Ohrenschmerzen rasch abklären

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HNO
Ohrenschmerzen
rasch abklären
Während Ohrenschmerzen bei Kindern überwiegend durch eine Otitis­
media verursacht werden, ist die
­D ifferenzialdiagnose bei Erwachsenen wesentlich breiter. Schon der
erste Eindruck engt die Diagnose ein.
Anhören
Zunächst lassen wir uns berichten, wie die
Schmerzen aufgetreten sind. Plötzlich, innerhalb von Stunden oder Tagen oder gar
schon viel länger bzw. immer wieder rezidivierend? Verletzung, etwa durch Knall oder
Schlag aufs Ohr? Flugreise trotz Schnupfen?
Schwimmbadbenutzung? Ist das Hören beeinträchtigt? Bestehen andere Erkrankungen,
Begleiterscheinungen, auch wenn sie „gar
nichts damit zu tun haben“, wie der Patient
meinen mag, etwa ein Diabetes oder sonstige Erkrankungen oder Therapien, die zu einer
Schwächung der Immunabwehr führen?
Der Hausarzt 12/2015
Foto:Artem Furman - Fotolia, Illustrationen: pking4th - Fotolia
Ein abwendbar gefährlicher Verlauf wäre bei
starken Allgemeinbeschwerden, etwa Somnolenz, Fieber oder starkem Schwindel, anzunehmen bzw. auszuschließen, z. B. bei einem
Erysipel oder Abszedierungen ins Schädelinnere bei verschleppten Verläufen. Zum Glück
sind sie selten. Auch stehen dann oft andere
Beschwerden im Vordergrund.
Hausarzt Medizin
Bestehen die Ohrenschmerzen nur bei Kälte bzw. Wind? Dann lassen sie sich durch ­eine
Kopfbedeckung vermeiden, sind also kein
arztpflichtiges Problem. Meist gehen diese
Beschwerden auf eine ansonsten ausgeheilte
frühere Erkrankung zurück.
Anschauen
Dann schauen wir uns das Ohr bzw. die
­Ohren an. Ist schon äußerlich eine Veränderung zu sehen? Ausfluss oder eine Besonderheit an der Ohrmuschel? Ist vielleicht
dem Patienten selbst eine Veränderung aufgefallen? Unsere Feststellungen halten wir
zunächst im Gedächtnis oder in der Dokumentation fest.
Anschließend legen wir Wert auf eine möglichst exakte Beschreibung der Veränderung: Seitenvergleich der Farbe, Stellung
und Form der Ohrmuschel und der Umgebung, Beschreibung der Hautveränderungen
sowie des einsehbaren Teils des äußeren Gehörgangs.
Illustrationen: pking4th - Fotolia
Anfassen
Vorsichtig tasten wir über die Ohrmuschel
und die Umgebung des Ohres bis zum Mastoid und das Kiefergelenk auf der ­Suche
nach Druckschmerz oder hyperalgetischen Hautzonen. Drücken wir nun auf
den Tragus und ziehen die Ohrmuschel
dann nach hinten oben. Dabei auftretende
Schmerzen weisen auf die Erkrankung des
äußeren Gehörgangs hin. Möglicherweise müssen wir hier schon die Untersuchung
abbrechen, denn wenn der Gehörgang sehr
empfindlich ist, werden wir kaum einen
Ohrtrichter einführen können.
Vielleicht schauen wir nun mit starkem
Licht und unbewaffnetem Auge so weit
wie möglich in den Gehörgang hinein, um
­einen nahen Verschluss etwa durch einen
Gehörgangsfurunkel bzw. den Zustand der
Haut und ggf. Ausfluss zu sehen.
Sind Druck und Zug ohne wesentliche
Schmerzverstärkung zu ertragen, können
wir nun zur Spiegelung des Ohres
kommen.
Der Hausarzt 12/2015
Reinschauen
Der Kopfspiegel benötigt einen entsprechenden Arbeitsplatz mit Lichtquelle und Patientenstuhl – und ein geübtes Auge. Der Vorteil:
Man kann ggf. direkt unter Sicht manipulieren, etwa Krusten abtragen, einen Fremdkörper oder Zeruminalpfropf mit dem Häkchen
entfernen.
Für den Ungeübten ist ein Ohrenspiegel mit
Lichtquelle und Lupe einfacher. Auch kann
er unabhängig vom Ort auch im Hausbesuch
verwendet werden.
Nun gilt es, schön langsam zunächst die
Haut des Gehörgangs zu beurteilen, dann
das Trommelfell darzustellen. Trommelfell
grau? Matt oder glänzend? Vorgewölbt oder
eingezogen? Defekt? Sekretausfluss? Blasen?
Blutiger Belag? Oder gar nichts, nur Dunkelheit oder braune Massen?
Ein Ekzem oder eine Psoriasis in der Umgebung des Ohres geben schon einen Hinweis auf eine mögliche Otitis externa. Diese
kann aber auch auf den Gehörgang selbst beschränkt sein und wird erst bei der Spiegelung sichtbar.
Ist unser Patient ein Badefreund? Keime
(Streptokokken, Staphylokokken und Pseudomonaden) sind immer im Gehörgang vorhanden, es bedarf nicht einer Infektion von
außen. Aber Manipulationen wie mechanisches Trocknen des Gehörgangs mit der Gefahr kleiner Verletzungen und das für Bakterien ideale Klima der feuchten Kammer und
eine Störung des gewöhnlich mit einem pHWert von 5 leicht sauren Milieus der Haut
bahnen Infektionen den Weg.
Auch beim Ekzem und bei der Schuppenflechte begünstigen ein gestörtes Milieu und
Manipulationen die Exazerbation. Bei der
Schuppenflechte stauen sich die squamösen Belege, führen zum Verschluss des Gehörgangs und schließlich zum harten Pfropf
und darunter zur Entzündung. Am äußeren
Teil des Gehörgangs können an den Haarfollikeln Gehörgangsfurunkel entstehen – fürwahr kein Vergnügen, weil außerordentlich
schmerzhaft, daher sollten sie hier nichts anfassen.
Dr. med. Diethard
Sturm
Facharzt für Allgemeinmedizin,
Chemnitz, E-Mail:
[email protected]
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Hausarzt Medizin
Mehr im äußeren Teil können Reaktionen auf das Tragen des Hörgeräts oder
von Hörstöpseln oder Lärmschutzmaterial bestehen.
Trommelfell grau, aber eingezogen?
Kein Problem. Ein Tubenkatarrh entsteht meist infolge eines Schnupfens.
Schlimm wird es bei starken Luftdruckschwankungen wie im Flugzeug bei
Start und Landung. Da sollte man vorsorglich die Nase sorgfältig mit abschwellenden Tropfen vorbereiten. Tauchen wäre in diesem Fall ohnehin strikt
zu untersagen wegen der Gefahr von
Schwindel!
In traditionellen Praxen ist für die Behandlung des Tubenkatarrhs ein Politzer-Ballon zu Hand: Der Behandler hält
ein Nasenloch zu, das andere verschließt
die Olive des Ballons, beim Schlucken
wird der Ballon kräftig zusammengedrückt und der Druckstoß öffnet die
verklebte Tuba auditiva. In leichteren
Fällen kann sich der Patient auf ähnliche Weise selbst helfen, indem er einen
Schluck Wasser in den Mund nimmt,
sich die Nase zuhält, kräftig presst und
dann schluckt. Auch hier öffnet sich gewöhnlich die Tuba. Die Befreiung vom
Schmerz erfolgt unmittelbar, stabilisiert werden kann das durch abschwellende Nasentropfen: Kopf auf die Seite
legen, die Tropfen in das nun untere Nasenloch einträufeln und die Flüssigkeit
verschnüffeln: Dann kommt das Mittel an den richtigen Ort. Vor- oder Rückbeugen sind nicht zielführend.
Trommelfell gerötet? Wenn die anamnestischen Angaben auf eine akute Otitis media hinweisen, wäre die Notwendigkeit einer antibiotischen Therapie zu
prüfen. Blutige Blasen sehen wir bei einer Grippe-Otitis.
Trommelfeld defekt mit Sekretausfluss
oder tumorösen Massen? Dann ist die
Mitbehandlung durch einen HNO-Kollegen einzuleiten.
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Sollten wir bei Verschluss des Gehörgangs spülen? Bei perforiertem Trommelfell könnte Schwindel ausgelöst
werden, insbesondere bei zu kaltem
Wasser. Dennoch kann das Spülen mit
angemessener Technik (körperwarmes
Wasser, moderater Druck, ggf. Aufweichen des Pfropfens mit glyzerinhaltigen Ohrentropfen) in der Hausarztpraxis auch durch eine routinierte Helferin
erledigt werden. Hausärztliche Betreuungskompetenz statt Lotsenfunktion.
Bei anamnestischem Hinweis auf Perforation oder Verdachtsmomenten für
andere Ursachen lieber zurückhalten:
Der HNO-Kollege kann es unter Sicht
mit dem Häkchen besser.
Schmerzen
Schmerzen, und nichts zu sehen? Vielleicht wird es ein Zoster? Meist ist dann
auch die Haut der Umgebung im Bereich des unteren Trigeminusastes
(N. mandibularis) hyperalgetisch berührungsempfindlich. Die Allodynie
ist typisch für den neuropathischen
Schmerz. Unter symptomatischer, d. h.
analgetischer Therapie kann man den
wohl instruierten Patienten beobachten und warten lassen: Beim ersten Auftreten der typischen Bläschen sollte so
rasch wie möglich die antivirale Therapie beginnen, daher sollte der Pa­tient
kurzfristig für den übernächsten Tag
wiederbestellt werden. Die Bläschen
könnten sich im Gehörgang entwickeln.
Bei hoch gefährdeten und gut kooperierenden Patienten habe ich schon mal
(vor dem Wochenende!) das Rezept mit-
Fazit
Ein systematisches Vorgehen erleichtert die Lösung des Problems.
Auch bei einer Überweisung sollte
zuvor ein Befund erhoben und mitgeteilt sowie ein Bericht eingefordert werden.
gegeben, einzulösen bei entsprechendem Verlauf, natürlich mit erstmöglichem Kontrolltermin. Aber Zoster
kann auch ohne Bläschen auftreten und
schmerzt dennoch.
Der neuraltherapeutisch tätige Arzt
sucht nach Narben als Schmerzquelle und behandelt entsprechend mit Infiltrationen. Das könnte jeder Hausarzt
auch tun.
Ähnlich können auch neuralgiforme Schmerzen aus der oberen Halswirbelsäule sein. Das Segment des unteren Kopfgelenks (zwischen 1. und 2.
Halswirbel) kann bei Blockierung auch
nach längerem Verlauf in die Parietalregion ausstrahlen. Meist aber kann
hier schon eine längere Vorgeschichte mit rezidivierenden Schmerzen der
Halswirbelsäule eruiert werden, auch
Ausstrahlungen in den Oberkiefer. Der
Schmerzbereich ist nicht identisch mit
dem Trigeminusast, sondern mit dem
vegetativen Segment.
Es wäre hier die Beweglichkeit der Halswirbelsäule zu prüfen, zunächst global,
dann speziell die Rotation mit maximal vorgebeugtem Kopf. Da so die untere Halswirbelsäule nicht rotieren kann,
kommen jetzt auftretende Bewegungsschmerzen und -einschränkungen aus
der oberen Halswirbelsäule. Bildgebende Verfahren sind hier nutzlos.
Indiziert ist ein Therapie mit Quaddelung, Infiltration, manueller Exten­sion,
oder lassen Sie einfach einen Chirotherapeuten ran. Entlastung bringt meist
schon die Behandlung des Nackens, der
Lendenwirbelsäule und der Iliosakralfugen, also weniger problematischer
Zonen für diese Methoden. Am 2. Halswirbel setzt übrigens der M. Trape­zius ,
er kann bei Verkürzung und/oder Verspannung dieses Segment reizen und
die genannten Folgebeschwerden auslösen, etwa bei längerem schwerem
­Tragen.
Literatur beim Verfasser
Interessenkonflikte: Keine
Der Hausarzt 12/2015
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