Koordinations- und Tonusstörungen erkennen und verstehen

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Koordinations- und Tonusstörungen erkennen
und verstehen
LAG der steirischen SprachheilpädagogInnen
Workshop
27. November 2003
Elfriede Berger, Dipl. Physiotherapeutin, Bobath-Therapeutin
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Definitionen:
Bewegung ist eine Verlagerung des Schwerpunktes, sei es des ganzen Körpers oder eines
seiner Teile.
Koordination ist das optimal abgestimmte Zusammenspiel aller psychoneurologischen und
biophysikalischen Leistungen während und nach einer Bewegung.
Gleichgewicht – räumliche Bewegungskoordination
Rhythmus – zeitliche Bewegungskoordination
Inspiration führt zur Bewegungskunst.
(Larsen, Dr. med. Christian: Die zwölf Grade der Freiheit. Via nova)
Muskeltonus ist der Widerstand der Muskulatur gegen passive Bewegung eines Teils des
Körpers.
Normaler Tonus passt sich der Bewegung an, geht in Dialog mit dem Untersucher, so dass
die Bewegung fließend ablaufen kann. Die Höhe ist abhängig von den Anforderungen der
Bewegung!
Hypertonus: starker Widerstand, verzögertes Nachgeben. Der Körperteil fühlt sich schwer an
und zieht nachdem er losgelassen wird in die Ausgangsposition zurück.
Hypertonus bei Hirnschädigung/Pyramidenbahnläsion: Spastizität
Hypotonus: wenig bis kein Widerstand. Der bewegte Körperteil ist schlaff und fällt nach dem
Loslassen in Richtung der Schwerkraft.
Pathoneur.: schlaffe Lähmung
Prinzipien der motorischen Entwicklung
1. Prinzip der reziproken Verflechtung
2. Prinzip der Entwicklungsrichtungen
3. Prinzip der vorhersehbaren Reihenfolge motorischer Entwicklungsschritte
(Meilensteine)
4. Prinzip der Nichtumkehrbarkeit
5. Prinzip der funktionalen Asymmetrie
Tonische Reaktionen:
Integration auf Hirnstammebene
Reaktionen auf bestimmte Reize:
 Vestibuläre Stimulation durch die Schwerkraft:
Tonische Labyrinth-Reaktion – TLR
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Kinästhetische Stimulation durch Bewegung des Kopfes/Nackens:
Asymmetrisch-tonische Nackenreaktion – ATNR
Symmetisch-tonische Nackenreaktion – STNR
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Taktile Stimulation:
Handgreif-/Fußgreifreflex
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Motorik des Schulkindes (Schulanfängers)
Die Checkliste motorischer Schulreife nach Kiphard (Anhang) gibt eine Fülle von
Einzelleistungen wider und erfasst primär die Bewegungsquantität.
Bewegungsqualitätskriterien:
Durch zunehmende Ausdifferenzierung motorischer Zentren und veränderte
Körperproportionen bestimmt die Bewegungskomponente Rotation das Bewegungsverhalten
immer mehr. Die Wirbelsäule ist aufgerichtet und steht unter Zugspannung. Sie wird den
Anforderungen der Extremitätenbewegungen entsprechend spiralig verschraubt. Durch
Rotation richten sich das Becken und der Fuß auf. Assoziierte Mitbewegungen auf der
kontralateralen Seite treten nur noch selten auf (bei neuen, komplizierten, ungewohnten
Anforderungen). Ihr Fehlen zeigt, dass beide Gehirnhälften gut miteinander vernetzt und
vollständig integriert sind. Die Entwicklung der dominanten Hemisphäre hat begonnen.
Tonische Reaktionen haben keinen Einfluss auf die Motorik.
Persistierende tonische Reaktionen (Restreflexe)
„erschweren die Entwicklung der Stellungsintegration, der Körpersymmetrie und der
Bilateralintegration. Die Kontrolle der Augen beim Fixieren und Verfolgen kann nur
ungenügend ausgebildet werden. Weitreichende Folgen haben diese Entwicklungsblockaden
somit auf das Bewegungsverhalten, auf schulisches Lernen und letztendlich auf die
Entwicklung des Kindes zu einem selbstbewussten Wesen.“
(Gudrun
Kesper
und
Cornelia
Hottinger:
Mototherapie
bei
sensorischen
Integrationsstörungen. Ernst Reinhard Verlag München, Basel)
Motoskopie (Bewegungsbeobachtung)
Bewegungssituationen nach Inge Flehmig
Geachtet wird auf die Qualität der Bewegung!
1. Entwicklung des Fußgewölbes: Aufrechter Stand, barfuß
Das Gewölbe soll gut sichtbar sein. Ist nur ein sehr schwaches oder kein Gewölbe
sichtbar, soll sich das Kind auf die Zehenspitzen stellen. Ein unreifer Fuß zeigt im
Zehenstand ein gut sichtbares Gewölbe.
Weiters ist auf Kopfhaltung und Gewichtsverteilung zu achten.
2. Hüpfen auf einem Bein durch den Raum
Das Kind soll mindestens 10 Hüpfer rechts oder links ohne Unterbrechung leicht
federnd schaffen können. Abweichungen: unterbrechen, die Bewegungslinie verlassen,
umfallen, hartes und lautes Landen, schleudernde oder wurmartige Armbewegungen,
Mitbewegungen im Gesicht.
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3. „Tip – Top“: Es wird ein Fuß vor den anderen gesetzt, Ferse genau an die Zehen des
hinteren Fußes. Die Augen sind auf die Füße gerichtet, um ein „Festhalten“ im Raum
zu verhindern.
Abweichungen: Abweichen von der Bewegungslinie, kein genaues Aneinandersetzen
der Füße, assoziierte Mitbewegungen der Hände/Zunge/Mimik, Fixieren der Augen
auf einen Punkt im Raum.
4. Drehen im Stand: Das Kind streckt beide Arme zur Seite und dreht sich zehn Mal mit
mäßigem Tempo um sich selbst. Ein gut organisiertes Kind braucht 15 – 20 Sekunden,
um sein Gleichgewicht wieder zu regulieren, was sich in
5. „Tip – Top“ gleich anschließend zeigt.
Abweichungen: Drehen nicht 10 Mal möglich, Tempo zu langsam oder zu schnell,
Kompensation durch Clownerien, Bewegungsqualität von zuvor nicht wieder erreicht,
überhaupt kein Schwindel.
6. Im Langsitz mit gegrätschten Beinen die Arme zur Decke strecken.
Bei reifer Hüftentwicklung bleiben die Knie am Boden, der Rücken ist aufrecht,
Becken und Oberschenkel bilden einen Winkel von 90 °.
7. Armkreisen: Beide Arme werden gleichzeitig nach rückwärts gekreist.
Der dominante Arm dreht etwas schneller und koordinierter. Ab dem 11./12.
Lebensjahr drehen beide Arme parallel, bedingt durch zunehmende
Ausdifferenzierung.
8. Einbeinstand mit geschlossenen Augen: Arme nach vorne strecken, Knie nach vorne
heben. Augen schließen, wenn das Kind sein Gleichgewicht gefunden hat.
Abweichungen: Das Schließen der Augen beendet den Einbeinstand auf beiden Seiten
bzw. verändert die Qualität gravierend. Das gehobene Bein hängt sich am Standbein
ein, wird nach hinten gehoben. Starkes Rudern mit den Armen, Mitbewegungen im
Gesicht, geschlossene Körperhaltung. Ausgleichbewegungen im Sinne von
Gleichgewichtsreaktionen sind normal und finden großteils im Sprunggelenk statt!
9. Krabbeln durch den Raum
Füße sind lang gestreckt mit dem Fußrücken am Boden, Finger zeigen nach vorne,
kreuz koordiniertes Vorsetzen von Händen und Knien, freier Kopf.
Abweichungen: Hände stützen über die Fingerspitzen oder mit Fäusten, Finger zeigen
nicht nach vorne, Füße sind in der Luft gekrallt oder gestreckt, Füße sind am Boden
aufgestellt, Kopf ist zwischen den Schultern fixiert, kein Bewegungsrhythmus,
Passgang, sehr lautes Krabbeln.
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Anhang:
Checkliste motorischer Schulfähigkeit (KIPHARD)
Kraft, Schnelligkeit und Gewandtheit
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20 m in 5 Sekunden bzw. 30 m in 7 ½ Sekunden laufen
Aus dem Anlauf 1,50 m weit springen; aus dem Stand 1 m.
Aus dem Anlauf ein kniehohes Hindernis (eine Schnur von etwa 30 bis 40 cm Höhe)
überspringen.
Im Hochsprung an eine Latte anschlagen: 10 bis 15 cm über Reichhöhe.
Aus Brusthöhe auf eine Matte nieder springen.
Schlusshochsprung mit Händeklatschen vor der Landung.
Standdrehsprung mit Drehung um 180 Grad (eine halbe Körperlängsdrehung).
Mit geschlossenen Füßen über eine Strecke von 10 m fortlaufend vorwärts hüpfen.
Zehnmal im Sekundenrhythmus seitlich über eine Bodenlatte hin- und her springen.
Auf jedem Bein 5 Hüpfer rückwärts ausführen.
10 m in 10 Sekunden auf dem Vorzugsbein vorwärts hüpfen.
Auf dem Vorzugsbein eine Schnur von 10 cm Höhe einbeinig überhüpfen.
Auf dem Zweitbein eine Schnur von 5 cm Höhe überhüpfen.
In 12 Sekunden 8 exakte Hampelmannsprünge ausführen.
Aus der Rückenlage durch Herunterschwingen der angehobenen Beine in gerader
Richtung zum Stand kommen (seitliches Abstützen der Hände erlaubt).
Sich ohne Handbenutzung aus dem Stand hinknien und wieder aufstehen.
Ohne Handbenutzung einen Stuhl über dem Kniestand ersteigen.
Eine Treppe unter Abwechseln der Füße frei hinab gehen.
Beim Hinaufgehen zwei Treppenstufen auf einmal nehmen (Nachstellschritt erlaubt).
Eine Treppe aus kniehohen Kastenteilen (ca. 40 cm hoch) frei hinauf gehen.
Brusthohen Turnkasten oder andere Hindernisse ohne Hilfe überklettern.
Ohne Hilfe auf einen Tisch klettern.
Ohne Hilfe eine Sprossenwand hinauf- und wieder hinunterklettern.
An Sprossenwand oder Reckstange 10 Sekunden lang frei hängen.
Gleichgewicht
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Aus 30 cm Höhe zum sicheren Zehenstand (Fußballenstand) nieder springen.
Mit geschlossenen Füßen im Zehenstand mit erhobenen Fersen 10 Sekunden
verharren.
Desgleichen in tiefer Hocke, Arme in Seithalte.
Auf einem Bein aus 20 cm Höhe einbeinig zur sicheren Landung auf dem gleichen
Bein herabhüpfen.
Mit herabhängenden Armen 10 Sekunden lang auf einem Bein stehen (soll rechts und
links gekonnt werden).
Fuß hinter Fuß (Zehen an Ferse) mit angelegten Armen und geschlossenen Augen 10
Sekunden stehen.
Fuß-vor-Fußgang (Zehen an Ferse) vorwärts und rückwärts über 2 m.
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Entlang einem 10 m langen und 2 cm breiten Streifen ohne Abweichungen vorwärts
gehen.
Über eine 3 m lange und 5 cm breite Latte ohne Bodenberührung vorwärts gehen.
Über eine 3 m lange und 10 cm breite Latte rückwärts gehen.
Mit deutlich erhobenem Fußballen auf den Fersen 5 m vorwärts und 2 m rückwärts
gehen.
Über eine am Boden liegende Leiter auf 5 Sprossen frei vorwärts gehen.
Desgleichen 10 Sprossen auf allen vieren.
Eine horizontal gespannte Schnur ohne Berührung übersteigen: Höhe 10 cm tiefer als
Schrittlänge.
Über Stuhl- oder Tischlücke steigen: Abstand 30 cm.
Mit geschlossenen Augen am Ort zehnmal von einem Bein in schnellem Wechsel auf
das andere hüpfen.
Mit einem begrenzten Anlauf von 1 ½ m mit einem Roller eine 5 m lange und 50 cm
breite Gasse stehend durchfahren. (Kindern ohne Rollererfahrung soll
selbstverständlich eine intensive Übungszeit zur Verfügung stehen.)
Werfen und Fangen
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Schlagballweitwurf: Jungen 10 m; Mädchen 5 m.
Schlagballzielwurf auf kopfhohe Zielscheibe (25 x 25 cm). Abstand 1 ½ m.
Schlagballzielwurf durch kopfhoch aufgehängten Reifen, Durchmesser 1 m, Abstand 3
m.
Schlagballzielwurf in liegenden Reifen, Abstand 2 m.
Fußballzielstoß auf ein 1 m breites Tor, Abstand 3 m.
Einen Luftballon (Umfang 55 cm) mit einem Lineal zehnmal fortlaufend in der Luft
hochschlagen (rechts und links üben).
Gymnastikball mit einem beidhändig gefassten Stab gezielt vom Boden wegschlagen.
Einen Ball dreimal nacheinander gegen den Boden prellen.
Einen aus 2 m Abstand in Brusthöhe zugeprellten Ball sicher auffangen.
Den Ball selbst leicht gegen die Wand werfen und nach dem Auftreffen auf dem
Boden fangen, Abstand 2 m.
Desgleichen aus 1 m Abstand ohne Bodenberührung direkt fangen.
Den Ball etwa ½ bis 1 m hochwerfen und wieder fangen.
Reflektionsstarken Hartgummiball aus Brusthöhe fallen lassen und nach dem
Zurückprellen vom Boden auffangen.
Hand- und Fingergeschick
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Die erhobenen Hände im Handgelenk während 5 Sekunden zehnmal flott hin- und
herdrehen (Fähnchen auf dem Turm).
12 Spielkarten ausgeben und an den vier Ecken eines Papierbogens ablegen.
2 Spielkarten dachförmig gegeneinander legen.
1 m Bindfaden in 30 Sekunden von einer Spule ab- und wieder aufwickeln.
Eine Schnur um einen Bleistift oder Stab knoten.
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Geometrische Figuren (Kreis und Viereck) grob ausschneiden.
Gezielte Hammerschläge auf Holzpflock oder großen Nagel ausführen.
Geduldspiel: 2 Mäuse (Kugeln) ins Loch schütteln.
In 20 Sekunden 10 Rosinen einzeln in eine Flasche tun.
Labyrinth (Linienabstand 1 cm) mit Filzstift nachfahren.
10 Druckbuchstaben in einer Minute grob abzeichnen.
Aus dem Gedächtnis ein Gesicht mit Augen, Nase und Mund Zeichnen.
Aus dem Gedächtnis menschliche Gestalt mit Kopf, Rumpf, Armen, Beinen, Händen
und Füßen zeichnen.
Randvoll gefüllten Becher ohne Verschütten 5 m weit tragen.
Wasser aus Becher oder Kanne in Schnapsgläser umfüllen.
Zucker mit Löffel dreimal in ein anderes Gefäß geben.
Brotscheibe selbst besteichen.
Mit Hilfe von Gabel und Messer ein Stück Brot abschneiden.
Kiphard, E. J.: Motopädagogik. Verlag modernes Lernen, Dortmund
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