Sind wir kultursensibel? - Interkulturelle Öffnung im

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Enno Heine, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg
Sind wir kultursensibel? - Interkulturelle Öffnung im Gesundheitssystem
Workshop 3: Interkulturelle Öffnung in der stationären Pflege
Versorgung von Migrantinnen im Kreißsaal – Was wollen wir und was können wir
heute leisten?
Fremd und Schwanger - wie wird man in Deutschland Mutter?
Ein Fallbeispiel mit Anmerkungen zur Diskussion in der Gruppe
Ich möchte hier anhand eines konkreten Beispiels die Versorgungssituation einer schwangeren Migrantin
in Oldenburg schildern. Vom Einzelfall ausgehend werde ich einige Gedanken zur Situation in Deutschland äußern und damit sowohl überleiten zu den beiden weiteren Referaten dieses workshops als auch
Anstöße für die weitere Diskussion liefern.
Frau Yilmaz(Name geändert) bekommt einen Kaiserschnitt gegen ihren Willen
Frau Y. kommt das erste Mal in unsere Schwangerenambulanz in der 34. SSW. Sie spricht wenig
Deutsch, das Sprechen erledigt denn auch ihr Mann, der perfekt deutsch spricht. Sie hat bereits 2 Kinder
per Kaiserschnitt geboren und will dieses Kind unbedingt auf natürlichem Wege bekommen und hat erfahren, dass unsere Klinik dieses ermöglicht - entgegen den allgemeinen Gepflogenheiten, um nicht zu
sagen medizinischen Gesetzen.
Frau Y. ist 29 Jahre alt und kommt aus der Türkei, ist seit 10 Jahren in Deutschland. Das erste Kind wurde 2002 in Klinik A in unserer Stadt per Kaiserschnitt in Vollnarkose geboren, lt. Mutterpass wg. schlechtem CTG, lt. Eltern war der Kopf zwar schon in der Scheide zu sehen, aber weil es alles schnell gehen
musste, wurde ein Kaiserschnitt durchgeführt.
Das zweite Kind wurde 2005 in Klinik B ebenfalls in Oldenburg, ebenfalls per Kaiserschnitt ebenfalls in
Vollnarkose geboren – ziemlich zu Beginn der Geburt war eine Blutung aufgetreten, bei V. a. Lösung des
Mutterkuchens wurde sicherheitshalber ein Kaiserschnitt durchgeführt.
Bei der ersten Vorstellung in unserer Ambulanz in der 34. SSW vermitteln wir ihr unser allgemeines Vorgehen bei dieser Frage: Prinzipiell ist eine vaginale Geburt möglich, aber das Risiko eines erneuten Kaiserschnitts doch deutlich erhöht.
In dieser Schwangerschaft geht sie seit der 14.SSW zur Vorsorgeuntersuchung.
Was man hier sieht:
Definition Migrantin – Migrantenfamilie – Migrationshintergrund: Da viele Migranten schon lange in D
leben, viele auch rückgebürgert sind oder mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft haben, gibt es
viele Schattierungen von ganz fremd bis deutscher als deutsch. Insgesamt sind in D etwa 15% aller
Kinder aus Familien mit Migrationshintergund, also knapp 100.000/650.000 in D, 10.000/65.000 in
Niedersachsen oder 150 von knapp 1000 Geburten in unserm Krankenhaus. Mehr dazu von Frau Binias.
Die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems. Trennung zwischen ambulant und stationär. An
die Stelle des Hausarztes treten während der Schwangerschaft der Frauenarzt und/oder die ambulante Hebamme, deren Arbeitsbereiche sich vielfältig unter- und überschneiden. Bei besonderen Fragen oder wenn es um die Geburt geht, werden noch der bzw. die Frauenärzte in der Klinik einbezogen. Stichwort „Doppelte Facharztstruktur“. Ein wichtiger Fixpunkt in diesem bunten Potpourri ist der
Mutterpass: Der ist bei der Frau und alles Wichtige steht - meistens – drin.
Bei den ersten beiden Geburten stellt sich die Frage, wie gut die Kommunikation dort war. Bei mangelnder Kommunikation entscheiden wir Ärzte uns oft für den vermeintlich sichereren Weg. Wenn
Handlungsalternativen und damit verbundene Risiken nicht angemessen vermittelt werden können,
kann der Patient die entsprechenden Risiken auch nicht mittragen, der Arzt will sie auch nicht tragen:
Folge in der Geburtshilfe – im Zweifel Sectio!
Bei uns kommt Frau Yilmaz’ Wunsch nach natürlicher Geburt in eine Schublade: „Natürliche Geburt
trotz widriger Umstände“ – das ist nicht einfach, aber wir haben uns ja die natürliche Geburt auf die
Fahnen geschrieben und so manche deutsche Frau kommt deshalb zu uns, allein 2 mit oberflächlich
ähnlicher Problematik im letzten Monat. Wir nehmen das Begehren auf, ohne die Motivation zu hinterfragen.
Wie geht es weiter?
Eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin stellt sie sich erneut in unserer Ambulanz zur Mitbetreuung vor. Das Kind erscheint groß, der untersuchende Arzt rät zum Kaiserschnitt, was Frau Y. vehement
ablehnt.
An einem Freitag, 6 Tage nach dem errechneten Entbindungstermin kommt sie vormittags mit einem Blasensprung ins Krankenhaus. Da der relativ große Kopf nicht in das Becken eingetreten ist, raten wir erneut zum Kaiserschnitt. Geburtsteam und Familie Y. können sich nach ausführlicher Diskussion darauf
einigen, die Wehen zu unterstützen und zu schauen, ob das Köpfchen sich ins Becken begibt. Da dieses
bei mehrstündigem Warten unter guten Wehen trotz weitgehender Öffnung des Muttermunds nicht geschieht, bleibt der Kaiserschnitt als einziger Geburtsweg, um einen Riss der Gebärmutternarbe zu vermeiden.
Nach langer Diskussion, Fluchen über das „Aufgeben des Geburtspersonals“, nach mehreren an sich
überflüssigen Vaginaluntersuchungen auf Wunsch Frau Yilmaz’ und gutem Zureden seitens des Ehemannes und der Schwester stimmt Frau Y. letztlich zu. Dabei berichtet der Ehemann, dass die Eltern seiner Frau hinter der Motivation zur normalen Geburt stünden. Eine Kaiserschnittentbindung zähle nicht für
eine richtige Frau und man könne dann nicht so viele Kinder bekommen. Er habe ohnehin nur 2 Kinder
haben wollen und nur seiner Frau zuliebe der dritten Schwangerschaft zugestimmt. Gegen 16:00 Uhr
wird ein gesunder Junge per Kaiserschnitt in Spinalanästhesie geboren: Der Kopf war überhaupt nicht im
Becken. Frau Yilmaz bekommt das Kind nach der Abnabelung sofort auf die Brust gelegt, Herr Yilmaz ist
im OP direkt dabei.
Was sehen wir hier?
Das Sprachproblem: Wir sind auf Übersetzer angewiesen. Hier helfen die Verwandten, gut geht es
auch, wenn unsere in Russland geborene Hebammenkollegin oder eine der beiden türkisch stämmigen Schwestern der Wochenstation (darunter die Stationsleitung). Kolleginnen aus unserer und anderen Abteilungen (laut Dolmetscherliste des Hauses) helfen ebenfalls. Manchmal übersetzen externe Übersetzer. Wie gut die Übersetzung ist und z. B. bei männlichen Übersetzern schambesetzter
Inhalte sein kann, sei dahingestellt.
Das Festhalten an althergebrachten Werten der Heimatregion: „Nur eine normale Geburt zählt“. Die
Übertragung und Anpassung dieser Werte in das neue Umfeld ist schwierig. Ebenso sich zu Lösen
vom Urteil anderer Personen, von denen frau sich abhängig fühlt.
Das Zusammenhalten der Familie, hier Schwester der Frau und der Ehemann, ist wichtig.
Was haben wir gut gemacht?
Ohne uns loben zu wollen: Wir haben dem Willen von Frau Yilmaz einen gewissen Raum gegeben,
soweit es medizinisch tragbar war.
Realisierung einer 1 zu 1 Betreuungssituation
Während der Geburt haben wir – vor allem die betreuende, sehr engagierte Hebamme sehr viel mit
ihr geredet und wir haben sie zuletzt noch einige Male untersucht – medizinisch überflüssig, aber für
sie wichtig.
Was ist kritisch anzumerken?
Wir haben die Motivation und die Absolutheit ihres Wunsches nicht erfasst und konnten darüber letztlich auch nicht mit ihr reden.
Am Tag nach der Entbindung wirkt Frau Kalender recht gelöst. Unter der üblichen Therapie mit leichten
Schmerzmitteln und Ermutigung zum Aufstehen kommt sie schnell auf die Beine und stillt ihr Kind erfolgreich. Nach 5 Tagen führe ich ein ausführliches Gespräch mit ihr zusammen mit Seher, einer türkisch
stämmigen Krankenschwester:
Wie war der Geburtsverlauf für Frau Yilmaz?
Im Nachhinein hat sie sich schnell mit der Kaiserschnittgeburt abgefunden, nur jetzt als wir erneut drüber
sprechen, kommen ihr erneut die Tränen. Sie ist zufrieden, dass sie mit uns den normalen Weg probieren konnte, und dass sie den ersten Schrei ihres Kindes wahrnehmen konnte. Ihre Hauptbesorgnis ist,
dass sie nicht mehr so viele Kinder bekommen kann, wie ursprünglich gewünscht: 5-6 Kinder sind ihr
Wunsch. Ein gewisses versteckt abfallendes Denken in ihrem Umfeld über „Kaiserschnittmütter“, die
nicht so viele Kinder bekommen können, sei schon da, aber da müsse sie halt durch.
Meine Versicherung, dass man das von Kaiserschnitt zu Kaiserschnitt entscheiden muss und ein nächstes Kind bestimmt möglich ist, erleichtert sie. Von ihrer Familie fühlt sie sich gut unterstützt.
Weitergehende Aspekte zu diesem Thema, die teilweise in der Diskussion angesprochen worden, bzw.
von mir als optionales Material bereitgehalten wurde::
Kommunikationsprobleme:
Ärzte verzichten oft auf eingehende Erklärungen um Verständnisschwierigkeiten aus dem Wege
zu gehen
Häufige Verwendung von Ja/Nein Fragen, die keine Differenzierungen ermöglichen
Verbesserungsmöglichkeiten:
Verwendung von Gesten, Bildern
Sensibel sein für unterschiedliche Ausdrucksweise
z. B.:„ In meinem Magen liegt ein Stein“ weist nicht unbedingt auf ein Magenleiden, sondern kann auch auf ein psychisches, z. B. depressives Leiden hinweisen.
Verwenden von Dolmetschern
Diese können auch überfordert sein angesichts der komplexen Erklärungen
Gerade auch Arzthelferinnen, technisches Personal fehlt u. U. auch in der „Migrantensprache“ das nötige Vokabular
Schulen der eigenen Kommunikationsfähigkeit
Allgemeine Sensibilisierung in Bezug auf interkulturelle Spannungsfelder
Kommunikation für spezielle Kulturkreise
Versuch des Verständnisses der Patientenwerte(Diagnose der Religiosität)
Kulturunterschiede:
Bedeutung der körperlichen Unversehrtheit
im Islam ausgeprägter
Jungfräulichkeit
Schamgefühl
Untersuchung durch Frauen!
Barrieren für MigrantInnen
− Sprachprobleme
− lt. Untersuchung Berlin-Charité 2003 bei türkischen Patientinnen gute Deutschkenntnisse bei
Frauen
− < 30 Jahre: 63%
− 30 – 50 Jahre: 36%
− > 50 Jahre: 4%
− Gesundheitsprobleme
− mehr chronische Erkrankungen z. B. durch Bewegungsmangel, einseitige Belastung
− Herz-Kreislauferkrankung.
− Rückenbeschwerden
− Geburtsmedizin:
− Fehlgeburtsrate (auch Ab. imminens )
− Säuglingssterblichkeit
− Fehlbildungsrate
− SS-Erkrankungen:
− Hyperemesis gravidarum
− Anämie prä- und postpartal
− vag. Infekte
− Vorsorgeuntersuchungen
− geplante Sectiones
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− Periduralanästhesie
Soziales Netz
− Wegfall der Heimatnetze
− andererseits aber auch stärkerer Familienzusammenhalt „in der Fremde“
Dreifache Benachteiligung:
− als Migrantin
− beruflich und ausbildungsbedingt
− geschlechtsbedingt
Weitergehende Infos:
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