Venedigs kleine Schwester befindet sich in der

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natur / reise
1821 wurde Comacchio über eine
Strasse ans Festland angebunden.
Die Trepponti-Brücke ist eines
der Wahrzeichen Comacchios.
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L
Aal überall
Venedigs kleine Schwester befindet sich in der
Emilia Romagna: In Comacchio wird eine Geheimsprache
gesprochen – und der Aal regiert.
Text: Carlotta Henggeler
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autstark und wild gestikulierend
diskutieren zwei ältere Herren im
Schatten der Trepponti-Brücke,
dem Wahrzeichen von Comacchio. Ihre
Fahrräder sind an die Mauer gelehnt, die
Signori tragen Jeans und Polohemd.
Sie fallen auf, da das Städtchen Ende
Mai fast verwaist ist. Doch worüber die
beiden debattieren, bleibt selbst Italienischsprachigen verborgen. Ihre Mundart ist eine Art Geheimsprache, war
Comacchio doch bis Anfang des
19. Jahrhunderts eine Lagunenstadt und
vom Rest der Welt
praktisch abgeschottet. Erst
die Trockenlegung im 19./20. Jahrhundert öffnete dem sanften Tourismus die Tore.
Elisa, die einheimische
Reisebegleiterin, klärt auf:
«Die Herren reden über die
Europawahlen. Wie geht es
mit Italien weiter? Was pas-
siert hier mit der Fischerei und dem
Reiseverkehr? Das sind unsere Haupteinnahmequellen.»
Auf der Trepponti-Brücke weht eine an-
genehme Adria-Brise. Ein paar Stufen,
und schon hat man volle Sicht aufs Zentrum: eine nahezu perfekte Filmkulisse
aus Backsteinhäusern. Alles blitzblank
sauber, weit und breit kein Müll. Die
Region kennt ihre Juwelen, putzt sie heraus und trägt ihnen Sorge.
«Seht ihr die Schiffe vor der antiken
Fischerei?», fragt Elisa, «die heissen Batane. Mit den alten Fischerschiffen kann
man die Stadt vom Wasser aus erkunden.» Also gleich beim Fischmarkt (Pescheria) in die Lagune stechen,
unter die Brücke gleiten und
weiter zum Ponte degli Sbirri.
Vis-à-vis das alte Gefängnis,
heutiges Verwaltungsgebäude,
und das Ospedale San Camillo,
heute ein Museum. Durch Comacchio mäandern bis zum
Canale Maggiore, vorbei an
pittoresken Gässchen und lauschigen Restaurants entlang dem
Kanal. Ein Gefühl wie in Venedig,
nur alles kleiner und relaxter.
«Unglaublich, überall Aal!», ruft
eine Mitreisende. Stimmt: Auf
Plakaten wird das jährliche
Aalfestival beworben, in RestaurantLogos und in Lokalnamen ist der Speisefisch wiederzufinden. Elisa macht jetzt
Tempo: «Beeilt euch, in zehn Minuten
findet in der Manifattura dei Marinati
eine Kochdemonstration statt. Und wir
dürfen dabei sein!» Alle Hobbyköche
wollen sich einen guten Platz im Aalverarbeitungsbetrieb ergattern, schliesslich
gilt die Küche der Emilia Romagna als eine der besten Italiens. Lasagne, Tortellini
und Sugo sind nur einige Spezialitäten.
In voller Kochmontur wartet Mauro
Spadoni auf sein Publikum. Aus dem
Risotto-Topf dampft’s, Spadonis Brille
beschlägt. Der Chef ist Romagnolo, hat
für die besten Restaurants den Kochlöffel
geschwungen und teilt sein Wissen jetzt
als Caterer und Showkoch.
Das heutige Menü: Aal-Risotto und
Makrele à la minute. Spadoni wirbelt zwi-
Der Rosaflamingo ist im Po-Delta heimisch.
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natur / reise
Bei Comacchio,
im Po-Delta wird
noch traditionell
nach Aal gefischt.
Qual der Wahl:
In der Pescheria
gibt es alles für
Fischliebhaber.
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Mauro Spadoni
in der Manifattura
dei Marinati beim
Aalzubereiten.
schen den Töpfen herum, plaudert seine
Geheimnisse aus, Elisa kommt mit dem
Übersetzen kaum nach. Zwischendurch
probiert er vom Risotto. Immer wieder.
Den Zuschauern läuft das Wasser im
Mund zusammen, die Mägen knurren.
Dann die Erlösung: Der Aal-Risotto ist
ein Gedicht, das Fischfleisch bissfest,
aber zart, erinnert im Geschmack an geräucherte Forelle. Spadoni verrät: «Für
dieses Gericht habe ich Reis aus Jolanda
di Savoia verwendet, frischen Aal und
eine Prise Parmigiano.» Für den Abend
in der Lagune gibt er noch einen Tipp:
«La Comacina». Das Restaurant liegt an
einem Kanal und ist bei Einheimischen
und Touristen gleichermassen beliebt.
Spadonis Amuse-Bouche und der
Ausflug haben den Appetit angeregt.
Strammen Schrittes geht es ins Zentrum
zurück an der Piazza vorbei. Da, zwei bekannte Gesichter, Comacchio ist eben
klein. Die beiden politisierenden Senioren von der Trepponti-Brücke nippen an
einem Glas Pignoletto, ein regionaler
Weisswein.
Das Diskutieren haben sie eingestellt,
sie geniessen die Abendsonne. Noch verschlafen liegt das Restaurant «La Coma-
cina» gleich am Kanal. «Jetzt sind wir
dann völlig veraalt», sagt eine Reisende
nach einem Blick in die Karte und lacht.
Wir bestellen Anguilla alla Griglia con
Polenta, frischen Aal, gegrillt.
Vollgefressen wie ein Ei, «pieni come
un uovo», lautet ein italienisches Sprichwort. Besser kann man es nicht ausdrücken. Zum Glück geht es morgen per
Velo und zu Fuss ins nahe Naturschutzgebiet Parco del Delta del Po. Dort, wo
sich Aal und Rosaflamingo gute Nacht
sagen, lassen sich die angefutterten Kilos
hoffentlich wieder abstrampeln.
n
WISSENSWERTES
Anreise Zum Beispiel mit Lufthansa/Air
Dolomiti über München nach Bologna,
jeden Tag, ab ca. Fr. 420.– (lufthansa.ch).
Mit dem Auto ca. 1 Stunde Fahrt (Flughafen bis Comacchio Zentrum). Beste
Reisezeit: Frühling (Mai) oder Herbst.
Aalmanufaktur Die Manufaktur ist
zugleich Fischfabrik und Museum. Von
Oktober bis Dezember ist die Räucherkammer in Betrieb, hier werden die
Aalkörper gesäubert, von Kopf und
Schwanz befreit und auf Spiessen gegart.
Danach kommen sie in den Essigsaal
und werden zum Marinieren von Pökel
(Salzlake) bedeckt. Via Mazzini 200,
Comacchio. Eintritt: ¤ 2, Kinder bis
11 Jahre gratis.
Schlemmen Ristorante, Locanda e
Trattoria «La Comacina», Aal und
Meeresfisch in allen Variationen; z. B.
Aal alla Comacchiese mit Polenta
für ¤ 19. Doppelzimmer August ¤ 105,
September ¤ 95 (lacomacina.it).
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Comacchio mit Boot Ein Städtchen mit dem
Boot durchqueren? Das kann man in Comacchio, und zwar auf den traditionellen
«Batane» (kleine Flachkielboote), die bis vor
einigen Jahrzehnten als tägliches Transportmittel dienten und bei der TreppontiBrücke anlegen (bei der alten Fischhandlung). Täglich von März bis Oktober, gratis
(lokaler Freiwilligenverein).
Parco del Delta del Po
Die Tour «Klänge und
Farben in der Lagune
von Comacchio» beinhaltet eine Fahrt mit
den typischen Lagunenbooten und einen Spaziergang im Naturreservat, um die traditionelle Technik des
Aalfischfangs kennenzulernen. Das Gebiet
ist ein Ornithologen-Paradies mit rund 380
Vogelarten. Auch Flamingos sind hier heimisch. Die Tour dauert zweieinhalb Stunden,
Kosten: ¤ 17 für Erwachsene, ¤ 10 für Kinder von 4 bis 10 Jahren (parcodeltapo.it).
Venedig
ITALIEN
Bologna
Comacchio
Region Website der Region, mit detaillierten Tipps und Vorschlägen – ob zum
Schlemmen, für den Städtetrip, die
Outdoor-Reise oder für die Strandferien.
emiliaromagnaturismo.it/de
Guide Bologna & Emilia Romagna, aus
dem Dorling-Kindersley-Verlag (2014,
Fr. 44.90). Aktuellster Reiseführer,
inkl. Mini-Kochbuch zum Herausnehmen
mit typischen Gerichten der Region.
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