Kriegsende 1945 bei Danzig

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Alle Rechte vorbehalten: Lebendiges Gedächtnis, Gymnasium Süderelbe, Hamburg
Ergebnis eines Zeitzeugenberichtes
Autorin: Marnie Petersen (2015)
Kriegsende 1945 bei Danzig
Ich war 9 Jahre alt als am 25.03.1945 der Krieg für Deutschland schon lange verloren war. Für
mich begann damit einer der einprägsamsten Wege, den ich je gehen sollte.
1945 lebte ich mit meinen Eltern und meinen vier Brüdern in der Innenstadt von Danzig, was
damals zu Deutschland gehörte, jetzt aber ein Teil von Polen ist. Mein Vater war ein Zivilsoldat und
arbeitete auf der Danziger Werft im U-Bootsbau, weshalb er, zur Erleichterung der ganzen Familie,
nicht in den Krieg musste.
Ich wurde im Alter von 6 Jahren in Danzig eingeschult, konnte aber wegen des Krieges nicht lange
dort zur Schule gehen.
Da Danzig am 06.03.1945 von der sogenannten „Roten Armee“ den Russen erobert wurde,
forderten sie uns kurze Zeit später am 25.03.1945 auf, unsere Heimatstadt zu verlassen. Also
zogen meine Familie und ich mit einer Kompanie Deutscher Soldaten in Richtung Osten. Wir
Kinder durften netterweise mit unserer Mutter in einem Planwagen sitzen und mussten so die
ganze Strecke, die wir bis zum Abend geschafft hatten, nicht zu Fuß zurücklegen.
Doch am Abend passierte das erste grausame Ereignis. Die Soldatenkompanie, unter der wir uns
noch immer befanden, wurde von russischen Fliegern angegriffen. Von dem Moment an ging alles
ganz schnell: Wir mussten den Planwagen verlassen, einen Unterstand finden und dort dann allein
zurückbleiben. Von unserem Versteck aus konnten wir beobachten, wie Danzig bombardiert
wurde. Es war schrecklich für mich mit anzusehen, wie unsere Heimatstadt ausgebombt wurde.
Als der Bombenangriff dann endlich spät in der Nacht aufgehört hatte, beschlossen wir erst einmal
die restliche Nacht abzuwarten, um am nächsten Morgen zurück in die Stadt zu gehen.
Doch leider waren wir ohne den Planwagen. Mit einem Kinderwagen waren wir nicht halb so
schnell und legten nicht einmal ein Viertel der Strecke zurück, die wir noch vor uns hatten. In
dieser Nacht mussten wir an einem kleinen Fluss im Freien schlafen, weil wir keine bessere
Unterkunft für uns finden konnten. Als wir dann aber am nächsten Morgen alle die bitterkalte Nacht
überstanden hatten und weitergegangen waren, fanden wir eine kleine Schule mit freien
Kellerräumen, die uns zuerst einmal eine sichere Unterkunft bot. Jedoch nach ungefähr zehn
Tagen wurde die Schule von den Russen eingenommen, welche meinen Vater gefangen nahmen
und meine Mutter, mich und meine vier jüngeren Brüder allein zurückließen. Weil wir nun nicht
mehr in dieser Schule bleiben konnten, zogen wir weiter in die Stadt zu unserem Haus. Oder was
davon noch übergeblieben war.
Als wir in unsere Straße einbogen, traf uns der Schock ziemlich heftig. Was in der Stadt, während
des Krieges noch vollkommen unversehrt geblieben war, war von jetzt an dem Erdboden
gleichgemacht. Nur sechsunddreißig Häuser hatten das Bombardement vom 25.03.1945
überstanden und unser Haus, sowie die zwei Nachbarhäuser, die auch in unserem Familienbesitz
waren, zählten leider nicht dazu.
Nach einer Nacht in der Ruine wollte meine Mutter mit uns aufs Land zu meinen Großeltern
ziehen.
Das nächste einprägsame Ereignis folgte schon kurz darauf. Als wir einen Teil des Weges hinter
uns hatten, wurde auch meine Mutter von russischen Soldaten gefangen genommen. Das Letzte,
was sie mir zurief war: ,,Immer grade aus! Du kennst die Strecke ja!". Und dann stand ich da, als
ältester Sohn mit grade mal 9 Jahren und musste mit meinen Brüdern, 7, 5 und 4 Jahren und 17
Monaten, bis zu meinen Großeltern ziehen. Zum Glück, wenn man in solch einem Moment
überhaupt noch von Glück sprechen konnte, nahm ich den jüngsten und meinen sieben Jahre
alten Bruder, der aus Erschöpfung kränkelte und nicht mehr laufen konnte, in den Kinderwagen.
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Während ich also die beiden im Wagen schob und meinen 5 Jahre alten Bruder an der Hand hatte,
saß auf meinen Schultern der zweitjüngste.
Ich war ziemlich erschöpft, als wir gegen Mittag auf einen Zug von deutschen Soldaten trafen, die
genau wie meine Eltern in Gefangenschaft genommen waren. Die gefangenen Soldaten hatten
uns Kinder mehr als herzlich empfangen und uns sogar zweimal Kochgeschirr (Essgeschirr)
gegeben, mit dem ich dann, in Begleitung eines deutschen Soldaten zur Feldküche gehen durfte,
um uns von dort Essen zu holen. Das was wir bekamen war nicht sonderlich viel, aber es stärkte
uns alle zumindest ein wenig. Nachdem wir aufgegessen hatten, musste ich mich um die jüngeren
Geschwister kümmern, sie saubermachen und ihnen neue Kleidung anziehen, die ich mit meiner
Mutter am vorherigen Abend noch aus den Trümmern bergen konnte. Vor allem bei den drei
jüngsten ging ziemlich viel in die Hose, und ich musste mit Gras und Blättern improvisieren, da ich
sonst nichts zum Saubermachen hatte.
Die kommende Nacht durften wir unter einem der Geländewagen der Russen verbringen, wobei
für mich an Schlaf nicht zu denken war. Ich wundere mich noch heute, warum die Russen nichts
dagegen hatten, dass wir uns ihnen angeschlossen, dort etwas gegessen und dann auch noch
unter einem ihrer Wagen geschlafen hatten. Doch wahrscheinlich weil wir keine Probleme
bereiteten, hatten sie uns nichts angetan, - - - bis dahin!
Als ich am vierten Tag die Truppe endlich wieder einholen konnte, die Soldaten warteten nicht,
stellte ich die Kinderkarre hinten ab, holte mir das Kochgeschirr und ging wieder zur Feldküche in
Begleitung zweier Soldaten. Ich war gerade fast der Erste in der Schlange, als ich auf einmal hinter
mir Schüsse hörte. Ich ging zurück zu den Geschwistern und fand meine beiden kleinen Brüder,
die in der Karre saßen, erschossen vor.
Mir wurde später von zwei Soldaten erzählt, dass die Russen zu den Deutschen gegangen sind
und nach 'Uris' (Uhren), 'Knips' (Kameras) und Schmuck gefragt hatten. Weil aber einer von den
deutschen Soldaten von seiner eigenen Uhr ablenken wollte, erzählte er dem russischen Soldaten,
dass er kurz vorher gesehen hatte, wie ein anderer Soldat eine Kamera in einem Kinderwagen
versteckt hatte: In unserem Kinderwagen! Der Russe ging daraufhin zu meinen Brüdern, fand die
versteckte Kamera tatsächlich im Kinderwagen, nahm seine Pistole und erschoss meine kleinen,
wehrlosen Brüder, die im Wagen saßen.
Der Tod der beiden Brüder war für mich nach allem was bis dahin schon passiert war, die
Gefangennahme meines Vaters, die Bombardierung unserer Stadt und dann die Gefangennahme
meiner Mutter, nur sehr schwer zu verkraften. Vor allem auch, weil ich im Nachhinein wusste, dass
der Tod einen Tag bevor wir bei meinen Großeltern ankamen, passierte. Ich konnte lange Zeit
nicht richtig schlafen, bin hochgeschreckt und muss auch heute noch oft an diese schrecklichen
Bilder zurückdenken.
Auch meine Großeltern waren mehr als nur bestürzt über den Tod ihrer Enkel. Mein Opa musste
die beiden schnell vergraben, damit die Polen, die nun bereits in Langenau, dem Wohnort meiner
Großeltern waren, nichts davon mitbekamen. Er baute zwei kleine Holzkästen und vergrub die
beiden heimlich auf dem naheliegenden Friedhof.
Vorübergehend lebten wir drei verbliebenen Geschwister bei den Großeltern auf ihrem kleinen Gut
im Gesindehaus, bis nach drei Monaten meine Mutter freigelassen wurde und wieder bei uns war.
Auch sie war untröstlich und wollte bis zu ihrem Ende nicht wahrhaben, dass zwei ihrer Söhne
erschossen wurden.
Nach ein paar Monaten wurde auch mein Vater wieder zurück nach Danzig in die Innenstadt
geschickt, weil er auf der Danziger Werft, auf der er unter Aufsicht der russischen Soldaten die
Maschinen abbaute, an Typhus erkrankte. Durch diese schwere Krankheit war er nun nicht mehr
im Stande auf der Werft zu arbeiten und durfte zu uns kommen. Wir pflegten ihn und versteckten
ihn anschließend in einer Scheune eines Verwandten, damit er nicht zurück auf die Werft musste.
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Wir lebten währenddessen weiter im Gesindehaus meiner Großeltern, bis wir von den Polen
ausgewiesen wurden und vom Bahnhof in Langenau über Stettin nach Bad Segeberg fuhren und
dort in ein Sammellager kamen.
Nachdem wir in diesem Sammellager für eine kurze Zeit geblieben waren, durften meine Eltern
und wir Kinder in dem Altenteilhaus eines Bauern in Kattendorf bei Kaltenkirchen wohnen. Dort
wohnten wir zwei Jahre, bis wir nach Hamburg-Altona zogen. Auch hier wohnten wir nicht lange,
bis unser Weg uns schließlich nach Hamburg-Hamm führte. In Hamm wohnte ich bis ich 1963
meine Verlobte heiratete, und wir in eine gemeinsame Wohnung nach Harburg zogen, in die
Straße, in der ich auch heute noch wohne.
Wenn ich an diesen Weg, den ich gegangen bin, zurückdenke, fällt es mir oft schwer zu begreifen,
was damals alles passierte. Besonders die ganzen Eindrücke, die ich über die Tage bekam, als wir
Geschwister allein zu meinen Großeltern aufs Land gingen, habe ich bis heute nicht ganz
verarbeitet, und es wühlt mich innerlich immer noch auf, wenn ich darüber spreche oder
nachdenke.
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