Seminar Soziologie

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Seminar Soziologie
„Stadtentwicklung und soziale Ungleichheit“
SS 2005
Norbert Gestring
Protokollantin: Kristina Josten
Protokoll zur Sitzung am 14. und 21.6. 2005 über die Studie „Armut und
Armutsbewältigung in einer westdeutschen Großstadt“
Zum Einstieg sammelten wir Ideen zu der Frage, unter welchen Einschränkungen Arme in
deutschen Städten leben und kamen dabei zu drei Kategorien:
 Materiell (z.B. Ernährung, Kleidung)
 Sozial (keine/kaum Teilnehme am gesellschaftlichen Leben)
 Psychisch (geschwächtes Selbstbild, da Lebensstandard fast gleich 0 ist)
Aus allen drei Punkten ergibt sich eine eingeschränkte Rückkehr ins „normale“ Leben.
Nach diesen Kriterien wurde auch die Studie zusammengefasst:
1.) Wie lösen Arme materielle Probleme?
2.) Wie befriedigen sie die sozialen Bedürfnisse?
3.) Wie wahren sie ihr psychisches Gleichgewicht?
Informationen zur Studie:
Die Studie wurde 1989 von J. Boettner und G. Tobias im Armutsviertel DuisburgBruckhausen durchgeführt.
Seit 1871 befindet sich dort das Stahlwerk Thyssen, heute Thyssen-Krupp. In den 20/30ern
gab es ein blühendes kulturelles Leben in Bruckhausen mit 19600 Einwohnern (1939). In den
70ern kamen Ideen über einen Abriss auf, da eine selektive Wandlung zum Armutsquartier
stattfand. Die Einwohnerzahl betrug nur noch 7700, im Armutsviertel Alt-Bruckhausen 4350.
Die Studie ist eine halbstandardisierte Befragung, die in zwei Wohnblocks (mit 70 Personen)
durchgeführt wurde. Zusätzlich fanden biografische Interviews, Expertengespräche (z.B. mit
Ärzten), teilnehmende Beobachtung und Straßengespräche statt.
Vorweg besprachen wir die Problemwahrnehmung im Armutsviertel am Beispiel der
„Waschmaschine“.
Für die Mittelschicht ist die Anschaffung einer Waschmaschine ein finanzielles Problem.
Für die Unterschicht bedeutet sie eine Vielzahl von Problemen, z.B. ein bürokratisches
(Umgang mit dem Sozialamt erlernen) und ein soziales (Secondhand, Schwarzmarkt).
Kommt man neu in ein Armutsviertel, so muss man den Umgang mit der Bürokratie und der
Haushaltsführung erlernen und verstehen, wie der Schwarzmarkt funktioniert. Außerdem
muss man akzeptieren, dass die erlernten Kompetenzen (meist) nicht mehr benötigt werden.
Zu Frage1) Materielle Probleme

Haushaltsführung
- Gebrauchtwarenhandel (z.B. Secondhand; informell)
- Raten -> Versandhäuser (Sammelbestellungen)
- Zweckbindung der verfügbaren Mittel (Koppelung bestimmter Einnahmen und
Ausgaben, wie z.B. Kindergeld und Miete)
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
Kontrolliertheit (Selbstkontrolle) und Rechenhaftigkeit (zurückhaltend mit
Geld umgehen)
Arbeit
- zweiter Arbeitsmarkt (z.B. ABM)
- informelle Arbeit (Ziele: Erhöhung des Materiellen und Strukturierung des
Tages)
Zu Frage 2) Soziale Kontakte

Funktion der sozialen Netzwerke
- materiell: Soziales Kapital (gibt Infos zu freier Wohnung, Job, etc.)
- psychisch/ emotional: Zugehörigkeit, Identität entwickeln

Soziale Kontakte in Bruckhausen
- Sonnenscheingemeinschaften (diese funktionieren nur, wenn es den Leuten gut
geht, meist ist nicht Geld als Thema)
- Rückzug als Reaktion auf Enttäuschung
- Großteil der Kontakte im Stadtteil (man lebt oft zurückgezogen)

Materielle Hilfe
- durch Familie (haben allerdings oft selbst zu wenig)
- Soziales Kapital der Netzwerke bietet materiell wenig
 An Nachbarn wendet man sich nicht oft, aus Angst vor Tratsch

Psychische Hilfe
- berufstätige Familie und Freunde außerhalb von Bruckhausen
- Arbeitslose sind sehr stark auf die Familie zentriert (selten Nachbarn/Freunde
in Bruckhausen)
- Alleinlebende Männer und allein erziehende Frauen sind oft ohne
Vertrauenspersonen und leben dadurch isoliert
Zu Frage 3) Armutsbewusstsein und psychisches Gleichgewicht

Distanzierung von anderen Gruppen im Quartier
- „schlechte Deutsche“: Versager
Vorwürfe: haben Mangel an Selbstdisziplin und Organisiertheit
- Ausländer = Türken
Vorwürfe: seltsame Lebensführung, da andere Kultur
- Roma: Zigeuner: „Das Letzte“
 Ziel: Eigenes Selbstwertgefühl erhöhen

Abgrenzung nach unten
„Arm sind die anderen“:
- Wohnungslose, Kranke, Alte, Verwahrloste
- „Arm ist das, was man selber nicht ist“
Auch bei Befragung objektiv Armer, sahen sich diese selber nicht als arm
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 Ziel: Selbstschutz
Von außen betrachtet sieht man ein Armutsquartier und macht keine Differenzierungen mehr.
Die dort lebenden Menschen haben aber ein unterschiedliches Bewusstsein!

Lebenskonzepte/ 4 Typen des Umgangs mit Armut
* „Häuslich – familiär Konsolidierte“
- Familien/Paarhaushalte, die sich an der gesellschaftlich dominierenden
Normvorstellung orientieren: saubere Wohnung, strukturierter Alltag, ordentliche
Kleidung;
- disziplinierte Menschen -> es wird alles unternommen um den Zustand zu erhalten
- für viele war Umzug nach Bruckhausen ein Aufstieg
* „Lageristen“
- orientieren sich ebenfalls an der Normvorstellung der Gesellschaft, sind aber soziale
Absteiger (oft arbeitslos geworden)
- sammeln in ihrer Wohnung Dinge, die sie eventuell noch mal brauchen
- achten beim Einkauf extrem auf Preise
* „Trinkhallenszene“
- versammeln sich an der Trinkhalle, sind oft Alkoholiker
- besitzen Wohnung
- leben von Tag zu Tag (keine vorausschauende Problemlösung)
* „Wohnungslose“
(Konnten nicht interviewt werden)
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