Samira`s Geschichte

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Da sitze ich und Seh, wie Samira untersucht wird. Das ernste Gesicht des Arztes,
eine leise Vorahnung. Ist etwa mit ihr? Der zweite Arzt kommt. Die besorgten
Gesichter. Die Diagnose. Bodenloser Raum breitet sich aus. Nein, nicht sie. Ich
brauche Zeit, Zeit um die Antwort zu finden, Zeit, mich zu finden, zu spüren. Die
lange Fahrt in UKE. Ich halte sie ganz fest an meinem Herzen. Ich muß sie spüren,
ganz fest. Ich kann sie nicht wieder hergeben. Ich liebe sie. So stark! Ohnmächtig
sehe ich zu, wie wir uns dem Krankenhaus nähern. Klingeln, warten. Eine Ärztin
kommt und nimmt uns Samira weg. Nein, ich will nicht, habe keine Kraft mich zu
wehren, fühle mich wie in einem bösen Traum. Samira wird ausgezogen und wird
wieder untersucht. Die ganzen medizinischen Wörter schwirren mir im Kopf, ich
verstehe gar nichts mehr. 2 Ärzte, 3 Ärzte. Es wird gefachsimpelt, keiner spricht zu
uns. Samira liegt im Intensivbettchen, traue mich nicht sie anzufassen. Will sie auf
den Arm nehmen, alle Kabel von ihr reißen und wegrennen. Weg. Weg von hier. Nur
mit ihr allein sein. Der Oberarzt kommt. Ein nüchternes Gespräch, die Tränen
rennen, meine Kraft ist dahin. Schreie! Ich höre, wie Samira leidet, wieder Schreie,
mein Herz blutet. Ich will zu ihr. Will sie im Arm halten, will sie stillen, will meine
ganze Familie um mich scharren. Worte kommen nicht an, ziehen vorbei. Wir
haben eine Nacht Zeit darüber nachzudenken, wie wir uns entscheiden wollen.
Reicht das, für diese schwere Entscheidung? Kann sie nicht einer für mich
abnehmen? Samira liegt im Bettchen. Sie ist so weit weg von mir. Ich will sie noch
mal im Arm halten, stillen. Sie ist zu schwach dafür. Kann ich das nicht besser
beurteilen? Ich will sie mitnehmen, halten. Nimm alles hin, kann mich nicht mehr
wehren. Die Schwester kommt mit einem Fläschchen Beba Milch an. Es tut mir in
der Seele weh, das zu sehen. In mir ist alles leer. Heinz verliert seine Fassung. Sein
Kopf liegt dicht bei Dir, er fängt an zu weinen. Ich streichle ihn über den Rücken,
merke, wie es ihn innerlich zerreißt. Kurze Zeit später kämpft er wieder um seine
Fassung. Wir gehen und nehmen ihr Kissen mit, wo ich sie die ganze Zeit gehalten
habe. Fühle mich kraftlos, haltlos, allein. Die Tränen fließen. Ich rufe meine
Hebamme Andrea an. Sie ist schockiert, sprachlos. Damit hat sie nicht gerechnet.
Wir auch nicht. Sie bietet an nochmals vorbeizuschauen, ich lehne ab. Will allein
sein. Stille, die Entscheidung liegt in der Luft. Tod. Unwiderruflich. So oder so. Die
Schreie hallen in mir nach, welche? Meine oder Samira´s ? Ich lasse das Gespräch
Revue passieren. Sie haben drei Möglichkeiten. Samira wird auf eine
Herztransplantationsliste gesetzt. Die mittlere Wartezeit beträgt 4 Monate. Sie
müßte allerdings die Zeit hier im Krankenhaus bleiben, da sie das Medikament
benötigt, welches den Kurzschluß im Herzen offen hält. Ich überdenke diese
Möglichkeit. 4 Monate, sie im Krankenhaus, wir zu Hause, und was ist mit ihrer
Schwester? Sabrina wird Samira nie besuchen dürfen, und ihre Eltern wären
immer in Gedanken bei Samira. Und muß nicht einer dafür sterben, daß Samira
leben darf? Tod für Leben? Was für ein Leben? Immer Tabletten schlucken?
Lebensqualität oder Quantität, das ist hier die Frage. Die andere Möglichkeit sie
operieren zu lassen, nur diese Sache steckt noch in den Kinderschuhen. Keine
genauen Angaben, nur vage Vermutungen. Und dann die Schwerste!! Der Natur
ihren Lauf zu lassen. Sie sterben zu lassen. Die Bilder und Antworten und
Eindrücke schwirren in meinem Kopf. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr
fassen. Ist das nicht eine unmenschliche Entscheidung, die wir treffen müssen?
Meine Kräfte sind am Ende, ich fühle mich so leer, so allein. Ich will sie nicht leiden
lassen, sie soll wenn, in Frieden sterben. Kann das nicht einer für uns entscheiden?
Wo bleibe ich? Meine Arme tun mir weh. Mein ganzer Körper schmerzt. Wir holen
Sabrina von ihrer Oma ab. Sie schläft. Wir sprechen mit Oma. Sie versucht Haltung
zu bewahren, nur ganz gelingt ihr es nicht. Ich trage Sabrina zum Auto. Muß meine
schmerzenden Arme füllen. Mir wird schwindlig. Ich brauche Hilfe! Woher? Ein
großes schwarzes Loch tut sich vor mir auf. Erinnerungen tauchen auf. Als wäre es
gestern gewesen. Der positive Schwangerschaftstest. Die große Freude, bald sind
wir eine richtige Familie. Die Schwangerschaft genieße ich in vollen Zügen. Ich bin
glücklich und strahle. Jeder sieht mir mein Glück an. Mir geht es diesmal auch
super. Ich habe viel Zeit mit dem Wesen in meinem Bauch. Ich rede viel mit ihm.
Die Zukunft wird in den allerschönsten Farben gemalt. Dieses Kind wird die
Krönung unserer Ehe. Ein Teil von mir. Es ist mir so nah, ich kenne dieses Wesen
ganz genau. Wir spielen miteinander. Überall war es mit dabei, so präsent, jeder
freute sich mit uns. Sabrina freute sich auf das Baby, sie verteilte die Spielsachen
im Kinderzimmer, sie bestimmte, wo das Kinderbett hin kommen soll. Keine Spur
von Eifersucht. Und dieses alles sollte zerplatzen wie eine Seifenblase? Nein, alles in
mir schreit Nein. Ich will fliehen, es geht nicht. Ich bin gefangen. Die Nacht ist kurz.
Was wollen wir tun? Ist dort keiner, der uns helfen kann? Ich kann diese
Entscheidung nicht treffen, ist sie schon getroffen? Nur, wie sieht der Weg dahin
aus? Was wäre, wenn? Jede Möglichkeit hat ihren Schatten. Ich bin zerrissen. Bete.
Ich gebe mein Leben für sie. Ein neues Kind? Nein, ich will Samira behalten. Ich
kenne sie so gut. Jede Regung habe ich von Dir gespürt, jeden Schluckauf. Wußte,
wie ich Dich beruhige, wußte, was Dir gut tat. Der Wecker reißt mich aus meinen
Träumen. Die Brüste schmerzen. Nein, nicht noch das! Ich will keine Milch geben.
Ich habe so gerne gestillt getan. Und nun? Ich fühle mich gefangen in meinem
Körper, wie ein Löwe im Käfig. Das Telefon klingelt. Der Kinderkardiologe möchte
wissen, wie wir uns entschieden haben. Für den Tod. ,,Wirklich? Sie sind sehr
stark.“ Mein Stolz wird gestreichelt.
Stark! Stark?
Nein, ein Wunder soll
geschehen. Ich kann diese Kind nicht hergeben. ,,Sie haben die richtige
Entscheidung getroffen“. Wofür? Für wen? Nicht für mich! Chaos, die Gefühle in
mir fahren munter Karussell. Ich nehme Sabrina fest in den Arm. Wie sieht unsere
Zukunft jetzt aus? Bunt wie vorher? Nein, schwarz. Wie soll ich es Sabrina sagen,
daß ihre Schwester sterben wird? Wer gibt mir die Antwort? Ich rufe meine
Frauenärztin an, ich brauche ein Rezept für eine Milchpumpe. ,,Warum?“ ,,Weil
mein Kind im Krankenhaus liegt und ich nicht mit aufgenommen werden kann.“ Es
wird fertiggemacht. Sie schicken es mir zu. Ich bin froh, das erledigt zu haben. Wir
bringen Sabrina zur Oma. „Bringt Ihr das Baby wieder mit?“ Ich bin fassungslos.
Die Tränen schnüren mir die Kehle zu. Ich kann dazu nichts sagen. Wir geben
Mama diesmal die Schlüssel, damit sie abends Sabrina ins Bett bringen kann.
Heinz und ich fahren ins UKE. Die Fahrt will nicht enden. Ich will zu meinem Kind.
Wir halten uns ganz fest. Tränen verschleiern meinen Blick. Heinz paßt auf, das ich
nicht falle. Ich stolpere vor mich hin. Endlich angekommen. Ich sehe Samira mit
Magensonde. Warum? Mit Schnuller. Alles in mir schreit. Sie sollte keinen
Schnuller haben. Ich nehme sie aus dem Wärmebettchen. Es fängt an zu piepen.
Eine Schwester kommt. Wir möchten das nächste Mal doch bitte warten, und
Bescheid sagen, wenn wir sie rausnehmen. Ich habe keine Kraft mich zu wehren.
Ich halte sie ganz fest. Sie öffnet die Augen. ,,Hallo Mäuschen, deine Mama ist da.“
Was für eine Mutter, die sich gegen das Leben entscheidet, die kein krankes Kind
will. ,,Wer sagt es den Ärzten?“ Ich kann es nicht. Die Tränen rollen die Wangen
runter. Samira wird unruhig. Ich lege sie an. Spüre, wie sie trinkt. Mein Herz
springt ihr entgegen. Mit großen Augen sieht sie mich an. Wie lange noch? Ich bin
müde. Vor 53 Stunden habe ich Dich geboren. Erlebe es nochmals.
Loslassen, das war das Wort, welches ich die ganze Zeit gedacht habe. In den
Wehenpausen habe ich mit Dir gesprochen, habe Dir erzählt, das Deine große
Schwester auf die wartet. Die Wehen werden sehr heftig und kommen schnell. Ich
will aus der Badewanne raus. Wie ich draußen bin beruhigt sich alles. Ich habe Zeit
ein wenig zu verschnaufen. Ein irrer Druck lag auf dem Becken, denn die Fruchtblase
war noch intakt. Wie ein aufgestauter Wasserballon platzte die Blase. Das Wasser
lief an meinen Beinen herunter. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Kurze Zeit
später war der Muttermund vollständig eröffnet. Die Preßwehen setzen ein. Da Dein
Köpfchen so fest auf das Steißbein drückte, habe ich mich auf den Gebärhocker
gesetzt. Allerdings ziemlich schief, denn Birgit sagte zu Heinz: „halte sie fest, das
Baby kommt jetzt.“ Und schwupp, warst Du da. Ich habe Dich auf den Bauch
gezogen und bin mit Dir ins Bett gekrochen. Endlich warst Du da. Unser Mädchen. Du
bekamst den Namen SAMIRA LORRAINE. Ich war so stolz auf mich, die Geburt ohne
Medikamente geschafft zu haben. Nun waren wir komplett. Du warst schon ziemlich
durstig, denn wie ich Dich angelegt hatte, hast Du sofort die Brust ausgetrunken.
Mein Glück war grenzenlos. Ich konnte mich nicht satt sehen an Dir. Du warst so
vollkommen. Und eine irrsinnige Matte von schwarzen Haaren auf dem Kopf. Das Du
so klein warst, hat mich überhaupt nicht gestört, 45 cm und 2880 g. Ich fand es reicht
aus.
Die Wehen, sie klingen jetzt nach, wie Du so trinkst. Erst dieses unbeschreibliche
Glück und nun diese tiefe Traurigkeit, Dich wieder hergeben zu müssen. Ich will es
nicht. Könnte ich Dich doch wieder in meinen Bauch legen, da warst Du ganz dicht
bei mir, in mir. Da konnte Dir nichts geschehen. Leider geht das nicht. Ich traue mich
nicht, mit Dir zu sprechen. Dir vorzusingen, wie ich es immer getan habe. Warum? Die
Ärzte kommen. Hören unsere Entscheidung. Nicken, können es verstehen, kein Wort
dagegen. Ich bin erstaunt, das habe ich nicht erwartet. „Sie dürfen Samira mit nach
Hause nehmen.“ Wozu? Zum Sterben? Nein! Dazu habe ich keine Kraft. Der Chefarzt
spricht mit uns. „Was können wir für Sie tun, damit Sie mit dieser Entscheidung leben
können?“ Leben? Hat das noch einen Sinn? Wofür? Sabrina! Meine Große, die so
selbständig ist, und mich manchmal schon nicht mehr braucht. Ist es das? Hält mich
das? Ich weiß es nicht. Ich will weg, weg von diesem Ort, alleine sein, mit Samira. „
Was wollen Sie denn machen, wenn Samira tot ist? Sie können eine Autopsie
veranlassen, wenn sie hier im Krankenhaus sterben sollte.“ Dieser Gedanke
verursacht mir eine Gänsehaut. Sie aufmachen lassen? Nee. Nachher steht in diesem
Bericht, ihre Tochter Samira wäre eine gute Kandidatin für die Norwood Op´s
gewesen. Nein, wem nützt denn das noch etwas. Tut mir leid, kein Bedarf. „Wir
können aber eine Chromosomenanalyse anfertigen lassen. Damit Sie sicher sein
können, das dieser Herzfehler nicht erblich ist. Und Sie mit Zuversicht in eine
eventuelle neue Schwangerschaft gehen können. Ich wiederhole gerne das Angebot,
das Sie Samira mit nach Hause nehmen dürfen.“ Was? Nee! Keine Tote zu Hause.
Abends ins Bett gelegt, morgens tot. Nein, das schaffe ich nicht, kann ich nicht. Sie
soll dort bleiben. Am nächsten Tag soll das Medikament abgestellt werden. „Wie
lange wird Samira noch leben?“ Achselzucken, ratlose Gesichter. Tage, Wochen? „Der
Ductus ist noch ganz weit offen, da fällt die Prognose schwer.“ Wieviel Kraft habe ich
noch um all dieses durchzustehen? Ich habe den Halt verloren. Schwebe im Raum.
Streichle Samira übers Gesicht. Sie lächelt. Ihre Wangen sind naß. Weint sie auch?
Nein es sind meine Tränen, die auf sie fallen. Vergesse Raum und Zeit. Heinz sorgt
dafür, das wir essen gehen können, sonst klappe ich noch zusammen. Ich kann das
Essen nicht richtig genießen. Muß mich zu jedem Bissen zwingen. Auf den Weg
zurück sprechen wir über die Möglichkeit Samira mit nach Hause zu nehmen. Was
ist, wenn sie einen Todeskampf hat? Wenn sie nach Luft schnappen wird? Kann ich
das ertragen? Habe ich dafür die Stärke? Nein. Ich weiß auch nicht, ob ich die
Wohnung jemals wieder betreten kann, wenn Samira dort stirbt. Als wir wieder dort
sind, nehme ich Samira wieder auf den Arm. „Kleine Maus, kannst Du mir nicht die
Antwort geben?“ Deine Finger umschließen meine Hand. Suchen sie auch Halt?
Samira schläft, und ich merke, das ich langsam den Milcheinschuß habe. Auf der
Station haben sie leider keine Milchpumpe. Ich gehe auf die Frühchenintensiv. Dort
saßen zwei Mütter mit ihren Baby. Ich fragte, wegen der Milchpumpe, aber beide
rieten mir von dieser dort ab, denn der Sog wäre nicht so gut. Sie fragten mich, wann
ich denn mein Baby bekommen habe und ich sagt am 30. November. „Und in der
wievielten Schwangerschaftswoche?“ „In der 41.“ In dem Moment war es mit meiner
Fassung vorbei. Ich fing an zu heulen. Simone, sie hatte Zwillinge, nahm mich nur in
den Arm. Ich erzählte ihr das Samira sterben wird. Die Stimmung in dem Zimmer war
sehr merkwürdig in diesem Moment. Die Schwester schickte mich dann auf die
Herzintensiv, wo wohl auch eine Milchpumpe ist. Ich wurde in ein Zimmer geführt, wo
gerade eine Mutter am Stillen war und ein anderes Baby lag verkabelt im Bett. Ich
sah in dem Moment Samira dort liegen. Nein, das will ich nicht. Durch den ganzen
Streß hatte ich nur 20 ml Milch. Aber ich sagte mir, besser als gar nichts. Wie ich
dann wieder auf unserer Station war, war ich schweißgebadet. Ich habe der
Schwester die Flasche gegeben und habe sie gebeten, dieses Samira heute nacht zu
geben. Neben Samira lag noch Tamara. Die Pastorin sprach gerade mit der Mutter.
Daraufhin kam sie noch zu uns, obwohl ich keine Lust auf einen Theologen hatte. Sie
war allerdings ganz nett, was ich nicht erwartet hatte. Ich erzählte ihr, das Samira
sterben wird, und wie wir zu diesem Entschluß gekommen sind. Sie hörte nur zu, und
das half am meisten. Sie fragte, ob wir Samira taufen lassen wollen. Ich habe das
abgelehnt. „Es wäre hier im Krankenhaus möglich.“ Nein, nicht noch mehr Aufregung.
Meine Hormone machten eh` schon mit mir, was sie wollten. Außerdem bin ich der
Meinung, die Taufe ist nur für die Kinder für den Fall, falls den Eltern mal was
passieren sollte, und Paten da sind, die sie dann aufnehmen können. Und da sicher
ist, das Samira uns nicht überleben wird, sah ich darin keine Veranlassung. Ich
hadere mit dem Schicksal. Habe ich nicht schon im Leben genug durchgemacht? Muß
das jetzt noch sein? Wir fahren nach Hause. Mama wartet. Einige Anrufe. Ich
überlege, mit wem ich sprechen will. Ich rufe Alex an. Viel bringe ich nicht heraus. Ich
breche in Tränen aus. Sie versteht die Welt nicht mehr. „Ihr werdet es schaffen!“ Dran
glauben kann ich nicht. Ich darf sie jederzeit anrufen. Das tut gut, das zu wissen.
Gibt es ein Leben nach Samira? Ohne sie? Ich kann es mir nicht vorstellen. Sehe alles
nur verschwommen. Frau Dr. Beer-Witt ruft an, und fragt, was los ist. Ich erzähle ihr,
das Samira sterben wird, weil nur die linke Herzanlage da ist aber nicht
weitergewachsen. Sie fehlt praktisch. Das nette Wort dafür ist Hypoplastisches
Linksherzsyndrom. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie hat alle
Ultraschallbilder kontrolliert. Sie hat nichts gefunden. Sie wünschte uns noch ganz
viel Kraft und sagte uns, wenn wir was brauchen, dann sollten wir uns melden.
Später kommt Andrea vorbei. Sie hat Tränen in den Augen. Wir reden lange
miteinander. Ich habe den vollen Milcheinschuß. Sie hat Salbeitee und ein
homöopathisches Mittel dabei. Abstillen? Nein, ich habe so gerne gestillt und Samira
soll das Beste bekommen, solange es möglich ist. Nur wozu? Wie lange noch? Sie
wird sowieso sterben. Sterben? Ich soll dieses Geschöpf weiter loslassen? Kann ich
das? Ich wollte..... ja, nur einfach Mutter sein. Mit allem was dazugehört. Aber nicht
so. Nur auf Zeit, und keiner kann mir sagen, wie lange noch. Mein Körper zeigt mir,
das ich Mutter bin. Wie lange noch? Ich habe eine sehr unruhige Nacht. Ich mache mir
nachts einen Quarkwickel, weil meine Brüste so schmerzen. Ich träume davon,
Samira mit nach Hause zu nehmen. Ich wache auf. Brauche Zeit um mich zu
orientieren. Ich will mein Baby. Will wieder ganz werden. Die Seele soll wieder heil
werden. Das Frühstück verläuft still. Esse, weil Heinz es mir sagt. Kriege nichts mehr
richtig hin. Ich gehe in die Apotheke und besorge mir eine Milchpumpe. Der Apotheker
fragt, wie lange ich sie brauche. Da sagte ich, es kommt darauf an, wie lange unser
Kind noch leben wird. Er wurde käsig im Gesicht. Zu Hause mache ich mir erstmal
noch einen Quarkwickel. Ich sage Heinz, er möchte mir dann bitte die Milchpumpe
mitbringen, wenn er nachkommt. Ich fahre heute erstmal alleine zu Samira. Denn für
Sabrina wollen wir ein Stück Alltag aufrecht erhalten. Daher fährt Heinz mit ihr in die
Elternschule, wo heute ihre Kindergruppe ist. Im Bus sehe ich all die glücklichen
Schwangere. Ich bin neidisch. Eine Frau mit Kinderwagen will in den Bus steigen. Ich
schau sie nur an. Sie bittet um Hilfe. Ich schaue weg. Warum darf sie ihr Baby
behalten und ich nicht? Die Tränen fließen. Mein Körper schmerzt. Ich bin schlapp. Ich
halte das Fell ganz fest. Wir hatten es extra für Dich gekauft. Jedes Kind soll sein
eigenes Fell haben. Es soll Dich wärmen. Dich oder mich? Die Kälte, die in meinem
Herzen ist, kann es nicht erreichen. Ich renne auf Station. Diese Prozedur,
Händewaschen, Kittel anziehen, Hände desinfizieren. Es kann mir heute nicht
schnell genug gehen. Dein Anblick mit der Magensonde und mit den ganzen Kabeln
macht mir zu schaffen. Ich sag der Schwester, das ich da bin. Nehme Dich auf den
Arm. Die Schwester guckt. Sie ist das kleine Monchichi der Station, weil sie so viele
Haare hat. Ich lächle. Spiele mit dem Gedanken, ihr ein Büschel abzuschneiden. Zur
Erinnerung. Schiebe diesen Gedanken sofort beiseite. Ich habe den Fotoapparat
dabei. Ich will noch einige machen. Aber der Apparat nimmt keine Einstellung an. Ich
krieg die Krise. Darf ich von meinem Kind noch nicht mal Fotos haben? Ich will
Samira ganz dicht bei mir spüren. Ich ziehe mein Oberteil aus. Lege sie mir an die
Brust. Baue ihr ein kleines Nest mit ihrer Decke und dem Fell. Halte Dich ganz fest.
Das Fell wärmt, mich und Dich. Du trinkst in aller Ruhe. Die Gedanken ziehen ihre
Kreise. Eine Stimme in mir sagt, nimm sie mit. Mein Verstand sagt nein. Mein Herz
schreit. In mir tobt ein Ringkampf. Soll ich, soll ich nicht? Wer wird gewinnen, Herz
oder Verstand. Es ist heute sehr unruhig auf der Station. Ich kann dieses ganze
gepiepe nicht mehr hören. In dem Moment piept auch der Monitor von Samira. Ich
habe die Nase voll. Ich nehme das Kabelbündel und ziehe einmal kräftig. Alle sind
ab. Eine Schwester kommt gleich angelaufen. Sie guckt mich an. „Mir ist der Strang
runtergefallen.“ „Ist schon okay. Sie haben ja Samira im Arm und dann werden Sie
sich schon melden, wenn etwas ist.“ Puh, das ist geschafft. Wenigstens ein paar
Kabel weniger. Ich kann Dich gleich ganz anders genießen. Du schläfst, auf meiner
Brust. Es ist so schön. Ich habe Dich ganz nah bei mir. Ich nicke kurz ein. Ich träume.
Mein Herz und mein Verstand haben Gestalt angenommen. Sie stehen in einem
Boxring und fechten ihren Kampf aus. Das Herz argumentiert, der Verstand
argumentiert. Unentschieden. Ich wache auf. Ich habe Angst. Wie soll es
weitergehen? Wie lange wird es noch dauern? Und wenn ich sie mit nach Hause
nehme, wie sieht es dann aus? Was soll ich denn machen, wenn Du stirbst? Wie soll
ich das ertragen? Und wer kann uns zur Seite stehen? Werden wir dann alleine sein?
Wie soll ich es Sabrina klar machen? Die Gedanken und Fragen fahren Karussell.
Kann ich das alles tragen? Ja, ich muß. Ich muß hier raus. Ich brauche Ruhe, und die
kann ich nur zu Hause finden. Ich gehe raus um mit Andrea zu telefonieren. Sie
erzählt mir, sie hat von mir geträumt, ich würde Samira mit nach Hause nehmen. Ich
sage ihr, das dieses auch so sein wird. Ich muß nur noch Heinz davon überzeugen. In
mir klart sich alles auf, als ob ein Schleier von mir gezogen wurde. Andrea will sich
um alles kümmern und gibt uns dann heute abend Bescheid. Ich fühle mich
erleichtert. Ich gehe in der Kantine etwas essen. Zwinge mich regelrecht dazu.
Komme etwas zu Ruhe. Die frische Luft kann ich nicht richtig genießen, da ich weiß,
das Samira auch keine frische Luft bekommt. Nur diese Klimaanlagen Luft. Ich gehe
wieder auf Station. Die Ärztin steht am Bett von Samira. „Sie müssen während der
Schwangerschaft sehr ausgeglichen gewesen sein. Das Kind ist so ruhig und
selbstzufrieden. Das spiegelt sich jedenfalls wieder.“ Und da erzählte ich, daß ich es
auch war und jede Sekunde mit ihr genossen habe. „Ich werde Samira mit nach
Hause nehmen.“ „Das ist eine weise Entscheidung.“ Ich bespreche mit ihr, daß das
Medikament bis morgen früh dran bleibt und erst dann abgestellt wird, wenn wir da
sind. Ich bin froh. Mein Herz frohlockt. Ich habe noch Zeit. Zeit mit Dir. Ich brauche
Erinnerungen, und die kann ich nur zu Hause sammeln, denn hier ist das nicht zu
machen. Es ist zu unruhig. Ruhe, Stille, Familienleben. Der Chefarzt des
Herztransplantationszentrums wolle noch mit uns reden. Was will der denn noch ?
Ich will nichts mehr hören, habe mich doch schon entschieden. Ich will nur noch
Samira schnappen und weg. Ich glaube er hat meine innere Haltung gespürt. „Warum
wollen Sie denn keine Herztransplantation machen lassen?“ Dumme Frage. „Ich will
nicht, das Samira ein Leben lang Tabletten schlucken muß. Für mich ist es nur ein
Austausch von Krankheiten. Das Herz wird zwar funktionieren, aber wie lange? Und
wie sieht das Leben dann aus? Nee.“ Er sieht mich ratlos an. Ich glaube, langsam
merkt er, das er bei uns nicht weiterkommt. Er geht mir auf den Geist. Endlich geht
er. Allerdings ohne Gruß, war klar. Keine schnelle Mark gemacht. Nicht mit uns.
Schwester Susanne kommt zu uns. Sie will sich verabschieden. „ Ich findet es sehr
mutig, das Sie sich für Lebensqualität und nicht Quantität entschieden haben. Ich
wünsche Ihnen noch ganz viel Kraft. Und noch eine schöne gemeinsame Zeit, mit
Samira.“ Eine Träne läuft an ihrer Wange runter. Mir sitzt ein ganz großer Kloß im
Hals. Ich kann nur Danke sagen. In mir steigt langsam ein Gefühl der Ruhe auf. Ich
bespreche noch mit Heinz, wie wir alles machen werden. Abends kommt die
Psychologin. Sie hört sich die Geschichte an. „Sie sind sehr starke Eltern.“ Wirklich? „
Sie haben eine mutige Entscheidung getroffen.“ Mutig fühle ich mich aber überhaupt
nicht. Samira liegt in meinem Arm und trinkt an der Brust. Sie ist wach. Bleib hier.
Starke Eltern! Wäre es nicht einfacher, sie operieren zu lassen? Dann wäre sie weiter
bei uns! Nur wie? Würde sie nicht unendlich leiden? Die Psychologin gibt uns ihre
Telefonnummer, wo wir sie erreichen können. Ich bin froh, das sich so viele Menschen
um uns Sorgen machen. Aber noch keiner hat uns gesagt, was danach kommt. Leere.
Die Ärztin kommt noch mal. „Sie haben eine mutige Entscheidung getroffen. Ich finde
Sie sind ganz starke Eltern, und wenn Sie noch Fragen oder Hilfe brauchen, können
Sie jederzeit hier anrufen. Ich würde mich auch freuen, wenn Sie sich noch mal
melden, wie alles so gegangen ist.“ Ich bedanke mich. Wir fahren nach Hause. Mutig?
Stark? Ich weiß es nicht. Ich finde keine Antwort. Ich fühle mich jedenfalls im Moment
nicht so. Eher kraftlos, müde, erschöpft. Ich will mich hinlegen und nur noch schlafen.
Es ist gut, daß Oma bei uns zu Hause ist, so brauchen wir Sabrina nicht noch
abholen, und sie liegt schon in ihrem Bett. Ich glaube, sie merkt, wie es mir geht. Ich
gebe ihr einen Kuß und sie legt ihr Arme um meinen Hals. Wir werden Deine
Schwester nicht mehr lange bei uns haben. Aber ich glaube, das bekommt Sabrina
nicht mehr mit. Sie ist schon wieder im Land der Träume. Sie tut mir so leid. Auch für
sie wird die folgende Zeit sehr schwer. Ich hoffe, ich habe die Kraft, ihr einigermaßen
eine Stützte zu sein. Ich rufe Andrea an, das ich wieder zu Hause bin. Sie kommt
gleich vorbei. Sie nimmt uns einfach in den Arm. Es tut so gut. Sie gibt uns die
Privatnummer von Dr. Römhild. Wir sollen uns, morgen, wenn wir mit Samira zu
Hause sind gleich bei ihm melden. Sie schaut, ob mit der Rückbildung und mit dem
Wochenfluß okay ist. Wir unterhalten uns noch sehr lange. Sie verspricht uns,
jederzeit vorbeizukommen, wenn etwas ist. Andrea hat auch mit Dr. Römhild ganz
lange gesprochen. Samira wird keinen Todeskampf haben. Der Ductus wird sich
langsam verschließen und sie wird ganz sanft hinüber gleiten. Sie erzählte uns auch
von den Verwaisten Eltern. Sie hätte dort angerufen, und die wären ganz nett
gewesen. Sie schicken ihr Infomaterial zu, welches sie uns dann gibt. Ich war froh,
das sich jemand um uns kümmerte. Abends telefonierte ich mit Verwandten und
engen Freunden. Jeder war schockiert. In die Firma schickte ich ein Fax, damit auch
sie Bescheid wußten. Diese Nacht war für mich sehr ruhig. Ich habe ganz gut
geschlafen, ich war schon erstaunt darüber, vielleicht hat mich das doch sehr
belastet, das Samira eventuell im Krankenhaus sterben könnte, während wir nicht
dabei waren. Ich war sehr früh wach, was mich ein wenig erstaunte, denn ich bin
ziemlich kaputt. Ich rief gleich im Krankenhaus an, wie es Samira geht. Sie erzählten,
sie wäre nochmals abgesaugt worden und hätte dann ganz ruhig geschlafen, ich
meinte, da reden sie aber von Tamara und nicht von Samira. „Oh, Entschuldigung.
Samira geht es ganz gut. Sie hat ganz ruhig geschlafen.“ Ich sagte, das ich wohl so
gegen 1o Uhr kommen werde. Ich wollte voraus fahren, denn Heinz wollte noch mit
Sabrina zu Mama, um sie dort abzugeben. Ich fuhr ins UKE. Ich bin froh, wenn ich
diesen Gang nicht mehr lang gehen muß. In der Tasche habe ich Deine Sachen. Ich
kann es noch nicht fassen, es ist wahr, ich nehme Dich mit nach Hause, mein Herz
macht Luftsprünge. Auf der Station wurde ich schon erwartet. Samira ist schon
soweit fertig. Ich war erstaunt, habe nicht damit gerechnet, das sie deswegen
vorgezogen wird. Ich nahm Samira auf den Arm. Die Ärztin kam. „Wenn Sie soweit
sind, werden die Kanülen gezogen.“ Ich stillte sie erstmal in Ruhe. „Du hast dabei
richtig geschmatzt. Schmeckt Dir diese Milch besser, als die abgepumpt?“ Ich sah auf
dem Nachtschrank wieder eine Beba Flasche. Wo ist denn die abgepumte Milch? Ich
schau in der Akte nach, ob sie die in der Nacht bekommen hat. Es sah nicht danach
aus. Ich fragte eine Schwester. „Die Milch war schon gefroren, und wir haben sie
nicht so schnell aufgetaut bekommen. Tut mir leid.“ Na klasse, dann hätte ich ja nicht
abpumpen brauchen. Aber das berührt mich im Moment nicht so stark. „Mäuschen,
ich nehme Dich mit nach Hause, Deine Schwester wartet auf Dich. Der Papa kommt
dann, wenn wir fertig sind und holt uns ab. Deine Oma ist auch noch da. Und Andrea
freut sich auch, Dich wieder zu sehen. Wir werden uns noch eine schöne Zeit machen.
Du wirst schon sehen, und vielleicht sieht Gott dann, das wir Dich ganz doll lieb
haben und läßt ein Wunder geschehen.“ Ich gebe ihr einen Kuß auf die Wange. Ich
war voller Hoffnung. Ich sagte der Schwester, das ich so weit bin. Die Pflaster von
den Kanülen habe ich schon etwas angelöst, damit es Dir nicht so weh tut. Einige
Minuten später ist alles ab. Du liegst da wie ein ganz zufriedenes Baby und schaust
mich mit großen Augen an. In der Zwischenzeit habe ich Heinz angerufen, das er uns
abholen kann. Er war auch erstaunt, das wir schon fertig sind. „Ach mein Engelchen,
wie lange werde ich Dich noch haben?“ Ich ziehe Dich an. In meinen Gedanken ist
der Wunsch Dich noch einmal zu baden. Und Fotos mit Sabrina und Dir zu machen.
Hoffentlich bleibt dafür noch Zeit. Ich ziehe Dir den Strampler an, den auch Sabrina
das Erste Mal getragen hat. Erinnerungen daran tauchen auf.
Die Strampler im Albatinen Krankenhaus waren so groß. Daher hatte Heinz diesen
Strampler mitgebracht. Sabrina sah darin gleich ganz anders aus. Es war die
Sylvesternacht. Die Väter durften bis nach Mitternacht bleiben. Heinz schlief mit
Sabrina auf der Brust ein und wartete auf das neue Jahr. Wir waren so unendlich
glücklich. Und wie waren wir es erst, als Du endlich geboren warst und in meinen
Armen lagst. Ich bin richtig über mich hinausgewachsen. Ich habe Deine
Schwangerschaft so sehr genießen können, weil ich vom Job freigestellt wurde. Ich
bekam mein volles Gehalt und konnte mich so auf Dich einlassen. Was für einen
Spaß hatte ich mit Dir. Besonders in den letzten Wochen. Ich war Mitte November
noch auf einem Seminar. Heinz wollte unbedingt mit, weil er Angst hatte, Du würdest
dann vielleicht kommen und er wäre nicht dabei. Aber ich wußte, das Du Dir genauso
Zeit lassen wirst, wie Deine Schwester, die hat mich auch 12 Tage warten lassen.
Und vor dem 06. Dezember habe ich auch nicht mit Dir gerechnet. Jeder hat
teilgenommen an unserem Glück. Es war auch in keinster Weise zu übersehen. Ich
war so stolz auf meinen Bauch, und dem kleinen Wesen, was da so munter
strampelte. Ich habe aber auch gut auf uns aufgepaßt. Die Kundalini Meditation hat
mich allerdings ziemlich gefordert. Ich hatte auf einmal Wehen, was ich nicht so
witzig fand. Wie dann aber die Ruhephase kam, hat sich alles ganz schnell
entspannt. Am nächsten Morgen habe ich das Fred erzählt. Er wechselte sofort die
Farbe. „Mach keinen Ärger, ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Ich konnte ihn aber
beruhigen, das ich schon wüßte, was ich tun müßte. Da war er doch beruhigt. Die
Dynamische habe ich dann allerdings nicht mitgemacht, denn heraufbeschwören
wollte ich Deine Geburt ja nun auch nicht. Wir haben noch alle zusammen ein Mantra
für Dich gesungen. Es war so schön. Am letzten Abend habe wir noch ganz viel
getanzt. Nach Techno Musik. Ich habe mich so gehen lassen, das mich eine Frau von
hinten anklopfte, und meinte ich wolle das Kind doch nicht hier bekommen. Aber ich
wußte, was ich mir zumuten konnte und was nicht. Und Du hast Dich ziemlich gut
gefühlt, dort in Deinen eigenem Schwimmigpool geschaukelt zu werden. Ich habe
dann mit Fred gewettet, das Du erst am 06. Dezember geboren wirst. „Wir werden
noch zum Seminar gehen, danach mit Euch zusammen essen gehen, und dann ins
Geburtshaus fahren.“ Fred meinte, wenn wir das wirklich so schaffen, dann wird er
mir einen riesengroßen Salat ausgeben. Wer hatte geahnt, das alles ganz anders
kommen wird. Wie ein Film läuft alles vor meinem geistigen Auge vorbei. Als wäre es
erst gestern gewesen.
Das Putzteam kommt. Ich nehme Dich auf den Arm und gehe mit Dir auf den Flur. Die
Mutter von Tamara spricht mich an. „Schön, das Sie nach Hause können, dann ist
der Alptraum für Sie ja vorbei.“ Da meinte ich, „Im Gegenteil, er fängt jetzt erst an,
denn wir nehmen Samira mit nach Hause, damit sie in Frieden sterben kann. Aber
leider kann uns keiner sagen, wie lange es dauern wird.“ Sie meinte, es wäre
ziemlich mutig, das so zu entscheiden. Tamara ist nun fast ein halbes Jahr alt und
sie ist noch nicht einen Tag zu Hause gewesen. Es zerrt ganz schön. Denn sie hat
auch noch Familie zu Hause und kommt noch nicht mal aus Hamburg. Ich konnte sie
ganz gut verstehen, mich schlauchten diese Tage auch ganz schön, und ich bin froh,
nun zu Hause etwas mehr Ruhe zu bekommen. Ich legte Dich dann ins Bett um die
ganzen Sachen einzupacken. Ich bekam von der Schwester noch Flaschensauger. Die
Ärztin kam und gab mir noch zwei Briefe. Einen für uns und einen für Dr. Römhild. Er
wollte noch Magensonden haben, für alle Fälle. „Ich wünsche Ihnen viel Kraft und
noch eine schöne Zeit mit Samira. Wenn Sie Lust haben, können Sie jederzeit hier
anrufen.“ Ich bedankte mich für alles. Nun warst Du offiziell entlassen. Kurze Zeit
später kam auch Heinz. Er drängelte ein wenig, denn Sabrina ist unten und macht
einen Aufstand. So verließen wir das UKE. Sabrina hat sich so gefreut, Dich wieder
zu sehen. Sie wollte Dich am liebsten gleich auf den Arm nehmen. Aber ich konnte
Dich nicht schon wieder hergeben. Die Fahrt nach Hause verlief ruhig. Ich hielt Dich
im Arm, denn sonst hätten wir nicht alle im Auto Platz gehabt. Ich habe mir
vorgestellt, ich komme nach einer schönen Geburt aus dem Krankenhaus mit einem
gesunden Baby. Nur leider konnte ich diesen Gedanken nicht lange aufrecht erhalten.
Schade. Wie wir angekommen waren, haben wir erstmal
alle zusammen Kaffee
getrunken, Du lagst im Maxi Cossi und hast uns mit Deinen großen Augen
beobachtet. Ich rief dann Andrea an, das wir da sind. Sie wolle in zwei Stunden
vorbeikommen. Bei Dr. Römhild sind wir sofort durchgestellt worden. Er wolle heute
abend gleich nach der Sprechstunde kommen, es sei denn, es wäre etwas
dringendes. Ich verneinte und sagte ihm, das ich mich auf heute abend freue. Dann
rief Jutta an, sie würde Samira gerne nochmals sehen. Ich hatte nichts dagegen. Sie
wollte so gegen 16 Uhr kommen. Ich wollte mich hinlegen, mit Samira, und Heinz
wollte dann mit Sabrina zur Oma. Sie machte ein riesiges Theater. Sie wolle bei uns
bleiben. Sie wolle nicht weg. Ich war zu kaputt um mich zu wehren und habe einfach
die Schlafzimmertür zu gemacht. Ich legte Samira an und darüber sind wir dann
beide eingeschlafen. Ich sah dann zwei ganz große Engel ins Schlafzimmer kommen,
sie schauten uns an und fragten mich:,, Kannst Du Samira loslassen?“ Mein Herz
zerriß und ich sagte ja, darauf sagten mir die Engel:,, Sie wird wieder zu Euch
kommen!“ Schauten uns nochmals an und gingen. Ich wußte nicht, war das nun echt
oder nur ein Traum. Und diese Antwort kann ich mir noch immer nicht geben, denn es
war sehr real. Wie Heinz wiederkam, habe ich gar nicht mitbekommen. Er hat dann
ein paar Fotos gemacht. Es war irgendwie eine ruhige Atmosphäre in der Wohnung.
Ich habe das Gefühl, es geht mit ihr zu Ende. In mir schreit alles. Ich bin noch nicht so
weit. Ich brauche noch Zeit um mich mit diesen Gedanken anzufreunden.
Anzufreunden? Ist das überhaupt möglich? Bin ich dazu überhaupt in der Lage?
Andrea kommt. Wir sitzen still im Schlafzimmer, ich habe das Gefühl, wir halten
Totenwache. Ich drücke sie ganz fest an mich. Sie atmet ganz ruhig. Sie wird wohl
doch noch eine Weile bei uns bleiben. Ich nehme sie auf den Arm und gehe mit ihr ins
Wohnzimmer. Dort habe ich durchgehend die CD gespielt, die wir auch bei der
Geburt an hatten, Andrea saß nur da und hörte zu. Mein Klagen, mein Fragen. Ich
merkte auch, das es für sie nicht so einfach ist. Tränen liefen ihr die Wange runter.
Sie sagte mir, worauf ich jetzt bei mir achten muß, besonders auch wegen dem
Wochenfluß und auch wegen der Gebärmutterrückbildung. Die läuft nicht ganz
normal. Aber die Dammnaht ist in Ordnung. Wir haben noch einen Tee zusammen
getrunken, und dann ist sie auch gegangen.. Jutta kam. Samira wurde wieder
munter, als ob gar nichts gewesen wäre. Es war so still. Sie konnte es auch nicht
fassen. Sie nahm Samira auf den Arm. Heinz machte ein Foto von uns. Sabrina
versucht dann gleich wieder den Clown zu spielen. Ich hätte sie schütteln können. Ich
wollte nur nicht so rumschreien, das sie etwas ruhiger sein soll, vielleicht merkte sie,
das ich es nur halbherzig sagte und hörte deswegen nicht auf. Jutta hat Samira eine
Kerze mitgebracht und Sabrina eine Kugel. Mit meiner Fassung war es ganz schnell
vorbei. Die Tränen liefen wie ein Wasserfall. Jutta nahm mich nur in den Arm, und
das reichte mir schon. Sie blieb nicht so lange. Ich habe dann Sabrina ins Bett
gebracht und war auch froh, wie sie endlich schlief. Kurz danach kam Dr. Römhild.
Er hat uns nochmals alles erklärt. Samira wird in eine Art Narkoseschlaf fallen, denn
dadurch das sich der Kohlendioxidgehalt im Blut erhöht, verursacht er diese Narkose.
Und sie wird nicht eine Sekunde leiden. Die Magensonden hat er sich mitgeben
lassen, für den Fall, das sie zu schwach wird zu trinken, aber er möchte es ungern
machen. Es wäre besser, der Natur ihren Lauf zu lassen. Ich stimmte ihn damit
überein. Er war einfach nur da, und hörte zu. Er wollte Samira nicht untersuchen,
denn das muß ja nicht sein. Ich wußte schon immer, das er ein toller Kinderarzt ist,
aber auch so menschlich. Er blieb ca. eine dreiviertel Stunde. Wenn was ist, können
wir jederzeit bei ihm zu Hause anrufen, er legt das Telefon extra an sein Bett. Und
auch wenn tagsüber etwas ist, sollen wir in der Praxis anrufen, die haben alle die
Order bekommen uns sofort durchzustellen. Und er wäre dann in ca. 10 Minuten da.
Da müssen dann die anderen halt mal Verständnis zeigen. Diese Sicherheit tut gut.
Zu wissen, da ist immer einer erreichbar. Wie Dr. Römhild weg war, haben wir
Samira auch Bettfertig gemacht. Sie wurde nochmals gestillt und kam dann in ihren
Stubenwagen. Heinz machte noch einige Fotos. Sie sah aus, als würde sie im Schlaf
lächeln. Ich fühlte mich nur leer. Kaputt. Ich konnte mir keine richtige Ruhe gönnen,
ich könnte ja sonst etwas verpassen. Und dieses Gefühl sollte mich noch eine ganze
Weile verfolgen. Wir zündeten lauter Kerzen an. Leise lief das Kyrie im Hintergrund
und Heinz und ich hielten uns nur ganz fest im Arm. Wir machten uns Gedanken, wie
wir die Geburts-und Todesanzeige schreiben. Nichts ist mehr so, wie wir es uns
vorgestellt haben.
Wir hatten vom Geburtshaus die Genehmigung bekommen, deren Logo für die
Geburtsanzeige zu benutzten. Ich fand es so schön. Ein schwangere Frau geht ins
Geburtshaus hinein und kommt mit zerzausten Haaren und dem Baby zufrieden
heraus. Ich wollte dann das Haus an zwei Seiten öffnen, so daß man das Haus
aufklappen kann. Und dahinter sollte das Foto von Samira hinein. Ich hatte dies die
ganze Zeit nicht vorbereitet, weil ich auch nicht wußte, ob wir das Baby wirklich im
Geburtshaus bekommen werden. Aber das Papier war schon vorbereitet und auch die
Umschläge mit den Adressen waren schon fertig. Nun wollte ich aber diese Anzeige
nicht mehr. Sie wäre nicht so passend gewesen.
Wir fingen an zu dichten, zu überlegen. Weit kamen wir nicht, denn ich war
unendlich müde. Wir legten uns hin. Einige Zeit später hörte ich Samira quengeln. Ich
nahm sie hoch und legte mich mit ihr auf die Matratze, die wir ins Schlafzimmer
gelegt hatten, denn mit einem Baby aufs Hochbett krabbeln, wollte ich nicht. Samira
trank sehr unruhig, als wäre sie am Verhungern, und schluckte dabei noch ganz viel
Luft. Diese tat ihr dann weh und es war eine schreckliche Nacht. Ich lief mit ihr rum,
nur sie wollte sich nicht beruhigen. Heinz nahm sie dann. Ich pumpte Milch ab. In der
Hoffnung, das sie damit besser zurecht kommt. Irgendwann schlief sie dann ein. Aber
es knacke beim atmen und daher war ich mir sicher, lange wird es nicht mehr
dauern. Wir haben uns dann die Nachtwache geteilt. So das wir wenigstens etwas
Schlaf bekamen. Mit so einer Nacht habe ich nicht gerechnet. Diese war so ganz
anders wie unsere erste Nacht mit Dir. Meine Gedanken schweifen dahin.
Andrea hat uns da noch darauf hingewiesen, daß Du keine Mahlzeit verschlafen
darfst, weil Du so klein bist, und viele machen das. Du kamst brav alle drei Stunden.
Ich habe Dich dann noch ein Weilchen im Arm gehalten, um mit Dir zu schmusen. Ich
habe es so sehr genossen. Und Schlaf habe ich auch bekommen. Sabrina gehörte
noch nicht zu den Frühaufstehern, so das wir erst gegen 10 Uhr gemeinsam auf
gestanden sind. Ich habe ein paar Bilder gemacht von meiner kleinen Familie. Ich
habe mich so richtig gut gefühlt und auch Sabrina war stolz auf ihre kleine
Schwester. Ich hatte mich auf alle möglichen Eifersuchtsanfälle eingestellt und war
um so erleichterter, das es ausblieb. Wir haben in aller Ruhe gefrühstückt. Heinz hat
sich dann Sabrina geschnappt, um mit ihr zu Oma zu fahren, um mir ein wenig Ruhe
zu gönnen. Außerdem wolle er noch zum Zahnarzt. Kurz nachdem die beiden weg
waren, kam Andrea. Ich hatte mich schon gefreut. Sie untersuchte Samira und da fiel
ihr ein graues Munddreieck auf. Sie bat mich, doch bitte bei unserem Kinderarzt
anzurufen, ob er heute noch einen Hausbesuch machen könnte, denn das hätte sie
doch gerne abgeklärt. Ich rief bei Dr. Römhild an. Er hätte schon so viele
Hausbesuche für heute abend, ob wir nicht vorbeikommen könnten. Ich fragte wann,
denn Samira mußt noch fertiggemacht werden. Ja in einer Stunde. Ich klärte das mit
Andrea. In dem Moment rief die Praxis wieder an. Dr. Römhild war selber am
Apparat. Andrea sprach mit ihm und erzählte ihm, was sie beunruhigte. Ich kann
mich an dieses Gespräch gar nicht mehr richtig erinnern. Ich glaube ich stand in dem
Moment schon unter Schock. Ich solle Samira fertigmachen und dann könnte ich in
die Praxis kommen, ich müßte auch nicht warten. Andrea merkte wohl, was in mir
vorging. Sie bot mir ihre Hilfe an, ich lehnte sie ab. Ich komme alleine klar. Ich
versuchte Heinz zu erreichen. Er war wohl schon auf dem Weg zum Zahnarzt. Ich
habe eine Nachricht hinterlassen, er möchte bitte sofort zu Hause anrufen. Ich stillte
Samira. Ich hatte das Gefühl, etwas schnürt mir die Kehle zu. Ich suchte, ob wir noch
Geld im Hause hatten. Nichts. Wie konnte es anders sein. Ich nahm Samira und
hoffte, das unten ein Taxi steht, wo ich mit Karte zahlen konnte. Das war leider nicht
der Fall. So mußte ich mit dem Kind noch zum Geldautomaten. Langsam bekam ich
keine Luft mehr. Der Schweiß rann mir den Rücken runter. Wo sollte ich in der Bank
das Kind hinlegen? Im Zweifelsfalle auf den Fußboden. Da kann sie wenigstens nicht
runterfallen. Gut, das war nun auch erledigt. Wieder zum Taxistand. Ab zu Dr.
Römhild. Ich fühlte mich so unendlich allein. Ich hielt Samira ganz fest. Der Taxifahrer
konnte nicht ganz an die Praxis fahren, so mußte ich noch ein ganzes Stück laufen.
Ich wurde gleich ins Untersuchungszimmer gebracht. Dr. Römhild untersuchte sie
ganz genau. Dann schaute er mich besorgt an. In der Zwischenzeit war auch Heinz
gekommen. Dr. Römhild hört bei Samira ein Herzgeräusch. Es hätte aber noch nichts
zu bedeuten. Er möchte nur, das sich ein Kardiologe dieses nochmals anschaut. Er
ging raus, um mit dem Kardiologen zu sprechen, wann wir am besten dort hin
können, es ging sofort. Dr. Römhild erklärte uns den Weg. Langsam bekam ich Angst,
auch wenn er so hoffnungsvoll tat. Eine leise Stimme meldet sich, Du wirst Samira
nicht mehr lange haben. Ich wollte diese Stimme aber nicht hören und ignorierte sie.
Im Wartezimmer von Dr. Renz mußten wir warten. Es waren allerdings keine anderen
Kinder da. Das irritierte mich ein wenig. Wir wurden aufgerufen, bei Samira sollte ein
EKG geschrieben werden. Die Arzthelferin schaute sehr merkwürdig, wie sie das EKG
sah. Dann versuchte sie bei Samira die Sauerstoffsättigung zu finden. An der Hand
hatte sie Glück, allerdings bei den Füßen, wollte es ihr nicht gelingen. Samira wurde
unruhig. Sie hatte Hunger. Ich stillte sie . Aber ich glaube sie hat meine Unruhe
gespürt, und wollte nicht so richtig trinken. Wir wurden in ein anderes Zimmer
geführt, wo wir dann auf Dr. Renz warten sollten. Samira nuckelte noch etwas an
der Brust, aber so recht wollte sie nicht. Ich legte sie auf ihr Kissen. Knuddelte und
schmuste mit ihr. Du hast uns mit ganz großen Augen angeguckt. Wußtest Du schon,
was auf Dich zu kommt? Wir wurden in das Ultraschallzimmer geführt. Und von
diesem Moment an nahm das Schicksal seinen Lauf. Ich kam mir vor wie
hypnotisiert. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Mir wurde der Boden
unter den Füßen weggezogen. Ich fühlte mich wie in einem luftleeren Raum. Wie
lange werde ich diese Erinnerungen mich noch quälen? Aber so hatte ich wenigstens
eine schöne Erinnerung. Und wenn es nur eine Nacht war, in der wir eine glückliche
Familie waren.
Wir sind alle ein wenig gerädert, als Sabrina sagt, das die Sonne schon aufgegangen
ist. Heinz macht Frühstück. Samira schläft. Es ist so still. Sonst war immer so viel
Leben in unserem Haus. Und nun schwebt der Schwarze Schleier des Todes über
unser Wohnung. Ich glaube Sabrina merkt, was los ist. Ich fahre sie an, sie soll
endlich ihre Klappe halten, ihre Schwester wird sterben. Im nächsten Moment tat es
mir unendlich leid, das gesagt zu haben, aber ich fühle mich zerrissen. Kein Halt
mehr. Ich gehe zu Samira, nehme sie auf den Arm. Lege sie in ihren Autositz, damit
sie zugucken kann, wie wir essen. Ich pumpe die Milch ab, denn ich merke, das
Samira zu schwach ist, an der Brust zu trinken. Sie bekommt jetzt die Milch aus der
Flasche. Fred ruft an, er möchte uns gerne besuchen kommen, ob wir was dagegen
haben. Nein, ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, ich freue mich sogar, das zeigt
doch, das sie diese Stunde mit uns teilen wollen. Eine halbe Stunde später sind Jutta
und Fred da. Fred hat heilige Asche von Amma mitgebracht. Für uns, wenn ich das
Gefühl habe, jetzt kann ich sie gebrauchen. Entweder für Samira, oder für uns. Fred
ist so gerührt. Er nimmt Samira auf den Arm. Er kann seine Tränen nicht mehr zurück
halten. Es tut so gut zu sehen, das er nicht nur um Haltung bemüht ist. Warum muß
dieses süße Wesen wieder gehen? Wenn ich die Antwort hätte, würde es mir
vielleicht etwas besser gehen. Er sagt noch, man kann alles noch so übergeordnet
sehen, der Schmerz und die Traurigkeit sind trotzdem da. Ich sprach ihn darauf an,
das ich gerne am Samstag kurz zum Seminar kommen würde. Entweder mit oder
ohne Kind. Er war damit einverstanden, wir verabredeten so gegen 17:30 Uhr. Jutta
hatte uns noch eine Meister Quintessenz mitgebracht. Sie ist von Lao Tsu und Kwan
Yin. Sie steht für inneren Frieden, Vertrauen, und dem Bewußtsein von der
Unsterblichkeit der Seele und von der Liebe als Urkraft. Ich fand es sehr schade, als
die beiden gingen. Später kommt Mama um uns ein wenig zu unterstützen. Ich bin
froh, das sie da ist. Ich gebe ihr Samira in den Arm. Sie gibt ihr die Flasche. Ich
mache Fotos. Wie sie sich wohl fühlt, Samira ist jetzt das Zweite ihrer Enkelkinder
welches sterben wird. Ist das nicht schwer, so etwas zu sehen? Mir tut es so leid, sie
um ihre Großmutterzeit betrogen zu haben. Sie hat sich ja auch so mit uns gefreut,
und nun dieses. Mama spricht nicht viel, sie sagt nur, das sie es gut findet, das wir
uns so entschieden haben, denn wenn man an Stefanie denkt, wie lange sie noch
gelitten hat. Da ist es doch besser so, wo wir dann wissen, sie wird nicht leiden. Nur
ich zweifle manchmal, ob es die richtige Entscheidung war. Ich will sie nicht wieder
hergeben. Das Bild mit Oma ist so friedlich. Ich versuch Samira mit offenen Augen zu
fotografieren. Ich finde sie hat so schöne Augen. Und davon muß ich unbedingt ein
Foto haben. Ich habe noch einige Fotos mit Sabrina und Samira gemacht. Damit
Sabrina auch etwas hat. Sie hält Samira so zärtlich in den Armen, so liebevoll. Ich
finde es so schade, das die beiden nichts voneinander mehr haben. Meine große,
noch so klein, mußt aber schon das größte Leid dieser Welt erfahren. Heinz beschließt
mit Sabrina auf den Spielplatz zu gehen. So habe ich wieder etwas Zeit für uns beide.
Ich ziehe Samira aus, weil ich sie waschen will. Das mit dem Baden will ich schon
gar nicht mehr. Ihre Ausscheidung wird schon weniger. Da die Windeln so groß sind
nehme ich eine Unterhose und klebe da eine Slipeinlage rein. Ich kann ja öfters
gucken. Ich mache noch eine ganze Menge Fotos mit ihr. Ich überlege, ob ich ihr noch
eine Strähne abschneiden soll. Ich entscheide mich dagegen. Ich brauche aber irgend
etwas von ihr. Daraufhin hole ich unser Stempelkissen, drücke die beiden Füße von
ihr darauf und dann aufs Papier. In Regenbogenfarben. Nun sind ihre Füße bunt. Ich
lache bei dem Gedanken, ich mach noch ein Foto von ihr, wie sie nur im Body da
liegt. Mein kleiner Proper. Ich bin schon stolz darauf, wie gut sie gebaut ist, trotz ihrer
45 cm. Abends kommt Andrea. Viel reden tun wir nicht miteinander. Sie glaubt aber
auch, das es wohl nicht mehr so lange dauern wird. Dr. Römhild und Andrea
überschneiden sich heute. So lernen sie sich auch mal kennen, denn sie haben nur
per Telefon miteinander gesprochen. Andrea bleibt nicht mehr lange. Heinz bringt
Sabrina ins Bett. Heute will sie aber nicht so recht. Sie merkt, das was in der Luft
liegt, und sie will halt nichts verpassen. Dr. Römhild sagt, das wir Samira eine
Magensonde legen könnten, aber wenn wir das weiterhin so schaffen, wäre es ihm
lieber, der Natur ihren Lauf zu lassen und hauptsächlich dafür zu sorgen, das sie
keine trockene Kehle bekommt, denn das wäre nicht so nett. Aber er war erstaunt,
wie schnell es doch schlechter geworden ist. Samira ist auch schon in diesen
Narkoseschlaf drinne, sie wird also nicht mehr leiden. Das beruhigt mich ungemein.
Heinz und ich beschließen Samira nicht eine Sekunde mehr alleine zu lassen. Wir
schlafen wieder in Etappen. Als ich bei Samira schlafe, merke ich, das sie sich richtig
an mich festhält. ,,Willst Du doch nicht weg? Gefällt es Dir so gut? Fällt es Dir schwer
zu gehen? Ich würde alles dafür geben, wenn Du hier bleiben könntest.“ Aber meine
Hoffnung sind so geschrumpft . Ich glaube, ein Wunder wird nicht mehr geschehen.
Ich verstehe die Welt nicht mehr, warum muß mir das Liebste genommen werden,
was ich habe? Was habe ich denn verbrochen, daß das uns passieren muß? Ich
hadere mit Gott. „Wenn Du Samira sterben läßt, will ich nichts mehr von Dir wissen.“
Das ist doch sadistisch, eine Mutter so leiden zu lassen. Und wozu soll das gut sein?
Die Tränen laufen wieder. Ich lasse Heinz schlafen, einer von uns muß sich
schließlich noch um Sabrina kümmern. Ich schlafe ein. Jede Regung von Samira und
jedes Geräusch und ich bin wieder wach. Deine Händchen sind so kalt. Das kommt
wegen der schlechten Durchblutung. Ich versuche Dich zu wärmen. Heinz löst mich
ab. Aber trotzdem kann ich nicht in Ruhe schlafen, habe Angst, ich bekomme den
letzten Moment nicht von ihr mit. Endlich ist die Nacht vorbei. Sabrina kommt, sie hat
Hunger. Heinz steht auf und macht Frühstück. Ich halte Samira im Arm, merke, das
es langsam zu Ende geht. Ihr Atem wird unregelmäßig. Heinz merkt, was los ist. Er
kommt. Samira macht die Augen auf. Schaut erst mich und dann Heinz an. Sie
lächelt. Ausgerechnet in diesem Moment muß ich auf Toilette. Ich gebe Heinz Samira.
Geh` aufs Klo. Wie ich wieder das Schlafzimmer betrete, merke ich, das etwas anders
ist. Heinz schaut mich an und sagt, ich könnte Dr. Römhild anrufen. NEIN!!!! Ich
nehme Samira auf den Arm. Sie atmet noch zweimal. Dann ist sie tot. Ich kann es
nicht fassen. Ich bin am Ende. Nein, nein, nein. Ich zerbreche. Die Tränen lassen sich
nicht mehr stoppen. Ich wickle Samira in ihre Decke. Ich kann sie nicht loslassen,
nicht hinlegen. Ich halte sie im Arm. Ich rufe Dr. Römhild an. Er ist im Moment nicht
da. Ich spreche auf den Anrufbeantworter. Ich mache alles mechanisch. Alles ohne
Gefühl. In mir ist alles nur noch chaotisch. Heinz ruft seinen Bruder Uwe an. Er fragt,
ob er Sabrina heute nehmen kann. Damit sie nicht mitbekommen muß, wie Samira
abgeholt wird. Es geht in Ordnung. Sie wollen noch frühstücken, und dann kommt
Uwe vorbei, um sie abzuholen. Ich bin erleichtert, eine Sorge weniger. Ich rufe Andrea
an, sage, das Samira gestorben ist. Sie will gleich vorbeikommen. Irgendwie schaffen
wir es ein wenig zu frühstücken. Es war schon eine ganz merkwürdige Stimmung. Ich
halte Samira im Arm. Durch meine Körperwärme wird ihre Haut wieder wärmer, wie
trügerisch. Wir machen das letzte Foto von ihr. Es ist auch das letzte Foto auf dem
Film. Andrea kommt. Läßt sich alles von uns erzählen. Ist nur da. In ihrer Gegenwart
werde ich auch wieder ruhiger. Sabrina hibbelt durch die Wohnung, als wäre nichts
passiert. Ich packe ihr ein paar Dinge zusammen. Kurze Zeit später ist auch Uwe da.
Er umarmt erst Heinz. Sehr lange. Heinz weinte. Dann nahm Uwe mich in den Arm.
Da ich allerdings noch Samira im Arm hatte zwang ich ihn dazu sie sich anzukucken.
Ich habe bis heute noch keine Reaktion, wie er sich in dem Moment gefühlt hat.
Sabrina freute sich auf Clemens und ich war froh, wie der Wirbelwind weg war. Nun
konnte ich Samira auch Heinz geben. Ich machte uns einen Tee. Ich brauchte was
warmes. Es kroch eine Kälte in mir auf, die langsam von mir ganz Besitz ergriff. Ich
machte die CD wieder an und zündete die Kerze an. Ich holte die Sachen, die Samira
an haben sollte. Heinz zog sie aus. In dem Moment kam Dr. Römhild. Er untersuchte
Samira. Heinz wusch sie. Dann konnte er nicht weiter. Ich zog sie dann wieder an.
Sie bekam einen weißen Strampler und darüber ein Kleidchen, was ich für sie
gekauft hatte, welches sie Weihnachten beim Familientreffen tragen sollte. Es war
Winni Puuh und Ferkel drauf, die im Schnee spielten. Sie sah so schön aus. Wir
wickelten sie wieder in ihre Decke. Dr. Römhild sagte noch, soviel Wärme würde er
jedem wünschen. Ich brach fast kein Ton raus. Nur wie sollte es jetzt weitergehen?
Wir mußten einen Beerdigungsunternehmer anrufen. Der Vater von Beate, meine
Chefin, ist Beerdigungsunternehmer und sie hatte schon mit ihm gesprochen, denn in
diesen Dingen kenne ich mich überhaupt nicht aus. Ich rief also an. Er war ganz nett
am Telefon. Fragte, ob wir uns schon Gedanken gemacht hätten. Ich wollte, das sie
verbrannt wird und das sie dann ein Urnenfach bekommt, so etwas würde es aber
hier nicht geben. Sie würden gegen 15/ 16 Uhr kommen. Und am nächsten Tag
würde jemand vorbeischauen, um alles mit uns zu besprechen. Gut. Ich hatte ja auch
keine Ahnung, wie man es sonst hätte machen können. Dr. Römhild fragte, ob es
okay für uns ist, wenn sie erst so spät kommen. Wir nickten nur. Von mir aus
bräuchten sie gar nicht kommen. Denn dann wäre Samira noch bei uns. Kurze Zeit
später ging er dann auch, nach dem er uns fragte, ob er nun gehen könnte. Andrea
blieb noch etwas. Gegen 14 Uhr ist sie dann auch gegangen. Ich hatte Samira im
Arm. Es tat so weh zu sehen, das sie bald nicht mehr hier ist. In mir staut sich alles
auf. Das Atmen fällt mir schwer. Mein geliebtes Baby. Warum mußte’s Du gehen? Wir
haben uns doch so sehr auf Dich gefreut. Wie gut, das die CD lief, denn die Stille
hätte ich nicht ertragen können. Um 15:30 Uhr waren sie da. Sie kamen zu zweit. Wie
klein doch dieser Sarg ist. Er wurde geöffnet, und das Unterteil wurde aufs Sofa
gestellt. Wir wurden gefragt, ob wir ein kleines Kissen hätten oder ähnliches. Wir
haben ein mein Seidentuch genommen, wo ich sonst meine Tarot Karten eingewickelt
hatte. Dort stand Frieden, Liebe und Freiheit drauf. Damit legte Heinz den Sarg aus.
Nachdem ich Samira noch geküßt hatte, legte ich sie hinein. Wir haben dann eine
Weile dort gestanden. Wir haben sie beide nochmals geküßt. Ich habe das Stofftier,
welches Samira von Marcus geschenkt bekommen hat, mit hineingelegt. Sie sah so
friedlich und ruhig aus. Als würde sie schlafen. Dann wurde der Sarg geschlossen.
Die beiden Herren deckten den Sarg mit einer dunkelroten Samtdecke ab und
verabschiedeten sich. Sie ist weg. Ich habe nur noch geheult. Heinz und ich haben
uns nur noch fest gehalten. Ein Teil von uns fehlte. Diese Leere, sie ist einfach
unbeschreiblich. Wir überlegten, was wir machen sollten. Ich habe dann einige Anrufe
gemacht. Besonders den Verwandten habe ich gesagt, das Samira nun gestorben ist.
Es tat gut, die Geschichte einige Male zu erzählen. Es regnete. Wie passend. Auch der
Himmel weinte. Wir waren am überlegen, ob wir trotzdem zum Seminar rüber gehen
sollen. Wir haben uns dann dafür entschieden, dieses zu machen. Ich hatte das
Gefühl, die Wände kommen mir immer näher und fangen an mich zu erdrücken. Ich
war daher froh, die Jacke anzuziehen, und raus zu kommen. Es war gerade Pause.
Einige saßen im Vorraum und haben geraucht. Wir wurden schon erwartet. Werner
kam auf uns zu. Genauso Klaus. Wir brauchten nichts sagen, jeder verstand. Sie
machten das einzig richtige. Sie nahmen uns in den Arm und trösteten uns. Jeder
hatte Tränen in den Augen. Fred hatte es schon angedeutet, das wir kommen
werden, und hat ganz kurz erzählt, was mit Samira los war. Wir gingen rein. Es war
eine richtig gute Übung. Wir erzählten unsere Geschichte. Wir bekamen viele
tröstende Worte. Es tat gut, soviel Verständnis zu bekommen. Wir setzten uns alle in
den Kreis. Ich hatte einen Engel und die Fußabdrücke von Samira mit. Wir stellten
diese Dinge mit einer Kerze in die Mitte. Fred erzählte, das Samira gestorben ist. Wir
sangen zusammen das Halleluja. Werner hielt mich im Arm. Die Tränen rannten wie
ein Wasserfall. Ich bekam fast keinen Ton raus. Als sich der Knoten löste, konnte ich
auch mitsingen. Ich habe meinen ganzen Schmerz in dieses Lied gelegt. Es tat so
unendlich gut. Wie das Lied zuende war, entstand eine Pause. Fred fragte, ob jemand
etwas zu uns sagen möchte. ,, Die kleine Seele versteht gar nicht, warum wir so
weinen, da, wo sie jetzt ist, wäre es doch so schön.“ ,, Die Seele hat Euch einmal
gefunden, sie wird Euch auch noch ein zweites Mal finden.“ ,, Auch wenn ihr vor
lauter Schmerz und Traurigkeit im Moment gar nicht sehen könnt, was das alles zu
bedeuten hat, es hat einen Sinn und ihr werdet dadurch sehr stark hervor gehen.“ ,,
Samira wird zu Euch wiederkommen. Ihr habt ihr so viel Liebe gegeben, wo manche
Eltern ein Leben lang für brauchen, das habt ihr in 9 Monaten und 6 Tagen gegeben.
Das hat ihr so gut gefallen, das sie das wieder erleben möchte.“ Diese Sätze haben
mir so gut getan. Ich traute mich nicht, es auszusprechen, das ich hoffe, das Samira
wieder zu uns kommen wird. Wir haben dann noch zusammen zwei Lieder getanzt.
Ich mußte meinen Körper spüren. Danach haben Heinz und ich aber beschlossen,
wieder nach Hause zu gehen, denn Sabrina kann ja auch jeden Moment
wiederkommen. Fred hat uns mit den Worten verabschiedet, die Seele will
wiederkommen, also mal rann. Ich habe nur geantwortet, hey, ich habe einen
Dammschnitt. Das geht noch gar nicht. Elke gab uns noch einen Brief mit. Jeder
nahm uns noch einmal in den Arm und wünschten uns ganz viel Kraft für die Zeit,
die nun auf uns zukommen wird. Ich war froh, das wir uns dafür entschieden haben,
nochmals zu kommen. In dem Moment wurde mir bewußt, was der Satz bedeutet,
geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir haben dort eine ganze Menge dagelassen. Zu
Hause herrschte eine richtige totenstille. In mir war alles leer. Ich kam mir vor wie in
Trance zu sein. Heinz und ich legten uns gemeinsam auf die Matratze, wo ich die
ganze Zeit mit Samira lag. Wir haben uns ganz fest gehalten, und darüber sind wir
eingeschlafen. Das Telefon hätte ich fast überhört. Es war Uwe. Er fragte, ob Sabrina
bei denen schlafen könnte, Clemens würde sich freuen. Ich hatte nichts dagegen. Ich
legte mich sofort wieder hin. Allerdings jetzt wieder in unserem Hochbett. Das Kissen
von Samira lag zwischen uns. Die Decke hatte ich ganz fest im Arm um meine
schmerzenden Arme zu füllen. Erst wollten wir die mit in den Sarg legen. Aber im
letzten Moment habe ich mich dagegen entschieden. Sie roch noch so sehr nach
Samira. Als hätte ich sie selber im Arm. Ich fiel in einen traumlosen und tiefen Schlaf.
Bis zum nächsten Tag. Uwe weckte uns. Er wollte Sabrina mit zum historischen
Markt nach Lüneburg nehmen, und er würde sie dann abends vorbeibringen. Okay.
Dieser Tag war schrecklich. Der 2. Advent. Wir konnten die zweite Kerze nicht
anmachen. Es erinnerte uns daran, wie glücklich wir doch am 1. Advent waren.
Um 7:45 Uhr war Samira geboren. Wie stolz und erleichtert war ich. 5 ¾ Stunden.
Bei Sabrina waren es 56 Stunden. Und diese Geburt war der krasse Gegensatz. Ich
war so glücklich das ich dieses Wesen endlich im Arm hielt. Drei Stunden später
fuhren wir nach Hause. Du warst die ganze Zeit über wach. Du hast Dir mit großen
Augen die Welt angeguckt. Wir haben Mama und Sabrina schon angerufen, das wir
bald kommen. Nichts konnte mir dann schnell genug gehen. Wie Samira untersucht
wurde, habe ich mich gewaschen und angezogen. Ich wollte nach Hause. Was war
das für ein herrlicher Empfang. Sabrina stand an der Tür. Samira hatte Sabrina
nämlich einen Teddy mitgebracht. (Wo ich die letzten Stiche schnell im Geburtshaus
gemacht habe.) Sie freute sich so sehr ihre kleine Schwester zu sehen. Ich bekam
dann eine Matratze in die Stube gelegt, wo ich mich dann hinlegen konnte. Heinz
holte schnell Brötchen, denn eigentlich wollte Marcus welche mitbringen, aber er hatte
verschlafen und kam später. Wir frühstückten in aller Ruhe. Die erste Kerze leuchtete.
Mein Sonntagskind. Ich hätte die ganze Welt umarmen können. Nach dem Frühstück
habe ich mich hingelegt. Samira wollte gestillt werden. Und dann hatte ich meine
beiden Mädchen im Arm. Samira links und Sabrina rechts. Diese Hochgefühle, diese
Freude ist einfach nicht zu beschreiben. Sabrina konnte sich nur dazu überreden
lassen, mich etwas schlafen zu lassen, weil Marcus da war, und die drei dann
Plätzchen backen wollten. So hatte jeder seinen Spaß. Ich schmuste mit Samira. Ich
konnte mich an diesem kleinen Wesen einfach nicht satt sehen. Sie war genau richtig.
Das sie so klein war machte mir überhaupt nichts aus. Im Gegenteil. So hatte ich
doch länger etwas von der Babyzeit. Ich war einfach stolz. Du hast mich mit großen
Augen angeschaut. Aber nach der ganzen Aufregung sind auch Dir die Augen dann
zugefallen. Und so haben wir gemeinsam unser erstes Nickerchen gemacht. Im Traum
habe ich mir die kommende Zeit ganz schön ausgemalt. Ich hatte alles soweit
organisiert, das ich mich auf ein schönes und entspannendes Wochenbett freute.
Abends hat Tanja angerufen, sie hat sich so mit uns gefreut. Außer der Familie
wollten wir keinen anrufen, denn wir fanden, das hat noch Zeit. Andrea kam dann
auch. Sie hat sich so gefreut, das alles so glatt ging. Sie hat mir noch ein paar
Hinweise gegeben, weil Samira halt so klein ist, muß sie alle drei Stunden gestillt
werden, denn diese kleinen verschlafen sehr schnell mal eine Mahlzeit. Und das
wäre für sie nicht so gut. Ich bekam noch einen Tee, denn ich trinken sollte wegen der
Gelbsucht, damit nicht erst eine entsteht. Sonst war sie sehr zufrieden. Wir auch. Wir
haben es uns bei Kerzenschein ganz gemütlich gemacht. Und von dieser hohen Wolke
sind wir gefallen. Und das war noch lange nicht das Ende.
Der Herr von Beerdigungsinstiut war sehr nett. Was wir denn wünschen würden. Ich
habe ihm von meiner Idee erzählt. So etwas gibt es hier in Deutschland nicht. Ja, und
wenn wir sie trotzdem verbrennen lassen? Erstens müßte sie ein Amtsarzt nochmals
untersuchen, denn es müßte kontrolliert werden, ob alles so seine Richtigkeit hat.
Denn wenn sie erstmal verbrannt ist, kann man nichts mehr nachvollziehen, und
zweitens, es würde sich wohl bis nach den Feiertagen hinziehen. Alles in mir sträubte
sich bei dem Gedanken, Samira wird nochmals von jemanden angefaßt. Berührt,
ausgezogen, untersucht. Nein. Wir haben sie in den Sarg gelegt, wir wissen, wie sie
dort liegt, sie soll keiner mehr anfassen. Dann lieber eine normale Beerdigung. Was
für Wünsche wir denn hätten hinsichtlich der Trauerfeier. Ich wollte keine
Gottesdienst. Eine Grabrede ja, aber wer soll die halten. Herr Eckardt bot an, daß
das auch einer von ihnen machen könnte. Nein, darum kümmere ich mich, auch um
den Sargschmuck. Wir gaben ihm die Geburtsurkunde und den Totenschein von
Samira. Wie makaber. Er wolle in den nächsten Tagen anrufen, und wenn noch von
unserer Seite her Fragen sind, könnten wir auch jederzeit anrufen. Wie er weg war
habe ich nur geheult. Nichts ist mehr, wie es war. Alles ist so farblos, so leer. Wie
war ich froh, wie Sabrina wieder da war, mit ihrer fröhlichen Art hat sie die Stille in
dieser Wohnung vertrieben. Sie fragte, wo Samira ist. Ich sagte ihr, das Samira ein
Engel war und sie wieder zu den Engeln zurückgegangen ist. Sie weinte. Mein Baby.
Ich habe sie ganz fest in den Arm genommen. Wir weinten alle gemeinsam. Ja, unser
Baby ist wieder weg. Und ich vermisse sie so schrecklich. Ich will sie wiederhaben,
will meine Familie wieder glücklich sehen, keine Tränen mehr, keine gedämpfte
Stimmung. Raus. Ich will raus hier. Ich kann nicht. Jede Bewegung kostet Kraft.
Nichts ist mehr wie vorher, kann es nicht fassen. Mein Verstand versagt, kann mir
keine Antworten geben. Keiner kann es. Jetzt geht es nur noch ums überleben. Für
Sabrina. Schritt für Schritt, Tag für Tag. Nachdem Sabrina im Bett ist setzen wir uns
gemeinsam hin und singen für Samira ein Mantra. Für Wahrheit, Licht und
Unsterblichkeit. Dieses Mantra hilft der Seele bei wichtigen Übergängen: von diesem
Leben zum nächsten; um ein neues Kind in diese Welt hineinzugeleiten; um einen
neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Für uns, für Samira. Damit sie einen leichteren
Übergang hat und für uns, damit wir mit unserer Trauer fertig werden. Dies wurde
für vierzig Abende unser Ritual. Es tat so gut, etwas gemeinsames zu tun. Gleich
danach gingen wir ins Bett. Wir waren sehr müde. Langsam machen sich die Tage
mit wenig schlaf bemerkbar. Ich bin nur froh, das Sabrina nicht zu den
Frühaufstehern zählt. Wir haben uns vorgenommen, mit ihr mal über den
Weihnachtsmarkt zu gehen. Damit sie wenigstens etwas von der Weihnachtszeit hat.
Oh Gott, wieso können sich diese ganzen Menschen nur so auf die Weihnachtszeit
freuen. Am liebsten hätte ich jedem lachendem Gesicht gesagt, eh, unser Baby ist
gestorben. Wir haben die Filme beim Fotografen abgegeben. Ich hatte Angst, mit
diesen Negativen könnte etwas geschehen, und das hätte ich nicht noch zusätzlich
ertragen können, so haben wir dann gedacht, sie sind dann in den richtigen Händen.
Ich war froh, wie wir wieder nach Hause gingen. Auch wenn es dort nicht besser
war. Aber diese Menschen konnte ich nicht ertragen. Mittags rief der
Beerdigungsunternehmer an. Die Unterlagen für die Beerdigung sind bestellt. Jetzt
hängt es von den Behörden ab, wann wir Samira beerdigen können. Ich versuchte die
Telefonnummer von Axel, meinem Pastor aus der Stader Gemeinde rauszubekommen.
Denn ich dachte, wenn einer die Grabrede hält, dann nur er. Wir sind nicht so fest in
einer Gemeinde eingebunden, das ich da jemand anderen fragen könnte. Und von
unseren Freunden hätte nicht einer diese Aufgabe übernehmen können. Endlich hatte
ich sie. Nun mußte ich nur noch anrufen. Nur noch anrufen. Ich habe lange überlegt,
was ich Axel sagen sollte, wie ich es sagen sollte. Die richtige Lösung ist mir nicht
eingefallen. Daraufhin dachte ich, mal sehen, was kommt. Ich bekam noch
Grandenfrist, denn es meldete sich keiner. Also später noch mal. Ich habe das
Gefühl, ich stehe unter Schock. Irgendeine Kraft in mir macht diese Arbeiten für mich.
Ich werde geführt. Als stehe ich neben mir und beobachte, was mein anderer Teil
erledigt. Andrea ermahnt uns, wir sollen ganz gut auf uns aufpassen. Ich frage mich,
wie das gehen soll. Die Brüste schmerzen. Die Milch läuft reichlich. Und leider klappt
es nicht so gut mit dem Ausstreichen. Das bedeutet für mich, ich muß abpumpen.
Wenn ich sehe, wie die Milch in den Behälter fließt, wird fast schlecht. Dann diese
Milch wegzukippen. Es ist wie ein kleiner Weltuntergang für mich. Mein Körper zeigt
die ganze Bandbreite dessen, das ich vor 8 Tagen ein Kind geboren habe. Nur wo ist
es, das Baby? Tod. Es liegt ca. 500 Meter von uns entfernt. Ich sehne mich nach
Samira. Andrea möchte mir die Abstilltabletten nicht so gerne gehen. Sie würden mich
noch mehr in ein psychisches Loch werfen. Daher brauche ich Geduld, denn mit dem
Salbeitee und dem Homöopathischen Mittel dauert etwas länger, ist aber sanfter. Ich
hoffe, das ich die Kraft dazu habe. Wie gut, das ich Heinz habe. Er paßt auf mich auf.
Hält mir den Rücken frei. Er geht mit Sabrina raus. Damit ich ruhe habe. Damit ich
zwischendurch immer mal schlafen kann. Ich brauche diese Zeit. Merke, ich fahre nur
auf halber Kraft. Abends im Bett denke ich, wieder ein Tag geschafft. Wie sieht es
morgen aus, werde ich auch diesen Tag schaffen? Zweifel tauchen auf. Weine mich in
den Schlaf. Das aufstehen fällt mir schwer. Als wäre jedes Gelenk in mir eingerostet.
An meinem Oberkörper kleben zwei riesige Behälter, die gemolken werden wollen. Je
mehr Milch ich abpumpe, desto mehr Wut steigt in mir auf. Ich fühle mich betrogen,
betrogen um mein Wochenbett, betrogen um die Zeit mit Samira. Unter der Dusche
lasse ich die Tränen fließen. Will nicht wieder raus. Diese heiße Dusche scheucht die
Kälte aus mir raus, aber nur kurze Zeit. Leider. Ich friere, nicht weil es so kalt es,
nein, eine innere Kälte, sie kriecht ganz langsam in mir rauf. Und ich kann es nicht
verhindern. Ich rufe Axel an. Es fällt mir schwer die Tränen zurückzuhalten, kämpfe
um meine Fassung. Frage, ob er die Grabrede machen würde, merke, wie es ihm
sichtlich schwer fällt. Aber er sagt ja. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Wieder ein Stück
weiter. Ich soll ihn anrufen, wenn ich wüßte wann die Beisetzung wäre, denn er
könne nur dann und dann. Ich sagte, ich glaube, daß das klar gehen wird. Ich rufe
beim Beerdigungsunternehmer an. Sie wollten uns auch gerade anrufen. Wir könnten
uns am 10. Dezember das Grab von Samira anschauen. Es wäre ein
Kinderreihengrab auf dem Friedhof Diebsteich. Sie hätten uns angemeldet und wir
sollten es uns angucken und uns dann wieder melden. Alles in mir schreit, nein, ich
will mir keinen Platz für sie anschauen, ich will sie wiederhaben. Ich will mein Baby
zurück. Diese Entgültigkeit macht sich langsam in mir breit. Nur ganz kann ich das
noch nicht akzeptieren. Will es nicht akzeptieren. Andrea gibt mir heute Bescheid, das
ich trotzdem Anspruch auf den vollen Mutterschutz habe. Wozu? Ich brauche ihn doch
nicht, ich kann doch ruhig wieder arbeiten gehen, als wäre nichts gewesen. Vielleicht
fällt es mir dann leichter, darüber weg zu kommen. Unser Ritual abends gibt mir ganz
viel Kraft. Einen tiefen Frieden. Weine mich in den Schlaf. Halte die Decke ganz fest
an meinen Bauch gedrückt, um dieses große Loch, welches sich dort befindet etwas
zu stopfen.
Heute haben wir uns den Platz für Samira angeguckt. Die Sonne schien, nur es war
bitterkalt, wie in meinem Herzen. Es ist ein schöner Platz. Mein erster Gedanke war,
oh, dann ist Samira nie alleine, sondern mit den anderen Kindern zusammen. Dann
kann sie mit denen spielen. Nur dieses Grab werden wir nur 20 Jahre haben, und es
kann auch nicht verlängert werden. Aber komischerweise stört es mich in keinster
Weise. Ich denke an die Zukunft. Merke aber auch, das Samira ihren Platz hier nicht
hat, sondern bei uns zu Hause, und ich merke, wie mir das Grab jetzt schon nicht so
wichtig ist. Trotzdem zerreißt es mir das Herz zu wissen, das sie bald in dieser kalten
Erde liegen wird. So dunkel, so allein. Wie gut, das Du wenigstens ein Stofftier hast.
Manchmal hoffe ich immer noch, daß das alles nur ein böser Alptraum ist, und ich
jeden Moment von Samira´s Weinen geweckt werde. Wie wir beim Beerdigungsinstitut
anrufen, bekommen wir auch gleich den Termin für die Beisetzung. Abends, nachdem
Sabrina im Bett ist, schreiben und drucken wir die Karten. Nun müssen nur noch die
Fotos drauf und dann weg. Sabrina ist unausstehlich. Sie trotzt, sie schmeißt mit
Dingen um sich. Mich will sie nicht eine Minute alleine lassen. Merke, das sie an
meinen Nerven zerrt. Sie will sich aber auch nicht so richtig beruhigen lassen. Es tut
mir so weh zu sehen, wie sie leidet. Ich glaube, das sie nicht weiß, was für ein Gefühl
sie quält, denn so eins kennt sie ja noch nicht, und dann diese ganze Traurigkeit im
Hause. Für sie ist ja auch eine Welt zusammengebrochen. Wie sehr hat sie sich auf
das Baby gefreut. Und nun ist es weg. Erst dieses große Glück und dann diese
unendliche Traurigkeit. Und dann ist die Mama noch nicht mal für sie richtig da. Ich
habe keine Kraft für sie. Bin selber am Ende. Sie hat eine bessere Mutter verdient.
Eine die sich nicht nur um sich kümmert. Ich weiß, das ich diese Aufgabe im Moment
nur auf Heinz abschiebe, nur ich brauche alle letzten Kraftreserven für mich, für die
Beisetzung. Sonst klappe ich vorher noch zusammen. Und das nützt nun keinem. Ich
muß stark sein, für mich. Ich rufe Maren an, sie ist Heilpraktikerin. Ich bitte sie, ob sie
nicht für Sabrina ein homöopathisches Mittel raussuchen kann. Damit es für sie
etwas einfacher wird. Alex macht mir eine Bachblütenmischung fertig. Im Bett fühle
ich mich nur noch taub und leer. Der Bauch ist wie aufgebläht. Ein leichtes ziehen
macht sich bemerkbar. Der Wochenfluss will mal wieder nicht so richtig laufen. Ich
beschließe, wieder Tagebuch zu schreiben, ich muß meine Gefühle und Gedanken
sortieren. Und ich weiß, das mir früher das Schreiben immer gut getan hat.
Ich brauche lange, um einzuschlafen, irgendwie ist eine sehr große Unruhe in mir, die
mich nicht einschlafen läßt.
Andrea bringt am nächsten Tag den Wochenfluß wieder zum Laufen. Ein Gespräch,
viele Tränen. Sie ermahnt mich nochmals, gut auf mich aufzupassen, mir Ruhe zu
gönnen. Ich sage ihr, das ich das nicht so kann. Ich habe dabei ein schlechtes
Gewissen. Ich habe doch kein Baby mehr, dann brauche ich mich doch nicht zu
schonen. Ich fühle mich betrogen, um mein Wochenbett und um die Babyzeit mit
Samira. Leider fährt Andrea heute weg, aber Birgit, die auch bei der Geburt dabei
war, hat die Vertretung übernommen. Wenn etwas ist, soll ich mich bei ihr melden.
Sie würde sich aber auch noch melden, da sie ja auch bei der Geburt dabei war, und
wollte daher noch mit uns sprechen. Der Termin der Beerdigung rückt näher, und mir
schlecht bei diesem Gedanken. Ich habe schon richtige Horrorvorstellungen. Wie soll
ich diesen Tag bloß überstehen.
Die Todesanzeigen mit der Einladung zur Beerdigung sind weg. Ich bin ja gespannt,
wer alles kommen wird. Einige werden auch erst dadurch erfahren, was passiert ist.
Es tut mir auch leid, einigen es so zu sagen, denn ich habe einfach nicht mehr die
Kraft, alle anzurufen. Paradoxerweise waren auch heute die Sterbeurkunden von
Samira im Briefkasten. Es fühlt sich so endgültig an, so leer. Ich würde alles dafür
machen, wenn sie wieder zurück käme. Heinz und ich haben uns heute entschlossen,
Sabrina nicht mit auf die Beerdigung zu nehmen. Ich glaube, für sie ist es einfach
besser. Wir werden später dann hingehen und eine Kerze darzustellen. Außerdem
leidet sie schon genug daran, das Samira nicht mehr da ist. Ich glaube, für sie ist es
auch einfach zu schwer zu begreifen, erst Samira weg und nun diese große Trauer
der Eltern. Das ist für Sabrina bestimmt nicht so leicht zu begreifen. Wir haben Bea
gefragt, ob Sabrina dahin darf. Kein Problem. Alice freut sich schon. So hat sie auch
noch etwas von dem Tag. Heinz will nach der Beerdigung wieder arbeiten, wie kann
er bloß? Hat er Samira nicht geliebt, kann er so schnell wieder auf normal
umschalten? Ich werde nie wieder arbeiten können. Dafür ist der Schmerz einfach zu
groß.
Samira ist jetzt eine Woche tot. Eine Woche, die Milch läuft noch, allerdings schon um
einiges weniger. Wie gut, daß das nun mit dem Ausstreichen klappt, so brauche ich
nur noch gelegentlich abpumpen. Ich komme damit eher klar, wenn das T-Shirt
vollgelaufen ist, als wenn ich die Muttermilch wegkippen muß. Heinz hat mir heute
Freiraum geschaffen, in dem er mit Sabrina zu Oma gegangen ist, so hatte ich Ruhe,
denn Sabrina dreht im Moment ziemlich auf, ist sehr weinerlich und das bringt mich
dann auch wieder auf die Palme. Aber ich bin sehr froh, das ich sie habe, denn durch
ihr ansteckendes Lachen zeigt sie uns, das Leben geht weiter, auch wenn ich
manchmal nicht daran glauben kann. Ich habe angefangen die Rescue Tropfen von
Bach zu nehmen, damit ich wieder etwas besser über die Runden komme, vor allen
Dingen, das ich die Beerdigung gut hinter mich bringen kann. Bei Birgit habe ich auch
angerufen, leider war nur der Anrufbeantworter an. Mal sehen, ob sie sich wieder
meldet. Wie ich hier so ganz alleine war, habe ich das Mantra ganz alleine gesungen.
Ich habe Dich ganz stark gespürt und gerochen. Bist Du schon wieder in
Wartestellung, willst Du auch wieder zu uns zurück kommen? Gib mir nur etwas Zeit.
Ich will zwar auch wieder ganz schnell ein neues Baby, aber ich weiß, das ich auch
einen teil der Trauer verarbeitet haben muß, sonst nehme ich die ganze Angst mit in
die nächste Schwangerschaft, und das wäre nicht so schön, denn dann würdest Du
die ganze Liebe, die ich bei Dir hatte, mit der Angst überschatten und ich glaube, das
ist für uns beide nicht so schön. Ich werde vor allen Dingen den Chromosomentest
abwarten, aber ich glaube, da wird nichts sein, denn Sabrina ist ja auch vollkommen
gesund. Wie Heinz und ich heute abend das Mantra gesungen haben, durchströmte
uns ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich hätte diesen Moment am liebsten
eingefroren, nur leider geht das ja nicht. Es war wie Balsam für mein blutendes Herz.
3. Advent. Die Kerzen brennen und mein Herz zerreißt. Diese Adventszeit ist das
schlimmste, was wir jetzt noch zusätzlich ertragen müssen. Wenn die Beerdigung
nicht so spät ist, hätte ich mir Heinz und Sabrina geschnappt, und wäre in den Süden
geflogen, wo mich nichts so sehr an diese Stimmung zu Hause erinnert. Klar, Samira
würde ich auch da vermissen, aber diese Weihnachtszeit mit ihrem Friede, Freude,
Eierkuchen Stimmung wäre dort nicht so schlimm. Glaube ich jedenfalls, aber leider
geht es ja nicht und wir müssen da halt durch. Die ersten Bestätigungen für die
Beerdigung sind eingetroffen, Steffi kommt, mit Tanja und Melanie. Die beiden
wollten von sich aus mit und dann ist es auch okay, außerdem sind die beiden in
einem Alter, wo man ihnen vieles besser erklären kann. Birgit hat sich auch gemeldet.
Ihr wird ganz anders, wenn sie an Weihnachten denkt und dann an uns, daß das
nun auch noch sein muß. Aber wer denkt denn vorher an so etwas. Wir haben uns
sehr lange unterhalten, ich fand das ganz schön. Sie hat uns auch eingeladen, wenn
wir wollen, ins Geburtshaus zum Ort der Geburt, wo die Welt noch in Ordnung war.
Ich habe ihr gesagt, das mein Bedürfnis dazu im Moment nicht so groß ist, aber
später vielleicht, denn ich würde gerne mein nächstes Kind dort wieder bekommen.
Andrea war auch da. Es tut so gut, sie zu haben, ich kann mich bei ihr sehr gut
öffnen und auch alles fragen, was mich so bedrückt. Ich habe ihr die Todesanzeige
gegeben und auch fürs Geburtshaus. Sie wird auch zur Beerdigung kommen und sie
fragte, ob sie noch irgend etwas machen kann. Ja, einen Kuchen backen, so brauche
ich mich nicht darum auch zu kümmern.
Noch drei Tage. Ich habe schon einen Teil der Babysachen wieder in die Kisten
eingeräumt. Sabrina guckte ganz bedrückt. Sie konnte es nicht verstehen, was nun
los ist. Es tut mir in der Seele so weh, sie auch noch so leiden zu sehen. Sie bekommt
nun ein homöopathisches Mittel. Ich hoffe, es hilft ihr. Das Wegräumen der Sachen
hat mich ganz schön Kraft gekostet. Wieder ein Abschied mehr. Langsam sieht es hier
so aus, als wäre sie nie hier gewesen. Alles ist so wie vorher. Nur in der Stube
erinnern einige Dinge an Samira. Besonders der Altar, wo immer eine Kerze brennt.
Ein Licht für Samira. Ich habe ziemlich viel deswegen geweint, manchmal staune ich
doch, wieviel Tränen in einem sein können. Andrea hat auch für mich ein
homöopathisches Mittel rausgesucht, denn damit ich die Beerdigung auch überstehe.
Und welches mir auch etwas bei meiner Trauer hilft. Heinz Familie kommt fast
vollständig zur Beerdigung. Von meiner wird sich keiner blicken lassen. War ja auch
nicht anders zu erwarten. Nur das meine Mutter mich in diesem Moment im Stich läßt,
hätte ich nicht gedacht. Das verschlimmert den Schmerz noch mehr. In mir formte sich
der Gedanke, Samira einen Brief zu schreiben, den ich dann vorlesen werde. Mal
sehen.
Heute habe ich die restlichen Babysachen weggeräumt. Es tut so weh, zu wissen,
Samira wird diese Sachen niemals tragen. Niemals mit weiteren Erinnerungen füllen.
Ausgerechnet heute bekomme ich von der DKMS Bescheid, das ich eventuell für eine
Knochenmarkspende in Frage komme. Muß das jetzt sein? Ist es nicht zu egoistisch,
wenn ich jetzt nein sage, ich kann es nicht? Auch mit dem Gedanken, da wird dann
eventuell einer sterben, weil er das Lebensrettende Knochenmark nicht bekommen
wird? Sucht euch bitte einen anderen, aber im Moment schaffe ich es nicht. Außerdem
habe ich dabei ein sehr ungutes Gefühl, das mir dabei was passieren könnte, oder
ich nicht mehr aus der Narkose aufwachen werde, und das Risiko ist mir zu groß. Ich
hoffe, sie werden dafür Verständnis haben. Andrea hat mir heute gesagt, das auch
Birgit und Agnes bei der Beerdigung dabei sein werden. Ich finde das toll. Das soviel
Resonanz vom Geburtshaus kommt, hätte ich nicht gedacht. Aber ich finde das schön.
17.12.97
Die Beerdigung. Ein sehr kaltes, aber trockenes Wetter. Ich fühle mich, als hätte ich
Fieber. Aber es ist nicht. Kann der Körper einem so einen Streich spielen? Scheinbar.
Den Brief habe ich noch ins Reine geschrieben. Alex war früher da. Heinz hatte in der
Zwischenzeit Sabrina zu Bea gebracht, denn wenn erstmal einige da sind, dann will
sie nicht gehen, denn dann hat sie das Gefühl etwas zu verpassen, und für eine
Diskussion mit ihr habe ich keine Kraft. Ich habe das Sarggesteck abgeholt. Es ist
sehr schön geworden. Apricofarbende Rosen und weißes Schleierkraut. In der Mitte
ein kleiner Engel. Genau, wie ich es mir gewünscht hatte. Es kamen noch Heike und
Oma, die Heinz ja mitgebracht hat, dann Steffi mit den Kindern. Na ja, es wird wohl
eine kleine Beerdigung werden. Wir wollten eigentlich zu Fuß gehen, aber es war so
kalt, das wir doch das Auto vorgezogen haben. Und in der Kapelle erlebten wir eine
Überraschung. Es waren so viele da. Vor allen Dingen einige, mit denen wir gar nicht
gerechnet haben.
Andrea, Agnes, Birgit und Diana, die Hebammen vom Geburtshaus.
Andrea, Monika und Beate meine Arbeitskollegen.
Alex, Petra mit Merlin, unsere Freunde.
Susanne, Maren, Steffi, Melanie, Tanja, Dorothee und Werner von unserem
spirituellen Kreis.
Mama, Heike, Uwe und Erik, Heinz Geschwister.
Dr. Römhild, unser Kinderarzt und
Axel unser Pastor.
Axel hat eine sehr schöne Grabrede gehalten. Zuerst hat er seine Sprachlosigkeit
eingestanden, das er auch keine Antwort dafür hat, warum ein so kleiner Mensch
sterben muß. Und dann hat er den Bibelspruch genommen, die Trauernden werden
getröstet werden. Er hat das so schön gemacht. Danach habe ich meinen Brief
vorgelesen.
Samira,
in Liebe haben wir Dich empfangen.
Voller Freude war die Zeit
der Erwartung.
Du warst früh so präsent,
immer da.
Ein Teil der Familie.
Jeder Gedanke drehte sich nur um Dich.
Das Warten wurde lang.
Wir malten uns die Zukunft
in den schönsten Farben aus.
Dann war er da,
der langersehnte Augenblick.
Nach einer wunderschönen Geburt
hielten wir Dich im Arm.
Du, unser Engel,
unser strahlender Stern.
Unser Herz sprudelte über vor
grenzenlosem Glück.
Ein Traum war wahr.
Liebe sprach auch jedem Blick,
Zärtlichkeit aus jeder Geste.
Glaube, Liebe, Hoffnung,
sie zerplatzte wie eine Seifenblase.
Ein schwerer Herzfehler, den wir nie erahnt haben.
Eine Entscheidung mußte getroffen werden,
eine schwere, aber die einzig Richtige.
Unser Herz zerriß.
Wir füllten die letzten 6 Tage mit
unserer ganzen Liebe
und übersprießender Zärtlichkeit.
Wir gaben Dir alles,
was in unserer Macht stand.
Unser ganzes Herz war offen.
Trotz allem beten, allem hoffen, aller Liebe,
Du gingst von uns.
Es bleibt eine große Lücke,
viel Schmerz und viel Traurigkeit.
Ein blutendes Herz.
Aber auch dieser Schmerz wird vergehen,
mit der Zeit.
Und dann wird die Lücke sich füllen,
mit all den schönen Erinnerungen,
die wir mit Dir in dieser kurzen Zeit erfahren haben.
Samira, hab Dank,
das wir diese überprießende Liebe
mit Dir spüren, sehen und erfahren durften.
Du wirst für immer einen besonderen Platz
in unserem Herzen haben,
Du, unser Engel,
unser strahlender Stern.
Es fiel mir sehr schwer, das vorzulesen. Mein Herzblut steckte in diesem Brief. Aber
ich war froh und erleichtert, als ich es geschafft hatte. Vieles an diesem Tag kam mir
schon so unwirklich vor. Danach wollten wir eigentlich das Halleluja gemeinsam
singen und dann einen Lichterkreis bilden, aber die 6 C°
Minus krochen uns langsam an den Beinen hoch und wir haben es vorgezogen, lieber
nach Hause zu fahren. Dort haben wir noch ein wenig Zeit gemeinsam verbracht. Nur
die Stimmung war nicht danach, das Lied hier zu singen. Es war auch so sehr schön.
Wir haben sogar gelacht. Ich war einfach erleichtert, diesen Tag überstanden zu
haben. Später holte Heinz Sabrina dann wieder ab. Ich war froh, sie in meinen Armen
zu spüren. Ich mußte diese Leere füllen, aber Sabrina ist nur äußerlich. Und in mir ist
diese leere und ich weiß nicht, wie sie füllen soll. Kann mir das keiner sagen?
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