin an
den Versammlungen eines revolutionär-patriotischen Studentenclubs teil, der Ideen aus Frankreich nach Tübingen brachte. 1793 erhielt er
eine Anstellung als Hauslehrer in Bern. In Bern
hielt Hegel sein Interesse für die revolutionären
politischen Ereignisse in Frankreich aufrecht.
Zum Ende seines Vertrags in Bern erwirkte
sein Freund Hölderlin eine Hauslehrerstellung
für Hegel in Frankfurt. Hegel begann in Frankfurt sich für Fragen der Wirtschaft und der täglichen Politik zu interessieren. Als im Januar 1799
sein Vater starb, empfing Hegel ein bescheidenes Erbe, das es ihm ermöglichte, wieder an
eine akademische Karriere zu denken, im Januar
1801 erreichte Hegel Jena. Zusammen mit Schelling gab Hegel 1802–1803 das Kritische Journal der Philosophie heraus. Hegels Doktorarbeit
qualifizierte ihn für eine Stellung als Privatdozent, seine erste Jenaer Vorlesung über „Logik
und Metaphysik“ im Winter 1801/1802 wurde von
elf Studenten besucht. Nach Empfehlung durch
Johann Wolfgang Goethe und Schelling wurde
Hegel im Februar 1805 zum Professor ernannt.
1806 hatte Hegel gerade die letzten Seiten seiner
Phänomenologie des Geistes niedergeschrieben, als die Vorboten der Schlachten von Jena
und Auerstedt aufzogen. Infolge der Besetzung
Jenas durch französische Truppen war Hegel
gezwungen, die Stadt zu verlassen, er wechselte
nach Bamberg und wurde dort Redakteur der
Bamberger Zeitung, 1808 verließ Hegel Bamberg in Richtung Nürnberg, Hegel unterrichtete
dort Philosophie, Germanistik, Griechisch und
höhere Mathematik. Im September 1811 heiratete Hegel die gerade zwanzigjährige Marie
von Tucher. Der Ehe entsprang eine Tochter,
die allerdings kurz nach der Geburt starb und
zwei Söhne. 1816 nahm Hegel eine Professur
für Philosophie an der Universität Heidelberg an,
1818 folgte Hegel dem Ruf an die Universität von
Gedanken erfaßt.“ Die Aufgabe der Philosophie
ist es, das „was ist zu begreifen […], denn das
was ist, ist die Vernunft,“ ihre Aufgabe ist es
nicht, die Welt darüber zu belehren, wie sie sein
soll. Der Weg zum „absoluten Wissen“ ist dabei
für Hegel das Begreifen des Absoluten selbst.
Auch für das Absolute ist die Zugangsweise
zu ihm nicht gleichgültig. Es umschließt auch
den Prozess seiner Erkenntnis. Der Zugang zum
Absoluten ist zugleich dessen Selbstäußerung.
Wahre Wissenschaft ist letztlich nur in dieser
Perspektive des Absoluten möglich.
Den Anfang der Logik muss für Hegel ein Begriff
machen, der sich durch „reine Unmittelbarkeit“
auszeichnet. Dies wird im Begriff des Seins
ausgedrückt, der keinerlei Bestimmungen aufweist. Das bestimmungslose Sein, macht sich zu
seinem Gegenteil: „Dieses reine Sein,“ schreibt
Hegel, „ist nun die reine Abstraktion, damit das
Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist.“ „Wesen ist, was
gewesen ist.“ Das Wesen ist all das vom menschlichen Sein, was man mit Worten angeben kann:
das ist.
Das, was in der Religion in Form von Bildern
oder Vorstellungen, wie Hegel dazu auch sagt,
zum Ausdruck kommt, wird in der Philosophie in
Begriffe übersetzt. Das heißt, die Religion unterscheidet sich von der Philosophie nur durch ihre
Form, nicht durch ihren Inhalt. Letztlich handelt
es sich hier somit um eine >Aufhebung< der
Religion in Philosophie!? Es soll Gott geglaubt
werden; aber man soll im allgemeinen nicht wissen, was er ist, kein bestimmtes Wissen von im
haben. Bestimmtes Wissen haben heißt Erkennen. Aus diesem Grund ist die Theologie als solche auf dies Minimum von Dogmen reduziert
worden.
Zitate:
• Die Wirklichkeit ist ein geschichtlicher Prozess.
• Nichts kommt ohne Interesse zustande.
• Jeder der Teile der Philosophie ist ein philosophisches Ganzes, ein sich in sich selbst
schließender Kreis
• Das Volk, insofern mit diesem Worte ein
besonderer Teil der Mitglieder eines Staats
bezeichnet ist, drückt den Teil aus, der nicht
weiß, was er will.
• Der Staat an und für sich ist das sittlichste
Ganze, die Verwirklichung der Freiheit; und
Das Volk, insofern mit
diesem Worte ein
besonderer Teil der
Mitglieder eines Staats
bezeichnet ist, drückt
den Teil aus, der nicht
weiß, was er will.
Hegel
Berlin. Hier wurde er Nachfolger auf den Lehrstuhl
von Johann Gottlieb Fichte. Seine Vorlesungen
wurden schnell populär und ihre Hörerschaft vergrößerte sich weit über das universitäre Umfeld.
Hegel wurde 1829 selbst Rektor der Universität.
Er starb 1831, mehrheitlich heißt es, er sei an der
in Berlin wütenden Cholera-Epidemie gestorben.
Er wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben.
Lehre: Hegels Philosophie erhebt den Anspruch,
die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer
Erscheinungsformen
einschließlich
ihrer
geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend,
systematisch und definitiv zu deuten. Sein philosophisches Werk zählt zu den wirkmächtigsten
Werken der neueren Philosophiegeschichte. Es
gliedert sich in „Logik,“ „Naturphilosophie“ und
„Philosophie des Geistes,“ die unter anderem
auch eine Geschichtsphilosophie umfasst. Die
Methode Hegels, den Gegenstand dadurch zu
begreifen, dass alle seine Ansichten zur Darstel58
lung gebracht werden, erlaubte es, dass sich die
gegensätzlichsten Vertreter auf Hegel berufen
haben und noch heute berufen. Hegels Philosophie wurde einer der zentralen Ausgangspunkte
für den Dialektischen Materialismus, der zum
Wissenschaftlichen Sozialismus führte. Hegel
übte auch entscheidenden Einfluss auf Søren
Kierkegaard und die Existenzphilosophie, später
vor allem auf Jean-Paul Sartre, aus. Der Ausgangspunkt der hegelschen Philosophie wie des
Deutschen Idealismus überhaupt ist das von
Kant aufgeworfenene Problem der synthetischen
Urteile a priori.
Logik, Naturphilosophie und die Philosophie des
Geistes sind nicht nur die Grunddisziplinen der
Philosophie; in ihnen drückt sich auch „die ungeheure Arbeit der Weltgeschichte“ aus, die vom
„Weltgeist“ verrichtet wurde. Das Ziel der Philosophie kann daher nur erreicht werden, wenn
sie die Weltgeschichte und die Geschichte der
Philosophie begreift und damit auch „ihre Zeit in
59
Neuzeit
Neuzeit
es ist absoluter Zweck der Vernunft, das die
Freiheit wirklich sei.
• Ein Volk das alle anderen Götter verschmäht,
muß den Haß des ganzen menschlichen
Geschlechts im Busen tragen.
• Die Geschichte ist ein Fortschreiben im
Bewußtsein der Freiheit.
• Was die Erfahrung aber und die Geschichte
lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt
und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen
gewesen wären, gehandelt haben.
• Der Mut zur Wahrheit ist die erste Bedingung
des philosophischen Studiums.
• Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der
Weltgeschichte, Asien der Anfang.
• Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen
Idee.
• Nur aus dem Irrtum geht die Wahrheit hervor,
und hierin liegt die Versöhnung mit dem Irrtum
und mit der Endlichkeit.
• Das, was ist zu begreifen, ist die Aufgabe
der Philosophie, denn das, was ist, ist die
Vernunft.
• Der Kampf der Vernunft besteht darin, dasjenige, was der Verstand fixiert hat, zu überwinden.
• Das wahrhaft königliche Vermögen der Seele,
der göttliche Funken im Menschen ist die Vernunft. Werde Herr in dem großen Wunderreiche deines eignen Innern.
• Es ist sehr wichtig, daß die Philosophie wieder
eine seriöse Angelegenheit wird.
• Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt,
dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht
verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der
Minerva beginnt erst mit der einbrechenden
Dämmerung ihren Flug.
• Jede Philosophie ist zu ihrer wahren Zeit
erschienen. Es kann kein Individuum über
seine Zeit hinaus; seine Zeit enthält das Prinzip seines Geistes.
• Zum Handeln gehört wesentlich Charakter,
und ein Mensch von Charakter ist ein anständiger Mensch, der als solcher bestimmte Ziele
vor Augen hat und diese mit Festigkeit verfolgt.
• Was der Mensch im Laufe seines Lebens
wirkt, hängt doch mehr von seinem Charakter
ab als von dem Reichtum seines Wissens.
• Talent ist spezifische, Genie allgemeine Begabung.
Das Genie wohnt nur eine Etage höher als der Wahnsinn.
Schopenhauer
Deutscher Philosoph (1788 - 1860)
Leben: Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Sein Vater Heinrich
Floris Schopenhauer, der einer angesehenen Danziger Kaufmannsdynastie entstammte, war 19
Jahre älter als die Mutter Johanna Schopenhauer, geb. Trosiner; sie wurde später eine
bekannte Schriftstellerin und führte einen literarischen Salon, in dem auch Goethe verkehrte.
Die Familie Schopenhauer siedelte 1793 in die
Freie Hansestadt Hamburg über, dort gründete
Schopenhauer Senior in der heutigen Speicherstadt ein Handelshaus, in dem die Familie bis
1805 wohnte. Arthur hatte schnell das in einer
Handelsschule Erlernbare absolviert und bat den
Vater eindringlich, ein Gymnasium besuchen zu
dürfen. Der Vater hielt dies jedoch für überflüssig und bot ihm stattdessen eine gemeinsame,
längere Bildungsreise durch Europa an. Arthur
willigte ein und bereiste, nachdem er mehrere
Wochen zum Erlernen der englischen Sprache
in Wimbledon verbracht hatte, von 1803 bis
1804 Holland, England, Frankreich, die Schweiz,
Österreich, Schlesien und Preußen, anschließend begann Schopenhauer auf Wunsch des
Vaters eine Kaufmannslehre in Danzig. 1805
starb der Vater durch einen Unfall, die Familie
löste sich auf, die Mutter zog mit seiner jüngeren
Schwester nach Weimar, Arthur blieb in Hamburg. Er brach die Lehre ab und ging nach Gotha
wo er sich der Philosophie zuwandte später übersiedelte er ebenfalls kurz nach Weimar. 1809
begann er an der Universität Göttingen ein Studium der Medizin, das er jedoch bald zugunsten
der Philosophie aufgab.
Den Doktortitel der Philosophie an der Universität Jena erhielt Schopenhauer am 2. Oktober
1813 für seine Schrift Ueber die vierfache Wurzel
des Satzes vom zureichenden Grunde. 1818 trat
der Privatgelehrte eine Reise nach Italien an,
die ihn über Venedig, Rom, Neapel und Paestum
nach Mailand führte. 1819 erschien sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. 1820
60
Schopenhauer
begann Schopenhauer an der noch jungen Berliner Universität zu lehren. Dabei kam es zu dem
berühmten Streit mit dem großen Philosophen
Hegel. Schopenhauer setzte seine Vorlesungen
zeitgleich mit denen Hegels an, hatte aber nur
wenige Zuhörer, da die Studenten Hegel bevorzugten. Bei Ausbruch einer Choleraepidemie in
Berlin 1831 floh Schopenhauer - anders als
Hegel, der ihr vermutlich zum Opfer fiel - nach
Frankfurt am Main, wo er sich auf Dauer niederließ. 1851 kamen die Parerga und Paralipomena
(2 Bände) mit den Aphorismen zur Lebensweisheit heraus. 1860 erkrankte er an einer
Lungenentzündung.
Nach
monatelangen
Atmungsbeschwerden mit starkem Herzklopfen
im Gehen, starb Schopenhauer am 21. September 1860 in der Schönen Aussicht 16 in Frankfurt
am Main. Am 26. September wurde er auf dem
Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.
Arthur Schopenhauer war ein Einzelgänger, er
hielt sich zeitlebens einen Pudel. Dessen Name
war immer Atman, nach dem Sanskrit-Wort für
Lebenshauch, Atem, in der Tradition der Upa-
nishaden die Essenz des Selbst bzw. die Einzelseele als Teil des Brahman, der „Weltseele.“
Schopenhauer war der philosophischen Auffassung, dass jeder Hund gleichzeitig jeden anderen Hund enthalte. „Des Pudels Kern“ (Goethe)
ging also nie verloren. Für Menschen galt ihm
sinngemäß das Gleiche. Der Tagesablauf des
Philosophen war streng geregelt: morgens die
Arbeit am Schreibtisch, Flötespielen regelmäßig
vor dem Mittagessen. Die Mahlzeiten soll Schopenhauer nach der Überlieferung seiner Biographen stets in Gasthäusern eingenommen haben,
bevor er zu einem zweistündigen Spaziergang
antrat. Über „die Frauen“ äußerte Schopenhauer
sich häufig negativ, das Heiraten verwarf er
stets.
Lehre: Schopenhauer entwarf eine Lehre, die
gleichermaßen Erkenntnistheorie, Metaphysik,
Ästhetik und Ethik umfasst. Er sah sich selbst als
Schüler und Vollender Immanuel Kants, dessen
Philosophie er als Vorbereitung seiner eigenen
Lehre auffasste. Weitere Anregungen bezog er
aus der Ideenlehre Platons und Vorstellungen
61
Neuzeit
Neuzeit
Philosophie Hegels ab,
die er selbst abwertend
als „Hegelei“ bezeichnete. Er verfasste drastische Polemiken gegen
Hegel, Schelling, Fichte
und den zunächst von
ihm verehrten Schleiermacher.
Der
Vorstellungswelt
liegt der Wille zugrunde,
den Schopenhauer als
grundlosen Drang versteht. Die Welt ist dem
Menschen Vorstellung,
da sie Objekt für ihn
als Subjekt ist, und sie
ist dem Menschen Wille,
den er in der Lebendigkeit seines eigenen Leibes erfährt, er betrachtet
den Willen als die zentrale Kraft der menschSchopenhauer
lichen Existenz - eine
Vorstellung, die von Friedrich Nietzsche später
übernommen wurde.
Nach Arthur Schopenhauer ist der Satz vom
zureichenden Grund (Nichts ist ohne Grund,
warum es sei und nicht vielmehr nicht sei) ein
Urgesetz des menschlichen Verstandes und der
allgemeinste Ausdruck für die Verbindung und
gegenseitige Abhängigkeit von Bewußtseinsinhalten aller Art. Er drückt die apriorische (aller
Erfahrung vorausgehende; dies greift Immanuel
Kant, Kritik der reinen Vernunft, auf) Verbindung
aller Vorstellungen des Subjekts aus. Alle Dinge,
die uns auf irgendeine Art erscheinen (Objekte),
sind Vorstellungen eines wahrnehmenden und
denkenden Ichs (Subjekt).
Diesen Relationsbeziehungen ordnet Schopenhauer vier verschiedenen Klassen zu, in denen
jeweils bestimmte Objekte auf unterschiedliche
Weise aufeinander wirken, also eine unterschiedene Ausformung des Satzes vom Grunde
herrscht.
• Als erste Klasse fasst Schopenhauer die Klasse
der „anschaulichen, vollständigen, empirischen
Vorstellungen,“ in denen der „Satz vom zureichenden Grunde des Werdens“ herrscht. Vereinfacht gesagt stellt diese Klasse die physikalische
Es gibt nur einen Weg, die
Narren müssen Weise werden.
östlicher Philosophien. Moralphilosophisch formulierte Schopenhauer im Unterschied zu Kant
eine Mitleidsethik. Dabei fand er etwas in der
menschlichen Natur, was einen kleinen Trostschimmer in sein pessimistisches Weltbild wirft:
das Mitleid. Für Arthur Schopenhauer war das
Mitleid die „allein echte moralische Triebfeder“
und damit Grundlage der Ethik. Die Fähigkeit,
das Leid anderer Menschen (oder auch Tiere)
zu teilen, macht für Schopenhauer die wahre
Grundlage der Moral aus. Moralphilosophie, so
Schopenhauer, soll dem Menschen nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Es hat keinen Sinn,
den Menschen belehren zu wollen, denn dieser
wird vor allem vom Egoismus gelenkt und ist
damit immun gegen philosophische oder theologische Belehrungen. Statt mit erhobenem
Zeigefinger den Moralapostel zu spielen, setzt
Schopenhauer auf die Beobachtung und
Beschreibung des menschlichen Verhaltens.
Innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts
entwickelte er eine eigene Position des Subjektiven Idealismus und vertrat als einer der ersten
Philosophen im deutschsprachigen Raum die
Überzeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt. Schopenhauer lehnte die
62
Ebene der Naturwissenschaft dar, in der das
Prinzip von Ursache und Wirkung auftritt: Damit
etwas wird, braucht es eine Ursache, welche auf
es wirkt.
• Die zweite Klasse dagegen umfasst die Begriffe, womit Schopenhauer die Erzeugnisse der
Vernunft meint, also die Sprache. In dieser Klasse herrscht der „Satz vom zureichenden Grunde des Erkennens.“ Denn abstraktes Denken,
das sich in Begriffen vollzieht, operiert stets mit
Urteilen, die, wenn sie wahr sind, eine Erkenntnis ausdrücken. Somit stellt die zweite Klasse
der Objekte die sprachlich-formale Ebene der
Vorstellungen dar, in der der Satz vom Grunde
wesentlich das Verhältnis zwischen Prämissen
und Schluss beschreibt bzw. zwischen Erkenntnisgrund und Folge.
• Mit der dritten Klasse der Vorstellungen setzt
Schopenhauer Zeit und Raum gleich. Diese sind
hier in ihrer rein formalen Ausformung zu betrachten, während sie eigentlich schon in der ersten
Klasse auftreten, dort jedoch in ihrer Vereinigung
als materielles Produkt (Zeit vereinigt mit Raum
ist für Schopenhauer gleich Materie und somit
Kausalität). Zwischen den Teilen im Raum bzw.
in der Zeit findet sich das Verhältnis von Lage (im
Raum) und Folge (in der Zeit). Dieser Verhältnismäßigkeit, die die Grundlage allen Seins bildet, schreibt Schopenhauer den „Satz vom zureichenden Grunde des Seyns“ zu.
• Schließlich nennt Schopenhauer eine letzte
Klasse, deren Vorstellungen sich auf ein einziges Objekt beziehen, nämlich auf das „Subjekt
des Wollens“: Der Mensch betrachtet den inneren Vorgang des Wollens in ihm als etwas Objektives, er betrachtet sich als wollendes Subjekt.
Innerhalb dieses Objektes nun herrscht wiederum Kausalität, jedoch nicht eine „äußere“ wie
in der ersten Klasse, sondern eine „innere“: Der
Ursache entspricht hier das Motiv und der Wirkung die Handlung. Der zugeordnete Satz ist
der „Satz vom zureichenden Grunde des Handelns.“
• Jeder Klasse ordnet Schopenhauer ein „subjektives Korrelat“ zu, durch welches der jeweilige Satz vom Grunde sich uns darstellt: Die erste
Klasse besteht durch den Verstand, die zweite
durch die Vernunft, die dritte durch die reine Sinnlichkeit und die vierte durch den inneren Sinn
oder das Selbstbewusstsein.
Der zweite grundlegende Satz der Schopenhauerschen Philosophie, ein Objekt sei niemals ohne
Subjekt denkbar.
Existieren ist der ununterbrochene Kampf um
das Da-Sein; Existieren ist Leiden am Da-Sein.
Es gibt einen absoluten Maßstab moralischen
Handelns, der für alle Menschen jeglicher Unterscheidung ungeachtet gilt. Dieser unterliegt
jedoch keiner Definition durch die Vernunft, sondern geht ihr voran, weil er der einzige Maßstab
ist, der dem Wirken des Willens gerecht werden
kann: die Erhaltung und Würdigung des Lebens.
Denn das Leben stellt, davon ist Schopenhauer
überzeugt, den höchsten Wert schlechthin dar,
so daß derjenige, der diesen Wert respektiert,
moralisch handelt.
>>Jedes Individium, indem es nach Innen blickt,
erkennt in seinem Wesen, welches sein Wille ist,
das Ding an sich, daher das überall allein Reale.
Demnach erfaßt es sich als Kern und Mittelpunkt
der Welt, und findet sich unendlich wichtig. Blickt
es hingegen nach Außen; so ist es auf dem
Gebiete der Vorstellung, der bloßen Erscheinung,
wo es sich sieht als ein Individium unter unendlich vielen Individuen, sonach als ein höchst
Unbedeutendes, ja gänzlich Verschwindendes.
Folglich ist jedes, auch das unbedeutendete Individuum, jedes ich, von Innen gesehen Alles
in Allem; von Außen gesehen hingegen, ist es
nichts, oder doch soviel wie nichts. Hierauf also
beruht der große Unterschied zwischen Dem,
was notwendig Jeder in seinen eigenen Augen,
und Dem, was er in den Augen aller Anderen
ist, mithin der EGOISMUS, den Jeder Jedem vorwirft. — In Folge dieses Egoismus ist unser Aller
Grundirrthum dieser, daß wir einander gegenseitig Nicht ich sind. Hingegen ist gerecht, edel, menschenfreundlich seyn, nichts Anderes, als meine
Metaphysik in Handlungen übersetzen.<<
>> Unter METAPHYSIK verstehe ich jede angebliche Erkenntniß, welche über die Möglichkeit der
Erfahrung, also über die Natur, oder die gegebene Erscheinung der Dinge, hinausgeht, um Aufschluß zu ertheilen über das, wodurch jede, in
einem oder dem anderen Sinne, bedingt wäre;
oder, populär zu reden, über das was hinter der
Natur steckt und sie möglich macht.<<
• Wie kaum eine ander Philosophie macht es
Schoppenhauers Standpunkt Sichtbar, daß dogmatische Aussagen weniger einer Wahrheit die63
Neuzeit
Neuzeit
nen als vielmehr den vordergründigen Zwecken
des Machterhalts. Statt sich im Besitz letzter
Wahheiten zu wähnen, rät Schopenhauers Philosophie zur Redlichkeit im Denken und zum sparsameren Umgang mit dem Wort Wahrheit.
• Die Grundhaltung der Willensmetaphysik zeigt
sich darin, daß das Wesen von Verstand und
Vernunft das Hirn und das Wesen des Sehens
und der Farben das Auge ist.
• Damit der Wille die Erleichterung des Betens
hat, muß der Intellekt sich einen Gott schaffen;
(meistens mehere, wegen Verschiedenheiten der
Angelegenheiten): nicht umgekehrt, weil der Intellekt einen Gott gefunden hat, betet er.
• Religionen bedienen sich der bildhaften Rede,
aber Sie müssen verschweigen, daß es sich um
eine bildhafte Rede handelt.
• Die Priester sind ein sonderbares Mittelding
von Betrügern und Sittenlehrern, im Habitus von
Monopolisten und Generalpächtern treten sie
in allen Völkern in Erscheinung. Demnach gehören sie Unternehmen an, die das metaphysische
Bedürfnis der Menschen immer schon gewinnbringend ausgebeutet haben, darin sind sie
ihren Konkurrenten, den Philosophie-Professoren, stets überlegen gewesen. Zu ihrem Geschäft
gehört es, den übertragenen Sinn von Religion
als einen strikten Sinn auszugeben. Während ein
philosophisches System im strengen und eigentlichen Sinn nur einen Anspruch verfolgen kann
"wahr" zu Sein. Religion hat eine andere Verpflichtung, sie ist für die Unzähligen bestimmt,
welche, der Prüfung und des Denkens unfähig,
die tiefsten und schwierigsten Wahrheiten nimmermehr fassen würden, hat auch nur die Verpflichtung wahr zu sein. Nackt kann die Wahrheit vor dem Volke nicht erscheinen. Ein Symtom
dieser allegorischen Natur der Religion sind die
vielleicht in jeder anzutreffenden Mysterie, nämlich gewisse Dogmen, die sich nicht mal deutlich denken lassen, geschweige wörtlich wahr
sein können. Vielleicht ließe sich behaupten, daß
einige völlige Widersinnigkeiten, einige wirkliche
Absurditäten, ein wesentliches Ingredienz einer
vollkommenen Religion seien.
• Die gefühlte Einheit mit allen im Leiden verhafteten Individuen hebe den Unterschied zwischen
ihnen auf und bringe die egoistische Kraft des
Willens in jedem einzelnen zum Stillstand. Die
Bezeichnung dieses Zustandes ist "Erlösung",
weil er aus der Welt des Fressens und Gefressenwerden heraus führt.
«Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr
man davon trinkt, desto durstiger wird man.»
«Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexieren,
kann man betrachten als bestimmt, uns in Übung
zu erhalten, damit die Kraft, die grossen zu ertragen, im Glück nicht ganz erschlaffe. »
«Um durch die Welt zu kommen, ist es zweckmässig, einen grossen Vorrat von Vorsicht und
Nachsicht mitzunehmen: durch erstere wird man
vor Schaden und Verlust, durch letztere vor Streit
und Händel geschützt.»
«Im weiteren Sinne kann man auch sagen: die
ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den
Text, die folgenden dreissig den Kommentar
dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.»
«So lange wir jung sind, man mag uns sagen,
was man will, halten wir das Leben für endlos
und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir
werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere
Zeit. Denn im spätern Alter erregt jeder verlebte
Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist,
die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Deliquent hat.»
Zitate:
• Das Beste was die Welt zu bieten hat, ist eine
schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz und
beschränken unsere Ansprüche auf diese, um
sie desto sicherer durchzubringen.
• Zwischen Männern ist von Natur bloß Gleichgültigkeit, aber zwischen Weibern ist schon
von Natur Feindschaft.
• In der Kindheit sind uns die Dinge von der
Seite des Sehens, also der Vorstellung, der
Objektivität, bekannt, als von der Seite des
Seins, welche die des Willens ist.
• Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes
und Genusses sind ihrer Natur nach höchst
unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall
unterworfen.
• Dasjenige, was Alles erkennt und von Keinem
erkannt wird, ist das Subjekt. Aus dieser Definition ergibt sich, daß alles, das erkannt werden
kann, nicht Subjekt ist, was bedeutet, daß es
in den Bereich des Objektiven, der Vorstellung
fällt.
64
• In Deutschland ist die
höchste Form der Anerkennung der Neid.
• Es gibt 1000 Krankheiten, aber nur eine
Gesundheit.
• Mangel an Verstand
heißt Dummheit! Mangel
an Anwendung der Vernunft auf das Praktische
heißt Thorheit! Mangel
an Urteilskraft heißt
Einfalt! Mangel des
Gedächnisses wird als
Wahnsinn bezeichnet!
• Bei gleicher Umgebung
lebt doch jeder in einer
anderen Welt!
• Der Wahrheit steht der
Irrtum als Trug der Vernunft gegenüber! • Der Realität steht der
Schein als Trug des Verstandes gegenüber!
• Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können
keinen herstellen.
• Man wird in der Regel keinen Freund
dadurch verlieren, dass man ihm ein Darlehen
abschlägt, aber sehr leicht dadurch, dass man
es ihm gibt.
• In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid.
• Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad
von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den
natürlichen Verstand.
• Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der
Bändigung und Zähmung.
• Der Grund und Boden, auf dem alle unsere
Erkenntnisse und Wissenschaften ruhen ist
das Unerklärliche.
• Das niedrig gewachsene, schmalschultrige,
breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das
Schöne zu nennen, konnte nur der vom
Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt fertigbringen.
• Wir denken selten an das, was wir haben, aber
immer an das, was uns fehlt.
• Meistens belehrt erst der Verlust uns über den
Wert der Dinge.
• Die Freunde nennen sich aufrichtig, die Feinde
Meistens belehrt erst der Verlust
uns über den Wert der Dinge.
Schopenhauer
sind es.
• Was dein Feind nicht wissen soll, das sage
deinem Freunde nicht.
• Was einer an sich selber hat, ist zu seinem
Lebensglück das Wesentlichste.
• Das Genie wohnt nur eine Etage höher als der
Wahnsinn.
• Für das praktische Leben ist das Genie so
brauchbar wie ein Stern-Teleskop im Theater
• Das Leben aller genialen Menschen ist durchweg tragisch, wenn es auch, von außen
gesehn, noch so ruhig erscheint.
• Das Leben ist nicht eigentlich da, um genossen, sondern um überstanden, abgetan zu
werden. Ja, es ist ein Trost im Alter, daß man
die Arbeit des Lebens hinter sich hat.
• Jeder hält die Grenzen seines Gesichtskreises
für die Grenzen der Welt
• Der Grund und Boden, auf dem alle unsere
Erkenntnisse und Wissenschaften ruhen ist
das Unerklärliche.
• Es gibt nur einen Weg, die Narren müssen
Weise werden.
Feuerbach
Deutscher Philosoph und Anthropologe
(1804 - 1872)
Leben: Ludwig Feuerbach wurde am 28. Juli
1804 in Landshut als Sohn des bedeutenden
65
Neuzeit
Neuzeit
Ein Mensch ohne
Verstand ist auch
ein Mensch ohne
Willen. Wer keinen
Verstand hat, läßt
sich verführen,
verblenden, von
andern als Mittel
gebrauchen; nur
wer denkt, ist frei
und selbständig.
Rechtsgelehrte Paul Johann Anselm von Feuerbach geboren. Ludwigs Mutter, geb. Eva Wilhelmine Tröster, stammte aus bescheidenen
Verhältnissen. Die fünf Söhne und drei Töchter der
beiden zeigten alle eine ausgeprägte Hochbegabung. Als Zweijähriger kam Ludwig Feuerbach
nach München, wo er später die Grundschule
besuchte. 1816 trennten sich die Eltern für mehrere Jahre. Die Brüder Friedrich, Ludwig und
Eduard zogen mit dem Vater nach Ansbach,
die drei Schwestern blieben einstweilen bei der
Mutter in Bamberg. 1823 begann Feuerbach in
Heidelberg ein Theologiestudium, 1824 ging er
nach Berlin, wo er gegen den Widerstand des
Vaters das Studienfach wechselte: Zwei Jahre
lang hörte er sämtliche Vorlesungen, die Hegel
in dieser Zeit hielt. 1828 promovierte er in Philosophie; am Ende desselben Jahres folgte die
Habilitation. Wenige Wochen danach begann er,
als unbesoldeter Privatdozent in Erlangen zu
lehren. Im ländlichen Bruckberg nahe Ansbach
hatte er später den ihm zuträglichen Ort gefunden, seine Geliebte Bertha Löw, die 1837 seine
Ehefrau wurde, war dort Mitinhaberin einer Porzellanmanufaktur. Die heftige Polemik gegen die
als rückwärtsgewandt und unredlich kritisierte
„Christentümelei“ der Restauration veranlasste
ihn, dem Phänomen Religion auf den Grund zu
gehen, zwei Jahre lang, von 1839 bis 1841, arbeitete er am Hauptwerk Das Wesen des Christentums. Nach dem Ausbruch der März-Revolution
1848 wurde Feuerbach von mehreren Seiten
dazu aufgefordert, für das Frankfurter Paulskirchenparlament zu kandidieren, er unterlag.
1859 war die Bruckberger Porzellanfabrik endgültig bankrott. Feuerbach und seine Frau verloren nicht nur alle investierten Ersparnisse,
sondern auch ihr Wohnrecht und die Naturaliennutzung, die Feuerbachs zogen nach Rechenberg, nahe Nürnberg. 1867 erlitt er einen leichten
Schlaganfall, 1870 traf ihn ein zweiter, schwerer
Schlaganfall, der sein geistiges Vermögen völlig
zerstörte. Nur sehr beschränkt kontaktfähig, lebte
Feuerbach noch etwas mehr als zwei Jahre. Am
13. September 1872 erlag er einer Lungenentzündung.
Lehre: Feuerbach wurde bekannt als Philosoph,
der eine materialistische Sicht der Welt hatte
und der die Dialektik in seinen Betrachtungen
als Denkmodell einführte und einen Erkenntnis-
samen Denkers mit sich selbst“ zu sein, sie wird
zum „Dialog zwischen Ich und Du.“ Die „neue
Philosophie“ ist dezidierter Humanismus. Da alles
Übersinnliche oder Übernatürliche, sei es ein
außerweltlicher Gott oder ein absoluter Weltgeist, ausgeschlossen wird, ist diese Philosophie
auch materialistisch,dieser Materialismus wird als
„anthropologischer Materialismus“ bezeichnet.
Den bedeutendsten und direktesten Einfluss übte
Feuerbach auf die Herausbildung der marxschen
Philosophie aus. Marx übernahm von ihm nicht
nur die Religionskritik (die er politisch radikalisierte), sondern auch und vor allem den anthropologischen Materialismus.
Zitate:
• Das absolute Wesen, der Gott des Menschen
ist sein eigenes Wesen. Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, zu seinem Wesen. Das
göttliche Wesen ist nichts anderes als die
Bestimmung des menschlichen Wesens oder
besser, das Wesen des Menschen.
• Du glaubst an die Liebe als eine göttliche
Eigenschaft, weil du selbst liebst, du glaubst
das Gott ein weises, ein gütiges Wesen ist,
weil du nichts Besseres von dir kennst als
Güte und Verstand und du glaubst das Gott
existiert, das er also Subjekt oder Wesen ist
- was existiert ist Wesen, werde es nun als
Subjekt, Person oder sonstwie bestimmt und
bezeichnet - weil du selbst existierst, selbst
Wesen bist.
• Ein Gott, der nicht gütig, nicht gerecht, nicht
weise ist, ist kein Gott. Das Wesen der Religion ist es, die Bestimmungen des Wesen Gottes auszudrücken.
• Das der Mensch gut oder schlecht sei, ist Gott
nicht gleichgültig, nein, er hat ein lebhaftes,
inniges Interesse daran, das er Gut ist, er will,
das er Gut, das er Selig ist - denn ohne Güte
keine Seligkeit.
• Religiöse Attraktion: Gott ist das in mir, mit
mir, durch mich, auf mich, für mich handelnde
Wesen, das Prinzip meines Heils, meiner guten
Gesinnungen und Handlungen, folglich mein
eigenes gutes Prinzip und Wesen. „Der Gott,
welcher Mensch ist, der menschliche Gott, also
Christus – dieser nur ist der Gott des Protestantismus.“ Dieser menschliche Gott erlaubt
Aussagen über die Religion, die keine theore-
Feuerbach
standpunkt formulierte, der für die modernen
Humanwissenschaften, wie zum Beispiel die Psychologie, grundlegend geworden ist. Feuerbachs
Philosophie ist immer auch die Frucht intensiver
Auseinandersetzung mit herrschenden geistigen
Strömungen. Er hat nie versucht, ein philosophisches System zu entwickeln; später lehnte
er solche Systeme sogar grundsätzlich ab. So
schrieb Feuerbach: „Denkend bin ich verbunden,
oder vielmehr: Ich bin eins mit allen, ich selbst
bin geradezu alle Menschen.“ Oder, in Anlehnung an das Ich denke, also bin ich von Descartes: „Ich denke, also bin ich alle Menschen.“
„Anthropologisch“ oder dem Menschen gemäß
philosophieren bedeutet für Feuerbach erstens:
Rücksichtnahmen auf die das eigene Denken
bewährende Sinnlichkeit, deren erkenntnismäßiger Modus die sinnlich-bestimmte und das Denken mit Sinn erfüllende Anschauung ist, und zweitens: Rücksichtnehmen auf den das eigene Denken bewährenden Mitmenschen, der erkenntnismäßig der Partner des dialogischen Denkens
ist. Das bei mir dem Menschen vorausgesetzte
Wesen, das Wesen welches die Ursache oder
der Grund des Menschen ist, welchem er sein
66
Entstehen und Existenz verdankt, das ist und
heißt bei mit nicht Gott…, sondern Natur…. Das
Wesen aber, in dem die Natur ein persönliches,
bewußtes, verständiges Wesen wird, ist und heißt
bei mir der Mensch.
Mich als Mann wissend, anerkenne ich schon die
Existenz eines von mir unterschiedenen Wesens,
als eines zu mir gehörenden und mein eigenes
Dasein mitbestimmendes Wesen. Ich bin also,
schon bevor ich mich selbst verstehe, von Natur
im Dasein anderer begründet. Und denkend
mache ich mir nur bewußt, was ich schon bin:
ein auf anderes Dasein gegründetes, aber kein
grundloses Wesen. Nicht ich, sondern ich und du
ist das wahre Prinzip des Lebens und Denken.
Feuerbach forderte eine „neue Philosophie,“ welche „die Wahrheit der Sinnlichkeit mit Freuden,
mit Bewusstsein“ anerkennt. Anstatt im reinen
Selbsterkennen, beginnt sie mit einer Konfrontation: Das denkende Ich macht zunächst die Erfahrung, dass ein Du existiert, das ihm einerseits
Grenzen setzt, andererseits über sich selbst hinaus hilft. Erkenntnis beginnt also da, wo das Ich
an einem anderen Wesen Widerstand findet. Die
Philosophie hört dann auf, „ein Monolog des ein67
Neuzeit
Neuzeit
tischen Erklärungen mehr sind, sondern unmittelbare Befunde. „Ist der Mensch frei, wahr, gut
so ist Gott umsonst gut, wahr und frei... Ob
er ist oder nicht ist – es ist einerlei: wir gewinnen nichts durch sein Sein und verlieren nichts
durch sein Nichtsein.“ Wertneutral ist die Entscheidung für oder gegen Gott freilich nicht.
Mann muß es entweder mit Gott oder mit den
Menschen halten, entweder an Gott glauben
und am Menschen verzweifeln oder an den
Menschen glauben und an Gott verzweifeln. Der
Gott-Gläubige kümmert sich nicht um Humanität, weil Gott ja human ist und dadurch den
Menschen der eigenen Humanität überhebt.
Wird jedoch die Humanität Gottes in den Menschen zurückgenommen, so ist vor allem von
Belang, daß Gott gut ist. Gut sein kann man
nicht für sich selbst, sondern nur für andere:
gut und menschlich ist einerlei. Für den Menschen gibt es kein anderes Maß des Guten als
den Menschen.
• Ein Mensch ohne Verstand ist auch ein
Mensch ohne Willen. Wer keinen Verstand hat,
läßt sich verführen, verblenden, von andern
als Mittel gebrauchen; nur wer denkt, ist frei
und selbständig.
• Das Wesen des Christentums ist das Wesen
des Gemüts. Es ist gemütlicher, zu leiden, als
zu handeln, gemütlicher, durch einen andern
erlöst und befreit zu werden, als sich selbst
zu befreien.
• Vier Hände vermögen mehr als zwei; aber
auch vier Augen sehen mehr als zwei.
• Das Böse ist durch das Gute verursacht.
Weil das Gute unterscheidet, ist es Quell und
Ursprung von Streit.
• Theologie ist Anthropologie.
• Der Ursprung, ja das eigentliche Wesen der
Religion ist der Wunsch. Hätte der Mensch
keine Wünsche, so hätte er auch keine Götter.
Was der Mensch sein möchte, aber nicht ist,
dazu macht er seinen Gott.
• Der Mensch ist der Anfang der Religion,
der Mensch der Mittelpunkt der Religion, der
Mensch das Ende der Religion.
• Das Leben muß wie ein kostbarer Wein
mit gehörigen Unterbrechungen Schluck für
Schluck genossen werden. Auch der beste
Wein verliert für uns allen Reiz, wir wissen
ihn nicht mehr zu schätzen, wenn wir ihn wie
Wasser hinunterschütten.
• Die wahre Philosophie besteht darin, nicht
Bücher, sondern Menschen zu machen.
• Die Natur antwortet nicht auf die Klagen und
Fragen des Menschen; sie schleudert unerbittlich ihn auf sich selbst zurück.
• Die Philosophie ist die Erkenntnis dessen, was
ist. Die Dinge und Wesen so zu denken, so zu
erkennen, wie sie sind – dies ist das höchste
Gesetz, die höchste Aufgabe der Philosophie.
• Der Religion ist nur das Heilige wahr, der
Philosophie nur das Wahre heilig.
• Erkenntnis dessen, was groß und klein ist, ist
die schwerste Wissenschaft in diesem Leben.
• Ein Dogma ist das ausdrückliche Verbot,
selber zu denken.
• Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft
mein zweiter, der Mensch mein dritter und
letzter Gedanke
Max Stirner
Deutscher Philosoph und Journalist
(1806 - 1856)
Leben: Johann Caspar Schmidt stammte aus
bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater fertigte
Holzblasinstrumente; er starb, als Johann Caspar ein halbes Jahr alt war. Seine Mutter heiratete zwei Jahre später einen Apotheker und zog
von Bayreuth nach Culm/Westpreußen. Johann
Caspar wuchs in Bayreuth bei seinen Pateneltern auf. Nach dem Abitur studierte er von 1826
bis 1828 in Berlin bei Hegel, Schleiermacher
und anderen. 1828/1829 war er an der Universität Erlangen immatrikuliert. Nach längerer Unterbrechung studierte er 1832/1833 zwei weitere
Semester in Berlin, um die Voraussetzung zur
Ausübung des Lehrberufs zu erfüllen. Er schloss
sein Studium 1835 ab, bekam dann jedoch keine
staatliche Anstellung und trat seine erste Stelle
1839 bei einer privaten Schule für höhere Töchter in Berlin an. Seit 1841 verkehrte er dort bei
den „Freien,“ einem Debattierzirkel oppositioneller (liberaler und sozialistischer) Akademiker und
Publizisten, zu dieser Zeit publizierte er Artikel
und Zeitungskorrespondenzen, sowohl anonym
als auch unter dem Pseudonym „Max Stirner.“ Ab
1843 arbeitete er am Manuskript seines Werkes
Der Einzige und sein Eigentum, dieses erschien
im 1844/45. Stirner war zweimal verheiratet. Er
68
Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache des Menschen.
Max Stirner
übersetzte 1847 Adam Smiths The Wealth of
Nations ins Deutsche, schrieb weiterhin Artikel.
Er starb 1856 infolge einer Infektion, verursacht
durch einen Insektenstich, und wurde auf dem II.
Sophien-Friedhof in Berlin-Mitte bestattet.
Lehre: Stirners Philosophie weist im Kern, unter
Abzug aller Polemik, auf Praxis: nach der Aufklärung gelte es, um wirklich den viel beschworenen Ausgang aus der „Unmündigkeit“ zu schaffen, auch das „Jenseits in Uns“ zu beseitigen.
Den so entstandenen bzw. beschaffenen Menschen nennt Stirner den „Eigner“ (von „Allem,“
incl. seiner selbst), provokant auch den „Egoisten.“ Vom Standpunkt des Eigners aus kritisiert
Stirner die progressiven politischen Richtungen
seiner Zeit auch Hegel und Feuerbach.
Seht doch jenen Sultan an, der für die Seinen so
liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich
für die Seinen? Ja wohl, für „die Seinen.“ Versuch
es einmal und zeige Dich nicht als der Seine,
sondern als der Deine: Du wirst dafür, daß Du
seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker
wandern. Der Sultan hat seine Sache auf nichts,
als auf sich gestellt; er ist sich alles in Allem, ist
sich der einzige und duldet keinen, der es wagte,
nicht einer der „Seinen“ zu sein.
Und an diesen glänzenden Beispiele wollt Ihr
nicht lernen, daß der Egoist am besten fährt?
Ich Meinesteils nehme mir eine Lehre daran und
will, statt jenem großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen, lieber selber der Egoist sein.
Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar
Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse
wenigstens die „gute Sache“ sein? Was gut, was
böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und ich bin
weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen
Sinn.
Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche
Sache „des Menschen.“ Meine Sache ist weder
das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht
das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern
allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine,
sondern ist – einzig, wie ich einzig bin. Mir geht
nichts über Mich! Der Eigner akzeptiert nichts
„über sich,“ nichts Heiliges; er ist frei von jenem
erzieherisch erzeugten Über-Ich, von dem die
meisten bisherigen Menschen mehr oder weniger „besessen“ sind.
Stirner sieht um sich herum „nichts als unterwür69
Neuzeit
Neuzeit
fige Menschen,“ und dies in allen Schichten:
„Was sind unsere geistreichen und gebildeten
Subjekte grösstenteils? Hohnlächelnde Sklavenbesitzer und selber - Sklaven.“ Seine Zukunftsvision ist der „freie,“ „persönliche,“ „ganze,“
„wahre,“ „vernünftige,“ „prinzipielle“ oder auch
„selbstschöpferische“ Mensch, hier zeigt Stirner
sich am deutlichsten und substantiellsten als
Antipode Hegels.
Obwohl die meisten Darstellungen der Geschichte die Philosophie Stirners allenfalls am Rande
erwähnen, hat er nicht nur Karl Marx, sondern
auch zahlreiche andere Denker, vermutlich auch
Friedrich Nietzsche beeinflußt.
Zitate:
• Mir geht nichts über mich.
• Ich liebe die Menschen mit dem Bewußtsein
des Egoismus: Ich liebe sie, weil die Liebe mich
glücklich macht.
• Was die Religion den »Sünder« nennt, das
nennt die Humanität den »Egoisten«.
• Ich hab‘ mein‘ Sach auf nichts gestellt.
• Verlaß dich nicht auf die Gesellschaft, sondern
sieh zu, daß du habest, um die Erfüllung deiner
Wünsche zu – erkaufen.
• Fremdheit ist ein Kennzeichen des »Heiligen«.
In allem Heiligen liegt etwas »Unheimliches«,
d.h. Fremdes, worin wir nicht ganz heimisch
und zu Hause sind. Was mir heilig ist, das ist
mir nicht eigen, und wäre mir z.B. das Eigentum anderer nicht heilig, so sähe ich‘s für das
meine an, das ich bei guter Gelegenheit mir
zulegte.
• Die Liebe ist das Menschliche am Menschen,
und das Unmenschliche ist der lieblose Egoist.
• Der Staat hat immer nur den Zweck, den einzelnen zu beschränken, zu bändigen, zu subordinieren, ihn in irgendeinem Allgemeinen untertan zu machen...
Pedersen Kierkegaards zweite Frau und diente
vor der Eheschließung im Haushalt des Vaters
als Magd. Kierkegaard war das letzte von sieben
Kindern, der Vater war zum Zeitpunkt seiner
Geburt bereits 57 Jahre alt. Ein Erbe des verstorbenen Vaters in Höhe von 30.000 Reichstalern
sicherte Kierkegaards wirtschaftliche Existenz
und enthob ihn bis an sein Lebensende der
Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt selbst zu
bestreiten. Kierkegaard verließ das väterliche
Haus am Nytorv, in dem er mit kurzen Unterbrechungen bis zum Tod seines Vaters gewohnt
hatte, und nahm sich eine eigene Wohnung in
Kopenhagen.
1830 nahm er an der Universität Kopenhagen
das Studium der Philosophie und der protestantischen Theologie auf. Kierkegaard nahm sein
Studium lange Zeit nicht besonders ernst und
zog es vor, sich Vergnügungen hinzugeben. Er
schloss sein Studium 1840 mit der theologischen
Staatsprüfung als Kandidat der Theologie ab,
1841 erwarb er den Magistergrad mit einer Dissertation.
Im Frühjahr 1837 begegnete Kierkegaard erstmals der damals 14-jährigen Regine Olsen, trotz
des Altersunterschieds von zehn Jahren fühlten
sich beide stark zueinander hingezogen. Im
September 1840 verlobte sich Kierkegaard mit
Regine. Doch schon wenige Tage nach der Verlobung begann Kierkegaard an seiner Fähigkeit,
Regine glücklich zu machen, Zweifel zu hegen.
Diese wuchsen im Laufe der Zeit zu Verzweiflung und innerer Zerrissenheit. Im August 1841
beendete Kierkegaard die Verlobung mit einem
Brief an Regine, dem er den Verlobungsring beilegte. Regine Olsens Bedeutung für Kierkegaards
Werk ist kaum zu überschätzen. Möglicherweise
wären viele seiner Schriften ohne diese prägende Episode nicht oder nicht in dieser Form
entstanden.
Im Oktober 1841, etwa zwei Monate nach dem
Bruch mit Regine, reiste Kierkegaard nach Berlin,
wo er in der Nähe des Gendarmenmarktes Quartier nahm. Er hörte vor allem bei Schelling Vorlesungen und arbeitete auch bereits an seinem
ersten Werk, Entweder – Oder. Von Schelling
enttäuscht, kehrte er bereits Anfang März 1842 in
die dänische Hauptstadt zurück, ein Jahr später
reiste er nochmals nach Berlin. Die meisten
seiner Hauptwerke hat Kierkegaard in den Jahren
Kierkegaard
Dänischer Religionsphilosoph (1813 - 1855)
Leben: Søren Kierkegaard war der Sohn des
Großkaufmanns Michael Pedersen Kierkegaard,
der, aus ärmsten jütischen Bauernverhältnissen
stammend, in Kopenhagen durch den Wollwarenhandel vermögend geworden war. Seine Mutter,
Ane Sørensdatter Lund Kierkegaard, war Michael
70
Das Vergleichen
ist das Ende
des Glücks
und der
Anfang der
Unzufriedenheit.
Kierkegaard
zwischen 1843 und 1846 herausgebracht. Kierkegaard ließ seine Werke ausnahmslos auf
eigene Kosten drucken, so dass er von Verlagen
völlig unabhängig war. Bis zu seinem Tod verbrachte Kierkegaard in weitgehender Isolation,
sowohl sozial wie auch intellektuell.
Er erlitt am 2. Oktober 1855 auf der Straße einen
Schlaganfall und brach zusammen und kam ins
Frederiks Hospital in Kopenhagen. Dort starb er,
die Kommunion verweigernd, am 11. November
1855 gegen 21 Uhr im Alter von 42 Jahren. Er
liegt auf dem Assistenzfriedhof im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro begraben.
Lehre: Kierkegaard wird vielfach als Wegbereiter
der Existenzphilosophie oder gar als deren erster
Vertreter aufgefasst, sein Denken in Sätzen zu
beschreiben ist schwierig, denn was er zur Geltung bringen wollte, war gerade, dass Wahrheit
nicht in Sätzen gelehrt werden könne, sondern
eine Bewegung des Menschen in der Zeit sei.
Das Wesentliche am Christentum war ihm, dass
die Wahrheit in der Zeit (in Christus) gekommen
sei und der Mensch nur ein Verhältnis zu ihm
haben könne, indem er ihm gleichzeitig werde.
Alles andere sei Geschwätz. Kierkegaard zeigt
sich so als zugleich philosophischer wie auch
theologischer bzw. religiöser Denker, der die Philosophie als Mittel betrachtet, über christlichen
Glauben neu nachzudenken, wobei er jede Art
von spekulativer Philosophie im Geiste Hegels
ablehnt. Seine Philosophie ist in entscheidender
Weise von der Auseinandersetzung mit Hegels
idealistischem Denken bestimmt. Sie stellt einen
Bruch mit der Philosphie des Idealismus dar. Im
Mittelpunkt seiner philosophischen Denkrichtung
steht die Existenz des Einzelnen, das Individuum,
dem Kierkegaard den Weg in die Freiheit weist.
Kierkegaard hat wie kaum ein zweiter Philosoph
mit den Lehrsätzen der Philosophie und Theologie aufgeräumt. Er war ein Vordenker und Wegbereiter des Existenzialismus, denn er beschäftigte
sich mit existenziellen Themen, er war ein Philososph der Krise und ein Analytiker der Angst.
Das menschliche Leben gilt für Søren Kierkegaard als Versuch einer Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, geprägt von Angst und
Verzweiflung, die nur durch die Gnade Gottes
überwunden werden kann. Seinem Bemühen
um den Einzelnen entspringt das Misstrauen
gegen Mehrheiten und ihre Meinungen. Und damit
beginnt sein Kampf gegen die, welche die Meinungen herstellen: die Zeitungen.
Für Kierkegaard gibt es drei Arten, drei Zustände,
drei Sphären, drei Stadien der Existenz des Menschen: Ästhetisches Stadium, ethisches Stadium
und religiöses Stadium.
71
Neuzeit
Neuzeit
> Der entsetzlichste Sinn ist für mich nicht so
entsetzlich wie die Sinnlosigkeit. < Ich stecke
den Finger ins Dasein, es richt nach gar nichts.
Wo bin ich? Was will das heißen: Welt? Was
bedeutet dieses Wort? Wer hat mich in das
ganze hineingelockt und läßt mich nun da
stehen? Wer bin ich? Wie kam ich in die Welt,
warum wurde ich nicht gefragt..., sondern ins
Glied gestellt, als wäre ich von einem Seelenverkäufer gekauft? Wie wurde ich Interessent in
dieser großen Enterprise, die man Wirklichkeit
nennt? Warum soll ich Interessent sein? Ist das
keine freie Sache? Und wenn ich dazu genötigt
werde, wo ist dann der Dirigent, dem ich eine
Bemerkung machen könnte? Gibt’s da keinen
Dirigenten? Wohin soll ich mich in meiner Klage
wenden? Nur noch fragen!
Die Erforschung des neuen Testaments ist für
den Glauben überflüssig auch störend, es kommt
im neuen Testament nur auf den einen Satz an,
das Gott in der Welt war und gekreuzigt wurde.
Wenn der Katholizismus entartet, welche Form
von Verderbnis wird sich dann zeigen? Die Antwort ist leicht: Scheinheiligkeit. Wenn der protestantismus entartet, welche Form von Verderbnis wird sich dann zeigen? Die Antwort ist nicht
schwierig: geistlose Weltlichkeit.
Gegenstand des Glaubens ist nicht die Lehre
eines Lehrers, „ob ein unmittelbar gleichzeitiger
mit Jesus oder ein Schüler aus zweiter Hand,“
zu der es nur ein intellektuelles Verhältnis gibt,
sondern „die Wirklichkeit des Gottes in Existenz,
das heißt: als eines Einzelnen, das heißt: daß der
Gott als ein einzelner Mensch dagewesen ist.“
Das Christentum ist aus diesem Grunde auch
„keine Lehre, sondern das Faktum, daß der Gott
dagewesen ist.
Zitate:
• Das Geheimnis der neueren Philosophie ist
diese: Denken ist Sein, christlich hingegen
heißt es: Dir geschehe, wie du glaubst, oder,
wie du glaubst, so bist du, Glauben ist Sein.
• Das Gewissen wird von Kierkegaard als Möglichkei der Einheit von Individuellem und Allgemeinem bestimmt.
• Der Mensch hat die Möglichkeit, über die Art
seiner Lebensführung frei zu entscheiden.
• Die Wahrheit von Gottheit für mich ist, die Idee
zu finden, für die ich leben und sterben will.
• Sein Schlagwort war „Entweder - Oder,“ die-
sen Titel gab er seinem ersten Werk.
• „Schwierigkeiten bereiten“ war eine der Aufgaben die er sich stellte. „Wesentliche Erkenntnis“ sein Ziel.
• Er will vom abstrakten Denken und Kontemplieren zum persönlichen, existenziellen Denken zurückkehren.
• Das Ewige und Göttliche ist in der Zeit, in
geschichtlicher Gestalt erschienen, als einzelner Mensch, der gelitten hat und gestorben ist.
• Stadien des Lebens werden durch den
Sprung des gesetzten Standpunktes entfaltet.
Hauptstadien sind: das ästhetische, ethische
und religiöse. Unter Stadium denkt man sich
ein Glied in einer Entwicklung. Die „Wiederholung“ spielt beim Übergang vom ästhetischen
zum ethischen Stadium eine wichtige Rolle.
Der religiöse Glaube ist Sache des Einzelnen,
das Ethische hingegen ist das Allgemeine,
über das die Menschen sich untereinander
verständigen können.
• Die Aufgabe von Religion und Ethik ist nicht
die Entwicklung, Erhöhung und Veredelung
der menschlichen Natur, nicht, daß die „Wirklichkeit zur Idealität,“ sondern das die „Idealität in die Wirklichkeit eingeführt wird.“
• Ein Gott, der nicht Ideal und Vorbild ist, ist
kein Gott. „Mensch und Gott sind qualitativ
verschiedene Wesen,“ diese Behauptung hat
ethisch-religiöse Bedenken hervorgerufen.
• In seiner Darstellung und Schätzung der „Stadien“ bringt Kierkegaard einen bestimmten
Maßstab zur Anwendung.
• Das ethisch Gute ist die harmonische Entfaltung der Lebenskräfte in den einzelnen Persönlichkeiten, die wieder verlangt, daß auch
zwischen der Entwicklung der einzelnen Persönlichkeiten Harmonie hergestellt wird.
• Angst ist der Schwindel der Freiheit
• Jede ästhetische Lebensanschauung ist Verzweiflung.
• Aller Laster Anfang ist die Langeweile.
• Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und
der Anfang der Unzufriedenheit.
• Soviel ich das Leben betrachte, ich kann
keinen Sinn hineinbringen. Ich glaube, mir
hat ein böser Geist eine Brille auf die Nase
gesetzt, von deren Gläsern das eine in ungeheurem Maßstab vergrößert, während das
andere im selben Maßstab verkleinert.
72
Marx
Deutscher Philosoph und Ökonom
(1818 - 1883)
Leben: Karl Marx wurde 1818 als drittes Kind
des Anwaltes Heinrich Marx und Henriette Marx,
geborene Presburg, in Trier geboren. Von 1830
bis 1835 besuchte Karl Marx das Gymnasium zu
Trier, mit 17 Jahren legte er das Abitur mit einem
Durchschnitt von 2,4 ab. 1835 ging er zum Studium der Rechtswissenschaften und der Kameralistik nach Bonn, ein Jahr später wechselte er
an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin
und besuchte juristische Vorlesungen, im gleichen Jahr verlobte sich Marx mit Jenny von Westphalen. Am 15. April 1841 promovierte Marx an
der Universität Jena mit einer Arbeit zur Differenz
der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie zum Doktor der Philosophie. Am 15.
Oktober 1842 übernahm Marx die Redaktion der
Rheinischen Zeitung, welche von da an einen
noch radikaleren oppositionellen Standpunkt vertrat als zuvor, im selben Jahr traf er zum erstenmal Friedrich Engels. Marx trat am 17. März
1843 als Mitarbeiter und Redakteur auf Grund
der Zensurbehörde zurück. 1843 heiratete Marx
auch seine Verlobte Jenny von Westphalen in
Kreuznach. Aus der Ehe gingen sieben Kinder
hervor, von denen nur die drei Töchter Jenny,
Laura und Eleanor überlebten, bis 1845 lebte das
Paar in Paris. Marx hatte sich an der Redaktion
des in Paris erscheinenden deutschen Wochenblattes Vorwärts! beteiligt, das den Absolutismus
der deutschen Länder – besonders Preußens –
angriff, unter Marx’ Einfluss bald mit deutlich sozialistischer Ausrichtung. Die preußische Regierung setzte deswegen seine Ausweisung aus
Frankreich durch, so dass Marx Anfang 1845
nach Brüssel übersiedeln musste, wohin Engels
ihm folgte. Marx gab im Dezember 1845 die
preußische Staatsbürgerschaft auf und wurde
staatenlos. 1847 erhielt Marx vom Bund der
Kommunisten den Auftrag, dessen Manifest zu
verfassen. Es wurde im Revolutionsjahr 1848 veröffentlicht und ging als Kommunistisches Manifest in die Geschichte ein. Kurz darauf löste
die französische Februarrevolution 1848 in ganz
Europa politische Erschütterungen aus; als diese
Brüssel erreichten, wurde Marx verhaftet und
aus Belgien ausgewiesen. Marx kehrte zunächst
JEDER NACH SEINEN
FÄHIGKEITEN JEDEM
NACH SEINEN
BEDÜRFNISSEN.
Marx
nach Paris zurück, wurde aber schon einen
Monat später vor die Wahl gestellt, sich entweder in der Bretagne internieren zu lassen oder
Frankreich zu verlassen, Marx ging daraufhin mit
seiner Familie ins Exil nach London. Von 1852
an war Marx Londoner Korrespondent der New
York Daily Tribune und jahrelang deren Redakteur für Europa. Die Mitarbeit an der Tribune
endete wegen inneramerikanischer Angelegenheiten am 28. März 1862 durch Kündigung. Marx
wurde Korrespondent der Wiener Presse und
stürzte sich in das Studium der politischen Ökonomie. In der Folge entstanden Marx’ ökonomische Hauptwerke, 1867 erschien der erste der
drei Bände seines Hauptwerks Das Kapital. An
der Vollendung seiner stetig vorangetriebenen
ökonomischen Arbeiten hinderte Marx seine
zunehmende Kränklichkeit. 1874, 1875 und 1876
war Marx zu Kuraufenthalten in Karlsbad und
1877 in Neuenahr. Marx verstarb am 14. März
73
Neuzeit
Neuzeit
1883 im Alter von 64 Jahren in London und
wurde auf dem Highgate Cemetery beigesetzt.
Friedrich Engels hielt eine Trauerrede.
Lehre: Zusammen mit Friedrich Engels wurde
Marx zum einflussreichsten Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. Bis heute werden
seine Theorien kontrovers diskutiert. Auch die
Philosophie und andere Geisteswissenschaften
sowie die Sozialwissenschaften beeinflusste
Marx, wobei die Anhänger seiner Theorie in verschiedenen Disziplinen oft unter dem Begriff des
Marxismus zusammengefasst werden. Wie viele
Philosophen des 19. Jahrhunderts war Marx von
der Philosophie Hegels geprägt. Marx übernimmt
von Hegel die Denkfigur der Dialektik sowie die
Annahme einer Gesetzmäßigkeit der Geschichte.
Diese führt er jedoch anders als Hegel nicht auf
die Entfaltung des „Weltgeists“ zurück, sondern
auf materielle, soziale Bedingungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft:
„Meine dialektische Methode ist der Grundlage
nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegentheil.“ Die zentrale bewegende Kraft im bisherigen historischen
Entwicklungsprozess der menschlichen Gesellschaft sieht Marx – neben der Auseinandersetzung mit der Natur – im Klassenkampf: „Die
Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die
Geschichte von Klassenkämpfen,“ eine besondere Rolle spielen dabei revolutionäre Umwälzungen und setzt stett auf einen Idealismus auf
einen historischen Materialismus. Um die Bedingungen für eine kommunistische Bewegung zu
erfassen, aber auch, um die bestehenden Verhältnisse adäquat kritisieren und damit bekämpfen zu können, bemühte sich Marx zeit seines
Lebens um eine grundlegende ökonomische Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. In seinem
insgesamt 2200 Seiten umfassenden dreibändigen Hauptwerk Das Kapital unternimmt Marx
eine fundamentale „Kritik der politischen Ökonomie.“ Marx und Engels prägten maßgeblich den
Begriff der „kapitalistischen Produktionsweise“
bzw. des Kapitalismus und beschreibt die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft des
Elends, der Ausbeutung und der Entfremdung.
Marx definiert zwei Hauptklassen der Gesellschaft: Einerseits die Bourgeoisie bzw. die Klasse
der Kapitalisten, andererseits das Proletariat, d. h.
die Klasse der Arbeiter, eine dritte Klasse ist das
Kleinbürgertum, d. h. die Klassen der Kleinunternehmer und Selbständigen. Diese Klasse jedoch
werde vom Großbürgertum zunehmend verdrängt
und letztlich ins Proletariat hinabgedrängt.
Die Anhäufung (Akkumulation) des gesellschaftlichen Reichtums erfolge im Kapitalismus also
stets nur über die Ausbeutung fremder Arbeitskraft als Lohnarbeit. Diese private Aneignung
des Mehrprodukts, aber auch der schöpferischen
Arbeitskraft der Individuen überhaupt, prangert
Marx deshalb als Ausbeutung an. Nicht nur in
der Ausbeutung des Arbeiters und im unversöhnlichen Widerspruch der Klasseninteressen
besteht für Marx das Problem des Kapitalismus.
Die ganze Existenz des Menschen, sein Menschsein selbst, sieht er durch die kapitalistischen
Verhältnisse entfremdet und geknechtet.
Die Aufgabe der Philosophen, die Marx als
Ideenproduzenten beschreibt, sieht er in der
Aufhebung der Philosophie, das heißt in ihrer
praktischen Verwirklichung. Marx kritisiert alle
Formen einer idealistischen Philosophie und insbesondere der Religion, die nach Marx dazu
dient, die Existenz des Menschen durch Träumereien und Trost im Jenseits erträglich zu machen
und so das faktische Elend zu legitimieren. Weil
Religion und Gesellschaft also wesenhaft zusammenhängen, nimmt die Religionskritik eine zentrale Stellung bei Marx ein.
Zusammen mit seinem lebenslangen Freund und
Mitstreiter Friedrich Engels bemühte sich Marx
um die Entwicklung eines „wissenschaftlichen
Sozialismus“, den er vor allem gegen die idealistischen Utopien des Frühsozialismus abgrenzt.
Zitate:
• Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
• Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu
verändern.
• Die Klasse, welche die herrschende materielle
Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre
herrschende geistige Macht.
• Jeder Schritt echter Bewegung ist wichtiger als
ein Dutzend Programme.
• Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle
Staatsformen zu ihrer Wahrheit die Demokratie haben und daher eben, soweit sie nicht die
Demokratie sind, unwahr sind.
• Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die
74
Erscheinungsform und das Wesen der Dinge
unmittelbar zusammenfielen.
• Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach
seinen Bedürfnissen.
• Alle Revolutionen haben bisher nur eines
bewiesen, nämlich, daß sich vieles ändern
läßt, bloß nicht die Menschen.
• Der Mensch ist im wörtlichsten Sinne ein zoon
politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern
auch ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich
vereinzeln kann.
• Die Philosophie verhält sich zum Studium der
realen Welt wie das Onanieren zur sexuellen
Liebe.
• Die Revolution beginnt im Kopf der Philosophen.
• Der Arbeiter wird eine umso wohlfeilere Ware,
je mehr Waren er schafft.
• Alle bisherige Geschichte ist die Geschichte
von Klassenkämpfen
• Die Unterdrückten sollen die Gefüge der
unglücklichen Gesellschaft zerbrechen - und
die glückliche Ordnung erzwingen.
• Religion ist
Opium des
Volkes.
• Der Mensch
macht die Religion, die Religion
macht nicht den
Menschen.
• Ein Gespenst
geht um in
Europa - das
Gespenst des
Kommunismus
• Gleichwohl vermöge die
Religion nicht
anzugeben, was
es mit dem Elend
auf sich hat, dessen Ausdruck sie ist – im
Gegenteil, so Marx, täuscht sie darüber mit
Hirngespinsten und jenseitigem Trost hinweg.
Insofern sei sie ein falsches Bewusstsein, also
reine Ideologie von sich selbst entfremdeten
Menschen.
• Die Forderung, die Illusionen über seinen
Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen
Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.
• Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen,
das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein
bestimmt.
• Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach
seinen Bedürfnissen.
• Jeder nach seinen Fähigkeiten jedem nach
seinen Bedürfnissen
• Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets
nur die Ideen der herrschenden Klasse
• Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung
des wirklichen Glücks
William James
US-amerikanischer Psychologe und
Philosoph (1842 - 1910)
Leben: William James wurde 1842 im WaldorfAstoria von New York geboren. Sein Vater Henry
James sr. hatte ein Vermögen geerbt; für William
und seinen jüngeren Bruder, bedeutete dies, dass
er von klein auf gefördert wurde und in der Zeit
Tue alles was du tust, so als ob es große Bedeutung hätte.
Ein Ding ist dann wichtig,
wenn irgend jemand denkt,
daß es wichtig ist.
William James
zwischen 1847 und 1860 zahlreiche öffentliche
und private Schulen in New York, London, Paris
(1856), Newport (1858), Genf (1859) und Bonn
(1860) besuchte. Die einzige Schwester der
beiden, blieb dagegen, auf Wunsch ihres Vater,
ganz ohne Ausbildung. Ab 1860 studierte William James zunächst Malerei in Newport und ab
Winter 1861 Chemie an der Lawrence Scientific
School in Harvard. James wechselte wiederholt
75
Neuzeit
Neuzeit
die Fachrichtung und begann ab 1863 Medizin zu
studieren. 1864 begleitete er den Geologen Louis
Agassiz auf einer Expedition nach Brasilien an
den Amazonas. Seine krankheitsbedingten Aufenthalte in diversen deutschen Heilbädern verschafften ihm aber die Gelegenheit, 1867 in Berlin
Vorlesungen zur Physiologie und Psychologie zu
besuchen. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland schloss James sein Studium der Medizin
1869 erfolgreich mit dem M.D. (Doctor of Medicine)
ab. Den Wissenschaftler quälten sein Leben lang
chronische Rücken- und Augenleiden, Schlafstörungen und Depressionen. Von 1872 bis 1907
arbeitete William James als Dozent an der Harvard University. Von 1873 bis 1876 lehrte er Anatomie und Physiologie. 1875 gab er die ersten
Lehrveranstaltungen über experimentelle Psychologie auf US-amerikanischem Boden. 1876
wurde er zum Professor für Psychologie und Philosophie ernannt. 1885 wechselte er ganz zur
Philosophie. Von seinen Studenten wurde er für
seinen Humor und seine unkonventionelle Vorlesungsführung geschätzt, denn bei ihm war es
– im Gegensatz zu vielen anderen Professoren
seiner Zeit – möglich, während der Lehrveranstaltungen Zwischenfragen zu stellen.
Lehre: James gilt sowohl als Begründer der Psychologie in den USA als auch als einer der
wichtigsten Vertreter des philosophischen Pragmatismus.
Die Principles of Psychology erschienen 1890 in
zwei Bänden mit 1400 Seiten, auf denen James
eine Zusammenfassung der Psychologie des 19.
Jahrhunderts in nahezu ihrer ganzen Breite bot.
Die wesentliche Neuerung von James ist, dass
er die Psychologie naturwissenschaftlich auffasste und in seiner Theorie eine Verbindung von
Bewusstseins- und Gerhirnzuständen herstellte.
James betrachtete Körper und Geist als zusammengehörige Teile eines einheitlichen Organismus.
Als erste wichtige philosophische Textsammlung
veröffentlichte er 1897 The Will to Believe and
Other Essays in Popular Philosophy. Besonders
starke Kritik rief der von James in Pragmatism
vertretene Wahrheitsbegriff hervor, demzufolge
etwas dann wahr ist, wenn es für uns nützlich ist,
es zu glauben.
Zitate:
• Tue alles was du tust, so als ob es große
Bedeutung hätte.
• Ein Ding ist dann wichtig, wenn irgend jemand
denkt, daß es wichtig ist.
• Genie ist in Wahrheit kaum mehr als die Fähigkeit, auf ungewöhnliche Weise wahrzunehmen.
• Handle so, als komme es darauf an was du
tust.
• Jede Art, etwas zu klassifizieren, ist nichts
anderes, als es für einen bestimmten Zweck zu
verwenden.
• Der Mensch lebt durch die Gewohnheit, aber
für seine Aufregungen und Sensationen.
• Wenn Menschen ihre innere Einstellung
ändern, können sie auch die äußeren
Umstände ihres Lebens ändern.
• Klugheit ist die Kunst, zu erkennen, was man
übersehen muß.
• Den besten Gebrauch von seinem Leben
macht derjenige, der es einer Sache widmet,
die ihn überdauert.
• Unsere Welt ist reicher, so lange wir einen
Teufel in ihr haben, unter der Voraussetzung: mit
unserem Fuß auf seinem Hals.
Nietzsche
Deutscher Philologe und Philosoph
(1844 - 1900)
Leben: Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken geboren, einem Dorf nahe
Lützen in der preußischen Provinz Sachsen,
heute Sachsen-Anhalt. Seine Eltern waren der
lutherische Pfarrer Carl Ludwig Nietzsche und
dessen Frau Franziska, geborene Oehler. Die
Schwester Elisabeth kam 1846 zur Welt. Nach
dem Tod des Vaters 1849 und des jüngeren Bruders Ludwig Joseph (1848–1850) zog die Familie nach Naumburg. Von 1850 bis 1856 lebte
Nietzsche im „Naumburger Frauenhaushalt“, das
heißt zusammen mit Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheirateten Tanten väterlicherseits und dem Dienstmädchen. Ab 1854 besuchte
er das Domgymnasium Naumburg und fiel bereits
dort durch seine besondere musische und
sprachliche Begabung auf. Am 5. Oktober 1858
wurde Nietzsche als Stipendiat in die Landesschule Pforta aufgenommen, seine schulischen
Leistungen waren sehr gut, 1860 war er Mitbegründer der künstlerisch-literarischen Vereinigung „Germania“, 1863 wurde die „Germania“
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Der Mensch ist ein
Seil, geknüpft
zwischen Tier
und Übermensch ein Seil über
einem Abgrund.
Nietzsche
aufgelöst. Im Wintersemester 1864/65 begann
Nietzsche an der Universität Bonn das Studium
der klassischen Philologie und der evangelischen
Theologie, neben seinem Studium vertiefte er
sich in die Werke der Junghegelianer. 1867 wurde
Nietzsche als Einjährig-Freiwilliger bei der preußischen Artillerie in Naumburg verpflichtet, nach
einem schweren Reitunfall im März 1868 wurde
er dienstunfähig. 1869 wurde er noch bevor er
seine Promotion erhalten und seine Habilitation
absolviert hatte, zum außerordentlichen Professor für klassische Philologie an die Universität
Basel berufen. Auf eigenen Wunsch wurde Nietzsche nach seiner Übersiedlung nach Basel aus
der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen
und blieb für den Rest seines Lebens staatenlos. Bereits im Jahre 1868 hatte Nietzsche in
Leipzig Richard Wagner und dessen spätere
Frau Cosima kennengelernt. 1872 veröffentlichte
Nietzsche sein erstes größeres Werk, Die Geburt
der Tragödie aus dem Geiste der Musik, die
Schrift wurde von den meisten seiner altphilologischen Kollegen abgelehnt und mit Schweigen übergangen, auch die vier Unzeitgemäßen
Betrachtungen (1873–1876), in denen er eine
von Schopenhauer und Wagner beeinflusste Kulturkritik übte, fanden nicht die erhoffte Resonanz.
1879 musste er sich wegen auftretenden Krankheiten vorzeitig pensionieren lassen. Getrieben
von seinen Krankheiten auf der ständigen Suche
nach für ihn optimalen Klimabedingungen, reiste
er nun viel und lebte bis 1889 als freier Autor an
verschiedenen Orten. Im Sommer hielt er sich
meist in Sils-Maria, im Winter vorwiegend in Italien (Genua, Rapallo, Turin) und in Nizza auf.
Anfang Januar 1889 erlitt er in Turin einen geistigen Zusammenbruch. Kleine Schriftstücke, sogenannte „Wahnzettel“, die er an enge Freunde,
aber auch zum Beispiel an Cosima Wagner
sandte, waren eindeutig vom Wahnsinn gezeichnet. Ein Heilungsversuch in der Psychiatrischen
Universitätsklinik in Jena, scheiterte, 1890 durfte
die Mutter ihn schließlich bei sich in Naumburg
aufnehmen. Nach dem Tod seiner Mutter 1897
lebte er in der Villa Silberblick in Weimar, wo
seine Schwester ihn pflegte. Nietzsche selbst,
dessen Verfall sich fortsetzte, bekam von alldem
nichts mehr mit, nach mehreren Schlaganfällen
war Nietzsche teilweise gelähmt und konnte
weder stehen noch sprechen. Am 25. August
77
Neuzeit
Neuzeit
1900, im Alter von 55 Jahren, starb er an den
Folgen einer Lungenentzündung und eines weiteren Schlaganfalls. Er wurde an der Röckener
Dorfkirche im Familiengrab beigesetzt.
Lehre: Den jungen Nietzsche beeindruckte
besonders die Philosophie Schopenhauers.
Später wandte er sich von dessen Pessimismus
ab und stellte eine radikale Lebensbejahung
in den Mittelpunkt seiner Philosophie: Weil das
Leben zu bejahen sei, gelte das Mitleid – als
Mittel zur Verneinung – als Gefahr. Es vermehre
das Leiden in der Welt und stehe dem schöpferischen Willen entgegen, der immer auch vernichten und überwinden müsse – andere oder auch
sich selbst. Aktive Mitfreude (im Gegensatz zum
passiven Mitleid) oder eine grundsätzliche
Lebensbejahung (amor fati) seien die höheren
und wichtigeren Werte.
Wiederkehrendes Ziel von Nietzsches Angriffen
ist vor allem die christliche Moral sowie die christliche und platonistische Metaphysik. Er stellte
den Wert der Wahrheit überhaupt in Frage und
wurde damit Wegbereiter postmoderner philosophischer Ansätze. Auch Nietzsches Konzepte
des „Übermenschen“, des „Willens zur Macht“
oder der „ewigen Wiederkunft“ geben bis heute
Anlass zu Deutungen und Diskussionen. Nietzsche schuf keine systematische Philosophie. Oft
wählte er den Aphorismus als Ausdrucksform
seiner Gedanken. Seine Prosa, seine Gedichte
und der pathetisch-lyrische Stil von Also sprach
Zarathustra verschafften ihm auch Anerkennung
als Schriftsteller. Nietzsches Herangehensweise
an die Probleme der Philosophie ist teils die
des Künstlers, teils die des Wissenschaftlers und
teils die des Philosophen, viele Stellen seines
Werks können auch als psychologisch bezeichnet werden.
Nietzsches Philosophie ist die einer neuen Sprache, die das Leben des Menschen singen, sprechen und tanzen läßt. Wenn der Mensch sein bisheriges entfremdetes Leben hinter sich läßt, so
hat er die Möglichkeit, ei-nen >tanzenden Stern
zu gebären< eine neue Welt entstehen zu lassen.
Er wird dann ein anderer, ein neuer Mensch, ein
Mensch der Zukunft, der sein Begehren lebt.
Die Voraussetzung dafür ist eine radikale Abkehr
von allen bisherigen Werten, ein Umstürzen von
überkommenen und festgewordenen Vorurteilen.
Dazu gehört für Nietzsche das Zerbrechen des
Glaubens an die Wahrheit, die Umstürzung der
Moral (der sittlichen Grundsätze) und die Verwerfung aller Religion, vor allem des Christentums.
Herrenmoral sei die Haltung der Herrschenden,
die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen
könnten, während sie die anderen als „schlecht“
(Wortstamm: „schlicht“) abschätzten. Sklavenmoral sei die Haltung der „Elenden, Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen, Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen“ die zuerst ihr Gegenüber – die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden – als „böse“ bewerteten und sich selbst dann
als deren „guten“ Gegensatz ausmachten. Es sei
vor allem die Moral des Christentums gewesen,
die eine solche Sklavenmoral zum Teil selbst hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und
dadurch zur herrschenden Moral gemacht habe.
Aus Missgunst, Neid und Schwäche schüfen sich
die „Missratenen“ eine imaginäre Welt (zum Beispiel das christliche Jenseits), in der sie selbst
die Herrschenden sein und ihren Hass auf die
„Vornehmen“ ausleben könnten. Mit dem Stichwort „Gott ist tot“ wird oft die Vorstellung verbunden, dass Nietzsche den Tod Gottes beschworen oder herbeigewünscht habe. Tatsächlich verstand sich Nietzsche eher als Beobachter. Die
bedeutendste und meistbeachtete Stelle zu diesem Thema ist der Aphorismus 125 aus der
Fröhlichen Wissenschaft mit dem Titel „Der tolle
Mensch“.
Jenseits von Gut und Böse; nichts ist wahr, alles
ist erlaubt. Gott ist Abkürzung für den >Bereich
der Ideen und der Ideale<, Gott ist >Bezeichnung für die übersinnliche Welt, Oberhaupt<.
Ein Gedanke kommt, wenn >er< will, und nicht
wann >ich< will; so das es eine Fälschung des
Tatbestandes ist zu sagen: das Subjekt >ich< ist
die Bedingung des Prädikats >denke<. Es denkt:
aber daß dies >es< gerade jenes alte berühmte
>Ich< sei, ist… keine unmittelbare Gewißheit.
Was ein Philosoph sei, ist nicht zu lernen, „man
muß es wissen,“ und zwar durch die eigenen
„philosophischen Zustände.“ Die Philosophie ist
nichts anderes als der Ausdruck eines außerordentlich hohen Seelenstandes und die Liebe zur
Philosophie „Liebe zu einem Zustand, einem geistigen und sinnlichen Vollendungsgefühl: einem
Bejahen und Gutheißen aus einem überströmenden Gefühle von gestaltender Macht.“
Es kommt bei Nietzsche keine Lehre vor, der er
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sik von Plato bis Hegel, mit der Nitzsche bricht, denkt Gott als den Grund
der Wahrheit in jeglichem Denken und
sieht in ihm den Horizont jeglichen
Wissens überhaupt. ..... Alle Metaphysik von Parmenides über Plato zum
Chistentum und zu Kant entwickelt
die Theorie zweier Welten: Unsere
Welt der Endlichkeit und Vergänglichkeit, des Werdens, der Zeitlichkeit,
des Scheins liegt zugrunde eine Welt
des Seins an sich selber, der Unendlichkeit und Ewigkeit, der Zeitlosigkeit
und der Wahrheit. Religiös gesprochen: es ist ein Gott. ..... Die Metaphysik Nietzsches ist dadurch gekennzeichnet, daß er in ihr keine andere
Welt denken will, sondern nur diese
Welt selbst. Es gibt für ihn kein jenseitiges Sein. Die uralte Scheidung
einer zugrunde liegenden und einer
nur erscheinenden Welt (einer wahren und einer scheinbaren Welt) will er
aufheben. Seine Metaphysik ergreift
das Weltsein als reine Immanenz. ......
Was ist es nun, das nach Abschaffung der zwei Welten übrig bleibt?
Nietzsche nennt es das Werden, das
Nietzsche Leben, die Natur und meint darin das
gänzlich Unfeste, wesentlich Undenksich unterwirft. Er behält eine jede in der Hand bare, das eigentlich ist. Transzendentaler Subund hält ihr faktisch das Gleichgewicht durch jektivismus meint die Lehre, daß alles Erkennen
andere Lehren. Die Lehre vom Willen zur Macht vom Subjekt her bedingt ist und die Welt nur
ist nicht Nietzsches abschließende Metaphysik, durch die konstitutive Leistung des Subjekts für
sondern ein Versuch innerhalb des Ganzen sei- diese Bedeutung erhält.
ner Seinsergründung.
Zitate:
Der Glaube an den Leib ist mit Recht ein stärke- • Wo nur ich Lebendiges fand, da fand ich Willen
rer Glaube als der Glaube an den Geist. Der Leib
zu Macht; und noch in dem Willen des Dienenist die große Vernunft, deren Werkzeug der Geist
den fand ich den Willen, Herr zu sein.
nur die kleine Vernunft ist.
• Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu
Die Mahnung, der Erde treu zu bleiben und die
tanzen verstünde.
Erzähler von Jenseitsmärchen auf Kur zu schi- • Ein neues Wertesystem, ein neues Wozu, eine
cken, klingt am Beginn des neureligiös aufgewühlneue Sinngebung, darin sah Nietzsche den
ten 21. Jahrhunderts noch zeitgemäßer als am
eigentlichen Zweck seines Philosophierens.
Ende des 19.
• Erster Satz seiner Moral: man soll keine
Metaphysik der Versuch, Sein und Sinn von Welt
Zustände erstreben, sich zum Ziel machen,
und Leben wissenschaftlich zu ergründen. Das
weder sein Glück, noch seine Ruhe, noch
Grundproblem der Metaphysik bildet die Frage
seine Herrschaft über sich.
nach dem Wesen des Seienden im Ganzen • Der Philosoph sei der Arzt der Kultur.
der Erscheinungswelt. Die klassische Metaphy- • Alle Menschen, die man lange im Vorzimmer
Ich würde nur an
einen Gott
glauben, der zu
tanzen verstünde.
79
Neuzeit
Neuzeit
seiner Gunst stehen läßt, geraten in Gärung
und werden sauer.
• Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen
Tier und Übermensch – ein Seil über einem
Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein
gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches
Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern
und Stehenbleiben.
• Das Verlangen nach Gegenliebe ist nicht das
Verlangen der Liebe, sondern der Eitelkeit.
• Das Weib lernt hassen in dem Maße, in dem
es zu bezaubern verlernt.
• Der Mensch stirbt nicht an Liebe, sondern an
Liebesmangel.
• Weib und Genie arbeiten nicht. Das Weib war
bisher der größte Luxus der Menschheit.
• Unser Charakter wird noch mehr durch den
Mangel gewisser Erlebnisse als durch das,
was man erlebt, bestimmt.
• Die Grenzen der menschlichen Vernunft
begreifen - das erst ist wahrhaft Philosophie.
• Die großen Epochen unsres Lebens liegen
dort, wo wir den Mut gewinnen, unser Böses
als unser Bestes umzutaufen.
• Die Aufgabe der wahren Philosophen ist es,
auf die Verbesserung der als veränderlich
erkannten Seite der Welt loszugehen.
• Die Flamme ist sich selbst nicht so hell als
den andern, denen sie leuchtet: so auch der
Weise.
• Ich verurteile das Christentum, ich erhebe
gegen die christliche Kirche die furchtbarste
aller Anklagen, die je in Ankläger in den Mund
genommen hat. Sie ist mir die höchste aller
denkbaren Korruptionen...sie hat aus jedem
Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine
Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht... Ich heiße das
Christentum den einen großen Fluch, die eine
große innerlichste Verdorbenheit, den einen
großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel
giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist –
ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.
• Jesus starb zu früh. Wenn er so alt geworden
wäre wie ich, er hätte seine ganzen Lehren
verworfen.
• Moral zu predigen ist ebenso leicht als Moral
zu begründen schwer ist.
• Moral ist eine Wichtigtuerei des Menschen vor
der Natur.
• Solange man nicht die Moral des Christentums als Kapitalverbrechen am Leben empfindet, haben dessen Verteidiger gutes Spiel.
• Zum Christentum wird man nicht geboren,
man muß dazu nur krank genug sein.
• Die zunehmende ›Vermenschlichung‹ besteht
darin, daß immer feiner empfunden wird, wie
schwer der andere einzuverleiben ist.
• Es ist schwer mit Menschen zu leben, weil das
Schweigen so schwer ist.
• Der Blick der Menschheit war bisher zu stumpf
zu erkennen, daß die mächtigsten Menschen
große Schauspieler waren.
• Du mußt wieder ins Gedränge: im Gedränge
wird man glatt und hart.
• Erkennen das heißt: Alle Dinge zu unserem
Besten verstehen.
• Alle Erweiterung unsrer Erkenntnis entsteht
aus dem Bewußtmachen des Unbewußten.
• Man wird mit einem schlechten Gewissen
leichter fertig, als mit seinem schlechten Rufe.
• Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brot und
Arznei deinem Freunde?
• Man muß nur etwas Gutes und Neues vollbringen: dann erlebt man an seinen Freunden,
was es heißt: zum guten Spiel eine böse
Miene machen.
• Die Langsamen der Erkenntnis meinen, die
Langsamkeit gehöre zur Erkenntnis.
• Die Menschen verkehren zuviel und büßen
dabei sich ein.
• Das Wissen um richtige Freundschaft ist der
Frau nicht gegeben, sie kennt fast ausschließlich nur die Liebe.
• Die Massen sind erstens verschwimmende
Kopien der großen Männer, zweitens Widerstand gegen die Großen, drittens Werkzeuge
der Großen.
• Die Wahrheit soll wie die Sonne nicht zu hell
sein: sonst flüchten die Menschen in die Nacht
und machen es dunkel.
• Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der
Wahrheit als Lügen.
• Der Besitz der Wahrheit ist nicht schrecklich,
sondern langweilig, wie jeder Besitz.
• Der Mann macht sich das Bild des Weibes,
und das Weib bildet sich nach diesem Bilde.
• Willst du es im Leben leicht haben, so bleibe
immer bei der Herde.
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• Auf die ewige Lebendigkeit kommt es an, nicht
auf das ewige Leben.
• Was groß ist am Menschen, das ist, daß er
eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt
werden kann am Menschen, das ist, daß er
ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe
die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn
als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
• Der Mensch ist etwas, das überwunden
werden soll.
• Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen
Tier und Übermensch - ein Seil über einem
Abgrund.
Ernste Beschäftigung mit großen Fragen läßt
an sich Unbescheidenheit nicht aufkommen.
Husserl
dem Friedhof in Freiburg-Günterstal beigesetzt.
Lehre: Husserl gilt als Begründer der Phänomenologie, mit deren Hilfe er die Philosophie
als strenge Wissenschaft zu begründen suchte.
Husserl forderte von der Philosophie, sich vorschneller Weltdeutungen zu enthalten und sich
bei der analytischen Betrachtung der Dinge an
das zu halten, was dem Bewusstsein unmittelbar
(phänomenal) erscheint. Damit brach er mit dem
um 1900 vorherrschenden Psychologismus, der
die Gesetze der Logik als Ausdruck bloßer psychischer Gegebenheiten sah, wodurch Objektivität prinzipiell unerreichbar sei, etwa ab 1907
verband er seine Phänomenologie mit der Transzendentalphilosophie. Den größten Einfluss übte
Husserl auf die Existenzphilosophen Jean-Paul
Sartre und Martin Heidegger aus.
In seinem Spätwerk kritisierte Husserl, dass die
modernen Wissenschaften mit ihrem Anspruch,
die Welt objektivistisch zu erfassen, die Fragen
der Menschen nach dem Sinn des Lebens nicht
mehr beantworten. Er forderte daher die Wissenschaften auf, sich darauf zu besinnen, dass
sie selbst ihre Entstehung der menschlichen
Lebenswelt verdanken. Die Lebenswelt, als zentraler Begriff, ist für Husserl die vortheoretische
und noch unhinterfragte Welt der natürlichen
Einstellung: die Welt, in der wir leben, denken,
wirken und schaffen. Husserls transzendentale
Phänomenologie versucht, die entstandene Entfremdung zwischen den Menschen und der Welt
zu vermindern.
Zitate:
• Ernste Beschäftigung mit großen Fragen läßt
an sich Unbescheidenheit nicht aufkommen.
• Blosse Erfahrung ist keine Wissenschaft.
Husserl
Philosoph und Mathematiker (1859- 1938)
Leben: Als zweiter Sohn einer Tuchhändler-Familie in Proßnitz legte Husserl 1876 im nahen Olmütz
seine Reifeprüfung ab. Gleich darauf nahm er in
Leipzig das Studium der Astronomie, Mathematik, Physik und Philosophie auf, das er 1878 in
Berlin fortsetzte, 1882 promovierte er in Wien.
1886 ging Hussserl nach Halle und war dann
vierzehn Jahre lang als Privatdozent tätig. Hier
verfasste er sein frühes Hauptwerk Logische
Untersuchungen, die ihn bekannt machten. 1901
folgte er einen Ruf, zunächst als außerordentlicher, ab 1906 ordentlicher Professor, nach Göttingen. 1916 - mitten im Ersten Weltkrieg, dem
sein Sohn zum Opfer fiel - trat Husserl in Freiburg die Nachfolge des Neukantianers Heinrich
Rickert an. 1918 gründete er die „Freiburger phänomenologische Gesellschaft“. Der hoch geehrte
Husserl (Universitäten von Paris, Prag, London,
Boston) bekam in den letzten Jahren seines
Lebens die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus zu spüren. Nachdem ihn noch am 25.
Januar 1933 die Freiburger Universität anlässlich seines goldenen Doktorjubiläums mit einem
Festakt ehrte, wurde er wenige Wochen später
am 14. April 1933 durch badischen Erlass wegen
seiner „nichtarischen“ Abstammung beurlaubt.
1936 musste der Siebenundsiebzigjährige aber
noch den Entzug seiner Lehrbefugnis und weitere
Schikanen erleben; so wurde das Ehepaar Husserl im Sommer 1937 aus der Freiburger Wohnung in der Lorettostraße 40 vertrieben. Husserl
starb am 27. April 1938; seine Asche wurde auf
81
Neuzeit
Neuzeit
Um das Geheimnis der Tiefen zu ergründen,
muß man manchmal nach den Gipfeln schauen.
Bergson
Bergson
wurde er auf den Lehrstuhl für Griechische Philosophie am Collège de France berufen, der
prestigereichsten aller französischen Bildungsinstitutionen, 1901 wählte ihn die Académie des
sciences morales et politiques zum Mitglied. 1907
erschien seine dritte große Schrift, sie war als
kritischer Beitrag zur Evolutionstheorie gedacht,
die Bergson für zu deterministisch hielt. 1913
folgte er einer Einladung der New Yorker Columbia University, Vorträge in anderen amerikanischen Städten folgten. Nach Beginn des Ersten
Weltkriegs (1. August 1914) engagierte sich
Bergson als Patriot mit Artikeln und Vorträgen, er
versuchte die Moral der französischen Truppen
zu stärken. 1920 erhielt Bergson den Ehrendoktortitel der Universität Cambridge. 1921 gab er
seinen Lehrstuhl am Collège de France auf. 1927
wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Krankheitsbedingt zog er sich mehr und mehr
zurück, 1932 vollendete er sein letztes größeres
Werk, er verstarb am 4. Januar 1941 in Paris.
Lehre: Bergson gilt neben Friedrich Nietzsche
und Wilhelm Dilthey als bedeutendster Vertreter
Französischer Philosoph (1859 - 1941)
Leben: Henri Bergson wurde in Paris geboren.
Er war ein Sohn des polnischstämmigen jüdischen Komponisten Michael Bergson und einer
englischen Mutter, seine frühe Kindheit verlebte
er überwiegend in London, bevor er mit acht
Jahren, eher anglo- als frankophon, wieder nach
Paris kam. Hier besuchte er von 1868 bis 1878
das Lycée Fontanes,
Nach dem Studienabschlussexamen im Fach
Literatur absolvierte er 1881 erfolgreich die Rekrutierungsprüfung für das Amt eines Gymnasialprofessors im Fach Philosophie und bekam eine
Stelle an einem Gymnasium in Angers zugewiesen. 1883 wurde er nach Clermont-Ferrand versetzt. Neben seiner Unterrichtstätigkeit fand er,
wie damals viele seiner Berufskollegen, Zeit
zum wissenschaftlichen Arbeiten. Nach Promotion hatte Bergson Anspruch auf den Wechsel an
ein Gymnasium in Paris, 1892 heiratete er und
wurde später Vater einer Tochter. Im Jahr 1900
82
der Lebensphilosophie. Sein markantestes Philosophem ist der Begriff des „élan vital“, den er
in seiner Philosophie des Lebendigen in genauer
Kenntnis der Lebenswissenschaften seiner Zeit
entfaltet. Der „élan vital“ bezeichnet den ‚Aufschwung‘ als die gemeinsame Bewegung der
lebendigen Dinge (der Arten, Gattungen), die mit
einer zunehmenden Explosivität, energetischen
Potentialität und Beweglichkeit sowie entsprechender kognitiver Aktivität einhergeht, mit dem
Darwinismus setzt sich Bergson hier sehr genau
auseinander. Bergson schlägt die Theorie der
schöpferischen Entwicklung vor und mit ihr eine
andere Sicht auf empirische Phänomene.
Zitate:
• Es ist nicht schwer, Ideen zu haben, schwer ist
nur, sie auszudrücken.
• Neue Ideen sind meistens die Kinder alter
Gedanken.
• Man muß wie ein denkender Mensch handeln
und wie ein handelnder Mensch denken.
• Die Menschheit seufzt, halb zermalmt unter
der Last der Fortschritte, die sie gemacht hat.
• Um das Geheimnis der Tiefen zu ergründen,
muß man manchmal nach den Gipfeln
schauen.
• Existenz ist Wandel, Wandel Reifung, Reifung
ewige Selbsterneuerung.
• Intuition geht den gleichen Weg wie das
Leben.
• Irgend etwas Angriffiges muß in der Ursache
der Komik stecken, gewissermaßen der
Ansatz zu einem Attentat auf das soziale
Leben ...
führende Schule zu besuchen. Eine Erkrankung
zwang Nishida allerdings bald, Privatunterricht zu
nehmen. Von 1886 bis 1890 besuchte Nishida
dann wieder eine Schule, die Ishikawa Semmongakko-. 1891 nahm er das Studium der Philosophie an der Kaiserlichen Universität Tokio auf. Er
beendete sein Studium kurz vor Ausbruch des
ersten Japanisch-Chinesischen Krieges mit einer
Arbeit über David Hume. Im Mai 1895 heiratete
Nishida seine Cousine Kotomi und 1896 übernahm er die Stelle eines Lehrers an seiner ehemaligen Schule in Kanazawa, die inzwischen zur
Oberschule umstrukturiert worden war, im nächsten Jahr begann er, sich in Zen-Meditation unterweisen zu lassen. Aufgrund seines Werkes „Über
das Gute“ wurde ihm 1910 eine Position an der
kaiserlichen Universität in Kyo-to angeboten, an
der er 1914 Professor für Philosophie wurde. Er
wurde 1929 emeritiert und zog nach Kamakura,
um dort seine Logik des Ortes weiterzuentwickeln. Nishida starb am 7. Juni 1945 in Kamakura
an einer Nierenkrankheit. Sein Grab liegt dort auf
dem Friedhof des Zen-Tempels To-kei-ji.
Lehre: Nishida Kitaro- beeinflusste wie kein
anderer die moderne Philosophie in Japan bis
heute. Sein Versuch, westliche Methodik und Termini mit östlichem Gedankengut zu kombinieren,
durchzieht bis heute die Bemühungen japanischer Philosophen. Nishidas Anliegen und Vokabular prägen auch den Stil der sogenannten Kyoto-Schule, als deren geistiger Vater er zusammen mit seinem Nachfolger Tanabe Hajime gilt.
Nishida war überzeugt davon, dass es in der Philosophie nur darum gehen kann, „die eine Wahrheit“ zu finden. Hierfür allerdings hielt er es für
wichtig, Philosophie und Religion zusammen zu
denken und verwies auf die indische oder frühe
griechische Philosophie, in der er beides noch
vereint sah. Seine Philosophie stellt daher den
Versuch dar, eine Synthese von Philosophie und
Religion zu finden.
Nishidas Denken kann in fünf Schaffensphasen
eingeteilt werden: Ausgehend vom Begriff der
Untersuchung des Bewusstseins und dem daraus gewonnenen Begriff der reinen Erfahrung
untersuchte er im Folgenden das Problem des
Selbstbewusstseins und des Willens. In der dritten Phase gelangte er zu seiner Logik des Ortes
(basho no ronri), die schließlich im Begriff des
absoluten Nichts mündet. Beide Begriffe üben
Nishida
Japanischer Philosoph (1870 - 1945)
Leben: Als Spross einer alten Samuraifamilie
verbrachte Nishida eine privilegierte Kindheit.
Bedingt durch seine schwache Konstitution wurde
er von seiner Mutter Tosa, einer strenggläubigen
Buddhistin, sehr umsorgt. Er bat seinen Vater
Yasunori wiederholt darum, eine weiterführende
Schule in Kanazawa besuchen zu dürfen. Der
Vater wies seinen Wunsch zurück, da er ihn als
seinen Nachfolger im Amt des Dorfbürgermeisters sah und befürchtete, dieses Amt würde seinem Sohn sonst später nicht mehr genügen.
Schließlich erlaubte er diesem doch, eine weiter83
Neuzeit
Neuzeit
bis zur heutigen Zeit einen starken Einfluss auf
die Diskussion in der japanischen Philosophie
aus. Die vierte Phase ist bestimmt von einem
dialektischem Denken, in welchem er den Standpunkt des dialektisch Allgemeinen und der widersprüchlichen Selbstidentität entwickelt. In seiner
letzten Schaffensphase wendete sich Nishida
ganz der Religionsphilosophie zu und den Fragen „Wann wird uns die Religion zum Problem“,
„Was heißt Gott, Buddha, das absolute Sein,
das sich absolut Widersprechende“ und „Wann
berührt unser Selbst Gott, Buddha.“ Nishida sah
den Ursprung der Religion im Leiden an dem
Drang, sich selbst zu erkennen.
Über das Gute: Das Gute ist die Verwirklichung
eines inneren Bedürfnisses respektive eines Ideals, es kann auch die Vollendung der Entfaltung
des Willens genannt werden. Die Erfüllung unserer Bedürfnisse oder die Verwirklichung unserer
Ideale erleben wir immer als Glück. Das Gute
muß notwendig von einem Glücksgefühl begleitet sein. Das Gute ist die Selbst - Verwirklichung
des Selbst. Unser Geist entfaltet seine verschiedenen Vermögen, bis sie sich zum höchsten Gut
entwickelt haben, so ist das Gute des Menschen
die Manifestation seines inneren Wesens.
Das Gute ist das Schöne! Die Griechen erachteten das Gute und das Schöne für identisch, am
deutlichsten tritt diese Idee bei Plato hervor.
Plato verglich das Gute mit der Harmonie in der
Musik. Das die Mitte das Gute sei, ist ein Gedanke des Aristoteles. Aristoteles sagte, „Alle Tugend
sei in der Mitte angesiedelt.“
Mag unser Verhalten auch den Gesetzen der Notwendigkeit gemäß entstehen, so wissen wir dies
doch und sind daher nicht darin gefangen. Wir fällen über unser Verhalten Werturteile. Urteile über
Gut und Böse fällen wir im großen und ganzen
intuitiv. Einige Intuitionisten halten die Intuition für
identisch mit unmittelbarem Behagen oder Unbehagen, unmittelbarer Neigung oder Abneigung.
„Autoritäts - Lehren,“ für sie (die Autoritätsgläubigen) ist Moral das Resultat eines Befehls, der
von einer absoluten Autorität oder Macht an uns
ergeht und dieser Befehl legt fest, was gut und
böse ist.
Gott befiehlt nicht, weil er gut ist, sondern weil
Gott befiehlt, ist es gut. Was immer man in Übereinstimmung mit den Befehlen des Herrschers
tut, ist gut, alle Zuwiderhandlungen sind böse.
von mystischer Kraft.
• Mit dem Blick auf Gewinn und Verlust zu
gehorchen, bedeutet schon längst nicht mehr,
der Autorität zu gehorchen.
• Die Art unbestimmter Furcht ist Angst, wie
angenommen wird, die Motivation, die zu den
Autoritäts - Theorien am besten paßt.
• Das Gute ist die Wahrheit der Dinge: Wer die
Wahrheit der Dinge erkennt, der weiß auch
spontan was getan werden muß.
• Der Mensch ist das vernünftige Tier: Weil wir
vernünftige Tiere sind und daher nicht umhin
kommen, der Vernunft zu folgen. Der Vernunft
zu folgen heißt, den Gesetzen der Natur zu
folgen, dies ist das einzige Gute, das in den
Menschen liegt. Die Vernunft ist also das
fundamentale Vermögen, das unseren Geist
beherrschen muß; die Befriedigung der Vernunft ist unser höchstes Gut. Alles was der
Vernunft folgt ist ein Gutes für den Menschen.
Das Verlangen der Vernunft ist ein Verlangen
nach größerer Einheit, ein Verlangen nach
einem allgemeinen Bewußtseinssystem, das
das Individium transzendiert, auch als Ausdruck eines großen überindividuellen Willens
gesehen.
• Kein Mensch, es sei denn, er ist geistesschwach, gibt sich mit rein körperlichen
Begierden zufrieden. In der Tiefe seiner Seele
wirken Bedürfnisse in Gestalt von Ideen. Das
heißt jeder Mensch verfolgt irgendwelche Ideale. Ein Mensch, dessen Ziel nur die Lust ist,
verstößt gegen seine Natur.
• Leben, Gesundheit und Besitz sind nicht gut,
und Armut, Leid, Krankheit und Tod sind nicht
schlecht.
• Das Gute liegt in der Erhaltung und Ausprägung der Persönlichkeit, d.h. der vereinheitlichten Kraft.
• Die vier Grundtugenden der Griechen: Weisheit, Mäßigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit.
• Unser Geist ist, wie unser Körper von Geburt
an durch Aktivität bestimmt.
• Das Ziel eines Mannes und einer Frau, die
sich zusammentun, um eine Familie zu gründen, liegt weniger darin, Kinder zu hinterlassen, als in einem geistigen (moralischen)
Zweck.
• Der Wille ist, seinem Wesen nach ein apriorisches Bedürfnis. (Bewußtseinsfaktor)
Das Gute ist die
Selbst - Verwirklichung
des Selbst.
Nishida
Ein Gutes Verhalten zielt auf das Ganze der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit ist der Ursprung
aller Werte, im ganzen Universum gibt es nur
einen absoluten Wert: die Persönlichkeit.
Reichtum, Macht, Gesundheit, Talent und Bildung sind an sich nichts Gutes, im Gegenteil,
wenn sie den Bedürfnissen der Persönlichkeit
widersprechen, verkörpern sie das Schlechte.
Ein absolut gutes Verhalten hat nur die Verwirklichung der Persönlichkeit selbst zum Ziel, d.h.
es ist ein Verhalten allein im Dienst der Bewußtseinseinheit selbst. Gutes Verhalten ist all das
Verhalten, das der inneren Notwendigkeit des
Selbst entspringt. Die Persönlichkeit, die die
Einheitskraft des Bewußtseins und der Realität
ist, verwirklicht sich zunächst in den Individuen,
sie ist gewissermaßen das unmittelbarste Gute.
(Gesichtszüge, Sprache, Benehmen) Ein
Bewußtsein, das in keinerlei Beziehungen zum
gesellschaftlichen Bewußtsein steht, gleicht dem
eines Wahnsinnigen.
Die Substanz des Staates ist der Ausdruck eines
kollektiven Bewußtseins, das der Ursprung unse84
res Geistes ist. Der Staat ist eine einheitliche
Persönlichkeit, die Institutionen und Gesetze des
Staates sind Ausdruck des Willens des Kollektiven Bewußtseins. Das Gute ist in einem Wort
gesagt, die Verwirklichung der Persönlichkeit. In
der Praxis gibt es nur ein wahrhaft Gutes. Es lautet, die Erkenntnis des wahren Selbst.
Zitate:
• „Freiheit bedeutet zweierlei.“ Zum einen keine
Ursache zu haben, zufällig zu sein. Zum anderen, ohne äußeren Zwang ausgesetzt zu sein,
aus sich selbst zu wirken.
• Verhalten, meint eine Handlung, deren Ziel
dem Bewußtsein klar und deutlich ist.
• Die Tapferkeit zum Beispiel sei die Mitte von
Gewalt und Furcht und Sparsamkeit die Mitte
von Geiz und Verschwendung.
• Die Handlung ist ein Ausdruck des Willens.
Was von außen wie Handlung aussieht, ist
von innen gesehen Wille.
• „Der Wille,“ unterliegt wie alle Naturphänomene einem notwendigen mechanischen Gesetz
von Ursache und Wirkung und nicht einer Art
85
Neuzeit
Neuzeit
Auch wenn alle
einer Meinung
sind, können alle
Unrecht haben.
Russel
Russell
schon 1902. Das Ehepaar lebte in der Folge
getrennt voneinander. Russell fürchtete berufliche
Nachteile und ließ sich daher erst 1921 scheiden, als seine spätere zweite Frau Dora Black
schwanger wurde. Russell verfasste die Principia Mathematica zusammen mit Whitehead, der
zeitweise samt Familie in Russells Haus wohnte,
die Arbeit an diesem monumentalen Werk dauerte von 1902 bis 1913. Ein einschneidendes
Ereignis in Russells Leben war der Erste Weltkrieg. Ab 1914 stellte Russell seine mathematische Forschung zurück und begann, sich als
Aktivist und Autor für Frieden und Kriegsdienstverweigerung einzusetzen. Dass er wegen eines
Flugblatts zu einer Geldstrafe verurteilt worden
war, nahm die Universität Cambridge zum Anlass,
ihm die Professur zu entziehen, er wurde später
zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahm Russell mehrere Reisen. 1920 besuchte er mit einer
Delegation der Labour Party die Sowjetunion
und hatte unter anderem die Möglichkeit zu
einem Gespräch mit Lenin, welcher ihn stark ent-
Britischer Philosoph und Mathematiker
(1872 - 1970)
Leben: Bertrand Russell wurde am 18. Mai 1872
in eine Familie der englischen Aristokratie geboren. Bertrand Russells Vater, John Russell starb,
als Bertrand drei Jahre alt war. Die ebenfalls aus
einer Adelsfamilie stammende Mutter Katherine
Louisa Stanley starb noch früher, 18 Monate vor
ihrem Mann, an Diphtherie, ebenso wie Bertrands
Schwester Rachel Lucretia Russell. Nach dem
Tod der Eltern wurde Bertrand Russell mit seinem
Bruder von den viktorianischen Großeltern aufgenommen und wuchs auf deren Anwesen Pembroke Lodge, Richmond Park auf. Er wurde von
Privatlehrern unterrichtet und beschäftigte sich
mit Literatur und Mathematik. Russell erhielt ein
Stipendium der Universität Cambridge, und studierte dort von 1890 bis 1894 Mathematik. Er
heiratete im Dezember 1894 Alys Pearsall Smith
– gegen den Willen von Russells Familie. Die
Ehe Russells scheiterte nach seiner Darstellung
86
täuschte. Russell, der zuvor mit dem Sozialismus
sympathisiert hatte, war fortan ein ausgesprochener Gegner des sowjetischen Kommunismus
bzw. des sowjetischen Staatskapitalismus. 1921
unternahm Russell eine Reise nach China und
Japan. Die Universität Peking hatte ihm, der in
Cambridge entlassen worden war, eine Gastprofessur angeboten. Auch Russells Ehe mit
Dora Black scheiterte schließlich, und 1936 heiratete Russell – bereits 64-jährig – Patricia Helen
Spence. Mit ihr hatte er einen Sohn, Conrad Russell. Die Familie zog in die USA, wo Russell
zunächst an den Universitäten von Chicago und
Los Angeles lehrte. Anders als im Ersten Weltkrieg nahm Russell im Zweiten Weltkrieg keine
pazifistische Position ein. Kurz nach Kriegsende
sprach er sich sogar für einen Präventivkrieg
gegen die Sowjetunion aus. 1944 kehrte Russell
zurück nach England, um wieder am Trinity
College in Cambridge zu lehren. In den folgenden Jahren arbeitete er zudem für die BBC an
Rundfunkübertragungen. 1949 erhielt Russell den
Order of Merit, und 1950 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Nachdem auch Russells Ehe mit Patricia Helen Spence mit einer
Scheidung geendet hatte, ging er 1952 eine vierte
Ehe mit Edith Finch ein, die bis an sein Lebensende hielt. Der mit 78 Jahren weltweit bekannte
und vielfach ausgezeichnete Russell zog sich
nach 1950 nicht aus der Öffentlichkeit zurück. Ihn
bewegte vor allem ein möglicher Dritter Weltkrieg
als eine große Gefahr für die Menschheit. 1961
wurde er angeklagt, zum Widerstand gegen die
Staatsgewalt aufgerufen zu haben und – mit 89
Jahren – zu einer zweimonatigen Freiheitsstrafe
verurteilt, diese Strafe wurde „durch ärztliche
Atteste auf eine Woche herab gesetzt“. Hochbetagt schrieb er seine Autobiografie, die von 1967
bis 1969 in drei Bänden erschien. Am 2. Februar
1970 starb Bertrand Russell mit 97 Jahren in
Penrhyndeudraeth (Wales) an Influenza.
Lehre: Zusammen mit Alfred North Whitehead
veröffentlichte Russel mit den Principia Mathematica eines der bedeutendsten Werke des 20.
Jahrhunderts über die Grundlagen der Mathematik, er gilt als einer der Väter der Analytischen
Philosophie. Als weltweit bekannter Aktivist für
Frieden und Abrüstung war er eine Leitfigur des
Pazifismus, auch wenn er selbst kein strikter
Pazifist war. Sein Werk lässt sich grob in drei
Themen aufteilen, während er in der ersten Hälfte
seines Lebens hauptsächlich an den Grundlagen der Mathematik arbeitete, wandte er sich
nach Fertigstellung der Principia Mathematica
verstärkt philosophischen Fragen zu. Im letzten
Drittel seines Lebens spielte sein politisches
Engagement die Hauptrolle.
Zitate:
• Ich glaube, was wir praktisch mit Vernunft meinen, läßt sich an drei charakterischen Merkmalen erläutern. In erster Linie stützt sie sich auf
Überzeugungskraft statt auf Gewalt; zweitens
sucht sie mit Argumenten zu überzeugen, die
der Mann, der sie vorbringt, für vollkommen
gültig hält; und drittens bedient sie sich der Meinungsbildung so weit wie möglich der Wahrnehmung und der Induktion und so wenig wie
möglich der Intuition.
• Zivilisation bezeichnet die durch Fortschritt
von Wissenschaft und Technik ermöglichten
und von Politik und Wirtschaft geschaffenen
Lebensbedingungen.
• Man sollte eigentlich im Leben niemals die
gleiche Dummheit zweimal machen, denn die
Auswahl ist so groß.
• Auch wenn alle einer Meinung sind, können
alle Unrecht haben.
• Menschen, die immer daran denken, was
andere von ihnen halten, wären sehr überrascht, wenn sie wüßten, wie wenig die anderen über sie nachdenken.
• Der Weg zum Glück liegt in der organisierten
Verringerung der Arbeitszeit.
• Sehr viel Unheil entstand aus dem Glauben an
den überragenden Wert der Arbeit an sich.
• Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral,
und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner
Sklaverei mehr.
Jaspers
Deutscher Psychiater und Philosoph
(1883 - 1969)
Leben: Karl Jaspers war der Sohn des Bankdirektors und Landtagsabgeordneten Carl Wilhelm
Jaspers und dessen Frau Henriette geb. Tantzen, der Tochter des oldenburgischen Landtagspräsidenten. Karl Jaspers war Schüler des Alten
Gymnasiums in Oldenburg. Er studierte zunächst
Ende 1901 in Heidelberg und später in Mün87
Neuzeit
Neuzeit
Die Ho nungslosigkeit ist schon die vorweggenommene Niederlage.
chen drei Semester Rechtswissenschaft. Nach
einem Kuraufenthalt in Sils-Maria nahm er 1902
in Berlin ein Medizinstudium auf, das er ab 1903
in Göttingen und ab 1906 in Heidelberg weiterführte. Hier promovierte er am 8. Dezember 1908
bei Franz Nissl dem Direktor der Psychiatrischen
Universitätsklinik, der ihm nach seiner Approbation von 1909 bis 1914 als Volontärassistent
Gelegenheit zur Mitarbeit gab. 1910 heiratete er
Gertrud Mayer, die Pflegerin in einer psychiatrischen Anstalt war, sie entstammte einer orthodoxen deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie. 1913
legte Jaspers als gerade Dreißigjähriger an der
Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg sein Lehrbuch der Allgemeinen Psychopathologie als Habilitationsschrift vor und konnte
sich für Psychologie habilitieren. Bereits nach
zwei Jahren Lehrtätigkeit am Philosophischen
Seminar wurde Jaspers dort 1916 zum außerordentlichen Professor ernannt, 1920 konnte er
zum Extraordinarius aufrücken, im selben Jahr
begann seine Freundschaft mit Martin Heidegger, die bis zu dessen Eintritt in die NSDAP dauerte. In den folgenden Jahren konzentrierte sich
Jaspers auf eine intensive und tiefe Einarbeitung
in die Geschichte und Systematik der Philosophie. Zunächst las er über die großen Philosophen und begann ab 1927 mit der Ausarbeitung
seines dreibändigen Hauptwerks Grundriss der
Philosophie. Von den 1933 sofort eingeleiteten
Maßnahmen der nationalsozialistischen Machthaber zur „Gleichschaltung“ der Universitäten in
Deutschland war Jaspers trotz seiner – nach
dem Nazi-Jargon – „jüdischen Versippung“ durch
seine Ehe zunächst kaum betroffen; da er jedoch
nicht bereit war, sich von seiner Frau zu trennen,
wurde er Ende September 1937 in den Ruhestand versetzt und ab 1938 mit Publikationsverbot
belegt, er stand bis 1945 ständig unter der Bedrohung durch die Nationalsozialisten. Er zählte zum
1945 mit Billigung der amerikanischen Besatzungsbehörde gebildeten 13er Ausschuss zum
Wiederaufbau der Universität. Bald enttäuscht
von der weiteren allgemein- und hochschulpolitischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland,
nahm Karl Jaspers 1948 den Ruf nach Basel
an und wechselte auf den dortigen Lehrstuhl,
1967 erwarb er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Er gab weiterhin immer wieder stark
beachtete Stellungnahmen zu Zeitfragen wie
a) das Dasein,
b) das Bewusstsein überhaupt,
c) Geist,
d) Welt;
Die transzendenten Weisen des Umgreifenden:
a) die Transzendenzen, die nicht die eigentliche
sind, somit die Transzendenz der immanenten
Weisen des Umgreifenden und die Transzendenz
(Gott),
b) Existenz.
Die Erfahrung, daß unser Leben uns als dunkles
Geheimnis gegeben ist, bezeichnet Jaspers mit
dem Wort „Dasein,“ das überschreiten des
ich, sein Entwurf dagegen heißt „Existenz.“ Existenz muß vollzogen werden, sie entfaltet sich im
Absprung von jeder Sicherung. Die Kraft dazu
steckt im Dasein, das ja seine Bestimmung im
Transzendieren hat. Erleuchtung ist möglich, weil
der Mensch fähig ist, als Bewußtsein zu reflektieren und sich so immer neu vom bloß gegebenen
zu lösen.
Der Mensch erfüllt also im Aufbruch die Freiheit,
zu der er bestimmt ist. Wer seine eigene Freiheit
als Bestimmung ergreift, der kann nicht anders,
als den anderen auch als zur Freiheit berufenen
anzusehen.
Ich weiche dem Leiden aus, indem ich Wege der
Täuschung suche, die Schuld in der Dummheit
und im bösen Willen Anderer sehe. Oder ich weiche dem Anderen gegenüber dem Leiden aus,
indem ich mich fernhalte, mich von einem Menschen rechtzeitig zurückziehe, wenn sein Elend
unheilbar wird. So erweitert man die Kluft, die
zwischen Glücklichen und Leidenden sich auftut, durch Erstarren, Verschweigen; man wird
gleichgültig und rücksichtslos, ja man verachtet
und haßt schließlich den Leidenden, wie manche Tiere kranke Genossen zu Tode quälen.
Der Kampf ist eine Grundform aller Existenz:
Alles was existiert braucht Platz und materielle
Bedingungen; beide nimmt es andern mögliche
Existenzen fort. Im Biologischen besteht der
Kampf ums Dasein passiv - in scheinbarer Ruhe
bestehender Kraftverhältnisse - und aktiv um
Wachstum, Mehrwerden, Macht. Ohne solchen
Kampf gibt es, wenn die Situation auch noch so
verdeckt ist, nicht die materiellen Bedingungen
der Existenz, auch nicht beim Menschen, bei
dem der Kampf oft vom Individuum auf Gruppen,
Massen usw. abgeschoben und dem Einzelnen
Jaspers
auch zu wissenschaftlichen Themen wie beispielsweise zur Psychoanalyse ab. 1969 starb er
in Basel.
Lehre: Jaspers gilt als herausragender Vertreter
der Existenzphilosophie, die er vom Existentialismus Jean-Paul Sartres strikt unterschied. Mit
seinen einführenden Schriften zur Philosophie,
aber auch mit seinen Schriften zu politischen
Fragen wie zur Atombombe, zur Demokratieentwicklung in Deutschland oder zur Wiedervereinigung hat er hohe Auflagen erreicht und ist so auch
einem breiteren Publikum bekannt geworden.
Das Menschenbild in Jaspers’ Philosophie ist
geprägt durch eine vierstufige Seinsweise als
Verwirklichungsdimensionen des Menschen:
1.) Das biologische Dasein als rücksichtsloser,
vitaler Daseinswille mit Macht-, Geltungs- und
Genussinteressen – zugleich der Erfahrungsraum, in dem Phänomenologie und Positivismus
ihre Grenzen finden;
2.) Das Bewusstsein überhaupt als Medium des
objektiven Denkens im Sinne des kantischen
Verstandes (das Ichsein), das den Bereich der
Logik bestimmt;
3.) er Geist als Teilhabe an ganzheitlichen und
sinnstiftenden Ideen, der den Zusammenhang in
88
der Zerstreutheit des Wissbaren und Erfahrbaren erzeugt;
4.) Die Existenz als das, was der Mensch sein
kann, als nicht mehr empirisch fassbare Ebene
des eigentlichen Selbstseins, als Möglichkeit des
wahren Menschseins.
Philosophie war für Jaspers keine Wissenschaft,
sondern vielmehr Existenzerhellung, die sich mit
dem Sein als Ganzes befasst. Jede Äußerung
zur Philosophie ist so gesehen selbst schon Philosophie. Philosophie tritt da auf, wo Menschen
wach werden. Philosophie ist das Gewahrwerden der eigenen Ohnmacht und Schwäche.
Existenz und Transzendenz sind für Jaspers
nicht gegenständlich. Das Sein selbst sei nicht
als Gegenstand aufzeigbar, ebenso wenig wie
das Ich, durch das die Gegenstände konstituiert
werden. Nur in dem Maße, in dem der Mensch
zu sich selber findet, sei der Mensch Existenz.
Die eigentliche Transzendenz wird ihrerseits nicht
mehr umgriffen, weder für sich allein, noch
zusammen mit der Immanenz, da sie eben selbst
das Allumgreifende ist.
Sie umgreift die folgenden Weisen des Umgreifenden:
Die immanenten Weisen des Umgreifenden:
89
Neuzeit
Neuzeit
Wissenschaft ist auf Forschung,
auf Untersuchung, Probe angewiesen,
ist widerholbar und besitzt
Allgemeingültigkeit.
nicht immer als Kampf fühlbar ist. Die Grenzsituation von Dasein durch Kampf ist Gewalt.
Lebensangst: Angst steigert sich zu dem Bewußtsein, wie ein verlorener Punkt im leeren Raum
zu versinken, da alle menschlichen Beziehungen nur auf Zeit zu gelten scheinen. Auf kurze
Zeit nur läuft eine Menschen zur Gemeinschaft
bindende Arbeit. In den erotischen Beziehungen
wird die Frage nach dem Verpflichtenden gar
nicht erst gestellt. Auf niemanden ist Verlaß, ich
selbst binde mich nicht absolut an einen anderen. Wer nicht teilnimmt an dem, was alle tun,
ist allein gelassen. Die Drohung des Preisgegebenseins erzeugt das Bewußtsein eigentlicher Verlassenheit, das den Menschen aus seiner leichtsinnigen Augenblicklichkeit zu zynischer
Härte und dann in die Angst treibt. Dasein überhaupt scheint nichts als Angst zu sein.
In der Daseinsordnung werden die Veranstaltungen getroffen, um vergessen zu machen und zu
beruhigen. Organisationen schaffen ein Bewußtsein von Zugehörigkeit. Der Apparat verspricht
Sicherheiten. Ärzte reden dem Kranken oder dem
Sichkrankglaubenden den Tod aus. Jedoch es hilft
nur für Zeiten, in denen es dem einzelnen gut
geht. Daseinsordnungen können die Angst aber
nicht bannen. Die verabsolutierte Daseinsordnung
bringt vielmehr die unbeherrschbare Lebensangst
erst hervor.
Handeln angesichts des Todes: Es ist wie Versinken der Existenz, wenn ich angesichts des Todes
nichts mehr wichtig finden kann, sondern nihilistisch verzweifle; der Tod ist nicht mehr Grenzsituation, wenn er die objektive Vernichtung als das
übermächtige Unglück ist.
Angst vor dem Nichts und vor dem Todsein:
Vorstellungen vom Zustande des Todseins sind
vergeblich. Nicht die geringste Erfahrung, kein
Anzeichen kommt von dort. Niemand ist wiedergekehrt. Daher die Vorstellung, der Tod ist Nichtsein, ist Nichts.
Die Angst vor dem Tode ist Angst vor dem Nichts.
Aber untilgbar scheint trotzdem die Vorstellung:
der Zustand nach dem Tode ist ein anderes
Sein. Das Nichts nach dem Tode ist nicht wirklich
Nichts. Ein künftiges Dasein erwartet mich. Die
Angst vor dem Tode ist die Angst vor dem, was
nach ihm kommt.
Beide Ängste - vor dem Nichts und vor dem
Zustand des Todseins - sind grundlos. Das Nichts
seitigem Anerkennen erwachsen wir beide als
wir selbst. Nur zusammen können wir erreichen,
was jeder erreichen will.
Einsamkeit: Einsamkeit ist nicht identisch mit soziologischem Isolliertsein. Wer etwa in primitiven
Zuständen und ohne eigenständiges Selbstbewußtsein aus seiner Gemeinschaft ausgestoßen
wird, lebt in dieser Gesellschaft innerlich fort oder
hat ein dunkles Verzweiflungsbewußtsein des
Nichtseins; er ist weder in der Geborgenheit noch
im Ausgeschlossensein einsam, weil er nicht ein
für sich selbst ist.
Erst im hellen Bewußtsein entwickelter Zustände
gilt: Ich selbst sein heißt einsam sein, jedoch so,
daß ich in der Einsamkeit noch nicht ich selbst
bin; denn Einsamkeit ist das Bereitschaftsbewußtsein möglicher Existenz, die nur in Kommunikation wirklich wird. Kommunikation findet jeweils
zwischen zweien statt, die sich verbinden, aber
zwei bleiben müssen - die zueinanderkommen
aus der Einsamkeit und doch Einsamkeit nur kennen, weil sie in Kommunikation stehen. Ich kann
nicht selbst werden, ohne in Kommunikation zu
treten und nicht in Kommunikation treten, ohne
einsam zu sein.
Liebe ist nicht allgemein: Wer nur die Menschen
liebt, liebt gar nicht, wohl aber, wer diesen
bestimmten Menschen liebt.
Das Böse ist der Wille zum Nichts, indem es das
Eigendasein in seiner Nichtigkeit will. Es schließt
sich ein in Kommunikationslosigkeit.
Persönlichkeit: Machte man sich etwa zum Ziel,
eine Persönlichkeit eigenständiger und eigentümlicher Art zu werden, so würde man ein künstliches Gebilde mit lauter Larven, bis in den Kern
ohne Wirklichkeit, also gerade keine Persönlichkeit, sondern eine ängstlich gepflegte Figur. Persönlichkeit wird der Mensch nur, indem er sich
um die Sachen kümmert, in Tätigkeit und Handeln in der Welt etwas hervorbringt.
Was ist ein Philosoph: Der Mensch als mögliche
Existenz ist Philosoph: Philosoph zu sein ist kein
spezifischer Beruf; der Philosoph ist auch kein
gestaltetes Ideal, nach dem der Mensch sich formen könnte, um es zu werden, das Sein des Philosophen ist das Selbstwerdenwollen, das in der
Breite des philosophierens sich Raum, Möglichkeit und Ausdruck schafft.
Philosophie ist die Schule der Unabhängigkeit,
nicht der Besitz von Unabhängigkeit: Keiner
Jaspers
ist nur gegenüber zeitlich - räumlicher Realität
Nichts. Aber ist damit auch das Bewußtsein der
Unsterblichkeit hinfällig? Unsterblichkeit heißt die
Ewigkeit, in der Vergangenheit und Zukunft aufgehoben sind.
Ja zum Dasein: Das Ja zum Dasein ist das große
und schöne Wagnis, weil es die Stätte der Verwirklichung von Wahrheit, Liebe, Vernunft ist.
Das Nein aber zum Dasein im Selbstmord ist die
Wirklichkeit von Menschen, vor deren Geheimnis wir still werden. Wir dürfen diese Grenze nicht
vergessen. Um das Leben zu erhalten ist es Notwendig zu essen, zu trinken, zu schlafen oder
zu sterben für den, der dem Leben gleichgültig
gegenübersteht.
Jenseitsvorstellungen: Tapferkeit angesichts des
Todes als des Endes von allem, was mir wirklich
als sichtbar und erinnerbar ist, wird auf ein Minnimum reduziert, wenn durch sinnliche Jenseitsvorstellungen der Tod als Grenze aufgehoben
und zu einem bloßen Übergang zwischen den
Daseinsformen gemacht wird. Es hört das wahrhafte sterben auf. Die Süße des Daseins, die ver90
schwinden zu sehen dem natürlichen Lebenswillen so furchtbar ist, wird in anderer Gestalt wieder
sichtbar, die Hoffnung durch Garantien maßgebender Art fast zu einem Wissen. Der Tod ist überwunden um den Preis des Verlustes der Grenzsituation. Dagegen ist Tapferkeit, wahrhaft zu sterben ohne Selbsttäuschungen.
Notwendigkeit des Anderen: In der Kommunikation fühle ich mich nicht nur für mich, sondern auch
für den Anderen verantwortlich, als ob er ich,
ich er wäre, ich fühle sie erst einsetzen, wenn
der andere mir ebenso begegnet. Den auch den
Sinn der Kommunikation erreiche ich nicht durch
mein eigenes Tun allein; es muß das Tun des
Anderen entgegenkommen. Ich muß in die quälende Beziehung ewigen Ungenügens kommen
in dem Augenblick, wo der Andere, statt der mir
Entgegenkommende zu sein, sich selbst mir zum
Objekt macht. Wird der Andere in seinem Tun
nicht eigenständig er selbst, so auch ich nicht.
Unterordnung des anderen in Gehorsam unter
mich läßt mich nicht zu mir kommen, sein Herrschen über mich ebensowenig. Erst im gegen91
Neuzeit
Neuzeit
philosophischen Schule
sich verschreiben, keine
aussagbare Wahrheit als
solche für die ausschließend eine und einzige halten, Herr seiner
Gedanken werden; nicht
den Besitz einer Philosophie häufen, sondern
das Philosophieren als
Bewegung vertiefen; ringen um Wahrheit und
Menschlichkeit in der
bedingungslosen Kommunikation; sich fähig
machen, von allem Vergangenen aneignend zu
lernen, auf die Zeitgenossen zu hören, aufgeschlossen zu werden für
alle Möglichkeiten; nicht
aufhören, durch die eigene Geschichtlichkeit hineinzuwachsen in die
Geschichtlichkeit
des
Menschseins im ganzen
und damit in das Weltbürgertum.
Existenzphilosophie ist die Philosophie des
Menschseins, Ausdruck der ewigen Philosophie.
Heute möchte ich Existensphilosophie eher Philosophie der Vernunft nennen, weil es dringlich
scheint, dies uralte Wesen der Philosophie zu
betonen. Geht Vernunft verloren, so geht die Philosophie selber verloren. Wesentlich ausgezeichnet ist die Existenz durch Freiheit, die Jaspers
durch die Religion als gefährdet ansieht, wird
doch hier ein Anspruch erhoben, der einen allgemeingültigen Charakter hat. Der philosophische
Glaube wendet sich demgegenüber an den Einzelnen; er beansprucht keine Allgemeingültigkeit.
Unterschied zwischen philosophischen und religiösen Glauben: Philosophischer Glaube kennt
kein Gebet und keinen Kultus, er kennt auch
keine Gemeinschaft. Vielmehr verbindet er Menschen als einzelne. Glaubensgehalt nimmt zwar
in seiner objektivität die Gestalt eines Gewußten an, aber statt gültig zu sein für jedermann,
besteht er nur durch Einsatz des eigenen Seins.
Das Leben ist
die Krankheit
die zum
Tode führt.
Jaspers
Angesichts von Religion und Gottlosigkeit lebt der
Philosophierende aus eigenem Glauben. (eigenen Ursprungs) Was der eigentümliche philosophische Glaube sei, ist in objektiver Bestimmtheit
nicht auszusprechen, sondern nur in der zuletzt
indirekten Mitteilung des gesamten philosophischen Werks. „Der philosophische Glaube ist der
Glaube des Menschen an seine Möglichkeiten.“
Solange der Mensch philosophiert, weiß er sich
im Zusammenhang nicht mit der heiligen Kette
der »Wahrheitszeugen« (in der sich der glaubende Christ fühlen dürfte), auch nicht mit der
von jeher weltgestaltend wirksamen und jederzeit auch ihre Sprache findenden Gottlosigkeit,
aber im Zusammenhang mit der heimlich offenbaren Kette in Freiheit suchender Menschen.
Deren leuchtende Glieder sind die wenigen großen Philosophen, die, keine Jünger verlangend,
ja sie verschmähend, ihrer menschlichen Endlichkeit sich so bewußt wie der Unendlichkeit, in
der sie leben, die Fackel reichen dem, der sie
von sich aus ergreift und am Ende vielleicht nur
92
als verglimmenden Funken weiterträgt, bis der
Nächste sie wieder zu heller Flamme entzündet.
Dieser Glaube ist in der Vernunft mehr als Vernunft. Es ist nicht das gleiche, ob ich mich
schlechthin Gründe in der Selbstgewißheit der
Vernunft als erkennendem Tun, oder ob ich mir
in diesem Medium als Möglichkeit eigener Existenz gewiß bin. Der Weg des Philosophierens,
das sich immer auch wieder auf bloße Vernunft
gründen wollte, mußte darum auch immer wieder im Leeren endigen. Wie in der Philosophie
das, was nicht Vernunft ist, und durch das auch
Vernunft erst ihre ganze Weite erhält, gegenwärtig ist, das entscheidet über ihre Substanz in der
jeweiligen Geschichtlichkeit.
Er ist der Ursprung der Arbeit, in der sich der
Mensch als Einzelner im inneren Handeln vor seiner Transzendenz hervorbringt - berührt von der
erweckenden Überlieferung, aber ohne rational
bestimmbare Bindung an eine objektive Gestalt.
Denn jedes Philosophieren ist einmalig und nicht
identisch wiederholbar, - obgleich alles Philosophieren in einem Ursprung wurzelt, der jede
seiner Gestalten mit jeder anderen verwandt
macht.
Ist das Philosophieren die ständige Selbsterziehung des Menschen als Einzelnen, so ist dieser
darin nicht ein Einzelner als Individuum in der
objektiven Mannigfaltigkeit des endlos verschiedenen Daseins, sondern als der Prozeß der
Überwindung dieser Vereinzelung, die als solche
nur zu Eigensinn und Eigenwilligkeit des Individuellen führt. Das scheinbar Nahe des individuellen Daseins ist für die philosophische Existenz
das ihr vernichtend Entgegengesetzte, das doch
ihr geschichtlicher Leib werden kann, wenn es
eingeschmolzen ist in das Umgreifende des einen
Seins.
Der Einzelne ist auch nicht er selbst durch
Unterscheidung von allen Anderen, durch ein
Mehr an Begabung, Schöpferkraft, Schönheit,
Willen, sondern als der Einzelne, als der ein
Jeder er selbst sein kann und der niemand von
Natur schon ist. Er ist es aber auch nicht in der
Gleichheit mit jedem Anderen; denn die Gleichheit kommt aus dem Vergleich. Der Einzelne, der,
wenn er er selbst ist, wie jedes andere Selbstsein
ohne Vergleich ist, ist daher als solcher dadurch
gekennzeichnet, daß er auch selbst sich nicht
vergleicht - außer mit Ideen als Maßstäben, die
über ihm, aber nicht wirklich Dasein sind. Wo der
Einzelne sich vergleicht, da nur in dem, was nicht
eigentlich er selbst ist. Der Einzelne vor seiner
Transzendenz, in welcher Stellung der Mensch
allein Mensch ist, erringt sich gegen das Verlorensein seines Grundes an das Allgemeine
ebenso wie gegen das Verlorensein an die trotzige Selbstbehauptung und Daseinsangst seiner
bloßen Vereinzelung.
Hat der philosophische Glaube zur existentiellen Achse das innere Handeln, so dienen der
Möglichkeit, diesen Glauben zu vollziehen, die
Gedanken der philosophierenden Erhellung.
Dieses Philosophieren wird eine um so stärkere
Kraft haben, als es im Formalen seine Wahrheit
rein auszusprechen vermag. Dadurch hat es, weil
offen für die Erfüllung durch den neu herankommenden Menschen in seiner Geschichtlichkeit,
erweckende Macht, nicht die gebende Macht,
welche vielmehr täuschen würde. Wie im Philosophieren Kants und zurück aller Großen, ist die
reine Form des Gedankens das eigentlich Verwandelnde in dem, der sie zu denken und zu
erfüllen vermag.
Ist das glaubend erfüllende Philosophieren erst
durch die Wirklichkeit der Existenz, so ist in dieser selbst auch der Vollzug der echten Kontemplation: diese ist das Philosophieren als ein Leben
der Existenz im Ergrübeln des Seins, im Lesen
der Chiffreschrift des Daseins und aller Weisen
des mir begegnenden und des ich selbst seienden Seins. Es ist die gleichsam aus der Zeit
tretende, die Zeit selbst noch als Chiffre in der
Erscheinung sehende Versenkung.
Die philosophischen Gedanken, deren Vollzug
die Wirklichkeit dieser Versenkung ist, und die
davon losgelöst als nur gesagte Gedanken leer
sind- sind gleichsam die Musik der Spekulation.
In ihnen ist es wie eine Umwendung existenzerhellenden Denkens des Möglichen zu einem
Treffen auf das Wirkliche, - wie ein Starstechen,
nicht um die Dinge der Welt als solche, sondern
um in ihnen und in allem Möglichen das Sein
selbst zu sehen, die Denkerfahrung, die nicht
ein Wissen von Etwas, sondern Erfahrung des
Seins im Vollzug des Denkens bringt. Es ist
wie ein Operieren des Denkens, das den Menschen verwandelt, aber keinen Gegenstand hervorbringt. Es geht wie ein Geheimnis durch die
Zeiten, das doch jederzeit für den, der seiner teil93
Neuzeit
Neuzeit
haft werden will, offenbar ist, das in jeder Generation von neuem zu dem führen kann, was von
Parmenides wie von Anselm berichtet wird, die
für den Nichtverstehenden formale Abstraktion,
inhaltslose Torheiten sind.
Zitate:
• Es gibt kein gemeinsames Merkmal wahren
Christentums, nicht einmal den Glauben an
Jesus als menschgewordener Gott. Es gibt
das Christentum nur in Sondergruppen.
• Ein Theologe mag sagen: Wer die Bibel liest,
ist noch kein Christ. Ich (Jaspers) antworte:
Niemand und keine Instanz weiß, wer ein
Christ ist, wir sind alle Christen (biblisch glaubende Menschen) und jedem ist es zuzubilligen, Christ zu sein der es behauptet.
• Christlicher Widerspruch: Gott bleibt verborgen, obgleich er sich offenbart.
• Was im Offenbarungsglauben zur Erscheinung
kommt, ist der Konfessionsstatistik nach nur
für eine Minorität der Menschheit. Für uns ist
es eine Welt von Chiffern, nicht von Gottesrealitäten - ist schwebende Sprache der Transzendenz, nicht reale Handlung Gottes - ist
Deutbarkeit möglichen Sinns, nicht Gegenstand des Gehorsams. Wir sprechen nicht
gegen Gott, sondern gegen den menschlichen
Anspruch, Gott zu vertreten.
• Die Kirche ist für den katholischen Glauben
zuerst gegenwärtig, und zwar als Körper
Christi. Ihre Leibhaftigkeit erst bezeugt die Vergangenheit, in der Gott Mensch wurde und
diese Kirche mit ihren sakramentalen Kräften,
Befugnissen, ihrem Schlüssel zum Himmelreich stiftete. Die Kirche mit ihrer Heiligkeit ist
leibhaftig.
• Der Protestantismus hat nur das Wort, die
Vergangenheit der Offenbarung, das, am
Katholischen gemessen, arme verkümmerte
Wesen. Die Entheiligung der Kirche (Wegfall
des Sakraments der Pristerweihe) muß
schließlich die Gottmenschheit Christi selber
unglaubwürdig machen! Die Kirche der Protestanten hat einen anderen Sinn als die
der Katholischen hat. Sie ist Gemeinschaft
in Institutionen und Formen, die als solche
nicht heilig sind, aber in denen vom Glauben
gekündigt wird. Wo immer Freiheit in Willkür,
Gewissensfreiheit in Eigenwillen, biblischer
Glaube in Spielerei mit beliebigen Chiffern
umschlägt, ist das protestantische Prinzip verloren.
• Alle meine Tage war ich hinter Leuten her
dehnen ich zutraute, daß sie mehr wüßten als
ich, Theologen und Gelehrte, Philosophen und
Künstler.
• Das Leben ist einem Springen von Eisscholle
zu Eisscholle vergleichbar. Wer ermüdet innehält und ausruhen will, ist verloren. Flucht,
Tanz, Bewegung ist das, was den Menschen
am Leben erhält, ja zum Leben bringt.
• Existenz ist auf Scheitern bezogen. Nur scheiternd kann der Mensch verwirklichen indem er
transzendiert.
• Wenn das Wahr ist, dann ist der Tod das entscheidende Datum für die Existenz. Der Tod
ist das endgültige Zerbrechen. Darum kann
der Mensch im Tode das Ganze gewinnen.
Der Tod ist also notwendig. Was endlos dauert, existiert nicht.
• Der philosophische Glaube ist eigener Ursprung. Er will nicht Feindschaft, sondern Redlichkeit, will nicht Abbruch, sondern Kommunikation, will nicht Gewalt, sondern Liberalität.
• Wer philosophiert, kann es nicht auf Grund
einer Vollmacht tun, die ihm von einer Instanz
in der Welt erteilt ist. Er tut es aus eigener
Verantwortung vor einer Instanz, die er sich
selber setzt, indem er sie vorfindet im Philosophieren der Jahrtausende.
• Der praktische Philosoph, der Philosoph der
Weisheit durch Lehre und Beispiel, ist der
eigentliche Philosoph.
• Wissenschaft ist auf Forschung, auf Untersuchung, Probe angewiesen, ist widerholbar und
besitzt Allgemeingültigkeit.
• Der einzelne steht unmittelbar zu Gott, ohne
Mittler.
• Namen der Transzendenz sind ins Endlose
zu häufen. Die im Abendland maßgebenden
Namen (Sein, Wirklichkeit, Gottheit, Gott) sind
unbestimmt.
• Philosophieren heißt transzendieren.
• Angst, Leid und Tod als Ursache von Religion.
• Wahrheit ist die Offenbarung des Seins im
Seienden.
• Seele ist der Leib (Leben) selbst, insofern
als er kein Leichnam (also Tod), kein bloßer
Gegenstand, sondern lebendig ist und existiert.
94
• Der philosophische Glaube kämpft nur geistig
und wehrt sich gegen Gewalt, der theologische Glaube greift an durch Gewalt.
• Das Leben ist die Krankheit die zum Tode
führt.
• Vor wem man heute Angst hat, beherrscht
einen morgen.
• Die Hoffnungslosigkeit ist schon die vorweggenommene Niederlage.
• Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz.
• Der Krieg ist in wachsendem Umfang kein
Kampf mehr, sondern ein Ausrotten durch
Technik.
• Der menschliche Verstand ist in der Praxis
nicht verläßlich, am wenigsten in größter Not.
• Nur als Individuum kann man zum Philosophen werden.
• Philosophie ist die Wirklichkeit der Existenz.
Leben: Ludwig Wittgenstein wurde am 26. April
1889 in Wien als Sohn einer Wiener Industriellenfamilie geboren. Er war das jüngste von acht
Kindern des Großindustriellen Karl Wittgenstein
und seiner aus Prag stammenden Ehefrau Leopoldine, einer begabten Pianistin. Wittgensteins
intellektuelle Erziehung begann mit häuslichem
Privatunterricht in Wien, ab 1903 erhielt er
Unterricht in der Realschule in Linz. Am 28.
Oktober 1906 immatrikulierte Wittgenstein sich
an der Technischen Hochschule Charlottenburg.
Ursprünglich wollte Wittgenstein in Wien studieren, für Berlin entschied sich Wittgenstein, weil
sein Realschulzeugnis ihm die Einschreibung an
der Universität erst nach einem weiteren Studium
erlaubte, dort begann auch sein plötzliches Interesse für die Philosophie. Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein nach
Manchester, wo er an der Universitätsabteilung für
Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald
auf. Danach arbeitete er an „Verbesserungsvorschlägen für Flugzeugpropeller“, einem Projekt,
Wittgenstein
Österreichisch-britischer Philosoph
(1889 - 1951)
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die grenzen
meiner Welt. Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen.
Wittgenstein
95
Neuzeit
Neuzeit
für das er am 17. August 1911 ein Patent erhielt,
schließlich dominierte dann doch die Philosophie.
Unter anderem mit Russells Unterstützung wurde
Wittgenstein im November 1911 in die elitäre
Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gewählt.
Ab 1912 begann Wittgenstein mit Arbeiten an
seinem ersten philosophischen Werk, der Logischphilosophischen Abhandlung, die er bis 1917 in
einem Tagebuch als Notizen festhielt und im
Sommer 1918 beendete. Die Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus) blieb das einzige zu
Lebzeiten veröffentlichte Werk Wittgensteins, er
glaubte seinen Beitrag für die Philosophie geleistet zu haben und wandte sich anderen Tätigkeiten zu, noch während der Kriegsgefangenschaft
in Italien entschied er sich, für den Beruf des Lehrers, zunächst besuchte Wittgenstein 1919/1920
die Lehrerbildungsanstalt in Wien. Er wurde in
meheren Orten Dorfschullehrer, nachdem er im
April 1926 einem elfjährigen Schüler auf den
Kopf geschlagen hatte und dieser bewusstlos
wurde, reichte Wittgenstein beim Bezirksschulinspektor ein Entlassungsgesuch ein, bevor offizielle Schritte eingeleitet werden konnten. 1929
kehrte Wittgenstein als Philosoph nach Cambridge
zurück, wo er zunächst bei Bertrand Russell und
George Edward Moore in einer mündlichen Prüfung über seinen Tractatus promovierte. Anfang
der 1930er Jahre erhielt er einen Lehrauftrag,
ab 1936 unternahm Wittgenstein mehrere Reisen
nach Norwegen, Wien und Russland. 1939 wurde
Wittgenstein zum Philosophieprofessor in Cambridge berufen; er behielt die Professur bis 1947,
kurz nach seiner Berufung erwarb er die britische
Staatsbürgerschaft. Im Oktober 1947 beendete
Wittgenstein seine Tätigkeit an der Universität, um
sich ganz seiner Philosophie zu widmen. Er lebte
von da an zurückgezogen und verbrachte einige
Zeit in Irland, 1949 konnte er sein zweites Hauptwerk dann abschließen, Wittgenstein starb 1951
an Krebs.
Lehre: Wittgenstein war ein analytischer Philosoph der Sprache und sprachkritischer Philosoph
und gilt als Begründer der sprachanalytischen
Philosophie. Seine Philosophie wurde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Ein Grund dafür ist neben
anderen, dass er nur ein Werk zu Lebzeiten veröffentlicht hat und dass die Herausgeber der Philosophischen Untersuchungen, was den zweiten
Teil betrifft, einige zweifelhafte Entscheidungen
getroffen hatten. Auch der schwer zu deutende,
aphoristische Stil führt dazu, dass Wittgenstein
von teilweise sehr unterschiedlichen philosophischen Schulen vereinnahmt werden konnte. Er
lieferte einen neuen Denkansatz in der neuzeitlichen Philosophie: Wittgenstein war der Auffassung, das philosophische Probleme aus der
Verwendung von Wörtern aus unpassenden Kontexten entstehen. Nur wenige Philosophen haben
so beißend über das Philosophieren geurteilt wie
Wittgenstein in seinem späten Denken. Er hielt
die „großen philosophischen Probleme“ letztlich
für „Geistesstörungen“, die unter anderem entstünden, „indem man philosophiere“. Sie würden
dadurch zu fixen Ideen, die einen nicht mehr loslassen – in der Regel, weil wir uns in einen unzuträglichen Sprachgebrauch verrannt haben.
Zitate:
• Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die
Grenzen meiner Welt.
• Die Lösung des Problems des Lebens merkt
man am Verschwinden dieses Problems.
• Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen.
• Die Logik ist keine Lehre, sondern ein Spiegelbild der Welt.
Heidegger
Deutscher Philosoph (1889 - 1976)
Leben: Martin Heidegger kam am 26. September 1889 als erstes Kind der Eheleute Friedrich
und Johanna Heidegger geb. Kempf in Meßkirch
zur Welt. 1892 wurde seine Schwester Maria
geboren, 1894 sein Bruder Friedrich. Der Vater
war Küfermeister und versah an der örtlichen
katholischen Kirche das Amt des Mesners. Die
Familie lebte in einfachen, aber wohlgeordneten
Verhältnissen. Ab 1906 lebte Heidegger am
bischöflichen Seminar in Freiburg und absolvierte das Gymnasium. Nach seinem Abitur trat
er im September 1909 in Feldkirch als Novize
in den Jesuitenorden ein, verließ das Kloster
aber wegen Herzbeschwerden schon nach einem
Monat wieder. Die geistliche Laufbahn schien
ihm vorbestimmt zu sein, bis er 1911 das Theologiestudium aufgab und die Philosophie mit
Mathematik, Geschichte und Naturwissenschaften ergänzte. 1913 promovierte Heidegger mit
96
Das Seiende dessen Analyse zur
Aufgabe steht sind wir selbst. So
gilt es denn, die Frage nach dem
Sinn von Sein erneut zu stellen.
Heidegger
einer Arbeit über „Die Lehre vom Urteil im Psychologismus“ zum Doktor der Philosophie. Der
Erste Weltkrieg unterbrach seine akademische
Laufbahn. Heidegger wurde 1915 einberufen und
den Diensten für Post und Wetterbeobachtung
zugewiesen. Für Kampfeinsätze war er nicht
tauglich. 1917 heiratete er die Protestantin Elfride Petri. Die Ausmusterung erfolgte 1918. Sein
erster Sohn Jörg kam im Januar 1919 zur Welt,
im August 1920 wurde Hermann geboren. In der
Zeit der Weimarer Republik brach Heidegger mit
dem „System des Katholizismus“ und widmete
sich ausschließlich der Philosophie. In Todtnauberg kaufte Elfride Heidegger von ihren letzten
Ersparnissen ein Grundstück und ließ nach eigenen Plänen von dem Zimmermeister und Bauern
Pius Schweitzer eine Hütte erbauen, die am
9. August 1922 bezogen werden konnte. Dort
schrieb Heidegger zahlreiche seiner Werke. Mit
den hektischen Großstädten konnte er sich sein
ganzes Leben lang nicht anfreunden. Ab 1925
verband ihn eine Liebesbeziehung mit seiner
neunzehnjährigen Studentin Hannah Arendt. Die
Beziehung war ungleichgewichtig: Da Heidegger
weder seine Stellung noch seine Ehe gefährden
wollte, bestimmte er Ort und Zeit der Treffen;
der Kontakt musste im Geheimen ablaufen. 1927
erschien sein Aufsehen erregendes Hauptwerk
„Sein und Zeit“. 1928 wurde er in Freiburg Nachfolger auf Husserls Lehrstuhl. Am 21. April 1933
wurde Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Nachdem Heidegger bereits 1932 die NSDAP
gewählt hatte, trat er ihr am 1. Mai 1933 bei und
blieb bis Kriegsende Mitglied. Von 1935 bis 1942
war Heidegger Mitglied im Wissenschaftlichen
Ausschuss des Nietzsche-Archivs. 1944 wurde
er im Rahmen des Volkssturms zur Schanzarbeit
eingezogen. Am 5. Oktober 1946 stellte die französische Militärregierung klar, dass Heidegger
weder lehren noch an irgendwelchen Veranstaltungen der Universität teilnehmen dürfe. Das
Lehrverbot endete am 26. September 1951 mit
Heideggers Emeritierung. Seine Vorlesungen
hatten großen Zulauf und lösten, wie auch seine
Schriften, ein breites Echo aus. Zu seinem 70.
Geburtstag am 26. September 1959 wurde ihm
in seiner Geburtsstadt Meßkirch die Ehrenbürgerwürde zuteil. Bedeutsam waren für Heidegger die beiden Reisen nach Griechenland 1962
und 1967, deren Eindrücke er in den „Aufenthalten“ festhielt. Heidegger hatte die Veröffentlichung seiner Gesamtausgabe selbst vorbereitet,
97
Neuzeit
Neuzeit
deren erster Band 1975 erschien. Am 26. Mai
1976 starb Heidegger in Freiburg. Seinem
Wunsch entsprechend wurde er am 28. Mai 1976
in seinem Geburtsort Meßkirch beigesetzt.
Lehre: 1926 entstand sein erstes Hauptwerk
Sein und Zeit, das die philosophische Richtung
der Fundamentalontologie begründete. Alle bisherigen philosophischen Entwürfe vertraten laut
Heidegger eine einseitige Auffassung der Welt
– eine Einseitigkeit, die er als Merkmal jeder
Metaphysik ansah. Diese metaphysische Weltauffassung gipfelte aus Heideggers Sicht in der
modernen Technik. Mit diesem Begriff verband er
nicht allein, wie sonst üblich, ein neutrales Mittel
zum Erreichen von Zwecken. Vielmehr versuchte
er zu zeigen, dass mit der Technik auch eine
veränderte Auffassung der Welt einhergehe. So
wird nach Heidegger durch die Technik die Erde
vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Nutzbarmachung in den Blick gebracht. Wegen ihrer
globalen Verbreitung und der damit verbundenen
schonungslosen „Vernutzung“ natürlicher Ressourcen sah Heidegger in der Technik eine unabweisbare Gefahr.
Buddha sowie Tolstoi wurden von einem Augenblick zum Anderen, vom Schauder der Vergänglichkeit überfallen. Die Folge dieser Erfahrung ist,
das der Mensch sich vor dem Nichts, dem Tode,
zu dem Seienden flüchtet. Er sucht seinen Halt
am Seienden, am Besitz oder der Gemeinschaft,
an einer Tätigkeit oder Zerstreuung. Aber die
Angst erreicht ihn auch da. Die Angst offenbart
das Nichts - das Nichts enthüllt sich in der Angst.
Er kann sich in nichts Seiendem bergen, es ist
ihm zu eng. Und so holt ihn aus der Flucht in das
Seiende die Angst wieder heraus, die Erfahrung
daß es > mit dem Seienden im Ganzen < nichts
ist. So wird der Mensch hin und her geworfen.
Die Langeweile offenbart das Seiende im Ganzen. Die Tiefe Langeweile, in den Abgründen des
Daseins wie ein schweigender Nebel hin und herziehend, rückt alle Dinge, Menschen und einen
selbst mit ihnen in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammen. Die Angst verschlägt uns das
Wort. Das wir in der Unheimlichkeit der Angst
oft die leere Stille gerade durch ein wahlloses
Reden zu brechen suchen, ist nur der Beweis
für die Gegenwart des Nichts. Das die Angst
das Nichts enthüllt, bestätigt der Mensch selbst
unmittelbar dann, wenn die Angst gewichen ist.
Aus dem Schauder vor dem Nichts sucht er
in die Geborgenheit des Seienden zu flüchten.
Aber gerade in ihm bedrängt ihn die Angst. Das
Dasein beengt und entgleitet, das sind die beiden Erscheinungsformen der Angst.
Das Nichts ist weder ein Gegenstand noch Oberhaupt ein Seiendes. Das Nichts kommt weder für
sich vor noch neben dem Seienden, dem es sich
gleichsam anhängt. Das Nichts ist die Ermöglichung der Offenbarkeit des Seienden als eines
solchen für das menschliche Dasein. Das Nichts
gibt nicht erst den Gegenbegriff zum Seienden her,
sondern gehört ursprünglich zum Wesen selbst.
Im Sein des Seienden geschieht das Nichten des
Nichts. Die Hineingehaltenheit des Daseins in das
Nichts auf dem Grunde der verborgenen Angst
ist das Übersteigen des Seienden im Ganzen;
die Transzendenz. Die Existens des Menschen ist
umgeben vom Nichts. Sie kommt her vom Nichts.
Darum ist das Dasein von Angst bestimmt. Das
Nichts bestimmt das Dasein.
Das Nichts ist die vollständige Verneinung der Allheit des Seienden. Die Allheit des Seienden muß
zuvor gegeben sein, um als solche Schlechthin
der Verneinung verfallen zu können, in der sich
dann das Nichts selbst zu bekunden hätte. Ich
bin das, was ich sage!
Nach Heidegger erfährt der Mensch das Nichts
ursprünglich in der Angst, dadurch aber zugleich
das Sein, das nicht mit dem All der Dinge und
Wesen zu Identifizieren ist. Bei Sartre erscheint
der Mensch als Schöpfer seiner selbst aus dem
Nichts. Theologie lehrt die Schöpfung der Welt
durch Gott aus dem Nichts. Als der Existierende
steht der Mensch das Da-Sein aus, indem er
das Da als die Lichtung des Seins in die Sorge
nimmt. Das Da-Sein selbst aber wehst als das
Geworfene.
Zitate:
• Das Seiende dessen Analyse zur Aufgabe
steht sind wir selbst.
• So gilt es denn, die Frage nach dem Sinn von
Sein erneut zu stellen.
• Das Sterben ist keine Begebenheit, sondern
ein existenzial zu verstehendes Phänomen.
Carnap
Deutscher Philosoph (1891 - 1970)
Leben: Paul Rudolf Carnap wurde als Sohn
98
Reise praktisch an. In seiner Autobiografie von
1963 äußert er sich sehr positiv zum Esperanto.
Lehre: Carnaps besonderes Interesse galt dem
Aufbau formaler Logiksysteme. Mit seinem „Toleranzprinzip“ und dem Prinzip der Konventionalität der Sprachformen betonte er jedoch stets
die Vielzahl alternativer Sprachkalküle. Bedeutsames leistete er auch im Bereich der
Wahrscheinlichkeitstheorie. Carnap hatte einen
nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der
analytischen Philosophie.
Zitate:
• Beim gegenwärtigen Stand unserer Kultur
brauchen viele Menschen noch religiöse,
mythische Symbole und Bilder. Ich halte es
für falsch, sie um die Hilfe, die ihnen diese
Idee geben, bringen zu wollen oder gar sie
lächerlich zu machen.
• Metaphysiker sind Lyriker ohne musikalische
Fähigkeit
• „...wir können darauf bauen, daß die Wissenschaft auch weiterhin große Fortschritte
machen und uns immer tiefere Einsichten in
die Struktur der Welt ermöglichen wird - vorausgesetzt, die führenden Staatsmänner der
Welt schrecken vor der äußersten Narrheit,
dem Atomkrieg, zurück und gestatten der
Menschheit, weiter zu leben.“
• Logik ist der letzte wissenschaftliche Bestandteil der Philosophie
• In der Logik gibt es keine Moral.
Beim gegenwärtigen Stand
unserer Kultur brauchen
viele Menschen
noch religiöse,
mythische
Symbole
und Bilder.
Carnap
tiefreligiöser, aber toleranter Eltern in Wuppertal geboren. Sein Vater, Johannes Carnap, entstammte einer armen Weberfamilie, seine Mutter,
Anna Carnap, war Tochter eines Pädagogen.
Nach einem Umzug der Familie im Jahr 1909
erlangte Carnap sein Abitur an einem Gymnasium in Jena. Im Anschluss studierte Carnap
von 1910 bis 1914 Mathematik, Physik und Philosophie in Jena. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er Soldat im deutschen Heer. Nach
dem Krieg nahm Carnap sein Philosophiestudium wieder auf und promovierte 1921. 1926
folgte die Habilitation an der Wiener Universität,
an der er anschließend bis 1931 als Privatdozent tätig war. Von 1931 bis 1935 hatte Carnap
eine außerordentliche Professur für Naturphilosophie an der Deutschen Universität Prag inne.
1936 emigrierte er in die USA, wo er zunächst
an der University of Chicago unterrichtete. 1941
wurde er Staatsbürger der Vereinigten Staaten.
Von 1952 bis 1954 war er Professor an der Princeton University, bevor er 1954 einem Ruf an
die University of California, Los Angeles folgte,
wo er bis zu seiner Emeritierung 1961 lehrte. Er
starb am 14. September 1970 in Santa Monica.
Mit 14 Jahren erlernte Carnap Esperanto,
besuchte 1908 den Welt-Esperanto-Kongress
und wandte diese Sprache bei einer Europa-
Krishnamurti
Indischer Philosoph (1895 - 1986)
Leben: Jiddu Krishnamurti wurde 1895 in Madanapalle, Südindien, als achtes Kind (daher sein
Name gemäß Hindu-Tradition „wiedergeborener
Krishna“) von Sanjeevama und Narayaniah Jidduh, in eine orthodoxe Brahmanenfamilie geboren. 1912 wurden Krishnamurti und sein Bruder
Nitya zur Ausbildung durch die Theosophische
Gesellschaft (TG) nach England geschickt. Um
den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, hatte Narayana Annie Besant das Sorgerecht für Krishnamurti und Nitya gegeben. Am
3. August 1929 löste er die für ihn gegründete
Organisation auf, deren Vorsitzender er war, den
Order of the Star in the East. 1930 trat Krishnamurti aus der Theosophischen Gesellschaft aus,
99
Neuzeit
Neuzeit
wenn nicht, so
sagen Sie sich
von mir los, so
spielt es sich
tatsächlich ab.
Wenn ich
jemanden gefalle,
so werde ich als
Gattin, Nachbar
oder Freund
aufgenommen,
Krishnamurti
dies führte die TG in eine Krise, da Krishnamurti
eine wichtige Funktion hatte. Er zerbrach sein
Image als kommender Messias und wurde zunehmend als spiritueller „Philosoph“ betrachtet. Zwischen 1933 und 1939 reiste er mehrere Male
nach Indien, wo er jeweils vor großen Menschenmengen sprach. Nach 1947 begann Krishnamurti eine erfolgreiche Reise- und Vortragstätigkeit.
Besonders in den siebziger und achtziger Jahren
besuchten oft mehrere tausend Menschen seine
in aller Welt gehaltenen Vorträge. Der überwiegende Teil der heutigen Literatur von Krisnamurti besteht aus den niedergeschriebenen Gesprächen, die er mit seinen Besuchern führte. Einige seiner Vorträge sind ebenfalls in Buchform
erschienen. Erst die aktuelle Präsidentin Radha
Burnier, die Krishnamurti seit ihrer frühen Kindheit kannte, versöhnte die TG und Krishnamurti.
1985 besuchte Krishnamurti nach 33 Jahren
wieder das Zentrum der Gesellschaft in Adyar.
Seine Ideen finden unter Theosophen starken
Zuspruch. Jiddu Krishnamurti starb 1986 im Alter
von 90 Jahren in Ojai an einem Pankreastumor.
Lehre: Krishnamurti stand mit vielen bekannten
Persönlichkeiten in freundschaftlichem Kontakt.
In den dreißiger Jahren lernte er Aldous Huxley
kennen, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Bekannt war er auch mit Jawaharlal Nehru,
Indira und Rajiv Gandhi sowie vielen Wissenschaftlern wie etwa David Bohm. Ferner gründete er Schulen in den USA, Indien und Großbritannien, die heute noch existieren. Krishnamurtis Lehre geht von der Möglichkeit vollständiger
„geistiger“ Freiheit aus, indem durch aufmerksame Beobachtung des eigenen Geistes und seiner Reaktionen in dem Moment, in dem diese
geschehen, seine „Natur“ erkannt wird. Beziehungen zum Taoismus und zum Zen-Buddhismus (mit dessen psychologischen Aspekten sich
Erich Fromm beschäftigte) sind erkennbar. Zentral für seine Lehre (die eigentlich keine ist), ist
der Ausspruch „Truth is a pathless land“ (etwa:
„Die Wahrheit ist ein Land ohne vorgegebene
Wege“): Keine Methode, keine Religion, kein Lehrer kann zur Wahrheit führen. Jeder ist für seinen
Weg selbst verantwortlich.
100
Krishnamurti brachte zum Ausdruck, dass alle
menschlichen Konflikte nur Auswirkungen des
inneren Zustandes derjenigen Menschen sind.
Nicht an die äußere Beseitigung dieser Missstände sei zuallererst zu denken, sondern an eine
Transformation des Menschen in seinem Inneren, eine radikalen Umwandlung, welche nichts
zu tun habe mit einer neuen Weltanschauung
oder Religion. Offensichtlich sei der Mensch konditioniert durch Traditionen und Vorurteile von
Volk, Rasse, Geschlecht und anderem.
Ein zentraler Punkt in der Lehre Krishnamurtis ist
die Frage nach dem Ich. Krishnamurti erkennt in
der Annahme der Existenz eines Ichs das eigentliche Problem: Nicht eine Ich-Stabilisierung wird
bei Krishnamurti angestrebt, sondern dessen Auflösung. Das Ich, Selbst oder auch Ego ist für Krishnamurti hingegen die Ursache aller Konflikte.
Unsere Lebensweise ist die unbrauchbarste,
unsinnigste Art zu leben. Die Energie, die durch
Konflikt, Anstrengung und Kampf entsteht, produziert Gewalt, Hysterie, neurotisches Handeln
usw. Wie soll die Flamme der Liebe oder des Mitleids, der Zartheit, der Güte auf dem Schlachtfeld entstehen? Angesichts dieses deprimierenden Zustands unserer Welt appeliert Krishnamurti an die uns allen innewohnende Kraft der
kreativen Intelligenz, die allein in der Lage ist,
dem Illusorischen, Falschen und Destruktiven
auf natürliche zwanglose Weise auf die Spur zu
kommen. Er spricht davon, daß reine Achtsamkeit die Essenz des Menschen ist, daß sie nicht
in den verschiedenen Zuständen, Empfindungen, Gefühlen, Impulsen und Launen liegt, die
aufeinanderfolgen.
Zitate:
• Sein heißt: in Beziehung stehen; ohne Beziehung gibt es kein Dasein. Seiner Beziehung
nicht gewahr zu werden, ist eine der Ursachen
von Verwirrung. Beziehung ist eine Verschmelzung von Herauforderung und Reaktion zweier Menschen, eine Herausforderung die ich
hinwerfe und auf die jemand eingehen kann
oder umgekehrt. Wir sind es, die durch unsere
Beziehungen untereinander die Masse, Gruppe und Gesellschaft schaffen. Beziehung ist
somit das Gewahrwerden gegenseitiger Verbundenheit.
• Worauf baut die Beziehung im allgemeinen auf?
Wenn ich jemanden gefalle, so werde ich als
Gattin, Nachbar oder Freund aufgenommen,
wenn nicht, so sagen Sie sich von mir los, so
spielt es sich tatsächlich ab.
• Wirklich ist nur das, was man ist, was man tut,
was man denkt. Glaube ist aber keineswegs
wirklich, ist nur Flucht von dem eintönigen, dummen und grausamen Leben. Dazu kommt, daß
er unfehlbar die Menschen trennt: Es gibt Hindus, Buddhisten, Christen, Kommunisten, Sozialisten, Kapitalisten – alles Gruppen, die zueinander in Widerstreit stehen. Der Mangel an
Intelligenz, nicht der Mangel an Gottesglaube
verhindert die bessere Lebensweise.
• Auffassung von Konditionierung: Das Bewußtsein ist gleich seinem Inhalt. Alle Bewußtseinsinhalte wie Erfahrungen, Kenntnisse und so
weiter werden durch das Denken und die innere Zeit aus der Vergangenheit durch die Gegenwart hindurch in die Zukunft um das Ich oder
um die Ich-Gedanken organisiert. So ist das
Ich der Träger aller Bewußtseinsinhalte. Das
Ich selbst ist eine Folge des Denkens. Soll das
Bewußtsein gereinigt werden, soll das Zentrum
gesprengt werden, soll eine innere Explostion
stattfinden, so müssen alle Bewußtseinsinhalte
aus dem Bewußtsein verschwinden. Damit soll
auch die gesamte Konditionierung verschwinden. Da wo es Konditionierung gibt, gibt es
keine Freiheit.
Popper
Österreichisch-britischer Philosoph
(1902 - 1994)
Leben: Karl Popper wurde am 28. Juli 1902 als
Sohn des Rechtsanwalts Simon Siegmund Carl
Popper und Jenny Popper, geborene Schiff, in
Wien geboren. Popper wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Bücher und Musik eine wichtige
Rolle spielten. 1918 verließ der 16-jährige Popper
vorzeitig die Mittelschule und wurde Gasthörer an
der Universität Wien. Er besuchte Vorlesungen in
Mathematik, Geschichte, Psychologie, Theoretischer Physik und Philosophie. Parallel zur Lehrerausbildung schloss er 1924 eine Tischlerlehre
mit dem Gesellenbrief ab. 1925 wurde er Student
am Pädagogischen Institut, 1928 promovierte
Popper mit der Dissertation „Die Methodenfrage
der Denkpsychologie“. 1929 erwarb er die Lehrberechtigung für die Hauptschule in den Fächern
101
Neuzeit
Neuzeit
Insofern sich
die Sätze einer
Wissenschaft
auf die
Wirklichkeit
beziehen,
müssen sie
falsi zierbar
sein.
Jede Lösung
eines Problems
schaft neue
Probleme.
Popper
Mathematik und Physik. 1930 erhielt Popper
eine Anstellung als Hauptschullehrer in Wien,
die er bis 1935 innehatte. Dass Karl Popper
begann, seine philosophischen Gedanken niederzuschreiben, war vor allem seinen Kontakten mit dem Wiener Kreis zu verdanken. 1936
reiste Popper für einige Monate nach England,
die politische Lage in Österreich wurde zusehends angespannter und Popper sah den
Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland kommen. In dieser Situation
nahm er das Angebot einer Dozentur an der
University of Canterbury in Christchurch (Neuseeland) an. 1937 kündigten Popper und seine
Ehefrau ihre Lehrerstellen und gingen ins Exil.
Im Winter 1944/45 erhielt Popper – vor allem
durch Unterstützung von Friedrich von Hayek –
das Angebot, an der London School of Economics and Political Science zu lehren, welches
er annahm. Anfang Januar 1946 traf das Ehepaar in London ein, wo Popper seine Lehrtätigkeit als außerordentlicher Professor aufnahm.
1949 wurde er parallel Professor für „Logik und
wissenschaftliche Methodenlehre“ an der Universität London. 1965 wurde Popper von Königin Elisabeth II. für sein Lebenswerk als Knight
Bachelor zum Ritter geschlagen. 1969 wurde er
emeritiert, er publizierte aber stetig weiter. 1973
102
wurde ihm der Sonning-Preis der Universität
Kopenhagen verliehen, 1993 erhielt Popper die
Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen
(DGVN) in Berlin. Karl Popper starb am 17. September 1994 in East Croydon, London, nachdem
er zwei Wochen zuvor schwer erkrankt war.
Lehre: Popper ist bekannt für seine Angriffe
gegen die klassische positivistisch-induktivistische Sicht, der zufolge die wissenschaftliche
Methode durch Verallgemeinerungsschlüsse von
Beobachtungen auf wissenschaftliche Theorien
gekennzeichnet ist. Er lehnte sie zugunsten eines
empirischen Falsifikationsprinzips ab, wonach
wissenschaftliche Theorien lediglich unsichere
Spekulationen sind, die die empirische Wissenschaft durch Suche nach widersprechenden Beobachtungen umzustoßen versucht. Popper ist
außerdem bekannt als Gegner des klassischen
Ansatzes in der Erkenntnistheorie, dem zufolge
eine Annahme auf dem Fundament einer Begründung stehen muss, damit sie vernünftig ist. Popper
ersetzte ihn durch die „erste nicht begründungsorientierte Philosophie der Kritik in der Geschichte
der Philosophie“: Nicht mehr die Feststellung,
dass einer Behauptung die Begründung fehlt, soll
genügen, damit sie verworfen werden darf, sondern es muss ein logischer Widerspruch zu den
Tatsachen vorliegen. Im Bereich der politischen
Philosophie ist Popper bekannt für seine Theorie
der offenen Gesellschaft, in der er den Historizismus kritisierte und die Demokratie verteidigte.
Die Grundauffassung von Poppers Philosophie
ist die Ablehnung der Redensart „von nichts
kommt nichts“ und die Einsicht, dass ein System
seine eigene Existenz nicht garantieren, sie aber
selbst beenden kann.Das Werk Poppers lässt
sich grob in zwei Phasen unterteilen: Die erste,
die von der Beschäftigung mit den Methoden
empirischer Wissenschaft geprägt war; und die
zweite, in der er sich mit metaphysischen Fragestellungen auseinandersetzte.
Wir wissen nichts - das ist das Erste. Deshalb
sollen wir sehr bescheiden sein - das ist das
Zweite. Dass wir nicht behaupten zu wissen,
wenn wir nicht wissen - das ist das Dritte. Das ist
so ungefähr die Einstellung, die ich popularisieren möchte.
Es gibt eigentlich nur zwei Staatsformen: solche,
in denen es möglich ist, die Regierung ohne Blut-
vergießen durch eine Abstimmung loszuwerden,
und solche, in denen das nicht möglich ist. Darauf kommt es an, nicht aber darauf, wie man
diese Staatsformen benennt. Gewöhnlich nennt
man die erste Form „Demokratie“ und die zweite
Form „Diktatur“ oder „Tyrannei.“
Da wir nicht erkennen können, was wir tun sollen,
müßen wir uns damit begnügen, zu entscheiden,
was wir tun wollen. Andere wieder befürchten,
daß alle Werte und Normen willkürlich sind, aber
Künstlichkeit hat keinesfalls völlige Willkür zur
Folge.
Wenn eine Gesellschaft von etwas „Schlechtem“
betroffen ist, von etwas, das wir verabscheuen –
etwa Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit –, dann muß
das einer bösen Absicht entspringen, einem finsteren Plan: Jemand hat es „absichtlich“ getan;
und natürlich profitiert jemand davon. Ich habe
diese philosophische Annahme die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ genannt.
Wenn die Geschichte das Werk eines barmherzigen Gottes ist, dann kann sie es nur in einem
Sinn sein, in dem der Wille Gottes für uns unbegreifbar, unfaßbar und unvorstellbar ist: Es ist
für uns Menschen unmöglich, den Sinn der
Geschichte zu verstehen, sie ist als das Werk
Gottes zu verstehen.
Was die Zukunft bringen wird, das weiß ich nicht;
und denen, die es zu wissen glauben, glaube ich
nicht. Die Zukunft ist offen. Sie ist nicht vorausbestimmt. Daher kann sie niemand voraussagen –
außer durch Zufall. Die Möglichkeiten, die in der
Zukunft liegen, gute sowohl wie schlimme, sind
unabsehbar. Wenn ich sage >>Optimismus ist
Pflicht<<, so schließt das nicht nur ein, daß die
Zukunft offen ist, sondern auch, daß wir alle sie
mitbestimmen durch das, was wir tun: Wir sind
alle mitverantwortlich für das, was kommt. Wir
selbst können der Geschichte einen Sinn geben
und ein Ziel setzen und zwar ein menschenwürdigen Sinn und ein menschenwürdiges Ziel. Eine
Gestaltung unserer sozialen Umwelt mit dem Ziel
des Friedens und der Gewaltlosigkeit ist nicht nur
ein Traum. Sie ist eine mögliche und, vom biologischen Standpunkt aus, offenbar eine notwendige
Zielsetzung für die Menschheit.
Kant zog eine Lehre aus der Geschichte des
Schreckens der Französischen Revolution, diese
Lehre, die nicht oft genug wiederholt werden
kann, ist, daß der fanatische Glaube immer ein
103
Neuzeit
Neuzeit
Übel und unvermeidbar mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaftsordnung ist; und das es
unser Pflicht ist, uns dem Fanatismus in jeder
Form zu widersetzen – auch dann, wenn seine
Ziele ethisch einwandfrei sind, und vor allem
auch dann, wenn seine Ziele die unseren sind.
Der englischen Revolution und der religiösen Bürgerkriege müde, war England bereit, auf die Botschaft John Lockes und anderer Aufklärer zu
hören, die die religiöse Toleranz verteidigten und
das Prinzip, daß ein erzwungener Glaube wertlos sei; daß man die Menschen wohl in die Kirche
führen, aber nicht in die Kirche schleppen dürfe.
Zitate:
• Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch
führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und
zur Rettung der Seelen durch die Inquisition.
• Wir müssen für die Freiheit planen und nicht
für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus
keinem anderen Grund als dem, daß nur die
Freiheit die Sicherheit sichern kann.
• Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz
von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen.
• Insofern sich dei Sätze einer Wissenschaft
auf die Wirklichkeit beziehen, müssen sie falsifizierbar sein
• Jede Lösung eines Problems schaft neue Probleme.
• Man kann die Naturwissenschaft als die Kunst
der systematischen Vereinfachung beschreiben.
Sartre
Französischer Philosoph und Publizist
(1905 - 1980)
Leben: Sartre wurde in Paris als Sohn des Marineoffiziers Jean-Baptiste Sartre geboren. Der
Vater starb schon 15 Monate nach der Geburt
seines Sohnes Jean-Paul an Gelbfieber, einer
Tropenkrankheit. Seine junge Mutter Anne-Marie
zog daraufhin zurück zu ihren Eltern. Dort wuchs
Sartre unter dem Einfluss seines Großvaters
Charles Schweitzer auf, eines Onkels von Albert
Schweitzer. Von ihm sowie von wechselnden Privatlehrern wurde er zu Hause unterrichtet. 1917
heiratete seine Mutter wieder und zog mit ihm
zu ihrem neuen Mann, nach La Rochelle. 1920
Die Hölle das sind die anderen.
wurde Sartre nach Paris zurückgeschickt und
besuchte nunmehr das Internat. 1923 konnte
Sartre eine Novelle und einige Romankapitel
in kleinen Zeitschriften unterbringen, zugleich
begann er, sich für Philosophie zu interessieren.
1924 belegte er den sechsten Rang in der Aufnahmeprüfung (concours) für die ENS, die er vier
Jahre besuchte. Er las viel und arbeitete regelmäßig jeden Tag von 9 bis 13 und von 15 bis
19 Uhr, was er sein ganzes Leben lang beibehielt, nahm Boxunterricht. 1928 begegnete er
seiner künftigen Weggefährtin Simone de Beauvoir, legten die Rekrutierungsprüfung für das Amt
als Gymnasialprofessoren ab , Sartre auf Platz
1, Beauvoir auf Platz 2. Während Beauvoir als
erst 21-jährige Gymnasialprofessorin nach Marseille geschickt wurde, trat Sartre seinen Militärdienst bei den Meteorologen in Tours an. Zum
Beginn des Schuljahres 1931, mit 26, wurde
Sartre vom Unterrichtsministerium als Gymnasialprofessor für Philosophie nach Le Havre
geschickt. 1932 reiste er mit Beauvoir in die Bretagne, nach Spanien und dem damaligen Spanisch-Marokko, was er vom kleinen Erbe der
Großmutter Schweitzer bezahlte. Im Herbst 1933
ging Sartre für ein Jahr als Stipendiat an das Ins-
104
Sartre
titut français in Berlin. Ab Herbst 1934 unterrichtete er wieder in Le Havre, wo er sich einsam
und deplatziert fühlte und schließlich depressiv
wurde. Sartres Depression verstärkte sich durch
Wahn- und Panikphasen, weil er sich 1935, nachdem er eine Doktorarbeit über die Vorstellungskraft zu schreiben begonnen hatte, von einem
befreundeten Arzt die Droge Meskalin hatte spritzen lassen und landete für zwei Wochen in
eine Psychiatrische Klinik. 1936 beendete Sartre
einen Roman, an dem er seit Berlin gearbeitet
hatte (Der Ekel). Waren er und Beauvoir bisher
fast hochmütig „freischwebende Intellektuelle“
gewesen, so begannen sie nun, angesichts des
zunehmenden Expansionsdrangs Hitlers, sich
politisch zu engagieren. Als Frankreich am 3.
September 1939 Deutschland den Krieg erklärte,
wurde Sartre eingezogen. Ende Juni 1940, kurz
vor dem Waffenstillstand, geriet er mit seiner Einheit in Gefangenschaft, Sartre kam mit Hilfe eines
Gefälligkeitsattests (Teilerblindung des rechten
Auges) im März 1941 frei. Ab 1942/43 wurde
Sartre im nun langsam erstarkenden Widerstand
aktiv und trat dem Nationalkomitee der Schriftsteller bei. Nach der alliierten Landung in der
Normandie am 6. Juni 1944 zogen er und Beau-
voir es vor, Paris zu verlassen. Sie kehrten erst
nach dem Beginn des Abzugs der deutschen
Truppen in die Stadt zurück. In den Nachkriegsjahren war Sartre der tonangebende französische Intellektuelle: Sein Das Sein und das Nichts
und der Essay Der Existentialismus ist ein Humanismus von 1946 galten als Hauptwerke der
neuen, hauptsächlich von ihm geschaffenen Philosophie des Existenzialismus. Auch als Publizist
war Sartre sehr aktiv. Die von ihm gegründete
und herausgegebene Zeitschrift Moderne Zeiten
wurde ein Forum für viele Autoren von Rang,
auch politisch blieb er engagiert. In der Öffentlichkeit wurde Sartre seit 1949 immer mehr als
Vordenker und Intellektueller wahrgenommen,
der seine Stimme zu den großen und auch
manchen kleineren Problemen der Nation erhob
und der gegen Menschenrechtsverletzungen in
den französischen Kolonialkriegen (Algerienkrieg, Indochinakrieg) und später auch in Vietnam (Vietnamkrieg) oder im kommunistischen
Ostblock protestierte. 1964 wurde Sartre der
Nobelpreis für Literatur zuerkannt, den er jedoch
ablehnte. Ab 1973 war er praktisch blind und
nicht mehr in der Lage zu schreiben, trotzdem
versuchte er weiter präsent zu sein. Jean-Paul
Sartre starb im Alter von 74 Jahren am 15. April
1980 in Paris, bei seiner Beerdigung in Paris
folgten 50.000 Menschen dem Sarg.
Lehre: Sartre gilt als Vordenker und Hauptvertreter des Existentialismus und als Paradefigur
der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Sartre sieht das Indivduum zu absoluter Freiheit verurteilt, worauf er seine Ethik des
»engagement« und der politischen Verantwortung gründet. Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das Indivduum ist nur sich selbst gegenüber
verantwortlich.
Sartre zeigt sich als selbständiger Philosoph,
er bearbeitete Themen, die ihn wiederkehrend
beschäftigten: Wie ist das Ego beschaffen? Das
ICH und das Psychische als Objekte. Das transzendentale Bewusstsein. Die Welt hat das ICH
nicht geschaffen und das ICH hat die Welt nicht
geschaffen, es sind zwei Objekte für das absolute
unpersönliche Bewußtsein, durch das sie sich
verbunden finden. In dem Roman Der Ekel postuliert Sartre einen Gegensatz zwischen Existenz
und Sein. Die Philosophie von Die Transzendenz
des Ego und Der Ekel mündet in die von Das
105
Neuzeit
Neuzeit
Sein und das Nichts.
Sartres philosophisches Grunderlebnis der Ekel,
ist keine geistige sondern eine sinnliche Erfahrung
steht am Anfang. Existenz ist also nacktes, absurdes, sinnliches Dasein, reine Faktizität. Wenn der
Mensch sich zum Ekel bekennt und so der Absurdität des Daseins standhält, existiert er.
Sartre versteht die Existenz des Menschen vom
Mitmenschen her. Erst der andere macht ihn konkret, er bannt ihn in seiner Tatsächlichkeit, er entfremdet ihn durch den Blick ständig sich selbst.
Die Lebensfrage für den Menschen ist nun, wie
er dieses Festgenagelt werden durch den Blick
des Nächsten überwinden kann. Der Mensch hat
gewonnen, der den Blick des anderen erträgt
und ihn übersteigt, so daß er als Fixierter und
Genichteter der Gefangenschaft entgeht.
Wenn die Existenz dem Wesen vorausgeht, ist
der Mensch für das, was er ist, verantwortlich.
So besteht die erste Absicht des Existenzialismus darin, jeden Menschen in den Besitz seiner
selbst zu bringen und ihm die totale Verantwortung für seine Existenz aufzubürden. Und wenn
wir sagen, der Mensch ist für sich selbst verantwortlich, wollen wir nicht sagen, er sei verantwortlich für seine strikte Individualität, sondern
für alle Menschen.
Alle Zuflucht zu Gott und Religion lehnt Sartre
ab. >Wir sind allein< Gott ist eine Erfindung des
Menschen, der sich vor seiner eigenen Freiheit,
auch vor der Sinnlosigkeit des Lebens hinter ihm
verstecken will.
„Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu
er sich macht.“ Dieser Satz aus dem Vortrag
Der Existenzialismus ist ein Humanismus fasst
gewissermaßen das Credo des Existenzialismus
zusammen, ebenso wie ein weiterer Satz: „Der
Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.“ Sartre
zeichnet sich unter den Denkern der Existenz
dadurch aus, daß er das Wesen des Menschen
im Handeln zu sich selbst kommen lässt. Alles
liegt ihm an der Aktion, am Protest, an der Freiheit am Aufbruch. Er möchte den Menschen von
Bindungen lösen und aufstören, damit er zu seiner Freiheit durchdringt.
Zitate:
• Es gibt keine tragende Gemeinschaft jeder ist
allein.
• Tod ist in der Welt, weil wir Menschen töten.
• Frage: Hängt der Tod mit der Tatsache zusam-
men, daß wir vom Töten herkommen. Wir sterben nicht nur, wir töten auch.
• Der Existenzialismus ist kein grämlicher Genuß,
sondern eine humanistische Philosophie des
Handelns, der Anstrengung, des Kampfes, der
Solidarität. Humanität bedeutet Mitverantwotung für den Zustand der Gemeinschaft.
• Was ist die Passivität: Ich bin passiv, wenn
ich eine Veränderung erleide, deren Ursprung
ich nicht bin, - das heißt weder der Grund
noch der Schöpfer. So erträgt mein Sein eine
Seinsweise, deren Quelle ich nicht bin.
• Das Ideal der Aufrichtigkeit (das glauben, was
man glaubt) ist wie das der Ehrlichkeit (das
sein, was man ist) ein Ideal von An-sich-sein.
• Die Philosophie richtet sich auf das Ganze
der Wirklichkeit, das Sein selbst mit seinen
Grundbestimmungen und Gesamtzusammenhängen.
• Was wir wählen, ist immer das Gute, und
nichts kann für uns Gut sein, wenn es nicht
gut für alle ist.
• Die Hölle, das sind die anderen.
• Morgen werden die schwarzen Vögel kommen.
• Der Mensch kann nichts wollen, wenn er
nicht zunächst begriffen hat, daß er auf nichts
anderes als auf sich selber zählen kann, daß
er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten
seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne
Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als
das, das er sich selbst geben wird, ohne ein
anderes Schicksal als das, das er sich auf
dieser Erde schmieden wird.
• Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht.
• Wenn zwei Philosophen zusammentreffen, ist
es am vernünftigsten, wenn sie zueinander
bloß ‚Guten Morgen‘ sagen.
• Wenn ihr eure Augen nicht gebraucht, um zu
sehen, werdet ihr sie brauchen, um zu weinen.
• Die Existenz geht der Essenz voraus
• Es gibt keine menschliche Natur, da es keinen
Gott gibt, um sie zu entwerfen ... der Mensch
ist nichts anderes als wozu er sich macht.
• Was die Menschen angeht, nicht wie sie sind,
interessiert mich, sondern was sie werden
können.
• Drei Uhr, das ist immer zu spät oder zu früh für
alles, was man machen will.
106
Das Glück
besteht
darin, zu
leben wie
alle Welt und
doch wie
kein anderer
zu sein.
de Beauvoir
Französische Schriftstellerin und
Philosophin (1908 - 1986)
Leben: Simone de Beauvoir wurde als ältere
von zwei Töchtern des Ehepaares Georges und
Françoise Bertrand de Beauvoir in Paris geboren. Zusammen mit ihrer zweieinhalb Jahre jüngeren Schwester Hélène besuchte sie bereits
mit fünfeinhalb Jahren ein katholisches Mädcheninstitut. De Beauvoir wurde früh mit den
Entbehrungen konfrontiert, die der Erste Weltkrieg den Franzosen brachte. Ihre Eltern verarmten bei Kriegsende. Im Alter von 14 Jahren
verlor sei ihren bis dahin tiefen Glauben, in
ihrer katholischen Schule wurde sie irgendwann
durchschaut und sogar als ein Opfer des Teufels betrachtet, als sie entschloss, das Lehramt
im Fach Philosophie an staatlichen, also laizistischen Gymnasien anzustreben. Ein Lehrauftrag
für Psychologie, brachte ihr erste Erfahrungen
als Lehrerin und einen kleinen Verdienst, den
sie unter anderem dazu nutzte, heimlich Pariser Bars zu frequentieren. Nachdem sie 1928,
wiederum an der Sorbonne, mit bestem Ergebnis die Licence erworben hatte, begann sie
de Beauvoir
mit gestärktem Selbstbewusstsein die Rekrutierungsprüfung für Gymnasialprofessoren vorzubereiten, hierzu besuchte sie die dafür
angebotenen Kurse an der Sorbonne, aber auch
an der École Normale Supérieure, der Elitehochschule für die Lehramtsfächer. Nach dem
erfolgreichen Ablegen der Agrégation, bei der sie
hinter Sartre die Rangzweite wurde, versuchte
sie vergeblich, eine Stelle in Paris zu bekommen. Sie verzichtete deshalb darauf, sofort in
den Schuldienst einzutreten, begnügte sich vielmehr mit Lehraufträgen an Pariser Gymnasien
und mit dem Erteilen von Nachhilfestunden. Im
Herbst 1931 trat sie ihren Dienst als Philosophielehrerin in Marseille an, schon im Folgejahr
wurde sie nach Rouen versetzt. 1936 konnte sie
nach Paris zurückkehren, um am Lycée Molière
und später am Camille Sée zu unterrichten.
De Beauvoir war regelmäßig Gast des Café de
Flore im Pariser Stadtteil Saint-Germain-desPrés. Dort arbeitete sie, verabredete sich mit
Freunden und traf hier 1943 auch Albert Camus,
im selben Jahr wurde de Beauvoirs erster Roman
unter dem Titel Sie kam und blieb veröffentlicht.
1945 reiste de Beauvoir nach Portugal und
ebenfalls 1945 kam es zur Uraufführung ihres
107
Neuzeit
Neuzeit
Theaterstücks Die unnützen Mäuler, und es
erschienen die ersten Ausgaben der Temps
Modernes und der Roman Alle Menschen sind
sterblich. 1946 lernte Simone de Beauvoir Philippe Soupault im Café de Flore kennen, er verschaffte ihr 1947 eine Vortragsreise in die USA.
Zwischen 1947 und 1952 führte de Beauvoir
eine Liebesbeziehung mit dem amerikanischen
Schriftstelle Nelson Algren, den sie in den USA
kennenlernte. Im Februar 1948 fuhr sie mit
Sartre nach Berlin und nahm an der Premiere
von Die Fliegen teil. Ihr Welterfolg Das andere
Geschlecht erschien 1949 und machte sie zur
bekanntesten Intellektuellen Frankreichs. Sie
wurde von Regierungen eingeladen und reiste
durch ganz Europa, nach Nord-, Mittel- und Südamerika, in den Nahen und Fernen Osten, in die
UdSSR und nach China. Über ihre Reiseerfahrungen schrieb sie in Reportagen und Tagebüchern. Seit dem Sommer 1953 lebte de Beauvoir
den Sommer über in Rom und nur noch die
Hälfte des Jahres in Paris. De Beauvoir und
Sartre trafen sich 1960 mit Che Guevara, machten mit Castro eine Rundfahrt auf der Insel
und führten mehrere Gespräche. De Beauvoir,
Sartre und Castro nahmen an der Beerdigung
der ersten Opfer der gegen Castro gerichteten
Bombensabotage teil. De Beauvoir pflegte ihren
Lebensgefährten Sartre während seiner langen
Krankheit bis zu seinem Tod im Jahr 1980.
Simone de Beauvoir starb am 14. April 1986 und
wurde auf dem Cimetière du Montparnasse in
Paris neben Jean Paul Sartre begraben.
Lehre: Die politisch engagierte Verfasserin
zahlreicher Romane, Erzählungen, Essays und
Memoiren gilt als Vertreterin des Existentialismus. Die Werke Hegels und die von Sören Kierkegaard, der den Willen über die Vernunft stellte
und forderte, dass niemand in der Auseinandersetzung mit dem Menschen zu wissenschaftlich
vorgehen dürfe, beeinflussten Simone de Beauvoirs Denken. De Beauvoir war immer wieder
heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Neben der zu
erwartenden Kritik aus dem bürgerlich-konservativen Lager, legte sie sich auch mit der Linken
an, weil sie davon überzeugt war, dass sich die
Unterdrückung der Frau nicht automatisch im
Kommunismus auflösen werde. Auch von Feministinnen wurde sie angegriffen. Im Zentrum der
Kritik standen dabei meist ihre Beschreibungen
des weiblichen Körpers und ihre „Entmystifizierung“ der Mutterschaft.
Zitate:
• Frauen sind als Hexen verbrannt worden, einfach weil sie schön waren.
• Im Adel und im Bürgertum wird die Frau als
Frau [Alternative: aufgrund ihres Geschlechtes] unterdrückt: sie führt ein Schmarotzerdasein; sie hat nichts gelernt [Alternative: ist
wenig gebildet], und es bedarf außergewöhnlicher Umstände, damit sie irgendeinen konkreten Plan fassen und ausführen kann.
• Wenn man uns sagt: ‚Immer schön Frau
bleiben, überlasst uns nur all diese lästigen
Sachen wie Macht, Ehre, Karrieren, seid
zufrieden, dass ihr so seid: erdverbunden,
befasst mit den menschlichen Aufgaben …‘
Wenn man uns das sagt, sollten wir auf der
Hut sein!
• Ich bin da, mein Herz schlägt.
• Das Glück besteht darin, zu leben wie alle
Welt und doch wie kein anderer zu sein.
• Die Harmonie zwischen zwei Menschen ist
niemals gegeben. Sie muss immer wieder neu
erobert werden.
• Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird
es.
• Die Darstellung der Welt ist das Werk von
Männern; sie beschreiben sie aus ihrer eigenen Perspektive.
Næss
Norwegischer Philosoph (1912 - 2009)
Leben: Arne Næss war mit 21 Jahren einer der
jüngsten Magister Norwegens. Drei Jahre später
promovierte er mit der Abhandlung „Erkenntnis
und wissenschaftliches Verhalten“ zum Doktor
der Philosophie. 1939, mit 27 Jahren, wurde
er an der Universität Oslo als Professor angestellt. Arne Næss engagierte sich besonders in
den Jahren 1940–55 in der Friedensbewegung.
1948/49 leitete er in Paris ein UNESCO-Projekt
zum Ost-West-Konflikt. Der Philosoph hatte auch
einen Namen als Bergsteiger und nahm 1950
unter anderem an der Erstbesteigung des Tirich
Mir im Hindukusch teil. In Europa war Næss
als Anhänger „grüner Politik“ bekannt. Seit 1970
engagierte er sich in „The Deep Ecology Movement“. Als Begründer der Tiefenökologie wurde
108
Denken für die Zukunft hießt loyal sein zur Natur.
Næss
Næss 1997 zum Ehrenmitglied der Umwelt- bzw.
Grünen Partei Norwegens ernannt, die er mit
seinen tiefenökologischen Ansätzen nicht nur
dort, sondern u.a. auch in Taiwan und Chile mitgeformt hatte. Seit der Parteigründung im Jahr
1987 hatte er auf den Wahllisten der Partei zu
Kommunal- und Parlamentswahlen einen Ehrenplatz. In den Jahren vor seinem Tod war Arne
Næss damit beschäftigt, den Menschen seine
Philosophie zu vermitteln, unter anderem durch
mehrere Bucheditionen. Arne Næss lehrte unter
anderem in Bali, Beijing, Berkeley, Bukarest,
Kanton, Chengdu, Devon, Dubrovnik, Hangzhou, Helsinki, Hongkong, Japan, Jerusalem,
London, Melbourne, Reykjavík, Santa Cruz,
Taiwan, Tromsø, Vancouver und Warschau.
Lehre: Næss wird zu den Begründern der Tiefenökologie („Deep Ecology“) und der so genannten Oslo-Schule gezählt. Als Philosoph gehörte
er der neupositivistischen Tradition an, und zwar
sowohl als deren Sprecher als auch als deren
Kritiker. Neupositivismus oder Logischer Empirismus wurde zunächst als theoretisches Pro-
gramm der Zwischenkriegszeit durch den so
genannten Wiener Kreis geformt, mit dem Næss
während seines Aufenthalts in Wien in der Mitte
der 1930er Jahre Kontakt hatte. In seiner Variante erhielt der Neupositivismus teils eine wissenschaftsphilosophische sowie teils auch eine
sprachphilosophische Gestalt. In seiner Doktorarbeit „Erkenntnis und wissenschaftliches Verhalten“ von 1936 versuchte Næss eine theoretische
Begründung für den positivistischen Grundgedanken zu formulieren, dass lediglich eine Form
der Erkenntnis der Wirklichkeit existiert, nämlich die wissenschaftliche, und dass es nur eine
Form von Wissensschaffung gibt, nämlich die
naturwissenschaftliche. Alle anderen Formen
von Erkenntnis, traditionelle Philosophie, Kunst
oder Religion verwarf er als Metaphysik. Besondere Bedeutung ist Arne Næss’ Ausarbeitung
von sechs Normen für eine sachliche Diskussion
beizumessen. Arne Næss prägte den Begriff
Tiefenökologie in einem 1973 erschienenen Artikel, in dieser Vision nehmen wir alle die Umwelt
als einen Teil von uns selbst wahr und betrach-
109
Neuzeit
Neuzeit
ten sie in keiner Weise als Gegenspieler der
Menschheit. Seine persönliche Definition von
„Tiefenökologie “ formulierte er in einem Interview 1999 wie folgt: Tiefenökologie – ich könnte
sie auch „Grün“ nennen – die Grüne Bewegung
ist eine Bewegung, in der man nicht nur Gutes
für den Planeten im Interesse der Menschen tut,
sondern auch im Interesse des Planeten selbst.
Das heißt, man betrachtet den Globus als Einheit und spricht über die einzelnen Ökosysteme,
man versucht, sie am Leben zu erhalten als ein
Wert für sich. Das heißt, in deren eigenem Interesse, wie man Dinge für die eigenen Kinder
oder für den eigenen Hund tut, ohne dabei an
den Hund als ein Mittel für sein eigenes Vergnügen zu denken. Tiefenökologie geht von dem
philosophischen oder religiösen Standpunkt aus,
der besagt, dass alle Lebewesen wertvoll sind
und somit Schutz vor der Zerstörung durch Milliarden von Menschen benötigen. Das ist einer
der fundamentalen Punkte. Andererseits würde
ich sagen, dass Tiefenökologie oder die Grüne
Bewegung eine Bewegung von Aktivisten ist
oder bedeutet, aktiv inmitten seines Freundeskreises zu sein und am eigenen Arbeitsplatz.
Und, sofern man Zeit hat, an Demonstrationen
teilzunehmen. Man sollte dabei versuchen, keine
Gesetze zu brechen, wenn es aber absolut notwendig ist und wenn alles Bisherige ohne Ergebnis geblieben ist, dann müssen wir auch das tun.
Es ergibt sich also eine ganzheitliche Betrachtungsweise, das heißt, eine Betrachtung der
Natur und der Beziehung der Menschheit zur
Natur, die eine grundlegende Haltung und Freude
an der Natur mit dem Verhalten in der Gesellschaft für die Natur vereint. Viele Persönlichkeiten haben sich über diesen Ansatz Gedanken
gemacht.
Zitate:
• Denke wie ein Berg
• Denken für die Zukunft heißt loyal sein zur
Natur
Camus
Französischer Schriftsteller und Philosoph
(1913 - 1960)
Leben: Albert Camus stammte aus einer Familie,
die seit drei Generationen in Algerien ansässig
war. Er hatte südfranzösische Wurzeln väter-
licherseits und spanische mütterlicherseits, im
Oktober 1914 starb der Vater, die Mutter zog mit
Albert und seinem älteren Bruder Lucien nach
Algier. 1924 erhielt Camus’ Grundschullehrer von
Mutter und Großmutter die Erlaubnis, den begabten Jungen auf die Aufnahmeprüfung am Gymnasium vorzubereiten, Camus bestand die Prüfung.
1930, nach dem ersten Teil des Baccalauréat,
erkrankte er an Tuberkulose, 1932 legte er den
zweiten Teil seines Baccalauréats ab. Sein Traum
war der Besuch der französischen Elitehochschule für die Lehramtsfächer, doch gab es in
ganz Algerien keine Vorbereitungsklassen für die
Zulassungsprüfung. Albert Camus begann sein
Studium der Philosophie an der neu eröffneten
Universität von Algier, 1932, gleich nach Beginn
seines Studiums, lernte er seine spätere Frau
Simone Hié kennen, sie pflegte das Image einer
intellektuellen „femme fatale“ und soll sehr schön
gewesen sein, über sie erlangte er auch erstmals
Zugang zur Welt der algerischen Oberschicht und
deren Luxusclubs. Als im Frühsommer 1936 die
Volksfront die Wahlen gewann und in ganz Frankreich neue kulturelle Einrichtungen geschaffen
wurden, um das Bildungsniveau der Arbeiter zu
heben, gründete Camus mit anderen Linken in
Algier ein Theater der Arbeit. Nebenbei absolvierte Camus sein Diplom mit einer Examensarbeit über die antiken nordafrikanischen
Philosophen Plotin und Augustinus. Mit dem
Abschluss dieser Arbeit begann Camus’ Entfremdung von Simone Hié, die weiterhin ein ausschweifendes Leben führte. Obwohl Camus nur
von einem Hilfsjob im meteorologischen Institut
von Algier lebte, schlug er 1938 einen Posten
als angestellter Lehrer in einer algerischen Kleinstadt aus, vielleicht auch deshalb, weil er sich
gerade mit seiner späteren zweiten Frau liiert
hatte, der Mathematikstudentin und späteren
Mathematiklehrerin Francine Faure. 1940 ging
er nach Paris, nachdem er dort eine Stelle als
Reporter bei der Zeitung Paris-Soir erhalten
hatte. Kurz bevor die deutschen Truppen in Paris
einmarschierten, flüchtete Camus mit der Redaktion seiner Zeitung nach Clermont-Ferrand und
bald weiter nach Lyon, wo er den Waffenstillstand (22. Juni) erlebte. In der Folgezeit führte
er ein unstetes Leben zwischen Frankreich und
Algerien, schrieb dennoch fleißig. Der Essay
Le Mythe de Sisyphe, der die Überwindung der
110
lismus. Insbesondere
seine frühen Werke
stehen dieser philosophischen Strömung
jedoch sehr nahe. Das
philosophische Werk
von Camus hat aber
auch einen eigenständigen Charakter. Die
Camus’sche Philosophie wird daher in
Abgrenzung
zum
Die Freiheit besteht
Existentialismus oft
in erster Linie nicht
als „Philosophie des
Absurden“ bezeichaus Privilegien,
net. Dies erscheint
sondern aus P ichten.
gerechtfertigt, da insbesondere Camus’
Sicht der Revolte von
existentialistiCamus der
schen
Philosophie
Sinnlosigkeit der eigenen Existenz durch trotzi- abweicht, was schließlich auch zum Bruch mit
ges Akzeptieren ihrer Tragik und durch Pflicht- Sartre führte. Dem Leid und dem Elend in der
erfüllung zu propagieren scheint, traf bei seiner Welt ist kein Sinn abzugewinnen. Der „absurde
Publikation offenbar die Stimmung im besetzten Mensch“ ist stets Atheist. Das Leid bleibt für ihn
Frankreich. In den Nachkriegsjahren war er wie nicht nur sinnlos, es bleibt auch unerklärbar. Bei
Sartre (mit dem ihn eine kurze Zeit lang auch ein Camus fühlt „der Mensch“ wie fremd ihm alles ist
freundschaftliches Verhältnis verband) einer der und erkennt dabei die Sinnlosigkeit der Welt; so
Vordenker des Existentialismus. Camus begnügte stürzt er im Verlaufe seines Strebens nach Sinn in
sich nicht mit einer Literatenrolle, sondern ver- tiefste existentielle Krisen, das Absurde macht vor
suchte darüber hinaus journalistisch in die Poli- niemandem halt. Für Camus besteht das Absurde
tik hineinzuwirken als ein humanitärer, gemäßigt im Erkennen der Tatsache, dass das menschlilinker Pazifist, der insbesondere die Unnach- che Streben nach Sinn in einer sinnleeren Welt
giebigkeit der französischen Kolonialpolitik und notwendigerweise vergeblich, aber nicht ohne
die Grausamkeiten der Kolonialtruppen brand- Hoffnung bleiben muss. Um nicht verzweifelt zu
markte. Seine Zeitschriftenartikel gab er ab 1950 resignieren oder in Passivität zu verfallen, proparegelmäßig auch in Sammelbänden mit dem Titel giert Camus im Sinne des Existentialismus und
Actuelles heraus. Da er bemüht war, über den in Anlehnung an Friedrich Nietzsche den aktiven,
Parteien zu stehen, geriet er oft zwischen die auf sich allein gestellten Menschen, der unabFronten. 1957 erhielt Camus den Literaturno- hängig von einem Gott und dessen Gnade selbstbelpreis. Am Nachmittag des 4. Januar 1960 bestimmt ein Bewusstsein neuer Möglichkeiten
starb Camus bei einem Autounfall als Beifahrer, der Schicksalsüberwindung, der Auflehnung, des
Camus war sofort tot. Camus hatte sich zu der Widerspruchs und der inneren Revolte entwiAutofahrt überreden lassen, obwohl er bereits ckelt. Es gibt zwar keinen „Ausweg“ aus der
eine Bahnfahrkarte nach Paris gelöst hatte.
absurden Situation des Menschen, dennoch kann
Lehre: Camus gilt als einer der bekanntesten das Absurde überwunden werden: durch die
und bedeutendsten französischen Autoren des Annahme der absurden Situation seitens des
20. Jahrhunderts. Er, der in Deutschland eher Menschen. Der Mensch gesteht sich die Absurals Philosoph denn als Literat bekannt ist, zählte dität seiner Lage ein und akzeptiert sie, anstatt
sich selbst nicht zu den Vertretern des Existentia- dem Irrglauben zu erliegen, er müsse sich durch
111
Neuzeit
Neuzeit
Selbsttötung aus der Absurdität befreien. Vielmehr strebt er trotz allem (und auch das sei
absurd) weiter, nach vorne. Der Mensch ist –
ebenso wie bei anderen Vertretern des Existentialismus – ein Handelnder, ein Drängender. In dem
philosophischen Essay Der Mythos des Sisyphos
illustriert Camus das Glücklichsein des absurden
Menschen am Beispiel der mythologischen Figur,
die dazu verdammt ist, einen Stein immer wieder
von neuem auf einen Berg zu wälzen.
Dennoch löst sich der Widerspruch des Absurden
durch diese „permanente Revolte“ nie ganz auf.
Die Revolte ist notwendig, führt aber letztlich nie
zum Ziel. Es ist in gewisser Hinsicht ein ewiges
Aufstehen mit einem „höhnischen Trotzdem“, mit
dem der absurde Mensch den Tag aufs Neue
beginnt. Dieser Prozess selbst ist endlos. Nach
Camus sind die zwischenmenschlichen Beziehungen für sich betrachtet ebenso absurd wie die
Situation des Menschen, der sich alleine der Natur
gegenübersieht, die ihn allumfassend umgibt.
In Die Pest reicht die Revolte allein nun nicht
mehr zur Sinngebung des Menschen aus. In ihrer
scheinbar hoffnungslosen Situation und ihrem
aussichtslosen Kampf dagegen finden die Menschen zur gegenseitigen Solidarität, zu Freundschaft und Liebe. Ohne im Daseinskampf
gewonnene Werte ergibt die Revolte keinen Sinn.
Aber diese Werte müssen sich auf das richten, was
wirklich existiert: auf die Menschen selbst. Was
der Mensch braucht, ist „menschliche Wärme“.
Camus wandte sich in seinen Reden und Schriften gegen alle autoritären Staatsformen, insbesondere gegen den stalinistischen Sozialismus.
Zitate:
• Die wahre Großzügigkeit gegenüber der
Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu
geben.
• Von einem bestimmten Alter an ist jeder
Mensch für sein Gesicht verantwortlich.
• Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als
man sich nicht mit ihm abfindet.
• Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus
Privilegien, sondern aus Pflichten.
• Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.
• Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung,
gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist
eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.
• Charme ist die Art, wie ein Mensch „ja“ sagt,
ohne dass ihm eine bestimmte Frage gestellt
worden war.
• Das menschliche Herz hat eine fatale Neigung, nur etwas Niederschmetterndes Schicksal zu nennen.
• Das Leben lässt sich einfacher Leben, wenn
es keinen Sinn hat.
Sloterdijk
Deutscher Philosoph und
Kulturwissenschaftler (1947)
Leben: Peter Sloterdijks Geburt war aufgrund
einer Rhesus-Inkompatibilität „kompliziert“, und
auf die schwierige Geburt folgte eine „schwere
Gelbsucht“. Seine Mutter, eine Deutsche, lernte
seinen Vater, einen Niederländer, in den Nachkriegswirren kennen, die Ehe hielt nicht lange,
wuchs bei seiner Mutter auf. Von 1968 bis 1974
studierte er in München und an der Universität
Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Bereits 1971 erstellte Sloterdijk seine Magisterarbeit, im Jahr 1976 folgte die Doktorarbeit.
Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im
Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später
Osho) im indischen Pune auf; er beschreibt die
Umstimmungserfahrung, die er dort erlebt hat, als
eine „irreversible“, ohne die seine Schriftstellerei
nicht zu denken wäre. Seit den 1980er Jahren
war Sloterdijk freier Schriftsteller. Im Jahr 1988
übernahm er eine Gastdozentur am Lehrstuhl für
Poetik der Johann Wolfgang Goethe-Universität
in Frankfurt am Main. Von 1992 bis 1993 hatte er
den Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik an der
Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne. Zudem wurde Sloterdijk 1993 Leiter
des Institutes für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bis er schließlich 2001 eine Vertragsprofessur am Ordinariat
für Kulturphilosophie und Medientheorie in Wien
übernahm. Seit 2001 ist Sloterdijk Rektor der
Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie dort Professor für Philosophie und
Ästhetik. Im Zuge seiner regen Vortragstätigkeit im
In- und Ausland erhöhte sich sein Bekanntheitsgrad. Von 2002 bis 2012 moderierte er – zusammen mit Rüdiger Safranski – die Gesprächsrunde
Das Philosophische Quartett im ZDF. Peter Sloterdijk ist beisitzendes Mitglied im 2008 gegründeten Frankfurter Zukunftsrat.
112
Interreligiöse
Dialoge wären nur
ergebnisreich,
wenn in ihrem
Gefolge jede
organisierte
Religion vor
der eigenen
apokalyptischen
Haustür kehrte.
Lehre: Der Durchbruch als philosophischer Autor
gelang Sloterdijk mit der Kritik der zynischen
Vernunft aus dem Jahr 1983. Die Regeln für den
Menschenpark erregten 1999 eine heftige öffentliche Debatte. Sloterdijks kulturkritisch-essayistisches Denken hat seinen Ursprung in der Frankfurter Schule, von der er sich später jedoch dezidiert abgrenzte; er assimiliert das dazu antipodische Werk Heideggers, um gegenwärtig die
Traditionen Nietzsches und Hegels zu aktualisieren. Im Essay Gottes Eifer von 2007 vergleicht Sloterdijk die drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und
Islam. Dabei führt der Autor sie auf ihre abrahamitischen Wurzeln zurück und beschreibt, was
sie voneinander trennt und worin sich die Glaubensinhalte unterscheiden. Sloterdijk kommt nun
zu der Annahme, dass die große Gemeinsamkeit der drei Religionen die „eifernde“ und „einwertige“ Ausprägung ihres Anspruchs auf die
Gotteswahrheit sei. In der Gegenwart seien die
drei Religionen aufgefordert, so demonstriert
Sloterdijk anhand einer Neuinterpretation von
Lessings Ringparabel, von Eifererkollektiven zu
Parteien einer Zivilgesellschaft zu werden. Interreligiöse Dialoge wären nur ergebnisreich, wenn
in ihrem Gefolge jede organisierte Religion vor
der eigenen apokalyptischen Haustür kehrte.
Dabei werden die Gemäßigten die Beobachtung
machen, das ihre jeweiligen Eiferer und End-
zeitkrieger in der Regel
nur flüchtig angelernte Aktivisten sind, bei
denen der Zorn, das
Ressentiment,
die
Ambition
und
die
Suche nach Empörungsgründen
dem
Glauben vorhergehen.
Der religiöse Code
dient ausschließlich
zur Vertextung einer
sozial bedingten, existentiellen
Wutspannung, die auf Abreaktion drängt.
Globalisierung heißt:
Die Kulturen zivilisieren
Sloterdijk sich gegenseitig. Das
Jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird
zum Umweltbericht und zum Protokoll über die
Lage der Menschenrechte. Damit kommt er auf
das Leitmotiv dieser Überlegungen zurück, das im
Ethos der allgemeinen Kulturwissenschaft gründet. Er wiederholt es wie ein Credo und wünsche
ihm die Kraft, sich mit Feuerzungen auszubreiten: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.
Der Begriff „Offenbarung“ selbst macht diese Verführung deutlich, da er eine Aussage über den
Stand der menschlichen Geistigkeit enthält: Diese
muß eine angemessene hohe Entwicklung aufweisen, um von einer Offenbarung monotheistischen Stils ansprechbar zu sein, jedoch sich noch
in einem hinreichend unentwickelten Zustand
befinden, um einer Nachhilfe von oben zu bedürfen. Der Terminus Offenbarung impliziert folglich
eine Beschleunigung der Erkenntnis auf eine
absolute Geschwindigkeit. Er postuliert die Synchronisierung der menschlichen Einsicht mit der
transrapiden Intelligenz Gottes.
Zitate:
• Das latente Thema des Humanismus ist die
Entwilderung des Menschen, und seine These
lautet: Richtige Lektüre macht zahm.
• Zum Credo des Humanismus gehört die Überzeugung, das Menschen >> Tiere unter Einfluß << sind und daß es deswegen unerläßlich
sei, ihnen die richtige Art von Beeinflussung
zukommen zu lassen.
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