FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 1 Bei ADHS: Einfach Kind sein – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen Ein Ratgeber für Eltern und Interessierte FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 2 Liebe Eltern, Typische ADHS-Symptome im Tagesverlauf sicher haben Sie schon häufiger von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) gehört.Vielleicht haben Sie auch den Verdacht oder schon eine bestehende Diagnose, dass bei Ihrem Kind ADHS vorliegt.Teilweise widersprüchliche Meldungen in der Presse erschweren es jedoch, sich ein genaueres Bild über die häufigste psychische Erkrankung im Kindes- und Jugendlichenalter zu machen. Die vorliegende Broschüre soll Ihnen helfen, einen ersten Eindruck zu gewinnen, was ADHS ist und welche Lebensbereiche betroffen sein können. Außerdem zeigt sie aktuelle Therapiemöglichkeiten auf. ADHS – was ist das eigentlich? Hinter ADHS verbirgt sich die so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. ADHS ist gekennzeichnet durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentrationsfähigkeit und der Daueraufmerksamkeit, was sich häufig in einer ungeordneten Wahrnehmung mit Reizüberflutung oder sprunghaften Gedanken zeigt. Dazu kommen oft Störungen der Impulskontrolle sowie Hyperaktivität oder innere Unruhe. Ist die motorische Unruhe – dass heißt die Hyperaktivität – nicht vorhanden, wird auch von einer ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) gesprochen. Auch wenn kein Kind mit ADHS dem anderen gleicht, gibt es doch charakteristische Verhaltensweisen. 2 Diese Symptome betreffen häufig alle Lebensbereiche des Kindes und können den gesamten Tagesablauf mit Schul-, Freizeit- und Familienleben – unabhängig von der Uhrzeit – beeinflussen. Die Folge ist, dass neben den schulischen Leistungen bzw. der täglichen Arbeit auch Freundschaften und die Harmonie in der Familie erheblich leiden können. 3 FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 4 Tim – ein Kindertag mit ADHS (aus der Sicht der Eltern) Tim ist 9 Jahre alt. Schon seit seinem dritten Lebensjahr ist er verhaltensauffällig. Er hatte schon damals einen starken Bewegungsdrang, kletterte auf den Möbeln herum und sprang überall herunter. Er kannte so gut wie keine Angst, und seine Schmerzgrenze war sehr hoch, weshalb er natürlich auch sehr unfallgefährdet war. 4 Die täglichen Hausaufgaben: anstrengend und langwierig. Zuvor müssen wir oft Mitschüler fragen, was eigentlich zu tun ist. Das Spielen mit den Freunden am Nachmittag verläuft meist wegen Tims impulsiver Art nicht sehr harmonisch. Dabei ist er sehr hilfsbereit und reagiert häufig sehr sensibel und mitfühlend, wenn ein anderes Kind z.B. ungerecht von anderen behandelt wird. Heute beginnt sein Tag um 6.30 Uhr mit dem Wecken. Da er meist erst spät einschläft, wird er morgens nur schlecht wach. Es dauert häufig eine kleine Ewigkeit, bis er sich richtig angezogen und die Zähne geputzt hat.Würde man bereits hier nicht alles kontrollieren, würde er im Winter mit kurzer Hose in die Schule gehen und sich mit der Zahnbürste die Haare kämmen. Und dann die Abende in der Familie, wenn endlich der Papa zu Hause ist. Ständige Spannungen beim Abendessen und tägliche Diskussionen um das Zu-Bett-Gehen. Auch hier ist die ganze Familie emotional belastet. Und doch lieben wir unseren Tim. Er ist nicht ungehorsam und unwillig, und auch nicht schlecht erzogen.Tim hat einfach ADHS. Das Frühstück erfolgt dann meist im Galopp mit Ermahnungen, nicht zu trödeln. Hoffentlich passiert kein Missgeschick mit dem Kakao, denn nochmaliges Umziehen bedeutet zwangsläufig Zu-spät-Kommen in der Schule. Dort angelangt, ist es eine Qual für ihn, so lange still sitzen zu müssen. Er kann sich nur schwer konzentrieren, jede Ablenkung ist ihm willkommen, und gern überredet er seinen Banknachbarn zu einem Streich. Bei Themen jedoch, die ihn sehr interessieren, arbeitet er konzentriert und begeistert mit.Trotzdem liegen Tims Schulleistungen unter dem Durchschnitt, obwohl er ein intelligentes Kind ist. Die Lehrer behaupten,Tim könne mehr erreichen, wenn er nur wolle.Wir Eltern aber wissen, dass Tim, tut was er kann. Denn Tim kann seine Aufmerksamkeit nicht willentlich steuern. Wie häufig ist ADHS? Etwa 3 bis 7 Prozent der Kinder sind von ADHS betroffen. Lange glaubte man, ADHS wäre eine reine Kinderkrankheit, und sie würden später „von selbst“ der Krankheit entwachsen. Heute weiß man, dass ADHS bis ins Jugend- und Erwachsenenalter fortbestehen kann. Man sagt, dass etwa zwei Drittel der betroffenen Kinder auch als Erwachsene noch Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Diese können sich im Laufe der Zeit verändern, beispielsweise sind Erwachsene nicht mehr so impulsiv und zappelig, die zugrunde liegende Aufmerksamkeitsstörung bleibt aber häufig bestehen. Übrigens sind Jungen 3- bis 9-mal häufiger von ADHS betroffen als Mädchen. 5 FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 6 Welche Ursachen hat ADHS? Wer kann ADHS wie feststellen? Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass es sich bei ADHS um eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung handelt, der eine Fehlregulierung der Neurotransmitter – wichtiger Botenstoffe im Gehirn – zugrunde liegt. Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind von ADHS betroffen sein könnte, wenden Sie sich am besten an Experten, die auf diesem Gebiet erfahren sind. In Frage kommen Kinderund Jugendpsychiater, spezialisierte Kinderärzte, klinische Psychologen oder sozialpädiatrische Zentren. Betroffen sind bei Kindern mit ADHS besonders die Teile des Gehirns, die beim Ordnen der Gedankenflut und der Steuerung der Aktivität eine wichtige Rolle spielen. Es werden einströmende Reize aus der Umwelt nicht in die richtigen Bahnen gelenkt, die Lern- und Aufmerksamkeitsfunktionen werden beeinträchtigt. Die Kinder sind leicht ablenkbar und unkonzentriert, sie können ihr Verhalten schlecht kontrollieren, außerdem sind sie häufig impulsiv und motorisch unruhig. 6 Elterninitiativen und Selbsthilfegruppen sind sehr gute Anlaufstellen für erste Gespräche und können auch später begleitend zur Therapie zusätzliche Hilfestellungen geben. Adressen der größten deutschen Selbsthilfeverbände finden Sie im Internet unter www.info-adhs.de. Um ADHS korrekt zu diagnostizieren, müssen die – oft unterschiedlich stark ausgeprägten Symptome – über einen längeren Zeitraum beobachtet und mit Hilfe von Fragebögen erfasst werden. Dabei ist auch wichtig, dass sie in verschiedenen Situationen, also zu Hause/in der Familie ebenso wie im Kindergarten/in der Schule oder am Nachmittag mit Freunden, erfasst werden. Eine erste Hilfe hierfür finden Sie auf der letzten Umschlagseite der Broschüre. Nutzen Sie den ausgefüllten Bogen bei Ihrem Gespräch mit dem Arzt, um Belastungen zu den verschiedenen Tageszeiten zu diskutieren, damit er die richtige TherapieEntscheidung treffen kann. 7 FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 8 Wann ist es wirklich ADHS? Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung Unaufmerksamkeit Impulsivität Hyperaktivität beginnt vor dem Alter von 6 Jahren tritt seit wenigstens 6 Monaten auf tritt regelmäßig in mindestens zwei Lebensbereichen/Situationen auf (z. B. Familie/Schule) Kind ein annähernd normales Leben ermöglichen soll, an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen. Diese Bedingung kann das multimodale Therapiekonzept erfüllen. Es setzt sich aus einzelnen Elementen zusammen, die wie Bausteine individuell kombiniert werden können. Diese Bausteine lassen sich in zwei Therapieansätze unterteilen: die nichtmedikamentösen Therapieelemente (Verhaltenstherapie, kognitive Therapie, pädagogische Therapieansätze, psychosoziale Therapie) und die medikamentöse Therapie. Welche Elemente des multimodalen Therapiekonzepts für Ihr Kind den vermutlich besten Behandlungserfolg ergeben können, sollten Sie mit dem behandelnden Arzt abstimmen. Dieser wird Sie auf der Grundlage einer sorgfältigen Diagnose beraten. Nicht jedes Kind mit ADHS braucht eine medikamentöse Therapie. Falls Ihr Kind jedoch Medikamente nehmen muss: Zur Behandlung von ADHS sind sowohl kurz (2 bis 4 Stunden) als auch länger wirksame (6 bis 12 Stunden) und kontinuierlich wirksame Medikamente zugelassen, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben und daher z.T. dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Nach der Diagnose ADHS stellt sich für Sie als Eltern die Frage, wie Ihrem Kind am besten geholfen werden kann. ADHS ist eine vielschichtige, neurobiologisch bedingte Störung, die alle Tageszeiten und Lebensbereiche des Kindes betreffen kann. Folglich muss eine Therapie, die dem 8 Eine kontinuierliche Behandlung kann helfen, dass Kinder mit ADHS vom Aufstehen bis zum Schlafengehen ihr volles Potenzial entfalten können, dass sie ganz sie selbst sind und dass das Familienleben entlastet wird. Fragen Sie Ihren Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater nach neuen Therapiemöglichkeiten bei ADHS! Weitere Informationen erhalten Sie auch im Internet unter www.info-adhs.de oder unter der Telefonnummer 0800 1016385 (zum Nulltarif). 9 FL ADHS 03.08.2005 17:52 Uhr Seite 10 Kurze Zusammenfassung der ADHS-Symptome im Tagesverlauf zur Unterstützung des ArztEltern-Gespräches Als wie schwierig empfinden Sie die verschiedenen Tageszeiten aufgrund der ADHS-Symptomatik? als sehr schwierig als etwas schwierig als überhaupt nicht schwierig 1. Am frühen Morgen: (z.B. beim Aufstehen,Waschen, Ankleiden, Frühstücken …) 2. In der Schule: (z.B. hinsichtlich Konzentration, Mitarbeit, Sozialverhalten …) 3. Nachmittags: (z.B. beim Erledigen der Hausaufgaben, beim Spielen mit Freunden …) 4. Am Abend in der Familie: (z.B. beim Abendessen, Kontakt mit Geschwistern und Eltern …) 5. Spätabends: (z.B. beim Zähneputzen, Zu-Bett-Gehen, Einschlafen …) 10 11 03.08.2005 17:52 Uhr Lilly Deutschland GmbH Saalburgstraße 153 61350 Bad Homburg www.info-adhs.de Seite 12 PM 470075 FL ADHS