die Probleme des Historismus / Herbert Schnädelbach

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Institut für Philosophie
Peggy H. Breitenstein, M.A.
PS: Michel Foucault „Überwachen und Strafen“ (SS 07)
Archäologie
Eine erste Annäherung:
[Aus dem Vorwort der Ordnung der Dinge]
„Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken.
Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens
aufrüttelt, das Denken unserer Zeit und unseres Raumes […]. Dieser Text
zitiert ‚eine gewisse chinesische Enzyklopädie‘, in der es heißt, daß ‚die Tiere
sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte
Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose
Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k)
die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so
weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen‘. Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit
einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines
anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken.“ (M.F.: Die Ordnung der Dinge, 17)
→ Wissen(schaften) funktionieren wie „chinesische Enzyklopädien“: sie beziehen sich zwar auf die Welt, wenden dabei jedoch gewisse Muster an; die
Art und Weise, wie Erfahrung als Welt strukturiert wird, gehorcht impliziten
Regeln – diese eben sind Gegenstand archäologischer Untersuchungen
Gegenstände der Archäologie:
→ Archäologie untersucht Wissens- und Redeordnungen bzw. diskursive
Formationen; sie ist Diskurs- bzw. Aussagenanalyse
→ ihre Einheiten sind: Aussage (énoncé), Diskurs (discours), Archiv (archive), die aufeinander verweisen (!)
1. Aussage und Diskurs
→ basale Einheit: Aussage; aus bestimmten Aussagen wiederum setzen sich
bestimmte Diskurse zusammen
→ Aussage ist „Atom des Diskurses“
→ Aussage ist nicht: semantische, logische, pragmatische Einheit, sondern
„etwas, das ausgesagt ist“ bzw. eine „Existenzfunktion“ (M.F.: Archäologie
des Wissens, 126)
→ Aussagen beziehen sich (a) auf etwas als ihr Ausgesagtes; (b) auf jemanden, der aussagt (aber nicht auf dessen „Intentionen“); Aussagen verweisen
(c) auf begriffliches System, d.h., sie sind Elemente in einem „Aussagenfeld“;
sie müssen (d) wahrnehmbar sein, d.h. materielle Existenz haben (beispielsweise Schrift)
→ Archäologie beschreibt: „die Gesamtheit aller effektiven Aussagen (ob sie
gesprochen oder geschrieben worden sind, spielt dabei keine Rolle) in ihrer
Dispersion [Streuung, P.H.B] von Ereignissen und in der Eindringlichkeit, die
jedem eignet“ (ebenda, 41) → sie verfährt positivistisch und monumentalisch
→ Archäologie erfasst auch die Beziehungen zwischen Aussagen und Gruppen von Aussagen mit Ereignissen anderer (technischer, ökonomischer, sozialer, politischer) Ordnung
→ „Diskurs wird man eine Menge von Aussagen nennen, insoweit sie zur
selben diskursiven Formation gehören. Er bildet keine rhetorische oder formale, unbeschränkt wiederholbare Einheit, deren Auftauchen oder Verwendung in der Geschichte man signalisieren (oder gegebenenfalls erklären)
könnte. Er wird durch eine begrenzte Zahl von Aussagen konstituiert, für die
man eine Menge von Existenzbedingungen definieren kann.“ (ebenda, 170)
→ Diskurs als diskursive Praxis ist dann „eine Gesamtheit von anonymen,
historischen, stets in Raum und in der Zeit determinierten Regeln, die in einer
gegebenen Epoche und für eine gegebene soziale, ökonomische, geographische oder sprachliche Umgebung die Wirklichkeitsbedingungen der Aussagefunktion definiert haben.“ (ebenda, 171)
2. Archiv
→ Archäologie untersucht „historisches Apriori“ des expliziten Wissens einer
Epoche bzw. das „Archiv“:
- „Dieses Apriori ist das, was in einer bestimmten Epoche in der Erfahrung
ein mögliches Wissensfeld abtrennt, die Seinsweise der Gegenstände, die
darin erscheinen, definiert, den alltäglichen Blick mit theoretischen Kräften
ausstattet und die Bedingungen definiert, in denen man eine Rede über die
Dinge halten kann, die als wahr anerkannt wird.“ (M.F.: Ordnung der Dinge,
204)
- „Das Archiv ist zunächst das Gesetz dessen, was gesagt werden kann, das
System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht. Aber das Archiv ist auch das, was bewirkt, daß all diese gesagten
Dinge sich nicht bis ins Unendliche in einer amorphen Vielzahl anhäufen […];
sondern daß sie sich in distinkten Figuren anordnen, sich aufgrund vielfältiger
Beziehungen miteinander verbinden, gemäß spezifischer Regelmäßigkeiten
sich behaupten oder verfließen […].“ (M.F.: Archäologie des Wissens, 187.)
→ das Archiv „ist das allgemeine System der Formation und der Transformation der Aussagen.“ (ebenda, 188)
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