Maturarede der Maturandinnen 2014

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Maturarede 2014
Sehr geehrter Regierungsrat
Herr Rektor, geschätzte Lehrerinnen und Lehrer
Sehr geehrte Gäste
Vor allem aber liebe Mitmaturandinnen und Mitmaturanden
Als Christoph Kolumbus am 3. August 1492 in See stach, konnte er nicht ahnen,
welch kontroverse Bedeutung sein Name eines Tages erlangen würde. Für die einen
Entdecker Amerikas und somit Erschliesser unermesslicher Reichtümer. Für die
anderen Zerstörer altamerikanischer Kulturen und Sinnbild der Verknechtung der
indigenen Bevölkerung. Sein Fussabdruck an der Küste des Kontinents sollte viele
weitere nach sich ziehen und Südamerika nachhaltig verändern. Geschichte sollte
geschrieben werden.
Wie er sich wohl gefühlt hat, als sein Schiff ablegte? Voller Tatendrang und Neugier,
er wollte einen neuen Seeweg nach Indien finden. Er hatte ein Ziel, Erwartungen und
Pläne. Sein Abenteuerherz schlug ihm wahrscheinlich bis zum Hals.
In dieser Hinsicht ging es ihm wohl ähnlich, wie uns, liebe Mitmaturandinnen und
Mitmaturanden. Auch wir stehen vor dem Meer des Lebens und sind bereit, in See
zu stechen. Voller Hoffnungen, Pläne und Erwartungen. Wir freuen uns auf die
grosse Freiheit und auf das Abenteuer. Wer will es uns verübeln? Wir haben 4 Jahre
lang diesen Tag herbeigesehnt. Haben uns vorbereitet und Pläne geschmiedet.
Heute ist der Abend, an dem wir die Früchte unserer vierjährigen ‚Bildungsreise’
ernten werden. Wir sind bereit, uns von unseren Zielen und Erwartungen leiten zu
lassen.
Leitung... meist als negative, einschränkende Umzäunung empfunden, doch oft auch
der Widerstand, der gebraucht wird, um über ihn hinaus zu wachsen. Auch wir haben
in diesen vier Jahren viel Leitung erfahren. Auch wir sind gewachsen und vielleicht
sogar über uns selbst hinaus gewachsen. Wir haben uns gebildet, haben gelesen,
gerechnet, diskutiert, philosophiert und unser Können unter Beweis gestellt. Mit den
Erfahrungen, die wir während dieser kgm-Jahre gesammelt haben, haben wir unser
stolzes Schiff konstruiert. Unseren Charakter geformt und gestärkt. Das Schiff für das
bevorstehende Abenteuer seetauglich gemacht. Denn es ist nicht nur Wissen, das
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uns Maturandinnen und Maturanden für diese Fahrt mitgegeben wurde. Durch
Zusammenarbeit mit anderen haben wir zwischenmenschliche Erfahrungen sammeln
dürfen. Auch was den Umgang mit unseren Lehrern betrifft. Die sind ja auch nur
Menschen und zum Teil auch in einem schwierigen Alter. Immer wieder wurde uns
Gelegenheit geboten, unsere Grenzen zu erproben und uns mit unserem Können
selbst zu überraschen. All diese überlebenswichtigen Erfahrungen haben unseren
Charakter geprägt und die Bauart unserer jeweiligen Schiffe bestimmt.
Aus welchem Holz bist du geschnitzt?
Vielleicht hat dein Schiff hie und da noch einen Konstruktionsfehler oder gar ein
Leck. Das soll es ja geben. Bei einem Schiff würde man das Leck mit einem Stöpsel
stopfen... Gut ist das bei uns Menschen ähnlich. Unsere „Stöpsel“, je links und rechts
von uns, auch bekannt als Mitmenschen, können noch vorhandene Defizite in
unserem Charakter ausgleichen. Doch ich glaube nicht, dass ich euch über die
Bedeutung von Freundschaft noch etwas erzählen muss.
Und nun sind wir am gleichen Punkt angelangt, an dem Kolumbus die Taue kappte,
die Segel hisste und in See stach, um Entdecker zu werden. Auch wir sind bereit zu
entdecken... Haben unser Schiff beladen, haben das Wissen unter Deck gebracht
und die Karten studiert. Wir sind bereit!
Doch halt! Wohin sollen wir auslaufen? Nachdem wir den grössten Teil unseres
bisherigen Landratten-Lebens auf dem wohlbehüteten Festland des Bildungssystems
verbracht haben, scheint das offene Meer geradezu bedrohlich. Kein Land in Sicht,
am Horizont verschmelzen Himmel und Meer. Doch wie André Gide einmal sagte:
„Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den
Augen zu verlieren.“ Und so wagen wir uns schiesslich doch, den sicheren Hafen zu
verlassen. Einige können es kaum erwarten, andere sind noch etwas unsicher. Nicht
jeder wird sich gleich schnell an den Gang der Wellen gewöhnen... Einige werden
zwangsläufig seekrank werden.
Als erstes ist es wichtig, das Steuerruder in die Hand zu nehmen. Trau es dir zu,
denn nur du weisst, was du wirklich willst. Überlass das Kommando nicht anderen.
Diese können deinen Herzenskompass nicht lesen, auch wenn sie es gut meinen.
Stellt euch einmal vor, Kolumbus hätte das Ruder einem seiner Offiziere
überlassen... Spätestens nach einigen Wochen hätte dieser angefangen, seine
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eigene Insel anzusteuern. So ist der Mensch. Ein von Natur aus egoistisches Wesen.
Umso wichtiger ist es, die eigene Besatzung mit Bedacht zu wählen. Wer will schon
eine Havarie oder eine Meuterei?
Determination. Finde heraus, was du wirklich willst, dann kann der JahrhundertSturm aufziehen und du wirst dennoch die Kraft finden, zu kämpfen. Nur wenn du
von deinem Weg 100%ig überzeugt bist, kannst du ihm durch die grössten Stürme
folgen. Dann können noch so viele Matrosen über Bord gehen, du fährst weiter
deinem Ziel zu entgegen.
Wenn wir das Festland verlassen, sind wir als Individuen klar sichtbar... Wir treten
aus Gewohntem heraus und begeben uns auf eine Reise, deren Ende nicht
absehbar ist. Viele von uns haben ein Ziel. Doch letztlich konnte auch Kolumbus
nicht erahnen, wohin ihn sein Ziel treiben würde... Anstatt einen Seeweg nach Indien
zu erschliessen, stiess er Europa die Tore zu einer faszinierenden und zugleich
furchterregenden Welt auf. Was ihm lediglich einen bescheidenen Bekanntheitsgrad
verschafft hätte, sollte sich wandeln und ihn zum einem der bekanntesten Entdecker
werden lassen. Ich will damit sagen, dass wir mit einem Ziel in See stechen können,
dass wir versuchen können, unseren Kurs zu halten und die ungestümen Wogen zu
bewältigen, doch wird es uns nie möglich sein, das Meer zu beherrschen. Wir
werden nie voraussehen können, wohin uns das Leben treibt.
Leben! Ein Wort so unermesslich endlos, so verheissungsvoll. Ein Begriff, der in
seiner Undefinierbarkeit einer Deutschaufsatz-Korrektur sofort zum Opfer fallen
würde. Und dennoch fasst er in seiner Grenzenlosigkeit ganz gut zusammen, was
uns in den nächsten Jahren erwarten wird. Ein offenes Meer. Ungeahnte Chancen.
Und irgendwo ein Hafen, der uns Schutz bietet. Auf unserer Fahrt werden wir
unbekannten Küsten begegnen. Kulturen, die uns fremd erscheinen. Menschen, die
uns faszinieren. Vieles von dem, was wir jetzt wissen, werden wir vergessen... Doch
darauf kommt es nicht an... Vieles, was wir in unserer vierjährigen Karriere am
Gymnasium gelernt haben, mag relevant sein, manches sogar wichtig. Und auch
wenn uns viele der Fächer lästig erschienen, wage ich doch zu behaupten, dass sie
uns mit einem besonders wichtigen Attribut der menschlichen Persönlichkeit
ausgestattet haben.
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Offenheit.
Kolumbus glaubte Zeit seines Lebens, dass er den Seeweg nach Indien gefunden
hatte, trotz all der Zeichen, die dagegen sprachen. Anstatt offen zu sein und das
neue Land als solches anzunehmen, versuchte er es irgendwo in seiner
Weltvorstellung einzuordnen und glaubte weiterhin an seine Entdeckung. Das Gerüst
seiner Erwartungen war so starr, dass es sich angesichts der unerwarteten Situation
nicht anpassen liess, man könnte sogar so weit gehen und seine Haltung als
ignorant bezeichnen... Die Folgen seines Irrtums sind bis heute in unserer Sprache
ersichtlich, wenn von Indianern die Rede ist.
Ihr könnt eurem Ziel noch so kämpferisch nachjagen, wenn das Meer beginnt, euch
von ihm wegzutreiben, gilt es offen und flexibel zu sein.
Unser Schiff ist nun also beladen, wir sind bereit auszulaufen und vor uns liegt die
unberechenbare See der Zukunft. Egal wohin es uns treiben wird, ob wir eine lange
Reise zurücklegen, bevor wir uns zu Hause fühlen, ob wir gar zurückkehren zu
unserem Ausgangspunkt, das Leben wird sich ebenso wie eine Schifffahrt durch
Stürme und Flauten auszeichnen, durch Schönwetterperioden und tosende Winde.
Das Schicksal wird uns treffen, wir werden uns mit Meutereien abgeben müssen und
vielleicht auch einmal Leck schlagen. Doch in den letzten vier Jahren sind wir gereift,
haben Verantwortung übernommen und stehen nun als Kapitäne auf unseren
eigenen Schiffen.
„Ein Genie macht keine Fehler. Seine Irrtümer sind Tore zu neuen Entdeckungen.“,
wie James Joyce einmal bemerkte. Wie recht er hat. Im Leben gibt es keine Fehler,
keinen falschen Kurs, ganz egal, was uns die Gesellschaft einreden will. Solange wir
mit dem Herzen bei der Sache sind, kann eine Entscheidung nicht falsch sein. Erst,
wenn wir uns dem Materialismus hingeben, wenn wir unsere Leidenschaft verkaufen
und so werden, wie die vielen gesichtslosen Anzugträger, die jeden Morgen zur
Arbeit gehen, wie die leeren, routinierten Augen hinter den Schaltern und die
monotonen Stimmen am Ende einer Hotline, erst dann haben wir unseren Kurs
verloren, sind gestrandet an den kahlen Küsten der leistungsgesteuerten
Gesellschaft und haben uns dem hingegeben, was – nur – Geld einbringt. Die
Leidenschaft bleibt auf der Strecke. Das Feu sacré ist erloschen. Das Wort Leben ist
zusammengesackt auf ein kleines, spärliches Häufchen an lieblosen Abläufen.
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„Ambition leads me not only farther than any other man has been before me, but as
far as I think it possible for man to go.” – James Cook.
Auch wenn das Meer weit und beängstigend scheint, so ist es doch von grösster
Wichtigkeit, sich selbst nicht zu verlieren. Als Kapitän seines eigenen Schiffes hat
man Verantwortung zu tragen. Man hat zu entscheiden, wie viel man von dem
geladenen Wissen über Bord werfen möchte, wie viel man bereit ist aufzugeben, um
schneller vorwärts zu kommen... Gleichzeitig gilt es, die Besatzung bei Laune zu
halten und nicht auf offenem Meer zu verhungern. Keiner hat behauptet, dass das
Leben einfach ist. Sobald wir die ruhigen Gewässer unserer Bildungsanstalt
verlassen haben, kreisen bereits Haie um unser Schiff und ziehen Unwetter am
Horizont auf. Das Leben ist eine Kunst, ebenso wie es die Schifffahrt ist. Man kann
sich leicht verlieren im Meer der Opportunitäten. Heute mehr denn je. Und dennoch
lag schon immer eine gewisse Faszination darin, ins Ungewisse aufzubrechen...
Bill Gates sagte einmal: „Wo wären wir heute, wenn man zu Kolumbus gesagt hätte:
Christoph, bleiben Sie hier. Warten Sie mit Ihrer Entdeckungsreise, bis unsere
wichtigsten Probleme gelöst sind – Krieg und Hungersnot; Armut und Kriminalität;
Umweltverschmutzung und Krankheiten, Analphabetismus und Rassenhass ...“ und
auch er hatte recht. Es gibt nicht den richtigen Moment, auszulaufen, nicht das
richtige Ziel und die richtige Besatzung. Doch wenn man sich in konventionelle,
markttaugliche Formen pressen lässt, werden keine Entdeckungen gemacht, wird die
Leidenschaft erstickt, – das Leben verliert an Substanz, Glanz und Würze.
Und wenn wir nun in See stechen, sollte uns vor allem eines wichtig sein...
Vertrauen. In uns selbst und in das oft umstrittene Bauchgefühl, das einem sagen
wird, wenn man den richtigen Hafen anläuft.
Deshalb:
Bestimme deine Destination,
lichte die Anker,
nimm das Steuerruder in die Hand, bleib offen
und habe den Mut, alte Küsten hinter dir zu lassen!
Danke!
Fabienne Stoll, Charlotte Röttger, Klasse 10z (26.6.2014)
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