Als PDF herunterladen

Werbung
Zitierhinweis
Christian Rollinger: Rezension von: Luca Asmonti: Conon the
Athenian. Warfare and Politics in the Aegean, 414-386 B.C.,
Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2015, in sehepunkte 16 (2016), Nr.
3 [15.03.2016], URL:http://www.sehepunkte.de/2016/03/28228.html
First published: http://www.sehepunkte.de/2016/03/28228.html
copyright
Dieser Beitrag kann vom Nutzer zu eigenen nicht-kommerziellen
Zwecken heruntergeladen und/oder ausgedruckt werden. Darüber
hinaus gehende Nutzungen sind ohne weitere Genehmigung der
Rechteinhaber nur im Rahmen der gesetzlichen
Schrankenbestimmungen (§§ 44a-63a UrhG) zulässig.
sehepunkte 16 (2016), Nr. 3
Luca Asmonti: Conon the Athenian
Jedem popkulturell auch nur leidlich versierten Altertumswissenschaftler
wird alleine der Titel dieser knappen, bereits im Jahr 2007 eingereichten
Londoner Dissertation von Luca Asmonti ein Lächeln auf die Lippen
bringen. Dabei wird es allerdings keinesfalls bleiben, denn Asmonti
präsentiert eine ebenso knappe wie lesenswerte Darstellung des
wenigen, was wir über Konons Leben und seine Rolle in den Geschicken
Athens während der letzten Phase des Peloponnesischen Krieges und in
den darauffolgenden Jahrzenten wissen. Er beginnt traditionell, mit
einem kurzen Abriss über die (dürftigen) verfügbaren Quellen, die
Unmöglichkeit einer biographischen Darstellung der meisten antiken
Sujets, besonders aber Konons, von dem, mit Ausnahme des kurzen
Abrisses bei Cornelius Nepos, keine antike Vita erhalten ist und der in
den verfügbaren Hauptquellen, Xenophon und Diodor, häufig in zwei
explizit widersprüchliche Narrative eingebunden ist. Die attischen
Redner des 4. Jahrhunderts präsentierten Konon als athenischen Helden,
das in den Quellen entworfene Bild ist mithin das eines "patriot and
skilled seaman", "the hero of the struggle against Spartan hegemony", "a
symbol of the political and naval virtues of the Athenians" (23). Dieses
Bild will Asmonti zumindest relativieren.
In seiner Einleitung (17-38) skizziert Asmonti dafür zuerst die
Ereignisgeschichte des Peloponnesischen Krieges, in dem er "the most
extraordinary 'historical signpost'" der griechischen Geschichte sieht.[ 1
] In gebotener Kürze werden die perikleische Strategie der Anfangsjahre,
das Abweichen davon, schließlich die sizilische Katastrophe, der
Zerfallsprozess des Seebundes sowie der desaströse Sieg bei den
Arginusen und die noch desaströsere Niederlage bei Aigospotamoi
thematisiert und mit groben Federstrichen der Krieg Spartas zuerst
gegen Persien und anschließend gegen eine Allianz von poleis im
Korinthischen Krieg gezeichnet, in welcher Zeit Konon als Befehlshaber
auf persischer Seite gegen Sparta kämpfte.
Die eigentliche Arbeit ist anschließend in fünf konzise Kapitel gegliedert,
von denen sich jeweils eines mit Konons Karriere im Peloponnesischen
Krieg (39-66), mit seiner Rolle bei der Arginusen-Schlacht und dem sich
anschließenden Prozess (67-94), seinem selbstgewählten Exil im
zyprischen Salamis und seiner Rekrutierung durch den Satrapen
Pharnabazos (95-130), der persischen Strategie gegen Sparta bis zur
Schlacht von Knidos (131-154) und schließlich mit den Ereignissen nach
Konons Rückkehr nach Athen und der Gesandtschaft nach Persien, bei
welcher Konon inhaftiert wurde und wenig später ums Leben kam
(155-178), beschäftigt. Ein abschließendes Kapitel (179-184) fasst die
maßgebenden Thesen knapp zusammen, ein Literaturverzeichnis
(185-194) sowie ein Namens-, jedoch kein Sach- oder Quellenregister
(195-200) runden das Buch schließlich ab.
Inhaltlich geht es Asmonti vor allem um die Beantwortung einiger
Hauptfragen: Worauf begründete sich der Ruf Konons als begnadeter
militärischer Verwalter und Heerführer? Wieso wurde er nach der
Niederlage bei Notion zum Nachfolger des Alkibiades, wahrscheinlich als
strategos autokrator ? Wie entkam er der kollektiven Bestrafung des
Strategenkollegiums im Arginusenprozess? Wie wurde er nach einigen
Jahren des Exils auf Zypern zum Befehlshaber der persischen Flotte und
welche Politik verfolgte er nach seiner Rückkehr nach Athen im
Anschluss an die Schlacht von Knidos?
Viele dieser Fragen wurden bereits an anderer Stelle behandelt, doch
gelangt Asmonti zu einer eigenständigen, sich immer wieder von der
gängigen Meinung abhebenden Version der Ereignisse. Den militärischen
Ruf Konons führt er weniger auf eine taktische Begnadung, als vielmehr
auf seine während seiner Zeit als Befehlshaber des attischen
Außenpostens in Naupaktos erworbenen diplomatischen und
militäradministrativen Fähigkeiten zurück, welche ihm als persischem
Admiral zu Gute gekommen seien (131-149). Als einer der Strategen des
Jahres 407/6 war Konon während der Schlacht bei Notion mit der
Belagerung von Andros beschäftigt und nicht unmittelbar an der
athenischen Niederlage beteiligt. Den Grund für seinen Aufstieg zum
strategos autokrator sieht Asmonti aber weniger darin, als vielmehr in
der athenischen Politik begründet: Mit Thrasybulos habe schließlich ein
erfolgreicherer (51) Befehlshaber zur Verfügung gestanden, der aber
durch die Ereignisse auf Samos während des oligarchischen Umsturzes
von 411 belastet war. Xenophons Bemerkung, von den drei wichtigen
Strategen von 407/6 sei Alkibiades noch im Exil, Thrasybulos in
Abwesenheit und nur Konon unter jenen, die in der Heimat waren,
gewählt worden (Hell. 1.4.10) nimmt Asmonti zum Ausgangspunkt seiner
Überlegungen zur relativen Legitimität der Strategen. Thrasybulos sei
auf Samos von einer improvisierten ekklesia der Flotte gewählt worden,
der wohl auch Nicht-Bürger und Sklaven angehörten (55-60). Dieses
Legitimationsproblem sei dann nach der erneuten Flucht des Alkibiades
an die Oberfläche gelangt und Thrasybulos für das Amt des strategos
autokrator nicht mehr in Frage gekommen (60-62).
Nach Notion stellte Konon laut Asmonti jene Fähigkeiten unter Beweis,
die ihn später zum idealen Befehlshaber der persischen Flotte machen
sollten. Da er an der Arginusen-Schlacht nicht beteiligt war, wurde er
nicht in jenem berüchtigten Prozess mit zur Verantwortung gezogen, der
als Ausdruck der tyrannischen Willkür der athenischen ekklesia notorisch
geworden ist. Asmonti interpretiert jenen Prozess aber, in Anlehnung an
Christian Meier, im Gegenteil nicht als Willkür, sondern als Ausdruck
einer "extreme democratic coherence" (80). Um die Flotte auszurüsten,
welche bei den Arginusen siegte, waren die Strategen mit besonderen
Vollmachten ausgestattet worden, welche diese nutzen, um auch Sklaven
und Fremde mit dem Versprechen der Bürgerrechtsverleihung als
Ruderer anzuheuern. Damit, so Asmonti, haben sie allerdings in die
Prärogative der Volksversammlung eingegriffen, die nun, nach der
Schlacht, ihre Souveränität mit zugegebenermaßen brutalen Mitteln
wieder herzustellen suchte (76-82).[ 2 ]
Nach der Niederlage bei Aigospotamoi sei Konon schließlich weniger aus
"Scham" oder "Kummer", wie die athenischen Quellen des 4. Jh. gerne
behaupten,[ 3 ] auch nicht aus Furcht vor einer Bestrafung durch seine
Mitbürger, sondern vielmehr aus Angst vor spartanischen Repressalien
gegen ihn, den erfolgreichen Feldherrn der Schlussphase des
Peloponnesischen Krieges, ins Exil gegangen (105-107). In Zypern sei er
durch seine Bemühungen im Flottenaufbau für Evagoras, den König von
Salamis, ins Augenmerk des persischen Satrapen von Phrygien,
Pharnabazos, gelangt. Auch was dessen Rolle in den spartanischpersischen Auseinandersetzungen wie auch im Korinthischen Krieg
angeht, gelangt Asmonti zu einer eigenen Einschätzung: Mit Diodor
(14.39.1-3) und gegen die gängige Lesung der übrigen Quellen meint
Asmonti, dass die Idee, den Krieg gegen Sparta als strategischen
Seekrieg zu führen, nicht von Konon, sondern vielmehr von Pharnabazos,
als Teil einer neuen persischen "grand strategy" ausging (120-126). Die
Ernennung Konons zum Admiral sei Folge nicht zuletzt auch satrapaler
Auseinandersetzungen in Kleinasien gewesen, wo Pharnabazos und
Tissaphernes, der persische Oberbefehlshaber ( karanos ), sich
gegenüberstanden. Die neue Strategie des Pharnabazos (126-132) sei
damit eine Antwort "to an exquisitely Persian problem" gewesen und
habe die Normalisierung der westlichen Grenzregion zum Ziel gehabt
(128).[ 4 ] Die Zielsetzung dieser Strategie habe sich anschließend auch
nach der spartanischen Niederlage bei Knidos gezeigt, als Konon nach
Athen zurückgekehrt war und sich die Athener der momentan
glücklichen Situation bedienten, um einen Teil ihrer alten imperialen
Größe wieder herzustellen (162-174). Dies war nun nicht im Interesse
der Perser, die nicht eine Hegemonialmacht (Sparta) gegen eine neue,
alte (Athen) austauschen wollten.
Konons Gefangennahme und Tod anlässlich einer Gesandtschaft nach
Sardes, wohin die Spartaner ebenfalls ihren Gesandten Antalkidas
geschickt hatten, interpretiert Asmonti schließlich als Folge eines neuen
satrapalen Konfliktes zwischen Pharnabazos (und Konon) auf der einen,
und Tiribazos, dem neuen karanos und Statthalter Lydiens (und Sparta)
auf der anderen Seite (166-177). Konons Stellung als athenischer
Feldherr im Dienste Persiens, der mit persischem Geld die athenische
Vormachtstellung in der Ägäis wiederherzustellen trachtete (162-166),
konnte sich auf Dauer nicht mit der Zielsetzung der persischen Seite
vertragen, die eine erneute Hegemonialstellung einer griechischen Polis
aus Sorge um die Folgen für den Einfluss Persiens auf die ionischen
Städte nicht zulassen wollte.
Asmontis Narrative der zwei Jahrzehnte zwischen Peloponnesischem
Krieg und dem Königsfrieden von 387 ist überdenkenswert und in sich
stimmig. Seine Darstellung ist alleine deswegen schon gewinnbringend
zu lesen, weil sie den Ereignissen innerhalb des Perserreiches mehr
Aufmerksamkeit schenkt als dies bislang oft der Fall war und persische
Handlungen nicht als eine bloße Reaktion auf griechische Aktionen sieht.
Asmonti sieht die Initiative zu den großen Umwälzungen dieser Zeit
vielmehr letztlich bei den Persern und bei einem Großkönig, "who was in
a position to arrange the balance of power, or lack of it, between the
poleis at his pleasure" (181).
Anmerkungen :
[ 1 ] Dabei ist der "signpost"-Begriff mit M. Dudziak: War-time. An Idea,
Its History, Its Consequences, Oxford 2012, 7 zu verstehen, die Kriege als
kulturelle Scheidemarke zwischen einem historischen "Vorher" und
einem "Nachher" versteht.
[ 2 ] Vgl. dazu auch L. Asmonti: The Arginusae Trial, the Changing Role
of Strategoi and the Relationship between Demos and Military
Leadership in Late-Fifth Century Athens, BICS 49 (2006), 1-21.
[ 3 ] Isok. 5.62f.
[ 4 ] Vgl. 142: "The Greek problem [gemeint sind die Aufstände und der
ständige Kriegszustand in Ionien] harmed Persian interests, not owing to
its present intensity, as embodied by the ongoing conflict with Sparta, but
because of its chronic nature."
Herunterladen