Die Eroberung Chinas durch die Mandschuren

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Die Eroberung Chinas durch
die Mandschuren und die Gründung der
Qing-Dynastie
Hausarbeit im Fach Sinologie
Vorlesung: Geschichte und Gesellschaft Chinas I
WS 2004/2005
Dozent: Prof. Dr. R. Moritz
Universität Leipzig
Verfasser: Florian Sitte
Matrikelnummer: 9633425
Zwenkauerstraße 06
04277 Leipzig
Datum der Abgabe: 17. 10. 2005
Inhaltsverzeichnis:
1.
EINLEITUNG ............................................................................................................................................... 2
2.
DER ZERFALL DER MING-DYNASTIE ................................................................................................. 3
2.1.
2.2.
2.3.
2.4.
2.5.
3.
DIE GESCHICHTE DER DSCHURDSCHEN VON NURHACI BIS ZUR EROBERUNG PEKINGS
10
3.1.
3.2.
3.3.
4.
WANDEL IN CHINA................................................................................................................................... 3
EUNUCHEN............................................................................................................................................... 4
FINANZKRISE ........................................................................................................................................... 5
POLITISCHE KRISE ................................................................................................................................... 6
REBELLEN ................................................................................................................................................ 8
AUFBAU DER MACHT UNTER NURHACI.................................................................................................. 10
ERSTE EROBERUNGEN IN NORDCHINA ................................................................................................... 12
HONG TAIJIS VORMARSCH UND EROBERUNG PEKINGS UNTER DORGON ............................................... 14
DIE KONSOLIDIERUNG DER QING MACHT .................................................................................... 16
4.1.
4.2.
4.3.
DAS ENDE DER DA SHUN UND DES GROßEN WESTREICHS ..................................................................... 16
WIDERSTAND DER SÜDLICHEN MING ..................................................................................................... 17
DER AUFSTAND DER DREI FEUDALFÜRSTEN.......................................................................................... 19
5.
SCHLUSSWORT........................................................................................................................................ 23
6.
ANHANG..................................................................................................................................................... 26
6.1.
6.2.
BIBLIOGRAPHIE ...................................................................................................................................... 26
GLOSSAR ............................................................................................................................................... 26
1
1. Einleitung
Ein Dynastiewechsel bedeutet für China, dieses Jahrtausende alte Kaiserreich, nichts weiter als
das abermalige Starten eines Kreislaufes, der vom Anbeginn seiner Zeit an in ähnlicher Form
abgelaufen ist. Eine mächtige Familie gründete eine eigene Dynastie und trieb diese bis zur
Blütezeit oder „Plateauphase“ voran, in welcher die Geschicke des Kaiserreiches durch ein
besonders starkes Zentrum bestimmt wurden. 1 Nach einer ersten Krise, von der sich die
Dynastie in der Regel wieder erholte („Phase der Revitalisierung“), folgte eine beständige
Schwächung des Zentrums. Verschiedene innen- und außenpolitische Konflikte führten
schließlich zu einem „Finalen Kollaps“. Und genau bei einer solchen Zeit setzt diese Arbeit an:
Die Ming-Dynastie wurde von diversen Problemen allmählich zersetzt, und schließlich
eroberte das kriegerische Steppen- und Reitervolk der Dschurdschen (auch: Jürchen) die
Kaiserkrone der so vielfach größeren Macht China.
Von Interesse ist hierbei vor allem die Frage nach den Voraussetzungen auf beiden Seiten. Sie
zu klären versuchen die Kapitel 2 und 3, die sich mit der Geschichte der Dschurdschen (bzw.
der Mandschus, wie sie sich ab 1635 nannten) und der Ming-Chinesen bis zur Eroberung bzw.
dem Verlust Pekings 1644 befassen.
Weiterhin werden die Anfange der Konsolidierung der mandschurischen Macht in bzw. mit der
Qing-Dynastie Beachtung finden. Im entsprechenden Kapitel wird auch versucht werden, den
eigentlichen Modus, den Akt der Eroberung des gesamten chinesischen Festlandsterritoriums,
zu klären. Hier steht „eigentlich“, denn die „[...] Machtübernahme [...] in Beijing glich einer
friedlichen Besetzung [...]“2 und lief für sich genommen ohne große Anstrengungen ab. Das
neue Reich zu einen, im Inneren und damit auch nach außen zu festigen, waren weitaus
schwierigere Aufgaben. Hierzu werden die ersten zwei Kaiser der Qing, Shunzhi und Kangxi,
in ihrem diesbezüglichen Wirken grob untersucht.
Sehr essentiell, aber leider am wenigsten greifbar ist die Frage nach dem ursprünglichen
Beweggrund der Dschurdschen, ausgerechnet China erobern zu wollen. Weshalb zieht ein im
Gegensatz zum mingzeitlichen Land der Mitte so „primitives“ Volk komplizierte
Verwaltungsarbeit seinem einfachen Stammesleben vor?
Auf der Grundlage der eher faktischen, ausführlichen Beschäftigung mit den anderen
Problemen wird abschließend eine Stellungnahme zu diesem Gegenstand versucht.
1
Gedanken zum „Selbstzerstörungsgesetz chinesischer Dynastien“ entnommen der Vorlesung „Geschichte und
Gesellschaft Chinas I“, Prof. Dr. R. Moritz, Universität Leipzig.
2
Grießler, S.261.
2
2. Der Zerfall der Ming-Dynastie
2.1.
Wandel in China
Will man die Krisenzeit der späten Ming durchleuchten, so bietet es sich an, bei der
Regierungszeit des Kaisers Wanli einzusetzen, die von 1573 bis 1620, also 48 Jahre andauerte.3
Mehrere Historiker sehen diese Jahre als Zeit des Wandels. Des sozialen Wandels einer „[...]
bäuerlichen Welt, die vom städtischen Einfluss durchdrungen wird [...]“ 4 einerseits und
andererseits eines Wandels hinsichtlich der Verwaltung, der hauptsächlich in einem „[...]
Machtzuwachs der Hofeunuchen [...]“5 bestand und in zunehmender Korruption unter Beamten
zum Ausdruck kam.
Im Folgenden bezieht sich der Text direkt auf Gernet, der die Periode von 1573 bis 1582 „[...]
eine der fruchtbarsten der Geschichte der Ming- Dynastie [...]“6 nennt. Er sieht die Gründe
dafür in der Entstehung eines Proletariats und eines städtischen Kleinbürgertums, einer
Gesellschaft also, welche den Geist der ländlichen Welt vollkommen umwälzte. Mit dieser
Entwicklung stieg auch eine neue Klasse von Großkaufleuten und Geschäftsmännern auf, für
die Gernet die Bankiers und Geldwechsler aus Shanxi, reiche Kaufleute aus Hunan und Xin´an
und die Schiffseigner aus dem Süden Fujians als Beispiele nennt und von denen er sagt, dass die
Reichsten unter ihnen ihren Wohlstand der Einschaltung in die Staatswirtschaft verdankten.
Diese neue Klasse trieb die Wirtschaft in hohem Maße voran und erreichte eine Öffnung
Chinas nach außen.7 So wurde zum Beispiel Handel mit Amerika betrieben (Import von Mais,
Süßkartoffeln und Erdnüssen), was nur ein Beleg für den insgesamt florierenden
Überseehandel ist.8 Nach Gernet fand diese Tendenz (der allgemeinen Entwicklung Chinas)
„[...] auch ihren Ausdruck im Aufkommen und in der Erneuerung literarischer Genres, des
philosophischen Denkens und des Wissens.“9
3
Guter, S.638.
Gernet, S. 363.
5
Spence, S. 31.
6
Gernet, S. 363.
7
Vgl. ibid., S. 363 f.
8
Guter, S. 527.
9
Gernet, S. 363.
4
3
2.2.
Eunuchen
Leider wurde diese reiche Entfaltung des wirtschaftlichen und geistigen Lebens durch eine
schon angesprochene Reihe von Krisen überschattet, welche auf die „[...] Beibehaltung eines
schwerfälligen und ineffizienten politischen [...] Regimes zurückzuführen sind.“10
Jonathan D. Spence sieht die Ursache darin, dass Wanli kaum mehr Kontakte zur Außenwelt
(also der Welt außerhalb der Verbotenen Stadt) hatte, „[...] jahrelang keine Hofaudienz [...]“11
hielt und sogar aufhörte „[...], freigewordene höhere Beamtenstellen wieder zu besetzen.“12
Und indem sich der Kaiser immer mehr aus dem Regierungsgeschäft zurückzog, legte er den
Eunuchen große Macht in die Hände. Die offizielle Aufgabe dieser ursprünglich bloßen
Haremswächter bestand darin „[...], für eine ordnungsgemäße Abwicklung der täglichen
Geschäfte im Palast zu sorgen.“13 Glaubt man Spence, so lebten zu Wanlis Regierungszeit
mehr als 10000 von ihnen in der Hauptstadt Peking! Diese Masse rückte nun „[...] zu wichtigen
Vermittlern zwischen der Außenwelt der Bürokratie und der abgeschirmten Welt des Kaisers
auf.“
14
Das damals herrschende Chaos kann man sich unschwer vorstellen: Die
machthungrigen und überaus korrupten Eunuchen konkurrierten untereinander um den größten
Einfluss und ließen sich von ehrgeizigen Beamten bestechen, welche ohne dieses Mittel keine
Chance mehr hatten, die Aufmerksamkeit des Kaisers zu erregen. Gernet führt diese
Entwicklung interessanterweise auf den Tod eines einzigen, überaus fähigen Beamten namens
Zhang Juzheng (1552-1582) zurück „[...], der während der Minderjährigkeit Wanlis faktisch an
der Spitze des Staates stand.“15 Sein Ableben sei der Grund für den steigenden Einfluss der
Eunuchen. Wie weit deren Machtmissbrauch ging, soll das drastische Beispiel des
Hofeunuchen Wei Zhongxian zeigen:
Als Wanli den Eunuchen „[...] die Eintreibung der Staatseinnahmen in den Provinzen [...]“16 in
die Hände legte, hatten diese noch größere Möglichkeiten, sich persönlich zu bereichern und
konnten es sich, so Spence, auf dieser pekuniären Basis leisten, private Wachmannschaften
anzuheuern, politische Feinde zu foltern und sogar zu töten und reiche Provinzfamilien zu
tyrannisieren und auszubeuten. Besonders verschlagen war eben jener Wie, der „[...] in den
10
Ibid.
Spence, S. 31.
12
Ibid.
13
Ibid.
14
Ibid.
15
Gernet, S. 364.
16
Spence, S. 31.
11
4
zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts [...] das gesamte Hofleben beherrschte.“17 Er ließ sich
auf dem Höhepunkt seiner Macht sogar im ganzen Land Tempel zu seinen Ehren errichten und
hatte die Möglichkeit, denunzierende „historische“ Werke über seine politischen Gegner zu
veröffentlichen. Nach Wanlis Tod 1620 konnte sich Wei noch geschlagene 7 Jahre an der
Macht halten bis er verurteilt wurde und 1627 Suizid beging.18
2.3.
Finanzkrise
Ein weiteres Problem und auch ein Resultat dieser (oben besprochenen) politischen
Entwicklung war die „[...] Verschwendungssucht des Hofes [...]“ 19 Doch nicht nur solche
unnötigen Ausgaben belasteten die chinesische Staatskasse, auch eine Reihe außenpolitischer
Konflikte partizipierten am Wachsen des finanziellen Defizits:
Zum einen gab es die permanente Bedrohung durch die kriegerischen Mongolenstämme, die
sich unter ihrem Führer Bobai bereits 1592 in der Gegend von Ningxia unabhängig gemacht
hatten 20 und im Norden und Nordwesten Pekings „[...] nur noch durch Entrichtung
regelmäßiger Tributzahlungen in Schach zu halten [... ]“21 waren.
Ein weiterer bedeutender Faktor war der Einfall Japans (ebenfalls 1592) in Chinas
Vasallenstaat Korea.
22
Den daraus resultierenden Koreakrieg konnte China zwar in
langwierigen Feldzügen gegen die japanischen Truppen bis 1598 für sich entscheiden, aber nur
unter einem enormen finanziellen Aufwand und unter Mithilfe des Dschurdschenfürstes
Nurhaci, der China zu diesem Zeitpunkt militärisch gegen die Japaner unterstützte, sich aber
um 1618 ebenfalls offen gegen die Ming wandte. Gernet sieht damit die Nordost-Provinzen des
finanziell geschwächten Kaiserreiches bereits jenen Dschurdschen ausgeliefert, doch dies soll
Thema des dritten Kapitel sein.
Nicht nur der eigentliche Krieg verschlang Unsummen an Geld (Gernet spricht von 26
Millionen liang), nach den Kämpfen blieb außerdem ein Söldnerheer zurück, das mit unnötig
aufgeschwollenen Beständen weiterhin schwer auf der Staatskasse lag und zudem offenbar von
äußerst geringer Truppenqualität war: „Das Heer war der Abfallkübel der Gesellschaft: eine
17
Ibid., S. 32.
Vgl. ibid.
19
Gernet, S. 364.
20
Vgl. ibid.
21
Spence, S. 34.
22
Vgl. Gernet, S. 364 f.
18
5
Ansammlung von Nichtstuern, Gaunern, allerlei Gesindel, Wegelagerern usw.“23 Nun konnte
der Kaiser dieses riesige Heer nicht einfach „entlassen“, denn marodierende Söldnerverbände
hätten die Gesamtsituation in hohem Maße weiter verschärft.
Weitere Gründe für die wachsende Geldnot der Ming waren die zunehmende Piraterie an der
Südostküste Chinas 24 , der Aufstand der ethnischen Minderheiten in Guizhou 25 und die
keinesfalls irrelevanten „[...] Apanagen, die den kaiserlichen Familienmitgliedern ausbezahlt
wurden.“26 Die mit jeder Generation anwachsende Zahl von Prinzen und auch Adelige niederen
Ranges bezogen Gelder, die in der Wanli-Periode nach Gernet mehr als die Hälfte der
Steuereinnahmen in Shanxi und Henan ausmachten. Die in den Jahren 1573-1628 eingeleitete
Konsequenz war eine zeitweilige Einstellung der Heiratserlaubnis für Fürsten und der
Verleihung von Adelstiteln.27
Die
finanziellen
Defizite
mussten
schnellstmöglich
wieder
ausgeglichen
werden.
Diesbezügliche Maßnahmen aber konnten kurzfristig nur auf Kosten des chinesischen Volkes
ergriffen werden, was im Endeffekt auch der Zentralgewalt schlecht bekommen musste...
2.4.
Politische Krise
Noch vor den, die Gesamtsituation eher verschärfenden, „Gegenmaßnahmen“ der
Ming-Regierung muss ein weiterer unglücklicher Faktor erläutert werden, der in unmittelbarem
Zusammenhang mit dem Aufblühen des Handels in der ersten Hälfte der Wanli-Periode steht
(siehe oben). Die dafür verwendeten Fakten sind Spence entnommen.
Die südchinesische Hafenstadt Macao entwickelte sich Anfang des 17. Jahrhunderts unter den
Portugiesen zu einem der bedeutendsten Exportmärkte für beispielsweise in Japan und
Amerika heiß begehrte chinesische Seide und andere Luxusartikel. Dies brachte Wanli einen
stabilen Silberbarrenvorrat ein. Doch die „[...] Kreisläufe des internationalen Handels erfuhren
einschneidende Veränderungen.“28 Dies bedeutet konkret, dass Holland und Großbritannien
ihre Handelsimperien unter anderem auf Kosten der Portugiesen expandierten, welche damit
die chinesische Ware auf dem Weltmarkt nicht mehr so rasch absetzen konnten. Das wiederum
„[...] führte zu einem massiven Rückgang der chinesischen Silberimporte und in der Folge zu
23
Ibid., S. 365.
Vgl. Spence, S. 34.
25
Vgl. Gernet, S. 364.
26
Ibid., S. 365.
27
Ibid.
28
Spence, S. 36.
24
6
Silberhortung und einem Verfall der Kupfer-Silber-Parität.“29 Der Wert der Kupfermünzen
nahm also relativ zum Silberkurs enorm ab. Dies gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn man
darum weiß, dass die Bauern ihre Abgaben in Silber zu entrichten hatten, ihre Ernte jedoch nur
gegen Kupfer verkaufen konnten, da sie auf lokalen Handel beschränkt waren.30
Auch die Kaiser nach Wanli (Taichang [1620], Tianqi [1621-1627] und Chongzhen [16281644
])31 wussten sich keine anderen Mittel, als die Handelsabgaben zu erhöhen, Zollstellen am
Yangzi und am Großen Kanal zu errichten und die Steuern für die Bauern anzuheben.32 Und
dies alles waren Maßnahmen, welche die Situation des einfachen Volkes drastisch
verschlechterten. Spence schreibt, dass die Steuern, die zum größten Teil vom Söldnerheer
verschlungen
wurden
(welches
wegen
der
zunehmenden
Bedrohung
durch
den
Dschurdschenführer Nurhaci und seine wachsende Anhängerschaft wieder bitter nötig
geworden war), zwischen 1618 und 1639 siebenmal erhöht wurden. Der wachsende Unmut der
unterprivilegierten Bevölkerungsschichten wurde bis 1626 immer deutlicher spürbar: Er entlud
sich zum Beispiel in Handwerkeraufständen und Unruhen in den großen Handelsstädten.33
Gernet spricht außerdem von Aufständen nicht-chinesischer Völker in den Jahren 1621-1629,
die damit gegen die Zwangseinbeziehungen in das chinesische Heer protestierten. Zentren
solcher Aufstände, so Gernet weiter, waren die Randgebiete von Yunnan, Sichuan und
Guizhou.
Die Verarmung der Bauern und ein „[...] ungewöhnlich kaltes und trockenes Wetter [...]“34
bescherten selbigen fürderhin zahlreiche Hungersnöte, vor allem im Norden Chinas, also den
Grenzgebieten zum Einflussbereich Nurhacis´. Die Vernachlässigung „[...] praktisch aller
größeren
Bewässerungs-
und
Flutkontrollprojekte
[...]“
35
führte
zu
häufigen
Überschwemmungen, die das Leben in der Nähe von Flüssen zusätzlich enorm erschwerten.
Besonders eingängig beschreibt Albert Chan die Lage der ärmeren Bevölkerungsschichten
Chinas in diesen Jahren: „The poor people of the empire, most of them honest and unwarlike
citizens, bore their sufferings with surprising resignation, eating rough herbs, the bark of trees,
and even earth, in their effort to keep alive.”36
Er spricht weiter von einer zunehmenden Verzweiflung unter den Bauern und Minenarbeitern,
29
Ibid., S. 37.
Vgl. ibid., S. 35-37.
31
Vgl. Guter, S. 638.
32
Vgl. Gernet, S. 365.
33
Ibid.
34
Spence, S. 37.
35
Ibid.
36
Chan, S. 334.
30
7
welche die ständig wachsende Steuerlast nicht mehr ertragen konnten und sich immer häufiger
zu Banditenhorden zusammenrotteten. Ein anderer, für die Zentralgewalt ebenso bedrohlicher
Weg der hoffnungslos Armen in den nördlichen Gebieten Chinas war es, zu Nurhaci und seinen
Vasallen überzulaufen: „Many of the people, especially the poor, were employed by the
Manchus and seem to have been well treated by them.“ 37 Die Versuchung dem Elend zu
entkommen war groß, denn das zunehmende Aufkommen von Banditen führte adäquat zu einer
Erhöhung des Militäraufkommens, und marodierende Soldaten, so Chan, stellten für die
Bevölkerung peripher gelegener Provinzen kaum eine Verbesserung zu den Räuberhorden dar.
Zudem führte jede Vergrößerung des Militäraufkommens auch zu einer höheren Steuerlast.
Diesen Teufelskreis beschreibt Chan mit drei treffenden Sätzen: „It is the duty of the rulers to
spare their people, that they may be able to support themselves and to help to support the
soldiers on the borders. To do otherwise is to eat one’s own flesh in order to satisfy one’s
hunger. This would beyond doubt cause one’s instant death!”38
In den Randgebieten Chinas waren neben den Naturkatastrophen (den Dürren und
Überschwemmungen) also auch umherziehende Banditenhorden, Ausbeutung durch
geldgierige Beamte, die attackierenden Dschurdschen und aus all diesem resultierende
Hungersnöte und Massenarmut an der Tagesordnung. Chan ist der Meinung, dass erst Kaiser
Chongzhen das Problem der grausamen Beamten und der Räuberbanden überhaupt wahrnahm
(erkenntlich an einem Edikt von 1633).39 Doch es war zu spät - längst war der letzte große Stein
ins Rollen gebracht, dessen Stoß die Grundfesten der Zentralgewalt zerbröckeln lassen sollte...
2.5.
Rebellen
Die „neue“ Gefahr ging von den aus Räuberbanden, wütenden Mobs (von Bauern und
Bergwerkern) und marodierenden Soldatenhorden extrahierten Rebellen aus, die nun im
Gegensatz zu dem vorherigen unorganisierten Treiben der einzelnen aufständischen
Gruppierungen gezielte und unter verschiedenen Führern gemeinsam koordinierte Aktionen
gegen die Zentralgewalt in Peking durchführten. Ihr gemeinsames Ziel war der Sturz der Ming
und die Gründung einer neuen Dynastie.
Ich will hier lediglich knapp den Weg der zwei bedeutendsten Rebellenführer schildern: Es
37
Ibid., S. 332.
Ibid., S. 333.
39
Vgl. ibid., S. 329.
38
8
handelt sich um Zhang Xianzhong (1606-1645) und Li Zicheng (1606-1647).40 Beide starteten
ihre „Karrieren“ als einfache Rebellen im Norden Chinas und konnten sich aufgrund
außergewöhnlichen Führercharismas und hervorragenden taktischen Geschicks zu Anführern
aufschwingen.
Zhang, der letztendlich weniger Bedeutende, entfaltete nach Gernet seine Tätigkeiten zunächst
in den Provinzen Hubei und Hunan und machte schließlich Chengdu in Sichuan zu seiner
Hauptstadt. Er gründete dort am 09.09.1644 das „Große Westreich“. 41 Gernet und Spence
stimmen darin überein, dass Zhang zu dieser Zeit bereits dem Größenwahn verfallen war und
ein Terrorregime führte. Am eindrucksvollsten beschreibt Chan die oft grausamen Mittel des
Rebellenführers, an der Macht zu bleiben und sie auszubauen.42 So seien ein ausgeprägtes
Spionage- und Infiltrationssystem die wesentlichsten Merkmale seiner Strategien: „Before a
siege, spies disguised as Buddhists or Taoist monks, or as travellers and merchants, were sent
into a city.“43 Zhang, so Chan, heuerte über seine verkleideten Spione Verbrecher an, den
Rebellen zu helfen, bestach Beamte und verängstigte die Bevölkerung auf einer ausgeklügelten
psychologischen Basis: „To frighten the timid and to convince them that the Ming dynasty was
near its end they tried to provide weird portents such as turning the water in a city moat blood
red or making groups of children cry at night [...] or leaving bloody hand marks on doors
throughout the city.“44
Li machte, so Gernet, Henan zu seinem Hauptstützpunkt und strebte im Gegensatz zu Zhang,
der sich scheinbar mit seinem „Großen Westreich“ in Sichuan zufrieden gab, direkt nach dem
Sturz der Ming. 1643 verlagerte er das Zentrum seiner rebellischen Aktionen nach Shaanxi.
Nachdem er im Februar 1644 die Da Shun, seine eigene Dynastie, proklamiert hatte, besetzte er
noch im Frühling desselben Jahres Datong im Norden von Shanxi.45 Er arbeitete sich also
immer näher an Peking heran und am 24. April 1644 marschierte er dann auch „kampflos“ (so
Spence) in die Hauptstadt ein. Am darauffolgenden Tag erhängte sich Kaiser Chongzhen.46
Peking war gefallen, die Rebellen unter Li Zicheng obsiegten über die Ming. Dieser hier nur
sehr kurz zusammengefasste Prozess wurde durch die oben beschriebene Notlage der Dynastie
begünstigt, ja überhaupt erst ermöglicht!
Doch auch die neue Regierung unter Li war von Anfang an in keiner guten Konstitution. Glaubt
40
Vgl. Gernet, S. 368.
Ibid.
42
Vgl. Chan, S. 350 ff.
43
Ibid., S. 351.
44
Ibid., S. 352.
45
Vgl. Gernet, S. 368.
46
Ibid.
41
9
man Chan, so machte Li während seinen Kampagnen gegen die Ming dem Volk große
Versprechungen bezüglich Steuern, Landverteilung etc., wohl um die bestehende Dynastie in
Misskredit zu bringen und sich selbst Rückhalt zu verschaffen. Aber er war nicht in der Lage,
diese Zusicherungen nach seiner Machtübernahme auch einzuhalten. 47 Wieder brandeten
innenpolitische Unruhen auf, doch nicht das war es, was Li niederwarf. Aus dem Nordosten
Pekings strömte nur etwa einen Monat nach dessen Fall eine Heeresmacht heran, der die Da
Shun absolut nichts entgegenzusetzen hatte: die Mandschus kamen an und übernahmen die
Hauptstadt am 6. Juni 1644!48
3. Die Geschichte der Dschurdschen von Nurhaci bis
zur Eroberung Pekings
3.1.
Aufbau der Macht unter Nurhaci
Dieser Schritt des einfachen Steppen- und Reitervolkes aus dem Norden zeugte zunächst
einmal von enormem Selbstvertrauen. Doch woher kam es? Wie konnten sich die Mandschus
so sicher sein zumindest den Norden Chinas halten zu können?
Man muss sich bei der Beschäftigung mit dieser Frage erst einmal im Klaren darüber sein, dass
das damalige Ming-China ohnehin im Sterben lag und kurz vor der Eroberung durch die
einstigen Dschurdschen Peking schon an die chinesischen Rebellen verlor. Doch eine gewaltige
Aufgabe war es für ein soviel kleineres Volk trotzdem, und ferner werden wir sehen, dass jene
Krisen, welche das chinesische Volk durchleiden musste, zu einem nicht zu unterschätzenden
Teil auch von den Dschurdschen (ab 1635 den Mandschus) selbst ausgingen.
Jene Dschurdschen, oder auch „Jürchen“ genannt, waren Nachfolger des Volkes, welches
schon einmal China erobert und die „goldene“ Jin-Dynastie (1115-1234) begründetet hatte.49
Eine im Liaodong-Gebiet, also an der Nordostgrenze des mingzeitlichen Chinas lebende
Gruppe von Dschurdschen war zum größten Teil „[...] sinisiert, hatte also in vielen Dingen die
chinesische Lebensweise übernommen, obwohl die Städte, in denen sie florierte, wie Fushun
und Shenyang, im Herzen des alten Jin-Reichs lagen.“50 Eine weitere Gruppe hatte „[...] sich
nördlich der koreanischen Grenze im Gebiet des Changbai Shan [...] angesiedelt und eine auf
47
Vgl. Chan, S. 362.
Huang, S. 183.
49
Vgl. Gernet, S. 393.
50
Spence, S. 43.
48
10
Ackerbau und Jagd ausgerichtete Mischwirtschaft entwickelt.“ 51 Jenem Volk entstammte
Nurhaci, der den Grundstein für die abermalige Eroberung Chinas legen sollte.
Er war es, der bereits als junger Mann die „[...] Dschurdschenstämme der östlichen
Mandschurei [...]“52 einigte. Durch gute militärische Organisation und über Handel mit Perlen,
Pelzen, Bergwerksprodukten und Ginseng erworbenen Reichtum gewann Nurhaci Macht, die
er nutzte um sich die „[...] tungusischen und mongolischen Stämme der Region im Nordosten
von Shenyang in Liaoning [...]“53 einzuverleiben. Auf dieser Basis, so Gernet weiter, konnte er
sich 1589 mit China verbünden und den Ming von 1592 bis 1598 erfolgreich Beistand gegen
die japanische Invasion in Korea leisten.
Im Jahr 1601 schuf Nurhaci die Acht Banner, qi, welche zunächst nur farblich zu unterscheiden
waren (gelb, rot, blau und weiß, je einfarbig und umrandet) 54 , später aber in innere (den
Dschurdschen vorbehaltene) und äußere (Hilfstruppen-) Banner getrennt wurden. „Bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts blieben sie eine der effizientesten militärischen Organisationen, die
in Ostasien jemals existiert haben.“55 Diese Banner sind keinesfalls als bloße Abteilungen des
Dschurdschenheeres zu betrachten, sondern vielmehr als komplexe administrative Einheiten,
die sich über bestimmte Gebiete bzw. Bevölkerungsgruppen und -schichten erstreckten, in
denen dann für Zeiten des Bedarfs auch Einheiten zum Kampf bereit standen. Als Nurhaci sich
auf ihrer Grundlage 1609 mächtig genug währte, den Chinesen die Stirn zu bieten, brach er
sämtliche Handelsbeziehungen ab und nahm offen eine feindselige Haltung ein. „Im
darauffolgenden Jahrzehnt dehnte Nurhaci seine Macht auf Kosten der benachbarten
Dschurdschen- und Mongolen-Stämme ständig weiter aus. Diejenigen, die sich nicht durch
Heiratsbande mit ihm verbünden wollten, überzog er mit Krieg.“56
1616 ruft er die Hou Jin (Späte Jin) aus und ernennt sich zum Khan der Dschurdschen.57 Um die
sich durch ständige Eroberungen rapide ausdehnenden Grenzen auch halten zu können, machte
Nurhaci sich etwas zunutze, das Pamela Kyle Crossley „[...] the deep tradition of household and
village self-defense [...]“58 nennt. Er ließ die einzelnen Familien- bzw. Dorfgemeinschaften
selber Sorge für Verpflegung und Ausstattung der Soldaten (und damit der jeweiligen
Familienväter und Brüder) tragen, denn schließlich waren sie es, die beispielsweise gegen die
51
Ibid.
Gernet, S. 393.
53
Ibid.
54
Vgl. Spence, S. 44.
55
Gernet, S. 393.
56
Spence, S. 44.
57
Vgl. Gernet, S. 393.
58
Crossley, S. 70.
52
11
Ming verteidigt werden mussten. Auf diese Weise bezog Nurhaci sein Volk geschickt mit in
militärische Erfolge ein, machte reziprok die Soldaten von der Bevölkerung abhängig (und
disziplinierte die Armee damit insofern, als dass es dieser keinerlei Vorteile brachte, innerhalb
der eigenen Landesgrenzen zu plündern) und sparte die enormen Kosten, welche zur
Aufrechterhaltung eines Heeres nötig waren. Tatsächlich musste der Khan selbst keinerlei
Gelder in seine mobilen Kräfte investieren, er ließ ihnen lediglich die Hoffnung auf einen
Anteil an der Kriegsbeute, was bei den ständigen Eroberungen durchaus ein Ansporn war.59
So
ausgestattet
mit
einer loyalen,
kampfeslustigen
Armee,
einem
gewachsenen,
zusammengeschweißten Volk und relativem Wohlstand richtete der Khan der Hou Jin,
Nurhaci, seine Aufmerksamkeit direkt auf das Reich der Ming.
3.2.
Erste Eroberungen in Nordchina
Als Ausgangsbasis für seine Einfälle nach Nordchina wählte Nurhaci Fushun, das im
Liaodong-Gebiet liegt, also der Region, die von einer Mischbevölkerung aus Chinesen und
sinisierten Dschurdschen bewohnt wurde (siehe oben). 1618 besetzte er die Stadt und erwies
sich dabei als kluger Feldherr.60 Nurhaci führte zunächst zahlreiche heftige Angriffe gegen sie
und andere Siedlungen des Liaodong-Gebietes durch und übersandte den Generälen der dort
stationierten chinesischen Garnisonen parallel Drohungen und mit Kritik an der Mingregierung
verbundene Versprechungen bezüglich der Mandschuherrschaft.61 Er demonstrierte also seine
militärische Macht, ängstigte damit das Volk und bot selbst einen einfachen Weg den Terror
wieder zu beenden. Nurhaci brachte sich in die „[...] Pose des Reformers [... ]“62 indem er vor
allem den armen Menschen ein besseres Leben versprach, als sie es unter der im Sterben
liegenden Mingherrschaft führen mussten. Viele vertrauten ihm und liefen zu den
Dschurdschen über. Nun musste Nurhaci Sorge dafür tragen, dass seine Soldaten strikte
Disziplin wahrten um die neuen Untertanen nicht durch „[...] Plünderungen und Belästigungen
[...]“63 wieder zu verschrecken. Er gewährleistete dies durch „[...] öffentliche Bestrafungen der
Schuldigen [.. .]“.64
Die gebildete Schicht des Volkes band Nurhaci an sich, so Spence sinngemäß, indem er sie
59
Ibid.
Vgl. Gernet, S. 393.
61
Vgl. Spence, S. 45.
62
Ibid.
63
Ibid.
64
Ibid.
60
12
direkt in seine Bürokratie eingliederte, höheren Beamten bot er sogar das Einheiraten in seine
Familie, verbunden mit Ehrentiteln und hohen Ämtern an.
1621 fiel Shenyang, die bedeutendste Stadt des Liaodong-Gebietes, an Nurhaci, 1625 machte er
es unter dem Namen Mukden zu seiner neuen Hauptstadt.65
Doch der Vormarsch der Dschurdschen war bis zu diesem Zeitpunkt schon erheblich ins
Stocken geraten. Nurhaci bemühte sich offenbar, Nichtdschurdschen fair zu integrieren („He
identified the groups on the basis of their customs and skills, not on the basis of ancestors.“66),
und manchen Chinesen und Dschurdschen ging seine Egalisierungspolitik zu weit. Einen
diesbezüglichen Konfliktpunkt benennt Crossley: „The soldiers needed to be quartered
somewhere and Nurgaci ordered that Jurchens and Chinese should share the same houses, work
the same fields and eat at the same table.“67 Die so unterschiedlichen Völker waren aber noch
nicht bereit, auf solch engem Raum zusammen zu leben, misstrauten einander, und das führte
zu Konflikten, die nicht selten mit Mord und Totschlag endeten. Auch in anderer Hinsicht ging
Nurhaci zu radikal vor: „Alle Männer in den eroberten Gebieten mußten die Haartracht der
Mandschu übernehmen, das heißt, sie mußten die Stirn ausrasieren und das übrige Haar zu
einem langen Zopf flechten.“68 Für die Ming-Chinesen galt aber „[...] langes und kunstvoll
frisiertes Haar bei Männern als Zeichen von Männlichkeit und Eleganz [...]“69, und daher
nahmen sie diesen Erlass nur sehr viel schwerer hin, als wir uns heute vorstellen mögen. 1622
und 1625 kam es in Folge der Politik Nurhacis zu großen Erhebungen der chinesischen
Bevölkerung des Liaodong-Gebietes gegen die Dschurdschen, welche diese letztendlich blutig
niederschlugen.70 Trotz dieser temporären „Lösung“ der Probleme wurde Nurhaci in seinen
Eroberungsplänen erheblich zurückgeworfen, denn sie zu finden hatte viel Aufmerksamkeit
und Zeit erfordert, welche die loyalen Ming nicht ungenutzt ließen. „Gegen Ende des Jahres
1625 starteten die Ming-Generäle [...] eine Reihe heftiger Gegenangriffe und konnten 1626
unter Yuan Chonghuans Führung die ersten nennenswerten Siege über Nurhaci davontragen.“71
Am 30. September 1626 verstarb der erste Khan der Hou Jin infolge einer Verletzung, die er
sich bei einer Schlacht mit eben jenem Yuan Chonghuan, dem Fähigsten unter den
MingGenerälen, zugezogen hatte.72 Nurhaci war es, der die ersten großen Schritte auf dem Weg
65
Vgl. Gernet, S. 393.
Crossley, S. 72.
67
Ibid., S. 73.
68
Ebrey, S. 221.
69
Spence, S. 57.
70
Ebrey, S. 221.
71
Spence, S. 47.
72
Crossley, S. 74.
66
13
zur Eroberung Chinas gegangen war: „He had expanded his rule from a small group of villages
to all of Manchuria, inc1uding the large Ming frontier province of Liaodong.“73
Mit seinem Tod gab er den Titel des Khans an einen würdigen Nachfolger ab: seinen achten
Sohn Hong Taiji.
3.3.
Hong Taijis Vormarsch und Eroberung Pekings unter
Dorgon
Den Titel des Khans verdankte Hong Taiji vor allen Dingen seinen chinesischen Beratern, die
ihn durch den Machtkampf mit den anderen Söhnen und Neffen Nurhacis‘ gelotst hatten,
weshalb er den Chinesen gegenüber eine sehr wohlwollende Politik betrieb.74 Auch näherte er
sich ihnen immer mehr an: Er richtete „[...] in getreuer Nachahmung des Ming-Hofes sechs
Ministerien ein und holte überall Chinesen in seine neue Bürokratie.“75 Was er, so Spence,
ebenso übernahm, war das Prüfungssystem, ein Instrument, welches Sorge dafür trug, dass die
Staatsdiener nach Intellekt und Ideologie ausgelesene Männer waren. Doch auch wenn diese
Politik fruchtete, musste Hong Taiji zuerst die noch zu Nurhacis Leb- und Regierungszeiten
erwachsene Bedrohung durch die Ming-Generäle unter Yuan ausschalten. Bei der
Beschreibung dieses Prozesses stützt sich der Autor auf Crossley.
Auch der neue Khan war nicht in der Lage, den Ming-Generälen mit Waffengewalt
beizukommen, doch er schaffte es mit äußerster Schläue, ihnen „den Kopf abzuschlagen“. In
einem Brief an Yuan schlug er diesem einen Waffenstillstand vor, da er sich vorerst auf Korea
im Osten konzentrieren und einen Zweifrontenkrieg vermeiden wolle. Yuan berichtete dem
Kaiserhof daraufhin, er habe die Dschurdschen östlich der Großen Mauer gestoppt. Doch Hong
Taiji brach den Waffenstillstand und attackierte Ningyuan. Sein primäres Ziel war es aber
keinesfalls,
hier
überraschend
weitere
Eroberungen
zu
machen,
sondern
Yuans
Glaubwürdigkeit am Pekinger Hof leiden zu lassen. Ein weiterer Waffenstillstand wurde
nachfolgend vereinbart, doch Hong Taiji nutzte ihn um einen noch genialeren Zug einzufädeln:
Er führte seine Banner-Truppen um Yuan herum nach Nordchina hinein, ließ sich in den
Außenbereichen Pekings bewusst blicken und raubte auf dem Rückweg nach Liaodong große
Mengen an Menschen und Vieh. Daraufhin wurde Yuan, der ärgste Gegner der Hou Jin, unter
dem Verdacht, mit Hong Taiji zu kooperieren, in Peking arretiert und schließlich hingerichtet.
Doch auch nachdem dieser Gegner ausgeschaltet war, fühlte sich Hong Taiji noch nicht
73
74
Ibid.
Spence, S. 47.
14
mächtig genug, den Ming in einer direkten Konfrontation die Stirn zu bieten- er wollte seine
Anhängerschar noch vergrößern und startete die langwierige Eroberung Chahars, das im
Westen des dschurdschischen Einflussbereiches lag. In diesem Gebiet lebten unter der Führung
des Khans Lighdan die mongolischen Nachkommen der Yuan-Dynastie. Hong konnte sich bis
1634 auch diesen Volksstamm einverleiben und hatte es in der Zwischenzeit außerdem
geschafft, seine Macht innerhalb der Familie des Nurhaci insofern auszubauen, als dass er die
Führung über die Banner seiner beiden machthungrigen älteren Brüder Mangguldai und Amin
übernehmen konnte.76
Nun, da Hong Taijis Machtanspruch innerhalb seiner Familie im Besonderen und die Macht der
Dschurdschen allgemein gefestigt war, ging es Schlag auf Schlag:
1635 benannte er die Dschurdschen in „Mandschu“ um, 1636 machte er die „Hou Jin“ zum
Kaiserreich der „Da Qing“ (Große Qing), ebenfalls 1636 begann er die Besetzung der Provinz
Heilongjiang, 1638 riss er Korea an sich, und 1642 gehörte ihm bereits die ganze Mandschurei
bis zum Shanhaiguan-Pass.77 Während all dieser Jahre liefen immer mehr chinesische Generäle
zu Hong Taiji über, stellten sich und ihre Soldaten in seine Dienste.78 Doch auch hohe und
niedere chinesische Beamte und Gelehrte zog er auf die Seite der Mandschu. „Die gesamte
Politik […] zielte auf eine Nachahmung der chinesischen Institutionen ab.“79 Hong Taiji hatte
offenbar erkannt, dass ein Reich von der Größe Chinas, und danach strebte er ja, nur mit dem
chinesischen Verwaltungsapparat funktionieren kann. Anstatt sich also Gedanken über neue
Methoden der Regierung zu machen, übernahm er einfach die Bürokratie der Ming.
Hong Taiji hatte, gleich seinem Vater, extrem viel für die einstigen Dschurdschen getan. Er
eroberte Chahar, Korea und weite Gebiete Nordchinas, zog zahlreiche Chinesen auf seine Seite
und hauchte nicht zuletzt den Mandschuren den Geist des Kaiserreichs ein. Als er 1643
unerwartet starb, hinterließ er aber ein großes Problem seinem jüngeren Bruder Dorgon. Dieser
war bis zur Volljährigkeit des damals erst fünfjährigen neunten Sohnes Hong Taijis‘ Regent der
Mandschus und zwischen ihm und China stand noch Wu Sangui, ein gefürchteter chinesischer
General, der den Shanhaiguan-Pass und damit den kürzesten Weg nach Peking in seiner Hand
hatte.80
Vielleicht hätte Dorgon es trotz seiner inzwischen enormen Truppenstärke nie geschafft, diese
letzte Hürde zu nehmen, doch am 25. April 1644 kamen ihm die von den Mandschus politisch
75
Ibid.
Vgl. Crossley, S. 75 f.
77
Vgl. Gernet, S. 394.
78
Vgl. Spence, S. 47.
79
Gernet, S. 394.
76
15
völlig unabhängigen chinesischen Rebellen unwissentlich zu Hilfe. Wie oben bereits
geschildert, eroberten sie unter Li Zicheng die Hauptstadt und ersetzten die Ming durch die Da
Shun. Dies führte dazu, dass alle, die der alten Dynastie noch treu geblieben, also weder zu den
Rebelle, noch zu den Mandschus übergelaufen waren, in einer bizarren Situation steckten: Sie,
und unter ihnen auch Wu Sangui, verteidigten China gegen die Mandschus, während ihr
Kaiserreich theoretisch gar nicht mehr existierte. Sollte man als loyaler Ming-Chinese nicht
sofort Peking zurückerobern der zuerst die Mandschus zurückschlagen und damit die Da Shun
beschützen?
Wu löste das Problem für sich, indem er auf ein Angebot Dorgons einging, mit den Mandschus
zu kooperieren. So wusste er sich in der Lage, die Rebellen mit mandschurischer Unterstützung
aus Peking vertreiben zu können und sofort als hoher Würdenträger in die neue Dynastie
eingegliedert zu sein. Wus Machthunger war stärker als seine Loyalität zu den Ming. Gegen die
verbündeten Heere der Mandschus und des Wu hatte Li nicht den Hauch einer Chance.
Nachdem er sich am 3. Juni 1644 förmlich zum Kaiser ausrufen ließ, fiel Peking bereits 3 Tage
später in die Hände seiner Gegner und am 30. Oktober des Jahres wurde der neunte Sohn des
Hong Taiji in der Verbotenen Stadt inthronisiert: Shunzhi war Kaiser der Qing.81
4. Die Konsolidierung der Qing Macht
4.1.
Das Ende der Da Shun und des Großen Westreichs
„The conquest of Peking was only the first step in the long and uncertain process of the
conquest of China.”82
Dieser Satz beschreibt treffend, dass mit der Eroberung Pekings der größte Teil der Arbeit an
einer eigenen Dynastie noch bevorstand. Dabei ging offenbar die geringste Gefahr von den
ehemaligen Rebellen wie Li Zicheng und Zhang Xianzhong aus, denn auch wenn sich
MingKaiser Chongzhen am 25. April 1644 erhängt hatte, gab es nicht nur „[...] Hunderte von
Prinzen aus den verschiedenen Seitenzweigen des Geschlechts [...]“ 83 , auch „[...] für
Hunderttausende chinesischer Gelehrter und Beamter blieb der Name Ming etwas, wofür es
80
Vgl. Spence, S. 49.
Ibid., S. 50.
82
Crossley, S. 80.
83
Spence, S. 51.
81
16
sich nach wie vor zu kämpfen und zu sterben lohnte.“84
Doch zunächst sei kurz vom Schicksal der beiden größten Rebellenführer berichtet. Die dabei
verwendeten Informationen wurden von Spence übernommen.
Li floh mit seiner Armee aus Peking nach Südwesten in seine alte Heimat Shaanxi, wo er
zunächst Xi‘an zu seinem Hauptlager machte. Auch von dort wurde er vom nachrückenden
Heer der Mandschus bald vertrieben und setzte seine Flucht in südöstlicher Richtung nach
Wuchang fort. Er schaffte es noch, den Yangzi zu überqueren und bis in die Berge an der
Nordgrenze von Jiangxi zu kommen, wo er von Mandschu-Truppen eingekesselt wurde. Dort
„[...] fand er im Sommer 1645 den Tod -entweder [...] durch Selbstmord oder [...] durch Bauern,
die ihn beim Mundraub ertappt und zu Tode geprügelt haben sollen.“85
Zhang schalteten die Mandschus nach Spence beinahe ebenso rasch aus:
Ende 1646 zerstörte er wegen der Bedrohung durch die Mandschus Chengdu, die Hauptstadt
seines oben bereits erwähnten „Großen Westreichs“ und marschierte nach Osten, wobei er jede
Stadt, die sein Weg kreuzte, in Schutt und Asche legte- ein weiteres Anzeichen für seinen
wachsenden Wahn. Ende 1647 wurde er von den Mandschu-Truppen gestellt und liquidiert.86
4.2.
Widerstand der südlichen Ming
Sehr viel schwieriger gestaltete sich, wie gesagt, der Kampf gegen die zahlreichen verbliebenen
Ming-Loyalisten. Die Minister in Nanjing wählten bereits 1645 einen neuen „legitimen
Kaiser“, der jedoch nach gescheiterten Friedensgesprächen noch im selben Jahr von den
Mandschus aus jener weit im Südosten Pekings gelegenen Stadt vertrieben und 1646 getötet
wurde.87 Die südlichen Ming wurden, während sie beständig von den Qing getötete Kaiser
durch neue ersetzten, über Zhejiang, Fujian, Guangdong und Guangxi schließlich „[...] in die
abgelegenste Provinz des ganzen Reiches, nach Yunnan, zurückgedrängt[...].“ 88 Doch sie
ließen nichts unversucht, die Mandschus zu schwächen, ihre eigene Anhängerschar zu
vermehren und Verbündete gegen die neue Dynastie zu gewinnen. Unterstützung dabei fanden
sie zum Beispiel in einem Piratenhäuptling chinesisch-japanischer Abstammung, Zheng
Chenggong, der sich 1645 dafür die Ehre, den Namen der Ming-Kaiserfamilie zu tragen und
84
Ibid.
Ibid., S. 52.
86
Vgl. ibid., S. 51 f.
87
Vgl. Huang, S. 369.
88
Gernet, S. 396.
85
17
damit den Beinamen Coxinga verdiente.89 Er versuchte (letztendlich vergeblich), so Gernet,
zwischen den südlichen Ming und Japan zu vermitteln und machte die qingchinesische
Ostküste unsicher. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass die Mandschus ihr
Einflussgebiet immer weiter nach Süden ausdehnten. Noch 1646 fielen die Provinzen Zhejiang,
Fujian und Sichuan in ihre Hände.90 Dabei bildeten neben den mandschurischen Bannern und
jenen, die mit Mongolen und anderen eingegliederten Völkern bestückt waren, inzwischen
Chinesen einen ganz und gar nicht unwesentlichen Anteil am militärischen Potenzial der Qing.
So waren es auch diejenigen chinesischen Generäle, die wie Wu Sangui vor der Einnahme
Pekings zu den Mandschus übergelaufen waren, welche in Nord- und Südchina zahlreiche
Eroberungen für Shunzhi tätigten. Neben Wu gehörten Kong Youde, Shang Kexi, Geng
Zhongming und Sun Yanling zu den bedeutendsten.91
Doch auch wenn 1647 die Hauptstadt Guangdongs, Kanton, an die Qing fiel und damit eine
gewaltige Schneise durch die gesamte Nord-Süd-Ausdehnung Chinas geschlagen war, darf
man sich die Ming-Loyalisten nicht als einen winzigen, ständig vor den Mandschu-Truppen
fliehenden Hofstaat samt Kaiser vorstellen. Überall, selbst im bürokratischen System der neuen
Dynastie gab es Patrioten, die sich nur aus Not heraus den Eroberern gefügt hatten und
insgeheim auf die Rückkehr der Ming hofften, ganz zu schweigen von denjenigen südlichen
Provinzen, welche noch nicht an die Mandschus gefallen waren. Der Grund für die Schwäche
der südlichen Ming war ihre Unfähigkeit, zu kooperieren, sowohl zwischen den einzelnen
Gruppen, als auch innerhalb derer, wenn es darum ging, einen funktionierenden
Verwaltungsapparat zu schaffen92 - zahlenmäßig waren die Heere der Prinzen den Truppen der
Mandschu-Banner zu dieser Zeit noch weit überlegen!93
Im Jahr 1647 wurde Fürst Zhu Youlang unter der Regierungsdevise Yongli in Guilin (im
Nordosten von Guangxi) zum neuen Mingkaiser ausgerufen.94 Unter seiner Führung konnten
die südlichen Ming bis 1648 die Provinzen Guizhou, Guangdong, Guangxi, Hunan, Jiangxi und
Sichuan, also einen großen Teil Südchinas zurückerobern.95 Die Ursachen dafür sieht Albert
Chan darin, dass viele Generäle und ehemalige Anhänger der Rebellen sich auf Yonglis Seite
geschlagen haben. Dazu kam Coxinga, der zwar nach wie vor Japan nicht dazu bewegen
konnte, die Qing zu bekämpfen, selber aber massive Unruhe an der Küste stiftete. Doch die
89
Vgl. ibid., S. 397.
Ibid., S. 396.
91
Vgl. ibid., S. 394.
92
Vgl. Spence, S. 56.
93
Vgl. Chan, S. 370.
94
Vgl. Gernet, S.397.
95
Vgl. Chan, S. 371.
90
18
Bedrohung wurde schnell wieder zurückgeschlagen. Nach Gernet wurden die südlichen Ming
noch 1648 wieder nach Yunnan zurückgedrängt und konnten aufgrund von Konflikten
zwischen ihren Generälen den von Wu Sangui geleiteten Angriffen (1658-1659) nichts
entgegensetzen. Daraufhin, so Gernet weiter, sei Yongli nach Burma geflohen, dort 1661 von
Mandschu-Truppen unter Wu Sangui gefangen genommen und nach Kunming in Yunnan
gebracht worden. „Dort wurde der letzte Ming-„Kaiser“ [...] zusammen mit seinem einzigen
Sohn erdrosselt. Hinfort brauchte der Qing.;Staat also keine „legitimen“ Rivalen mehr zu
fürchten.“96 Coxinga setzte Shunzhi 1662 die Evakuierung der Küstengebiete von Shandong
bis Guangdong entgegen- man bekämpfte ihn also nicht direkt, sondern nahm ihm ganz einfach
sein einziges Einflussgebiet.97 Der Zufall wollte es, dass er im selben Jahr verschied.98
4.3.
Der Aufstand der Drei Feudalfürsten
Unter Nurhaci, Hong Taiji, Dorgon und Shunzhi hatten die Dschurdschen/ Mandschu bis 1662
also Folgendes erreicht: die Einigung der Dschurdschen- und die Einverleibung der
Mongolenstämme im Norden Chinas, die Eroberung des gesamten chinesischen Staatsgebietes
auf dem Festland, einschließlich Korea und die endgültige Ausschaltung der feindlichen
Dynastien Da Shun und Ming. Im Prinzip war die Eroberung Chinas also perfekt, doch
natürlich gab es auch über 1662 hinaus Punkte, an denen die Mandschus ihre Dynastie
verteidigen mussten. Eine dieser Gefahrensituationen gehört in den Augen des Autors noch in
den Themenkomplex der Gründung der Qing-Dynastie hinein (und nicht explizit in ihre
fortlaufende Geschichte), denn ihre Hauptakteure sind jene chinesischen Generäle, welche sich
als „Helfer der ersten Stunde“ bei den Mandschuren hoch etabliert hatten. In der Regierungszeit
des Kangxi, der nach Shunzhi (von 1662 bis 1722)99 der zweite Kaiser der Qing war, standen
sie sogar ein wenig außerhalb der dynastischen Hierarchie, denn der Süden und Südwesten
Chinas war nach der Befreiung von den Ming „[...] nie vollständig in die Pekinger Verwaltung
integriert worden [...]“100 und dies „[...] führte zur Entstehung von Regierungen, die von Peking
praktisch unabhängig waren.“101
Die in der folgenden Beschreibung des Aufstandes der Drei Feudalfürsten enthaltenen Fakten
96
Spence, S. 56.
Vgl. Gernet, S. 398.
98
Ibid.
99
Vgl. Guter, S. 638.
100
Spence, S. 71.
101
Gernet, S. 398.
97
19
sind Spence entnommen.
Die drei mächtigsten der Generäle waren Shang Kexi, Geng Jimao und Wu Sangui, welche
noch über die gewaltigen Heere verfügten, die sie einst gegen die Ming geführt hatten. Wu
„herrschte“ über Yunnan, Guizhou und Teile von Hunan und Sichuan, Shang hatte die
Kontrolle über Guangdong und Teile von Guangxi inne und Geng war faktisch der Herrscher
Fujians. Obwohl in all diesen Gebieten Qing-Beamte präsent waren, oblag den Generälen die
Kontrolle über „[...] sämtliche Aspekte der Militär- und Zivilverwaltung, das ganze
Prüfungswesen sowie die Beziehungen zu den eingeborenen Völkern und die Eintreibung der
Steuern.“102 Diese enorme Macht brachte ihnen den Beinamen „Die Drei Feudalfürsten“ ein.
Zusätzlich empfingen sie, dem Reichtum, den sie durch Handel und Steuereinnahmen
aufbauten zum Trotze,„[...] für ihre fortwährende Loyalität reichlich Subsidien.“ 103 Man
erkennt anhand dieser Fakten deutlich die Machtlosigkeit der Qing gegenüber den beinahe
autonomen Generälen. Deren nächster bedeutender Schritt war die Vererbung „ihres“ Landes
an ihre Nachkommen. Ohne Genehmigung durch den Kaiser verfuhren 1671 so Shang Kexi,
der alles seinem Sohn Shang Zhixin vermachte, und Geng Jimao zugunsten seines Sohnes
Geng Jingzhong. Das konnte Kangxi endgültig nicht mehr dulden, denn es hätte eine dauerhafte
Bedrohung für die Macht der Qing bedeutet. 1673 kam es so zum offenen Bruch zwischen ihm
und den Drei Feudalfiirsten. Wu kündigte den Mandschu die Treue, rief seine eigene Dynastie,
die Zhou, aus und marschierte mit seinen Truppen nach Nordosten in die Provinz Hunan. Ein
Jahr später schloss sich Geng Jingzhong an und führte sein Heer von Fujian aus nach Norden in
die Provinz Zhejiang. 1676 kam Shang Zhixin dazu- er marschierte in Jiangxi ein. Im Trubel
der nun aufbrandenden militärischen Schlachten galt es für die Chinesen, eine harte
Entscheidung zu treffen. Ihre Loyalität hatten sie inzwischen zu großen Teilen den Qing
geschenkt, doch Wu propagierte gezielt in eine Richtung, die alte Wunden wieder aufriss. Nach
der Meinung des Verfassers wollte er in den Augen der Bevölkerung nicht als derjenige gelten,
welcher schlicht eine Dynastie durch die nächste ersetzen wollte, sondern bewusst als ein
Befreier vom Joch der mandschurischen Invasoren auftreten. Er appellierte also an die alte
Loyalität zur Ming-Dynastie, die sich noch immer tief im Inneren vieler Chinesen verbarg. Vor
allem im Einflussbereich der Feudalfürsten war das chinesische Volk hin und her gerissen
zwischen der Stabilität und Sicherheit der neuen Dynastie und der Sehnsucht nach der alten.
Der Autor ist der Meinung, dass Wu nicht nur ein intelligenter Heerführer, sondern auch ein
äußerst geschickter und charismatischer Propagandist gewesen sein muss, sonst hätte er es
102
103
Spence, S. 72.
Ibid.
20
nicht geschafft, das kollektive Gedächtnis so zu manipulieren, dass ein Großteil der Chinesen
im Süden und Westen mit ihm gegen die Qing aufbegehrte. Denn er war es, der die letzten
legitimen Ming verfolgt und getötet hatte!
Er befahl unter anderem, die Mandschu-Zöpfe abzuschneiden und auch sonst die Ming-Zeit
wieder aufleben zu lassen. „Die Frage nach dem ersten Zhou-Kaiser ließ er offen und legte
dadurch nahe, daß es ein Ming sein sollte, falls sich ein überlebendes Mitglied des
Herrscherhauses fände.“104
Die Macht der Generäle war gewaltig und es sah zeitweilig so aus, als sei die Qing-Dynastie
schon 37 Jahre nach ihrer Gründung dem Untergang geweiht, doch der noch junge Kangxi
erwies sich als großer Herrscher und verlor in der prekären Situation nicht die Nerven, sondern
setzte den Rebellen „[...] eine langfristig angelegte Eroberungs- und Befestigungsstrategie
[...]“
105
entgegen. Dem ist es wohl zu verdanken, dass 1676 Geng als erster der
Dreifeudalfürsten kapitulierte. Shang tat es ihm im folgenden Jahr -gleich. Spence vermutet,
dass der Grund dafür in der Einmischung Wus in Shangs Verwaltungsapparat bestand. Wu, so
Spence weiter, sei ohnehin „[...] mehr und mehr einem luxuriösen Lebensstil und den
Fallstricken des Größenwahns [...]“106 verfallen. Es lässt sich also im Nachhinein nicht mit
Sicherheit sagen, was Wus Antrieb für die Initiierung des Aufstandes war. Ausschließen kann
man mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich die Ming rächen wollte. Für diese
Vermutung spricht neben seinem Verhalten von 1644-1662 auch die Tatsache, dass er sich
1678 schließlich selbst zum Kaiser der Zhou ausrief. Er wollte seine eigene Macht ausweiten,
doch war das vom Zeitpunkt seines Bündnisses mit den Mandschus an sein Plan oder handelte
er so nur, weil er dem Größenwahn anheim gefallen war? Dass er auf so leichtfertige Weise
Shang als Bündnispartner vergraulte und überhaupt erst in einer so stabilen Phase der
Mandschu-Dynastie mit seinen Aktionen begann, macht zweites für mich wahrscheinlicher.
Nach 1677 stand er jedenfalls als letzter der Drei Feudalfürsten gegen die Qing. Nachdem er
1678 an der Ruhr verstarb, konnte sein Enkel Wu Shifan sich noch drei Jahre der verbitterten
Angriffe der Qing-Generäle erwehren, bevor er in Yunnans Hauptstadt Kunming Suizid
beging.
Kangxi, so Spence weiter, habe dann ab 1681 damit begonnen, nicht nur Geng, Shang (trotz
angenommener Kapitulationen) und Wus Anhänger (wie Sun Yanling, Militärkommandant
von Guilin und Wang Fuchen, Gouverneur der Provinzen Gansu und Shaanxi)107 hinrichten zu
104
Spence, S. 73.
Ibid.
106
Ibid., S. 74.
107
Vgl. Gernet, S. 399.
105
21
lassen, sondern jeden hohen Würdenträger, der die Rebellen in irgendeiner Form unterstützt
hatte. Milde habe er jedoch gegenüber dem einfachen Volke gezeigt, dass seiner Meinung nach
eher unfreiwillig in Kämpfe um Leben und Tod verwickelt wurde und sich nicht aus
ideologischer Überzeugung gegen ihn gestellt hatte. Auch Frauen und Kinder in den Lagern der
Aufständischen habe er verschont. Diese Nachsicht brachte ihm endgültig das Vertrauen des
einfachen Volkes.
Mit dem Sieg über die Generäle gelang Kangxi die Ausschaltung der letzten großen Gefahren
für die Einheit des chinesischen Reiches. Es gab nun kein militärisches oder ideologisches
Potential mehr, dass die Qing unmittelbar bedrohte.
Die Eroberung Chinas und die Gründung der Qing-Dynastie sind damit in den Augen des
Verfassers abgeschlossen.
22
5. Schlusswort
Auf der faktischen Grundlage der unten aufgeführten Literatur wurde nun der Verlauf der
Eroberung Chinas durch die Mandschuren und die Gründung der Qing-Dynastie beschrieben:
Der Dschurdschenfürst Nurhaci einigte im späten 16. Jahrhundert verschiedene Gruppierungen
seines Volksstammes, verleibte sich auf dieser Grundlage andere Nachbarvölker ein und
gewann so extrem an Macht. Ab 1609 wandte er sich offen gegen die Ming, begann erste
Attacken auf Nordchina und rief 1616 die Hou Jin (in Anlehnung an die dschurdschische
Jin-Dynastie des 12./13. Jahrhunderts) ins Leben. Nach Nurhacis Tod im Jahre 1626 setzte sein
achter Sohn Hong Taiji dessen Bemühungen fort: Er verleibte sich bis 1634 die
Chahar-Mongolen ein und attackierte mit gewachsener militärischer Macht Nordchina. 1635
benannte er die Dschurdschen in Mandschu um, 1636 die Hou Jin in Da Qing. Trotz aller
militärischen Erfolge konnten er und der Regent seines Nachfolgers, Dorgon, nicht aus eigener
Kraft endgültig nach Peking vordringen - ihnen stand am Shanhaiguan-Pass der Ming-General
Wu Sangui im Wege. 1644 gelang es aber chinesischen Rebellen unter Li Zicheng, die
Hauptstadt zu erobern, woraufhin Wu sich mit den Mandschus unter Dorgon verbündete.
Gemeinsam stürmten sie Peking, vertrieben Li und vernichteten ihn und die restlichen
Rebellengruppen. Wiederum gemeinsam bekämpften Wu und die Qing (inzwischen unter
Kaiser Shunzhi, dessen Regent Dorgon war) von 1645 bis 1662 erfolgreich die verbliebenen
legitimen Nachkommen der Ming. 1662 kam Kaiser Kangxi an die Macht, 12 Jahre später
wandten sich Wu und zwei andere ehemalige Ming-Generäle gegen die Qing. Auch sie konnten
bis 1681 durch Kangxi zerschlagen werden.
Abschließend soll vorerst eine kurze Begründung des Verfassers stehen, weshalb er das Thema
an dieser Stelle als beendet ansieht, und im Anschluss wird er sich verschiedenen Aspekten der
in der Einleitung formulierten Frage nach den Motiven der Dschurdschen stellen.
Kangxi und die zwei Kaiser nach ihm, Yongzheng und Qianlong, haben das Reich im Verlauf
ihrer Herrschaftsperioden weiter stabilisiert, weiter an seinem inneren Aufbau, seiner Struktur
gefeilt - äußerst erfolgreich, wenn man den Historikern, die für diese Arbeit herangezogen
wurden, Glauben schenken darf. Doch es gab keine große Hürde mehr zu nehmen, die in
irgendeiner Weise mit den Ming verknüpft war, wie man es ja zum Beispiel vom Aufbegehren
der Drei Feudalfürsten sagen kann, die ehemalige Ming-Generäle waren. Daher ist der
Rahmen, der sich unter den durch das Thema gegebenen Gesichtspunkten um diese
Arbeit zieht, geschlossen.
Doch zurück zum Beginn der behandelten Historie.
23
Es wurde die Frage nach dem Beweggrund der Dschurdschen, China zu erobern, gestellt, doch
inzwischen ist dem Autor klar geworden, dass man direkt auf Nurhaci schauen muss, nicht auf
das gesamte Volk. Im Folgenden werden die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema
entstandenen Varianten der ursprünglichen Frage präsentiert, und wird werden, sie nach besten
Vermögen zu beantworten.
Was war Nurhacis Antrieb, ausgerechnet China anzugreifen? Kam ihm diese Idee erst im
Verlauf der Einigung der Dschurdschen, also mit seinem rapiden Machtzuwachs, oder war
dieser Vorgang nur ein Mittel, genug militärische Kraft für das Vorhaben zu gewinnen, welches
schon im Voraus feststand?
Die Chronologie seiner Handlungen lässt vermuten, dass er zumindest die Einigung der
Dschurdschenstämme noch unbehelligt von der großen Idee, China zu erobern, anfing. Nurhaci
war zu intelligent, um erst 1616 die Jin-Dynastie mit der Hou Jin wieder ins Leben zu rufen,
wenn er China schon 1609 mit dem Ziel der Gründung einer eigenen Dynastie attackiert hätte.
Wäre es so gewesen, hätte er gleich als Khan angegriffen!
Dass er aber China schon ab 1609 ein feindliches Gesicht zeigte, steht außer Frage. Ein Grund
ist sicherlich ein angesichts des fortschrittlichen, reichen Chinas empfundener Neid. Einen
zweiten Lösungsansatz bietet Crossley. Sie betont die enorme Wichtigkeit des Rituals der
Dschurdschen, sich zu vielen Gelegenheiten obligatorische Geschenke zu machen, deren
Umfang je nach Rang bis in gewaltige Werte gehen konnte. 108 So wurden zum Beispiel
Menschen, Vieh, Schmuck und Kleidung bei Hochzeiten eines hohen Adligen der Braut als
Mitgift mitgegeben. „Since goods - or people treated as goods - were the glue of the khanate, it
was necessary that more and more goods be acquired, chiefly through conquest.“109 So war es
also notwendig, mehr Land und Schätze zu erobern und neue Kriegsgefangene zu machen um
die Tradition des Schenkens als Zeichen für die Macht des von Nurhaci ins Leben gerufenen
Dschurdschenbundes beizubehalten. Da China nach Crossley ohnehin begann, Nurhacis Macht
zu sabotieren, hat er vermutlich entschieden, dass es der am meisten geeignete Nährboden für
neue Eroberungen sein müsse und begann so, vorerst ohne die Idee der eigenen Dynastie im
Kopf, Einfälle nach Nordchina zu leiten.
Vermutlich ist ihm ist durch fortwährende Erfolge klar geworden, was er erreichen könnte. Er
appellierte mit der Gründung der Hou Jin 1616 an den Stolz der Dschurdschen auf ihre
Vorfahren und hatte dabei nach der Meinung des Verfassers erstmalig im Hinterkopf, es ihnen
gleichzutun. Ab diesem Zeitpunkt war sein Ziel die Eroberung Chinas und nicht mehr die bloße
108
109
Vgl. Crossley, S. 69.
Ibid.
24
Bereicherung auf Kosten desselben.
Nurhacis Sohn und Nachfolger Hong Taiji ging einen weiteren Schritt in diese Richtung: Er
benannte das Volk um und gründete eine neue Dynastie, die sich also nicht mehr auf das Erbe
der Jin stützte. Wieso?
Auch hierzu gibt es bei Crossley ein paar Zeilen, auf deren Grundlage man sich dies sehr
schlüssig erklären kann. Sie berichtet über die Annektierung der Chahar-Mongolen durch Hong
Taiji und sagt Folgendes über sie: „For more than a century they were known as the Northern
Yuan, and at their court continued the rituals, centered on the secretive Mahakala lamaist cult,
that supposedly linked them to the Mongol Great Khans. They were also said to be in
possession of the seal of the Great Khans.“110
Der erste aus diesen Worten gezogen Schluss war, dass Hong Taiji durch die Einverleibung der
Nachkommen der Yuan-Dynastie in eine Art Machtrausch geriet und daraufhin nicht weiter
„lediglich“ in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern etwas Neues, Eigenes begründen
wollte. Inzwischen hält der Verfasser es jedoch für wahrscheinlicher, dass Nurhacis Sohn durch
die Konfrontation mit der Macht der Yuan an die Tatsache erinnert wurde, dass es die
Mongolen waren, die einst die alten Jin zu Fall brachten und ihre eigene Dynastie gründeten! Er
könnte dies als schlechtes Omen für die Gründung einer neuen JinDynastie gesehen haben.111
Falls es so gewesen ist, zeichnet es Nurhacis Sohn enorm aus, dass er diese Erkenntnis erst nach
dem Sieg über die Chahar-Mongolen verwertete, also erst 1636 die Qing ins Leben rief, denn
dieses Faktum beweist, dass er sich eben nicht von seiner gewachsenen Macht berauschen ließ
und einem Größenwahn verfiel, wie es vielen anderen Akteuren der chinesischen Geschichte
von 1580 bis 1681 passierte. Vielmehr plante er geschickt und nüchtern weiter und zählt neben
Nurhaci und Kangxi zu den größten Begründern der letzten und stabilsten chinesischen
Dynastie.
Erst im 20. Jahrhundert musste die Da Qing vor der veränderten Weltsituation kapitulieren und
steht mit einer Dauer von 267 Jahren Beweis dafür, dass die ersten großen
Dschurdschen/Mandschuführer mit ihrem Wirken ein hervorragendes Fundament geschaffen
haben. 112
110
Ibid., S. 77.
Beiden Vermutungen liegt die Annahme zugrunde, dass die Begegnung mit den Chahar-Mongolen ein
Schlüsselerlebnis für Hong Taiji war. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass auch dies Spekulation
des Verfassers ist und nicht zutreffen muss.
111
25
6. Anhang
6.1.
Bibliographie
- Chan, Albert, The Glory and Fall of the Ming Dynasty, University of Oklahoma Press,
Norman, 1982.
- Crossley, Pamela Kyle, The Manchus, Blackwell Publishers Inc., Cambridge/Mass., 1997.
- Ebrey, Patricia Buckley, China. Eine illustrierte Geschichte, Campus Verlag GmbH,
Frankfurt/Main, 1996.
- Gemet, Jacques, Die chinesische Welt, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 1997.
- Grießler, Margareta, China. Alles unter dem Himmel, Jan Thorbecke Verlag GmbH & Co.,
Sigmaringen, 1995.
- Guter, Josef, Lexikon zur Geschichte Chinas. Sieben Jahrtausende im Überblick, Marix
Verlag GmbH, Wiesbaden, 2004.
- Huang, Ray, China. A macro history, Sharpe, Armonk/NY, 1994.
- Spence, Jonathan D., Chinas Weg in die Modeme, Dt. Taschenbuch-Verlag, München, 2001.
6.2.
Glossar
im Text
Pinyin
Banner
qi
chinesisches Zeichen
旗
Bobai
孛拜
Changbai Shan
长白山
Chengdu
成都
26
im Text
Pinyin
崇帧
Chongzhen
Coxinga
chinesisches Zeichen
Guoxingye
国姓爷
Da Qing
大清
Da Shun
大顺
Datong
大同
Fujian
幅建
Fushun
抚顺
Gansu
甘肃
Geng Jingzhong
耿精忠
Geng Zhongming
耿仲明
Große Mauer
chang cheng
长城
Guangdong
广东
Guangxi
广西
Guilin
桂林
Guizhou
贵州
Heilongjiang
黑龙江
Henan
河南
Hou Jin
后金
Hubei
湖北
Hunan
湖南
Jiangxi
江西
Jin
金
Kangxi
康熙
Kanton
Guangzhou
广州
Kong Youde
孔有德
Kunming
昆明
Li Zicheng
李自成
Liang
两
Liaodong
辽东
27
im Text
Pinyin
辽宁
Liaoning
Macao
chinesisches Zeichen
Aomen
澳门
Ming
明
Nanjing
南京
Ningxia
宁夏
Peking
Beijing
北京
qi
旗
Qianlong
乾隆
Qing
清
Shang Kexi
尚可喜
Shang Zhixin
尚之信
Shanxi
山西
Shunzhi
顺治
Sichuan
四川
Südliche Ming
Nan Ming
南明
Sun Yanling
孙延龄
Taichang
泰昌
Tianqi
天气
Wang Fuchen
王辅臣
Wanli
莞厘
Wei Zhongxian
魏忠贤
Wu Sangui
吴三桂
Wu Shifan
吴世番
Wuchang
武昌
Xi’an
西安
Xin’an
新安
Yangzi
杨子
Yongli
永厘
Yongzheng
雍正
28
im Text
Pinyin
chinesisches Zeichen
Yuan
元
Yunnan
云南
Zhang Juzheng
张居正
Zhang Xianzhong
张献忠
Zhejiang
浙江
Zheng Chenggong
郑成功
Zhou
周
Zhu Youlang
朱由榔
29
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