Ursache der „Weizensensitivität“

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Nicht Zöliakie, nicht Weizenallergie
Ursache der „Weizensensitivität“ ist nicht das Gluten – „glutenfrei“ hilft trotzdem
Berlin, Juni 2015 – Treten nach dem Genuss getreidehaltiger Speisen Bauchschmerzen und andere
Beschwerden auf, deutet das nicht immer auf eine Zöliakie oder auf eine Allergie gegen
Weizenbestandteile hin. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und
Stoffwechselkrankheiten (DGVS) weist auf eine dritte, weniger bekannte Störung hin, die dazu
führen kann, dass Betroffene keine Getreideprodukte vertragen. Bessern sich unklare
Beschwerden unter glutenfreier Diät, sei die Weizensensitivität als mögliche Erklärung in Betracht
zu ziehen, so die Experten der Fachgesellschaft. Wahrscheinliche Ursache der Erkrankung sind
Eiweißstoffe, die wie Gluten in Weizen, Gerste und Roggen vorkommen. Für über 90 Prozent der
Bevölkerung sei der Verzehr von Weizen jedoch unschädlich, betont die DGVS.
„Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs, sind natürliche Eiweiße in Getreide, die bestimme Zellen des
angeborenen Immunsystems aktivieren“, erklärt Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan,
Leiter des Instituts für Translationale Immunologie und der Ambulanz für Zöliakie und
Dünndarmerkrankungen am Universitätsklinikum Mainz. Bei Menschen, die an einer
Weizensensitivität leiden, führen die freigesetzten Entzündungsstoffe mitunter zu Bauchschmerzen
oder Durchfällen.
Wie Schuppan und Kollegen in einer aktuellen Sonderausgabe des Fachmagazins „Gastroenterology“
zur Rolle der Ernährung bei immunologischen gastrointestinalen Erkrankungen erläutern, treten
insbesondere auch Beschwerden außerhalb des Magen-Darm-Traktes auf. So können zum Beispiel
Kopfschmerzen, Migräne, chronische Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen auf den Verzehr
glutenhaltiger Nahrungsmittel zurückgehen. Besonders schwer könnte die Weizensensitivität
Menschen mit bereits bestehenden chronischen Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen
betreffen. „In tierexperimentellen Studien verstärken ATIs durch die Aktivierung angeborener
Immunzellen bestehende Entzündungs- und Autoimmunreaktionen“, erläutert Schuppan, der in
Mainz und an der US-amerikanischen Harvard-Universität die Rolle der ATIs bei der
Weizensensitivität untersucht. Es gebe hier deutliche Hinweise darauf, dass sich Symptome von
Krankheiten wie Multiple Sklerose oder einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung durch diese
Weizenproteine verstärken.
Menschen, die vermuten, dass sie Weizen, Roggen oder Gerste nicht vertragen, sollten sich einer
gründlichen Diagnostik unterziehen, empfiehlt die DGVS. Derzeit erfolgt die Diagnose der
Weizensensitivität nach dem Ausschlussprinzip: Können Ärzte eine Zöliakie, eine Weizenallergie und
bestimmte andere Erkrankungen als Ursache der Beschwerden ausschließen, ist eine
Weizensensitivität wahrscheinlich. Allen drei Patientengruppen gemein ist, dass sie von einer
glutenfreien Diät profitieren. Denn wer an einer Weizensensitivität leidet, vermeidet mit dem
Verzicht auf Gluten gleichzeitig auch die problematischen ATIs. „Anders als bei Zöliakie ist bei einer
Weizensensitivität eine strikte Diät nicht nötig“, erläutert Schuppan. Damit die Symptome
verschwinden, reiche wahrscheinlich eine Reduktion gluten- und damit ATI-haltiger Lebensmittel um
etwa 90 Prozent.
ATIs dienen der Pflanze unter anderem zum Schutz vor Schädlingen. Einige ältere Getreide wie zum
Beispiel Dinkel, aber auch einige moderne Sorten können um etwa 50 Prozent weniger ATIs
enthalten als andere moderne Sorten. Inwieweit verschiedene Weizensorten, unter anderem unter
unterschiedlichen Anbau- und Verarbeitungsbedingungen, ATIs enthalten, ist derzeit Gegenstand
eines interdisziplinären Forschungsprojektes.
Für den Großteil der Bevölkerung sei eine weizenfreie Ernährung weder besonders gesund noch
schädlich, ist Schuppan überzeugt. Unabhängig von dem Trend zur glutenfreien Ernährung sollten
Ärzte jene Patienten, die nach dem Verzehr von Weizen echte Krankheitssymptome entwickeln,
ernst nehmen und sie bei der Ursachenforschung unterstützen. Der Experte ist zuversichtlich, dass
die Diagnose der Weizensensitivität künftig einfacher wird. „Wir hoffen auf einen Serumtest, der
gerade in der Entwicklung ist“, berichtet Schuppan, der gemeinsam mit seinem Kollegen Professor
Dr. med. Andreas Stallmach aus Jena die 2014 erschienene DGVS-Leitlinie „Zöliakie, Weizenallergie
und Weizensensitivität“ koordiniert hat.
Literatur:
Nonceliac gluten sensitivity.
Fasano A, Sapone A, Zevallos V, Schuppan D
Gastroenterology. 2015 May;148(6):1195-204.
Food, the Immune System, and the Gastrointestinal Tract , Herausgeber: D. Schuppan und D. Corley
Non-celiac wheat sensitivity: Differential diagnosis, triggers and implications
Schuppan D, Pickert G, Ashfaq-Khan M, Zevallos V
Best Practice & Research Clinical Gastroenterology, June 2015, Vol. 29, Issue 3, p469–476
How the Diagnosis of Non-Celiac Gluten Sensitivity (NCGS) Should Be Confirmed: The Salerno Experts’ Criteria
(Salerno Konsensuskonferenz 10/2014 zur Gluten (Weizen)-Sensitivität)
Catassi C et al.
Nutrients 2015, in Druck
DGVS-Leitlinie zur Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität:
http://www.dgvs.de/leitlinien/zoeliakie/
Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wurde 1913 als
wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Heute vereint sie mehr als 5.000 Ärzte
und Wissenschaftler aus der Gastroenterologie unter einem Dach. Die DGVS fördert sehr erfolgreich wissenschaftliche
Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und Fortbildungen und unterstützt aktiv den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Ein besonderes Anliegen ist der DGVS die Entwicklung von Standards und Behandlungsleitlinien für die Diagnostik und
Therapie von Erkrankungen der Verdauungsorgane – zum Wohle des Patienten.
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