BTOrig.doc
Veröffentlichung am: 10.10.2007
Werner Grundmann
Berlin, den 04.10.2007
Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung
Gliederung
0.
Vorbemerkungen (S. 2)
1.
Einleitung (S. 2)
2.
Hauptthese (S. 5)
3.
Ökonomische Verhaltensweisen (S. 7)
4.
4.1.
4.2.
4.3.
Zur historischen Entwicklung der Ökonomie (S. 13)
Zur gespaltenen Entwicklung der Ökonomie (S. 13)
Zur Entwicklung der neuzeitlichen ökonomischen Wissenschaften (S. 24)
Zur fragwürdigen Dominanz des Wirtschaftlichen (S. 28)
5.
Zum Staat als Herrschafts- und Bereicherungsinstrument
insbesondere über die Natur (S. 38)
6.
6.1.
6.2.
6.3.
6.4.
6.5.
Zum Kapitalismus als Gesellschaftssystem (S. 40)
Zu den Erkenntnissen von Marx, Engels und Lenin (S. 40)
Zum Kapitalismus als Bereicherungssystem (S. 45)
Naturwissenschaftliche Aspekte spätkapitalistischer Entwicklung (S. 49)
Ein neues dialektisches Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung? (S. 53)
Anforderungen an die nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung (S. 55)
7.
Zur Problematik der Ablösung des kapitalistischen Gesellschaftssystems (S. 57)
7.1. Zur notwendigen Ablösung des Kapitalismus als System (S. 57)
7.2. Zur Dominanz des Ökologischen gegenüber dem Sozialen bei der Ablösung
des kapitalistischen Gesellschaftssystems (S. 59)
7.3. Zum Versuch der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus (S. 61)
7.4. Zur notwendigen Verdrängung der Privatökonomie durch die
Gemeinschaftsökonomie (S. 63)
7.5. Zum Kommunismusbegriff (S. 68)
8. Schlussbemerkungen (S. 69)
2
0. Vorbemerkungen
Die „Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“1 sollen
beitragen, die zwingende Notwendigkeit und die Möglichkeit insbesondere der
schrittweisen Ablösung des kapitalistischen Gesellschaftssystems durch eine
weltweite Gemeinschaftsordnung generell wissenschaftlich zu begründen. Zum
Erreichen dieses Ziel erwies es sich u. a. als erforderlich,
- bisher unzureichend genutzte Erkenntnisse von Karl Marx und Friedrich
Engels zu berücksichtigen und sie in einen übergreifenden Zusammenhang
einzuordnen,
- die unter den Marxisten verbreitete These abzuweisen, Marx habe „den
Kapitalismus als gesellschaftlich-ökonomische Formation erschöpfend
analysiert“2,
- die Identität von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit zu widerlegen,
- das kapitalistische System als selbstzerstörerisch nachzuweisen,
- die zu schaffende nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung als eine
ökonomische Formation neuer Qualität zu erkennen.
Die generelle Beweiskraft der Berliner Thesen erwächst aus der einheitlichen
ökonomischen Herangehensweise und der wechselseitigen Abstimmung aller
wesentlichen Zusammenhänge, die in die komplexen Betrachtungen einbezogen
wurden. Die Berliner Thesen besitzen lediglich konzeptionellen wissenschaftlichen
Charakter. Mit Hilfe von Anmerkungen wird jedoch versucht, jede einzelne
Thesen zu begründen. Darüber hinaus wurden in die Gesamtheit der Thesen
weithin bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse so eingeordnet und mit den
neuen Erkenntnissen abgestimmt, dass die neuen und die bereits bekannten
Aussagen möglichst eine Einheit bilden.
Die Berliner Thesen sind vor allem an Wissenschaftler und Politiker gerichtet. Alle
interessierten Wissenschaftler werden hiermit aufgefordert, die Thesen
dahingehend zu prüfen, ob sie bestätigt werden können, ergänzt und präzisiert
werden sollen oder gar verworfen werden müssen. Die Thesen sind keinesfalls
Basis für eine neue „wissenschaftliche Weltanschauung“, könnten aber klären
helfen, Falsches an der „einheitlichen Weltanschauung“ des MarxismusLeninismus zu erkennen.
1. Einleitung
Bei der Erarbeitung der Berliner Thesen wurde von einem gegenüber dem
Marxschen Vorgehen erweiterten Zusammenhang ausgegangen. Die komplexere
Betrachtung besteht insbesondere darin, alle Ausbeutergesellschaften zugleich
als Bereicherungsgesellschaften aufzufassen. Dies ermöglicht, neben der
Bereicherung durch Ausbeutung auch die Bereicherung durch die Ausplünderung
und Belastung der Natur in die Untersuchungen einzubeziehen und den
Kapitalismus als Bereicherungs- und Verarmungssystem zu verstehen.
Der Begriff Berliner Thesen verweist lediglich auf den Entstehungsort: auf den
Wissenschaftsstandort Berlin. Die Tätigkeit des Autors in zentralen Berliner
wissenschaftlichen Einrichtungen bis 1989/1990 und danach war sicherlich eine
entscheidende Voraussetzung für die Möglichkeit, die vorliegenden Thesen zu erarbeiten.
1
2
Vgl. Vorwort zu: „Lenin: ‚Ausgewählte Werke in drei Bänden‘, Bd. I“, 7. Aufl. 1970, S. 7
3
Ausbeutung ist zwar die grundlegende Form privater und gesellschaftlicher
Bereicherung; doch weil Bereicherung zu Lasten unserer Lebenswelt möglich ist
und durch Konkurrenz erzwungen wird, weil die Menschen der Dritten Welt zur
Sicherung ihres Überlebens Natur verstärkt verbrauchen und weil die
Lebensweise in den „reichen“ Ländern die eigene Lebenswelt immer mehr
belastet, zerstört die Menschheit tendenziell die eigenen Lebensgrundlagen. In
diesem Sinne wird das Entstehung und Verschärfung der ökologischen Krise als
primär gesellschaftlich bedingt nachgewiesen, woraus sich ableitet, dass nur die
vollständige Ablösung der kapitalistischen Gesellschaftssystems das Überleben
der Menschheit ermöglicht.
An der Verschärfung der ökologischen Krise waren und sind die sozialistischen
Länder wesentlich beteiligt. Die Ursache dafür ist in der primären Ausrichtung auf
die Lösung der sozialen Frage, in der Verdrängung der ökologischen Problematik
und in der Konkurrenz zum kapitalistischen Wirtschaftssystem zu suchen. Heute
zeigt es sich, dass sowohl das forcierte Wirtschaftswachstum unter
kapitalistischen wie auch das Wirtschaften zu Lasten der Natur unter
sozialistischen Bedingungen zur schleichenden Verarmung, Belastung und
Vergiftung unserer gesamten Lebenswelt geführt hat, wodurch die Existenz
unserer Menschheit in den nächsten Jahrzehnten gefährdet werden könnte.
Deshalb darf die Lösung der sozialen Frage weltweit nur in dem Maße
vorangetrieben werden, dass die Existenz der Menschheit gesichert bleibt. Der
einseitig auf die Lösung der sozialen Frage ausgerichtete sozialistische Weg in
Konkurrenz zum kapitalistischen System hat sich als historische Sackgasse
erwiesen!
Auch
unabhängig
von
der
Existenz
und
Konkurrenz
sozialistischer
Volkswirtschaften und Nachfolgestaaten ist jedoch die weltweit vorherrschende
kapitalistische Privatökonomie3 das grundlegende Übel der heutigen Zeit. Aus
ihrer Dominanz resultiert jener Bereicherungsdrang nach Ausbeutung der
Menschen und Ausplünderung der Natur, der die Existenz unserer Menschheit
extrem gefährdet. Um die kapitalistische Gesellschaftsordnung weltweit ablösen
zu können, muss deshalb die Privatökonomie schrittweise durch die
Gemeinschaftsökonomie verdrängt werden.
Gemeinschaftsökonomie im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung wird
nachfolgend als wahre Ökonomie verstanden. Sie kann innerhalb von
Gemeinschaften am besten realisiert werden und ermöglicht ein einheitliches
ökonomisches Denken sowohl in der Produktions- als auch in der Lebensweise.
Weil ökonomisches Verhalten auch zum Verhalten des unbewussten Lebens
gehört,
ist
die
höchste
Form
einer
(hierarchisch
aufgebauten)
Gemeinschaftsordnung jene, die sich in die Gemeinschaft des irdischen Lebens
bewusst einordnet und ökonomisches Verhalten anderer Lebensformen im
gemeinsamen Interesse nutzt. Damit erfüllt die Gemeinschaftsökonomie die
Anforderungen einer Überlebensökonomie!
Die Notwendigkeit rationeller Bedürfnisbefriedigung existierte und existiert –
unabhängig von den Eigentums- und Besitzverhältnissen sowie unabhängig von
Gewinninteressen – für jede Gesellschaft, insbesondere bei der Realisierung von
Der Begriff Privatökonomie wurde zuerst von Friedrich Engels verwandt, der ihn auf die
ökonomischen Wissenschaften seiner Zeit bezog (vgl. „Umrisse zu einer Kritik der
Nationalökonomie“, MEW, Bd. 1, Berlin 1970, S. 499/503).
3
4
solchen Vorhaben, die für die ganze Gesellschaft bedeutsam sind, so z. B. für die
Bildung und Erziehung, für kulturelle Einrichtungen, für den Verkehr sowie die
technische Versorgung und Entsorgung. Diesen Anforderungen wurde über
Jahrhunderte in den Bürgerstädten und auch später in den bürgerlichen und
sozialistischen Staaten prinzipiell entsprochen. Es entstanden spezifische und
verallgemeinerte ökonomische Disziplinen, wie die Stadtökonomie, die
Territorialökonomie, die Sozialökonomie, die Nationalökonomie und die politische
Ökonomie. Sie könnten zusammengefasst als Gesellschaftsökonomien bezeichnet
werden.
Während die Gesellschaftsökonomien von jenen Bedürfnissen der Menschen
ausgehen, denen die Gesellschaft als Ganzes entsprechen muss und die
Gemeinschaftsökonomie von der Gesamtheit der Bedürfnisse irdischen Lebens,
nutzt die Privatökonomie unter Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips die
Befriedigung marktrelevanter Bedürfnisse zur privaten Bereicherung. Doch
privates Gewinnstreben, Konkurrenz und privater Überlebenskampf sowie das
Beschränken der Marktwirtschaft auf Waren und Dienstleistungen führen zu
einem immer stärkeren Verbrauch unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Durch
das tendenzielle Abnehmen des Anteils an pflanzlichem Leben wird das
Lebenssystem der Erde aus dem ökologischen Gleichgewicht gebracht, was
zunächst einen Klimawandel sowie Klimakatastrophen verursacht und letztlich –
in Form eines Weltbrandes – in einem Klimakollaps endet. Diese Entwicklung
verläuft gesetzmäßig zum Negativen, falls die Fehlwirkungen der Anwendung der
Privatökonomie und anderer Konkurrenzökonomien nicht rechtzeitig gestoppt
werden können.
Das Verdrängen der Privatökonomie wird dadurch ermöglicht werden, dass
immer mehr Menschen erkennen, was unter wahrer Ökonomie zu verstehen ist,
welche Möglichkeiten sie eröffnet und welche ökonomischen Ursachen der
Negativentwicklung der menschlichen Gesellschaft zugrunde liegen. In
geeigneten Bereichen der Gesellschaft werden zunächst Zellen der
Gemeinschaftsökonomie entstehen, die – relativ unabhängig von der
Privatökonomie – eine eigene Lebens- und Produktionsweise entwickeln. Diese
Zellen können sich zu eigenständigen Strukturen der Gemeinschaftsökonomie
verbinden. Darüber hinaus gilt es, mit Hilfe der bürgerlichen Institutionen sowie
unter der Nutzung der bürgerlichen Demokratie den von der Privatökonomie
weitgehend verdrängten Gesellschaftsökonomien ihre Bedeutung wieder zu
sichern,
entsprechende
Reprivatisierungen
vorzunehmen
und
den
Verwertungsspielraum der Privatökonomie Schritt für Schritt einzuengen.
Das schrittweise Verdrängen der Privatökonomie wird zur Realität werden, wenn
in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Menschen aller Kulturen und
Völker auf kreative Weise beginnen, entsprechend den Erfordernissen der
Gemeinschaftsökonomie und der Gesellschaftsökonomien rationell zu leben, ihre
Lebenswelt zu erhalten, sich abzustimmen, einander zu helfen, rationell zu
produzieren und Gebrauchswerte auszutauschen, und wenn sie zudem bewusst
einen Teil ihrer Arbeitskraft einsetzen, um ihre und die gemeinsame Lebenswelt
zu renaturieren.
Entscheidende Voraussetzungen für die Gestaltung der gemeinschaftlichen
Lebensweise unter Nutzung der Gemeinschaftsökonomie sind demokratische
Entscheidungen über alle wesentlichen Belange, die die Mitglieder der jeweiligen
Gemeinschaft betreffen. Während unter privatökonomischer Dominanz
5
demokratische Entscheidungen über die Produktionsweise, über den
Produktionsumfang und den Austausch der Erzeugnisse ausgeschlossen sind,
wird unter gemeinschaftlichen Bedingungen volle Demokratie praktiziert werden.
Sie zu realisieren, schließt ein, sich weitgehend unabhängig von den Einflüssen
der Privatökonomie zu machen – bis zur Einführung eigener Währungen, die zum
Austausch in den Gemeinschaften bestimmt sind.
Sich für Gemeinschaftsökonomie unter voller Demokratie zu entscheiden,
bedeutet zugleich, den Einflussbereich der Privatökonomie einzuengen. Indem
die Gemeinschaften die „Verlierer“ der Privatökonomie integrieren, indem sie die
„nicht verwertbaren“ Gebrauchswerte, wie z. B. leer stehende Gebäude, nutzbar
machen, gewinnen sie an Kraft und Einfluss, zeigen sie an Beispielen die
ökonomische Unsinnigkeit des Abrisses tausender Wohnungen trotz tausender
Obdachloser.
2. Hauptthese
Die
Menschheit
wird
seit
Jahrtausenden
von
einem
verengten
privatökonomischen Denken und Handeln beherrscht, das sie tendenziell in eine
ökologische Katastrophe treibt, weil es private und gesellschaftliche Bereicherung
zu Lasten der Natur und durch die Ausbeutung von Menschen ermöglicht, weil es
den natürlichen Reichtum verarmt und durch die Verschärfung der sozialen
Gegensätze eine Übervölkerung provoziert. Das verengte ökonomische Denken
basiert auf der breiten Akzeptanz von Privateigentum, Privatbesitz und privater
Bereicherung als den entscheidenden Grundlagen gesellschaftlicher Entwicklung.
Es ist vor allem auf privaten Gewinn orientiert und äußert sich heute
insbesondere
in
der
Gleichsetzung
von
ökonomischem
und
Wirtschaftlichkeitsdenken. Es impliziert, dass es vorgeblich historisch kein
anderes ökonomisches Denken gab und dass ökonomisches Verhalten nur an
intelligentes Leben gebunden ist. Die Menschheit wird nur überleben, wenn sie
rechtzeitig einen Weg findet, um weltweit gemeinschaftliches ökonomisches
Denken und Handeln im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung zu erlernen und
die Privatökonomie sowie andere Formen von Konkurrenzökonomie durch
Gemeinschaftsökonomie zu verdrängen, wenn es ihr letztlich gelingt, die privat
dominierten
Gesellschaftsordnungen
durch
eine
hierarchische
Gemeinschaftsordnung voller Demokratie abzulösen.
Erläuterungen zur Hauptthese:
Eine Aufgabe der Berliner Thesen soll es sein, die tendenziellen Wirkungen des
wirtschaftlichen Denkens und Handelns aufzuzeigen und die Leser auf das
andere, das vorgeblich nicht vorhandene ökonomische Denken hinzuführen,
welches jedem von uns naturwüchsig gegeben ist und auch von jedem persönlich
praktiziert wird. Es existiert parallel zum wirtschaftlichen Denken und Handeln.
Die Ursache für das wissenschaftliche Negieren des naturgegebenen
ökonomischen Denkens und Verhaltens ist gesellschaftlich bedingt. Doch bereits
beim jungen Friedrich Engels und bei Karl Marx finden sich Hinweise, die eine
grundsätzliche Kritik des wirtschaftlichen Denkens einschließen und auf die
Notwendigkeit des auf die Bedürfnisbefriedigung gerichteten ökonomischen
Denkens orientieren.
6
Während Friedrich Engels die ökonomischen Wissenschaften seiner Zeit als
Privatökonomie kennzeichnete4 und sich damit auf indirekte Weise für eine
nichtprivate Ökonomie aussprach, verwies auch Karl Marx auf jene andere
Ökonomie, ohne sie ausdrücklich zu definieren. Er ging er von
„gemeinschaftlicher Produktion“, von den „Gesamtbedürfnissen“ der Gesellschaft
und „einer planmäßigen Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiednen Zweige
der Produktion“ aus. Auch „der Einzelne“ müsse „seine Zeit richtig einteilen, um
… den verschiednen Anforderungen … Genüge zu leisten.“ „Ökonomie der Zeit“
ist für ihn „erstes ökonomisches Gesetz auf der Grundlage gemeinschaftlicher
Produktion.“ Dies sei „jedoch wesentlich verschieden vom Messen der
Tauschwerte … durch die Arbeitszeit.“5 Er stellte fest, dass sich „schließlich alle
Ökonomie [in Ökonomie der Zeit auflöst]“. Marx’ Gegenüberstellung verweist auf
den qualitativen Unterschied zwischen den beiden Ökonomien.
Die langfristigen Fehlwirkungen jener Ökonomie, die auf Privateigentum und
Privatbesitz basiert, erwachsen aus den Konkurrenz- und Gewinnzwängen, denen
die Unternehmen auf dem Markt ausgesetzt sind. Diese Zwänge führen zu
Problemen in der Befriedigung von marktwirtschaftlich nicht relevanten
Grundbedürfnissen, was die ökologische Krise tendenziell verschärft. Hingegen
hat eine Gemeinschaft, die auf der Grundlage von Gemeineigentum und
Gemeinbesitz produziert, die Möglichkeit, die Arbeit so zu verteilen, dass der
Befriedigung zumindest aller Grundbedürfnisse all ihrer Menschen entsprochen
wird.
Um sich dem Verstehen des anderen, des verdrängten ökonomischen Denkens zu
nähern, hilft die Frage, was unter der Bedingung der Nichtexistenz von Geld als
ökonomisch bezeichnet werden sollte. Die Aussagen von Karl Marx zur Ökonomie
der Zeit tragen bei, diese Frage zu beantworten. Im persönlichen Bereich kann
bereits die Wahl einer Wegeabkürzung als ökonomisches Verhalten bezeichnet
werden, ebenso das gleichzeitige Besorgen aller innerhalb einer Woche
benötigten Lebensmittel, auch das Ersparen unnötigen Verbrauchs an Energie
und Wasser sowie das Verhindern von Abfall. Als ökonomisch darf auch die
bewusste Arbeitsteilung im Haushalt bezeichnet werden, wenn sie es ermöglicht,
die regelmäßigen Pflichten rationeller und schneller zu erledigen.
In der Natur hat sich eine generelle Arbeitsteilung durch das Herausbilden der
Geschlechter entwickelt, was ein Überleben vieler Arten und ihre rationelle
Lebensweise erst ermöglicht. Auch Insekten verhalten sich ökonomisch, indem
sie als Volk arbeitsteilig leben und sich vermehren. Selbst Bäume zeigen ein
ökonomisches Verhalten, etwa wenn sie zur maximalen Energieaufnahme in
Richtung der stärksten Sonneneinstrahlung wachsen oder wenn Bäume an der
Stelle der maximalen Beanspruchung auch das größte Dickenwachstum
entwickeln.
Die Fähigkeit zum ökonomischen Verhalten im Sinne des rationellen Einsatzes an
Zeit, Kraft und Material sowie der aus Fortschritten in der Rationalität
erwachsenden neuen Möglichkeiten zur effizienten Nutzung der gegebenen
Entwicklungs- und Überlebensbedingungen ist offenbar eine grundlegende
Vgl. Friedrich Engels; Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW, Bd.1, Berlin
1970, S. 503
5
Vgl. Karl Marx; Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 89
4
7
Eigenschaft allen Lebens!6 Es fragt sich deshalb, ob wir an der Schwelle der
Entdeckung oder Wiederentdeckung der „wahren“ Ökonomie und der geistigen
Befreiung von den Fesseln des Wirtschaftlichkeitsdenkens stehen. Der Schritt
zum möglichen und notwendigen Unterscheiden zwischen Ökonomie und
Wirtschaftlichkeit könnte die wichtigste Voraussetzung für das Gewinnen der
Menschen zur weltweiten Ablösung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem und
zur Schaffung einer Gemeinschaftsordnung auf neuer ökonomischer Basis sein.
Die Denkweise, die mit jener „wahren“ Ökonomie verbunden ist, wird auch in der
(bereits zitierten) Erkenntnis von Karl Marx deutlich, dass es der
„gemeinschaftlichen Produktion“ bedarf und notwendig ist, von den
„Gesamtbedürfnissen“ der Gesellschaft auszugehen, also nicht nur von den
marktwirtschaftlich relevanten Bedürfnissen! Das aber bedeutet, dass selbst
wohlgemeintes individuelles ökonomisches Verhalten ökonomisch schaden kann,
wenn es sich unzureichend in die gesamtgesellschaftlichen Zielstellungen
einordnet. Jeder Einzelne sollte deshalb die Dominanz des Gesellschaftlichen
bzw. des Gemeinschaftlichen über das Individuelle verinnerlichen und sich gegen
die weit verbreitete Auffassung wenden, wonach das Gewähren privaten Gewinns
letztlich allen nützt. Es gilt, das ökonomische Denken und Handeln vom Kopf auf
die Füße zu stellen!
3. Ökonomische Verhaltensweisen
These zum natürlichen ökonomischen Verhalten: Ökonomisches Verhalten
ist eine Eigenschaft allen Lebens. Es ist an Arbeit sowie an Leistung gebunden.
Bei allen Lebensformen äußert sich natürliches ökonomisches Verhalten im
Streben der einzelnen Individuen nach rationeller7 Bedürfnisbefriedigung.
Anmerkungen:
- Jedes Einzelwesen einer jeden Lebensform8 hat – in Anpassung an die
jeweiligen Lebensbedingungen – eigene Bedürfnisse, weil es etwas
Ganzheitliches darstellt, ein System – ganz gleich, ob Mensch, Tier oder Pflanze.
Es muss sich ernähren, um als System weiter zu existieren. Keines von ihnen
kann stellvertretend den Hunger einer anderen Lebensform stillen. Auch in
Symbiose mit anderen Lebewesen existiert es relativ selbständig. Etwas anderes
Vgl. Matthias Freude; Tiere bauen, Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin 1982
Dem Begriff rationell werden in älteren Wörterbüchern in Ost und West sehr
unterschiedliche Bedeutungen zuerkannt. Im „Fremdwörterbuch“ aus dem Verlag
Enzyklopädie, Leipzig, 1960, wird rationell u. a. verstanden als „zweckmäßig, sparsam,
haushälterisch“, hingegen rational u. a. als „vernünftig, der Vernunft entsprechend“ –
im Gegensatz zu irrational (vgl. ebd., S. 532). In mehreren westdeutschen
Wörterbüchern fand ich zwar zu rational analoge Erklärungen wie in DDR-Wörterbüchern,
doch wird dem Be-griff „rationell“ in einigen Fällen zusätzlich die Bedeutung
„wirtschaftlich“ gegeben. Das Substantiv zum Begriff rational lautet Rationalität; zu
rationell gibt es im Deutschen offenbar kein Substantiv. Der Begriff Rationalisierung
erfasst das Bemühen um das Rationelle lediglich mit eingeengtem Inhalt.
6
7
„Lebensform: … Art, wie, in der sich Leben organisiert >>Auch unter Wasser finden
sich viele pflanzliche Lebensformen.<<“ (Vgl. Karl-Dieter Bünting; Deutsches
Wörterbuch, Isis Verlag, Chur/ Schweiz, 1996, S. 702)
8
8
ist es, ob die einzelnen Individuen für sich allein in der Lage sind, für Nahrung
und das Überleben der Art zu sorgen.
- Jedes Einzelwesen einer jeden Lebensform muss zum gemeinschaftlichen Leben
mit gleichartigen Lebensformen und zum Überleben seiner Art beitragen. Es
bedarf dafür (genetisch programmierter) Eigenschaften und Fähigkeiten, wie
etwa eine Biene zum Bauen von Waben.
- Naturwüchsiges ökonomisches Verhalten gibt es bei jedem Menschen. Es
widerspricht an sich seiner Natur, nützliche Gebrauchswerte wegzuwerfen, nicht
zu nutzen oder schnell zu verschleißen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die
Bedürfnisse von Menschen und der Umgang mit Nützlichem manipuliert werden,
um wirtschaftliche Gewinne zu Erzielen.
These zum gemeinschaftlichen ökonomischen Verhalten: Die Individuen
vieler Lebensformen vermögen nur gemeinschaftlich und unter Arbeitsteilung,
ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihre Lebensweise sowie ihr
Überleben als Art zu sichern. Dabei sind Art und Umfang der Arbeitsteilung
objektiv
Ausdruck
unbewusster
rationeller
gemeinschaftlicher
Bedürfnisbefriedigung. Bewusste Gemeinschaftlichkeit begann während der
Urgesellschaft.9 Sie wurde im Überlebenskampf der Sippen erforderlich und
basierte auf Gemeineigentum, persönlichem Eigentum und Gemeinbesitz.
Anmerkungen:
- In den Urgemeinschaften, den Sippen, wurden die auf rationelle Weise
individuell, gemeinschaftlich oder arbeitsteilig geschaffenen und die aus der
Natur angeeigneten Produkte unter den Angehörigen der Sippe aufgeteilt.
Gemeineigentum der Sippen waren vor allem die gemeinschaftlich geschaffenen
Wohnstätten; als Gemeinbesitz können die gemeinschaftlich erschlossenen
natürlichen Flächen und bearbeiteten Böden betrachtet werden. Die selbst
hergestellten Werkzeuge und Waffen stellten persönliches Eigentum dar. In ihrer
Lebens- und Produktionsweise entsprachen die Sippen den Anforderungen von
Gemeinschaftsökonomie. Steigende Produktivität ermöglichte den Sippen,
Gebrauchswerte untereinander auf der Basis der aufgewandten Arbeitszeit zu
tauschen. Damit entstand Naturalhandel.10
- Der Besitzanspruch der Sippen über Teile der Natur in Konkurrenz zu anderen
Sippen begann mit dem Anwachsen der Anzahl ihrer Angehörigen, wodurch
neuer Siedlungsraum und neue eigene Jagdreviere beansprucht wurden.
These zum gesellschaftlichen ökonomischen Verhalten: Unabhängig von
den spezifischen Eigentums- und Besitzverhältnissen hat jede Gesellschaft
gemeinsame Bedürfnisse, deren Befriedigung gesellschaftliche Entscheidungen,
gemeinsamen Arbeitsaufwand und gemeinsame Mittel zur Realisierung der
Beschlüsse erfordert. Ökonomisch im Sinne der jeweiligen Gesellschaft ist es,
wenn die Bedürfnisse in der vereinbarten Qualität unter Beachtung aller
Der Begriff Urgesellschaft bezieht sich auf die Gesamtheit der relativ isoliert
gemeinschaftlich lebenden Sippen, den Urgemeinschaften.
9
Nach der vom Autor vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen Ökonomie und
Wirtschaft verbietet es sich, das ökonomische Verhalten innerhalb der Urgemeinschaften
und den Austausch von Gebrauchswerten zwischen den Sippen als „Naturalwirtschaft“ zu
bezeichnen. (Veränderung am 02.10.07)
10
9
Aufwendungen und der zu erwartenden Folgeaufwendungen mit möglichsten
geringem Aufwand befriedigt werden.
Anmerkungen:
- Wenn die Gesellschaft nicht in der Lage ist, die Maßnahme mit eigenen
Kapazitäten auf rationelle Weise zu realisieren, kann es im Sinne der Gesellschaft
zweckmäßig sein, spezialisierte Produzenten zu beauftragen. Dabei bleibt aus
gesellschaftlicher Sicht die mögliche rationelle Befriedigung der gemeinsamen
Bedürfnisse entscheidend.
- Innerhalb von Gesellschaften existieren als Folge unterschiedlicher Eigentumsund
Besitzverhältnisse
unterschiedliche
Eigeninteressen,
die
auf
die
Entscheidungen der Gesellschaft – auch unter Verletzung der Gesamtinteressen –
Einfluss nehmen können.
- In entwickelten Gesellschaften ist die Realisierung vereinbarter Maßnahmen zur
Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse an die Existenz von Wertformen (Gold,
Geld, etc.) gebunden.
Zum persönlichen ökonomischen Verhalten: Vernünftige Menschen sind
täglich bemüht, belastende Tätigkeiten auf rationelle Weise mit möglichst
geringem Aufwand an Zeit, Material und Energie zu erledigen sowie schonend mit
ihren Gebrauchsgegenständen umzugehen – auch unabhängig von finanziellen
Überlegungen.
Zum privaten ökonomischen Verhalten: Privates ökonomisches Verhalten ist
unter Einsatz fremder Arbeit auf persönlichen oder gemeinsamen Gewinn in
Natural- oder in Wertform ausgerichtet. Der Gewinn wird zu Lasten der
arbeitenden Menschen und der gemeinsamen Lebenswelt unter Nutzung des
Wirtschaftlichkeitsprinzips
erzielt.
Auch
Gesellschaften
können
sich
privatökonomisch verhalten, wenn sie gewinnorientiert arbeiten lassen. Von der
Anwendung des Bereicherungsprinzips, vom nichtökonomischen Bereichern, von
Profit und vom Profitieren sollte dann gesprochen werden, wenn zwischen
Aufwand und Ergebnis kein rationales Verhältnis hergestellt werden kann.
Anmerkungen:
- Privates ökonomisches Verhalten schließt direkt oder indirekt rationelles
Verhalten zur Befriedigung von Bedürfnissen mit ein. Es kommt jedoch darauf
an, woran ökonomische Ergebnisse gemessen werden.
- Das Aneignen von Werten, Gebrauchswerten oder gar von Menschen außerhalb
des Arbeitsprozesses ist nichtökonomische Bereicherung. Sie existiert in privater,
gesellschaftlicher und nationaler Form seit Jahrtausenden in großer Vielfalt und
reicht vom Spielbetrug, Raub, von der Versklavung, Zuhälterei, Erbschleicherei,
von Börsenmanipulationen bis zu den Eroberungskriegen.
- Nichtökonomisches Bereichern schuf historisch vielfach die Voraussetzungen für
ökonomisches Bereichern durch Ausbeutung. Die ursprüngliche Akkumulation
erfolgte überwiegend durch nichtökonomische Bereicherung.11
11
Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 780
10
Zum ökonomischen Produzieren: Als bewusste menschliche Tätigkeit ist
ökonomisches Produzieren in allen Formationen seit der Urgesellschaft auf die
rationelle Herstellung von Gebrauchswerten gerichtet.
Anmerkung:
- Auch der kapitalistische Produktionsprozess ist auf die rationelle Herstellung
von Gebrauchswerten gerichtet. Es muss jedoch erstens gefragt werden, ob aus
der Sicht des Produzenten die Produktion der Gebrauchswerte primär der
Befriedigung von Bedürfnissen oder primär seinen Gewinninteressen dient, ferner
ob die hergestellte Menge dem Bedarf entspricht. Zweitens ist zu fragen,
inwieweit über die Produktion der Gebrauchswerte und ihre Nutzung die
Befriedigung anderer Bedürfnisse von Menschen und anderen Lebensformen
eingeschränkt oder belastet werden. D. h., um den spezifischen Anteil der
betrachteten Produktion an der gesamten rationellen Bedürfnisbefriedigung
einordnen zu können, gilt es stets, den Gesamtzusammenhang in der
Produktions- und Lebensweise zu berücksichtigen.
These zum ökonomischen Reproduzieren:12 Seit der Urgesellschaft dient ein
wesentlicher Anteil menschlicher Arbeit der rationellen Erhaltung bzw. dem
rationellen Ersatz jener Gebrauchswerte, die über längere Zeit genutzt werden
können.
Anmerkung:
- Die Denkweise des ökonomischen Reproduzierens ist konträr zum Verhalten
einer Wegwerfgesellschaft. Die Wegwerfideologie ist eine Folge vorgeblich
notwendigen Wirtschaftswachstums. Ökonomisches Reproduzieren reduziert
Naturverbrauch und führt zur Denkweise der ökonomischen Renaturierung, d. h.
zur Suche nach den rationellsten Wegen, um zur Wiederherstellung des
ökologischen Gleichgewichts und zur Einheit des Menschen mit der Natur auf
höherer Ebene beizutragen.
Ökologisch nachhaltiges ökonomisches Verhalten: Ein Teil der Naturvölker
lebt noch heute in Urgemeinschaften. Sie sichern durch rationelles Produzieren
und Reproduzieren ihre Lebensweise, erhalten aber zugleich ihre Lebenswelt, so
dass von einem ökologisch nachhaltigen ökonomischen Verhalten gesprochen
werden kann.
Anmerkungen:
- Das ökonomische Verhalten dieser Naturvölker ist primär auf das rationelle
Herstellen und Erhalten sowie auf das Aneignen von Gebrauchswerten gerichtet.
Obgleich sie über kein Geld verfügen, sind sie nicht arm!13 Sie sind reicher als
jene Bewohner von Elendsvierteln in der so genannten Dritten Welt, die mit
wenigen Dollars im Monat auskommen müssen. Die Naturvölker verarmen jedoch
dann, wenn sie mit ihrer Lebenswelt in den Strudel der Globalisierung geraten,
Über Reproduktion wurde von den marxistischen Ökonomen viel geschrieben; die
Begriffe ökonomisches Reproduzieren, ökonomische Reproduktion oder Ökonomie der
Reproduktion wurde nach Kenntnis des Verfassers noch nicht eingeführt.
12
Vgl. Norbert Suchanek; Null Dollar, aber reich: >>Dritte<< Welt, ein natürliches ÖkoModell und die westliche Gier. In: Neues Deutschland vom 14./15.01.2006, S. 21. Der
Autor beschreibt seinen Besuch einer „fünfköpfigen Papua-Familie in ihrem Pfahlhaus am
Ok Tedi-Fluss“. „Fast alles, was sie zum Leben brauchten, lieferte ihnen ihr Waldgarten
am Ufer. Wildfleisch, Feuer- und Bauholz gab es; der Fluss war reich an Fischen.“
13
11
wenn ihnen ihre Existenzbedingungen
„Entwicklungshilfe“ zuteil wird.
genommen
werden
und
ihnen
- Obwohl die Naturvölker die Denkweise des Wirtschaftens weder kennen, noch
anstreben, noch brauchen, wird ihr naturwüchsiges ökonomisches Verhalten
fälschlicherweise – im Sinne der Selbsterhaltung – als Subsistenzwirtschaft14
bezeichnet oder als Naturalwirtschaft und diese als Wirtschaftsstufe15. Die
Berechtigung, vom Wirtschaften zu sprechen, ist erst dann gegeben, wenn aus
der Ausbeutung von Menschen, von Sklaven oder Leibeigenen, (in Naturalform)
ein Mehrprodukt erwächst, das sich der Sklavenhalter bzw. der Feudalherr oder
anteilig die Kirche als Zehnt16 aneignet. Marx unterscheidet in diesem
Zusammenhang zwischen Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft.
These
zur
Unterscheidung
von
Gemeinschaftsökonomie,
Gesellschaftsökonomien und Privatökonomien: Gemeinschaftsökonomie,
Gesellschaftsökonomien und Privatökonomien unterscheiden sich darin, im
Auftrage welcher Interessenten welche ökonomische Ziele verfolgt werden, von
wessen und welchen Bedürfnissen ausgegangen und woran ökonomischer
Fortschritt gemessen wird.
Anmerkungen:
- Die Gemeinschaftsökonomie und die Gesellschaftsökonomien gehen von
Bedürfnissen aus, um sie rationell zu befriedigen, während die Privatökonomie
Bedürfnisse mittelbar nutzt, um Gewinne zu erzielen. Dabei beschränkt sich die
Privatökonomie auf die marktwirtschaftlich relevanten Bedürfnisse, d. h. auf
jene, die auf dem Markt einen Preis erzielen. Zu ihnen gehören auch das
Bedürfnis nach Geld, das in Form von Krediten angeboten wird, sowie das
Bedürfnis nach dem Wechsel von Geld in andere Währungen. Aus den reinen
Geldgeschäften
entstand
eine
eigene
Privatökonomie,
die
heutige
Finanzwirtschaft. Es ist deshalb gerechtfertigt, von Privatökonomien zu sprechen.
- Gesellschaftsökonomien orientieren auf ausgewählte Bedürfnisse, deren
rationelle Befriedigung von den gesellschaftlichen Repräsentanten unter den
jeweiligen Bedingungen für notwendig und möglich betrachtet wird.
- Der Gegenstand der Gemeinschaftsökonomie ist die rationelle Befriedigung der
zur jeweiligen Zeit gemeinschaftlich anerkannten individuellen und gemeinsamen
Bedürfnisse in ihrer Gesamtheit und in wechselseitigem Zusammenhang mit der
Befriedigung der Bedürfnisse der anderen Lebensformen.
- Privatökonomien basieren auf privatem Reichtum jeglicher Form, der zur
weiteren privaten Bereicherung genutzt werden kann. Dazu können neben den
Produktionsmitteln u. a. Immobilien, Geld, Aktien sowie der Besitz an Grund und
Boden und letztlich alle verwertbaren Reichtümer der Natur gehören.
Gemeinschaftsökonomie geht von Gemeineigentum und persönlichem Eigentum
aus. Der Besitz an Natur wird jedoch auf das unbedingt notwendige Maß
beschränkt. Die Gesellschaftsökonomien schließen die Möglichkeit ein, die
14
Vgl. ebd.
15
Vgl. Ökonomisches Lexikon, L-Z, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1971, S. 248
16
Vgl. Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 25, Berlin 1968, S. 794-795
12
Interessen aus
berücksichtigen.
unterschiedlichen
Formen
an
Eigentum
und
Besitz
zu
- Privatökonomische Ziele haben eigenständigen, egozentrischen oder gar
egoistischen Charakter, die im Auftrag privater Interessenten außerhalb
demokratischer Entscheidungen verfolgt werden. Gemeinschaftsökonomie und
Gesellschaftsökonomien sind Mittel, um bestimmte Ziele auf rationellste Weise
anzustreben,
die
ausgehend
von
demokratischen
Entscheidungen
unterschiedlicher Form realisiert werden sollen.
- Privatökonomien sind primär am Wert orientiert. Ihre Ergebnisse werden vor
allem mittels eines kumulativen Kriteriums gemessen. Das Maß ist der erzielte
Gewinn oder Profit während eines Zeitabschnitts. Gemeinschaftsökonomie und
die Gesellschaftsökonomien messen ökonomischen Fortschritt über ein
Differenzkriterium, d. h. über die Reduzierung des Arbeitsaufwands zur
Befriedigung der betrachteten Bedürfnisse im Verlaufe eines Zeitabschnitts. Die
Gemeinschaftsökonomie schließt im fortgeschrittenen Entwicklungsstand jene
Maßnahmen mit ein, die die Menschheitsgemeinschaft sowie die regional
lokalisierten Gemeinschaften für den jeweiligen Zeitabschnitt für notwendig und
möglich halten, um zur Lösung der ökologischen Frage und zur Erhaltung der
Lebenssysteme beizutragen.
- Die Existenz von Geld als rationelles Mittel zum Austausch von
Gebrauchswerten und zur Entlohnung der Arbeit ist nicht ausreichend, um die
genannten Ökonomien zu unterscheiden, sofern der Austausch auf der Basis
vergleichbarer Arbeitszeit für die Herstellung und Erhaltung der Gebrauchswerte
erfolgt.
- Privatökonomische Akteure dehnen ihren Einflussbereich – in Konkurrenz zu
anderen Akteuren – nach Möglichkeit immer weiter aus, unter Umständen auch
in rechtlich unzulässiger oder gewaltsamer Form. Dies schränkt den
Wirkungsbereich der Gesellschaftsökonomien mit fortschreitender Entwicklung
immer weiter ein. Die ständig verbesserte Wirkung der Gemeinschaftsökonomie
erwächst hingegen aus freiwilliger Zusammenarbeit und freiwilligem
Zusammenschluss von Menschen zu Gemeinschaften höherer Ebenen.
These zum Verhältnis von Politik und Ökonomie: Gemeinschaftlicher bzw.
gesellschaftlicher Fortschritt wird wesentlich davon bestimmt, worauf
ökonomisches Verhalten ausgehend von politischen Entscheidungen gerichtet
wird.
Anmerkungen:
- Wenn ökonomisches Verhalten dazu führen soll, Bedürfnisse rationeller zu
befriedigen, wodurch die Befriedigung neuer Bedürfnisse ermöglicht werden
kann, dann ist es offenbar für den gemeinschaftlichen bzw. gesellschaftlichen
Fortschritt entscheidend, welchen Bedürfnissen entsprochen wird. Sollten die
Kapazitäten und Mittel aufgewandt werden, um die Machtpositionen der
weltlichen und geistlichen Herrscher zu erhalten und zu erweitern, dann
behindert dies den allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt, etwa wenn weniger
Mittel für die Bildung und Forschung zur Verfügung stehen sowie wenn sich aus
den subjektiven Entscheidungen der Herrschenden Folgeaufwendungen für
Jahrhunderte ergeben.
13
- Worauf sich ökonomisches Verhalten im Verlaufe der historischen Entwicklung
richtete, war in hohem Maße von den gesellschaftlichen und ideologischen
Verhältnissen
abhängig,
insbesondere
von
den
Eigentumsund
Besitzverhältnissen und damit von den politischen Entscheidungen der
Geistlichen, der Mächtigen und der Reichen. Doch als sich der Mensch über
andere Menschen erhob, versuchte er auch, die Natur zu beherrschen und sich
vom vermeintlichen Besitzer seiner Welt zu ihrem Beherrscher und Eigentümer
zu erheben.
- Wer historisch zurückblickt, muss konstatieren, dass in den verschiedenen
Kulturen in der Tat die Sicherung der Macht der weltlich und geistlich
Herrschenden extrem viel Arbeitskraft und Mittel erforderte. Was heute als
Ergebnis der Leistungen unserer Vorfahren in Form der Herrschersitze und
Sakralbauten als Kulturdenkmäler bewundert wird, war ausgehend von den
objektiven Bedürfnissen der damals beteiligten Menschen und durch die
Maßlosigkeit vieler Bauten eine riesige Verschwendung an geistiger Potenz und
Arbeitskraft, die den gesellschaftlichen Fortschritt extrem behinderte. Die
riesigen mittelalterlichen Ausgaben für die Sakralbauten im Vergleich zu jenen
für weltliche Bauten, den „Profanbauten“, können mit den ungeheuer großen
Aufwendungen in der heutigen Zeit für die Erhaltung und den Ausbau der
Mobilität verglichen werden. Die Mobilität ist eine Art Religion der heutigen
„Spaßgesellschaft“ geworden!
- Unter den Bedingungen theologisch gestützter Autokratie und der regelrechten
Verschwendung abhängiger Arbeitskraft zur Realisierung der gewaltigen
Bauvorhaben, deren Fertigstellung sich teils über mehrere Generationen hinzog,
war es nicht möglich, Ökonomie im Sinne von rationeller Bedürfnisbefriedigung
zu begreifen und danach zu handeln. Die Chance, bei der Entscheidung über die
wichtigsten Bauvorhaben von gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen
Interessen der Bewohner auszugehen, ergab sich erst mit der Entstehung der
mittelalterlichen Bürgerstädte. Diese Chance wurde trotz der beschränkt
verfügbaren Mittel wegen des Sicherheitsbedürfnisses der Stadtbürger im Sinne
rationeller Bedürfnisbefriedigung bestmöglich intuitiv genutzt, wodurch eine noch
heute bewunderte städtische Kultur entstand.
- Für den Fortschritt bzw. die Stagnation einer Gesellschaft sind somit die
politischen Entscheidungen bzw. Fehlentscheidungen, die dem Einsatz der Kräfte
und Mittel für Baumaßnahmen vorausgehen, von entscheidender Bedeutung.
Eine
analoge
Bedeutung
hatte
das
Nichterkennen
notwendiger
gesellschaftlicher Entscheidungen zur Befriedigung unterschätzter gemeinsamer
Bedürfnisse, woraus sich Fehlwirkungen für künftige Generationen ergeben
konnten. Einschneidend waren die fehlende Absicherung der Entsorgung in den
Bürgerstädten sowie der unzureichende Feuerschutz, wodurch sich Seuchen und
Feuer sehr schnell über die ganze Stadt ausbreiten konnten.
- Die Grenzen für politisch fragwürdige Entscheidungen sind dann gegeben, wenn
sich als Konsequenz aus dem ökonomischen Verhalten Fehlwirkungen für
künftige Generationen ergeben und die Menschheit in Gefahr gerät, ihren
natürlichen Reichtum so weit zu verbrauchen und zu schädigen, dass ihre eigene
Existenz gefährdet wird. Dann gilt es weltweit politisch zu entscheiden, welchen
Bedürfnissen überhaupt noch entsprochen und worauf ökonomische Tätigkeit im
14
Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung weiterhin gerichtet werden darf, damit
die Menschheit überlebt.
4. Zur historischen Entwicklung der Ökonomie
4.1. Zur gespaltenen Entwicklung der Ökonomie
These zur historischen Spaltung der ökonomischen Entwicklung: Mit der
Herausbildung der Sklaverei in den entstandenen antiken Stadtstaaten spaltete
sich die ökonomische Entwicklung. Neben dem gesellschaftlich erforderlichen
ökonomischen Verhalten entstand das auf Naturalwirtschaft und Sklaverei
basierende privatökonomische Verhalten. Doch die Ausbeutung von Sklaven war
nur die eine Seite privater und gesellschaftlicher Bereicherung; die andere Seite
bildete die nichtökonomische Bereicherung mittels Raub, Kriegen, Vertreibung
und weiterer Versklavung. Sie wurde zu einer wesentlichen Grundlage, um den
Einflussbereich der Privatökonomie auszudehnen.
Anmerkungen:
- Der Entstehung der Privatökonomien, die bis heute primär wertgebunden sind,
ging im vorderen Orient eine fast zweitausend Jahre währende Periode
kriegerischer
nichtökonomischer
und
an
Naturalwirtschaft
gebundener
Bereicherung voraus. Erste Kriege sind aus der „Mitte des 3. Jahrtausends v.
Chr.“ historisch überliefert. Die Herrscher handelten vorgeblich im „göttlichen
Auftrag, hinter dem … eigene Machtansprüche und Eroberungsgier“ verborgen
waren.17 „Die sumerischen Königsgräber in Ur beweisen uns außerdem, dass die
Stadtkönige jener Zeit ihren göttlichen Auftrag auch im Jenseits fortführen
wollten und deshalb viele Soldaten“ und Bedienstete „mittels Gift mit in den Tod
nahmen“.18 Verschiedene Assyrerkönige ließen Berichte über ihre Schandtaten in
Stein meißeln.19 Es ist wichtig zu wissen, dass derlei Grausamkeiten von den
Herrschern mehrerer Völker ausgingen und dass sich das Berufen auf höhere
Mächte als Ideologie über die Jahrtausende bis heute nicht nur in den Köpfen von
Fundamentalisten und Extremisten erhalten hat.
- Die Berechtigung, von wirtschaftenden Einheiten und von Naturalwirtschaft als
der Produktionsweise der antiken Sklavenhaltergesellschaften zu sprechen,
resultiert aus der Erzeugung des Mehrprodukts durch die Sklaven, was eine
weitgehende Selbstversorgung der wirtschaftenden Einheiten ermöglichte. Die
rechtlosen Sklaven wurden nicht nur als Privatbesitz, sondern auch im Sinne von
fixem Kapital betrachtet20, dessen Einsatz sich während der Lebenszeit der
Sklaven nicht nur für den Eigenbedarf der Sklavenhalter lohnen musste, sondern
auch z. B. zur Ernährung und Ausrüstung von Kriegern, die für weiteren
Sklavenzuwachs zu sorgen hatten. Karl Marx bindet den Begriff Naturalwirtschaft
an „jedes Hörigkeitssystem (Leibeigenschaft eingeschlossen)“, aber auch an
Vgl. Hans Dollinger, Schwarzbuch der Weltgeschichte, Komet Verlag, Köln, S. 13
Vgl. ebd., S. 14
19
Vgl. ebd., S. 17
20
Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 2, S. 474/475. Marx schreibt: „Bei den Athenern wird
daher der Gewinn, den ein Sklavenbesitzer direkt durch industrielle Verwendung seines
Sklaven … zieht, auch nur betrachtet als Zins (nebst Amortisation) des vorgeschossnen
Geldkapitals, ganz wie in der kapitalistischen Produktion …“
17
18
15
„mehr oder weniger primitive Gemeinwesen, ob diese nun mit Hörigkeits- oder
Sklavereiverhältnissen versetzt seien oder nicht.“21
- Eine erste primär wertgebundene Privatökonomie entstand innerhalb der
antiken Sklavenhaltergesellschaften zum Ende des 6. Jahrhunderts v. u. Z.,
nachdem seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. Münzen eingeführt worden waren.22 Die
entscheidende ökonomische Basis war der angeeignete Privatbesitz an Grund
und Boden. Die Machtmittel der Herrschenden ermöglichten es, „fremde
Arbeitskraft durch direkten physischen Zwang“ zu versklaven.23 Die Quellen
privater und gesellschaftlicher Bereicherung zu antiker Zeit waren der
massenhafte Einsatz von Sklaven in Hauswirtschaften, großen Werkstätten und
Latifundien zum Abschöpfen des erzeugten Mehrprodukts, das Anhäufen von
Edelmetallen, die mittels Sklavenarbeit in Erzbergwerken gewonnen und zum
Kauf weiterer Sklaven benötigt wurden24, ferner die nichtökonomische
Bereicherung durch Raub, Versklavung, Kriege und den Verbrauch von Wäldern
in der Nähe der Siedlungsgebiete und Produktionsstätten.
Zur Spaltung der Ökonomie als Wissenschaft: Das mögliche getrennte
Anhäufen von Geld, das als Äquivalent und rationelles Mittel zum
Warenaustausch und Sklavenhandel eingeführt worden war, führte in
wissenschaftlicher Verallgemeinerung zur Entstehung zweier Ökonomien. Auf der
Basis von Privateigentum und Privatbesitz entstanden die auf Gebrauchswerte
orientierte Ökonomik und die spezifisch wertorientierte Chrematistik. Damit
spaltete die antike Klassengesellschaft die entstehende Ökonomie als
Wissenschaft!
Anmerkungen:
- Auf die Existenz von zwei in der Antike bekannten ökonomischen
Wissenschaften verwies bereits Aristoteles (384-322 v. u. Z.), worauf Karl Marx
im ersten Band des „Kapital“ aufmerksam macht. Danach beschreibt Aristoteles
die „Chrematistik“ als „Kunst …, Geld zu machen“ und die „Ökonomik“ als
„Erwerbskunst“, die sich auf die „Verschaffung der zum Leben und für das Haus
oder den Staat nützlichen Güter“ beschränke. Für die „Chrematistik“ sei „die
Zirkulation die Quelle des Reichtums“. Das Geld sei „ihr Anfang und das Ende“.
Für die „Chrematistik“ scheine „keine Grenze des Reichtums und des Besitzes zu
existieren“. Aristoteles fügte hinzu: „Die Verwechslung beider Formen, die
ineinander überspielen, veranlasst einige, die Erhaltung und Vermehrung des
Geldes ins Unendliche als Endziel der Ökonomik zu betrachten.“25 26
Vgl. ebd., S. 474. Im letzten Satzteil des Zitats dürfte in der Aussage von Karl Marx
eine Ungenauigkeit vorliegen, indem er den Begriff der Naturalwirtschaft auch auf
„primitive Gemeinwesen“ übertrug, die nicht „mit Hörigkeits- oder Sklavereiverhältnissen
versetzt“ sind. Vermutlich ergab sich die Ungenauigkeit, weil er es unterließ, den Begriff
Ökonomie explizit in Unterscheidung zu Wirtschaftlichkeit zu definieren, was im Rahmen
der Schaffung einer ökonomischen Theorie für die nachkapitalistische Gesellschaft
notwendig geworden wäre.
22
Vgl. Hans Dollinger, a. a. O., S. 657 u. 225
23
Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 2, S. 474/475
24
Vgl. „Ökonomisches Lexikon L-Z“, a. a. O., S. 658
25
Vgl. Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 167, Fußnote 6
26
Es ist bemerkenswert, dass Aristoteles zu diesen klaren Aussagen fand, war er doch
Lehrer des größten Eroberers der Antike, von Alexander dem „Großen“ (356-323 v. d. Z)!
21
16
- Elmar Altvater bezog sich in seiner Abschiedsvorlesung am Otto-Suhr-Institut
der Freien Universität Berlin auf die Unterscheidung von Aristoteles. Doch er
deutete sie auf seine Weise, so dass sie sich in das Identifizieren von Wirtschaft
und Ökonomie prinzipiell einordnet: „Diese Maßlosigkeit ist seit Aristoteles
Thema und hat ihn veranlasst, zwischen maßvoller (und natürlicher)
Hauswirtschaft und maßloser (und daher unnatürlicher) Geldwirtschaft zu
unterscheiden.“27 Die Deutung von Altvater wird dann problematisch, wenn
Wirtschaften zum Zwecke des Erzielens von Gewinn definiert wird. Es bleibt dann
offen, wie ökonomisches Verhalten im Sinne von Haushaltung im familiären,
städtischen und staatlichen Rahmen einzuordnen und wie ökonomisch zu
charakterisieren ist, wenn Handel ohne Gewinninteresse ausgehend von der
aufgewandten Arbeitszeit erfolgt oder wenn eine Gemeinschaft die von ihr in
Arbeitsteilung produzierten Gebrauchswerte auf ihre Mitglieder verteilt.
- Seit der griechischen Antike bildete sich also jene erste primär wertorientierte
Ökonomie in Form der Chrematistik als Wissenschaft heraus. Sie wurde zur Basis
der Wirtschaftswissenschaften, die heute unser ökonomisches Denken
weitgehend beherrscht, als gäbe es die andere (primär von den Bedürfnissen und
Gebrauchswerten ausgehende) Ökonomie überhaupt nicht! Es scheint deshalb
auch so, als hätten sich die primär auf Wertformen gerichteten Ökonomien im
Verlaufe der Jahrtausende in der „zivilisierten“ Welt als „höhere“
Entwicklungsform ausnahmslos durchgesetzt. Doch es gab stets jenes von
Aristoteles erwähnte „ineinander Überspielen“ zwischen den Ökonomien. Die
Gemeinschaftsökonomie, die Gesellschaftsökonomien und die Privatökonomien
existierten innerhalb einer Gesellschaft stets zugleich, wobei die Privatökonomien
im Verlaufe der historischen Entwicklung immer stärker dominierten. Eine
wesentliche Ausnahme entwickelte sich im Verlaufe von Jahrhunderten in den
europäischen mittelalterlichen bürgerlichen Städten.
These zu den Bürgerstädten des Mittelalters: Die mittelalterlichen
bürgerlichen Städte waren lokale rationelle gemeinschaftliche Lebens- und
Überlebenssysteme auf der Basis handwerklicher Produktion. Sie entstanden aus
gemeinsamen existentiellen und wirtschaftlichen Interessen vor allem unter
Einsatz der Abgaben der Kaufleute und Handwerker. Die gleichartige Struktur
dieser Städte ergab sich einerseits aus dem Schutzbedürfnis ihrer Bewohner,
andererseits aus dem rationellen Einsatz der verfügbaren Mittel. Sie entsprach
den Anforderungen von Gemeinschaftsökonomie.28
Anmerkungen:
- Die im Sinne aller Einwohner rationelle Struktur der Bürgerstädte äußerte sich
in der Form der Stadtmauer, in der Zentralität des Marktes, in den
Straßenführungen, den funktionell unterschiedlichen Straßenbreiten sowie in der
Zentralität benötigter gemeinschaftlicher Einrichtungen. Zudem wurden
insbesondere die gemeinsam genutzten Gebäude und Bauwerke in einer solchen
Qualität errichtet, dass sie Jahrhunderte überdauerten. Auch dies entsprach
Elmar Altvater; The proof of the pudding … Oder: Was heißt und zu welchem Ende
betreiben wir Kapitalismuskritik? In: Neues Deutschland vom 28./29. Januar 2006, S. 24
27
Vgl. Werner Grundmann; Zur ökonomischen Entwicklung von Bürgerstädten, in: Rainer
Mackensen (Hg.); Handlung und Umwelt. Beiträge zu einer soziologischen Lokaltheorie,
Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 165-191.
28
17
einem vernünftigen ökonomischen Verhalten. Es ermöglichte bei relativ geringen
Erhaltungsaufwendungen, den notwendigen Abriss und Ersatz von Gebäuden
möglichst weit in die Zukunft zu verschieben oder ganz zu ersparen. Im heutigen
Sinne kann dieses Herangehen als ökonomisches Reproduzieren bezeichnet
werden. Aus dem Gemeinsinn der Stadtbürger erwuchs die Kultur ihrer Städte.
- Das gemeinsame Vorgehen, auch im gesamtstädtischen Sinne möglichst
rationell zu handeln, erwuchs aus der Größe der Aufgaben und den beschränkt
verfügbaren Mitteln und Kapazitäten. Es galt, für möglichst viele Menschen auf
engem Raum Lebensmöglichkeit und Schutz zu bieten, was sich insbesondere in
der Dichte und Geschosshöhe der Bebauung sowie in der Qualität der
Stadtmauern äußerte.
- Das Bemühen des sich entwickelnden städtischen Bürgertums, gemeinsam zu
handeln, erwuchs aus der Notwendigkeit, sich gegenüber dem damals mächtigen
Feudaladel (und gegenüber konkurrierenden Städten) zu schützen. Das von
außen erzwungene gemeinsame Handeln schloss konkurrierendes Verhalten
innerhalb der Städte um die Vormachtstellung oder gar gewaltsame
Auseinandersetzungen nicht aus. So z. B. wurden innerhalb der Bürgerstädte der
Toskana besonders befestigte bis zu 42 Meter hohe Wohntürme errichtet.
Wesentlich für den betrachteten Zusammenhang ist jedoch das über
Jahrhunderte dominierende ökonomische Verhalten der Stadtbürger.
Allgemeine Bereicherungsthese: Ein Volk, das Privateigentum an
Produktionsmitteln, Privatbesitz an Natur und das Ausbeuten abhängiger
Menschen zum privaten Vorteil zulässt, kann den Keim für die Entstehung von
weltweit
expandierenden
Bereicherungsgesellschaften
bilden.
Private
Bereicherung kann sich dabei auf gesellschaftliche und nationale Bereicherung
sowohl ökonomischer als auch nichtökonomischer Formen ausdehnen und
schließt
persönliche
Bereicherung29
nicht
aus.
Ein
entstandener
Bereicherungsprozess kann in Eigenentwicklung bis zur existenziellen Gefährdung
der gesamten Menschheit führen.
Anmerkungen:
- Bereichern im dargestellten Sinne ist gewaltsames oder legales Aneignen von
fremden Arbeitsergebnissen, von fremdem Eigentum und Besitz, auch von Besitz
an Grund und Boden und von Reichtümern der Natur. Zur Bereicherung gehören
damit auch der Raubbau, die Ausplünderung, die Zerstörung, der Missbrauch und
die Belastung der Natur, wenn die Renaturierung der Nachwelt überlassen wird.
Der Unterschied zwischen privater und persönlicher Bereicherung wird am Begriff
Privatisierung deutlich. Privatisierung ermöglicht das Erwerben von Eigentum und Besitz,
um durch dessen Nutzung Gewinne zu erzielen. Im persönlichen (familiären) Bereich wird
die Schwelle zum Privaten z. B. dann (meist unbewusst) überschritten, wenn aus
Sparguthaben in der Form von Zinsen (ohne eigenständige Arbeit) Gewinne erzielt
werden. Ein (bewusstes) familiäres Überschreiten zum Privaten ist es, wenn etwa (ein
„gemeinsam veranlagtes“) Ehepaar zur gemeinsamen Bereicherung Aktien erwirbt – wie
dies Millionen deutsche Ehepaare tun. Bei der (nicht gewerblichen) Nutzung von
Kraftfahrzeugen, also bei einer die Natur belastenden Lebensweise, für deren Folgen der
Einzelne und die Gesellschaft heute nicht aufkommen, kann man von persönlicher
Bereicherung (zu Lasten der Nachwelt) sprechen.
29
18
- Bereichern zu Lasten der Natur begann bereits in der Antike mit der
„Ausrottung“ von Wäldern.30 Insofern war die Sklavenhaltergesellschaft nicht nur
wegen der zahllosen Kriege weitaus mehr als eine Ausbeutergesellschaft; sie war
auch eine Bereicherungsgesellschaft auf Kosten der Nachwelt.
- Diese Entwicklung hat sich heute potenziert. So geht aus dem ersten
„Alternativen Waldschadensbericht“ deutscher Umweltorganisationen hervor,
dass die Bundesrepublik viertgrößter Verbraucher von Papier und Zellstoff ist.
„Durchschnittlich [werden] 235 Kilogramm pro Kopf hierzulande konsumiert.
Etwa 590'000 Hektar Wald müssen jedes Jahr gerodet werden, um diese Massen
zu produzieren – eine Fläche doppelt so groß wie das Saarland. >>Wir
verbrauchen mehr Papier als Afrika und Südamerika zusammen<< … Nicht
einmal jedes zweite benutzte Blatt sei Recyclingpapier. … Deutschland importiert
Papier und Zellstoff aus insgesamt 130 Ländern. Die dort vernichteten
Waldbestände werden nicht selten durch schnell wachsende MonokulturPlantagen … ersetzt.“31 „6,5 Millionen Bäume sind laut Londoner >>Times<< für
die weltweite Verbreitung der bisherigen fünf Harry-Potter-Bände gefällt
worden.“32
- Solange die Menschen in ihren Protesten gegen private Bereicherung allein von
ihrer sozialen Lage ausgehen, bleibt die mögliche Bereicherung zu Lasten der
Natur. Sie ist es, die letztlich jene von Aristoteles genannte scheinbar nicht
vorhandene Grenze möglicher weltweiter Bereicherung setzt!
- Die entscheidende ökonomische Form der Bereicherung ist die an den
Wertbildungsprozess gebundene Ausbeutung von Menschen im Rahmen
wirtschaftender Einheiten. Nichtökonomische Formen der Bereicherung sind nicht
oder nur bedingt an den Wertbildungsprozess gebunden.
- Nichtökonomische Bereicherung kann zur Basis ökonomischer Bereicherung
ausgedehnt werden und umgekehrt. Was Karl Marx unter der „sogenannten
ursprünglichen Akkumulation“ als „[Ausgangspunkt] der kapitalistischen
Produktionsweise“ ausführlich beschrieb, waren Prozesse und Beispiele vor allem
nichtökonomischer Bereicherung.33 34 „Die Gewalt“ war „selbst ... eine
ökonomische Potenz“ geworden!35
- Karl Marx schrieb im „Kapital“, Bd. 1, zur Bereicherungsproblematik: „Geld als
Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zunächst durch ihre verschiedne
Zirkulationsform. Die unmittelbare Form der Warenzirkulation ist W-G-W,
Verwandlung von Ware in Geld und Rückverwandlung von Geld in Ware,
verkaufen, um zu kaufen. Neben dieser Form finden wir aber eine zweite,
spezifisch unterschiedne vor, die Form G-W-G, Verwandlung von Geld in Ware
und Rückverwandlung in Geld, kaufen, um zu verkaufen. Geld, das in seiner
Vgl. Friedrich Engels; Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20, Berlin 1972, S. 452-453
Vgl. Ina Bauer; Papierkonsum zerstört Umwelt. Alternativer Waldbericht:
Bundesrepublik viertgrößter Verbraucher, in: „Neues Deutschland vom 25. Januar 2006,
S. 10
32
Vgl. Meldung von dpa, zitiert nach „Neues Deutschland“ vom 4./5. 10.2003, S. 16
33
Vgl. Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 741 ff
34
So bezeichnete Karl Marx den „Sklavenhandel“ – bezogen auf Liverpool – als „Methode
der ursprünglichen Akkumulation“ (vgl. Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin
1971, S. 787).
35
Vgl. ebd., S. 779
30
31
19
Bewegung diese letztre Zirkulation beschreibt, verwandelt sich in Kapital, wird
Kapital und ist schon seiner Bestimmung nach Kapital.“36 (…) „Die einfache
Warenproduktion – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen
außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von
Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes
als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur
innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist
daher maßlos.“37 (…) Als „Verwertung des Werts“ ist Kapital „wachsende
Aneignung des abstrakten Reichtums“. „Der Gebrauchswert ist … nie als
unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne
Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens. Dieser absolute
Bereicherungstrieb“ schließt „die rastlose Vermehrung des Werts“ ein.38
- Und weiter: „Von Tag zu Tag wird somit klarer, … daß in denselben
Verhältnissen, in denen der Reichtum produziert wird, auch das Elend produziert
wird; … daß diese Verhältnisse den bürgerlichen Reichtum … nur erzeugen unter
fortgesetzter Vernichtung des Reichtums einzelner Glieder dieser Klasse und
unter Schaffung eines stets wachsenden Proletariats.“39
Zur kolonialen Bereicherung: Die mit Beginn der Neuzeit von den
westeuropäischen Staaten betriebene Kolonialisierung diente in hohem Maße der
Zentralisierung von Werten zur Kapitalisierung und ermöglichte die Schaffung
eines europäischen Wirtschaftssystems. Sie verlief nach einer Strategie, die als
Ideologie-, Besitz-, Macht-, Ausbeutungs- und Ökonomie-Ausdehnung bezeichnet
werden kann. Das gewaltsame Aneignen des erarbeiteten und des natürlichen
Reichtums fremder Kulturen sowie die Fremdausbeutung wurden zu einer
entscheidenden Basis für den heutigen privaten, gesellschaftlichen und
nationalen Reichtum der industrialisierten Länder Europas und Nordamerikas.
Anmerkungen:
- Die ersten Anfänge aggressiver Bereicherungsbestrebungen der vom Papsttum
beherrschten europäischen Handelsvölker gehen bis in die Zeit der Kreuzzüge
zurück. Unter dem Schlachtruf „Gott will es“ wurden im Jahre 1099 beim
„Kreuzzug des Adels“ die „Heilige Stadt“ Jerusalem von „Juden und
Mohammedanern [gesäubert]“ und „innerhalb von drei Tagen nach Schätzungen
40’000
bis
70'000“
Menschen
umgebracht.
Doch
es
gab
einen
„wirtschaftspolitischen Hintergrund“ für den Aufruf von Papst Urban II. aus dem
Jahre 1095 zum ersten Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ im „Heiligen Land“.
„Die handelstüchtigen Mohammedaner hatten bereits vor dem ersten Kreuzzug
ihren Seehandel bis nach Spanien hineingetragen und von dort aus einen
regelrechten Handelskrieg gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht der …
italienischen Umschlaghäfen angefangen.“ Im Ergebnis der Kreuzzüge entstand
für „200 Jahre … für die westliche Christenheit ein Brückenkopf im Osten“, der
den „italienischen Seehandelsstädten Venedig, Genua und Pisa“ insbesondere im
Gewürzhandel riesige Gewinne brachte. Sie sorgten zugleich auch „für den
Nachschub“ für den Brückenkopf.40
Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 162
Ebd., S. 167
38
Vgl. ebd., S. 167/168
39
Vgl. Karl Marx; Das Elend der Philosophie. MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 141
40
Vgl. Hans Dollinger; Schwarzbuch der Weltgeschichte. 5000 Jahre der Mensch des
Menschen Feind. Komet Verlag Köln (2002), S. 101-103
36
37
20
- Die ab 1537 bis 1888 betriebene Ausplünderung des mexikanischen Bergsilbers
soll „mehr als drei Milliarden mexikanische Pesos“ in Talergröße erbracht haben.
Sie wurden „nach 1535 … in 11 Münzstätten … hergestellt“. Dies ermöglichte ab
1548 die Einführung der allgemeinen europäischen Geldwirtschaft. „In ganz
Amerika wurde der Peso zur Hauptwährung, in Nordamerika als … Vorbild des
USA-Dollars“.41
- Der bereits ab 1507 von Kaiser Karl V. legalisierte „Sklavenhandel nach
Spanisch-Westindien“, an dem sich auch das westeuropäische Großbürgertum
beteiligte42, entwickelte sich zur brutalsten Bereicherungsform der Neuzeit. Bis
zum Jahre 1888 wurden rund 15 Millionen afrikanische Sklaven nach Amerika
deportiert, wobei etwa 10 Millionen Afrikaner auf dem Transport starben. Es war
die größte Zwangsdeportation in der Geschichte. Im so genannten Dreieckhandel
brachte sie „Gewinne“ von 800 Prozent ein!43 44
- Zur nichtökonomischen Bereicherung mittels der „Englisch-Ostindischen
Kompanie“ äußerte sich Karl Marx: „Große Vermögen sprangen wie die Pilze an
einem Tage auf, die ursprüngliche Akkumulation ging vonstatten ohne Vorschuß
eines Schillings.“45
- Unter dem Vorwand der Christianisierung wurde die Religion als Ideologie zur
Rechtfertigung der Inbesitznahme fremder Länder missbraucht (IdeologieAusdehnung). Den überfallenen Völkern nahmen die Eroberer so viel von ihrem
Eigentum und Besitz, dass sie in ökonomische Abhängigkeit gerieten (BesitzAusdehnung). Der Inbesitznahme folgten zur Sicherung, Festigung und
Ausdehnung der Macht die Schaffung von Militärstützpunkten und das Einsetzen
von Vizekönigen oder Gouverneuren (Macht-Ausdehnung). Um die eroberten
Länder nach deren Ausplünderung als Standorte zur Bereicherung durch
Ausbeutung weiterhin nutzen zu können, setzten die kolonialen Mächte nach dem
„Verbrauch“ der einheimischen Bevölkerung Millionen versklavter Afrikaner
insbesondere zur Arbeit in der Landwirtschaft ein (Ausbeutungs-Ausdehnung).
Schließlich erließen die Kolonialherren nach dem Vorbild der „Mutterländer“ im
Kampf gegen das bestehende ökonomische System46 Gesetze und Verordnungen
und führten Währungen ein, die die neuen Besitz- und Machtverhältnisse
dauerhaft als Mittel fortwährender privater und nationaler Bereicherung sichern
sollten (Ökonomie-Ausdehnung).
- Die Strategie der kolonialen Bereicherung wurde nach 1989 auch auf die
Aneignung von nationalem Eigentum und Besitz der ehemals sozialistischen
Vgl. transpress Lexikon Numismatik, Berlin 1976, S. 279
Vgl. Ökonomisches Lexikon L-Z, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1971, S. 658
43
Die „Sklavenhändler brachten Textilien, Perlen, Waffen, Alkohol u. a. nach Afrika,
handelten dafür Sklaven ein, verschifften diese nach Süd- oder Mittelamerika bzw. in die
Südstaaten des Nordens und kauften für den Erlös amerikanische Plantagenprodukte ...
für das ‚Mutterland‘ ein.“ (Vgl. Der Pfeffer ist gut, die schwarze Ware ist besser, Sendung
des Deutschlandsfunks, Reihe „Religion und Gesellschaft“ vom 12.05.99)
44
Vgl. auch Hans Dollinger, Schwarzbuch der Weltgeschichte, Komet Verlag Köln 2002,
S. 256-269
45
Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 780
46
Karl Marx spricht von „zwei diametral entgegengesetzten ökonomischen Systemen“,
die sich „in ihrem Kampf“ in den eroberten Kolonien gegenüberstehen (vgl. Karl Marx;
Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 792).
41
42
21
Länder übertragen. Besonders drastisch empfanden viele DDR-Bürger die
Privatisierung des Staatseigentums („Volkseigentums“) der DDR, die den
Charakter einer nationalen Bereicherung der Bundesrepublik Deutschland auf der
Basis ihrer fortgeschrittenen Privatökonomie annahm. In einer Untersuchung zu
den dadurch entstandenen „Schulden des Westens“ gegenüber dem Osten
ermittelten drei Autoren die Summe von sieben Billionen Mark!47 Sie „halten eine
Entschädigung in Höhe von 20 000 Euro für jeden DDR-Bürger, der am 2.
Oktober 1990 seinen Wohnsitz auf dem Gebiet der DDR hatte, nicht nur für
angemessen, sondern auch für finanzierbar. … [Zahlen] sollten die >>Gewinner
der Einheit<<.“: „>> Die Ausgleichsforderung ist zu finanzieren aus den
Einheitsgewinnen
der
westdeutschen
Konzerne,
Finanzorgane
und
Privatpersonen, die sich im Prozess der Wiedervereinigung bis heute bereichert
haben. Gezielt zur Kasse zu bitten sind die Besitzer der Handelsketten,
Finanzinstitutionen und Aktiengesellschaften, >Top<-Manager, Juristen und
Liquidatoren, insbesondere in der Treuhand, in Aufsichtsräten von ehemaligen
DDR-Firmen, die überdurchschnittlich verdient haben; Politiker und höhere
Beamte, die im Osten legal und illegal abkassiert haben …<<“.48
Zur Dominanz des Privaten in der Stadtentwicklung: Die bauliche
Entwicklung der Bürgerstädte barg von Anfang an den Keim der Dominanz des
Privaten in sich. Sie begann mit der Umbauung der attraktiven Märkte und
Handelsstraßen durch das wohlhabende städtische Bürgertum, führte zur
Errichtung von Manufakturen innerhalb der Stadtmauern und – nach deren Fall –
zur Schaffung privater Industrien, zum privaten Massenwohnungsbau und zum
Bau von Villenvierteln außerhalb der bisherigen klaren Stadtbegrenzung. Heute
äußert sich diese Dominanz in den reichen Ländern in zentralisierten
Bankenviertel, Industriezentren, Handelszentren, Konsumtempeln, in der
Zersiedelung und den entsprechenden technischen und Verkehrsnetzen; in den
armen Ländern finden sich hingegen privat abgeschottete Stadtteile der Reichen
auf der einen und Slums in den urbanen Ballungsräumen auf der anderen Seite.
Zum Haushaltsprinzip: Das Haushaltsprinzip war das entscheidende
ökonomische Arbeitsmittel zur Verwaltung einer Bürgerstadt. Im Interesse aller
Stadtbewohner diente es vor allem dem rationellen Einsatz der Mittel aus den
Steuern und Zöllen zur Entwicklung und Erhaltung der Stadt als Ganzes. Mit
zunehmender Dominanz privater ökonomischer Interessen wurden immer mehr
Mittel aus den städtischen und später aus den Staatshaushalten zur Realisierung
privater Zielstellungen innerhalb und außerhalb der Stadt und des Landes sowie
zum Ausgleich von Fehlwirkungen der Marktwirtschaft verwandt.
Anmerkungen:
- Es ist zu unterscheiden zwischen den Quellen und dem Einsatz der Mittel. Das
Ergebnis im Sinne der rationellen Befriedigung gesamtstädtischer Bedürfnisse
lässt sich am Ergebnis erkennen: an der Art und der Qualität der geschaffenen
gemeinsam benötigten Bauwerke.
- Die Wandlung des Einsatzes der ursprünglich für gemeinschaftliche bzw.
gesellschaftliche Zwecke verfügbaren Haushaltsmittel zur immer stärkeren
Klaus Blessing, Eckart Damm, Matthias Werner; Die Schulden des Westens. Wie der
Osten Deutschlands ausgeplündert wird. Selbstverlag, Berlin 2005, 147 S.
48
Vgl. Jörg Roesler: Sieben Billionen Mark! Die Schulden des Westens gegenüber dem
Osten. In: Neues Deutschland vom 2. Februar 2006, S. 13
47
22
Unterstützung privater Interessen und zum Ausgleich ihrer Fehlwirkungen ist ein
Beispiel der sich verstärkenden Dominanz des Privaten allgemein.
Zur kapitalistischen Industrialisierung: Die private Errichtung und Nutzung
großer Industrien außerhalb der Stadtmauern wurde einerseits durch die private
und nationale koloniale Bereicherung ermöglicht, andererseits durch die
Ausbeutung der proletarisierten städtischen Bevölkerung und der von ihrem
Grund und Boden verjagten Kleinbauern.
Anmerkungen:
- „Man sah: die Expropriation der Volksmasse von Grund und Boden bildet die
Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise.“49 Die in Europa entstandene
„relative Übervölkerung und industrielle Reservearmee“50 war nach massenhafter
Auswanderung zugleich das Ausbeutungspotential für die Industrialisierung
Nordamerikas.
- „Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie … Ohne
Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die
Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den
Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie.
So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.“51
- Der im „Kapital“ erbrachte Beweis, dass sich hinter der Ausbeutung von
Menschen die Erzeugung von Mehrwert verbirgt, den sich der Kapitalist aneignet,
war wohl die schwierigste und zugleich folgenreichste wissenschaftliche Leistung
von Karl Marx. Mit der Entdeckung des Mehrwerts gelang ihm der Nachweis der
entscheidenden ökonomischen Form privater Bereicherung. Gegenüber der
Bewältigung dieser wissenschaftlichen Aufgabe war jedoch die Lösung jener
Aufgabe geradezu banal, die den Nachweis erbrachte, dass erst über die so
genannte ursprüngliche Akkumulation durch das Zusammenraffen von Werten
mittels nichtökonomischer Bereicherung die entscheidenden Voraussetzungen zur
Errichtung großer Industrien geschaffen wurden. Es war allerdings fragwürdig,
ausgehend von der im 19. Jahrhundert herrschenden extremen Ausbeutung und
der Zuspitzung der sozialen Frage in den industrialisierten Ländern zu folgern,
dass im 20. Jahrhundert nach dem angestrebten weltweiten Ablösen des
Kapitalismus zwangsläufig die Lösung der sozialen Frage durch den Aufbau des
Sozialismus im Vordergrund stehen müsse. Zweifel an dieser Strategie hätten bei
Lenin schon deshalb aufkommen müssen, weil im Prozess der Entwicklung des
Spätkapitalismus und der globalen privaten Bereicherungsbestrebungen auch
eine extreme Zuspitzung der ökologischen Krise mit existenziellen Gefahren für
die ganze Menschheit erwartet werden musste.
- Das gesellschaftlich verursachte Entstehen der ökologischen Krise war Karl
Marx zu einer Zeit bewusst, als der Begriff Ökologie noch gar nicht geprägt war:
„Die kapitalistische Produktion … entwickelt nur die Technik und Kombination des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen
alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“52
49
50
51
52
Karl
Karl
Karl
Vgl.
Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 795
Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, Berlin 1971, S. 657ff
Marx; Das Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 132
Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, S. 529/530
23
Zur Zersiedelung: Das Aufgeben der baulichen und territorialen Begrenzungen
der Bürgerstädte, das Zersiedeln der Landschaften und das Entstehen von
Agglomerationen war vor allem das Ergebnis der zunehmenden territorialen
Dominanz privater Bereicherungsinteressen.
Anmerkungen:
- Das Durchbrechen der traditionellen Stadtstrukturen vieler Bürgerstädte ergab
sich aus einem komplexen Entwicklungsprozess, der jedoch von den privaten
Bereicherungsinteressen des städtischen Großbürgertums dominiert wurde. Das
Großbürgertum begann, die eigenen wirtschaftlichen Interessen über die
gemeinschaftlichen Interessen der anderen Stadtbewohner zu stellen.
- Die Voraussetzungen für diese Entwicklung ergaben sich erstens dadurch, dass
das Großbürgertum, aber auch Teile des Feudaladels, ausreichend Werte für
Großinvestitionen angesammelt hatten, für die es innerhalb der Städte keine
Verwertungsmöglichkeit gab. Zweitens waren durch den Fortschritt der
Waffentechnik die Stadtmauern weitgehend überflüssig geworden. Drittens
ermöglichte
und
erforderte
der
wissenschaftlich-technische
Fortschritt
Großinvestitionen. Viertens waren durch das Bauernlegen und aus der
gewachsenen städtischen Bevölkerung hinreichend viele Arbeitskräfte als
Lohnarbeiter für die industrielle Produktion außerhalb der bisherigen
Stadtmauern verfügbar.
- Die Zersiedelung begann an jenen Standorten, die über die besten
Verwertungsbedingungen verfügten, vor allem in der Nähe der Kohle- und
Eisenerzlagerstätten sowie im Bereich der Überseehäfen zur Verarbeitung der
importierten Rohstoffe und Halbfabrikate. Zur Ansiedelung von Lohnarbeitern
wurden in großem Umfange Mietskasernen errichtet.
- Die Erfindung der Dampfmaschine revolutionierte das Transportwesen und
führte zur Schaffung erster Schienennetze.
- Die durch die extreme Ausbeutung provozierten sozialen Probleme und die
noch nicht erkämpfte Altersabsicherung der Lohnarbeiter erzeugten ein bisher
nicht gekanntes Bevölkerungswachstum bei den armen Schichten der
proletarisierten Bevölkerung.
- Nach der Erfindung des Diesel- und Benzinmotors verbesserten sich die
Transportmöglichkeiten auf den Straßen außerordentlich, was – zusammen mit
den Schienennetzen – zur verstärkten Vernetzung und Landschaftszerstörung der
industrialisierten Länder führte.
- Der Ausweitung der Verkehrsnetze folgte das Errichten von privaten
Wohngebäuden, von Wohngebieten, von weiteren Industriebauten sowie von
Handelsund
Gewerbeeinrichtungen
außerhalb
der
bisherigen
Stadtbegrenzungen.
Das
Ergebnis
war
die
weitgehend
unbegrenzte
Inanspruchnahme der umgebenden Natur, über die sich der Mensch
entsprechend seinen privaten und persönlichen Interessen vom Besitzer zum
Eigentümer erhob.
Zur rationellen Baugrundnutzung: Auch das Entstehen der mehr- und
vielgeschossigen Bebauung war vor allem das Ergebnis privater Verwertungsund Bereicherungsinteressen.
24
Anmerkung: Attraktive erschlossene städtische Standorte, deren Nutzung aus
der Sicht vieler privater Interessenten hohe Gewinne versprachen, erzielten
infolge des Konkurrenzverhaltens unter kapitalistischen Bedingungen hohe
Bodenpreise. Die Aufwendungen für den Kauf des Grund und Bodens konnten
wieder ausgeglichen und dennoch Gewinne erzielt werden, indem die Nutzfläche,
die dem gekauften Boden entsprach, durch den Bau adäquater unter- und
oberirdischer Geschossflächen vervielfacht, selbst genutzt oder vermietet wurde.
Zur Globalisierung: Die Globalisierung ist der Prozess der fortschreitenden
Privatisierung der Erde. Ihr Gegenstand ist private Bereicherung durch die
Internationalisierung der Ausbeutung, durch das Aneignen der natürlichen und
der nationalen Reichtümer. Die Globalisierung belastet und zerstört tendenziell
die natürlichen Lebensgrundlagen des irdischen Lebens. Sie führt zur staatlichen
Verschuldung selbst der „reichsten“ Länder und gefährdet nationale Währungen.
Im Ergebnis ist sie gesellschaftliche Bereicherung der heutigen zu Lasten
künftiger Generationen unserer Menschheit.
Anmerkungen:
- Für den Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, „ist
Globalisierung zum Stichwort für den totalen Weltmarkt eines schrankenlosen
Kapitalismus geworden“. Es gehe um eine „tendenziell vollständige Entgrenzung
der Wirtschaftsprozesse“. „Globalisierung ist zum Albtraum einer Ökonomie
geworden, die sich durch keine öffentlichen, sozialen und ökologischen Werte
und Ziele mehr einbinden lässt.“53
- Oskar Lafontaine schlug am 14. Januar 2006 auf der XI. internationalen RosaLuxemburg-Konferenz in Berlin vor, das „Wort … Globalisierung … durch das Wort
Kapitalismus [zu ersetzen] … Wenn man das nämlich macht, … dann stellt man
fest, dass der Kontext wieder stimmt. Es wird dann deutlich, dass ein solches
System auf Expansion drängt, dass es grenzüberschreitend ist …, was allgemein
als negative Begleiterscheinung der Globalisierung von uns und von vielen
anderen beklagt wird.“54
- Zur Globalisierung gehören die Verlagerung der Produktion in Billiglohn-Länder
bei bewusster Nutzung unzureichender nationaler „Umweltstandards“, die
Ausplünderung der Natur im globalen Rahmen, das Provozieren kriegerischer
Handlungen zur Sicherung der weltweiten politischen und privatökonomischen
Dominanz unter Inkaufnahme von Belastungen und Zerstörungen territorialer
Lebensgrundlagen, das Übertragen der die Natur belastenden Konsumtionsweise
auf die Länder der Dritten Welt als Absatzmärkte, das Hintergehen von
Steuerzahlungen
trotz
verschuldeter
nationaler
Arbeitslosigkeit
und
unkontrollierte internationale Finanzspekulationen.
- Waren es vordem Konzerne und Banken auf nationaler Ebene, die durch
internationale Aktivitäten zur Bereicherung ihrer Nationen beitrugen, so haben
heute die Kapitalvereinigungen multinationalen Charakter. Sie agieren
Vgl. Hermann Scheer; Globalisierung – Zur ideologischen Transformation eines
Schlüsselbegriffs, in: Le Monde diplomatique (Hg.); Atlas der Globalisierung, taz Verlag
2003, S. 6/7
54
Vgl. junge welt vom 19.01.2006
53
25
weltumspannend und dominieren das Nationale über die Ländergrenzen hinweg
und innerhalb der Länder!
4.2. Zur Entwicklung der neuzeitlichen ökonomischen Wissenschaften
Zu
den
bürgerlichen
ökonomischen
Wissenschaften
und
zur
Privatökonomie: Die Nationalökonomie, die (bürgerliche) politische Ökonomie
und die heutigen Wirtschaftswissenschaften sind Bereicherungswissenschaften,
die von der Akzeptanz privaten Reichtums ausgehen und mit ihren Theorien und
Methoden private, nationale und gesellschaftliche Bereicherung über
Jahrhunderte mit wissenschaftlichen Methoden untersuchten und förderten. Sie
sollten zusammengefasst als Disziplinen der Privatökonomie bezeichnet werden.
Anmerkungen:
- In den „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ wertet Friedrich Engels
die „Nationalökonomie“ als „ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs“
und als „eine komplette Bereicherungswissenschaft.“ Er wendet sich gegen die
Ausdrücke „Nationalökonomie, politische, öffentliche Ökonomie. Die Wissenschaft
sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre
öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.“55
- Im „Anti-Dührung“ gibt Friedrich Engels eine verallgemeinerte Definition der
politischen Ökonomie. Sie sei „im weitesten Sinne … die Wissenschaft von den
Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen
Lebensunterhalts in der menschlichen Gesellschaft beherrschen.“ Zugleich
bezeichnet er sie als „eine historische Wissenschaft“56. Doch Engels schränkt
seine Aussage zur politischen Ökonomie an anderer Stelle selbst ein. Wie „sie
geschichtlich aufgetreten“, ist sie „in der Tat nichts anderes … als die
wissenschaftliche
Einsicht
in
die
Ökonomie
der
kapitalistischen
Produktionsperiode“57. Letztlich kommt er zur Aussage: „Die politische Ökonomie
als Wissenschaft … in dieser Ausdehnung soll jedoch erst geschaffen werden.“58
- Auch die politische Ökonomie des Sozialismus wurde aus der historisch
überkommenen (als Bereicherungswissenschaft gekennzeichneten) politischen
Ökonomie abgeleitet. Deshalb bedarf auch sie einer kritischen Überprüfung und
einer neuen historischen Einordnung.
Privater
Reichtum
schließt
heute
nicht
nur
Privateigentum
an
Produktionsmitteln und Geldvermögen ein, sondern auch den Privatbesitz an
Natur sowie das Privateigentum an „verwertbaren“ Konsumtionsmitteln, wie an
Wohnimmobilien, ferner an technischer und sozialer „Infrastruktur“. Privater
Reichtum entstand im Rahmen der Entwicklung von Gesellschaften über
Jahrhunderte.
- Menschen, die in einem abgegrenzten Siedlungsgebiet unter unterschiedlichen
Eigentums- und Besitzverhältnissen leben, bilden eine Gesellschaft, wenn das
Vgl. F. Engels; Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW, Bd. 1, Berlin 1970,
S. 499/503
56
Vgl. Friedrich Engels; Anti-Dühring, MEW, Bd. 20, Berlin 1972, S. 136
57
Vgl. ebd., S. 213
58
Vgl. ebd., S. 139
55
26
Gebiet eine ökonomisch und politisch eigenständige territoriale Einheit darstellt.
Die territoriale Einheit kann etwa eine Stadt, ein Land, ein Staat oder ein
Zusammenschluss von Ländern bzw. Staaten sein. Maßgeblich dafür, ob für die
Gesamtheit der Menschen von einer Gesellschaft im Unterschied zu einer
Gemeinschaft gesprochen werden kann, sind die unterschiedlichen Eigentumsund Besitzverhältnisse. Gemeinschaften können zu Gesellschaften gehören.
- Zum Reichtum einer Gesellschaft gehören auch der gesellschaftliche, private
und persönliche Besitz sowie der Besitz von Gemeinschaften an Natur innerhalb
der territorialen Grenzen.
These zu den Gesellschaftsökonomien: Gesellschaftsökonomien59 dienen der
rationellen Befriedigung von gesellschaftlich akzeptierten Bedürfnissen und der
rationellen Wahrung privater Interessen innerhalb von Gesellschaften, in denen
sich Privateigentum, Privatbesitz und privates Bereicherungsstreben entwickeln.
Ihre Ergebnisse werden an den geschaffenen und nutzbaren Gebrauchswerten
sowie an den erzielten und nutzbaren Leistungen gemessen, also am Zuwachs
bzw. am Verlust an gesellschaftlichem Reichtum.
Anmerkungen:
- Die Entstehung der kapitalistischen Gesellschaftsökonomien hatten ihren
Ausgangspunkt im Prozess des Übergangs von Gemeinschaften zu Gesellschaften
in den Bürgerstädten, als die privaten Interessen der reichen Stadtbürger die
Gesamtinteressen der städtischen Gemeinschaft immer stärker dominierten.
- Eine Gesellschaftsökonomie geht sowohl von (gesellschaftlich prinzipiell
akzeptierten) persönlichen, gemeinschaftlichen (familiären) und gemeinsamen
Bedürfnissen als auch von privaten und gesellschaftlichen Interessen aus. Deren
mögliche Befriedigung bzw. deren mögliche Wahrung wird auf dem Markt oder
von den Repräsentanten der Gesellschaften entschieden. Mit der Zunahme
privaten Reichtums und der Verschuldung von Gesellschaften an private
Geldgeber wuchs auch der private Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungen
zum privaten Vorteil – auch gegen gesellschaftliche und gemeinschaftliche
Interessen.
- Im Sinne der Suche nach Wegen zur rationellen Befriedigung gesellschaftlicher
Bedürfnisse und der rationellen Wahrnehmung privater Interessen hatten die
Stadtökonomie, die Territorialökonomie und die Nationalökonomie als
Gesellschaftsökonomien und bürgerliche Wissenschaften historisch ihre objektive
Berechtigung.
- Unter Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips dient die Wirtschaft einer
Gesellschaft einerseits der rationellen Produktion und Reproduktion von
Gebrauchswerten, anderseits der Mehrung privaten, gesellschaftlichen und
nationalen Reichtums. Die Mehrung privaten Reichtums rückte jedoch – auch
durch Übernahme öffentlicher Aufträge und bei starkem Überziehen der
vereinbarten Mittel – immer mehr in den Vordergrund.
Die Einführung des Begriffes Gesellschaftsökonomien wurde in Unterscheidung zum
Begriff Gemeinschaftsökonomie sowie zur Einordnung historisch entstandener Begriffe
erforderlich. (W. G.)
59
27
- Die Gemeinschaftsökonomien und die Wirtschaftswissenschaften, einschließlich
der (bürgerlichen) Volkswirtschafts- und der Betriebswirtschaftslehre, sind die
beiden Zweige der Privatökonomie als Wissenschaft.
- Die (bürgerliche) politische Ökonomie befasste sich mit den wissenschaftlichen
Grundlagen der Gemeinschaftsökonomien und der Wirtschaftswissenschaften.
- Durch das Erheben von Steuern und Zöllen hat eine Gesellschaft die
Möglichkeit, auch Bedürfnisse zu befriedigen und privaten Interessen zu
entsprechen, die marktwirtschaftlich nicht relevant sind. Das Anwachsen privaten
Reichtums und die zunehmende Verschuldung der Gesellschaften an private
Geldgeber schränken jedoch diese Möglichkeiten immer mehr ein. Dies führt
auch zum Zurückdrängen der Gesellschaftsökonomien selbst.
Hinter
dem
Zurückdrängen
der
Begriffe
und
Inhalte
der
Gesellschaftsökonomien verbirgt sich, dass das Wirtschaften immer mehr zum
Selbstzweck geworden ist, dass nicht die Ergebnisse aus der Produktion im
Vordergrund
stehen,
sondern
das
in
Wertform
dargestellte
„Wirtschaftswachstum“ als Ergebnis der Gesamtheit gestiegener privater und
gesellschaftlicher Bereicherungsbestrebungen.
These zur Ökonomie als Wissenschaft: Die Ökonomie als Wissenschaft ist die
Lehre
von
der
rationellen
Bedürfnisbefriedigung
für
alle
Gesellschaftsformationen,
Gemeinschaftsformationen,
Lebensformen
und
Lebenssysteme.
Anmerkungen:
- Die Ökonomie als Wissenschaft ordnet sowohl die Disziplinen der
Privatökonomie, der sozialistisch geprägten ökonomischen Disziplinen als auch
die Gemeinschaftsökonomie in sich ein, ohne sich mit den Ergebnissen jeder
dieser Disziplinen zu identifizieren. Sie erklärt, inwiefern diese Disziplinen mit
ihren Theorien und Lehren in der Lage waren und sind, dem Anspruch nach
rationeller Bedürfnisbefriedigung zu entsprechen. Wahre Ökonomie ist
bedürfnisorientiert, wobei der Sicherung der rationellen Befriedigung aller
Grundbedürfnisse allen Lebens im Rahmen des Gesamtzusammenhangs das
Primat zukommt. Erst nach der Erfüllung dieser Zielstellung, sollte die
Befriedigung anderer Bedürfnisse angestrebt werden.
- Indem sie das Entstehen, den Gegenstand und die Ergebnisse der einzelnen
ökonomischen Disziplinen aus der Sicht der rationellen Bedürfnisbefriedigung im
Gesamtzusammenhang untersucht, wertet und einordnet, ist die Ökonomie eine
historische Wissenschaft.
- Die Privatökonomien gehen als wissenschaftliche Disziplinen von der Akzeptanz
des Privateigentums, des Privatbesitzes und privater Gewinn- und
Profitinteressen als notwendige Grundlagen gesellschaftlicher Entwicklung aus.
Sie sind nur bedingt in der Lage, Vorschläge zur Verhinderung von
Überproduktion zu unterbreiten, eben weil sie nicht vom Primat der
Bedürfnisbefriedigung, sondern primär von den Gewinninteressen ausgehen und
weil die vielen unterschiedlichen privaten Interessen weder ausreichend erkannt
noch in ihren Wirkungen und Fehlwirkungen beherrscht werden können.
Gebrauchswerte im benötigten Umfange und der erforderlichen Qualität zu
28
erzeugen und über längere Zeit im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung
bereitzuhalten, stellt ein eigenständiges wissenschaftliches Problem dar.
- Die gegebene und akzeptierte Dominanz privater Gewinninteressen führt auch
zur Unfähigkeit der privatökonomischen Disziplinen, Maßnahmen zur
Verhinderung von Arbeitslosigkeit und zur Verteilung der Arbeit auf alle
Arbeitsfähigen vorzuschlagen, obgleich Produktivitätssteigerungen prinzipiell die
allgemeine
Senkung
der
Arbeitszeiten
ermöglichen.
Die
weltweite
Arbeitslosigkeit, die Hunderte Millionen Menschen betrifft, ist im ökonomischen
Sinne nicht nur die ungeheuerlichste Verschwendung an Arbeitskraft; sie
behindert darüber hinaus die geistige Entwicklung dieser Menschen und ihrer
Angehörigen. Was die Religionen als „Krone der Schöpfung“ bezeichnen, bleibt in
ihren schöpferischen Fähigkeiten millionenfach ungenutzt!
- Das unzureichende Beherrschen der Überangebotsproblematik, das unter
kapitalistischen Bedingungen immer wieder Wirtschaftskrisen auslöste, und die
damit verbundene Arbeitslosigkeit von Millionen Menschen führte die Theoretiker
der politischen Ökonomie des Sozialismus zur staatlichen Planung der Art und
des Umfangs der Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen sowie zum Planen
der Ausbildung und des Einsatzes der Arbeitskräfte. Im Ergebnis entstand die
Planwirtschaft. Doch nicht das Planen erwies sich im Nachhinein als
problematisch, sondern das (unter Konkurrenzbedingungen von außen
erzwungene) Wirtschaften selbst und das nicht notwendige Übertragen des
Wirtschaftlichkeitsdenkens auf Bereiche, wie dem Wohnungsbau und dem
Städtebau, die kapitalistischer Konkurrenz nicht unmittelbar unterlagen. Nicht die
Planung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung wurde zum Primat erhoben,
sondern die Volkswirtschaftsplanung! Städtebau und Wohnungsbau sollten sich
mit ihren Zielen zur gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung in das Mittel, in die
„Volkswirtschaft“; einordnen – weitgehend unabhängig vom Umfang und der
Qualität des vorhandenen Bestandes! Es ging z. B. primär um die Suche nach
„wirtschaftlichen Standorten“ des komplexen Wohnungsbaus und nicht vor allem
um die rationelle Erhaltung und verbesserte Ausstattung der verfügbaren
Bausubstanz! Folgen dieser Denkweise waren die Fortsetzung der unter
kapitalistischen Bedingungen begonnenen Zersiedelung der Landschaften und
das Negieren ökologischer Probleme. Im Ergebnis war auch die politische
Ökonomie des Sozialismus in ihrer historischen Ausprägung durch die einseitige
Ausrichtung auf die Lösung der sozialen Frage nicht in der Lage, der Menschheit
einen vorgezeichneten Weg in eine gesunde Lebenswelt zu weisen.
- Ökonomie im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung verhilft im Verlaufe der
historischen Entwicklung mit sinkendem Aufwand für die Befriedigung der
Grundbedürfnisse nicht nur zur Möglichkeit, andere (gemeinschaftlich
anerkannte) Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch die frei werdende
Arbeitszeit auf andere Weise kreativ zu nutzen: „Gemeinschaftliche Produktion
vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit
die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit
gewinnt sie zu andrer Produktion, materieller oder geistiger. Wie beim einzelnen
Individuum, hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer
Entwicklung von Zeitersparung ab.“60 Doch genau diesen Zusammenhang
verletzen die Lehren der Privatökonomie, indem die Möglichkeit drastischer
Senkung der Arbeitszeiten aus der Diskussion ausgeschlossen wird. Während der
60
Vgl. Karl Marx; Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 89
29
eine Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung durch lange Arbeitszeiten, hohe
Arbeitsintensität, Überstunden und lange Arbeitswege an geistiger Entwicklung
gehindert wird, sind die Arbeitslosen und deren Angehörige durch Ausgrenzung,
unzureichende Mittel und Depressivität verurteilt dahinzuvegetieren.
- Den privatökonomischen Disziplinen ist es aus ihrer eingeschränkten Sicht
gleichfalls unmöglich, die primär aus den privaten Gewinninteressen
resultierenden, tendenziell zunehmenden Belastungen unserer Lebenswelt
verhindern zu helfen. Vorrang hat für sie nicht der Berg an abzutragenden
Schulden gegenüber der Natur, sondern das Begleichen von Schulden an Banken
und private Geldgeber, also die Sicherung der weiteren Bereicherung der Reichen
und Vermögenden! Damit fehlen diesen privatwissenschaftlichen Disziplinen die
Voraussetzungen, Vorschläge für die berechtigten Erwartungen der Menschen auf
Befriedigung wesentlicher Grundbedürfnisse überhaupt zu erarbeiten. Unter
diesen Prämissen kann von ihnen auch dem Überlebensbedürfnis unserer
Menschheit nicht entsprochen werden!
- Die bisherige Kennzeichnung ökonomischer Wissenschaften als politische
Wissenschaften, als politische Ökonomien, entsprach den Interessen der jeweils
ökonomisch bzw. politisch herrschenden Klasse und Kräfte. Diese Kennzeichnung
entfällt, wenn der Gegenstand der Ökonomie alles Leben, alle Gesellschafts- und
Gemeinschaftsformationen umfasst.
4.3.
Zur fragwürdigen Dominanz des Wirtschaftlichen
Zum Wirtschaftlichkeitsprinzip: Privatökonomie äußert sich heute vor allem
in der Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips. Es impliziert ein verengtes,
zumindest egozentrisch dominiertes ökonomisches Denken, weil es die
Fehlwirkungen der Produktion und der Nutzung der produzierten Gebrauchswerte
sowie die Nichtbefriedigung von Bedürfnissen, die marktwirtschaftlich nicht
relevant sind, weltweit außer Acht lässt. Vielfach erfolgt das Wirtschaften sogar
zu Lasten der Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse. Seine Anwendung
führt deshalb tendenziell zu immer stärkeren Zerstörungen und Belastungen
unserer gesamten Lebenswelt. Das verengte ökonomische Denken resultiert aus
der Haltung der wirtschaftenden Unternehmen, die Befriedigung von
Bedürfnissen lediglich als Mittel zur Gewinnmaximierung zu betrachten, wobei im
Rahmen der Gegenüberstellung von Aufwand und Ergebnis versucht wird, die
gesamten aufgewandten Kosten möglichst gering zu halten, für die gesamten
Erzeugnisse aber einen möglichst hohen Preis zu erzielen.
Anmerkungen:
- Die Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips bedeutet, dass die eingesetzten
Mittel als Kapital und damit vorrangig zum Anstreben von Gewinnen verwandt
werden. Infolge der Beschränkung auf Waren und Dienstleistungen wird weder
von allen Grundbedürfnissen noch vom erreichten Stand in der Befriedigung der
marktwirtschaftlich relevanten Bedürfnisse ausgegangen. Durch die ungleiche
Verteilung des erarbeiteten, erwirtschafteten und privat angeeigneten Reichtums
schafft die Marktwirtschaft Überfluss an den Standorten der Nachfrage, lässt
selbst neue Märkte entstehen und ignoriert den Mangel an Standorten
unzureichender Nachfrage. Der Überfluss an Waren in den reichen Ländern
erscheint als weltweite Überproduktion und als Ergebnis der Leistungen in den
„reichen“ Ländern. Er resultiert jedoch in hohem Maße aus der Ausbeutung in der
30
Dritten Welt, aus der weltweiten Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und der
extremen Belastung unserer Lebenswelt.
- Die Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips birgt von vornherein in
mehrfacher Hinsicht die Möglichkeit des Missbrauchs in sich, etwa indem zur
Kostensenkung die Löhne extrem niedrig gehalten, Steuern „erspart“, natürliche
„Ressourcen“ kostengünstig geplündert sowie Abfälle und Gifte in die Natur
unbearbeitet „entsorgt“61 oder indem zum Erzielen von Extragewinnen die Preise
überhöht werden.
- Zunehmende Konkurrenz und die sich immer stärker ausdehnende Geldgier
können in allen gesellschaftlichen Bereichen zur Kriminalisierung des
wirtschaftlichen Geschehens führen. Die Kreativität eines zunehmenden Anteils
von Menschen äußert sich in krimineller Energie. Sie reicht von Bestechung,
Betrug, Hinterziehung, Diebstahl, Doping bis zum Menschenhandel und zur
Versklavung62.
- Das Wirtschaftlichkeitsprinzip führt nur insoweit zu einer rationelleren
Bedürfnisbefriedigung, als es – in isolierter Betrachtung für die jeweiligen
Gebrauchswerte – innerhalb und außerhalb des Produktionsprozesses beiträgt,
diese rationeller zu produzieren, zu lagern, zu transportieren und zu verteilen.
- Um auf dem Markt konkurrenzfähig zu bleiben, ergibt sich für die privaten
„Investoren“ die Notwendigkeit, die erzielten Gewinne wiederum als Kapital
einzusetzen. Ist die Verwertung von Kapital eingeschränkt, werden neue
Möglichkeiten zum „Anlegen“ der Geldvermögen erschlossen. Dies führte zum
Übertragen des Wirtschaftlichkeitsprinzips auf nicht produzierende Bereiche,
historisch zuerst der in Form der Gründung von Banken.63 Auf diese Weise
entstand die so genannte Finanzwirtschaft und mit ihr der offizielle Geldverleih
sowie die Möglichkeit der unmittelbaren privaten Bereicherung ohne direkte
Ausbeutung. Über die Banken wurde auch die Möglichkeit geschaffen, sich über
„Die Dritte Welt entwickle sich immer mehr zur Giftmüllhalde der Ersten Welt“, mahnte
Greenpeace. Veronica Odriozola vom argentinischen Zweig der Umweltorganisation
forderte vor der 19. Generalversammlung der Internationalen Union für die Erhaltung der
Natur (IUCN) 1992 in Buenos Aires „die Zustimmung zu einem Vorschlag, den Export
giftiger Abfälle der Industriestaaten in die Entwicklungsländer zu verbieten.“ Greenpeace
zufolge wurde in den vergangenen fünf Jahren 100 Millionen Tonnen Müll in die Dritte
Welt abgeschoben. (Vgl. „Neues Deutschland“ 01.02.1994, S. 14)
61
Die Berliner Zeitung berichtete am 21. Juli 2006 auf Seite 2 von der Versklavung von
113 polnischen Erntehelfern in Süditalien, die „von bewaffneten Männern – den Kapos“
und „hetzenden Hunden“ bewacht und in „Arbeitslagern“ gehalten wurden. Sie mussten
täglich 10 bis 15 Stunden arbeiten.
62
Die erste deutsche Bank, die Fuggerbank, wurde vom Kaufmannsgeschlecht der
Fugger gegründet, das seit 1370 in Augsburg ansässig war und im Verlaufe von 150
Jahren zur reichsten deutschen Familie aufstieg. Sie finanzierte nicht nur die Kaiser des
Hauses Habsburg, sondern pflegte auch eine enge Bindung zum Heiligen Stuhl in Rom.
Die Fugger bereicherten sich u. a. dadurch, dass der Kaiser eine Reichssteuer an die
Kaufmannsfamilie verpfändete und der Papst der Fuggerbank die Rechnungsführung für
das gesamte Ablasswesen übertrug. Im Jahre 1519 wandten die Fugger „850 000 Gulden
allein an Bestechungsgeldern auf“, um dem eigenen Favoriten, den späteren Karl V., zur
deutschen Kaiserkrone zu verhelfen (vgl. Die Fugger; Ein Kaufmannsgeschlecht im
Zentrum der Macht, Thales-Verlag, Essen 1991, S. 17, 29, 31 und 43).
63
31
den Kauf von Aktien anteilig an Gewinn versprechenden größeren Vorhaben zu
beteiligen.
- Das massenhafte Anwachsen privater Geldvermögen in den so genannten
reichen Ländern hat zum weiteren Ausdehnen der Anwendung des
Wirtschaftlichkeitsprinzips geführt, insbesondere auf das Gesundheitswesen, auf
die Energie- und Wasserversorgung, auf die Abwasserbeseitigung sowie auf den
Güter- und Personenverkehr. Die angesammelten privaten Geldvermögen sind
inzwischen so riesig und die finanziellen Möglichkeiten selbst der „reichen“
Staaten sind so weit eingeschränkt, dass eine Verschuldung des Staates an die
Banken und an die privaten Vermögensbesitzer im Gesamtumfang von Billionen
Euro entstand.64 Da insbesondere die Staatsschulden nicht mehr abgetragen
werden können, aber am Prinzip möglicher weiterer privater Bereicherung über
Zinsen und Aktiengewinne im Rahmen der „Finanzwirtschaft“ festgehalten wird,
sind Staats-, Wirtschafts- und Finanzkrisen letztlich nicht zu vermeiden.
Zum Nationalreichtum und zur nationalen Bereicherung: Das Aneignen,
Erwerben und Erarbeiten nationaler Reichtümer war in den „reichen“
westeuropäischen
Staaten
ein
relativ
eigenständiger
historischer
Bereicherungsprozess, der unter Konkurrenzbedingungen in mehreren Etappen
verliefen und von der Schaffung, Entwicklung sowie Ausdehnung kapitalistischer
Eigentums-, Besitz- und Produktionsverhältnisse dominiert wurde. Er schloss
innere und äußere (koloniale) nichtökonomische und ökonomische Bereicherung
ein. Nationalreichtum entstand unter diesen Bedingungen zunächst vor allem als
Gesamtheit privater Reichtümer, die im Prozess der so genannten ursprünglichen
Akkumulation angeeignet und über die Versklavung von Millionen Afrikanern
sowie durch Ausbeutung im eigenen Land vermehrt wurden. Erst nach Schaffung
eines hohen Produktivitätsniveaus, nach jahrzehntelangen Klassenkämpfen, nach
Kriegen und in Konfrontation mit dem sozialistischen System wurde ein hoher
Anteil der Bevölkerung der „reichen“ Nationen im Rahmen der „sozialen
Marktwirtschaft“ an den Ergebnissen „wirtschaftlichen Fortschritts“ stärker
beteiligt.
Anmerkungen:
- Wenn die Menschen der „reichen“ westeuropäischen Nationen und der „reichen“
Staaten Nordamerikas heute davon ausgehen, sie hätten die Grundlagen ihres
Reichtums selbst erarbeitet, dann sollten sie kritisch in ihre eigene Geschichte
blicken! Schon Hermann Fürst von Pückler (1785-1871), ein bedeutender
Gartengestalter und Schriftsteller, schrieb: „Die Geschichte lehrt uns leider, daß
die Nationen, welche am konsequentesten und rücksichtslosesten dem Egoismus
gehuldigt haben, bisher stets am besten gediehen sind, ihre Macht am längsten
behauptet haben.“65
Nach dem „Reichtumsbericht ‚World Wealth Report 2003’ der privaten US-Bank Merrill
Lynch und der Unternehmensberatung Cap Cemini Ernst & Young … verfügten Ende des
Jahres 2002 insgesamt 755.000 Privatpersonen in der Bundesrepublik Deutschland über
ein Finanzvermögen von mehr als einer Million Dollar (ca. 950.000 Euro). Ende 2001 lag
die Zahl der Millionäre in Deutschland – ohne Immobilienvermögen – noch bei 730.000
Personen (vgl. Michael Klundt; Armut und Reichtum in Deutschland. Ursachen und Folgen
des Sozialstaatsumbaus, Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung [gespeichert am
10.01.2005 von www.linksnet.de]).
64
32
- Wenn sich heute die Menschen „reicher“ Länder der Vorzüge der „sozialen
Marktwirtschaft“ erinnern, wenn sie sich noch an ihrer sozialen Absicherung und
großzügigen Lebensweise erfreuen, dann sollten sie sich fragen, in welch hohem
Maße sie auf Kosten der Menschen der Dritten Welt und unserer Lebenswelt
lebten und heute noch leben. Das (zeitweilige) „Soziale“ in den „reichen“ Ländern
wurde auch durch das weltweit dominant Unsoziale und Unökologische
ermöglicht!
- Der schottische Nationalökonom Adam Smith befasste sich als erster
Wissenschaftler umfassend mit dem „Wesen und den Ursachen des Reichtums
der Nationen“.66 Er ging davon aus, dass sich die „Politische Ökonomie ... mit der
Frage“ beschäftigt, „wie man Wohlstand und Reichtum eines Volkes und Staates
erhöhen kann“.67
- Friedrich Engels und Karl Marx setzten sich kritisch mit den Erkenntnissen von
Adam Smith auseinander. Engels schrieb: „Der Ausdruck Nationalreichtum ist
erst durch Verallgemeinerungssucht der liberalen Ökonomen aufgekommen.
Solange das Privateigentum besteht, hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Der
‚Nationalreichtum‘ der Engländer ist sehr groß, und doch sind sie das ärmste Volk
unter der Sonne. Man lasse entweder den Ausdruck ganz fallen, oder man nehme
Voraussetzungen an, die ihm einen Sinn geben.“68 Marx stellte fest: „Der einzige
Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der
modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld.“69
- In den „reichen“ Ländern äußert sich „Reichtum“ in vielen Haushalten in einer
großen Anzahl überflüssiger Gegenstände.70 Karl Marx warnte uns: „Das
Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, dass ein Gegenstand
erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben. … An die Stelle aller physischen und
geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn
des Habens getreten.“ „Mit der Masse der Gegenstände wächst … das Reich der
fremden Wesen in uns, denen der Mensch unterjocht ist.“ „Die Aufhebung des
Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne
und Eigenschaften.“71 Rationelle Bedürfnisbefriedigung in diesem Sinne heißt
wohl nicht nur Nichtbesitz des nicht oder nur bedingt Benötigten, sondern auch
Nichtproduktion des Überflüssigen!
Siehe Hermann Fürst von Pückler, Briefe eines Verstorbenen (1830/32), zitiert nach
Neues Deutschland vom 23./24.08.03, S. 24
66
Adam Smith; An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, London
1776 bis 1789
67
Adam Smith; Der Wohlstand der Nationen, München: dtv, 7. Auflage 1996 nach der 5.
Auflage, London 1789, S. 347
68
Friedrich Engels; Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW, Bd.1, S. 502/503
69
Vgl. Karl Marx; Das Kapital, MEW, Bd. 23, S. 782
70
Laut einer Notiz auf Seite 16 des Neuen Deutschland vom 25.02.05 meldete dpa, dass
in „deutschen Haushalten ungenutzte, aber weitgehend voll funktionsfähige Gegenstände
im Wert von rund 20 Milliarden Euro [lagern] … So eine gestern vorgestellte
repräsentative TNS Emnid-Studie für das Internet-Auktionshaus eBay. Das dominierende
Hamster-Motiv lautet: Fast keiner möchte die Sachen einfach wegwerfen.“
71
Vgl. MEW, Bd. 40, S. 540; vgl. auch Rainer Thiel; Marx und Moritz. Unbekannter Marx.
Quer zum Ismus. 1945-2015. trafo Verlag, Berlin 1998, S. 76-77
65
33
These zum Wachsen oder Schrumpfen der Wirtschaft: Die Frage, ob eine
Wirtschaft im Sinne des „nachhaltigen Wirtschaftens“ „wachsen“ darf oder
„schrumpfen“ muss, ist eine irreführende Fragestellung. Sie ist an
marktwirtschaftliches Denken gebunden, führt auf eine falsche Fährte und
verkennt die grundlegende Ursache der ökologischen Krise. Ein starkes
„Schrumpfen“ der Wirtschaft kann den ökologischen Kollaps zwar hinauszögern,
hebt jedoch die verengte privatökonomische Ausrichtung der Wirtschaft auf
marktrelevante Bedürfnisse nicht auf.
Anmerkungen:
- Wenn die Frage gestellt wird, auf welche Weise jene Leistungen zur
Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts unter kapitalistischen
Bedingungen finanziert werden sollen, die nicht marktwirtschaftlich relevant, die
nicht gewinnbringend sind, dann bleibt unter marktwirtschaftlichen Bedingungen
nur eine Antwort: Die benötigten Mittel müssten aus den Gewinnen der
Marktwirtschaft abgezweigt werden! Doch wie soll dies zum Erfolg führen, wenn
z. B. die Gewinne der Autoindustrie anteilig für Maßnahmen zur Sicherung der
„Nachhaltigkeit“ genutzt werden, wenn etwa zur Automobilisierung Chinas
Arbeitsplätze geschaffen und hohe Gewinne erzielt werden, um sie hinterher für
Maßnahmen zum Klimaschutz anteilig einzusetzen? Was für ein Widersinn! Doch
selbst wenn die Produktion der Autoindustrie um 50 % „schrumpft“ und die
Fahrzeugnutzung sehr weit eingeschränkt werden kann, schreitet die
Klimaerwärmung weiter voran, eben weil der Anteil an klimawirksamen Gasen
sich in der Atmosphäre weiter anreichert. Offensichtlich geht es um eine
vollkommen neue weltweit organisierte Verteilung der Arbeit und ihren
rationellen Einsatz unabhängig vom Gewinndenken! Das aber ist im Rahmen der
Marktwirtschaft nicht möglich! Letztlich stellt sich tatsächlich die Frage, was wir
unter ökonomischem Handeln in den nächsten Jahrzehnten verstehen möchten:
entweder ab einem bestimmten Zeitpunkt zumindest unsere Grundbedürfnisse
auf rationelle Weise zu befriedigen oder weiter gewinnorientiert zu wirtschaften,
um den Warenüberfluss so weit zu mehren, bis unsere „Ressourcen“ erschöpft
sind und unsere Lebenswelt so weit geschädigt ist, dass die Katastrophe über
uns kommt.
- Die fragwürdige Denkweise der Wachstumsfetischisten beginnt bereits beim
Begriff Wirtschaftswachstum selbst: Wachstum ist prinzipiell an Leben gebunden,
an bewusst oder unbewusst lebende sich eigenständig entwickelnde Organismen,
an Pflanzen, Tiere und Menschen. „Wirtschaftswachstum“ bedeutet tendenziell
eine immer stärkere Zerstörung vor allem von pflanzlichem Leben als
Existenzgrundlage allen anderen Lebens. Es ist deshalb eine Beleidigung der
Schöpfung in gröbster Form, wenn der Begriff Wirtschaftswachstum als
dominanter Ausdruck heutiger gesellschaftlicher Entwicklung mit dem genetisch
bedingten Wachstum in Verbindung gebracht wird!
- Je mehr die Wirtschaft „wächst“, umso mehr entstehen als Repräsentanten
privaten Reichtums neue Arten von „Bäumen“: Gebäude aus Beton, Stahl und
Glas, die wir – ob ihres gehorteten Reichtums – ehrfurchtsvoll als Banken
bezeichnen. Zutreffender wäre in der Sprache der „wachsenden“ Marktwirtschaft
wohl die Bezeichnung „Bereicherungsbäume“. In ihnen wird das Wunder
vollbracht, nichts zu produzieren, aber dennoch hohe „Erträge“ abzuwerfen. Sie
sind teils weitaus höher als die höchsten Bäume der Erde und bilden in
bestimmten Städten regelrechte „Bereicherungswälder“! Ihre Nahrung besteht
allein aus Wertsubstanz, die sie aufsaugen, um auf geheimnisvolle Weise in Form
34
von „Erträgen“ die weitere private Bereicherung der Wohlhabenden und Reichen
zu ermöglichen. Das Ergebnis erfahren wir tagtäglich in den weltweit verbreiteten
Börsennachrichten und empfinden dieses Bereicherungsgeschehen schon fast als
normal. Doch eines ist sicher: Je mehr es ertragreiche „Bereicherungsbäume“
gibt, umso mehr verschwinden natürliche Bäume und unsere Wälder!
- Was machen wir, wenn es genug „Bereicherungsbäume“ gibt, aber kaum noch
Bäume wachsen? Dann freuen wir uns alle, wie reich doch die Menschheit
geworden ist, müssen allerdings feststellen, dass uns die vielen neuartigen
Bäume nichts Essbares bieten und dass all die angehäufte Wertsubstanz nichts
wert ist! Dann sterben auch die Bereicherungsbäume, weil ihre Wertsubstanz von
der Inflation aufgefressen wird! Dann haben wir uns zwar die Erde untertan
gemacht. Dann gehören uns nicht nur die Produktionsmittel: Wir besitzen fast die
gesamte Natur – die allerdings keine mehr ist! Und wir fragen uns: Haben wir die
Privatökonomie beherrscht oder diese uns? Vielleicht sehnen wir uns dann nach
einer Ökonomie, die nur auf die Gebrauchswerte gerichtet ist! Die Natur macht
es uns vor: Sie funktioniert ohne Wertsubstanz, ohne Abfall und ohne Menschen
– wenn man sie sich selbst überlässt!
Zur Schizophrenie weiteren Wirtschaftswachstums: Die Behauptung, dass
unter den heutigen Bedingungen die Wirtschaft in den „reichen“ Ländern weiter
„wachsen“ müsse, um Arbeitsplätze schaffen zu können, widerspricht jeglicher
Logik und Vernunft.72
Anmerkungen:
Das
abgehobene
Gerede
über
ein
vorgeblich
notwendiges
„Wirtschaftswachstum“, um wieder Arbeitsplätze schaffen zu können, geht
zumindest an drei Fragen vorbei. Erstens müsste beantwortet werden, ob
ausgehend von den Bedürfnissen der Menschen und vom bisherigen Angebot der
Wirtschaft überhaupt die Notwendigkeit und Möglichkeit besteht, gewinnbringend
zu „investieren“. Wo besteht in den „reichen“ Ländern ein Mangel, der über neue
Warenproduktion beseitigt werden sollte? Zweitens wird verschwiegen, dass ja
die hohe Arbeitslosigkeit vor allem Ergebnis gestiegener Produktivität ist und
dass es die Leistungssteigerungen an sich ermöglichen müssten, die
Arbeitszeiten stark zu reduzieren und zugleich allen Arbeitslosen Arbeit zu geben.
Drittens
bleibt
unerwähnt,
dass
es
die
gestiegene
wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit an sich ermöglichen müsste, weltweit jene sozialen
Grundbedürfnisse verstärkt zu befriedigen und ökologischen Maßnahmen
einzuleiten, die von vornherein keinen Gewinn versprechen. Gerade das
Nichtwirtschaftliche, der „Nonprofit-Sector“, wird heute immer bedeutsamer!
Dass dem unzureichend entsprochen wird, resultiert aus den privaten
Gewinninteressen.
- Dass die Arbeitszeiten nicht drastisch reduziert und nicht alle Menschen
beschäftigt werden, ist durch die anteiligen Sozialausgaben der „Arbeitgeber“ für
die „Arbeitnehmer“ bedingt. Zwei Beschäftigte mit je 4 Stunden Arbeitszeit
erfordern für den jeweiligen „Arbeitgeber“ die doppelten Sozialabgaben
gegenüber einem mit 8 Stunden Arbeitszeit. Um den privaten Gewinn nicht zu
beschneiden, bleiben folglich – zu Lasten der Gesellschaft – die langen
Arbeitszeiten erhalten. Doch selbst im Falle der vollen Übernahme der sozialen
„Schizophren“ heißt im übertragenen Sinne „widersprüchlich im Denken und Handeln“
(vgl. Knaurs Fremdwörterbuch; Lexikographisches Institut, München 1982, S. 380).
72
35
Absicherung der Arbeitslosen durch die Gesellschaft, bleibt die Frage, wie sie es
verantworten kann, die Arbeitskraft von Millionen Menschen ungenutzt zu lassen
und die Persönlichkeitsentwicklung so vieler Menschen zu behindern! Was für
eine „Ökonomie“!
- „Wirtschaftswachstum“ bedeutet heute in den „reichen“ Ländern, noch mehr
Warenüberfluss, der für viele Menschen in den großen Warenhäusern bereits
erdrückend wirkt. Er bedeutet noch mehr Lebensmittel für jene Länder, in denen
es schon viel zu viele dicke Menschen gibt. In den „reichen“ Ländern werden
viele Menschen krank, weil sie übergewichtig sind; in den armen Ländern
erkranken sie infolge von Unterernährung oder verhungern! Doch sowohl der
überzogene Lebensmittelverbrauch als auch die notwendige medizinische
Versorgung der Übergewichtigen tragen zum „Wirtschaftswachstum“ bei!
- „Wirtschaftswachstum“ konzentriert sich in den „reichen“ Ländern sehr stark
auf technische Konsumgüter. Es gibt ein Überangebot an Fahrzeugen, an
Haushaltstechnik und Elektronik mit bewusst begrenzter Nutzungsdauer. Was soll
im Sinne der „Verbraucher“ vorgeblich ökonomisch sein, wenn technische und
elektronische Gebrauchswerte relativ früh funktionell oder moralisch
verschleißen, um die „Verbraucher“ zu neuem Kauf anzuregen? Die eigene
Qualifizierung wird von vielen Jugendlichen und Technikfreaks darin gesehen,
neue Technik zum Spielen beherrschen zu lernen! In ihrer geistigen Entwicklung
werden sie, ohne dass dies ihnen bewusst wird, vom Markt beherrscht und falsch
orientiert!
- Auch die enormen Aufwendungen der Wirtschaft, um mittels Werbung ihren
Absatz zu sichern und der dafür erforderliche riesige Papierverbrauch gehören
zum „Wirtschaftswachstum“! Doch was für eine Vergeudung an geistiger
Arbeitskraft und was für eine Schädigung unserer Lebenswelt, wenn für
Druckerzeugnisse, die zum größten Teil sofort im Müll landen, Wälder abgeholzt
werden!
- „Wirtschaftswachstum“ heißt heute in hohem Maße auch Steigerung der
Autoproduktion. Doch entgegen seinem Zweck ist das Auto zum größten
Verkehrshindernis geworden! Jedem, der ein Auto hat, wäre es recht, wenn
weniger Autos auf den Straßen fahren. Nur auf sein eigenes möchte er nicht
verzichten! Massenindividualismus! Der Automobilismus ist zu einer der größten
Gefahren für die Menschheit geworden. Aber was für eine Vernichtung an
Arbeitsplätzen wäre die Aufgabe der Autoproduktion und was für eine
Wirtschaftskrise würde dies auslösen! Doch der Menschheit bleibt heute offenbar
nur die Wahl zwischen einer weltweiten Wirtschaftskrise oder einer Existenzkrise!
Bald werden wir auf (fast) alle Autos verzichten müssen, wenn wir überleben
wollen!
- Nicht nur die Autoabgase und die Autoproduktion schaden unserer Lebenswelt,
sondern auch die schlichte Existenz der Autos durch ihren Bedarf an
Verkehrsflächen und an Freiflächen für den so genannten ruhenden Verkehr. Was
für unsinniges „Wirtschaftswachstum“ verbirgt sich hinter der Schaffung von
immer mehr Autostraßen, Parkflächen und Parkhäusern! Die vielen neuen
Asphalt- und Betonflächen verdrängen nicht nur Natur; sie sorgen auch dafür,
dass wertvolles Regenwasser der umgebenden Natur entzogen wird, in
Abwasserkanälen verschwindet und als „Abwasser“ behandelt wird. Doch auch
diese von den Anwohnern zu bezahlende „Abwasserbehandlung“ trägt
36
rechnerisch
zum
Wirtschaftswachstum
bei,
ferner
das
Sinken
des
Grundwasserspiegels und das damit erforderliche Heranführen von Trinkwasser
über große Rohrnetze!
- Auch die Steigerung der Waffenproduktion gehört zum „Wirtschaftswachstum“!
Sicherlich hätten viele reiche Länder ein „Minuswachstum“, würden sie sich mit
den verfügbaren Waffen begnügen! Doch das würde ja jene „wertvollen“
Arbeitsplätze kosten, die in anderen Zweigen ohne Bedenken wegrationalisiert
oder in Billiglohnländer verlegt werden! Gibt es nichts Sinnvolleres zu tun, als
Waffen zu produzieren und weltweit zu „vermarkten“? Gibt es gar Beispiele, dass
Kriege deshalb provoziert oder verschärft wurden, um Waffen und Munition zu
„verbrauchen“ und den Rüstungskonzernen neue Aufträge zuzuschanzen? Könnte
es zutreffen, dass in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 trotz der
bevorstehenden Niederlage in Deutschland vor allem deshalb so viele Städte
durch Flächenbombardements zerstört wurden, um die immensen britischen und
amerikanischen Bombenreserven zu „verbrauchen“? Und war der enorme
Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg
insbesondere deshalb möglich, weil so viel durch den Krieg zerstört worden war?
Sind also unter kapitalistischen Bedingungen Kriege auch Ausdruck der
Wegwerfgesellschaft im Großen?
- Die Denkweise der Fetischisten des fortwährenden „Wirtschaftswachstums“
äußert sich am folgenden charakteristischen Beispiel: In einem Beitrag über „Uns
ist nichts zu billig“ machte uns unlängst Oliver Marquart auf eine an die
Deutschen gerichtete Frage eines amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers
aufmerksam.73 Mit „dem Blick auf die deutsche Sparsamkeit“ äußerte der
amerikanische
Wissenschaftler
sinngemäß,
„wie
denn
ein
Volk
Wirtschaftswachstum zu Stande bekommen wolle, das beim Duschen sich erst
nass mache und dann zum Einseifen das Wasser abdrehe.“ Der Hinweis des
Amerikaners ist höchst bedenkenswert. Ihm geht es im Interesse steigender
Gewinne – ganz gleich zu wessen Lasten – um das „Wirtschaftswachstum“ an
sich! Die andere Sichtweise des „Verbrauchers“, der seine eigenen ökonomischen
Vorstellungen
zum
sparsamen
Umgang
mit
Trinkwasser
hat
und
Wasservergeudung scharf abweist, ist außerhalb der Denkmöglichkeiten dieses
„Wissenschaftlers“!
- Es bleibt also generell zu fragen, ob im Rahmen der Marktwirtschaft und des
immer wieder geforderten „Wirtschaftswachstums“ die Bedürfnisse der Menschen
und der Gesellschaft das Primat besitzen, oder ob sie nur ein Mittel sind, um
vordergründigen privatwirtschaftlichen Interessen zu entsprechen. Wie wollen
uns die „Wirtschaftswissenschaftler“ oder gar die „Wirtschaftsweisen“ noch davon
überzeugen, dass es in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft primär um
wahre Ökonomie geht, also um die rationelle Befriedigung existenzieller
menschlicher Bedürfnisse?
These zur miserablen Ökonomie der Marktwirtschaft: Das primär am
Gewinn orientierte marktwirtschaftliche Handeln führt zu einer extremen
Vergeudung
ökonomischer
Potenzen
im
Sinne
der
rationellen
Bedürfnisbefriedigung.
Anmerkungen:
73
Vgl. „Neues Deutschland“ vom 12./13. Februar 2005, S. 20
37
- Die generelle Ursache für diese Vergeudung ökonomischer Potenzen liegt in der
Umkehr von Mittel und Zweck: Obgleich der Sinn ökonomischen Handelns in der
(rationellen) Befriedigung aller (gesellschaftlich akzeptierten) Bedürfnisse liegt,
sind unter marktwirtschaftlichen Bedingungen die Bedürfnisse nur Mittel zum
Erzielen von möglichst großem Gewinn, was zudem auf solche Bedürfnisse
eingeschränkt ist, die marktwirtschaftlich relevant sind.
- Ein großer Gewinn kann bei möglichst niedrigen Löhnen und möglichst hohen
Preisen erzielt werden, ferner bei möglichst hoher Auslastung der Kapazitäten
und langen Arbeitszeiten. Niedrige Löhne mindern die Kaufkraft. Hohe
Kapazitätsauslastungen senken die spezifischen Kosten für die hergestellten
Waren. Lange Arbeitszeiten ermöglichen, den Einsatz von Arbeitskräften zu
ersparen. Zugleich können bei weniger Arbeitskräften die Sozialabgaben
reduziert werden. Doch wenn die Arbeitskräfte nicht entsprechend ihren
Leistungen bezahlt werden, kommt es zur Überproduktion von Erzeugnissen. Zu
lange Arbeitszeiten im Vergleich zur Produktivität bewirken hohe Arbeitslosigkeit.
Die Vergeudung ökonomischer Potenzen besteht einerseits in einer (über die
Nachfrage hinausgehenden) Überproduktion, die teils vernichtet oder
zweckentfremdet genutzt wird; andererseits wird extrem viel Arbeitskraft
vergeudet, die sinnvoll für die Befriedigung marktwirtschaftlich nicht relevanter
Bedürfnisse eingesetzt werden könnte, wenn die Arbeit bezahlbar wäre. Die
Anwendung einer nicht primär am Gewinn orientierten Ökonomie ermöglicht es,
die Arbeitskräfte zur Befriedigung aller gesellschaftlich akzeptierten Bedürfnisse
einzusetzen, wenn das Produktivitätsniveau zur Sicherung der Grundbedürfnisse
ausreichend weit vorangeschritten ist.
- Zur Vergeudung ökonomischer Potenzen kapitalistischer Lebensweise gehört
es, dass die so genannte Wegwerfgesellschaft noch nutzbare Gebrauchswerte
aussondert, dass beispielsweise nutzbare Wohnungen in großem Umfange trotz
Obdachlosigkeit vieler Menschen abgerissen werden. Die Ursache liegt in der
unzureichenden Verteilung der Arbeit sowie der ungerechten Verteilung des
Gesamteinkommens der Gesellschaft.
- Vergeudung von Arbeitskraft ist es gleichfalls, wenn jene Menschen, die Arbeit
gefunden haben, durch Arbeitsüberlastung erkranken, während die Arbeitslosen
infolge der Ausgrenzung psychisch erkranken können.
- Zur extremen Vergeudung gesellschaftlicher Arbeitskraft gehören die
Mehrfachentwicklung und das Vielfachangebot von gleichartig wirkenden
Medikamenten, ferner die Vielzahl nicht notwendiger Krankenkassen.
- Zur Vergeudung von Arbeitskraft gehört der Transport von Gebrauchswerten
über Tausende von Kilometern und die Schaffung von Transportnetzen zu jenen
Standorten der Nachfrage, wo infolge der territorial ungleichmäßigen
kapitalistischen Entwicklung die höchsten Löhne gezahlt werden.
- Als außerordentlich verwerfliche marktwirtschaftliche Praxis muss betrachtet
werden, wenn Erfindungen, die zur rationelleren Bedürfnisbefriedigung beitragen
könnten, nicht genutzt oder „aufgekauft“ werden, um die bisherigen privaten
Gewinne zu sichern, oder wenn Entwicklungsarbeiten behindert werden, die eine
geringere Belastung der Natur versprechen.
38
- Völlig inakzeptabel ist die Produktion und der Einsatz von gewinnträchtigen
Waffen, etwa von Personenminen, wodurch nicht nur unschuldiges Leben getötet
oder schwer verletzt wird, die zudem einen unverhältnismäßig hohen
Bergungsaufwand erfordern.
- Vergeudung von Arbeitskraft in großem Umfange wird es sein, wenn zerstörte
Natur wieder renaturiert werden muss, weil über Jahrzehnte oder gar
Jahrhunderte Raubbau in großem Umfange betrieben wurde, anstatt durch
schonende Eingriffe auf die Selbstheilungskräfte der Natur zu setzen.
Zum
privatökonomischen
Missbrauch
der
Befriedigung
von
Grundbedürfnissen: Insbesondere in den „reichen“ Ländern werden bestimmte
Grundbedürfnisse der Menschen missbraucht, um über die Privatisierung
kommunaler Dienstleistungen dauerhaft hohe private Extragewinne zu
ermöglichen. Zu diesen Bedürfnissen gehören das Wohnbedürfnis, die Wasser-,
Abwasser-, Energie- und Arzneimittelversorgung.
Anmerkungen:
- Obgleich auf allen Gebieten wirtschaftlicher Tätigkeit die Produktivität steigt
und damit im Konkurrenzkampf die Kosten sinken müssten, wie etwa bei den
technischen Konsumgütern, steigen tendenziell die Wohnungsmieten, die „zweite
Miete“ sowie die Arzneimittelpreise. Von den privaten Unternehmen wird
ausgenutzt, dass sich die Betroffenen aus existenziellen Gründen nicht
hinreichend wehren können. Die hohen Mieten und Preise werden teils gesetzlich
sanktioniert, teils gebremst, um den Missbrauch in Grenzen zu halten, jedoch
kontinuierliche Mietsteigerungen gesetzlich ermöglicht! Teils müssen die Mieten
und Kosten für den ärmeren Bevölkerungsanteil staatlich übernommen werden.
- Die Preisunterschiede für gleiche Leistungen und Erzeugnisse zwischen den
Ländern ergeben sich vor allem aus dem unterschiedlichen Lohnniveau, d. h., die
Menschen werden in dem Maße „abkassiert“, wie ihre finanziellen Möglichkeiten
gegeben sind. Die Gewinne aus der Vermietung sind im Allgemeinen so hoch,
dass selbst relativ hoher Wohnungsleerstand in Kauf genommen wird, um die
Preise zu „halten“.
- Oskar Lafontaine forderte am 14. Januar 2006 auf der XI. Internationalen
Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin, „den Prozess der Privatisierung
kommunaler Dienstleistungen wieder umzukehren“. Bezogen auf die
Privatisierung von Wasser, äußerte er, dass es „pervers“ sei, „ein solches
Grundelement der menschlichen Versorgung zu privatisieren.“74
- Auch hinsichtlich der Befriedigung anderer Grundbedürfnisse, wie der Nutzung
öffentlicher Verkehrsmittel oder der Preise für Backwaren, gibt es die Tendenz,
sich an der jeweiligen Bevölkerung privat zu bereichern, ohne dass die Menschen
ausreichen Chancen haben, dem zu entgehen.
5. Zum Staat als Herrschafts- und Bereicherungsinstrument
insbesondere über die Natur
These zum heutigen Staat: Als Herrschaftsinstrumente politisch organisierter
74
Vgl. junge Welt vom 20.01.2006
39
Gesellschaften sind heute alle Staaten innerhalb ihrer Landesgrenzen auch
Ausdruck des historisch erworbenen Besitz- und Herrschaftsanspruchs über die
Natur. In Abhängigkeit von den jeweiligen nationalen politischen und
gesellschaftlichen Verhältnissen ist es heute keinem Staat international verwehrt,
ökonomische und nichtökonomische Bereicherung – auch zu Lasten der Natur –
zu gewähren, zu unterstützen, zu fördern oder selbst zu praktizieren.
Anmerkungen:
- Das Problematische an diesem staatlich sanktionierten und rechtlich
gesicherten Besitzdenken über die Natur ist, dass dieser Anspruch allgemein für
berechtigt gehalten wird. Wenn etwa die russische Regierung große
Waldbestände der Taiga an japanische Konzerne zum Abholzen für die
Papiergewinnung verkauft, gibt es keinerlei national oder international
wahrnehmbare Proteste, obgleich das Nachwachsen der Wälder unter den
gegebenen klimatischen Bedingungen 400 Jahre dauert! Der Ausverkauf der
irdischen Lebensgrundlagen zur privaten und nationalen Bereicherung ist in
vielen Staaten in unterschiedlicher Ausprägung zur Normalität geworden! Karl
Marx schrieb, dass Reichtum nicht für den Staat geschaffen wird, wie dies die
Ökonomen des 17. Jahrhunderts unterstellten, sondern dass der Staat letztlich
„nur noch als Mittel zur Produktion des Reichtums betrachtet“ wird.75
- Im Prozess der Industrialisierung mussten Urwälder auf riesigen Flächen zur
Gewinnung von Acker- und Weideland weichen. Die Wälder wurden abgeholzt
oder durch Brandrodung beseitigt. Diese Praxis wird bis heute in vielen Regionen,
auch in europäischen Ländern, fortgeführt. Finnland hat 90 % seiner Wälder zur
Papiergewinnung abgeholzt! Die Schweden haben begonnen, Treibstoffe für ihre
Autos aus dem Holz ihrer Wälder herzustellen! Das vorgeschobene Argument,
dass wieder aufgeforstet wird und die Wälder somit nachwachsen, übergeht
vollkommen den Zeitfaktor, der zur Sicherung des Überlebens der Menschheit
entscheidend werden dürfte.
- Je mehr die Industrie eines Staates Produktivitätsrückstand hat, umso größer
ist die Gefahr, dass zur Sicherung der Konkurrenzfähigkeit zu Lasten der eigenen
Lebenswelt produziert wird – wie es heute in der Volksrepublik China noch der
Fall ist!
- Die von Karl Marx für die nachkapitalistische Bedingungen vorausgesehene
Auflösung des Staates schließt ein, den Besitz- und Herrschaftsanspruch von
Nationen über die Natur in den Ländergrenzen aufzugeben und statt dessen
Verantwortungsbereiche für die Erhaltung der Natur zu vereinbaren.
Zum Sklavenhalterstaat: Der Staat als Sklavenhalterstaat entstand mit dem
Anspruch, durch Kriege und Raub in den privaten und gesellschaftlichen Besitz
von Land, Gebrauchswerten, Werten und Menschen zu gelangen, um mittels des
angeeigneten Reichtums sowie durch Ausbeutung die gewonnene private und
staatliche Macht zu festigen und weiter auszudehnen.
Anmerkungen:
- Weil der Mensch von der Natur lebt, ist die Inbesitznahme von bewohnten
Gebieten die ursprüngliche historische Form nichtökonomischer Bereicherung.
Karl Marx; Einleitung [zur Kritik der Politischen Ökonomie] (aus dem handschriftlichen
Nachlass von Marx aus dem Jahre 1857), MEW, Bd. 13, S. 639
75
40
Sie ermöglichte die Herrschaft über Menschen
Bereicherung durch Versklavung und Ausbeutung.
und
damit
ökonomische
- Bereits während der Antike setzte in der Nähe der besiedelten Gebiete das
Abholzen von Wäldern ein.
Zum Feudalstaat: Die Grundlage für den Feudalstaat war der Besitz von
besiedeltem Land. Grund und Boden wurde als Lehen durch einen Feudalherren
für Gegenleistungen (Hofdienste, Kriegsdienste, Abgaben) einem Lehnsmann
(Leibeigenen) zur Nutzung übergeben. Feudale Staatsmacht bedeutete
insbesondere die Verfügungsgewalt über die auf dem Privatbesitz des
Feudalherren an Grund und Boden lebenden (leibeigenen) Menschen.
Anmerkung:
- Zur Brennstoffgewinnung, zum Schiffs-, Häuser- und Bergbau wurden während
des Feudalismus über die Jahrhunderte große Waldflächen vernichtet. Die
teilweise Wiederaufforstung begann erst im 18. Jahrhundert.
Zum kapitalistischen Staat: Die USA sind das herausragende Beispiel eines
religiös
„fundierten“,
auf
private
und
gesellschaftliche
Bereicherung
ausgerichteten kapitalistischen Staatswesens, insbesondere durch die weltweite
Ausplünderung und Belastung der Natur. Zur ideologischen Grundlage des
Bereicherungsdenkens und Bereicherungsstrebens wurde für viele Amerikaner
die Ende des 19. Jahrhunderts unter Missbrauch des christlichen Glaubens
entstandene „Theorie“ von Andrew Carnegie: das „Evangelium des Reichtums“.
Anmerkungen:
- Das „Evangelium des Reichtums“ wird von Ralph Henry Gabriel, Professor für
amerikanische Geschichte an der Yale-Universität, beschrieben.76 Er geht von
dem bekannt gewordenen Beitrag von Andrew Carnegie über den „Reichtum“
aus, den dieser im Juli 1889 in der North American Review als „Philosophie der
neuen Zeit“ veröffentlichte.77 Nach der „Theologie des Eigentums, die die
Präsidenten McCosh und Porter begründet hatten“78, war die Carnegiesche
Theorie „die christliche Form des Evangeliums des Reichtums“. Sie hatte „vier
Grundlagen“: „Individualismus, Privateigentum, das ‚Gesetz der Anhäufung von
Reichtum’ und das „Gesetz der Konkurrenz’. Nach diesen Gesetzen fällt der
Reichtum denen zu, bei denen die größere Energie und Fähigkeit zu seiner
Erzeugung liegt. Diese vier Grundlagen‚ sind das höchste Ergebnis menschlicher
Erfahrung, der Boden, auf dem die Gesellschaft die bisher besten Früchte
getragen hat. Wenn sich diese Gesetze manchmal vielleicht auch ungleichmäßig
und ungerecht auswirken und dem Idealisten unvollkommen zu sein scheinen, so
sind sie doch … die besten und wertvollsten von allen, die die Menschheit bisher
zustande gebracht hat …’.“79
Ralph Henry Gabriel, Die Entwicklung des demokratischen Gedankens in den
Vereinigten Staaten von Amerika. Eine geisteswissenschaftliche Betrachtung seit 1815
(Übersetzung aus dem Amerikanischen) Duncker & Humblot, Berlin 1951, S. 29. Die
Originalausgabe „The Course of the American Democratic Thought. An Intellectual History
since 1815“ erschien bei The Ronald Press Company, New York, 4. Auflage November
1946.
77
Vgl. Ralph Henry Gabriel, a. a. O., S. 153
78
Vgl. ebd., S. 226
79
Vgl. ebd., S. 158/159
76
41
- Das „Evangelium des Reichtums“ hat die USA im materiellen Sinne in der Tat
zur reichsten Nation werden lassen! Das „Gesetz der Anhäufung von Reichtum“
im Sinne von Carnegie erwies sich als richtig! „Gott“ hatte sogar „nachgeholfen“:
„Wenn Gott einen Menschen auffordert, in seinem irdischen Beruf Geld zu
machen, so hält er den erworbenen Reichtum als Treuhänder des Herrn.“ Auch
der fromme Baptist John D. Rockefeller war davon überzeugt, dass der „liebe
Gott“ ihm sein Geld gab.80 Wir sollten uns deshalb heute nicht über den
amerikanischen Präsidenten G.W. Bush wundern, wenn er vorgibt, weltweit im
Auftrage von „Gott“ zu handeln.
- Das meiste Geld und Gold wird 120 Jahre nach Andrew Carnegie mitten in New
York gehortet. Während Alexander „der Große“ noch selbst unterwegs war, um
den größten Goldschatz der Antike zusammenzuraffen, haben die Banken von
Manhattan Zehntausende Helfer, die über das Internet in Sekundenschnelle
Werte aus aller Welt aufsaugen, um sie weiter zu vermehren. Nur das Gold muss
wirklich transportiert werden. Inzwischen sind es „550'000 Barren. Gewicht:
8000 Tonnen – der Eifelturm wiegt fast 1000 Tonnen weniger!“ Als „größter
Goldschatz der Menschheit“ im Wert von „90 Milliarden Dollar“ liegt es in der
Federal Reserve Bank (FED), Liberty Street 33.81 Die Menschheit sollte sich
wahrlich nicht wundern, dass die USA gemäß ihrem „Evangelium des Reichtums“,
geführt von einem Präsidenten mit christlichem Sendungsbewusstsein, auf der
ganzen Welt weiterhin ihre „besten Früchte“ zusammenrafft und „Geld macht“.
- Während sich die Vereinigten Staaten von Amerika als „Reich“ mit
gottesfürchtiger Führung zur „Demokratie“ entwickelten, besser gesagt zur
größten Diktatur des Kapitals ohne Diktatoren, entwickelten sich die „gottlose“
UdSSR auf dem Boden der ehemaligen Zarendiktatur vorgeblich zur
„kommunistischen“ Diktatur – obgleich der Diktator und vorgebliche Kommunist
Stalin fast alle führenden Kommunisten und Millionen ihrer Anhänger umbringen
ließ.
6. Zum Kapitalismus als Gesellschaftssystem
6.1. Zu den Erkenntnissen von Marx, Engels und Lenin
These zu Karl Marx und Friedrich Engels: Marx und Engels erkannten sowohl
die gesellschaftlichen Ursachen der Entstehung der ökologischen Krise als auch
die Notwendigkeit einer auf die Bedürfnisbefriedigung und auf Gebrauchswerte
gerichteten Ökonomie als Basis für die Funktionsweise der nachkapitalistischen
Ordnung; doch sie vermochten es nicht, die Dominanz des sich im
Spätkapitalismus
entwickelnden,
unsere
Lebenswelt
zerstörenden
nichtökonomischen Bereicherungsprozesses vorauszusehen. Deshalb blieb es
ihnen versagt, den Widerspruch zwischen der Bewältigung der sozialen und der
ökologischen Frage einheitlich ökonomisch aufzulösen sowie die Ziele für die
Gestaltung der neuen Ordnung und den Weg zu ihrer Durchsetzung präzise zu
beschreiben.
Anmerkungen:
80
81
Vgl. ebd., S. 158
Vgl. TV Hören und Sehen, Nr. 23/2006, S. 24-26
42
- Karl Marx verwies darauf, dass für eine „auf Gemeingut an den
Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft die Produzenten ihre Produkte nicht
[austauschen]; ebenso wenig erscheint hier die auf die Produkte verwandte
Arbeit als Wert dieser Produkte … im Gegensatz zur kapitalistischen
Gesellschaft“.82 Damit wollte er wohl auf das Verteilungsprinzip verweisen,
wodurch die Ziele der neuen Ordnung auf die Bedürfnisbefriedigung und auf
Gebrauchswerte ausgerichtet würden.
- Unterschiedliche Zitate von Karl Marx zur nachkapitalistischen Ordnung lassen
vermuten, dass er sich keine klare Position zu ihrem primären Charakter
erarbeiten konnte. In den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem
Jahre 1844“ ist für ihn der Kommunismus „die wahrhafte Auflösung des
Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“83,
was im Sinne der einheitlichen Lösung der sozialen und der ökologischen Frage
verstanden werden kann. In der „Kritik des Gothaer Programms“ aus dem Jahre
1875 spricht er von der „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft“ sowie
von „einer höheren Phase“.84 Doch in der „Vorbemerkung zur französischen
Ausgabe“ von Engels’ „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft“ bezeichnet Marx im Jahre 1880 den theoretischen Teil der Arbeit
von Engels zögerlich als „gewissermaßen eine Einführung in den
wissenschaftlichen Sozialismus“.85
- Marx und Engels erkannten die positive Seite der Produktivkraftentwicklung, die
zur weiteren Vergesellschaftung der Produktion führt und damit auf die Ablösung
der vorhandenen Produktionsverhältnisse drängt;86 sie sahen aber auch ihre
negative Rolle, indem durch sie „Produktionskräfte und Verkehrsmittel
hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil
anrichten,
welche
keine
Produktionskräfte
mehr
sind,
sondern
87
Destruktionskräfte“,
d. h., ihnen war bewusst, dass vorgeblicher
Entwicklungsfortschritt auch zerstörerisch sein kann.
- Friedrich Engels ging an anderer Stelle davon aus, dass mit der Überwindung
der „kapitalistischen Produktionsweise … die einzige Vorbedingung einer
ununterbrochenen,
stets
rascher
fortschreitenden
Entwicklung
der
Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der
Produktion selbst“ gegeben ist.88 Es muss jedoch gefragt werden, inwieweit diese
Steigerung notwendig, möglich, ökologisch vertretbar und erstrebenswert ist.
Karl Marx sieht in der „Verkürzung des Arbeitstags“ jene Möglichkeit, um in „das
wahre Reich der Freiheit“ zu gelangen. „Die Freiheit … kann nur darin bestehn,
Vgl. Karl Marx; Kritik des Gothaer Programms, MEW, Bd. 19, Berlin 1969, S. 19/20
Vgl. Karl Marx; Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW,
Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1968, S. 536
84
Vgl. Karl Marx; Kritik des Gothaer Programms, MEW, Bd. 19, Berlin 1969, S. 21
85
Vgl. Karl Marx; [Vorbemerkung zur französischen Ausgabe] von Friedrich Engels „Die
Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, MEW, Bd. 19, Berlin
1969, S. 185
86
Vgl. Karl Marx; Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort, MEW, Bd. 13, Berlin
1969, S. 9; vgl. auch Michael Löwy; Destruktiver Fortschritt. Marx, Engels und die
Ökologie, Utopie kreativ, H. 174, April 2005, S. [3]
87
Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels; Die deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, Berlin 1969, S.
69; vgl. auch Michael Löwy, a. a. O., S. [4]
88
Vgl. Friedrich Engels; Anti-Dühring, MEW, Bd. 20, Berlin 1972, S. 263;
82
83
43
daß der vergesellschaftete Mensch … diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur
rationell“ regelt.89
- Um zu verstehen, warum die Ausplünderung der Natur zur Bereicherung
missbraucht werden kann, ist eine Aussage von Karl Marx hilfreich: „Die Arbeit
ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der
Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als
die Arbeit“.90 Betrachtet man als hervorstechendes Beispiel die wundersame
Vermehrung des Reichtums aus der Förderung und Verarbeitung von Erdöl, so
ergibt sich folgende einfache Erklärung: Da es dem „Verbraucher“ um die
Gebrauchswerte geht, etwa um Treibstoff für sein persönliches Fahrzeug, ist es
für die Ölstaaten und die Erdölkonzerne ein Leichtes, sich durch hohe Rohöl- und
Benzinpreise – weitgehend unabhängig vom Arbeitsaufwand – auf Kosten der
Käufer, der Natur und der Nachwelt auf nichtökonomische Weise zu bereichern!
Doch nur ein Teil dieses Reichtums, der an anderer Stelle erarbeitet wurde, wird
den Käufern des Treibstoffes aus der Tasche gezogen und „umverteilt“; den
anderen Teil „bezahlen“ die Nachgeborenen, die die fortschreitende Verarmung
der Natur und die steigende Belastung der Erdatmosphäre mit Treibhausgasen
rückgängig zu machen versuchen!
- Es bleibt zu beantworten, warum es Marx nicht gelang, den Widerspruch
zwischen der Bewältigung der sozialen und der ökologischen Frage einheitlich
ökonomisch aufzulösen. Eine Erklärung könnte die folgende sein: Marx befasste
sich in seinem Hauptwerk, dem „Kapital“ mit der Analyse des kapitalistischen
Produktionsprozesses selbst, mit der schöpferischen Seite, mit der Schaffung von
(an Gebrauchswerte gebundenen) Wert und Mehrwert. Es ging ihm um den
Prozess
der
Wertschöpfung,
um
die
kumulative
Seite,
um
die
„Bewegungsgrößen“, wie auch gesagt wird. Nur durch die Analyse des
Prozesshaften konnte er dem Geheimnis der „Bereicherung durch Ausbeutung“
auf die Spur kommen. Das Anhäufen von Reichtum war für Marx ein
übergeordneter Zusammenhang, eine neue Qualität, denn Bereicherung ist auf
vielfältige Weise auch unabhängig von Ausbeutung möglich. Über den Begriff
Bereicherung als ökonomische Kategorie bzw. der Aneignung von Reichtum wird
die vergegenständlichte Seite, werden die „Bestandsgrößen“ eines erweiterten
ökonomischen Zusammenhangs erschlossen! Es war eine methodische
Abgrenzung zwischen „Ausbeutung“ und „Bereicherung“ erforderlich, um einen
wissenschaftlich sauberen Nachweis für das Entstehen von Mehrwert zu
ermöglichen! Marx spricht deshalb auch von der „Aneignung von Arbeit“ im
Ausbeutungsprozess91 und nicht von der „Aneignung fremder Arbeitsergebnisse“,
obgleich die letztgenannte Aussage präziser wäre. Sie bliebe selbst dann noch
richtig, wenn sich der Arbeiter die Produktionsmittel und Materialien ausborgen
müsste. Jedoch würde die präzisere Aussage aus dem Prozesshaften
herausführen! Es gibt folglich eine bewusste relative Enge im ökonomischen
Herangehen innerhalb jenes riesigen geistigen Werkes, das als „Das „Kapital“ in
die Geschichte einging. Nichtökonomische Bereicherung nahm Karl Marx nur
insofern in sein Werk auf, als sie – in Form der so genannten ursprünglichen
Akkumulation – eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung des
Kapitalismus
war.
Doch
gerade
das
bewusste
Ausklammern
der
Bereicherungsproblematik in ihrer Gesamtheit führte zum Nichterkennen, dass
89
90
91
Vgl. Karl Marx; Das Kapital. Dritter Band, MEW, Bd. 25, Berlin 1968, S. 828
Vgl. Karl Marx; Kritik des Gothaer Programms, MEW, Bd. 19, Berlin 1969, S. 15
Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW, Bd. 23, S. …
44
Zerstörungen und Belastungen unseres Lebenssystems objektiv als Bereicherung
auf Kosten der Nachwelt aufgefasst werden müssen, deren Beseitigung unseren
Nachkommen enorme Lasten zuungunsten der Lösung der sozialen Frage
aufbürdet.
- Im Nachhinein könnte man fragen, ob Karl Marx – ausgehend vom damaligen
Erkenntnisstand – eine andere Abgrenzung zum Arbeitsgegenstand für „Das
Kapital“ hätte vornehmen können. Die Frage ist deshalb gerechtfertigt, weil
Friedrich Engels „auf anderm Wege … zu demselben Resultat“ wie Marx gelangt
war. Marx führte dies zwar nicht weiter aus, bezeichnete aber im selben
Zusammenhang Engels’ „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“92 als eine
„geniale Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien“.93 Weil für Marx „jede
Vorwegnahme erst zu beweisender Resultate [bei näherem Nachdenken]
störend“ schien, ging er den Weg des Aufsteigens „von dem einzelnen zum
allgemeinen“.94 Engels wählte in seiner „genialen Skizze“ den Weg „von oben
nach unten“. Er setzte sich zunächst mit der „Nationalökonomie … als komplette
Bereicherungswissenschaft“95 in ihrer Gesamtheit auseinander, bevor er auf ihre
spezifischen Kategorien einging. Marx’ Ergebnis erweist sich zwar bis heute als
die gründlichste wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Ausbeutung; doch
sie veranlasst die Marxisten heute noch, von „Ausbeutergesellschaften“ statt von
„Bereicherungsgesellschaften“ zu sprechen. Engels’ Ansatz „von oben“ sowie die
Verarbeitung der eigenen frühen Erkenntnisse von Marx zur Naturfrage blieben in
ihrem Alterswerk unbearbeitet, weil die Bereicherungsproblematik zu jener Zeit
als abgeleitet, nachgeordnet und ohne eigenständige Bedeutung erschien. Die
revolutionäre Entwicklung wäre während des 20. Jahrhunderts sicherlich anders
verlaufen, wenn Marx die Ausbeutungsproblematik weniger gründlich, dafür
jedoch ihre Einordnung in die Bereicherungsproblematik mit vorgenommen hätte.
- Die Zuspitzung der sozialen Frage am Ende des 19. Jahrhunderts in den
führenden kapitalistischen Ländern und das Nichterkennen der Bedeutung
künftiger nichtökonomischer Bereicherung, insbesondere der möglichen
Bereicherung auf Kosten der Natur, führten im 20. Jahrhundert zum Versuch der
einseitigen Lösung der sozialen Frage durch die vermeintlichen geistigen Erben
von Karl Marx und Friedrich Engels.
These zu Wladimir Iljitsch Lenin: Lenin ist als Theoretiker und Revolutionär
maßgeblich dafür verantwortlich, dass die linke Bewegung zu Beginn des 20.
Jahrhunderts über die Große Sozialistische Oktoberrevolution in eine
Fehlentwicklung, in eine Sackgasse geführt wurde. Es war ein unvertretbar
großes Wagnis, als revolutionärer Führer die erste sozialistische Revolution
einzuleiten und durchzuführen, obgleich als Grundlage für die notwendige
bewusste
Gestaltung
der
angestrebten
neuen
ökonomischen
Gesellschaftsformation keine ausreichend begründete ökonomische Theorie
vorlag und ohne eine Antwort auf die zentrale Frage der ökonomischen
Funktionsweise der neuen Gesellschaftsordnung offen bleiben musste, ob die
Revolution überhaupt, in einem Land, zum gegebenen Zeitpunkt, mit dem
gestellten Ziel objektiv berechtigt war und dauerhaft erfolgreich sein würde.
Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW, Bd. 1, S. 499524
93
Vgl. Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW, Bd. 13, S. 10
94
Vgl. ebd., S. 7
95
Friedrich Engels, a. a. O., S. 499
92
45
Anmerkungen:
- Lenin dogmatisierte die wissenschaftlichen Ergebnisse von Karl Marx und
Friedrich Engels in Form des „Marxismus“ als „System der Anschauungen und der
Lehre von Marx“96 zu einer eigenständigen Lehre. Sie sei „allmächtig, weil sie
wahr“ sei, „in sich geschlossen und harmonisch“97. Aus der Allmächtigkeit der
„wahren“ Lehre wurde die Zwangsläufigkeit ihres Sieges abgeleitet und aus ihrer
Geschlossenheit die Unterstellung, Marx habe „den Kapitalismus als
gesellschaftlich-ökonomische Formation erschöpfend analysiert“98. Doch obgleich
Lenin die „ökonomische Lehre“ von Karl Marx als „tiefgründigtse, umfassendste
und detaillierteste Bestätigung und Anwendung“ von dessen Theorie
bezeichnete99, schaffte es Karl Marx infolge seiner außerordentlichen
wissenschaftlichen Gründlichkeit weder die über die Ausbeutung hinausgehende
Bereicherungsproblematik noch die bedeutsame ökologisch-ökonomische
Problematik in geschlossener Form zu bearbeiten und erst recht nicht die
ökonomische Problematik der bürgerlichen Lebensweise. Es muss deshalb der
Leninschen Deutung der Leistungen von Karl Marx entgegengehalten werden, ob
eine in der Beantwortung grundlegender Fragenstellungen offene ökonomische
Theorie als „wahr“ bezeichnet werden darf!
- Durch die Akzeptanz und das verstärkte Hervorheben des von Karl Marx
abgelehnten Begriffes Marxismus 100 leistete Lenin – sicherlich ungewollt – dem
Personenkult Vorschub, denn ohne den Begriff Marxismus hätte es wohl kaum
die Begriffe Marxismus-Leninismus, Stalinismus und Maoismus gegeben.
- Aus dem zum Dogma erhobenen Marxismus und aus eigenen unzureichend
begründeten Erkenntnissen leitete Lenin die (einseitige) Lösung der sozialen
Frage ab. Indem er aber die in Russland notwendige und mögliche soziale
Revolution zu einer sozialistischen Revolution ausdehnte und damit die
Machtfrage stellte, indem er die nachzuholende Industrialisierung Russlands zu
einem wesentlichen Inhalt des Aufbaus des Kommunismus erklärte101, wurde ein
Prozess
der
jahrzehntelangen
Konfrontation
und
des
an
höherer
Arbeitsproduktivität
gemessenen
„ökonomischen
Wettbewerbs“
zweier
gegensätzlicher Gesellschaftssysteme provoziert.
- Die Denkweise, die diesem Wettbewerb zugrunde lag, äußerte sich im
„ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus“, das 1975 wie folgt formuliert
wurde: „Sicherung der höchsten Wohlfahrt und der freien allseitigen Entwicklung
aller Mitglieder der Gesellschaft auf dem Wege des ununterbrochenen
W. I. Lenin; Karl Marx. Kurzer biographischer Abriß mit einer Darlegung des
Marxismus, Ausgewählte Werke in drei Bänden“, Bd. I, Berlin 1970, S. 30
97
W. I. Lenin; Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Ausgewählte Werke in
3 Bänden, Bd. I, Berlin 1970, S. 77
98
Vorwort zu W. I. Lenin: Ausgewählte Werke in drei Bänden, Bd. I, Berlin 1970, S. 7
99
Vgl. Lenin; Karl Marx …, a. a. O., S. 38,
100
Im Brief von Friedrich Engels an Paul Lafargue vom 27.8.1890 überliefert Engels den
folgenden Ausspruch von Karl Marx: „Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin!“
MEW, Bd. 37, S. 450
101
Lenins Losung zur Realisierung des Elektrifizierungsplans vom Dezember 1920 hieß:
„Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ (Vgl. Die
UdSSR – Enzyklopädie der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Verlag
Enzyklopädie Leipzig, 1959, S. 540)
96
46
Wachstums und der Vervollkommnung der gesellschaftlichen Produktion.“102 Mit
dem „ununterbrochenen Wachstum“ war das Wirtschaftswachstum gemeint, das
am Zuwachs an Nationaleinkommen gemessen wurde – analog dem Anstieg des
Bruttosozialprodukts unter kapitalistischen Bedingungen.
- Die Leninsche Orientierung, unter sozialistischen Bedingungen im
ökonomischen Wettbewerb eine höhere Arbeitsproduktivität zu erzielen sowie die
generelle primäre Ausrichtung der sozialistischen Volkswirtschaftsplanung auf
neu zu schaffende Gebrauchswerte vernachlässigte insbesondere die
vorhandenen Gebrauchswerte langer Nutzungsdauer, was sich dramatisch im
Städtebau und Wohnungsbau auswirkte, zur Vernachlässigung der Erhaltung vor
allem der innerstädtischen Bausubstanz, zum massenhaften Bauen auf der
„grünen Wiese“, zur Erweiterung der technischen und Verkehrsnetze und zur
verzerrten Ausrichtung der Bauproduktion auf Neubaukapazitäten führte. Die
Frage nach dem Umgang mit der vernachlässigten innerstädtischen Bausubstanz
als Bestandteil des Nationalreichtums blieb bis zur politischen Wende der Jahre
1989/90 offen. Eine Baupolitik im Sinne der rationellen weitgehend
innerstädtischen Befriedigung der Wohnbedürfnisse über den Weg ökonomischer
Reproduktion wäre aber unter sozialistischen Bedingungen trotz der politischen
und ökonomischen Konkurrenzsituation möglich gewesen.
- Dem überragenden Wissenschaftler W. I. Lenin hätte auffallen müssen, dass
Marx bewusst auf die Behandlung der Reichtums- bzw. Bereicherungsproblematik
weitgehend verzichtete, obwohl es jenes Werk von Adam Smith gab, das Marx
wohlbekannt war und erstmalig die Problematik Nationalreichtum als
vergegenständlichte Arbeit grundlegend behandelte. Eine Erweiterung der
Marxschen ökonomischen Theorie durch Lenin hätte diese Problematik nicht
ausschließen dürfen!
- Der „ökonomische Wettbewerb“ scheiterte letztlich am Konkurrenten und
verursachte in der eigenen sozialistischen Lebenswelt vergleichbare ökologische
Schäden, wie es für das heutige kapitalistische System weltweit als fast „normal“
gilt. Der falsche Versuch, gegen den Kapitalismus mit den ihm eigenen, über
Jahrhunderte bewährten Mitteln zu konkurrieren, führte zur Verschärfung der
ökologischen Krise und zum Nichterkennen ihrer gesellschaftlichen Verursachung
durch die marxistischen Theoretiker.
- Das Verdrängen der aus der ökologischen Krise erwachsenden existenziellen
Gefahren für die Menschheit, die Nichtlösung der sozialen Frage und das sehr
späte Erkennen der grundlegenden Ursachen der ökologischen Krise haben die
Lage so weit zugespitzt, dass nur die baldige weltweite Ablösung des
Kapitalismus und der Übergang zu einer dem Ökologischen adäquaten
ökonomischen Denk- und Handlungsweise das Überleben der Menschheit sichern
werden.
6.2. Zum Kapitalismus als Bereicherungssystem
These zum existenziellen Grundwiderspruch des Kapitalismus:
A. M. Rumjanzew (Hg.), Politische Ökonomie des Sozialismus – erste Phase der
kommunistischen Produktionsweise (russisch), Moskau 1975, S. 92
102
47
Der innerhalb des ökonomischen Systems des Kapitalismus unauflösbare
existenzielle Grundwiderspruch besteht darin, dass sich hinter der Fassade der
wissenschaftlich-technischen
Höherentwicklung
schleichend
eine
Negativentwicklung vollzieht, die zur Zerstörung der Lebensgrundlagen der
Menschheit führt. Wenn die Menschheit den Kapitalismus als Gesellschaftssystem
nicht rechtzeitig ablöst, geht sie mit ihm unter.
Anmerkungen:
- Der innerhalb des ökonomischen Systems des Kapitalismus unauflösbare
existenzielle
Grundwiderspruch
resultiert
insbesondere
aus
dem
privatökonomisch verursachten unbeschränkten Streben nach Bereicherung
einerseits und der beschränkten Verfügbarkeit natürlicher Reichtümer
andererseits. Er basiert auf den privaten und gesellschaftlichen Eigentums- und
Besitzverhältnissen,
die
eine
privatkapitalistische
Produktionsund
Aneignungsweise ermöglichen sowie eine individualistische Lebensweise
erzeugen. Die private und gesellschaftliche Bereicherung erfolgt auf Kosten und
zu Lasten der Vorwelt, Mitwelt und Nachwelt. Die Ergebnisse der gesamten
Gesellschaftsentwicklung geraten in Widerspruch zur Belastbarkeit der
natürlichen Lebensgrundlagen. Sie zerstören tendenziell weltweit unser gesamtes
Lebenssystem.
- Die Formulierung des genannten existenziellen Grundwiderspruchs
unterscheidet sich grundsätzlich von jener Aussage, die zum festen Bestandteil
der Lehre des Marxismus-Leninismus gehörte, wonach der „Grundwiderspruch
des Kapitalismus … zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion
und der privaten kapitalistischen Aneignung“ besteht.103 Der Begriff
Grundwiderspruch stammt jedoch weder von Marx noch von Engels, wurde aber
aus bestimmten ihrer Aussagen abgeleitet.104 Der wesentliche inhaltliche
Unterschied zwischen beiden Formulierungen zum Grundwiderspruch besteht in
seiner Überwindbarkeit: Während die bisherige Formulierung die positive
Nutzbarkeit der Zuspitzung des Widerspruchs durch die Überführung des Privatin gesellschaftliches Eigentum unterstellt, geht die neue Formulierung davon aus,
dass die extreme Zuspitzung dieses Widerspruchs aus existenziellen Gründen
von vornherein verhindert werden muss.
- Es sind die Auswüchse privater Bereicherung, die in der Spätphase des
Kapitalismus – unter Nutzung des im Ausbeutungs- und Umverteilungsprozess
angeeigneten Kapitals – die „Investoren“ dazu treiben, auch die
gewinnträchtigen Naturreichtümer, wie Holz, Erdöl und andere Bodenschätze,
sich weltweit anzueignen und zu „verwerten“.
- Zu den gewinnträchtigen Naturreichtümern gehört auch das Wasser. Infolge
der Verschuldung der Kommunen wird auch die Wasserversorgung immer stärker
privatisiert. Doch die „schlichten Privatisierungen kommunaler Versorger liefern
die Bürger den Privaten zum Plündern aus.“105 Privatisieren ermöglicht das
Vgl. „Ökonomisches Lexikon A-K“, 2. Auflage, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1969, S.
850/851
104
Karl Marx spricht vom „Widerspruch“ der „kapitalistischen Produktionsweise“ (vgl.
„Das Kapital“, Bd. 3, MEW Bd. 25, S. 26), Friedrich Engels vom „Widerspruch zwischen
gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung“ (vgl. „Anti-Dühring“, MEW,
Bd. 20, S. 257); vgl. auch „Chrestomathie Politische Ökonomie“ 2. Auflage, Verlag Die
Wirtschaft, Berlin 1983, S. 241- 243
105
Harry Nick, „Privatisieren“ heißt „rauben“, in: Neues Deutschland, 5.11.2004, S. 8
103
48
Aneignen von fremdem Eigentum und Besitz mit Mitteln, die aus der Aneignung
von fremdem Eigentum und Besitz resultierten.
- Es muss allerdings auch von persönlicher Bereicherung gesprochen werden,
etwa wenn sich viele Menschen der „reichen“ Länder durch die Nutzung eigener
Fahrzeuge eine Lebensweise leisten, die unser Lebenssystem infolge der
klimawirksamen Abgase nicht dauerhaft verträgt.
- Selbst das Aneignen von Land durch die verarmte einheimische Bevölkerung in
den „Entwicklungsländern“ mit dem Ziel, es nach der Brandrodung durch
Urbarmachen zum Überleben zu nutzen, gehört zum persönlichen und
gemeinsamen Bereichern, obgleich dies nicht einigermaßen vergleichbar ist mit
der
nach
der
Naturzerstörung
auf
Maximalgewinn
orientierten
landwirtschaftlichen Produktionsweise der Großgrundbesitzer dieser Länder.
- Letztlich ist es die gesamte Menschheit, die auf der Basis der Privatökonomie
als Bereicherungs- und Verarmungsgesellschaft zugleich auf Kosten der Nachwelt
lebt! Was in Form vielfältiger Waren und massenhaften Angebots als Fortschritt
erscheint, trägt zum Untergang der Menschheit bei! Die Menschheit kann aus
dieser Eigenentwicklung, die ihre Existenz gefährdet, nur ausbrechen, wenn sie
rechtzeitig, also noch vor der maximalen Zuspitzung des existenziellen
Grundwiderspruchs, erkennt, dass sie nur durch die Überführung des privaten
und gesellschaftlichen Eigentums in Gemeineigentum und (eingeschränkten)
Gemeinbesitz
sowie
nach
der
Ablösung
der
Privatdurch
die
Gemeinschaftsökonomie eine Zukunft hat.
These zur Charakterisierung der kapitalistischen Gesellschaft: Die
kapitalistische Gesellschaft ist eine Bereicherungs-, Ausbeutungs-, Verarmungs-,
Zerstörungs- und letztlich Selbstvernichtungsgesellschaft. Sie teilt die Menschheit
nicht nur in Reiche und Arme; sie verarmt und zerstört zugleich ihre eigene,
unsere Lebenswelt.
Anmerkungen:
Die
vorgeschlagene
Charakterisierung
soll
das
Wesentliche
des
privatökonomischen Entwicklungsprozesses in seiner Gesamtheit erfassen: Nach
jahrtausendelanger dominanter Entwicklung in Form privater, gesellschaftlicher
und nationaler Bereicherung durch die Ausbeutung von Menschen und zu Lasten
unserer Lebenswelt während der Sklavenhaltergesellschaft und des Feudalismus
findet das Bereicherungsgeschehen im Kapitalismus mit der drohenden
Selbstvernichtung der Menschheit seine existenzielle Zuspitzung: Wenn dieses
Geschehen nicht als gesetzmäßige Negativentwicklung erkannt und ihr nicht
rechtzeitig Einhalt geboten wird, führt es tendenziell zur Selbstvernichtung der
Menschheit!
- Die kapitalistische Gesellschaft hat sich selbst entblößt, nachdem das
bürgerliche Recht auch für die „bürgerliche Ehe“ die Bereicherungsmentalität
unterstellt und vom „Güterstand der Zugewinngemeinschaft“106 ausgeht. Damit
wurde die Ehe von einer Lebens- und Wertegemeinschaft zur Wert“gemeinschaft“
degradiert, d. h., die Ehepartner sollen ihr erworbenes Geld nunmehr gemeinsam
zur (weiteren) Bereicherung „anlegen“. Sie sind dann – wie es im deutschen
Steuerrecht so „schön“ heißt – „gemeinsam veranlagt“!
106
Vgl. Das Bürgerliche Gesetzbuch, KOMET Verlag, § 1363
49
- Die kapitalistische Gesellschaft charakterisiert sich über ihre Sprache in
vielfältiger Weise als Bereicherungsgesellschaft selbst, und zwar nicht nur in der
Umgangssprache, wenn vom Abkassieren, Abzocken, Absahnen und dergleichen
gesprochen wird; es gibt auch eine Gewinnwarnung statt Verlustwarnung, ein
Nullwachstum
statt
Stagnation
und
eben
jenes
„ertragreiche“
Wirtschaftswachstum.
These zur Herrschaftsweise des kapitalistischen Gesellschaftssystems:
Die Macht des kapitalistischen Gesellschaftssystems resultiert aus dem Wirken
der Privatökonomie. Sie bedient sich des internationalen Währungs- und
Finanzsystems,
insbesondere
der
so
genannten
Leitwährungen.
Die
Privatökonomie herrscht in Eigenentwicklung aus sich selbst heraus und
dominiert tendenziell die Entwicklung der gesamten Menschheit. Deshalb braucht
sie in ihrer am „höchsten“ entwickelten Form keine Diktaturen. Im Prozess der
Globalisierung dehnt sie ihre Dominanz nach außen aus, im Prozess der
Privatisierung nach innen. Was als Demokratie erscheint, unterliegt letztlich dem
Diktat der Privatökonomie.
Anmerkungen:
- Das System der Privatökonomie ist in Wirklichkeit ein riesiges Netz, an dem sie
überall auf unserer Welt wie eine Spinne webt. Dort, wo ihre Leitwährungen
akzeptiert werden, beginnt sie zu herrschen, um die Beherrschten und deren
Lebenswelt in den Bereicherungssog einzuverleiben und an die bereits
Eingewebten anzuschließen. Die Menschen aller Länder sind an die Wertformen
der Privatökonomie, an Geld, Edelmetall, Aktien usw., gebunden und zusammen
verbunden. Die Fäden des Netzes führen insbesondere zu den Großbanken, die
heute mittels des Internets die angeeigneten Werte zum Zwecke privater,
gesellschaftlicher, nationaler, staatlicher und persönlicher Bereicherung
aufsaugen, konzentrieren und wieder verbreiten, um die Bereicherungsspirale
weiter voranzutreiben. Es bewahrheitet sich der Spruch aus der
Umgangssprache: „Geld regiert die Welt!“
- Es handelt sich um ein ideelles Spinnennetz, das in der Überzeugung seiner
Nutzer existiert und von allen Ecken und Enden der Welt Wertsubstanz aufsaugt
und den „Investoren“ weiteren Wertzuwachs verspricht. Tagtäglich werden wir
durch die Medien über die Bereicherungsmechanismen informiert und in Unruhe
versetzt, wenn die Bereicherungsspirale ins Stocken gerät. Tagtäglich werden per
Knopfdruck Milliarden Dollar über das Bereicherungsnetz des Internet
transferiert. Fehler an einer Stelle können innerhalb weniger Minuten zu riesigen
Verlusten und zu großen Gewinnen an anderer Stelle führen.107 Doch jeder
„Erfolg“ der „Anleger“ ist ein kleiner Schritt weiter zur Selbstvernichtung der
Menschheit!
Die Berliner Zeitung berichtete am 10./11.12.2005 auf der Seite 14 über den Fehler
eines Angestellten der zweitgrößten japanischen Bank Mizuho, der am Donnerstag, dem
8. Dezember 2005, der Bank einen Verlust von „mindestens 27 Milliarden Yen“ brachte –
fast 200 Millionen Euro! „Der Broker von Mizuho Securities hatte 9.27 Uhr den Auftrag,
für einen Kunden eine Aktie der J-Com für 610 000 Yen zu verkaufen“. Durch eine
„Verwechslung … verkaufte er 610 000 J-Com-Aktien für je einen Yen … Der Markt griff
begeistert zu … Zwischen 9.30 Uhr und 9.38 Uhr schoss das Papier von 572 000 auf 708
124 Yen nach oben. … Erst am Freitag wurde der J-Com-Titel vom Handel suspendiert.“
107
50
- Dem ideellen Netz entsprechen verschiedenartige materielle Netze, die es
ermöglichen, die den Wertsubstanzen entsprechenden Gebrauchswerte lokal,
regional, national, international oder weltweit zu transportieren. Es sind dies die
Handels- und Verkehrsnetze für den Schiffs- und Flugverkehr, die Straßen- und
Schienennetze, die Rohrnetze usw. Der Tauschwert der Gebrauchswerte ist es,
der es den Händlern und Anlegern ermöglicht, sich Wertsubstanz über die
Datennetze anzueignen. Doch es gibt auch Spekulanten, die ausschließlich mit
Wertsubstanz, etwa mit Währungen, „handeln“.
- Indem sich das Spinnennetz der Privatökonomie immer ausgedehnter und
dichter über alle Länder der Erde spannt, werden die lokalen und regionalen
Lebenssysteme, die uns das Leben ermöglichen, ausgesaugt, verarmt, belastet,
vergiftet und zerstört.
- Wer im Fortschrittsglauben den Begriff Vernetzung fast als Zauberwort
betrachtet, sollte prüfen, welchem Hauptziel die Schaffung neuer Netze unter
kapitalistischen Bedingungen dient. Geht es primär um weltweiten Informationsund
Warenaustausch
oder
um
die
Ausdehnung
von
Macht
und
Bereicherungsmöglichkeiten? Dient nicht auch das Schaffen dieser Netze vor
allem privater Bereicherung? Es stellt sich deshalb die Frage, was mit den Netzen
geschehen sollte, um die Bereicherungsspirale zu stoppen oder gar aufzulösen.
6.3. Naturwissenschaftliche Aspekte spätkapitalistischer Entwicklung
Zur globalen ökologischen Krise: Die globale ökologische Krise resultiert
insbesondere aus der Störung des globalen ökologischen Gleichgewichts, also des
natürlich entstandenen Verhältnisses zwischen dem Anteil an pflanzlichem Leben
einerseits und dem Anteil an tierischem sowie menschlichem Leben andererseits.
Wenn das ökologische Gleichgewicht tendenziell zuungunsten des pflanzlichen
Lebens stark gestört wird, kommt es über einen verstärkten Treibhauseffekt zu
einem weiteren Aufheizen der Erdatmosphäre. Der zusätzliche Treibhauseffekt
entsteht, weil die Gesamtheit an pflanzlichem Leben nicht mehr ausreicht, um
den vergrößerten Anteil an Kohlendioxyd aus der Atmosphäre zu binden, der
durch die privatökonomisch dominierte Produktions- und Lebensweise der
Menschheit erzeugt sowie vom menschlichen und tierischen Leben insgesamt
abgegeben wird. Werden die gesellschaftlichen Ursachen für das Entstehen der
globalen ökologischen Krise nicht rechtzeitig erkannt und beseitigt, „kippt“ das
Klima
nach
dem
Überschreiten
eines
kritischen
Wertes
der
Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre, was zu einem Weltbrand und zur
weitgehenden Vernichtung unserer Zivilisation führt.
Anmerkungen:
- Im Verlaufe von Jahrmillionen hat sich auf der Erde ein Gleichgewicht zwischen
dem tierischen und dem pflanzlichen Leben entwickelt, so dass tierisches Leben
ohne Pflanzen nicht existieren kann und umgekehrt. Man spricht von einem
ökologischen Gleichgewicht. Das auf der Erde entstandene Leben wird durch die
fortwährende Aufnahme von Sonnenenergie ermöglicht, die die unteren
Luftschichten auf durchschnittlich minus 18 Grad Celsius „aufheizen“ würde,
wenn in der Atmosphäre keine Treibhausgase vorhanden wären.108 Dank solcher
Schönwiese, Christian-Dietrich; Diekmann, Bernd: „Der Treibhaus-Effekt. Der Mensch
ändert das Klima“ Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, S. 128
108
51
Treibhausgase, wie vor allem Wasserdampf, Kohlendioxid und Methan, aber auch
von anderen Gasen, die die von der Erde abgestrahlte Energie teilweise
absorbieren, entsteht ein Treibhauseffekt von 33 Grad zusätzlicher Erwärmung,
so dass auf der Erde eine durchschnittliche Lufttemperatur in Bodennähe von
plus 15 Grad Celsius erreicht wird.109 Erst dieser für uns normale Treibhauseffekt
ermöglicht die Vielfalt des Lebens auf der Erde.
- Die Höhe des Beitrags der einzelnen Gase zum Treibhauseffekt ist extrem
unterschiedlich. Während z. B. Wasserdampf mit einem Volumenanteil von bis zu
3 % in der Atmosphäre mit 20,6 Grad am normalen Treibhauseffekt beteiligt ist,
beträgt er beim Kohlendioxid 7,2 Grad, obgleich es in der Atmosphäre mit 0,03
% nur als Spurengas nachgewiesen werden kann. Beim bodennahen Ozon sind
die Verhältnisse noch extremer: Sein Beitrag zum normalen Treibhauseffekt
beträgt 2,4 Grad Celsius, obgleich sein Volumenanteil in der Atmosphäre lediglich
drei Millionstel Volumenprozente ausmacht.110 Es gibt weitere Gase, die – für die
Chemieindustrie bedeutsam – als Spurengase in der Atmosphäre vorhanden und
als Treibhausgase wirksam sind.
- Bei möglichen künftigen Veränderungen der Zusammensetzung der
Erdatmosphäre und damit auch bei der Ausbildung eines zusätzlichen
Treibhauseffektes spielt das Kohlendioxid die dominierende Rolle. Die
Schätzungen, wie weit mögliche Temperaturerhöhungen der unteren
Luftschichten von den einzelnen Treibhausgasen in den nächsten Jahrzehnten
bewirkt werden könnten, liegen für Kohlendioxid zwischen 2 und 4 Grad
Celsius.111
- Der Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre erhöht sich erstens dann, wenn
pflanzliches Leben in seiner Gesamtheit, etwa zur Papier- und Energiegewinnung
sowie zur veränderten Flächennutzung, in großem Umfange und schneller
zerstört wird, als es wieder nachwachsen kann, zweitens wenn fossile Stoffe, wie
Kohle, Erdöl und Erdgas, die seit Millionen von Jahren Kohlenstoff fest binden,
zur Energiegewinnung verbrannt werden, drittens wenn die Gesamtheit an
menschlichem und tierischen Leben zunimmt.
- Aus den Darlegungen geht hervor, dass das Einschränken des Ausstoßes an
Kohlendioxyd zur Abwendung einer Klimakatastrophe keinesfalls ausreicht.
Kritisch sind der Grad der Störung des globalen ökologischen Gleichgewichts, die
historisch bereits verursachte Anreicherung von Kohlendioxyd und der anderen
klimawirksamen Gase in der Erdatmosphäre sowie die bereits erfolgte
Erderwärmung der Luft, der Ozeane und Meere.
- Welche Belastung das historische Erbe des bereits gestörten globalen
ökologischen Gleichgewichts darstellt, zeigen neuere Untersuchungen: „Auch
wenn die Menschheit von sofort an keinerlei Kohlendioxid mehr in die
Erdatmosphäre abgeben würde, könnte das den Klimawandel in den kommenden
Jahrzehnten nicht
stoppen. Mindestens
20 Jahre
lang stiege die
Durchschnittstemperatur auf der Erde noch um mehrere Zehntelgrad an; das
Treibhausgas Kohlendioxid wäre dennoch erst im Jahre 2100 wieder auf das
Niveau von 1975 gesunken. Dieses >>Generationen-Erbe des Klimawandels<<
109
110
111
Vgl. ebd., S. 129
Vgl. ebd., S. 132
Vgl. ebd., S. 148
52
haben der französische Umweltforscher Pierre Friedlingstein und seine USKollegin Susan Solomon errechnet und in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift
>>Proceedings<< der US-Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. …
>>Unsere Kalkulationen machen deutlich, wie jede Generation einen von CO2Emissionen bewirkten, wesentlichen Klimawandel von früheren Generationen
erbt<<, halten Friedlingstein und Solomon fest. >>Die derzeitigen Emissionen
werden also erheblich zum Klimawandel für künftige Generationen beitragen.
<<“112 Die Ergebnisse der beiden Forscher erklären sich u. a. dadurch, weil die
bereits erfolgte Erwärmung der Ozeane und Meere erst nach Jahrzehnten
klimawirksam wird.
- Dass die Stärke des zusätzlichen Treibhauseffekts sehr schwierig voraussehbar
ist, zeigt sich am Treibhausgas Methan. Es ist in großer Menge in Meeresböden
gebunden, entsteht bei Fäulnisprozessen u. a. beim Reisanbau, aber auch in
vermehrtem Umfange, wenn die Dauerfrostböden der nördlichen Hemisphäre
auftauen. Deshalb könnten es sekundäre oder tertiäre Wirkungen sowie zeitliche
Fernwirkungen sein, die letztlich zum Kollaps führen.
- Die Untersuchung des bis vor wenigen Jahren von den Klimaforschern
unzureichend erforschten Einflusses der Verschmutzung der Erdatmosphäre
zeigt, dass der Treibhauseffekt bereits heute schon weitaus stärker wirksam
wäre, wenn die Sonneneinstrahlung nicht durch diese Verschmutzung, durch die
so genannte Schwarze Sonne, gebremst würde. Als es nach dem 11. September
2001 für drei Tage zu einem absoluten Flugverbot über die USA kam, stieg die
Durchschnittstemperatur für das gesamte Land um ein Grad! Unter
Berücksichtigung der Wirkungen der Schwarzen Sonne wird davon ausgegangen,
dass der tatsächliche Anstieg der Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche
innerhalb von 50 Jahren um 5 Grad und innerhalb von 100 Jahren um 10 Grad
betragen wird! Dies wäre für das irdische Leben in der Tat tödlich! Als
Konsequenz
bleibt
nur
die
notwendige
Reduzierung
sowohl
der
Luftverschmutzung als auch des Kohlendioxydanteils aus der Erdatmosphäre.113
Nach kürzlich vorgestellten Untersuchungen von Andreas Kerschbauer von der
Freien Universität Berlin kann sich die bereits hohe Belastung der Berliner Luft
mit Feinstaub in Abhängigkeit von den Windverhältnissen durch zusätzlich
herangetragene Rauchfahnen „von Braunkohle-Kraftwerken, die sich in der
Lausitz, in Südpolen und in Tschechien befinden“ um das Doppelte erhöhen.114
Eine solche zusätzliche Verschmutzung könnte sich insofern als außerordentlich
problematisch erweisen, weil es ernst zu nehmende Hinweise dafür gibt, dass
sich der Schmutz der Luft unter besonders extremen Bedingungen über einer
Stadt entzünden und die Stadt in Schutt und Asche legen kann.115
Vgl. „Neues Deutschland“ vom 19.07.05, S. 9
Vgl. David Sington: „Schwarze Sonne – Die Folgen der globalen Verdunkelung“
Übernahme einer BBC-Dokumentation aus dem Jahre 2005 durch den Fernsehsender
VOX am 25.08.05, 23:20 Uhr
114 Vgl. Sven Titz: „Zugereister Schmutz“, in: „Berliner Zeitung“, 21.09.2007, S.14
115 Vgl. Joachim W. Pastor: „Der unbekannte Prophet Jakob Lorber“, in: „Magazin
2000plus“, Nr. 140 (1999), S. 133/134: „Im Gr. Ev. 8/186 finden wir folgende Aussage:
‚... die Feuerung wird mittels uralten Erdkohlen bewerkstelligt werden ... Wenn solches
Tun und Treiben einmal seinen höchsten Punkt erreicht haben wird, dann wird denn auf
solchen Punkten die Erdluft zu mächtig mit den brennbaren Ätherarten erfüllt werden, die
sich dann bald da und dort entzünden und solche Städte und Gegenden in Schutt und
Asche verwandeln wird samt vielen ihrer Bewohner.‘ Ich ergänze hierzu nur kurz, daß es
Forschungsprojekte zum Thema Sättigungsströme in der Ionosphäre gibt. Berichten dazu
112
113
53
- Es könnte irgendwann eine einzige wesentliche Aktivität zu Lasten unseres
Lebenssystems sein, die unser Klima zum „Kippen“ bringt und die weltweite
Katastrophe auslöst. Die riesigen in vielen Gebieten der Erde in den vergangenen
Jahren teils natürlich entstandenen Waldbrände sind Vorboten jenes alles
verheerenden Weltbrandes. Der Kollaps tritt ein wie bei einem einzelnen
Lebewesen, dessen Körpertemperatur eine bestimmte Grenze überschreitet.
- Das Streben der Privatökonomie ist tendenziell gegen die Erfordernisse der
Wahrung des ökologischen Gleichgewichts gerichtet. Wirtschaftswachstum
orientiert auf massenhaften Verbrauch, um den Umsatz zu erhöhen und die
Gewinne zu maximieren. Zeitungsverlage streben zum Beispiel möglichst große
Auflagen ihrer Zeitungen mit möglichst vielen Seiten an, um durch gut bezahlte
Werbung und Annoncen zusätzlich Gewinne zu erzielen. Auf anderen Gebieten
werden dem Mehrverbraucher je verbrauchter Einheit finanzielle Vorteile
eingeräumt, wie z. B. beim Verbrauch an Erdgas und an Elektrizität. Doch
besonders krass ist das Fehlverhalten der Automobilindustrie, die nicht nur die
Produktion von Autos mit geringem Spritverbrauch hinauszögert, sondern dabei
ist, den in den „reichen“ Ländern üblichen Individualverkehr auf andere Staaten
auszudehnen. Im Jahre 1996 fand ich eine Zeitungsnotiz, nach der "der
italienische Konzern Fiat ... ein Auto" konstruiert hat, "das ausschließlich in
Entwicklungsländern verkauft werden soll." Der Autor führte dazu aus: "Erst will
man Brasilien und Argentinien, dann Indien und China mit dem neuen
Kleinwagen 'Palio' beglücken. Jeder weiß: Die Übertragung westlicher Autodichte
auf die ganze Welt führt zum Klimakollaps. … Die Fiat-Manager versuchen gar
nicht, das zu bestreiten. Stumm sind sie auch nicht. Der Vizepräsident des
Konzerns sagt: 'Wenn wir das nicht tun, machen es andere.'" Und weiter schrieb
der Autor: "Da ist ein Markt, der Gewinn verspricht, also wird der Gewinn auch
geholt, also kann man ihn sich auch selbst holen. Darin steckt eine Regel: Wenn
etwas möglich ist, muss man es tun; einige erliegen dem Zwang bestimmt, also
darf auch Fiat schwach werden. ... Man kann daraus nur schließen, dass …
Autoverkehr, …selbst wenn er beliebig steigt, gerechtfertigt ist. Mit dem
Autoverkehr ist auch der Klimakollaps gerechtfertigt."116 Es bleibt zu ergänzen,
dass es das kapitalistische System ist, dass derlei „Zwänge“ erzeugt und dass
uns folglich nur seine Ablösung vor der Selbstvernichtung bewahrt.
- Welche Folgen hätte ein Weltbrand für das Leben auf der Erde? Es gab einen
Weltbrand „vor 250 Millionen Jahren“. Er wurde vom „größten Vulkanausbruch“
ausgelöst, „den die Erde je erlebt hat“, und zwar im heutigen Sibirien. „Der
Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre schnellte hoch, der Treibhauseffekt
ist zu entnehmen, daß sich die Sättigungsströme, die sich in Bändern um den Planeten
bewegen, bereits auf etwa 3000 Volt aufgeladen haben und sich eines Tages entladen
könnten. Diese Entladung in Verbindung mit der o. a. Aussage Lorbers läßt keine guten
Gefühle aufkommen. Das Waffenprojekt HAARP könnte durchaus der Initialzünder zu
dieser Angelegenheit werden.“ An anderer Stelle schreibt J. W. Pastor: „Lorbeer warnt
vor der Zerstörung der Wälder. ... ‚Wenn aber einmal die zu gierige Gewinnsucht der
Menschen zu sehr sich an den Wäldern der Erde vergreifen wird, dann wird für die
Menschen böse zu leben und zu bestehen sein auf dieser Erde ...‘ (Gr. Ev. 9/63.)“ (vgl.
ebd., S. 133). Jakob Lorber lebte von 1800 bis 1864!
Michael Jäger: „Ökologische Notizen: Wenn wir das nicht tun“ In: Neues Deutschland
vom 06.05.1996, S. 8
116
54
explodierte. Die Erde überhitzte, saurer Regen tötete die Pflanzen. Die Welt
brach zusammen.“ Es wurde „kaum noch Biomasse produziert“. Der
„Sauerstoffgehalt fiel und fiel … von etwa 30 Prozent auf 15 oder gar nur 13
Prozent. Und die Luft blieb ‚stickig’, fünf Millionen Jahre lang. Das hatte
Auswirkungen auf die Organismen. … Organismen, die wenig Sauerstoff
brauchten, profitierten von dieser Welt. Die ersten Saurier tauchen vor 230
Millionen Jahren auf, als der Sauerstoffgehalt am geringsten war.“117 Der
Sauerstoffgehalt der Luft liegt heute bei 20,93 Prozent.118 Es stellt sich die
Frage, welche Auswirkungen das allmähliche Absinken des Sauerstoffgehalts der
Erdatmosphäre auf das menschliche Leben hätte und ob Menschen nach einem
Weltbrand infolge unzureichender Sauerstoffversorgung irgendwo auf der Erde
überhaupt überleben könnten.
Zur Überbevölkerung: Eine wesentliche Verschärfung der ökologischen Krise
kann – relativ unabhängig vom gesellschaftlichen Geschehen – allein aus einer
unkontrollierten Bevölkerungsentwicklung entstehen. Eine solche Entwicklung
stört das ökologische Gleichgewicht dann, wenn die Gesamtheit des
menschlichen und tierischen Lebens im Missverhältnis zur Gesamtheit des
pflanzlichen Lebens steht, wenn die Menge an abgegebenem Kohlendioxid die
Aufnahmemöglichkeiten der gesamten Pflanzenwelt übersteigt. Jede Gesellschaft
müsste in diesem Falle – unabhängig von der Verursachung der
Überbevölkerung – ihre Bevölkerungsanzahl langfristig zielgerichtet reduzieren.
Anmerkungen:
- Das zielgerichtete Reduzieren der Überbevölkerung setzt das Wissen voraus,
wie viele Menschen die Erde zu tragen und zu ernähren vermag, ohne ihrem
Lebenssystem in seiner Ganzheit zu schaden. Es ist anzunehmen, dass bereits
heute viel zu viele Menschen auf der Erde leben, so dass die Überbevölkerung
als ökologische Falle wirken kann. Es sind folglich Strategien zu entwickeln, wie
die Reduzierung der Überbevölkerung erreicht werden kann.
- Wesentlich ist auch die Kenntnis, ob es im Rahmen des kapitalistischen
Gesellschaftssystems überhaupt möglich ist, die Bevölkerungsanzahl in
kontrollierter Form weltweit zu reduzieren. Sollte sich dies als unmöglich
erweisen, wäre das allein schon ein ausreichender Grund, das System
abzulösen!
- Die Akzeptanz der Erkenntnis, dass die Menschheit durch die Verschärfung der
ökologischen Krise in ihrer Existenz durch das gemeinsame Wirken von
Gesetzmäßigkeiten der Natur und der Gesellschaft bedroht ist, wird sich als
überaus schwierig erweisen. Doch erst aus dieser Erkenntnis leitet sich die
Möglichkeit ab, die existenzielle Krise der Menschheit zu überwinden. Sie wird
nur möglich sein, wenn die Völker der Erde im globalen Rahmen über alle
politischen, nationalen, ideologischen und religiösen Schranken hinweg
gemeinschaftlich denken und handeln lernen.
6.4.
Ein neues dialektisches Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung?
Vgl. Dagmar Röhrlich: „In dünner Luft oder wie das Leben wurde, was es ist“ Teil 2:
„Sauerstoff formt die Welt“, Manuskript des Deutschlandsfunks, Forschung Aktuell –
Wissenschaft im Brennpunkt, 21. März 2007, S. 11-12, www.dradio.de/download/66244/
118
Vgl. „Knaurs Lexikon von a bis z“, Weltbild Verlag 1999, S. 565
117
55
These zur Entwicklung des Gesellschaftlichen: Infolge von Konkurrenz und
privatem Überlebenskampf erzeugen private Bereicherungsbestrebungen
individualistisch dominierte Gesellschaften. Auf der Basis von privatem Reichtum
setzt sich das Individualistische weltweit schrankenlos durch und zerstört
tendenziell das Gemeinschaftliche. In Form des Nationalismus können
Gesellschaften auch individualistische Züge auf „höherer“ Ebene annehmen.
Hinter einem spezifischen Nationalismus können sich Absichten und
Bestrebungen nach gesellschaftlicher Bereicherung verbergen, die sich im
Bemühen nach internationaler wirtschaftlicher Dominanz äußern, aber auch im
Überlegenheits- und Herrschaftsanspruch über andere Nationen, im Annektieren
fremder Territorien sowie in der Unterjochung und Versklavung anderer Völker.
Anmerkungen:
- Das Bestreben nach privatem Eigentum und Besitz jedweder Form erzeugte im
Verlaufe der historischen Entwicklung Bereicherungsgesellschaften. Heute
dominiert innerhalb dieser Gesellschaften verstärkt das Individualistische und im
Rahmen des Individualistischen das Privatökonomische. Dies reicht bis in die
Familien hinein, etwa bei Erbschaftsstreitigkeiten.
- Karl Marx spricht von Selbstentfremdung: Der Mensch als Gemeinschaftswesen
entfremdet sich von sich selbst, indem er seinen Erfolg am finanziellen und
materiellen Ergebnis misst, nicht aber am angeeigneten geistigen Reichtum,
nicht an der erreichten Gemeinschaftlichkeit selbst. Nach Marx ist es „größter
Reichtum, … den andren Menschen als Bedürfnis“ zu „empfinden“119.
- Das Zerstören des Gemeinschaftlichen bezieht sich sowohl auf Gemeinschaften
zwischen den Menschen als auch auf Gemeinschaften in der Natur. Es bewirkt
das Nichteinordnen von Menschen in natürliche Lebenssysteme und den Versuch
von Gesellschaften zur Naturbeherrschung.
- Im Kampf um das private Überleben im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf
steht der Einzelne bzw. das einzelne Unternehmen letztlich gegen die gesamte
Menschheit und gegen sich selbst. Ein Einzelner bzw. ein einzelnes Unternehmen
kann durch eine Aktivität letztlich die weltweite ökologische Katastrophe
auslösen, wenn die Schwelle des Erträglichen für das irdische Lebenssystem
überschritten wird.
These zum dialektischen Gesetz der Vereinigung oder der Divergenz: In
Abhängigkeit von den Eigentums- und Besitzverhältnissen und ihren
Veränderungen kann gemeinschaftliche bzw. gesellschaftliche Entwicklung
tendenziell entweder zu immer höheren Formen gewollter Gemeinschaftlichkeit
oder zur Zunahme ungewollter Divergenz führen.
Anmerkungen:
- Private Eigentums- und Besitzverhältnisse erlauben nur eine eingeschränkte
gesellschaftliche Entwicklung. Sie schließen tendenziell eine Negativentwicklung
unter Verstärkung der gesellschaftlichen Ungleichheit und Gegensätzlichkeit ein,
führen zur gegenseitigen Bekämpfung, zur geistigen Kluft zwischen den ungleich
Betroffenen, zu nicht übereinstimmenden Auffassungen, zu unterschiedlichen
Vgl. MEW, Bd. 40, S. 544; vgl. auch Rainer Thiel; Marx und Moritz. Unbekannter
Marx. Quer zum Ismus. 1945-2015. trafo verlag, Berlin 1998, S. 56
119
56
Ideologien, unauflösbaren Antagonismen und letztlich zur möglichen
gegenseitigen
Vernichtung
–
falls
die
materiellen
Grundlagen
der
gegensätzlichen Entwicklung nicht beseitigt werden.
- Damit sind private Eigentums- und Besitzverhältnisse auch die entscheidende
Grundlage für die Ausbreitung gesetzwidrigen Verhaltens von einzelnen
Menschen, des Missbrauchs von Menschen gegen Menschen, des organisierten
Verbrechens bis hin zum Provozieren von Kriegen.
- Die politischen Parteien sind das Ergebnis gesellschaftlicher Divergenz. Ihre
Vertreter agieren als Repräsentanten der unterschiedlichen gesellschaftlichen
Gruppen, der Klassen und Schichten, die unter eingeschränkter Demokratie
versuchen, die Interessen ihrer Gruppen zur Aufrechterhaltung bzw.
Bekämpfung der unsozialen Verhältnisse wahrzunehmen. Die Einschränkung der
Demokratie ergibt sich aus der fehlenden direkten Einflussnahme auf das
wirtschaftliche Geschehen sowie aus dem Lobbyismus.
- Negative Wirkung des genannten Gesetzes können sich – auch unabhängig von
den gesellschaftlichen Verhältnissen – bereits beim vereinzelt lebenden
Menschen ergeben, etwa wenn er sich bewusst gegen die Ehe entscheidet. Über
die Ehe und Familie kann der Mensch zuerst den Sinn und die Nützlichkeit
gemeinschaftlichen Lebens und Handelns erlernen.
- Die Möglichkeit zu allseitiger menschlicher Entwicklung
Formen der Gemeinschaftlichkeit setzt Gemeineigentum
voraus; die Möglichkeit und Notwendigkeit zu neuer
Vereinigung erwächst aus neuer dauerhafter Kommunikation
in immer höheren
und Gemeinbesitz
gemeinschaftlicher
und Kooperation.
6.5. Anforderungen an die nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung
Gemeinschaften im engeren Sinne: Gemeinschaften der nachkapitalistischen
Gemeinschaftsordnung im engeren Sinne sind Menschen, die in ihrem
Lebensraum zur Vervollkommnung ihrer geistigen Entwicklung ihre eigenen
Lebens- und Produktionsbedingungen im Sinne der rationelleren Befriedigung
sich entwickelnder geistiger, kultureller und materieller Bedürfnisse auf der
Basis voller Demokratie gemeinschaftlich reproduzieren. Das schließt ein, dass
auch das Bedürfnis nach Arbeit von der Gemeinschaft möglichst im eigenen
Lebensbereich erfüllt wird.
Anmerkung:
Gemeinschaften
im
engeren
Sinne
sind
Ehepartner,
Familien,
Dorfgemeinschaften, Hausgemeinschaften, Siedlungsgemeinschaften etc. bis zur
Menschheitsgemeinschaft.
Gemeinschaften im weiteren Sinne: Unter den Bedingungen einer
nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung sind Gemeinschaften im weiteren
Sinne Lebensgemeinschaften, die sich aus der bewussten Einordnung der
Menschen
in
ihre
natürliche
Lebenswelt
entwickeln,
wobei
Menschengemeinschaften Verantwortung für die Erhaltung und Gesundung von
Lebensgemeinschaften der Natur übernehmen können.
Anmerkung:
57
- Im diesem Sinne sollte auch eine Weltgemeinschaft für das gesamte irdische
Lebenssystem angestrebt werden.
These zum eingeschränkten Anspruchsdenken: Eine grundlegende
Anforderung an die nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung ist die
Reduzierung des Anspruchsdenkens aller Menschen an Eigentum und Besitz über
die gemeinschaftlich vorgegebene Orientierung hinaus. Keinem Menschen darf
es weiterhin ermöglicht werden, sich durch sein Eigentum bzw. seinen Besitz
auf Kosten anderer Menschen und zu Lasten der Natur zu bereichern. Auch das
persönliche Eigentum und der persönliche Besitz sollten auf ein sinnvolles Maß
beschränkt bleiben.
These zur Aufhebung staatlicher Grenzen: Die Reduzierung des
Anspruchsdenkens heißt auch, dass Staaten und Nationen „ihre“ Territorien mit
dem natürlichen Reichtum an Bodenschätzen, Wäldern, Böden, Seen, Uferzonen
usw. nicht mehr als ihren Besitz betrachten und nicht mehr nach eigenen
Vorstellungen und Zielen mit diesem Reichtum umgehen. Die Natur ist der
Lebensraum allen irdischen Lebens. Es bedarf der gleichberechtigten
Abstimmung zwischen allen betroffenen Völkern und Kulturen, wie mit dem
Reichtum der Natur umgegangen wird und wer für die Erhaltung welcher
Bereiche der Natur künftig Verantwortung übernimmt. Inhalt dieser Abstimmung
muss es sein, den Völkern und Kulturen gemeinsam zu bestätigen, was künftig
ihr Siedlungsgebiet und ihr nutzbarer Naturbesitz sein wird.
These zur vollen Demokratie: Volle Demokratie bedeutet, dass auf Basis von
Gemeineigentum und Gemeinbesitz die Menschen eines Gemeinwesens über alle
wesentlichen Belange ihrer Entwicklung, ihrer Lebens- und Produktionsweise
eigenständig entscheiden, wobei sie von den Empfehlungen der weltweit
verantwortlichen geistigen Führung, der Führungen ihrer Kultur und ihrer Region
in Abstimmung mit den kooperierenden Völkern ausgehen.120
These zur nachkapitalistischen Produktionsweise: Die Zielstellung,
möglichst alle gemeinschaftlich anerkannten Bedürfnisse, also auch das
Bedürfnis nach anspruchsvoller Arbeit auf rationelle Weise zu befriedigen,
Die bürgerliche Demokratie ist eine Scheindemokratie, insbesondere deshalb, weil sie
die Verfügungs- und Entscheidungsgewalt über das für die gesellschaftliche Entwicklung
Bestimmende, nämlich für das Wirken der Privatökonomie, prinzipiell ausschließt. Sie
sichert zwar gesetzlich die Funktionsweise des Staates und der Wirtschaft, vor allem auch
der Finanzwirtschaft, doch primär das Begleichen von Schuld- und Zinsverpflichtungen
des Staates und der Kommunen gegenüber den Banken und privaten Geldgebern sowie
in hohem Maße die Möglichkeiten privater Unternehmen, Gewinne zu erzielen. Damit
ordnen sich die bürgerlich demokratischen Institutionen voll in den sich unbeschränkt
vollziehenden Bereicherungsmechanismus zur privaten Kapitalverwertung ein. Der
bewusste Gehorsam der bürgerlichen Institutionen geht so weit, dass nicht einmal das
zeitweilige Aussetzen fälliger Zinszahlungen im Extremfalle in Betracht gezogen wird, d.
h., die Bereicherungsspirale bleibt stets offen! Obgleich den Verantwortlichen die
„Zinsfalle“ und damit der mögliche Ruin selbst der reichsten Staaten bewusst ist, wird am
Grundsatz des Absicherns weiterer privater Bereicherung festgehalten, woraus der
Entzug von Mitteln aus anderen gesellschaftlichen Bereichen bis zur äußersten Grenze
resultiert. Aus dieser Diskrepanz erwächst der Anschein, die Gesellschaft, zu denen ja die
Reichen gehören, habe keine ausreichenden finanziellen Mittel verfügbar. Die Diskrepanz
erzwingt, weiter zu privatisieren, wodurch sich der Gegensatz zwischen Arm und Reich
noch mehr verschärft. „Privat geht vor Katastrophe!“, sagt der Volksmund. Zugleich
verarmt, krankt und stirbt unsere Lebenswelt.
120
58
erfordert eine weitgehend dezentralisierte Produktion und ihre Einordnung in die
Siedlungsgebiete. Dabei ist es wesentlich, dass Fortschritte in der
Produktionsweise an einem Standort über ein weltweites Informationsnetz
möglichst schnell zu anderen Standorten auf der Erde übertragen werden.
These zur nachkapitalistischen Lebensweise: Infolge der Überbevölkerung
der Erde erfordert die Sicherung des Überlebens der Menschheit unter
nachkapitalistischen Bedingungen eine bewusste Vergemeinschaftung der
Lebensweise, d. h. eine solche Veränderung der Siedlungsstruktur und
Bauweise, dass die Menschen alle wesentlichen Lebensbedürfnisse im Sinne
rationeller Bedürfnisbefriedigung mit möglichst geringem Verkehrsaufwand
unmittelbar in ihren Siedlungen und Siedlungsgebieten befriedigen können. Das
schließt den weitgehenden Verzicht auf den motorisierten Individualverkehr ein.
Anmerkungen:
- Es geht um das Beenden der Zersiedelung der Lebensräume. Es geht auch um
den Rückbau vieler Verkehrstrassen, die durch das individualistische
Verkehrsverhalten erforderlich wurden, und um den Rückbau der Versiegelung
von Böden für den „ruhenden Verkehr“.
These zur generellen Anforderung an die nachkapitalistische
Gemeinschaftsordnung: Die generelle Anforderung an die nachkapitalistische
Gemeinschaftsordnung ist die einheitliche Lösung der ökologischen und der
sozialen Frage unter der Dominanz der Wiederherstellung einer gesunden
irdischen Lebenswelt. Sie kann auf der Basis von Gemeineigentum und
Gemeinbesitz sowie unter Anwendung der Gemeinschaftsökonomie erreicht
werden.
Anmerkungen:
- Eine einheitliche Lösung anzustreben, bedeutet eine gleichartige ökonomische
Denkweise im Sozialen und im Ökologischen zu realisieren.
- Die Dominanz in der Wiederherstellung einer gesunden irdischen Lebenswelt
erfordert eine adäquate Lebens- und Produktionsweise.
- Die Basis für eine einheitliche ökonomische Denkweise und für die mögliche
Dominanz des Ökologischen sind adäquate Besitz- und Eigentumsverhältnisse,
also Gemeinbesitz und Gemeineigentum.
7.
Zur
Problematik
Gesellschaftssystems
der
Ablösung
des
kapitalistischen
7.1. Zur notwendigen Ablösung des Kapitalismus als System
These zur Systemablösung: Der Prozess der Globalisierung hat dazu geführt,
dass die Menschen fast aller Länder über das weltweite Netz der Privatökonomie
im kapitalistischen System gefangen sind oder als „Verlierer“ ausgesondert
wurden. Das Gefangensein betrifft sowohl die Reichen als auch die Armen.
Keiner kann sich den Systemwirkungen der Privatökonomie und ihren
Fehlwirkungen entziehen. Im Rahmen der Eigenentwicklung dieses Systems
können
zwar
Veränderungen
erkämpft
werden,
ohne
jedoch
die
Entwicklungstendenz zur Zuspitzung der Widersprüche und zur Selbstaufhebung
59
des Systems durch Selbstzerstörung zu verhindern. Der einzige Weg, um der
apokalyptischen Gefahr der Selbstvernichtung zu entgehen, besteht in der
rechtzeitigen weltweiten Ablösung der kapitalistischen Ordnung durch eine
weltweite Gemeinschaftsordnung.
Anmerkungen:
- Die Reichen und Wohlhabenden sind infolge der Konkurrenz, die minder
Bemittelten und die Armen über die Ausbeutung und Arbeitslosigkeit an das
kapitalistische System gebunden. Wer sich von den Reichen und Wohlhabenden
nicht weiter bereichert, wer mit seinem Unternehmen nicht weiter „wächst“, wer
mit Massen- und Billigangeboten auf dem Markt keinen Erfolg hat, dem droht die
Insolvenz und Verarmung. Wer jedoch von den Armen die Billigangebote
ausschlägt, gerät letztlich in Existenzgefahr, weil er steigende Miet- und
Energiekosten, Steuern und Kinderbetreuung nicht mehr bezahlen kann.
- Alle Menschen insbesondere der „reichen Länder“ leben bewusst oder
unbewusst auf Kosten der Nachwelt und der Dritten Welt. Dies äußert sich in der
finanziellen Verschuldung der Staaten sowie in Belastungen und Zerstörungen
unserer Lebenswelt. Was als „soziale“ Marktwirtschaft in den „reichen Ländern“
erscheint, erwächst nicht zuletzt aus dem unsozialen Verhalten gegenüber der
Dritten Welt und aus Verletzungen weltweiter ökologischer Erfordernisse.
- Der Einzelne lernt, wenn er selbst betroffen ist, sowohl aus dem Negativen als
auch aus dem Positiven. Er neigt, sich an Streiks gegen das Unsoziale oder gar
an politischen Auseinandersetzungen zu beteiligen, wenn er selbst unter den
gesellschaftlichen Verhältnissen leidet; er verteidigt unter den Bedingungen der
„sozialen Marktwirtschaft“ sein Lebensniveau, ohne zu übersehen, ob und auf
wessen Kosten er sich bereichert. Er wird jedoch zusammen mit vielen anderen
Menschen neue Wege gehen wollen, wenn er sie kennt und wenn er spürt, dass
die
„Überflussgesellschaft“
durch
fortwährendes
„Wirtschaftswachstum“
Naturzerstörung und Naturbelastung nach sich zieht, dass sie verstärkt
Naturkatastrophen und letztlich eine Klimakatastrophe provoziert.
- Die kapitalistische Gesellschaft hat mit dem Internet ein elektronisches System
geschaffen,
um
den
weltweiten
privaten
und
gesellschaftlichen
Bereicherungsprozess mit elektronischen Mitteln zu stützen, zu beschleunigen
und zu perfektionieren. Zur Ablösung des Kapitalismus als weltumspannendes
privatökonomisches System wird letztlich auch die Ablösung des Internet als
elektronisches Bereicherungsnetz gehören und seine Nutzung als ein
Informationsnetz, das der weltweiten Verbreitung und Nutzung neuer
Erkenntnisse und Lösungen dient.
- Weil es ein System ist, dass die Menschheit unabhängig vom Willen des
Einzelnen beherrscht und tendenziell in die Katastrophe führt, weil dieses
Gesellschaftssystem durch das innere Wirken der Privatökonomie auf
Konkurrenz, auf massenhaften Verbrauch von Natur und auf unbeschränkter
privater Bereicherung ausgerichtet ist, muss die Entstehung eines neuen
Systems
gegensätzlichen
Charakters
initiiert
werden,
eines
Gemeinschaftssystems:
Erstens gilt es, der Konkurrenz Kooperation und Erfahrungsaustausch
entgegenzusetzen,
zweitens dem Individualistischen das Gemeinschaftliche,
60
drittens dem unbeschränkten privaten Eigentum und Besitz das persönliche und
Gemeineigentum sowie eingeschränkter Gemeinbesitz,
viertens der auf maximalen Gewinn ausgerichteten Privatökonomie die auf
rationelle Bedürfnisbefriedigung orientierende Gemeinschaftsökonomie,
fünftens der Beherrschung der Natur das Bemühen um ihren Erhalt und die
Suche nach der Geborgenheit innerhalb der Schöpfung.
- Das Schaffung eines gegensätzlichen Systems, eines Gemeinschaftssystems,
einzuleiten und voranzubringen, darf nicht bedeuten, sich im Sinne
revolutionärer Aktivitäten gegen das alte System zu stellen. Vielmehr gilt es,
von der Eigengesetzlichkeit des kapitalistischen Systems auszugehen, seine
inneren Zwänge zu erkennen und Wege zu finden, diese im existenziellen
Interesse aller Menschen Schritt für Schritt überwinden zu helfen. Zugleich gilt
es, das neue System zur Wirkung zu bringen. Es geht um organisierte
Selbsthilfe durch das Einbeziehen möglichst vieler Menschen, um die
Fehlwirkungen des alten Systems abzuschwächen, zurückzudrängen, aufzulösen
und die Entwicklung des neuen Systems zu fördern. Wer sich gegen bestimmte
Fehlwirkungen des kapitalistischen Systems stellt, sollte versuchen zu
beantworten und organisieren zu helfen, auf welche Weise die Stärkung und
Effizienz des Gemeinschaftssystems erreicht werden kann.
- Die inneren Zwänge des kapitalistischen Systems betreffen in hohem Maße die
Verschuldungsproblematik, die die staatlichen Organe und die Kommunen zu
unsozialen Einschnitten zwingt, wenn den Ansprüchen der Gläubiger
entsprochen wird. Ein Weg, um in der ersten Phase des gesellschaftlichen
Wandels Diskrepanzen auszugleichen, ist die Übergabe von überschüssigen,
nicht verwertbaren Gebrauchswerten, Flächen und Kapazitäten an Arbeitslose
und andere Interessenten mit dem Ziel, das sowieso Verfügbare im
Eigeninteresse rationell zu nutzen und zugleich die notwendige soziale
Unterstützung zumindest anteilig zu ersparen.
7.2. Zur Dominanz des Ökologischen gegenüber dem Sozialen bei der
Ablösung des kapitalistischen Gesellschaftssystems
These zur Dominanz der primären Lösung der ökologischen Frage:
Unabhängig vom beschrittenen Weg zur Ablösung der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung führt jedes Zurückstellen der primären Lösung der
ökologischen Frage als Folge der bisherigen und der nicht mehr vermeidbaren
weiteren Schädigung des irdischen Lebenssystems sowie durch die
Überbevölkerung der Erde in die Klimakatastrophe.
Anmerkungen:
- Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Menschheit hat in den
vergangenen Jahrhunderten zur Schädigung und Überbevölkerung der Erde
geführt, so dass die Möglichkeiten des irdischen Lebenssystems nicht mehr
ausreichen, um alle Menschen wesentlich über die soziale Grundsicherung
hinaus zu versorgen. Zudem verstärkt die Masse an Menschen und der zur
Ernährung benötigten Tiere den Ausstoß an Treibhausgasen direkt und indirekt
61
über die Zunahme an notwendiger Industrie und Landwirtschaft, an Verkehr
sowie durch den zusätzlichen Energie- und Rohstoffverbrauch.121
- Der Kampf um soziale Verbesserungen unter kapitalistischen Bedingungen ist
von vornherein trotz der Zuspitzung der Gegensätze zwischen Reich und Arm
deshalb problematisch, weil er die Bestrebungen zur weiteren privaten
Bereicherung zu Lasten der Natur und zur tendenziellen Zerstörung unseres
Lebenssystems nicht aufhebt.
- Analoge Fehlwirkungen sind beim erneuten Herausbrechen sozialistischer
Länder aus dem kapitalistischen System zu erwarten. Dies würde zu einer
erneuten ökonomischen und politischen Konkurrenzsituation oder gar zu einer
Konfrontation einschließlich der möglichen Entstehung neuer Kriege führen.
These zu ökologisch zulässigen sozialen Fortschritten: Das Durchsetzen
sozialer Fortschritte verschärft die ökologische Krise, wenn nicht zugleich die
privatökonomischen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft geschmälert
werden.
Anmerkungen:
- Der Kampf um soziale Fortschritte bzw. gegen den Abbau sozialer
Errungenschaften birgt deshalb die Gefahr der Verschärfung der ökologischen
Krise in sich, weil die Gewinne privater Unternehmen sowohl durch Ausbeutung
als auch zu Lasten unserer Lebenswelt zustande kommen. Käme es also nach
sozialen Auseinandersetzungen im Sinne der Einschränkung von Ausbeutung zu
einer teilweisen Umverteilung der Gewinne „von oben nach unten“, so bliebe
dennoch offen, inwieweit die sozialen Verbesserungen durch Bereicherung auf
Kosten
unserer
Lebenswelt
ermöglicht
wurden.
Bei
sozialen
Auseinandersetzungen gilt es deshalb, alle wesentlichen objektiven Erfordernisse
unserer gesamten Lebensweise zu berücksichtigen und nicht nur darauf zu
orientieren, den Unternehmern Anteile aus ihren Gewinnen abzutrotzen.
- Das Beschränken privatökonomischer Bereicherungsbestrebungen könnte
damit beginnen, nach nationalen demokratischen Entscheidungen die Zunahme
der staatlichen Verschuldung zunächst dadurch zu beenden, dass die Zinstilgung
bis auf den Ausgangskredit zurückgenommen wird. Jene Mittel, die nach
bisherigen Gepflogenheiten zur Zinstilgung verwandt worden wären, würden für
notwendige öffentliche Investitionen sowie für ökologische und soziale
Maßnahmen frei werden, ohne dass die Reichen und Wohlhabenden verarmen!
- Ein weiterer wesentlicher Schritt zur Einschränkung von privatökonomischer
Abhängigkeit wären Entscheidungen zur Rückführung der privaten Wasser- und
Energieversorgung, der Abwasserbehandlung und der Müllentsorgung in die
Verantwortung der Kommunen, der Länder und des Staates. Wegen ihrer
außerordentlichen Bedeutung könnte damit begonnen werden, diese öffentliche
Daseinsvorsorge
auf
rationellste
Weise
unter
Anwendung
von
Gemeinschaftsökonomie bei kostendeckenden Preisen sowie unter möglichst
geringen Belastungen der „Umwelt“ zu sichern.
Vgl. Wolfgang Stauber, Sturz in die Klimakatastrophe, Mensch – Hüter der Erde 4,
FIGU, CH-8995 Schmidrüti, Schweiz, S. 5
121
62
- Begonnen werden sollte unbedingt auch mit der vollständigen Beseitigung des
Privatbesitzes an Wäldern, natürlichen Flächen und Seen, deren Missbrauch zum
Zwecke privater Bereicherung möglich ist. Privatbesitz an Natur fremder Länder,
insbesondere jener, der mit der Ausplünderung von Rohstoffen, wie Erdöl,
Erdgas, Holz und Erzen, verbunden ist, sollte unter Beachtung der bereits
erzielten Gewinne und der in den jeweiligen Regionen verursachten Schäden –
ggf. mit internationaler Unterstützung – enteignet werden. Staaten, die mit
Waffen, kriegerischen oder anderen aggressiven Mitteln die private Bereicherung
auf Kosten unserer Lebenswelt in anderer Ländern unterstützen, sind weltweit
zu ächten.
- Internationale Verschuldung heißt auch, dass national hinreichend „flüssiges“
Kapital vorhanden ist, das national nicht gewinnträchtig eingesetzt werden kann.
Es spricht für die Existenz von national überflüssigem privatem Reichtum in
Wertform und könnte mit hohen nationalen Steuern belegt werden.
- Die zuerst eingeleiteten Maßnahmen sollen die Menschen befähigen zu
erkennen, dass bereits das staatlich verordnete Abschaffen der nationalen
Zinswirtschaft sowie das Beseitigen von Privateigentum an Betrieben der
öffentlichen Versorgung und Entsorgung zumindest beitragen, den weiteren
sozialen Abstieg vieler Menschen zu mindern oder gar zu verhindern, aber auch
um soziale Verbesserungen anzustreben. Es sollte begriffen werden, dass – auch
unabhängig vom Privateigentum an Produktionsmitteln – allein die
Zinswirtschaft dazu führt, den Gegensatz zwischen Arm und Reich zu
verschärfen.
- Wir brauchen eine wissenschaftlich begründete neue Strategie, die das
Anstreben und Durchsetzen sozialer Ziele in das Überlebensziel der Menschheit
einordnet und die verengte Sichtweise der meisten Menschen der reichen Länder
überwinden hilft.
7.3. Zum Versuch der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus
These zum Scheitern des Sozialismus: Der Sozialismus scheiterte als
Gesellschaftssystem, weil er die notwendige Ablösung der kapitalistischen
Ordnung im Wesentlichen auf die Lösung der sozialen Frage einengte und die
gesellschaftliche Verursachung der ökologischen Krise weitgehend negierte. Aus
den Versuchen, die soziale Frage zunächst national zu lösen, ergab sich der
Zwang zur Übernahme der Konkurrenzökonomie, was zum weltweiten
Wettbewerb der beiden Gesellschaftssysteme führte. Daran mussten die
sozialistischen Volkswirtschaften scheitern, weil die kapitalistische Gesellschaft in
der Anwendung der Privatökonomie als Konkurrenzökonomie über Jahrhunderte
Erfahrungen besaß und weil sie durch die Ausbeutung der Dritten Welt sowie
durch die weltweite Ausplünderung der irdischen „Ressourcen“ von vornherein im
„Vorteil“ war. Der Versuch, den Kapitalismus als Gesellschaftssystem mit dessen
eigenen ökonomischen Mitteln zu „besiegen“, führte auf ihn selbst zurück, führte
zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse.
Anmerkungen:
- Das Scheitern des Sozialismus war insofern auch theoretisch bedingt, weil der
Marxismus-Leninismus
die
kapitalistische
Gesellschaft
einengend
als
Ausbeutergesellschaft kennzeichnete und die gesellschaftliche Verursachung der
63
ökologischen Krise nicht erkannte. Es wurde nicht wahrgenommen, dass sich
hinter dem Rücken des gesellschaftlichen Fortschritts des Kapitalismus
tendenziell eine Negativentwicklung, eine gesetzmäßige Zerstörung der irdischen
Lebensgrundlagen vollzieht.
- Im Kern scheiterte der „wissenschaftliche Sozialismus“ am Fehlen einer
ökonomischen Theorie zur einheitlichen Lösung der ökologischen und der
sozialen Frage. Eine solche Theorie hätte voreilige „sozialistische Revolutionen“
und
Erkenntnisschranken
für
die
Ablösung
des
kapitalistischen
Gesellschaftssystems verhindern können!
- Der Sozialismus als Theorie und als Gesellschaftssystem scheiterte in dreifacher
Hinsicht an der Vernachlässigung der ökologischen Problematik:
Zum Ersten erkannten die Theoretiker des Marxismus-Leninismus die
kapitalistische
Gesellschaft
nicht
im
umfassenden
Sinne
als
Bereicherungsgesellschaft, wodurch es ihnen nicht möglich war, die ökologische
Krise als Bereicherung auf Kosten der Nachwelt einzuordnen.
Zum Zweiten wurde ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen der Lösung der
sozialen Frage und der Bewältigung der ökologischen Krise nicht erkannt:
Während die Möglichkeit bestand, die soziale Frage anteilig national zu lösen,
kann die ökologische Krise nur weltweit überwunden werden.
Zum Dritten begaben sich die Marxisten-Leninisten mit ihrer These des
möglichen nationalen Sieges des Sozialismus unter Inkaufnahme des
wirtschaftlichen Wettbewerbs mit dem Kapitalismus – einschließlich des
Rüstungswettlaufs! – selbst auf einen Weg zur Verschärfung der ökologischen
Krise. Sie scheiterten im wirtschaftlichen Wettbewerb gegen die Privatökonomie,
deren Stärke nicht zuletzt aus dem Wirtschaften zu Lasten unserer Lebenswelt
resultiert.
Der sozialistische Weg führte in eine Sackgasse und zur weitgehenden
Restauration des Kapitalismus. Ein sozialistischer Weg könnte nur dann eine
bedingte Berechtigung haben, wenn die ökonomische Funktionsweise dieses
„Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, etwa durch „nachhaltiges Wirtschaften“, die
ökologischen Krise nicht weltweit verschärfen würde.
These
zum
Ökosozialismus:
Auch
der
Ökosozialismus
wird
als
nachkapitalistische Gesellschaftsordnung nicht erfolgreich sein können, weil sich
seine Theoretiker und Praktiker prinzipiell im Rahmen der privatökonomischen
oder der gesellschaftlichen Denkweise des kapitalistischen bzw. des
gescheiterten sozialistischen Systems bewegen und handeln.
Anmerkungen:
- So z. B. schlagen Saral Sarkar und Bruno Kern einen „neu zu konzipierenden
Sozialismus“
vor,
einen
„Ökosozialismus“,
dessen
Realisierung
„die
Vergesellschaftung des großen Kapitals“ voraussetzt, wobei der „Staat“ das
„Primat des Profits und Wachstumszwanges außer Kraft“ setzt und einen
„Schrumpfungsprozess“ der Wirtschaft einleitet. An „die Stelle des Chaos der
64
freien Marktwirtschaft“ müsse „eine wirtschaftliche Rahmenplanung treten.“122
„Ökosozialismus“ sei „eine Synthese von Sozialismus und Radikalökologie“.123
- Der Vorschlag von Sarkar und Kern ist ein nationaler Ansatz zur Bewältigung
der ökologischen Krise und kann deshalb auf die ökologischen Probleme globalen
Charakter zwar bedingt Einfluss nehmen, sie aber nicht lösen. Der Ansatz bewegt
sich im Rahmen eines (eingeschränkten) nationalen Wirtschaftlichkeitsdenkens,
obgleich die dominierenden ökologischen Probleme nur außerhalb von
Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen gelöst werden können.
- Die wesentliche Problematik des privaten und gesellschaftlichen Besitzes an
natürlichen „Ressourcen“, der innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen
Bereicherung auf Kosten der Natur ermöglicht, wird von Sarkar und Kern
ausgeklammert, obwohl die Einschränkung der Verfügungsgewalt des Menschen
über die Natur, das Wahrnehmen von Verantwortung für ihre Erhaltung sowie die
Renaturierung entscheidende Anliegen der ganzen Menschheit sein müssen.
Nationale Interessen könnten dem „radikalen“ ökologischen Gesamtziel
entgegenstehen.
(Veränderung am 03.10.07)
- In den Vorschlägen von Sarkar und Kern äußert sich ihr geistiges Gefangensein
in einer historisch überholten, unser Lebenssystem schädigenden Denkweise. Die
Lösung der gesellschaftlichen und ökologischen Probleme liegt eben nicht in der
staatlichen
Verfügungsgewalt
zur
Verhinderung
der
Auswüchse
der
Marktwirtschaft, sondern in einer völlig anderen nicht auf Wirtschaftlichkeit und
Gewinn orientierten ökonomischen Denk- und Handlungsweise. Es geht z. B.
nicht darum, die Mittel für ökologische Maßnahmen über die Warenproduktion –
häufig unter Schädigung unserer Lebenswelt! – „erst einmal“ zu erwirtschaften,
sondern die verfügbaren Arbeitskräfte, einschließlich der Millionen aus
privatökonomischen Gründen „frei gesetzten“ Arbeitslosen, so zu nutzen, dass
von vornherein sowohl dem Überlebensbedürfnis der Menschheit als auch den
sozialen Interessen aller Menschen entsprochen wird. (Veränderung am
03.10.07)
- Auch der Begriff Ökosozialismus ist als Name für eine Übergangsordnung bzw.
für eine nachkapitalistische Gesellschaftsordnung abzuweisen, weil er sprachlich
die als falsch erwiesene Dominanz der Lösung der sozialen Frage impliziert.
7.4. Zur notwendigen Verdrängung der Privatökonomie durch die
Gemeinschaftsökonomie
Verdrängungsthese: Die Sicherung des Überlebens der Menschheit setzt unter
den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen voraus, dass möglichst viele
Menschen
die
existenziellen
Gefahren
aus
den
Fehlwirkungen
der
vorherrschenden Privat- und Konkurrenzökonomie erkennen, dass sie Ökonomie
als rationelle Bedürfnisbefriedigung auf der Grundlage von Gemeineigentum und
Vgl. Saral Sarkar / Bruno Kern, Ökosozialismus oder Barbarei. Eine zeitgemäße
Kapitalismuskritik, Hg.: Initiative Ökosozialismus, Köln, Mainz 2004, S. 33 (vgl. auch
„tarantel“ Nr. 25, Ökologische Plattform bei der PDS, Anhang, S. 30/31, Berlin, Juni
2004)
123
Vgl. Tarantel Nr. 29, Ökologische Plattform bei der PDS, Juni 2005
122
65
Gemeinbesitz begreifen und bereit sind, einen entsprechenden Wandel in der
Produktions- und Lebensweise einzuleiten. Über das bewusste und verstärkte
Anwenden der wahren Ökonomie besteht auf gemeinschaftlicher Basis die
Möglichkeit, die bisher dominierende Privatökonomie zu verdrängen und den
Privat- und Konkurrenzordnungen schrittweise ihre Dominanz zu nehmen. Das
entscheidende Mittel, um der Gemeinschaftsökonomie den Weg zu ebnen, ist die
Anwendung der vollen Demokratie. Unabhängig davon sollten alle legalen,
demokratischen Möglichkeiten der bestehenden Ordnungen zur Realisierung des
gesellschaftlichen Wandels genutzt werden.
Anmerkungen:
- Die Verdrängungsthese geht von einer neuen Strategie aus. Sie schließt
Revolutionen oder gar eine Weltrevolution aus, erfordert jedoch einen länger
währenden Wandel von den derzeitigen Gesellschaftsordnungen zu einer
weltweiten Gemeinschaftsordnung unter einheitlicher Lösung der ökologischen
und der sozialen Frage. Ihre Notwendigkeit und Möglichkeit resultiert erstens aus
der Zwangsläufigkeit, mit der uns die Privat- und Konkurrenzökonomie
tendenziell in die Selbstvernichtung treibt, zweitens aus dem weltweit
erforderlichen Lern- und Reifeprozess im ökonomischen Umdenken und Handeln,
drittens aus dem ökologisch orientierten Charakter der Gemeinschaftsökonomie.
- Die Verdrängungsthese geht vom Grundgedanken aus, dass sich Entwicklung,
sofern sie erst einmal eingeleitet ist, in Eigenentwicklung realisiert.
- Die Grundvoraussetzung für das mögliche Verdrängen der Privatökonomie nach
ihrer langen Vorherrschaft ist das Begreifen, Akzeptieren und eigenständige
Anwenden jener vorgeblich „neuen“ Ökonomie, die gemeinschaftlicher
Lebensweise am besten entspricht und die Schöpfung bewahren hilft.
- Die Notwendigkeit eines anderen als des etablierten ökonomischen Denkens
und Handelns wurde von verschiedenen Wissenschaftlern in jüngster Zeit
erkannt. Die Lösung liegt aber offenbar nicht in einer neuen „politischen“
Ökonomie124, wie sie auch die politische Ökonomie des Sozialismus sein sollte;
sie liegt fernab aller „großen“ Theorie im Nichtpolitischen, im Natürlichen!125
- Die Möglichkeit zum Verdrängen erwächst dann, wenn Menschen beginnen, sich
aus eigener Überzeugung und eigenem Willen irgendwo in der Gesellschaft zu
Gemeinschaften zusammenzufinden, um nach den Grundsätzen der vollen
Demokratie auf der Basis von Gemeineigentum und Gemeinbesitz mittels der
Gemeinschaftsökonomie und prinzipiell unabhängig von den Erfordernissen der
Privatökonomie unter strenger Wahrung der Individualität des Einzelnen eine
gemeinschaftliche Lebensweise aufzubauen.
„Ich glaube, daß wir heute eine neue politische Ökonomie brauchen: das wird in
Zukunft die große Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sein.“ (Ulrich Beck,
Professor an der Universität München, in: „Marx ist nicht länger Marx. Der Soziologe
Ulrich Beck über ratlose Intellektuelle, arbeitslose Staatsbürger und Chancen der
politischen Gestaltung“, Tagesspiegel vom 26.1.1998, S. 5)
124
Die Wahrheit ist von so einfacher Natur, dass es für die „großen Ökonomen“
unangenehm sein könnte, sie nicht erkannt zu haben. Doch sie sollten sich trösten: Nicht
einmal Karl Marx hat – im Wissen um ihre Existenz! – eine Definition der „wahren“
Ökonomie hinterlassen!
125
66
- Volle Demokratie schließt im Rahmen der jeweiligen Gemeinschaft
demokratische
Entscheidungen
über
alle
wesentlichen
Fragen
der
gemeinschaftlichen Lebens-, Produktions- und Austauschweise ein. Ihre
Anwendung ist eine politische Voraussetzung zur Schaffung einer hierarchischen
weltweiten Gemeinschaftsordnung. Jede demokratische Entscheidung hat jedoch
nur innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft bindenden Charakter, während
hierarchisch
übergeordnete
Entscheidungen
i.
a.
Empfehlungen
für
nachgeordnete Gemeinschaften sein sollten.
- Durch das Verbreiten der Erkenntnis über die Existenz und Berechtigung der
wahren, der schöpfungskonformen Ökonomie kann weltweit eine Entwicklung in
Gang gesetzt werden, um die Kreativität möglichst vieler Menschen zur
Verdrängung der Privatökonomie und zur allmählichen Veränderung und
Aufhebung der kapitalistischen Ordnung zu nutzen. Dieser Entwicklungsprozess
muss überall auf der Welt in allen Kulturen, gesellschaftlichen Schichten und
Bereichen reifen. Er kann durch keinen noch so wohl gemeinten revolutionären
Akt ersetzt werden. Erst der Bewusstseinswandel vieler kann Veränderungen
hervorbringen!
- Die Privatökonomie ist Konkurrenzökonomie. Zur Konkurrenzökonomie gehören
auch alle nichtprivaten Formen des Wirtschaftens, wie etwa das Wirtschaften auf
nationaler Ebene, der Genossenschaften, von religiösen Gemeinschaften usw.
Entscheidend für diese Einordnung ist ein unmittelbarer Bezug zum privaten
Wirtschaften, der i. a. durch die Nutzung der jeweiligen Landeswährung gegeben
ist.
- Ein bedeutsamer Weg zum Verdrängen der Privatökonomie ist die
einvernehmliche Übertragung von bisher privatem Eigentum und Besitz aller
rechtlichen Formen in Gemeineigentum bzw. Gemeinbesitz mit dem Ziel, beides
dauerhaft zur rationellen Nutzung für das Wohl von Gemeinschaften und für
ökologische Projekte einzusetzen. Dazu könnte auch privates Kapital gehören,
das auf diese Weise dem Kapitalkreislauf für immer entzogen wird. Angestrebt
werden sollte, die reichen und wohlhabenden Menschen und Völker aus eigener
Überzeugung aufzufordern, große Teile ihres gehorteten materiellen Reichtums
den Armen unserer Welt abgeben. Auch dies wäre – bei Verzicht auf bestimmte
materielle Produktion – rationelle Bedürfnisbefriedigung!
- Im dialektischen Sinne bedeutet das Verdrängen der Privatökonomie eine
bewusste Anwendung des Gesetzes der Negation der Negation, d. h., im Wissen
um die selbstzerstörerische Kraft der Privatökonomie, im Wissen, dass sie sich
durch ihre Fehlwirkungen über den Weg der Selbstvernichtung der Menschheit
tendenziell selbst aufhebt, wird sie auf kreative Weise durch jene Menschen aus
dem gesellschaftlichen Leben verdrängt werden, die sich um das Verstehen der
Zusammenhänge
bemüht
haben
und
die
in
der
Nutzung
der
Gemeinschaftsökonomie ihre Selbstverwirklichung und für die Menschheit die
Überlebenschance sehen.
- Je mehr die Nutzung der Gemeinschaftsökonomie Erfolge bringt, umso
schneller rückt jene Zeit heran, da gar mit Hilfe der bürgerlichen Demokratie der
Wirkungsbereich der Privatökonomie immer mehr eingeengt werden kann – bis
es zu demokratischen Entscheidungen über die Ablösung jenes verbliebenen
privaten und gesellschaftlichen Reichtums kommt, der immer noch zur privaten
und gesellschaftlichen Bereicherung missbraucht wird.
67
Im
Marxschen
Sinne
wird
die
nachkapitalistische
hierarchische
Gemeinschaftsordnung eine für die Erdenmenschheit qualitativ neuartige
ökonomische Formation sein.
These zu den Zellen und Strukturen der Gemeinschaftsökonomie: Der
Weg zur Verdrängung der Privatökonomie führt vor allem über die Schaffung
eigenständiger Zellen der Gemeinschaftsökonomie in allen Bereichen der
kapitalistischen Gesellschaft. Derartige Zellen sind Gemeinschaften, die auf der
Basis der vollen Demokratie entsprechend den Anforderungen der
Gemeinschaftsökonomie nach eigenen Regeln leben und arbeiten, sich
weitgehend selbst versorgen, sich entwickeln, sich ausdehnen, mit anderen
Zellen kooperieren oder sich mit ihnen zusammenschließen. Sie agieren
unabhängig oder weitgehend unabhängig vom wirtschaftlichen Geschehen,
schaffen sich eigenständige Lebens- und Produktionsstrukturen und eigene
ökonomische Hilfsmittel.
Anmerkungen:
Ein wesentlicher Ausgangspunkt der Schaffung von Zellen der
Gemeinschaftsökonomie sollte darin bestehen, die Fehlwirkungen der Privat- und
Konkurrenzökonomie
bewusst
zu
nutzen,
um
diese
mittels
Gemeinschaftsökonomie gezielt verdrängen zu helfen. Auf diese Weise kann das
Unsinnige der bisher vorherrschenden Ökonomie bloßgestellt werden. Es geht
dabei um das ökonomische Nutzen des Unwirtschaftlichen! Es geht vor allem um
das Gewinnen und Einbeziehen der „Verlierer“ der Marktwirtschaft, der Millionen
Arbeitslosen und Ausgestoßenen. Es geht um die Nutzung leer stehender
Wohngebäude und ehemaliger Produktionsstätten sowie der still gelegten
Agrarflächen. Und es geht um die Wiederaufbereitung ausgesonderter
Gebrauchswerte der „Wegwerfgesellschaft“. Auf diese Weise können sich die
„Verlierer der Marktwirtschaft“ zu selbstbewussten Gewinnern im Sinne der
anzustrebenden Gemeinschaftsordnung wandeln.
- Die „Verlierer der Marktwirtschaft“ werden sich lokal, regional, national und
später international politisch organisieren. Sie werden auch die bürgerliche
Demokratie nutzen, ihre Ziele zu artikulieren und in den politischen Vertretungen
durchzusetzen – auch hinsichtlich eigener finanzieller Ansprüche oder etwa zur
Minderung der Auswüchse der Zinswirtschaft. „Verlierer“ aller Länder vereinigt
euch! Doch sucht auch einsichtige Partner bei den „Gewinnern“ und den
zerstrittenen Linken! Es geht letztlich nicht um die Interessenvertretung
bestimmter Gesellschaftsschichten, sondern um das Überlebensinteresse der
Menschheit!
- Zellen, die sich vernetzen, und mit andersartigen Strukturen der
Gemeinschaftsökonomie kooperieren, werden Wege zum Austausch ihrer
Produkte finden, ggf. auch zeitweilig eigene Währungen einführen, die nur im
vereinbarten Rahmen gültig und zu den nationalen Währungen nicht
austauschbar sind.
- Der weite Weg zu einer weltweiten nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung
wird auch über den Aufbau von eigenständigen hierarchischen Strukturen der
vollen Demokratie führen. Sie werden neben den Strukturen der bürgerlichen
Demokratie existieren und eine Grundlage für die Schaffung der unter
68
nachkapitalistischen
Bedingungen
Verwaltungsstrukturen darstellen.
benötigten
Führungsgremien
und
- Die neuen Strukturen aufzubauen, erfordert, eigene Instrumente zu schaffen,
um die Menschen über die gemeinsamen Ziele aufzuklären, um sie für die
gemeinsame Sache zu gewinnen und in die volle Demokratie einzubeziehen. Es
werden neben eigenen Presseorganen auch eigene Rundfunk- und
Fernsehstationen gebraucht werden und damit entsprechende finanzielle Mittel.
Die Spenden zum Aufbau der Strukturen der Überlebensdemokratie werden in
dem Maße zunehmen, wie die Menschen durch Erfahrungen mit
Naturkatastrophen die existenziellen Gefahren für die gesamte Menschheit
spüren und Fortschritte unter der Anwendung der Gemeinschaftsökonomie
erreicht werden.126
- Die Erfolge der Zellen der Gemeinschaftsökonomie werden dazu führen, dass
sie als Wohn- oder Arbeitstätten auch die in der Marktwirtschaft tätigen
Menschen anziehen.
- Die Erfolge aus der Nutzung der Gemeinschaftsökonomie werden es
ermöglichen, die privatisierten kommunalen Betriebe über politische
Entscheidungen wieder in kommunales Eigentum zu verwandeln, was die
Grundlage dafür darstellen kann, sie auf Basis der Gemeinschaftsökonomie zu
betreiben.
- Die Erfolge aus der Nutzung der Gemeinschaftsökonomie sowie die
Fehlwirkungen der Marktwirtschaft, insbesondere die Klimaveränderungen,
werden auch innerhalb der privaten Unternehmen und bei den nationalen
Repräsentanten Verhaltensweisen verändern, die sich gegen die Fortführung der
bisherigen Wirtschaftspolitik richten, so z. B. gegen die Aufrechterhaltung der
Rüstungsproduktion und gegen die Fortführung der weltweiten Börsengeschäfte.
Es ist ein großer moralischer Druck zu erwarten! Doch es gibt schon heute
Einsichtige, wie jene Millionärserben, die sich in der Bewegungsstiftung
zusammengefunden haben und „kein besseres Leben, sondern eine bessere
Welt“ wollen und ihr geerbtes Vermögen voll dafür einsetzen.127
Der Gedanke zur Schaffung eigenständiger Strukturen der Gemeinschaftsökonomie
ergab sich nach dem Studium einer Gastkolumne von Ekkehart Krippendorff im „Neuen
Deutschland“ vom 4./5. Februar 2006. Krippendorff, emeritierter Professor für
Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, schrieb zum „Iran-Poker“:
„Strategisch … bedürfen“ wir „anderer Kategorien und Ebenen der Beziehungen zwischen
den Völkern und Kulturen“, „nicht der machtpolitischen Interessenvermittler …, um
Konflikte zu bearbeiten oder gar zu lösen.“
„Fernsehen abschalten, eine längere Denkpause einlegen. Und dann sich an seinem
konkreten Ort, seiner >>Basis<< einbringen, den eigenen Kiez mit politischem Leben
erfüllen, Modelle des sozialen und interkulturellen Zusammenlebens erarbeiten,
Friedensstädte schaffen, die politische Klasse ignorieren, indem wir sie mit verdienter
intellektueller und moralischer Verachtung strafen, weil sie sich ja nicht um das
Gemeinwohl, sondern nur das parteiliche Eigenwohl verdient macht. Gesellschaft
verändert man langfristig von unten … Das schöne Wort >>global denken, lokal
handeln<< ist alles andere als überholt …“
127
Vgl. www.bewegungsstiftung.de ; vgl. auch Maxim Leo: „Reich und gut“ In: Berliner
Zeitung vom 21.02.2007, S. 3
126
69
- Die Befürworter und Nutznießer der Marktwirtschaft werden argumentieren,
dass das Einstellen bestimmter gewinnträchtiger Produktionskapazitäten zu
Wirtschaftskrisen führen wird. Doch auch dies wird das Durchsetzen der
Gemeinschaftsökonomie unterstützen, falls die ausgegliederten Kapazitäten
bisher nicht der Grundversorgung dienen; denn es werden mehr Kräfte zur
Verhinderung der ökologischen Katastrophe verfügbar sein. Die Gesellschaften
bzw. die Gemeinschaften können ausgehend von der bedürfnisorientierten
Gemeinschaftsökonomie ein neues Denken und Verhalten zur Verteilung der
Arbeit entwickeln!
- Ein zur Schaffung eigenständiger Zellen der Gemeinschaftsökonomie
verwandter Vorschlag wurde bereits von Rudolf Bahro unterbreitet. Er schlug ein
dauerhaftes Ausbrechen aus der (gesellschaftlichen) „Megamaschine“ vor, setzte
auf die innere Umgestaltung des Einzelnen und auf neue Lebensformen durch die
Schaffung von Kommunen als „neue soziale Synthese“. Von den Kommunen
erwartet er, dass sie sich später zu „neuen kleinen Lebenskreisen“ und „größeren
Stämmen“ usw. zusammenschließen, um auf diese Weise die Gesellschaft von
„unten“
her
umzugestalten.128
Bahro
schlägt
eine
„kommunitäre
Subsistenzwirtschaft“ mit dem Ziel der „weitgehenden örtlichen bzw. regionalen
Selbstversorgung in puncto Grundbedürfnisse“ unter „Selbstbegrenzung“ vor.129
Damit orientiert er zwar auf ein qualitativ anderes ökonomisches Herangehen,
findet jedoch nicht zur notwendigen Unterscheidung zwischen Wirtschaftlichkeit
und Ökonomie und damit nicht zur grundsätzlichen Kritik des wertorientierten
Wirtschaftlichkeitsdenkens.
- Der Übergang zu einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung im Rahmen
der kapitalistischen (und postsozialistischen) Gesellschaftsordnungen bedarf
einer sprachlichen Kennzeichnung. Ich schlage – ausgehend von der in dieser
Zeit zwingend notwendigen Dominanz der Bewältigung der ökologischen Krise –
den Begriff Ökoismus vor: Ökoismus ist der weltweite Prozess der Aneignung und
bewussten Nutzung der Gemeinschaftsökonomie, der erstens das Ziel verfolgt,
die vorherrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung durch das Verdrängen
der Privatökonomie und alle anderen Formen von Konkurrenzökonomie
schrittweise abzulösen, zweitens über die einheitliche Lösung der ökologischen
und sozialen Frage den Aufbau einer weltweiten Gemeinschaftsordnung zu
ermöglichen.130
7.5. Zum Kommunismusbegriff
Zum Kommunismus: Weil Kommunismus im Marxschen Sinne an die Lösung
der Naturfrage gebunden ist, kann es Kommunismus als hierarchische
Gemeinschaftsordnung auf der Basis von Gemeinbesitz und Gemeineigentum
sowie unter Anwendung der Gemeinschaftsökonomie nur im Weltmaßstab geben.
Vgl. Rudolf Bahro; Apokalypse oder der Geist einer neuen Zeit, edition ost, Berlin
1995, S. 13 u. 29
129
Vgl. ebd., S. 173
130
Den Begriff Ökoismus (englisch: ecoism) hatte der Autor zuerst während eines
Vortrags bei Prof. Dr. Rainer Mackensen am Institut für Soziologie der Technischen
Universität Berlin am 15.12.1994 vorgeschlagen. Ökoismus und ökoistische Gesellschaft
waren als Bezeichnungen für eine ökologisch orientierte Übergangsgesellschaft zum
Kommunismus gedacht. Erst in den Jahren 2006 und 2007 fand der Autor zur
dargelegten Definition.
128
70
Anmerkungen:
- Die ökologische Krise ist gesellschaftlich bedingt und besteht weltweit. Ihre
schrittweise Bewältigung erfordert das Einbeziehen aller Völker, ein bewusstes
Einordnen in die irdischen Lebenssysteme sowie die Verantwortungsübernahme
für die Erhaltung dieser Systeme und aller Lebensformen. Im Rahmen dieser
existenziellen Aufgabe wird es möglich sein, auch den grundlegenden sozialen
Erfordernissen aller Menschen zu entsprechen. Es geht folglich um die „wahrhafte
Auflösung des Widerstreits zwischen den Menschen mit der Natur und mit den
Menschen“131 zur Selbstbefreiung der Menschheit und zur Schaffung der höchsten
Form von Demokratie. Kommunisten in diesem Sinne sind folglich jene, die das
Ziel der Schaffung einer weltweiten Gemeinschaftsordnung auf demokratischem
Weg anstreben und damit das Überleben der Menschheit sichern.
- Die Begriffe „kommunistisches Land“ und „kommunistischer Staat“ sind in sich
widersprüchlich,
weil
eine
kommunistische
Ordnung
den
generellen
Besitzanspruch über die Natur ablehnt und Ländergrenzen aufhebt. Zerstörung,
Belastung und Vergiftung von Natur sowie Bereicherung zu Lasten der Natur sind
objektiv Verbrechen an der Menschheit und an der irdischen Schöpfung und
deshalb der kommunistischen Denkweise fremd.
- Der Begriff „Kommunismus“ wurde im Verlaufe des 20. Jahrhunderts von
vorgeblichen kommunistischen Führern, von J. W. Stalin und Diktatoren
Stalinschen Typs, extrem missbraucht. Davon ausgehend wird der Begriff bis
heute von vielen Politikern, Ideologen und Wissenschaftlern auf breiter Front
diffamiert. Solange der Missbrauch und die Diffamierung des Begriffes
„Kommunismus“ möglich sind, empfiehlt es sich, von Weltgemeinschaftsordnung
(World Community Order) zu sprechen.
- Das große historische Dilemma der Linken war es, dass es bisher nicht
gelungen war, die kommunistische Ordnung zumindest in den Grundzügen als
ökonomische
Formation
neuer
Qualität,
als
ökonomische
Gemeinschaftsformation, im Marxschen Sinne zu kennzeichnen. Durch die
Unterscheidung nach Ökonomie im Sinne von Gemeinschaftsökonomie und
Wirtschaftlichkeit als Privatökonomie könnte das Manko behoben sein.
8. Schlussbemerkungen
Die grundlegende Erkenntnis der Berliner Thesen besagt, dass als Folge der
Dominanz der Privatökonomie und anderer Formen der Konkurrenzökonomie die
Menschheit tendenziell in die Klimakatastrophe und Selbstvernichtung geführt
wird, d. h., die Menschheit wird mit den derzeitig herrschenden
Gesellschaftssystemen untergehen, wenn es nicht rechtzeitig gelingt, die
Konkurrenzökonomien durch die wahre Ökonomie zu verdrängen und über die
Schaffung von Zellen sowie eigenen Strukturen der Gemeinschaftsökonomie
schrittweise eine Gemeinschaftsordnung auf der Basis von Gemeineigentum und
Gemeinbesitz aufzubauen. Die vorherrschenden Ökonomien entsprechen jener
„Chrematistik“, zu der Aristoteles ausführte, es scheine für sie „keine Grenze des
Reichtums und des Besitzes zu existieren“. Wir haben wohl die Grenze erkannt:
Vgl.
Karl
Marx;
Ökonomisch-philosophische
Ergänzungsband, Erster Teil, S. 536
131
Manuskripte
(1844),
MEW,
71
Sie dürfte in der Endlichkeit der möglichen Bereicherung aus dem Verbrauch und
der Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen bestehen!
Dieses Ergebnis erlaubt zugleich eine grundsätzliche Kritik am sozialistischen
Weg: Wenn wir akzeptieren, dass die Sklavenhaltergesellschaft, der Feudalismus
und der Kapitalismus Bereicherungsgesellschaften im umfassenden Sinne waren
bzw. sind, wenn wir darüber hinaus erkannt haben, dass Bereicherung zu Lasten
unserer Lebenswelt möglich war und dass die ökologische Krise wesentlich aus
dieser Bereicherung erwuchs, wenn wir uns letztlich eingestehen, dass auch die
sozialistischen Gesellschaften an der Verschärfung der ökologischen Krise in
Anwendung der Konkurrenzökonomie beteiligt waren, dann muss der
sozialistische als nachkapitalistischer Weg abgewiesen werden.
Die Logik, die sich hinter diesen grundlegenden Aussagen verbirgt, kann in
wenigen Sätzen nachvollzogen werden. Aus dem Nachweis, dass die
kapitalistische
Gesellschaft
umfassend
als
Bereicherungsund
Verarmungsgesellschaft aufzufassen ist, folgt:
1. Die ökologische Krise ist gesellschaftlich bedingt!
2.
Damit
unterliegt
unsere
gesamte
Zivilisation
bis
heute
einer
Negativentwicklung!
3. Dann wäre der Versuch selbstmörderisch, etwa über einen „Sozialismus des
21. Jahrhunderts“ die Leistungen der kapitalistischen Wirtschaft übertreffen zu
wollen.
4. Die grundlegende Ursache für unsere Negativentwicklung läge damit neben
den dominanten privaten Eigentums- und Besitzverhältnissen in jener
Privatökonomie, die Wirtschaftlichkeit und Ökonomie gleichsetzt.
5. Folglich brauchten wir eine zur Privatökonomie gegensätzliche ökologisch
orientierte Ökonomie, die den Verbrauch an Natur von ihrem Grundanliegen her
begrenzt und es ermöglicht, die ökologische Frage in der Einheit mit der sozialen
Frage zu lösen.
6. Deshalb wäre es erforderlich, die Existenz und den Inhalt dieser „wahren“
Ökonomie zu erforschen und weltweit zu propagieren.
7. Dann sollten alle verantwortungsbewussten Kräfte der Menschheit eine
Entwicklung einleiten helfen, die diese „wahre“ Ökonomie nutzt, um den
Einflussbereich der Konkurrenzökonomien schnellstmöglich zurückzudrängen und
unsere Existenzgrundlagen zu erhalten. Zugleich sollten wir prüfen, wie viele
Menschen unsere Welt zu tragen und auf rationelle Weise zu ernähren vermag.
Wenn wir uns abschließend der Marxschen Erkenntnis über die historische
Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen erinnern und uns fragen, worin
die ökonomische Überlegenheit der nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung
besteht, dann könnte die Antwort lauten: Obgleich es die anzustrebende
Gemeinschaftsordnung ermöglicht, die Gesamtheit gemeinschaftlich anerkannter
Bedürfnisse überhaupt und rationeller zu befriedigen als jede andere menschliche
Gesellschaft in den vergangenen Jahrtausenden, besteht ihre gesellschaftliche
Überlegenheit in der möglichen Befriedigung des einen, des entscheidenden
Bedürfnisses: des Überlebensbedürfnisses der Menschheit! Doch wir dürfen nicht
zu spät kommen! Sonst bestraft uns die Natur!
Weil die dargelegten Ergebnisse auf Thesen beruhen, bedürfen sie
selbstverständlich einer wissenschaftlichen Beweisführung. Die Berliner Thesen
sind deshalb als eine Aufforderung an alle verantwortungsbewussten Menschen
72
zu betrachten, die Thesen und die gewählte Herangehensweise zu hinterfragen,
zu verwerfen, zu bestätigen oder zu ergänzen. Jede konstruktiv gemeinte Kritik
auf der Suche nach Wahrheit kann nützlich sein.
Dem Autor ist bewusst, dass sich gegen die Berliner Thesen starker Widerspruch
von mehreren Seiten erheben wird, insbesondere auch von jenen Linken, die
weiterhin von den sozialistischen Grundideen ausgehen. Es sei jedoch darauf
verwiesen, dass ohne eine ausreichend begründete theoretische Klärung der
Ursachen des Scheiterns des „Realsozialismus“ und ohne ein verbessertes
theoretisches Fundament die Linken – gleich welcher Denkrichtung – an der
existenziellen Krise der Menschheit scheitern könnten. Gerade die theoretische
Schwäche der Linken hat ja in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend zu
ihrer Zersplitterung beigetragen! Als progressiver Teil der Menschheit, die die
Linken sein wollen, tragen sie in den nächsten Jahrzehnten von allen Menschen
die größte Verantwortung für die Sicherung der Weiterexistenz der Menschheit!
Sehr viele Menschen verschiedener Denkrichtungen spüren intuitiv, dass wir als
Menschheit vor dem Abgrund stehen, sehen keinen Ausweg und erwarten von
uns auf die dringendsten Fragen unserer Zeit wissenschaftlich begründete klare
Antworten!