Internet Vorlesung\374

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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
Vorbemerkung
In der Vorbereitungsveranstaltung zu den Praktischen Studiensemestern geht es darum,
den Begriff Praxis aus seinen antiken Wurzeln zu klären. Von dieser Grundlage aus wird
die große Wandlung dieses Begriffes durch den christlichen Bedeutungsumschwung
erkennbar. Erst von diesen Schritten aus wird ein kritischer Blick auf die heutige
Begriffsverschiebung von Praxis – zu Poiesis deutlich. (noch in Bearbeitung)
In der pastoralen Praxis – Religionsunterricht wie Gemeindearbeit - begegnen heute
Probleme, Fragen, Unsicherheiten und Irrungen, die in der unklaren Reflexion von
„Praxis“ ihren Ursprung haben.
Von daher erscheint es notwendig, vor Antritt der Praxissemester, eine deutliche Klärung
des Praxisbegriffes vorzunehmen, um von dort aus Kriterien zu erhalten, die das
konkrete Handeln, Entscheiden und Verantworten in der alltäglichen Pastoral in Schule
und Gemeinde prägen.
In diesen Ausführungen geht es lediglich um diesen „theoretischen“ Teil der Vorlesung,
die im weiteren Fortgang sich den konkreten Problemen der Praktischen Studiensemester
widmet. Diese sind in den Handbüchern als Download verfügbar, ausführlich dargestellt.
Inhalt
1
2
Herkunft, Bedeutung und Kontext des Begriffes „Praxis“ ............................................ 3
1.1
Theoria - τεορια .......................................................................................................... 3
1.2
Praxis - πραξισ............................................................................................................. 4
1.3
Poesis oder Techné – ποιεσισ................................................................................... 4
1.4
Theoria – Praxis – Poiesis, ein dauerndes Spannungsfeld .................................... 5
Der christliche Umschwung – eine geistesgeschichtliche Revolution....................... 6
2.1
Grunddaten christlicher Praxis: Würde – Personalität - Freiheit........................... 6
1
Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
Was heißt: Praxis?
Einleitung
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnen wir mit Praxis einen Raum – z.B. den
des Arztes, eine Berufsausübung oder eine zeitlich befristete Tätigkeit, deren Merkmal
eine gewisse Vorläufigkeit, relative Verbindlichkeit und begrenzte Verantwortlichkeit
auszeichnen, z.B. ein Praktikum. Mit diesem Verständnis geht in der Regel die
Vorstellung einher, hier erst erweise sich das „richtige Leben“, für das Studium und
Ausbildung nur Vorbereitung, zu bestehende Notwendigkeiten, darstellen. Die Klage
des Dr. Faust: „Was man nicht weiß, das brauchte man, und was man weiß, kann
man nicht brauchen.“ (Goethe, Faust, Erster Teil, Vor dem Tor) hallt gerne wieder, wenn vom
„Praxisschock“ die Rede, der Zeit, in der der Hörsaal mit dem „Laboratorium des
Lebens“ vertauscht wird, mit Klassenzimmern und Gruppenräumen. Was ich gelernt
habe ist nicht oder nur sehr eingeschränkt relevant, Theorie und Praxis sind eben
Gegensätze. Genau dieses Denken drückte Goethe in dem mephistophelisch
schillernden Satz aus, der der Gelehrtenstube ins pralle Leben locken soll: „Grau ist
alle Theorie, und grün des Lebens holder Baum.“ (Faust, Erster Teil, Studierzimmer). Diese
Versuchung lässt kopflos in die Verwirrung laufen, von einer Tragödie in die andere.
Zu Beginn der Vorbereitungsveranstaltung zu den Praxissemestern äußern
Studierende nicht selten eben diese Vorstellungen. Praxis sei interessant, Theorie
langweilig… oder noch stärker: „Theorie heißt, ich weiß es, kann es aber nicht, Praxis,
ich kann es, weiß aber nicht wieso“. In diesen Sätzen sind bereits zwei Implikationen,
die in die Irre führen. Zum einen steht dahinter die Auffassung, Praxis erfordere, etwas
„ zumachen“. Zum anderen die Vorstellung Theorie und Praxis seien Gegensätze,
wenn nicht gar Widersprüche.
So gelangt man zwischen der wie Scylla und Charybdis erscheinenden Problematik
von Theorie und Praxis, der kaum möglich erscheinenden Gestaltung eines Weges,
der nicht an den Klippen des Lebens zerschellen lässt.
Theorie mag dann lediglich eine Anleitung, Kochbuch oder Rezeptsammlung für die
Praxis sein. Wie bekomme ich eine disziplinierte, aufmerksame Klasse, eine aktive
Jugend, engagierte Christen etc. In diesem Verständnis folgt die Theorie der Praxis
und erweist ihre Bedeutung an Effizienz und evaluierbaren Resultaten.
Dort, wo andererseits Theorie verabsolutiert wird, folgt die Praxis wie eine unmündige
Magd den Vorgaben, Regeln und Gesetzen, ohne eigene Verantwortlichkeit und
Dignität. „Ich bin nicht verantwortlich, dass diese Religionsstunde so daneben
gegangen ist, das Unterrichtsmodell aus diesem oder jenem Kommentar war
schlecht. Dieses Firmkonzept haben wir immer schon so gehabt, die Leute müssen
sich halt nur jedes Jahr neu dran gewöhnen.“
Es zeigt sich an den bisherigen Überlegungen: Praxis ist heute ein schillernder Begriff.
Er scheint in Gegensatz zu stehen zu Theorie und Reflexion. Seine gängigen
Vorstellungen sind damit untauglich, für eine verantwortungsbewusste Gestaltung
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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
der Praxissemester. Nicht selten landet man zwischen Skylla theroeiverachtender
Pragmatik oder der Charybdis absolutistischer Vorgaben. Was also ist Praxis?
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Herkunft, Bedeutung und Kontext des Begriffes „Praxis“
Wie bereits das Wort nahelegt, ist es sinnvoll, diesem in die griechische Antike zu
folgen und nach seiner Herkunft und seinen Kontexten zu fragen. Nicht zuletzt
begeben wir uns damit auch an die Wurzeln des abendländischen Denkens und
Verstehens.
In der griechischen Antike begegnet uns Praxis im Spannungsfeld von Theoria und
Poiesis. Alle drei Begriffe beziehen sich auf das menschliche Leben und beinhalten
erstens eine Bestimmung der Ziele, auf die sich die menschliche Aktivität
richtet,
zweitens ein Urteil darüber, welches dieser Ziele das höchste und beste sei,
drittens die Idee, den Entwurf einer konkreten Existenz, die im Zeichen dieses
Wertes gelebt wird.
Das heißt mit anderen Worten, die drei Begriffe bezeichnen Lebenshaltungen und
Lebensentwürfe, die in bestimmten Lebensformen realisiert sind. So ist es sinnvoll, sich
vor einer genaueren Analyse des Begriffes Praxis mit dem Bedeutungsgehalt von
Theoria vertraut zu machen um dann das Profil von Praxis deutlicher zu erkennen.
1.1 Theoria - τεορια
Theoria bedeutete zunächst – deutlich bei Heraklit, Platon, den Vorsokratikern u.a.,
die zweckfreie, staunende Schau des Ewigen und Unvergänglichen, das bereite
Hinnehmen einer kosmischen Ordnung, die unverfügbar und unbeeinflussbar war.
Der Blick in den Kosmos offenbarte dessen Schönheit und Ordnung und verleitete so
zu ehrfürchtigem Staunen. Diese Ordnung begriffen die Griechen als göttlich und
realisierten sie erneut auf der Erde in Kulten und heiligen Spielen. Die Olympiade war
in ihrem Ursprung eine sakrale Handlung und Realisiation göttlichen Spieles auf Erden.
Die Verehrung der Götter und die Teilnahme an Opferfesten und Spielen ihnen zu
Ehren war theoria, heilige, sakrale Handlung. Theoria ist aber auch schon die Fahrt zu
diesen Festen – ER-FAHRUNG meint damit immer mehr als nur Erlebnis, es ist Teilhabe
an der Weisheit, der sophia, und damit zuteil gewordene Theoria, Schau des Ewigen,
Unwandelbaren, des Seins. Es ist die Bewegung des Theoretikers, die ihn zutiefst
betrifft und bewegt, der er sich aber nur hingeben und aussetzen kann. Was er zu Tun
hat, ist ein Nicht-tun – ist das zweckfreie Schauen selbst. Plotin reflektiert diese
Bedeutungen sehr klar und übt bis heute in der abendländisch-christlichen
Geistesgeschichte eine große Bedeutung aus. Theoria wandelt sich zu Contemplatio
– und konturiert auch damit eine Lebensform, eine Geisteshaltung bis hin zu
konkreten Organisationen, den kontemplativen Orden. Dass damit häufig bis heute
ein Werturteil impliziert ist, das auf der vorchristlichen Perspektive der Bedeutung von
Praxis beruht, sei hier nur nebenbei bemerkt.
Bereits bei Aristoteles wandelte sich der Begriff der Theorie und fiel sozusagen vom
Himmel auf die Erde. Es galt jetzt nicht nur, die göttlichen Gesetze stauend zu
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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
betrachten, sondern im irdischen Leben wieder zu finden. Theorie wurde jetzt eine
Wissenschaft, die sich mit den Fragen von Ursachen und Prinzipien, von Logik und der
Gültigkeit von Aussagen beschäftigte. Alles, was wir bis heute als Metaphysik
bezeichnen, unser ganzes wissenschaftliches Denken kommt bis heute an den von
Aristoteles formulierten Prinzipien des Denkens nicht vorbei.
Das Ziel von Theoria war also die Erkenntnis – in vielerlei Dimensionen, sie galt als das
Höchste und Beste, weil näher am Göttlichen selbst, und sie bedingte eine konkrete
Existenz, nämlich die des Philosophen.
Wie Hanna Arenth deutlich machte, war es damit im antiken Griechenland
selbstredend eine Lebensform, die nur freien und wohlhabenden Männern möglich
war, für deren Lebensunterhalt in jeglicher Hinsicht Frauen und Sklaven zuständig
waren.
1.2 Praxis - πραξισ
Im Unterschied zu Theoria bezeichnet Praxis das verantwortliche, mitmenschliche
Handeln. Praxis ist somit immer das ideengeleitete, verantwortliche Handeln von
Prinzipien aus, immer in Bezug zu ethischen Grundlagen, ein spezifisch menschliches
Tun, das wir mit dem Wort HANDELN (im Unterschied zum reinen Machen, verfertigen,
herstellen) bezeichnen.
Noch heute kennen wir den Unterschied von theoretischer und praktischer
Philosophie. In Kants drei Kritiken erscheint genau diese Differenzierung, die zwischen
Theorie, Praxis und Ästhetik unterscheidet und so drei Erkenntnisweisen formuliert, die
die Grundfragen menschlichen Lebens und Denkens betreffen. Was kann ich wissen,
was soll ich tun, was darf ich hoffen. In Kants „Kritik der Praktischen Vernunft“ ist
genau das analysiert, was bereits in der Antike als Praxis formuliert war, die
Grundlagen und Maximen verantwortlichen Handelns. Wohl jedem ist der
kategorische Imperativ bekannt, der in philosophische Sprachform gießt, was bereits
in der „Goldenen Regel“ formuliert ist.
Damit wird weiterhin deutlich: verantwortlich handeln setzt Wissen und Erkenntnis
voraus, wird von Theorie begleitet, reflektiert und stellt wiederum diese vor neue
Fragen und Herausforderungen. Staatskunst, Ethik, Pädagogik, all dies sind die
Bereiche der Praxis, der „praktischen Philosophie“.
Das Ziel von Praxis ist ein gelingendes Gemeinwesen, das Gelingen der Polis. Praxis
galt damit als zweithöchste Lebensform, unter der der reinen Theorie stehend. Sie
realisierte sich in konkreten Lebensformen, denen des Politikers, Lehrers, Erziehers…
1.3 Poesis oder Techné – ποιεσισ
Die Analyse des dritten Begriffes, der Poiesis, konturiert den Begriff Praxis erneut,
diesmal in der entgegengesetzten Richtung. Poiesis – oder heute vertrauter, techné,
bezeichneten das
herstellende Machen, technische Verfertigen, bauen und
konstruieren. Es meint die tüchtige Bewältigung von vergegenständlichten
Aufgaben, ein Herstellen, produzieren, konstruieren... Dieses Herstellen kann
eindeutig am Erfolg beurteilt werden und ist somit ergebnisabhängig. Es fragt nicht
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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
nach Prinzipien, sondern nach Rezepten, nicht nach Ideen, sondern nach
Methoden. Damit ist Poiesis nicht eigentlich verantwortliches Handeln, sondern ein
von außen gesteuertes Ausführen und Herstellen. Wenn dann der Bauplan falsch
berechnet ist, ist der verantwortlich zu machen, nicht der Arbeiter, der die einzelnen
Steine aufeinanderschichtet, nicht der Koch, dem ein falsches Rezept gegeben
wurde.
Selbst die Künstler wurden in der Antike als Poietiker betrachtet. Sie hatten nicht ihre
eigenen Vorlieben oder gar Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, sondern sich
den Regeln von Form, der Regie und den klaren Maßen der Schönheit zu
unterwerfen. Die Schauspieler in der Arena stellten nicht sich dar, sondern durch
Masken hindurch andere Personen, deren Dramaturgie genau vorherbestimmt war.
So wie auch das Leben des Menschen nicht seinem eigenen freien Willen, sondern
Fatum, Schicksal, der Fügung der Götter ausgeliefert war. Die antiken Dramen geben
noch heute ein anschauliches Zeugnis dieser Lebensauffassung.
Poiesis hinterfragt nicht die gegebenen Pläne, Vorgaben, Modelle oder Konzepte,
sondern fragt lediglich nach Effizienz, Ergebnis, Erfolg. Poesis gibt es nicht nur bei
Menschen. Auch der wunderbar funktionierende Bienenstock, der Ameisenhaufen,
die perfekte Konstruktion eines Vogelnestes sind Ergebnisse poietischer Abläufe.
Das Ziel von Poiesis war somit ein gelungenes Ergebnis, sie galt als die niedrigste
Lebensform die freien Menschen offenstand, und prägte die Lebensform von Bauern,
Bauleuten, Bildhauern, Architekten….
1.4 Theoria – Praxis – Poiesis, ein dauerndes Spannungsfeld
Praxis befindet sich also im Spannungsfeld von Theoria und Poesis. Mit der einen hat
sie das prinzipiengeleitete, verantwortliche Handeln und Entscheiden gemein, mit
der anderen die damit notwendige Ausführung, Fertigkeit und Kenntnis. Und doch
bezeichnet Praxis eine eigene und genuine Lebensweise, die von ganz spezifischen
Kriterien geprägt ist. Im Unterschied zu Theoria und Poiesis ist die Praxis geprägt von
Verantwortung einerseits und bewusstes Handeln andererseits.
Praxis gibt es, gemäß antiker Auffassung, nur in menschlichen Kontexten. Sie ist nicht
instinktgesteuert, sondern von Erkenntnis und Einsicht gelenkt. Praxis ist vernünftiges
und verantwortetes Handeln, damit weder rein interesselose Schau noch nur
herstellendes Produzieren. Somit ist sie als mittlere Lebensform bezogen auf die
beiden anderen Pole, definiert sich aber dennoch in der ihr eigenen Dignität und
Bedeutsamkeit.
Der Praktiker ist immer auch verantwortlich für die Prinzipien, nach denen er sich
richtet, wenn er sich auch nicht erstellt. Gemäß einem solchen Praxisverständnis ist es
nicht möglich, eigenes unmenschliches Verhalten mit dem Verweis auf Gehorsam zu
rechtfertigen. Beispiele aus dem Nationalsozialismus, der Ereignisse in irakischen
Foltergefängnissen und anderen diktatorischen Kontexten belegen mit aller Schärfe
die Bedeutsamkeit recht verstandener Praxis.
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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
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Der christliche
Revolution.
Umschwung
–
eine
geistesgeschichtliche
Mit der abendländischen Zeitenwende ging eine geistesgeschichtliche Revolution
einher, die am in den Umformungen der oben skizzierten Begriffe einen der vielleicht
deutlichsten und weitreichendsten Umschwünge mit sich brachte, die wir bisher zu
verzeichnen haben. Als „Gründungsurkunde“ dieses Umschwunges sei Mt. 25,….
angeführt. In dieser als „Gerichtsrede“ bekannten Perikope (?) ist von der Scheidung
der Böcke von den Schafen die Rede und dem endgültigen Urteilsspruch, der über
dauerndes Heil oder Unheil des Menschen entscheidet, gemäß seiner christlichen
Praxis. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan“. Die
christliche Überzeugung versteht in dem Sprechenden einen Menschen der historisch
bekannt ist, den Jesus von Nazareth und zugleich erkennt sie in ihm den Sohn Gottes,
als den Vertreter der absoluten „theoria“, dem Höchsten überhaupt.
Theorie und Praxis sind sozusagen in Jesus Christus eins geworden und bedingen, ja
durchdringen einander. Was Gott verbunden hat, kann der Mensch nicht trennen.
Der Kernsatz: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt,
habt ihr mir getan“ der als Urteilsbegründung angeführt wird, drückt genau das aus.
Von nun an ist es gemäß christlicher Glaubensauffassung, nicht mehr möglich, Gott
zu begegnen, ohne dem Menschen zu begegnen. Und gleichzeitig ist es nicht
möglich, dem Menschen zu begegnen, ohne auch mit Gott in Kontakt zu kommen.
Die „Schau des Höchsten, Ewigen, Unwandelbaren“ wird so zur Hinwendung zum
konkreten Du, dem Nächsten – im realen Hier und Jetzt. Theoria ist nicht
aufgegeben, aber sie hat völlig neue Dimensionen gefunden, Dimensionen, die
entscheiden über ihre Gültigkeit und Wahrheit.
Gott, die theoria per se sozusagen, ist Mensch geworden und hat sich inkarniert.
Seither gibt es nichts mehr an menschlichen Freuden, Nöten, Freuden, Hoffnungen,
Ängsten, das abgekoppelt wäre von göttlicher Würde. Dies ist denn auch die
Sendung der Kirche. Ein aktueller Widerhall findet sich in den Dokumenten des 2.
Vaticanums, wenn in der …. Freude und Hoffnung, …..
2.1 Grunddaten christlicher Praxis: Würde – Personalität - Freiheit
Die oben lediglich knapp skizzierte Umdeutung von Theoria und Praxis durch das
christliche Verständnis von Menschwerdung und Zuwendung Gottes, impliziert
massive Konsequenzen. Bei genauerer Lektüre dieser Rede mag es dem gebildeten
Hörer so gehen wie dereinst den Griechen, von denen Paulus sagte, sie suchten die
Weisheit, währenddessen er dir Torheit des Kreuzes verkündige. Verblüffend ist wohl,
wie die, nach antikem Verständnis höchste Lebensform, die contemplatio, ihre
Relevanz nicht in der weltabgewandten Schau ewiger Wahrheiten erweist, sondern
den Blick in die raumzeitlichen Bedrängnisse menschlicher Existenz wendet. Dabei
geht es um so alltägliche Bedürfnisse wie essen, trinken, anziehen, ein Dach über
dem Kopf haben etc. Nicht einmal eine wirkliche Einsicht in die Tiefenschichten
dieses Handelns sind erfordert – „Wann haben wir dich hungrig, durstig, nackt….
Gesehen und haben dir geholfen?“ so fragen viele Erlöste. Dennoch haben sie
mitgebaut an dem Reich, von dem in den ersten Versen des Evangeliums nach
Markus gesagt wird, es sei nahe (Mk.1,15). Ein Reich, das durch die Realisation der
Aufforderungen in Mt. 25,31-46 bereits beginnt, dessen Größe und Bedeutung aber
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Vorbereitungsveranstaltung für die Praktischen Studiensemester – Sommersemester – GII – Teil eins und zwei
alles Geschaffene übersteigt und hineinreicht in die Vollendung, die mit dem Wort
„Himmel“ auch heute verständlich und anziehend indiziert ist.
Theoria erweist sich nun nicht in der rationalen Einsicht der eigenen Bedeutsamkeit,
sondern in der unbedingten Achtung der Würde des anderen und der je personalen
Zuwendung. Kriterium gültigen Handelns ist somit weder Einsicht noch auch
unbedingt Erfolg. Denn wer kann sagen, ob nicht der Hungrige gestärkt aufsteht und
Untaten begeht? Wird nicht der Kranke, den der Arzt heute heilt, morgen dennoch
sterben? Vielleicht ist der Gefangene, den ich besuche, nicht unschuldig im
Gefängnis, sondern sitzt eine verdiente Strafe ab?
Christliche Praxis kennt als Grunddaten die unbedingte Anerkennung der Würde des
anderen. Begründet in der Ebenbildlichkeit und ausgefaltet im Personenbegriff, wie
er in den ersten Konzilien unter großen Spannungen entwickelt worden ist, ist die
Achtung vor der menschlichen Würde eines der klarsten Indizien christlicher
Implikationen in der abendländischen Geistes- und Kulturgeschichte.
Ziel eines christlich geprägten Praxisbegriffes ist somit die Realisation des „Reiches
Gottes“ als ein Reich, in dem die Würde des Menschen unbedingt gilt. Diese Praxis ist
das Höchste überhaupt – denn sie fällt ineins mit der „Schau Gottes“ der Theoria, da
in der Identifikation des Menschensohnes – Gottessohnes beide in einem
untrennbaren Verhältnis stehen. Als Lebensform ist eine solche Praxis nicht an
bestimmte Stände oder Berufe gebunden, sondern will die Existenz des Menschen,
der sich ihr zustimmend und anvertrauend zuwendet, von innen her durchformen
und gestalten.
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