„Komm schon, das Haus ist klasse, Ava

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Bonne
Nuit
1
Das alte neue Haus
„Komm schon, das Haus ist klasse, Ava! Warte erst mal ab bis du es gesehen hast!
Es ist riesengroß, du hast ein eigenes Badezimmer und wir könnten den Dachboden ausbauen.
Du hast ungemein viel Platz! Zudem steht das Haus in einem riesengroßen Wald, der
komplett dazu gehört. Das Grundstück ist an die zwanzigtausend Quadratmeter groß! Es wird
dir gefallen, ganz sicher.“, versuchte Marina Bausch ihre Tochter Ava von dem neu
erstandenen Haus zu überzeugen.
Marina Bausch war eine Weltberühmte Krimiautorin, und hatte sich ein neues, oder besser
gesagt altes, Haus von ihrem nicht gerade kleinen Vermögen gekauft.
„Mom, Menschen sind in diesem Haus umgekommen! Hast du darüber schon mal
nachgedacht? Man weiß bis jetzt nicht warum! Glaubst du das wir von dem Fluch verschont
bleiben?“, meinte Ava, der schon bei der Vorstellung von getöteten Menschen ein Schauer
über den Rücken lief.
Sie teilte die Vorliebe ihrer Mutter für Krimis ganz und gar nicht. Verbrechen, Leichen, und
alles andere fand sie abstoßend und schrecklich. Daher war es kein Wunder, dass sie
keinesfalls in so einem Haus leben wollte.
Langsam war ihre Mutter genervt: „Ava, es gibt keinen Fluch! Ja, Menschen sind gestorben,
aber das tun sie nun mal! Es waren nie junge Leute die gestorben sind, es waren alle etwas
Ältere. Sie hatten wahrscheinlich nur Herzinfarkte“
Ava konnte nicht glauben, dass ihre Mutter so naiv war.
Sie schien nicht wahr haben zu wollen, dass es nicht nur in ihrer fiktiven Welt Verbrecher und
Mörder gab, sondern auch in der realen und dass es keine Zufälle waren, dass die Menschen
gestorben waren.
Ava hatte in diesem Punkt recherchiert, und herausgefunden, dass alle Toten Bisswunden
hatten die zu keinem bekannten Tier passten. Ava war zwar nicht die Beste in Biologie, aber
war sich sehr sicher, dass Bisswunden nicht zu der Symptomatik eines Herzinfarktes passten.
Gerade als das preisgeben wollte, redete Marina weiter: „Außerdem inspiriert mich das Haus
mit seiner Vorgesichte bestimmt zu einem neuen Roman.“
Ava schüttelte verächtlich mit dem Kopf, wobei ihre dicken dunklen Locken herumflogen.
Erfolg, Erfolg, Erfolg. In ihren Augen war das das Einzige wofür sich ihre Mutter
interessierte.
Die restlichen paar Minuten des Weges verbrachten sie mit Schweigen.
Marina dachte über den Dachbodenausbau nach, und ihre Tochter über die Geschichten ihres
neuen Zuhauses.
Ihre Freundin Rabea Kunte, die auch in dem Ort wohnte wo sie hinzogen, hatte ihr so viel wie
möglich über das „Haus des Schreckens“ erzählt. Das war jedoch nicht so einfach gewesen,
denn das Haus wurde von Einheimischen gemieden, ebenso wie der zugehörige kleine Wald,
der das Haus umgab. Es rankten sich zwar viele Legenden um das Haus, die Rabea
weitererzählen konnte, aber sobald die beiden unzertrennlichen Freundinnen versucht hatten
näheres in Erfahrung zu bringen, geschah jedes Mal das Gleiche. Der ins Verhör Genommene
musste ganz plötzlich etwas erledigen, und brach das Gespräch abrupt ab.
Ava war so in Gedanken versunken, dass sie zuerst gar nicht merkte, wie ihre Mutter zuerst
langsamer wurde, und schließlich vor einem Tor anhielt.
Es war aus Eisen und schon sehr rostig, zudem sah das Tor aus, als würde es schon bei der
kleinsten Berührung fürchterlich quietschen.
An beiden Enden waren riesige Marmorblöcke mit nicht gerade nett aussehenden
Drachenstatuen auf der Oberseite. Sowohl die Statue, als auch der Block waren von der Natur
in Besitz genommen, und im Laufe der Jahre mit Moos und Efeu überzogen worden.
Fasziniert stieg Marina aus und öffnete mit dem erwarteten Quietschen das Tor. Ihre Schlanke
Figur und die langen glatten braunen Haare passten in Avas Sicht nicht zu dem Beruf den sie
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ausübte. Diese Tatsache fiel Ava umso deutlicher auf, als ihre Mutter vor dem schäbigen alten
Haus stand. Sie schüttelte den Kopf und dachte: „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht,
oder sollte ich lieber sagen Schönheitssalon und Müllcontainer?“
Die Krimiautorin stieg wieder ein, rieb sich vor Vorfreude die Hände, und begann das letzte
Stückchen des Schotterweges hochzufahren.
Ava fing an sich dem Wald etwas genauer anzusehen.
Sie war erstaunt darüber, dass kein einziger Baum Blätter trug. Alle waren kahl und knorrig.
Es erinnerte sie an den verbotenen Wald aus den Harry Potter Romanen. Als ihre Mutter
erneut stehen blieb, erblichte Ava das Haus zum ersten Mal von nahem.
Der Name „Haus des Schreckens“ passte perfekt zu seiner äußerlichen Erscheinung.
Es war groß, dunkel und mit Holz verkleidet und sah schon sehr verwittert und mitgenommen
aussah. Es hatte keine Jalousien, sondern Fensterläden, die größtenteils kaputt waren.
Das Dach war mit Schieferschiendeln gedeckt, die zum Teil mit Moos überzogen waren. Eine
kleine Veranda erstreckte sich vor der Haustür. Auf ihr standen zwei Schaukelstühle, die
wahrscheinlich so morsch waren, dass schon ein Rabe reichte, um sie zusammenbrechen zu
lassen.
Nachdem Ava den ersten Schrecken überwunden hatte, und ihren Mund wieder zugeklappt
hatte, siegte die Neugier und sie wollte in Erfahrung bringen, zu welchem Raum die Fenster
hinter den Schaukelstühlen gehörten. Doch sosehr sie sich auch anstrengte, es war unmöglich
durch die stark verschmutzten Fenster zu blicken.
Als sie aus dem Auto stiegen, wunderte sich Ava über die plötzliche Kälte.
Wo Marina und ihre Tochter losgefahren waren, hatte die Sonne geschienen, und es war
warm gewesen.
Wenn die Bäume Blätter gehabt hätten wäre die Kälte ja verständlich gewesen, doch bei den
kargen Stämmen war es ein kleines Wunder, dass keine Wärme durchkam.
„So, das ist also das Traumhaus?“, fragte Ava sarkastisch und wollte am Liebsten wieder ins
Auto steigen und zurück zu ihrer alten Wohnung fahren.
Gerade als ihr Mutter antworten wollte, durchzuckte ein Blitz den Himmel, und es fing an zu
schütten wie aus Eimern.
„Na das ist ja ein toller Empfang...“, lachte Marina, schloss die Tür auf, und flüchtete ins
Innere des Haus des Schreckens.
Ava rannte hinter ihr her, und ehe sie sich versah stand sie in dem Haus, das sie eigentlich gar
nicht hatte betreten wollen.
Drinnen wurden sie von einem muffigen Geruch empfangen. Zudem war die Luft extrem
staubig, was nicht sehr angenehm war.
Marina tastete nach einem Lichtschalter und knipste eine von der Decke hängende Glühbirne
an.
„Der Lampenschirm war letztes Mal als ich hier war noch dort oben, und lag nicht hier unten
auf dem Boden“, meinte Marina, doch anstatt noch länger darüber nachzudenken, tat sie es
mit einem Achselzucken ab, „Na ja, es war ja nicht mehr die jüngste Lampe.“
Ava verkniff sich eine Bemerkung und sah sich stattdessen um; es war ein relativ langer, aber
schmaler, Flur der am Ende in einer Wendeltreppe endete.
Die erste Tür zu ihrer Linken führte zur Küche, die nicht nur so aussah als wäre sie steinalt.
Unter einer dicken Staubschicht konnte man erkennen, dass die Küche in einem dreckigen
gelb gefliest war.
Auf der schwarzen Arbeitsplatte gab es keinerlei elektronische Geräte, sondern nur ein
Messerblock, wo ein Messer fehlte.
Wie Ava wusste hatte sich der letzte Hausbewohner damit das Leben genommen – aus
ungeklärten Gründen.
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„Ich weiß, die Küche sieht ein bisschen veraltet aus, aber ich habe schon einen Kühlschrank
und eine Spülmaschine einbauen lassen. Der Rest kommt nachher mit dem Umzugswagen.“,
meinte Marina, und besah sich den Messerblock mit einem Lächeln auf den Lippen.
Ihre Tochter kannte dieses Lächeln nur allzu gut; ihre Mutter hatte dann meistens einen
Einfall für einen Roman. Eigentlich fand Ava das gut, denn dann bekam sie Marina nur selten
zu sehen, weil sie dann an ihrem heißgeliebten Computer sitzt und ununterbrochen schreibt.
Doch unter diesen Umständen fand sie es einfach nur grausam. Wie konnte sie nur die
schreckliche Geschichte eines Mannes für einen ihrer blöden Romane missbrauchen? Zum
zweiten Mal an diesem Tag schüttelte sie den Kopf.
Das nächste Zimmer war das Wohnzimmer auf der rechten Seite.
Es standen noch zwei alte beigefarbene Sessel im Raum, eine Kommode und ein Schrank aus
Nussbaumholz. An einer Wand war ein Kamin, der wunderschön gearbeitet war. Alles in
allem war noch relativ gut erhalten, und auch wieder in die Mode gekommen. In dem Raum
war Parkett verlegt, dessen Farbe recht hell war, an einer Stelle aber rot.
Als Ava klar wurde, dass der Fleck getrocknetes Blut war das von dem Suizid-Opfer stammte,
lief ihr ein Schauer über den Rücken.
„Mom, wir legen hier doch einen anderen Boden, oder?!“
Zuerst wollte Marina Nein sagen, aber als sie in das bleiche Gesicht ihrer Tochter blickte
sagte sie: „Wenn dir dann wohler ist, lasse ich einen anderen Boden legen, ja.“
Im Erdgeschoss gab es noch ein blaues Bad und einen kleinen Raum, den sie als
Abstellkammer benutzen wollten.
Als sie eine Etage höher gingen knackte die alte Treppe nicht einmal.
Auch oben gab es ein Bad, das aber etwas kleiner war als das von unten und noch vier weitere
Räume. Zwei davon waren mit einer Verbindungstür verbunden.
„Schatz, schau mal. Was hältst du davon, wenn du das Verbindungszimmer nimmst, und aus
einem machst was du willst? Zumindest bis wir den Dachboden ausgebaut haben?“, fragte die
Schriftstellerin Ava lächelnd nicht ganz uneigennützig. Sie wollte ihrer Tochter das Haus so
schön wie möglich machen.
„Oh mein Gott! Ist das dein Ernst?“, fragte diese begeistert, beruhigte sich aber schnell wieder
und fragte: „In den Räumen sind aber keine Leute gestorben?“
Nachdem Marina dies verneint hatte, kamen die verschiedensten Ideen zum Vorschein, was
man mit den Räumen machen könnte.
Vom begehbaren Kleiderschrank über ein Fotolabor bis zu einer Bibliothek war alles dabei.
Von dem Dachbodenausbau war jetzt keine Rede mehr.
4
Das Rollen in der Wand
„Ava, der LKW ist da!“, rief Marina die Treppe hinauf.
Sie ging zum Tor, und ließ den Wagen passieren.
Der Mann am Steuer war so nett, und half den beiden schnell die vielen Umzugskartons und
Möbel vor das Haus zu tragen. Sie ins Haus zu tragen verweigerte er seltsamerweise.
Ava dachte sofort an die Schauergeschichten um das Haus. Selbst der Fahrer aus einem
anderen Dorf wusste davon.
Langsam wurde alles ein bisschen merkwürdig.
„Hoffentlich,“, dachte sie „wird wenigstens Rabea zu mir ins Haus kommen.“
Nachdem sie die Sachen in das Haus getragen und die Möbel aufgebaut hatten, war es schon
recht spät geworden, und Familie Bausch ließ sich in die frisch aufgebauten Betten fallen.
Anfangen mit den Renovierungsarbeiten wollten sie erst am nächsten Morgen.
Ava hatte gerade ein paar Stunden geschlafen, als sie von einem Geräusch geweckt wurde.
Sie schreckte hoch. Da, da war es wieder! Es hörte sich an, als würde etwas hin und her
rollen, etwas direkt in ihrer Wand!
„Ganz ruhig,“, dachte Ava „es ist bestimmt nur ein Ball im anderen Raum. Wir haben
bestimmt ein Fenster aufgelassen, so dass er jetzt durchs Zimmer rollt. Genau, das muss es
sein.“
Ihr gelang es nach einiger Zeit wieder einzuschlafen, doch der Schlaf war nicht erholsam, da
sie von rollenden Ungeheuern und Messern träumte.
Am nächsten Tag fingen die neuen Bewohner des Hauses an, die dicken Staubschichten von
den Möbeln zu wischen und machten sich an die Einkäufe von den Farben, Tapeten und
anderen Sachen. Zudem brauchten sie einen Raumteiler, denn nach langem überlegen war
Ava endlich klar, was sie aus dem Anschlussraum machen wollte.
„Mom,“, hatte sie gefragt, „können wir nicht zwei Räume draus machen, das Zimmer ist doch
groß genug. Ich könnte dann die eine Hälfte zur Leseecke machen, und die Andere zu einem
kleinen Labor.“
Ihre Mutter hatte eingewilligt, denn sie wusste, dass Ava sowohl Chemie, als auch Lesen
liebte.
Früh am Morgen hatten beide einige Telefongespräche geführt, die dafür verantwortlich
waren, dass nach den Einkäufen viele Helfer (aus der alten Heimat und so unwissend von den
Legenden) vor dem Schreckenshaus standen. Auch Rabea war gekommen, nachdem sie ihre
Eltern hatte überzeugen können, dass sie nicht allein durch den Wald gehen würde, oder allein
in dem Haus wäre.
Die erwachsenen Heimwerker nahmen sich Küche, Wohnzimmer, Büro, die Bäder und
Marinas Schlafzimmer vor und Familie Bausch nahm zusammen mit Rabea die
Verbindungszimmer in Angriff.
Während überall anders nur gestrichen wurde, wurde in Avas Räumen tapeziert, gefliest, und
eine Trennwand gebaut.
Nach mehreren Stunden, viel Kaffee und Wasser, duzenden Brötchen und literweise Schweiß,
hatten alle Räume endlich neue Farben.
Die Küche war nicht länger in einem dreckigen Gelb gestrichen, sondern in einem hellen
freundlichen.
Das Wohnzimmer erstrahlte in einem dunklem Rot und in einem Beige passend zu den
Möbeln, die Bäder in verschiedenen Blautönen, das Büro in schlichtem weiß und Marinas
Zimmer ebenso, nur sie hatte viele Zitate und Sprüche in dunklem Grün an den Wänden
stehen. Avas Schlafzimmer war mit Längsstreifen-Tapeten tapeziert worden.
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Der angrenzende Raum war nun durchteilt, und war auf der einen Seite voll mit vollen
Bücherregalen, sodass man gar nicht mehr viel Dunkelrot streichen musste.
Die andere Seite war weiß verfließt worden, denn eine Laborwand musste schließlich
abwaschbar sein.
Ava und Rabea waren nun allein in dem Zimmer und wollten es noch ein bisschen
verschönern.
Marina hatte vor sämtliche Fenster zu putzen, und so hatten die beiden Freundinnen jede
Menge Zeit.
„Womit fangen wir an? Dekokram oder Bilder?“, fragte Rabea und ahnte schon was ihre
Freundin sagen würde.
„Mit den Bildern. Natürlich.“, gab sie sich selbst die Antwort.
Ava hatte aus ihrem alten Haus ihre Bilder mitgebracht, aber auch bei der Einkaufstour noch
welche dazu gekauft, die sie nun lachend auspackte.
Nach kurzem Überlegen stand fest, welches der Bilder zuerst an die Wand sollte. Doch als sie
es aufhängen wollten, fiel ihnen etwas aus, was sie abermals zum Lachen brachte.
„Na, wir sind ja tolle Handwerker. Etwas aufhängen zu wollen ohne das Werkzeug zu haben.
Ich hol schnell Hammer und Nägel...“, meinte Rabea nachdem sie sich wieder einigermaßen
eingekriegt hatte.
Mit diesen Worten flitzte sie die Treppe hinunter.
Ava sah sich in ihrem neuen Zimmer um.
Sie hatte jede Menge Platz an den Wänden, und konnte viel mehr aufhängen als es in der alten
Wohnung möglich gewesen war.
„Vielleicht,“, dachte sie, „ist das Haus doch gar nicht so schlecht.“
Sie wollte gerade die Bilder auf das Bett legen, als Rabea (schon wenige Sekunden nachdem
sie den Raum verlassen hatte) wieder in das Zimmer gestürmt kam.
„Hier...Hammer und Nägel...lagen in Küche.“, keuchte sie.
Nachdem sie wieder zu Atem gekommen war ergänzte sie: „Ich hab extra lange Nägel
genommen, weil die Wände ja so dick sind.“
„Ja, sind sie. Seltsam, oder? Warum baut man so dicke Wände?“, fragte Ava stirnrunzelnd.
„Vielleicht sind hier ja Geheimgänge. Obwohl, so dick sind die Wände auch wieder nicht.....“,
meinte ihre beste Freundin.
„Na ja, was soll’s? Was meinst du? Wo soll das Bild hin?“, fragte die Tochter der
Schriftstellerin.
Sie entschieden sich für die Wand hinter dem Bett, weil es die Einzige ohne Fenster oder Tür
war, und das Bild recht groß war.
Sie nahmen Maß und setzten den Nagel an.
„Wer schlägt das erste Loch?“, fragte Ava.
„Na, du natürlich! Es ist doch dein Zimmer, und nicht meins!“
Ava seufzte und schlug fast zärtlich den Nagel in die Wand, oder besser gesagt, versuchte es,
denn schon nach dem ersten Schlag merkte sie wie die Wand nachgab.
„Hey Rabea! Das ist nur eine ganz dünne Wand! Ich hab sie schon durchschlagen!“, sagte
Ava erstaunt.
6
Der Traumprinz
Rabea trat näher an das winzige Loch.
„Vielleicht ein Lüftungsschacht.“, meinte sie.
Die Mädchen entschieden sich dafür Marina einzuschalten, doch sie war der gleichen
Meinung wie Rabea.
Trotzdem machte sie das Loch noch ein wenig größer, um Ungeziefer auszuschließen.
Nachdem sie gegangen war besahen sich die beiden Mädchen es nocheinmal genauer.
„Ava, du hast mir doch erzählt, dass du etwas rollen gehört hast, und es sich anhörte, als käme
es direkt aus deiner Wand! Was wenn das hier damit zutun hat? Ich meine, hier könnte doch
ein Tier wohnen, zumindest würde hier eins durchpassen. Der Schacht ist bestimmt fünfzig
Zentimeter hoch, und auch genauso breit.“, sagte Rabea aufgeregt.
„Du glaubst doch nicht etwa an Fabelwesen, oder?“, fragte Ava zweifelnd.
„Nein, eigentlich nicht. Meine Phantasie geht schon mit mir durch.“, meinte Rabea
entschuldigend.
„Kein Problem, ich fänd’s ja auch ganz cool wenn es so was gäbe...“sagte Ava.
Nachdem die beiden noch Bilder aufgehangen und zudem ausreichend über Jungs geplaudert
hatten, verabschiedeten sie sich.
Gegen den Willen ihrer Eltern ging Rabea allein durch den düsteren Wald, auch wenn sie
keine Angst hatte, beeilte sie sich dennoch wieder in die schon untergehende Sonne zu
kommen.
Wieder Schreckte sie aus ihrem Traum auf.
Wieder hatte sie etwas gehört.
Wieder schien es direkt aus ihrer Wand zu kommen.
Doch diesmal war es anders, es rollte nicht nur, nein, es sprach auch noch!
„Aaaavvvvvaaaaa! Ich komme dich holen! Dich und deine Mutter! Ihr werdet mir nicht
entkommen! Ihr seid genauso leicht zu schnappen wie die anderen vor euch…glaub mir.
Bonne nuit. “
Die Stimme war kratzig und rau. Die Worte mit Eiseskälte und Mordlust geflüstert.
Hier konnte sie nicht länger bleiben, sie musste irgendetwas unternehmen!
Rabea! Sie musste ihr helfen können!
Ava entschied sich ihrer Mutter nichts von der Stimme und dem Rollen in der Wand zu
erzählen. Sie würde es nicht ernst nehmen, es aber dafür in ihren neuen Roman einbauen.
Ava sah sich in ihrem Zimmer um damit sie alles Unnatürliche ausschließen konnte.
Es waren zwar keine Monster in ihrem Zimmer, dafür aber jede Menge gruselige Schatten die
durch ihr Fenster fielen. Sie sah auf ihrem Wecker. Es war schon halb zwei. Um diese Uhrzeit
konnte sie unmöglich noch bei ihrer Freundin anrufen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als in
ihrem Zimmer zu bleiben.
In dieser Nacht tat sie kein Auge mehr zu.
Am nächsten Morgen beeilte Ava sich Rabea zu kommen.
Sie wollte keine Minute länger als nötig in diesem verfluchten Haus bleiben.
„Mom, ich fahr’ zu Rabea! Ich weiß noch nicht wann ich wiederkomme. Bis dann!“,
verabschiedete sie sich von ihrer Mutter, wartete erst gar keine Antwort ab, schnappte sich ihr
Rad und fuhr so schnell es ging aus dem Wald heraus.
Als Ava diesen zurückgelassen hatte, wurde sie ruhiger und radelte langsamer. Zum ersten
Mal seit sie hier lebte, konnte sie sich die anderen Häuser genauer ansehen. Die Meisten
waren Fachwerkhäuser, die wunderschön waren. Natürlich gab es auch Steinhäuser, die dann
aber auch wie kleine Villen gebaut waren.
„In diese schöne Stadt sollte man auch nichts anderes bauen dürfen.“, dachte Ava.
7
Als sie dann an der Kirche vorbeikam, hielt sie an um Fotos zu machen.
Noch ein paar Straßen, dann war sie bei Rabea. Sie dachte an ihre Freundin, die liebend gern
Eis aß und entschied dass sie noch kurz an der Eisdiele anhalten würde.
Ava fuhr langsamer und hielt schließlich vor dem Café an.
Sie stieg vom Rad, ging die steinernen Stufen hoch, und stellte sich an die Schlange hinter
einen Jungen an.
Schon von hinten fiel ihr auf, dass er gut aussah.
Er hatte dunkelblondes leicht lockiges Haar und war recht groß. Die schlanken Arme, die aus
seinem T-Shirt, schauten waren muskulös.
Als er auch noch genau das Selbe bestellte wie sie wollte, war sie überzeugt dass das kein
Zufall sein konnte.
Er bekam sein Eis in die Hand gedrückt und drehte sich zu ihr um.
Ava war, als hätte sie einen Schlag in den Magen bekommen.
„Mein Gott, der sieht von vorne ja noch besser aus als von hinten… bitte sprich mich an, bitte
sprich mich an.“, dachte sie, und fing unbewusst an mit ihren schwarzen Locken zu spielen.
„Hey, hallo. Bist du neu hier? Ich mein, ich hab dich hier noch nicht gesehen...“, sagte der
Junge etwas verlegen.
Gerade als Ava etwas erwidern wollte, sprach die Bedienung sie genervt, und wohl zum
wiederholten Male, an: „Hallo?! Was kann ich für Sie tun?“
„Zwei mal das Selbe wie zuvor...“, meinte Ava ohne sie eines Blickes zu würdigen.
„’tschuldigung, ja ich bin neu hier. Ich heiße übrigens Ava.“, sagte sie.
„Ava. Cooler Name. Ich bin Jasper.”
Ava dachte an Rabea, aber die wusste ja nichts von ihrem kommenden Besuch, es konnte also
noch warten.
Jasper und sie setzten sich draußen auf eine Mauer nahe der Eisdiele und aßen gemeinsam ihr
Eis: Kinderschokolade, Himbeere und Joghurt.
Zuerst erzählte er von sich, bis er seine neue Bekanntschaft aufforderte auch etwas von sich
zu preiszugeben. Ava erzählte von sich, und ihrem Zuhause, von wo sie hergezogen waren
und einiges mehr. Als sie feststellte dass Jasper nicht im geringsten erschrocken über das
Haus war, aber trotzdem über die Legenden bescheid wusste, fasste sie sich ein Herz und
wollte ihm von den Geräuschen erzählen: „Hey, ich hoffe du hältst mich jetzt nicht für
verrückt, zumal du ja die alten Geschichten kennst,.....“
„Ich halte dich nicht für verrückt, ich verspreche es.“, meinte er beruhigend, und legte seine
Hand auf ihre.
Ein kribbeln fuhr durch Avas Körper, dass nichts mit dem Eis, oder mit dem Geräuschen zu
tun hatte. Sie vertraute ihm. Es war als würden sie sich schon ewig kennen. Dieses Gefühl war
auch einer der Gründe, warum sie nicht stockte, sondern weiter sprach.
„Na ja, ich habe Nachts Etwas gehört... zuerst war es ein Rollen in der Wand, dann letzte
Nacht war es eine Stimme... die hat gesagt, sie werde uns holen kommen, wir würden nicht
verschont bleiben, schließlich hätte sie die anderen auch gekriegt.“, ihre Stimme wurde immer
leiser und brüchiger, Ava merkte dass sie anfing zu zittern. Sie räusperte sich, doch auch das
half nichts.
„Mein Gott, sei doch nicht so ein Waschlappen! Lernst du einmal einen tollen Typen kennen,
fängst du sofort an zu flennen!“, schallte sie sich in Gedanken.
Doch zu Avas Überraschung fing er nicht an zu lachen, oder sonst etwas, sondern meinte:
„Hey, alles wird gut. Vertrau mir.“
Hieße Tränen brannten Ava in den Augen, die sie versuchte wegzublinzeln.
Jasper, der die zurückgehaltenen Tränen bemerkte, bot Ava an sie bis zu Rabea zu begleiten.
Bevor sie jedoch losfuhren kauften sie noch mal die drei Kugeln Eis, weil der Becher für
Rabea mittlerweile geschmolzen war.
Es war schon Nachmittag als sie losradelten.
8
„Schade,“, dachte Ava „dass der Weg nur noch so kurz ist.
„Hey, Ava? Hast du morgen was vor? Ich meine nicht für die Gespensterjagt, sondern, na ja,
also...“, stammelte Jasper, der die Befürchtung hatte Ava nicht mehr wiederzusehen.
Ava, die verstand, meinte lächelnd: „Klar, ach nenn mich einfach Vivi, das klingt nicht so...
komisch.“
„Okay,...cool.“
„Also, hier sind wir, hier wohnt Rabea. Ruf mich morgen doch mal an.“, der letzte Satz kam
Ava nicht so leicht über die Lippen wie sie gewollt hatte.
Sie schloss ihr Rad an und winkte Jasper zu, der gerade umdrehte und im Begriff war zu
fahren.
Lächelnd drehte sie sich um und klingelte bei Rabea.
„Hi Vivi! Hey cool! Du hast Eis mitgebracht! Was lächelst du denn so? Warte, lass mich
raten, du hast beim Eis kaufen deinen Traumprinzen getroffen?“, begrüßte Rabea ihre
Freundin.
Das mit dem Traumprinzen hatte sie eigentlich nicht ernsthaft gemeint, aber als Vivi mit
einem gehauchten „ja“ antwortete ahnte sie dass sie es ernsthaft nahm.
„Erzähl mir alles. Wie heißt er, ist er süß – natürlich ist er das, wohnt er hier?“, meinte sie
aufgeregt und zog Vivi ins Haus.
9
Ein verdammter Wecker
Rabea wohnte in einem kleinen Fachwerkhaus bei dem das Dach bis fast auf den Boden
reichte. Sie hatte ein riesen großes Zimmer unter dem Dach, wo die Decke erst über den
Dachsparren anfing, an denen sie eine Hängematte gehängt hatte, in der die Freundinnen nun
saßen.
Sie verharrten dort fast eine Stunde in der Vivi nur von Jasper erzählte und die Stimme
vergaß, bis Rabea darauf zu sprechen kam.
Schlagartig erinnerte Ava sich an die vergangene Nacht.
„Ava! Was ist los? Geht’s dir nicht gut?“, fragte Rabea ihre auf ein Mal leichenblasse
Freundin.
„Bea, gestern,.... gestern Nacht,..... die Stimme... , kein
Entkommen sagte sie.“, schluchzte Ava in den Pullover von Rabea, die sie in den Arm
genommen hatte.
Bea versuchte sie zu beruhigen: „Ganz ruhig, Vivi. Hol mal tief Luft und erzähl mir noch mal
genau was passiert ist.“
„Also: ich bin gestern Nacht aufgewacht, wieder von diesem Rollen. Dann war da eine
Stimme. Sie war ganz kratzig, so rau. Sie sagte dass wir nicht verschont bleiben würden, dass
sie uns holen würde. Jetzt weiß ich warum der alte Hausbesitzer sich umgebracht hat.“, sagte
Ava nachdem sie ein paar mal Luft geholt hatte.
„Vivi, du darfst nicht auf den gleichen Gedanken kommen!“, sagte Bea nachdrücklich, weil
sie wusste dass Ava früher geritzt hatte, weil ihre Mutter immer fort gewesen war.
Sie hatte eine Therapie hinter sich, und galt als geheilt. Doch nun bei der Belastung hatte
Rabea Angst, dass sie wieder anfangen würde sich zu verletzen.
Ava konnte sie beruhigen: „Hey, ich bin verknallt! Total! Da fange ich doch nicht wieder an
mit alten Sachen mein Leben kaputt zu machen.“
Sie vereinbarten nach einem kurzen Telefonat, dass sie sich morgen mit Jasper bei Ava treffen
würden um einen Plan gegen „die Stimme“ auszubrüten.
Nach einem weiteren Gespräch stand fest, dass Ava bei Rabea schlafen würde.
Am Morgen nach den Telefongesprächen kam eine verschlafene Stimme aus dem Schlafsack
vor Rabeas Bett: „Hier schläft’s sich doch besser als in unserem Spuckgemäuer.....“
„Hab ich doch gesagt.“, gähnte Rabea als Antwort.
„Sag mal Bea, wie spät is es eigentlich? Wir wollten uns doch um 11.30Uhr mit Jasper
treffen.“
Schlagartig waren beide wach. Rabea schmiss die Decke von Bett.
„Scheiße, wo is’ denn bloß mein verdammter Wecker abgeblieben? Der stand doch gestern
Abend noch hier irgendwo...“
Sie warf das Kissen weg, hob die Matratze hoch und krabbelte schließlich noch unter ihr Bettjedoch ohne Erfolg. Der Wecker war nicht zu finden.
Plötzlich klingelte etwas.
„Das ist er, das ist mein Wecker! Wo kommt das Gebimmel bloß her?“, hörte Rabea auf.
„So verrückt das jetzt klingt, ich glaube, es kommt aus meinem Schlafsack.“, stutzte Ava.
Sie kletterte umständlich aus ihrem Schlafgemach und machte zog den Reißverschluss bis
unten auf. In der letzten Ecke klingelte der vermisste Wecker.
Ava fischte ihn heraus und sah auf das Ziffernblatt.
„Oh verdammt, schon fünf vor elf!“, rief Ava, und war noch im gleichen Moment auf den
Beinen um sich den Schlafanzug vom Körper zu streichen, und in ihre Klamotten zu
schlüpfen.
Ihre Freundin reckte sich und kam langsam aus ihrem Bett. Von ihrem Elan als sie dem
Wecker gesucht hatte, war jetzt nichts mehr zu sehen.
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Als auch sie sich endlich umgezogen hatte hetzten sie in die Küche, schmierten sich je ein
Toast und waren schon auf dem Weg zu ihren Fahrrädern, als sie den letzten Bissen aßen.
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Flusen oder Stachel?
„Fünf vor halb zwölf, gerade noch mal Glück gehabt. Mal gucken, ob dein Traumprinz auch
pünktlich ist, besser gesagt, ob er überhaupt kommt.“, meinte Rabea schnaufend sie fuhr sich
mit der Hand durch die schulterlangen roten Haare.
„Natürlich kommt er. Wenn ich’s dir doch sage.“, antwortete Ava und schob ihr Fahrrad in
die Garage.
Sie waren gerade auf dem Weg zur Haustür, als sie eine Stimme hörten: „Vivi!“
Ava und Rabea drehten sich um, und sahen Jasper ebenfalls auf einem Fahrrad kommend.
„Du hast ihm erlaubt dich Vivi zu nennen? Oh, das muss was ernstes sein...“, raunte Bea ihr
lächelnd ins Ohr.
Jasper kam auf die Beiden zu, gab Ava ein herzzerreißendes lächeln, und stellte sich Rabea
vor.
„Hey, ich bin Jasper, aber das weißt du ja bestimmt schon.... Rabea, richtig?“
„Ja, ganz genau. Endlich lerne ich dich mal kennen. Vivi hat mir schon alles von eurem
Eis-Treffen erzählt.....“, antwortete sie, und sah, zu ihrem Vergnügen, dass ihre Worte beide
hatten rot werden lassen.
Da keiner von beiden etwas erwiderte, übernahm sie das Reden: „Ja, okay. Wollen wir denn
dann mal reingehen?“
Sie öffnete die Haustür und sah noch aus den Augenwinkeln, wie sich die zwei Turteltauben
an die Hand nahmen. Sie schüttelte sacht mit dem Kopf, sagte aber nichts, sondern ging in die
frisch renovierte Küche, und stutzte.
„Hey, Ava. Hier liegt `n Zettel für dich.“
Ava ging auf ihren neuen Küchentisch zu, und las den Zettel ihren Freunden vor:
„,Hallo Ava. Ich musste noch kurzfristig zu einem Termin für mein neues Buch.
Komme erst irgendwann heute Nacht wieder.´ Na ja, dann haben wir zumindest Ruhe, und
gehen nicht die Gefahr ein, dass Mom uns dazwischenwuselt.“
Ava und Rabea zeigten Jasper den Rest des unteren Geschosses, und gingen dann nach oben,
wo sie zielstrebig auf Avas Zimmer zuliefen.
Nachdem die Mädchen ihm Avas Schlafzimmer gezeigt hatten, kamen sie zu dem Punkt,
weshalb sie sich eigentlich getroffen hatten.
„So, nun zu den unangenehmeren Sachen. Von der Stimme hab ich dir ja erzählt. Sie schien
direkt aus der Wand zu kommen. Direkt aus dem Schacht den Bea und ich gefunden haben.
Hier, guck dir das mal an.“, meinte Ava.
Sie ging neben ihr Bett und griff nach dem Bild. Mit zitternden Händen hing sie es ab.
„Tief durchatmen. Da ist kein Monster in der Wand...“, versuchte Ava sich in Gedanken zu
beruhigen.
Sie legte den Rahmen auf ihr Kopfkissen, trat zurück und gab das Loch frei.
Ava hatte sich dazu entschieden das Loch in der Wand so groß zu lassen, wie es ihre Mutter
gemacht hatte.
„Na gut. Vielleicht sollten wir uns den Schacht mal genauer ansehen. Hast du eine
Taschenlampe hier oben?“, fragte Jasper.
Ava nickte stumm und ging zu ihrem kleinen Nachtschrank. Sie zog eine Schublade auf, und
kramte eine Lampe hervor.
Rabea trat zu ihrer Freundin und legte ihr einen Arm um die Schultern, nahm ihr die
Taschenlampe aus der Hand und gab sie Jasper.
„Soll ich erst mal reinleuchten, und dann kommt ihr dazu?“, fragte Jasper.
Er sah Ava an und flüsterte zu Rabea: „Ich will nicht dass sie uns wegkippt. Sie ist schon jetzt
schneeweiß.“
Die Mädchen nickten, und Jasper leuchtete mit angehaltenem Atem in das Loch.
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Auf den ersten Blick war nichts Besonderes zu erkennen, geschweige denn ein Monster zu
sehen. Zur Sicherheit schwenkte er den Lichtkegel noch einmal nach rechts und nach links.
Dann wandte er sich den Mädchen zu: „Nichts zu sehen. Weit und breit nicht.“
Bea nahm Ava bei der Hand und führte sie zu Jasper.
Nachdem auch die Beiden sich vergewissert hatten dass nichts in dem Schacht auf sie lauerte,
entspannten sie sich, und Ava bekam wieder etwas Farbe.
Sie schien sogar wieder ganz bei sich zu sein; „Soll ich vielleicht Spiegel und Pinzette holen,
damit wir besser sehen können, und gegebenenfalls etwas aus dem Schacht ziehen können?“
Ava wartete erst gar keine Antwort ab, sondern ging mit festen Schritten in den
Anschlussraum.
Wenige Sekunden nachdem sie durch die offenstehende Tür verschwunden war, kam sie mit
einigem Equipment wieder zurück.
„Perfekt. Wollt ihr?“, fragte Jasper.
„Macht ihr zwei man.“, meinte Ava und versuchte gelassen zu klingen.
„Hey, wir werden herausfinden was hier vor sich geht, okay? Komm mal her...“, sprach Bea
beruhigend auf ihre Freundin ein und setzte sich neben sie.
Ava lehnte sich an sie und wurde in die Arme genommen. Auch Jasper setzte sich zu ihnen
aufs Bett und legte einen Arm um Ava.
„Was hat Vivi mal wieder für ein Glück so einen einfühlsamen Typen zu erwischen.“, dachte
Rabea mit einem Seitenblick auf Jasper.
Langsam richtete sie sich wieder auf und sagte, nun laut: „Na dann mal los! Lass uns die
Sache schnell hinter uns bringen, Jasper.“
Die zwei Freunde gingen auf das Loch zu und fingen an es millimetergenau zu untersuchen.
Als sie die rechte Seite schon fast fertig hatten, stieß Rabea einen leisen Überraschungsschrei
aus dann sagte sie: „Ich hab was gefunden! Hier, ich hab zuerst gedacht das wäre eine
Staubfluse, aber muss eine Fluse sein, denn es ist total schwarz. Gib mir doch mal bitte die
Pinzette Ava.“
Diese stand auf und ging mit dem kleinen Werkzeug auf ihre Freundin zu.
„Darf ich das rausholen? Ich kann euch ja nicht die ganze Arbeit machen lassen...“, meinte sie
lächelnd.
„Natürlich. Da vorne, siehst du es?“, willigte Rabea ein.
Ihre Freundin griff mit der Pinzette in die Wand und packte das gefundene undefinierbare
Ding.
Plötzlich wurde das so weich aussehende Material zu spitzen Stacheln.
Ava ließ es erschrocken wieder fallen. Sie spürte wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich.
Das konnte doch nicht sein! Wie konnte sich eine Fluse in Stacheln verwandeln?!
Sie packte sich an den Kopf und stöhnte auf. Das war alles viel zu viel für sie. Ihr wurde
schwindelig. Das Letzte woran sie sich erinnerte war, dass Jasper sie auffing.
13
Alte Sachen
Sie hörte seine Stimme wie durch Watte.
„Ich hole ihr ein Glas Wasser.“
Dann davoneilende Schritte.
Auch Rabea schien noch dazusein.
„Ava? Ava, sag doch was! Komm schon, wach auf!“
„Bea.....“, murmelte Ava.
Flatternd schlug sie die Augen auf.
Zuerst wollte sie fragen was passiert war, doch die Erinnerung kam von selbst so schnell
wieder, dass es fast wehtat.
„Bea! Ich...ich kann hier nicht bleiben! Was war das Zeug in der Wand?“, sie verfiel in
schluchzen.
Rabea zog sie an sich heran und redete auf sie ein, doch es half nichts. Ihre Freundin lag ihr
zitternd und weinend in den Armen.
Jasper eilte die Treppe hinauf. Als er durch die Tür treten wollte hörte er Ava weinen.
Es tat ihm im Herzen weh, sie so zu hören. Er lugte durch die angelehnte Tür und sah, dass
Rabea sie im Arm hatte. Ava konnte wirklich verdammt stolz sein, so eine Freundin zu haben.
Er lauschte auf als Ava Rabea etwas mit zitternder Stimme sagte. Er musste sich anstrengen
um alles zu verstehen, weil Ava so schluchzte.
„Ich bin so froh, dass ich Jasper kennen gelernt habe. Er ist außer dir meine einzige Stütze.
Ich hoffe, dass er es ernst mit mir meint! Ich war noch nie so verliebt!“
„Hey, er ist echt ´n toller Kerl! Ich bin mir sicher, dass er es ernst meint. Bemerkst du denn
nicht, wie er dich ansieht? Ich bin auch nicht sauer auf dich, falls du ein schlechtes Gewissen
wegen mir hast. Ich find`s gut dass du jetzt glücklich bist. Wir wollen ja keine alten Sachen
mehr zum Vorschein bringen......“
Was meinte Rabea mit ‚alten Sachen‘? Kurz dachte er darüber nach, verwarf aber die
Überlegungen, und beschloss endlich das Zimmer zu betreten.
„Das Wasser kommt! Geht’s dir besser?“, fragte Jasper besorgt. Er hatte zwar das Gespräch
mitbekommen, aber nicht Avas noch immer bleiches Gesicht gesehen.
„Ja, es geht schon wieder. Danke für das Wasser.“, meinte sie und nahm einen kräftigen
Schluck.
„Ich, ähm, ich habe gerade euer Gespräch mitbekommen...... tut mir Leid. Aber, na ja, .....“,
fing Jasper an.
„Ich lass’ euch mal alleine.“, meinte Rabea und schlich aus dem Zimmer.
„Ich wollte es nicht, ehrlich. Aber was ich da gehört habe, ich meine es ernst mit dir.“, Jasper
sparte sich alle weiteren Worte und küsste sie.
Ava hatte nach einer Absprache mit ihrer Mutter erneut bei ihrer Freundin geschlafen.
Die beiden hatten noch bis spät in die Nacht miteinander geredet; über Jasper, den Kuss und
ihr Gespräch.
Rabea hatte es geschickt vermieden das seltsame Fundstück aus der Wand zur Sprache zu
bringen.
Am nächsten Morgen kamen die Freundinnen noch schlechter aus dem Bett als zuvor.
Schließlich war es schon Mittag als sie sich auf ihre Räder schwangen und zum
Schreckenshaus fuhren.
„Hast du Lust auf ein Eis?“, fragte Rabea Ava als sie an der Eisdiele vorbei kamen.
„Au ja, klasse Idee!“, stimmte Ava zu und wurde langsamer.
Sie hielten an und kauften sich das Übliche.
„Eis zum Frühstück, das ist mal was!“, schmatzte Rabea.
14
Sie hatten ihr Frühstück ausfallen lassen, weil sie bei Ava essen wollten.
Aber ein Eis tat es auch.
Ava sah sich um.
„Lustig,“, dachte sie, „hier habe ich Jasper kennen gelernt. Das ist erst ein paar Tage her, und
schon sind wir zusammen.“
Rabea bemerkte das Lächeln auf ihrem Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Hey du Turteltäubchen! Wollen wir mal weiter?“
„Was? Ach so. Ja, also ich hab mein Eis auf.“, antwortete Ava.
15
Der Gräul
Zehn Minuten später schloss die Verliebte die Haustür auf. Ausnahmsweise war sogar ihre
Mutter anwesend. Sie stand in der Küche und blätterte die Post durch.
„Hi ihr Beiden! Bea, ich hab dich ewig nicht gesehen! Wie geht’s dir?“, fragte sie.
„Gut. Danke. Wie....“
Bevor Rabea noch etwas sagen konnte unterbrach Ava sie: „Wir wollten gerade nach oben.
Bis dann.“
Sie zog ihre Freundin aus der Küche und ging auf die Treppe zu.
„Sorry, aber ich hab’ keine Lust auf Begrüßungsfloskeln.“, entschuldigte sich Ava.
„Kein Problem. Wir sollten wirklich lieber im Internet nach Hinweisen suchen, als sich mit
Formalitäten aufzuhalten.“, meinte auch Rabea.
Sie gingen die Treppe hinauf und zogen sich im Büro zurück.
„Was soll ich in die Suchmaschine eingeben?“, fragte Rabea nachdem sie den Computer
hochgefahren hatte.
„Versuchs doch mal mit...mh,… Flusen der die Konsistenz wechselt. Oder ist das zu
umständlich?“, meinte Ava.
„Keine Ahnung. Ich versuch’s mal.“
Sie tippte den Vorschlag ein und drückte auf ,Suchen’.
„Von wegen zu umständlich! Hier sind total viele Einträge! Ich beschreib’s mal noch ein
wenig präziser.“, sagte Rabea.
Sie fügte noch ,schwarz’ und ,Stacheln’ hinzu, und ließ es wieder durch die Suchmaschine
laufen.
„Das sieht doch schon besser aus. Ich nehm’ mal gleich das Erste.“, meinte Rabea.
Sie war schon bei der zweiten Seite angelangt, als sie endlich etwas fand.
„Hier! Ich les mal vor. ,Konsistenz wechselndes schwarzes Fell das wie Flusen aussieht
gehört zu einem Gräul. Diese Sagengestalt wechselt ihr Fell sobald man es anpackt. Aus dem
flauschigen Fell werden schwarze spitzen Stacheln.’“
„Oh mein Gott! Das in diesem Haus etwas Seltsames lebt, war ja schon fast absehbar, aber ein
Gräul?! Ich habe immer gedacht, es gibt keine Fabelwesen!“, hauchte Ava mit Panik in der
Stimme.
„Ava, ich schlage vor du rufst jetzt Jasper an. Wir können mit ihm einen Plan aushecken um
den Gräuel zu stoppen… und deine Mutter lernt ihn auch endlich kennen. Was hältst du
davon?“, schlug Rabea ihrer Freundin vor.
Ava nickte und griff zum Telefon.
„Hi Jasper, ich bin’s, Ava. Was? Nein, mir geht’s gut. Kannst du vorbei kommen? Rabea und
ich haben etwas Wichtiges rausgefunden. Danke, bis gleich!“, sie legte auf und sah Rabea an.
„Ich denke wir sollten mal runter gehen, und Mom bescheit sagen. Sie weiß noch nichts von
meinem Glück...“
Die beiden Mädchen gingen runter in die Küche, wo Marina am Laptop saß und an ihrem
neuen Roman schrieb.
„Mom, Jasper kommt gleich noch. Wir haben ja nur miteinander telefoniert, und na ja, ich
habe dir nur gesagt dass ihn kennen gelernt habe, und,… also,…“, fing Ava an.
Rabea konnte das Gestammel nicht länger ertragen und machte kurzen Prozess: „Er ist ihr
Freund. Sie sind zusammen.“
Ava guckte sie kurz an, und dann ihre Mutter. Sie hätte erwartet dass ihre Mutter sie mit
Fragen durchlöcherte, oder sie anfuhr, dass sie den Typen doch erst ein paar Tage kannte.
Doch nichts der Gleichen geschah.
Sie guckte Ava glücklich an und sagte: „Ava, das freut mich! Ich bin ja mal gespannt wie
Jasper so ist. Wann kommt er denn?“
Wie auf Kommando klingelte es an der Tür.
16
Ava stand auf und öffnete Jasper, nahm ihn an der Hand und führte ihn zur Küche.
„Hallo Frau Bausch. Ich bin..“, fing er an, dann wurde er von Marina unterbrochen: „...Jasper,
ich weiß. Freut mich dich kennen zulernen.“
Nach einem kurzen Gespräch gingen die drei Freunde nach oben in Avas Zimmer.
Dort angelangt setzten sie sich und Ava erzählte ihrem Freund was sie in Erfahrung gebracht
hatten. Als sie fertig war fiel ihr etwas ein.
„Wie konnte ich nur so blöd sein? Warum fällt mir das erst jetzt ein?“, rief Ava und eilte noch
mit den Worten aus ihrem Zimmer in die Bibliothek.
„Was...?“, fing Jasper an, brach aber ab und folgte Ava.
Auch Rabea schloss sich an.
Ihre Freundin stand auf ihrer Leiter und fuhr mit dem Zeigefinger über die Buchrücken.
„Wo ist es denn...?“
Jasper sah sich, während Ava suchte, staunend um. Er war bis jetzt bloß in dem Schlafzimmer
gewesen, und hatte nichts von dem Anschlusszimmer gewusst.
„Was ist hinter der Trennwand?“, fragte er deshalb.
„Mein Chemielabor.“, antwortete Ava abwesend.
Jasper klappte der Mund auf. Seine Freundin hatte eine kleine Bibliothek, und ein Labor? Sie
musste ausgesprochen klug sein! Was wusste er wohl noch nicht über sie? Ihm fiel das
Gespräch zwischen Ava und Rabea wieder ein. Was waren die alten Sachen von denen sie
gesprochen hatten?
Avas Stimme riss ihn aus seinem Gedanken: „Hier ist es! Ich wusste doch das ich ein Buch
darüber habe!“
Sie kletterte von der Leiter und setzte sich in einen ihrer Sessel und fing an ihre Freunde
aufzuklären: „Hier. Ich habe ein Buch über Märchengestalten. Ich wette da steht auch was
über Gräule drin...ja, hier! Zuerst steht hier das Gleiche was wir im Internet gefunden haben.
Aber das war längst nicht alles. Ich lese euch vor: ,Ein Gräul lebt der Sage nach in dunklen
und feuchten Höhlen. Er kann sich auf seinen Beinen fortbewegen, oder rollen wenn er seine
Beine an den Körper legt.
Das Geschöpf hat, ähnlich wie Schlangen, Giftzähne mit denen er seine Opfer mit einem Biss
in den Arm tötet. Die einzige überlieferte Möglichkeit das Wesen zu töten besteht darin, ihm
einen alten und gesegneten Speer zwischen die Augen zu rammen. Er kann mehrere hundert
Jahre leben, sich aber nicht fortpflanzen. Deswegen sind Gräule, falls es je welche gegeben
hat, wahrscheinlich ausgestorben.’
Das ist ja erstaunlich!“
„Wir müssen nur noch wissen wo er hier lebt, und dann, auf ins Abenteuer!“, meinte Rabea.
Jasper wollte gerade fragen, woher sie einen gesegneten alten Speer herbekommen sollten, als
von unten markerschütternde Schreie kamen.
17
Ich werde euch kriegen!
„Mom!“, schrie Ava und stürzte aus dem Zimmer.
Jasper und Rabea rannten hinter ihr her und fanden sie neben ihrer blutverschmierten Mutter
auf dem Boden kauernd.
„Ruft einen Krankenwagen! Schnell, sie ist verletzt!“, rief Ava ihren Freunden zu.
Jasper tat wie geheißen während Rabea einen Verbandskasten holte.
„Ihr Arm! Er ist aufgeschnitten!“, flüsterte Rabea.
Sie öffnete geistesabwesend eine Mullbinden-Verpackung und wollte gerade provisorisch
einen Verband anlegen als ihr etwas auffiel: „Sie hat einen Flusen in der Wunde!“
Sie holte eine Pinzette hervor und griff ihn auf.
Er wurde zu einem schwarzen Stachel.
„Ava..... das war der Gräul, sieh doch, der Stachel!“, stöhnte Rabea entsetzt.
Ava fuhr zusammen.
Hatte er auch gebissen? Sie untersuchte die Arme ihrer Mutter und seufzte erleichtert auf als
sie keine Bisswunden fand.
„Keine Bisswunden! Gott sei Dank!“, raunte sie Rabea zu.
Jasper kam ins Zimmer gestürmt.
„In zwei Minuten kommt Hilfe!“, rief er.
Rabea steckte den Verband fest und stand auf. Ihr blick blieb an der beige-farbenden Wand
hängen.
„Ava......“, flüsterte sie.
Rabea zog ihre Freundin hoch und zeigte mit dem Zeigefinger an die Wand.
„Dafür hat er ihr Blut gebraucht!“, flüsterte sie entsetzt.
„Ich werde euch kriegen!“, stand dort an der Wand geschrieben.
„Warum? Was soll das?“, schluchzte Ava.
„Hört ihr das? Der Krankenwagen kommt!“, meinte Jasper erleichtert.
Tatsächlich war schon das Heulen der Sirenen zu vernehmen.
Rabea stand auf und zog einen Vorhang zu, der den Raum so teilte, dass die beschmierte
Wand dahinter versteckt war.
Die Sanitäter sollten schließlich nicht sehen was hier vor sich ging.
Jasper trat vor die Tür um die Helfer zu erwarten und sie in das Wohnzimmer zu bringen.
Wenige Sekunden später kam er mit zwei Sanitätern und einem Notarzt wieder herein.
„....so aufgefunden. Vielleicht hat sie sich geschnitten. Wir haben die Wunde mit einem
Verband verbunden.“, erzählte er gerade.
„Sie haben sehr gut gehandelt.“, meinte einer der Männer.
Sie legten Marina nachdem der Notarzt sich sie sich angeschaut hatte auf eine Trage, und
brachten sie sofort ins Krankenhaus.
„Sie wird durchkommen,“, hatte einer der Sanitäter gemeint, „aber wir müssen
wahrscheinlich operieren, es kann sein, dass sie innere Verletzungen hat. Sie können sie erst
morgen besuchen.“
Nachdem sie weggebraust waren hatte sich der Notarzt die drei Freunde angesehen.
Jasper und Rabea waren zwar geschockt, aber sonst okay.
Ava hingegen hatte einen schweren Schock erlitten und nachdem Rabea dem Mediziner
(außerhalb von Jaspers Hörweite) von der Vorgeschichte erzählt hatte, hatte er ihr ein
Beruhigungsmittel gespritzt.
„Es wirkt innerhalb weniger Minuten. Ich nehme an Sie sind ihre Freunde? Ja? Dann schlage
ich vor, sie schläft bei einem von ihnen. Sie sollte hier nicht bleiben. Würde sich das
einrichten lassen? Gut, das war es dann erst mal.“, meinte er und wandte sich zum gehen. Als
er die Tür erreicht hatte, drehte er sich noch einmal um: „Ach ja, sie wird morgen erschöpft
18
sein. Außerdem kann es sein, dass sie eine retrograde Amnesie bekommt. Zwingen Sie sie
dann nicht sich zu erinnern. Es wird von selbst wiederkommen.“
Dann ging er endgültig.
Nach ein paar Sekunden Still, in der sich jeder erst einmal sammeln musste, sah Jasper Rabea
an und sagte: „Ich rufe meine Mutter an. Sie wird uns nach Hause bringen.“
Als Jasper sein Handy zückte, ließ sich Ava an seine Schulter fallen.
Während das Beruhigungsmittel seine Wirkung entfaltete, wurde sie immer müder und bekam
kaum noch mit, dass Jasper seine Mutter anrief.
„Sie kommt sofort. Soll Vivi bei mir oder bei dir schlafen?“, fragte er nachdem das Gespräch
beendet war.
„Lass sie bei mir schlafen. Sie kennt die Umgebung.“, bat Rabea.
„Ja, das wird das Vernünftigste sein. Aber ich komme morgen früh vorbei. Ich möchte da
sein, wenn sie aufwacht.“, meinte Jasper.
„Ja, okay.“
Durch die noch offen stehende Haustür sahen die Beiden, wie das Auto von Jaspers Mutter
vorfuhr.
Jasper stützte Ava behutsam auf und brachte sie ins Auto.
Rabea und er nahmen sie in ihre Mitte, sodass sie nicht wegsackte.
Als sie bei Rabea angekommen waren, half Jasper ihr noch Ava ins Haus zu bekommen, wo
sie von Beas Mutter genommen wurde und verabschiedete sich. Frau Kunte hatte während der
Autofahrt mit ihrer Tochter telefoniert und von dem ,Unfall’ erfahren. Wie Jasper hatte Rabea
den Satz an der Wand verschwiegen.
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Schreckliche Erinnerungen
Schon früh am nächsten Morgen war Rabea wach. Sie hatte nicht mehr schlafen können, weil
sie in ihren Träumen mit schrecklichen Bildern vom Vortag konfrontiert wurde.
Ava hingegen schlief tief und traumlos. Das Mittel schien noch immer zu wirken.
So kann es, dass sie erst gegen elf Uhr erwachte.
„Wo bin ich?“, murmelte sie.
„Du bist in Sicherheit, du hast bei mir geschlafen. Hab keine Angst.“, beruhigte Rabea ihre
Freundin.
Als Ava gerade den Mund aufmachte um etwas zu erwidern, kam Jasper herein.
Auf den ersten Blick erkannte sie ihn gar nicht wieder; er sah aus als hätte er die letzte Nacht
nicht geschlafen, hatte Schatten unter den haselnussbraunen Augen.
„Geht’s dir nich’ gut? Du bist ganz blass. Warum bist du bei Rabea? Ist was passiert?“, fragte
sie besorgt.
Jasper und Rabea tauschten einen Blick und sahen dann Ava an.
„Du kannst dich nicht erinnern, wie?“, fragte Rabea.
„Ich weiß nicht. Da ist irgendwas...aber ich weiß einfach nicht was.“, meinte Ava.
Bevor sie etwas fragen konnte, sagte Jasper: „Kommt, lasst uns erst mal was Frühstücken.“
Rabea und er zogen sie halfen ihr aufzustehen und gingen in die Küche.
Frau Kunte wartete schon mit frisch gebackenen Brötchen machte ihren Mund auf, klappte
ihn aber wieder zu, als Rabea kaum merklich denn Kopf schüttelte.
Sie setzte ein Lächeln auf und meinte: „Guten morgen ihr drei. Ich hab Brötchen gemacht.
Habt ihr Hunger? Natürlich habt ihr den. Setzt euch.“
Die drei Freunde setzten sich an den gedeckten Tisch und gossen sich Kakao ein.
Rabea und Jasper hatten nicht so viel Hunger, da sie die Erinnerung nicht verloren hatten, und
ihnen der Schreck noch immer in den Knochen saß. Ava hingegen verstand die
Appetitlosigkeit nicht.
Nach dem ersten halben Brötchen, fragte sie: „Ihr habt meine Fragen noch nicht beantwortet.
Warum bist du hier Jasper? Warum hab ich bei dir geschlafen, Rabea? Warum hast du gesagt,
dass ich hier sicher wäre und keine Angst haben müsste? Warum seht ihr zwei so aus, als
hättet ihr wer weiß wie lange nicht geschlafen? Warum esst ihr nicht?“
Jasper seufzte, dann sagte er: „Pass auf, du isst zu Ende und dann fahren wir zu dir, okay?“
Ava verstand kein Wort, nickte aber.
Keine zwanzig Minuten später saßen sie auf ihren Rädern und waren auf dem Weg zum Haus
des Schreckens.
„Ich hab gar keinen Schlüssel mit. Mist!“, fluchte Ava als sie vor der Haustür standen.
„Es ist nicht abgeschlossen.“, meinte Rabea und drückte die Tür auf.
Als sie in den Flur gingen, herrschte noch Chaos: auf dem Boden lag den offene
Verbandskasten, Scheren und Spritzen. Eine Spur aus roten Tropfen führte ins Wohnzimmer.
„Was ist hier passiert?“, flüsterte Ava entsetzt.
Erinnerungen blitzten in ihr auf. Ein Krankenwagen, Ärzte die kamen,…Blut.
Sie folgte der Spur ins Wohnzimmer, wo eine kleine Blutlache war.
Ihre Mutter am Boden. Ihr Arm am Bluten.
Langsam kamen die Erinnerungen in ihr hoch, bis sie wieder alles vor Augen sah.
Die Schrift an der Wand, das Fell in der Wunde.
„In welchem Krankenhaus ist Mom?“, flüsterte Ava ihren Freunden zu.
„In Stadtkrankenhaus. Die Ärzte haben schon angerufen. Es geht ihr den Umständen
entsprechen gut. Sie hat keine Erinnerungen an den gestrigen Abend, und wird sie wohl für
immer verloren haben. Der Gräul ist also unser Geheimnis.“, meinte Rabea.
20
Ava schluchzte. Jetzt hatte sie auf alle Fragen die Antworten, und sie wollte sie sofort wieder
vergessen.
Jasper nahm sie in den Arm, und küsste sie auf die Stirn.
Auch Rabea kam dazu und meinte: „Alles wird gut Vivi. Wir bringen dieses Mistvieh um!“
21
Das Zweite kennen lernen
Die drei Freunde brachen sofort nachdem Ava ihr Erinnerungsvermögen wieder hatte zum
Krankenhaus auf.
Sie waren mit den Rädern kurz zu Rabeas Mutter Angelika gefahren, um sie zu bitten sie ins
Krankenhaus zu bringen.
Angelika hatte sofort eingewilligt und so kam es, dass die Vier nun im Auto saßen.
„Wollen wir ihr vielleicht Blumen mitbringen?“, fragte Angelika, und hielt nach einem
Einstimmigen ‚Ja’ an der nächsten Tankstelle an.
„Ich gehe schnell rein, und guck mal, ob die einen vernünftigen Strauß haben.“, meinte sie
und verließ das Auto.
Nachdem sie außer Sicht- und Hörweite war, fragte Jasper: „Wie sollen wir mit ihr umgehen?
Ich meine, wie weit kann sie sich erinnern? Kennt sie mich noch?“
„Ich finde wir sollten herausfinden, wie weit sie sich noch erinnert. Dann können wir sie
vielleicht ein bisschen ausfragen.“, meinte Rabea.
„Ja, das denke ich auch.“, sagte Ava, und bedeutete leise zu sein.
Bevor jemand fragen konnte wieso sie ihr Gespräch einstellen sollten, sahen und hörten sie
den Grund: Angelika kam auf das Auto zu und fragte„So, da bin ich wieder.... Wie findet ihr
den Strauß?“
„Für von einer Raststätte sieht der ziemlich gut aus. Hat schöne Farben.“, meinte Ava
lächelnd und fügte hinzu: „Ich finde es sehr nett, dass du das für meine Mutter tust.“
„Das ist doch kein Problem.“, winkte Rabeas Muter ab.
Nach ein paar Minuten fuhren sie auf den Parkplatz des Krankenhauses, und stiegen nach
kurzer Suche nach einem Stellplatz aus dem Wagen.
„Treffen wir uns in einer Stunde hier?“, fragte Angelika.
„Das wäre nett, ja. Danke.“, bedankte sich Ava.
Rabea winkte ihrer Mutter noch kurz zu, bevor sie sich ihren Freunden anschloss.
Ava und Jasper gingen Hand in Hand auf die große Eingangstür zu, mit Rabea an ihrer Seite.
Als sie eintraten, stieg der typische Krankenhaus-Geruch aus einem Gemisch aus
Desinfektionsmittel und kranken Leuten in die Nase. Ohne sich davon beirren zu lassen,
gingen sie zielstrebig auf die Information zu.
„Guten Tag. Wo liegt Marina Bausch? Ich bin ihre Tochter, und das sind Freunde von mir.“,
fragte Ava die in weiß gekleidete Frau hinter dem Tresen.
„Stock zwei, Flur B, Zimmer 303.“, meinte diese genervt.
„Danke. Sehr nett.“, erwiderte Ava bemüht freundlich.
Nachdem sie sich umgedreht hatten fragte Jasper grinsend: „Was war das denn gerade?“
„Eine Frau die sehr viel Spaß an ihrem Job hat.“, erwiderte Rabea ebenso grinsend.
Alle drei fingen an zu lachen und da es gut tat, lachen zu können, hatten sie sich erst wieder
unter Kontrolle, als sie vor Marinas Zimmertür standen. In schnörkeligen goldenen Lettern
stand 303 an der Zimmertür. Sie hatte ein Einzelzimmer bekommen, sodass sie keine Angst
haben mussten, dass ihre zukünftigen Gespräche belauscht wurden.
Ava klopfte an, und öffnete die Tür.
„Mom? Bist du da?“, fragte sie in die Stille, bevor sie eintrat.
Als sie ihre Mutter erblickte, sagte sie: „Hey. Ich hab Rabea und Jasper auch mitgebracht.
Wie geht’s dir? Kennst du Jasper noch?“
„Hallo alle zusammen. Erstens: mir geht’s ganz gut, abgesehen davon, dass mein Arm wehtut.
Zweitens: Nein, ich kenne diesen gutaussehenden jungen Mann nicht. Hast du mir ihn
vorgestellt, kurz vor dem Unfall? Die Ärzte meinen, ich könnte mich an gut eine Stunde nicht
erinnern, aber das weißt du ja sicher...Also, wer ist Jasper?“, beantwortete sie die Fragen.
„Ich bin Jasper. Schön sie noch mal kennen zu lernen..... Um es kurz zu machen, ich bin Avas
Freund.“, stellte er sich vor, und wurde leicht rot.
22
„Okay. Hi. Ich hoffe du machst sie glücklich.“, meinte Marina lächelnd.
„Ja, das tut er.“, antworteten Ava und Rabea gleichzeitig und lachten.
Sie blieben noch einige Zeit, und nachdem sie sich versichert hatten, dass Marina wirklich
nichts mehr von dem Abend des Unfalls wusste, verabschiedeten sie sich.
„Wir kommen spätestens übermorgen noch mal vorbei, versprochen. Stell in der Zeit nicht
das ganze Krankenhaus auf den Kopf, klar? Dass mir keine Klagen kommen...“, meinte Ava
lächelnd, als sie das Zimmer verließen.
„Ja Mama.“, rief Marina lachend als die Tür ins Schloss fiel.
Draußen auf dem Flur B wurde schon heiß diskutiert; konnte Marina sich wirklich nicht
erinnern? Wenn nein, warum sagte sie es dann nicht? Wenn ja, würde die Erinnerung
zurückkommen? Hatte sie einen Verdacht? Und letztendlich eine Frage, die keiner zu
beantworten vermochte: Würden sie den Kampf gegen den Gräul überleben, oder war das
Treffen eines der letzten Male gewesen?
Am nächsten Morgen radelte Jasper zu Rabea, wo Ava noch immer übernachtete.
(Sie hatten Beas Mutter erzählt, dass Ava aufgrund des Unfalls und der schrecklichen
Erinnerungen nicht zuhause schlafen konnte. Angelika hatte, gutherzig wie sie war, sofort
zugestimmt.)
Die drei Freunde wollten heute versuchen einen alten Speer aufzutreiben und ihn segnen zu
lassen.
Wie sie das machen sollten, wussten sie allerdings noch nicht.
Jasper war in Gedanken versunken, und registrierte gar nicht, wie ein Auto aus einer
Seitenstraße auf ihn zukam.
Erst als sein Fahrradreifen den Autoreifen berührte schreckte er auf und zog beide Bremsen
bis zum Anschlag an.
Doch das nützte nicht viel, es verschlimmerte die Situation eher noch, da das Vorderrad nun
ganz blockierte.
Jasper wurde vom Fahrrad gerissen und sah noch im Fallen, wie der Autofahrer erschrocken
die Augen aufriss.
23
Ein schrecklicher oder guter Zufall?
Das Fallen kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Es schien, als wären es Stunden, bis er hart auf
dem Boden landete.
Ein heißer, stechender Schmerz durchzuckte seinen Körper, dass ihm der Atem wegblieb und
er Sternchen sah.
Als er nach einigen Sekunden wieder klar sehen konnte blickte er in ein rundliches, besorgtes
Gesicht. Es war der Autofahrer.
„Junge, geht’s dir gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte er mit einem schweren
britischen Akzent.
„Nein, ich glaube, es ist nichts gebrochen. Es tut mir Leid, ich habe sie nicht gesehen.“,
stammelte Jasper.
Er versuchte sich aufzurichten, doch als ein glühender Schmerz seine Hand durchzuckte, sank
er wieder zurück auf die Straße.
„Ich glaub meiner Hand geht’s doch nicht so gut.“, stöhnte er.
„Warte, ich helfe dir hoch, und dann fahre ich dich ins Krankenhaus.“, meinte der Mann.
Er zog Jasper auf die Füße, und sah ihn an.
„Du hast ein paar Schürfwunden, aber ich glaube keine Platzwunden. Hast ganz schön Glück
gehabt.“, meinte er.
„Sie haben meinen Kopf vergessen, der brummt wie sonst was.“, erwiderte Jasper und wankte
zum Auto „Für den Schaden komme ich selbstverständlich auf.“
„Ach was, das ist nur ein Kratzer im Lack. Aber dein Rad hat’s schlimmer erwischt. Ich
würde es ja noch mitnehmen, aber mein Auto ist voll, ich war gerade auf dem Weg zum
Flohmarkt.“, sagte der Mann freundlich.
„Das ist kein P.....warten Sie mal, Flohmarkt? Sie haben nicht zufällig einen alten Speer
dabei?“, meinte Jasper.
„Ich habe tatsächlich Speere mit. Sie gehörten meinem Vater. Der älteste müsste circa sechzig
Jahre alt sein. Ich bin übrigens Joe Moon “, antwortete der Autofahrer.
„Jasper. Eine Frage, dürfte ich Ihnen den Speer wohl abkaufen?“, fragte Jasper.
„Ja, natürlich. Aber wir fahren jetzt erst mal ins Krankenhaus, deine Hand wird ziemlich
dick.“, antwortete Joe verwundert.
Nach einem Check im Hospital stand fest, dass Jasper sich die Hand angebrochen, eine
Gehirnerschütterung, und mehrere Schürfwunden hatte.
Als Jasper und Herr Moon erzählt hatten, was passiert war, hatte der Arzt mit dem Kopf
geschüttelt und gemeint, dass er ziemlich Glück gehabt hätte.
Nachdem ihm ein Gips angelegt worden war, hatte der Arzt ihm geraten sich nicht
anzustrengen, da Übelkeit und Kopfschmerzen Folgen von der Gehirnerschütterung sein
konnten.
Nun saßen Avas Freund und Joe wieder im Auto und fuhren zu Rabea.
„Vielen Dank noch mal, dass Sie mich ins Krankenhaus gefahren haben, und jetzt auch noch
weg bringen. Nur noch wenige Leute sind so hilfsbereit.“, bedankte sich Jasper zum
wiederholten Male.
„Junge, das war wirklich kein Problem. Ich konnte dich ja nicht einfach da liegen lassen.“,
meinte Joe.
Als sie nach einigen Minuten auf den Hof der Familie Kunte parkten, kamen Rabea und Ava
schon aus dem Haus.
„Jasper wo warst du denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“, rief Rabea schon von
weitem.
Jasper antwortete nicht, sondern wartete, bis seine Freundin ihn erreicht hatte.
„Mein Gott, Jas! Was hast du denn gemacht?“, wisperte Ava erschrocken.
24
Das Lächeln der Wiedersehensfreude war aus ihrem Gesicht gewichen.
„Ich hatte einen kleinen Unfall..... Ein Glück, dass Herr Moon“, er wies auf den Autofahrer,
„so freundlich war und mich ins Krankenhaus gefahren hat...“
Er stellte Joe Ava und Rabea vor, als er kurz berichtet hatte, was geschehen war.
Dann kam er wieder auf den Speer zu sprechen: „Herr Moon, um noch einmal auf den Speer
zurückzukommen, was wollen Sie dafür haben?“
„Du bist wirklich an diesem alten Teil interessiert?“, fragte Joe ungläubig.
Als Jasper ihn das Erste mal darauf angesprochen hatte, hatte er gedacht, dass der Junge
aufgrund der Gehirnerschütterung wirres Zeug geredet hatte, doch als Jasper auch dieses Mal
nickte, überlegte er einen Moment.
„Hm,... gib mir einfach fünf Euro, dann ist die Sache geklärt, du brauchst den Schaden am
Auto nicht zu zahlen, und ich bin das Teil endlich los.“, sagte er schließlich.
Über das ganze Gesicht strahlend, zückte Jasper einen durch den Sturz leicht kaputten
Fünf-Euro-Schein, und gab ihn Joe.
„Vielen Dank!“
„Keine Ursache.“, meinte Herr Moon kopfschüttelnd, und ging zu seinem Wagen.
„Ich denke du bist jetzt in den besten Händen.“, meinte er mit einem Blick auf Ava, die Jasper
an der unverletzten Hand hielt, und stieg ein.
„Ja... und danke noch mal für alles.“, rief Jasper, als Joe schließlich davonbrauste.
25
Ein gesegneter Speer
„Ich weiß nicht, ob ich entsetzt, besorgt oder glücklich sein soll. Du hattest einen schweren
Unfall, und kannst froh sein, dass du den mit so wenigen Verletzungen überstanden hast – das
spricht für alle drei Möglichkeiten. Aber wir haben auch einen uralten Speer – das spricht
für... ja, für welche?“, fragte Ava den auf einer Couch liegenden Jasper.
Gerade als der antworten wollte, kam Rabea mit einem Glas Wasser und einer Tablette
wieder.
„Hier, das hilft gegen die Kopfschmerzen.“, meinte sie, und stellte das Glas auf den Tisch,
während sie Jasper die Tablette hinhielt.
„Danke. Eigentlich nehm ich ja keine...“, begann der Verletzte, bis er von Ava unterbrochen
wurde: „Halt die Klappe und schluck das. Wir wissen, dass Jungs hart sind, und eigentlich
keine Pillen schlucken.“
Sie grinste ihn an, als er ohne ein weiteres Wort das Schmerzmittel nahm.
Als sie einige Minuten später noch mal auf den Gräul zu sprechen kamen, viel Rabea etwas
auf: „Hey, Leute. Wie schnell muss das Teil denn gewesen sein? Wir waren innerhalb
weniger Sekunden bei deiner Mutter, Ava.“
„Ja, da hast du Recht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“, gab Ava ihr Recht.
„Hast du schon daran gedacht?“, fragte sie Jasper, doch als sie sich umdrehte merkte sie, dass
er eingeschlafen war.
„Hast du eine Decke für ihn?“, fragte Ava ihre Freundin, und strich Jasper ein paar Haare aus
der Stirn.
Rabea nickte und verließ den Raum. Sie wollte ihre Freunde einen Moment allein lassen, und
das war ein guter Vorwand.
Als sie wieder kam, saß Ava noch immer neben ihrem Freund.
Nachdem sie nichts sagte, ergriff Rabea das Wort: „Hey Süße. Sag mal, hast du schon mit
deinem Prinzen über die alten Sachen gesprochen?“
Ava schüttelte den Kopf. „Nein, ich dachte, wir haben im Moment schon genug um die
Ohren. Da will ich nicht, dass er sich noch dazu Sorgen um mich macht.“
„Das macht er sich ganz sicher jetzt schon.“, meinte Rabea.
„Ja, kann sein, aber das ist noch ein Grund mehr ihm nichts zu sagen.“, flüsterte Ava.
Sie deckte ihn zu und nahm Rabea in die Arme.
„Danke, dass du immer für mich da bist.“, murmelte sie.
Am nächsten morgen wachten Rabea und Ava fast gleichzeitig auf.
Sie schlichen runter ins Wohnzimmer, wo Jasper noch immer auf der Couch schlief.
Angelika war gestern wegen einer Geschäftsreise aufgebrochen, und hatte Jaspers Ankunft
schon nicht mehr mitbekommen.
Die Freundinnen erschraken bei seinem Anblick; er hatte unzählbar viele Blaue Flecken, und
die Schürfwunden waren in einem tiefen rot verkrustet.
Langsam ging Ava auf ihrem Freund zu.
„Jasper? Hey... aufwachen…..”, murmelte sie leise.
„Mmmmh?“, kam es von Jasper.
„Hey du Traumprinz. Wir wollten nur sichergehen, dass du noch lebst.“, lachte Rabea.
„Leben, warum? Mir geht’s doch wunderbar, abgesehen von den blauen Flecken, den
Schürfwunden, meinem Arm,......“, meinte Jasper mit einem schrägen lächeln.
Nachdem er mühsam aufgestanden war, frühstückten die drei ein wenig, bevor sie sich an die
Tagesplanung machten.
„Also, wir müssen heute unseren Speer segnen lassen, und zu meiner Mutter ins
Krankenhaus. Haben wir sonst noch was vor?“, fragte Ava in die Runde.
26
„Ja, ich muss nach Hause, meiner Mutter sagen, dass es mir gut geht, und mir neue Klamotten
anziehen.“, ergänzte Jasper.
„Na dann mal los.“, sagte Ava, als ihr noch was einfiel: „Wie wollen wir eigentlich fahren?
Jaspers Rad ist schrott, und selbst wenn es heile wäre, fahren könntest du eh nicht.“
„Dann fahren wir eben mit dem Bus.“, meinte Rabea, und zückte ihre Monatskarte.
Als die drei Freunde Jaspers Haus betraten, dauerte es keine Minute, bis sie Jaspers Mutter
Manuela sahen. Sie war nach dem Aussehen nach zu urteilen vielleicht Anfang vierzig, und
sehr sportlich. Ihr schulterlanges braunes Haar viel ihr teilweise ins Gesicht, auf dem ein
besorgter Ausdruck war.
„Jasper! Was hast du denn gemacht? Und wer sind diese reizenden jungen Damen?“, fragte
sie.
„Das ist Rabea, und das Ava – meine Freundin. Und zu deiner anderen Frage: ich hatte einen
Unfall. Mein Fahrrad ist kaputt, und das tut mir auch Leid...“, fing Jasper an.
„Dein Rad ist doch nur Nebensache. Hauptsache dir geht’s einigermaßen gut.“, meinte sie mit
einem Blick auf die eingegipste Hand, dann fiel ihr noch etwas auf: „Warte mal. Freundin? So
richtig?“
Ava lächelte sie an und sagte überglücklich: „Ja, so richtig.“
Nachdem Jasper sich neue Klamotten angezogen und die Mädchen sein Zimmer bestaunt
hatten, wollten sie zu Marina ins Krankenhaus.
Als sie Manuela von dem Plan erzählten, bot die sich an die drei zu fahren: „Soll ich euch
nicht fahren? Busfahren auf der Strecke wird ziemlich teuer.“
„Das wäre großartig!“, antwortete Rabea.
Nach weiteren zwanzig Minuten stiegen die drei Freunde aus dem Wagen.
„Soll ich euch wieder abholen? Sagen wir in einer Stunde?“, fragte Manuela.
Jasper überlegte kurz, dann sagte er: „Ja, das wär’ nett.“
Sie verabschiedeten sich und betraten durch die große Eingangstür das Foyer.
„Ob sie immer noch in dem gleichen Zimmer liegt? Oder soll ich noch mal bei der überaus
freundlichen Informationsdame fragen?“, fragte Ava mit einem ironischen Unterton.
„Frag doch noch mal um Auskunft...“, grinsten Rabea und Jasper.
Ava lachte und lief auf den Tresen zu und blickte in das Gesicht der altbekannten Dame.
„Wo bitte ist das Zimmer von Marina Bausch?“, fragte Ava, ohne sich ein Grinsen verkneifen
zu können.
„Stock zwei, Flur B, Zimmer 303“, antwortete die Frau genauso genervt wie das Mal zuvor.
„Danke.“
Ava ging zu ihren Freunden zurück und grinste sie an.
„Stock zwei, Flur B, Zimmer 303.“, äffte sie den Tonfall der Frau nach, worauf alle drei in
schallendes Gelächter ausbrachen.
Als sie sich wieder halbwegs eingekriegt hatten, stiegen sie in den Fahrstuhl, und gingen
anschließend ins den Flur B, wo sie vor dem Zimmer 303 stehen blieben und dreimal
klopften.
Nachdem sie auch Marina erklärt hatten, warum Jasper so ramponiert aussah, unterhielten sie
sich über Gott und die Welt.
Von dem Gräul und dem Plan ihn zu töten erzählten sie ihr auch diesmal kein
Sterbenswörtchen.
Als die Drei sich dann nach gut einer Stunde wieder verabschiedet hatten, wartete Manuela
schon auf sie.
„Hi ihr drei! Ich muss noch schnell in die Stadt, kann ich euch an der Eisdiele absetzten?“,
fragte sie.
27
Rabea, Ava und Jasper tauschten einen kurzen Blick, und dachten alle das Selbe: Die Eisdiele
war fast neben den Pfarrheim!
„Ja, natürlich! Wir wollten doch sowieso noch ein Eis essen.....“, meinte Jasper und warf den
Mädchen einen vielsagenden Blick zu.
Ava, die als Erste verstand, sagte: „Stimmt..... und dann können wir den alten Speer auch
sofort zum Antiquitätenladen bringen. Der ist dann ja nicht weit weg. Übrigens Danke, dass
sie den Speer mitgebracht haben.“
Sie warf Rabea, welche die Stirn fragend kraus zog, einen
Sag-jetzt-bloß-nichts-falsches-Blick zu, und stieg ins Auto ein.
Als sie kurz darauf vor dem Eiscafe ausgestiegen waren, und Jaspers Mutter um die Ecke
gebogen war, machten sie die Drei auf den Weg zum Pfarrhaus.
„Sagt mal, wie sollen wir dem Priester klar machen, dass er einen alten Speer segnen soll? Ich
meine, wir können da doch nicht einfach so reinplatzen und sagen: Guten Tag Herr Pfarrer,
eine Frage, könnten sie uns bitte den Speer segnen, damit wir einen Gräul töten können.“,
fragte Rabea.
„Ich hab da eine Idee, wie wir das anstellen können.....“, antwortete Jasper grinsend.
Fünf Minuten später dann, als sie bei dem Priester an die Tür klopften, war der Plan
geschmiedet.
„Guten Tag meine Lieben Kinder. Was kann ich für euch tun?“, fragte der Priester lächelnd.
„Guten Tag Herr Pfarrer. Wir hätten da eine Bitte. Könnten sie uns diesen Speer segnen? Wir
wissen, das klingt verrückt, aber meine Tante wünscht sich das zu ihrem Geburtstag.....“,
spielte Rabea die Unschuldige.
„Ich hab ja schon viel miterlebt, aber dies ist definitiv das Erste Mal, dass ich einen Speer
segnen soll. Aber, irgendwann ist immer das Erste Mal. Nun dann, kommt rein.“, antwortete
er etwas verblüfft.
„Ich wusste doch dass das klappt!“, jubelte Jasper.
Die drei standen vor dem Pfarrheim und hielten den nun gesegneten Speer in den Händen.
„Ich hätte ehrlichgesagt nicht damit gerechnet, dass die Aktion klappt. Ich meine, welche
auch noch so verrückte Tante wünscht sich einen gesegneten Speer zum Geburtstag? Gott sei
Dank, dass unser Pfarrer so leicht- und gutgläubig ist.“, entgegnete Rabea kopfschüttelnd
„Na ja, immerhin hat es funktioniert. Dann is´ es doch egal wie wir das gemacht haben. Der
Speer ist gesegnet und fertig.“, fügte Ava hinzu.
„Ich würde sagen, wir machen nach der erfolgreichen Mission ausnahmsweise mal das, was
alle denken was wir machen: Eisessen!“, sagte Jasper und als er die Blicke der Mädchen sah,
meinte er: „Ich lad´ euch auch ein!“
„Na dann!“, grinsten Ava und Rabea.
Als sie in der Eisdiele ankamen, war es recht voll.
Es schien, als wollten alle noch die voraussichtlich letzten sonnigen und warmen Tage
ausnutzen. Es war schließlich schon Ende September, und es wurde langsam kälter.
„Mein Gott! Die wollen uns das Eis wegfuttern!“, schimpfte Rabea, und sah sich um. „Bis wir
dran sind, ist alles bestimmt alles weg.“
Doch als sie endlich am Tresen standen gab es ihre Eis-Favoriten doch noch.
„Drei mal Kinderschokolade, Himbeere und Joghurt bitte.“, bestellte Ava während ihr Freund
das Portemonnaie zückte.
28
Ein Gräul aus Frankreich?
Nachdem sie ihr Eis verputzt hatten, beschlossen sie zum Haus des Schreckens zu fahren.
Einerseits um Klamotten für Ava zu holen, andererseits um zu sehen ob der Gräul vielleicht
wieder eine Wand beschmiert hatte.
Ava hatte sich zuerst gesträubt, doch gegen die Überzeugungskraft ihrer Freunde hatte sie
nichts machen können.
Als sie den Wald betraten und die Kälte sie umhüllte, stellten sich Avas Nackenhaare auf, ein
kalter Schauer lief ihr den Rücken herunter. Sie mochte diesen Ort nicht, sie hasste ihn.
„Müssen wir da wirklich rein?“, fragte sie und versuchte das Zittern in ihrer Stimme zu
unterdrücken.
„Vivi, wir sind bei dir. Ich bin bei dir.“, sprach Jasper beruhigend auf Ava ein und nahm ihre
Hand.
Sie atmete einmal tief durch und drückte das schwere Eisentor auf.
Rabea ging voraus und öffnete nach einem kurzen Stück Schotterweg die Haustür.
Sie schlich in den Flur und sah sich um. „Sieht alles unberührt aus.“
Die drei gingen in Avas Zimmer, wo sie schnell einen Rucksack mit frischen Sachen packte.
Dann schlichen sie die Treppen wieder herunter und wollten gerade das Haus verlassen, als
Jasper etwas auffiel. „Vivi, bleib jetzt ganz ruhig. Ich lasse nur kurz deine Hand los, ja?
Ava nickte und löste ihre schweißnasse Hand langsam aus seiner.
Ihr Freund lächelte sie an und lief in die Küche. Als er wieder herauskam, tat er so als wäre
nichts gewesen, und nahm wieder Avas Hand.
Am Abend hatte Rabea kurz bei ihrer Mutter angerufen und gefragt ob sie zusammen mit Ava
`bei einer Freundin` schlafen dürfe. Dass es sich bei dieser `Freundin` um Jasper handelte,
hatte sie ihrer Mutter lieber vorbehalten.
Sie hatte ihre Sachen geholt und sich auf den Weg zu Jasper gemacht, wo er und Ava schon
auf sie warteten.
Als sie an der Haustür klopfte, machte Jasper ihr schon nach wenigen Sekunden auf.
„Hey Bea. Hast du mal eben `ne Minute? Ava bereitet gerade das Essen vor und ich muss dir
unbedingt was zeigen.“, begrüßte er sie.
„Ja, klar.“, antwortete sie und begleitete ihn ins Wohnzimmer.
Dort griff er in die Hosentasche und zog ein Stück Papier daraus hervor. „Hier. Das habe ich
in der Küche bei Vivi gefunden. Es war mit einem Messer an den Tisch genagelt. Pass auf:
Vous êtes, peut-être, bien á réfléchir, mais vous n’êtes pas bien á faire quelque chose.
Croyiez-moi, je sais ça. N’oubliez pas, je suis dangereux.
Ich hab´ Ava das noch nicht gezeigt. Ich will nicht, dass sie noch mehr Angst bekommt, als
sie jetzt schon hat. Kannst du mir das bitte übersetzten? Ich habe Latein und kann mir nur aus
dem dangereux was zusammenreimen. Es ist nichts gutes was da steht oder?“
Rabea nahm den Zettel in die Hand: „ Auf dem Zettel steht so was wie: Ihr seid vielleicht gut
im Nachdenken, aber ihr seid nicht gut darin etwas zu tun. Glaubt mir, ich weiß das. Vergesst
nicht, ich bin gefährlich. Wenn der sagt, er weiß dass wir nicht gut darin sind etwas zu tun,
muss er uns beobachtet haben!“
„Wer hat uns beobachtet?“
Jasper zuckte zusammen. „Ava! Beobachtet? Keiner hat uns beobachtet.“
So entspannt er sich äußerlich gab, so nervös war er innerlich. Hatte sie alles mitangehört?
Er hatte sie doch beschützen wollen!
„Leute, ich weiß was ich gehört habe! Ihr habt was von beobachten gesagt.“, beharrte Ava.
Rabea warf Jasper einen Blick zu und seufzte dann sagte sie: „Ja, wir haben was von
beobachten gesagt. Jasper hat in eurer Küche einen Zettel gefunden. Mit einem Messer an den
Tisch genagelt. Aus der Botschaft schließen wir, dass der Gräul uns beobachtet haben muss.
29
Wir wollten dir von der Sache nichts erzählen, weil wir dich nicht noch mehr belasten
wollten.“
Ein „Ohh“ war alles was Ava nach diesem Geständnis rausbrachte.
Dann fasste sie sich etwas und meinte: „Das ist nett von euch. Aber das muss ich jetzt auch
noch vertragen...“
Ava blickte ihren Freunden fest in die Augen und nahm anschließend Jasper den Zettel aus
der Hand. „Darf ich mal sehen? Danke.“
Während sie sich den Zettel durchlas formte Jasper lautlos mit den Lippen: Sie verdrängt es
einfach.
Rabea blickte ihre Freundin an und nickte.
„Es stimmt, er muss uns beobachtet haben. Aber was mich viel mehr wundert ist, dass es in
französisch geschrieben ist.“, meinte Ava nachdem sie den Zettel gründlich studiert hatte.
„Vielleicht kommt der Gräul ja aus Frankreich.“, mischte sich Rabea ein.
„Ja, vielleicht. Da fällt mir was ein. Als er mit mir gesprochen hat, hat er noch ,bonne nuit’
gesagt. Das hatte ich ganz vergessen. . .“, als sie noch mal auf den Zettel blickte, fiel ihr noch
etwas auf: „Wisst ihr was? Das ist keine Tinte mit der das geschrieben ist – und
ausnahmsweise auch kein Blut. Wartet mal...“, Ava strich mit dem Finger über das Papier und
besah sich die Schrift noch einmal genauer sie runzelte die Stirn und fragte: „Seid wann
schreiben Monster mit Bleistiften? Ich bin mir ganz sicher, dass das Graphit ist. Eine
Kohlenstoffverbindung aus der Bleistiftmienen hergestellt werden.“
Jasper sah sie an und dachte laut nach: „Na ja, kann ja sein dass er nichts zum Schreiben
hatte, und sich einen deiner Stifte geliehen hat.“
„Ava besitzt keinen einzigen Bleistift.“, mischte sich nun auch Rabea ein.
„Das stimmt. Ich hasse die Dinger. Meine Mom hat auch keinen, und ich glaube nicht, dass
ein Gräul einfach in einen Laden spaziert, und einen Stift kauft. Das wäre sicherlich einem
aufgefallen.“, lachte die Angesprochene.
30
Der Albtraum
Nachdem die Drei noch länger über die Herkunft des Graphits gesprochen hatten stand eine
Sache fest: Sie mussten in dem Spukhaus nach einem Weg in die Höhle des Gräuls finden.
Doch zuerst einmal einigten die Freunde sich auf eins: schlafen.
„Leute,... ich bin am Ende. Das war ein viel zu aufregender und anstrengender Tag und jetzt
hab ich mir auch noch den Bauch voll geschlagen. Ich glaub, ich komm gar nicht mehr in
mein Bett.“, stöhnte Jasper und streckte sich.
„Geht mir genauso. Ich bin todmüde.“, fügte Rabea hin zu.
Die Einzige, die nicht am Tisch zu einschlafen drohte, war Ava. Sie war hellwach. Es war an
dem Tag zu viel passiert, und sie konnte einfach nicht müde werden. Der Brief ging ihr nicht
mehr aus dem Kopf, und auch das Graphit gab ihr zu denken.
„Ava? Hallo, Erde an Ava!“
Sie zuckte zusammen. „Hmm? Was hast du gesagt Jasper?“
Er sah sie an und wiederholte: „Ich fragte ob wir ins Bett wollen. Bea und ich können uns
kaum noch auf den Beinen halten.“
„Ach so. Ja, natürlich, wenn ihr meint.“
Ava stand auf und ging in Richtung Wohnzimmer, wo sie sich auf die Luftmatratze setzte und
sich die Harre raufte.
Rabea sah ihr nach und blickte Jasper fragend an, doch der zuckte auch nur mit den Schultern.
Es war schon nach zwei Uhr in der Nacht, als Ava zum wiederholtenmale auf die große
Standuhr schaute.
Sie bekam kein Auge zu, da ihr noch immer die Gedanken kreisten.
Schließlich stand sie auf und holte sich ein Glas Wasser aus der Küche, und setzte sich auf die
Couch.
Ihre beiden Freunde liefen tief und fest und sie lauschte den ruhigen und regelmäßigen
Atemzügen.
Ava mümmelte sich wieder in ihre Decke und schlief zu ihrer eigenen Verwunderung
innerhalb von Minuten ein.
Sie rannte. Ihre Lungen brannten und fühlten sich an als würden sie platzen.
Sie hörte die schritten ihres Verfolgers. Innerhalb von Sekunden stand er vor ihr.
„Fleisch essen. Blut trinken. Die Angst riechen. Was gibt es schöneres?“, hörte die Gejagte
ein vorfreudiges wispern.
Sie hörte wie jemand scharf die Luft einzog und sich auf sie stürzte.
Sie schrie aus Leibeskräften. Irgendjemand musste sie doch hören!
Das Monster öffnete sein vor Speichel triefendes Maul und die messerscharfen Zähne
bewegten sich auf ihren nackten Arm zu.
„Ava! Ava! Wach doch auf!“, flehte Jasper seine Freundin an.
Er und Rabea hockten neben Ava und versuchten sie wachzukriegen.
Die Beiden waren aufgewacht weil ihre Freundin auf einmal angefangen zu schreien hatte wie
am Spieß.
Rabea packte ihre Freundin am den Armen und sagte aufgebracht: „Ava, es ist alles gut. Wir
sind hier, wach doch auf!“
Ihre Methode zeigte Wirkung: Ava hörte auf zu zucken und setzte sich ruckartig auf.
Tränen rannen ihr übers Gesicht und sie keuchte.
„Ava, geht’s dir gut? Du hattest einen Albtraum und geschrieen wie sonst was.“, flüsterte
Jasper und nahm sie in den Arm. „Ist ja gut, ist ja alles wieder gut.“
31
Rabea tätschelte ihr den Arm und fügte hinzu: „Du hast uns einen ganz schönen Schrecken
eingejagt, als du nicht mehr aufgehört hast zu schreien.“
Ava löste sich aus Jaspers Umarmung und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Ich hab
von dem Gräul geträumt. Er hat mich verfolgt und wollte mich essen.“
Jasper stand auf und ging mit den Worten: „Ich hole dir ein Glas Wasser.“ in die Küche.
Rabea nahm ihre zitternde Freundin noch einmal in die Arme und gab ihr dann das Wasser
was Jasper ihr entgegenhielt.
„Danke.“
„Kein Problem.“
Als sich alle nach einigen Minuten wieder beruhigt hatten, beschlossen sie sich wieder
schlafen zu legen.
Ava kuschelte sich schützend an Jasper und auch von hinten spürte sie Rabeas Hand auf ihrer
Schulter.
Als Ava am nächsten Morgen schlaftrunken die Augen öffnete, sah sie Rabea in der Küche
stehen.
Ihre Freundin werkelte mit einer Pfanne und fluchte leise vor sich hin. Sie war bereits
angezogen und sah auch sonst so aus, als sei sie schon länger wach.
„Wie spät ist es wohl?“, fragte sich Ava und schob die Decke von ihrem Oberkörper, um auf
ihre Uhr blicken zu können.
„Ava! Bist du auch endlich wach? Es ist kurz vor elf!“, rief Rabea aus der Küche herüber.
Die Frage der Uhrzeit hatte sich also auch geklärt.
Ava kroch unter der Decke hervor und schlenderte durch das Wohnzimmer zu ihrer Freundin
in die Küche. Die beiden Räume waren durch eine Theke von einander getrennt, und durch
die Küchenfenster schien helles Licht, welches die Tochter der Krimiautorin blinzeln ließ.
„Was kochst du?“, fragte diese und schnupperte.
„Das sollte mal Rührei werden, aber das ist mir leicht verbrannt.“, meinte Rabea.
„Weißt du wo Jasper ist? Ich wollte ihm von...na ja, du weißt schon...“, stammelte Ava.
„...von den alten Sachen erzählen?“, beendete Rabea den Satz. „Der läuft gerade zum
Bäcker.“
Just in dem Moment öffnete sich die Haustür.
„Ava! Auch mal wach?“, grinste Jasper. Als er jedoch den ernsten Ausdruck auf dem Gesicht
seiner Freundin sah verschwand das Lächeln. „Was ist los?“
„Ich muss mal mit dir reden...“
Das Schlimmste befürchtend meinte er: „Wir gehen am besten in mein Zimmer.“
Als die Beiden oben angekommen waren, gab Ava ihr Geheimnis preis und erzählte Jasper
alles.
Nachdem sie sich alles von der Seele geredet hatte, blickte sie in die braunen Augen ihres
Freundes. „Ich... ich wollte es dir früher erzählen aber,...ich wollte nicht, dass du dir Sorgen
machst.“
Jasper nahm sie in die Arme und flüsterte: „Es ist okay. Danke, dass du mir das erzählt hast.“
Nach einer kleinen Pause fügte er „Ich liebe dich.“ hinzu und küsste sie.
Während ihre Freunde sich oben unterhielten zauberte Rabea schnell ein neues Rührei –
diesmal ein unangebranntes.
Als Ava und Jasper wieder nach unten kamen, stellte sie die Pfanne gerade auf eine kalte
Herdplatte
„Hey, Jasper. Ich weiß nicht wo das Geschirr und so steht, also, Tischdecken konnte ich nicht.
Wollt ja nicht in euren Schränken rumwühlen…“
„Schon okay, ich mach das.“, erwiderte er.
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Zu Rabeas Überraschung, sah er nicht besorgt aus, sondern außerordentlich glücklich – genau
wie Ava.
Sie beugte sich zu ihr herüber und fragte stirnrunzelnd: „Hast du ihm es wirklich erzählt? Ihr
wirkt beide so happy.“
„Ich hab ihm alles gesagt, aber es kommt darauf an, was er gesagt und getan hat...“
33
Ein Gräul außer Rand und Band
Nachdem die Drei ihr Essen zu sich genommen hatten, beschlossen sie das Papier genau zu
untersuchen, um festzustellen, ob es wirklich mit Graphit geschrieben war.
Sie einigten sich darauf, dass Jasper und Ava nocheinmal zu dem Schreckenshaus fuhren,
damit Ava sich das Papier in ihrem Labor vornehmen konnte während Rabea zu ihr nach
Hause fahren und den Speer holen sollte.
Sie würde dann anschließend ebenfalls zu dem Haus kommen.
Auch wenn Ava es nicht zugeben wollte und stark tat, sie hatte Angst davor ins Haus zu
gehen. Sie wollte den Gräul zwar töten und loswerden, aber sie hatte Angst vor ihm und
Angst davor, ihre Freunde zu verlieren.
Als die drei aufbrachen, winkte Ava ihrer Freundin noch hinterher. Sie atmete noch einmal
tief durch und sagte dann zu Jasper: „Na dann mal los!“
Als sie die Haustür aufschloss bemerkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte nicht
sagen was es war, aber ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Irgendetwas war anders – aber was?
„Jas, pass auf. Irgendetwas stimmt hier nicht.“, wisperte Ava ihrem Freund ins Ohr.
Er nickte und bedeutete ihr, dass er vorgehen würde.
Jasper schlich durch dem Flur und warf ein Blick in die Küche.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass da nichts anders war schüttelte er sachte den Kopf.
Als nächstes war das Wohnzimmer an der Reihe er warf einen Blick hinein schnappte nach
Luft.
Rabea radelte so schnell sie konnte. Als sie in ihre Straße einbog sprang sie schon vom Rad
und rannte den Rest des Weges. Sie lehnte das Fahrrad an die Hauswand und fingerte nach
dem Schlüssel.
„Komm schon, komm schon,...“, flehte sie und bekam den Schlüssel endlich zu fassen.
Sie schloss die Tür auf und stürmte in ihr Zimmer. Sie ließ sich auf den Bauch plumpsen und
griff unter ihr Bett, wo sie den Speer versteckt hatte.
Rabea stürmte wieder runter und schrieb noch hastig eine Botschaft auf einen Zettel: Bin bei
Ava. Ich hab dich lieb! Bea.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: War das die letzte Botschaft an ihre Mutter? Die
Letzten Worte?
Schnell schob sie den Gedanken an die Seite. Über so was wollte und sollte sie erst gar nicht
nachdenken.
Rabea schluckte einmal und holte tief Luft, bevor sie aus dem Haus stürzte und sich auf ihr
Fahrrad schwang.
Der Anblick der sich ihm bot, war nicht gerade schön.
Die Sessel waren umgeschmissen, die Polster und Kissen aufgeschlitzt, sodass noch Federn
auf den Boden rieselten als Ava und Jasper den Raum betraten.
„Das ist noch nicht lange so. Die Federn fallen noch.“, flüsterte Ava starr vor Angst.
Hektisch sah sie sich im Raum um.
Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf; War das Monster noch hier? Beobachtete es sie
in diesem Moment?
Als sie aber nichts entdecken konnte, beruhigte sich ihr Pulsschlag etwas.
„Er oder es, oder wie auch immer, ist nicht mehr hier. Komm, lass uns schnell in dein
Zimmer gehen und die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen. Schließlich wollen
wir doch wenn Rabea kommt Ergebnisse haben, oder nicht?“, sagte Jasper und nahm ihre
Hand.
34
„Hast Recht.“, meinte Ava und ging aus dem Wohnzimmer.
Die beiden gingen schließlich die Treppen hoch zu Avas Zimmer.
In dem Moment wo Jasper die Zimmertür öffnen wollte, ließ ein Geräusch sie
zusammenzucken.
„Hast du das gerade gehört?“, wisperte Ava angsterfüllt, ihre Stimme zitterte.
Jasper nickte und sah sich um. „Hast du irgendetwas spitzes hier oben?“, fragte er so leise wie
möglich.
Seine Freundin überlegte für den Bruchteil einer Sekunde, bis sie sich zu Boden gleiten lies
und in ein Schrank griff.
Als sie wieder hoch kam, hatte sie ein Skalpell in der Hand.
Jasper nahm es ihr mit hochgezogener Augenbraue ab und schlich auf den Flur.
Sein Herz raste und seine Atmung wurde schneller.
Was erwatete ihn? Das Monster?
Als er an der Treppe angekommen war, sah er einen Schatten ins Wohnzimmer huschen.
Er atmete so leise wie möglich tief durch und ging in Richtung des Schattens – die Treppen
hatte er bereits hinter sich gelassen.
Jasper hob die tödliche Waffe und ging in das Zimmer wo er mit einem lauten Schrei begrüßt
wurde.
„Bea!“, stieß er hervor. „Mann, Ava und ich dachten, du bist der Gräul!“
Langsam ließ er das Skalpell wieder sinken und versuchte seinen Pulsschlag wieder auf die
Normalrate zu bringen.
„Tut mir echt Leid, dass ich euch so erschreckt habe! Ich wollte gerade Hallo rufen, als ich
einen Blick ins Wohnzimmer geworfen habe. Was ist hier denn bloß passiert?“, fragte Rabea
mit einer weitläufigen Handbewegung.
„Das war der Gräul. Höchstwahrscheinlich zumindest.“
Jasper und Rabea wirbelten herum. Ava hatte sich unbemerkt zu den Beiden gesellt.
„Das war `ne dumme Frage, entschuldige. Ist ja klar, dass ihr das nicht gemacht habt. Wart ihr
gerade dabei den Zettel zu untersuchen?“
Jasper und Ava nickten. „Waren wir.“
Sie gingen wieder hoch in das kleine Labor wo Ava in ihrem Element war. Dank des vielen
Geldes ihrer Mutter fehlte es ihr an fast nichts. Das war auch einer der Gründe, warum nach
wenigen Minuten das Ergebnis feststand; die Schrift auf dem Zettel bestand tatsächlich aus
Graphit.
„Dann wäre das also auch geklärt.“, meinte Jasper. Er kratzte sich am Arm. „Mein Gott noch
mal! Mich juckt es wie verrückt. Wenn dieser blöde Gips doch bloß nicht wäre...“
Ava und Rabea lachten. Das Bild, wie Jasper versuchte sich unter dem Gipsverband zu
kratzen, war einfach zu komisch um ernst zu bleiben.
Plötzlich viel Rabea etwas auf: „Hey! Du bist, ganz im Gegensatz zu uns, an einem Arm
perfekt geschützt!“ Als sie verwirrte Blicke auffing ergänzte sie: „Ihr wisst schon, der Gräul?!
Der beißt in einen Arm um einen zu töten. Schon vergessen?“
Da viel der Groschen auch bei ihren Freunden.
„Stimmt. Also steht die Chance nur noch fünf zu sechs, dass jemand getötet wird...“, meinte
Ava voller Bitterkeit.
„Das wird schon nicht geschehen!“, sagte Jasper und versuchte seine Stimme glaubwürdig
klingen zu lassen.
Nach ein paar Sekunden Stille, die jeder gut gebrauchen konnte, atmete Rabea einmal tief
durch: „Okay. Wollen wir dann mal den Eingang suchen? Ich meine, irgendwann müssen wir
es ja mal tun.“
Als ihre Freunde nickten griff sie sich den Speer und fragte dann in die Runde: „Wer nimmt
den Speer?“
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„Ich mach das. Nehmt ihr noch irgendwelche spitzen Gegenstände mit, um mir den Rücken
frei zu halten.“, antwortete mit entschossener Stimme.
Ava verschwand kurz in dem Anschlusszimmer und kam mit einem weiteren Skalpell wieder.
„Hier.“, sie reichte es ihrer besten Freundin während sie das andere aus Jaspers Hand nahm.
Nach einer kurzen Debatte beschlossen sie, in der Küche mit der Suche anzufangen.
Die Drei waren der Meinung, dass der Gräul von hier aus am schnellsten im Wohnzimmer
sein konnte, wo der Angriff geschehen war. Zudem war die Botschaft hier liegen gelassen
worden. Sie gingen die Treppen hinunter und arbeiteten sich in die Küche vor.
Die Freunde fingen an sich jeden Zentimeter genau anzuschauen, doch sie konnten nichts
finden.
„Das kann doch gar nicht sein! Ich bin mir sicher, dass hier der Eingang ist!“, fluchte Rabea.
Auch ihre Freude sahen es so wie sie.
„Was ist mit dem Speiseaufzug?“, fragte Jasper.
Ava sah ihn an. „Er führt nach oben – bis unters Dach. Dann noch einmal nach unten in den
Keller. Hört mal, was ist, wenn er nur durch die Schächte in die Räume gelangt? Das es gar
keinen anderen Weg gibt?“
Rabea schüttelte den Kopf. „Nein, er muss auch in die Räume hineinkommen. Dafür braucht
er einen Ausgang. Wenn es eine Tapetentür sein würde, wäre sie euch beim Streichen ja
aufgefallen.“
Jasper der sich während der Erklärung still verhalten hatte, mischte sich nun wieder ein,
indem er noch mal auf den Aufzug zu sprechen kam: „Warte mal. In den Keller? Warum in
den Keller. Da ist die Heizungsanlage aber sonst nichts. Warum führt da ein Speiseaufzug
hin?“
„Vielleicht hatten die Installateure ja Hunger.“, witzelte Rabea.
Doch Jasper ging auf ihren Scherz nicht weiter ein.
Auch Ava war still geworden. „Ich finde wir sollten mal in den Keller gehen.“, sagte sie
schließlich.
Als sie wenige Sekunden später die Kellertür öffnete, schlug ihr eiskalte Luft ins Gesicht.
Jasper schaltete eine Taschenlampe an und er ging mit den Mädchen die steinernen Treppen
in die Tiefe. Die Stufen waren rutschig und Rabea wäre fast gefallen, hätte Jasper sie nicht
noch am Arm zu packen bekommen.
„Woah, das is’ ganz schön glitschig. Danke, Jas.“, meinte Rabea.
Die Treppen endeten in einem kleinen Raum mit einer Tür. Ava sah sich kurz um und kam zu
einem klaren Ergebnis: „Der Heizungskeller ist hinter der Tür. Der Aufzug muss in dem
Raum sein, denn hier ist er definitiv nicht.“
Sie ging auf die Tür zu und öffnete sie. Die riesige Heizungsanlage kam zum Vorschein – und
zwar nur die Heizungsanlage.
„Fehlanzeige. Leute ich glaube, wir haben soeben den Eingang zur Höhle gefunden; es ist die
Kelleroption beim Speiseaufzug.“, meinte Jasper mit leiser Stimme.
36
Der Weg ins Ungewisse
„Ich fahre zuerst. Ihr kommt nach. Erst du Bea, dann du Vivi.“, sagte Jasper mit gepresster
Stimme.
Er kletterte in den Aufzug, wobei er sich wegen seiner Größe sehr zusammenkauern musste.
Dann nahm er den Speer entgegen.
Ava beugte sich zu ihm und gab ihm einen schnellen Kuss. „Ich liebe dich, Jas.“
„Ich dich auch. Rabea, du bist auch toll!“
Rabea versuchte ihre Nervosität zu verbergen: „Hey, das ist kein Abschied für immer. Wir
kommen sofort nach, und uns wird schon nichts passieren.“
Jasper holte Luft. „Du hast Recht Rabea. Bis gleich.“
Er griff nach dem Seil des Flaschenzuges und ließ sich langsam heruntergleiten, wobei die
Mädchen halfen.
Als sie oben kein Gewicht mehr spürten, zogen sie den Kasten wieder hoch.
„So, bis gleich Vivi.“ Rabea schnappte sich ihr Skalpell und setzte sich etwas problemloser
als Jasper in die, eigentlich für Essen gedachte, Vorrichtung.
Nachdem auch sie unten angekommen war, stieg letztendlich auch Ava ein.
Was erwartete sie dort unten? Waren ihre Freunde schon in einen Kampf verwickelt, oder
wohlmöglich schon nicht mehr am Leben? Mit laut pochendem Herzen fuhr sie ihrem
Schicksal entgegen.
Ava war erleichtert, als sie keine Kampfgeräusche hörte, obwohl sie immer tiefer kam.
Schließlich kam auch sie unten an. Ihre beiden Freunde standen mit gezückten Waffen vor
dem Ausgang des Speiseaufzuges.
„Alles klar bei euch?“, fragte sie.
„Ja, und bei dir?“
Ava nickte.
Nachdem das geklärt war, sah sie sich um. Hätten sie sich nicht in einer so gefährlichen und
angsteinflößenden Situation befunden, hätte Ava sich nicht mehr vom Anblick losreißen
können. Sie waren in einer riesen großen unterirdischen Höhle gelandet, die aus Stein (dessen
graue Farbe jedoch an manchen Stellen von der sandfarbene Farbe von Stalagmiten und
Stalaktiten unterbrochen wurde) bestand. In der Ferne konnte man mehrere Gänge sehen, die
von dem ,Eingangsbereich’ der Höhle abzweigten.
Es war ein atemberaubender Anblick. Sogar ein kleiner See war bei genauerem Hinsehen zu
erkennen.
„Hat die Höhle Zugang zu einem Fluss, oder gar zum Meer?“, schoss es nicht nur Ava durch
den Kopf.
Nachdem sie sich ermahnt hatte nicht jetzt über so etwas nachzudenken, konnte sie endlich
ihre Augen abwenden und drehte sich wieder zu ihren Freunden, die auf dem Boden knieten.
„Was ist los?“, flüsterte Ava. Sie dachte schon es wäre etwas passiert, bis ihre beste Freundin
erklärte: „Wir haben Spuren gefunden; sie mal hier. Sieht aus wie Fußspuren.“
Nun ließ sich auch Ava nieder, den Blick aber immer noch auf die Abzweigungen gerichtet,
in der Angst, das sie angegriffen werden könnten.
„Du hast recht. Das sieht aus wie Mehl! Ich frag mich echt, was das Teil alles macht, wenn
wir nicht da sind...“
Jasper konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch schon in nächsten Moment wurde er
wieder ernst. „Ich finde, wir sollten den Spuren folgen. Vielleicht führen sie uns zu ihm.“
Als die beiden Mädchen nickten, bedeutete er ihnen, dass er vorgehen würde, während sie
hinter ihm bleiben sollten, da sie so am besten geschützt wären.
So leise wie möglich schlich die kleine Kriegertruppe voran, immer den Spuren nach. Je
weiter sie in das Labyrinth vordrangen, desto öfter verfluchte Ava sich, dass sie keine
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Taschenlampen mitgenommen hatten. Zwar viel seltsamerweise von irgendwo her Licht in
die Gänge, jedoch war es trotzdem reichlich dunkel.
„Eine undurchdringliche Dunkelheit.“, dachte Rabea, „Das Licht wird sofort wieder
verschluckt.“
In dem Moment, als Ava gerade nach dem Weg fragen wollte, weil sie wieder eine
Abzweigung erreicht hatten, umhüllte sie eine eisige Kälte. Ein kalter Schauer lief ihr über
den Rücken, als sie Atem in ihrem Nacken spürte. Sie wollte ihre Freunde warnen, doch es
war zu spät um zu schreien; sie wurde von ihren Füßen gerissen, flog durch die Luft, landete
hart auf dem Steinboden und sah einen Sekundenbruchteil später den Gräul über sich.
Es war ein grauenvoller Anblick. Der komplette Körper bestand aus Fell oder besser gesagt
aus Stacheln. Inmitten des runden Ungeheuers prangte ein Gesicht aus glühend roten
schlangenartigen Augen, und einem vor Speichel triefenden Maul - voll mit spitzen, giftigen
Zähnen.
Kleine, aber starke Hände hielten sie an den Armen fest und ihre Beine wurden von den
Füßen auf den Boden gepresst. Während Ava sich verzweifelt versuchte zu befreien, ertönte
die raue Stimme des Gräuls: „Na endlich...so lange kein Essen...Hunger...Bon Appetit!“.
Die Fangzähne hatten schon fast ihren Arm erreicht, als das Monster plötzlich aufschrie.
Rabea hatte sich auf es geworfen und es eines Beines entledigt.
Dank diesem Verlust, war der Gräuel wesentlich langsamer, und auch zusammenrollen konnte
er sich nicht mehr. Sobald Ava sich wieder aufgerappelt hatte, rief sie Rabea schnell ,Danke’
zu, dann sah sie sich um. Wo war Jasper? Und wo war der Gräul?
Als sie einen blauen Stofffetzen auf dem Boden entdeckte, vergaß ihr Herz für einen Moment
zu schlagen, um dann immer schneller zu werden. Ava schrie auf und blickte zu Rabea, die
inzwischen neben ihr war. Das Skalpell in ihrer Hand schimmerte rötlich.
„Ava,“, flüsterte Rabea angsterfüllt, „sieh doch!“ Avas Blick wanderte zu der Stelle, auf die
der zitternde Finger ihrer Freundin zeigte.
„Jasper!“, stieß sie hervor. Ihr Freund lag regungslos auf dem Steinboden, der Gips an seinem
Arm vollkommen zerstört. Auch von seinem blauen T-Shirt war nicht mehr viel
übriggeblieben. Sie wollte zu ihm stürmen, doch schon auf halben Weg rutschte sie aus, und
fand sich in der nächsten Sekunde auf dem Boden wider. Sie merkte wie ihr etwas durch das
Gesicht lief. Ava packte sich an den Kopf, und als sie ihre Hand zurückzog war diese
blutüberströmt. Sternchen tanzten vor ihren Augen, als sie zu Jasper kroch. Das Rabea ihren
Namen schrie, bekam sie nicht mit.
„Jas?! Komm schon, sag doch was!“, flüsterte Ava, als sie ihn am Handgelenk packte und
dabei blutige Abdrücke hinterließ.
Wieder rief Rabea ihrem Namen, rief ihr eine Warnung zu, doch es war zu spät.
Als Ava endlich begriffen hatte, dass ihre Freundin die ganze Zeit rief, dass der Gräul neben
ihr stand, und im Begriff war, ihr in den Arm zu beißen, wurde sie bereits in tiefe Dunkelheit
hinabgezogen.
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Gedächtnisprobleme
Das jemand ihren Namen sagte, war das Erste was Ava wieder mitbekam. Als sie flatternd
ihre Augen aufschlug, sah sie, das Jasper und Rabea über ihr gebeugt saßen. Dann bemerkte
sie den pochenden Schmerz an ihrer Schläfe und wünschte sich sofort wieder Ohnmächtig zu
werden.
„Ava, hey. Bleib wach, ja? Bleib bei uns, Hilfe kommt gleich.“.
Das war Jasper gewesen. Er war etwas blass, sonst schien er aber okay, selbst seine Hand
schien ihm nicht mehr zu schmerzen. Auch Rabea war auf den ersten Blick nicht verletzt.
Ein Schwindelgefühl überkam Ava und sie versuchte sich dagegen zu wehren, wach zu
bleiben, doch die schwarzen Punkte in ihrem Sichtfeld waren dabei überhand zu nehmen.
Soweit es ging, versuchte sie wieder klar zu sehen und blickte an die Decke.
„Ich liege ja in der Küche!“, stellte sie überrascht fest. „Jas und Bea müssen mich hier hoch
geschafft haben.“
„Gräul...“, stieß sie mühsam hervor.
„Der ist tot. Er kann uns nichts mehr tun. Rabea hat ihm den Speer zwischen die Augen
gerammt, nachdem du ohnmächtig geworden bist. Zu dem Zeitpunkt bin ich wieder
aufgewacht. Glaub mir, gut das du das verpasst hast...“, erzählte Jasper.
Nach einigen Sekunden fügte Rabea hinzu: „Wir haben die Polizei benachrichtigt, über das
was vorgefallen ist. Ein Krankenwagen ist auch unterwegs. Da wir die Leiche haben, werden
sie uns glauben. Jas und ich haben gedacht, es wäre ganz gut, dass die Öffentlichkeit davon
erfährt.“
Ava nickte. Sie schluckte ein paar Mal, da ihr Mund ganz trocken war, ehe antwortete: „Dann
hat Mom ja wieder was zu schreiben.“
Eine Woche nachdem die drei Freunde den Gräul getötet hatten, wurde Ava aus dem
Krankenhaus entlassen. Sie hatte zwar eine so schwere Gehirnerschütterung erlitten, dass ihr
Kurzzeitgedächtnis noch etwas angeschlagen war (sodass sie vieles mehrfach erzählte), aber
sonst ging es ihr wieder gut. Jasper und Rabea waren schon vor einigen Tagen entlassen
worden, da sie nur kleinere Prellungen und Schürfwunden hatten, sodass die Beiden Ava nun
abholten.
„Hey, hast du schon die Zeitung gelesen? Wir sind richtig berühmt, und viele Wissenschaftler
reißen sich darum, mit uns zu sprechen.“, begrüßte Jasper seine Freundin, während Rabea sie
in den Arm nahm.
Etwas verlegen schaute Ava ihn an. „Ähm, ich weiß nich’ genau. Ich glaub’ schon...“
Rabea sah sie an. „Ist kein Problem Vivi. Ist doch cool, so etwas öfter zu hören, oder nicht?
Das mit dem Gedächtnis, das wird schon wieder.“
Nun sah Ava ihr in die Augen und meinte: „Nur schade, dass ich mein Langzeitgedächtnis
nicht verloren habe. Dann wüsste ich von dem ganzen Zeug gar nichts mehr.“
„Dann wüsstest du aber auch nichts mehr von mir!“, beschwerte sich Jasper.
„Das wäre natürlich außerordentlich schade...“, grinste Ava und küsste ihn.
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