Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung

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KAPITEL 10
Resümee: Zwischen
Gleichheitsnorm und
Differenzerfahrung
Die vorliegende Studie fokussiert die Geschlechterkonstruktionen im ungarischen
Transformationsprozeß. Die Leitfrage lautete: Wie werden Begriffe der
Geschlechterdifferenz und –(un)gleichheit gedeutet, dies vor dem Hintergrund von
40 Jahre sozialistischer Gleichheitsrhetorik und parallel zu der Wiederbelebung von
traditionellen Geschlechterideologien nach der Wende sowie aufgrund den
widersprüchlichen Lebensrealitäten von Frauen und Männer.
Diese Fragestellung wurde empirisch am Beispiel des Journalismusberufes
untersucht. Beruf wurde dabei weniger aus der Perspektive der Professions- oder der
Organisationsforschung betrachtet, sondern als zentraler Teil der Subjektkonstitution
konzipiert. Ausgangspunkt war die Überlegung, daß im Wechselverhältnis von
normativen und strukturellen Rahmungen das berufliche Selbstkonzept als ein Teil
der Subjektkonstitution entwickelt wird. Die komplexen Strukturen und Normen, auf
die Subjekte im Berufsfeld treffen, sind zum Teil inkonsistent und widersprüchlich.
Widersprüche lassen sich nicht nur in Normen, Routinen, Organisations- und
Arbeitsstrukturen innerhalb eines Berufes identifizieren, sondern auch im Verhältnis
der Erwerbstätigkeit zu anderen Lebensbereichen. Wie wird Geschlecht im Rahmen
eines solchen journalistischen Berufskonzeptes gedeutet? Wie werden berufliche
Vorstellungen
und
vergeschlechtlichte
Lebensentwürfe
Teile
von
Geschlechterkonstruktionen? Das sind die Fragen, um die die erkenntnisleitende
Interesse kreist.
363
364
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
In diesem abschließenden Kapitel werden die empirischen Ergebnisse systematisiert.
Die Verknüpfungspunkte zwischen Berufs- und Geschlechterkonstruktionen werden
thematisch geordnet zusammengefaßt. Hier kommen zwei Perspektiven zum Tragen:
Erstens, wie die JournalistInnen am gesellschaftlich relevanten Wertesystem
anknüpfen, indem sie das journalistische Berufsfeld aus der Perspektive von
Geschlechter(un)gleichheit und –differenz beschreiben. Zweitens, wie ihre
individuellen Berufs- und Lebenskonzepte hinsichtlich der Geschlechterdimension
dargestellt werden. Danach stehen die Mechanismen im Mittelpunkt, die zwischen
diesen beiden Perspektiven vermitteln: Wie wird das subjektive Selbstverständnis im
Spannungsfeld von Beruf und Geschlecht auf das gesellschaftliche und berufliche
Wertesystem bezogen? Abschließend wird ausgeführt, welche Strategien die befragten
Frauen
und
Männer
entwickeln,
um
den
widersprüchlichen
Handlungsanforderungen gerecht zu werden und wie sie zur Rekonstruktion der
asymmetrischen Geschlechterkultur beitragen.
1
Anknüpfung an gesellschaftlich relevante Wertesysteme
Die befragten JournalistInnen bewegen sich in ihren Argumentationen in einem
normativen Widerspruch, dessen Grundstruktur einerseits von der alltäglichen
Differenzerfahrung als Realitätsannahme und andererseits der normativen Erwartung
der Gleichheit bestimmt ist. Sie beziehen sich immer wieder auf den
gesellschaftlichen Konsens der Geschlechtergleichheit und betonen dessen
handlungsleitenden Charakter. Die Wahrnehmung der Geschlechterverhältnisse wird
aber weiterhin von der Differenzannahme geleitet. Um diese Ambivalenz aufzulösen
werden im Rahmen der Gleichheitsnorm legitime Bereiche der
Differenzkonstruktionen festgelegt. Die Geschlechterkonstruktionen sind also nicht
übergreifend und universell nach der Prämisse der Gleichheit oder der Differenz
festgelegt, sondern zeigen eine kontextabhängige Variabilität auf (vgl. auch Heintz/
Nadai 1998).
1.1
Beruf als Ort der Geschlechtergleichheit
Als Ort für die Akzeptanz der Gleichheitsnorm steht der ‚rein‘ berufliche Bereich. Das
zeigt besonders prägnante Konsequenzen in zwei thematischen Kontexten: Wie wird
Geschlechter(un)gleichheit im Beruf wahrgenommen? Welche Lösungsansätze für
die Abschaffung von Ungleichheit werden präsentiert?
Anknüpfung an gesellschaftlich relevante Wertesysteme
365
Wahrnehmung von (Un)Gleichheit im beruflichen Kontext
Die GesprächspartnerInnen beiderlei Geschlechts betonen zuerst, daß im
Ungarischen Hörfunk weibliche und männliche KollegInnen ‚gleich‘ sind. Wie sich
während der Analyse herauskristallisiert hat, ist diese Aussage vor allem als
Bekenntnis für die Gleichheitsnorm zu interpretieren. In der Einzelfallanalyse wurde
herausgearbeitet, wie unterschiedlich die GesprächspartnerInnen sich auf diesen
Konsens beziehen. Bei den Männern führt diese normative Vorannahme zur
Ausblendung von Ungleichheit. In ihren Deutungen wird die Wahrnehmung von
Geschlechterdifferenz im beruflichen Kontext mit dem Ausüben von ungleicher
Behandlung bzw. mit der Diskriminierung von Frauen gleichgesetzt. So verstößt schon
die bloße Benennung von Geschlechterungleichheit gegen die Gleichheitsnorm. Diese
Art von Verbindung zwischen Wahrnehmung und Handlung führt paradoxer Weise zu
einer Wahrnehmungsbarriere, wobei diskriminierendes Verhalten, zumindest
manifest, durch die Norm der Geschlechtergleichheit untersagt ist. Normativ
festgeschrieben ist nicht nur, daß Frauen und Männer im Beruf ‚gleich‘ behandelt
werden müssen, sondern auch, daß dieser Zustand auch tatsächlich, ‚faktisch‘
verwirklicht ist. Das schließt nicht aus, daß einzelne männliche Gesprächspartner
auf diese Wahrnehmungsbarriere punktuell reflektieren, wie es bei Ralf W. der Fall ist:
Er erklärt, daß er vielleicht deshalb ‚keine Unterschiede sieht, weil er selber keine
machen will‘. Diese Reflexion erfolgt aber thematisch nur sehr begrenzt und erfüllt
die Funktion, der Gleichheitsnorm widersprechende Erfahrungen, die nicht
ausgeblendet werden können, in die Gleichheitskonstruktion zu integrieren, ohne die
Glaubwürdigkeit der Person hinterfragen zu müssen. Für den Standpunkt der
befragten Männer ist eine Distanzierung von der Geschlechterproblematik
charakteristisch, die auch in der Ablehnung von Wahrnehmung der Ungleichheiten
artikuliert wird. Die sehr vereinfachte Struktur dieser zirkulären
Argumentationsmuster läßt sich so beschreiben: ‚Ich orientiere mich an der
Gleichheitsnorm, deshalb berücksichtige ich in meinen Handlungen keine
Geschlechterdifferenzen. Da ich sie nicht berücksichtige, sind sie nicht relevant, d.h.
können ausgeblendet werden. Wenn sie aber ausgeblendet werden, dann gibt es
eigentlich auch keine Differenzen. Folglich sind die beiden Geschlechter im
Journalismusberuf gleich‘. Die selektive Wahrnehmung der Geschlechterdimension
im Beruf wird dadurch unterstrichen, daß die Geschlechterfrage als eine individuelle
Angelegenheit verstanden wird. Das bedeutet, daß einerseits der Gleichheitsnorm
widersprechende Erfahrungen nicht auf strukturelle Hindernisse sondern auf die
366
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
individuelle Unfähigkeit bzw. das Desinteresse von weiblichen Journalistinnen
zurückgeführt werden und andererseits die Karriere einzelner Frauen als Beweise
zitiert werden, um die Gültigkeit der Gleichheitsnorm zu belegen.
Die interviewten Frauen weisen hingegen darauf hin, daß es trotz des
Gleichheitsgrundsatzes Unterschiede gibt und daß Frauen in benachteiligten
Positionen sind: Frauen müssen mehr Arbeit für eine Anerkennung leisten,
hierarchische Positionen sind ungleich verteilt etc. Eine ähnliche Barriere wie bei den
Männern ist hier nicht zu beobachten: Die Wahrnehmung von Ungleichheit wird
anscheinend nicht als Verletzung der deklarierten Gleichheitsnorm angesehen. Sie
wird aber auf unterschiedliche Art und Weise von der persönlichen Betroffenheit der
einzelnen Frauen bestimmt. Das zeigt sich sehr deutlich in der Einzelfallanalyse: Ute
G. benutzt in ihrer Argumentation ihre ‚Nicht-Betroffenheit‘, um sich von der
Problematik einerseits und von der Genusgruppe Frauen andererseit abzugrenzen:
Sie bezeichnet sich als untypische Frau, die von der Diskriminierung von Frauen qua
Geschlecht nicht betroffen ist. Sie stellt aber damit nicht ihre Weiblichkeit im
allgemeinen in Frage, sie negiert nur deren Relevanz in bezug auf die Ausübung des
Journalismusberufes. Als Nicht-Betroffene, erscheint es für sie nicht legitim, über das
Problem der Ungleichheit zu sprechen. An diesem Punkt steht ihr
Argumentationsmuster dem der beiden Männer nahe: Nicht involviert zu sein
bedeutet, darüber nicht sprechen zu müssen bzw. zu können. In der
Problematisierung der Geschlechterungleichheit im Beruf spielt also das persönliche
Erlebnis die Legitimationsrolle. Das verstärkt vor allem den individuellen Charakter
der Ungleichheit.
Elke R. bezeichnet sich auch als untypisch. Bei ihr geht es aber nicht um Nachteile,
sondern gerade um Vorteile: Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, meint sie, benutzt
sie die Vorteile, die die Weiblichkeit durch das Zurschaustellen des attraktiven
weiblichen Körpers in der Berufsausübung bietet nicht. Sie distanziert sich aber damit
genauso wenig von der eigenen Weiblichkeit im allgemeinen wie Frau G. Für sie geht
es auch ausschließlich um die Abkoppelung des Frau-Seins von den beruflichen
Aktivitäten. Aber im Gegensatz zu Ute G. ist die persönliche Betroffenheit von der
Geschlechterdiskrimination für Elke R. zentral: Sie führt die mangelnde Anerkennung
ihrer Leistung und ihrer Person auf ihre Geschlechtszugehörigkeit zurück. Obwohl
Frau R. im Gegensatz zu Ute G. ihre persönliche Betroffenheit durchgehend
thematisiert, und ihre Erfahrung über das mühsame Erwerben der Anerkennung im
kollegialen Kontext als kollektives Erlebnis für die anderen Frauen im Hörfunk deutet,
bleibt bei ihr die strukturelle Dimension genauso ausgeklammert. Letzten Endes
bleibt Ungleichheit ein individuelles Problem der Frauen, gegen das sie weiterhin
Anknüpfung an gesellschaftlich relevante Wertesysteme
367
individuell kämpfen müssen. Weder die von ihr genannten Ursachen, noch die
vorgeschlagene Lösung weisen strukturelle Merkmale auf. Dem Geschlecht wird nur
auf individueller Ebene Relevanz eingeräumt.
Zusammenfassend läßt sich also feststellen, daß die InterviewpartnerInnen sich
grundsätzlich stark von jenen eigenen Handlungen abgrenzen, die in ihrer
Interpretation Geschlechterunterschiede hervorrufen können. Bei den Männern
äußert sich das in erster Linie in der Betonung der gleichen Behandlung von Frauen
und Männern und in der Distanzierung von der Wahrnehmung der
Geschlechterungleichheit. Bei den Frauen spielt viel mehr die Abgrenzung von den
anderen, den ‚typischen‘ Frauen im Beruf die wichtige Rolle. Wie der Fall von Ute G.
zeigt, wird diese Abgrenzung ggf. auch als Schutz vor der Diskriminierung verstanden.
Obwohl die Argumentationsstrategie der persönlichen Distanzierung anderes
vermuten läßt, wird in bezug auf die Geschlechterungleichheit keine strukturelle
Komponente in die Erklärungsmuster einbezogen. Auch wenn die
GesprächspartnerInnen und vor allem die Frauen, die ungleiche Verteilung von
Leitungspositionen oder von prestigeträchtigen Sendungen beschreiben, leiten sie
ihre Argumentation nicht weiter und verkoppeln die wahrgenommenen
Ungleichheiten nicht mit hierarchischen Strukturen zwischen den Geschlechtern,
weder als Ursache noch als Endergebnis. Auch die weiteren Folgen dieser Differenzen
bleiben unthematisiert. Die Ausblendung der Strukturebene läßt sich sehr eindeutig
am Beispiel der unterschiedlichen Thematisierungen der Rekrutierungspraxis einer
Redaktion zeigen. Sowohl Ralf W. als auch Elke R. berichten darüber, daß ‚früher‘ in
dieser Redaktion kaum Frauen eingestellt wurden, weil man befürchtete, daß sie
aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen den strengen Dienstzeiten nicht
nachkommen können. Die beiden JournalistInnen blicken auf dieses Phänomen aus
differenten Perspektiven: Ralf W. erzählt, wie er sich als neuer Redaktionsleiter von
dieser Praxis verabschiedet hat. Elke R. war von der Diskriminierung selbst betroffen:
Ihre Bewerbung wurde abgelehnt. KeineR von den Beiden bezeichnet die Vorfälle als
Benachteiligung oder Diskriminierung. Herr W. sieht darin vor allem die
‚ungeschickte‘ Personalpolitik seiner Vorgänger, die er korrigiert hat. Frau R.
betrachtet ihre Ablehnung als eine Falscheinschätzung ihrer Fähigkeiten. Beide
beziehen sich vor allem darauf, daß es eine Diskrepanz gibt zwischen der
Vorannahme, Frauen könnten ihre Familie bevorzugen, und den empirischen
Einzelfällen, die die ‚tatäschliche‘ Bereitschaft von Frauen zeigen, dem Beruf den
Vorrang zu geben. Diese Erfahrungen werden aber nicht auf der Strukturebene
weiterverfolgt.
368
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Der Weg zur Geschlechtergleichheit
Die GesprächspartnerInnen sprechen dem Thema Geschlechter(un)gleichheit
unterschiedlich hohe Relevanz zu: Die Frauen weisen offener auf den
Problemcharakter hin als die Männer. Gemeinsam ist aber bei VertreterInnen beider
Geschlechter, daß sie ihre eigenen Lebens- und Berufspraxen als persönliche
Beispiele für den erfolgreichen Umgang mit dem Geschlechterproblem zitieren. Auch
in den Lösungsvorschlägen bleibt die strukturelle Ebene weitgehend ausgeblendet:
Weder Interessenvertretung, noch Frauenförderpläne oder überhaupt irgendeine
strukturelle Verankerung der Problembewältigung wird angesprochen. Es ist zu
vermuten, daß die mit den strukturellen Lösungen einhergehende unvermeidliche
Dramatisierung des Geschlechts und insbesondere des Frau-Seins keine Akzeptanz
findet. Dies ist – wie später noch ausgeführt wird – auch nicht im Interesse der
Frauen, sie versuchen nämlich in ihrer Berufspraxis gerade diese geschlechtliche
Gebundenheit abzuspalten.
Die Lösungen bleiben individuell und in der Darstellung spielt die persönliche
Strategie die zentrale Rolle. Elke R. stellt das Selbstbewußtsein der Frauen in den
Mittelpunkt und plädiert für ‚mehr Glauben an sich‘. Ute G. bezeichnet sich als
untypische Frau, und erhofft damit, sich auch von der Wirkung der Diskrimination zu
entziehen. Sie hebt ihre berufliche Kompetenz hervor und sieht die Möglichkeit,
hierauf eine Karriere aufzubauen. Die Initiative kommt also in beiden Fällen von den
Frauen. Es verbirgt sich hier eine Argumentationslogik, nach der Frauen ‚einfach nur‘
ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zeigen müssen, um erfolgreich Barrieren
überwinden zu können. Das Geschlecht bleibt ausgeblendet: Es geht gerade darum,
daß Frauen sich nicht auf ihr Geschlecht und auf die Geschlechtergleichheit berufen,
sondern ‚geschlechtsneutrale‘ aber berufsrelevante Eigenschaften wie Kompetenz
aufzeigen.
Die Geschlechtergleichheit als Wert zu verteidigen bzw. sich darauf offen zu berufen
bleibt ein Privileg von Männern. Manfred T. formuliert es so, daß sie (er und die
‚Jungs‘ im Hörfunk) es ‚nicht zulassen würden‘, daß weibliche KollegInnen
benachteiligt werden. Diese Gefahr besteht seiner Meinung nach deshalb nicht, weil
hierüber ‚normale‘ Männer entscheiden, d.h. für ihn solche, die die
Geschlechtergleichheit im Beruf als Wert anerkennen und in ihren Entscheidungen
vor Augen haben. So achten die männlichen Kollegen auf die Geschlechtergleichheit.
Sie verzichten auf ihre Macht, Frauen zu benachteiligen, weil sie Gleichheit als Wert
anerkennen. Ralf W. demonstriert seine eigene Umgangsstrategie am folgenden
Beispiel vor: Er sieht die Menschen und nicht ihr Geschlecht, so sind alle in seinen
Augen gleich (was das Geschlecht betrifft). Diese ‚Entgeschlechtlichung‘ betrifft wie es
Anknüpfung an gesellschaftlich relevante Wertesysteme
369
in seiner Argumentation deutlich wird, letztlich doch eher die Frauen, Männer
erscheinen für ihn gar nicht erst als ‚Geschlechtswesen‘. Während also Frauen die
weiblichen Journalistinnen als Akteurinnen des Wandels betrachten, schreiben die
Männer den Frauen eine eindeutig passive Rolle zu. Bei beiden zielen aber die
Lösungen darauf, Geschlecht als Merkmal der Frauen in Form einer Ausblendung zu
‚entdramatisieren‘.
1.2
‚Legitime‘ Bereiche der Geschlechterdifferenz
Als Beispiele für den Differenzhorizont gelten Themen, die zwar ebenso mit dem
Beruf zusammenhängen, die aber die JournalistInnen als ‚Privatpersonen‘ berühren:
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Sexualität am Arbeitsplatz. Statt dem
Gleichheitskonsens spielt hier die Differenz der beiden Geschlechter die zentrale
Rolle, und gibt die Grundstruktur an, wie in diesen Themenkontexten argumentiert
wird. Die Legitimität der geschlechtlichen Unterscheidung in diesen Bereichen wird
von keiner Seite in Frage gestellt, weder von den Männern noch von den Frauen, und
dementsprechend wird hier nicht als Widerspruch zum Gleichheitskonsens aufgefaßt.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Ein zentrales Deutungsmuster in den Berufskonstruktionen ist die Darstellung des
Journalismus als einer ‚Lebensaufgabe‘. Die zeitlichen Grenzen zwischen Arbeit und
Privatleben sind flüssig, die alltäglichen Aktivitäten werden vor allem vom Beruf
bestimmt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben scheint in diesem
Zusammenhang eine zentrale Bedeutung zu haben. Es zeigen sich deutliche
geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Frage, wie die Vereinbarkeit
problematisiert wird. Die Männer sprechen darüber, daß die Omnipräsenz des
Berufes für das Familienleben und für die Ehe/Partnerbeziehung sehr belastend ist.
Es wird in den meisten Fällen deutlich, daß der Beruf im Lebensentwurf der
einzelnen Journalisten Vorrang hat. Die Frage der Vereinbarkeit wird entweder als
Suche nach beruflichem Erfolg und wenn dies möglich ist, einem erfüllten
Familienleben thematisiert, oder – seltener – als Interessenkonflikt zwischen dem
Journalisten und seiner Familie. Diese Perspektiven wurden in den Einzelfallanalysen
bei Ralf W. und bei Manfred T. detailliert herausgearbeitet. In ihrer Studie über
männliche Führungskräfte identifizieren Cornelia Behnke und Renate Liebold (2001)
vier zentrale Strategien, die Männer einsetzen, um ihr exzessives Arbeitsverhalten vor
den ‚Ansprüchen‘ der Familie zu retten. Ähnliche Strategien sind z.T. auch bei den
ungarischen Journalisten wiederzufinden: Die Manager konzipieren Arbeit als einen
permanenten Kampf. Das Motiv der ‚schweren‘ Arbeit ist auch in diesem Material
präsent. Die Journalisten beschreiben sich z.T. als ‚Sklaven‘ ihres Berufes. Wie
370
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Manager bauen auch sie einen negativen Gegenhorizont auf, indem sie ihren Beruf
dem der ‚Bürokraten‘ mit festen Arbeitszeiten (‚von 8 bis 16.30 Jobs‘)
gegenüberstellen. Die zwei weiteren von Behnke und Liebold gefundenen Strategien
sind in diesem Interviewmaterial marginal: Es gibt kaum Textstellen, in denen die
Hausarbeit z.B. als ‚Lebensmanagement‘ aufgewertet wird. Es fehlt ebenfalls eine
Deutung von Karriere, als ‚gemeinsamen Erfolg‘ des Mannes und der Ehefrau, der
Person, die den Alltag von dem Berufstätigen fernhält. Es gibt in einzelnen
Gesprächen Hinweise darauf, daß die Männer die Strategie einer gezielten
Krisenintervention einsetzen, um Konflikte in der Familie zu reduzieren, aber auch
dies scheint wenig Bedeutung für den Alltag zu haben.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird zu einem ‚Frauenproblem‘, wenn die
zusätzliche Arbeitsbelastung thematisiert wird. Die männlichen Interviewpartner
erklären häufiger, daß die familiären Verpflichtungen für Frauen die Arbeit im
Journalismus erschweren bzw. erschweren können. Die Familienorientierung von
Männern, wie z.B. das von Ralf W. beobachtete Engagement von jungen Vätern in
seiner Redaktion, wird nicht als potentielles Arbeitshindernis gesehen. Die
Konsequenzen der Doppelbelastung von Frauen werden unterschiedlich beurteilt. Das
illustrieren die Entscheidungspraxen der beiden Männer, wie sie in den
Einzelfallanalyse deutlich werden. Ralf W. beruft sich auf seine empirischen
Erfahrungen: Demnach sind die Frauen in der Lage, dieses Problem individuell zu
lösen, ohne daß dies Nachwirkungen auf ihre Arbeitsqualität im Beruf hätte. Herr W.
betrachtet also die Familienverhältnisse als irrelevant für seine
Personalentscheidungen. Manfred T. stellt die Schwierigkeiten der Frauen in den
Mittelpunkt, des Problems der Vereinbarung von Beruf und Familie. Da Frauen
seiner Meinung nach weniger belastbar sind, ‚schont‘ er sie bei der Vergabe von
Arbeitsaufträgen. Er beruft sich dabei auf die Interessen der Frauen.
Die Journalistinnen thematisieren das Verhältnis von Beruf und Familie mit einer
anderen Schwerpunktsetzung. Nicht die ‚Omnipräsenz‘ oder die Belastung steht im
Mittelpunkt, sondern die eigene individuelle Lebenspraxis als Beispiel für die
erfolgreiche Lösung des Vereinbarkeitsproblems. In der Einzelfallanalyse von Elke R.
und Ute G. zeigten sich zwei unterschiedliche Deutungsmuster. Frau R. stellt die
Toleranz ihrer Familie in den Mittelpunkt. Sie nimmt in ihrer Argumentation die
Position der ‚Gewinnerin‘ ein: Ihre Kinder akzeptieren ihr berufliches Engagement
und sind bereit, das begrenzte Zeit- und Energiebudget von Frau R. in Kauf zu
nehmen. Während Frau R. der Verwirklichung der eigenen Ziele einen hohen
Stellenwert einräumt, wird im Gespräch mit Ute G. deutlich, daß ihre individuellen
Bedürfnisse sich im Pendeln zwischen Beruf und Familie auflösen. Sie erscheint in
Anknüpfung an gesellschaftlich relevante Wertesysteme
371
ihrer Selbstdarstellung weniger als Subjekt, sondern als ‚Funktionsträgerin‘, die für
die Familienernährung, Haushalt und Kinderversorgung zuständig ist. Ihre Karriere
ist diesen Funktionen instrumentell untergeordnet. Das scheinbare Primat des
Berufslebens gegenüber der Familie im Alltagsleben steht die Fokussierung auf das
Wohl der Familie in der mittel- bis langfristigen Lebensplanung gegenüber.
Karriereentscheidungen werden weder nach dem Prinzip des ‚Ehrgeizes‘ noch nach
dem der ‚Selbstverwirklichung‘ getroffen, sondern nach der Frage, wie die Familie am
besten existentiell abgesichert ist. Frau G. thematisiert in diesem Kontext weder die
mangelnde Individualität und Freiräume noch die doppelte Arbeitsbelastung.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muß von Frauen individuell gelöst werden –
das kristallisiert sich als Konsens aus allen Interviews heraus. Strukturelle Ursachen,
wie die ungleiche familiäre Arbeitsteilung und ein mögliches größeres Engagement
von Männern wird nicht in Betracht gezogen. Obwohl das Problem vor allem für die
Frauen als ‚Lebensrealität‘ erscheint, sind es eher die männlichen Gesprächspartner,
die der Frage eine größere Relevanz beimessen. Keine der Frauen berichtet in
personellen Entscheidungen, als Redakteurin oder Leiterin solche Faktoren zu
berücksichtigen. Es sind die Männer, die aus ihrer Entscheidungsposition heraus
immer wieder beurteilen, wie die weiblichen Mitarbeiterinnen mit ihrer
‚Vereinbarkeitsaufgabe‘ umgehen. Sie präsentieren sich z.T. gewissermaßen als
‚Vertreter der Organisationsinteressen‘ im Ungarischen Hörfunk, indem sie bemüht
sind, die negativen Auswirkungen einer schlecht gelösten Vereinbarkeitspraxis zu
begrenzen und die zusätzlichen Arbeitspotentiale von gut qualifizierten weiblichen
Journalistinnen abzuschöpfen, die durch die ‚guten Lösungen‘ zur Verfügung stehen.
Die Frauen im UH müssen also nicht nur Lösungswege für die Vereinbarkeitsfrage in
ihrer Lebenspraxis finden, sondern sie müssen diese individuellen Lösungen
ebenfalls für die – männlichen – Entscheidungsträger glaubwürdig nach außen
präsentieren. Aufgrund der Besonderheiten in der projektorientierten
Arbeitsorganisation werden die Lösungsstrategien immer wieder auf Prüfstand
gestellt. Bei der Vergabe von einzelnen Arbeitsaufträgen – Nebenjobs, die sowohl
finanziell, als auch für die Karriere von zentraler Bedeutung sind – darf kein Zweifel
daran aufkommen, daß die Journalistin ihre familiären Verpflichtungen ohne
Auswirkung auf ihre Arbeitsleistung erfüllen kann.
Sexualität am Arbeitsplatz
Der zweite Beispiel für die ‚legitimen‘ Differenzkonstruktionen ist die Thematisierung
der Sexualität am Arbeitsplatz. Obwohl im Interviewleitfaden dieses Thema nicht
explizit angesprochen war, nahmen sehr viele GesprächspartnerInnen in den
372
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Interviews hierauf bezug. In allen Fällen verstanden sie unter Sexualität
ausschließlich Heterosexualität und verknüpften sie eng mit der Gender-Thematik. In
diesem thematischen Kontext gibt es wieder deutliche Unterschiede zwischen
weiblichen und männlichen JournalistInnen. Männer erklären, daß sie bei der Arbeit
die weibliche Attraktivität ihres Gegenübers nicht ausblenden ‚können‘. In ihren
Augen erscheint das als ein ‚Virtus‘, ein Beweis ihrer ‚gesunden‘ Männlichkeit, die die
latenten erotischen Impulse des Weiblichen registriert und darauf reagiert. Das
professionelle Verhältnis wird mit einer privaten, emotionalen Konnotation versehen,
ohne daß die Männer hierdurch ihre beruflichen Kompetenzen als gefährdet ansehen
würden.
Eine ‚eigenständige‘ weibliche Sexualität in ähnlicher Form wird weder von Männern
noch von Frauen beschrieben. Beide Geschlechter sprechen zwar über eine
‚gegenseitige (hetero)sexuelle Anziehungskraft‘, die sich aber letztlich als eine
Instrumentalisierung der weiblichen Attraktivität entpuppt. Der weibliche Körper
kann für professionelle Zwecke ‚eingesetzt‘ werden. Er kann den Zugang zu
Informationen oder zu männlichen Informanten erleichten. Das entspricht auch der
Berufsethik des Journalismus: Persönliche Ressourcen für das gemeinschaftliche Ziel
einsetzen. Werden allerdings individuelle Vorteile verfolgt, wie z.B. die Förderung der
eigenen Karriere durch erotisch-sexuelle Kontakte zu männlichen
Entscheidungsträgern, gilt dies als verwerflich und wird besonders von den Männern
heftig abgelehnt.
Auch, wenn einige ‚prinzipiell‘ die Möglichkeit für solche ‚weiblichen Vorteile‘ offen
sehen, berichtet keine der Frauen darüber, daß sie ihre körperliche Attraktivität
tatsächlich im Berufsalltag einsetzen würde, sei es für journalistische Zwecke oder für
die Karriereförderung. Im Gegenteil, wie bei Elke R. und Ute G. deutlich wird,
distanzieren sie sich von dieser Praxis. Alle berufen sich auf ihre
‚geschlechtsneutralen‘ fachlichen Kompetenzen und lehnen es ab, ihre weibliche
Sexualität instrumentell einsetzen zu müssen. Im Gegensatz zu den Männern, die
ihre Sexualität im Beruf positiv darstellen können und als natürliches Phänomen
ihrer Männlichkeit unterstreichen, versuchen die Frauen sich im beruflichen Kontext
als ‚entsexualisierte‘ Wesen darzustellen. Hinweise auf erotische Gefühle bzw.
Gedanken bei der Zusammenarbeit mit männlichen Informanten oder Kollegen
kommen von weiblichen Gesprächspartnerinnen nicht. Es ist anzunehmen, daß
durch solche Emotionen in professionellen Situationen ihre journalistischen
Kompetenzen in Frage gestellt werden.
Die Geschlechterdimension in den Berufs- und Lebenskonzepten
373
Sexuelle Belästigung wird nur in einem Interview, demjenigen von Ralf W.
angesprochen. Er erklärt, daß die ‚natürliche‘ kollegiale Atmosphäre gewisse
Intimitäten erlaubt. Er sieht vor allem in der übertriebenen Problematisierung der
Sexualität am Arbeitsplatz das ‚eigentliche‘ Problem. Er stellt die kollegialen
Beziehungen in diesem Kontext als ‚natürlich‘ durchsexualisiert und gleichzeitig
‚entgeschlechtlicht‘ dar, wobei nach der genauen Analyse deutlich wird, daß Frauen
einen begrenzten Spielraum haben, sich dem zu entziehen. Inwieweit sexuelle
Belästigung zum Alltag gehört, kann man anhand dieser empirischen Materialien
nicht feststellen. Diese Frage ist in Ungarn auch in der Wissenschaft weitestgehend
tabuisiert, obwohl weitere Forschungen auch hier dringend notwendig wären.
2
Die Geschlechterdimension in den Berufs- und Lebenskonzepten
Wie verorten sich die GesprächspartnerInnen als weibliche und männliche Individuen
in ihren Berufskonstruktionen? Um dieser Frage nachzugehen, wird zuerst die
geschlechtsspezifische Prägung von Berufskonzepten zusammengefaßt. Im zweiten
Schritt werden die grundlegenden Strukturen dargestellt, die sich sowohl hinter der
Berufs- als auch den Geschlechterkonstruktionen verbergen. Hier werde ich vor allem
auf die Ergebnisse der Einzelfallanalysen zurückgreifen. Diese vier Fälle stellen keine
Typologie dar. Sie dienen dazu, exemplarisch verschiedene Wege und Verbindungen
zwischen Berufs- und Geschlechterbildern aufzuzeigen.
2.1
Berufskonzepte und Geschlecht
Keine der befragten JournalistInnen definiert den Beruf als einen eindeutig
männlichen oder weiblichen. Die grundsätzliche Eignung von Frauen oder von
Männern qua Geschlecht wird von niemandem hinterfragt. Wie die Analyse der
Interviews von Manfred T. und Elke R. zeigt, nehmen die GesprächspartnerInnen,
ohne dies explizit so zu benennen, trotzdem eine geschlechtliche Kodierung des
Berufes vor. Interessant sind die beiden Argumentationen vor allem deshalb, weil sie
zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen kommen: Herr T. verbindet den
Journalismus mit ‚Männlichkeit‘, während Frau R. ihn viel mehr mit weiblichen
Eigenschaften konnotiert.
Manfred T. deutet den Journalismusberuf als eine Möglichkeit, originelles zu leisten.
Kreativität ist für ihn das zentrale Qualitätsmerkmal und die Leitlinie für die eigene
berufliche Tätigkeit: Er möchte sein kreatives Potential darstellen und benutzt den
Beruf als Medium hierfür. An anderen Stellen, in bezug auf die
geschlechtsspezifischen Eigenschaften schreibt er Frauen Systematik, Sensibilität und
Fleiß in der Arbeit zu. Diese sind zwar besonders wichtig für den Journalismusberuf,
374
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
repräsentieren aber für ihn nicht den ‚eigentlichen Sinn‘, nämlich das kreative
Moment. Originalität und schnelle Arbeit sind männliche Eigenschaften. Damit
konnotiert Herr T. letztlich den Journalismusberuf mit männlicher Kreativität und
auch mit einem Teil der Arbeit, der ihm besonders nahe steht. Die Polarisierung
zwischen originell, kreativ, künstlerisch einerseits und systematisch, berechenbar
andererseits findet sich auch in der Biographie von Herrn T. wieder: Er träumt von
einer Karriere als Jazzmusiker, entscheidet sich aber dennoch für ein Jurastudium.
Improvisation vs. Gesetzesvorschrift – dieses Spannungsverhältnis bestimmt seinen
Lebenslauf. Im Journalismus bietet sich für ihn ein Feld, in dem er seine kreative
Kräfte einsetzen kann. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig
Originalität für Manfred T. im Beruf ist und warum es eine wesentliche Bedeutung
hat, wenn er diese männlich konnotiert.
Im Gespräch mit Elke R. ist eine ähnliche Struktur zu beobachten. Im Mittelpunkt
steht bei ihr das Konzept des ‚Dienens‘: Eigeninteresse zu überwinden und sich in
dem Dienst des Gemeinwohls zu stellen. In den kollegialen Beziehungen bedeutet das
für Frau R., in der Teamarbeit das beste zu geben und die eigene Individualität in den
Hintergrund zu stellen. Im Verhältnis mit den ZuhörerInnen heißt es
kundenorientiert zu denken, den ZuhörerInnen zu dienen, ihnen zu nutzen. Gegen
dem Individualismus wird also die Gemeinschaft gestellt, deren Interessen mit allen
Kräften gedient werden müssen. Frau R. beschreibt Anpassungsfähigkeit und bessere
Vertretung von Gemeinschaftsinteressen als geschlechtsspezifische Merkmale von
Frauen. Die Eigenschaften also, die für sie im Konzept des Journalismus die
wesentliche Rolle spielen und dem Beruf einen ‚Sinn‘, eine ‚Berufung‘ geben, sind
eindeutig weiblich konnotiert.
Sowohl Elke R. als auch Manfred T. schreiben dem Beruf indirekt
Geschlechterspezifika zu, die diesen als für die eigenen Geschlechtsgenossen geeignet
darstellen – auch wenn sie auf das Kollektiv der Genusgruppe keinen bezug nehmen.
Das ließe sich auch so interpretieren, daß sie ihre persönliche Eignung für den Beruf
damit unterstreichen wollen und für diesen Zweck Geschlecht als einen wichtigen Teil
der Selbstidentifikation einsetzen. Diese These läßt sich anhand des Materials nicht
mit Sicherheit belegen.
In den Interviews mit Ralf W. und Ute G. sind Zuschreibungen auf ähnlicher Ebene
nicht zu finden. Herr W. stellt den Begriff der Unabhängigkeit in den Mittelpunkt
seines Berufskonzeptes. Dies findet seine biographische Verankerung in seinem nie
verwirklichten Berufstraum, Publizist zu werden, d.h. die Weltereignisse zu
kommentieren, die eigene Meinung zu vermitteln, statt ‚nur‘ darüber zu berichten.
Das Interesse, ‚etwas sagen zu wollen‘ überträgt er auf den Journalismus. Für ihn ist
Die Geschlechterdimension in den Berufs- und Lebenskonzepten
375
das sein Kompromiß, der punktuell die Möglichkeit zu publizistisch-essayistischen
Tätigkeiten bietet. In diesem Sinne bedeutet Journalismus für ihn eine Art
unabhängiger Selbstverwirklichung, der er trotz der Grenzen, die er ansonsten in
seinem Berufsalltag als Chefredakteur und als Vorgesetzter der Nachrichtenredaktion
erlebt, unabhängig arbeiten kann.
Im Berufskonzept von Ute G. bildet ‚die Veränderung‘ den Mittelpunkt. In ihrer
Auffassung ist es die Aufgabe des Journalismus, durch Informationen gesellschaftliche
Veränderungen zu voranzutreiben. In den Medien müssen brennende
gesellschaftliche Themen, Anomalien, Probleme zum Thema gemacht werden, um
die Menschen hierüber zu informieren. Durch den Druck der Öffentlichkeit werden
Mechanismen in den Gang gesetzt, durch die eine Lösung erzielt werden kann. Das
Konzept von Ute G. basiert auf der Vorstellung, daß Medien eine ‚watch dog‘-Funktion
in der Gesellschaft erfüllen, d.h. die Machthaber der Politik und Wirtschaft
kontrollieren. Damit bekommt Journalismus eine wichtige Rolle als
Interessenvertreter oder Agent der Bevölkerung.
Die Berufskonzepte weisen in einer anderen Hinsicht eine geschlechtsspezifische
Besonderheit auf: Bei den beiden Männern steht die Möglichkeit der kreativen
Selbstentfaltung im Mittelpunkt. Ihr Berufsbild weist einen starken ‚Ich‘ – Bezug auf.
Für die weiblichen Interviewpartnerinnen ist Gemeinschaft die relevante Kategorie:
Die Interessen von Anderen zu vertreten, Veränderungen im Interesse der
Bevölkerung zu erzielen. Die Frauen äußern zwar auch ihre Zufriedenheit mit der
Arbeit, sie berufen sich aber nicht auf den mit der Arbeit verbundenen Aspekt der
‚Lust‘ auf Selbstverwirklichung, durch die die Arbeit sich zur Passion entwickelt. Für
die Männer ist diese Passion ständig im Leben präsent. Für die Frauen geht es mehr
um die Mission des ‚Helfens‘.
Die Konzepte von Passion und Mission referieren nicht auf einen gesellschaftlichen
Konsens von Geschlechternormen in Form einer Gleichheits- oder
Differenzargumentation, die InterviewpartnerInnen verorten diese nicht in einem
geschlechterpolarisierten Kontext. Bei der Interpretation von Passion als typisch
männliche und Mission als typisch weibliche Orientierung könnte die Analyse hier
Gefahr laufen, in der Untersuchung selbst Geschlechterstereotypen
mitzukonstruieren, bestimmte Orientierungen als frauen- oder männertypische
festzuschreiben. Deshalb wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß es
hier nicht um allgemeine weibliche oder männliche Eigenschaften, Lebensmuster
oder Berufsorientierungen geht. Im Gesamtmaterial zeigt sich zwar, daß es eher
376
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Frauen sind, die den Beruf als Mission auffassen und die Männer ihn mehr als
Passion konstruieren, daraus lassen sich aber keine weiterführende Konsequenzen
für die Gesamtgesellschaft oder für den Journalismusberuf im allgemeinen ableiten.
Eine Erklärung für die unterschiedlichen Orientierungen im Berufskonzept wäre, daß
die hierarchischen Geschlechterverhältnisse die Individuen in ihrer
Selbstwahrnehmung beeinflussen. Eine weniger bewußte oder unreflektierte Form
von dieser Positionierung findet ihren Ausdruck darin, welche Elemente des Berufes
sich als wesentliche, sinngebende für die einzelnen Personen herauskristallisieren.
Für die Frauen bedeutet diese Geschlechterordnung, ihr Frau-Sein im Berufsfeld
ständig kaschieren zu müssen. Eine Spaltung der geschlechtlichen Identität, als
Journalistin ‚geschlechtsneutral‘ oder besser ‚geschlechtslos‘ zu sein und
ausschließlich im privaten Kontext, als Ehefrau und Mutter eine ‚Weiblichkeit‘ zu
haben, ist bei fast allen weiblichen Gesprächspartnerinnen zu beobachten. In den
Fällen von Elke R. und Ute G. wurde dies ausführlich beschrieben. Männer brauchen
keine ähnliche Trennungslinie aufzuziehen. Für die Frauen bleibt also ein Teil der
ansonsten für sie wichtigen Selbstidentifikation (sie betonen mehrmals, wie wichtig
für sie ihre Weiblichkeit ist) im Beruf Tabu. So kann der Beruf für sie kein Terrain der
vollständigen Selbstverwirklichung sein. Auf der Suche nach dem Sinn des Berufes
können auch Aspekte der traditionellen geschlechtsspezifischen Sozialisation latent
zum Tragen kommen, durch die den Mädchen eine Orientierung an der
Gemeinschaft nahe gelegt wird und für das männliche Geschlecht der Beruf als Ort
der Selbstverwirklichung und -darstellung vermittelt wird.
2.2
Gemeinsame Strukturmuster von Berufs- und
Geschlechterkonstruktionen
Was sind die ‚gemeinsamen Nenner‘ in den Strukturmustern von Berufs- und
Geschlechterkonstruktionen? Diese lassen sich nur durch eine detaillierte Analyse
entschlüsseln. Anhand der vier Einzelfälle wird hier exemplarisch gezeigt, wie die
Konstruktionen ineinander verwoben werden.
Elke R. versteht ihren beruflichen Werdegang als permanenten Kampf um die
Anerkennung von KollegInnen. Ihr persönliches Bedürfnis ist es, durch den Beruf
Akzeptanz und Zugang zu einem sozialen Milieu zu finden, das ihr von ihrer Herkunft
her unzugänglich war und von dem sie sich heute noch ausgeschlossen fühlt. Sie
sieht ihr Geschlecht als eine zusätzliche Komponente ihrer benachteiligter Position,
eine zusätzliche Eigenschaft auf Grund derer ihr Anerkennung und Würdigung
Die Geschlechterdimension in den Berufs- und Lebenskonzepten
377
verweigert wird. Es bedeutet für sie eine mehrfache Diskriminierung aufgrund von
sozialer Herkunft und Geschlecht. Damit hat sie in ihrer Karriere zu kämpfen. Sie
bewertet diesen Kampf langfristig als erfolgreich und aussichtslos gleichzeitig.
Ralf W. betrachtet den Journalismus als einen besonderen Bereich, in dem andere
soziale Strukturen nicht greifen, einen, der seine eigene Regeln hat. Das betrifft auch
die Geschlechterverhältnisse im Beruf: Er konfrontiert die gesellschaftlichen
Geschlechterstereotypen mit seinen empirischen Erfahrungen in der Arbeitspraxis
und nimmt die Widersprüche wahr. Er bezieht sich auf letztere als Grundlage für
seine Entscheidungen im Berufsalltag. Der Wahrheitsgehalt der Stereotypen wird im
Bereich Journalismus in Frage gestellt, da diese mit empirischen Beobachtungen
nicht übereinstimmen. Eine ähnliche Infragestellung der Stereotypen ist in anderen
Bereichen des ‚Nicht-Journalismus‘ wie z.B. in der Familie nicht zu beobachten.
Der Blick von Ute G. auf den Beruf und auf das Geschlecht wird gleicher Maßen von
der Perspektive der persönlichen Betroffenheit geleitet. Sie findet einen kritischen
Zugang zu beiden Themen nur durch die eigene Erlebnisebene. Das führt zu der
Ausblendung von Strukturen in beiden Bereichen. Das bedeutet aber nicht unbedingt
eine Individualisierung ihrer Position. Ihr Subjekt bleibt nämlich zwar als ‚erlebendes‘
präsent, wird aber nicht in den Ursachen und Konsequenzen verflochten. Das
Selbstverständnis von Frau G., daß sie sowohl im beruflichen, als auch in den in ihren
Augen ‚vergeschlechtlichten‘ Bereichen (in erster Linie in der Familie) qualitativ sehr
gute Leistung bringt, lenkt die Perspektive auf ihr ‚output‘, auf die Leistung, die sie
bringt. Das führt dazu, daß ihre Person auf die Funktionen in der Erwerbsarbeit und
in der Familienarbeit reduziert dargestellt wird.
Bei Manfred T. bildet in beiden Bereichen das Strukturmuster von Macht-Ohnmacht,
durchwoben von der Frage von Kompetenz-Inkompetenz die Basis seiner
Argumentationen. Im gesamten Interview vermittelt wird die eigene Überlegenheit in
unterschiedlichen, mit dem Beruf verbundenen Situationen. Das unterstreicht er mit
den Hinweisen auf seine Kompetenzen und mit der Distanzierung von den ‚Anderen‘.
Diese Kompetenz äußert sich auch in seinem Umgang mit der
Geschlechterproblematik: Für ihn steht fest, daß er für sein Leben und in seiner
Umgebung das Problem ‚gelöst‘ hat. Auch hier präsentiert er sich in einer mächtigen
Position gegenüber den Frauen aber auch gegenüber der eigenen
Geschlechtsgenossen.
378
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Die vier grundlegenden Strukturmuster sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt
und regeln auf unterschiedliche Weise das Verhältnis zwischen von Beruf und
Geschlecht. Diese Beispiele bilden keine Typologie, illustrieren aber, wie
Verknüpfungen funktionieren können.
3
Selbstverständnis und der Konsens der Gleichheit
Wie wird das subjektive Selbstverständnis im Spannungsfeld von Beruf und
Geschlecht auf das gesellschaftliche Wertesystem der Geschlechtergleichheit bezogen?
Es gibt drei wesentliche Mechanismen, die diese Verknüpfung regeln: die
geschlechtsspezifische Betroffenheit, die Individualisierung von Ungleichheit und die
vergeschlechtlichte Verortung des Ichs im Berufskonzept.
3.1
Geschlechtsspezifische Betroffenheit
In den beiden Bereichen der ‚legitimen‘ Geschlechterdifferenz, sowohl in bezug auf
die Vereinbarkeitsproblematik als auch in der Thematisierung der Sexualität am
Arbeitsplatz, sind primär Frauen im Mittelpunkt. Männern wird eine ‚natürliche‘,
‚neutrale‘, von der Thematik nicht betroffene Position zugeteilt. Die Familie beeinflußt
ihre Einsatzbereitschaft in der Arbeit nicht, und ihre sexuellen Triebe, auch wenn sie
ihren Ausdruck während der Ausübung des Berufes finden, werden keinesfalls mit
persönlichen
Karriereinteressen
oder
mit
Unprofessionalität
durch
‚Emotionalisierung‘ professioneller Verhältnisse in Verbindung gesetzt, wie es ggf. bei
Frauen vorkommt. In den vier Einzelfällen werden zwei Perspektiven deutlich: Die
befragten Frauen, als ‚Betroffene‘ versuchen in ihren Strategien, sich individuell von
der Genusgruppe abzugrenzen, um damit auch von der direkten, persönlichen
Betroffenheit zu distanzieren. Die beiden Männer brauchen diese Art von
Distanzierung nicht anzustreben, da die Zuschreibung qua Geschlecht für sie keine
negativen Konsequenzen hat. Wesentliche Elemente, die mit Männlichkeit konnotiert
werden, wie männliche Sexualität und die Rolle als Vater und Ehemann in der
Familie, sind generell vereinbar mit dem Beruf, im Gegensatz dazu wird weibliche
Sexualität und Verantwortung für die Kinderversorgung im allgemeinen als
problematisch für die Berufsausübung angesehen. Es bleibt die individuelle
Verantwortung der einzelnen Frauen und es wird auch von Fall zu Fall neu bewertet,
ob diese ‚weiblichen Züge‘ optimal abgespalten sind, und ob die weibliche Person in
diesem Sinne eine ‚geschlechtsneutrale‘ Haltung angenommen hat.
Selbstverständnis und der Konsens der Gleichheit
3.2
379
Individuelle Ungleichheit und der Gleichheitskonsens
In den Kontexten, in denen die Geschlechtergleichheit als Wert im Beruf oder im
Hörfunk explizit zum Tragen kommt, wird die Argumentation nie auf der
strukturellen Ebene angesiedelt. Die GesprächspartnerInnen betrachten die
Schaffung von gleichheitsfördernden wie auch diskriminierenden Strukturen
außerhalb ihrer Handlungskompetenzen und lehnen jegliche Verantwortung ab.
Trotzdem benennen sie keine strukturellen Ursachen, sondern führen die
wahrgenommene Ungleichheit immer nur auf das falsche individuelle Handeln von
‚Anderen‘ zurück.
Warum werden die Strukturen ausgeblendet? Eine mögliche Erklärung ist, daß mit
der Zuschreibung von strukturellen Ursachen der Problemcharakter der
Geschlechterungleichheit im Journalismusberuf eine wesentlich wichtigere
Bedeutung bekommen würde. Dieses Bedeutungswachstum steht aber nicht im
Interesse weder der Frauen noch der Männer. Vor der Folie der Anerkennung der
Geschlechtergleichheit als gesellschaftlichem Wert – auf den sich gerade Männer
häufig beziehen, was anscheinend eine wichtige Funktion im Selbstbild hat – wäre es
kaum haltbar, Ungleichheit auf strukturelle Ursachen zurückzuführen und nicht
gleichzeitig die Änderung dieser Strukturen zu fordern. Dies würde aber mit der
Dramatisierung der Geschlechterfrage einhergehen, was von allen Beteiligten um
jeden Preis vermieden werden will. Für die Frauen würde das nämlich bedeuten, daß
die mühsam abgespaltete Weiblichkeit wieder in den Mittelpunkt rückt, daß das gut
kaschierte Frau-Sein als identitätsstiftend offenbart werden muß. Damit müßten sich
die Frauen in die Gefahr begeben, in den Augen der anderen Kompetenzverluste zu
erleiden. Die Männer müssen anerkennen, Nutznießer von Hierarchiestrukturen zu
sein, die der Gleichheitsnorm widersprechen und auf Ungleichheit aufgebaut sind.
Das steht im krassen Gegensatz zum normativen Gebot der Geschlechtergleichheit.
Dann wäre zwar die persönliche Verantwortung für das Bestehen der Unterschiede
relativiert, es sind nämlich die Strukturen, die sich als Ursache entpuppen. Aber
damit wäre es schwieriger, sich von der Verantwortung zu befreien, zur
Aufrechterhaltung dieser Strukturen beigetragen zu haben. Es würde die moralische
Integrität in Frage stellen, sich auf die Gleichheit der Geschlechter als wichtigem Wert
in der Gesellschaft zu berufen und gleichzeitig die Vorteile der Ungleichheit der
Frauen wenn auch strukturell bedingt auszunutzen und nichts für die Veränderung
zu unternehmen.
Mit der Ausblendung von Strukturen entgeht also allen, daß dem Geschlecht eine
zentrale Bedeutung bekommt. Die Distanzierung des ‚Ichs‘ von den sich ‚typisch‘
verhaltenden Genusgruppen, löst die Frage der persönlichen Verantwortung. Der
380
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
geteilte soziale Konsens, der den Rahmen für diese Strategien stellt, ist, daß die
Geschlechterfrage auf der gesellschaftliche Ebene problemlos gelöst wurde. Diese
Annahme kann weiterhin unhinterfragt bleiben, da die individuellen Handlungen von
einzelnen ‚Anderen‘ als Ursache von punktuell wahrgenommener
Ungleichheitserfahrungen angesehen werden, ohne daß diese Handlungen in
Gesellschaftstrukturen eingebettet werden.
3.3
Subjektkonstitution im Berufskonzept
Die InterviewpartnerInnen entwerfen verschiedene Konzepte des Journalismus, die,
wie oben gezeigt wurde, auf unterschiedlichen Ebenen mit Geschlechtskonzepten
korrelieren. Elke R. und Manfred T. definieren bestimmte für den Beruf relevante
Eigenschaften als weiblich bzw. männlich und versehen dadurch indirekt den
Journalismus mit einer geschlechtlichen Kodierung. Auf einer anderen Ebene greifen
die GesprächspartnerInnen in ihren Berufskonstruktionen auf vergeschlechtlichte
Konzepte wie Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung wie auch Helfen und
Dienen zurück. Diese Konzepte finden ihren Ausdruck auch in den gemeinsamen
Strukturmustern von Berufs- und Geschlechterbildern. Diese Strukturmuster sind die
Vermittler, durch die die Konzepte ihre biographisch eingebettete Ausprägung für die
einzelnen Personen erhalten und das Ego mit dem Beruf Journalismus verbinden.
Die Analyse der vier Einzelfälle zeigte bestimmte Gemeinsamkeiten zwischen Manfred
T. und Ralf W. wie auch zwischen Elke R. und Ute G. Für die beiden Männer ist
Journalismus ein Bereich des Kreativen, Originellen, des Unabhängigen. Die eigene
Kreativität, Kompetenz, Freiheit, Selbstentfaltung spielen eine zentrale Rolle, und
geben den Ton nicht nur für die Ausübung des Berufes, sondern auch der Regelung
der Geschlechterverhältnisse an. Die Männer beziehen sich in ihrer Darstellung vor
allem auf sich selbst, auf ihre eigenen Ansprüche und Erwartungen, Lebensentwürfe
und Positionierungen.
Die Männer sehen den Beruf als Ort der Selbstverwirklichung und -entfaltung und
begreifen ihn als ‚Passion‘. Das ist auch mit ihrer geschlechtlichen Selbstverortung
ohne Widerspruch zu vereinbaren. Die Frauen dagegen leisten eine schwierigere
Konstruktionsarbeit: Sie greifen Kernelemente der traditionellen weiblichen
Sozialisation auf, Helfen und Dienen, versuchen diese aber von privaten
Angelegenheiten in öffentliche zu transformieren. Sie verbinden sie mit anderen,
‚männlichen‘ Konzepten, die in der öffentlichen Sphäre ihre Relevanz haben. Als
geeignet für diese Verknüpfung bietet sich das Konzept der Intellektuellen, das seit der
Aufklärung eine tiefgreifende Tradition im ungarischen (mittelosteuropäischen)
politischen und gesellschaftstheoretischen Denken hat. Das zentrale Element dieses
Selbstverständnis und der Konsens der Gleichheit
381
Konzeptes ist die gesellschaftliche Verantwortung, die die Intellektuellen im Vertreten
kollektiver Interessen und im Vorantreiben des gesellschaftlichen Wandels tragen.
Angehörige der Intelligenzia haben eine widersprüchliche Position: Sie sind
AußenseiterInnen, die ihre Individualität gerade aufgrund ihrer Intellektualität und
dem individuellen Charakter des Denkens her gewinnen. Ihr Wissen unterscheidet sie
von der ‚Masse‘. Aber im gleichen Zug legitimieren dieses Wissen und diese Distanz
sie als VertreterInnen der Interessen des Kollektivs. Sie distanzieren sich auch von den
MachtinhaberInnen, da Macht als dem Eigennutz verhaftet und korrumpierend
angesehen bzw. verurteilt wird. Auch die Schwierigkeit, die Komplexität des Denkens
auf eine zwangsmäßig vereinfachte Form der politischen Entscheidungen zu
reduzieren, bringt die Intellektuellen auf Distanz zu den politischen AkteurInnen.
Andererseits müssen sie sich in das Kollektiv integrieren, weil sie ihre Berufung von
der Gemeinschaft bekommen, deren Interessen sie vertreten müssen. So ist letztlich
das Leben, das sie führen nicht ihr eigenes, sondern durch und durch mit
gesellschaftlicher Verantwortung durchwoben. Dieses Konzept des kritischen
Intellektuellen bleibt ein männliches.
Die beiden Frauen greifen indirekt, ohne es konkret zu benennen, dieses Konzept auf,
um eine Berufskonstruktion zu entwickeln, die mit ihrer geschlechtlichen
Identifikation im Einklang ist. Eine günstigen Anknüpfungspunkt bietet im Konzept
der Intelligenzia das Element der Interessenvertretung der Gemeinschaft. Das ist mit
einem Verzicht auf das eigene Wohl verbunden. Das Dienen im Sinne des
Gemeinwohls (Familienwohl) als Handlungsorientierung im Privatbereich entspricht
der traditionellen weiblichen Sozialisation in Ungarn. Dieses Element steht in der
Argumentation von Elke R. im Mittelpunkt. Durch diesen Weg findet sie Zugang zum
Konzept der Intellektuellen, das sie erweitert, indem sie sich auf die Bedeutung der
gesellschaftlichen Verantwortung in ihrer Berufsausübung beruft. Das Problem aber,
mit dem sie sich auseinandersetzten muß, ergibt sich von der ambivalenten Position,
gleichzeitig Außenseiterin und integrierte Interessenvertreterin zu sein. Für sie
manifestiert sich dieses Problem in dem Gefühl des Nicht-Akzeptiert-Werdens. Ihr
Kampf für die Akzeptanz und Anerkennung der Anderen ist ein Resultat der
Widersprüchlichkeit des Intellektuellen-Konzeptes, wobei es für sie hier um zweierlei
Aufgaben geht: Erstens um den biographischen Entwurf, einen Platz als Subjekt in
dieser Ambivalenz zu finden und zweitens eine Verbindungskonstruktion zu leisten,
um ein männlich definiertes Konzept für sie als Frau lebbar zu machen.
Ute G. legt die Verbindung etwas anders fest. Für sie wird die Funktion der
Intellektuellen zentral: Wandel voranzutreiben, gesellschaftliche Veränderungen zu
erzielen durch die Darstellung und Repräsentanz der Interessen des Kollektivs. Der
382
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
individuelle Aspekt tritt in den Hintergrund. Diese Funktion verknüpft sie mit dem
‚funktionalistischen‘ Blick, den sie auf ihren Beruf bzw. auf sich selber als Journalistin
richtet. Sie löst ihre Individualität, wie oben ausgeführt wurde, im Pendeln zwischen
den Funktionen als Journalistin und als Mutter auf. Die gesellschaftliche Funktion der
Intellektuellen bietet ihr die Möglichkeit, die soziale Aufgabe zu übernehmen, die
Meinung der Gemeinschaft zu vertreten, ohne aber sich als Individuum darstellen zu
müssen. In diesem Sinne wird die Berufsausübung nicht Mittel ihrer
Selbstverwirklichung, dies würde nämlich gerade jene Art von Individualität
implizieren, sondern die Erfüllung ihrer Funktion als Repräsentantin. Weiterhin
ermöglicht ihr das legitim, andere ‚Vorteile‘ des Berufes, wie gute Bezahlung oder
einen Kindergartenplatz in Anspruch zu nehmen, die in ihrer Funktion als Mutter von
großer Bedeutung sind.
4
Geschlechtsspezifische Handlungsstrategien
Die ambivalenten normativen und strukturellen Rahmen, die sich auch in den
verschiedenen Verbindungsmodi von Geschlechter- und Berufskonstruktionen
manifestieren, ermöglichen für die Subjekte unterschiedliche Handlungsstrategien.
Frauen und Männer nehmen geschlechtsspezifische Subjektpositionen in diesem
Rahmen ein. Das eröffnet ihnen entsprechend geschlechtsspezifische
Handlungsalternativen. In diesem Unterkapitel wird zusammengefaßt, wie der
gesellschaftliche Konsens der Geschlechterdifferenz und –gleichheit als
Handlungsrahmen gedeutet wird, welche Strategien Frauen und Männer entwickeln,
um in ihrem Beruf als vergeschlechtlichte Subjekte handlungsfähig zu bleiben bzw. in
welcher Form beide Geschlechter einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der
asymmetrischen Geschlechterkultur (Müller) leisten.
4.1
Gleichheitsnorm als Handlungsrahmen
Alle InterviewpartnerInnen berufen sich implizit oder explizit immer wieder auf den
gesellschaftlichen
Konsens,
demzufolge
die
Gleichheitsnorm
im
Geschlechterverhältnis überwiegend, aber nicht ohne Bruch gültig ist. Den
Ausgangspunkt bildet die Grundprämisse, daß die politisch propagierte
Gleichberechtigung der Frauen ihr Ziel durch die rechtliche Gleichstellung und durch
die weitgehende Integration von Frauen in die Erwerbstätigkeit erreicht hat und damit
das Problem der Geschlechterungleichheit im großen und ganzen gelöst hat. Der
berufliche Kontext zeichnet sich also auf der bewußten Ebene durch die Annahme der
Gleichheitsnorm aus. Diese Annahme wird aber nicht mehr diskursiv ausgetragen, da
ihre Existenz und allgemeine Gültigkeit unhinterfragt vorausgesetzt wird. Die
‚Undefinierbarkeit‘, die sich daraus ergibt, führt dazu, daß der Begriff der
Geschlechtsspezifische Handlungsstrategien
383
Geschlechtergleichheit inhaltsleer wird. Dieser Konsens erlaubt es nicht,
Geschlechterdifferenzen zu thematisieren, wenn es um die Ausübung eines
‚geschlechtsneutral‘ kodierten Berufes, wie dem Journalismus, bzw. um eine
gemischtgeschlechtliche Organisation, wie dem Ungarischen Hörfunk geht. Auf der
anderen Seite gibt es gesellschaftlich normierte Bereiche von
Differenzkonstruktionen.
Legitim
ist
die
Thematisierung
der
Geschlechterunterschiede anscheinend bezüglich der (Hetero)Sexualität und der
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Gültigkeit der Gleichheitsnorm wird hier
eine Art ‚natürlicher‘ Unterschied entgegengesetzt. Differenz wird in diesem Kontext
also nicht als Versagen, Verletzung der Norm begriffen, sondern als Terrain des
‚naturgegebenen‘ Geschlechts. Interessanterweise ist es nicht zwingend notwendig,
diese Geschlechterunterschiede in den Argumentationen direkt mit biologischen
Ursprüngen zu verkoppeln. Differenzen werden nicht auf Chromosomen, Hormone,
physiologische Prozesse etc. zurückgeführt. Anscheinend braucht diese Konstruktion
keine zusätzliche biologistische Legimitation.
Dieser Auslegung des Begriffes ‚Differenz‘ wird kein Problemcharakter zugesprochen.
Die Frage nach Vor- und Nachteilen für die Betroffenen stellt sich anders, nämlich im
Hinterkopf mit dem ‚natürlichen‘ Determinismus und mit der Annahme der
Unveränderbarkeit. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsenses über der
Gleichheitsnorm ist es nicht möglich, Differenz in den ‚legitimen‘ Bereichen als
Hierarchie zu fassen. Für die Handlungsmöglichkeiten heißt das, daß erlebte
Ungleichheit als individuelle biographische Erfahrung gedeutet werden muß. Wandel
im Geschlechterverhältnis ist auf der gesellschaftlichen Ebene nicht konzipierbar.
4.2
Handlungsstrategie der Frauen: Ein Arrangement in der
Paradoxie
Differenz bedeutet im oben dargestellten Konzept, Differenz der Frauen von einer
‚universell‘ verstandenen, aber implizit doch männlichen Norm. Die Ergebnisse
schließen sich an eine alte Erkenntnis der Frauen- und Geschlechterforschung an:
Frauen haben ein Geschlecht, Männer sind geschlechtsneutral. Die ‚essentiellen‘
Differenzen sind also durch die Präsenz der Frauen an einem Ort zu finden, an dem
sie der Gleichheitsnorm zufolge gar nicht existieren dürften. Frauen geraten also in
die paradoxe Situation, in einem Kontext Differenz zu verkörpern, in dem Differenz
nicht legitim und nicht thematisierbar ist. Es steht nicht in ihrem Interesse, diese
Unterschiede zu betonen, zu dramatisieren, zum Thema zu machen. Das normative
Leitbild der gleichberechtigten Frau – gleichberechtigt mit der Garantie und dem
Einverständnis der Gesellschaft – ist ein wichtiger Teil ihrer Selbstidentifikation und
ein zentrales Element in der Abgrenzung vom westlich geprägten Feminismus und
384
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
von der Frauenbewegung. Die Betonung in der Ablehnungsargumentation liegt nicht
darin, daß die feministischen Gedanken ‚westlich‘ oder ‚kulturell fremd‘ wären,
kritisiert wird vielmehr die Ausweitung der Gleichheitsnorm für alle Lebensbereiche.
Das bedeutet für die Frauen, daß die Geschlechtergleichheit in bestimmten
Bereichen, wie Erwerbstätigkeit möglich ist, ohne aber Differenz generell in Frage zu
stellen. Der Feminismus tut – so die allgemeine Meinung – gerade das: eine
‚unnatürliche‘ Hinterfragung von Selbstverständlichkeiten. Damit bedroht er ggf. die
erkämpften Bereiche der Gleichheit. Letztlich bedeutet Feministin zu sein in den
Augen der befragten Frauen, Mann sein zu wollen. Dieser Position setzten sie
entschieden eine Selbstdarstellung entgegen, in der sie sich auf die Relevanz ihrer
Weiblichkeit berufen, zumindest auf dem ‚ungefährlichen‘ Terrain von legitimen
Differenzen, wie Familie und Sexualität.
In dem Bereich der normativen Gleichheit, in der Berufstätigkeit, haben die Frauen
andere Strategien, mit der Paradoxie umzugehen. Hier distanzieren sie sich von der
Genusgruppe, bezeichnen sich als ‚untypisch‘. Damit entziehen sie sich der Wirkung
einer ungleichen Behandlung, die anscheinend doch zur Berufspraxis gehört, auch
wenn sie tabuisiert wird. Der Tabu-Status ist leichter aufrechtzuerhalten, um so mehr,
weil die Frauen die Wirkungen der ungleichen Behandlung relativieren. Sie stellen
ihren persönlichen Lebenslauf als Beispiel dafür vor, wie die negativen Effekte der
Ungleichheit in der eigenen Biographie korrigiert werden können. Die Nachricht, die
damit vermittelt wird, lautet: Alle, die es wirklich wollen, können sich den Nachteilen
der Ungleichheit entziehen, sie benötigen nur genug individuelle Bereitschaft – und
die Anerkennung von ‚legitimen‘ Differenzbereichen. Diese Individualisierung bietet
dann die Vermittlung zwischen einem normativ geleiteten Gesellschaftsbild und der
wahrgenommenen Realität. Damit können strukturelle Voraussetzungen der
Ungleichheit außer Acht gelassen werden. Die Frauen beziehen sich auf einen
persönlichen Handlungsspielraum in der Gestaltung eines erfüllten Lebens, ohne die
zu starren Grenzen von Geschlechterungleichheit berücksichtigen zu müssen. Diese
Spaltung ermöglich ihnen ihre Handlungsfähigkeit.
Die Abgrenzung und Kaschierung des Frau-Seins ist auf dem ersten Blick im Bereich
der legitimen Differenz nicht notwendig. So können sich die Frauen ‚erlauben‘, offen
auf ihre Weiblichkeit in der Privatsphäre bezug zu nehmen und deren Bedeutung für
ein vollständiges und ‚erfülltes‘ Leben zu betonen. Problematisch wird es nur dann,
wenn die beiden Bereiche aufeinandertreffen, wie es im Thema der Vereinbarkeit von
Beruf und Familie passiert. Die Strategie der befragten Frauen besteht darin, die
Trennung zwischen Journalismus und Privatsphäre weitgehend aufrechtzuerhalten,
weil eine ‚Vermischung‘ die Kompetenzen in den einzelnen Bereichen in Frage stellen
Geschlechtsspezifische Handlungsstrategien
385
würde, was das gerade im Beruf verherende Folgen für sie hätte. Sie benennen
deshalb das Problem der Vereinbarkeit bzw. Doppelbelastung nicht, sondern weisen
immer wieder darauf hin, wie gut sie individuell, in ihrer persönlichen
Lebenssituation die Vereinbarkeit geregelt haben. ‚Gut‘ bezieht sich in ihrer
Argumentation in erster Linie nicht auf die persönliche Zufriedenheit, sondern
darauf, den Erwartungen, die im Beruf und in der Familie gestellt werden, zu
entsprechen. So sind die Frauen einer doppelten Kontrolle unterworfen. Einerseits
erfolgt das von der Seite der beruflichen Organisation, die von den dort arbeitenden
Entscheidungsträgern, meistens Männern, verkörpert wird. Sie entscheiden über die
berufliche Karriere von Frauen gerade im Hinblick auf die gut gemeisterte
Vereinbarung von Beruf und Familie. Andererseits ist es die eigene Familie, deren
Zufriedenheit zum Selbstbild als ‚richtige‘ Frau unerläßlich ist. Frauen gehen
unterschiedlich mit den zweifachen Erwartungen um, wie am Beispiel von Ute G. und
Elke R. gezeigt wurde: Frau G. stellt die Funktionen, die erfüllt werden müssen, in den
Mittelpunkt und ihre Individualität verschwindet im Pendeln zwischen den beiden
Aufgabenbereichen. Frau R. nimmt demgegenüber eine individualisierende Position
ein, hebt die Toleranz der eigenen Familie vor, in erster Linie die der Kinder, und
präsentiert sich als Gewinnerin, Nutznießerin dieser Toleranz, die ihr eine
Selbstentfaltung im Beruf ermöglicht.
4.3
Männer: Verkörperung der Normalität
Für die Position der Männer ist die ‚Nicht-Betroffenheit‘ charakteristisch. Sie
verkörpern die Normalität als Gegenpol zur Abweichung der Frauen. Da ihre
Männlichkeit als natürliche Komponente der Persönlichkeit akzeptiert wird, die in
keinem Gegensatz zur erfolgreichen und kompetenten Berufsausübung steht,
brauchen sie eine ähnliche Spaltung, wie die Frauen nicht durchzuführen. Sie sind
auch nicht von der doppelten Kontrolle durch Berufsorganisation und Familie
betroffen. Vereinbarkeit wird zwar auch bei ihnen thematisiert, ist aber nicht auf die
Erfüllung von Erwartungen bezogen. Im Spannungsfeld zwischen Journalismus als
zeitaufwendige Profession und Familie, Privatleben, als notwendigem Ausgleich zum
Beruf bleibt das Individuum, das Ego der Bezugspunkt. Nicht es muß entsprechen,
sondern seine Bedürfnisse müssen von beiden Bereichen befriedigt werden. So
reduziert sich die Familie oft auf einer ‚Freizeitfrage‘. Das ermöglicht eine
selbstverständliche Konzipierung des Berufes als ‚Passion‘, als Selbstverwirklichung,
ohne dabei auf die besondere Toleranz der Familie oder auf die ständige
Beweisstellung einer gelungenen Vereinbarkeit der beiden Bereiche Rücksicht zu
nehmen.
386
Resümee: Zwischen Gleichheitsnorm und Differenzerfahrung
Zwar fühlen sich die Männer von der Geschlechterthematik nicht direkt betroffen,
schließlich betrachten sie sich nicht als diejenigen, die vom Norm abweichen, der
Frage entziehen können sie sich aber aus mehreren Gründen nicht. Sie müssen sich
zur Gleichheitsnorm bekennen, weil das Teil des gesellschaftlichen Konsens ist. Die
Gleichberechtigung der Geschlechter als Wert ist in dem Maße positiv besetzt, als es
mit dem Selbstbild als demokratisch denkender Mensch nicht vereinbart werden
kann, sich nicht offen dazu zu bekennen. Die Gleichheit der Geschlechter in der
Gesellschaft wird aber als prinzipiell erreicht definiert. So entsteht in den Augen der
Männer diesbezüglich kein Handlungsbedarf. Bestehende und wahrgenommene
Ungleichheiten werden als ‚Restbestände‘ definiert, als Ergebnisse vereinzelter
individueller Handlungen von einzelner Frauen und Männern, ohne jegliche
strukturelle Verbindung. Die punktuellen Fehlentscheidungen von anderen Männern
können unter Umständen korrigiert werden. Das ist eine Verantwortung, wie einige
der männlichen Gesprächspartner erklären. Die Verfestigung der
Geschlechtergleichheit wird hier punktuell zur ‚ritterlichen Verpflichtung‘ den
‚schwachen‘ Frauen gegenüber.
Männer weisen aber auch auf eine andere Art von Verantwortung hin, nämlich die
Vertretung der Interessen des Hörfunks als Organisation. Diese resultiert aus der
Irritation, die durch die Präsenz der Frauen, als Repräsentantinnen der Differenz an
einem Ort der Gleichheitskonstruktion entsteht. Diese Verantwortung bezieht sich
darauf, daß die Arbeit durch die Normabweichung nicht beeinträchtigt oder gefährdet
wird, und äußert sich in der Kontrolle über die Vereinbarkeitsleistung der Frauen.
Legitimität gewinnen sie einerseits von der Organisation selber: Als Leiter von
Redaktionen und entscheidungsmächtige Redakteure unterstützt sie ihre strukturelle
Position dabei, für effektive Arbeit mit guter Qualität zu sorgen. Andererseits können
sie auf die normativen Erwartungen zurückgreifen, die sich im journalistischen
Berufsverständnis und –ethos manifestieren. Diese Verantwortung hat keinen
Verknüpfungspunkt zu der individuellen Situation der weiblichen Mitarbeiterinnen,
die Arbeit, die für diese Vereinbarkeit notwendig ist, lastet weiterhin auf den Schultern
der Frauen.
Die Männer, ebenso wie die Frauen, sind nicht daran interessiert, die mangelhafte
Verwirklichung der Geschlechtergleichheit in der Gesellschaft zum Thema zu
machen. In dem Bereich, in dem Differenz gesellschaftlichen Konsens findet, reicht
die Entkoppelung des hierarchischen Aspektes aus, einer offensichtlichen Verletzung
der Gleichheitsnorm zu entgehen. Beide Geschlechter müssen aber Strategien
Geschlechtsspezifische Handlungsstrategien
387
entwickeln, wie sie mit der Wahrnehmung der Ungleichheit in dem anderen Bereich
umgehen, die offensichtlich mit den Gleichheitsvorstellungen und mit der Annahme
der Verwirklichung einer geschlechtergleichen Gesellschaft nicht zu vereinbaren sind.
Die Individualisierung der Erfahrungen und Lösungen, die Plazierung der
Problematik auf der individuellen Ebene und die Ausblendung des Strukturcharakters
ist bei den InterviewpartnerInnen beiderlei Geschlechts zu finden. Durch die
Bezugnahme auf einen individuellen Handlungs- und Gestaltungsspielraum von
Frauen wird die determinierende Wirkung der Benachteiligung von Frauen relativiert.
Die Verantwortung für die diskriminierenden Momente werden singulären Personen
beiderlei Geschlechts zugeschrieben und von den einzelnen InterviewpartnerInnen
zurückgewiesen. Während die Abgrenzung der Männer von der Genusgruppe eher
dazu dient, die Verantwortung für die Ungleichheit von sich zu weisen, bezeichnen
sich die Frauen ‚untypisch‘, um sich der Wirkung der Benachteiligung zu entziehen,
bzw. diese zu relativieren. In der Konstruktion der asymmetrischen
Geschlechterkultur sind also beide Geschlechter aktiv beteiligt, die Männer jedoch von
der hierarchisch übergeordneten, die Frauen von der untergeordneten Position aus.
Spezifisch männliche Umgangsstrategien sind demgegenüber die Steuerung der
Wahrnehmung durch die Annahme der existierenden Geschlechtergleichheit. In
diesem Rahmen wird die bloße Wahrnehmung und Thematisierung der mit
Hierarchie verkoppelten Differenz als Verstoß gegen dem Gleichheitsnorm
interpretiert und die diesbezüglichen Erfahrungen werden ausgeblendet. An ihre
Stelle tritt die Verallgemeinerung von Einzelbeispielen, wie z.B. Berufung einiger
Kolleginnen in Führungsposition als Beweis für die Chancengleichheit. Ähnlich
verallgemeinert wird die Wirkung des eigenen Handelns nach dem Motto: ‚Ich
diskriminiere nicht, deshalb gibt es auch keine Benachteiligung der Frauen.‘ Damit
bekommt die eigene Handlung letztlich auch einen enormen Bedeutungszuwachs.
Ausblick
Als erste empirische Studie, die den Blick auf die Prozesse von
Geschlechterkonstruktionen in Ungarn richtete, hat diese Arbeit einen explorativen
Charakter. In diesem Sinne betrat die Autorin ein unentdecktes Feld. Auf der Basis der
Ergebnisse der Studie läßt sich feststellen, daß viele der Erkenntnisse aus der Frauenund Geschlechterforschung westlicher WissenschaftlerInnen über die Funktions- und
Reproduktionsmechanismen des Systems der Zweigeschlechtlichkeit auch im
ungarischen Kontext relevant sind, obwohl die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Systeme zwischen West- und Osteuropa vier Jahrzehnte lang äußerst unterschiedlich
waren. Zwei Generationen verbrachten ihre Kindheit und Jugend im Sozialismus, in
dem die Geschlechtergleichheit als eine grundlegende Norm propagiert wurde und
neue Geschlechter- besser gesagt Frauenbilder, wie das der erwerbstätigen Frau
verbreitet wurden. Trotzdem kann man die gleichen Dynamiken,
geschlechtsspezifischen Handlungsstrategien und die Reproduktion der
asymmetrischen Geschlechterkultur beobachten wie in anderen ‚kapitalistischen‘
Ländern. Unterschiede zeigen sich vor allem an einem Punkt: Die Errungenschaften
der sog. neuen Frauenbewegungen, die u.a. auch in Deutschland die
Geschlechterverhältnisse
modifiziert
haben,
fehlen
in
Ungarn.
Geschlechterungleichheit und Frauendiskriminierung sind für Frauen wie für Männer
weiterhin Tabuthemen, die nicht reflektiert werden. Ebenfalls fehlt die Vielfalt der
geschlechtlichen Identitätskonstruktionen. Alternative Formen von Weiblichkeit bzw.
Männlichkeit gegenüber den hegemonialen Geschlechterbildern werden
marginalisiert.
389
390
Ausblick
Der Sozialismus öffnete zwar für Frauen neue Lebensoptionen, vor allem durch die
Teilnahme an der Erwerbstätigkeit, im Gegenzug wurden andere jedoch unzugänglich
gemacht. Die Prozesse der Pluralisierung und der Individualisierung von
biographischen Entwürfen, die als Zeichen der Modernisierung verstanden werden,
entwickeln sich in der postsozialistischen ungarischen Gesellschaft erst langsam. Die
Ursachen dafür liegen z.T. in den gesellschaftlichen Strukturen, z.T. auf der
Subjektebene. Sozialer Wandel und Transformation erfolgt in einem wechselseitigen
Zusammenwirken von strukturellen Rahmenbedingungen und deren Wahrnehmung,
bzw. diskursiv ausgetragenen Interpretationen. Gerade das eröffnet den Menschen
neue, eigensinnige Handlungsoptionen.
Die in dieser Arbeit dargestellten Beispiele zeigen, wie weibliche Journalistinnen in
Ungarn zwischen widersprüchlichen und konfliktreichen Normen, Erwartungen,
Strukturen, Differenzerfahrungen und Anforderungen verschiedene Strategien
entwickeln, um ihre Handlungsfähigkeit als Subjekte im Beruf und im Privaten zu
bewahren, um ihre Lebensoptionen als ‚JournalistIn' und als ‚Frau' zu verwirklichen.
Die Strategien sind zwar unterschiedlich, aber von einer Vielfalt biographischer
Entwürfe kann man nur bedingt sprechen. Studium, Partnerschaft, Karriere beim
Ungarischen Hörfunk, Kinder, Doppelbelastung - das sind die Eckpfeiler in allen
Biographien der hier befragten Frauen. Vergleicht man das empirische Material mit
der von Mechtild Oechsle und Birgit Geissler (1996) entworfenen Typologie der
weiblichen Lebensplanung, ist die ‚Einheitlichkeit‘ umso eindeutiger. Die doppelte
Orientierung an den Lebensbereichen Beruf und Familie/Partnerschaft, die die
meisten Frauen im Sampel auszeichnet, kann nicht als ein ‚neues' Lebenslauf-Modell
verstanden werden, vielmehr ist es ein ‚altes‘. Sie wird nicht von der Thematisierung
der Gleichheit in den Geschlechterverhältnissen begleitet. Die Reformierung der
Geschlechterrollen stellt keine Forderung dar. Das Bild sieht auch bei den Männern
nicht viel anders aus. Ihre Lebenszusammenhänge zeichnen sich zwar weit weniger
durch Ambivalenzen aus als die von Frauen. Alternative Lebensläufe sind aber bei
ihnen ebenfalls rar. Die große Ähnlichkeit von Biographien mag eine Besonderheit
des Journalismusberufes sein oder ein Spezifikum der Arbeitsorganisation, die
‚normierte' Lebensläufe bevorzugt. Aber sie hängt auch mit einer Offenheit für
unterschiedliche Lebensoptionen auf der gesellschaftlichen Ebene zusammen. Diese
Studie richtete das Augenmerk nicht direkt auf die Frage der Lebensplanung bzw.
Lebensführung. Dieser Bereich ist in Ungarn weitestgehend unerforscht. Hier zeigt
sich eine interessante weiterführende Forschungsperspektive auf die Frage, wie sich
im Zuge des gesellschaftlichen Wandels Modelle der Lebensplanung in Ungarn
entwickeln, inwieweit eine Angleichung an die westeuropäischen Biographien zu
Ausblick
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beobachten sind, wo es Abweichungen gibt. Besonders wichtig ist es, diese Fragen aus
der Geschlechterperspektive zu untersuchen, da sie auch wertvolle Anregungen für
die Geschlechterpolitik bieten können.
Die Geschlechterforschung macht darauf aufmerksam, daß die Identitätsbildung und
die biographischen Konstruktionen der Subjekte immer im Kontext der bipolaren
Geschlechterordnung erfolgen. Die soziale Welt ist durch das Geschlechterverhältnis
strukturiert, es ist nicht möglich, einen Ort ‚jenseits' des Gültigkeitsbereichs des
Systems der Zweigeschlechtlichkeit zu finden (vgl. u.a. Wetterer/Gildemeister 1992;
Gildemeister 2001; Dausien 1996). Die Konstruktionsprozesse verlaufen auf der
Ebene der gesellschaftlichen Strukturen und von kulturellen Praktiken und
Symbolsystemen bzw. von individuell-biographischen Konstruktionen, wobei diese
analytisch getrennten Ebenen kontinuierlich ineinandergreifen (Dausien 200:60).
Diese Arbeit stellt die Frage, ob in bestimmten Kontexten die Konstruktionen von
Geschlechterdifferenz punktuell unterbrochen werden können. Die Antwort ist
ambivalent. Die Ergebnisse zeigen, wie komplex Gleichheitsnorm und
Differenzannahme miteinander verwoben werden. Es wird aber doch deutlich, daß
der Rückgriff auf Differenz situativ in vereinzelten Kontexten zusätzliche
Handlungsoptionen für Frauen ermöglichen kann. Paradoxerweise kann die
‚Dramatisierung‘ von Differenz Situationen ‚entlasten‘ und den Weg zur
situationsgebundenen ‚Entdramatisierung‘ ebnen. Andererseits zeigt sich, daß durch
diese Unterbrechungen bzw. ‚Gleichheitsnischen‘ die Gültigkeit von
Geschlechterdifferenz und -ungleichheit nicht beeinträchtigt wird. Der
Identitätszwang lastet auf Männern wie auf Frauen. Angelika Wetterer (1993:99)
argumentiert, daß Männern immer der Rolle der Differenz-Verstärker zukommt, da
Statusunterschiede nur durch die Sichtbarkeit der Differenz aufrechterhalten werden
können. Gudrun-Axeli Knapp (1995: 179) beschreibt dies als ‚Differenztabu‘, das sich
in einer ‚Spärlichkeit geschlechtsimmanenter Differenzkonstruktionen‘ bei Männern
manifestiert (vgl. auch Meuser 2000: 56). Die Untersuchungsergebnisse dieser Arbeit
zeigen, daß die Differenzverstärkung und die Akzeptanz normativ vorgeschriebener
weiblicher Identitätskonstruktionen auch von Frauen verwendet werden, um
‚potentiell gefährdete‘ Bereiche der Gleichheit zu verteidigen. Das unterstützt zwar die
Handlungsfähigkeit auf der individuellen Ebene, führt aber, wie die Geschichte der
Geschlechterverhältnisse in Ungarn seit über 50 Jahren zeigt, gleichzeitig zur
Verfestigung von Ungleichheitsstrukturen.
Ziel dieser Studie war es einen empirischen Beitrag zur Erforschung von
Reproduktionsmechanismen der Geschlechterkonstruktionen zu leisten. Durch die
Auswahl des Forschungsgegenstandes, JournalistInnen in Ungarn, wurden andere
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Ausblick
Wissenschaftsfelder ebenfalls punktuell in die Arbeit eingebunden: Medien- und
Kommunikationswissenschaften und die Transformationsforschung. Die Ergebnisse
verweisen auf die spezifischen Berufskonstruktionen im ungarischen Journalismus in
einer Zeit sozialen Wandels. Die Rekonstruktion der AkteurInnenperspektive in
diesem Beruf liefert wichtige Anregungen für weitere, differenzierte Analysen der Rolle
der Medien in der Transformation. Es wird deutlich, daß die Berücksichtigung von
subjektiven Deutungsmustern wichtig ist, um die Komplexität der Prozesse zu
verstehen.
Aufgrund des qualitativen Forschungsdesigns konnte diese Studie keine übergreifende
Beschreibung der beruflichen Situation von ungarischen JournalistInnen bzw. der
Position der Frauen im Beruf geben. Dafür sind weitere, quantitative Erhebungen
notwendig. Aber es wurde exemplarisch am Beispiel der Politik-, Wirtschafts- und
Nachrichtenredaktionen des Ungarischen Hörfunks aufgezeigt, wie Prozesse des
Gendering in bestimmten Kontexten wirken können. Es war mir ein persönliches
Anliegen, die weiblichen Journalistinnen nicht einfach als Opfer diskriminierender
Strukturen darzustellen, sondern im Gegenteil, darauf aufmerksam zu machen, wie
sie sich individuelle Freiräume für die berufliche Entfaltung schaffen. Eine
interessante Frage für weitere Forschungsarbeiten wäre, wie die vergeschlechtlichte
Struktur und Kultur einer Organisation von eigensinnigen Handlungen der Frauen
modifiziert werden kann. Wo treffen sich Gendering-Prozesse und
‚Entgeschlechtlichung' auf der Ebene der Organisation aufeinander? An diesen Stellen
ist das Potential für den Wandel in hierarchischen Geschlechterverhältnissen zu
suchen.
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