Das Universum in einer Nussschale: Johann

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Das Universum in einer Nussschale: Johann Sebastian Bach – Das Wohltemperierte
Klavier
Das Wohltemperierte Klavier nimmt eine zentrale Stellung im Schaffen Johann Sebastian Bachs ein. Es
ist einer der Höhepunkte abendländischer Klaviermusik und für mich pures Seelenfutter. Fast jeder
Pianist, der was auf sich hält, hat das WTK aufgenommen, entsprechend unübersichtlich ist die
Marktlage. Hier erfahrt ihr, welche Einspielung ihr kaufen solltet und welche besser nicht.
Aber was genau war noch mal das WTK und was bedeutet eigentlich “wohltemperiert”? In der Wikipedia
steht dazu:
„Das Wohltemperierte Klavier (BWV 846-893) ist eine Sammlung von Präludien und Fugen für ein
Tasteninstrument von Johann Sebastian Bach in zwei Teilen. Teil I stellte Bach 1722, Teil II 1740/42
fertig. Jeder Teil enthält 24 Satzpaare aus je einem Präludium und einer Fuge in allen Dur- und
Molltonarten, chromatisch aufsteigend angeordnet von C-Dur bis h-Moll. Mit dem Begriff „Clavier“, der alle
damaligen Tasteneinstrumente umfasste, ließ Bach die Wahl des Instruments für die Ausführung
bewusst offen. (…) Der Begriff „wohltemperiert“ bezieht sich auf die 1681 von Andreas Werckmeister
erfundene, von ihm so genannte wohltemperierte Stimmung. Dabei wurde die mitteltönige Wolfsquinte
auf Kosten der reinen Terzen entschärft, um das Spielen in allen Tonarten zu ermöglichen.“
Der Wiki-Artikel bietet noch mehr Hintergrundinfos, bei Interesse bitte dort nachschlagen. Hier soll es nur
um eine Kaufberatung gehen, der Artikel ist sowieso schon ziemlich lang geworden. Wer nicht alles lesen
will, kann direkt zum Interpreten seiner Wahl springen
Vladimir Ashkenazy | Glenn Gould | Friedrich Gulda | Angela Hewitt | Andras Schiff |
Maurizio Pollini | Keith Jarrett | Martin Stadtfeld | Roger Woodward | Konstantin
Lifschitz | Sviatoslav Richter | Daniel Barenboim | Till Fellner | Robert Levin | Olli
Mustonen
oder sich eine Kurzfassung in Form meiner Top-13-Liste ansehen.
Bis auf zwei Ausnahmen schreibe ich nur über Einspielungen, die mit einem modernen Konzertflügel
aufgenommen wurden. Es gibt Bach-Snobs, die darauf bestehen, dass man nur Einspielungen mit
Clavichord oder Cembalo kaufen solle, weil zu Bachs Zeiten der moderne Flügel noch gar nicht erfunden
war. Das ist zwar historisch korrekt, aber für den heutigen Hörgenuss völlig irrelevant (die Stücke von
Shakespeare werden ja auch nicht mehr bei Kerzenlicht aufgeführt).
So gefällt mir der metallische, etwas dürre Klang des Cembalos in kleinen Dosen durchaus, aber nicht
über den Zeitraum von 24, bzw. 48 Präludien und Fugen. Das Clavichord klingt noch
gewöhnungsbedürftiger und kommt für mich als Soloinstrument gar nicht in Frage. Außerdem fehlen beim
Cembalo und Clavichord die Möglichkeit, durch Anschlag und Pedale das Spiel zu variieren,
Ausdrucksmöglichkeiten, auf die die meisten Pianisten (und auch ich als Hörer) nicht verzichten möchten.
Alle Einspielungen, die ich hier vorstelle, haben ihre Qualitäten, selbst wenn sich das teilweise anders
lesen mag. Auch kenne ich einige Leute, die mit meinen Einschätzungen überhaupt nicht einverstanden
sind und gerade die Aufnahmen favorisieren, die ich kritisiere. Musikkritik ist eben keine exakte
Wissenschaft, sondern bleibt im Kern immer eine Frage des Geschmacks.
Also: Reinhören und sich selbst ein Bild machen, die entsprechenden Links findet ihr immer am Ende der
Rezensionen. Wir beginnen mit
Vladimir Ashkenazy: The Well-Tempered Clavier, Book 1 & 2, Decca/Universal 2005
Von dieser Aufnahme hatte ich mehr erwartet. Vladimir Ashkenazy spielt natürlich technisch perfekt, die
Tempi sind auch größtenteils stimmig, aber leider fehlt hier das Leben. Das ist so verblüffend, weil
Ashkenazy eigentlich ein sehr vitaler und geschmackssicherer Musiker und Dirigent ist.
Ashkenazys Spiel klingt trocken wie ein Schiffszwieback und erstaunlich unpersönlich. Sein indifferentes
Spiel sorgt dafür, dass eine gewisse Gleichförmigkeit vorherrscht, Höhepunkte und Überraschungen sucht
man vergebens. Nach einigen Fugen merke ich, wie meine Aufmerksamkeit schwindet und ich anfange zu
überlegen, welche andere Aufnahme ich jetzt weiter hören könnte.
Welche Intention Ashkenazy auch immer gehabt haben mag, raushören kann ich die nicht und auch die
Liner-Notes geben keinerlei Aufschluss darüber. Die Musik von Bach fordert aber eine Auseinandersetzung,
fordert den Interpreten dazu auf, Stellung zu beziehen, wenn er seine Hörer berühren möchte.
Eine unpersönliche und seelenlose Herangehensweise ist bei Wagner möglich, wo es nur darauf ankommt,
pompösen Schwulst möglichst pathetisch rüberzubringen. Bachs Musik funktioniert so nicht. Ohne Seele
gespielt bleibt die Musik an der Oberfläche und wird zur Muzak degradiert.
Was Ashkenazys Aufnahme vor der Bedeutungslosigkeit rettet, ist zum einen die Stärke der
Kompositionen, zum anderen die reine technische Brillianz seines Spiels, die nie Selbstzweck ist und
ohne Protzerei eingesetzt wird.
Kaufempfehlung: Platz 12 von 13
Glenn Gould: The Well-Tempered Clavier, Books 1 & 2, Columbia/Sony 1965 (1) & 1971
(2)
Wie Vladimir Ashkenazy gehörte auch Glenn Gould zu den Meistern des trocknen und klaren Spiels, aber
anders als Ashkenazy verweigert sich Gould nicht einer Interpretation. Im Gegenteil: Gould hatte während
der Aufnahmesessions, die sich von 1962 bis 1965 (Book 1) und von 1967 bis 1971 (Book 2) hinzogen,
unzählige Variationen der einzelnen Fugen eingespielt und, weil sich er in seinem überschäumenden
Genius nicht für eine Variante entscheiden konnte, einen Großteil der veröffentlichten Aufnahmen aus den
verschiedenen Takes zusammengesetzt (→ Frankenstein). Dass es ihm trotzdem gelingt, ein kohärentes
Gesamtwerk abzuliefern, ist vielleicht die größte künstlerische Leistung dieser Einspielung.
Gould liebt Bachs Musik leidenschaftlich – daran besteht kein Zweifel, dass lässt er uns hören, und
anders als bei seiner ersten Aufnahme der Goldberg-Variationen verzichtet er hier größtenteils auf seine
berühmten halsbrecherische Tempi. Dennoch stören mich einige seiner eigenwilligen Akzentuierungen, die
besonders einige der Präludien abgehackt und mechanisch wirken lassen, wie absichtlich gegen den
Strich gebürstet.
Das Präludium Nr. 13 (BWV 858) mit seinem aufgesetzt wirkenden Flohwalzer-Rhythmus ist dafür ein
gutes Beispiel. Da fließt die Musik nicht, da höre ich nicht Bach, sondern einen Interpreten, der sich von
seinem Genie zu unnötigen Absurditäten verführen lässt (wie schnelle Tempi und wirklich schräge
Betonungen trotzdem natürlich klingen können, beweist der unglaubliche Olli Mustonen, der hier außer
Konkurrenz mitspielt und zu dem wir später noch kommen werden).
Andererseits gelingt es Gould mit seinem virtuosen und eigenwilligem Spiel neue Facetten in Bekanntem
zu entdecken und hörbar zu machen, von denen andere Interpreten nicht mal gemerkt haben, dass sie in
den Kompositionen vorhanden sind.
Der Kanadier war für viele der ultimative Bachinterpret, wobei ich glaube, dass seine zahlreichen und vom
ihm sorgfältig gepflegten Spleens genauso viel zu seiner ungebrochenen Popularität beigetragen haben,
wie seine musikalischen Leistungen. Ich bin bei Gould immer hin und her gerissen zwischen Bewunderung
und Verzweiflung – langweilig wird einem bei der Auseinandersetzung mit diesem Künstler jedenfalls nie.
Wer Gould noch nicht kennt und mit dem Gedanken spielt, sich diese Aufnahmen zu zulegen, macht sicher
nichts verkehrt, sollte aber noch wissen, dass dieser die Angewohnheit hatte, sein Klavierspiel mit
deutlich vernehmbaren Gesumme und Gebrabbel zu begleiten (beim WTK hält er sich allerdings ziemlich
zurück). Das hat durchaus Charme, kann Feingeister aber vor allem beim Hören mit Kopfhörer nerven.
Kaufempfehlung: Platz 10 von 13
Friedrich Gulda: Das Wohltemperierte Klavier, Vol. 1 & 2, MPS/Universal 1973
Wer Gould sagt, muss auch Gulda sagen, in Puncto Exzentrik und Genialität steht keiner dem anderen
nach. Ich mag Friedrich Gulda lieber, weil ich ihn für das musikalisch umfassendere Genie halte. Seine
Beethoven und Mozart-Aufnahmen gehören wie seine Bach-Einspielungen zu den außergewöhnlichsten auf
dem Markt.
Goulds Ruhm hingegen gründet sich vor allem auf seine Bach-Aufnahmen (was als Leistung natürlich
mehr als genug ist), dagegen sind seine Beethoven- und Mozart-Einspielungen allgemein eher unbekannt
(im Falle der Mozart-Sonaten ist das auch besser so – Gould lässt ihnen seine Goldberg-VariationenBehandlung angedeihen, was die Sonaten klingen lässt, als hätte sie eine durchgedrehte Spieluhr
ausgespuckt).
Auch Gulda ist ein Vertreter der puristischen Spielweise, und spielt – kaum zu glauben – noch
unpathetischer als Glenn Gould. Da er aber gleichzeitig auch der sensiblere Pianist ist, gelingt es ihm,
eine ungeheure Intimität zwischen dem Hörer und der Musik herzustellen, die ich bei den meisten anderen
Interpreten nicht finden kann.
Das Paar Präludium und Fuge Nr. 8 (BWV 853) ist für mich einer der Höhepunkte dieser Einspielung. Der
Effekt, wenn Guldas Spiel seinen introspektiven Charakter abschüttelt und sich langsam öffnet, ist von
einer sternensplitternden Klarheit und zugleich so zurückhaltend und intim, das es fast weh tut, zu
zuhören. In solchen Momenten – und dieses WTK bietet einige davon – ist die ungeheure Musikalität
dieses Mannes fast körperlich greifbar. Wie das erst live gewesen sein muss, wage ich mir kaum
vorzustellen.
Natürlich hat auch Friedrich Gulda teilweise sehr exzentrische Einfälle. Er spielt z.B. das Präludium und
Fuge Nr. 2 (BWV 847) extrem langsam und verhalten, was dem Paar einen völlig neuen, gleichwohl
überzeugenden Charakter verleiht (im Gegensatz zu manchen Manierismen von Gould).
Da Friedrich Gulda auch ein exzellenter Jazz-Musiker war, werden seine Klassik-Aufnahmen häufig als
“swinging” etikettiert, was bezogen auf das spartanische Flair seines WTKs zunächst mal befremdlich
klingt. Trotzdem hat die Aussage einen wahren Kern. Gulda lässt Bach ungeheuer spontan klingen, fast
als wären die Noten just in diesem Moment improvisiert worden. Das ist eine ziemliche Leistung, vor
allem wenn man neben Guldas sezierender Spielweise die Präzision der mathematischen Strukturen von
Bachs Kompositionen in Betracht zieht (Bachs Beliebtheit bei Jazz-Musikern, wie dem Modern Jazz
Quartet, Jacques Loussier und Keith Jarrett ist nicht zufällig. Jazz braucht starke Strukturen als
Grundlage der Improvisationen).
Neben Gould ist Gulda der einzige der hier erwähnten Künstler, der auch einen für Klassik-Laien sofort
erkennbaren eigenen Stil hat. Er wagt sich dabei in musikalische Welten vor, von denen die meisten von
uns vorher noch nie gehört haben. Friedrich Gulda zu folgen ist sicher nicht immer einfach, aber es lohnt
sich.
Kaufempfehlung: Rang 3 von 13
Angela Hewitt: The Well-Tempered Clavier, Books 1 & 2, Hyperion 2008
Angela Hewitt ist seit Jahr und Tag bei dem feinen englischen Hyperion-Label unter Vertrag und
veröffentlicht dort seit Beginn ihrer Tonträger-Karriere Einspielungen auf einem extrem hohen
künstlerischen Niveau.
Wie Glenn Gould stammt auch sie aus Kanada, verzichtet aber im Gegensatz zu diesem darauf, sich mit
Hilfe von Spleens und Tics zu vermarkten. Bei ihr zählt nur die Musik und da hauptsächlich die von Bach.
Tatsächlich galt sie lange Zeit als reine Bach-Spezialistin – meines Wissens nach hat sie alle BachKompositionen für Klavier eingespielt – bevor sie auch als exzellente Interpretin anderer Komponisten
wahrgenommen wurde.
Sie ist die einzige der hier vertretenen Künstler, die das WTK zwei Mal aufgenommen hat, zuerst 1998
und dann wieder 2008 (ein Luxus, den Labels ihren Künstlern eher selten zugestehen). Die Frage nach
dem Warum? stellt sich bei einer so leidenschaftlichen Bach-Forscherin wie Angela Hewitt nicht, sind
doch beide Einspielungen bemerkenswerte Zeugnisse des jeweiligen künstlerischen Status Quo einer der
besten Pianistinnen unserer Zeit.
In den Liner-Notes, die Angela Hewitt übrigens stets selbst verfasst, beschreibt sie, welche Gedanken sie
sich seit der ersten Aufnahme zum WTK gemacht hatte und warum letztlich eine zweite Einspielung
unausweichlich war. Mir gefällt diese zweite Einspielung besser und habe meine Rezension deshalb auf
diese Aufnahme beschränkt.
Angela Hewitts Markenzeichen ist ein sehr klares und sensibles Spiel, bei dem Virtuosität, Seele und
Verstand perfekt ausbalanciert sind. Hier spielt sie zudem sehr ernsthaft und kontrolliert, was ihrer
Interpretation eine melancholische Noblesse verleiht. Ich hatte das zunächst als Manierismus aufgefasst
und erst beim wiederholtem Hören bemerkt, dass Angela Hewitt noch während des Spiels nach der
perfekten musikalischen Form sucht (im Gegensatz zu Andras Schiff, der noch bevor er die erste Note
angeschlagen hat, genau weiß, wie er spielen wird).
Angela Hewitt kann vermutlich beide Bücher des WTK vorwärts und rückwärts auswendig spielen, aber
hier spürt man, wie sie darum kämpft, die Essenz der Komposition zu packen, hörbar zu machen. Ihr geht
es dabei nicht um Strukturen oder Transparenz, ihr Ziel ist der reine Bach, die pure Musik (für mich sind
das identische Begriffe).
Und das Ziel erreicht sie, auch wenn es ein paar Interpreten gibt, die dass für mein Empfinden noch etwas
besser machen. Der Ernst ihrer Interpretation steht an manchen Stellen der Musikalität etwas im Weg,
aber das ist angesichts der emotionalen Wucht dieser Aufnahme marginal.
2018 dürfte bei Angela Hewitt eine weitere WTK-Aufnahme fällig sein und darauf freue mich schon jetzt.
Kaufempfehlung: Rang 5 von 13
András Schiff: Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1 & 2, Decca/Universal 1987
Der Ungar András Schiff ist zweifellos einer der virtuosesten aktiven Pianisten, und einer der
intellektuellsten. Seine Beschäftigung mit Bach reicht bis in die 80er Jahre zurück , als er das komplette
Werk Bachs für Solopiano eingespielt hat.
Schiff ist ein unglaublich souveräner Pianist mit sehr klaren musikalischen Vorstellungen und sehr klarem
Bewußtsein über seine herausragenden handwerklichen Fähigkeiten.
Während man bei Angela Hewitt merkt, wie sich beim Spielen ihre Interpretation formt, scheint Andras
Schiff sich die Fugen mit einer fast arroganten Leichtigkeit aus dem Handgelenk zu schütteln. Sein
Klavierspiel strahlt überlegene Gelassenheit aus, obwohl Schiff von den Tempi her einer der schnellsten
der hier vertretenen Künstler ist.
Wie Gould und Gulda hat auch Andras Schiff hat einen sehr transparenten Stil, klingt im Gegensatz zu
diesen aber überhaupt nicht asketisch: Läufe voller Leichtigkeit und Spielfreude, gepaart mit
intellektueller Kühle – Andras Schiff lässt uns nicht vergessen, dass auch Bach ein typischer Komponist
seiner Zeit war (was man angesichts der zeitlosen Modernität der Bach’schen Musik schon mal überhören
kann) – ergeben ein elegantes und sehr barockes WTK.
Von diesem Glanz darf man sich aber nicht täuschen lassen. Unter dem perlenden Äußeren hat Schiff
zahlreiche subversive Finessen eingebaut: Subtile Akzentverschiebungen, Verzögerungen, wo man sie
nicht erwartet und eigenwillige Betonungen stehen im Gegensatz zur glitzernden Oberfläche.
Schiff hat das Handwerkszeug und die Intelligenz, um die Struktur und den historischen Kontext des WTK
hörbar zu machen wie kein Zweiter. Was dieser Aufnahme in ihrer Gesamtheit aber fehlt, ist die Emotion
(was bei Bach immer auch (protestantische) Spiritualität bedeutet) und ich habe den Verdacht, dass
Schiff zumindest in den 80ern öfters Probleme hatte, den emotionalen Gehalt bei Bach zu finden.
Zu dieser Zeit hat er auch Bachs Inventionen und Sinfonien eingespielt und es ist offensichtlich, dass er
mit diesen Stücken überhaupt nichts anfangen konnte. Er gibt sich Mühe, versucht sie packen und
irgendwie sinnvoll umzusetzen, aber Schiff ist meilenweit davon entfernt “eine cantable Art im Spielen zu
erlangen” (Bach). Der Funke will einfach nicht überspringen, zu blutleer und konzeptionslos ist das
Resultat (wer das nicht glaubt, vergleiche bitte Schiffs Aufnahme mit der von Till Fellner. Kaum zu fassen,
dass das die selben Kompositionen sein sollen).
Es gibt natürlich trotzdem auch in Schiffs WTK transzendierende Momente von großer Reinheit, in denen
man mehr spürt, als seinen Intellekt, aber bei einem so talentierten Musiker dürften es gerne ein paar
Momente mehr sein.
Nachtrag: Am 31. August wird bei ECM eine neue Aufnahme des WTK von Andras Schiff erscheinen.
Kaufempfehlung: Rang 6 von 13
Maurizio Pollini: The Well-Tempered Clavier 1, Deutsche Grammophon/Universal 2009
Diese Einspielung wurde in der Süddeutschen ziemlich verrissen. “Angestrengt” hörten sich einige der
Fugen an, was man am hörbaren Schnauben Maurizio Pollinis erkennen könne. Stimmt, er macht hin und
wieder Geräusche, aber Gould auch und keiner käme auf die Idee, dass ihn die Musik überfordern würde.
Keine Ahnung, was den Rezensenten da geritten hat, aber die Kritik an dieser wirklich herausragenden
Interpretation kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.
In Konzerten hat Pollini schon Mitte der 80er Jahre das WTK aufgeführt, seine Aufnahme aber erst 2009
vorgelegt. Dieses in-sich-reifen-lassen hört man der Interpretation an. Er spielt zügig ohne zu hetzen und
seine Betonungen klingen absolut natürlich. Nichts wirkt hier gekünstelt (oder gar “angestrengt”).
Neben der Aufnahme von Andras Schiff ist Pollinis WTK jene, die am elegantesten und klingt. Pollinis
Einspielung ist genauso klar und souverän, dringt aber tiefer in die Kompositionen ein, wobei ich nicht
genau sagen, wie er das macht, kommt er doch völlig ohne vordergründige Effekte aus.
Aber vielleicht liebe ich Musik genau aus diesem Grund so, weil sie die wahre Alchemie ist, weil sie es auf
unerklärliche Art schafft, in uns Gefühle und Gedanken zu erwecken, die keine andere Kunstform je
erreichen kann.
Dieses WTK ist das Destillat einer langen Musikerkarriere, ein meisterhaftes und unprätentiöses Werk
(genau das schwebte vermutlich auch Vladimir Ashkenazy vor), dass mich von der ersten Note an packt
und bis zum Ende nicht mehr loslässt.
Kaufempfehlung: Rang 4 von 13
Keith Jarrett: Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1 & 2, ECM/Universal, 1987 (1) &
1990 (2)
Das besondere an diesen Aufnahmen ist, dass Keith Jarrett Buch 1 mit dem Flügel und Buch 2 mit dem
Cembalo eingespielt hat. Damit hat es sich dann leider aber auch schon mit den Besonderheiten.
Seinen sonstigen musikalischen Verdiensten zum Trotz ist Jarrett kein wirklich interessanter BachInterpret. Zwar gleitet er zügig und präzise durch die Präludien und Fugen, lässt aber Widerstände und
Inspiration vermissen. Jarretts’ WTK ist der VW Golf unter den hier versammelten Aufnahmen: Solide und
brav, aber eben auch ein bißchen langweilig (dass er auch anders kann, zeigen seine Händel- und MozartEinspielungen).
Ich mag mich hier nicht mal wie bei Ashkenazy über die verpasste Chance aufregen, zu unerheblich
kommt mir die Interpretation vor. Daran ändert auch der etwas “sperrigere” Klang des Cembalos im
zweiten Buch nichts. Das hier ist gefährlich nahe daran Tapetenmusik zu sein: Schön, aber nach einer
Weile beachtet man sie nicht mehr.
Kaufempfehlung: Rang 13 von 13
Martin Stadtfeld: Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1, Sony Classical 2007
Martin Stadtfeld sah sich zu Beginn seiner Karriere 2003, als er mit den Goldberg-Variationen auf CD
debütierte, den Vorurteilen ausgesetzt, die Klassik-Jungstars üblicherweise entgegengebracht werden,
vor allem dann, wenn sie auch noch Bach spielen: Er sei unreif, eine Marketing-Marionette u.ä. Aber
bereits mit seinen Goldbergs hat Stadtfeld bewiesen, dass er genug Substanz hat, um als ernsthafter
Bach-Interpret zu gelten. Seine Aufnahme des WTK braucht ebenfalls keinen Vergleich mit den “Großen”
zu scheuen.
Im Gegensatz zu den analytischen Interpreten wie Gould und Schiff, kommt Stadtfeld eher von der
introspektiven (manche sagen: romantisierenden) Schule, die stark von Sviatoslav Richters‘ stilbildender
WTK-Einspielung aus den Jahren 1970/73 geprägt ist.
Stadtfelds Aufnahme ist definitiv etwas zu romantisierend, was aber vor allem den Unmassen an Hall
geschuldet ist, mit denen diese Aufnahme zugekleistert wurde. Offenbar gibt es im Sinne der
Gleichstellung bei Sony auch taube Tonmeister, was rein menschlich gesehen ein schöner Zug ist, dem
Hörgenuss aber doch eher schadet. Stadtfeld selbst findet in dieser Echokammer mit seinem variablen
und natürlichem Spiel eine schöne Balance zwischen Spielfreude und Innerlichkeit.
Natürlich erreicht Martin Stadtfeld nicht die Tiefe eines Richter, Pollini oder gar Gulda, aber das war auch
nicht erwarten und, wie ich glaube, von ihm auch gar nicht beabsichtigt. Denn nach allem, was ich bisher
gelesen und gehört habe, kann er seine Fähigkeiten besser einschätzen als viele seiner Kritiker. Sein
angenehm zurückhaltendes Auftreten lässt Stadtfeld als einen Musiker erscheinen, dessen Ziel die
ständige Weiterentwicklung ist. Das Selbstbewusstsein und Talent dazu hat er und mir gefällt es, ihm
dabei zu zuhören.
Kaufempfehlung: Rang 11 von 13
Roger Woodward: Das Wohltemperierte Clavier, Buch 1 & 2, Celestial Harmonies 2009
Roger Woodward ist Australier und lebt in San Francisco, wo er eine Professur an der School of Music and
Dance inne hat. In Deutschland ist er relativ unbekannt, obwohl er auch hier bereits zahlreiche Preise und
Auszeichnungen für seine CD-Produktionen (u.a. für sein WTK) erhalten hat.
Wie Maurizio Pollini spielte er das WTK erst mit Mitte 60 ein und auch hier ging der Aufnahme eine lange
und intensive Beschäftigung mit Bachs’ Opus voraus. Roger Woodward dokumentiert dieses in dem
80(!)seitigen Essay “Auf der Suche nach einer Aufführungspraxis”, der dieser CD beiliegt (ebenso ein
Faksimile des Autographen der Partitur; eine sehr opulente Edition!).
Den Drang, unbedingt etwas vermitteln zu wollen, hört man leider auch der Musik an. Zwar ist Woodwards
Stil ist geprägt von großer Klarheit und Ruhe, wirkt überlegt, als würde er Note um Note eine
musikalische Kathedrale errichten, aber bisweilen auch seltsam gestelzt, fast ein wenig oberlehrerhaft.
Die gewählten Tempi unterstreichen diesen Eindruck noch. Woodward lässt sich mehr Zeit, als die
meisten anderen Interpreten – was man ja durchaus auch positiv sehen kann; er gibt der Musik Zeit zum
Atmen.
Ich habe aber das Gefühl, Woodward nimmt das Tempo bei manchen Präludien/Fugen nur raus, weil er uns
die Struktur erklären will (ich glaube, ihm geht es wirklich vorrangig um die musikalische Architektur). Es
ist aber nicht Sinn von Kunst, die Erklärung gleich mitzuliefern. Das hätte Woodward auch anders lösen
können. Von Martin Stadtfeld gibt beispielsweise eine Extra-CD, auf der er von seinem Zugang zum WTK
erzählt und mit Hörbeispielen illustriert.
Mich ärgert das, weil diese Aufnahme ansonsten alle Merkmale eines potentiellen Meisterwerks besitzt:
Eine starke Komposition, einen virtuosen, leidenschaftlichen und sehr musikalischen Pianisten, dazu ein
Klangbild, dass Seinesgleichen sucht (ich bin wirklich kein HighEnd-Fetischist, aber der außergewöhnlich
gute Klang dieses WTKs macht wirklich Spaß. Man denkt, man der Steinway steht direkt im Wohnzimmer,
so präsent kommt die Aufnahme rüber) und eine vorbildliche CD-Edition.
Zum Glück gibt es hier immer noch Momente, in denen Woodward einfach die Musik fließen lässt. In
diesen Augenblicken gehört sein WTK zu den stärksten hier vertretenen Aufnahmen.
Kaufempfehlung: Rang 9 von 13
Konstantin Lifschitz: The Well-Tempered Clavier, Books 1 & 2, VAI 2008
Konstantin Lifschitz ist einer meiner beiden Lieblingspianisten, wenn es um Bach geht. Kennengelernt
habe ich seine Musik, als ich eigentlich Pierre-Laurent Aimards “Kunst der Fuge” kaufen wollte, die aber
nicht vorrätig war und ich mir stattdessen die Version von Konstantin Lifschitz angehört habe. Schon
nach den ersten Takten war mir klar, dass ich gerade dabei bin, eine jener seltenen kulturellen
Entdeckung zu machen, die einen das ganze Leben lang begleiten werden (ich hatte das gleiche Gefühl,
als ich das erste mal The Velvet Underground hörte: Brüllend laut “Waiting For My Man” im Film “Ich bin
ein Elefant Madame” von Peter Zadek. Der Film ist totaler Mist, aber die Musik…!).
Aber wie konnte es angehen, dass ich einen Künstler dieses Kalibers so lange übersehen hatte? Erst habe
ich die korrupten Klassik-Vertriebe verflucht, denen Vermarktbarkeit über Talent geht, dann mich selbst,
weil ich mich nicht gut genug informiert hatte. Egal, Aimard war vergessen, seine ”Kunst der Fuge” konnte
unmöglich so gut sein wie diese (ist sie auch nicht) und innerhalb kürzester Zeit kannte ich alle BachAufnahmen von Konstantin Lifschitz (dazu zählen die Goldberg-Variationen, das Musikalische Opfer, Die
Kunst der Fuge, die im letzten Jahr veröffentlichten Klavierkonzerte und natürlich das WTK), und alle,
wirklich alle gehen mir unter die Haut.
Die offenkundige Besonderheit dieser Aufnahme ist zunächst die ungewöhnliche Reihenfolge der Präludien
und Fugen. Normalerweise werden die Zyklen von Buch 1 und 2 getrennt nacheinander dargeboten,
Lifschitz jedoch stellt die Stücke des 1. Buches direkt denen des 2. Buches gegenüber und hat die Paare
nach den jeweiligen Tonarten zusammengefasst: Nach dem C-Dur Paar BWV 846 aus dem 1. Buch folgt
das C-Dur-Paar BWV 870 aus dem 2. Buch, dann die C-moll Paare BWV 847 und BWV 871, dann die CisDur Paare usw. bis hin zu den H-moll Paaren. Aus diesem Spannungsfeld des direkten Vergleiches der
Kompositionen von 1720 und 1742 ergibt sich ein völlig neues Hörerlebnis (Olli Mustonen geht einen
ähnlichen Weg, um gewohnte Zusammenhänge aufzubrechen und kombiniert Bach und Shostakovich).
Konstantin Lifschitz’ Stil klingt oberflächlich völlig unspektakulär, etwas melancholisch vielleicht. Seine
Akzentuierungen sind fein nuanciert, fast unmerklich, die Tempi moderat. Aber durch diese Subtilität
entfaltet er einen ungeheuren Sog, zieht einen förmlich in die Musik hinein. Sich nebenbei mit etwas
anderem zu beschäftigen, ist unmöglich, diese Musik fordert deine ungeteilte Aufmerksamkeit (das
umgekehrte Prinzip Jarrett). Wie sanft-brodelnde Lava scheint die Musik immer kurz vor der Eruption zu
stehen, um dann wieder unterkühlt, fast unbeteiligt voranzuschreiten.
Konstantin Lifschitz ist ein Meister darin, dass Offentsichtliche zu verschleiern und unsere
Aufmerksamkeit auf scheinbare Nebensächlichkeiten zu lenken, die sich dann als Quintessenz der
Komposition entpuppen. Unter seinen Händen wird Bachs mathematische Polyphonie zur poetischen
Abstraktion, zur reinen Kunst; er erschafft einen spirituellen Raum, in dem der Mensch alle
Unzulänglichkeiten abwirft und sich mit dem allumfassenden Göttlichen vereinigt (interessant finde ich,
dass Friedrich Gulda mit seiner trocken-spartanische Spielweise, die quasi die Antithese zu Lifschitz’
legato dominierten Stil ist, bei mir ganz ähnliche Empfindungen weckt).
Lifschitz’ WTK ist ein Live-Mitschnitt von exzellenter Qualität und wurde in Miami (!) aufgenommen – eine
Stadt, die man üblicherweise nicht mit den mit Bach assozierten Begriffen wie Protestantismus und
Pflichtbewusstsein verbindet – und ist für jeden, der sich ernsthaft mit der Musik Bachs beschäftigt, ein
Pflichtkauf, das möchte ich nochmals ganz deutlich sagen.
Als Hardcopy ist diese Aufnahme nur als DVD erhältlich (momentan nur bei jpc im Angebot, Bestellung
kann aber dauern), es gibt sie aber auch komplett als Download bei iTunes (und meines Wissens nach nur
dort).
Kaufempfehlung: Rang 2 von 13
Sviatoslav Richter: Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1 & 2, RCA 1970 (1) & 1973 (2)
Die Bach-Forscherin Rosalyn Tureck hat 1952/53 als erste das WTK auf einem modernen Konzertflügel
eingespielt und das Werk damit den Klauen der Cembalo-Fraktion entrissen. Bis in die 70er Jahre hinein
war ihre Einspielung noch immer das Maß der Dinge, ihr weicher Stil, gekennzeichnet von tiefgründiger
Spiritualität und gemächlichen Tempi, eine unantastbare Größe. Plötzlich aber lag eine neue
Auseinandersetzung mit dem WTK in der Luft und fast zeitgleich kamen neue Aufnahmen von Glenn Gould,
Friedrich Gulda und Sviatoslav Richter auf den Markt.
Während Gould und Gulda radikal neue Ansätze verfolgten – asketisch, transparent und völlig
unsentimental – baute Richter auf Turecks introspektiven Stil auf und übertrug ihn in die neue Zeit. Zwar
waren seine Tempi in der Regel schneller und sein Spiel zupackender, doch auch Richter legte das
Hauptaugenmerk darauf, die Spiritualität des WTK auszuloten, gemäß seines Selbstverständnisses, er als
Interpret “habe kein Talent zum Denken” und sei nur “ein Spiegel”, welcher die Intention des Komponisten
reflektiere (Richter war intelligent genug um zu wissen, dass ein Künstler interpretieren muss, sei es die
Wirklichkeit, sei es eine Komposition. Aber er hatte eben auch ein Faible für gut klingende Bonmots).
Anfang der 70er war Richter der angesagte Pianist. Er konnte seine unglaubliche Musikalität auf jeden
Komponisten übertragen und hatte eine Reihe von Einspielungen vorgelegt, die alle in den höchsten Tönen
gelobt wurden (ich glaube, das hat Glenn Gould gewurmt. Er nannte Richter mal “one of the most powerful
communicators the world of music has produced in our time” – eine Glanzleistung in subtiler
Unverschämtheit, weil er Richter scheinbar lobt, ihn explizit aber nicht mal als Musiker bezeichnet hat).
Auch Richters Einspielung des WTK erreichte schnell den Status eines Denkmals und steht seit dem
genauso wie Goulds erste Goldberg-Variationen als schwarzer Monolith in der Kulturlandschaft rum und
versperrt als ewige “Referenz” den unvoreingenommenen Blick auf spannende neue Einspielung
(“Referenz-Aufnahme” ist eh’ ein blödsinniger Begriff; immer wenn jemand das schreibt, braucht man nicht
weiterzulesen. Mit diesem Begriff soll nur die eigene Denkfaulheit in den Rang allgemein gültiger Wahrheit
erhoben werden).
Dabei ist diese Aufnahme in der Tat ein Maßstab, den man gut an andere Einspielungen anlegen kann, weil
Richter sehr ausgewogen musiziert. Emotion und Struktur sind im Gleichgewicht, was ja das erklärte Ziel
vieler Interpreten ist. Richter klingt für mich aber bei aller Musikalität – sein WTK scheint förmlich zu
singen - etwas zu sehr nach Mainstream. Von den Interpreten, die einen ähnlichen Ansatz haben, klingen
z.B. Angela Hewitt, Konstantin Lifschitz und Till Fellner viel aufregender (klanglich ist die Aufnahme auch
nicht das Gelbe vom Ei, sie klingt ziemlich blechern. Das hätte man selbst damals besser hinkriegen
können).
Ich will Richters WTK wirklich nicht kleinreden, zwischen ihm und Jarrett beispielsweise liegen immer
noch Welten. Die Qualität dieser Einspielung ist unbestritten, sie muss mittlerweile aber mit vielen
gleichwertigen und sogar besseren konkurrieren als Anfang der 70er Jahre.
Kaufempfehlung: Rang 8 von 13
Daniel Barenboim: The Well-Tempered Clavier, Books 1 & 2, Warner Classics, 2007
Die Musik von Johann Sebastian Bach hat im bisherigen Schaffen Daniel Barenboims eine eher
untergeordnete Rolle gespielt. Dass er überhaupt das WTK eingespielt hat, war schon eine Überraschung
und dass seine Version so gut gelungen ist, war auch nicht unbedingt zu erwarten.
Mit seiner ruhigen und schlichten Spielweise lässt Barenboim ein bemerkenswert schönes WTK erklingen,
der totale Gegensatz zu Glenn Goulds kristallinen Staccato-Läufen. Hier wird mit einer angenehmen
Zurückhaltung musiziert, sehr persönlich und intim, ohne Mätzchen und Effekthascherei. Wir spüren, wie
stark Barenboim Bachs Musik fühlt, wie viel sie ihm bedeutet.
Eine derartige Herangehensweise wäre bei weniger talentierten Künstlern die Garantie dafür, dass sie
gewollt oder ungewollt die Grenze zum Kitsch zu überschreiten. Bei Barenboim besteht diese Gefahr
nicht. Sein WTK ist bei allem Schönklang von makelloser Klarheit; die Strukturen werden mit geradezu
souveräner Lässigkeit herausgearbeitet. Und obwohl Barenboim sich wirklich viel Zeit lässt, wirkt seine
Interpretation niemals schwer oder träge.
Barenboims WTK stelle ich auf eine Stufe mit Richters Aufnahme. Dieser klingt noch etwas musikalischer,
Barenboim dafür persönlicher. Außerdem ist der Sound hier deutlich besser.
Kaufempfehlung : Rang 7 von 13
Till Fellner: Das Wohltemperierte Klavier 1, ECM/Universal, 2002
Wenn ich jemanden anhand nur einer LP erklären müßte, was Jazz ist, würde ich “Kind Of Blue” von Miles
Davis auswählen. Die Platte hat alles, was Jazz jemals war und sein wird. Genauso verhält es sich mit Till
Fellner und dem WTK. Seine Aufnahme ist die Essenz der Komposition - von intimer Schönheit und
gleichzeitig von universeller Spiritualität.
Es ist geradezu unfassbar, wie souverän und unangestrengt Till Fellner dabei klingt: Jede Note, jedes
Tempo sitzt, jeder Anschlag ist richtig gewählt – ein natürlicher klingendes Spiel ist nicht vorstellbar.
Aber derlei Äußerlichkeiten spielen keine Rolle. Ob andere Aufnahmen des WTK nun transparenter klingen,
schneller oder langsamer sind, mit mehr oder weniger legato gespielt werden etc., ist völlig egal, es zählt
nur das Resultat und an Intensität ist die Fellner-Aufnahme nicht zu übertreffen. Die einzigen, die ein
ähnliches Niveau erreichen sind Friedrich Gulda und Konstantin Lifschitz. Diese drei Einspielung
widersetzen sich jeglicher Kategorisierung, zu groß ist ihre künstlerische Kraft.
Konstantin Lifschitz nimmt weiter regelmäßig Bach auf und von Till Fellner wünsche ich mir das auch. Die
Englischen und Französischen Suiten und die Partiten hätte ich besonders gerne, und das Italienische
Konzert, wenn’s etwas mehr sein darf.
Seine erste CD hat Till Fellner 1992 veröffentlicht und bis heute sind lediglich neun weitere
dazugekommen. Das ist nicht besonders viel, und auch ansonsten hält er sich medial völlig zurück. Ich
habe keine Ahnung, ob er sich jahrelang auf seine Aufnahmen vorbereitet oder einfach nur langsam
arbeitet, die hohe künstlerische Qualität seiner Einspielungen rechtfertigt jedenfalls diese Arbeitsweise.
Um dieses WTK kommt man jedenfalls nicht herum. Besser geht es nicht.
Kaufempfehlung: Rang 1 von 13
Zwei besondere Einspielungen
Die Aufnahmen von Robert Levin und Olli Mustonen spielen hier außer Konkurrenz mit, weil sie mit den
anderen schlecht vergleichbar sind.
Robert Levin: The Well-Tempered Clavier, Book 1, Hänssler Classic, 2000
Robert Levin hat einen Ansatz gewählt, der meiner Meinung nach auf Kosten der Einheit des WTKs geht.
Er spielt die Satzpaare abwechselnd auf dem Cembalo, dem Clavichord und auf der Orgel ein. Die
Instrumentierung hat er danach ausgewählt, welches Instrument Bach am wahrscheinlich beim
Komponieren vorschwebte.
Das Ergebnis klingt interessant, aber durchhören kann ich das nicht. Wer kein beinharter Bach-Forscher
ist, braucht diese Einspielung nicht zwingend (ich habe sie auch nicht).
Olli Mustonen: Bach and Shostakovich: Preludes And Fugues, RCA 1997
Olli Mustonen: Bach and Shostakovich: Preludes And Fugues Vol. 2, Ondine, 2004
Zum Abschluß noch ein echtes Highlight! Olli Mustonen sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben,
ist aber mit Abstand der wagemutigste aller hier erwähnten Künstler. Er kombiniert Bachs WTK mit
Shostakovichs Fugen und Präludien op. 87 und stellt so völlig neue Zusammenhänge her. Eine geniale
Idee, die eigentlich nahe liegend ist, aber auf die vor ihm noch keiner gekommen ist.
Wenn man seine Interpretation des WTK 1 alleine betrachtet, kommt man aus dem Staunen nicht mehr
heraus. Skurile Betonungen und wahnsinnige Einfälle treffen auf Tempi, die Rosalyn Tureck auf die
Intensivstation gebracht hätten. Für Präludium und Fuge Nr. 8 (BWV 853) benötigt Mustonen grade mal 6
Minuten, Barenboim braucht alleine für die Fuge länger.
Das liest sich wie Scharlatanerie, ist es aber ganz und gar nicht. Das ist in Perfektion der Ansatz, den
auch Glenn Gould versucht, aber nicht wirklich hinbekommen hat. Olli Mustonen ist richtig gut und ich
empfehle unbedingt BEIDE Aufnahmen.
Nachtrag: Eine Reise ins Freigabe-Land
Ich habe bei allen Rechteinhabern nachgefragt, ob ich von ihren Künstlern vier kurze Soundsamples
(jeweils 45 Sekunden) in die jeweilige Rezension einbauen dürfe. Macht ja Sinn, einen Artikel über Musik
mit Sounds aufzupeppen und Werbung für das Produkt ist es außerdem. Das sehen aber nicht alle so: Die
Universal (DG, Decca, MPS) vergibt Lizenzen nur für eine kommerzielle Nutzung und die muss natürlich
bezahlt werden, Sony/RCA kann man nur über ein dämliches Kontaktformular erreichen, das mal
funktioniert, dann wieder nicht, ECM und Ondine haben gar nicht geantwortet. An Warner bin ich noch
dran.
Erfreulicherweise haben die anglo-amerikanischen Rechteinhaber ganz anders reagiert: Nette Antworten
auf meine Mails, unbürokratische Freigaben, lediglich den Link zum Artikel solle ich ihnen zusenden.
Bedanken möchte ich mich deshalb bei Edward Taylor von Hyperion Records, Tony Eckstat von Celestial
Harmonies und Allan Altman von VAI Music, die mir erlaubt haben Snippets der Aufnahmen von Angela
Hewitt (Hyperion), Roger Woodward (Celestial Harmonies) und Konstantin Lifschitz (VAI Music) zu
implementieren. Thank you guys, I really appreciate your kind reaction!
Theoretisch hätte ich auch in die GEMA eintreten und eine jährliche Pauschale zahlen können. Damit
hätte ich das Recht erworben, Musik auf meiner Seite einzubinden, ohne bei jedem Rechteinhaber einzeln
nachzufragen. Nur: Alle hier besprochenen Aufnahmen sind GEMA-frei, jedenfalls sind sie nicht in deren
Online-Datenbank gelistet. Blieb also nur der umständliche Weg.
Anhang: Top 13 Liste: J. S. Bach - Das Wohltemperierte Klavier
1. Till Fellner, Das Wohltemperierte Klavier (Buch 1), ECM/Universal (CD/Download)
2. Konstantin Lifschitz, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2), Vai (DVD/Download)
3. Friedrich Gulda, Das Wohltemperierte Klavier (Buch 1 & 2), MPS/Universal (CD/Download)
4. Maurizio Pollini, The Well-Tempered Clavier (Book 1), Deutsche Grammophon/Universal
(CD/Download)
5. Angela Hewitt, The Well-Tempered Clavier (2008 Recording) (Books 1 & 2), Hyperion
(CD/Download)
6. Andras Schiff, Das Wohltemperierte Klavier (Buch 1 & 2), Decca/Universal (CD/Download)
7. Daniel Barenboim, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2), Warner Classics
(CD/Download)
8. Svjatoslav Richter, Das Wohltemperierte Klavier (Buch 1 & 2), RCA (CD/Download)
9. Roger Woodward, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2), Celestial Harmonies
(CD/Download)
10. Glenn Gould, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2), Columbia/Sony (CD/Download)
11. Martin Stadtfeld, Das Wohltemperierte Klavier (Buch 1), Sony Classical (CD/Download)
12. Vladimir Ashkenazy, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2), Decca/Universal
(CD/Download)
13. Keith Jarrett, The Well-Tempered Clavier (Books 1 (Klavier) & 2 (Cembalo)),
ECM/Universal (CD/Download)
Toll, aber außer Konkurrenz:
Olli Mustonen, Bach and Shostakovich – Preludes And Fugues, RCA Red Seal (CD/Download)
Olli Mustonen, Bach and Shostakovich – Preludes And Fugues Vol. 2, Ondine (CD/Download)
Interessant, auch außer Konkurrenz:
Robert Levin, The Well-Tempered Clavier (Books 1 & 2, (Cembalo, Clavichord, Orgel)), Hänssler Classic,
(CD)
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