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Kontroversen über das Buch »Die männliche Herrschaft«
von Pierre Bourdieu
mit Michelle Perrot, Yves Sintomer, Beate Krais und einer Antwort von Pierre
Bourdieu (aus: Travail, Genre et Sociétés, N1/1999)
Im Jahre 1998 erschien in Frankreich das
Buch »La Domination masculine« (»Die
männliche Herrschaft«) von Pierre Bourdieu. Es handelt sich dabei um die überarbeitete und stark erweiterte Fassung
eines gleichnamigen, in der Zeitschrift
»Actes de la recherche en sciences sociales« Nr. 84/1990 erschienen Artikels, die
Pierre Bourdieu aufgrund der vielfachen
Kritiken, Einwände, Fragen, u. a. auch
nach Erscheinen der deutschen Version
dieses Artikels 1997 (in Irene Dölling/
Beate Krais (Hrsg.): Ein alltägliches Spiel.
Geschlechterkonstruktion in der sozialen
Praxis, Frankfurt/Main), angefertigt hatte.
Pierre Bourdieus Sicht der männlichen
Herrschaft hat in Frankreich heftige R e aktionen ausgelöst, die sich zwischen Begeisterung und Verurteilung, voller Zustimmung und totaler Ablehnung bewegen. Da es sich dabei aber zum großen
Teil um sehr plakative, an Medienwirkung orientierte Reaktionen gehandelt
hat, hat die französische Zeitschrift »Travail, Genre et Sociétés« Wissenschaftler/Innen verschiedenster Fachgebiete und
theoretischer Ausrichtung gebeten, »La
domination masculine« kritisch zu lesen
und zu diskutieren.
»Travail, Genre et Sociétés« ist eine seit
1999 in Frankreich erscheinende feministische Zeitschrift mit dem Schwerpunkt
Arbeit, Arbeitsmarkt und Geschlechterverhältnisse, herausgegeben von Margaret
Maruani, mit der sich die Forschungsgruppe Mage (»Marché du travail et
genre« — Arbeitsmarkt und Geschlecht) in
die feministische und gesellschaftskritische
Diskussion einschaltet bzw. dieser ein
Diskussionsforum bietet. »Travail, Genre
et Sociétés« hat dankenswerterweise die
Diskussion über Bourdieus Buch »Die
männliche Herrschaft« den Feministischen Studien zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Sie soll hier mit einigen
Kürzungen (wegen Platzmangels) dokumentiert werden, um den Leserinnen der
Feministischen Studien einen Einblick in
die in Frankreich aktuell geführten feministischen Debatten zu geben. Für die
deutschen Leserinnen sind die Debatten
von besonderem Interesse, weil nach jahrelangen Ankündigungen durch den
Suhrkamp-Verlag die deutsche Fassung
des Buches nun endlich im Juni 2002 erscheinen soll.
Traurig, dass der Autor selbst es nicht
mehr erleben kann; ihm war daran sehr
gelegen.
Pierre Bourdieu ist im Januar dieses
Jahres gestorben, viel zu früh für all das,
was er noch tun wollte und was wir von
ihm an Anregungen und Anstößen noch
erwarten konnten. Wir trauern um einen
großen Soziologen, der sich als einer der
wenigen männlichen Wissenschaftler mit
der Frage patriarchaler Herrschaft auseinander gesetzt hat und theoretisch wie
praktisch jegliche Form von Herrschaft,
als deren wichtigste neben der Klassenherrschaft er die männliche Herrschaft
auffasste, kritisiert hat.
Margareta
Steinrücke
und Mechthild
im Juni
Feministische Studien (© Lucius & Lucius, Stuttgart) 2 / 0 2
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Veil,
2002
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Michelle Perrot
Das Buch von Pierre Bourdieu ist aus
zwei Gründen interessant. Zunächst einmal durch die Tatsache seiner Produktion:
dass sich ein Soziologe von seiner Statur
die Mühe gemacht hat, ein Werk über die
männliche Herrschaft zu verfassen — eine
Thematik, die er zwar angetippt, aber
niemals ins Zentrum seiner Untersuchungen gestellt hatte —, lässt auf die zunehmende Bedeutung dieser Problematik
schließen (...). Ferner schließlich wegen
seines Erfolges, ein Beleg dafür, dass es
eine Leserschaft gibt, die dieser verwickelten Situation gegenüber aufgeschlossen ist. Sicherlich Frauen, aber sie sind das
schon lange; aber auch Männer, und das
ist neu. Man kann ganz generell vermuten, dass die Männlichkeit mehr und
mehr in Frage gestellt wird. Bei einem
Kolloquium über »Eine Bilanz der Geschichte der Frauen« in R o u e n ging es
vor kurzem in einer Sitzung auch um
»Eine Geschichte der Männlichkeit« 1 .
Auch wenn es in Frankreich nichts gibt,
was mit den amerikanischen »gender
studies« vergleichbar wäre, die mehr mit
dem Geschlechterunterschied als nur mit
der Geschichte der Frauen beschäftigt
sind, gibt es doch zarte Ansätze in diese
Richtung. Ein Buch also, das einen Aufbruch ankündigt, ein wenig, wie das zu
anderen Zeiten bei dem Buch »Das andere Geschlecht« von Simone de Beauvoir der Fall war, dem unerwarteten Bestseller und Ausdruck einer Erschütterung.
Aber auch mit bemerkenswerten Unterschieden, nicht nur, was den Inhalt betrifft (in »Das andere Geschlecht« sah man
eine grundlegende Neuerung), sondern
auch im Hinblick auf die hervorgerufenen Reaktionen. In »Das andere Ge-
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schlecht« gab es ein Element von Skandal: eine Frau, die vom Geschlecht und
der Sexualität der Frauen spricht; das war
es, was erschüttert, befreit oder entrüstet
hat. Die Dekonstruktion der Weiblichkeit
als natürlicher Kategorie wurde weitaus
weniger bemerkt. Im Zentrum des Buches von Pierre Bourdieu steht, mit völliger Nüchternheit, mehr die Frage der
Macht als die Sexualität. Sein Erfolg belegt auf gewisse Weise die aufgestellte
These von der männlichen Herrschaft.
Natürlich spielt dabei das »symbolische
Kapital« des Autors eine Rolle und dessen
geschlechtsunabhängig funktionierendes
persönliches Talent. Aber auch seine hierarchische und männliche Position, die
ihm eine besondere Aufmerksamkeit sichert. Seit fünfundzwanzig Jahren mühen
sich die Frauen, von den Frauen und vom
Geschlecht zu sprechen; sie tragen Artikel
und Bücher zusammen, nehmen an Kolloquien teil, verfeinern ihre Konzepte,
konstruieren ein Wissensgebiet, ein »Feld«
zweifellos, doch oft umgeben von großer
Gleichgültigkeit, insbesondere von Seiten
der Männer, die ihre unbedeutenden Vorschläge überhören oder die Schriften der
Frauen nicht lesen, die alle den Stempel
der Belanglosigkeit tragen. Eine Auswirkung des Geschlechts, die Bourdieu unterstreicht: »... die Frauen haben gemeinsam, was auch immer ihre Position im sozialen R a u m ist, von den Männern durch
einen negativen symbolischen Faktor getrennt zu sein, der wie die Hautfarbe für
die Schwarzen oder jedes andere Zeichen
der Zugehörigkeit zu einer stigmatisierten
Gruppe, alles, was sie sind und alles, was
sie tun, mit einem Minuszeichen versieht«
(100). Man könnte es nicht besser sagen.
Da die Dinge so sind, wie sie nun mal
sind, nämlich geschlechtlich determiniert,
Anne-Marie Sohn und Francois Thélamon, »L'histoire sans les femmes est-elle possible?«, Kolloquium in Rouen, November 1997, Paris, Perrin, 1998. Der zeitgenössische Forschungsstand
wird hier sehr gut dargestellt, dazu auch: Françoise Thébaud, »Ecrire l'histoire des femmes«,
Presses de l'ENS-Fontenay, 1998.
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ist es sehr erfreulich, dass eine mit Autorität versehene Aussage dieser grundsätzlichen Überlegung Legitimität verleiht,
die die gegenwärtige Debatte über die
Gleichstellung auf manchmal konfuse
Weise wieder aufwirft. Die Frage nach
der männlichen Herrschaft hat sich Pierre
Bourdieu schon seit langem gestellt, aber
es ist das erste Mal, dass er sie frontal angeht: »Das ist kein Zufall«, schreibt Louis
Pinto, der aufmerksame Interpret des
Denkens des Soziologen 2 , die Bedingungen waren noch nicht alle gegeben.
»Wenn ich mich nach langem Zögern
und mit größter Bedachtsamkeit schließlich doch auf ein äußerst schwieriges und
heute fast gänzlich von Frauen gehaltenes
Gebiet gewagt habe«, schreibt Pierre
Bourdieu, »dann deshalb, weil ich den
Eindruck hatte, dass die Beziehung der
Distanz in der Sympathie, in der ich mich
befand, mir gestützt auf das durch die immense Arbeit und von der feministischen
Bewegung angeregte bereits Erreichte,
zusammen mit meinen eigenen Forschungsergebnissen, die Möglichkeit einer Analyse bot, (...) wo sowohl der Forschung über die Lage der Frau (...) wie
auch dem Handeln, wie sie verändert
werden könnte, eine andere Richtung
gegeben werden könnte« (124). Die Zeit
war also gekommen, sich an diese besonders vollendete Form von Herrschaft und
Unterwerfung heranzuwagen, die ihn
schon immer beschäftigt hatte.
»Ich habe in der männlichen Herrschaft und in der Art und Weise, wie sie
aufgezwungen und erduldet wird, immer
das Beispiel schlechthin für diese paradoxe Unterwerfung gesehen, die eine
Folge dessen ist, was ich die symbolische
Gewalt nenne« (7).
Pierre Bourdieu nimmt in diesem
Buch einige der Entwicklungsstufen seiner Forschung wieder auf. Er beginnt mit
2
seiner ersten ethnologischen Untersuchung der kabylischen Gesellschaft, einem typischen Beispiel für eine Gesellschaft, die entsprechend der männlichen
Herrschaft organisiert ist, die als völlig
natürlich vorgestellt wird, die so selbstverständlich ist, dass sie jeder Begründung
enthoben und Grundlage für die Arbeitsteilung ist, wo für die Verteilung der Rollen, der Aufgaben, der Räume und der
Zeit, entsprechend einer Gesamtheit relevanter Gegensätze, das Männliche und das
Weibliche für oben/unten, trocken/
feucht, draußen/drinnen, Geweihtes/Natur etc. stehen. »Die soziale Ordnung
funktioniert wie eine gigantische symbolische Maschine, die die männliche Herrschaft ratifiziert, auf die sie sich gründet«(15).
In seinen verschiedenen Untersuchungen zur schulischen und sozialen Reproduktion behandelt Pierre Bourdieu den
Geschlechterunterschied weitaus zurückhaltender. Die Frauen sind dort zwar spezifische Akteure, »privilegierte Opfer der
symbolischen Herrschaft, aber auch die
besonders geeigneten Werkzeuge, um deren Effekte in Richtung der beherrschten
Gruppen zu übertragen« (109). Man müsste zum Beispiel »Die feinen Unterschiede« (1982) mit der Messlatte der
männlichen Herrschaft wieder lesen. Mir
scheint, dass sie viel eher sozial als umgekehrt determiniert sind. So kann man lesen: »Die geschlechtsspezifischen Merkmale sind ebenso wenig von den klassenspezifischen zu isolieren wie das Gelbe
einer Zitrone von ihrem sauren Geschmack: Eine Klasse definiert sich im
Wesentlichen auch durch Stellung und
Wert, welche sie den beiden Geschlechtern und deren gesellschaftlich ausgebildeten Einstellungen einräumt. Darin liegt
begründet, warum es ebenso viele Spielarten der Verwirklichung von Weiblichkeit
Louis Pinto, »Pierre Bourdieu et la théorie du monde social«, Albin Michel, Paris 1998, S. 130.
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gibt wie Klassen und Klassenfraktionen
...« (185). Besonders die Kleinbürgerinnen wecken das Interesse des Soziologen.
Seit dem Beginn der neunziger Jahre
wendet sich das Nachdenken von Pierre
Bourdieu zunehmend der »männlichen
Herrschaft« zu, mit dem unter diesem T i tel in den Actes de la recherche en sciences sociales (Sept. 1990) erschienenen
Text, der vor allem auf der schönen Lektüre von »Die Fahrt zum Leuchturm« basiert, wo unter dem Blick von Mrs. Ramsay/Virginia Woolf der jämmerliche und
pathetische Mr. Ramsay das Bild einer
überzeichneten Haltung von Männlichkeit abgibt.
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was aktive Männer und passive Frauen
unterscheidet, den Gegensatz zwischen
der weiblichen Tugend (Schamgefühl,
Abwarten, Unterwerfung ...) und der
Ehre, die zur Gewalt fähig ist, dem Zeichen einer Männlichkeit, die wie eine
Falle zuschnappen kann (ein Schema, das
heute von kabylischen Ethnologinnen
bestritten oder nuanciert wird, die fur das
transformatorische Potenzial der weiblichen Kultur empfänglich sind).
Es handelt sich also um keine substantiell neue Untersuchung, aber eine Reflexion voller Bezüge auf amerikanische
Quellen (Mac Kinnon, Henley, Barkty...),
in geringerem Maße auf französische Arbeiten, mit eigenartigen Lücken, vor allem in Bezug auf unsere Arbeiten, die wie
ein Hintergrund in dem Text durchgängig enthalten sind, ohne wirklich miteinbezogen zu sein. Denn das Wesendiche
bleibt die Neuformulierung der Fragestellung, auf die Pierre Bourdieu seine
Leseraster anwendet, die er woanders entwickelt hat: Das Geschlecht wird unter
dem Blickwinkel des Habitus, der Produktion symbolischer Güter und symbolischer Gewalt und der Zustimmung der
Beherrschten von A bis Ζ neu betrachtet
und neu gelesen. Und tatsächlich enthält
die männliche Herrschaft alle Probleme,
die den Soziologen der Reproduktion interessieren, so dass man sich manchmal
sogar fragen kann, ob sie nicht die Matrix
seines Denkens gewesen ist.
Dieses Wertesystem überträgt sich
durch »eine Transformierungsarbeit der
Körper, die zugleich geschlechtlich verschieden und geschlechtlich unterscheidend verläuft«, Frucht einer langen
»Dressur«, die mit der Geburt einsetzt,
durch die Primärsozialisation eingeprägt
wird; in Bildern, Worten, Körperhaltungen, in sozialen und familialen Riten, in
den kleinsten Gesten, in der alltäglichen
Umgebung, in den räumlichen Dispositionen, in den Bewegungsmöglichkeiten,
etc. eingeschrieben, ein Leben lang vermittelt über ein Ensemble von Mechanismen, die es den Frauen so schwer machen, in der Öffentlichkeit zu reden, darauf reduziert, dort nur als stumme Erscheinungen vorzukommen. Unzählige
Taktiken, vom ritterlichen Schutzverhalten über die Zwänge der Mode bis zu
den Befehlen der Kosmetik, werden entwickelt, um die Frauen mit ihrer Zustimmung zu Objekten zu machen. Denn
diese Zustimmung existiert, ob erzwungen oder nicht (bei diesem Punkt sollte
man die Thesen von Jeanne Favret-Saada
und Nicole-Claude Mathieu diskutieren)
und die Frauen beteiligen sich aktiv an
ihrer eigenen Reproduktion als Objekte.
Die männliche Herrschaft ist eine
Grundstruktur, die sich der Veränderung
widersetzt. Weiblichkeit und Männlichkeit sind keine natürlichen Kategorien,
sondern soziale Produktionen. Die kabylische Gesellschaft, die als Beobachtungsgebiet gewählt wurde, weist all das auf,
Diese Zustimmung operiert wie ein
»historisches Unbewusstes«, das sich dem
individuellen Willen und Bewusstsein
entzieht, weil es so tief in die Körper und
das hinterlassene Erbe eingedrungen ist,
dass der Gedanke, man könne es per
Dekret oder Willensakt ändern, ganz ver-
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geblich ist; wie ein Bleigewicht liegt es
wände
auf dem Unterschied der
Geschlechter
schmack auf dieses B u c h liefern. »Wenn
formuliert,
die
einen
Vorge-
- und auf deren Hierarchie — und verhüllt
man »l'Histoire des femmes« liest, muss
ihn mit einem Mantel des Schweigens
man sich fragen, ob die Besonderheit der
und verleiht ihm den Anschein natürli-
Geschichte der Frauen nicht darin b e -
cher Evidenz. N a c h Pierre Bourdieu ist es
steht, aus der Geschichte herauszufallen«.
das, woran man in erster Linie denken
U n d können die Frauen diese Geschichts-
muss, an diese »Anamnese der verborge-
arbeit machen? »Die weibliche Sichtweise
nen Konstanten« und deren Übertragung,
ist eine beherrschte Sichtweise, die sich
und an deren außerordentliche Zähigkeit.
selbst nicht sieht. (...) Haben die Frauen,
Am
schwierigsten
zu verstehen
ist,
die
»l'Histoire
des femmes«
schreiben,
Strukturen
nicht auf die Frauen, deren Geschichte sie
sich genau an diesem Punkt einer Ände-
schreiben (und a u f sich selbst), den herr-
rung widersetzen. Pierre Bourdieu betont
schenden Blickwinkel angelegt und sich
warum diese fundamentalen
»die
außerordentliche
Geschlechtsstrukturen
ökonomischen
Autonomie
der
dazu verurteilt, das Wesendiche
gegenüber
den
beiseite zu lassen, was die Sichtweise der
Repro-
Frauen ausmacht, die kleinen Aspekte der
Strukturen, des
dessen
duktionsmodus gegenüber dem Produk-
Geschichte, die Geschichte im Spiegel-
tionsmodus« und stimmt dabei mit den
bild, das Öffentliche vom Privaten, vom
Analysen von Françoise Héritier überein
Häuslichen her gesehen? D i e Historike-
(ohne sie im übrigen zu zitieren) 3 . (...)
rin, die diese Geschichtsarbeit
»Indem
die
möchte, müsste sich explizit vornehmen,
transhistorischen Invarianten der Bezie-
das Unbewusste zu Tage zu fördern, das
die
Geschichtswissenschaft
machen
hung zwischen den »Geschlechtern« zu
der Frauen, deren Geschichte sie schreibt,
Tage fördert, zwingt sie sich dazu, die ge-
wie auch ihr eigenes« 4 .
schichtliche Arbeit der Enthistorisierung
Es ist wahrlich nicht einfach, Histori-
zum Gegenstand zu machen, die j e n e
kerin oder Soziologin oder Anthropolo-
kontinuierlich produziert und reprodu-
gin, oder ganz einfach eine Frau zu sein.
ziert«. Das wäre insgesamt für die G e -
Das ist es auch, was in diesem B u c h b e -
schichte der Frauen eine anspruchsvollere
hauptet wird und in diesem Sinne muss
Agenda als die ziemlich fruchdose B e -
man auch dankbar dafür sein, dass es mit
schreibung
der
der ganzen Kraft einer männlichen R e d e
Pseudo-Veränderungen, die sie vorgeb-
gesagt wird. Heutzutage, w o die Diskus-
lich
sionen über die Gleichstellung einen es-
ihrer
erreicht
Kämpfe
haben.
und
Pierre
Bourdieu
spricht von der »Blindheit«, die »der legi-
sentialistischen
time Stolz einer feministischen
M a c h t zurückkehren sehen (»Es gibt zwei
Bewe-
Feminismus
wieder
mit
gung« mit sich bringt, die den Akzent auf
Geschlechter« ...), liefert Pierre Bourdieu,
die Fortschritte setzen möchte, die auf-
der im Ü b r i g e n dieser Forderung sehr re-
grund dieser Kämpfe
worden
serviert gegenüber steht, in der er vor al-
sind« (89). Vor einigen Jahren (im N o -
lem den Wunsch nach Aneignung eines
vember 1 9 9 2 ) zu einer Diskussion über
männlichen Privilegs erkennt (aber das
»L'Histoire des femmes en Occident« auf-
gehört woanders hin) 5 , Argumente
gefordert,
eine Kritik des Geschlechternaturalismus.
3
4
5
hatte
Pierre
erreicht
Bourdieu
Ein-
fur
Françoise Héritier, »Masculin/Féminin. La pensée de la différence«, Odile Jacob, Paris, 1996.
Pierre Bourdieu, »Remarques sur l'Histoire des femmes«, in Georges Duby, Michelle Perrot,
»Femmes et histoire«, colloque Sorbonne, November 1992, Pion, Paris 1993, S. 6 3 - 6 7 .
Pierre Bourdieu ruft als Fazit dieses Buches die feministische Bewegung dazu auf, »sich nicht in
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Man kann aber trotzdem bei der Lektüre ein bestimmtes, wenn nicht gar ein
tiefgehendes Gefühl des Unbehagens
empfinden. Es rührt daher, dass eine Methode, die mit Gewalt das Gleiche sucht,
es notwendigerweise immer findet und
soweit geht, selbst die Möglichkeit eines
Entrinnens — aus einer Geschichte - vor
allem für die Frauen aufgrund ihrer Beherrschtheit zu verneinen. Es resultiert
aus einem zwanghaft unerbittlichen klösterlichen Denken, dessen Strenge darin
besteht, dass die in Frage stehenden Sachverhalte nach einem beengenden Schema
bewertet werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist es interessant, die beiden Großmeister des zeitgenössischen Denkens
miteinander zu vergleichen, Michel Foucault (der oft wegen seiner ungefähren
Annäherungen zitiert und kritisiert worden ist) und Pierre Bourdieu. Der erste,
von dem bekannt ist, wie sehr er die Position des »panoptischen« Intellektuellen
abgelehnt hat, bot seinen Lesern eine
»Werkzeugkiste« für ihre freien Forschungen an. Pierre Bourdieu, der in der
Nachfolge von Saint-Simon und Durkheim eher ein Organisator ist, bietet ihnen eine Maschine mit Gebrauchsanleitung an, bei der man sich fragt, ob sie
nicht auf eine unausweichliche Erklärung
hin programmiert worden ist.
Das Unbehagen wird dann aufgrund
des Fehlens einer Perspektive noch stärker, aufgrund einer Welt, deren Geschichtlichkeit paradoxerweise die Geschichte als offenen Handlungszusammenhang negiert, die aus Ereignissen, aus
Zufällen wie aus Notwendigkeiten besteht, aus Eingriffen, Interaktionen und
Spielen um das Mögliche. Die Frauen
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hatten geglaubt, in diesem Handlungszusammenhang mitwirken zu können, sowohl auf der Ebene der Erzählung (die
Möglichkeit
einer
Geschichte
der
Frauen), wie auf der Ebene des Schicksals
(die Möglichkeit eines Eingriffs der
Frauen in den Lauf der Dinge). Nun werden sie wieder an die Ordnung des Realen erinnert: die ebenso unzerstörbare
wie unveränderliche männliche Herrschaft. Eine harte Lektion.
Ives Sin tomer
Man muss es gleich zu Beginn sagen: Es
ist grundsätzlich positiv, wenn ein wichtiger Theoretiker wie Pierre Bourdieu der
männlichen Herrschaft eine Untersuchung dieser Art widmet. Die Tatsache ist
selten genug, um besonders vermerkt zu
werden: Sehr wenige der »großen« männlichen Philosophen oder Soziologen haben die Thematik in ihrer ganzen Breite
angepackt. Im gegenwärtigen französischen Kontext wird die Bekanntheit von
Bourdieu für eine große Verbreitung dieses Buches sorgen. Dies wird bei Lesern,
die mit den Forschungen über die Geschlechterbeziehungen weniger vertraut
sind, dafür sorgen, dass sie nicht nur die
Thesen von Bourdieu kennenlernen, sondern auch eine beachtliche Literatur zu
diesem Thema. Was dazu führen könnte,
dass der gegenwärtige akademische und
verlegerische Rückstand bei einer fundamentalen sozialen Frage in Frankreich
geringer wird: Dass die gegenwärtigen
Gesellschaften, wie fast alle bekannten
Gesellschaften, von Herrschaftsbeziehungen durchzogen sind; dass deren ur-
sogenannten feministischen Formen politischer K ä m p f e einschließen zu lassen, wie einer Forderung nach Gleichstellung von Frauen und Männern in den politischen Instanzen«, denn
»diese K ä m p f e laufen Gefahr, die Effekte einer anderen Form fiktiver Universalisierung zu verdoppeln, weil dadurch zuerst Frauen aus den gleichen R e g i o n e n des sozialen R a u m s bevorzugt
werden«. Früher hatte man denselben Einwand bei der Forderung nach einem Wahlrecht für
Frauen.
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sprüngliche die männliche Herrschaft ist
und dass diese genauso wenig »natürlich«
ist wie alle anderen...
Bourdieu beschreibt, dass die männliche Herrschaft die Herrschaft par excellence ist. Ihr massives Gepräge und ihre
Jahrtausende alte Reproduktion in Gesellschaften und Zivilisationen, die sich
im Übrigen total voneinander unterscheiden, scheinen ihr eine anthropologische Dimension zu verleihen, sie sogar zu
einer natürlichen Gegebenheit zu machen. Die geschlechtliche Verteilung der
Rollen wird dann als die normale Verlängerung biologischer Gegebenheiten verstanden. Bourdieu weist eindringlich darauf hin, dass die Weiblichkeit, die Männlichkeit und ihre Beziehungen zueinander soziale Konstruktionen sind, und
zwar soziale Konstruktionen, bei denen
sich die einen strukturell im Vorteil gegenüber den anderen befinden. Diese
Asymmetrie wird über bewusste und unbewusste Verhaltensweisen der Individuen
reproduziert, aber auch dank dem aktiven
Beitrag der wichtigsten sozialen Institutionen: Familie, Staat, Schule, Kirchen...
Und in diesem weiten Sinn handelt es
sich um Herrschaft.
Weil sie ein extremes Beispiel für die
Naturalisierung der Herrschaft bildet, ist
die Beziehung Männer/ Frauen ein Paradigma, das es erlaubt, einen fundamentalen Aspekt jeder Herrschaft zu begreifen:
Der kontingente Charakter der strukturell asymmetrischen Beziehungen verschwindet, sobald er spontan als selbstverständlich aufgefasst wird, und die soziale
Beziehung bildet sich als eine »zweite
Natur« aus. Die Sozialwissenschaften
müssen diese »historische Arbeit der Enthistorisierung« historisieren, müssen analysieren, wie die Geschlechterbeziehungen zur Verinnerlichung von Verhaltensund Wahrnehmungsmodellen fuhren, die
durch und durch sozial sind. Die englische Bezeichnung genders, »die sozialen
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Geschlechter« (frz. genres), unterstreicht
dort explizit diese soziale Dimension, wo
der Ausdruck »die biologischen Geschlechter« (frz. sexes) sie implizit zu naturalisieren versucht. Einer der Verdienste
Bourdieu s besteht darin, dass er nach anderen, aber auf eine besonders kohärente
und systematische Art und Weise, aufzuzeigen vermag, dass auch die physischsten
und intimsten Aspekte dieser Beziehungen davon betroffen sind. Die unterschiedlichen körperlichen Verhaltensweisen von Männern und Frauen, die der
Grund für die soziale Rollendifferenzierung der beiden Geschlechter zu sein
scheinen, sind nämlich weitgehend deren
Produkt, ebenso wie die Formen, die Begehren und Verfuhrung annehmen können. Die Herrschaft reproduziert sich
umso stärker, j e mehr sie seelisch und
körperlich von den Herrschenden und
den Beherrschten (bei der Gelegenheit
sind es beherrschte Frauen) verinnerlicht
ist. Dass die männliche Herrschaft eine
derartige Beständigkeit haben kann, liegt
daran, dass die Interiorisierung hier den
innersten Kern der Identität der Individuen betrifft, in einer Beziehung, die bei
der Geburt beginnt und sich kontinuierlich während des ganzen Lebens fortsetzt.
Die Formen, die Männlichkeit und
Weiblichkeit annehmen können, variieren j e nach Ort und Zeit, aber die ungleiche Dichotomie zwischen diesen beiden Polen ist schon fast übergeschichtlich. Diese Dichotomie bildet darüber
hinaus die Matrix einer Kette struktureller Gegensätze, die sie verdoppeln und
verstärken, wodurch die einzigartige
Macht der männlichen Herrschaft verständlich wird. Solche strukturellen Gegensätze werden in ihrer kanonischen
Form in der kabylischen Gesellschaft
sichtbar, weswegen der ethnologische
Umweg gemacht wurde. Aber dieser ermöglicht auch zu verstehen, wie sie gleichermaßen in den gegenwärtigen wesdi-
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chen Gesellschaften vorzufinden sind, in
einer gebrochenen Form, die es manchmal fast unmöglich macht, sie zu erkennen. Hinter den offensichtlichen Veränderungen in der Situation der Frauen und
in den Beziehungen der Geschlechter
verbergen sich tiefgehende Kontinuitäten: so zum Beispiel, wenn der wachsende
Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt
von einer relativen Entwertung der Beschäftigungen begleitet ist, die sich feminisieren, oder wenn die berufliche Position von Frauen im Hinblick auf Männer
mit der gleichen Kompetenz systematisch
unterbewertet wird. Doch insgesamt ist
»Die männliche Herrschaft« kein Hauptwerk von Bourdieu. Der Soziologe legt
hier ganz systematisch bei einem Objekt,
das er bis dahin lediglich in zersplitterter
Form untersucht hatte, einen vorkonstruierten theoretischen Rahmen an, ohne
diesen wirklich auf die Probe zu stellen.
(...) Die Schwächen des Werkes rühren
teilweise daher und sind unterschiedlicher Art.
Die Erste beruht auf dem zu selektiven
Bezug auf existierende Untersuchungen
über die Geschlechterbeziehungen. Der
Bezug auf die angelsächsische feministische Literatur ist ziemlich fragmentarisch,
da ein Großteil der wichtigsten Arbeiten
im Dunkeln bleibt. Kein Wort über die
sozialpsychologischen Arbeiten von Carol
Gilligan über die différentielle Konstruktion der Beziehung zur Welt und zu ethischen Werten bei Jungen und Mädchen
(die das empirische Substrat geliefert hat,
auf dem eine Ethik der Pflege und Fürsorge — care - im Gegensatz zu den klas-
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sischen rationalistischen Ethiken aufbaut) 6 . Wenig über die Analysen, die die
Wandlungen der Beziehungen zum Körper zum Gegenstand haben, vor allem
unter dem Einfluss der Entwicklung bei
der Empfängnisverhütung 7 . Nichts oder
fast nichts über die zahlreichen Arbeiten
zur »Politik der Lebensstile« (life politics)
und zur Politik der »Identität«, wo es vor
allem um eine Hinterfragung der herrschenden Hierarchisierung der Lebensweisen geht und wo die Skala von essentialistischen Perspektiven über eine »modernistische« Optik bis zu »dekonstruktivistischen« Thesen reicht 8 . Kaum Bezüge
(auch keine kritischen) auf feministische
Philosophinnen: nichts über den mitderweile klassischen Zugang von Carol Pateman zur Dichotomie öffentlich/privat 9 ;
en passant eine Bemerkung zu Judith
Butler; einige Verweise auf bereits ältere
Arbeiten von Catherine MacKinnon,
aber nichts über ihre neueren Werke oder
über ihren Kreuzzug für ein Verbot der
Pornographie, die als ein Prüfstein der
symbolischen Herrschaft der Männer
über die Frauen betrachtet wird 10 - obwohl es das Thema Bourdieu ermöglicht
hätte, seine Thesen anhand eines schwierigen, paradigmatischen und in den USA
heftig diskutierten Sujets zu präzisieren.
Bourdieu stützt sich darüber hinaus
hauptsächlich auf soziologische und anthropologische Arbeiten; er nennt weitaus
ausschnitthafter die historischen Arbeiten
und seine Bezüge auf philosophische oder
psychoanalytische Ausarbeitungen sind
mehr als knapp. Dabei wurde besonders
die Gelegenheit verpasst, die Habitustheo-
6
Carol Gilligan, »In a different voice: Psychological Theory and Women's Development«, Cambridge Mass., Harvard University Press, 1982.
7
Z. B. Linda Gordon, »Women's Body, Women's Right,« Birth Control in America, Grossman
Publishers, 1976.
* Siehe hierzu die Diskussion von Antony Giddens, »Beyond Left and Right, The Future o f Radical Politics«, Cambridge Polity Press, 1994.
9
»The Sexual Contract«, Stanford University Press, 1988.
10
Siehe vor allem »Toward a Feminist Theory of the State«, Cambridge Mass., Harvard University
Press, 1989 und »Only Words«, Cambridge Mass., Harvard University Press, 1993.
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rie mit den psychoanalytischen Theorien
des Unbewussten zu konfrontieren, abgesehen von einigen ziemlich allgemeinen
(wenn auch zutreffenden) Kritikpunkten
am ahistorischen Charakter des fireudschen Unbewussten. Der Gegenstand
hätte dazu herausgefordert. Auch der Diskussion der Beziehung zwischen »biologischem« und »sozialem« Geschlecht wird
ausgewichen: Die Frage, die die differentielle Beziehung von sozialem und biologischem Geschlecht bei der Fortpflanzung
spielt, wird nicht wirklich behandelt und
der Zusammenhang von Biologischem,
Anthropologischem und Historischem
dementsprechend nur teilweise erörtert.
Aber im Großen und Ganzen könnte
man diese Begrenztheiten entschuldigen:
Bourdieu operiert in erster Linie in seinem eigenen Disziplinfeld, auch wenn
seine erklärten Ambitionen weit darüber
hinaus gehen. Schlimmer ist allerdings,
dass er es unterlässt, wichtige Arbeiten zu
diskutieren, die er zweifellos kennt: nichts
über das Werk von Françoise Héritier 11 ;
genau so wenig über die Analysen von
Joan Scott 12 , die er gleichwohl an anderer
Stelle als »großartig« bezeichet 13 ; nichts
oder fast nichts über die französischen
Historikerinnen, die bemerkenswerte Arbeiten geschrieben haben...Ein Ubergehen in diesem Ausmaß grenzt an intellektuelle Unredlichkeit und zeugt von einer
allzu lässigen Art, an wissenschaftliche
Debatten im sozialwissenschaftlichen Feld
heranzugehen. Die genervten Reaktionen von einigen betroffenen Personen
sind unter diesem Aspekt mehr als verständlich (Michèle Perrot hat übrigens
darauf hingewiesen, dass ein solches
Schweigen eine der Möglichkeiten ist,
11
12
13
14
eine woanders kritisierte Herrschaft aufrecht zu erhalten).
Das ist umso misslicher, als ein Teil dieser Arbeiten eine Frage betrifft, die den
schwachen Punkt des Werkes betrifft: so
detailliert und kohärent es ist, wo es um
die Mechanismen geht, über die sich die
männliche Herrschaft reproduziert, so
fragmentarisch und unbefriedigend ist es,
wenn es darum geht, zu verstehen, wie
diese in den zeitgenössischen (vor allem
westlichen) Gesellschaften in Frage gestellt
und bis zu einem gewissen Punkt abgeschwächt werden konnte. Man berührt da
eine allgemeine Schwäche bei Bourdieu,
der eher bereit ist, die Reproduktion zu
erklären, als den sozialen Wandel zu analysieren — aber sie ist umso deutlicher, wenn
sie bei einer quasi anthropologischen
Struktur ausgespielt wird, die gerade bis in
ihr Innerstes ins Wanken gerät. Die Geburtenregelung ist eine wahre Revolution historischen Ausmaßes. In geringerem Maß
hat auch die rechtliche Gleichstellung
weitreichende Auswirkungen. Auch die
Arbeit, wo teilweise die geschlechtliche
Herrschaft weiterbesteht, ist ein Ort weitreichender Veränderungen: Um nur ein
Beispiel zu nehmen, der Anteil der Arbeiterinnen, die höhere Gehälter bekommen,
hat sich in den USA zwischen dem Ende
der siebziger Jahre und 1986 um 50% erhöht, was ein deutliches Aufholen im Verhältnis zu den Männern bedeutet; das Weiterbestehen einer bedeutenden Schicht
unterbezahlter Arbeiterinnen zeigt einfach, dass sich die Situation widersprüchlich entwickelt und dass die Herrschaft, in
bestimmten Bereichen stark zurückgedrängt, in anderen Bereichen mit Macht
weiterbesteht14. Und was soll man von der
Insbesondere »Masculin, feminin: la pensée de la difference«, O.Jacob, Paris, 1996.
Vor allem »La citoyenne paradoxale«, Albin Michel, Paris, 1998.
Pierre Bourdieu, »Die männliche Herrschaft«, in »Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis«, Beate Krais und Irene Dölling (Hrg.), Frankfurt, 1997, S.209.
Johanna Brenner, »The Best ofTimes.The Worst ofTimes: US Feminism Today«, New Left R e view, 00, Juli-August, S. 115.
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Schule sagen, wo vielfaltige Formen von
Ungleichheit zwischen Männern und
Frauen weiterbestehen, die aber auch und
vor allem der Ort einer außerordentlichen
Veränderung der Geschlechter im Verlauf
des Jahrhunderts war, sowohl auf der
Ebene der objektiven Hindernisse wie der
der symbolischen Vorstellungen? Bourdieu
unterstreicht zu Recht einige Umwege,
über die sich die männliche Herrschaft in
verwandelter Form fortsetzt. Aber er greift
ein wenig kurz, wenn er vorbringt, dass
»die alten Strukturen der geschlechtlichen
Teilung immer noch Richtung und Form
der Veränderungen zu bestimmen scheinen« (101). Es ist gewiss absolut notwendig, sich mit Bourdieu die Frage zu stellen: Warum konnte sich die männliche
Herrschaft so massiv und so universell erhalten? Aber es ist genauso notwendig,
sich umgekehrt auch zu fragen: Wie
konnte eine so massive und universelle
Herrschaft überhaupt ernsthaft in Frage
gestellt werden? Ganz allgemein, wie werden historische Brüche und radikale Veränderungen möglich? Man muss feststellen, dass Bourdieu kaum Elemente für
eine Antwort auf diese Fragen liefert.
Es wäre beispielsweise außerordentlich
interessant gewesen, zu analysieren, wie
die aktiven feministischen Bewegungen,
die die letzten beiden Jahrhunderte immer wieder geprägt haben, stillschweigend verlaufende, aber gleichwohl tiefgehende Evolutionen verstärkt haben, indem sie ausdrücklich den pseudonatürlichen Charakter der Geschlechterbeziehungen in Frage gestellt haben. (...)
Ebenso wäre es eine echte theoretische
und empirische Herausforderung gewesen, die Problematik der Reproduktion
von Herrschaft mit der Analyse der widersprüchlichen Effekte der Französischen Revolution auf die Beziehungen
der beiden Geschlechter zu verbinden; sie
ist in dem Werk noch nicht einmal angedeutet.
Dokumentation
Bourdieu gelingt es kaum, zu theoretisieren, was sich der Herrschaft entgegensetzen kann und dazu Idealtypen und Erklärungsschemata zu entwickeln. Daher
ist es bezeichnend, dass »Die männliche
Herrschaft« mit einem Loblied auf die
reine Liebe endet, von der die Verkörperung des utopischen »anderen« der geschlechtlich differenzierten Herrschaft
erwartet wird, die in seiner Perspektive
höchst unwahrscheinlich ist und wo man
nicht erkennen kann, wie sie anders als
nur am Rande existieren kann, wenn man
innerhalb des vorgeschlagenen Erklärungsrahmens bleibt. Das ist auch der
Grund, warum dieses Werk einige nachteilige Perspektivverengungen aufweist,
wenn es politische Fragen wie die
Gleichstellung aufgreift oder wenn darin
ohne richtigen Beweis behauptet wird,
dass das Ziel der feministischen Kämpfe
eher der Staat oder die Schule als die Familie (oder implizit die Arbeit) sein müsste, weil erstere für die Fortsetzung der
männlichen Herrschaft wichtiger seien.
Insgesamt bietet das Buch dem Neuling
eine stichhaltige, wenn auch nur teilweise
Einfuhrung in die Erforschung der Geschlechterbeziehungen wie auch in das
Werk von Bourdieu selbst. Aber es lässt
diejenigen teilweise unbefriedigt zurück,
die damit vertraut sind und von der Auseinandersetzung des wichtigsten französischen Soziologen mit einem besonders
reichhaltigen und neuerungsträchtigen
Forschungsfeld in dieser Schlüsselfrage
mehr erwartet hatten.
Beate Krais
Eigentlich gibt es zwei Versionen der
»männlichen Herrschaft« von Pierre
Bourdieu: einen Artikel, der 1990 erschienen ist und das Buch von 1998. Der
Autor hat die erste Version, die bereits ein
wichtiger Beitrag für die Debatte über
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Dokumentation
die sozialen Beziehungen der Geschlechter war, überarbeitet, verändert und verbessert. Wenn man aber die beiden Versionen untersucht, versteht man besser, was
in den Augen des Autors wichtig, eher
zweitrangig oder unhaltbar geworden ist.
Als der Artikel 1990 erschienen ist, war
ich beeindruckt, weil ich fand, dass er
eine erhellende und neue Sicht der sozialen Geschlechtsbeziehungen aufzeigte,
bitus-Begriff, der uns den theoretischen
Schlüssel für die Analyse der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern liefert,
die oft und detailliert in den Texten feministischer
Soziologinnen
beschrieben
wurde und er ist sicherlich der beste
Schlüssel, um zu begreifen, wie »die soziale Welt den Körper als vergeschlechtlichte Wirklichkeit und ineins als Speicher von vergeschlechtlichenden Wahr-
doch irgendetwas störte mich. Wie soll
ich diese Ambivalenz erklären?
nehmungs- und Bewertungskategorien
konstruiert« (Bourdieu 1997, S.167).
1. Die Analyse von Bourdieu liefert ein
solides theoretisches Fundament für eine
zentrale Fragestellung der Soziologie der
sozialen Geschlechterbeziehungen. Schon
lange haben feministische Soziologinnen
das klassische Konzept der sozialen R o l l e
kritisiert, weil dieses nicht in der Lage sei,
die Wirkung des »Faktors« Geschlecht zu
erfassen, denn das Konzept der R o l l e
— hier die weibliche oder die männliche
R o l l e - bezieht sich auf spezifische und
gut definierte Situationen, zum Beispiel
zwischen Ehepaaren, zwischen Eltern
oder auf die eigentlichen sexuellen Interaktionen. Das Geschlecht ist im Gegensatz dazu eine Dimension sozialen Handelns, die immer präsent ist. Was man mit
Candace West und D o n Zimmerman
(1987) »doing gender« nennt, ist immer
am Werk: bei der Arbeit, im Haus, beim
Spaziergang, in der Schule, etc. In seinem
Artikel stützt sich Bourdieu auf eine Analyse der kabylischen Gesellschaft, die
durch eine soziale und kosmische Ordnung charakterisiert ist, die auf der E i n teilung von Gegenständen und Handlungen nach dem Gegensatz zwischen weiblich und männlich basiert und erklärt, wie
dieses »doing gender« funktioniert, oder
genauer, die männliche Herrschaft sowohl als Struktur wie als alltägliche Praxis: eine Vision der vergeschlechtlichten
Welt schreibt sich in unseren Habitus ein;
der Habitus ist vergeschlechdicht und
selbst vergeschlechtlichend. Es ist der H a -
2. Bourdieu rückt die Wichtigkeit der
symbolischen Gewalt ins Zentrum, »die
das Essentielle der männlichen Herrschaft
ausmacht« (Bourdieu 1997, S. 166).Vor allem in »Entwurf einer Theorie der Praxis«
(Bourdieu 1979) schon früh entwickeltest
dieses Konzept für die Analyse der sozialen Geschlechterbeziehungen besonders
nützlich, weil es den soziologischen Blick
auf ein ganzes Spektrum von Phänomenen erlaubt, die ohne dieses Konzept
außerhalb einer systematischen Analyse
blieben. Auch wenn physische Gewalt,
Zwang, Druck und Einschüchterung in
den Interaktionen zwischen Männern
und Frauen überhaupt nicht wegzudiskutieren sind, wäre die Erklärung der sozialen Macht männlicher Herrschaft — und
selbst der Akte alltäglicher physischer Gewalt gegen die Frauen — schwierig, ohne
auf die symbolische Gewalt zu rekurrieren, eine Gewalt, die nicht als solche
wahrgenommen wird, weil sie nichts anderes ist als die Anwendung einer sozialen
Ordnung, einer Sicht der Welt, die im
Habitus der Beherrschten wie des Herrschenden verwurzelt ist. In einem Interview anlässlich der deutschen Publikation
der »männlichen Herrschaft« (in ihrer
Version von 1990) beschreibt Bourdieu
die symbolische Gewalt - »eine sanfte
Gewalt« — als ein sehr allgemeines Herrschaftsmodell und die männliche Herrschaft als einen besonderen Fall dieses
Modells (Bourdieu 1997). Aber es ist evi-
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dent, dass es dieser besondere Fall war, der
ihn zum Nachdenken über die Wichtigkeit der symbolischen Gewalt als Mittel
»moderner« Herrschaft gebracht hat, das
Beispiel par excellence, wo die Funktionsweise der symbolischen Gewalt studiert werden kann. Die Übernahme dieses herrschenden Blicks durch die
Frauen, also ein negatives, entwertetes
und erniedrigendes Bild der Frau, wäre
ohne dieses Konzept schwer zu verstehen. Gleichzeitig macht diese Unterwerfung unter den, wenn nicht gar Inkorporierung des herrschenden Blickwinkels,
ganz deutlich, was Beherrschung heißt es bedeutet immer, auch in sich selbst zu
tragen, was einen zerstört.
3. Schließlich habe ich aus dem Aufsatz
von 1990 das Kapitel über die Frau als
Objekt sehr erhellend gefunden. Bourdieu beschreibt dort mit großer Klarsicht
- man könnte auch sagen, mit Brutalität —
den fast vollständigen Ausschluss der
Frauen von den sozialen »Spielen« der
Männer, also der sozialen Welt — einer sozialen Welt, die nach den Prinzipien des
Wettbewerbs und daher, wenn ich das
richtig verstanden habe, der Ehre konstruiert ist. Dieses Kapitel ist aus der
Mitte dieser maskulinen Welt geschrieben
worden, in der Perspektive von jemandem, der sich dort auskennt und teilnimmt an »den ernsten Spielen, die ... der
libido dominandi mögliche Handlungsfelder ... eröffnen«(Bourdieu 1997,S. 203).
Ich sehe die Frau nicht, die diesen luziden ... und verstehenden Blick auf diese
soziale Welt, die maskulin sein will, hätte
haben können.
Während das Aufzeigen der starken
Punkte der Analyse eher einfach ist, gilt
das nicht genauso für das, »was nicht
geht«. Ich begann es zu spüren, als ich bei
den letzten Ausfuhrungen des Artikels angekommen war, wo es um die »Frau als
Objekt« geht. Im Allgemeinen sind die
Texte über die sozialen Geschlechterbe-
Dokumentation
ziehungen von Frauen geschrieben. In
den meisten Fällen haben sie eine Perspektive der Befreiung der Frauen, sei es
implizit oder explizit, überzeugend oder
nicht. Aber diese Analysen geben einen
Blick von Frauen auf die männliche
Herrschaft und deren Konsequenzen fur
die soziale Lage der Frau zu erkennen. In
der Analyse von Bourdieu ist es evident,
dass es sich um einen männlichen Blick
handelt, eines zweifellos vorurteilsfreien
Mannes, der als strenger Analytiker der
sozialen Welt bekannt ist, aber eines Mannes, der nichtsdestoweniger in einer
männlichen Sichtweise befangen bleibt,
wenn es um dieses Thema geht. Wenn er
vom kabylischen sozialen Universum
spricht, dann ist es ein Universum von
Männern, das er beschreibt, mit männlichen Definitionen dessen, was »öffentlich« und »privat« ist, und man versucht
vergeblich zu erfahren, was sich zwischen
den Frauen abspielt, in den Häusern oder
um den Brunnen herum zum Beispiel,
der für die Frauen gewiss ein öffentlicher
Ort ist. Aus anderen Forschungsergebnissen und Erzählungen geht hervor, dass in
den Gesellschaften, wo das Haus eine
Domäne der Frauen ist, viele soziale Angelegenheiten von Frauen ausgehandelt
und geregelt werden, und die Männer nur
durch einen »öffentlichen« Akt bestimmte
»ernsthafte Angelegenheiten« wie etwa
die Gastgeschenke und die Verhandlungen anlässlich einer Verheiratung zum Abschluss bringen. Wie verhält es sich damit
in der Kabylei? Und wenn das soziale
Universum ein männliches Universum
ist, wie Bourdieu sagt, wo ist dann das
Universum der Frauen, wie funktioniert
es, wie ist es strukturiert? Auch wenn es
sich um ein beherrschtes Universum handelt, muss es existieren, vor allem in den
Gesellschaften, die eine Art von Geschlechter-»Apartheid« praktizieren.
Es wäre absurd, anzunehmen, dass sich
Bourdieu nicht dessen bewusst gewesen
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wäre, dass hier seine Eigenschaft als
Mann, mit allen damit verbundenen Begrenzungen, nicht zu vernachlässigen
war. Er sagt es mehrmals selbst in dem
Text und selbst die Wahl der Fälle, die das
Material fìir die Analyse liefern, gibt darüber Aufschluss: Er wählt zwei exotische
Beispiele, die Kabylei und den Fall der
Familie Ramsay, wie sie von Virginia
Woolf gesehen wird. Aber was auf den
ersten Blick wie eine gute Wahl aussieht,
da die sozialen Geschlechterbeziehungen
damit wie »im Reinzustand« erfasst werden können, sorgt zugleich auch fìir
Probleme. Eines dieser Probleme lässt sich
einfach benennen: Ich befinde mich nicht
in der sozialen Welt, die Bourdieu beschreibt. Meine
Lebensbedingungen,
meine Probleme, meine Freuden, meine
Sicht der Welt und der Dinge kommen in
dem Text nicht vor, obwohl ich kein exotischer Fall bin. Was in dem Text nicht
enthalten ist, sind die Existenzbedingungen, die Praktiken, die Sichtweisen und
die Kämpfe der Frauen von heute, in
Frankreich wie in Deutschland oder anderswo, wie auch die Vielfältigkeit dieser
Bedingungen, Praktiken, etc. Mit dieser
Feststellung hängt eine andere zusammen: Das Bild der sozialen Ordnung der
Geschlechter, wie es in diesem Text gezeichnet wird, erscheint nicht nur »vergröbert«, wie Bourdieu sagt, diese soziale
Ordnung erscheint außerdem auch als
hermetisch und unzerstörbar, als bildete
sie ein geschlossenes und perfekt geordnetes Universum. Im Gegensatz dazu lassen die Recherchen und Debatten der
letzten dreißig Jahre über die Geschlechterbeziehungen und die soziale Arbeitsteilung eher den Eindruck aufkommen,
dass »sich etwas bewegt«, dass sich die
Grenzen der Ungleichheit zwischen
Männern und Frauen, wenn nicht ganz
auflösen, so doch bewegen und die M o dalitäten der Spaltung weiblich/männlich
sich ständig verändern. (...)
Dennoch ist es Bourdieu, der uns mit
dem Habitus-Begriff ein leistungsfähiges
Analyseinstrument geliefert hat. Der Habitus, sagt er, ist das Produkt der Lebensgeschichte des Akteurs, er ist durch die
Existenzbedingungen und die früheren
Erfahrungen geformt worden und trägt
deren zugleich unauslöschliche wie wirksame Spuren hinein in die Gegenwart:
»Als einverleibte, zur Natur gewordene
und damit als solche vergessene Geschichte ist der Habitus wirkende Präsenz
der gesamten Vergangenheit, die ihn erzeugt hat« (Bourdieu 1987, S. 105). Bourdieu richtet in der Folge sein Augenmerk
auf einen ausgesprochen
wichtigen
Aspekt des Habitus: Jede soziale Institution wäre zum Untergang verurteilt,
wenn der entsprechende Habitus der Akteure nicht existieren würde; eine Institution ist nur dann eine soziale Realität,
wenn sie konstant in den und durch die
Interaktionen der Akteure wiederbelebt
wird. Bourdieu sagt in einer Passage des
Sens pratique, die ich immer sehr schön
gefunden habe: Es ist der Habitus, »der es
ermöglicht, Institutionen zu bewohnen,
sie sich praktisch anzueignen und sie damit in Funktion, am Leben, in Kraft zu
halten, sie ständig dem Zustand des toten
Buchstabens, der toten Sprache zu entreißen, den Sinn, der sich in ihnen niedergeschlagen hat, wieder aufleben zu lassen, wobei er ihnen allerdings die Korrekturen und Wandlungen aufzwingt, die
Kehrseite und Voraussetzung dieser R e aktivierung« (1987, S. 107).
Wenn man nun die sozialen Bedingungen und Erfahrungen untersucht, die
in den heutigen differenzierten Gesellschaften den vergeschlechtlichten Habitus
der Akteure bestimmen, dann ist offensichtlich, dass sie — für jede Person - sehr
unterschiedlich, wenn nicht widersprüchlich sind. Die Vorstellung fällt schwer, dass
aus einem solchen Konglomerat von unterschiedlichen Erfahrungen ein Habitus
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erwachsen könnte, dessen Klassifizierungen und Wahrnehmungsschemata für
Denken und Urteilen ein stichhaltiges
und in sich selbst harmonisches Ensemble
bilden könnten. Man muss im Gegenteil
vermuten, dass die in Körper und Uberzeugungen eingeschriebene Geschichte
immer ein wenig durcheinander geht, aus
heterogenen und ungeordneten Klassifizierungsteilstücken besteht, sowie verschiedenen divergierenden und je nach
Situation
unterschiedlich
aktivierten
Wahrnehmungsschemata. Auch wenn eine
Frau immer eine Frau bleibt, kann sie sich
doch in einer Lage befinden, wo sie zu
einer gegebenen Gelegenheit auch Forscherin oder Direktorin oder Käuferin in
einem Geschäft ist — und die Kombination dessen, worüber sie aufgrund ihrer
früheren Erfahrungen verfugt, ist weit davon entfernt, immer in perfektem Einklang mit den objektiven Strukturen der
Trennung von männlich/weiblich zu
sein. Ich denke, dass die Metapher, die
Bourdieu dem von ihm so geschätzten
Leibniz entliehen hat — derart koordinierte und mit größter Genauigkeit fabrizierte Uhrwerke, dass sie perfekt miteinander übereinstimmen — abwegig ist, so
schön das Bild auch ist: es scheint mir,
dass diese perfekte Ubereinstimmung von
Habitus und Praktiken, diese »prästabilierte Harmonie«, den charakteristischen
Punkt des Habitus nicht berührt. Es ist
Bourdieu, der immer wieder betont, dass
der Habitus nach den Prinzipien eines lebendigen Organismus funktioniert, dass
er eine Kategorie ist, die man sich schöpferisch, erfinderisch vorstellen muss, ausgestattet mit dem Vermögen der ars inveniendi. Eine der Existenzbedingungen,
die sich im Zentrum der sozialen Geschlechterbeziehungen befindet, ist das,
was man den »abgeleiteten Status« der
Frau nennt, ihre fundamentale Abhängigkeit von ihrem Ehemann auf materiellem
und sozialem Gebiet. Aufgrund der zu-
Dokumentation
nehmenden Erwerbsbeteiligung haben
die Frauen selbst Zugang zu ihrer materiellen Unabhängigkeit. Auch wenn diese
Tatsache nicht die »ganze« männliche
Herrschaft verändert, ist sie gleichwohl
ein starker Motor für laufende Veränderungen, da sie einen Anreiz zur Entwicklung neuer Praktiken und Sichtweisen
bildet.
Die kritischen Punkte in der Analyse
von 1990 können in zwei Punkten zusammengefasst werden: Die Analyse
bleibt innerhalb der Grenzen der männlichen Sicht der Welt und greift die relevanten Aspekte der sozialen Realität heutiger Frauen nicht auf. 1998 hat Bourdieu
unter dem gleichen Titel eine redigierte
und überarbeitete Version seines früheren
Textes als Buch veröffentlicht.Von diesem
Buch kann man nun erwarten, dass einige
Kritiken berücksichtigt worden sind. Was
gibt es daher Neues in diesem Buch über
die männliche Herrschaft?
Zunächst ist es offensichtlich, dass der
Text tiefgehend revidiert und umgearbeitet worden ist. Er hat einige Schroffheiten
verloren, erscheint weicher und in seiner
männlichen Sichtweise weniger hart. Es
gibt Ergänzungen und Streichungen. U n ter anderem ist ein »Postscriptum über
die Herrschaft und die Liebe« dazu gekommen, das in dem Kontext absolut
notwendig ist, auch wenn es nicht befriedigt. Vom Kapitel über die Frau als Objekt bleiben nur einige unzusammenhängende Passagen in einem neuen Kapitel
über »Konstanz und Wandel«. Schade, das
waren erhellende Passagen über die
männliche Sichtweise. Man kann ebenfalls zahlreiche bibliographische Verweise
finden, die es in der früheren Version
nicht gegeben hat. In diesem Kapitel diskutiert Bourdieu Veränderungen hinsichtlich der Lage der Frauen, die dazu
beitragen können, die Doxa der männlichen Herrschaft zu brechen. Er nimmt
also einen wichtigen Punkt der Kritik an
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seinem früheren Text auf, betont aber
gleichwohl die Konstanz in und durch
den Wandel. Die angesprochene Enthistorisierungsarbeit bleibt nur ein skizziertes
Programm, mit einigen Sätzen über die
Kirche, die Schule, den Staat, was erstaunlich ist, denn es sind in Frankreich (aber
auch in Deutschland) vor allem die Arbeiten von Historikerinnen, die stark
zum Verständnis der Geschichtlichkeit der
sozialen Geschlechterbeziehungen beigetragen haben.
Die zentrale Argumentationskonstruktion des Buches bleibt indes gleich und
stützt sich prinzipiell auf das Beispiel der
Kabylei und den Fall der Familie Ramsay,
wie er von Virginia Woolf gesehen wird.
Sicherlich in der Absicht, dem Exotismus
des kabylischen Beispiels abzuhelfen, ist
der Text mit bibliographischen Verweisen
auf vor allem amerikanische Quellen gespickt, was einen doppelten Effekt hat:
Die Leserin kann mit Erstaunen feststellen, bis zu welchem Punkt die Praktiken
in den USA exotisch sind (zum Beispiel
die gynäkologische Untersuchung), aber
vor allem weiß man selbst nicht mehr, wo
man ist: Ist es die Beschreibung des »vergröberten Bildes«, das die Kabylei darbietet, oder ist es die Analyse der komplexen
Situation der männlichen Herrschaft in
den differenzierten Gesellschaften Frankreichs oder Deutschlands? Die »Modernisierung« des kabylischen Beispiels aufgrund der Zitate verstärkt den Eindruck
eines geschlossenen und hermetischen
Systems, das auch die soziale Geschlechterordnung in den modernen Gesellschaften wäre, als wäre es eine feste Struktur
mit unveränderbaren Regeln, eine Funktionsweise sozialer Praxis, gegen die
Bourdieu immer mit exzellenten Argumenten gekämpft hat.
Auch bei einem anderen Punkt fuhrt
die Analogie mit der kabylischen Gesellschaft in die Irre. Es geht um die Rolle,
die die symbolischen Güter bei der Er-
klärung der sozialen Geschlechterbeziehungen spielen, was kein nebensächlicher
Punkt ist. Für Bourdieu befindet sich das
symbolische Kapital im Herzen der
männlichen Herrschaft. Er sieht die Familie in einer dynastischen Perspektive,
die Heirat als »Kernstück« der Ökonomie
der symbolischen Güter (Bourdieu 1998,
S. 103) und den häuslichen Bereich als
den Ort par exzellence für die Bewahrung und Erhöhung des symbolischen
Kapitals. Die Frauen spielen dabei eine
entscheidende Rolle: »Genauso wie die
Frauen in den weniger entwickelten Gesellschaften als Tauschmittel behandelt
wurden, die es den Männern erlauben,
soziales und symbolisches Kapital durch
die Heiraten zu akkumulieren (...) genauso leisten sie heute einen entscheidenden Beitrag zur Produktion und R e produktion des symbolischen Kapitals der
Familie; und das zuerst dadurch, dass sie
das symbolische Kapital der häuslichen
Gemeinschaft durch all das, was zu ihrer
äußeren Erscheinung - Kosmetik, Kleidung, Haltung, usf. — beiträgt, zur Darstellung bringen« (Bourdieu 1998, S. 105).
Auch wenn diese Sichtweise der Familie
für die bürgerliche Familie immer noch
gültig sein mag, glaube ich nicht, dass sie
den Kern dessen trifft, was die Familie für
die Mehrheit der Bevölkerung ist, die
nicht unter diesen bürgerlichen Bedingungen lebt. Die »Meisterdenker« der
modernen Gesellschaft (eigentlich der
bürgerlichen Gesellschaft im Unterschied
zur Feudalgesellschaft), wie Hegel, Fichte
und Schleiermacher, die ausdrücklich die
Familie — und die sozialen Geschlechterbeziehungen — behandelt haben, haben
sie als Gegenwelt zur Welt der Produktion und des Marktes konstruiert: eine
Welt, frei von jedem Wettbewerb, ein Ort
der Zurückgezogenheit und des Schutzes
gegen die Stürme des Marktes, ein
Raum, wo »die Gesellschaft« ausgeschlossen ist und wo man »bei sich« ist, ein
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Universum, das durch Intimität, Sicherheit, Wahrhaftigkeit und Werte der Innerlichkeit gekennzeichnet ist. Diese Ideologie der Familie als Gegenwelt, konstruiert
auf dem Gegensatz zwischen innen und
außen ist auch der Ausgangspunkt für die
Arbeitsteilung zwischen Männern und
Frauen. Zugleich sorgt das Versprechen
von Intimität und rein »persönlichen Beziehungen« dafür, dass bis heute, selbst
nach den psychoanalytischen und feministischen Kritiken, die Familie eine
enorme Anziehungskraft ausübt, selbst
nachdem sich dieses Versprechen als Illusion erwiesen hat, die allzuoft Machtverhältnisse verdeckt. Ich denke, dass die Beständigkeit der männlichen Herrschaft
nicht ohne einen Bezug auf diese Vorstellung von der Familie erklärt werden
kann, die für die moderne Gesellschaft
konstitutiv bleibt.
Zum Schluss eine letzte Bemerkung.
»Die männliche Herrschaft« ist der einzige Text von Bourdieu, wo er nicht nur
eine genaue Analyse der Prozesse und
Praktiken von Herrschaft liefert, sondern
auch aufzeigt, dass auch die Herrschenden ihrerseits Gefangene ihrer Herrschaft
sind. In dieser Absicht bezieht er sich auf
Virginia Woolf, und er zeigt zugleich den
Infantilismus als die Kehrseite des Herrschenden, nämlich Mr. Ramsay, und die
Nachsicht der Mrs. Ramsay als Folge ihrer Position außerhalb der »ernsthaften«
Spiele der Männer. Aber die Nachsicht ist
nur eine der beiden möglichen Haltungen von Mrs.Ramsay: die andere wäre
Verachtung. Mrs. Ramsay hat nicht die
Möglichkeit zu wählen, was eine unabhängige Frau tun könnte, nämlich ganz
einfach ihren Mann zu verlassen, weil sie
nur einen »abgeleiteten« sozialen Status
hat, sie hängt in ihrer ganzen sozialen und
materiellen Existenz von ihrem Ehemann
ab. Wenn sich der soziale Status von Mr.
Ramsay verschlechtern würde, weil zum
Beispiel sein Infantilismus nicht mehr zu
Dokumentation
verbergen wäre, würde sich auch der soziale Status von Mrs. Ramsay verschlechtern: Sie wäre die Frau eines lächerlichen
Mannes. Folglich hat sie ein Interesse
daran, »die Würde ihres Mannes zu schützen« (S. 84), wenn sie ihre eigene Würde
schützen will. Und »der außergewöhnliche Scharfblick« von Mrs. Ramsay, der
sich der Tatsache verdankt, dass ihr »die
männlichen Spiele und die von ihnen
auferlegte Glorifizierung des eigenen Ich
und seiner sozialen Triebe fremd sind«
(S. 85), ist auch eine Art von Ausgleich für
den Ausschluss von den männlichen Spielen, ein Ausdruck für das Gefühl eigener
Überlegenheit. Man darf sich nicht täuschen: Nachsicht und Mideid, die Bourdieu bei Mrs. Ramsay erblickt, sind sehr
oft nahe an der Verachtung und grenzen
sehr oft daran.
Bibliographie
Bourdieu, P., »Esquisse d'une théorie de la
pratique, précédée de trois études d'ethnologie kabyle«, Droz, Genève, 1972; deutsch:
»Entwurf einer Theorie der Praxis«, Frankfurt 1979.
Bourdieu, P., »Le sens pratique«, Minuit, Paris
1980; deutsch: »Sozialer Sinn«, Frankfurt
1987.
Bourdieu, P., »Die männliche Herrschaft«, in
»Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis«, Irene
Dölling und Beate Krais (Hrg.), Frankfurt
1997, S. 1 5 3 - 2 1 7 .
Bourdieu, P., »La domination masculine«,
Seuil, Paris, 1998.
»Eine sanfte Gewalt«, Pierre Bourdieu im Gespräch mit Irene Dölling und Margareta
Steinrücke. In »Ein alltägliches Spiel«,
op.cit. S. 2 1 8 - 2 3 0 .
West, Candace und Don Zimmerman, »Döing
Gender«, Gender & Society 1, 1987,
S. 1 2 5 - 1 5 1 .
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Dokumentation
Pierre Bourdieu
antwortet
Ich möchte zunächst Margaret Maruani
danken, dass sie diese Diskussion angeregt
hat und Marie Duru-Bellat, Beate Krais,
Michelle Perrot und Yves Sintomer, dass
sie sie geführt haben. Selbst die härteste
oder ungerechteste Kritik ist besser als das
gekränkte, konsternierte oder gönnerhafte Schweigen, mit dem ich so oft in
Frankreich konfrontiert war, wenn es um
das Problem der männlichen Herrschaft
ging. Die ganz besondere Schwierigkeit
des Dialogs zwischen den Geschlechtern,
die ich schon sehr oft erfahren habe, steigert noch das Verdienst derjenigen, die
sich dazu entschieden haben, ihn hier zu
fuhren; aber als Beweis dafür, dass das
Hindernis selbst im besten Fall noch
nicht ganz überwunden ist, sehe ich in
der Debatte Argumentationsweisen, die in
einer gewöhnlichen wissenschaftlichen
Debatte keinen Bestand hätten. Ich denke
zum Beispiel daran, dass man das Geschlecht des Autors bei der Beurteilung
seiner Argumente in Betracht zieht: Ich
habe Schwierigkeiten damit, dass eine
Wahrheit mehr oder weniger richtig ist,
wenn sie von einem Mann oder einer
Frau gesagt wird; oder ob es mehr oder
weniger verdienstvoll ist, von Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu
sprechende nachdem, ob man ein Mann
oder eine Frau ist; oder ob man (aber darüber müsste man diskutieren) a priori
weniger Chancen hat, die Wahrheit über
die Lage der Frau zu sagen, wenn man
keine Frau ist. Muss man bis zu der Behauptung gehen, dass die Zugehörigkeit
zu einer beherrschten Kategorie eine
notwendige — und vor allem hinreichende — Bedingung des Zugangs zur
Wahrheit über diese Kategorie ist? Genau
wie es ein bestimmter epistemologischer
Populismus will, demzufolge nur die
Söhne und die Töchter des Volkes wahrhaftig über das Volk sprechen könnten.
Oder was man offensichtlich unterstellt,
wenn man gegen mich die Autorität von
»kabylischen Ethnologinnen« ins Feld
führt: sind sie als Ethnologinnen autorisiert, oder als Frauen, oder als Kabylinnen, oder als kabylische Frauen? (Muss
ich daran erinnern, dass ich vor nunmehr
langer Zeit in »Entwurf einer Theorie der
Praxis« und in »Sozialer Sinn« die Besonderheiten der weiblichen kabylischen
Welt beschrieben habe, die weiblichen
Formen ihres Widerstandes gegen die
männliche Welt, sowie in einem Artikel
mit dem Titel »Revolution in der Revolution«, erschienen 1961 in Esprit, die
tiefgehenden Veränderungen, die diese
vor allem aufgrund des Befreiungskrieges
erfahren hat, und dass dies, wie bei jedem
Ethnologen, nur dank der Hilfe, oder besser, dank des Vertrauens und der aktiven
Komplizenschaft möglich war, die mir einige kabylische Frauen gewährt haben,
die sowohl noch in der ländlichen Welt
verwurzelt waren, als auch urbanisiert
und ausgebildet waren — wie diejenigen,
die man jetzt in einen Gegensatz zu mir
bringt?)
Ein anderes Zeichen für die Schwierigkeit der Kommunikation liegt in der
Logik des benachteiligenden Vorurteils,
das zu zahlreichen »Einwänden« führt
und sein Entstehen und seine Berechtigung aus dem Geschlecht des Autor bezieht, das heißt — wenn es erlaubt ist, das
zu sagen, was nicht gesagt worden ist, weil
man wahrscheinlich davon ausgeht, dass
es sich von selbst versteht — aus der Empfindung einer Usurpation von Identität,
was in den Augen einiger impliziert, dass
man eine »Identität« zum Gegenstand
macht, zu der man nicht gehört. Man
schreibt mir so Absichten zu, die denen,
die mich leiten, entgegengesetzt sind:
Man liest eine Anleitung zum Fatalismus
aus etwas heraus, (gegen welche ich mich
berechtigt und verpflichtet fühle, daran
zu erinnern, dass »die männliche Herr-
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Dokumentation
schaft die weibliche Mobilisierung nicht
ausschließt«...), das als eine Ermunterung
zur Mobilisierung gedacht ist (in Formen, die diskussionswürdig oder unangemessen erscheinen können). (Ich bezweifle, dass sich die sehr zahlreichen
Frauen, die das so verstanden und mir
auch so geschrieben oder gesagt haben,
leicht von Michelle Perrot überzeugen
lassen, so groß ihre Autorität auch sein
mag, dass mein Buch »darauf hinausläuft,
selbst die Möglichkeit eines Entrinnens
— aus einer Geschichte — vor allem für die
Frauen aufgrund ihrer Beherrschung, zu
verneinen«).
Risiko war mir aufgrund langer Erfahrungen dermaßen bewusst, dass ich mein
Buch mit der Erinnerung daran begonnen habe — heute ist sie ans Ende verlegt
worden — wie meine ersten Bücher über
die Erziehung aufgenommen worden
sind, die durch alle späteren Forschungsarbeiten, selbst diejenigen, die sie entkräften wollten, im Wesentlichen bestätigt
worden sind: Wer würde es heutzutage
wagen, mich des Konservativismus zu
verdächtigen, weil ich es gegen den damals unbestrittenen Mythos von der »befreienden Schule« gewagt hatte, von der
»konservativen Schule« zu sprechen?
Es ist ebenfalls die Logik des benachteiligenden Vorurteils, die dazu fuhrt, die
Absicht und den Willen zu ignorieren
(und damit stillschweigend als illegitim
zurückzuweisen), die ich hatte, in einem
historischen Kontext antifeministischer
Restauration einen wissenschaftlichen
und politischen Beitrag zu einer der wissenschaftlich und politisch wichtigsten
»Fragen« des Augenblicks beizusteuern;
dies in vollem Bewusstsein der damit eingegangenen Risiken: das Risiko des Vorwurfs, dass ich nicht alle Aspekte des gestellten Problems berücksichtigt habe; das
Risiko, nicht alle »erforderlichen« Autoren zu zitieren (man wirft mir vor,
Françoise Héritier nicht zu zitieren; wirft
man ihr vor, mich nicht zu zitieren, und
wenn das nicht der Fall ist, warum diese
ungleiche Behandlung?) ; das Risiko, nicht
alle »radikalen Veränderungen« der Lage
der Frauen zu erfassen und zu erklären
(ich glaube, die wichtigsten genannt zu
haben, wie die Geburtenkontrolle und
wenn ich das nicht getan hätte, wäre es
meiner Ansicht nach eine bedauerliche
Auslassung und kein schlimmer Fehler
gewesen); das Risiko, die düsteren Feststellungen eines spielverderberischen Pessimismus dem voluntaristischen Uberschwang realer und manchmal imaginärer
Kämpfe entgegenzustellen. Dieses letzte
Ein anderes Indiz, meiner Ansicht nach
zweifellos das Schlimmste: Indem man
sich des postulierten Monopols auf soziale und damit wissenschaftliche Legitimität versicherte, das die Zugehörigkeit
zu der betroffenen Kategorie (dem weiblichen Geschlecht) verleiht, ermächtigt
man sich dazu, ungeachtet der elementaren Gebote der Reflexivität, die kognitiven Interessen der Disziplin wieder einzuführen, oder, um klarer zu sein, die
Einsätze und Investitionen, die man als
Spezialist in einer Disziplin oder einem
Spezialgebiet haben kann. Auch wenn
man wahrscheinlich dieses kleine Büchlein zu Recht mit der Gesamtheit des
Werkes in Verbindung bringt, zu dem es
gehört und auf das es sich stützt (ich
denke zum Beispiel an den schwierigen
Begriff der »symbolischen Gewalt«, dessen »theoretische Genealogie« ich in einem alten Artikel unter dem Titel »Die
symbolische Macht« aufgezeigt habe, erschienen 1977 in den Annales und der,
obwohl er meiner Meinung nach zentral
ist, in keinem der Kommentare ernst genommen wurde), kann man sich gleichwohl nicht durch die (anscheinend) bevorzugte Position autorisieren, einzunehmen (zumindest innerhalb der Grenzen
eines kleinen geschützten Marktes), die
aus der besonderen Beziehung zu dem
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besonderen Objekt der Diskussion resultiert, um dieses Werk auf einige rigide
und vorfabrizierte Slogans oder Klischees
zu reduzieren (die »mechanische Reproduktion«), die alle leicht widerlegt werden können.
Ich könnte fortfahren, dem einen oder
anderen Satz, in dem meine Kritiker wiederzugeben oder zusammenzufassen meinen, was ich angeblich gesagt habe, die
Sätze gegenüber zu stellen, die ich wirklich geschrieben habe, in »Die männliche
Herrschaft« oder anderswo und die ihnen
schlicht und einfach widersprechen: Ich
denke zum Beispiel an das Kapitel, wo in
»Die feinen Unterschiede« unter dem T i tel »Einstufung, Abstufung, Umstufung«
die ständigen Kämpfe aufgezeigt werden,
deren Ort und Einsatz das Schulsystem ist
und die zu einer Fülle von Veränderungen inner- und außerhalb des Systems
fuhren, oder auch an dieses Kapitel über
»Die intern Ausgegrenzten« in dem Buch
»Das Elend der Welt«, das die Erfahrung
der Heranwachsenden analysiert, die von
der schulischen Institution gehalten und
zugleich zu einem fatalen, aber unabänderlichen Ausschluss verdammt werden.
Aber es ist einfacher, eine Forschungsarbeit, die sich ständig verfeinert und korrigiert hat, auf ein starres Bild zu fixieren
und mittels eines schrecklichen Benennungseffekts auf die Idee der »Reproduktion« zu reduzieren. Es ist auch bequemer, zu ignorieren, dass die sozialen
Strukturen, so wie sie sind und so wie ich
sie beschreibe, sich nicht »mechanisch«
reproduzieren, wie man mir unterstellt,
sondern ganz im Gegenteil über Strategien, die ihren Ursprung zum Teil in den
Strukturen haben, und dies selbst dann,
wenn sie diese Strukturen transformieren
oder umwälzen wollen. Das heißt, dass
ich mich bemühe, der Alternative zwischen statisch oder dynamisch zu entgehen, in die man meine Arbeit einzwängen
will, um daraus eine quasi parmenidische
Geschichtsphilosophie
zu
machen
(spricht man nicht von »einer Methode,
die dadurch, dass sie immer Gleiche
sucht, es notwendigerweise findet«) und
stattdessen die wirkliche Logik von
Strukturen (vor allem die der Felder) zu
rekonstruieren, die ihrer eigenen Dynamik zugrundeliegen.
Dieses Buch, in dem ich meine früheren Analysen über den gleichen Gegenstand präzisieren, untermauern und korrigieren konnte, indem ich mich auf die
vielen Arbeiten über die Beziehungen
zwischen den Geschlechtern gestützt
habe, problematisiert explizit die Frage,
die von der Mehrheit der Analytiker (und
meiner Kritiker) zwanghaft aufgeworfen
wird, nämlich nach der Beständigkeit
oder dem Wandel (gewünscht oder festgestellt) der Geschlechterordnung: Es ist
nämlich die Einfuhrung und Durchsetzung dieser naiven und naiv normativen
Alternative, die gegen jede Evidenz dazu
fuhrt, die Feststellung von der relativen
Konstanz geschlechtlicher
Strukturen
und der Schemata, über die sie sich erfassen lassen, als verdammenswerte und sogleich verdammte Art und Weise wahrzunehmen, als falsche und sofort widerlegte
(durch das Erinnern an alle Transformationen der Lage der Frauen), Art und
Weise, die Veränderungen dieser Situation
zu leugnen und zu verwerfen.
Dieser Frage muss man eine andere
entgegensetzen, die wissenschaftlich relevanter und meiner Ansicht nach politisch
dringlicher ist:Wenn es richtig ist, dass die
Beziehungen zwischen den Geschlechtern weniger verändert sind, als eine
oberflächliche Beobachtung glauben lassen könnte und dass die Kenntnis der objektiven und kognitiven Strukturen einer
besonders gut erhaltenen androzentrischen Gesellschaft (wie der kabylischen
Gesellschaft, wie ich sie zu Beginn der
sechziger Jahre beobachten konnte) ein
Instrumentarium liefert, um bestimmte
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Aspekte dieser am besten verborgenen
Beziehungen in den ökonomisch fortgeschrittensten gegenwärtigen Gesellschaften zu verstehen, dann muss man sich fragen, welche historischen Mechanismen
für die Enthistorisierung und die relative
Verewigung der Strukturen der Geschlechterteilung und der dazu gehörenden Teilungsprinzipien verantwortlich
sind. Das Problem so zu stellen, bedeutet
einen Fortschritt im Bereich des Wissens,
der die Grundlage eines entscheidenden
Fortschritts innerhalb des Handelns sein
kann. Daran zu erinnern, dass, was in der
Geschichte als ewig erscheint, nur das
Produkt einer Verewigungsarbeit ist, die
den (miteinander verbundenen) Institutionen wie der Familie, der Kirche, dem
Staat, der Schule und auch, in anderen
Dimensionen, dem Sport und dem Journalismus zukommt (diese abstrakten Begriffe sind lediglich einfache verkürzte
Bezeichungen für komplexe Mechanismen, die in jedem Fall in ihrer historischen Besonderheit analysiert werden
müssen), bedeutet, die Geschlechterbeziehung wieder der Geschichte zugänglich,
sie also zum Gegenstand geschichtlichen
Handelns zu machen, was ihr die naturalistische und essentialistische Sichtweise
verweigert (und nicht zu versuchen, wie
man mich sagen lassen wollte, die Geschichte zum Stillstand zu bringen und
den Frauen ihre Rolle als Akteure der
Geschichte zu nehmen).
chend dem Modell einmal mehr unverstanden, verachtet und unterschätzt wird.
Aber ich bin nur zu überzeugt davon, dass
mich lediglich eine demagogische Herablassung, fur mich die höchste Form der
Verachtung, dazu bringen könnte, ohne
Widerworte Kritiken zu akzeptieren, die
ich völlig unberechtigt finde. Ich kann
zum Beispiel nicht durchgehen lassen (es
geht um zu viel), was Michelle Perrot
über meine Beurteilung der Gleichstellung in der Politik äußert (»in dieser Forderung, in der er vor allem den Wunsch
nach Aneignung eines männlichen Privilegs erkennt«) und wo es reicht, meinen
Vorschlag, den sie selbst, wenn auch nur
teilweise, zitiert (in Fußnote 5), dagegenzusetzen.
Ich bin der Letzte, zu behaupten, dass
die Reinheit der Absichten schon Rechtfertigung begründen kann. Aber ich kann
jedenfalls versichern, dass ich diesem
Buch, mehrmals abgebrochen und aufgrund der vorausgesehenen Rezeptionsschwierigkeiten schwerer zu schreiben als
ein anderes, niemals soviel Zeit und
Mühe geopfert hätte, wenn ich nicht der
Uberzeugung gewesen wäre, dass es einige neue Analysen bringen würde, von
denen eine befreiende Wirkung ausgehen
und die ein wenig dazu beitragen könnten, einige der entscheidensten und unsichtbarsten Hindernisse für eine wahrhaft wirkungsvolle Befreiungsbewegung
zu beseitigen.
Man könnte mir vorwerfen, ein männliches Ohr einer weiblichen Äußerung
entgegengesetzt zu haben, die entspre-
(Aus dem Französischen
von Franz Hecktor)
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