Das Sein hat ein Gedächtnis[1] Erinnern heißt in der Gegenwart

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Das Sein hat ein Gedächtnis[1] Erinnern heißt in der Gegenwart leben, um die Zukunft vorzubereiten. Erinnerung ist ein Gut, das Menschen zu Menschen macht. Weil ohne das Wissen darum, wie wir geworden sind, wie wir sind, menschliche Existenz nicht möglich ist. In unserer schnelllebigen, auf materiellem Besitz und egoistischem Denken orientierten Leben kommt die Erinnerung oftmals zu kurz. Es ist nicht die Nostalgie, als eine Form der Heraufbeschwörung von scheinbar besseren Zuständen in der Vergangenheit, die uns dabei interessiert – „Früher war alles besser“ – sondern ein Nachdenken darüber, welche Ereignisse uns als Individuen und Volk betroffen haben. Heilt die Zeit alle Wunden? Wenn es um geschichtliches Erinnern geht, kommt das Phänomen der Zeit ins Spiel. „Zeit ist Vergangenheit und Zukunft im Jetzt“, so definiert der griechische Philosoph Aristoteles das Phänomen Zeit. Er erwähnt dabei aber auch, dass „chronos“ mehr ist als das Maß der Bewegung: „Wenn die Seele nicht misst, geht die Zeitordnung der Tage, Monate, Jahre im indifferenten Fluss der Bewegung verloren“[2]. Die Frage, was Zeit für das Leben der Menschen bedeutet, ergründen Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler seit Jahrtausenden, malen und modellieren Künstler in ihren Werken, intonieren Musiker, drücken Menschen in ihren Daseinserfahrungen aus und gießen es in Sprichwörter. Das Sprichwort „Die Zeit steht still“ ist ein Anachronismus; und „Zeit ist Geld“ eine Verirrung. „Zeit haben“, wie auch „keine Zeit haben“ sind Kennzeichnungen von Lange-­‐‑Weile und Stress und markieren eher menschliche Zulänglichkeiten und Unzulänglichkeiten, als eine mentale Auseinandersetzung über das Menschsein. Zeitvielfalt und Zeitdiktat sind Schlagwörter, hinter denen Zufriedenheit wie Unzufriedenheit mit dem individuellen und gesellschaftlichen, menschlichen Leben stecken. Zeit ist Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, je nachdem der Zeiger ausschlägt. Wer das Zeitliche im Menschsein vergisst, lebt nicht mehr![3] Vergangenheitsbewältigung „Am 8. Mai 1985, aus Anlass des 40. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs, hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Bedeutung einer Erinnerungskultur zum Ausdruck gebracht: „Wer vor der Vergangenheit Augen, Ohren und das Herz verschließt, wird weder in der Gegenwart leben, noch in die Zukunft denken können“. Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ ist ein zweischneidiges Schwert. Während zum einen damit deutlich werden soll, dass die Gräueltaten und Verbrechen, die durch die nationalsozialistische und faschistische Herrschaft begangen wurden, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bleiben müssen, kann andererseits mit dem Begriff leicht suggeriert werden, dass es angezeigt sein könnte, zu vergessen. Dass es einen individuellen und kollektiven Zusammenhang von Erinnern und Identität gibt, darauf haben zahlreiche psychologische, psychoanalytische und soziologische Studien hingewiesen. Die Mitscherlichsche Hypothese von der „Unfähigkeit zu trauern“ bedarf der Konfrontation mit der Fähigkeit, „Trauer in der Geschichte“ zu ermöglichen[4]. Was ist Erinnerung? Mit Erinnerungen gehen Menschen individuell, situativ und im jeweiligen Lebensalter unterschiedlich um. Um diesen Phänomenen nachzugehen und festzustellen, was es mit dem Erinnern in den verschiedenen Lebensphasen der Menschen auf sich hat, haben sich zwei Wissenschaftler der Universität Bielefeld zusammen getan, deren Forschungsbereiche nach dem traditionellen Verständnis ihrer Zunft wenig gemeinsam haben: Hans Markowitsch vom Institut für Physiologische Psychologie und der Kulturwissenschaftler Harald Welzer; also ein Neurowissenschaftler und ein Geisteswissenschaftler. Die unterschiedlichen Denk-­‐‑ und Forschungsansätze in diesen beiden Wissenschaftsbereichen wurden seit dem 19. Jahrhundert in der bisher unumstößlichen Auffassung formuliert: Bei den Naturwissenschaften gehe es um das Erklären, bei den Geisteswissenschaften um das Verstehen. Doch seitdem die Neurowissenschaften dieses Bild ins Wanken gebracht haben, wonach menschliches Denken und Handeln nicht nur dem freien Willen unterliegt, sondern durch biologische Determinationen bestimmt wird, kommt eine Annäherung der beiden wissenschaftlichen Standpunkte zustande. Die Wissenschaftler entwickelten ein interdisziplinäres Projekt des autobiographischen Gedächtnisses, das sie „bi-­‐‑psycho-­‐‑
soziales Modell“ nennen. Dabei beziehen sie drei unterschiedliche Perspektiven ein: Zum ersten geht es um die Ebene der Gehirnreifung, gewissermaßen also die organische Entwicklung, die sich im Laufe des Heranwachsens vollzieht. Bei der zweiten Ebene geht es um die psychologische Entwicklung, die durch Wahrnehmungen, Kommunikation und Gefühle gesteuert wird. Schließlich ist dann noch die Ebene des Sozialen, also der Kontakte mit Menschen und der Umgebung. Die Forscher haben aus diesen Grundlagen insgesamt fünf Formen des Gedächtnisses differenziert: Beim prozeduralen Gedächtnis geht es um das Erlernen von mechanischen und motorischen Fähigkeiten, die beim Säugling beginnen und sich im Laufe des Lebens weiter entwickeln. Dann gibt es das Priminggedächtnis, bei dem die Prägung und das Identifizieren von Situationen eine Rolle spielen. Zum dritten sprechen die Forscher vom perzeptuellen Gedächtnis, das Muster des Erkennens und Erinnerns liefert; wie etwa, dass man einen Apfel als Apfel erkennt, usw. Als viertes gibt es das Faktengedächtnis, das sich in Kurz-­‐‑ und Langzeitgedächtnis aufschlüsselt; und schließlich das autobiographische Gedächtnis, das sich im Laufe des Lebens entwickelt und in den unterschiedlichen Lebensphasen verschieden darstellt[5]. Biographische Erinnerung Bei der biographischen Erinnerung, die sich in Selbstzeugnissen, Tagebüchern oder in Zeitzeugenberichten darstellt und sich als Gedächtnisleistung und als „Wiedergewinnung“ des früher im Gedächtnis Gespeicherten oder von etwas, was schon einmal gewusst war“ (Aristoteles) zeigt, ist zu berücksichtigen, dass das wahre Erinnern nicht nur ein zufällig stattfindender Akt ist, sondern ein aktives, willentliches Sicherinnern im Jetzt-­‐‑Bewusstsein, also eine intellektuelle Fähigkeit des Denkens erfordert. Das betrifft sowohl die individuelle Erinnerung, wie auch das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft, eines Volkes oder der Menschheit[6]. Werden Erinnerungen als Quellenmaterial angeboten, hat der Nutzer die Möglichkeit, geschichtliche Ereignisse nachzuvollziehen[7]. Handelt es sich bei den Quellen um Fundstücke, die gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren, sondern als persönliche Zeugnisse, wie etwa Briefe, stehen die Leser vor einem Problem und einer intellektuellen Herausforderung. Authentizität und Bedeutsamkeit für geschichtliche Betrachtung muss sich als Biographieforschung vollziehen[8] und ggf. verortet werden[9]. Geschichte als Alltag begreifen Es sind nicht selten die Zufälle, die wertvolles historisches Quellenmaterial zutage bringen. Der Hildesheimer Radiomacher Dr. Thomas Muntschick stößt bei einem Flohmarkt auf einen Ordner, in dem sich, in Sütterlin-­‐‑Schrift, Briefe aus den 1930er Jahren und einem Foto aus dem Jahr 1936 befinden. Darauf ist ein Chor von 15 jungen Frauen und sechs jungen Männern in der Sonntagskleidung der damaligen Zeit abgebildet. Eine junge Frau und ein junger Mann aus dieser Gruppe beginnen zwei Jahre nach der fotografischen Aufnahme einen Briefwechsel. Die Briefe vermitteln in „freimütiger Prosa“ Gedanken der beiden jungen Menschen, die als Hilde Laube und Roland Nordhoff bezeichnet werden. Sie erzählen sich ihre alltäglichen Tätigkeiten im Beruf, in der Familie, der Freizeit, und sie tauschen sich aus über die Folgen des Krieges, das Nazi-­‐‑Regime und vermitteln so die Befindlichkeiten eines „gewöhnlichen deutschen Paares während des zweiten Weltkriegs“. [http://info.umkc.edu/dfam/projekt/crowdsourcing/] Lebendige Geschichte Die Vermittlung von historischen Begebenheiten und Befindlichkeiten von Menschen, die sich nicht als gesellschaftliche oder politische Meinungsbildner oder Führungspersönlichkeiten darstellen, sondern als Zeitgenossen wie du und ich, kann dazu beitragen, dass wir Heutigen Geschichte nicht (nur) als eine Aneinanderreihung von „bedeutsamen“ Ereignissen begreifen, sondern im Sinne von Bertolt Brecht Fragen stellen können, die vielleicht nicht in Geschichtsbüchern geschrieben stehen: Bertolt Brecht Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon -­‐‑ Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch, bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen. [1] Václav Havel, „Fassen Sie sich kurz“, Rowohlt Verlag, 2007 [2] A. F. Koch, in: Otfried Höffe, Aristoteles-­‐‑Lexikon, Stuttgart 2005, S. 110 [3] Nora Nebel, Ideen von der Zeit. Zeitvorstellungen aus kulturphilosophischer Perspektive, 2011,http://www.socialnet.de/rezensionen/12020.php [4] Ulrike Jureit & Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, 2010,http://www.socialnet.de/rezensionen/10056.php [5] Hans J. Markowitsch / Harald Welzer, Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung, Stuttgart 2005, 302 S. [6] Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2011,http://www.socialnet.de/rezensionen/12634.php [7] Gerhard Schneider, Hrsg., Meine Quelle. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 2008,http://www.socialnet.de/rezensionen/6823.php [8] Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/11821.php [9] Annette Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-­‐‑
Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung, 2008, http://www.socialnet.de/rezensionen/7630.php 
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