Reinhard Jirgl aus Autor der ehemaligen DDR und sein

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Aus: Wie in luzidem Schlaf" - Zum Werk Georg Kleins. Ed. Christoph Jürgensen and
Tom Kindt. Erich Schmidt Verlag 2013, 91-107
Susanne Ledanff
Stadtmystifikationen in Georg Kleins Romanen Libidissi und Barbar
Rosa1
Georg Klein – oder auch sein Verleger Alexander Fest – trickste die Literaturkritik gewaltig aus, als 2001 sein Roman Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte
erschien. Der Roman wurde aufgrund seines Erscheinungsdatums als eine aufregende neue Stimme in der Beschreibung des ‚neuen‘ Berlin um die Jahrtausendwende wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die feuilletonistischen Erwartungen an den ‚ultimativen‘ Berliner Metropolenroman besonders
hochgeschraubt. Dies hing zusammen mit dem seit den späten 1990er Jahren zu
verzeichnenden Auftreten einer ‚jungen‘ und ‚sexy‘ Berliner Metropolenliteratur,
der Tatsache also, dass sich eine junge deutsche Autorengeneration des
Berlinthemas annahm: von Tim Staffels zu Tanja Dückers, Judith Hermann und
David Wagner. Überhaupt ließ der mediale Hype um die Hauptstadt zu diesem
Zeitpunkt auf eine packende Darstellung Berliner stadtkultureller Umbruchphänomene hoffen. Der Literaturkritiker Hans-Peter Kunisch beobachtete, dass
Kleins Lesung von Barbar Rosa auf der Leipziger Buchmesse 2001 hoffnungslos
überlaufen war, und folgerte, dass der zu diesem Zeitpunkt 48-jährige Autor im
Konzert der Stimmen der Berliner Metropolendarstellung auf die „Andeutung
eines Wandels“ hoffen ließ, ja, dass der Autor das Zeug habe, als „Leitfigur einer
ästhetischen Wende“ zu taugen.2 Repräsentativ für die Rezeption von Barbar
Rosa als zeitgenössischem Berliner Metropolenroman in der Literaturkritik ist
Katharina Döblers Besprechung, die meint, dass Klein über die „Grenzen des
Gewohnten und Erlaubten“ in seinem „psychedelischen Roman“ hinausgeht, und
1
2
Zitate aus Kleins Romanen werden im Folgenden im Text in Klammern nachgewiesen. Zitiert wird nach: Georg Klein: Libidissi. Roman. Berlin 1998; ders.:
Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte. Berlin 2001.
Zu den Schlagworten der neuen, jungen Metropolenliteratur und Kleins „ästhetischer Wende“ siehe mein Buchkapitel Feuerwerk des Sichtbaren. Das Bild
Berlins in der Prosa Georg Kleins. In: Susanne Ledanff: Hauptstadtphantasien.
Berliner Stadtlektüren in der Gegenwartsliteratur 1989-2008. Bielefeld 2009, S.
516-541, hier S. ###. Der vorliegende Beitrag ist eine in Fragestellungen und
Kontexten (wie den semiotischen Schreibweisen des postmodernen amerikanischen
Romans) von dem Buchkapitel abweichende Studie. In gekürzter Form greife ich
auf Interpretationsergebnisse meiner früheren Untersuchung zurück.
1
Susanne Ledanff
schlussfolgert: „Niemand schreibt derzeit Vergleichbares, schon gar nicht über
Berlin“.3
Nun weist Georg Kleins Schriftstellerkarriere einige Besonderheiten auf, vor
allem die, dass er jahrelang für die Schublade schrieb und seine Manuskripte erst
nach seiner Entdeckung durch den Alexander Fest Verlag erschienen: Zunächst
Libidissi (1998), dann der Erzählband Anrufung des blinden Fisches (1999) und
Barbar Rosa (2001). Im Blick auf den Schreibzeitraum von zehn Jahren vor
Kleins publikatorischem Durchbruch sind einige Erzählungen in Anrufung des
blinden Fisches als die frühesten Texte des Autors einzuschätzen, womit das
Schreibdatum einiger Erzählungen gar auf die Zeit kurz vor der Wende
festzusetzen ist. Libidissi erschien vor Barbar Rosa, aber Klein schrieb Barbar
Rosa 1991, sechs Jahre vor Libidissi. Von produktionsästhetischer Warte aus
besehen ist Barbar Rosa also keineswegs ein Beitrag zur Berliner Metropolenliteratur der Jahrhundertwende um 2000.
Der Autor zog 1982 nach Berlin. Urbane Themen seines Schreibens sind mit
der Berliner Wohnortwahl mit Sicherheit anzunehmen, allerdings nicht als ein
stereotyper Reflex auf das Schlagwort des fehlenden Metropolenromans. Der Ruf
nach einem deutschen Metropolenroman wurde schon Ende der 80er von Frank
Schirrmacher geäußert, und zwar in der Form einer heftigen Kritik an der zeitgenössischen jungen deutschen Autorengeneration.4 Es ist dennoch kaum anzunehmen, dass Kleins zu dieser Zeit einsetzendes Schreiben von den Parolen einer
von Berlin inspirierten Metropolendarstellung beeinflusst war. Kleins Weg zu
einer ‚mystifizierenden‘ Großstadtdarstellung, die man namentlich in den urbanen Themen seines Frühwerks nachvollziehen kann, ist über andere rezeptionsund produktionsästhetische Prozesse zu bestimmen. Ich denke hier an den
Kontext seiner literarischen Phantastik als zentrales Anliegen eines gehobenen literarischen Anspruchs. Hier haben die begeisterten Reaktionen der Literaturkritik
auf Kleins frühe Erzählungen und Romane gewiss Recht: Kleins Innovationen
bestehen in einem postmodernen Spiel mit der historischen und großstädtischen
Mythenverarbeitung, der Einkleidung des Erzählens in diverse Genres wie die
des Agententhrillers oder des Detektivromans, der Verwendung von kryptischen
Zitaten des Surrealen, der Schwarzen Romantik, des Grotesken, ja, einer schockierenden Ekelästhetik. All dies ist darüber hinaus geheimnisvoll in den Zeitbildern der von neuen Technologien beherrschten Berufswelten des Informationszeitalters untergebracht.
Einige produktionsästhetische Hinweise, die der Autor in Interviews geliefert hat, belegen den Begriff des Phantastischen, oder, wie ich es in diesem
Beitrag nennen will, des Mystifizierens um des Mystifizierens willen, mit einem
3
4
2
Katharina Döbler: Des Teufels Elixiere. Georg Klein schickt in ‚Barbar Rosa‘
einen Detektiv auf den Psychotrip. In: Die Zeit, 22. März 2001.
Frank Schirrmacher: Idyllen in der Wüste oder Das Versagen vor der Metropole.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 1989.
Stadtmystifikationen
Akzent also auf das selbstreferentielle Spiel mit dem „kreativen System“5 selbst.
Klein sagt: „Große Geheimnisse sind Reservate der Phantasie. Dort liegen auch
die Biotope der Literatur“. Er erwähnt allerdings auch die mögliche Rolle seines
Wohnorts Berlin für seine Bereitschaft, überall Phantastisches und Geheimnisvolles zu erwittern.
Berlin ist ein Raum, der nicht von der Realität der unmittelbaren Erfahrung losgelöst ist, der aber Freiheit lässt, und in den Wunschfantasien, aber auch Angstfantasien einströmen können. Das ist schon mehr als eine Projektionsfläche. Im
Ideal funktioniert dieses fantastische Berlin wie ein Fesselballon: Gut gefüllt steigt
es am höchsten.6
Dies sagt Klein in einem Interview in der taz 2001 kurz nach Erscheinen von
Barbar Rosa, in dem er listigerweise mögliche Anspielungen auf das
zeitgenössische Berlin ins Spiel bringt. Wie ich in diesem Beitrag zeigen will,
besteht kein Widerspruch zwischen einem Zerspielen von Berliner Inspirationen,
d.h. also von vagen Andeutungen und Hinweisen auf Berliner Orte und
Geschichtsereignisse, und Kleins weiter gefasstem ‚Fantasieobjekt‘ des
Großstädtisch-Metropolitanen, wie es in seinem Frühwerk vorherrscht. Auf
Letzteres soll der Schwerpunkt dieser Untersuchung gelegt werden. Zu fragen ist
nach den ästhetischen Kontexten dieser Stadtvision. Wie ich meine, ist Kleins
Verfahren am besten unter dem allerdings noch zu spezifizierenden Begriff von
literarischer Postmoderne zu fassen. Genauer zu betrachten ist allerdings auch die
Frage, warum eine Reihe von Klein’schen Themen – seine Medienkritik und
auch seine noch zu explizierenden ‚Zeitgeistthemen‘ – in den frühen Arbeiten
des Autors zwingend mit einer mystifikatorischen städtischen Kulisse verbunden
sind.
I.
Stadtdarstellungen in der Gegenwartsliteratur: Kartographien –
Projektionen – Simulationen
Raumtheoretisch gesprochen oszillieren Stadtdarstellungen zwischen den Polen
des kartographischen Orts und dem Raum als Seinskategorie, d.h. dem
Unbewusst-Elementaren und Imaginierten.7 In der Gegenwartsliteratur – und
zwar sowohl in der deutschsprachigen wie der internationalen – scheint ein
5
6
7
Gunther Nickel: Georg Klein. In: Kritisches Lexikon zur deutschen Gegenwartsliteratur, Nlg., 6/10 (1995), S. 2.
Georg Klein: Man muß das Deutsche stark machen. Spannungsschreibertum, Endzeitstimmung und Zeitgenossenschaft: ‚Barbar Rosa‘, Georg Kleins neuer Roman,
ist eine abgründige Detektivgeschichte. Gespräch mit Ulrich Noller. In: Tageszeitung, 22. März 2001.
Die Konzepte sind entnommen aus Michel de Certeau: Berichte von Räumen. In:
ders.: Kunst des Handelns. Berlin 1988, S. 215-240, hier S. 217-220.
3
Susanne Ledanff
anything goes vorzuherrschen in Bezug auf ästhetische Präferenzen der Stadtdarstellung. Da gibt es die Möglichkeit der Anknüpfung an realistischstadtsoziologische Konventionen, weiterhin ein weites Feld von projektiven
Aufladungen städtischer Räume und schließlich die Ästhetik der postmodernen
Dekontextualisierungen und Simulationen.8
Im Folgenden sollen die ästhetischen Begründungen projektiver Stadtimaginationen in den Blick genommen werden, wobei ich mich auf Sigrid Weigels
ästhetisches Konzept der ‚imaginären Stadt‘ beziehe. Weigel sieht keine Möglichkeit mehr für ‚reale‘ Referenzpunkte in der Stadtdarstellung. Statt dessen ist
ihre These die, „daß die Städtebilder, die in verschiedenen Präsentationsformen
vorliegen, eher als Denkbilder denn als Abbilder zu verstehen sind“.9 Imaginationen und Paradigmen der „Weiblichkeit der Städte“ können im übergreifenden
Sinne als verräumlichte Sinnbilder der „Zivilisationsarbeit“ und der „Dialektik
der Naturbewältigung“ verstanden werden.10 Namentlich ein weiterer Aspekt der
„città imaginate“, den Weigel in Erwägung zieht, ist für Kleins Prosa interessant,
nämlich, „daß die Art und Weise, wie die Stadt gesehen, erlebt und entworfen,
wie die Stadt gelesen und im Alltag realisiert wird, von ihrer Imaginationsgeschichte strukturiert wird und durch sie auch repräsentiert werden kann“.11
Die Ästhetik der kunstvollen projektiven Stadtbilder wird in James Donalds
Studie Imagining the Modern City in einem umfassenden Sinne vorgestellt. Auch
Donald geht von einer stadtmythischen Imagination der ‚universalen‘ Stadt aus.
Donalds Studie und seine literarischen und filmischen Beispiele machen deutlich,
dass auch zeitgenössische Großstadtautoren noch an die klassische Großstadtmoderne – im Sinne von Simmels mentaler Verfassung der Großstadtbewohner –
als „imagined urban environment“ – anknüpfen können. Donald zielt grundsätzlich in der Variationsbreite von Stadtimaginationen auf ein „urban uncanny“
ab, und zwar „in terms of dramaturgy of desire, fascination and terror. This
uncanny city defines the architecture of our apparantly most secret selves: an
already social space, if often a decidedly uncivil form of association“. 12 Die
projektiven ‚Denkbilder‘ Weigels und Donalds Assoziationen des StädtischUnheimlichen mögen einen wichtigen Beitrag für ein zeitgenössisches Schreiben
über die Stadt liefern. Sie heben die ‚tiefen-psychoanalytisch‘ deutbaren Konfrontationen der Protagonisten mit dem Stadtraum hervor.
8
9
10
11
12
4
Siehe Friedrich Lach: Wer oder was schreibt die Stadt? Konvention und Dokumentation in der urbanen Literatur. In: Thomas Steinfeld/Heidrun Suhr (Hg.): In der
großen Stadt. Die Metropole als kulturtheoretische Kategorie. Berlin 1990, S. 155172, hier S. 171.
Sigrid Weigel: Zur Weiblichkeit imaginärer Städte. Eine Forschungsskizze. In:
Bernhard Fuchs/Bernhard Moltmann (Hg.): Mythos Metropole. Frankfurt a.
M./New York 1996, S. 35-45, hier S. 36f.
Ebd.
Ebd., S. 35.
James Donald: Imagining the Modern City. Minneapolis 1999, S. 71.
Stadtmystifikationen
In jedem Fall ist Kleins Stadtbildlichkeit der frühen Romane und Erzählungen von der Raffinesse der projektiven Stadtbilder gezeichnet, die mehr oder
weniger mit den ‚realen‘ Referenzen zu spezifischen Stadträumen brechen oder
sie transzendieren. Nun sind Kleins Romane, insbesondere der ‚Detektivroman‘
Barbar Rosa bereits in ein komparatistisches Bezugsfeld gestellt worden, und
zwar in das des nordamerikanischen postmodernen Romans, in dem eine besonders radikale Auflösung des mimetischen Bezugs zum ‚realen‘ Raum zu beobachten ist. Christoph Jürgensen zufolge ist die postmoderne Poetik durch den
selbstreferentiellen Charakter der städtischen Zeichen gekennzeichnet, wonach
„die Grenzziehung zwischen Realität und Fiktion insgesamt prekär“ erscheint.13
Mir erscheint es äußerst sinnvoll, bei den komparatistischen Kontexten für Kleins
Stadtprosa im Bereich der postmodernen Stadtdarstellung zu bleiben, wobei
Postmoderne im weitesten Sinn als Destruktion eines Wirklichkeits- und Subjektbegriffs verstanden werden kann.14 Jürgensens Einordnung von Barbar Rosa als
postmodernem Antikriminalroman und dessen Parallelen zu Paul Austers und
Thomas Pynchons Vexierspielen einer ‚Queste‘ in der Großstadt, bei der die
Lektüre der Zeichensysteme zusammenbricht, ist namentlich für die Genrebestimmung des postmodernen städtischen Kriminalromans überzeugend.
Gleichwohl will ich in meinem Aufriss der Merkmale postmoderner Stadtdarstellung noch weiter ausholen. Die Ästhetik simulativer Großstadttexte hat
zwar mit der von Jürgensen hervorgehobenen Konstruktion von Welt als selbstbezüglichem Zeichensystem zu tun. Die kulturkritischen Hintergründe der amerikanischen Postmoderne können aber nicht außer Acht gelassen werden. So muss
man sehen, dass der amerikanische postmoderne Roman an die kulturtheoretischen Bestimmungen von Postmoderne durch die Autoren des französischen Poststrukturalismus wie Jean Baudrillard oder auch an Frederik Jamesons spätkapitalistische Raumkritik anknüpft bzw. sich mit diesen Positionen verbinden lässt. In
den von den Human- oder Kulturwissenschaften erarbeiteten Definitionen von
Postmoderne ragen die Begriffe von Simulation, Hyperrealität und Pastiche hervor. Baudrillards Begriff von Simulation ist zurückzuführen auf das Verständnis
„verschiedener Modelle zur Generation eines Realen ohne Ursprung oder Realität, d.h. eines Hyperrealen“.15 Jameson verweist in seiner Bestimmung der spätkapitalistischen Raumlogik auf die „whole new culture of the image or the
13
14
15
Christoph Jürgensen: Keine Ordnung. Nirgends – Überlegungen zur Großstadt im
postmodernen Kriminalroman. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 149 (2008), S. 118-139, hier S. 120.
Jürgensen (vgl. ebd., S. ###) verweist in seinem Aufsatz auf den Kontext der
amerikanischen Postmoderneforschung, hier u.a. auf Brian McHale: Postmodernist
Fiction. London/New York 1987. McHales kritische Diskussion der ‚break
through‘-Theorien für das Aufkommen der literarischen Postmoderne lässt die
Dekonstruktion von Raum- und Subjektvorstellungen nachvollziehen (vgl. ebd., S.
10ff.).
Jean Baudrillard: Die Präzession der Simulakra. In: ders.: Agonie des Realen.
Berlin 1978, S. 7-69, hier S. 7.
5
Susanne Ledanff
simulacrum“.16 Entsprechend ist literarische Postmoderne gerade bei Autoren
wie Pynchon, Auster, in einem gewissen Grad auch bei Frederick Barthelme und
Don DeLillo durch die Omnipräsenz der Codes und Modelle charakterisiert, die
aus den medial vermittelten Ideologien des Alltags stammen. Dies führt zu einer
besonders radikalen Form kultur- und medienkritischer selbstreflexiver Schreibstrategien dieser Stadtromane und ihres Spielcharakters, da sie „jegliche Gewissheit zerspielen“.17
Ist dies nun wirklich die zentrale Folie für Kleins großstädtische Mystifikationen? Ich meine, dass die medienkritischen Dimensionen und die Metaphorisierungen des Spätkapitalismus, die man in den simulativen Großstadttexten
amerikanischer Autoren aufspüren kann, äußerst fruchtbar sind für einen Vergleich mit Kleins Stadtmystifikationen, d.h. im Blick auf seine prononcierte
Medien- und Zeitkritik. Es wird allerdings zu zeigen sein, dass Klein gänzlich
andere Wege einschlägt als die nordamerikanischen Autoren, um städtische
Selbstreferentialität und medienkritische Themen in seine Prosa einzubringen.
Des Weiteren ist der Kontext spezifischer Themen und Motive im postmodernen amerikanischen Stadtroman für eine komparatistische Einordnung von
Kleins Großstadttexten zu beobachten. Über die Entropie der Zeichensysteme
hinaus sind besonders bei Pynchon und Auster die Endzeitszenarien zu nennen,
weiterhin die Motive von Verschwörung und alltäglichem Terror als Chiffren der
Kritik spätkapitalistischer Räume und schließlich die Perspektive der Marginalisierten und des städtischen Untergrunds. Von der Literaturkritik wurden
mögliche Anknüpfungen an Pynchon in Kleins früher Prosa durchaus bemerkt.
Allerdings wurden auch weitere Beispiele der Ahnen von Kleins „Düstermännern“, sein Spiel mit Genrevorgaben und seiner oft aus deutschen Quellen
geschöpften düster-romantischen Schaueratmosphäre genannt.18 All dies ist als
16
17
18
6
Frederic Jameson: Excerpts from Postmodernism or The Cultural Logic of Late
Capitalism. In: Joseph Natoli/Linda Hutcheson (Hg.): A Postmodern Reader.
Albany, NY 1993, S. 312-332, hier S. 321. Das Pastiche definiert Jameson ähnlich
wie Baudrillard den Begriff des Simulacrum als „the identical copy for which no
original ever existed“ (ebd.).
Martin Klepper spricht von Renarrativierungstendenzen im neueren Schreiben der
Autoren Pynchon, Auster und DeLillo. Er sagt weiterhin: „Die Postmoderne bleibt
eklektizistisch (sie integriert auch weiterhin Techniken der Massenmedien), sie
bleibt skeptisch gegenüber jeglichem ‚Wissen‘, sie versteht ihre Konstruktionen
weiterhin als Setzungen, versteht sich weiterhin als im Gegenstand der Kritik
impliziert, sie parodiert und sie spielt. Mit anderen Worten, sie bleibt postmodern.“
Martin Klepper: Pynchon, Auster, DeLillo. Die amerikanische Postmoderne zwischen Spiel und Rekonstruktion. Frankfurt a. M./New York 1996, S. 58.
In der Besprechung von Anrufung des Blinden Fisches bemerkt Katrin Hillgruber:
„Die labyrinthischen Entscheidungswege von Kafkas ‚Schloss‘ klingen da an,
ebenso wie die Verschwörungs-Phantasmagorien eines Thomas Pynchon“. Katrin
Hillgruber: Die Hauptstadt und der Eber. Georg Kleins Erzählband ‚Anrufung des
Blinden Fisches‘. In: Süddeutsche Zeitung, 15. November 1999. In der Besprechung von Barbar Rosa werden von Verena Auffermann die „genialen Düsterlinge“
Stadtmystifikationen
weiteres Indiz für postmoderne literarische „zerspielende“ Verfahren in Kleins
Prosa zu werten. Klein selbst reagiert vorsichtig auf die Spekulationen einer Verwandtschaft mit Pynchon: Die Vergleiche „ehren“ ihn.19 So ist im Folgenden auf
produktionsästhetischer Ebene der ‚Fantasieraum‘ des Städtischen – und
möglicherweise der Fantasieraum Berlins – in den Beispielen von Kleins urbanen
Mystifikationen zu untersuchen.
I.I
Libidissi
Libidissi ist (vom Schreibzeitpunkt gesehen) der letzte der Romane in Kleins
Frühwerk. Mit einem Blick auf die früher geschriebene Prosa ist zu sagen, dass
es nur in dem Band Anrufung des Blinden Fisches namentliche Hinweise auf den
Ort Berlin gibt. Allerdings sind auch diese Erzählungen nicht in einer ‚realen‘
Berliner Topographie angesiedelt. Vage skizzierte Geschichtsepochen produzieren eine zeit- und ortlose Stadtlandschaft, über der zudem ein manierierter
Mief der fünfziger Jahre hängt. In Libidissi ist auch die vage Referentialität zum
Ort Berlin, die man in Barbar Rosa findet, gelöscht. Das ‚orientalische‘ Dekor
fällt zunächst ins Auge. In geradezu überbordender Fülle von exotischen Details
wird eine Art pseudoethnologischer Beschreibung von Landessitten und
städtischer Topographie geliefert. Man erfährt von der Oberklasse der Egichäer,
den sektiererischen Gahisten, der kyrenäischen Minderheit und den Massakern
an ihnen, schließlich von einem ausbrechenden Aufstand, weiterhin von der
Eingeborenensprache Piddi-Piddi, dem verbotenen Viertel „Goto“ (Libidissi, S.
###) und einer Unmenge von weiteren fremdartigen Namen und Gebräuchen.
Dabei spielt die Handlung durchaus in der Gegenwart, nach dem Ende einer
mysteriösen Fremdherrschaft. Diese Hauptstadt ist dann europäischen
Großmächten als Agentensitz wichtig. So erzählt Klein die Geschichte vom
deutschen Spion Ich=Spaik, der von seiner Abberufung, ja Exekution bedroht ist
und von einem eben aus Deutschland eingetroffenen Duo der „Lächler“
(Libidissi, S. ###) verfolgt wird. Trotz der phantastischen ‚orientalischen‘
Elemente in der Altstadt und des multiethnischen Staates ist die einstige
„Fremdmacht“ (Libidissi, erstmals S. 6) wohl unschwer als die Sowjetunion zu
entziffern, und die barbarischen Exzesse religiösen Fanatismus‘ stellen die
nationalen Bewegungen in der Auflösung des sowjetischen Imperiums bzw. des
osteuropäischen sowjetischen Machtbereichs dar. Der subkulturellen Atmosphäre
der Altstadt steht die europäisierte Lebensweise auf dem Boulevard und in den
19
genannt: Thomas Pynchon, Don DeLillo, E.T.A. Hoffmann und Jean Paul. Verena
Auffermann: Sirenenklänge aus der Männerwelt. ‚Barbar Rosa‘ oder ‚Es grünt so
grün im Gruselkabinett‘. Der Sprachvirtuose, Bildermacher und Farbenfex Georg
Klein wartet mit einer waghalsigen Detektivgeschichte auf. In: Süddeutsche Zeitung, 22. Februar 2001.
Klein: Man muß die deutsche Sprache stark machen (Anm. 6).
7
Susanne Ledanff
Hotels und Clubs entgegen, wo die Geldjugend der Hauptstadt und die Ausländer
ihrer hedonistischen Lebensweise frönen.
Der Orientalismus in den erfundenen Stadträumen, ja der Name ‚Libidissi‘
selbst, ließ die Literaturkritiker nach möglichen Vorbildern für diese Stadt
suchen. Tiflis wurde genannt, gar im Namen ‚Libidissi‘ das Spiel mit dem Wort
‚Libido‘ wiedergefunden.20 Überzeugender ist Stuart Taberners Analyse, der den
Roman Libidissi als ein Beispiel neuerer deutscher Literatur einordnet, das in
seiner multiethnischen Imagologie als Indiz für einen Teilaspekt der „Normalisierung“ der Literatur der Berliner Republik steht, nämlich den Einzug von „hybriden“, gleichwohl „lokal“ gefärbten Globalisierungserscheinungen.21 Die
frühere „Fremdmacht“ (Libidissi, S. ###) ist für Taberner eine „Kolonialmacht“
(Libidissi, S. ###), und die Gahisten sind religiöse Fundamentalisten. Die
Hybriditätserscheinungen in dieser Umbruchsphase könnten im „middle East,
Asia, or the former GDR“22 zu finden sein. Für meine Deutung der
Geschichtsereignisse
als
sowjetisch-osteuropäische
und
schließlich
postsozialistische spricht, dass sich die Etablierung des westlichen Kapitalismus
nach den Umbrüchen in Osteuropa und der früheren Sowjetunion im Roman
deutlich
spiegelt,
wobei
allerdings
die
archaisch
anmutende
Fundamentalistenbewegung der Gahisten einen letzten Feldzug gegen das neue
Staatssystem führt – und gar zu gewinnen scheint! Nach dem Gesagten ist die
Chiffrierung von Libidissi als einer osteuropäischen Hauptstadt von Klein in
besonders vieldeutiger Weise umspielt. Was mir die assoziative Verbindung zu
einer ‚östlichen‘ Hauptstadt noch am deutlichsten zu unterstützen scheint, ist
eben der Orientalismus der Stadtbilder, ein gewiss nicht zufällig gewählter
Exotismus – zu verstehen als eine Mystifizierung des ‚Ostens‘, die Klein in
Barbar Rosa fortsetzt. Typische Motive in Kleins Frühwerk als Ausdruck seiner
verrätselnden Stadtdarstellungen sind die Imaginationen einer ‚Hauptstadt‘ im
Umbruch – mitsamt deren Konnotationen eines Zentrums für globale kapitalistische Umtriebe und als Ort einer neuen Kommerzialisierung des Kulturellen.
Beispiele hierfür sind in Libidissi die Kulturevents des „Naked Truth Club“
(Libidissi, S. ###), die sich mit den in dem Erzählband Anrufung des Blinden
Fisches behandelten Kultorten vergleichen lassen: in Gugu die Darstellung der
„Galerie für Nichts“ und in Ukra’ina die Schilderung eines „Hauptstadtvarietés“.23
Wie wichtig aber sind in Libidissi die vagen Hinweise auf eine Hauptstadt,
die durch ‚östliche‘ Umbruchereignisse in ihrer jüngeren Vergangenheit geprägt
ist? In erster Linie ist Libidissi das Musterbeispiel einer fiktiven Stadt mit ihrer
20
21
22
23
8
Nickel: Georg Klein (Anm. 5), S. 2.
Stuart Taberner: A New Modernism or ‚Neue Lesbarkeit‘? Hybridity in Georg
Klein’s Libidissi. In: German Life and Letters 55, Nr. 2 (2002), S. 137-148, hier S.
143.
Ebd.
Zit. nach: Georg Klein: Anrufung des Blinden Fisches. Erzählungen. Berlin 1999,
S. 123 und 145.
Stadtmystifikationen
phantasievoll ausgemalten Topographie, ihren Bewohnern, Sitten, Sprachen
sowie einer merkwürdigen Stadtgeschichte. Mit den Stichworten einer fiktiven
Stadt ist aber noch nichts über die Klein’sche Variante von städtischen Wunschbzw. Alptraumbildern gesagt, um hier auf Weigels bzw. Donalds Bestimmungen
des Phantasierens über ein universal Städtisches zurückzukommen. Bei der
Genrevorgabe der fiktiven Stadt ist zu denken an die ‚unsichtbaren Städte‘ Italo
Calvinos,24 die die Bilder des Exotischen und Fremden mit zivilisationsgeschichtlichen Reflexionen verbinden. Überhaupt scheint mir Kleins „namenlose Stadt“ (Libidissi, S. ###) an europäische Traditionen dieses Musters der
fiktiven oder surrealen Stadt anzuschließen. Besonders ausgeprägt ist diese
Tradition in der Literatur der hispanischen Peninsula, z.B. in dem Roman Stadt
der Blinden des portugiesischen Novellisten José Saramago. In Libidissi wird die
Märchenatmosphäre des Orients bemüht, um den Ort geheimnisvoll, aber auch
gefährlich oder „unheimlich“ (Libidissi, S. ###) erscheinen zu lassen – ein
barbarischer Unort par excellence, über dem nur der dünne Firnis der Zivilisation
und Moderne liegt. Kleins Stadtfiktion ist jedoch nicht auf die Exploration der
symbolhaft-archetypischen Assoziationen des Städtischen festzulegen. Der Autor
instrumentalisiert sein städtisches Traumgebilde ganz ungeniert, und zwar um es
als spiegelhafte Kulisse des mörderischen Agententhrillers zu gebrauchen.
Ähnlich geht er in Barbar Rosa vor. Beide Romane rekurrieren auf die Genrevorgaben von Spionage- bzw. Detektivroman, um die Surrealität der fiktiven
Stadt in einer bestimmten Zwecken dienenden Kulisse zu verorten, etwa als
Kulisse der Verfolgungsjagden der Agenten in Libidissi. Beide Romane
funktionalisieren auch den Stadtraum als Vexierbild eines schizophrenen oder
neurotischen Helden, also als eine Art „städtischer Seelenlandschaft“. Mit diesem
Begriff ist gemeint, dass ein Spiegelverhältnis von Stadtraum und psychischer
Verfassung aufgebaut wird, ein Mittel, das übrigens gern in der neueren
Berlinliteratur gewählt wird, allerdings auf weit weniger verstörende Weise als
bei Klein.25 Kleins unbändiger Exotismus seiner Stadtbilder in Libidissi sprengt
hingegen auch solche Korrespondenzen von Stadt und Psyche. Die surrealen
Stadtbilder führen ihr Eigenleben; ihr elaborierter Kunstcharakter ist unschwer zu
erkennen. Dies führt zu der Beobachtung, dass man hier Anzeichen der
erwähnten Kunstgriffe des postmodernen nordamerikanischen Romans zu finden
vermag – literarische Verfahren, die in dem Roman Barbar Rosa noch stärker
ausgebaut sind. In Libidissi bedient sich Ich=Spaik eines altertümlichen
Kommunikationssystems: der Rohrpostsendungen. Vage gemahnen sie an die
unheimliche Anonymität der Tristero-Geheimorganisation in Pynchons The
Crying of Lot 47, die im Untergrund das Nachrichtensystem eines anderen
Amerika zu beherrschen scheint. Diese Verwendung von ‚clues‘ als medialen –
irreführenden – Zeichen und die Rekurse auf Kommunikationssysteme und
24
25
Vgl. Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte. Roman. München 1992.
Vgl. Doerte Bischoff: Berlin Cuts: Stadt und Körper in Romanen von Nooteboom,
Parei und Hettche. In: Gegenwartsliteratur 4 (2005), S. 111-139.
9
Susanne Ledanff
Kommunikationstechnologien sind in Barbar Rosa noch eindringlicher in die
Romanhandlung eingebaut.
I.II
Barbar Rosa
Anders als in der spielerischen Ortlosigkeit in Libidissi fällt in Barbar Rosa
immerhin der Name „Hauptstadt“ (B.R., S. 58) – und es ist eine Hauptstadt in
einem deutschen Staatsgebilde, was nun den deutlichsten Hinweis auf
‚verrätselnde‘ Anspielungen auf den Schauplatz oder besser den ‚Fantasieraum‘
Berlin zu liefern scheint.26 Vom biographischen Hintergrund ist an Kleins
großstädtischen Lebensraum (West-)Berlin zu denken bzw. an die frühe
Wendezeit. Dies allerdings steht in Widerspruch zu den auffallenden Bildern
eines hauptstädtischen Zentrums, z.B. in den noch zu betrachtenden
Phantasiereisen zu dem Geschäftshaus in einer glanzvollen Vergangenheit der
„Hauptstadt“, etwas u.a., was die Literaturkritik dazu verleitete, in dem Roman
die Themen des neuen Berlin und der Wiederbelebung der metropolitanen
Vergangenheit im Bezirk Mitte zu entdecken. Dennoch lassen sich eine Reihe
von – allerdings in äußerst vager Weise – referentiell auflösbaren Berlinbildern
bzw. einer Berliner Ikonographie in dem Roman identifizieren. Natürlich können
allein vom Schreibzeitpunkt her solche ‚Wiederkennungs‘-Effekte nicht auf das
Berlin an der Jahrtausendwende bezogen werden, was folgern lässt, dass die
Hauptstadtimagologie in Barbar Rosa ein Teil der Großstadtmystifikationen ist,
die Klein in seiner frühen Prosa vornimmt – im Sinne der universalen Denkbilder
des Städtischen – und auch infolge weiterer Ausgangspunkte seiner
Mystifikationen von Raumbildern, die es in diesem Abschnitt noch zu betrachten
gilt.
Anders als in Libidissi ist der Held in Barbar Rosa ein Einheimischer mit
einer von den neueren Umbrüchen gezeichneten Biographie. Detektiv Mühler,
sein Auftraggeber Hannsi und ein weiterer Jugendfreund namens Kurti sind am
„östlichen Stadtrand“ (B.R., S. ###) dieser deutschen „Hauptstadt“
aufgewachsen. Wie üblich empfängt der Detektiv Mühler seinen Auftrag von
dem wortkargen Geschäftsmann Hannsi in altmodischer Weise. Mündlich und
per Fax, üblicherweise gefolgt von einem Scheck, diesmal aber von einem
Umschlag mit rosa bekleckstem Bargeld, werden ihm die Stichworte des Falls
mitgeteilt. Seine Aufgabe ist, einen verschwundenen Geldtransporter wieder zu
finden. So wenig der alternde, begriffsstutzige Detektiv mit seinen physischen
Handicaps dem Fall gewachsen scheint, so sehr ist er doch andererseits ein guter
Materialverwerter von Beobachtungen seltsamer Zufälle und von Texten aus dem
26
10
Jürgensen: Keine Ordnung (Anm. 13), S. 135 merkt an, dass für die „namenlose
Stadt“ der mögliche Berlin-Hinweis erst spät in Barbar Rosa in der Erwähnung
„unserer Hauptstadt“ (B.R., S. 58) und der „deutschen Hauptstadt“ (B.R., S. 79)
fällt.
Stadtmystifikationen
„Gebrauchttextfundus“ (B.R., S. 34) der Brüder Ilbich. Dem Genre des
Detektivromans entsprechend, aber mehr unfreiwillig gelenkt als
Zusammenhänge begreifend, findet der „Mühlerchen“ genannte naive Held die
Teile des Puzzles, die wichtigen Orte in der Stadt und das Versteck des
gesuchten Objekts. Dass ihn dabei auch einige die Handlung präfigurierende
Texte leiten, etwa ein in russischer Sprache geschriebener Comic und ein
Visitenkärtchen bzw. Bilderbrief mit dem Wortsplittern „HITZIK“ (B.R., S. 86)
weist darauf hin, dass Klein auch die Zeichenelemente der schriftlichen Medien
benutzt, gewissermaßen in semiotischer ‚Verwandtschaft‘ zu der Art und Weise,
wie Pynchon und Paul Auster ‚clues‘ verwenden: Die schriftlichen Zeichen, die
Oedipa Maas in The Crying of Lot 49 bzw. dem Detektiv Quinn in Austers City
of Glass als Anleitung zur Lektüre eines zivilisatorischen Zeichengeflechts
erscheinen. Weiterhin verwandt wird eine die gesuchten Gebäude plastisch
hervortreten lassende alte Luftangriffskarte, vergleichbar der nach
Renaissancekunstprinzipien konstruierten Reliefkarte in Libidissi. Der Verlust
des rosa Transporters, der mit den verbrannten Leichen der Fahrer im Kanal
versunken war, und der Diebstahl eben dieses Transporters durch den
Aktionskünstler Bertini und seine Bande entpuppen sich als Begleitumstände
eines Flugzeugabsturzes mitten in der Stadt, wobei Bertinis Leute zufällig
zugegen sind und sich das Fahrzeug und die mumifizierten Leichen im Dienste
der Kunst aneignen.
Es gibt eine Reihe von Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede
zwischen Libidissi und Barbar Rosa in Hinblick auf die Stadtdarstellung. So
weist das an das neue kosmopolitische Zentrum grenzende „Lumpensammlerviertel“ (Libidissi, S. ###) in Libidissi, wo sich Ich=Spaik als ein mit den
einheimischen Sitten vertrauter Ausländer einquartiert hat, Ähnlichkeit mit dem
in Barbar Rosa beschriebenen östlichen Arbeiterviertel in der Innenstadt und
Wohnort des Detektivs Mühler auf. Der kulturelle Meltingpot-Charakter in
Libidissi wird in Barbar Rosa aber ersetzt durch eine Szenerie des Verkommenen
und Verwahrlosten. Zu den proletarischen Orten gehören z.B. eine „Mutters
Futterkiste“ (B.R., S. 111) genannte Eckkneipe und ein in einem Wohnmobil
errichteter Imbiss mit dem Namen „Jägerklause“ (B.R., S. 114). Wiederkehrende
Schauplätze sind Hellas Laden, die „Grüne Zisterne“ (B.R., S. 21), ein in einen
pornographischen Videohandel verwandeltes Pissoir, Bettinas Bar und die
erwähnte „Galerie für Nichts“ (B.R., S. ###). Verfallskulissen sind zu finden in
stillgelegten Bauwerken wie einem Gründerzeithallenbad oder einem öden
Parkhaus, in dem ein „Gebrauchstextfundus“ untergebracht ist. Es ist eine
Hauptstadt, die mit ihren menschenleeren Straßen und verwilderten
Industrieanlagen, wo sich Jugendgangs tummeln, eher Ghetto als glitzerndes
Zentrum ist, das noch in Libidissi auftauchte.
Um diese Stadtbilder in Barbar Rosa zu deuten, können Kleins Mystifikationen von urbaner Wüstenei bzw. anachronistisch anmutenden proletarischen Kaschemmen einerseits im Sinne von Donalds Imaginationen eines „urban uncanny“ verstanden werden. Andererseits baut der Autor jedoch in diese universalen
Stadtphantasien Elemente einer Berliner Ikonographie ein. Abgesehen davon,
11
Susanne Ledanff
dass einige Kneipennamen typisch für das Berliner Arbeitermilieu sind (allerdings auch in anderen deutschen Großstädten zu finden wären), gibt es weiterhin
Stadtbilder, die an die unverwechselbaren Berliner Mietskasernen „in baumlosen
Straßen“ bzw. auch an die Stadtumbrüche denken lassen: „Zwischen blankrenovierten und schwarzzerfressenen Fassaden […] lief ich, dem Licht entgegen,
Richtung Osten“ (B.R., S. 57; S. 90). Ebenfalls ein charakteristisches Berliner
Stadtbild ist die „alte Hochbahnlinie, die hier auf plumpen Stelzen Richtung
Osten knickt“ (B.R., S. 39). Auch den Lunapark, der in den Erinnerungen des
Detektivs eine Rolle spielt, gab es im Osten, im Treptower Park, wenn auch die
Klein’sche Phantasie diesen Ort in märchenhafter Weise ausschmückt. Diskutieren lässt sich das mögliche Vorbild des verlassenen Stadtbads aus der
Gründerzeit. In den frühen Wendejahren wurde das Stadtbad in der Oderbergstraße im Prenzlauer Berg geschlossen.27 Dass nun dieser später als Kultort für
Theateraufführungen benutzte Bau Klein als Vorbild diente, lässt sich wegen des
frühen Schreibzeitpunkts des Romans eher ausschließen. Allerdings ist die
Beschreibung der Wilhelminischen Architektur des Gründerzeithallenbads selbst
wieder ein Hinweis auf Ikonographisches in den Berliner Baurelikten. Gewiss
spielt Klein einerseits mit bestimmten Wiedererkennungseffekten von Berliner
stadtlandschaftlichen und architektonischen Idiosynkrasien, hebt aber auch
andererseits jede konkrete Bezugnahme zu den Berliner Orten und Räumen
wieder auf.
Die Mystifikationen der Stadtlandschaften in Libidissi und Barbar Rosa
haben gemeinsam, dass sie den Symbolismus einer ‚östlichen‘ Phantasiestadt
enthalten, was in Barbar Rosa von den häufigen Anspielungen auf den „Osten“
(B.R., S. ###) der Stadt als dem Wohnort des Detektivs bekräftigt wird.
Märchenhaft-„orientalisch“ (Libidissi, S. ###) war in Libidissi die Beschreibung
der Drogenkultur, die um das teuflische Suleikagetränk kreist. Dessen Pendant ist
in Barbar Rosa der namentlich in den Kaschemmen der Stadt genossene Sucko,
ein
süchtig
machender,
unter
bestimmten
Umständen
tödlicher
Alkoholverstärker, der immer noch illegal existiert. Die Erfindung der
Suckokultur ist eine der vielen archaisierenden Metaphern Kleins für
großstädtische groteske Drogen- und Unterweltphänomene, deren Stellenwert in
den beiden Romanen jedoch unterschiedlich ist. In Kleins zweitem Roman tritt
der pseudoethnologische Stadtbeschreibungsmodus von Libidissi zurück
zugunsten einer psychedelischen Erlebnisweise, die die Detektivarbeit begleitet.
In diesem Kontext ist auch die den ganzen Roman durchziehende Farbsymbolik
von Belang; zu diesem Zusammenhang weiter unten mehr.
Im Folgenden will ich die Fragen nach Kleins Stadtmystifikationen mit
einem Blick auf die kulturkritischen Intentionen des Autors verbinden. Keineswegs vermag der selbstreferentielle Charakter der Zeichen, der nach dem Muster
des postmodernen Kriminalromans eine (scheiternde) „Queste“28 in der Groß27
28
12
Dieses Stadtbad ist übrigens der Schauplatz auch eines weiteren Berlinromans:
Katharina Hackers Der Bademeister (2000).
Jürgensen: Keine Ordnung (Anm. 13), S. 121.
Stadtmystifikationen
stadt suggeriert, die mysteriösen Raumbilder in Barbar Rosa gänzlich zu erklären. Ja, man wird feststellen, dass Klein auf spielerische Weise die postmoderne Ästhetik der Entropie der Zeichensysteme à la Pynchon für den Leser
seines Romans bereit hält, in Wahrheit aber von einem mehr oder minder
deutlich abgesteckten Themenkatalog seiner Kultur- und Zeitkritik ausgeht.
Hierzu gehört, was ich die Klein’schen Zeitgeistthemen nennen will. Sie erstrecken sich zum einen vor allem auf seine scharfe Medienkritik, zum anderen
auf eine Innerlichkeits- und Wandlungsthematik, die ein eigentümliches Anliegen des Autors in seiner Beleuchtung der Malaisen der modernen Berufswelten artikuliert.
II.
Das Konzept von Zeitgeistthemen – Kleins Kulturpessimismus
Blicken wir zunächst kurz auf die Einordnung bestimmter Motive und Themenkreise von Kleins Frühwerk in der Literaturkritik. Kleins frühe Prosa und
namentlich Barbar Rosa wurden über die Kategorien einer „Anti-Ästhetik“
(Auffermann) oder „romantischen Ästhetik des Bösen“ (Braun) charakterisiert.29
So liegt ein formaler Postmodernebegriff offenkundig vor,30 der sich schon durch
die Anspielungs- und Zitattechniken einstellt, auf die der mythomanische Autor
zurückgreift und damit die Motive von Tod, Eros, Körperwelten, Horror, Ekel,
Perversion etc. ins Spiel bringt. Alle Vorgänge in der Stadtlandschaft in Barbar
Rosa, ja auch schon in Libidissi sind von ‚barbarischen‘ Einbrüchen von Gewalt,
Dekadenz und von Ekelbildern in den Beschreibungen der physischen Verfassung des Protagonisten, seiner Erlebnisse und überhaupt von abstoßenden Körperbildern gekennzeichnet. Das Konzept von Zeitgeistthemen rührt bei Klein aus
einer generellen Irritation, dem Unbehagen an den Defiziten des Gesellschaftlichen, die sich an den Deformationen der Individuen in der zeitgenössischen
Mediengesellschaft und den postfordistischen Arbeitsbedingungen festmachen.
Es lohnt sich für den zeitgenössischen Autor, sie ins Zentrum komplexer und
wahrhaft beängstigender Bildstrukturen zu rücken. So ist in Barbar Rosa die in
die Gestalt Mühlers gepackte Angst- und Versagensproblematik der von den
flexiblen Arbeitsprozessen überforderten Männerpsyche (und Physis!) zu
nennen, eine Einzelgängerproblematik, die in der Ich=Spaik-Figur schon als
Thema der Verdrängung der Gealterten durch eine dynamische junge
29
30
Auffermann: Sirenenklänge (Anm. 18); Michael Braun: Kaiserreich des Abscheus.
Georg Kleins morbide Detektivgeschichte ‚Barbar Rosa‘. In: Frankfurter Rundschau, 21. März 2001.
Hier wird auf ein anderes literarisches Postmoderne-Konzept angespielt als das, das
im amerikanischen postmodernen Stadtroman angesprochen wurde. Für die
deutschsprachige Gegenwartsliteratur wurden von Literaturwissenschaftlern wie
Uwe Wittstock: Leselust. Wie unterhaltsam ist die deutsche Literatur?. München
1995 die Spielelemente im Sinne der den Leser involvierenden ‚Lust am Text‘
proklamiert.
13
Susanne Ledanff
Funktionselite der High-Tech-Experten und Macher (Ich=Spaiks junge
Verfolger) auftauchte. Wichtig ist dem Autor die Innerlichkeitsthematik der
Exploration des nicht mehr Zeitgemäßen und die Entwicklung einer neuen
Sensibilität. Es handelt sich um eine Erlösungs- oder Selbsterlösungssuche
seltsam unzeitgemäßer intuitionsbegabter Romantiker, womit ich andeuten will,
dass Kleins Kulturpessimismus der dekadenten Innerlichkeit eines Joris-Karl
Huysmann verwandter ist als den kryptischen Verweisen auf Horror- und
Konspirationsszenarios in den postmodernen semiotischen Erzählabenteuern der
amerikanischen Stadtfiktion.31 Deutlich ist die ‚Queste‘ des Detektivs von einer
Innenschau begleitet. Der Detektiv macht wohl Erkenntnisfortschritte, nämlich
genau in die Zusammenhänge seiner von Zeichen geleiteten ‚Queste‘, aber dies
Vordringen wird von heftigen Gefühlen begleitet, nicht nur des Ekels, sondern
auch den Exaltationen des Erkennens. Der Roman zeichnet eine bewegte Palette
des Innenlebens aus „Spannung, Gefühl und Erkenntnis“ nach.32 In Barbar Rosa
führt Klein den Motivstrang der „Bilderübersättigung“ und des Bilderekels ein,
der sich sowohl aus medienkritischen Impulsen wie auch dem Motiv der
innerlichen Wandlung speist. Am Schluss des Romans überfällt den Detektiv ein
„übersatter Ekel vor allen Bildern“ (B.R., S. 164). Es gelingt ihm, sich über die
„Bildersattheit“ zu erheben, und, „statt zur Aktion und Meldung am Telefon zu
drängen“, in der Kontemplation zu verharren (ebd.). Die Metapher des
„Feuerwerks des Sichtbaren“ (B.R., S. 196) erklärt Kleins weitere Exploration
der Malaisen der medialen Gegenwartskultur, was in der Schilderung der von der
Suckodroge berauschten Figuren zu sehen ist: „Das Zeug fördert die Saugkraft
unseres Auges so sehr, daß wir dem zügig anschwellenden Druck der Farben und
Formen bald erliegen.“ (Ebd.) Man kann in der Metapher der Wirkungen der
Suckodroge die Kritik an der Bilderflut der zeitgenössischen Kommunikationsmedien und des reflexionslosen Bildkonsums erkennen. Aber dies ist nicht alles.
Das „Feuerwerk des Sichtbaren“ (B.R., S. ###) ist ein elementares Erlebnis auch
auf der Ebene der verinnerlichten Wandlungsprozesse des Detektivs Mühler.
Kurz sei ein Blick auf die von der Literaturkritik mit großem Interesse bemerkte
Farbsymbolik des Romans geworfen.
Barbar Rosa entfaltet auch Motive der Romantik und Anspielungen auf
deutsche Geschichte, z.B. in den Bildern des grüngekleideten Jägers und dem
Changieren des Barts des Detektivs zu einem hellen Rot (B.R., S. 198), womit er
zur legendären Barbarossa-Figur wird. Auf einer Ebene des Erzählens sind die
Wandlung des Detektivs und die Farbsymbolik des Romans rein psychedelisch
zu verstehen, und zwar im Farbenspektrum zwischen Grün und Rot oder Rosa
der Kleidungsstücke bzw. der aufgefundenen Objekte. Der legendäre Sucko
bewirkt, dass die Farbempfindungen zwischen „Rosa und Lila auf- und
abschwanken“ (B.R., S. 120). Darüber hinaus ist das „babyhafte Rosa“ (B.R., S.
31
32
14
Die Parallele zu Huysmans erörtert auch Braun: Kaiserreich des Abscheus (Anm.
29).
Georg Klein: Fortlaufendes Interview. Online unter: http://home.t-online.de/home/
katrin-devries.georgklein/interv.html (01. März 2009).
Stadtmystifikationen
13) des gesuchten Objekts, des zum Kunstobjekt transformierten Geldtransporters, Ausdruck der Stadt selbst, d.h. der kindlichen und lächerlichen Manifestationen ihrer Kunstszene. Man kann sich fragen, in welche Kategorie von Postmoderne die Eklektik des Visuellen, die Klein offenkundig in Szene zu setzen
sucht, einzuordnen ist. Die postmoderne stadtsemiotische Inspiration langt offensichtlich nicht hin, um die symbolischen Überfrachtungen der Raumbilder des
Romans zu erklären. Eher sind die Zeitgeistthemen des Romans hinzuzuziehen,
die eine Dekadenz- und Degenerationsproblematik in der Gegenwart suggerieren.
Aus den Arbeiten Weigels und Donalds zu Weisen der Stadtrepräsentation will
ich den Gedanken aufgreifen, dass die Denkbilder und universalen Metaphern
der Großstadt in der Gegenwart am meisten von psychoanalytischen Spiegelungen von Raumbildern und Innenwelten profitieren können. Bei Klein ist ein
psychologischer Blick auf den sich in urbanen Kulissen bewegenden Detektiv
durchaus nachzuvollziehen, denkt man an dessen neurotische Disposition, die
sein Handeln und Wahrnehmen steuert. Auch andere Figuren des Romans weisen
groteske Neurosen auf wie z.B. der urinophile Kurti. Eine kranke Stadt ist von
kranken Individuen bevölkert. Kleins Vorstöße in die Tiefenpsychologie und
Neurosenlehre bedürfen allerdings kaum eines Denkmodells des Städtischen als
Ausdruck der Unterdrückung archaischer Triebe und selbstzerstörerischer zivilisatorischer Entwicklungen. Die Krankheitsbilder des Romans erscheinen als
Folge seiner Zeitkritik als Deformationen der zeitgenössischen Subjekte.
In Kleins Medienkritik ist hingegen eine direktere Auseinandersetzung mit
postmodernen Kultur- und Medienmechanismen zu beobachten. In Barbar Rosa
gibt es eine Reihe von Raumbildern, die mit Kleins Lieblingsthema der Informationskanäle und den (überalterten) Apparaturen der Informationsvermittlung zu
tun haben. Ein hervorragendes Beispiel für Kleins Medienkritik kann darin
gesehen werden, dass Berlin wie eine Computersimulation abläuft, wenn die
Hauptfigur bei Autofahrten nichts anderes sieht als vorfabrizierte Videoaufnahmen von Straßenlandschaften. Generell ist, wie bereits in der Erwähnung der
Rohrpostsendungen in Libidissi angedeutet, bei dem Autor das Faszinosum
moderner Kommunikationstechnologien zu beobachten. Die modernen Arbeitsaufträge sind nur noch mithilfe der neuen Medien, Videos, Computerkartographien und süchtig machenden Apparaten zu lösen. Immer wieder werden
phantasievolle historische Verfremdungen der neuen Technologien in den Plot
eingebaut. Die anachronistischen Verfremdungen der zeitgenössischen Technologien spiegeln die Suche nach einer neuen Sensibilität der Akteure in der
Mediengesellschaft und eine gewisse Resistenz gegenüber der allmächtigen
technologischen Moderne.
An einer Stelle des Romans wird Kleins Medienkritik fast durchsichtig
aktuell. Das Geschehen auf dem Hallenbadbecken, bei dem Bertinis Bande den
Transporter wie ein „Riesenküken“ „befiedert“ (B.R., S. 163), wird mit einer
Fernsehsendung überblendet, bei der – Big Brother is watching you! – der
Auftraggeber Hannsi auf dem Fernsehschirm in einer „Meine Zwickmühle“
(B.R., S. ###) genannten Show zugegen ist. An dieser Stelle zeigt sich aber auch
der Unterschied zur amerikanischen postmodernen Stadtfiktion und ihrer
15
Susanne Ledanff
Medienkritik: Klein will nicht hinaus auf eine semiotische Symbolik der
Darstellung der urbanen Welt des Spätkapitalismus und vor allem nicht auf
Baudrillardsche Konzepte
von Hyperrealität. Er zeigt
allenfalls
Verfallserscheinungen der Gegenwart auf, die in einigen Stellen des Romans
seine Raumbilder als extrem medienkritisch erscheinen lassen. Darüber hinaus
entwickelt der Autor aber auch ein weiteres Referenzsystem für die Stadtbilder,
das wiederum an die Zeitgeistthematik des Romans anknüpft. Gemeint ist der
Einbezug des Motivs der „mythischen“ (B.R., S. ###) Vergangenheit der
Hauptstadt. Diese Dimension der Mystifikationen der Großstadt soll
abschließend kurz umrissen werden.
III. Mystifikationen im Zeichen der Imaginationsgeschichte der Stadt
(Berlin)
Dass „Bildersattheit“ Ekel auslöst und als Gegenmittel dieses Material nur noch
im Psychedelisch-Kontemplativen bewältigt werden kann, hat mit den Imaginationen einer Hauptstadt als Geschichtsort zu tun und weiterhin mit der „citta
imaginate“, die für Weigel in deren eigener Imaginationsgeschichte liegt. Um es
kurz vorwegzunehmen: Auf dieser Ebene der Stadtphantasien ist die Inspiration
der Hauptstadt Berlin unübersehbar. Besonders abstoßende Bilder findet der
Autor in der archäologischen Tiefenschichten der Stadt, z.B. in dem erwähnten
Gründerzeithallenbad. Die Gründerzeitskulpturen und Dekorationen zeigen
„ringende Giganten“ (B.R., S. 154), schwülstige Auswüchse notdürftig
sublimierter primitiver Animalität und Sexualität. Die Ikonographie des Wilhelminismus, der Barbarossasage, der Kriegskarten, der Anspielungen auf den
Holocaust – all dies ist angesiedelt in der „Hauptstadt“ (B.R., S. ###). Das
absurdeste Bild der archäologischen Tiefenschichten Berlins findet sich am
Schluss von Barbar Rosa in den Katakomben der Stadtvergangenheit, dem
kriegszerstörten, einst prachtvollen Geschäftshaus an der Stelle des öden
Parkhauses, wo der Detektiv das deutsche Märchen- und Sagenwesen Barbarossa
als „transparentes Kind“ auf einem „Plaste-Töpfchen“ erblicken kann (B.R.,
S. 188).
Dieses Sinnbild deutscher Geschichte bewirkt eine Ekelreaktion des Protagonisten: „Mir schienen tausend Jahre Ekel, ein Kaiserreich der Scheu und der
Abscheu, an diesem Auswuchs aufgehängt“ (ebd.). Das neu aufpolierte juvenile
Deutschland, das in dem „Schwänzlein“ (ebd.) des Kindes verkörpert ist, ist
mindestens so Abscheu erregend wie die altdeutsche Mythologie der
Kyffhäusersaga. Der ‚Plaste‘-Topf des DDR-Erbes, auf dem das jugendliche
neue Deutschland thront, macht diese Vision umso lächerlicher.
Nicht nur die Hinweise auf deutsche und Berliner geschichtliche Hintergründe lassen den Berlinbezug für Kleins surreale Stadtphantasien erkennen.
Klein ist derjenige Berlinautor, der, wie auch von der Kritik bemerkt, sich auf die
Anfänge dieses Jahrhunderts bezieht: „Heym, Mynona, Kafka. Klein weiß, dies
16
Stadtmystifikationen
ist eine Marktlücke und Berlin wartet darauf“33. Statt hier auf hochinteressante
zitathafte Verweise auf Mynonas (Salomon Friedländers) phantastischen Romans
Graue Magie (1922) genauer einzugehen,34 ist die Fixierung der metropolitanen
Vergangenheitsmythologie auf die 20er und 30er Jahre kurz zu betrachten. Ein
geheimes Zentrum der Vergangenheitsfantasien ist das erwähnte kriegszerstörte
Geschäftshaus. Mit einer Zeitmaschine durchrast der Detektiv die Stadt der
Flaneure und die damalige und gegenwärtig viel beschworene metropolitane
Belebtheit und Vitalität des Zentrums. So knüpft Klein auch an das
Holocaustthema in der Stadtgeschichte an, wenn es zur Aufhellung des
Schicksals der Brüder Hitzig kommt, die in der Gegenwart die Archivare Ilbich
sind. Bei seinem Anflug auf das Geschäftshaus, das mit seinen Schriftzeichen
wie der Turmbau von Babel erscheint, „wischte der Name HITZIK in
verschiedenen Größen an mir vorbei“ (B.R., S. 185).
Zusammenfassend sei gesagt, dass die literarischen Techniken der Selbstreferentialität eines (urbanen) Zeichensystems vor allem in dem Roman Barbar
Rosa durchaus an die semiotischen Erzählabenteuer des postmodernen amerikanischen Romans heranreichen, wobei Klein diese universale stadt- und
gesellschaftskritische Semiotik aber nicht wirklich zu interessieren scheint. Die
überbordende Phantastik der Stadtbilder mit ihren Auflösungen der Grenzen von
Fiktion und Realität entspringt den streitbaren Beleuchtungen der
Gegenwartskultur
wie
auch
den
Befragungen
einer
düsteren
Hauptstadtvergangenheit, deren Material Klein in der deutschen Metropole
Berlin vorfindet. Was Klein mit der Postmoderne gemein hat, ist, dass er eine
Haltung demonstrieren will, die in der amerikanischen Literatur
selbstverständlich ist, dass nämlich im Medienzeitalter alle Ideologien und
Bildwelten gleich sind – nationale, zivilisatorische, Konsum, Glotze, Bildung
und Trash, der Müll der Informationsfluten. Gleichwohl sind die Wurzeln seiner
namenlosen, phantastischen Stadt eher in europäischen Traditionen zu finden,
den Alpträumen der Expressionisten oder auch den geheimnisvollen Stadtbildern
Mynonas.
33
34
Thomas Fitzl: Die Liebe zur Apparatur. Georg Kleins Erzählungen führen in
bizarre Junggesellenwelten. In: Der Tagesspiegel, 13. Oktober 1999.
Auf diese Anspielungen verweise ich ausführlich in meinem Buchkapitel Feuerwerk des Sichtbaren. Parallelen zwischen Graue Magie und Barbar Rosa bestehen
z.B. in den surrealen Flügen durch die Stadt: bei Mynona auf Regenschirmen und
magischen Schärpen, in Barbar Rosa auf Fernsehbildschirmen. Vgl. Ledanff:
Feuerwerk des Sichtbaren (Anm. 2), S. 540f.
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