der südringgau - Gemeinde Herleshausen

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36. KW / 05.09.2013
Aus Vereinen und Verbänden ...
(redaktionell überarbeitet und durch Fotos ergänzt: 29.10.2013)
Arbeitskreis Stolpersteine in Herleshausen und Nesselröden
„Dürfen wir Ihnen vorstellen …?“
Familie Baruch & Rebekka Neuhaus, Am Anger 3
Bei „Färber’s“, wie das Haus von Baruch (genannt: Bernhard) Neuhaus bezeichnet wurde, konnte man auf zwei Etagen Textilien,
Schuhe und Kolonialwaren einkaufen. Ältere Einwohner/innen erinnern sich, dass auch Öl, Fisch, Prime, Sauerkraut, Petroleum, Spazierstöcke, Kragenschoner und vieles mehr angeboten wurde.
Baruch Neuhaus wurde 1869 in Herleshausen geboren. Er war der
Sohn von Färbermeister Callmann Neuhaus (*1829 in Herleshausen),
von ihm geht der Haus-Name aus. Allerdings „erbte“ Baruch von
seinem Vater auch dessen Spitznamen „Dippchen“, weil dieser mit
kleinen Tupfern Stoffe bunt färbte.
Baruchs Frau Rebekka, geb. Löw, wurde 1873 in Ernsbach, Krs.
Öhrigen (Württemberg) geboren. Offensichtlich richtete sich der
„Zorn“ der Nationalsozialisten bereits früh gegen den Inhaber des
Geschäftes Am Anger 3 (heute V+R-Bank), denn schon kurz nach
deren Machtergreifung wurde Baruch in „Schutzhaft“ genommen. In
der Kirchenchronik ist zu lesen, dass am 19.03.1933 abends auf dem
Anger eine Kundgebung gegen Juden stattgefunden hatte. „Im Anschluss daran wurden drei hiesige Juden, die sich in den letzten Jahren besonders missliebig gemacht hatten, von den Nationalsozialisten
in Schutzhaft genommen und per Auto nach Eschwege in das Gefängnis gebracht.“ Nicht Staatsorgane, sondern Parteifunktionäre
waren hier tätig! Das eingefügte Foto zeigt Rebekka Neuhaus, rechts
hinter ihr Baruch, bei einer Familienfeier um 1920.
Auch in der Reichspogromnacht am 09.11.1938 entlud sich nach einer offiziellen Parteiversammlung, in der „aufputschende und ermutigende Reden“ gehalten wurden, in einer „spontanen Aktion“ des Volkes der Hass auf die Juden. Der erste Stein flog an diesem Abend in
die Schaufensterscheibe von Baruch Neuhaus. Am nächsten Morgen haben auf dem Anger
zerschlagene Fensterscheiben und Waren aus den dortigen jüdischen Geschäften umher gelegen, ebenso ist von Plünderungen die Rede.
Baruch gehörte auch hier zu den jüdischen Männern aus Herleshausen, die am Morgen nach
der Pogromnacht zunächst nach Eschwege und von dort in das KZ Buchenwald gebracht
wurden. Am 17.11. wurden die Angehörigen von der Gestapo Kassel aufgefordert, das
Fahrgeld nach Buchenwald zu überweisen, damit die Inhaftierten wieder zurück nach Hause
fahren konnten. Es wurde auch berichtet, dass man Baruch nach der Schutzhaft die Zulassung für seinen Pkw. entzogen hat, woraufhin das Fahrzeug in der Garage stehen bleiben
musste, später beschlagnahmte die Wehrmacht die Reifen des Fahrzeuges.
Um über alles zu berichten, was Zeitzeugen zu „Färber’s“ zu erzählen wussten, würde den
Rahmen dieser Vorstellung sicher sprengen. Fakt ist, dass auch Baruchs Frau Rebekka von
Repressalien nicht verschont blieb.
3/1
Bekanntmachung für die Wochenzeitung „DER SÜDRINGGAU“, 36. KW, 05.09.2013, Seite 2
Auch dem Sohn Julius (*1902) und seiner Frau Herta, geb. Kaufmann (*1905 in Ebeleben / Sondershausen), ist es nicht zu verdenken, dass sie im Juni 1936 in die USA geflüchtet
sind. Julius kam nach seiner Berufsaus- und -fortbildung 1927 von Nürnberg wieder in das
Elternhaus zurück, um später einmal den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. Leider stehen uns von ihm und seiner Frau keine Fotos zur Verfügung. Es gibt auch keine Informationen darüber, wo die Eheleute Neuhaus in den USA gewohnt haben und wie es ihnen dort
ergangen ist (siehe Anhang). Alfred Neuhaus (*1904), der Bruder von Julius, soll sich 1936
in Paris das Leben genommen haben, er steht allerdings nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs, der Nachweis und der Grund für seinen Freitod wird wohl nicht zu ermitteln
sein.
Baruch Neuhaus ist mit seiner Frau im März 1941 in ein jüdisches
Altenheim nach Kassel verzogen. Beide wurden von Kassel am
07.09.1942 zunächst nach Theresienstadt deportiert. Man brachte sie
von dort in das Vernichtungslager Treblinka, wo beide am
29.09.1942 ums Leben kamen.
Auch den Geschwistern von Baruch Neuhaus blieb dieses Schicksal
nicht erspart. Adolph Neuhaus (*1879) zog nach seiner Ausbildung
nach Eschwege, wo er 1913 Emma, geb. Steindler, aus Cham heiratete. Beide saßen mit in dem Sonderzug ab Kassel, in dem auch Baruch und seine Frau nach Theresienstadt deportiert wurden. Adolf starb dort am 17.07.
1943, seine Frau am 18.05.1944.
Ida Neuhaus (*1881) heiratete 1904 Isaak Goldschmidt aus Bischhausen, mit dem sie zunächst in Eschwege wohnte. Ihr Ehemann war
bereits früh verstorben. Zuletzt lebte die Witwe in Erfurt, von wo sie
am 10.05.1942 in das Ghetto Belzyce/Polen deportiert wurde. Es ist
anzunehmen, dass sie dort umgekommen ist. (H.S.)
Das „Färber-Haus“ aus einer
Bildpostkarte um 1925. Links der
Anbau, in dem Adolf Bachrach
seine Werkstatt hatte (heute:
Friseursalon). Im rechten Teil des
Gebäudes mit dem Schaufenster
befand sich das Geschäft von Baruch Neuhaus. Nach einer Hofeinfahrt schließt sich das Gebäude seines Vetters Joseph
Neuhaus an (heute: „DIE BLUME“), über dessen Familie noch zu berichten ist.
Quelle: Gedenkbuch „Die jüdischen Gemeinden in Herleshausen und Nesselröden“
von Dr. Erich Schwerdtfeger, Hrsg. Gemeinde Herleshausen (1988; vergriffen).
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Bekanntmachung für die Wochenzeitung „DER SÜDRINGGAU“, 36. KW, 05.09.2013, Seite 3
Ergänzung zum vorstehenden Bericht:
Erst kurz vor Verlegung der Stolpersteine ist es dem Arbeitskreis „Stolpersteine“ gelungen, mit der
in den USA liebenden Enkelin von Baruch und Rebekka Neuhaus, Frau Susanne Milkes, in Kontakt zu treten. Von ihr war zu erfahren, dass ihre Eltern am 30. Juni 1936. Die Auswanderungspapiere hat der Onkel von Herta Neuhaus, David Kaufmann, der damals schon in New York lebte,
besorgt. Ein weiterer Onkel, Abraham Appel, gab den Eltern einen Job in einer Fabrik in Cincinnati, in der Koffer etc, hergestellt wurden. In Cincinnati kam im Juli 1937 auch Tochter Susanne
zur Welt.
(03.11.2013)
Dieses Foto von Baruch und Rebekka
Neuhaus erinnert Susanne Milkes heute
an ihre Großeltern, die sie nie kennenlernen konnte.
Fotos ihrer Eltern,
Julius & Herta,
vermutlich aus den
1940er/50er Jahren
Diese Aufnahme aus dem Jahre 1962 zeigt
die Fassade des damaligen Textil- und
Kurzwarengeschäfts Wolfgang Maenz
(sen.) noch in dem Zustand, wie es zu Zeiten
der Familie Baruch Neuhaus in den 1930er Jahren aussah. Else & Fritz Knierim (hier
im Bild) mussten damals nach einem, durch Wolkenbruch verursachten Wasserschaden mit ihrem Schreib- und Papierwarengeschäft vorübergehend aus dem Nebengebäude (Lauchröder Str.; heute: Friseursalon) in das Textilgeschäft ausweichen.
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