Agnes SIODA

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Rede zur Eröffnung der Ausstellung im “Kunstkaten”, Arenshoop.
Ich stand zum ersten Mal vor diesen Bildern, und Erinnerungen sprangen durch meinen Schädel
wie Schlaglichter. Ich sah leicht gespannte Ackerflächen, von lehmigen Wegen zerschnitten,
ausgehöhlte Weiden, in denen der Räuber Nachtigall hocken musste mit seinem einen Auge im
Papageiengesicht, ich sah Reusenstangen, an denen unser Boot festgemacht war, in dem wir uns
küssten, bis wir merkten, dass das Wasser im Boot rasch anstieg und wir um unser Leben
schöpften. Das Wasser unterm Kiel war knapp knietief, aber ich sagte es ihr nicht. Ich half ihr
schöpfen.
Landschaften
Ich komme aus der Mark. Die Mark ist die landschaftlichste aller Landschaften. Sie hat die
nötigsten Elemente, die eine Landschaft braucht. Sie hat einen Horizont und einen Baum. Oder
zwei. Und eine Kuh, aber damit kann man nicht rechnen. Falls doch, zählt sie unbedingt zur
Landschaft, denn sie bewegt sich so gut wie gar nicht, jedenfalls nicht mehr als ein Baum. Diese
Landschaft ist eine der universellsten, absolutesten, denn wo nichts ist, da ist Gott oder was man
dafür hält, und wo fast nichts ist, da ist er zumindest nicht fern. Eine fordernde Landschaft. Sie
wartet nicht mit Sensationen auf. Sie wirft einen ganz auf sich zurück. Man steht in aller Kleinheit
vor dem Land und sucht sich ein Bild zu machen. Von sich. Von der Welt. Von seinem in die Welt
gestellt sein.
Die Gegend ist so karg und reich zugleich, dass sie sich hoheitsvoll zurückzieht und die inneren
Bilder Landschaft werden lässt.
Sie ist eine Urlandschaft in jedem von uns. Eine Art Folie, auf die sich alle inneren Landschaften
projezieren lassen, eine Art Spielbrett, auf dem einige wenige Elemente als Spielfiguren zu
Kompositionen zusammentreten, choreografiert durch eine Seele.
Nichts anderes sind Bilder.
Die Bilder
Diese Bilder verleugnen ihre Herkunft nicht. Sie haben die Farben der Erdböden, aber es sind
bewegte Böden, erregt, ausufernd, im Fluss, die atmende Haut einer magna mater, einer grossen
Erdmutter, richtungslos, entscheidungslos, veränderlich, sich vollends verströmend, wären da
nicht die kräftigen Strukturen, die die Fläche zerschneiden oder begrenzen, Gewichtungen setzen,
um eine zerbrechliche Ordnung zu installieren. Tatsächlich ist es so, als ob man durch ein
uferloses Feld einen Weg schlüge, um es gangbar zu machen, oder Masten aufstellte, um den
Augen eine Richtung zu geben. Es ist ein sehr männlicher, statischer Impuls, der hier Schnitte
setzt, scharf konturiert, und der Wunden schlägt, der Menhire und Masten errichtet, die sich
trotzig gegen den ruhenden Horizont aufrecken, um sich seines Standortes zu versichern. Es
entstehen fragile Balancen, auf eine Weise konstruiert, dass eine winzige Zutat oder Veränderung
genügt, um das Gleichgewicht zu kippen. Es ist ein gefrorener Zustand, der da entsteht, ein
Zustand, der nach Lösung verlangt, gebundene Energie mit der Tendenz, in jenen tanzenden,
chaotischen Zusammenhang zurückzukehren, dem sie sich verdankt.
Der Gestus
Inmitten des verzehrenden, ursuppenartigen Farbflusses dann die Gestalt, die stehenbleibt:
florfliegenhafte, seraphimische Existenzen oder lineare, flüchtige Verweise auf Körper und Dinge,
Linienbündel, Bündel von Schmissen ähnlicher Gesten, die alle, verzweifelt suchend, am
Eigentlichen vorbeischlagen, gottseidank vorbeischlagen, dass noch Suche bleibt, und sich um eine
Körpermitte einpendeln, eine empfundene Körpermitte, eine verlorene vielleicht, eine
verschobene, ein rechts verwurzeltes und nach links ausschlagendes Organ wie das Herz, denn das
Bild ist der malende Leib im Moment des Malens. Selbstschöpfend und selbstfressend. Flusser
sagt, das Bild sei die eingefrorene Geste. Das ist so nicht, weil die Augen sich verändern und mit
ihnen das Bild, und ist doch so, weil die Augen sich erinnern, und tatsächlich bleibt die Frage,
warum das Bild, wenn es denn der selbstmalende lebendige Leib ist, nicht wieder und wieder
übermalt werden muss, wie auch der Leib zu keinem Zeigtpunkt derselbe bleibt. Und es ist wohl
ein Zugenständnis an das Bedürfnis des Malenden, sich in der Vergangenheit zu beheimaten… das
war nämlich der Tag, als der ging oder die den letzten Wein trank und ihr Klavier mitnahm und
meine Hand im Gelenk lag wie etwas fremdes… oder eher ein Zugeständnis an die Versuchung,
eine Ordnung zu stiften, ein Prinzip, eine Balance der Kräfte, denen er unterworfen ist, eine
Ordnung, die auf ihn zurückwirke, ein Neuentwurf der Welt. Mithin ein Zugeständnis an den Tod
oder eher an die Angst vor dem Tod.
Der Ton
Wenn ich durch die Landschaften laufe, von denen ich erzählt habe, ertappe ich mich bei einer
Melodie, die mich - über dem Rhythmus der Schritte - durch singt. Es ist eine simple Melodie wie
die eines Kinderliedes. Einige wenige Töne, die sich um eine Mitte bewegen. Einige der Bilder hier
haben so karge minimalistische Kompositionen. Über einem impressiven, gestischen,
hintergründigen Klangteppich bilden einige wenige klar getrennte Töne eine verletzliche
Harmonie, eine, die - je nachdem - die Neigung hat, in einen lang ausgehaltenen, einzigen
Dauerton zu münden oder in eine Tosende Kakophonie zu stürzen.
Ich war gestern am Meer. Das Meer hat diesen einen Ton, und dessen Farbe ist Azur, die Farbe der
Transzendenz, des Ewigen, Unendlichen. Aber das Meer ist keine Landschaft, es ist die Aufhebung
der Landschaft, das, woraus alles kommt, und wohin es zurückkehrt. Es ist das Urweibliche, in
fortwährender Bewegung, periodisch. Und wenn die Mark Gottnähe ist, denn ist das Meer göttlich.
Zurückgekehrt in diese Räume, habe ich kein Meer gefunden und diesen Ton nicht und fast kein
Blau. Lediglich Annäherungen ; ich habe ein rotes Bild gefunden, das aus sich selbst leuchtet wie
ein farbiges Glasfenster, und dessen Formen gezeitenartig an- und abzuschwellen scheinen. Ein
Bild nah am Blut und nah am Meer. Kein Meerbild. Gut so, dachte ich dann, denn wenn es so ist,
dass man nur ein einziges gutes Bild vom Meer zu malen imstande ist, und wenn dies der Moment
ist, in dem man jenen einzigen Ton gefunden hat, der aus der Fläche aufsteigt, dann ist dies auch
der Punkt, an dem man dem Meer bereits so nahe ist, dass das Malen ein Ende hat.
Und bis dahin sei noch etwas Zeit.
Matthias Scheliga, Kunst- und Literaturwissenschaftler
Berlin, Januar 1999
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