Wehrmacht 1935 Frauen im Krieg Pfalz 1945 bis 1949 Afghanistan

Werbung
B^a^i~g\ZhX]^X]iZ
:EITSCHRIFTFÓRHISTORISCHE"ILDUNG
C 21234
ISSN 0940 -ÊÊ
4163
Heft 4/2009
Militärgeschichte im Bild: Bundeskanzler Konrad Adenauer und der israelische Premierminister David Ben-Gurion bei
ihrem ersten Zusammentreffen am 14. März 1960.
Wehrmacht 1935
Frauen im Krieg
Pfalz 1945 bis 1949
Afghanistan 1979
ˆˆÌBÀ}iÃV…ˆV…̏ˆV…iÃʜÀÃV…Õ˜}Ã>“Ì
Impressum
Editorial
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung
Herausgegeben
vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt
durch Oberst Dr. Hans Ehlert und
Oberst i.G. Dr. Hans-Hubertus Mack (V.i.S.d.P.)
Produktionsredakteur
der aktuellen Ausgabe:
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa
Redaktion:
Hauptmann Matthias Nicklaus M.A. (mn)
Hauptmann Magnus Pahl M.A. (mp)
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa (hp)
Major Klaus Storkmann M.A. (ks)
Mag. phil. Michael Thomae (mt)
Bildredaktion:
Dipl.-Phil. Marina Sandig
Lektorat:
Dr. Aleksandar-S. Vuletić
Layout/Grafik:
Maurice Woynoski / Medienwerkstatt D. Lang
Karten:
J. Zwick, Gießen / MGFA
Anschrift der Redaktion:
Redaktion »Militärgeschichte«
Militärgeschichtliches Forschungsamt
Postfach 60 11 22, 14411 Potsdam
E-Mail: MGFARedaktionMilGeschichte@
bundeswehr.org
Telefax: 03 31 / 9 71 45 07
Homepage: www.mgfa.de
Manuskripte für die Militärgeschichte werden
an diese Anschrift erbeten. Für unverlangt ein­
gesandte Manuskripte wird nicht gehaftet.
Durch Annahme eines Manuskriptes erwirkt
der Herausgeber auch das Recht zur Veröffent­
lichung, Übersetzung usw. Honorarabrechnung
erfolgt jeweils nach Veröffentlichung. Die Redaktion behält sich Kürzungen eingereichter
Beiträge vor. Nachdrucke, auch auszugsweise,
fotomechanische Wiedergabe und Übersetzung
sind nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung durch die Redaktion und mit Quellenangaben erlaubt. Dies gilt auch für die Aufnahme in
elektronische Datenbanken und Vervielfältigungen auf CD-ROM. Die Redaktion hat keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und die Inhalte
derjenigen Seiten, auf die in dieser Zeitschrift
durch Angabe eines Link verwiesen wird. Deshalb übernimmt die Redaktion keine Verantwor­
tung für die Inhalte aller durch Angabe einer Link­
adresse in dieser Zeitschrift genannten Seiten
und deren Unterseiten. Dieses gilt für alle aus­ge­
wählten und angebotenen Links und für alle Sei­
ten­inhalte, zu denen Links oder Banner führen.
Das biblische Wort »Was du tust, bedenke das
Ende« (Jesus Sirach 7, 36) stand bei der Konzeption des vorliegenden Heftes Pate. Vor 75 Jahren,
im März 1935, wurde in Hitler-Deutschland die
Wehrmacht aufgestellt. Aus der kleinen Berufsarmee Reichswehr entstand innerhalb kürzester Zeit eine Wehrpflichtigenarmee in Millionenstärke. Sie bestand zum ers­ten Male in der deutschen Geschichte aus drei
Teilstreitkräften: Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe. Sie war zunächst
wichtiges Mittel der NS-Außen­politik, dehnte dann ab 1939 in mehreren
Angriffskriegen den NS-Macht­bereich gewaltig aus und kapitulierte
nach vernichtenden Rückschlägen im Mai 1945 bedingungslos. Der Beitrag von Harald Potempa beleuchtet die Geschichte deutscher Streitkräfte von 1933 bis 1945 unter dem Aspekt der Veränderung.
Der Faden der Eroberung Europas durch die Wehrmacht wird im Historischen Stichwort am Beispiel des Unternehmens »Weserübung« aufgenommen. Er wird auch in der Rubrik »Die Historische Quelle« mit
Blick auf Heinrich Himmlers Flaggenbefehl von 1945 weitergesponnen.
Die NS-Führung bekämpfte zunehmend das eigene Volk.
Dass – aus deutscher Perspektive – einem Ende auch immer ein Anfang
inne­wohnt, zeigt der Beitrag von Falko Heinz. Er arbeitet exemplarisch
für Landau (Pfalz) heraus, wie sich die Besatzungspolitik in der französischen Zone 1945 bis 1949 gestaltete. Er beschreibt, wie lange es dauerte,
bis aus Besatzern und Besetzten Freunde und Partner wurden. Auf die
große Bedeutung von Freundschaft und Partnerschaft für die westdeutsche Außenpolitik in der Nachkriegszeit weist bereits das Titelbild der
vorliegenden Ausgabe hin: das Treffen von Konrad Adenauer und Ben
Gurion im März 1960, das am Anfang der neuen, besonderen deutschisraeli­schen Beziehungen stand.
Zwei Großbeiträge wiederum zeigen in eindringlicher Weise, dass die
Mili­tärgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur durch die deutsche
Brille wahrge­nom­men werden sollte. Rüdiger von Dehn stellt den Wandel
des Frauenbildes in den USA in beiden Weltkriegen am Beispiel ausgewählter militärischer Plakate dar. Bernhard Chiari schließlich erinnert an
die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion 1979 und somit an
den Beginn eines zehnjähri­gen mörderischen und brutalen Kleinkrieges.
Der Krieg in Afghanistan endete nicht vor 20 Jahren mit dem sowjetischen
Rückzug, er hält bis heute – freilich unter anderen Umständen und mit
neuen Fronten – an.
Ein Hinweis in eigener Sache: Die Abonnenten der »Militärgeschichte«
bitten wir, die neuen Bezugsbedingungen auf dem Rückumschlag des
Heftes zu beachten.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine gewinnbringende Lektüre der aktuellen Ausgabe und ein glückliches sowie friedliches 2010.
© 2009 für alle Beiträge beim
Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA)
Sollten nicht in allen Fällen die Rechteinhaber
ermittelt worden sein, bitten wir ggf. um Mitteilung.
Druck:
SKN Druck und Verlag GmbH & Co., Norden
ISSN 0940-4163
Dr. Harald Potempa
Oberstleutnant
Inhalt
Von der Reichswehr zur Wehrmacht:
Die Veränderung
deutscher Streitkräfte
1933 bis 1945
4
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa, geboren 1963 in Dorfen/Lkrs. Erding/Oberbayern,
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am MGFA
Frauenbilder in der US-Propaganda
1917 bis 1945
Oberstleutnant d.R. Wissenschaftlicher
Direktor Dr. Bernhard Chiari, geboren 1965
in Wien, Leiter des Moduls
Einsatzunterstützung am MGFA
22
Medien online/digital
24
Lesetipp
26
Quellen deutscher
Militärgeschichte
28
Geschichte kompakt
29
Ausstellungen
30
Militärgeschichte
im Bild
Erstes Zusammentreffen
31
12
Bundeskanzler Konrad Adenauer und
der israelische Premierminister David Ben­Gurion bei ihrem ersten Zusammen­
treffen am 14. März 1960.
Hauptmann d.R. Dr. Falko Heinz,
geboren 1976 in Mainz, Historiker
Der sowjetische Einmarsch in
Afghanistan und die
Besatzung 1979 bis 1989
Das historische Stichwort:
Unternehmen
»Weserübung« 1940
8
Dr. Rüdiger von Dehn, geboren 1981 in
Haan/Rheinland, Dekansassistent und Qualitäts­
manager im Fachbereich A an der Bergischen
Universität Wuppertal
Landau in der Pfalz unter
französischer Besatzung
und als Garnisonsstandort
1945 bis 1949
Service
Foto: ullstein bild-dpa
16
Weitere Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Hauptmann Michael Berger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter MGFA;
Oberleutnant d.R. Heiner Bumüller, Account
Manager für den Bereich Energiewirtschaft;
Dr. Andreas Kunz, Referatsleiter im Barch,
Freiburg i.Br.;
Knud Neuhoff, Berlin, Lektor.
Von der Reichswehr zur Wehrmacht
ullstein bild-Imagno
Von der
Reichswehr zur
Wehrmacht:
5Wehrpflicht. Vereidigung der Rekruten der Deutschen Wehrmacht, 16. März 1935.
Die Veränderung deutscher
Streitkräfte 1933 bis 1945
D
ie deutschen Streitkräfte waren
1933 bis 1945 drei großen Wandlungsprozessen unterworfen:
Die kleine homogene Berufsarmee, die
sich als »Führerheer« begreifende
Reichswehr, wurde erstens ab 1935
­unter der neuen Bezeichnung Deutsche Wehrmacht zur heterogenen Wehr­
pflich­tigenarmee in Millionenstärke.
Zweitens bedeutete dies zugleich den
Übergang vom Friedensheer einer Mittelmacht zur potenziellen Kriegswaffe
einer Großmacht. Dem schloss sich
drittens der Wandel von der Vorkriegsarmee der NS-Diktatur zur Armee des
totalisierten Krieges ab 1939 an, was
noch einmal Aufrüstung, Vergrößerung aber auch Änderung in der sozia­
len Zusammensetzung der Streitkräfte
bedeutete. Diese Prozesse lassen sich
anhand der Durchdringung der Truppe
mit der NS-Ideologie, des Wandels der
Eidesfor­mel sowie der Indienstnahme
der Preußischen Reformer aus dem
19. Jahrhundert erkennen.
Zeitlicher Überblick
Das »Gesetz über den Aufbau der
Wehrmacht« vom 16. März 1935 und
das Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 beendeten die Existenz der Reichswehr.
Diese hatte aus 100 000 Mann Reichsheer und 15 000 Mann Reichsmarine
bestanden. Die neue Wehrmacht bestand aus drei Teilstreitkräften, dem
Heer, der Kriegsmarine und der Luftwaffe. Innerhalb weniger Jahre rüstete
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
das NS-Regime massiv auf. Allein beim
Heer stieg die Zahl der Soldaten bis
Ende 1936 auf 550 000, 1939 waren daraus 2,75 Millionen Mann geworden.
Die Kriegsmarine erreichte bis 1939
eine Stärke von 40 000 Mann, die Luftwaffe zählte zu Kriegsbeginn 400 000
Mann. Insgesamt haben von 1935 bis
1945 über 18 Millionen Menschen in
der Wehrmacht gedient, ca. 5,2 Millionen verloren ihr Leben, etwa die Hälfte
davon in den letzten acht Monaten des
Krieges.
Der schnelle Aufbau der Wehrmacht
war nur in der NS-Diktatur möglich.
Der »gleichgeschaltete« Reichstag
winkte sämtliche Finanzierungspläne
zur Aufrüstung durch. Bereits in der
Reichswehr entworfene Militärplanun­
gen wurden nun aufgegriffen. Grundsätzlich sollte im künftigen Krieg eine
Wiederholung des festgefahrenen Stellungskrieges der Jahre 1914 bis 1918
unbedingt vermieden werden. Daher
setzten die deutschen Planer auf die
Wiedergewinnung der Beweglichkeit,
was sich in der vorangetriebenen Motorisierung, Mechanisierung der Streitkräfte und dem Einsatz der neuen Luftwaffe niederschlug, wodurch Vorstöße
in die Tiefe des Raumes möglich wurden.
Nach dem Kriegsbeginn 1939 gelang
es der Wehrmacht bis 1942, große Teile
Europas zu erobern, zu beherrschen
und zu unterjochen. Die vernichtenden
Gegenschläge der Alliierten führten ab
1943 zu einem Wechsel in der Initiative. Die Wehrmacht befand sich nun
in der Defensive und konnte nur noch
die Niederlage hinauszögern. Am Ende
stand die bedingungslose Kapitulation
im Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg
brachte ca. 55 Millionen Menschen den
Tod.
NS-Ideologie und Truppe
ullstein bild-Imagno
Aus Sicht der Nationalsozialisten hatte
im November 1918 nicht die militärische Situation, sondern die zusammengebrochene Moral – d.h. der nicht
mehr vorhandene Wille zur Fortsetzung des Kampfes – von Truppe und
Bevölkerung zur Niederlage geführt.
Dieser Zustand der Moral sei die wesentliche Ursache von Revolution, Waffenstillstand und des Friedens von Versailles 1919, der von den meisten Deutschen als tiefe Demütigung empfunden wurde. Die Nationalsozialisten
machten kommunistische »Wühlarbeit«, jüdisches Wirken, Entschlusslosigkeit der alten Eliten und Schwächen
im »Inneren Gefüge« der Truppe für
die Untergrabung der Moral und damit für den Zusammenbruch von Front
und Heimatfront verantwortlich. So etwas dürfe sich niemals wiederholen.
Die Reichswehr wie auch später die
Wehrmacht ging davon aus, dass der
künftig zu führende Revanchekrieg
noch härter, noch brutaler und noch totaler sein würde.
Die Radikalisierung der Kriegsvorstellungen nach dem Ersten Weltkrieg
verbanden NS-Vordenker mit der Idee
der »Volksgemeinschaft«. Eine »ari­
sche«, »rassisch« definierte Gemeinschaft sollte entstehen, in der und Standes- und Klassenunterschiede keine
Rolle mehr spielten. Die Wehrmacht
sollte die »Volksgemeinschaft in Waffen« bilden.
Im Gegensatz zur Berufsarmee der
Reichs­wehr wurde die Wehrmacht ab
1935 konsequent als Wehrpflichtigenarmee aufgebaut. Die Soldaten der
Reichswehr bildeten hierfür das
5Tag der Wehrmacht. Deutsche Flugzeuge über dem Zeppelinfeld in Nürnberg, 1935.
Stammpersonal, das nun durch Veteranen des Ersten Weltkrieges und der
Freikorps sowie Freiwillige, die bisher
nicht gedient hatten, ergänzt wurde.
Die Laufbahngruppen waren bereits in
der Reichswehr durchlässiger geworden. Aufgrund des großen aufbaubedingten Personalbedarfs der Wehrmacht und infolge der späteren Kriegsverluste erweiterte sich die Durchlässigkeit zwischen den Laufbahngruppen
und führte dazu, dass die Auswahlkriterien für den Aufstieg modifiziert
wurden. Für Unteroffiziere und Mannschaften erhöhte sich in der Wehrmacht
die Chance, Offizier zu werden. Die
»Verfügung zur Förderung von Führerpersönlichkeiten« vom 4. November
1942 markierte einen Meilenstein in
diesem Prozess. Der Grundsatz der Beförderung nach Dienstalter wurde
durch die »Tapferkeitsbeförderung«
ergänzt. Im Frühjahr 1944 entstammten
bereits 64 Prozent des deutschen Offizierkorps den Mannschaftsdienstgra­
den. Generale und Oberste in einem
Alter von Anfang dreißig Jahren blieben zwar in der Wehrmacht eine Ausnahme, aber es gab sie – ganz im Gegensatz zu den deutschen Streitkräften
vor 1918. Diese in Einzelfällen immens
gesteigerte soziale Mobilität bedeutete
einen Wandel der deutschen Streitkräfte. Hier trat also eine »Innovation«
zu Tage: Die soziale Öffnung des Offizierkorps schuf eine »Volksarmee« –
umso mehr, je länger der Krieg dauerte
und je verlustreicher er geführt wurde.
Das Gewicht des Faktors »Moral« äußerte sich ab 1935 unter anderem darin, dass bei den Soldaten zunehmend
abweichende Geisteshaltungen erfasst
und geahndet wurden. Die Truppe
wurde hinsichtlich ihrer Gesinnung
nicht mehr sich selbst überlassen. Die
Soldaten hatten fortan von der Idee des
Nationalsozialismus überzeugt zu sein
und wurden während des Krieges propagandistisch dafür zu begeistern versucht. Die Propaganda, die seit 1933
massiv von den NS-Machthabern für
ihre Ziele instrumentalisiert wurde,
hatte nicht nur in der Wehrmacht, sondern auch für die Truppe zu wirken. So
wurde in der Heimat, in den besetzten
Gebieten, im rückwärtigen Raum und
an der Front jeder »Angriff« auf die
Moral der Truppe unbarmherzig ge­
ahndet. Hierzu zählten etwa das Verteilen von Flugblättern, die Weitergabe
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
von Parolen, das Hören ausländischer
Rundfunksender, Spionage, Sabotage
und Zersetzung. Sie wurden einem bewaffneten Angriff gleichgesetzt. Als
Mittel zur Durchsetzung dieses Zieles
wurde in der Endphase des Krieges
schließlich – analog zur Anwendung
von Ideologie in der sowjetischen
Roten sowie der chinesischen Volksbefreiungsarmee – die Stelle des NSFO,
des »Nationalsozialistischen Führungs­
offiziers«, geschaffen. Dessen Aufgabe
bestand in der Indoktrination der
Truppe. Das NS-Regime griff damit
das Mittel des »Vaterländischen Unterrichtes« aus dem Ersten Weltkrieg, welcher der Truppe den politi­schen Sinn
des Kampfes verdeutlichen sollte, wieder auf und radikalisierte es.
Laut Erlass von 1941 war »die Erhaltung der Mannszucht«, d.h. der »Moral« auch die Aufgabe der Kriegsgerichte, die zahlreiche Todesurteile für
relativ geringfügige Vergehen verhängten. 1944/45 rief das NS-Regime
eine militante Partisanenorganisation
ins Leben: den »Werwolf«. Der verdeckte Kampf gegen die Alliierten war
nur ein Auftrag dieser Organisation.
Der Kampf gegen Deutsche, die mit
dem Gegner zusammenarbeiteten erschien mindestens ebenso wichtig.
­Somit sollte der »Werwolf« die drakonischen Strafen der Stand- und Feldgerichte sowie des Volksgerichtshofes ergänzen und zur ideologischen Durchdringung des deutschen Militärs in der
Endphase des Zweiten Weltkrieges beitragen.
Bereits die Guerilla- bzw. Partisanenkriege bis 1918 verbanden die Vernichtung der gegnerischen Streitmacht in
Ansätzen auch mit der »Ausrottung«
der Bevölkerung und der Zerstörung
ihrer Lebensgrundlagen. Bis zum Ende
des Ersten Weltkrieges bedeutete der
Begriff der » Vernichtung« in erster Linie das Niederkämpfen gegnerischer
Streitkräfte mit dem Ziel, sie an der
Fortsetzung des Kampfes zu hindern.
Diese Definition wandelte sich in den
folgenden Jahren. Da Juden und Kommunisten nach der nationalsozialistischen Weltanschauung über Staatsgrenzen hinweg agierten, konnte sich
der Vernichtungskampf gegen sie nicht
mehr ausschließlich auf Deutschland
beschränken. Während des Zweiten
Weltkrieges wurde – besonders an der
Ost- und Südostfront – Vernichtung
ullstein bild
Von der Reichswehr zur Wehrmacht
5Deutsche Panzer auf dem Vormarsch in der Sowjetunion, Juli 1941.
mit Massenmord gleichgesetzt. Dies
betraf neben den Juden auch die »Partisanen« und ihre Helfer. SS und Wehrmacht agierten dabei Hand in Hand.
Insgesamt ging die Totalisierung des
Krieges mit Ideologisierung und Brutalisierung einher. Dies galt für Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus gleichermaßen. »Säubern«
und »Vernichten« waren zwar keine
Besonderheiten Hitler-Deutschlands,«
singulär war jedoch die organisierte
Vernichtung der europäischen Juden.
Eide – Spiegelbild des Staates
»Ich schwöre Treue der Reichsverfassung und gelobe, dass ich als tapferer
Soldat das Deutsche Reich und seine
gesetzmäßigen Einrichtungen jederzeit
schützen, dem Reichspräsidenten und
meinen Vorgesetzten Gehorsam leisten
will«. Die Eidesformel der Reichswehr
vom 14. August 1919 brach radikal mit
der bisherigen Praxis. Sie lautete nun
in ganz Deutschland für alle Laufbahngruppen gleich und kannte keine religiöse Beteuerungsformel mehr. Gemäß
der Verfassung vom 11. August 1919
war das Ressort Militärwesen zur alleinigen Reichsangelegenheit geworden.
Es wurde ein Reichswehrministerium
geschaffen. Oberbefehlshaber der
Reichswehr war der vom Volke gewählte Reichspräsident, der den jeweiligen Reichskanzler ohne Mitwirkung
des Reichstages berief oder entließ. So
konnte Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 auch Adolf
Hitler zum Reichskanzler ernennen,
ohne dass dieser über eine parlamentarische Mehrheit verfügte.
Mit Brutalität und Skrupellosigkeit
verwandelte Hitler Deutschland binnen weniger Monate in eine Diktatur.
Die Verfassung von 1919 blieb zwar
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
auch nach dem »Ermächtigungsgesetz« vom Februar 1933 in Kraft, die
Grundrechte galten jedoch nicht mehr.
Auch die Stellung des Militärs im
Staate änderte sich. Das spiegelte sich
im Dezember 1933 in der Neuvereidigung der Reichswehr: »Ich schwöre bei
Gott diesen heiligen Eid, dass ich
meinem Volk und Vaterland allzeit
treu und redlich dienen und als tapfe­
rer und gehorsamer Soldat bereit sein
will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen«. Die religiöse Beteuerungsformel hielt damit wieder Einzug. Es wurde »bei Gott« geschworen,
der Eid selbst war somit heilig. Die Verfassung fand keine Erwähnung mehr,
die Bezeichnung »Deutsches Reich«
war ebenso gelöscht worden. Die Soldaten sollten nun »Volk und Vaterland« dienen. Im August 1934 wurde
die gesamte Reichswehr abermals vereidigt: »Ich schwöre bei Gott diesen
heiligen Eid, dass ich dem Führer des
Deutschen Reiches und Volkes Adolf
Hitler, dem Oberbefehlshaber [Obers­
ten Befehlshaber ab 20. Juli 1935] der
Wehrmacht, unbedingten Gehorsam
leisten und als tapferer Soldat bereit
sein will, jederzeit für diesen Eid mein
Leben einzu setzen«.
Diese Eidesformel wurde bis 1945 beibehalten. Die religiöse Beteuerung war
belassen, die Vereidigung auf eine Person wieder eingeführt worden. Neu war
jedoch der »unbedingte Gehorsam«.
Nach dem Tod Paul von Hindenburgs
vereinigte Adolf Hitler die Ämter des
Reichskanzlers und des Reichspräsiden­
ten in seiner Person. Somit war er auch
Oberbefehlshaber der Reichswehr. Den
Vorschlag für den Eidestext hatte das
Reichswehrministerium selbst unterbreitet. Die Macht im NS-Staat ruhte
nun auf zwei Säulen: der Reichswehr/
Wehrmacht und der NSDAP.
SZ Photo
Die Indienstnahme der
­Preußischen Reformer
ullstein bild-Archiv Gerstenberg
Die NS-Propaganda bezog sich wiederholt auf das preußische Beispiel der
Jahre 1806 bis 1815. Die preußische
Niederlage von Jena und Auerstedt
1806 wurde mit dem Kriegsende 1918
verglichen. Der Neuaufbau der preußischen Armee wurde der Aufstellung
der Wehrmacht gleichgesetzt. Dieses
Traditionsverständnis spiegelte sich
u.a. in der Benennung der Schlachtschiffe »Scharnhorst« und »Gneisenau« wider. Die Befreiungskriege der
Jahre 1813-1815 fanden in der Formulierung vom »Großdeutschen Befreiungskampf« für den Krieg ab 1939 ihre
Entsprechung. Die staatsbürgerlichen
Ideale der Militärreformer blieben freilich gänzlich außen vor.
Weiterhin versuchte das NS-Regime,
das in den Reformen verwendete Gedankengut der Volksbewaffnung in
Gestalt des Landsturmes propagandistisch auszuschlachten. So verwundert
es nicht, dass der Geburtstag Scharnhorst (12. November) im Jahre 1944
zum »Tag des Deutschen Volkssturmes« erklärt wurde. Die Mischung
aus engagierten Militärs und bewaffneten Bürgern, die gemeinsam dem
Feinde trotzten, fand im letzten deutschen Durchhaltefilm »Kolberg« (1945)
Verwendung. In diesem Spielfilm
wurde das Bündnis zwischen dem Kol-
5Volkssturm-Plakat mit Aufschrift »Um
Freiheit und Leben«, 31. Oktober 1944.
5Panzervernichtungstrupp der Festung Breslau, 1. März 1945.
berger Bürgermeister Joachim Nettelbeck und dem Festungskommandanten Major August Neidhardt von
Gneisenau beschworen.
Eine besondere Bedeutungssteigerung erhielt das Eiserne Kreuz. Es war
als Kriegsauszeichnung im Jahre 1813
von dem preußischen König FriedrichWilhelm III. in zwei Klassen gestiftet
worden. Es konnte an alle Dienstgrade
verliehen werden und wurde 1870/71
sowie im Ersten Weltkrieg jeweils erneuert. Es war darüber hinaus ein militärisches Symbol. Allerdings stand es –
abgesehen von dem in 115 Jahren nur
zwanzig Mal verliehenen Großkreuz
des Eisernen Kreuzes – immer im
Schatten der »Halsorden«. Diese wurden nur an Offiziere verliehen. Dazu
gehörten der preußische Pour-le­Mérite, der bayerische Militär-MaxJoseph-Orden und der österreichische
Militär-Maria-Theresien-Orden. Die
letzten beiden waren sogar mit der Verleihung des persönlichen Adelstitels
verbunden.
Das Ende der Monarchien bedeutete
auch das Aus für die Halsorden. Sie
wurden 1939 nicht erneut vergeben.
Stattdessen wurde ein um den Hals zu
tragendes Ritterkreuz zum Eisernen
Kreuz mit den Zusätzen des Eichenlaubes, der Schwerter sowie der Brillanten geschaffen. Dadurch wurde die
Auszeichnung zum Orden, der an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften
verliehen werden konnte. Das Hakenkreuz trat dabei an die Stelle der königlichen Initialen. Die Mischung aus
Preußentum und Nationalsozialismus
war kennzeichnend für die Propa-
gandastrategie des NS-Regimes. Unterschiedliche Traditionen sollten miteinander verschmolzen werden, um
eine gedachte Einheit zu erzielen: Preußen und Deutschland; Nationalsozialismus und Militär; Tradition, Militärreform und politische Revolution.
Fazit
Zwischen 1933 und 1945 durchliefen
die deutschen Streitkräfte drei große
Wandlungsprozesse. Aus der als »unpolitisch« geltenden Berufsarmee der
Reichswehr wurde die »politische«
Wehrpflichtigenarmee Wehrmacht. Sie
wurde als »Volksgemeinschaft in Waffen« von der NS-Diktatur zu Überfall,
Eroberung und Vernichtung eingesetzt. In den Jahren 1939 bis 1942 vergrößerte sie den deutschen Machtbereich und gab dem totalen Krieg in jeder Hinsicht ein neues Gepräge. Die
Wehrmacht unterschied sich von ihren
Vorgängerarmeen vor allem hinsichtlich ihres Kriegsbildes, ihrer Moral,
ihres Eides und der Instrumentalisierung der Preußischen Reformer.
 Harald Potempa
Literaturtipp
Harald Potempa, Im Schatten der Niederlage: Deutsche
Streitkräfte von Compiègne (1918) bis Reims (1945) –
Reformen und Ideologie im Zeitalter der Weltkriege? In:
Karl-Heinz Lutz, Martin Rink und Marcus v. Salisch (Hrsg.)
Reform – Reorganisation – Transformation. Zum Wandel
in Deutschen Streitkräften von den preußischen Heeresreformen bis zur Transformation der Bundeswehr, München 2010, S. 229–244.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Frauenbilder in der US-Propaganda
Frauenbilder
in der US­Propaganda
1917 bis 1945
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
ullstein bild / Granger Collection
I
n westlich orientierten Staaten hat
sich das Bild der Frau in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts stark
verändert. Dies gilt besonders für den
Zeitraum der beiden Weltkriege. Am
Beispiel der Rolle der Frau in der USKriegspropaganda soll versucht werden, diese Wandlungsprozesse im Folgenden kurz zu beleuchten.
Waren die Frauen auf den Plakaten
der US-Kriegspropaganda des Ersten
Weltkriegs noch mythisch verklärte Fi­
gu­ren, wie zum Beispiel eine »Miss Li­
ber­ty«, die zum finanziellen Opfer für
die Freiheit des eigenen Landes ermahn­te,
so wandelte sich das Frauenbild mit
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Frauen
wurden nun als denkende und bewusst
handelnde Individuen dargestellt.
4Kämpfe oder
kaufe Kriegs­
Eine von diesen Frauen war Mary B.
anleihen!
Johnston. Sie trat am 8. Dezember 1942
Werbeplakat
ihren freiwilligen Dienst im neu gegrün­
von Howard
deten »Women’s Army Auxiliary Corps«
Chandler Christy
(WAAC) an. Dabei war ihr durchaus
1917/18.
bewusst, dass sie auf unbestimmte Zeit
Familie und Heimat verlassen würde. vice Pilots) dienten ihre Kameradinnen
Die am 7. Dezember 1941 über Ame- in der Luftwaffe. Bis zu 350 000 Frauen
rika hereingebrochene Gewalt betraf sollten insgesamt während des Zweijeden – nun unabhängig vom Ge- ten Weltkrieges im Dienst der US-Streit­
schlecht. Vorbei waren die Zeiten, in kräfte stehen.
denen die Mütter, Ehefrauen und
Schwestern in die Sicherheit des
Over there! Amerikas Frauen als
Hauses verbannt wurden, während
Werbemittel 1917/18
Ehemänner, Söhne oder Brüder ihre
Heimat in fernen Ländern verteidigten. 1917/18 war an solche Entwicklungen
Schon bald begannen auch die Frauen, noch nicht einmal zu denken. Frauen,
Posten in den US-Streitkräften einzu- die erst 1921 das Wahlrecht bekommen
nehmen – als Krankenschwestern, Pilo­ sollten, wurden von der Kriegsindus­
tinnen, Funkerinnen oder Versorgungs­ trie vor allen Dingen dazu benötigt,
offiziere. Neben dem WAAC wurde im um für Kriegsanleihen an der HeimatJuli 1943 das »Women Army Corps« front zu werben. Ein Blick auf die pa­
(WAC) gegründet. Ein Jahr zuvor hatte trio­tisch-propagandistischen Werbepla­
die Navy begonnen, junge Frauen als kate dieser Jahre unterstreicht diesen
WAVEs (Women Accepted for Volun- Eindruck.
tary Emergency Service) zu rekrutieSo zeigt das Bild von Charles Rayren. Als WASPs (Women Airforce Ser- mond Macauley 1917 die Figur der
überall bekannten »Miss Liberty«, die
ähnlich ihrem männlichen Partner
»Uncle Sam« auf den Bildbetrachter
zeigt und befehlend ruft: »You buy a
Liberty Bond. Lest I perish.«, was soviel bedeutet wie: »Kaufe Kriegsanleihen oder ich werde untergehen!« Jeder
sollte seinen finanziellen Beitrag leisten, damit Präsident Woodrow Wilson
die Demokratie weltweit verbreiten
konnte. Der Krieg in Europa kostete
viel Geld. »Miss Liberty« – und damit
das Abbild einer Idealvorstellung von
Weiblichkeit und Freiheit in der Neuen
Welt – war letztlich aber nur Mittel
zum Zweck. Sie rief zur Unterstützung
des seit 1917 auch amerikanischen
Krieges auf, den die Männer in der »1st
Marine Division« oder aber in den Reihen der »1st Infantry Division« auszufechten hatten.
die Werte der Demokratie aufzurufen
vermag, aber im eigenen Land noch
nicht einmal hätte wählen dürfen.
Haskell Coffin verwendete für sein
Plakat die historische Gestalt der Jungfrau von Orléans. Die Botschaft des
Plakats lautete: Jeanne d’Arc hatte
Frankreich einst gerettet. An den »Women of America« liege es nun, 1918 die
Zukunft ihres eigenen Landes zu sichern. Erstmals bekam so das angeblich schwache Geschlecht eine Aufgabe
bei der Kriegführung zugewiesen.
Wenngleich Jeanne d’Arc in voller Rüstung den amerikanischen Hausfrauen
und Müttern entgegentrat und damit
einen klaren Kampfeswillen signalisierte, sollten die Amerikanerinnen
nicht mit der Waffe in der Hand dem
Feind entgegentreten, sondern den
Krieg lediglich durch Kauf von Sondermarken unterstützen. Mehr als ein
monetärer Beitrag wurde von den
Frauen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten nicht erwartet.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Corbis
Daneben stellte Howard Chandler zu sehen. Umgearbeitet zum Schild
»Christy« eine in jungfräuliches Weiß wird es letztlich zum Symbol des amegekleidete junge Dame, die mit dem rikanischen Kriegsanspruches, als
»Star-Spangled Banner« in der Hand Schutzmacht für Frieden in der Welt
den langen US-Truppenkolonnen den und Freiheit in Frankreich zu kämpfen.
Besonders augenfällig ist der untere
Weg zur Front in Frankreich zeigen
sollte. Fast wehmütig und mit voller Teil des Plakats gestaltet, der sinngeHingabe schwingt sie das Sternenban- bend für das ganze Bild an sich erner, den entschlossen voranschreiten- scheint: Die kampfbereite »Miss Liden Soldaten zum Abschied. Es sollten berty« steht zusammen mit dem Pfadvor allem Emotionen angesprochen finder auf einer Steinplatte, die den
werden, die allein durch die engels- Schriftzug »Weapons for Liberty« trägt.
gleiche Gestalt vor dem Hintergrund Künstlerisch anspruchsvoll wurde den
des blutigen Schlachtens in Europa Amerikanern einmal mehr die Botausgelöst wurden. Da reichte es völlig schaft vermittelt, dass es weiterer
aus, den Betrachtern des Plakats ein- Gelder bedurfte, wenn der Freiheit und
fach noch die wenigen Worte entge- der zukünftigen Generation nicht sehr
genzuhalten, dass diese entweder ak- bald das Fundament unter den Füßen
tiv zu kämpfen hätten oder aber weiter weggezogen werden sollte.
den Waffengang durch Kriegsanleihen
Interessant ist hier sicherlich die
(»War Bonds«) unterstützen müssten. Kombination einer Frauengestalt mit
Es galt, die Werte der unbefleckten den Symbolen des Krieges. Wie die
Weiblichkeit auf dem männlich domi- Mutter der Nation wurde »Miss Li­
nierten Feld der Ehre auf dem alten berty« als überragende Frauengestalt
Kontinent zu verteidigen. Die Frauen gezeigt, die zwar für den Kampf um
durften nur den Weg dorthin weisen –
mitzukämpfen schien nicht gewollt,
gar aussichtslos zu sein.
1918 wurde diese Haltung durch ein
Plakat von Henry Raleigh unterstrichen, als dieser eine gesichtslose Frau –
die abgebildete Person wendet dem
Betrachter den Rücken zu – mit einem
Kind auf dem Arm fragen ließ: »[m]ust
children die and mothers plead in
vain?« Die Aufgabe der Ehefrau und
Mutter war es, sich um das Wohl der
Familie zu sorgen, das der Gatte in
weiten Fernen mit der Waffe in der
Hand zu behaupten wusste. In der Heimat oblag es der Frau also einzig und
allein, die klassischen – puritanischen –
Werte der USA hochzuhalten, die nur
eine in Sicherheit lebende Familie mit
sich bringen konnte.
Ein ähnliches Motiv einer Frau mit
einem Jugendlichen (Abb. rechts) zeich­
nete J.C. Ley­endecker, der auf seinem
Bild einen Pfadfinder vor »Miss Li­
ber­ty« knien lässt, die von ihm ein geschliffenes Schwert gereicht bekommt.
Es sind die Insignien der Macht, die sie
in der Hand hält, um so, auf alle Eventualitäten des Krieges vorbereitet, in
die Zukunft zu blicken. Bemerkenswert ist die Symbolik, die Leyendecker 4Waffen für die
Freiheit. Werbe­
in das Propagandaplakat hineinbrachte.
plakat von
Neben dem Sternenbanner, das die
Joseph von
Protagonistin umhüllt, ist auf der rechChris­tian Leyen­
ten Bildseite das Staatssiegel der USA
decker, 1917/18.
Frauenbilder in der US-Propaganda
Entferntesten gedacht hatte. Es war
nicht mehr nur das starke Geschlecht,
das auf allen Ebenen des Alltags den
Ton angeben konnte. Durch die Wehrpflicht wurden auf einen Schlag Stellen
in den unterschiedlichsten Wirtschaftsfeldern – ja im ganzen Leben des Lan­des
– vakant, die aus Mangel an Männern
kaum mehr zu besetzen waren. Dieser
neue Krieg forderte seinen Tribut.
Wenn das große Arsenal der Demokratie, wie Präsident Franklin D. Roosevelt sein Land bezeichnete, nicht alsbald leer sein sollte, musste ein Ersatz
geschaffen werden. Immer weniger
wurde auf »die Zartheit des weiblichen
Geschlechts« geachtet, wenn es nun
darum ging, Hitlers Großmachtträumen ein Ende zu bereiten und der japanischen Expansion im Pazifik Einhalt
zu gebieten. »Miss Libertys« Charme
reichte dafür alleine nicht mehr aus.
Was man jetzt brauchte, waren junge
und entschlossene Frauen, die bereit
waren, in der Heimat und in Übersee
eigenverantwortlich zu handeln. Bereits 1943 wurden erste Befürchtungen
in die Öffentlichkeit getragen, dass die
meisten Frauen wohl kaum ihre neuen
Freiheiten und vor allem ihre dadurch
gewonnene finanzielle Unabhängigkeit mit dem Kriegsende wieder aufgeben würden.
Überall waren sie nun bald zu finden
– die Plakate, auf denen eben diese
ullstein bild / Granger Collection
Coffins Plakat wirkt aus heutiger
Sicht wie ein Widerspruch in sich. Einerseits setzte er das »schwache« Geschlecht kriegerisch in Szene, andererseits wertete er mit dem Aufruf »Buy
War Savings Stamps« die Rolle der
Frau in der US-Gesellschaft wieder ab.
So durfte sie ja eben nicht mit gezogenem Schwert oder gefälltem Bajonett
auf deutsche Schützengräben zustürmen und eigene Heldentaten vollbringen, wie es die berühmte Geschlechtsgenossin aus dem Hundertjährigen
Krieg einst getan hatte.
Es entsprach nicht dem Rollenverständnis und dem Gesellschaftsbild
der damaligen Zeit, dass die Dame des
Hauses in einen Krieg zog, der sich ohnehin bereits seinem Ende neigte. Noch
war Amerika nicht dazu bereit, alle
Personalressourcen in eine Schlacht zu
werfen, deren erster Schuss auf den
Straßen Sarajevos 1914 gefallen war. In
»God’s Own Country« sollten die
Macht und die politischen Möglichkeiten der Frauen weiterhin in Grenzen gehalten werden. Genauer gesagt:
Es war in den Jahren des Ersten Weltkrieges einfach noch nicht notwendig
geworden, dass Frauen in den Reihen
der Streitkräfte deren Schlagkraft und
Organisationsfähigkeit erhöhten. Als
»Miss Liberty« überhöht, reichte es
1917/18 völlig aus, dass idealisierte
Frauengestalten an den Plakatwänden
ihren Beitrag zum Krieg leisteten. Sie
waren nicht viel mehr als eine brauchbare Folie, die auf den von Männern
geführten Kampf gelegt werden
konnte, sodass familiäre und mütterliche Emotionen angesprochen wurden, um durch den Kauf weiterer
Kriegsanleihen aller Art den Söhnen
der Nation die richtige Unterstützung
zu gewähren. Erst als sich der Rauch
über den Wracks der in Pearl Harbor
bombardierten Schlachtschiffe verzogen hatte, war 1941 die Sicht auf eine
neue Rolle der Frau in einem moderner
gewordenen Amerika freigegeben – in
den Streitkräften zu Lande, zu Wasser
und in der Luft.
We can do it! 1941–1945
So zynisch es auch klingen mag: Mit
dem Beginn des Zweiten Weltkrieges
entwickelten sich neue gesellschaftliche Chancen für die amerikanischen
Frauen, an die 1918 noch niemand im
10
5Dan V. Smith, »Dies ist auch mein
Krieg!« Werbe­plakat für den Freiwilligendienst der U.S. Army1943.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
neue Generation zum Dienst in den
Streitkräften beziehungsweise in den
Hilfskorps der Marineinfanterie, des
Heeres, der Luftwaffe oder der Marine
aufgerufen wurde. »Be a Marine. Free
a Marine to fight« oder »Wanted: More
Navy Nurses. Be a Commissioned Officer in the U.S. Navy« waren nunmehr
die Devisen, mit denen Frauen aus
dem ganzen Land zum aktiven Kriegsbeitrag motiviert werden sollten. Alle
militärischen Ränge standen dafür offen. Man begann, dem weiblichen Geschlecht mehr zuzutrauen als dies noch
Jahre zuvor der Fall gewesen war.
»Miss Liberty« wurde – sinnbildlich
gesprochen – von den Machern der
Propagandaplakate wieder auf ihren
Sockel im Hafen von New York zurückgestellt. An ihre Stelle traten neue
Frauenbilder, die durch ihre Unifor­
men und einzelne Kriegsszenen gekenn­
zeichnet waren. Bisweilen gelang es,
gesellschaftliche Schranken zu überwinden – gar aufzulösen. Die »Women
Veterans Historical Collection« der
University of North Carolina in Greensboro (http://library.uncg.edu) bietet
­einen sehr guten Überblick darüber,
wie dies letztlich erfolgreich umgesetzt
wurde.
»This Is My War Too!« Mit dieser
selbstbewussten Feststellung veröffentlichte Dan V. Smith 1943 ein Plakat
(Abb. links), mit dem neue Mitglieder
für das WAAC des Heeres geworben
wurden. Die abgebildete Dame zeigte
keine Pa­rallele mehr zum noch aus
dem Ersten Weltkrieg bekannten Mus­
ter der Stilisierung von Mythen- oder
Heldengestalten. Es war eine Amerikanerin, die sich mit aufrechtem Blick vor
das Sternenbanner stellte und so den
Schutz der Nation übernehmen wollte.
Ohne jede Fremdbestimmung konnten
nun die Frauen selbst darüber entscheiden, wo und in welcher Form sie im
Krieg dienen wollten.
Die McCandish Litho Cooperation
legte noch im selben Jahr mit einem
eige­nen Marinecorps-Poster nach. Die
Nuancen zwischen Vorder- und Hintergrund sind hierbei besonders interessant. So stand die Frau nunmehr vor
der kämpfenden Truppe – Marines in
diesem Fall – und war als einzige Person überhaupt deutlich erkennbar. Sie
war diejenige, die mit klaren Zügen
aus dem gesichtslosen Massenheer der
Marineinfanterie herausstach. Mit ent-
K.J.Historical/Corbis
schlossenem Blick schaute sie in die
Laufrichtung der hinter ihr auf einer
Insel landenden Soldaten. Auch sie
schien den Feind fest im Blick zu haben, was sie ganz zu einem selbstständig handelnden Wesen in einer hervorgehobenen Stellung machte, ohne das
Amerika nicht mehr auszukommen
vermochte.
Mit den schon erwähnten neu gewonnenen Freiheiten der Frauen in der
amerikanischen Gesellschaft spielend,
entwickelte das Steele Savage Recruit­
ing Publicity Bureau der U.S. Army
1944 eine neue Botschaft. Für Amerika,
aber besonders für sich selbst, sollten
die Frauen einer der vier Teilstreitkräfte beitreten, die überall in der Welt
im Kampf standen. Jedes Engagement
würde früher oder später zu einer
neuen gesellschaftlichen Stellung führen, die ihnen niemand mehr streitig
machen könnte. Die Botschaft des Plakats war damit also mehr als eindeutig.
Nur galt sie ausschließlich für weiße
Amerikanerinnen.
Zu einer neuen Größe sollten die
Frauen im Land gemacht werden, was
auf einem seit 1942 in Umlauf gebrachten Plakat der US-Armee sehr
wörtlich genommen wurde. Kurzerhand war einer marschierenden Formation von WAACs eine der Uniformträgerinnen vorangestellt worden, die
in ihrer Körpergröße ungefähr dem
Vierfachen dessen entsprach, was ansonsten auf den Plakaten allgemein üblich war. Frauen in den Farben der
Streitkräfte zu sehen, schien in jeder
Hinsicht zum Blickfang geworden zu
sein.
1944 holte ein anderes Rekrutierungsbüro sehr weit aus, als der Bogen
vom noch laufenden Krieg hin zum
Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 geschlagen wurde. Wiederum war es die
Frau, die als einzige eine Identität
zeigte und damit dem Werbungsposter
für das WAC ein Gesicht gab (Abb.
rechts). Entscheidend ist aber wiederum die Verbindung der Worte aus
einem Vers der »Battle Hymne of the
Republic« und der bildlichen Darstellung. »Mine Eyes Have Seen the Glory«
wurde über den Schattenriss von vorrückenden Soldaten gestellt, vor denen
wiederum eine Angehörige des Armee­
hilfskorps stand. Der Krieg am fernen
Ort wurde allein durch ihre Gedanken
zur Realität erhoben oder zu einer real
5Meine Augen haben den Ruhm gesehen. Werbeplakat von Jes Schlaikjer, 1944.
wirken­den Vision gemacht. Durch den
fehlen­den nächsten Vers des Liedes erfolgte schließlich eine politisch-reli­
giöse Aufladung der Bildkomposition.
Zum damaligen Zeitpunkt dürfte jedem Betrachter klar gewesen sein, dass
es gerade auf diesen Vers ankam und
dieser selbstständig mit dem Blick auf
das Pos­ter hinzuzufügen war. So vervollständigten die Worte »of the ­coming
of the Lord« den allgemein bekannten
Teil der Bürgerkriegshymne. Damit
war der Kreuzzug Amerikas gegen das
Dritte Reich und das kaiserliche Japan
endgültig in der Propaganda zu einem
Kampf um selbst definierte Werte
­gemacht worden, der durch die Frauen
mitgetragen werden konnte und
musste.
Mit dem Ende des Krieges im September 1945 war die bisherige Entwick-
lung hin zu einer neuen gesellschaftlichen Position der Frau nicht mehr
aufzuhalten. Von New York bis Los
Angeles und von Seattle bis Houston
würde fortan immer wieder die Bemerkung zu hören sein: »Schau Dir die an
– jung, weiblich und im Krieg!« – und
dies war keine propagandistische
Phrase mehr.
 Rüdiger von Dehn
Literaturtipp
P.N. Poulos (Hrsg.), A Woman’s War Too. U.S. Women in
the Military in World War II., Washington D.C. 1996.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
11
Süddeutscher Verlag
Landau (Pfalz) 1945–1949
Landaus Oberbürgermeister intervenierte Anfang der 1990er Jahre
in Paris. Er wollte den Abzug der
etwa 3000 französischen Soldaten
aus der pfälzischen Stadt verhindern. Aus den Besatzern waren
längst Freunde geworden. Der
Versuch blieb ­erfolglos und so endete am 18. April 1999 mit der
Verabschiedung des »2e Régiment
d’Artillerie« die französische
­Präsenz in Landau nach 54 Jahren.
Die Anfänge der Garnison waren
keineswegs spannungsfrei. Der
vorliegende Beitrag versucht,
diese schwierigen Beziehungen
zwischen Besatzern und Besetzten im Zeitraum 1945 bis 1949
nachzuzeichnen.
Besatzung 1945
12
Rue des Archives / CCI/SZ Photo
E
rst im Februar 1945 wurde Frankreich auf der Konferenz von Jalta
neben den USA, der Sowjetunion
und Großbritannien in den Kreis der
Siegermächte aufgenommen und mit
einer eigenen Besatzungszone in
Deutschland bedacht. Es hatte zu diesem Zeitpunkt über vier Jahre deut­sche
Besatzung hinter sich, war vom Krieg
schwer gezeichnet und nun die bei
weitem schwächste Siegermacht, die
zudem mit einer tiefen wirtschaftlichen
und innenpolitischen Krise zu kämpfen hatte. Die französi­schen Truppen,
die im Frühjahr 1945 deutschen Boden
betraten, legten davon anschaulich
Zeugnis ab. Logistisch vom amerikani­
schen Verbündeten abhängig, bot das
französische Militär im Vergleich zur
bestens ausgerüsteten US-Armee ein
geradezu klägliches Bild. Dem schlechten Zustand der französischen Besatzungstruppen stand deren Auftreten
diametral entgegen. In diesem spiegelte sich ein oftmals demonstrativ
und unter Androhung drakonischer
Strafen eingefordertes Sicherheitsbedürfnis.
Am 22. März 1945 rückte die amerikanische Armee nahezu kampflos in
Landau ein. Sechs Tage zuvor hatten
Verbände der US-Luftwaffe die weitgehend unverteidigte Stadt bombardiert.
Mehr als ein Drittel des Stadtgebiets
lag in Trümmern. Am 13. April 1945
übertrugen die Amerikaner die Verwaltung von Stadt und Landkreis Lan-
5Speyer 1945: Die französische Armee nimmt deutsche Geiseln gefangen, die für
einen Anschlag verantwortlich gemacht wurden. Im Hintergrund das Hauptquartier der örtlichen französischen Militärregierung.
Landau in der Pfalz unter
französischer Besatzung
und als Garnisons­standort
1945 bis 1949
dau der französischen Armee. Kurz zuvor war dies für die Kreise Berg­za­bern,
Germersheim und Speyer erfolgt.
Die französische
Militärregierung
Anders als die auf ihre Rolle als Besatzungsmacht gründlich vorbereiteten
Amerikaner hatten die Franzosen erst
wenige Monate vor dem Einmarsch ihrer Truppen auf deutsches Territorium
mit dem improvisierten Aufbau einer
eigenen Besatzungsverwaltung begonnen. Nachdem mit den amerikanischen
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
auch französische Truppen in die Südpfalz vorgestoßen waren, forderte die
mit der Kontrolle der vier südpfälzischen Kreise beauftragte 1. Französi­
sche Armee zur Verwaltung des besetzten Gebiets mehrere in Frankreich
aufgestellte »Détachements« der Militärregierung an. Bis zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen
Wehrmacht am 8. Mai 1945 oblag dem
nach Landau entsandten »Détachement« nicht nur die Übernahme der
deutschen Zivilverwaltung, sondern
auch die Herstellung von Sicherheit
und Ordnung im rückwärtigen Opera-
Bis zur Einnahme der neuen Organisationsstruktur bestanden überall in
der französischen Zone teilweise massive Spannungen zwischen der sich
kon­solidierenden Militärregierung und
den oft eigenmächtig operierenden Besatzungstruppen. Mit der erst danach
möglichen Durchsetzung einer gesamtzonalen französischen Besatzungspolitik ging eine personelle Verstärkung
der Landauer Militärregierung einher.
Ende November 1945 war deren Umfang auf elf Besatzungsoffiziere, sieben
Unteroffiziere und drei Sekretärinnen
angewachsen. Infolge mangelhafter
Gesamtausstattung und Überlastung
des bis Ende 1946 schrittweise verkleinerten Mitarbeiterstabes verschlechterte sich die personelle und
materielle Einsatzbereitschaft jedoch
erheblich. Massive Überarbeitung des
Personals sowie interne Kritik am französischen Oberkommando waren die
Folge. Ihre Arbeit konnte die Landauer
Militärregierung in den Jahren darauf
dennoch ohne größere Reibungsverluste fortsetzen. Mit Inkrafttreten des
Besatzungsstatuts am 21. September
1949 begann der Übergang von der
Militär­regierung zur kontrollierten
Selbstregierung Westdeutschlands und
damit eine neue Phase französischer
Besatzungs- und Deutschlandpolitik.
Rue des Archives / CCI/SZ Photo
tionsgebiet der französischen Streitkräfte. Zur Verwirklichung dieses Ziels
standen dem »Détachement« anfänglich nicht mehr als drei Besatzungsoffiziere und eine Schreibkraft zur Verfügung.
Nach der Kapitulation und der »Berli­
ner Erklärung« vom 5. Juni 1945, mit
der die vier Siegermächte die oberste
Regierungsgewalt in Deutschland
übernahmen, verlagerte sich der Aufgabenschwerpunkt der Landauer Militärregierung auf die direkte Verwaltung des besetzten Kreisgebiets. In der
Zwischenzeit begann die französische
Besatzungsmacht, die Strukturen für
eine eigenständige, vom amerikanischen Modell losgelöste Besatzungsverwaltung zu schaffen. Am 15. Juni
1945 verfügte die Regierung in Paris
die Errichtung des »Commandement
en Chef Français en Allemagne«, des
französischen Oberkommandos in
Deutschland, mit Sitz in Baden-Baden.
Nach Inbesitznahme der gesamten Besatzungszone am 10. Juli 1945 wurde
die Trennung von Militär- und Zivilverwaltung mit der Einrichtung des
»Gouvernement Militaire en Zone
Française d’Occupation«, der gleichfalls in Baden-Baden angesiedelten
Zentralbehörde der Militärregierung,
vollzogen.
5Die vier alliierten Besatzungszonen in Deutschland nach 1945. Französische Karte,
die Symbole der Sowjetunion in der Farbgebung der NS-Fahne verwendet.
Die französische Garnison
Die Soldaten der Landauer Garnison
waren Angehörige der 5. Panzerdivision, einem Großverband der im Frühjahr 1944 mit amerikanischer Hilfe aufgestellten 1. Französischen Armee.
Mitte Juli 1945 zählte die Garnison ungefähr 1300 französische Soldaten. Da
eine Unterbringung der Besatzungstruppen in den von amerikanischen
Fliegerbomben schwer in Mitleidenschaft gezogenen Kasernenanlagen im
Süden der Stadt zunächst unmöglich
war, quartierte sich das französische
Militär in beschlagnahmten Privatwohnungen und Schulhäusern ein. Für die
Stadt, in der von bis zu 6400 vor dem
Krieg bestehenden Wohnungen 670
völlig und 788 teilweise zerstört sowie
1100 beschädigt waren, bedeutete der
stetig wachsende Wohnraumbedarf
der Besatzungsmacht eine zusätzliche
Verschärfung der ohnehin angespann­
ten Wohnraumsituation. Während die
Mannschaften ab Herbst 1945 nach
und nach in die wiederhergerichteten
Kasernenanlagen umzogen, lebten Offiziere und teils auch Unteroffiziere sowie viele Mitarbeiter der Militär- und
Besatzungsverwaltung mit ihren zugezogenen Angehörigen auch weiterhin
in requirierten Anwesen und Einzelzimmern.
Während die Truppenstärke in der
französischen Zone sank, wurde Landau im Zuge der Umgruppierung der
Besatzungsarmee ab Frühjahr 1946
kontinuierlich zum Großstandort ausgebaut. Ein Jahr nach Einzug der französischen Truppen hatte sich der
­Umfang des im Stadtgebiet für Besatzungszwecke beschlagnahmten Wohnraums mehr als verdoppelt. Im Oktober 1946 betreute das zur materiellen
Versorgung der französischen Einwohnerschaft ins Leben gerufene »Bureau
de Logement« am Standort nicht weniger als 336 Familien sowie 469 unverheiratete Offiziere und Unteroffiziere.
Im Januar 1948 hatte die Landauer Garnison mit 3300 Soldaten und Zivilangehörigen eine solche Größe erreicht,
dass die personell unterbesetzte Besatzungsverwaltung in erhebliche Schwierigkeiten geriet, die bedarfsgerechte
Wohnraumlenkung zu bewältigen. Als
die Beschlagnahmung städtischen
Wohnraums im August 1948 eingestellt
wurde, befanden sich noch 356 Woh-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
13
Rue des Archives / CCI/SZ Photo (Kartenausschnitt)
Landau (Pfalz) 1945–1949
5Die französische Besatzungszone in Deutschland nach 1945.
nungen und 154 möblierte Einzelzimmer im Besitz französischer Quartiergäste. Erst nach langjährigen Bemühungen der Stadtverwaltung wurde
auch die letzte der nur schrittweise von
der Besatzung geräumten Wohnungen
im November 1956 freigegeben.
Requisitionen und ­Reparationen
In großem Umfang wurden nicht nur
Gebäude und Wohnungen requiriert,
sondern auch die dazugehörigen Inneneinrichtungen. Weiterhin beschlagnahmte die Besatzungsmacht auch
große Mengen an Haushalts- und
Küchen­artikeln sowie zahlreiche Rundfunkgeräte. Ein beliebter Requisitionsgegenstand war neben Kraftfahrzeugen auch das Transportmittel Fahrrad,
vom dem die Militärregierung in Stadt
und Landkreis Landau allein im August 1945 nicht weniger als 350 Stück
einzog. Bis März 1948 entstanden der
Stadt durch französische Requisitionen
aller Art Gesamtkosten in Höhe von
fast drei Millionen Reichsmark.
Die französische Besatzungsmacht
bediente sich auch ausgedehnter Reparationen, die auf der Konferenz von
Jalta zwischen den alliierten Siegermächten vereinbart und mit dem »Pots-
14
damer Abkommen« Anfang August
1945 präzisiert worden waren. Seit Beginn der Okkupation verfolgte die
französische Politik das Ziel der maximalen wirtschaftlichen Nutzung der
Zone, das mittels Abbau von Industrieanlagen, Entnahmen aus der laufenden
Produktion und an französischen Bedürfnissen orientierten Exporten erreicht wurde und vorrangig dem Wiederaufbau in Frankreich zugute kam.
Konkrete Nachweise für in Landau im
industriellen Sektor angeordnete Produktionsentnahmen sind nur schwierig zu führen. Im Agrar­bereich finden
sich ausdrücklich als Reparationen betitelte Ausfuhren dagegen bei der Tabakproduktion, einer Anzahl requirierter Pferde und einer im Herbst 1945
aus dem Landkreis nach Frankreich exportierten Liefermenge von 1,3 Millionen Liter Wein. Auch mehrere Tausend
Kubikmeter Holz aus dem Landauer
Stadtwald wurden als Reparationsgut
nach Frankreich verfrachtet.
Lebensmittelversorgung
Gegenüber dem vorletzten Kriegsjahr,
in dem die Lebensmittelversorgung zu
keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet
war, verschlechterte sich die Ernäh-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
rungslage ab Frühjahr 1945 drastisch.
Der Rückgang des durch Verpflegungsansprüche des Besatzungsmilitärs zusätzlich dezimierten Viehbestandes führte schon im Sommer 1945
zu gravierenden Engpässen bei der rationierten Fleisch- und Fettversorgung,
die von der Bevölkerung mit Beunruhigung aufgenommen wurden. Weiter
sinkende Zuteilungsmengen im Frühjahr 1946 taten ein Übriges, sodass die
Hungerkrise im Sommer 1946 einen
ersten Höhepunkt erreichte. Die Folge
war der Besatzungsmacht zunehmend
entgegenschlagender Unmut breiter
Bevölkerungskreise, welche die Franzo­
sen für ihre Notlage verantwortlich
machten. Tatsächlich überstiegen die
hohen Lebensmittel- und insbesondere
Fleischrationen des französischen Militärs den Tagessatz des deutschen Normalverbrauchers ab 1946 zeitweise um
das Dreißigfache. Durch den wochenlang anhaltenden strengen Frost des
ungewöhnlich harten Winters 1946/47
spitzte sich die Hungerkrise weiter zu,
um sich im außergewöhnlich heißen,
von einer langanhaltenden Dürrepe­
riode gekennzeichneten Sommer 1947
abermals zu verschärfen. Die tatsächlich ausgegebenen Lebensmittelratio­
nen fielen um noch einmal rund ein
Drittel geringer aus, als die kümmerlichen offiziellen Zuteilungsmengen
versprachen. Der wachsende Unmut
der ausgezehrten Bevölkerung, die in
der französischen Besatzungsmacht
mehrheitlich weiterhin den Alleinschuldigen für die prekäre Versorgungslage ausmachte, erreichte im
Sommer 1947 ihren Höhepunkt. Erst
im Frühjahr 1948 verhinderten die
französische Zone erreichende Lebensmittelimporte das weitere Absinken
des Ernährungsstandards, sodass die
offiziellen Rationen ab Mai 1948 anstiegen. Dennoch musste es die Landauer
Bevölkerung noch im Juni 1948 hinnehmen, dass nicht ein einziges Gramm
der für diesen Monat vorgesehenen
Fleischzuteilung wegen rückständiger,
noch zu erfüllender Pflichtlieferungen
an die französische Armee zur Ausgabe gelangte. Erst im Zuge der sich
allmählich bessernden Ernährungslage
setzten die französischen Militärbehörden die belastenden Entnahmen aus
der landwirtschaftlichen Produktion
der Zone am 30. September 1948 offi­
ziell aus.
Restriktionen und Repressionen
Rue des Archives / CCI/SZ Photo
Die französische Besatzungsherrschaft
bedeutete für die Landauer Bevölkerung nicht nur eine Verschlechterung
der allgemeinen Lebensbedingungen,
sondern auch eine zusätzliche Beschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte, allem voran der Bewegungsfreiheit. Überschreitungen der nach
Kriegsende fortbestehenden nächtlichen Ausgangssperre wurden von
der Besatzungsgerichtsbarkeit unnachgiebig geahndet. Die Militärregierung
untersagte das Verlassen der Stadt zunächst, während sie den Verkehr von
Ort zu Ort weitgehend und das Radfahren anfangs vollständig verbot. Zwar
gab die Besatzungsmacht den Personenverkehr innerhalb des Landkreises
ab August 1945 frei, doch blieben Reisen über die Kreisgrenzen hinweg noch
bis Oktober 1945 auf wenige Ausnah-
mefälle beschränkt. Ein Ende fand die
Einschränkung der Bewegungsfreiheit
erst mit Inkrafttreten des Besatzungsstatuts, als die Militärregierung in Baden-Baden das für den Kraftfahrzeugverkehr geltende Sonn-, Feiertags- und
Nachtfahrverbot offiziell aufhob.
Aus Prestigegründen, aber auch aus
der Befürchtung heraus, von der deutschen Bevölkerung als Sieger nicht
ernst genommen zu werden, verpflichtete die französische Militärregierung
die Landauer Einwohnerschaft im
April 1945 sogleich demonstrativ zum
Grüßen der schnell das Stadtbild beherrschenden französischen Trikolore
sowie zur Ehrerbietung gegenüber
französischen Offizieren. Als unbotmäßige Respektlosigkeit ausgelegte Zuwiderhandlungen gegen die auch bei
der Flaggenhissung und beim Spielen
der französischen Nationalhymne geltende Grußpflicht wurden insbeson-
dere in den ersten Besatzungs­monaten
hart bestraft. Geltung verschaffte den
französischen Anordnungen das »Einfache Militärgericht Landau«, das als
Herrschaftsinstrument der Militärregierung an entscheidender Stelle zur
Disziplinierung der Einwohner des
Kreisgebiets beitrug.
Ausschreitungen und
­ wischenfälle
Z
Die Erwartungshaltung der Landauer
Einwohnerschaft, deren Wahrnehmung an die negativen Erfahrungen
der nur 15 Jahre zurückliegenden französischen Okkupation nach dem Ersten Weltkrieg anknüpfte, wurde durch
das Verhalten der ersten in Landau eingerückten französischen Armee-Einheiten bestätigt. Die Gewalttaten und
Übergriffe aus den Reihen der meist
zweitklassigen, in der Zusammensetzung höchst heterogenen Truppenteile
prägten das Bild der französischen Besatzungsmacht langfristig. Neben den
oftmals als arrogant empfundenen
französischen Offizieren traten vor
allem die vorwiegend im nördlichen
Afrika rekrutierten Mannschaften der
1. Französischen Armee in der Frühphase der Besetzung durch besondere
Gewaltbereitschaft gegenüber der Zivil­
bevölkerung hervor. Besonders häufig
waren Raubüberfälle, bei denen die
Opfer nicht selten schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen mussten. Außerdem kam es zu einer ganzen
Reihe von Vergewaltigungen, die sowohl in Landau selbst als auch in einigen der umliegenden Landgemeinden
verübt wurden. Der militärischen Führung gelang es erst Mitte 1946, die Ausschreitungen unter Kontrolle zu ­bringen.
Disziplinare Verfehlungen einzelner
französischer Garnisonsangehöriger
sowie beständige Auseinandersetzun­
gen und Zwischenfälle im alltäglichen
Zusammenleben sorgten jedoch auch
nach 1949 für Konfliktpotenzial.
 Falko Heinz
Literaturtipps
5Die französische Armee war 1945 an der Eroberung der Pfalz beteiligt. Neben
dem Wegweiser nach Maximiliansau (Rheinland-Pfalz) findet sich die Aufschrift »Ici
l´Allemagne« (Hier Deutschland).
Falko Heinz, Landau in der Pfalz unter französischer Besatzung 1945–1949, Frankfurt a.M. u.a. 2008 (= Militärhistorische Untersuchungen, 9).
Volker Koop, Besetzt. Französische Besatzungspolitik in
Deutschland, Berlin 2005.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
15
Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan
Die sowjetische Armee stand
von 1979 bis 1989 mit bis zu
120 000 Mann in Afghanistan.
Der Einmarsch und die anschließende Besetzung des Landes
riefen einen »Heiligen Krieg«
(Dschihad) hervor, den die Truppen der UdSSR und die Verbände der kommunistischen afghanischen Regierung in Kabul
gegen das Heer der Mudschaheddin, der »Heiligen Krieger«,
nicht gewinnen konnten. Die
Erfahrung von Überfällen, Hinterhalten und einem gnadenlosen Kampf Mann gegen Mann
wurde für die Soldaten der
Roten Armee und für die gesamte Bevölkerung der Sowjetunion zum Trauma. Die Hauptlast des Krieges hatten jedoch
die Afghanen zu tragen. 1,3 Mil­
lionen Menschen starben, viele
Einwohner flohen ins Ausland.
15 000 Sowjetsoldaten, die meis­
ten von ihnen junge Wehrpflich­
tige, fielen in Afghanistan.
Sowohl in der UdSSR und ihren
Nachfolgestaaten als auch in
Afghanistan selbst hinterließ
die Zeit der Besatzung tiefe
Narben. Die Erinnerung an
mehr als neun Jahre Krieg und
Kampf reicht bis in unsere Tage:
So versuchen die Oppositionellen Militanten Kräfte (Opposing Militant Forces, OMF) in
Afghanistan, zu denen auch die
Taliban zählen, in ihren Informationskampagnen die derzeitige Präsenz der internationalen Staatengemeinschaft mit
der sowjetischen Fremdherrschaft auf eine Stufe zu stellen.
16
Planeta Verlag
Der sowjetische Einmarsch
in Afghanistan und die
­Besatzung 1979 bis 1989
5Sowjetischer Konvoi unter Beschuss von Mudschaheddin.
W
ährend in Westeuropa und in
den USA die Familien Weih­
nachten feierten, landeten in
der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 1979 die ersten von 7000 sowjetischen Elitesoldaten der 103. Luftlandedivision aus dem weißrussischen
Witebsk in Kabul. Sie nahmen zunächst
den Flughafen und wenig später die
zentralen Punkte der Hauptstadt in Besitz. Unter dem Decknamen »Schtorm
(Sturm) – 333« erreichten Teile einer
insgesamt 650 Mann starken Sondereinheit des sowjetischen Geheimdienstes KGB am 27. Dezember den
Regierungspalast nahe der Stadt. Spezialkräfte in afghanischen Uniformen
liquidierten den afghanischen Präsidenten und Führer der regierenden
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA), Hafisullah Amin. Als
seinen Nachfolger setzte die sowjetische Führung Babrak Karmal ein, der
wie Amin Gründungsmitglied der
DVPA war.
Kurz nach den erfolgreichen Opera­
tionen in Kabul und der Besetzung
mehrerer kleinerer Flugfelder im Land
überschritten Verbände der 5. und 108.
Motorisierten Schützendivisionen den
Fluss Amudarja, die südliche Grenze
der UdSSR zu Afghanistan. Im weiteren Verlauf stießen mechanisierte Bodentruppen unter Nutzung der Ringstraße (siehe Karte) vor. Der Angriff gehörte zu den größten militärischen
Operationen, die sowjetische Streitkräfte in der Nachkriegszeit außerhalb
Mudschaheddin
Das Wort »Mudschaheddin« (Singular: Mudschahed) stammt aus dem
Persischen und bezeichnet jemanden, der den »Heiligen Krieg« (Dschihad) zu seiner eigenen Sache macht und damit den Islam verbreitet oder
schützt. Der Begriff wurde während der sowjetischen Besatzung Afghanistans von 1979 bis 1989 gebräuchlich und ist seitdem als Selbstbezeichnung für die Angehörigen islamistischer Guerilla-Gruppen verbreitet.
Mudschaheddin kämpften ebenso während des Balkankrieges auf der
Seite der bosnisch-muslimischen Truppen wie im Algerischen Bürgerkrieg, in Kaschmir und im Irak. Aktuell ist zu be-obachten, dass auch die
Taliban ihre Kämpfer immer wieder als Mudschaheddin bezeichnen.
April 1978 nominell unter kommunistischer Führung stand. In der »SaurRevolution« hatte sich damals die
DVPA Nur Mohammed Tarakis an die
Macht geputscht, die autoritäre Regierung von Mohammed Da’ud gestürzt
und in Afghanistan ein volksdemokratisches System eingeführt. Dieses litt
allerdings auch unter neuem Namen
unter altbekannten Machtkämpfen
und innergesellschaftlichen Spannungen. Innerhalb der DVPA tobten
Konflikte zwischen der Fraktion der
»Chalk« (Volk) unter dem Paschtunen
Taraki, seit April 1978 afghanischer
Präsident, und Hafisullah Amin einerseits sowie den Anhängern der »Parcham« (Banner) unter Babrak Karmal
andererseits. Taraki, Amin, Karmal
und weitere Führer der DVPA verband
picture alliance-dpa/Lehtikuva
der UdSSR durchgeführt haben. Der
sowjetische Vormarsch traf in einigen
Städten zwar auf den Widerstand afghanischer Truppen, doch gelang es
der Führung in Moskau bis zum Januar 1980 nahezu ungehindert, im
Landmarsch sowie im Lufttransport
80 000 Mann nach Afghanistan zu verlegen. Widerstand gegen eine derartige
Streitmacht erschien chancenlos.
Die Besetzung des Landes war der
Auftakt für einen mehr als neun Jahre
währenden Krieg zwischen den sowjetischen Truppen und der Armee einer
neu installierten kommunistischen Regierung in Kabul auf der einen sowie
einer Streitmacht von Stammeskriegern auf der anderen Seite. Die sowjetische Intervention rief einen »Heiligen
Krieg« (Dschihad) hervor, den die Mudschaheddin (siehe Kasten) aus den
unzugänglichen Gebirgsregionen Afghanistans oder von Pakistan aus
führten. Dabei wurden sie immer wirksamer mit Material und Logistik von
den Geheimdiensten der USA und Chinas unterstützt.
Trotz der erheblichen technischen
Überlegenheit gelang es den Besatzern
nicht, die ausufernden Kämpfe im
Land siegreich zu beenden. Im Verlauf
der militärischen Auseinandersetzungen mussten etwa 15 000 sowjetische Soldaten ihr Leben lassen. Erst
die Veränderung der geopolitischen
Lage durch Glasnost und Perestroika
sowie das internationale Genfer Afghanistan-Abkommen von 1988 schufen
die Voraussetzungen für den Abzug
der letzten sowjetischen Truppen am
15. Februar 1989.
ein komplexes, in Jahrzehnten gewachsenes Konkurrenzverhältnis, überlagert durch bestehende Stammes-, Fami­
lien- und Freundschaftsbeziehun­gen.
Mit wenig Begeisterung beobachtete
die sowjetische Führung von Moskau
aus, dass die afghanischen Kommunisten neben weltanschaulichen Fragen vor allem die Sicherung individueller Machtpositionen und die Ausschaltung von Gegnern umtrieb. Viele
Führer der DVPA verstanden ihre Ämter und Funktionen als Pfründe, die
man wiederum an verdiente Gefolgsleute vergeben konnte. Insbesondere
Tarakis Konkurrent Hafisullah Amin
bereicherte sich als Chef der Geheimpolizei an Besitztümern des Exkönigs
Sahir Schah und des gestürzten Präsidenten Da’ud oder verteilte diese großzügig an eigene Günstlinge. Er ließ
schließlich Taraki im Oktober 1979 ermorden und beerbte ihn als afghanisches Staatsoberhaupt, während ihr
gemeinsamer Gegner Babrak Karmal
als Botschafter ins Ausland abgeschoben wurde. Als die sowjetische Führung Karmal Ende 1979 aus dem
erzwungenen Exil zurückholte und an
die Spitze der afghanischen Kommunisten stellte, tat sie dies im Bewusstsein, mit Hafisullah Amin ein unberechenbares Risiko für die sowjetische
Kommunismus afghanischer
­Prägung
Der sowjetische Einmarsch im Dezember 1979 traf ein Land, das bereits seit
5Der afghanische Staatschef Nadschibullah (Bildmitte) bei der Verabschiedung sowje­
tischer Truppen, Kundus 1986.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
17
Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan
Vormachtstellung in Afghanistan beseitigen zu müssen.
In den afghanischen Provinzen hatten die Menschen die kommunistische
»Saur-Revolution« mehrheitlich als einen Kampf der Clans und Ethnien um
die Macht verstanden. Die Herrschaft
der in sich zerstrittenen DVPA hatte
der sowjetischen Regierung vor Augen
geführt, dass sich eine zentral gesteuerte Umgestaltung des Landes nur unter größten Schwierigkeiten und gegen
den Widerstand der Masse der ländlichen Bevölkerung erreichen ließ. Die
DVPA hatte seit 1978 den Anspruch erhoben, die afghanische Gesellschaft
nach sowjetischen Vorstellungen zu
modernisieren und umzuformen. Die
überwiegend paschtunisch geführte
»Chalk«, die zum Zeitpunkt ihrer
Machtergreifung nicht mehr als 10 000
Mitglieder gezählt hatte, scheiterte mit
dem Versuch einer rabiaten Landreform und anderer tief greifender Veränderungen.
Wiederholt hatten sowjetische Diplomaten der Regierung in Kabul empfohlen, bei der Sowjetisierung einen
behutsamen Kurs einzuschlagen, auf
die regionalen und lokalen Machtverhältnisse Rücksicht zu nehmen und
selbst der Religionsausübung zunächst
keine Hindernisse in den Weg zu legen. Die Moskauer Führung bevorzugte für Afghanistan Modelle aus der
Frühphase der UdSSR, als der noch
schwache Zentralstaat versuchte, den
sowjetischen Nationalitäten sozialistische Inhalte zu vermitteln, ohne dabei gleich deren gewachsene Kulturen
zu zerstören. Was die Erfolgsaussichten
der Umbaubestrebungen und die Zuverlässigkeit der afghanischen Genossen betraf, hegte die Führung der
UdSSR gravierende Bedenken. Trotzdem unterstützte der Kreml den »sozia­
listischen Bruderstaat« mit Waffen und
Beratern.
Freilich stieß die DVPA in Afghanis­
tan nicht nur auf Widerstand. Ihre Repräsentanten begriffen sich als Kämpfer für den Fortschritt und lehnten die
traditionelle afghanische Gesellschaftsordnung ebenso wie die Herrschaft lokaler Stammesführer als rückwärts­
gewandt und perspektivlos ab. Das
Projekt des Sozialismus dagegen sicherte in den Augen der DVPA breiten
Bevölkerungsschichten den Zugang zu
Bildung und Kultur. Afghanistan öff-
18
nete sich der (sozialistischen) Welt.
Erstmals verließen Menschen in größerer Zahl das Land für Zwecke der Ausbildung oder der Erholung. Die neue
Zeit brachte insbesondere in der Haupt­
stadt Kabul eine neue Generation von
Schriftstellern, Filmemachern und
Künstlern hervor, allerdings um den
Preis der Emigration, Verhaftung oder
Liquidierung jener Intellektuellen, die
sich dem Sozialismus entgegenstellten.
Die afghanischen Konfliktparteien
ließen sich nicht einfach ideologischen
Lagern zuordnen, wie sich dies die sowjetische Führung 1978 vorgestellt haben mochte. Die Führer der DVPA –
die übrigens mit dem Kommunismus
häufig erst im Verlauf ihrer Ausbildung an Universitäten der USA in Berührung gekommen waren – blieben
trotz politischer Bekenntnisse doch immer auch Akteure im traditionellen afghanischen Kampf um die Macht. Sie
sahen sich einer Gesellschaft gegenüber, die zu großen Teilen den Kommunismus als Bedrohung der eigenen,
althergebrachten Kultur ablehnte. Präsident Karmal musste ebenso wie ab
1986 sein Nachfolger, der ehemalige
Chef der afghanischen Geheimpolizei,
Mohammed Nadschibullah, mehr und
mehr den Ausgleich mit regionalen
Machthabern, religiösen Führern und
selbst mit den Mudschaheddin suchen.
Es ist von symbolischer Bedeutung,
dass der Kommunist Karmal die traditionelle Landesfahne in Schwarz-RotGrün wieder einführte, die sein Vorgänger Taraki durch ein rotes Banner
hatte ersetzen lassen. Bezeichnenderweise brach auch die Regierung Nadschibullahs nicht mit dem sowjetischen
Abzug von 1989 zusammen. Sie überstand 1990 den Putschversuch des Verteidigungsministers Schahnawas Tanai
und verlor erst 1992 ihre Macht an die
Mudschaheddin.
Gründe für den sowjetischen
Einmarsch
Zeitgenössische Beobachter interpretierten die sowjetische Intervention
meist als einen folgerichtigen Schritt
der Supermacht beim »Aufmarsch am
Indischen Ozean«. Afghanistan und
»die Afghanen« spielten nach dieser
Sicht die Rolle passiver Opfer im
Kampf der UdSSR und der USA als
neue Spieler im »Great Game«. Daher
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
wurden der »Heilige Krieg« der Mudschaheddin gegen die Aggressoren
und ihr Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung im Westen meist glorifiziert. In der Rückschau erscheinen die
Ereignisse komplizierter und vielschich­
tiger. Die UdSSR ließ sich in Afghanistan in einen Konflikt hineinziehen,
der Züge einer schweren staatlichen
und gesellschaftlichen Krise zeigte.
Bis kurz vor dem Einmarsch lehnten
sowohl eine Mehrheit im sowjetischen
Politbüro als auch die meisten der Spitzenmilitärs das Abenteuer einer Truppenentsendung ab. Der KGB empfahl
eine Vermittlung innerhalb der DVPA
und die indirekte Unterstützung der
afghanischen Führung beim Kampf
um die Macht im Land. Die angespannte Lage in Afghanistan war zuletzt am 15. März 1979 offenbar geworden, als in Herat ein Aufstand losbrach.
Bewohner der Stadt, Guerillakämpfer
und Soldaten der örtlichen Garnison
lieferten sich vier Tage lang blutige Gefechte mit afghanischen Regierungstruppen. Die Märzunruhen in Herat
forderten 5000 Tote, darunter 50 sowjetische Militärberater und ihre Familienangehörigen. Sie waren der Auftakt
für schwere Kämpfe, in deren Verlauf
Teile der Provinzen Kunar und Paktia
und selbst einzelne Stadtviertel von
Kabul an aufständische Milizen verloren gingen.
Hatte die Führung der »Chalk« es
noch verstanden, ihre Rivalen innerhalb der DVPA auszuschalten, so erwies sie sich nun mit der militärischen
Bedrohung überfordert. Amin wurden
Verbindungen zum amerikanischen
Geheimdienst CIA, zur Regierung Pakistans und zu islamistischen Führern
nachgesagt. Nachdem ein Attentat auf
ihn gescheitert war, ging Amin seinerseits gewaltsam gegen die Anhänger
Tarakis vor und ließ diesen am 9. Oktober 1979 ermorden. In den Wochen vor
dem sowjetischen Einmarsch versuchte
Amin in völliger Verkennung der eigenen Lage seine Position gegenüber der
sowjetischen Führung zu stärken, indem er demonstrativ die Kontakte zu
den USA ausbaute. Für die sowjetische
Führung wurde er endgültig untragbar.
Letztlich dürfte für die Intervention –
in Übereinstimmung mit der Breschnew-Doktrin, die von der beschränkten
Souveränität der sozialistischen Staa-
ten ausging und daraus das Recht ableitete, bei Gefährdung des Sozialismus in diesen Staaten entsprechend
einzugreifen, und angesichts einer unsicheren Südflanke – ausschlaggebend
gewesen sein, dass Moskau das Erstarken eines militanten Islams befürchtete. Dies bedeutete aus sowjetischer
Sicht eine erhebliche Bedrohung der eigenen Interessen. Mit der DVPA, deren
Führer annahmen, sie könnten die
UdSSR für ihre eigenen Ziele instrumentalisieren, erschien eine erfolgreiche Bekämpfung dieser Gefahr unmöglich. Die Invasion diente in erster
Linie dem Zweck, die ungeliebte Regierung Hafisullah Amin zu ersetzen,
nachdem dies zuvor mit anderen Mitteln gescheitert war. Trotz gewichtiger
Bedenken entschloss sich die sowjetische Führung Ende des Jahres 1979
schließlich zum Einmarsch in Afghanistan.
Besatzung und Widerstand
Sowjetische Truppen nahmen zunächst
die großen Städte und Garnisonen in
Besitz und sicherten die wichtigsten
Verkehrsverbindungen und Kommunikationslinien. Die sowjetische Führung richtete sieben Militärkommandos ein, in denen sowjetische Generäle
mithilfe ihrer eigenen Verbände und
der Truppen der neuen afghanischen
Zentralregierung für Ruhe und Ordnung im Land sorgen sollten. Den Afghanen kam dabei vor allem die Aufgabe zu, die Provinzen zu sichern,
doch zeigten sie sich mit diesem Auftrag rasch überfordert. Schon wenige
Monate nach der Invasion wurden aus
den meisten Regionen sowie aus Kabul
Kämpfe unterschiedlicher Intensität
gemeldet. Die Städte Dschalalabad und
Herat gerieten zeitweise unter die Kontrolle der Mudschaheddin. Bereits im
März 1980 begann eine erste sowjetische Großoffensive gegen die Provinz
Badachschan sowie gegen die östli­
chen, hauptsächlich von Paschtunen
besiedelten Gebiete an der Grenze zu
Pakistan.
Von der westpakistanischen Stadt
Peschawar aus formierte sich der afgha­
nische Widerstand. Dort errichteten
muslimische Freischärler unterschiedli­
cher Ausrichtung ihre Versorgungsbasen,
unterstützt und teilweise finanziert
durch den pakistanischen Geheim­
dienst Inter-Services Intelligence (ISI).
Die Parteien, Stämme und Gruppen
des Widerstandes verbanden rasch
wechselnde Allianzen, doch verfügten
sie über keine gemeinsame Vision für
die Zukunft. Vielmehr vereinte sie die
Ablehnung einer fremden, nicht-muslimischen Armee im eigenen Land, die
Bekämpfung der kommunistischen
Zentralregierung in Kabul, die mit Unterstützung der Sowjetunion die Idee
eines modernen Zentralstaates auf ihre
Fahnen schrieb, sowie nicht zuletzt die
Verteidigung traditioneller Lebensweise und Kultur. Die Mudschaheddin
verhandelten jedoch sowohl mit afghanischen Kommunisten in Kabul als
auch mit sowjetischen Truppenführern, wenn sie sich hiervon Vorteile versprachen. Selbst der einflussreichste
Führer der Mudschaheddin, der »Löwe
von Pandschir« Achmad Schah Massud, bildete in dieser Hinsicht keine
Ausnahme.
Die Mudschaheddin verfügten weder über moderne und schwere Bewaffnung noch über zentrale Kom-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
19
Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan
picture alliance-dpa
mando- und Kommunikationsstrukturen. Seit 1986 erhielten sie von den
USA tragbare Luftabwehrsysteme vom
Typ »Stinger«. Vielen Beobachtern galt
die Lieferung der »Stinger« als Wendepunkt in diesem Konflikt, der entscheidend zum Rückzug der Sowjets beigetragen habe. Doch ist auch bekannt,
dass amerikanische Waffenlieferungen
innerhalb der sowjetischen Führung
die Position der »Falken« nachhaltig
stärkten. Unter Generalsekretär Michail
Gorbatschow und unter den Bedingun­
gen der beginnenden Perestroika diskutierte die sowjetische Führung bereits 1986 intensiv über eine politische
Lösung des Afghanistan-Problems.
Das Engagement des Auslandes zugunsten Afghanistans verzögerte daher eher den Entschluss zum Truppenabzug – übrigens ganz im Sinne der
CIA, die das Engagement der UdSSR
in Afghanistan vor allem unter dem
Aspekt einer fortlaufenden Schwächung der gegnerischen Supermacht
bewertete.
Die technische Unterlegenheit der
Mudschaheddin machte gleichzeitig
ihre Stärke gegenüber einer modernen
Besatzungsarmee aus. Ortskenntnisse
und die Unterstützung durch die Bevölkerung erwiesen sich gegenüber
der sowjetischen Luftaufklärung als
überlegen. In einem Land fast ohne
Fernmelde-Infrastruktur erbrachte ein
archaisch anmutendes Netz von Spähern und Boten verlässlichere Informationen als die elektronische Kampfführung oder sowjetische V-Leute. Es ist
bezeichnend, dass in der Roten Armee
für die Mudschaheddin die Bezeichnung »Duchy« (Geister) verbreitet war:
Die afghanischen Krieger entzogen
sich sowjetischem Artilleriefeuer und
selbst den intensiven Bombardements
aus der Luft, um dann wenig später
wie aus dem Nichts aufzutauchen und
im Kampf Mann gegen Mann Angst
und Schrecken zu verbreiten. Die
Schläge der Besatzungsarmee hingegen gingen häufig ins Leere.
Die sowjetischen Soldaten wurden
im Verlauf der folgenden neun Jahre
Teil eines ausufernden Krieges, an dessen Ende 1,3 Millionen tote afghanische
Zivilisten und Kämpfer sowie mehr als
fünf Millionen (und damit ein Drittel
der Vorkriegsbevölkerung) Flüchtlinge
und weitere zwei Millionen Binnenflüchtlinge standen, die teils bis heute
nicht in ihre angestammten Siedlungsgebiete zurückgekehrt sind.
Auswirkungen des Krieges
5Mudschaheddin in den afghanischen
Bergen, Aufnahme von 1985.
20
Die sowjetische Armee durchlief in Afghanistan einen schmerzlichen Lernprozess. Schon bald wurde deutlich,
dass mit den klassischen, im Kalten
Krieg für den westeuropäischen
Kriegsschauplatz entwickelten Einsatz­
grundsätzen keine Erfolge zu erzielen
waren. Vor allem in den Luftlandeund Luftunterstützungsverbänden, in
erster Linie aber in den Spezialtruppen
trug man dieser Erkenntnis rasch Rechnung. Für das Gros der sowjetischen
Mot.-Schützenverbände experimentierte die Rote Armee mit neuen Gliederungen und gemischten Kampfgruppen, doch wirkten sich Veränderungen
in Ausrüstung und Ausbildung hier
nur sehr langsam aus. Eine zentrale
Rolle im Kampf gegen die Mudschaheddin spielten die zunächst praktisch
unangreifbaren Hubschrauber, allen
voran die schwer bewaffnete und für
alle Afghanistan-Kämpfer legendäre
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Mi-24 (im NATO-Sprachgebrauch:
Hind).
Alle angestrebten Veränderungen bei
Taktik und Ausrüstung konnten ein
wesentliches Ziel der Besatzungsarmee
nicht erreichen: die dauerhafte Sicherung von Versorgungs- und Kommunikationslinien. Die sowjetischen Truppen beherrschten zwar die größeren
Städte sowie zentrale Punkte, ihnen
gelang es aber während des gesamten
Krieges nicht, abgelegene Regionen
wie das Pandschir-Tal einzunehmen.
Die Mudschaheddin konnten hingegen
immer größere Teile der ländlichen
­Gebiete unter ihre Kontrolle bringen.
In Afghanistan dienten nie mehr als
120 000 Rotarmisten gleichzeitig, während die USA in (Süd-)Vietnam, das
etwa ein Viertel der Fläche Afghanistans ausmachte, zeitweise eine halbe
Million Soldaten stationiert hatten.
Sowje­tische Kommandeure mussten
für große Operationen »Regiments­äqui­
valente« aus verschiedenen Bereichen
»zusammenborgen«.
Die Sowjetarmee bestand nicht nur
aus Elitesoldaten, sondern vor allem
aus jungen Wehrpflichtigen. Diese
stamm­ten zu Beginn des Krieges häufig aus sowjetischen Unionsrepubliken
mit muslimischer Prägung wie Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan.
Im Verlauf der Besatzung wurden vermehrt Slawischstämmige oder Männer
aus den baltischen Republiken eingezogen, um unerwünschte Kontakte zur
Bevölkerung und vor allem zu den Mudschaheddin zu verhindern. Neben
der Brutalität ihres Einsatzes machte
den Besatzungssoldaten der Gedanke
an die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit ihres Dienstes zu schaffen. Er untergrub die Moral, während unter den
Mudschaheddin Selbstbewusstsein
und Siegeszuversicht wuchsen. Von
642 000 sowjetischen Soldaten, die bis
zum Rückzug in Afghanistan dienten,
wurden mehr als 70 Prozent verwundet oder erkrankten ernsthaft, etwa
150 000 Mann alleine an Hepatitis und
Typhus. Die Erfahrung des jahrelangen
Krieges wurde für viele zum lebenslangen Trauma, und bis heute stehen
die zurückgekehrten »Afganzy«, viele
von ihnen versehrt an Körper und
Geist, am Rand der Gesellschaft.
Sowohl aufseiten der Regierungstruppen und Sicherheitskräfte als auch
unter den Mudschaheddin und der So-
picture alliance-dpa
5Abziehende sowjetische Soldaten. Auf dem Spruchband steht: »Sei gegrüßt, Heimat!«
wjetarmee ereigneten sich Übergriffe
und Verbrechen in erheblichem Ausmaß. Zudem desertierten die afghanischen Soldaten in Scharen. Umfasste
die Regierungsarmee vor 1978 noch
100 000 Mann, schwand ihre Zahl nach
einem Jahr sowjetischer Besatzung auf
nicht mehr als 30 000. Die meisten waren demoralisiert, schlecht ausgebildet
und wenig motiviert, in einen Kampf
gegen die zu allem entschlossenen Mudschaheddin zu ziehen. Viele schlossen sich den Milizen der Warlords an
und setzten den Krieg auf eigene Rechnung fort.
Neben dem militärischen Gegner
wurde vor allem die Zivilbevölkerung
zum Opfer der Kämpfe. Im Verlauf von
Militäroperationen gegen die Mudscha­
heddin zerstörten die Sowjets systematisch Dörfer und Landstriche. Mord,
Raub und Plünderungen waren weit
verbreitet. Afghanische Widerstandskämpfer lenkten durch gezielte Angriffe das sowjetische Artilleriefeuer
auf zivile Siedlungspunkte, deren Bewohner am Verlassen ihrer Dörfer gehindert wurden. Durch den sowjeti­
schen Beschuss getötete Zivilisten wurden dann den Medien als unschuldige
Opfer präsentiert. Demoralisierte sowjetische Truppenführer verkauften
Waffen und Gerät an den Gegner. Alkoholismus und Drogenkonsum verstärkten bestehende Probleme der
Menschenführung. An Straßensperren
wurden Zivilisten ausgeraubt und
dann oft als angebliche oder tatsächliche Mudschaheddin erschossen. In
den sowjetischen Streitkräften war für
dieses Verfahren der Begriff »jemanden
nach Kabul bringen« verbreitet.
Afghanistan erlebte während der Besatzung – entgegen den Verheißungen
des Sozialismus – eine weitgehende
Zerstörung und Fragmentierung. Die
Intervention von 1979 schuf die Rahmenbedingungen für die Fortsetzung
und Radikalisierung des Bürgerkriegs,
statt ihn zu beenden. In Afghanistan
rief sie den internationalen islamischen
Fundamentalismus auf den Plan, der
heute eine weltweite Bedrohung der
Sicherheit darstellt. Vor allem aber
machte die Sowjetherrschaft deutlich,
dass der Einsatz militärischer Mittel allein in einem komplexen Umfeld wie
Afghanistan nicht ausreicht, um von
Kabul aus einen stabilen Zentralstaat
zu etablieren.
 Bernhard Chiari
Literaturtipps
Bernhard Chiari (Hrsg.), Wegweiser zur Geschichte:
­Afghanistan, 3., durchges. und erw. Aufl., Paderborn u.a.
2009.
Conrad Schetter, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
21
Das historische Stichwort
»Weserübung« 1940
ullstein bild
Service
5Versenkung der »Blücher« im Oslofjord, 9. April 1940.
D
as Unternehmen »Weser­übung«
bezeichnete den deutschen
Überfall auf die neutralen Staaten Dänemark (»Weserübung Süd«)
und Norwegen (»Weserübung Nord«)
ab 9. April 1940. Es endete mit der Kapitulation der Streitkräfte der Königreiche Dänemark am 9. April und Norwegen am 10. Juni 1940. Von deutscher
Seite waren Verbände bzw. Einheiten
der Kriegsmarine, des Heeres und der
Luftwaffe im Einsatz: Es handelte um
die bis dahin größte triphibische Operation.
Die deutsche Führung ließ in ihre
Angriffspläne mehrere Überlegungen
einfließen: Erstens hatte die Erfahrung
des Ersten Weltkrieges gelehrt, wie
wichtig Welthandelswege und Rohstoffe für die Kriegführung waren.
Hierbei kam Skandinavien eine bedeutende Rolle zu: Die Erzlieferungen aus
dem schwedischen Kiruna über Narvik machten nahezu 50 Prozent des
deutschen Erzbedarfs aus. Das schwedische Erz wurde von Narvik aus unter dem Schutz der norwegischen Neutralität nach Deutschland verschifft.
Zweitens benötigten Kriegsmarine und
Luftwaffe für den bevorstehenden
Waffengang mit dem britischen Welt-
22
reich Häfen und Flugplätze in Norwegen. Außerdem konnten so die Ostseezugänge gesperrt werden. Das Heer
wiederum sah in der Invasion Dänemarks die einzige Chance, Norwegen
erobern zu können. Es war auf die Trans­
portkapazitäten der anderen Teilstreitkräfte angewiesen. Drittens wurde vermutet, dass auch die Alliierten die Bedeutung Skandinaviens erkannt hatten
und dort ebenfalls landen wollten.
Die deutsche Seite griff auf eine Studie des Konteradmirals Wolfgang Wegener aus den 1920er Jahren zurück. Er
hatte die völkerrechtswidrige Besetzung der neutralen Staaten Norwegen
und Dänemark zum festen Bestandteil
marinestrategischer Planungen im Falle
einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Großbritannien gemacht. Das
ganze Unternehmen sollte den Charakter einer »friedlichen Besetzung« tragen,
Skandinavien zu seinem »eigenen«
Schutz vor den Westmächten besetzt
werden.
Im Vorfeld der Invasion kam es am
14. Februar 1940 zur sogenannten Altmark-Affäre: Der britische Zerstörer
»Cossack« drang am 16. Februar auf
direkten Befehl von Premierminister
Winston S. Churchill in norwegisches
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Hoheitsgebiet ein, um britische Gefangene auf dem deutschen Versorger
»Altmark« zu befreien. Diese massive
Verletzung der norwegischen Neutralität verstärkte die deutschen Befürchtungen, wonach die Regierung in Oslo
den neutralen Status nicht entschieden
genug gegenüber britischen Verletzun­
gen verteidigen würde. Wenige Tage
nach dem Ereignis beauftragte Hitler
General der Infanterie Nikolaus von
Falkenhorst mit der Planung und Leitung einer Invasion in Norwegen. Der
Befehl für die »Weserübung« wurde
Anfang März von Hitler unterzeichnet,
am 20. März meldete Falkenhorst den
Abschluss der Vorbereitungen. Tatsäch­
lich war bereits am 6. April eine briti­
sche Brigade in Stavanger gelandet, erhielt aber am Tag darauf den Befehl
sich zurückzuziehen. Zwei Tage später
begann die britische Marine norwegi­
sche Gewässer zu verminen, um deutsche Erztransporter aus der norwegischen Neutralitätszone heraus ins
­offene Meer zu drängen. Die deutsche
Invasion erschien somit als direkte
Antwort auf die britische Aktion. Während das norwegische Parlament über
eine angemessene Reaktion auf die britische Verletzung der Neutralität beriet,
zertruppe nahezu nicht existierten. Die
Kriegsschiffgruppe 1 war unterdessen
in Narvik gelandet und die Stadt
wurde kampflos übergeben. Wenig spä­
ter kapitulierte Bergen. Lediglich Kristiansand und Oslo wurden erfolgreich
verteidigt. In der völlig irrigen Annahme, dass man in Oslo freundlich
empfangen würde, fuhr die Kriegsschiff­
gruppe 5 mit dem Schweren Kreuzer
»Blücher« an der Spitze in den Oslo­
fjord ein und wurde an der engsten
Stelle des Fjords von norwegischen
Küstenbatterien unter Feuer genommen. Der moderne, erst kurz zuvor in
Dienst gestellte Kreuzer sank mit 1000
Mann.
Schon bald beherrschte die deutsche
Luftwaffe den Luftraum über den
Schiff­fahrtsrouten nach Norwegen, da
der Großteil der norwegischen Luftwaffe am Boden zerstört worden war.
Am 20. April hatten die Okkupanten
ganz Südnorwegen und das Flachland
eingenommen, nur das Inland war immer noch in norwegischer Hand. Die
Alliierten waren in dieser Situation
keine große Hilfe mehr. Zwei für Norwegen eingeplante britische Divisio­
nen wurden nach Frankreich umgeleitet. Da die Häfen in deutscher Hand
waren, konnten sie nicht mehr von britischen Schiffen angelaufen werden. In
der Nacht zum 28. April trat dann die
endgültige Wende im Kampf um Norwegen ein: Der Kommandeur der britischen Streitkräfte erhielt den Befehl
zur Evakuierung Südnorwegens, und
auch 4000 französische Gebirgsjäger,
die in Namsos gelandet waren, zogen
sich aus dem Gebiet zurück. Der Krieg
um Norwegen fand jetzt in erster Linie
in und um Narvik statt. Die Situation
für die dort eingeschlossenen deutschen
Truppen, Gebirgsjäger unter General
Eduard Dietl und 2600 Besatzungsmitglieder deutscher Kriegsschiffe, wurde
kritisch. Am 28. Mai schlug jedoch eine
letzte französisch-norwegische Offensive in Narvik fehl und am 7. Juni
wurde der Kampf in Norwegen endgültig beendet. Durch die deutsche
Westoffensive war von Großbritannien
und dem inzwischen besetzten Frankreich keine Hilfe mehr zu erwarten.
Der König floh nach London, um von
dort den Widerstand zu organisieren.
Am 10. Juni war Norwegen endgültig
besetzt.
Auf deutscher Seite hatten 130 000
Mann an der »Weserübung« teilgenom­
men, denen 60 000 norwegische und
35 000 britische, französische sowie exil­
polnische Soldaten gegenüberstanden.
Während der Kampfhandlungen fielen
4296 Briten, 1335 Norweger und je 530
Polen und Franzosen. Die Wehrmacht
zählte 1317 Gefallene, 1604 Verwundete und 2375 Vermisste. Die Luftwaffe
verlor 242 Maschinen; die Kriegsmarine einen schweren Kreuzer, zwei
leichte Kreuzer, zehn Zerstörer, ein
Torpedoboot und vier U-Boote. Die
Seestreitkräfte büßten damit rund ein
Drittel ihres Bestandes ein. Es war der
Anfang vom Ende der deutschen Zerstörerwaffe, was sich bitter rächen
sollte. Das harte deutsche Besatzungsregime dauerte bis Mai 1945.
Heiner Bumüller
ullstein bild
befanden sich die deutschen Kriegs­schiff­
gruppen bereits vor der norwegi­schen
Küste. Frankreich und Großbritannien
sandten eine Note an die Regierung
Norwegens, in der erklärt wurde, dass
Deutschland an einer Invasion gehindert werden müsse.
Die deutsche Generalidee bestand
darin, mit Verbänden aus Heer, Marine
und Luftwaffe gleichzeitig anzugreifen. An einem bestimmten Tag (»Weser­
tag«) sollten sieben Punkte (»Landungs­
plätze«) in Dänemark und Norwegen
von jeweils einer Kampfgruppe zur
selben Zeit (»Weserzeit«) angegriffen
werden. Das setzte eine umfangreiche
Planung und Koordinierung der drei
Teilstreitkräfte voraus, die damit am
14. Dezember 1939 begonnen hatten.
Die ausgewählten Ziele lagen mehrere
hundert Kilometer voneinander entfernt, was einen genauen Zeit- und
Marschplan notwendig machte. Die
Operation hatte schnell zu erfolgen, da
man die maritime Überlegenheit der
Westmächte bei einer längeren Ausein­
andersetzung fürchtete.
In Dänemark sollten auf dem Seeweg
Kampfgruppen des Heeres durch die
Marine in Middelfart, Nyborg, Korsør,
Kopenhagen und Gedser angelandet
werden. Gleichzeitig sollten Heeresverbände auf dem Landweg in Dänemark einfallen.
Norwegen sollte durch in Narvik,
Trondheim, Bergen, Christiansand,
Egersund, Arendal und Oslo durch die
Marine angelandete Heeresverbände
gesichert werden, einzig Stavanger war
aus der Luft zu erobern. Weitere Heeresverbände wurden auf Handelsschiffen nachgeführt. Auftrag war zunächst,
die Hafenstädte gegen die Briten zu sichern und die norwegische Mobilmachung zu verhindern.
Die Operation »Weserübung Süd«
war am 10. April 1940 aus deutscher
Sicht erfolgreich abgeschlossen, die
Wehrmacht konnte die dänischen Bahnund Straßenverbindungen für den Nachschub nach Norwegen ebenso nutzen
wie die Flugplätze und Häfen des
Landes.
Der norwegische Generalstab befahl
für die Felddivisionen in Südnorwegen
eine Teilmobilisierung. Diese bestand
jedoch nur auf dem Papier, da die Küs­
tenforts bloß ein Drittel ihrer Sollstärke
aufwiesen, die Infanterie schlecht ausgestattet war und Luftwaffe sowie Pan-
5Deutsche Gebirgsjäger in Nordnorwegen, 20. Mai 1940.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
23
Service
Medien online/digital
Andreas Hofer
www.1809-2009.eu
Am 20. Februar 1810 – vor zweihundert Jahren – wurde Andreas Hofer in
Mantua auf direkten Befehl Napoleons
standrechtlich erschossen. Er war der
Führer des gegen die bayerische und
französische Besatzung gerichteten Tiroler Aufstandes von 1809. Neben dem
Krieg in Spanien von 1808 bis 1814 waren die Vorgänge in Tirol der Beginn
des modernen Guerilla- und Volkskrieges. Die Erhebung von 1809 und
ihr Anführer Andreas Hofer sind bis
heute wichtige Elemente der Tiroler
Landeskultur. Daher ist auch das Lied
»Zu Mantua in Banden«, das Hofers
letzten Gang besingt, seit 1948 die Tiroler Landeshymne.
Auf einer eigenen Internetseite
(www.1809-2009.eu) erinnert das Land
Tirol unter dem Motto »Geschichte
trifft Zukunft« an die Ereignisse vor
200 Jahren. »Geschichte trifft Zukunft«
ist eine wahre Fundgrube zum Tiroler
Aufstand. Sie wird in deutsch, italienisch und ladinisch angeboten. Die
Seite gliedert sich in die Rubriken »Kalender«, »Geschichte«, »Zukunft«,
»Projekt« und Service«, die jeweils
durch ihre Vielfalt bestechen.
Die Rubrik »Geschichte« beginnt mit
einer Spalte zur Person Hofers, setzt
sich fort im Gedenkjahr 1959 »Mythos
Freiheitskampf«, bietet u.a. Texte zur
Geschichte Tirols im Europa der napoleonischen Kriege, aber auch zur späteren Erinnerungskultur. Die Rubrik
»Zukunft« zeigt 27 Statements zu der
Frage: »Welche Stärken hat ein Land,
welche Verbesserungsmöglichkeiten
und welche Zukunftsperspektiven gibt
es?«. Die Rubrik »Projekt« zeigt die
24
vielfältigen Möglichkeiten, öffentlichkeitswirksam über den Tiroler Aufstand nachzudenken: Mal-, Literaturund Kreativwettbewerbe, Jugendquiz,
Dichterlesungen etc. Die Rubrik »Service« bietet u.a. einen Überblick über
die wichtigste Literatur zu Tirol 1809
bzw. den Hinweis auf ausleihbare
Filme sowie die Wanderausstellung
»Tirol 1809. Vom Freiheitskampf zum
Kassenschlager«.
Die Internetseite wurde für das Jubiläumsjahr 2009 erstellt. Sie bleibt aber
auch danach interessant. Sowohl die
Ereignisse selbst, als auch deren Wirkungsgeschichte, der Bezug zur Gegenwart und Ausblicke auf die Zukunft werden dort geboten. Sie enthält
somit alle Aspekte, die auch für die historisch-politische Bildung von Bedeutung sind.
hp
Hannoveraner Armee
Deutsche Militärgeschichte darf nicht
mit preußischer Militärgeschichte
gleichgesetzt werden! Diese Warnung
entspringt keinem bayerischen Schulbuch, sondern ist die logische Konsequenz der territorialen und staatlichen
Zersplitterung Deutschlands in seiner
Geschichte. Ein Blick auf die Internseite des Arbeitskreis hannoversche
Militärgeschichte zeigt dies sehr eindrucksvoll:
Die Kurfürsten/Könige von Hannover waren während des 18. und frühen
19. Jahrhunderts auch Könige von England und Schottland. Dies hatte zur
Folge, dass die hannoveranischen
Truppen für das britische Empire nahezu weltweit eingesetzt wurden. Somit bietet die Seite sehr viel mehr als
nur regionale Nabelschau. Die Spalte
»Nec Aspera Terrent« (Auch Widerwärtigkeiten schrecken nicht) bietet einen Überblick über die Hannoveraner
Militärgeschichte von 1617 bis 1866
und ergänzt sie durch ausgewählte bio­
grafische Skizzen. Die einzeln aufzurufenden Kriegsschauplätze machen
deutlich, dass Auslandseinsätze im
globalisierten Kontext keine Erfindung
des 21. Jahrhunderts sind: Gibraltar,
Minorca, Ostindien, Albanien, Ungarn,
Spanien u.v.a..
Einen besonderen Stellenwert nehmen die napoleonischen Kriege ein. Sie
werden unter der Rubrik »King´s German Legion« behandelt. Es waren zu
einem nicht geringen Teil »deutsche«
Truppen, mit denen der Herzog von
Wellington seinen Krieg in Spanien
und Portugal gegen Napoleon führte.
Gleiches galt für seine Armee in der
Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815,
in der Napoleon – mit preußischer
Hilfe – endgültig besiegt wurde.
Das Ende des selbstständigen Königreichs Hannover und seiner Armee
kam mit der Niederlage von 1866. Die
letzte Schlacht der Hannoveraner bei
Langensalza wird auf der Internetseite
ausgiebig dargestellt. Preußen verleibte sich die Gebiete kurzerhand ein.
www.hannoversche-militaergeschichte.org
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
digital
Allerdings wurden die Traditionen der
untergegangen Armee auch im preußischen Militär weiter gepflegt bzw. erneuert. Eines der berühmtesten Symbole dieser Traditionspflege dürfte das
blaue Ärmelband des Füsilier-Regimentes (1. Hannoversches) Nr. 73 mit
der Aufschrift » Gibraltar« sein. Der
Kriegsfreiwillige Ernst Jünger trug es
1914.
hp
Russlands mitgehen, ihr Leid, ihre
Qualen sehen: »Sie baten unter Tränen,
wir sollten sie doch mitnehmen und
nicht hier sterben lassen, so weit entfernt von den ihrigen.« Der Film zeigt,
wie sich ein junges Mädchen ihre blonden Haare abschneidet und für zwei
Taler verkauft. Die Taler spendet sie
dem Kampf gegen die Franzosen –
auch sie will ihren bescheidenen Anteil
für die Befreiung leisten: »Ein Frisör
bot mir 2 Thaler für mein Haar. Ich
hatte nun auch etwas, dass ich geben
konnte fürs Vaterland.«
»Napoleon und die Deutschen« zeigt
nicht so sehr die »große Geschichte«,
sondern lässt diese an persönlichen
Schicksalen lebendig und anschaulich
werden. Fazit: sehenswert.
ks
www.arte-edition.de
Napoleon und die Deutschen
Napoleon wusste, dass die Politik eines
Staates in seiner geografischen Situation angelegt war. Gerade im Fall Napoleons galt aber auch der Umkehrschluss: Seine Politik und seine Kriege
veränderten die Geografie Europas.
Unter seiner Führung beherrschte
Frankreich Europa wie kaum ein Staat
zuvor oder danach. Diese Herrscht war
nur kurz, sie prägte aber die Geschichte
der besetzten Länder nachhaltig und
bis in die Gegenwart – auch die der
Deutschen. Heute ist weitgehend vergessen: Die deutschen Länder waren
nicht nur von französischen Truppen
besetzt, weite Gebiete gehörten zeitweise auch zu Frankreich. Bis 1798
wurden die linksrheinischen Gebiete
von Worms über Köln bis Wesel Frankreich angegliedert. 1810 wurden auch
weite Teile Norddeutschlands – von
Bremen über Hamburg bis Lübeck
französische Departements. Die Bewohner dieser Gebiete wurden formal
Franzosen – die Männer hatten Wehrdienst in der französischen Armee zu
leisten. Auch ihre Geschichte zeichnet
die neue TV-Dokumentation nach.
»Napoleon und die Deutschen« ist
eine Gemeinschaftsproduktion der
ARD und des deutsch-französischen
Kulturkanals ARTE. Die Sendung liegt
nun auch als DVD vor.
In einer gelungenen Mischung aus
Dokumentation und gespielten Szenen
findet der Betrachter einen leicht gemachten Zugang zur Geschichte der
napoleonischen Zeit. Er sieht, wie
norddeutsche junge Männer in die
französische Armee gezwungen werden. Er kann ihren Weg in die Weiten
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
25
Service
Lesetipp
Aufstände
Deutsche jüdische Soldaten
Preußen
W
I
P
illiam R. Polk führt an elf Fallbeispielen aus, wie vielschichtig die
Thematik des Kleinkrieges in Geschichte und Gegenwart tatsächlich ist.
Er behandelt dabei den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, die
spanische Guerilla gegen Napoleon,
die Situation auf den Philippinen, den
irischen Unabhängigkeitskampf, Tito,
den griechischen Widerstand, Kenia,
Algerien, die Franzosen sowie die
Amerikaner in Vietnam. Er geht
schließlich auf den afghanischen Widerstand gegen die Briten im 19. und
gegen die Russen im 20. Jahrhundert
ein.
Vor allen Dingen aber diskutiert er
ausführlich, inwieweit sich »Erfahrungen« eines Kriegsschauplatzes auf
andere Szenarien tatsächlich übertragen lassen. Polk arbeitet eindrucksvoll
heraus, wie sehr die vorgeblich »weichen« Faktoren Kultur, Ideologie und
William R. Polk, Aufstand.
Widerstand gegen Fremdherrschaft: vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak,
Hamburg 2009. ISBN 9783-86854-210-3; 340 S.,
32,00 Euro
politisches Bewusstsein der Aufständischen den Charakter der Kämpfe
prägen. Er hält es zu Recht für ein
Grundübel, sich bei der Analyse von
Guerillakriegen nur auf vorgeblich
»harte« militärische Faktoren konzentrieren zu wollen.
Er zeigt, wie schnell sich aus winzigen Gruppen, die Terrorakte begehen, gewaltige Widerstandsbewegungen bilden können, die zum Mittel
der Guerilla greifen. Nach Polks Analyse beginnt Phase 1 eines Aufstandes
dann, wenn aus der kleinen Gruppe
akzeptierte Vorkämpfer für die nationale Sache geworden sind. Phase 2 beginnt in dem Moment, in dem die Verwaltungsstrukturen der Besatzer sowie
ihrer einheimischen Helfer zerschlagen
und durch eigene ersetzt werden. In
Phase 3 schließlich gehen die Aufständischen von den Nadelstichen zum regulären Krieg über.
hp
26
nsgesamt 30 Beiträge von 22 Autorinnen und Autoren sind in dem anzuzeigenden Sammelband vereinigt.
Somit wird das Thema »Juden und Militär in Deutschland« sachkundig, weitreichend und facettenreich dargestellt.
Ganz besonders aber ist hervorzuheben, dass anhand von Fallbeispielen
Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie
sich diese Thematik für die historischpolitische Bildung der Bundeswehr
nutzen lässt.
Das Buch ist in die Abschnitte
»Grundlagen«, »Rückblick«, »Ein ambivalentes Verhältnis: Jüdische Identität, deutsche Nation und deutsche Armee«, »Standpunkt und Ausblicke«,
»Seitenblicke« sowie »Bundeswehr,
Antisemitismus heute und Umgang
mit der NS-Vergangenheit« gegliedert.
Vorgestellt wird die Stellung jüdi­
scher Soldaten in Deutschland vom
Kaiserreich bis in die Gegenwart. Darüber hinaus wird die Situation in den
Streitkräften der k.u.k. Monarchie, der
Republik Österreich, der Schweiz und
der Republik Spanien (1931–1936/39)
dargestellt.
Die Beiträge über die Erfahrungen
der Unteroffizierschule der Luftwaffe
sowie des Fernmeldebataillons 284 »im
Dialog mit jungen Juden« laden zur
Nachahmung für andere Truppenteile
förmlich ein. Nicht zuletzt ist der Artikel über den »Versuch, Betroffenheit
bei der heutigen Generation für die NSVerbrechen zu erreichen«, zu erwähnen. Darin wird beschrieben, wie die
Wanderausstellung »Deutsche jüdische
Soldaten« für die historische Bildung
in der Truppe eingesetzt werden kann.
hp
Michael Berger und Gideon Römer-Hillebrecht (Hrsg.),
Juden und Militär in Deutschland. Zwischen
Integration, Assimilation, Ausgrenzung und Vernichtung, Baden-Baden 2009 (= Forum Innere Führung,
31). ISBN 978-3-8329-4471-1; 373 S., 49 Euro
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
reußen ist weit mehr als nur der
Name eines früheren deutschen
Landes. »Preußen« steht als historischer Begriff für einen Großteil der
deutschen Geschichte: sowohl für den
Staat als auch das Militär, aber auch für
Kultur. Um Preußen ranken sich Mythen und Legenden. Bis heute schwankt
die Sicht auf Preußen zwischen Verteu-
Monika Wienfort,
Geschichte Preussens,
München 2008
(= C.H. Beck Wissen),
ISBN 978-3-406-56256-3;
128 S., 7,90 Euro
Frank-Lothar Kroll,
Die Hohenzollern,
München 2008
(= C.H. Beck Wissen).
ISBN 978-3-406-536267; 128 S., 7.90 Euro
felung und Verklärung. Gegen Mythenbildung hilft Wissen. Die Beck´sche
Reihe Wissen hat sich daher zu Recht
gleich zweimal der Geschichte Preußens angenommen. Monika Wienforts
Buch bietet einen Gesamtüberblick der
Entwicklung Preußens vom Mittelalter
bis in das 20. Jahrhundert. Sie endet
nicht mit der – nur noch formellen Auflösung des Landes Preußen 1947 –,
sondern richtet ihren Blick abschließend auf die »Gegenwart Preußens«.
Frank-Lothar Kroll beschreibt die Familiengeschichte derer zu Hohenzollern. Er zeigt den Aufstieg der Dynastie aus dem abgelegenen Schwaben
bis an die Spitze einer europäischen
Großmacht. Sein Buch ergänzt somit
Wienforts Buch sinnvoll und nahezu
zwingend. Zusammen geben beide
knapp gehaltenen und sehr handlichen
Werke einen guten ersten Überblick
über die Geschichte Preußens – jenseits
von Verteufelung und Verklärung.
ks
Kommissarbefehl
Alltag im Kalten Krieg
E
D
in Teil des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion waren die
„Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ vom 6. Juni 1941,
kurz Kommissarbefehl genannt. Er enthielt die Weisung an die Truppe, Politkommissare der Roten Armee und von
anderen sowjetischen Staatsorganen
entgegen dem damals geltenden Völkerrecht nicht als Kriegsgefangene zu
behandeln, sondern sie unmittelbar
nach der Gefangennahme zu erschießen. Die Existenz des Kommissarbefehls konnte nach dem Krieg nicht geleugnet werden, wohl aber die Weitergabe des Befehls von den höheren
Wehrmachtkommandobehörden an
die »Truppe« sowie seine Durchführung. Verlässliche (Gesamt-)Zahlen
über tatsächlich umgebrachte PolitKommissare gab es bislang nicht, sondern lediglich Einzelfalluntersuchun­
gen. Diese Lücke hat Felix Römer mit
seiner fulminanten Studie geschlossen.
Er wertete sämtliche verfügbaren Quellen – Berichte und Meldungen von den
drei Heeresgruppen bis hinunter zu
den fast 150 deutschen Divisionen des
Ostheeres – im Hinblick auf den Kommissarbefehl aus. Römer hat herausgefunden, dass der Befehl nicht nur von
einzelnen, sondern von den weitaus
Frontverbänden ausgeführt wurde:
3430 Kommissare wurden nachweislich exekutiert, aufgrund nicht vollzähliger Überlieferung schätzt Römer die
Gesamtzahl der Erschossenen sogar
auf bis zu 10 000. Römers Arbeit leistet
somit einen weiteren Beitrag, das Bild
von der »sauberen Wehrmacht« in den
Bereich der Legende zu verweisen.
mp
Felix Römer, Der Kommissarbefehl. Wehrmacht und
NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42, Paderborn u.a.
2008. ISBN 978-3-506-76595-6; 668 S., 44,90 Euro
enjenigen, die sich schon immer
mit der Frage beschäftigt haben,
wie sich die Unterschiede zwischen den
Streitkräften eines totalitären Staates
und einer parlamentarischen Demokratie definieren lassen, sei das Buch von
Sten Nadolny und Jens Sparschuh
Sten Nadolny und Jens
Sparschuh, Putz- und
Flickstunde. Zwei kalte
Krieger erinnern sich,
München 2009. ISBN 9783-492-05230-6; 208 S.,
16,95 Euro
wärmstens empfohlen. Es liefert die entsprechende, wenn auch nicht ganz ernst
gemeinte Antwort: Die einen singen
beim Marsch zum Frühstück, die anderen nicht. Dieser zugegebenermaßen
dürftige Erkenntnisgewinn wäre zu vernachlässigen, wenn die zwei renommierten Autoren aus den ehemals verfeindeten deutschen Lagern des Kalten
Krieges beim Schwelgen in den Erinnerungen an ihre Militärzeit nicht noch
auf mehr, teilweise erheiternde Denkwürdigkeiten von großem Unterhaltungswert gestoßen wären. Denn als
Überraschung erweist sich bei der Lektüre des Bandes, dass die Gegensätze,
abgesehen von der weltanschaulichen
Ausrichtung, so groß nicht waren, wovon der Titel beredtes Zeugnis ablegt.
Aber das Buch bietet mehr als eine
schlichte Aneinanderreihung von in der
einen oder anderen Art hinlänglich bekannten Zoten und Eskapaden, es versucht vielmehr anhand der Vita der beiden Schriftsteller dem Wesen des Soldaten und des ihn umgebenden Systems
auf den Grund zu gehen, mit oftmals
überraschenden Ergebnissen. Erstaunlich scheint ferner, und diese Verwunderung teilen die Autoren mit ihren Lesern, dass die ambivalente Prägekraft
der militärischen Sozialisation auch
über den Abstand der Jahrzehnte hinweg zwar abgemildert, aber doch ungebrochen ist. Somit sind die Reflexionen
über den Stellenwert des Wehrdienstes
für das Leben und Schaffen zweier deutscher Literaturgrößen auch für Ungediente von großem Interesse.
Knud Neuhoff
Mauern als Grenzen
V
or 20 Jahren fiel nach 28 Jahren
Existenz die Berliner Mauer und
mit ihr der »Eiserne Vorhang«, der die
Menschen in Ost- und West-Europa
trennte. Bereits vor ca. 4000 Jahren
wurde jedoch bereits eine Landmauer
im Zweistromland, dem heutigen Irak,
errichtet. Während diese Anlage kaum
erhalten und erst in den letzten Jahrzehnten durch Archäologen wiederentdeckt wurde, ist die Chinesische
Mauer allein aufgrund ihrer Größe und
Länge seit Generationen bekannt – und
doch in mancherlei Hinsicht für viele
unbekannt. Denn faktisch handelt es
sich bei ihr, wie auch bei anderen Sperranlagen nicht um eine einzige, sondern
um viele, die von verschiedenen Herrschern zu unterschiedlichen Zeiten errichtet wurden. Daher auch die unterschiedlichen Angaben zur Länge dieses
größten Denkmals der Welt: 500012000 km!
Über Entstehung, Bauweise, Funktion, Bedeutung, aber auch Misserfolg
von Mauern und anderer Sperranlagen
als Grenzen erzählt der hier vorgestellte Band. Der Leser erfährt auch,
Astrid Nunn (Hrsg.),
Mauern als Grenzen,
Mainz 2009. ISBN 9783-8053-3934-6; 216 S.,
29,90 Euro
welche Rolle Mauern an sich für einige
Kulturen bzw. Herrschaftsgebiete
spielten: für die antiken Griechen z.B.
eine geringe, für das spätere Römische
Reich nach dem Abschluss seiner Expansion eine zunehmend wichtigere.
Der Limes in Germanien und der Hadrianswall in Britannien sind die bekanntesten, jedoch keineswegs einzigen Beispiele.
Angesichts der Vielzahl staatlicher
Sperranlagen, musste die Herausgeberin eine Auswahl treffen. Daher findet
sich keine eigener Beitrag zum »Eisernen Vorhang«, sondern nur zur Berliner Mauer. Dieses erscheint aber auch
als das einzige Manko dieses interessanten, auch exzellent bebilderten
Bandes.
Aleksandar-S. Vuletić
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
27
Service
Die historische Quelle
Bundesarchiv-Militärarchiv
Terror gegen die eigene Bevölkerung. Der Endkampf des »Dritten Reiches« 1945
Das Bild der Wehrmacht ist geprägt von den Eroberungsfeldzügen des »Dritten Reichs«. Bekannt ist hinlänglich
auch die Teilhabe des Militärs an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und der menschenverachtenden, verbrecherischen Gewaltherrschaft in den von der
Wehrmacht besetzten Ländern. Daneben sind die militärischen Niederlagen der Wehrmacht, allen voran der Untergang der 6. Armee in Stalingrad zum Jahreswechsel 1942/43, geläufig.
Der Zweite Weltkrieg in Europa war längst
entschieden, als die Alliierten im Jahre 1945 zur
Eroberung Deutschlands ansetzten. Die sogenannten Endkämpfe erstreckten sich dennoch
über fünf Monate, bis die Wehrmacht am 8. Mai
1945 bedingungslos kapitulierte. Sie war während
dieser letzten Phase zu keinen wirklichen Offensivanstrengungen mehr fähig; aus eigener Kraft konnte
sie den Zusammenhang der eigenen Linien kaum
wahren. Eine Randnotiz der Wehrmachtgeschichte
war diese Phase allerdings keineswegs: Denn die
Verlängerung der nationalsozialistischen Herrschaft
forderte unter den deutschen Soldaten einen Blutzoll,
der jeden Monat zwischen Dezember 1944 und April
1945 ein Mehrfaches der dramatischen Verluste von
Stalingrad betrug. Die immensen Verluste unter der Zivilbevölkerung und die materiellen Schäden, wie die
Zerstörungen von Wohngebäuden oder von Verkehrswegen, in der Schlussphase des Krieges an der »Heimatfront« werden sich wohl nie genau beziffern lassen. Die
Wehrmachtgeneralität stellte sich der befohlenen Selbstzerstörung Deutschlands nicht in den Weg. Im Gegenteil:
Sie führte ihren Anteil am Untergangsszenario Hitlerswillig aus. Neben der unaufhörlichen Forderung an die
Soldaten zum blindwütigen und sinnentleerten Weiterkämpfen riefen Militärs unterschiedlicher Hierarchieebenen auch zur Gewaltanwendung gegenüber Zivilisten
auf, die der sinnlosen Zerstörung ihrer Lebenswelt zu
entgehen versuchten.
In diesem Zusammenhang ist auch das abgedruckte
Dokument zu verstehen. Es stammt aus den Akten des im
Frühjahr 1945 am Oberrhein eingesetzten Armeeoberkommandos 19. Gemeinsam mit Dienststellen der NSDAP hatten Vertreter der Wehrmachtführung die in
Himmlers berüchtigtem »Flaggenbefehl« vom 28. März
1945 befohlenen Terrormaßnahmen regelrecht eingefordert. Dies bedeutete, dass die verantwortlichen Kommandeure vor Ort mit der Todesstrafe rechnen mussten, wenn
sie die weiße Fahne hissten, um Städte und Dörfer vor der
sicheren Vernichtung zu retten. Es sind zahlreiche Fälle
bekannt, bei denen Soldaten noch versuchten, Zerstörung
durch Kapitulation zu verhindern, nicht wenige wurden
deshalb hingerichtet. Der Ehrenrettung einer Einrichtung, deren Soldaten sich oftmals nur allzu willfährig
28
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
6 Abschrift eines Befehls Heinrich Himmlers
(Chef der Deutschen Polizei, Reichsführer-SS und
Befehlshaber des Ersatzheeres), datiert auf den
29. März 1945, BArch, RH 20-19/196.
dem nationalsozialistischem Regime angedient haben,
kann das nicht gereichen. Die Wehrmacht insgesamt war
bis zu ihrem Ende sowohl Stütze als auch ausführender
Arm einer zutiefst amoralischen, verbrecherischen Herrschaft.
Andreas Kunz
Literaturtipp
Herfried Münkler, Machtzerfall. Die letzten Tage des Dritten Reiches. Dargestellt am
Beispiel der hessischen Kreisstadt, Friedberg, 2. erg. und verb. Aufl., Hamburg 2005.
Militärgeschichte kompakt
Januar 1920
1960
Der Völkerbund entsteht
Das Jahr Afrikas
Nach dem Ersten Weltkrieg sollte eine weltumspannende
Organisation geschaffen werden, die künftige Kriege verhindern sollte. Weiterhin mussten abgetrennte Territorien
der Kriegsverlierer verwaltet werden. Die Schaffung eines
Völkerbundes war ein erklärtes US-amerikanisches Kriegsziel gewesen und auch Bestandteil der Friedensverträge
von 1919/20. Am 10. Januar 1920 erfolgte die Ratifizierung
der Satzung des Völkerbundes.
Die USA traten dem Völkerbund jedoch nicht bei, weil der
US-Senat Präsident Woodrow Wilson die notwendige Zustimmung zum Vertrag verweigert hatte.
Die Struktur der Organisation erinnert an die heutigen
Vereinten Nationen (UNO): Neben der Völkerbundversammlung, die einmal im Jahr tagte und deren Beschlüsse
Einstimmigkeit voraussetzten, gab es den Völkerbundrat
mit den ständigen Mitgliedern Großbritannien, Frankreich,
Italien, Japan, Deutschland (seit 1926), UdSSR (seit 1934),
sowie zwölf nicht ständigen Mitgliedern. Auch hier mussten Entscheidungen einstimmig getroffen werden, etwaige
Konfliktparteien hatten kein Stimmrecht. Hinzu kam das
ständige Generalsekretariat mit seinem Generalsekretär
Erst im Laufe der 1920er Jahre traten die Verliererstaaten
des Ersten Weltkriegs dem Völkerbund bei. Deutschland
wurde im Jahre 1926 Mitglied. Bereits 1933 trat es unter
dem NS-Regime wieder aus. Die Satzung des Völkerbundes
sah vor, dass im Falle eines Kriegs gegen ein Mitglied die
übrigen Staaten sofort und direkt – also ohne Völkerbundbeschluss – Hilfe leisten sollten, was jedoch in der Praxis
nie geschah. Ein geplantes Protokoll der Völkerbundversammlung zur friedlichen Beilegung internationaler Krisen
scheiterte am Widerstand Großbritanniens. Der japanische
Überfall auf Nordostchina im Jahre 1931 hatte keine Maßnahmen des Völkerbundes zur Folge. Das italienische Vorgehen gegen Äthiopien 1935 wurde zwar mit Sanktionen
beantwortet, die aber unterlaufen wurden. Spanien verließ
den Völkerbund nach dem Bürgerkrieg 1939. Die Sowjetunion wurde wegen des sowjetisch-finnischen Winterkrieges 1940 ausgeschlossen. Die Völkerbundversammlung
löste sich formell 1946 auf. Im Jahr zuvor war bereits eine
„Nachfolgeorganisation“ gegründet worden: die Vereinten
Nationen.
hp
Für Afrika brachte das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht
die Freiheit. Die politische Landkarte des Kontinents blieb
nach 1945 vielmehr nahezu unverändert. Es dominierten
weiterhin die Farben europäischer Kolonialmächte. Großbritanniens Gebiete erstreckten sich vom Nil bis an die
Grenze Südafrikas. Frankreich herrschte über Nord-, Westund Zentralafrika. Angola, Mosambik und weitere kleine
Gebiete gehörten zu Portugals Kolonialreich. Selbst das
kleine Belgien hielt während des Krieges und nach 1945
seine Macht im riesigen Kongo, dem späteren Zaire, aufrecht. Lediglich Ägypten, Äthiopien, Liberia und Südafrika
waren – formell – unabhängige Staaten. Nachdem 1956 bereits Marokko, Tunesien und der Sudan in die Unabhängigkeit entlassen worden waren, markierte besonders das Jahr
1960 das Ende der Kolonialherrschaft. Am 1. Januar 1960
gab Frankreich Kamerun frei, im April Togo und im Juni
Madagaskar. Im August zogen sich die Franzosen aus Benin, Niger, Burkina Faso, der Elfenbeinküste, dem Tschad,
der Zentralafrikanischen Republik, Kongo-Brazzaville, Gabun und Senegal zurück. Großbritannien entließ Somalia
und Nigeria in die Unabhängigkeit.
Blutig verlief der Weg in die Unabhängigkeit für BelgischKongo. Als das Land am 30. Juni 1960 seine Unabhängigkeit
von Belgien erlangte, wählte das neue Parlament den Sozialisten Patrice Lumumba, gegen den Widerstand Belgiens
und der Oberschicht des Landes, zum ersten Ministerpräsidenten. Im September 1960 übernahm die Armee unter
Joseph Mobutu – einem früheren Feldwebel – in einem von
den USA und Belgien unterstützten Putsch die Macht. Der
riesige und rohstoffreiche Kongo war westlichen Industrienationen zu wichtig, um ihn unter sowjetischen Einfluss geraten zu lassen. Im Januar 1961 wurde Lumumba grausam
ermordet. Mobutus Gewaltherrschaft über das nunmehrige
Zaire hielt bis 1997.
Frankreich wollte seine Kolonie Algerien keinesfalls aufgeben Dort tobte seit 1954 ein kriegerischer Konflikt, der
erst 1962 mit der Unabhängigkeit des Landes endete. Insgesamt erhielten 17 afrikanische Kolonien 1960 ihre Unabhängigkeit. Portugal verteidigte sein Kolonialreich in blutigen
Kriegen noch bis 1974/75. Die politische Landkarte Afrikas
erhielt ihre heutige Gestalt erst 1990 bzw. 1993, als sich Südafrika aus Namibia und Äthiopien aus Eritrea zurückzogen.
4Juli 1960: Der
4Erste ­Sitzung
der Vollversammlung des
Völkerbundes
im Refor­ma­
tions­saal
in Genf,
15. Nov. 1920.
erste gewählte
kongolesische
Ministerpräsident, Patrice
­Lumumba, trifft
auf den neuen
Armeechef des
Landes, Oberst
Joseph Mobutu.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
ullstein bild – TopFoto
ullstein bild
ks
29
• Berlin
Reform – Reorganisa­
tion – Transformation.
Zum Wandel in
deutschen Streitkräften
von den preußischen
Heeresreformen bis
zur Transformation der
Bundeswehr
Stadtgeschichtl. Museum
Spandau – Zitadelle
Am Juliusturm 1
13599 Berlin-Spandau
Telefon: 0 30 / 35 49 44-0
Telefax: 0 30 / 35 49 44-20 5
www.zitadelle-spandau.de
17. Dezember 2009 bis
14. Februar 2010
Montag bis Sonntag
10.00 bis 17.00 Uhr
Eintritt: 4,50 Euro
ermäßigt: 2,50 Euro
Ausstellungen
Mittwoch bis Montag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 12,00 Euro
ermäßigt: 10,00 Euro
• Herne
AufRuhr 1225! Ritter,
Burgen und Intrigen ...
LWL-Museum für
Archä­ologie
Westfälisches Landes­
museum
Europaplatz 1
44623 Herne
Telefon: 02 32 3 / 94 62 8 0
oder -24
Telefax:
02 32 3 / 94 62 83 3
www.lwl-landesmuseumherne.de
27. Februar bis
28. November 2010
Dienstag bis Mittwoch
und Freitag
Melitta Gräfin
9.00 bis 17.00 Uhr
Stauffenberg
Donnerstag
Luftwaffenmuseum der 9.00 bis 19 Uhr
Bundeswehr
Samstag bis Sonntag
Groß-Glienicker Weg
11.00 bis 18.00 Uhr
14089 Berlin-Gatow
Eintritt: 3,50 Euro
Telefon: 0 30 / 36 87-26 01 ermäßigt: 2,00 Euro
Telefax: 0 30 / 36 87-26 10
www.luftwaffenmuseum.de
• Karlsruhe
16. Oktober 2009 bis
30. Mai 2010
Das Königreich der
April bis Oktober
Vandalen
Dienstag bis Sonntag
Badisches Landes­
9.00 bis 18.00 Uhr
museum
November bis März
Schloss Karlsruhe
9.00 bis 16.00 Uhr
Schlossbezirk 10
Eintritt frei
76131 Karlsruhe
Telefon: 07 21 / 92 66 51 4
Wall Patrol: Die West­
Telefax: 07 21 / 92 66 53 7
mächte an der Berliner www.landesmuseum.de
Mauer 1961–1990
24. Oktober 2009 bis
Alliiertenmuseum
21. Februar 2010
Clayallee 135
Dienstag bis Mittwoch
14195 Berlin
und Freitag bis Sonntag
Telefon: 0 30 / 81 81 99 0 10.00 bis 18.00 Uhr
Telefax: 0 30 / 81 81 99 91 Donnerstag
www.alliiertenmuseum.de 10.00 bis 21.00 Uhr
6. November 2009 bis
Eintritt: 8,00 Euro
5. April 2010
ermäßigt: 6,00 Euro
Donnerstag bis Dienstag
10.00 bis 18.00 Uhr
• Nordholz
Eintritt frei
Luftkreuzer aus Brühl –
100 Jahre Luftschiffbau
Luise. Leben und
Schütte-Lanz
Mythos der Königin
Schloss Charlottenburg, AERONAUTICUM
Deutsches LuftschiffNeuer Flügel und
und Marineflieger­
Mausoleum
Spandauer Damm 10–22 museum
Peter Strasser-Platz 3
14059 Berlin
Telefon: 03 31 / 96 94 20 0 27637 Nordholz
Telefax: 03 31 / 96 94 10 7 Telefon:
04 74 1 / 18 19-13 oder -11
www.spsg.de
6. März bis 30. Mai 2010 Telefax: 04 74 1 / 1819-15
30
www.aeronauticum.de
21. Juni 2009 bis
30. April 2010
Februar bis November
10.00 bis 18.00 Uhr
Dezember bis Januar
10.00 bis 16.00 Uhr
Eintritt: 6,50 Euro
ermäßigt: 2,50 Euro
• Oranienburg
Vergessene Ver­nich­
tung? Polnische
und tschechische
Intel­li­genz in den
Kon­zen­tra­tionslagern
Sachsenhausen und
Ravensbrück am Beginn
des 2. Weltkriegs
Gedenkstätte und
Museum Sachsenhausen
Straße der Nationen 22
16515 Oranienburg
Telefon: 03 30 1 / 20 02 00
Telefax: 03 30 1 / 20 02 01
www.stiftung-bg.de
22. November 2009 bis
31. Mai 2010
Dienstag bis Sonntag
8.30 bis 16.30 Uhr
Eintritt frei
• Prora
Dauerausstellung zur
NVA-Geschichte
Kulturkunststatt Prora
Objektstraße Block 3/
Treppenhaus 2
18609 Prora
Telefon: 03 83 93/ 32 69 6
www.kulturkunststatt.de/
nva.html
Ganzjährig täglich geöffnet
11.00 bis 16.00 Uhr
Eintritt: 6,50 Euro
ermäßigt: 3,50 Euro
• Stuttgart
Schätze des Alten
Syrien –
Die Entdeckung des
Königreichs Qatna
Landesmuseum
Württemberg
Schillerplatz 6
70173 Stuttgart
Telefon: 07 11 / 89 53 54 45
Telefax: 07 11 / 89 53 54 44
www.landesmuseumstuttgart.de
17. Oktober 2009 bis
14. März 2010
Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 10,00 Euro
ermäßigt: 7,00 Euro
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
Heft 1/2010
Service
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung
 Vorschau
Das Heft 1 des Jahres 2010 der Militärgeschichte wirft in vielerlei Hinsicht einen
Blick über die Grenzen Deutschlands.
Markus Vogt beschreibt umfassend die
SS-Organisation »Lebensborn«. Nach den
Maßstäben der NS-Ideologie schrieb der
eingetragene Verein als Ziele die Rettung
der »nordischen Rasse« und die »qualitative Verbesserung« des Erbgutes unter
»Zuchtkriterien« fest. Fortpflanzung und
Vermehrung wurden im wahrsten Sinn des
Wortes zur Staatssache gemacht. Neun Lebensborn-Heime existierten in Deutschland; die meisten, 16 an der Zahl, befanden
sich im Ausland, davon zehn allein in Norwegen. Ein Schwerpunkt des Aufsatzes
liegt daher auch auf diesem Land.
Matthias Nicklaus stellt die britische Regi­
mentswirtschaft des 18. Jahrhunderts vor.
Regimenter waren im damaligen Britannien keine militärisch-taktischen Gebilde,
sondern fungierten als mittelgroße Unternehmen. Ein prägendes Element war der
Handel mit Offizierstellen, die regelrecht
verkauft wurden.
Den größten Krieg auf südamerikani­
schem Boden stellt Ralph Rotte in seinen
Ausführungen in den Mittelpunkt der
Betrach­tung: Zwischen 1864 und 1870
kämpfte Paraguay gegen eine Dreier-Al­
lianz, bestehend aus Brasilien, Argentinien
und Uruguay. Die Verluste dieses blutigen
Krieges waren unvorstellbar hoch: Paraguay verlor mit rund 220 000 Menschen
beinahe die Hälfte seiner Einwohner, zudem büßte es ein Viertel seines Staatsgebietes ein. An den Folgen leidet das Land
noch heute.
Schließlich widmet sich Peter Grupp dem
»Soldatsein« des Weltbürgers Harry Graf
Kessler im Ersten Weltkrieg, mithin einem
bislang wenig beachteten Aspekt im Leben
des Publizisten, Diplomaten und Pazifisten
Kessler, dessen Tagebücher eines der bedeutendsten Zeugnisse der ersten Jahrhunderthälfte darstellen.
mt
Militärgeschichte im Bild
März 1960: Erstes Zusammentreffen von
Konrad Adenauer und David Ben Gurion
E
len« geboren. Er emigrierte 1906 nach
Palästina und studierte in Saloniki –
damals Osmanisches Reich – Jura. Obwohl er im Ersten Weltkrieg für die
Aufstellung bewaffneter jüdischer Einheiten in der türkischen Armee plädierte, wurde er des Landes verwiesen.
In den USA warb er Freiwillige für die
britische Jewish Legion und kehrte
1917 nach Palästina zurück, wo er Mitglied diverser zionistischer und sozialistischer Gruppierungen war. Er verlas 1948 die Unabhängigkeitserklärung
des Staates Israel, wurde sein erster
Premierminister und führte das Land
im Unabhängigkeitskrieg.
Konrad Adenauer studierte Jura und
Staatswissenschaften in Freiburg i.Br.,
München und Bonn. Nach Tätigkeit als
Jurist wurde er 1909 Erster Beigeordneter der Stadt Köln, 1917 Oberbürgermeister und 1918 erfolgte seine Berufung in das Preußische Herrenhaus.
Von 1920 bis 1933 war er Präsident des
Preußischen Staatsrates, wurde jedoch
von den Nationalsozialisten seiner
Ämter enthoben und im Umfeld des
20. Juli 1944 sogar inhaftiert. Nach dem
ullstein bild – Meldepress
s ist heute nicht ungewöhnlich,
dass die deutsche Bundeskanzlerin
mit dem israelischen Premierminister
zusammentrifft. Vor 50 Jahren jedoch –
also gerade einmal 15 Jahre nach dem
Ende des Zweiten Weltkrieges – sah
die Situation gänzlich anders aus. Bundeskanzler Konrad Adenauer und Premierminister David Ben Gurion hatten
zwar des Öfteren brieflich miteinander
verkehrt, noch nie persönlich mitein­
ander gesprochen. Dies geschah zum
ersten Mal am 14. März 1960 in der 35.
Eta­­ge des Waldorf-Astoria in New York.
Beide Politiker hatten sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht. Der rheinische Katholik Konrad
Adenauer (1876-1967) – ehemaliger
Zentrumspolitiker und nun CDU-Vorsitzender – traf den Vorsitzenden der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Israels David Ben Gurion (1886–1973).
Beide hatten die Ordnung des »langen
19. Jahrhunderts«, ihren Zusammenbruch und das Zeitalter der Weltkriege
erlebt. David Ben Gurion (geb. David
Gruen) wurde in Płońsk im damals
russisch beherrschten »Kongresspo-
5Erster dienstlicher Besuch von deutschen Offizieranwärtern in Israel. Einweisung
eines deutschen Soldaten durch israelische Ausbilder, 3. Mai 1998.
Krieg setzte ihn die britische Besatzungsmacht als Oberbürgermeister
von Köln ein. Es folgte der Aufstieg innerhalb der neugegründeten CDU.
1948 war Adenauer Vorsitzender des
Parlamentarischen Rates, ein Jahr später wurde er erster Bundeskanzler der
Bundesrepublik Deutschland.
Nicht nur die Biografien der beide
Politiker, sondern auch die Situation
der von ihnen geführten Staaten unterschieden sich deutlich. Unter dem Eindruck des sich verschärfenden OstWest-Gegensatzes wurden 1949 vergleichsweise friedlich zwei deutsche
Staaten gegründet: die Bundesrepublik
Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Sie beide gehörten
jeweils unterschiedlichen Bündnissys­
te­men im Kalten Krieg an.
Der Staat Israel entstand nach Abzug
der Briten aus dem Mandatsgebiet
Paläs­tina. Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung begann der Unabhängigkeitskrieg gegen die benachbarten arabischen Staaten, dem mehrere
Waffengänge folgten. Israel sah sich
von Feinden umzingelt, befand sich
nicht in einer Rand- sondern in einer
Mittellage. Das kleine Land benötigte
dringend ausländische Anerkennung
und Unterstützung.
Bereits 1952 war im sogenannten
Luxemburg-Abkommen mit westdeutschen »Wiedergutmachungszahlungen«
begonnen worden. Adenauer war aus
moralischen, aber auch politischen
Gründen bereit, dem Staat Israel zu
helfen. Die diplomatischen Beziehungen
zwischen den beiden Staaten wurden
1965 aufgenommen. Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit begann bereits Ende der 1950er Jahre. Heute ist es
selbstverständlich, dass die Streitkräfte
beider Staaten zusammenarbeiten und
sich auf allen Ebenen austauschen. So
ist seit vielen Jahren Tradition, dass
deutsche Offizieranwärter an gemeinsamen Übungen mit ihren israelischen
Kameraden teilnehmen.
Michael Berger / Harald Potempa
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 4/2009
31
NEUE PUBLIKATIONEN DES MGFA
Frank Nägler,
Der gewollte Soldat und sein
Wandel.
Personelle Rüstung und Innere
Führung in den Aufbaujahren der
Bundeswehr 1956 bis 1964/65,
München: Oldenbourg 2010, VIII,
534 S. (= Sicherheitspolitik und
Streitkräfte der Bundesrepublik
Deutschland, 9), 39,80 Euro
ISBN 978-3-486-58815-6
Vom Hohenzollernpalais
zum Militärgeschichtlichen
Forschungsamt.
Die Villa Ingenheim in
Potsdam. Im Auftrag des
MGFA hrsg. von Jörg Duppler,
Hans Ehlert und Arnim
Lang. Unter Mitwirkung von
Andreas Groh, Berlin: be.bra
wissenschaft verlag 2010,
182 S., 24,95 Euro
ISBN 978-3-937233-51-2
Potsdamer Schriften zur Militärgeschichte, Band 8
%JF7JMMB*OHFOIFJN
JO1PUTEBN
be.bra wissenschaft
Zum Wandel in deutschen Streitkräften
von den preußischen Heeresreformen
bis zur Transformation der Bundeswehr
Herausgegeben von Karl-Heinz Lutz, Martin Rink und Marcus von Salisch
Oldenbourg
Militärgeschichtliches
Forschungsamt
Der vorliegende Band thematisiert einen Aspekt der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen nach dem deutschen Überfall Anfang September 1939 und dem dadurch entfesselten Zweiten Weltkrieg. Das Deutsche
Reich annektierte polnisches Staatsterritorium und schuf neue Reichsgaue: darunter das »Wartheland«. Gauleiter und Reichsstatthalter wurde
der Senatspräsident der Freien Stadt Danzig Arthur Greiser.
Alexander Kranz fragt nach dessen Einfluss auf die Besatzungsherrschaft und der persönlichen Verantwortung Greisers für die Ermordung
zahlreicher Polen und Juden. Es zeigt sich, dass dieser nationalsozialistische Parteifunktionär nicht nur williger Vollstrecker, sondern prägendes
Element des Besatzungsregimes war, ein »Motor der ›Endlösung‹« (Ian
Kershaw).
ISBN 978-3-941571-05-1
Alexander Kranz
Reichsstatthalter
Arthur Greiser und die
»Zivilverwaltung« im
Wartheland 1939/40
Die Bevölkerungspolitik in der
ersten Phase der deutschen
Besatzungsherrschaft in Polen
MGFA
Reform − Reorganisation
− Transformation. Zum
Wandel in deutschen
Streitkräften von den
preußischen Heeresreformen
bis zur Transformation der
Bundeswehr. Im Auftrag des
MGFA hrsg. von Karl-Heinz Lutz,
Martin Rink und Marcus von
Salisch, München: Oldenbourg
2010, XII, 568 S., 34,80 Euro
ISBN 978-3-486-59714-1
Alexander Kranz,
Reichsstatthalter
Arthur Greiser und die
„Zivilverwaltung“ im
Wartheland 1939/40.
Die Bevölkerungspolitik in der
ersten Phase der deutschen
Besatzungsherrschaft in Polen,
Potsdam: Militärgeschichtliches
Forschungsamt 2009, 76 S.
(= Potsdamer Schriften zur
Militärgeschichte, 8)
ISBN 978-3-941571-05-1
ents
rsandabonnem
Einführung eines Ve
ab Heft 1/2010
­
10 führt das Militär
Mit dem Jahrgang 20
ngsamt (MGFA) ein
geschichtliche Forschu
te.
Die Kontaktadresse
für die »Militärgeschich
Versandabonnement
lautet:
e Bildung« ein.
Zeitschrift für historisch t gilt ein Preis von
gsamt
men
ichtliches Forschun
ch
es
rg
Für das Jahresabonne
tä
ili
M
d
un
rwertsteuer
€ 14,00 inklusive Meh
Schriftleitung
Deutschlands). Die
alb
rh
ne
erger
(in
n
ste
ko
nd
Versa
m Ende
z.Hd. Frau Mauersb
zu
n
he
oc
W
s
ch
se
gt
1 Potsdam
Kündigungsfrist beträ
fach 60 11 22, 1441
aben
st
sg
Po
lau
ze
Ein
4 509
Sie
en
llt
So
599, Fax: 0331/971
4
71
/9
31
des Bezugszeitraums.
03
l.:
s
Te
da
aktieren Sie bitte
bestellen wollen, kont hungsamt.
Mail:
ndeswehr.org
Forsc
eMauersberger@bu
Militärgeschichtliche
tin
ris
Ch
g
rla
Ve
m
vo
endet das bislang
Mit dem Heft 4/2009
tene
erfolgt
bH (Hamburg) angebo
ng des Abonnements
uu
tre
Be
e
Di
bH
E.S. Mittler & Sohn Gm
Gm
uck und Verlag,
g E.S. Mittler & Sohn
über die Firma SKN Dr 506 Norden,
Abonnement. Der Verla bisherigen Verlags, 26
e
, Stellmacher Straße 14 enten in
en
und das MGFA laden di
nd
we
zu
A
GF
M
s
ss
an da
die sich mit den Intere
Abonnenten ein, sich
chrift zum
its
Ze
e
.
di
rd
in
wi
rh
n
ite
tze
we
se
wenn sie
n wollen. Verbindung
he
zie
be
eis
Pr
n
te
er
nd
unverä
www.mgfa.de
www.mgfa.de
%JF7JMMB*OHFOIFJNJO1PUTEBN
7PN)PIFO[PMMFSOQBMBJT[VN.JMJUÊSHFTDIJDIUMJDIFO'PSTDIVOHTBNU
3FGPSN
3FPSHBOJTBUJPO
5SBOTGPSNBUJPO
Herunterladen