KVB FORUM Ausgabe 4.2016

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TIT ELT H E M A
NOTARZT IN BAYERN – ZUKUNFTSFÄHIGES AUSLAUFMODELL?
Ist das in Bayern weitgehend als selbstständige Tätigkeit auf freiwilliger Basis
organisierte Notarztsystem zeitgemäß? Wo drückt die Einsatzweste? Diesen
Fragen geht PD Dr. med. Michael Reng in seinem Gastkommentar nach. Er ist
Internist und Gastroenterologe mit den Zusatzbezeichnungen Intensiv- und
Notfallmedizin, Chefarzt an der Goldberg-Klinik in Kelheim, seit 1989 aktiver
Notarzt und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in
Bayern tätigen Notärzte (agbn).
Ist das ein Beruf oder kann das
weg?
„In Zukunft sollen Notärzte die Behandlung vom Computer aus leiten“,
titelte die Süddeutsche Zeitung bereits 2010. „Rettungssanitäter sollen Notärzte ersetzen“, schrieb die
WELT 2014. Trotzdem eilen an 227
Standorten in Bayern immer noch
rund um die Uhr Notärzte beim
schrillen Piepen des Meldeempfängers zum Einsatzfahrzeug. Sie können weder einen Notfallsanitäter
„vorschicken“, noch sich telegen
vor einer Kamera rekeln, um den
Cyberdoc zu geben. Binnen zwei
Minuten – so schreibt es der Gesetzgeber vor – blaulichten sie
höchst unvirtuell in die Einsatzrealität hinaus, egal wie einladend Wetter und Tageszeit erscheinen. Und
die Einsätze werden jährlich mehr.
Strukturziel – einheitlich?
Früher war jeder Notarzt Selbstfahrer, der, wenn die Routenfindung
– ohne Navigationsgerät – gelang,
allein am Notfallort eintraf und auf
sich selbst gestellt handeln musste.
Dank des Bayerischen Rettungsdienstgesetzes (BayRDG) gibt es
seit einiger Zeit einen Fahrer für
das Notarzt-Einsatzfahrzeug (NEF).
K V B F O R U M 4/2016
Die Regelung hat sich prinzipiell
bewährt, denn dank Fahrer treffen
mit dem NEF jetzt immer zwei qualifizierte Kräfte am Einsatzort ein.
Leider wird vielerorts erwartet, dass
Notarzt und Fahrer gemeinsam auf
der Rettungswache dem nächsten
Einsatz entgegenwarten. Gerade
an Standorten mit geringer Einsatzfrequenz kann das die Besetzung
vor allem nachts und an Feiertagen
gefährden. Wer in einer Woche
schon zwei Nächte hauptberuflich
in der Klinik verbracht hat, wird
nur dann noch eine Notarztnacht
nebenberuflich besetzen, wenn er
von Zuhause aus losfahren kann,
was mit Fahrer mangels Platz an
der Bettkante selten machbar ist.
Seit der Einführung der Ärztlichen
Leiter Rettungsdienst (ÄLRD), die
Organisation und Qualität des Rettungsdienstes optimieren sollen,
sind viele gute Regelungen erarbeitet worden, die den Rettungsdienst
– einschließlich des Notarztdienstes – bayernweit zu optimieren helfen. Manche Strukturverbesserung
wurde aber so apodiktisch angelegt, dass sie pragmatisches Handeln behindert. Bayern ist ein vielgesichtiges Land, beim Auftreten
von Verwaltungsübeln muss im Konsens der richtige, für jeden Einzel-
fall ideale Weg gefunden werden.
Das gilt nicht nur für die NEF-Fahrer-Regelung. Merke: Die lückenlose Besetzung von Notarztstandorten kann nicht nur mithilfe von Vergütungsregelungen erreicht werden.
Apropos Vergütung. Seit Anfang
2016 gilt eine bayernweit einheitliche Vergütungsregelung. Die bayerischen Notärzte erhalten an allen
Standorten das gleiche Entgelt pro
Stunde Wartezeit wie pro Einsatz.
Leider ist mit der Summe, die zur
Verteilung bereitsteht, nicht genug
Geld vorhanden, sodass aus der fairen Verteilung des verfügbaren Geldes auch eine angemessene Vergütung der Notärzte resultieren könnte. Wir erwarten daher, dass die
Kostenträger hier kurzfristig, analog zur Bereitschaftsdienstvergütung, nachbessern. Merke: Die lückenlose Besetzung von Notarztstandorten kann auch nicht ohne
geeignete Vergütungsregelung erreicht werden.
Ergänzender Ersatz
Im Gesetzentwurf zum Bayerischen
Rettungsdienstgesetz steht, dass
der Tätigkeitsbereich des nicht-ärztlichen Rettungsdienstes ausgeweitet werden solle, „um unnötige Not-
T I T ELT HEMA
arzteinsätze künftig zu vermeiden“.
Sollen die Notfallsanitäter den Notarzt ersetzen? Die Politik bezeichnet diese Interpretation der klar formulierten Absicht als Missverständnis. Es gehe darum, besonders den
Patienten in der Fläche durch den
Notfallsanitäter noch vor dem Eintreffen des Notarztes Hilfe anzubieten. Dazu sollen Notfallsanitäter definierte heilkundliche Maßnahmen
(zum Beispiel Analgesie) eigenständig durchführen dürfen. Dass dabei
die Verantwortung für deren Durchführung vom gar nicht am Einsatz
beteiligten ÄLRD getragen werden
soll, ist eine der Kuriositäten des
BayRDG und wird von der Landesärztekammer heftig kritisiert. Diese
komplexe Materie soll hier aber gar
nicht diskutiert werden. Wir sollten
aber mit wachsamen Holzaugen darauf achten: „Wo Notarzt draufsteht,
muss auch ein Notarzt drin sein.“
Wenn er aber gar nicht kommt? Was
ist eigentlich ein „unnötiger“ Notarzteinsatz? Das steht im NotarztIndikationskatalog. Wird der Indikationskatalog sensitiv gestaltet, nimmt
man unnötige Einsätze in Kauf, dafür bleibt kein „echter“ Notfall unversorgt. Fördert der Indikationskatalog die spezifische Notfallselektion, gibt es kaum mehr unnötige Einsätze, um den Preis, dass der eine
oder andere „echte“ Notfall primär
notärztlich unversorgt bleibt. Darum
ist ein bayernweit einheitlicher Notarzt-Indikationskatalog keine kluge
Lösung. Wird in der Großstadt nach
fünfminütiger Anfahrt des nichtärztlichen Rettungsteams ein Notarzt nachgefordert, so trifft dieser
in der Regel nach weiteren fünf Minuten ein. Fährt ein nicht-ärztliches Rettungsteam auf dem Land
20 Minuten zum Patienten, um dann
den Notarzt nachzualarmieren, so
wird dieser erst weitere 20 Minuten
später beim Patienten eintreffen.
Hier muss eine bayernweite Festlegung einer regional orientierten
Regelung gegenüber weichen.
Tue Gutes und sprich schlecht darüber – es scheint berufsimmanent,
dass die Aktiven der Akutversorgung in je nach Charakter unterhaltsamer oder reißerischer Form
von spektakulären Fehlleistungen
anderer zu berichten wissen. Beim
Spinnen des akutmedizinischen
Sanitätsgarns berichten Notaufnahme-Patriarch und Notarzt-Django
nur selten über eigene Fehlleistungen, viel lieber wird in den Notaufnahmen über inkompetente Notärzte hergezogen, wenn die unter
Extrem- und Behelfsbedingungen
durchgeführte Behandlung nicht
den Vorstellungen der mit allen Leitlinien gepuderten Schockraumbesatzung entspricht. Gleichermaßen
weiß der einsatzgestählte Notarzt
von selbsternannter Bedeutsamkeit gern von Patientenübergaben
zu berichten, bei denen er den jungen Klinikdoktores erst einmal erklären musste, wie die Welt funktioniert. Da immer mehr der klugen
Superdocs ihren Drang zur kollegenscheltebasierten Selbsterhöhung
in der Öffentlichkeit nicht unterdrücken können, bleibt im Bewusstsein der Bevölkerung zwar nicht
die Tat der Großgescheiten, dafür
aber ein zunehmend mit Zweifeln
und Skepsis belegtes Image der
Notfallmedizin.
Dabei freue ich mich regelmäßig
über das fundierte Wissen der jungen Kollegen, die ich zur Zusatzweiterbildung Notfallmedizin bei der
Landesärztekammer prüfen darf.
Auch waren und sind die Altnotärzte – auch ohne die jetzt geforderte
Fortbildungspunktesammelei – seit
jeher ohne Zwang bereit, ihre Kenntnisse aufzufrischen, was unter anderem die von der agbn angebotenen und meist ausgebuchten Fortbildungskurse bestätigen. So muss
ich langweiligerweise bekennen,
dass, obwohl auch ich „tolle Geschichten“ kenne, die große Mehrheit der von Notärzten in meiner
Notaufnahme angelieferten Patien-
ten perfekt versorgt ist. Ebenso
gestehe ich, dass die Notaufnahmen eigentlich immer einen guten
Job machen, wenn ich dort Patienten abliefere.
Ausblick: Wir schaffen das!
Die Nachfrage nach notärztlichen
Leistungen wird angesichts der Vergreisung unseres Landes nicht abnehmen. Zusammen mit Notfallsanitätern und allen anderen Mitstreitern des Rettungsdienstes können
wir helfen, das höchste Gut unserer Gesellschaft zu bewahren. Der
Preis dafür muss stimmen, darf
aber nicht allein auf das Pekuniäre
reduziert werden. Arbeitsbedingungen, berufliche Perspektiven und
Wertschätzung sind nicht weniger
wichtig.
Die Ärzte in Bayern – auch die
Notärzte – sind bestens ausgebildet,
fachlich qualifiziert und persönlich
engagiert. Sprechen wir also mit
zurückhaltendem Stolz und wechselseitiger Anerkennung, statt mit
publikumswirksamer Häme und
rüpelhafter Effekthascherei über
unsere Arbeit. Fördern wir junge
Kolleginnen und Kollegen. Gerade
in der Notfallmedizin können nie
genug Ärztinnen und Ärzte qualifiziert sein. Keiner weiß, neben wem
er sitzt, wenn es gilt, die Uhr des
eigenen letzten Stündchens perakut etwas nachzustellen beziehungsweise nachstellen zu lassen.
Unser Bayern und unsere Bayern
sind an jedem Ort anders. An den
regionalen, an den individuellen
Umständen müssen sich Direktiven
und Handeln ausrichten – im Interesse unserer Patienten. Für die
machen wir’s und für die wollen
und werden wir weiter machen als
auch in Zukunft zünftige bayerische
Notärzte.
Dr. med. Michael Reng (agbn)
K V B F O R U M 4/2016
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