Jahreslosung 2016, Jesaja 66,13

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Predigt am 01.01.16 in der EMK Sevelen, Matthias Herrchen
Jahreslosung 2016, Jesaja 66,13
Und ihr sollt gestillt werden. Man wird euch auf den Armen tragen und auf den Knien liebkosen. Gott
spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!
Es ist kurz nach sieben Uhr. Rahel kommt laut schluchzend ins Zimmer. Wie oft um diese Uhrzeit hat
sie ihr 7-Uhr-Tief. „Mama, kannst du mich kraulen? Ich bin so traurig!“ Eine Viertelstunde später ist
sie fast eingeschlafen, selig lächelnd mit verheulten Augen und noch ein paar wenigen Schluchzern.
An Weihnachten war sie hier bei mir, Papa besuchen. Auf dem Rückweg auf der Fahrt nach Lörrach,
es war wieder um die gefährliche Uhrzeit, wollte ihre Freundin sie kraulen. Aber es war nicht das
gleiche, wie wenn Mama krault. Die Freundin war eingeschnappt, aber getröstet sein kann man nicht
befehlen. Es gibt Dinge, die kann nur eine Mama richtig gut, und trösten gehört dazu. Deshalb
vergleicht Gott seinen Trost mit dem einer Mutter. Hier geht es nicht um die Frage, ob Gott Mann
oder Frau ist. Er ist weder noch, sondern einfach nur Gott. Aber er kann so toll trösten, wie es eben
eine Mutter kann.
Trost setzt Leid voraus
Der Trost setzt etwas voraus. Vielleicht hat schon jemand versucht einen richtig glücklichen
Menschen zu trösten. Das kann nicht gelingen, denn der Trost setzt eine schlimme Erfahrung voraus.
Jesus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden!“
(Matthäus 5,4) Die Traurigkeit ist also eine Voraussetzung für den Trost. Und sofort haben wir ein
schlechtes Gewissen, weil wir wissen, dass wir auf einem sehr hohen Niveau jammern. Mir kommt
das Lied „Streets of London“ von Ralph McTell (1969) dabei in den Sinn, das Menschen beschreibt,
die auf dem Weg liegengeblieben sind, die zu den Verlierern unserer Gesellschaft gehören. Und der
Refrain heisst: „Doch du redest nur von Einsamkeit und dass die Sonne für dich nicht scheint. Komm
und gib mir deine Hand, ich führe dich durch unsere Strassen, ich zeig dir Menschen, die wirklich
einsam sind.“ Und dann fühle ich mich noch schlechter, denn ich gehöre nicht zu diesen Menschen,
die wirklich arm dran sind. Mir fallen Menschen ein, die im Krieg leben, die Folter und Versklavung
durchmachen, die erleben, wie ihre Kinder verhungern. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil
ich getröstet werden möchte. Ich habe Angst, dass es immer Menschen geben wird, denen es
schlechter geht als mir. Dann bin ich nie an der Reihe, getröstet zu werden. Bin ich vielleicht immer
noch viel zu egoistisch?
Seid ihr schon einmal auf die Idee gekommen, wenn euer Kind oder Grosskind weinend angelaufen
kam, zu sagen: „Ach ist doch nicht so schlimm, anderen Kindern geht es viel schlechter als dir!“
Niemand von uns würde das tun. Wir nehmen das Kind in den Arm und trösten es. Es wird weinen,
jammern, schreien und sich langsam beruhigen. Und wenn es ihm besser geht, dann zeigen wir ihm
ein anderes Kind und sagen: „Schau mal, der Bub ist gerade hingefallen. Willst du ihm nicht helfen?“
Und das Kind, das gerade noch über seinen eigenen Schmerz geweint hat, läuft fröhlich zu dem
anderen Kind und tröstet es. In 2.Korinther 1,3.4 haben wir vorhin gelesen: „Gelobt sei Gott, der
Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns
tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, durch
den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.“ Trösten kann nur der, der selber getröstet
wurde. Deshalb dürfen wir uns vorne anstellen und sagen, dass es uns schlecht geht, dass wir eine
schwere Zeit durchmachen, dass wir am Rand unserer Kraft sind. Das ist nicht egoistisch, sondern
menschlich. Gott weiss, dass wir uns nicht immer zuerst um andere kümmern können. Die Psalmen
sind voll von Jammern und Klagen, von Selbstmitleid und Zweifeln. Gott hat keinen von ihnen
abgewiesen, sondern ihre Gebete erhört. Er erwartet nicht, dass wir etwas weitergeben, was wir
selbst nicht haben, sondern er möchte, dass wir die Erfahrungen, die wir mit ihm gemacht haben,
weitergeben an andere Menschen, die in Not sind.
Vor einiger Zeit sass ich in einem Gottesdienst und hörte eine Predigt über Jakobus 1,2ff.: „Achtet es
für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung geratet!“ Es war eine sehr gute Predigt, aber ich
habe nur gedacht: „Weisst du überhaupt, worüber du redest? Du stehst da vorne wie ein polierter
Pokal, erfolgreich, vor Kraft strotzend, ohne Tiefen im Leben, und willst mir etwas über Anfechtungen
erzählen?“ Vielleicht habe ich ihm Unrecht getan, aber es ist mir schwer gefallen, ihm über dieses
Thema etwas abzunehmen. Das ist die Kehrseite davon, dass wir nur trösten können, wenn wir selbst
getröstet sind. Wir müssen erst selber leidvolle Erfahrungen machen, damit wir anderen zum Segen
werden können. Erfolgsmenschen werden nicht als Trost wahrgenommen, im Gegenteil: Sie sind
eher noch ein Stachel im wunden Fleisch, obwohl das wahrscheinlich gar nicht ihre Absicht ist. Dieser
Text spricht jedenfalls Menschen an, die Not erleben, die kraftlos sind, die Niederlagen durchstehen
müssen, die verletzt sind. Und Gott nimmt uns persönlich in unserem Leid ernst, egal ob andere noch
schlimmer dran sind. Wir sürfen wirklich mit jeder Not zu ihm kommen.
Wie geschieht Trost?
Wie Trost funktioniert ist eines der grossen ungelösten Geheimnisse unseres Lebens. Und ich habe
nicht vor die Illusion zu erwecken, ich könnte endlich Licht ins Dunkel bringen. Deshalb möchte ich
zwei Aspekte von Trost aufzeigen. Der eine betrifft die Vergangenheit. Wir haben schon gesehen,
dass dem Trost immer eine negative Erfahrung voran geht. Der Trost kann aber diese Erfahrung nicht
aufheben oder ungeschehen machen. Das, was uns in die Verzweiflung treibt ist immer noch da,
genauso bedrohlich, genauso schmerzhaft, genauso belastend. Aber der Trost setzt dem Bösen in
unserem Leben etwas entgegen. Die positive Erfahrung ist stärker als das, was uns traurig sein lässt.
Die positive Erfahrung ist nicht irgendein Event oder eine Ablenkung. Wir haben die Erfahrung
gemacht, dass die Flucht in das Vergessen, in Drogen oder Alkohol, in Adrenalinschübe oder andere
hormonelle Abenteuer ein billiger Trost sind. Sie können nicht dauerhaft von unseren Lasten
ablenken oder sie sogar bewältigen. Echter Trost ist immer mit persönlicher Zuwendung verbunden,
mit Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Liebe. Hier im Jesajatext steht, wir sollen gestillt werden, auf
Armen getragen, auf Knien liebkost. Eine liebevolle Zuwendung ist so kostbar, dass sie stärker ist als
alles, was es auf dieser Welt gibt. Und am stärksten ist diese Zuwendung von der Person, die uns am
meisten bedeutet, oft ist das eben die Mutter. Ich vergesse nie die Worte, die mein Pastor einmal in
einer Predigt aussprach: „Wenn Gott uns tröstet, dann ist das so wunderbar, dass wir um jede Träne
trauern, die wir nicht geweint haben!“ Der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht, der
tagtäglich so viel zu tun hat, nimmt sich die Zeit und wendet sich mir zu. Er schliesst mich in seine
Arme, er wischt mir die Tränen aus dem Gesicht. Er redet beruhigend auf mich ein. Er sagt mir, dass
niemand mich jemals aus seiner Hand reissen kann. Bei ihm komme ich zur Ruhe, es kehrt Frieden in
mein Herz ein und ich fühle mich unendlich geborgen. Dadurch vergesse ich nicht meine Not, aber sie
erscheint klein im Vergleich zu dem Trost, den ich erleben darf.
Der zweite Aspekt ist die Ausrichtung auf etwas Neues. Eine Mutter wird ihrem Kind immer eine
neue Richtung geben, wenn sie es getröstet hat. Eine neue Aufgabe, ein neues Spielzeug, etwas, was
gemeinsam unternommen wird. Niemals bleibt es nur beim Trost ohne Sendung zurück ins Leben.
Das ist bei Gott nicht anders. Er tröstet uns und nimmt sich alle Zeit, die wir brauchen, um an seiner
Brust ruhig zu werden. Und dann sagt er ganz liebevoll: „Schau mal, ich hätte da eine wichtige
Aufgabe für dich. Willst du mir dabei helfen?“ Erst dann, wenn wir neu ausgerichtet sind und wieder
Mut haben, das Leben anzupacken, ist der Trost abgeschlossen und hat uns dauerhaft verändert. Der
Trost ist keine Verwöhnung, die lebensuntauglich macht, sondern ist das Fundament, auf dem wir die
nächsten Schritte sicher aufbauen können.
Gericht und Gnade
Der Text der Jahreslosung steht natürlich in einem grösseren Kontext in Jesaja 66. Ich möchte die
zwei wichtigsten Aspekte nennen. Direkt nach der Jahreslosung in Vers 13 geht es ab Vers 14 mit der
Androhung des Gerichtes weiter. In kräftigen Farben wird dort beschrieben, wie Gott seine
Zornesglut über die Gottlosen ausgiesst. Das erscheint uns etwas krass neben den liebevollen,
zärtlichen Worten des Trostes. Aber es macht doch deutlich, dass der Trost einen hohen Preis hat,
den nicht wir bezahlen müssen. Über Jesus hat Gott das Gericht ausgegossen, ihn hat er seine
Zornesglut spüren lassen, er wurde für unsere Gott-Losigkeit gerichtet. Nur deshalb kann Gott so
einseitig tröstend mit uns reden. Auf den Karten mit der Jahreslosung sehen wir das mit dem
Abendmahlskelch dargestellt, auf dem Auszüge aus dem Lied „Amazing Grace“ zu lesen sind. Am
Gericht führt kein Weg vorbei. Entweder muss Gott uns bestrafen oder seinen Sohn Jesus Christus.
Der zweite Aspekt ist die starke Ausrichtung auf Jerusalem, dem diese Heilsbotschaft gilt. Wir sehen
es auf der Karte über dem Bogen aufleuchten. Direkt vor Vers 13, in den Versen 10-12 wird diese
Adresse genannt. Und sofort fallen uns die Worte aus der Offenbarung des Johannes (21,2-5) ein, wo
Johannes beschreibt, wie das neue Jerusalem aus dem Himmel herabkommt, wie eine Braut, die für
ihren Mann geschmückt ist, später in Vers 9 wird sie als die Braut des Lammes beschrieben, das sind
die Menschen, die an Jesus geglaubt haben. Und wir lesen: „Gott wird abwischen alle Tränen von
ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr
sein!“ Am Ende, wenn Gott alles neu macht, wird es manche Dinge für uns nicht mehr geben, wie
Leid, Schmerz und Tod, aber der Trost Gottes wird niemals aufhören. Schon Jesaja verweist uns
darauf, dass der Trost keine kurzfristige, vorübergehende Erscheinung ist, sondern einen ewigen
Charakter hat. Das Leid ist zeitlich begrenzt, der Trost nicht. Daran sollten wir denken, wenn es
darum geht schwere Stunden zu ertragen. Und wir werden erfahren, dass auch erst dann der Trost
seine Vollkommenheit erfährt, wenn sich die Verheissung aus Jesaja ganz erfüllt. Das was wir jetzt
schon erleben dürfen ist wie ein Vorgeschmack auf das, was Gott für uns bereithält. Es soll die
Vorfreude wecken.
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