Was uns Angst macht, - was uns Mut macht - RPI

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„Was uns Angst macht, - was uns Mut macht“
Überlegungen zu eigenen Ängsten, Ängsten unserer
Schülerinnen und Schülern und wie man ihnen mutmachend
begegnet
Eigene Ängste aufschreiben
Ängste von Schülerinnen und Schülern aufschreiben
Eigene Wohlfühlsituationen/Mutmachsituationen aufschreiben
Wohlfühlsituationen/Mutmachsituationen von Schülern und Schülerinnen aufschreiben
Gedanken zu einem mutmachenden Religionsunterricht
Irgendwann, so hatten wir gerade festgestellt, haben wir alle einmal Angst, mal mehr mal
weniger, manchmal ist die Angst hilfreich, weil sie uns zur Besonnenheit anhält und so vor
Schaden bewahrt, manchmal ist weniger hilfreich, weil sie uns dazu bringt
Auseinandersetzungen zu vermeiden oder Herausforderungen gar nicht erst anzunehmen.
Es gibt nämlich eine positive, nützliche, helfende, lebensnotwendige Seite der Angst. Angst
ist ein Alarmsignal für unseren Körper. Sie zeigt an, dass Gefahr besteht, versetzt den Körper
in einen Zustand hochgradiger Alarmbereitschaft und schafft die Voraussetzung für eine
schnelle Reaktion (Verteidigung oder Flucht).
Bei ihrer Entstehung wirken verschiedene Komponenten zusammen, die kognitive
Komponente- eine Gefahr wird wahrgenommen, die physiologische Komponente
(beschleunigter Herzschlag, Veränderung der Hautfeuchtigkeit, Hormonausschüttung) und
die motorische Komponente (Flucht- und Abwehrbewegungen). Diese Angst, als Reaktion
auf eine tatsächliche, bekannte, spezifische Bedrohung (in der Literatur häufig auch als
Furcht bezeichnet) ist also etwas Nützliches und Lebenswichtiges, dass uns eine
angemessene Reaktion ermöglicht.
Daneben gibt es aber auch die Erfahrung von Angst als etwas, das genau das Gegenteil
auslöst, Angst als Auslöser von Lähmung, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins, der
Ratlosigkeit. Diese Gefühle tragen nicht dazu bei, die als bedrohlich erlebte Situation zu
verändern, im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass sich der Betroffene nicht aus der
Angstsituation befreien kann. Diese blockierende Angst wird ausgelöst, ohne dass eine
direkte spezifische Bedrohung vorliegt. Alleinsein, Dunkelheit, auf jemanden warten müssen
ist zunächst einmal nichts bedrohliches, keine Gefahr. Dennoch können diese Situationen
einen so hohen Erregungsgrad auslösen, dass die Fähigkeit zu sinnvollem Handeln nicht
mehr vorliegt. Zu dieser Form blockierender Ängste gehören insbesondere soziale Ängste,
die aus dem Zusammenleben von Menschen in einer Gemeinschaft entstehen. Sie sind nicht
angeborenen, sondern gelernt, insofern gibt es auch keine angeborenen positiven
Reaktionsmuster, sondern gelernte, entweder konstruktive oder destruktive. Insofern ist es
auch erlernbar, wie man mit seinen unspezifischen, sozialen Ängsten umgehen kann.
Das Problem bei unspezifischen Ängsten ist die tatsächliche Ursache der Angst zu
bestimmen. Dies kann nicht allgemeingültig, sondern immer nur individuell beantwortet
werden.
Andreas Nicht, Pi Villigst
interne Tagungsmaterialien
2003
Reaktionen auf Angst:
- Vermeidung
Bei ursprünglichen direkten Ängsten kann Vermeidung hilfreich sein, bei sozialen
Ängsten kann sie zur erheblichen Einschränkung des Lebensraumes führen.
- Verleugnung („ Es wird schon nichts passieren“)
- Verdrängung - Nichtzulassen von angstauslösenden Gedanken, Gefühlen und
Erinnerungen
- Regression - Rückfall in frühere Verhaltensweisen
- Somatisierung - Entwicklung somatischer Reaktionen
- Ablenkung durch angenehm/positiv empfundene Situationen wie
- Kuscheln
- Essen
- Musik
- lachen, weinen, fluchen, schimpfen
- schlafen
- sich aussprechen
- körperliche Aktivität
- Phantasien, Tagträume
- Beseitigung der Ursachen von Angst durch Qualifizierungsmaßnahmen
(z.B. Schwimmenlernen gegen die Angst vor dem Wasser).
Angst kann verlernt werden durch Desensibilisierung (in angstfreier Situation über Ängste
reden, sie ausspielen, positive Situationen dagegensetzen), Lernen am Modell (dem realen
Modell des Lehrers, der Lehrerin oder Modellen aus Geschichten, Filmen oder
Bilderbüchern). Ein erster Schritt zum positiven Umgang mit der Angst ist es, sie zu
erkennen, zu benennen und zu ihr zu stehen (ich darf ruhig auch einmal Angst haben).
Wesentliche Voraussetzung zu einem konstruktiven Umgang mit der Angst ist ein gesunde
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, entstanden in einer Atmosphäre des
Angenommenseins.
Biblische Deutungen und Bewältigungsmuster in bezug auf Angst
Die Bibel deutet Angst als Verlust des Urvertrauens zu Gott (1. Mos. 3,1ff.). Die Besinnung
des Menschen auf seine Freiheit, auf seine Selbstverwirklichung, auf den Wunsch, sein
Leben ohne Gott zu gestalten, führt zum Vertrauensbruch und damit in eine Welt des
zerbrochenen Vertrauens, des Unfriedens, der Zerstörung, des Selbstruhms, des Sterbens.
Aus biblischer Sicht hat der Mensch seine „Vertreibung aus dem Paradies des unbegrenzten
Vertrauens, der Unsterblichkeit und der Angstfreiheit“ selbst verschuldet. Schuld, Angst und
Tod gehören hier ganz eng zusammen.
In der Schöpfungsgeschichte wird zugleich das Verhältnis zum anderen beschrieben. Die
Erkenntnis, sich so sehen zu müssen, wie man wirklich ist, löst Angst aus (... sie sahen, dass
sie nackt waren und fürchteten sich...). Die Bibel beschreibt hier eine Grundsituation, der wir
immer wieder begegnen: Menschen versuchen, durch Wissen, Macht, Reichtum und Einfluss
auf andere, die Angst vor dem eigenen Ich, vor sich selbst zu verdecken. Sie bemühen sich,
vor sich selbst und anderen so zu erscheinen, wie sich selbst gern sehen möchten. Aus
Angst vor den anderen folgen sie den Ansprüchen unterschiedlichster gesellschaftlicher
Normen fast bedenkenlos. Angst haben wird als Schwäche gesehen, Angst setzt uns dem
Urteil anderer schutzlos aus. Darum verschließen wir gern die Augen vor unserer eigenen
Angst und vor der Erfahrung zerbrochenen Vertrauens. Ähnlich wie die Menschen in der
Andreas Nicht, Pi Villigst
interne Tagungsmaterialien
2003
Schöpfungsgeschichte verstecken wir uns vor uns selbst und Gott. Die biblische Geschichte
unterstreicht also, dass Angst zum Leben auf dieser Welt dazu gehört und dass es darum
geht, sie Ernst zu nehmen und zu ihr zu stehen.
Angst wird in der Bibel durch Bilder und Symbole beschrieben. Wenn Situationen
menschlicher Angst angesprochen werden, wird von der Finsternis, der Dunkelheit der
Nacht, dem finsteren Tal, dem dröhnenden Abgrund, den hereinstürzenden Wasserfluten
oder den wilden Stieren erzählt. Genauso wird aber auch von Menschen berichtet, die Angst
vor dem Ausgang einer Krankheit, vor mächtigen Riesen wie Goliath, vor politischen Wirren
oder davor haben, nicht Ernst genommen zu werden.
So wie die Bibel Ursachen von Angst beschreibt, können wir uns in Vielem wiederfinden.
Ähnliches gilt für den Umgang mit bzw. der Bewältigung von Angst.
Nach biblischer Auffassung kann ein Leben in Angst nicht durch die Menschen selbst
verändert werden, sondern nur durch etwas, dass außerhalb seiner Denk- und
Handlungsmöglichkeiten liegt.
Dieser neue Anfang beginnt mit Gottes Zuwendung (Abraham, David, Jesus). Er bedeutet
nicht das Ende der Angst, er bedeutet auch nicht, dass Gottes Nähe sichtbar erfahren
werden kann. Gott lässt sich von uns nicht einvernehmen, die Gewissheit, dass er nahe ist,
lässt sich höchstens als Hoffnung erfahren. Vor allem die Psalmen bekunden, dass Gott die
Angst nicht automatisch aufhebt, sie deuten jedoch an, dass die Angst überwunden werden
kann, wenn Menschen über die vorgegebene Realität hinaussehen und nicht im Kreislauf
ihrer Angst steckenbleiben.
Vertrauen, auch wenn bzw. gerade weil Menschen und Gott nicht direkt verfügbar sind, ist
aus biblischer Sicht der Schlüssel zur Angstbewältigung. Trotzdem stellt die Bibel Angst nicht
als unbegründet oder unverständlich dar, sie gibt aus ihrer Sicht auch keine Patentrezepte.
Sie erzählt jedoch davon, wie Menschen in der Auseinandersetzung mit der Angst, teilweise
in intensivem Ringen mit Gott, zur Bewältigung ihrer Angst gelangen. Dies lässt sich
insbesondere am Weg Jesu in den Tod aufzeigen. Jesus ermutigt uns, unsere Angst zu
akzeptieren. Die Angst wird nicht gegenstandlos, sie hat nach wie vor ihren Grund, aber sie
steht nicht mehr im Mittelpunkt, die Perspektive ändert sich, in den Mittelpunkt rückt das
Vertrauen.
Gottes Angebot in seinem Wort und in Jesus Christus ist weder sichtbar noch beweisbar. Es
lässt sich nicht an menschliche Vorstellungen binden. Seine Hilfe in unserer Angst ist nicht
auf die Veränderung der äußeren Situation, sondern der inneren, gerichtet. Aber durch diese
inneren Veränderungen erleben wir die äußere Situation anders und können entsprechend
anders handeln. Erfahrungen anderer können eine Hilfe sein, dazu müssen sie erzählt
werden, erst dann können sie mir in meiner Angst zu einem Anstoß zu einer neuen anderen
Erfahrung werden, die mich und meine Situation verändern kann. Erfahrene Hilfen in Angst
sind Zeichen der Hoffnung. Ich habe Angst, aber ich muss in meiner Angst nicht mehr allein
bleiben.
Andreas Nicht, Pi Villigst
interne Tagungsmaterialien
2003
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