Predigt zum Thema „Berufung des Priesters“

Werbung
Predigt zum Thema „Priester sein“
Liebe Schwestern und Brüder
Als ich kürzlich einen engagierten Ministranten meiner Pfarrei darauf angesprochen habe, ob er
nicht auch einmal Priester werden wolle, sagte er spontan zu mir: „Meinen Sie, ich spinne?“
Mir erging es ähnlich wie Ihnen: Auch ich musste schmunzeln ... Der Ministrant, er heisst übrigens
Daniel und ist 10 Jahre alt, war sich offensichtlich nicht bewusst, dass er mit seiner Aussage mich
selber als einen „Spinner“ bezeichnete. Ich erklärte ihm dann, dass man ganz und gar nicht spinnen muss, um im kirchlichen Dienst arbeiten zu können (!) ... und ich sagte ihm auch, weshalb ich
Priester geworden bin:
Der Beruf des Priesters, des Seelsorgers oder der Seelsorgerin ist meines Erachtens der faszinierendste, spannendste und abwechslungsreichste Beruf, den es gibt: Ich habe es mit Menschen in
verschiedensten Situationen zu tun: bei fröhlichen wie auch bei ernsten und traurigen Anlässen.
Wir begleiten Menschen aus verschiedensten Schichten, Menschen verschiedensten Alters (vom
Neugeborenen bei der Taufe über die Kinder und Jugendlichen im Religionsunterricht; von den
Erwachsenen über die alten Menschen bis hin zur Beerdigung) ... und vor allem kann ich als Theologe - und das kann kein anderer Beruf - im Glauben eine Dimension aufzeigen, die sogar noch
über unser irdisches Leben / über den Tod hinausgeht. – Als Priester habe ich zudem die wunderschöne Aufgabe, mit den Menschen die Sakramente zu feiern. In diesen speziellen Gottesbegegnungen werden nicht nur die Leute innerlich berührt, sondern auch ich selber. Als „Geistlicher“
habe ich auch die Aufgabe, meinen Tagesverlauf „geistlich“ zu gestalten. Das Stundengebet nimmt
daher im Leben eines Priesters einen wichtigen Platz ein.
All diese Aufgaben können wir aber nur mit der Hilfe Gottes wahrnehmen und im Vertrauen darauf,
dass er uns nahe ist und die nötige Kraft dazu gibt.
Daniel war recht beeindruckt von meinen Ausführungen, und er verabschiedete sich, indem er sagte: „Also Sie spinnen nicht!“... > Schön, wenn man eine solche Bestätigung bekommt!
Liebe Mitchristen, es ist sicher nicht überraschend, dass ein junger Mensch wie Daniel tatsächlich
das Gefühl haben kann, ein Priester oder andere kirchliche Mitarbeiter-innen hätten „nicht alle
Tassen im Schrank“! Die Kirche steht in der heutigen Zeit oft unter Beschuss mit dem Argument,
sie sei veraltet, festgefahren oder einfach nicht mehr „in“. Änderungen werden gefordert wie z.B.
die Abschaffung des Pflicht-Zölibats, die Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesterberuf,
eine liberalere Einstellung in moralischen Fragen u.a.m. Zugegeben: diese Punkte bilden oft „Steine des Anstosses“ ..., doch ich glaube wir dürfen nicht bei diesen Fragen stehen bleiben, sondern
wir müssen uns vielmehr an die Wurzeln der Probleme heranwagen. Und die Wurzeln des Priestermangels beispielsweise liegen meines Erachtens nicht nur im Zölibat, sondern auch in unseren
Pfarreien und letztlich auch bei jedem einzelnen von uns. Die Pfarrei und wir alle haben eine grosse Mitverantwortung für die kirchlichen Berufe. Es ist die Aufgabe von uns allen, Berufungen zu
wecken und zu fördern. Doch wie sollen wir das konkret tun? Die heutige Lesung hat uns dazu
einige sehr wertvolle Tipps gegeben. Wenn junge Menschen spüren, dass in einer Pfarrei echte
Gemeinschaft vorhanden ist, dass der Glaube lebt und gelebt wird, dass Gott erfahrbar ist, dass
man offen miteinander reden kann und einander auf dem je eigenen Weg begleitet, dann wird die
Kirche und werden auch die kirchlichen Berufe wieder „attraktiver“. Wenn es uns gelingt, durch
unsere Einstellungen zu überzeugen, wenn unsere Gottsuche ansteckend wirkt und durch uns
etwas von der Freude an Gott erfahrbar wird, wenn wir Seelsorger - aber auch jeder Christ und
jede Christin - echte Vorbilder sein können, dann werden sich auch wieder mehr Menschen für
einen kirchlichen Beruf begeistern lassen. Wenn wir auch ganz bewusst um kirchliche Berufungen
beten und junge Menschen auf die Schönheiten dieser Berufe aufmerksam machen und sie auf die
Möglichkeiten ansprechen (ähnlich wie ich es bei Daniel getan habe), dann könnte der grosse Personal- und Priestermangel mit der Zeit auch in unseren Breitengraden wieder verringert werden. Natürlich muss in jedem Fall der Geist Gottes auch noch wirken. Wir können die Berufungen nicht
einfach „machen“. Doch wir können die Voraussetzungen - gewissermassen den Ackerboden bereiten.
Im Evangelium sagt Jesus „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr
mir getan.“ Dieser Satz bedeutet einerseits, dass wir in unseren Mitmenschen immer auch Christus
begegnen ... und andererseits kann man diesen Satz auch so deuten, dass Christus auch durch
uns in dieser Welt sichtbar werden will. Wir Christen bringen das Bild von Christus zum Vorschein.
Jeder einzelne von uns ist wie ein Mosaikstein. - Jeder einzelne wird von Gott dazu berufen, auf
seine je eigene Art und Weise als Christ / als Christin in dieser Welt zu wirken und Christus sichtbar zu machen. Gott ruft jeden einzelnen von uns auf ganz unterschiedliche Art und Weise, zu
ganz unterschiedlichen Aufgaben und auch zu ganz unterschiedlichen Zeiten in unserem Leben.
Gott ruft; er be-ruft Menschen in seinen Dienst ... und dieser Dienst - dieser christliche Dienst - ist
zuerst immer ein Dienst am Mitmenschen ..., sei es zu Hause in der Familie, sei es in der Schule,
am Arbeitsplatz oder wo auch immer.
Wenn es uns gelingt, als überzeugte und überzeugende Christen zu leben und Christus immer
mehr als die eigentliche Mitte in unserem Leben zu verstehen und sichtbar zu machen, dann wird
dies früher oder später abfärben. Und wenn es uns gelingt, als überzeugte Priester mit grosser
Freude Gott und den Menschen nahe zu sein, dann wird auch das kleinste Kind erkennen, dass
wir wahrlich keine „Spinner“ sind. Amen.
Erwähnte Bibeltexte:
Eph 4, 1-6
Mt 25, 31-40
Urs Elsener, Pfarrer von Muri AG
Herunterladen