Gesundheitsgespräch
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -allergien
Sendedatum: 13.06.2015
Experte: Prof. Dr. med. Sibylle Koletzko, Abteilungsleiterin
Gastroenterologie, Dr. von Haunersches Kinderspital,
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, München
Autorin: Beate Beheim-Schwarzbach
Unverträglichkeit und Allergie
Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien können ganz
unterschiedlich ausgeprägt sein und sich stark unterscheiden, betroffen
sind meistens Haut, Atemwege oder der Verdauungstrakt. Die
Beschwerden reichen von einfachem Bauchgrummeln über Hautjucken
bis zum Zuschwellen der Atemwege oder einem schweren
Asthmaanfall.
Unterschied zwischen Unverträglichkeit und Allergie
Auch wenn sich die körperlichen Symptome gleichen, im Gegensatz zur
Nahrungsmittelunverträglichkeit ist bei einer Nahrungsmittelallergie
immer nachweisbar das Immunsystem beteiligt.
Außerdem kann eine Unverträglichkeit bereits beim ersten Kontakt
auftreten, die Allergie manchmal erst beim zweiten Mal oder
irgendwann im Laufe des Lebens.
Bekannte Auslöser von Nahrungsmittelunverträglichkeit sind
Lebensmittelzusatzstoffe und Acetylsalicylsäure (ASS).
Nahrungsmittelunverträglichkeit:
Laktoseintoleranz und Weizenintoleranz
Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Intoleranz ist der Oberbegriff
dafür, dass man ein bestimmtes Lebensmittel nicht verträgt. Damit wird
nichts über den Mechanismus ausgesagt, der im Körper abläuft,
sondern nur festgestellt, dass Beschwerden auftreten. Einer
Nahrungsmittelunverträglichkeit nach Genuss eines Fisch- oder
Pilzgerichts kann auch eine Nahrungsmittelvergiftung zugrunde liegen.
Milchzuckerunverträglichkeit
Das bekannteste Beispiel für Nahrungsmittelunverträglichkeit ist die
Laktoseintoleranz. Wer davon betroffen ist, verträgt keinen Milchzucker,
reagiert also auf Milch und Milchprodukte mit Blähungen, Bauchweh
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und / oder Durchfall. Die Ursache dafür ist ein genetisch bedingter
Enzymdefekt:
Prof. Sibylle Koletzko: „Auf den Zotten der Dünndarmschleimhaut sitzt
ein Enzym, das den Zweifachzucker Laktose in die beiden
Einfachzucker Traubenzucker (Glukose) und Galaktose spaltet.
Funktioniert diese Spaltung nicht, dann löst die Laktose im Dickdarm
Gärungsprozesse aus.“
Bauchschmerzen bei Laktoseintoleranz
Ungefähr ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist von
Laktoseintoleranz betroffen, in vielen Fällen löst sie nur Bauchweh bei
Genuss größerer Mengen von Milchprodukten aus.
Placeboeffekt bei Nahrungsmittelunverträglichkeit
Manchmal glauben Kinder im Schulalter, eine Allergie auf Zucker zu
haben, sogar davon erbrechen müssen. Gibt man ihnen jedoch wie in
einer Doppelt-Blindstudie ohne nähere Angaben Kuchen mit
Fruchtzucker und solchen mit normalem Kochzucker, dann vertragen
sie womöglich beides. Das heißt, die Patienten haben Angst, sie
könnten nach Verzehr von Kochzucker erbrechen, und genau das
passiert dann. Vermutlich handelt es sich dabei um eine erlernte
psychosomatische Reaktion.
Weizenunverträglichkeit
In den USA klagen derzeit vermehrt Patienten über
Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen und Impotenz, Verstopfung
oder Durchfall und sind überzeugt, die Ursache sei ihre
Weizenunverträglichkeit (keine Zöliakie). Sie greifen zu teuren,
weizenfreien Produkten und haben den Eindruck, dass sie helfen. Doch
eine wissenschaftliche Diagnose dafür gibt es in den meisten Fällen
nicht. Auch hier greift der Placeboeffekt.
Nahrungsmittelallergie: Wenn die IgE-Antikörper auftauchen
Eine Lebensmittelallergie richtet sich immer gegen Eiweißstoffe, dabei
bildet das Immunsystem Antikörper oder Abwehrzellen gegen diese
eigentlich ungefährliche Substanz. Eine erbliche Veranlagung für
Allergie liegt häufig, aber nicht immer vor. Die Reaktionen können ganz
unspezifisch sein und reichen von Durchfall über Erbrechen und
Hautausschlag bis zu Asthma. Das Tückische dabei ist: Die Symptome
einer Allergie können denen einer Unverträglichkeit sehr ähnlich sein.
Ausbreitung von Nahrungsmittelallergien
Ob Nahrungsmittelallergien zunehmen, oder nicht, kann man nicht mit
Sicherheit sagen, denn ihre Diagnose ist sehr schwierig. Reagieren z.B.
zwei Patienten auf Milch mit Bauchweh und Durchfall, dann kann das
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bei dem Einem mit der Unverträglichkeit von Milchzucker
zusammenhängen, während der andere auf das Milcheiweiß allergisch
ist. Schätzungen zufolge leiden in den Industriestaaten etwa drei bis
sechs Prozent der Kinder an einer Nahrungsmittelallergie und zwei bis
vier Prozent der Erwachsenen.
Nahrungsmittelallergien bei Kindern
Bei Kindern sind Milch und Ei die häufigsten NahrungsmittelallergieAuslöser, beide Allergien können sich auswachsen. Das heißt, die
Kinder entwickeln im Laufe der Jahre eine immunologische Toleranz
dagegen. Warum jemand zunächst eine Allergie und dann wieder eine
Toleranz entwickelt oder nicht, ist unbekannt.
Immer mehr Ältere
Wissenschaftlicher beobachten, dass zunehmend mehr ältere
Menschen an Nahrungsmittelallergien erkranken. Die Ursachen
- das Immunsystem wird im Alter weniger tolerant
- die Menschen werden immer älter und erleben diese Phase eher als
früher
Rolle des Immunsystems
Nahrungsmittelallergien werden durch eine fehlgeleitete Immunreaktion
ausgelöst, bei der sich im Kontakt mit dem allergieauslösenden
Stoff oft sogenannte IgE-Antikörper (Immunglobulin E) bilden.
Bei diesen Typ I-Allergikern reagiert der Körper sofort, d.h. innerhalb
von ein bis zwei Stunden, nachdem man ein bestimmtes
Nahrungsmittel gegessen hat, in den restlichen Fällen erst
zeitverzögert.
Unterschiedliche Symptome
Häufige Symptome einer Nahrungsmittelallergie zeigen sich vor allem
an der Haut in Form von Jucken, Schwellen und Quaddeln (Urtikaria).
Betroffen sein können auch die Schleimhäute im Mund, an Augen oder
Lippen. Neurodermitis-Patienten können auf den Verzehr des Allergie
auslösenden Nahrungsmittels mit Jucken der entzündeten Haut
reagieren.
Auslöser einer Nahrungsmittelallergie
Auslöser für Lebensmittelallergien können einzelne Gewürze in
Nahrungsmitteln genauso sein wie exotische Früchte (Kiwis).
Außerdem kann sich bei manchen Menschen das Immunsystem in den
ersten Lebensjahren anders entwickeln, als bei anderen, dann treten
zehn oder 20 Jahre später Allergien auf. Manche Lebensmittel ändern
ihre Allergenität auch durch Erhitzen: So lösen z.B. geröstete Erdnüsse
häufiger Allergien aus als rohe. Oder stark erhitzte Milch wird von
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einigen Patienten vertragen, aber nicht erhitzte Milch löst Reaktionen
aus.
Mögliche Kreuzreaktionen
Mit diesem Begriff wird zweierlei beschrieben:
- Allergie gegenüber z.B. Kuh- und Ziegenmilch:
Allergiker, die sowohl auf Kuh- als auch auf Ziegenmilch reagieren, gibt
es häufig. Der Grund: 90 Prozent der Eiweiße sind identisch. Die
Überlappung zu Schafmilch ist nicht so groß, aber auch möglich.
- Pollenallergiker sind empfindlich gegenüber bestimmten
Nahrungsmitteln.
Heuschnupfen-Patienten können auch auf bestimmte Nahrungsmittel
wie zum Beispiel Äpfel, Nüsse oder Sellerie reagieren, vor allem im
rohen Zustand. Sie spüren dann oft ein Jucken oder Brennen im Mund.
Diagnose: Pricktest auf Antikörper
Allergiker sind vor allem daran interessiert, herauszufinden, worauf sie
reagieren, und dieses Nahrungsmittel dann weg zu lassen, so dass sich
die Symptome bessern. Doch diese Suche kann langwierig sein.
Bekannt ist, dass 80 bis 90 Prozent der Lebensmittelallergien von
einem knappen Dutzend Auslöser verursacht werden.
Prof. Sibylle Koletzko: „Bei Kindern sind das Milchprodukte
(Milcheiweiß), Ei, Weizen, Soja, Nüsse und Erdnüsse. Bei Jugendlichen
und Erwachsenen kommen Fisch oder Schalentiere dazu.“
Ein Puzzleteil: Der Pricktest
Bei diesem Test misst man die Antikörper (Immunglobulin E) (IgE), die
das Immunsystem gebildet hat. Da aber nicht alle
Nahrungsmittelallergiker IgE bilden, ist möglicherweise kein Ergebnis
feststellbar, doch der Patient hat trotzdem eine Lebensmittelallergie.
Umgekehrt haben viele Kinder messbare IgE-Werte auf Nahrungsmittel,
doch nur wenige zeigen eine klinische Reaktion. Ihr Körper ist also zwar
messbar sensibilisiert, reagiert aber nicht mit Beschwerden.
Diätphase und Belastungstest
Nur indem man als Auslöser verdächtige Nahrungsmittel weglässt und
kontrolliert, ob Beschwerden verschwinden oder sich bessern, kann
man den Verdacht erhärten. Um die Diagnose zu sichern, führt man in
der Regel einen Belastungstest durch, um eine allergische Reaktion
nachzuweisen. Dabei wird Patienten das in Frage kommende
Nahrungsmittel bewusst verabreicht. Um dabei Gefahren
auszuschließen, wird mit sehr kleinen Mengen begonnen und nur unter
ärztliche Aufsicht durchgeführt.
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Prof. Koletzko: “Auch beim Belastungstest reagieren manche Patienten
mit dem Placebo-Effekt. Sie haben Angst vor der Reaktion und sofort
wird ihnen schlecht, sie bekommen Durchfall oder die Haut blüht.
Deswegen empfehlen wir bei unklaren Reaktion bei Schulkindern und
Erwachsenen, dass die Allergene (z.B. Milcheiweiß oder Hühnerei)
beim Belastungstest verblindet, d.h. gemischt mit einem verträglichen
Nahrungsmittel gegeben werden.“
Therapie: Hypo-Sensibilisierung als Behandlung
Medikamente gegen Allergien gibt es so nicht, die einzig bekannte
wirksame Therapie läuft über Weglassen von Nahrungsmitteln.
Allerdings versuchen Mediziner, ähnlich wie beim Heuschnupfen, das
Immunsystem der Patienten zu programmieren. Dabei erhalten
Allergiker kleinste Mengen der Allergene in steigender Dosierung.
Hypo-Sensibilisierung kann wirken
Bei einer Hypo-Sensibilisierung wird der Patienten bewusst und unter
ärztlicher Aufsicht dem allergieauslösenden Stoff ausgesetzt. Manche
Patienten reagieren dabei schon beim Verzehr kleinster Mengen heftig,
dann muss man die Hypo-Sensibilisierung sofort abbrechen. Andere
vertragen nach einer Weile z.B. eine ganze Erdnuss und nicht nur ein
kleines Stückchen. Das Problem dabei ist, die Behandlung darf nicht
unterbrochen werden, sonst muss man wieder von vorne anfangen.
Wichtig: Zum Spezialisten gehen
Diese Therapie darf nur von sehr erfahrenen Ärzten durchgeführt
werden.
Säuglinge mit Proteinallergie
Um Säuglinge mit Verdacht auf Kuhmilchproteinallergie (KMPA) zu
behandeln, raten Wissenschaftler zu ärztlich verordneter Diätnahrung,
die normales Wachstum möglich macht. Die Prognose für solche
Säuglinge ist gut: Etwa 75 Prozent der betroffenen Kinder entwickeln
bereits mit zwei Jahren eine Toleranz, 90 Prozent bis zum Schulalter.
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