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Text-Nummer: 0014
Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): KulturUmfang des Textes in Zeichen: 7967
Verfasser(in): Wilfried Armonies / Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: WA/CK
Originaltitel: Sati(e)risches von Michael Sowa. Der Maler Michael Sowa erhielt in diesem Jahr
den Olaf Gulbransson Preis
Copyright: Wilfried Armonies / Christian Kupke
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Diskussion/Leserbriefe:
Wilfried Armonies / Christian Kupke
Sati(e)risches von Michael Sowa
Der Maler Michael Sowa erhielt in diesem Jahr den Olaf Gulbransson Preis
Im alltäglichen Umgang miteinander pflegen die Menschen zumeist nicht zimperlich zu sein. In
bosartiger oder aber auch in liebevoller Absicht vergleichen sie sich selbst gelegentlich mit Tieren,
haben den einen in Verdacht, wie ein "aufgeblasener Gockel" oder wie ein "aufgescheuchtes Huhn"
umherzulaufen, während sie einem anderen vorwerfen, eine "alte Assel" oder ein "dummer Hornochse", ein "alter Brummbär" oder eine "eingebildete Ziege" zu sein. Die vielfältigen Phrasen und
Redensarten, der sich der einzelne auf solche Weise bedient, haben in der karikaturistischen Kunst
immer wieder ihren Niederschlag gefunden: Indem der Karikaturist den bildlichen Gehalt solcher
Redensarten "beim Wort" nimmt, attribuiert er der Person oder der Personengruppe, der sein Spott
gilt, tierische Merkmale und kann auf diese Weise einen Bilderwitz erzeugen, der sich sowohl in
konkreten politischen Auseinandersetzungen als auch zum Zwecke allgemeiner Kultur- oder
Zivilisationskritik effektvoll einsetzen läßt.
Auch die Bilder des mittlerweile einem größeren Publikum bekannt gewordenen Berliner
Malers Michael Sowa haben nicht selten einen derartigen alltagskritischen und karikaturistischen
Hintergrund. So wie in der Karikatur die jeweilige Phrase ernst genommen, die zeitweilige
Koinzidenz von menschlicher und tierischer Gestalt ins Bildliche verkehrt wird, so hantiert in
gleicher Weise Michael Sowa in vielen seiner Arbeiten mit dem immer wieder überraschenden
Mittel, die vom einzelnen in solch übertragener Redeweise beschworene - gefürchtete oder aber
auch gesuchte - Nähe zum Animalischen anhand einer unmittelbaren, malerischen Identifikation
von Mensch und Tier zu verdeutlichen.
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Diese Identifikation hat zunächst, wie alle bildliche Verschmelzung von Gegensätzen,
einen gewissen Witz, einen Witz, der hier aus der gespannten und spannungsreichen Doppelung
entsteht, in der der Rezipient das Dargestellte einmal im buchstäblichen, dann aber auch wieder im
übertragenen Sinne verstehen kann. Wenn in dem Bild "Schweine raus aus Dödensted" (1988) die
Bauern ihre Schweine aus dem Dorf jagen, so wird dem Betrachter auf der buchstäblichen Ebene
die Widersinnigkeit einer derartigen Handlung unmittelbar bewußt: Die Bauern entledigen sich auf
diese Weise ihrer wichtigsten Produktionsgrundlage. Aber diese Widersinnigkeit teilt sich mittelbar
auch der zweiten, der figurativen Ebene mit, sobald die Schweine nicht mehr nur als Schweine, sondern auch als Menschen identifiziert werden. Hier versteht man: Die als "Schweine" titulierten
Mitglieder eines Gemeinwesens - das können Ausländer, Minoritäten oder Randgruppen sein gehören diesem Gemeinwesen selbst an; sie sind ein Teil derjenigen produktiven Grundlage, ohne
den eine Gesellschaft nicht existieren könnte.
Andererseits aber gehören sie zu dieser Gesellschaft - das macht den Sarkasmus dieses
Bildes aus - gerade so wie die Schweine zu ihren Bauern. Weit davon entfernt, tatsächlich anerkannt oder geachtet zu sein, ist es lediglich ihr jeweiliger ökonomischer oder kultureller Nutzwert,
ihre "Schweinsart", der zufolge sie, wenn überhaupt, "gehegt" und "gepflegt" werden. Das ist die eigentliche, die tiefe Ironie des Bildes, durch die sich der Maler, der 1985 anläßlich des Berliner
Wahlkampfes an einer Plakataktion der AL teilnahm, nicht nur generell als zeitkritischer Künstler,
sondern auch als tagespolitischer Satiriker erweist (vgl. bspw. "Berlin tut gut", 1985, "Kohl
verpackt den Reichstag", 1993 und "Grüße aus der Hauptstadt", 1994).
Jedoch nicht immer und im Grunde auch seltener, als man vermuten würde, haben die Bilder
Michael Sowas einen in diesem Sinne durchschaubaren Witz. Zwar sind die karikaturistischen
Momente, die einen solchen Witz erzeugen, in seinen Arbeiten unverkennbar: das Verzerren und
Verzeichnen von Körper- und Raumgestalten und die an die Form des Comics erinnernden
Hinweisschilder und Sprechblasen (in Arbeiten wie "Die Toscana-Therapie", 1989, "Stille Nacht",
1993 und "Dieser Witz war in Dänemark ein Riesenerfolg", 1994). Aber wer geglaubt haben sollte,
der künstlerische Aufwand klassischer Maltechniken lohne sich nicht, um lediglich witzige, komische oder humoristische Effekte zu produzieren, wird bei genauerem Betrachten dieser Bilder eines
Besseren belehrt.
Denn die Komik vieler der genannten Arbeiten beruht im Gegenteil gerade darauf, das
Erbauliche romantisch-phantastischer Motive und Landschaften in den Niederungen menschlich-allzumenschlicher Verrichtungen aufgehen und umgekehrt das nicht selten Kindische, weniger
Erbauliche dieser Verrichtungen an der Seriösität der künstlerischen Form stranden zu lassen. Eben
deshalb aber sind die Bilder Sowas, auch wenn man noch so herzlich über sie lachen kann, durchaus
ernst zu nehmen. Sie sind Parodien der hohen Kunst auf die hohe Kunst, keine karikaturistischen,
comic- oder cartoonartigen Zeichnungen, sondern, was immer wieder beobachtet worden ist,
vollkommen eigenständige, dem Darstellungsideal naturalistischer Kunstwerke verpflichtete
Gemälde (vgl. bspw. "Köhlers Schwein", 1986, "Sommernacht", 1991 und "Der Beweis", 1995).
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Lediglich bei der Darstellung anatomischer Details leistet sich deshalb der Künstler, im
Sinne seines parodistischen Anspruchs, gelegentlich eigenwillige und subtile Freiheiten. Ausgehend
von dem für seine Bildideen bestimmend gewordenen Gegensatz von Menschlichem und
Tierischem läßt er - den Betrachter gleichsam überrumpelnd und übertölpelnd - hie und da die
Größenverhältnisse zwischen Mensch und Tier in ihr Gegenteil umkippen, dichtet Tieren
menschliche und sonstige "artfremde" Merkmale an oder stattet - gerade umgekehrt - Menschen mit
tierischen Attributen aus (vgl. "Frohe Ostern", 1988, "Umzug", 1979/91, "Gegen den Strom",
1994). Diese anatomischen Ver-rücktheiten, dieses Sati(e)rische macht das eigentlich Komische der
Sowaschen Kunst aus; es verschafft ihr jenen eindringlichen Zug ins Parodistische, durch den sie
sich auch einem weniger kunstsachverständigen Betrachter augenblicklich zu entschlüsseln vermag.
Die künstlerische Arbeit Michael Sowas kann man daher zurecht als eine satirisch-parodistische
Kunst bezeichnen. Aber eben deshalb liegt ihr auch eine so eigenwillige Bildform wie die der
Travestie nicht fern (die mit der Parodie eng verwandt, aber ihr in gewisser Weise auch
entgegengesetzt ist). In seinem 1992 entstandenen Bild "Böcklins 6. Fassung" - mit welchem er sich
auf Böcklins bekanntes, um 1880 entstandenes und in fünf Fassungen überliefertes Werk "Die
Toteninsel" bezieht - nutzt der Künstler in souveräner Weise noch einmal sowohl die seriöse
Technik einer Mimesis an die hohe Kunst als auch die komische Technik des Buchstäblichnehmens
ihrer Metaphern: Indem er das Schiff kentern läßt, das bei Böcklin, einer alten mythologischen
Tradition folgend, den Übergang vom Reich der Lebenden in das Reich der Toten symbolisiert,
ertränkt er nicht nur die Spannung, mit welcher sich eine solche - überhöhte und aus ihrer eigenen
Höhe herabstürzende Kunst - dem nüchternen Todesbewußtsein ihrer Zeit entgegenzustemmen
suchte. Er läßt auch die eigentümliche Hohlform dieser Metapher gleich mit über Bord gehen.
Auf diese Weise nutzt er die alten Maltechniken, und doch ironisiert er sie zugleich. Er läßt
ihnen, auf der Ebene der Form, Gerechtigkeit widerfahren und setzt sie doch im selben Atemzug,
indem er ihre Bildaussagen verkehrt, ja ver-rückt erscheinen läßt, ins Unrecht. Das ist vielleicht das
Geheimnis ihrer Wirkung, aber sicherlich auch das offen Vorliegende, das Offen-Sichtliche dieser
Kunst.
Von Michael Sowa sind folgende Bildbände erschienen: Michael Sowa, Suppenschwein,
Haffmanns Verlag Zürich 1992; und: Olaf Gulbransson Preis 1995 - Michael Sowa, Edition Inkognito Berlin 1995.
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