Der „Leuchtende Tod“ und die Regulation von Gut und Böse

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21.04.2010
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Ralf Heermann
Jahrgang 1972.1992–1997 Biologiestudium; 2001 Promotion an
der Universität Osnabrück, anschließend Wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Universität Osnabrück und der TU Darmstadt.
2004–2010 Hochschulassistent
an der LMU München. 2010 Habilitation für das Fach Mikrobiologie. Seit 2010 Akademischer Rat
an der LMU München.
ó Es passiert im Dunklen der Erde, im Wattenmeer oder in unseren Vorgärten: Winzige
Nematoden namens Heterorhabditis bacteriophora sind auf der Suche nach Opfern. In
ihrem Vorderdarm tragen sie eine todbringende Waffe – Bakterien der Art Photorhabdus
luminescens, nah verwandt mit Yersinia pestis,
dem Erreger des qualvollen „Schwarzen
Todes“. Doch die todbringende Waffe der
Fadenwürmer gilt nicht uns Menschen, sondern beschert nichts ahnenden Insektenlarven den „Leuchtenden Tod“. Die Nematoden
dringen in die Larven ein und injizieren bei
Erreichen des Hämocoels P. luminescens in
die Hämolymphe. Die Bakterien vermehren
sich in diesem Milieu und bilden dabei eine
Vielzahl verschiedener Toxine, welche die Larve umgehend töten. In dieser Phase produziert P. luminescens aus bisher ungeklärtem
Grund Luciferase, wodurch der Kadaver des
Opfers zu leuchten beginnt – der „Leuchtende Tod“ hat zugeschlagen. Der Kadaver dient
den Bakterien und auch den Nematoden als
reiche Nährstoffquelle. Zusätzlich unterstützt
P. luminescens die aktive Fortpflanzung seiner
Habilitierte stellen sich vor
Der „Leuchtende Tod“ und die Regulation
von Gut und Böse
RALF HEERMANN
BIOZENTRUM DER LMU MÜNCHEN, BEREICH MIKROBIOLOGIE
Symbiosepartner. Wenn die Nährstoffquellen
im Kadaver aufgebraucht sind, reassoziieren
Nematoden und Bakterien, und das todbringende Gespann macht sich auf die Suche nach
einem neuen Opfer. Im Lebenszyklus von
P. luminescens gibt es zwei Adaptationsschaltstellen, an denen die Bakterien ihre
Umgebung genauestens wahrnehmen und
sich anpassen: beim jeweiligen Wechsel vom
einen in den anderen Wirt (Abb. 1). Dabei
müssen sie zwischen Gut und Böse, also zwischen der Produktion symbiotischer und
pathogener Faktoren, entscheiden. Die Aufklärung molekularer Prinzipien der Regulation dieses Wechselspiels ist eine zentrale
Fragestellung meiner Forschungsarbeiten. So
konnten wir Gene in P. luminescens identifizieren, deren Expression durch chemische
Moleküle des Insektenwirts induziert wird
[1]. Neben Genen, die für Toxine, DNA-modifizierende Enzyme oder Regulatorproteine
codieren, fanden wir eine hohe Anzahl an
metabolischen Genen, was auf eine massive
Umstellung des bakteriellen Metabolismus
nach der Infektion hindeutet. Wir konnten
zeigen, dass das Zweikomponentensystem
KdpD/KdpE, das die Kaliumhomöostase reguliert [2], für die Infektion des Insekts wichtig
ist. Das System ist unter Bakterien weit verbreitet, weshalb Kalium bei der Besiedlung
von Eukaryoten durch Bakterien eine zentrale
Rolle zu spielen scheint. Des Weiteren besitzt
P. luminescens eine enorm hohe Anzahl an
neuartigen PAS4-LuxR-Rezeptoren, die ausschließlich in pathogenen oder symbiotischen
Bakterien vorkommen. Die prognostizierte
Struktur dieser PAS4-Domänen ist den Juvenilhormon-bindenden PAS3-Domänen in
Regulatorproteinen der Fruchtfliege Drosophila melanogaster ähnlich. Deshalb wird postuliert, dass PAS4-LuxR-Rezeptoren ebenfalls
eukaryotische Signalmoleküle wie Hormone
wahrnehmen [3]. Die Identifizierung dieser
Signalmoleküle sowie die Aufklärung der
nachgeschalteten Regulationskaskaden sind
Ziele meiner gegenwärtigen Forschung. Langfristig sollen somit generelle Prinzipien der
Regulation von Symbiose und Pathogenität
bei Bakterien entschlüsselt werden.
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Kirsten
Jung für ihre stetige Unterstützung sowie
allen ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die engagierte Zusammenarbeit.
ó
Literatur
[1] Münch A, Stingl L, Jung K et al. (2008) Photorhabdus
luminescens genes induced upon insect infection. BMC
Genomics 9:229
[2] Heermann R, Jung K (2010) The complexity of the “simple” two-component system KdpD/KdpE in Escherichia coli.
FEMS Microbiol Lett, 304:97–106
[3] Heermann R, Fuchs TM (2008) Comparative analysis of
the Photorhabdus luminescens and Yersinia enterocolitica
genomes: uncovering candidate genes involved in insect
pathogenicity. BMC Genomics 9:40
˚ Abb. 1: Infektions- und Symbiosezyklus mit Adaptationsschaltstellen von Photorhabdus luminescens. Die beiden Adaptationsschaltstellen im Zyklus markieren den jeweiligen Wirtswechsel.
An diesen Schaltstellen regulieren bakterielle Signaltransduktionssysteme das Wechselspiel zwischen Symbiose und Pathogenität.
BIOspektrum | 03.10 | 16. Jahrgang
Korrespondenzadresse:
PD Dr. Ralf Heermann
Ludwig-Maximilians-Universität München
Biozentrum, Bereich Mikrobiologie
Großhaderner Straße 2–4
D-82152 Martinsried
Tel.: 089-2180-74506
Fax: 089-2180-74520
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