Depression bei Kindern

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Gesundheitsgespräch
Kinder im seelischen Tief – was tun?
Sendedatum: 25.06.2016
Experte:
Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikums der Universität München
Autorin: Monika Dollinger
Nicht nur Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche können an Depression
erkranken. Nach unterschiedlichen Schätzungen leiden zwischen zwei und vier
Prozent der Kinder über zwölf Jahren zeitweise an einer Depression.
Ebenso wie Erwachsene brauchen depressive Kinder und Jugendliche Hilfe –
von ihren Eltern, ihren Freunden, ihren Lehrern - vor allem, weil sie selbst
häufig ihre Krankheit nicht als solche erkennen. Besteht die Traurigkeit, der
Rückzug und die verminderte Aktivität länger als zwei Wochen, sollte unbedingt
eine professionelle Untersuchung durchgeführt werden, denn nur, wenn die
Probleme des Kindes und Jugendlichen richtig erkannt und verstanden werden,
ist wirksame Hilfe möglich.
Der Text basiert auf einem Gespräch mit Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Arzt für
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Direktor der Klinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des
Klinikums der Universität München
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Wie man eine Kinderdepression erkennt – die Symptome
Mit zunehmendem Lebensalter steigt das Risiko, an einer Depression zu
erkranken. Während sie bei Säuglingen und Kleinkindern sehr selten auftritt,
leiden Kinder im Vor- und Grundschulalter schon öfter an einer Depression und
ab der Pubertät steigt die Häufigkeit deutlich an.
Eine Depression bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen, ist für die Eltern
oft schwierig, weil die Jugendlichen zunehmend weniger über ihre Stimmung,
Emotionen und Erleben mit den Eltern sprechen. Kinder jeden Alters können
Depression bekommen.
Vorschulalter
Auch Vorschulkinder können bereits eine Depression entwickeln, die schwer zu
diagnostizieren ist.
"Wenn ein Kind in diesem Alter ohne einen aktuellen Anlass länger traurig ist,
sehr oft die körperliche Nähe zur Mutter sucht und sich nicht trennen kann,
Phasen der Antriebslosigkeit hat, dann ist auch an eine depressive Episode bei
diesem Kind zu denken." Prof. Schulte-Körne, Arzt für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Für die Diagnostik ist wichtig, das Kind über einen längeren Zeitraum zu
beobachten.
Beispiel: Hinweis für eine depressive Entwicklung kann sein, dass das Kind im
Kindergarten nicht mehr spielen möchte, sich in eine Ecke zurückzieht, an den
Gruppenaktivitäten nicht mehr teilnimmt und zudem über Kopf- und Bauchweh
oder andere körperliche Beschwerden klagt. Durch die ärztliche Untersuchung
wird klar, ob diese körperlichen Beschwerden tatsächlich Ausdruck einer
körperlichen Erkrankung, oder ein Hinweis auf eine Depression sind.
Schulalter
Eine Depression bei Schulkindern tritt selten plötzlich auf, meist ist der Verlauf
schleichend. Das Nachlassen der Schulleistungen, das Absinken der Noten
sowie Rückzugsverhalten und eine zunehmende Teilnahmslosigkeit sind
Hinweise für eine depressive Entwicklung. Auch im äußeren Erscheinungsbild
verändern sich die Kinder.
Veränderung des Erscheinungsbilds:
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•
Die Gestik ist weniger ausdrucksvoll,
der Gesichtsausdruck ist manchmal wie erstarrt, und
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die Körperhaltung (z.B. hängende Schultern) drücken die gedrückte
Stimmung in dieser Weise aus.
Im Gegensatz zu den Vorschulkindern können Eltern ihr Schulkind gezielt
fragen, wie sie sich fühlen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Fragen immer
eine Gewissheit über das Vorliegen einer Depression geben.
"Obwohl bereits Grundschüler aufgrund ihrer Fähigkeiten in der Lage sind, über
ihre Gefühle und ihr Erleben zu berichten, ist es für sie oft schwierig, über
Traurigkeit und andere negative Gefühle zu sprechen." Prof. Schulte-Körne,
Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und
Psychotherapie des Klinikums der Universität München
Jugendliche
Mit dem Eintreten der Pubertät nimmt die Häufigkeit der Depression zu,
insbesondere bei Mädchen.
"Wir beobachten in den letzten Jahren eine Zunahme von leichteren Formen
depressiver Störungen." Prof. Schulte-Körne, Arzt für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Die Gründe hierfür sind unterschiedlich:
•
•
•
Gesellschaftliche Anforderungen an die Autonomieentwicklung junger
Frauen, die zu früh kommen und nicht selten diese Mädchen
überfordern.
Hormonelle Faktoren
Schulische Belastungen (weniger im Bereich der
Leistungsanforderungen, aber z.B. Mobbing, Cybermobbing)
Die Symptome der Depression bei Jugendlichen und im jungen
Erwachsenenalter sind ähnlich: Lebensmüde Gedanken treten häufiger auf,
vereinzelt ist die depressive Erkrankung auch der Hintergrund für einen
Suizidversuch.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Jungen und Männer versuchen eher, Stimmungstiefs zu verstecken als
Mädchen. Deshalb verhalten sich depressive Jungen manchmal anders als die
Mädchen.
"Während Mädchen sich häufig zurückziehen, verwickeln sich depressive
Jungen in Streitereien, beschädigen Gegenstände, fallen auf. Bei diesen
Verhaltensmustern denken viele Eltern und Lehrer anfangs nicht an eine
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Depression. Dabei ist die Grundstimmung bei den Jungen ähnlich wie bei den
Mädchen: Sie sehen für sich keine Zukunftsperspektive, fühlen sich wertlos und
haben kein Selbstvertrauen." Prof. Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikums der
Universität München
Depression = Unaufmerksamkeit?
"Bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS)
tritt nicht selten auch eine gedrückte Stimmung auf, ein vermindertes
Selbstwertgefühl verbunden mit einer negativen Zukunftserwartung. Auch bei
depressiven Kindern ist die Aufmerksamkeit häufig beeinträchtigt. Es handelt
sich aber um zwei verschiedene Störungsbilder, die auch unterschiedlich
behandelt werden. Tritt aber bei einer Depression zusätzlich ein ADHS auf,
müssen beide Störungen entsprechend den kinder- und jugendpsychiatrischen
Leitlinien behandelt werden." Prof. Schulte-Körne, Arzt für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Wie eine Depression entstehen kann – die Auslöser
Kinder, deren Eltern oder nahe Verwandte zeitweise an einer Depression
erkrankt waren, haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Meist kommt zu dieser
genetischen Komponente noch ein belastendes Ereignis, bevor sich eine
Depression im Kindes- und Jugendalter einstellt.
"Das kann der Tod eines Elternteils, schwere Erkrankungen in der Familie,
Trennung der Eltern, aber auch traumatische Erlebnisse, wie körperlicher und
psychischer Missbrauch sein." Prof. Schulte-Körne, Direktor der Klinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des
Klinikums der Universität München
Wichtig:
"Wir gehen davon aus, dass es nicht die Ursache der Depression gibt, sondern
dass ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren ursächlich ist. Kinder, bei
denen die genetische Disposition vorliegt, dass sie belastende Lebenssituation
anders verarbeiten und auf die zusätzlich schwierige Lebensereignisse
einwirken, haben ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken." Prof.
Schulte-Körne, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Diagnostik der Depression bei Kindern
• Im Vordergrund steht das Gespräch mit dem Kind und Jugendlichen,
seinen Eltern und manchmal auch mit weiteren Familienmitgliedern.
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Dabei geht es um Fragen zur Entwicklung, zur Kindergarten- und
Schulzeit, zur Lebenssituation der Familie, vor allem zu dem Denken,
Gefühlen und Stimmung des Kindes.
Zusätzliche Informationen aus dem psychosozialen Umfeld, vom
Kindergarten oder der Schule helfen, die Symptomatik besser
einzuschätzen.
Da nicht selten körperliche Beschwerden bei Schulkindern in Form von
Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen geschildert werden,
ist eine körperliche Untersuchung notwendig.
Anhand von Testverfahren werden die Gefühle und die veränderte
Wahrnehmung des Selbst und der störenden und belastenden
Gedanken genauer bestimmt. Schulprobleme werden mit am häufigsten
berichtet, vor allem ein unerklärliches Nachlassen der Leistungsfähigkeit.
Daher ist eine Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten und des
individuellen Begabungsprofil mit seinen Stärken und Schwächen
notwendig.
Wichtig:
Die Diagnostik sollte unbedingt durch einen Facharzt für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie durchgeführt werden. Denn oft wird eine
depressive Störung übersehen oder Emotionen, Verhalten und Erleben der
Kinder und Jugendlichen falsch verstanden.
Begleitprobleme
Depressionen treten häufig zusammen mit anderen psychischen Problemen
(wie Angststörungen und Essstörungen) auf. Diese sollten erkannt und
entsprechend behandelt werden. An all diesen Störungen erkranken häufiger
Mädchen und Frauen.
„Wenn Essstörungen und Depression zusammen auftreten, ist die Behandlung
besonders schwierig und sollte stationär in einer Klinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und –psychotherapie erfolgen. Die Mädchen können aus
eigenem Antrieb nicht mehr essen, magern ab, und ihr Leben ist ernsthaft
bedroht.“ Prof. Schulte-Körne
Alkohol und Drogen
Depressive Jugendliche versuchen manchmal, sich selbst zu behandeln, und
greifen aus diesem Grund zu Alkohol und Drogen.
„Jugendlichen erleben dadurch eine kurzfristige Abnahme ihrer Ängste, sie
fühlen sich für einen Moment weniger belastet.“ Prof. Schulte-Körne.
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Allerdings ist für die Gesamtperspektive das Vorliegen von zwei Erkrankungen
schlechter. Zusätzlich erhöht der häufige Konsum von Alkohol das Risiko für
weitere psychische Erkrankungen und für schwerwiegend körperliche
Schädigungen.
Wie man eine Kinderdepression behandelt – die Therapie
Eine depressive Episode sollte in jedem Fall behandelt werden. Die Dauer der
Episoden ist unterschiedlich, von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten.
Zwischen den Episoden gibt es längere Intervalle, in denen die Symptome
kaum, manchmal gar nicht auftreten. Gerade in diesen Intervallen ist eine
Behandlungsmotivation meist gering.
Behandlungsleitlinie
Kürzlich wurde eine aktuelle Behandlungsleitlinie veröffentlicht, in der alle
wichtigen Strategien der Behandlung auf der Basis der aktuellen Forschung für
Kinder und Jugendliche mit einer depressiven Episode zusammengestellt
wurden: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-043.html
Kinder in die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik?
Abhängig vom Schweregrad der Störung ist eine ambulante, stationäre oder
teilstationäre Behandlung zu überlegen. Hier kann zunächst ein beobachtendes
Zuwarten ausreichend sein. Besteht die Symptomatik länger als zwei Wochen
oder nimmt zu, sollte mit einer ambulanten Behandlung begonnen werden.
• Leichte depressive Episoden werden überwiegend ambulant, z.B. bei
einem niedergelassenen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten
oder Kinder- und Jugendpsychiater behandelt.
• Bei mittelschwerer oder schwerer Ausprägung ist eine stationäre
Behandlung zu empfehlen. Vor allem wenn lebensmüde Gedanken
vorliegen und Kinder bereits Pläne haben, wie sie diese Gedanken
umsetzen, ist zum Schutz des Kindes eine geschützte Behandlung in
einer Klinik notwendig.
Wie Kinder therapiert werden
Im Vordergrund der Behandlung steht die Psychotherapie, die sowohl einzeln
und in Gruppen angeboten wird. Auf der Basis einer tragfähigen TherapeutPatient-Beziehung geht es um die Stärkung eigener Ressourcen. Damit sollen
soziale Kompetenzen wiedererlangt, das destruktive und meist eingeengte
Denken verändert und vor allem die Stimmung verbessert werden.
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Auch die Eltern
Bei jüngeren Kindern ist ein wichtiger Baustein die Einbindung der Eltern in die
Behandlung. Die Entlastung von Schuldgefühlen, die oft belastende Gefühle
der Eltern sind, die Entwicklung einer veränderten intrafamiliären
Kommunikation mit Stärkung der positiven Affekte sind Bausteine der
Elternarbeit.
Medikamente – Nur bei schweren Formen sind Antidepressiva notwendig
Bei Kinder und Jugendlichen mit mittelschwerer oder schwerer Depression
können Medikamente sehr hilfreich sein. Es besteht jedoch das Problem, dass
viele Medikamente für Kinder und Jugendliche nicht zugelassen sind, also
keine ausreichende Anzahl von Studien vorliegen, die die Wirksamkeit der
medikamentösen Behandlung zeigen.
„Für sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ist ein Medikament,
Fluoxetin, zur Behandlung bei Kindern und Jugendlichen zugelassen. Die
vorliegenden Studien zeigen eine gute Wirksamkeit, die Kombination aus
Psychotherapie (Verhaltenstherapie) und Medikament ist besonders zu
empfehlen.“ Prof. Schulte-Körne.
Das psychosoziale Umfeld nicht vergessen!
Stress in der Schule oder mit Gleichaltrigen kann oft ein Auslöser einer
depressiven Episode sein. Daher sollte die Schule und die „Peer-Gruppe“ in die
Behandlungsplanung mit einbezogen werden. Oft werden Kinder und
Jugendliche in der Schule übersehen, da sie eher still und zurückgezogen sind.
Aufklärung der Lehrkräfte und eine unterstützende Lehrer-Schüler-Beziehung
kann helfen, dass die psychotherapeutische Behandlung besser gelingt.
Wichtig: Beziehung aufbauen und halten
„Wichtig für den Behandlungserfolg ist der Beziehungsaufbau. Da Kinder und
vor allem Jugendliche mit einer Depression sich selbst oft gar nicht als krank
erleben, sondern eher als Versager, ist es wichtig, mit ihnen gemeinsam eine
Perspektive zu erarbeiten. Ihnen fehlt oft die Kraft, vor sich liegende Aufgaben
anzugehen oder die Hoffnung zu haben, dass sich etwas bessern könnte.
Deshalb ist ein konstantes Angebot, auch wenn Rückschritte in Behandlung
auftreten, das Mut macht und Hoffnung gibt, für die Entwicklung dieser Kinder
und Jugendlichen sehr wichtig.“ Prof. Schulte-Körne.
Strukturierung des Alltags als Rahmen, um sich aufzurichten
Depressive Kinder und Jugendliche brauchen nicht selten eine klare und
transparente Tagesstruktur, die ihnen hilft, die vor ihnen liegenden Aufgaben an
zu gehen und zu meistern.
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Erfolge aufzeigen: „Du kannst es doch!“
„Eltern und Lehrer sollen auf Erfolge der Kinder hinweisen. So helfen sie, die
negative Sichtweise zu verändern, indem sie von außen eine andere
Sichtweise aufzeigen, die deutlich signalisiert: Ich sehe aber etwas Positives!
Positive Signale setzen können alle: Eltern, Nachbarn, Freunde, aber auch die
Lehrer!“ Prof. Schulte-Körne.
Allerdings darf man nicht erwarten, dass diese Perspektive gleich übernommen
wird. Nicht selten sind Eltern und Lehrer enttäuscht, dass trotz guten Zuredens
sich nichts verändert. Dies erklärt sich durch die psychische Erkrankung, die es
den Kindern und Jugendlichen erschwert, Perspektiven der Anderen zu
übernehmen. Es ist daher ein wichtiges therapeutisches Ziel, den Kindern und
Jugendlichen es zu ermöglichen, eine eigene positive Zukunftsperspektive zu
entwickeln.
Die Rolle der Schule – Hilfe für die Eltern und das Kind
Für Eltern ist es oftmals nicht einfach, mit ihrem depressiven Kind ins Gespräch
zu kommen. Mit dem Alter kann sich dieses Problem verstärken.
„Die Pubertät kennzeichnet sich auch dadurch, dass Jugendliche sich von den
Eltern lösen und abgrenzen. Deshalb ist es manchmal für Menschen außerhalb
der Familie, wie etwa Lehrer oder Ärzte, leichter, einen Zugang zu dem
Jugendlichen zu bekommen.“ Prof. Schulte-Körne.
Tipp:
Ein Gespräch der Eltern mit den Lehrern kann deshalb nicht nur die schulische
Situation verbessern helfen, sondern auch das Verhalten des Jugendlichen für
die Eltern transparenter zu machen.
Wichtig: Lob und Anerkennung durch die Lehrkräfte
...auch und gerade, wenn die schulischen Leistungen nachgelassen haben.
„Lehrer sind hier gefordert, auch kleine Erfolge zu loben, das heißt nicht, dass
alles schön geredet werden muss. Entscheidend ist, einen Schüler gerade auch
dann anzusprechen und aufzurufen, wenn er sich nicht mehr meldet.“ Prof.
Schulte-Körne.
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Schulpsychologen können helfen
Wenn die Beteilung im Unterricht zurückgeht, vielleicht auch die Noten
schlechter werden, das Kind traurig ist und wenig im Kontakt zu den Mitschüler
hat, sollte auch der schulpsychologische Dienst eingeschaltet werden.
Wichtig:
Für das betroffene Kind ist es wichtig zu erfahren: Du bist nicht dumm! Du bist
auch nicht faul! Das ist nämlich ein typisches Erklärungsmuster, wenn die
Noten absacken.
„Gegenüber einem depressiven Schüler ist das aber völlig falsch! Denn bei
schweren Depressionen kann die kognitive Leistungsfähigkeit zeitweise
beeinträchtigt sein, weil das Denkvermögen so eingeengt ist und sozusagen die
individuellen Ressourcen erschöpft sind. Daher steht im Vordergrund, die Wege
zu bereiten, dass dem Jugendlichen fachärztliche bzw. psychotherapeutische
Hilfen angeboten werden.“ Prof. Schulte-Körne.
Hilfe für Eltern
Im Einzelfall ist das Leben mit einem depressiven Kind oder Jugendlichen für
die Eltern schwer auszuhalten. Es kostet viel Kraft und Nerven, immer wieder
Geduld zu haben, Mut zu machen, aufzubauen, positive gegen negative
Gedanken zu setzen, ungezählte Versuche zu unternehmen, Apathie und
Antriebslosigkeit aufzubrechen.
„Um mit dieser Problematik fertig zu werden, sollten Eltern entlastet werden,
indem ihnen Unterstützung angeboten wird, zum Beispiel im Rahmen der
psychotherapeutischen Behandlung des Kindes. Zusätzlich kann durch Besuch
einer Elterngruppe Entlastung geschaffen werden, da Eltern erleben, wie es
anderen Eltern geht und sehen, dass sie nicht allein mit ihrem Problem sind.
Auch bietet dieses therapeutische Angebot den Eltern die Möglichkeit,
Strategien zu lernen, wie sie ihr Kind zuhause unterstützen zu können.“ Prof.
Schulte-Körne.
Beschäftigung mit dem Tod
Im Rahmen einer normalen Pubertätsentwicklung beschäftigen sich
Jugendliche teilweise intensiv mit dem Thema Tod und der Endlichkeit des
eigenen Lebens.
„Da sich Gedanken an einen möglichen Selbstmord wie auch
Selbstmordversuche häufig aus einer depressiven Episode heraus entwickeln
können, sollte man im Gespräche zu diesem Thema Gesprächsbereitschaft
signalisieren und das Gespräch auch suchen.“ Prof. Schulte-Körne.
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Schlüsselfragen sind:
• Bist du in einer Situation oder hast du dich schon einmal in einer
Situation befunden, die du als ausweglos erlebt hast?
• Hast du schon überlegt, wie du damit umgehst?
• Hast du schon mal an Selbstmord gedacht?
Wichtig: Die Gefahr eines Suizides kann nur durch eine fachärztliche
Untersuchung beurteilt werden, daher ist bei lebensmüden Gedanken
unbedingt der Kontakt zum Kinder- und Jugendpsychiater zu suchen.
Prävention der Depression bei Kindern
Die Folgen der Depression für die Kinder und Jugendlichen sind vielfältig. Oft
geht die Störung mit schulischen Problemen einher, die Kinder erreichen einen
niedrigen Schulabschluss, haben ein erhöhtes Risiko, weiter psychische
Erkrankungen zu entwickeln. Daher ist es wichtig, möglichst frühzeitig eine
depressive Entwicklung zu erkennen.
Aktuelle Studie: Früherkennung
Im Rahmen von Studien am Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie der LMU München wurden mit Unterstützung des Bayerischen
Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit zwei Verfahren entwickelt, die es
dem niedergelassen Hausarzt und Kinderarzt ermöglichen, depressive
Entwicklung frühzeitig zu erkennen.
Es sind der sogenannte CHILD-S und der DesTeen. Dabei handelt es sich um
kurze Fragebögen, die es erlauben, eine erste Einschätzung vorzunehmen, ob
eine depressive Episode vorliegt oder nicht. Der Child-S hat nur acht Fragen ist
für Kinder von 9-12 Jahren geeignet, der DesTeen beinhaltet 14 Fragen für
Kinder zwischen 13 und 16 Jahren.
Für Interessierte:
Interessierte Praktiker können die beiden Screeninginstrumente kostenlos über
die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und
Psychotherapie per Mail an das Forschungssekretariat (Frau Rupprecht)
anfordern: [email protected] .
Frühe Hilfe von Freunden
Um der Stigmatisierung psychischer Erkrankung zu begegnen und
insbesondere über depressive Störungen aufzuklären, wurde in einem
Modellprojekt in München und in den angrenzenden Landkreise in Haupt- und
Realschulen sowie Gymnasien untersucht, wie man durch Information die
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Schwelle für Jugendliche erniedrigen kann, sich bei einer drohenden
depressiven Entwicklung Hilfe zu suchen und wie kann man sich gegenseitig
stärkt.
Broschüre „Paul ganz unten“
Anhand der für das Jugendalter ansprechenden Broschüre „Paul ganz unten“
wird eine Geschichte von Jugendlichen erzählt, die bereits depressiv erkrankt
waren und aktuell sind. Die Geschichte spielt in einer größeren Gruppe von
Jugendlichen und zeigt Wege auf, wie Jugendliche die Erkrankung erleben, wie
die Umwelt darauf reagiert und wie professionelle Hilfe aussieht. “Paul ganz
unten“ wurde an über 600 Neuntklässlern aus Hauptschulen, Realschulen und
Gymnasien in München Stadt und Land mit Unterstützung von
Gesund.Leben.Bayern evaluiert. Schülerinnen und Schüler aller Schulformen
konnten von der Broschüre profitieren und ihr Wissen zu Depression signifikant
steigern. Dieser Effekt war auch einen Monat später noch nachweisbar.
Außerdem wurde die Broschüre von den Schülern sehr gut angenommen und
als hilfreich eingeschätzt, um sich mit dem Thema Depression besser
auszukennen. Die Aufklärungsbroschüre kann somit einen Beitrag dazu leisten,
Hürden auf dem Weg in eine Behandlung abzubauen und Stigmata gegenüber
Betroffenen zu verringern.
Da die Broschüre nachgewiesenermaßen wirksam ist in der Wissensvermittlung
und eine hohe Akzeptanz in der Zielgruppe besitzt, ist eine Verbreitung in den
weiterführenden Schulen Bayerns wünschenswert.
Hilfe für Familien – PRODO
PRODO ist ein familienbasiertes Präventionsprogramm zur Reduktion des
Erkrankungsrisikos für eine depressive Störung und zur Verbesserung von
psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Einer der wichtigsten
Risikofaktoren für das Auftreten einer depressiven Störung ist das Vorliegen
einer depressiven Störung eines Elternteils. Kinder und Jugendliche, bei denen
mindestens ein Elternteil an einer depressiven Störung erkrankt ist, weisen ein
zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko auf, selbst an einer depressiven Störung zu
erkranken - gegenüber Kindern und Jugendlichen, deren Eltern nicht depressiv
sind.
Zwölf Sitzungen à 90 Minuten
Das Programm ist für vier bis fünf Familien gestaltet und besteht aus zwölf
Sitzungen, die jeweils 90 Minuten dauern. An manchen Sitzungen nehmen
Eltern und Kinder zusammen teil, während andere getrennt durchgeführt
werden. Hauptbestandteile des Programms sind Edukation über Depression,
Verbesserung der Bewältigungsstrategien des Kindes und Verbesserung der
Erziehungsfähigkeiten des Elternteils.
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Probanden gesucht!
Mit Unterstützung von Gesund.Leben.Bayern wird das Präventionsprogramm
hinsichtlich seiner Wirksamkeit untersucht. PRODO richtet sich an Familien mit
mindestens einem Elternteil, der an einer depressiven Episode erkrankt ist
(oder war, seit Geburt des Kindes). Die teilnehmenden Kinder sollten zwischen
8 und 17 Jahre alt und weder aktuell noch jemals an einer depressiven Störung
erkrankt oder deswegen in Behandlung gewesen sein. Sollten Sie Fragen zu
der Studie haben, oder bei Interesse an einer Teilnahme der Studie, können
Sie sich gerne wenden an: Dr. Belinda Platt Telefon: 089 - 4400 56932. Email:
[email protected]
Die PRODO-Studie wird von Hape Kerkeling unterstützt.
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