Mussolinis Marsch auf Rom

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Quelle:
, 02.11.2012
Vor 90 Jahren:
Mussolinis Marsch auf Rom
Der König untersagte jeden Widerstand gegen den faschistischen Putsch
In den revolutionären Nachkriegskämpfen mit Fabrikbesetzungen und der Bildung
bewaffneter Roter Garden zeichnete sich in Italien die Möglichkeit einer linken Regierung
ab. Zwar ebbten die Massenaktionen 1921 ab, verschafften den Linken aber bei den
Wahlen im Mai einen Aufstieg.
Die bürgerliche Rechte bildete mit den Faschisten einen »nationalen Block«, der 265 der
508 möglichen Mandate erreichte. Die Faschisten, die erstmals ins Parlament einzogen,
erhielten davon jedoch nur 36 Sitze. Die Sozialistische Partei (PSI) kam auf 123 Sitze,
die im Januar 1921 gegründete Kommunistische Partei (PCI) auf 15 Mandate. In seiner
Parlamentsrede drohte Mussolini: »Ich bin gegen das Parlament und gegen die
Demokratie«. Seine Schwarzhemden brüllten vor dem Parlament: »Italien braucht einen
Diktator«. Mussolini kündigte den Weg an: »Wir werden kein Parlamentsklub sein,
sondern ein Aktions- und Exekutionskommando.«
SA-Terror ebnete den Weg
Nach dem Sturz der Regierung des Sozialreformisten Invanoe Bonomi im Februar 1922
kam unter Luigi Facta die letzte von einem Liberalen geführte Regierung vor dem
»Marsch auf Rom« ins Amt. Sie war stark rechts ausgerichtet und wollte die
herrschenden Kreise beruhigen, die Exekutive werde mit den aufsässigen Arbeitern
fertig. Facta ließ die Faschisten in ihrem Terror zur Niederhaltung der Linken meist
gewähren. Am 23. Juli 1921 berichtete Antonio Gramscis »Ordine Nuovo«, daß 1920
2.500 Italiener (Männer, Frauen, Kinder und Greise) unter den Kugeln der Faschisten
und der öffentlichen Sicherheitskräfte den Tod fanden, im ersten Halbjahr 1921 ungefähr
1.500 Menschen getötet, 20.000 Bewohner der Städte ausgewiesen wurden oder fliehen
mußten. In Norditalien terrorisierten die Sturmabteilungen 15 Millionen Menschen,
während die Behörden dem tatenlos zusahen.
Nach den Wahlen 1921 begann Mussolini, den bewaffneten Putsch zur Machtergreifung
vorzubereiten. Im November 1921 konstituierten die 1919 gebildeten Fasci di
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Combattimento (Kampfbünde) sich zum Partito Nazionale Fascista (PNF). Die
Bewegung zählte 320.000 Mitglieder, die in 2.200 Fasci organisiert waren. Die Squadre
d’Azione (Sturmabteilungen)(1) der Kampfbünde wurden in den PNF eingegliedert, alle
Parteimitglieder verpflichtet, ihnen beizutreten. Mussolini ließ sich als PNF-Chef von nun
an »Duce del Fascismo« nennen.
Ein abgekartetes Spiel
Einflußreiche Kreise des Industrie- und Bankkapitals, Vertreter der Großagrarier, der
Staatsbürokratie und Teile des Militärs unterstützten Mussolini. Vom Industriellen- und
dem Agrarverband sowie aus vielen Unternehmerkassen (Conti, Pirelli, Agnelli, Benni,
Donegani) erhielten die Faschisten Gelder. Der Hof stimmte unter der Bedingung zu,
daß die Monarchie nicht angetastet werde, woran sich Mussolini dann auch hielt. Der
Herzog von Aosta, ein Vetter des Königs und Kommandeur eines Armeekorps, sicherte
Unterstützung zu. Der im Januar 1922 als Pius XI. neu gewählte Papst ergriff zusammen
mit seinem Kardinalstaatssekretär Gasparri offen Partei für die Faschisten.
Der PNF-Kongreß in Neapel beschloß am 22. Oktober 1922 den »Marsch auf Rom« und
dazu die totale Mobilisierung der Sturmabteilungen. Am 28. Oktober brachen die ersten
40.000 SA-Männer nach der Hauptstadt auf. Der Rest folgte in Lkw, nachdem Mussolini
von Mailand aus das Kommando dazu gegeben hatte.
Seine Berufung zum Premierminister wurde dem »Duce« in Mailand, wo er sich am 28.
Oktober zu letzten Gesprächen mit dem Industriellenverband traf, mitgeteilt. Der »Duce«
erklärte noch einmal, daß seine antikapitalistischen Forderungen nicht ernst zu nehmen
und die Sicherung der Interessen der Wirtschaft und die »Wiederherstellung der
Arbeitsdisziplin in den Betrieben« für ihn oberstes Anliegen seien. Der Gummikönig
Pirelli sagte begeistert: »Was für ein Mann, dieser Mussolini, mit dem man sich so sachkundig über derartige Fragen unterhalten kann«.
König Vittorio Emanuele III. lehnte die von Premier Facta vorgeschlagene militärische
Verteidigung der Hauptstadt ab. Facta re-signierte und trat zurück. Erst jetzt fuhr
Mussolini – um nicht aufzufallen im Liegewagen der Eisenbahn – in der Nacht zum 30.
Oktober nach Rom. Während die Sturmabteilungen grölend durch die Straßen der
Hauptstadt zogen, plündernd und mordend das Arbeiterviertel San Lorenzo
heimsuchten, empfing der Monarch den »Duce« und beauftragte ihn mit der
Regierungsbildung. Nationalisten, Liberale und die katholische Volkspartei traten in die
Regierung ein und sprachen dem faschistischen Regierungschef mit 306 Stimmen das
Vertrauen aus. Es gab nur 106 Gegenstimmen, vor allem aus den Arbeiterparteien.
Die uneinige antifaschistische Bewegung, deren Hauptkräfte aus der gespaltenen
Arbeiterbewegung kamen, hatte die Machtübergabe an Mussolini nicht verhindern
können. Der faschistische Terror hatte nicht nur bürgerliche Kreise, sondern auch
Arbeiterschichten
eingeschüchtert
und
ihre
Widerstandskraft
geschwächt.
Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Aussage des engen Mitarbeiters von
Mussolini, Roberto Farinacci, der zugab, der Erfolg sei weniger von der Stärke des
Faschismus als von der Schwäche und zögerlichen Haltung seiner Gegner abhängig
gewesen.
(1) Wie den Führertitel »Duce« und den Führergruß übernahm Hitler von Mussolini auch wörtlich
die Bezeichnung der Sturmabteilungen (SA). Gerhard Feldbauer schrieb mehrere Bücher zu
Faschismus und Antifaschismus in Italien, zuletzt: Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die
Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde. Papyrossa, Köln 2012.
Gerhard Feldbauer
Freitag 2. November 2012
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