Hansjörg Küster (Hannover) Europa: Von der Natur zur genutzten Landschaft In der letzten Eiszeit waren große Teile Europas von Gletschereis bedeckt. Im Gletschervorfeld dehnte sich waldoffenes Grasland aus, das Eigenschaften der Tundra und der Steppe aufwies. Wälder fanden sich nur an wenigen Orten, unter anderem an den Küsten des Mittelmeers. Nach dem Ende der Eiszeit schmolzen die Gletscher allmählich ab, und es breitete sich Wald über weite Teile Europas aus. Die Wälder wiesen keine Stabilität auf, sondern entwickelten sich ständig weiter. Es bildeten sich verschiedene Typen natürlicher Wälder heraus, deren Grenzen oder Übergänge sich erfassen lassen. Als vor etwa 8000 Jahren die ersten bäuerlichen Siedlungen in Europa entstanden, nahmen die Menschen offensichtlich wahr, dass es unterschiedliche Waldregionen gab. Möglicherweise bestehen Zusammenhänge zwischen Waldtypen und kulturellen Gruppen von Menschen, die sich an „ihren“ Waldtyp gebunden fühlten und nicht in andere Waldgebiete wechselten. Stets reagierten die Menschen auf die Bedingungen der dynamischen Natur und versuchten, diesen eine Stabilität entgegenzusetzen. Weil sie dies in verschiedenen Teilen Europas auf unterschiedliche Weise taten, kam es zur Herausbildung von zahlreichen Typen von Agrarlandschaften, die heute zur kulturellen Identität verschiedener Regionen gehören. Ähnliche Heidelandschaften findet man in Norwegen und Nordwestdeutschland. Miteinander vergleichbare Viehweidegebiete gibt es in Ungarn und auf den großen Ostseeinseln sowie im Umkreis der Alpen. In einigen Regionen entstanden große Dörfer, in anderen nicht. Die besonderen Identitäten der europäischen Landschaften, die sich in Jahrtausenden herausbildeten, verdienen unseren besonderen Schutz. Dieser Schutz reicht über einen bisher praktizierten Naturschutz weit hinaus, denn er berücksichtigt nicht nur natürliche Bedingungen, sondern auch die kulturellen Bedingungen, die zur Herausbildung von charakteristischen Landschaften führten.