Identifizierungstopologie, Zusammenkleben von topologischen Räumen Katharina Schalk [email protected] Proseminar Lineare Algebra (WS 2013/2014) Seminarleitung: Prof. Dr. Lorenz Schwachhöfer Prüfungsdatum: 26.11.2014 Inhaltsverzeichnis 1. Identifizierungstopologie 1.1 Definition............................................................................................................ 1.2 Definition............................................................................................................ 1.3 Satz...................................................................................................................... 2. Zusammenkleben von topologischen Räumen 2.1 Definition.............................................................................................................. 2.2 Definition n-dimensionale Zelle........................................................................... 2.3 Definition Ankleben............................................................................................. 3. Literaturverzeichnis 1. Identifizierungstopologie Jede Abbildung f : X →Y induziert eine Äquivalenzrelation durch x∼ y ⇔ f (x )= f ( y ) Beweis: 1. reflexiv: x∼ x ⇔ f ( x)= f ( x) 2. symmetrisch: 3. transitiv: x∼ y ⇔ f (x )= f ( y )⇔ f ( y )= f ( x )⇒ y∼x x∼ y ⇔ f (x )= f ( y )∧ y∼z ⇔ f ( y )= f (z )⇒ f ( x)= f (z )⇒ x∼z Wiederholungen: • [ x]:={ y∈ X : x∼y } :Äquivalenzklasse • X/~ :={[ x]: x∈ X } : Menge der Äquivalenzklassen (Quotientenmenge) • ̄f : ist Homöomorphismus ( ̄f stetig und ̄f ist bijektiv und ̄ stetig) f (−1) 1.1 Definition: Sei f : X →Y eine Funtion und X topologischer Raum. Die Quotiententopologie auf Y bzgl. f ist definiert als: Eine Menge A in Y ist genau dann offen, wenn p−1( A) offen in X ist. Die Quotiententopologie ist die feinste Topologie, für die p stetig ist. Dann ergibt sich eine Projektion p : X → X/~, mit x → [ x] eine Bijektion → f ( X ) , mit [ x] → f ( x ) und eine Injektion folgende Zerlegung von j : f ( X )→ Y , mit ̄f : X/~ f ( x )→ f (x) so dass f entsteht: f : X → X/~ → f ( X ) →Y Bild: X/~ X p ̄f f Y j f(X) x ∈ X und f ( x)⊂Y ̄f ([ x ]):= f ( x)∈ f ( X ) Wohldefiniert: Injektiv: x∼ y ⇒ f (x )= f ( y ) ̄f ([ x 1 ])= ̄f ([ x 2]) ⇒ f ( x 1 )= f ( x 2 )⇒ x 1∼x 2 ⇒[ x1 ]=[ x 2 ] Surjektiv: Sei y ∈ f ( X ) . Es gibt x ∈X mit y= f ( x)⇒ y= ̄f ([ x ])= f (x) 1.2 Definition: f : X →Y sei eine stetige Abbildung, X/~ trage die Quotiententopologie bzgl. p und f(X) die von Y induzierte Unterraumtopologie. Ist ̄f : X/~ → f ( X ) ein Homöomorphismus, so heißt f identifizierende Abbildung. Ist außerdem f surjektiv, so heißt die Topologie von Y Identifizierungstopologie bezüglich f. Wiederholungen: • Unterraumtopologie: Ist U Teilmenge eines topologischen Raumes (X,O), so wird durch OU :={T ∩U :T ∈O} eine Topologie auf U erklärt. Sie heißt Unterraumtopologie und (U,OU) heißt Unterraum von X f ( X )⊂Y daher kan man auf f(X) die von Y induzierte Unterraumtopologie • betrachten f : X →Y heißt offen, wenn für alle O⊆ X offen gilt: • f (O)⊂Y ist offen 1.3 Satz: Ist f : X →Y stetig, so gilt: a) Die Abbildungen p, ̄f b) Ist und j sind stetig. f : X →Y außerdem surjektiv und offen, so trägt Y die Identifizierungstopologie bezüglich f Beweis: zu a) - j ist stetig, da f ( X ) die Unterraumtopologie trägt und laut Definition j stetig sein muss; - p ist stetig, da X / ~ die Quotiententopologie trägt und laut Definition p stetig sein muss - O⊆ f ( X )offen ⇒ O= f ( X )∩U , f (−1) (U )⊆ X offen U ⊆Y offen. (f stetig) ( j ∘ ̄f ∘ p)(−1) (U )⊆ X offen ⇒ ( p(−1) ( f ̄(−1) (⏟ j (−1) (U )) ))⊆X offen , U ∩ f ( X )=O p(−1) ( f̄−1 (O))⊆ X offen ⇒( Def. Quotiententopologie)⇒ f ̄(−1) (O)⊆ X / ~ ⇒ ̄f stetig p ̄f X/~ f: X f(X) j Y Projektion, also Surjektion Inklusion, also Injektion Stetig, da Quotiententopologie auf X/~ Stetig, da Unterraumtopologie auf f(X) Bijektion zu b) f(O) ist offen, wenn O offen – f ist offen. – (−1) Zu zeigen: ⇒ f ̄ stetig ⇒ ̄f Homöomorphismus. – O⊆ X /~ offen ⇒(Def.)⇒ p (−1) (−1) (O)⊆ X offen ⇒( f offen)⇒ f ((⏟ p (O )) )⊆Y offen ̄f (O ) – ̄ stetig :O⊆ X offen ⇒ f ̄(−1) ( f (O))= p(O) offen ⇒ f (O)offen f (−1) Beispiele: a) Sei X :=[0,2 Π]⊂ℝ und S 1 der Einheitskreis der euklidischen Ebene. Dann ist f : X →S 1 mit f (x )=( cos x , sin x ) eine offene, surjektive , stetige Abbildung. Unter der Äquivalenzrelation x∼ y ⇔ f ( x )= f ( y ) ist [0,2п]/~ nach 1.3 homöomorph zum Einheitskreis f (0)=(1,0) f ( Π )=(0,1) 2 f (Π)=(−1,0) f (3 Π )=(0,−1) 2 y ∈S 1, f (arg ( y ))= y ist. • f surjektiv, da für • f stetig, da sin(x), sowie cos(x) stetig sind • f(x) ist offen. → Beweis: A⊆[0, 2 π] /~ ist offen, wenn p(−1) ( A)⊂[0,2 π] offen, d.h. p(−1) ( A)⊂[0, 2 π]offen oder p(−1) ( A) enthält [0,2 π]∪[2 π−ϵ , 2 π] für 2 π>ϵ>0 b) Sei X= ℝ 3 \{0}, x=( x 1, x 2, x 3)∈ℝ 3 √(x +x + x ) 2 1 , ||x||= 2 2 2 3 und ̄x = x ∈S 2 , ∥x∥ f : X → S 2, f ( x)=̄x ||x|| Länge eines Vektors x im ℝ • 2 3 ist die Menge aller Einheitsvektoren • S • ̄x „Normalvektor“: Länge 1 und gleiche Ausrichtung wie x Die Äquivalenzrelation ~ auf X sei definiert durch x∼ x ' ⇔ f (x )= f ( x ') ⇔∃λ∈ℝ , λ>0 und Äquivalenzklasse von x. Dann ist x '=λ x und es bezeichne [x] die ̄f : X/~ → S 2 mit ̄f ([ x ]):= ̄x ein Homöomorphismus Dazu: ⇒ f ( x )= f ( y) , ⇐ y=λ x , x y = ∥x∥ ∥ y∥ y=λ x , λ= ∥y∥ >0 ∥x∥ (λ x) (λ x) (λ x ) y x = = = = ⇒ f (x )= f ( y ) ∥y∥ ∥(λ x)∥ (∣λ∣∥x∥) (λ∥x∥) ∥x∥ offen Bild zum Beweis: f :ℝ 3 ∖ 0 → S 3 ist offen Sei p: X → X/~ die kanonische Projektion. Die Identifizierungstopologie auf S 2 bezüglich f = ̄f ∘ p stimmt mit der Unterraumtopologie der Teilmenge S 2 von ℝ3 überein, nach Satz 1.3. • f: X → X/~ → S 2 surjektiv und f ist offen (Bild) c) Auf S 2⊂ℝ 3 sei x∼−x . Dann ist S 2 /~ die projektive Ebene, und sie wird mit der Quotiententopologie versehen. 2. Zusammenkleben von topologischen Räumen 2.1 Definition: Seien X und Y disjunkte topologische Räume, Abbildung von A in Y. Auf z 1∼z 2 ⇔ A⊂X abgeschlossen und X ∪Y sei eine Äquivalenzrelation ~ wie folgt erklärt: z 1, z 2 ∈ A und f (z 1)= f ( z 2) oder z 1∈ A , z 2∈ f (A)und f ( z 1)= z 2 oder z 2 ∈ A , z 1∈ f (A)unf f (z 2 )=z 1 oder z 1= z 2 Beweis zu Äquivalenzrelation: 1. reflexiv: z 1∼z 1 ⇔ z 1∈ Aund f ( z 1 )= f ( z 1 )oder z 1∈ A , z 1∈ f (A)und f ( z 1 )=z 1 oder z 1= z 1 2. symmetrisch: z 1∼z 2 ⇔ z 1, z 2 ∈ A und f ( z 1)= f ( z 2) oder z 1∈ A , z 2∈ f (A)und f ( z 1)= z 2 oder z 2 ∈ A , z 1∈ f (A)und f ( z 2)=z 1 oder z 1=z 2 ⇒ f : A→Y eine z 2, z 1 ∈A und f ( z 2)= f ( z 1) oder z 2 ∈ A , z 1∈ f (A)und f ( z 2)=z 1 oder z 1∈ A , z 2∈ f (A)und f ( z 1)= z 2 oder z 2 =z 1 ⇒ z 2∼z 1 3. transitiv: z 1∼z 2 ⇔ z 1, z 2 ∈ A und f ( z 1)= f ( z 2) oder z 1∈ A , z 2∈ f (A)und f ( z 1)= z 2 oder z 2 ∈ A , z 1∈ f (A)und f ( z 2)=z 1 oder z 1= z 2 z 2 ∼z 3 ⇔ z 2, z 3∈A und f ( z 2)= f ( z 3) oder z 2 ∈ A , z 3∈ f ( A)und f ( z 2)=z 3 oder z 3 ∈ A , z 2∈ f ( A)und f ( z 3)= z 2 oder z 2 =z 3 z 1∼ z 3 ⇔ z 1 , z 3∈A und f ( z 1)= f ( z 3 )oder z 1 ∈ A , z 3 ∈ f ( A) und f ( z 3)= z 1 oder z 3 ∈ A , z 1 ∈ f ( A) und f ( z 1)= z 3 oder z 1=z 3 Der Faktorraum ( X ∪Y ) /~ wird mit Y ∪ X bezeichnet und heißt der durch Zusammenkleben f von X und Y mittels f entstandene Raum. Beim Übergang von X ∪Y zu Y ∪ X wird jeder Punkt aus f(A) mit seinen Urbildern f identifiziert. • z 1 ∈A , z 2∈ f ( A)und f ( z 1)= z Urbild 2 f ( A) f (z 1 )ist Urbild von z 2 X f(A) A z1 f z2 Beispiele: Sei X :=[0,1] , A :={0}∪{1}, Y :=[2,3]und f (0):=2, f (1):=3 a) Dann ist Y ∪ X homöomorph zu einer Kreislinie f X 0 1 Y 2 3 b) Sei X ={( x , y)∈ℝ2 : x 2+ y 2⩽1}, A={( x , y)∈ℝ2 : x 2 + y 2=1} 2 Y ={(2,2)∈ℝ }und f ( x , y )=(2,2) für alle( x , y)∈ A an den Rand von X (=A) wird angeheftet an den Punkt (2,2). • f : A → Y , somit • f :(x , y )=( 2,2) und X ∪Y =S 2 f . 2.2 Definition: Sei D n die abgeschlossene Einheitskugel des ℝn , e n= D̊ n und S n−1=D n ∖ D̊n Alle drei Mengen seien mit der Unterraumtopologie versehen. D n bzw e n (sowie zu diesen homöomorphe Räume) heißt n- dimensionaler Ball bzw. ndimensionale Zelle; es ist S n−1 die (n-1)- dimensionale Sphäre. S 2 ={ , , ∈ℝ3 :2 2 2=1} • Sei • S n={x ∈ℝ n+1 :∥x∥=1} n-dimensionale Einheitssphäre • S n−1={x∈ℝ n :∥x∥=1}=D n ∖ D̊ n f :S Man sagt, n−1 → X eine Abbildung in einen topologischen Raum X . X ∪ D n , ebenso wie jeder dazu homöomorphe Raum, ist aus X durch Ankleben einer f n-Zelle mittels f entstanden. In der Literatur wird auch X ∪e f n statt X ∪ D n benutzt. f Der anschauliche Begriff „ Ankleben einer Zelle“ lässt sich mit der kanonischen Projektion p : X ∪Dn → X ∪ D n mathematisch beschreiben: f p ┃e n bildet e n homöomorph auf ab. Beispiele: a) Sei X =D2 , f :=id S . Der Raum X ∪D 1 D2 durch f an ◦ „Ankleben“ von 2 ist eine 2 dimensionale Sphäre. f ◦ f : S 1 → S 1, f (a)=a ∀ a ∈S 1 ◦ S 1={(ε ,μ)∈ℝ2 :ε2+μ2 =1}⊂ℝ2 D2 2 e1 e0 e 1 e 0 2 e2 e b) Sei 1 X :={( x , y )∈ℝ 2 : 0⩽x⩽1, 0⩽ y⩽1}, A :={( x , y )∈ X : x=0 oder 1} , Y :=[0,1] , und f : A →Y sei definiert durch Der Raum M :=Y ∪ X heißt Möbiusband f ◦ Ankleben von X durch f an Y f (0, y)= y , f ( 1, y )=1−y p (e n ) c) Der „Rand“ des Möbiusbandes ist homöomorph zu S 1 . Somit lässt sich an M eine 2Zelle mittels einer Abbildung 1 g :S → δ M ankleben, wobei g ein Homöomorphismus ist und δ U den Rand von M bezeichnet. Anschaulich formuliert: Der Rand von M wird mit dem Rand einer Kreisscheibe verklebt. Der entstehende Raum homöomorph zur projektiven Ebende P 2 M ∪ D 2 ist g . Der Prozess des Anklebens wird im folgenden auf beliebig viele n-Zellen verallgemeinert. 2.3 Definition: a) Seien D n ×{i} ,i∈I ,n-Bälle und f i : S n−1×{i }→ X stetige Abbildungen der zugehörigen (n-1)-Sphären in einen topologischen Raum X. Es ist n−1 S I :=∪ ( S n−1 ×{i }) Unterraum von i∈I i∈ I definiert eine stetige Abbildung Man sagt nun, n n Di :=∪ ( D ×{i}) und f (x ,i):= f i ( x) f : S n−1 →X I X '= X ∪D nI entsteht aus X durch Ankleben der n-Zellen f e n×{i}, i∈ I ◦ mehrere Bälle (i Stück), mehrere Funktionen (i-Stück), mehreres Ankleben (i-mal) ◦ Sei I endliche Menge b) Ein nulldimensionaler endlicher CW- Komplex ist eine endliche Menge von Punkten, versehen mit der diskreten Topologie. c) Ein n-dimensionaler endlicher CW- Komplex, n≥1, ist ein Raum der Form X ∪ f e nI , wobei X ein k-dimensionaler endlicher CW- Komplex mit k <n und e nI =∪(i∈ I ) (e n×{i}) die endliche Vereinigung der disjunkten Teilmengen von nZellen ist. Die Gesamtzahl der Zellen ist im Falle eines endlichen CW- Komplexes endlich. S (k−1) 1 f1 S (k−1) 2 f2 S (k−1) k … fk Beispiele: a) S 2 ist homöomorph zu einem zweidimensionalen CW- Komplex. Man klebt zunächst eine 1-Zelle e 1 an einen Punkt und erhält einen zu S 1 homöomorphen Raum. Durch Ankleben von zwei 2-Zellen e 21 und e 22 an den entstandenen Raum erhält man einen zu S 2 homöomorphen Raum. b) Man erhält auch einen zu S 2 homöomorphen CW-Komplex, indem man eine 2-Zelle an einen Punkt klebt. (In diesem Beispiel Punkt V). V V V Ein weiteres Beispiel ist der Torus: Die Ringfläche ensteht aus dem Quadrat, durch das Zusammenkleben der gegenüberliegenden Seiten. c) Klebt man eine n-Zelle an einen Punkt, so erhält man einen n-dimensionalen CW-Komplex homöomorph zu S n . (Analog zu b)). 3. Literaturverzeichnis: 1. Mengentheoretische Topologie; B.v. Querenburg; 3.Auflage Springer- Lehrbuch 2. Grundkurs Topologie; Gerd Laures & Markus Szymik 3. Allgemein Topologie 1; René Bartsch; Oldenburg