DOC - Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Berlin-Tempelhof; 19.10.2008,
Gemeindefreizeit in Sellin auf Rügen 1.5.2012
Pastor Norbert Giebel
Hebr. 10,24-25, Apg 2,42 u.a.: „Hauskreise“
Liebe Freizeitgemeinde,
drei Themen hatten wir geplant: unsere Beziehung zu Gott im Lob, unsere Beziehung
untereinander in Liebe und unser Auftrag in der Welt in der Sendung Jesu Christi. Das
dritte Thema habe ich ausfallen lassen. Jetzt geht es also um uns als Gemeinde, um
unser Miteinander. Wir werden 175 Jahre alt und sind noch lange nicht fertig. Denn auch
was das Miteinander in der Gemeinde angeht, wird man nie fertig. Das ist immer ein
Prozess, weil Zeiten und Menschen sich wandeln mit ihren Bedürfnissen, Nöten und
Gaben.
Ich möchte zunächst einmal in die Bibel sehen, ins Neue Testament. Das Neue Testament
sagt sehr wenig über die Strukturen in der Gemeinde Jesu, wie Gemeinde zu organisieren
ist. Aber wir finden viele Sätze, worum es in der Gemeinde geht, wozu Gott uns in der
Gemeinde zusammen geführt hat. Ich will einige Sätze lesen:
Apg 2, 42 und 46-47
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und um
Brotbrechen und im Gebet. (…) und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und
brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freuden und
reinem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlgefallen beim ganzen Volk. Der Herr aber
fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Hier finden wir eine erste Aufzählung, warum Gott uns zusammengefügt hat, wozu das
Miteinander Gemeinde da ist: Im Miteinander der Brüder und Schwestern geschieht
 Lehre,
 so etwas wie Lebensgemeinschaft, offener Austausch, Teilnehmen und teilgeben,
 Abendmahl, Gebet und Lobpreis
 Auch Güter werden geteilt
 Menschen kommen zum Glauben
 Und sie werden in den Leib Jesu eingegliedert, damit sie eben genau das erleben:
Lehre, Gemeinschaft, gegenseitige Hilfe, Gebet und Lobpreis mit anderen.
Ein zweiter Bibeltext: Epheser 4, 2 und 32
„Lebt in aller Demut, Sanftmut und Geduld. Ertragt einer den anderen in Liebe. (…) Seid
untereinander freundlich und herzlich, vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch
vergeben hat in Jesus Christus!“
In Demut, Sanftmut und Geduld sollen wir miteinander umgehen, und zwar so, dass sich
der einzelne in Liebe getragen weiß. Barmherzig, liebevoll und geduldig gehen wir
miteinander um. Auch wenn jemand viel Barmherzigkeit und Geduld braucht, geben wir
ihn nicht auf, lassen wir ihm Zeit, bleiben an seiner Seite. Freundlichkeit, Herzlichkeit,
Annahme, Verständnis sollen Menschen von anderen Menschen in der Gemeinde
erleben. Die Gnade Gottes soll erfahrbar sein im Miteinander.
Ein dritter Text: Galater 6,2
„Einer trage die Last des anderen, so werdet ihr das Gesetz Jesu Christi erfüllen!“
– Das geht in dieselbe Richtung.
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Ein vierter Text: Kolosser 3,16:
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller
Weisheit; in Psalmen, Lobgesängen und Liedern, wie sie der Geist eingibt, singt Gott in
euren Herzen durch die Gnade, die er euch schenkt.
Was sind hier die Funktionen der Gemeinde Jesu? Das Wort Christi soll bei uns zuhause
sein. Es soll bei uns wohnen. Wir sollen zusammen im Wort Christi umhergehen und darin
immer mehr zuhause sein. Wieder heißt es, dass die Lehre etwas ist, was im Miteinander
der Gemeinde geschieht. In Weisheit, also mit Verstand soll es geschehen, sensibel und
dem einzelnen angemessen, dass er von anderen gelehrt wird und dass er ermahnt wird.
Wobei das Wort ermahnen ebenso mit begleiten oder ermutigen übersetzt werden kann.
Parakaleo ist das griechische Wort. Wörtlich: herbeirufen. Wir sollen uns gegenseitig von
dem anderen an seine Seite rufen lassen, um ihn zu unterstützen, dass er im Glauben
leben kann. – Das ist hier als eine Funktion unseres Miteinanders genannt. Und auch hier
wird wieder der gemeinsame Lobpreis genannt. Mit alten und mit neuen Liedern. Mit
Psalmen und mit eigenen Liedern.
Drei letzte Texte: 1. Thess 5,11
Darum ermahnt euch untereinander (wieder dasselbe Wort: wisst euch gegenseitig an die Seite
des anderen gerufen), und einer erbaue den anderen, wie ihr es ja auch schon tut.
Hebräer 10, 24-25
Lasst uns aufeinander achthaben und uns zur Liebe anreizen und zu guten Werken und
nicht unsere Versammlungen verlassen, wie einige es pflegen, sondern einander
ermahnen. (Wieder kann man auch ermutigen oder unterstützen übersetzen.)
Christen in der Gemeinde sollen einander positiv im Blick haben, zur Liebe anreizen und
zur Treue beim Besuch der Gemeindeveranstaltungen. Keiner soll aus den Augen
verloren gehen.
Jakobus 5, 16:
Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Des
gerechten gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Auch dazu hat Gott uns als Gemeinde zusammengerufen, auch das ist eine Funktion der
Gemeinde: Über eigene Schwächen reden zu können, sich gegenseitig anzuvertrauen,
Sünden zu bekennen, den Zuspruch der Vergebung zu erfahren, und zusammen treu für
einzelne Anliegen zu beten.
Ehrlich gesagt, wenn ich diese Bibelstellen lese, und ich hätte noch mehr Bibelstellen
lesen können, dann sind wir weit entfernt davon, eine Gemeinde zu sein, wie die Apostel
Jesu Christi sie sich vorgestellt haben. Ein Leib, wo jeder seinen Platz einnimmt. Ein
Haus, wo sich jeder als ein lebendiger Stein einbringt und erlebt, wie er getragen wird und
wie er andere trägt. Wo leben wir denn das im miteinander, was wir in diesen Texten
finden? Wozu sind wir in unserem Miteinander da?
Im Miteinander von Schwestern und Brüdern soll es geben:
– Lehre, Gemeinschaft, Abendmahl, Gebet, Lobpreis, Evangelisation,
– Eingliederung von denen, die Gott hinzu gerufen hat,
– gegenseitige Ermahnung, Ermutigung, Unterstützung,
– Auferbauung im Glauben, wir sollen uns zur Liebe und guten Werken anreizen,
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– wir sollen uns von unseren Schwächen erzählen, Sünden bekennen, Vergebung
erfahren.
Ich möchte mal wissen, wie das gehen soll!? Vielleicht erlebt ein Bruchteil unter uns so
etwas in unserer Gemeinde, aber die Gemeinde als Ganzes ja wohl kaum. Sind wir
wirklich eine Freizeitgemeinde? Nicht nur auf Rügen auch in Berlin? Gemeinde als
unverbindliche Interessengemeinschaft? Das ist sicher keine Gemeinde nach dem NT!
Oder sind wir eine lebendige, verbindliche Gemeinde Jesu, in der das gelebt und erfahren
wird, was uns die Schriften des neuen Testaments spiegeln?
Ich glaube, dass wir weit davon entfernt sind. Ich glaube, dass wir dem viel näher kommen
müssen, wenn wir noch einmal 175 Jahre oder wenigstens 50 Jahre Gemeinde sein
wollen, wenn wir als Gemeinde Bedeutung behalten wollen. Und ich glaube, dass es kein
böser Wille unsererseits ist, sondern dass wir strukturell schlecht aufgestellt sind.
Der Einzelne wird in seiner Begabung mit Gottes Geist, in seinem Priesterdienst an
anderen, zu wenig gesehen und auch dadurch sehen sich die wenigsten selber so. Wir
haben keine Struktur, die die Verantwortung für den anderen unterstützt. Ich glaube, was
wir brauchen, das sind lebendige Zellen, Hauskreise, Lebenskreise, Christusgruppen. Wir
können sie Hauskreise nennen, aber dann will ich sagen, was ich darunter verstehe. Die
Hauskreise oder Zellen müssen im Kleinen das Selbe sein, zu dem gleichen Zweck da
sein, wie das Große, wie die Gemeinde.
Wie in der Gemeinde muss es auch im Hauskreis
– Lehre geben und Gemeinschaft, das Leben teilen,
– Gebet, vielleicht langes gemeinsames Gebet für bestimmte Anliegen, Lobpreis,
– Ermahnung und Ermutigung, Achten aufeinander ,
– gegenseitiges Anreizen zur Liebe, praktische Hilfe, vielleicht auch finanzielle Hilfe.
– Auch Evangelisation, offen sein für neue,
– Und Integration in die Gemeinschaft und in die Gemeinde
Das, wozu Gemeinde da ist, das wird nur eine Minderheit erleben, wenn wir keine
Kleingruppen haben, die sich umfassen verstehen. In allen Konzepten für missionarischen
Gemeindeaufbau werden Kleingruppen als sehr wichtig erachtet. Z.B. bei Christian
Schwarz, Klaus Eickhoff, Rudolf Bohren, Bill Hybels, Robert Logan.
In der größten Gemeinde der Welt, der von Dr. Paul Yonggi Chos in Südkoera, mit über
500.000 Mitgliedern, gehört jeder zu einer Hausgemeinde. „Wir sind die größte und die
kleinste Gemeinde gleichzeitig!“ sagt Yonggi Chos, weil die große Gemeinde nur durch die
kleinen Gemeinden möglich ist. Und in der Hausgemeinde wird auch Abendmahl gefeiert,
dort wird auch getauft und beerdigt.
Große Gemeinden, wachsende Gemeinden sind in Kleingruppen strukturiert: So auch die
bekannte Willow-Creek-Church in Chicago. Das Problem nicht wachsender Gemeinden ist
nach dem Urteil vieler Forscher ihre Pastorenzentriertheit. Eine Gemeinde kann so weit
wachsen, wie es der oder die Pastoren schaffen, Menschen zu begleiten, zu lehren, zu
besuchen, sich um sie zu kümmern.
In den Texten des NT gibt es viele Aufgaben, Wesensmerkmale der Gemeinde, also aller
Christen, die an die Hauptamtlichen delegiert werden. Bei vielen Kleingruppen aber, bei
vielen Hauskreisen, werden Mitarbeiter gebraucht, die geschult und begleitet werden
müssen, und Gaben des Geistes werden vervielfacht und kommen zum Zug,
Verantwortungen werden delegiert und übernommen.
Ich wünschte mir eine stetig wachsende Zahl von Hauskreisen in der Gemeinde.
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a) Hauskreise sind ein Gegengewicht zu wachsenden Anonymität und Einsamkeit in
unserer Gesellschaft.
b) In Hauskreisen kann verbindlich und ganzheitlich gelebt werden, was das NT unter
Gemeinschaft versteht.
c) In Hauskreisen wird die Gemeinde als des Leib Christi erfahrbar.
d) Hauskreise fördern den mündigen Umgang mit den Grundelementen unserer
Spiritualität: Mit der Bibel, mit dem Gebet und mit dem Umgang mit unseren
Schwächen und unserer Schuld.
e) In Hauskreisen kann man bei anderen abgucken, aus dem Leben anderer lernen,
nicht theoretisch. Der Glaube kommt ganz natürlich ins eigene Leben hinein.
f) Der eigene Glaube wird sprachfähig.
g) Suchende werden willkommen geheißen.
h) Menschen, die jung in Glauben sind, werden integriert und bekommen Kontakt zur
Gemeinde.
Wichtig bei alledem ist, dass diese Kreise in ein Konzept der Gemeinde eingebunden sind,
dass die vernetzt sind, und dass es eine Begleitung für darin Verantwortliche gibt.
Martin Luther hat drei Formen des Gottesdienstes unterschieden:
1. Die lateinische Messe
2. Der Gottesdienst in deutscher Sprache
3. Die Versammlung derer, die mit Ernst Christen sein wollen
Das Erste und das Zweite konnte Luther umsetzen. Zur „dritten Weise des
Gottesdienstes“ sagt er: "...Ich habe die Leute nicht dazu". Was Luther damals formuliert
hat, ist eine prophetische Schau von Hausgemeinden oder Hauskreisen: Luther schreibt in
seiner Vorrede zur deutschen Messe (1526):
Aber die dritte Weise, welche die rechte Art der evangelischen Ordnung haben sollte, dürfte nicht
so öffentlich auf dem Platz unter allerlei Volk geschehen. Sondern diejenigen, die mit Ernst
Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen, müssten sich mit
Namen einzeichnen und sich etwa in einem Haufen versammeln zum Gebet, lesen, zu taufen, das
Sakrament empfangen und andere christliche Werke zu üben.
In dieser Ordnung könnte man die, welche sich nicht christlich hielten, kennen, strafen, bessern,
ausstoßen oder in den Bann tun nach der Regel Christi Matth. 18,15 ff. Hier könnte man auch ein
gemeinsames Almosen auferlegen, das man freiwillig gäbe und nach dem Vorbild des Paulus
austeilte (2. Kor. 9,1).
Hier bedürfte es nicht vieler und großer Gesänge. Hier könnte man auch Taufe und Sakrament auf
eine kurze feine Weise halten und alles aufs Wort und Gebet und auf die Liebe richten.
Hier müsste man einen guten kurzen Unterricht über das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote
und das Vaterunser haben. In Kürze: wenn man die Menschen und Personen hätte, die mit Ernst
Christen zu sein begehrten, die Ordnungen und Regeln dafür wären bald gemacht.
Wir würden manches anders formulieren, andere Akzente setzen, uns wäre anderes
wichtig. Aber die Erkenntnis hatte schon Martin Luther: wenn wir eine lebendige Gemeinde
sein und bleiben wollen brauchen wir lebendige Kleingruppen.
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Amen.
Sellin, 1.5.2012
Aussprache zum Thema Gemeinde
1. Wozu hat Gott Menschen in einer Gemeinde miteinander verbunden?
2. Sind Hauskreise eine gute Struktur, um diesen Zweck von Gemeinde zu erfüllen?
3. Was macht ihr für Erfahrungen mit Hauskreisen?
4. Wie könnten wir zu mehr Hauskreisen in unserer Gemeinde kommen?
Hausversammlungen und Hausgemeinden in urchristlicher Zeit
(vgl. Masemann, Hauskreise, 11)
Jerusalem
Apg 1,13f; 2,1f.46; 5,42; 12,12
Korinth
Apg 18,7
Troas
Apg 20,7f
Missionsgebiet des Paulus allgemein, man traf sich „häuserweise“ Apg 20,20
Rom
Röm 16,5.14.15
Ephesus
1. Kor 16,19 (Pls schreibt von Eph den 1. Kor; erwähnt Hausgemeinde von Aquila und Priska)
Laodicea
Kol 4,15 (Hausgemeinde um Nympha)
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