Autobiografisches Erinnern in Irene Gut Opdykes Wer
ein Leben rettet… Eine wahre Geschichte aus dem
Holocaust (2000) und Anita Lobels Das Versteck auf
dem Dachboden. Eine Kindheit in Polen (2002)
Inhaltsverzeichnis
1 Literatur und Gedächtnis – Zur Zielbestimmung ........................................................ 3
2 Aktueller Gedächtniskurs ............................................................................................... 5
2.1 ›Memoire collective‹ von Maurice Halbwachs .................................................................. 5
2.2 ›Mnemosyne-Pathosformen‹ von Aby Warburg ................................................................ 6
2.3 ›Lieux de mémoires‹ von Pierre Nora ................................................................................ 7
2.4 Kulturelles Gedächtnis von Aleida und Jan Assmann ....................................................... 8
2.5 Erinnerungskulturen zum Konzept der Justus-Liebig-Universität Gießen ...................... 10
3 Erinnerte Geschichten in den autobiografischen Texten ........................................... 13
3.1 Autobiografisches Schreiben als subjektive Geschichtsschreibung ................................. 13
3.2 Die ‚Wunde der Zeit’ in der Auffassung von Aleida Assmann ....................................... 16
3.3 Das ‚Leiden unter Geschichte’ – Zur (Un-)Aussprechbarkeit traumatischer
Erfahrungen ............................................................................................................................ 16
3.4 Franz K. Stanzel – Autobiografie als Fiktion ................................................................... 18
3.5 Autobiografische Texte der deutschen jüdischen Schriftsteller nach der Shoah.............. 19
3.6 Erzählen über Kindheit und Adoleszenz in der deutschen Gegenwartsliteratur .............. 22
3.7 Erinnerungen an Auschwitz ............................................................................................. 23
3.7.1 Erinnerungen der Nicht-Betroffenen 23
3.7.2 Erinnerungen der KZ-Häftlinge 24
4 Analysen von Texten ..................................................................................................... 26
4.1 Erinnerung und Wahrnehmung in der Subjektivität von Anita Lobel in
narratologischer Sicht ............................................................................................................. 26
4.1.1 Krakau als Erinnerungsraum 26
4.1.2 Gedächtnis an verlorene Kindheit 29
4.2 Erinnerungen an den Holocaust in der Autobiografie von Irene Gut Opdyke ................. 33
4.2.1 Leben im Radomer Getto .............................................................................................. 34
4.2.2 Mitleid mit den Gefangenen .......................................................................................... 36
5. Vergleich beider Autobiografien ................................................................................. 39
5.1 Der Albtraum Krieg .......................................................................................................... 39
5.2 Befreiung und Rückkehr ins Leben .................................................................................. 44
5.3 Auf der Suche nach der neuen Heimat ............................................................................. 47
5.4 Kindheitserinnerungen der polnischen und der jüdischen Autorin .................................. 50
6. Zusammenfassung ...................................................................................................... 54
7 Literaturverzeichnis ..................................................................................................... 55
7.1 Primärliteratur........................................................................................................... 55
6.2 Sekundärliteratur ...................................................................................................... 56
2
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
1 Literatur und Gedächtnis – Zur Zielbestimmung
Gedächtnis ist ein „soziales Phänomen“1. „Das Gedächtnis entwickelt sich nicht in
Isolation, sondern ist immer schon sozial auf andere Individuen und, auf politischer
Ebene, auf andere Gruppen bezogen, wo es auf andere Gedächtnisse reagiert und Bezug
nimmt.“2 Der Begriff ist sehr umfangreich und er wird als kollektive oder individuelle
Erfahrung oder Wahrnehmung betrachtet. Woran sich jemand erinnert bzw. was
erinnerungswürdig ist, bestimmen die Relevanzrahmen. Die Menschen entscheiden
darüber, treffen die Wahl und konstruieren erfahrungsbezogene Texte selbst, die zu
Erinnerungsliteratur werden können. Die Bindung zwischen Literatur und Gedächtnis
ist sehr eng. Literatur gilt als Medium des kollektiven Gedächtnisses. Texte,
Erzählungen, historische Romane tragen einen großen Beitrag zur Vermittlung,
Entwicklung und Verbreitung der Geschichte bei. „Sie tragen über nationale Grenzen
hinaus
zur
Entwicklung
von
Vergangenheitsbewusstsein
und
sinngebenden
Vergangenheitskonstruktionen (das Gestern im Heute) sowie zur bewussten Teilhabe an
der Zirkulation des sozialen Sinns bei.“3 Im Laufe der Zeit baut sich das kulturelle
Gedächtnis in Texten als kulturelles Erbe auf. Heutzutage ist sowohl für
Literaturrezipienten als auch für die Autoren selbst der Gebrauch von Erinnerungen in
Texten einer Erfahrungsgemeinschaft und die Verwertung der Vergangenheit in
hypothetischen Räumen, die an bestimmten historischen Merkorten lokalisiert werden,
sehr wichtig. Den Literaturrezipienten wird dadurch ermöglicht, genauer und aus
verschiedenen Perspektiven geschichtsträchtige Ereignisse zu erfahren und den Autoren
ihre Gefühle, Erlebnisse und Gedanken auf ihre Weise zu verdeutlichen.
Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist das wachsende Interesse der Deutschen an der
Erinnerung und dem Gedächtnis zu einem Leitbegriff kulturwissenschaftlicher
Neuorientierung deutlich geworden. Besonders bei der jüngeren Generation hat das
Interesse an Geschichte hinsichtlich des Zweiten Weltkrieges sehr zugenommen.
Alte Menschen, die am Krieg teilgenommen haben und aus der Vergangenheit erzählen, kommen
immer auf dieses eine Thema zu sprechen und erzählen viele Geschichten. Meist sind das die
Generationen unserer Großeltern. Die nächste Generation, unsere Eltern, haben diese Zeit als
Kinder erlebt aus einer ganz anderen Perspektive, aber genau so fesselnd. Auch bei ihnen ist diese
historische Zeit ein Teil ihrer eigenen Geschichte, über die sie noch häufig erzählen. Die
schrecklichen Erlebnisse und das Leid im KZ-Lager, die Eskalation der Judenverfolgung und die
1
Zimniak, Paweł: Niederschlesien als Erinnerungsraum nach 1945.Literarische
Fallstudien.Wrocław/Dresden: Neiße Verlag 2007, S.30.
2
http://www.goethe.de/ges/pok/dos/dos/ern/kug/de3106036.htm (konsultiert am 07.05.2009).
3
Vgl.ebd. S.32.
3
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
systematische und massenhafte Ermordung bestimmter Bevölkerungsgruppen, nicht nur Juden,
sondern auch sehr vieler Polen, Kommunisten, Dissidenten, Politiker, Intellektuellen und auch
Spaniern, bleiben in unseren Köpfen präsent4.
Im Folgenden soll anhand einiger grundlegender begrifflicher Unterscheidungen ein
Überblick über das weite und komplexe Gebiet der kulturellen Gedächtnisforschung
geschaffen werden. Die literarischen Texte gelten als Versuche, die eigene
Familiengeschichte zu untersuchen. Vor allem das autobiografisches Schreiben gilt als
Erinnerungsliteratur und Erinnerungskultur. Kriegskinder haben viel zu erzählen, von
einer Kindheit die anders war als die vor ihnen und die nach ihnen. Durch die
Erinnerungen der letzten, unschuldigen Zeugen bekommen wir Antworten auf viele
Fragen: Wie haben die Kinder damals den Krieg erlebt? Welche Traumatisierungen
erfuhren sie? Wie sahen ihre Lebenswelten aus? Welche Erfahrungen sammelten sie?
Wie sind die Menschen nach diesen prägenden Jahren mit ihrem weiteren Leben
umgegangen?
Die Fülle an vorhandener und immer noch entstehender Literatur überliefert uns die
Ereignisse, die in der Vergangenheit stattfanden. Sie hat Einfluss darauf, wie und ob
diese Informationen erhalten bleiben sowie darauf, was die Menschen heutzutage
wissen, also auf unsere Bildung.
4
Vgl. Kusznierz, Iwona: Praca licencjacka, Auschwitz im Spiegel der spanischen Presse, Gorzów Wlkp.
2007, S.4.
4
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
2 Aktueller Gedächtniskurs
2.1 ›Memoire collective‹ von Maurice Halbwachs
Der französische Soziologe des 20. Jahrhunderts, Maurice Halbwachs, entwickelte den
Begriff ›memoire collective‹5. In seinen Studien schreibt er, dass Erinnerung sozial
bedingt und daher ein kollektives Phänomen ist. Soziale Bedingtheit bedeutet, dass das
soziokulturelle Umfeld in den Fakten und Daten durch die Interaktionen zwischen den
Menschen vermittelt wird, was Einfluss auf das kollektive Gedächtnis hat.
Astrid Erll verweist auf zwei grundlegende Konzepte von kollektivem Gedächtnis, die
von M. Halbwachs stammen: 1. Das kollektive Gedächtnis als organisches Gedächtnis
des Individuums, das sich aus dem soziokulturellen Umfeld herausbildet; 2. Kollektives
Gedächtnis mit Bezug auf Vergangenes durch Interaktion, Kommunikation, Medien und
Institutionen.
Maurice Halbwachs führte den Begriff ›cadres sociaux‹6, soziales Umfeld, ein, da jede
Erinnerung sozial geprägt ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht also andere
Mitmenschen, um zu kommunizieren. Durch Kommunikation mit anderen Menschen
können wir Erfahrungen sammeln. Diese sozialen Rahmen vermitteln und
perspektivieren die Inhalte des kollektiven Gedächtnisses.
Das kollektive und das individuelle Gedächtnis sind voneinander abhängig. Das
individuelle Gedächtnis ist ein Ausblickspunkt auf das kollektive Gedächtnis7.
Jeder Mensch gehört mehreren Gruppen an: der Familie, der Religionsgemeinschaft und
am Arbeitsplatz gehört er zum Team. Jeder einzelne Mensch unterscheidet sich von den
anderen. Jeder von uns ist ein Träger von Individualität, hat andere Erinnerungsformen
und gehört unterschiedlichen Gruppen an.
Eine Art des kollektiven Gedächtnisses ist das Familiengedächtnis, das ein
Generationsgedächtnis ist. Es wird von den Familienmitgliedern getragen: Urgroßvater,
Großmutter, Vater, Mutter, Kinder, Enkel. Es ist „ein typisches intergenerationelles
Gedächtnis“8. Es findet zwischen ihnen „ein Austausch lebendiger Erinnerungen
zwischen Zeitzeugen und Nachkommen“ statt.
5
Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Stuttgart/Weimar 2005, S.15.
Ebd., S.15.
7
Ebd., S.16.
8
Ebd., S.16.
6
5
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Das kollektive Gedächtnis erfasste Halbwachs hingegen in drei Dimensionen: 1.
Individuelles Gedächtnis, das im Rahmen einer Gruppe sozial geprägt ist. Wir sind die
Träger des kollektiven Gedächtnisses.Wir sind sozial geprägt, wir kommunizieren. 2.
Generationsgedächtnis: Mündliche Überlieferungen, kollektives, intergenerationelles
Familiengedächtnis. 3. Tradierung kulturellen Wissens: das kulturelle Erbengedächtnis9.
2.2 ›Mnemosyne-Pathosformen‹ von Aby Warburg
Wenn man über das kollektive Gedächtnis spricht, muss man Aby Warburg , den Kunstund Kulturhistoriker der 1920er Jahre, nennen.
Die Konzeptionen von Maurice Halbwachs und Aby Warburg unterscheiden sich
grundlegend voneinander, weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf.
Halbwachs hat gesagt, dass das zentrale Medium des kollektiven Gedächtnisses die
mündliche Rede ist. Für Warburg hingegen ist das Kunstwerk das zentrale Medium des
kollektiven Gedächtnisses. Das Kunstwerk besitzt die Fähigkeit, die bestimmten
historischen Zeiten
überdauern zu können und somit in einem anderen Raum zu
wirken.
Er spricht von der „Wiederkehr künstlicher Formen”10. Die Motive kehren nicht als
Ergebnis einer bewussten Aneignung dieser Motive durch Künstler späterer Epochen.
Er weist darauf hin, dass die kulturellen Symbole eine erinnerungsauslösende Kraft
haben, z. B. das Gemälde „Mona Lisa” da Vinci; die Bilder von Jan Matejko; das Alte
Schloss in Stuttgart und die antiken Baumuster, mit denen hier gearbeitet wurde; das
Bild „Kreuzigung Christi“ von Massacio und die Marmorstatue Davids von
Michelangelo.
Warburg hat den Begriff ›Pathosformeln‹11 geprägt, diese verbinden sich mit
menschlichem Ausdruck in Bezug auf Physiognomie. Die Kunst verbindet sich mit
„Ausdruck und Orientierung”12. Sie drückt Emotionen aus, und weist in ganz
bestimmter Richtung auf ihren Symbolgehalt hin.
Die Kunst wirkt, entfaltet ein Wirkungspotenzial. Sie schreibt sich in unser Gedächtnis
ein und wirkt durch die Betrachtung. Das Kunstwerk hinterlässt dadurch geistige
Spuren, die „kulturellen Engramme oder Dynamogramme, die mnemische Energie
9
Ebd., S. 18.
Ebd., S. 19.
11
Ebd., S. 19.
12
Ebd., S. 21.
10
6
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
speichern und unter veränderten historischen Umständen oder an weit entfernten Orten
wieder zu entladen vermögen”13. Das Kunstwerk hat eine Energie, die das Gedächtnis
fördert. Die Kunstwerke stehen für das kollektive Gedächtnis und sind so Exponente der
Theorie.
Das kollektive Gedächtnis wird von Warburg von dem materiellen Kunstwerk her
argumentiert, Halbwachs stattdessen bezieht sich eher auf die soziale Dimension. Beide
Konzeptionen weisen darauf hin, dass die Überlieferung der Kultur ein Produkt des
menschlichen Handelns ist14.
Die Untersuchungen regten zu Diskussionen um das kollektive Gedächtnis in den
1920er Jahren an.
2.3 ›Lieux de mémoires‹ von Pierre Nora
Im Bereich der Geschichtswissenschaft ist der Franzose Pierre Nora zu erwähnen. Sein
Standardwerk Les lieux de memoire aus den Jahren 1984-1992 in sieben Bänden wurde
zu einem monumentalen Werk. Darin betont Nora, dass Gedächtnis und Geschichte
zueinander in Kontrast stehen.
„Gedächtnis, Geschichte; keineswegs sind die Synonyme, sondern [...] in jeder Hinsicht
Gegensätze.”15 Pierre Nora verwendet gezielt den Terminus ›loci‹ für die
Erinnerungsorte, welche die Erinnerungsbilder der französischen Nation aufrufen.
Erinnerungsorte greifen wichtige Inhalte und Themen aus der Vergangenheit auf:
Geografische
Orte,
wissenschaftliche und
historische
Persönlichkeiten,
Gedenktage,
Gebäude,
philosophische Schriften, Denkmäler und Kunstwerke,
symbolische Handlungen, aber auch Redeweisen, die für bestimmte Nationen relevant
sind sowie soziale Umgangsformen. Laut Nora gibt es heutzutage kein kollektives
Gedächtnis mehr. Allerdings vermögen Erinnerungsorte es nicht, ein kollektives
Gedächtnis im Halbwachs’schen Sinne zu konstituieren. Ganz im Gegenteil erklärt
Nora: „Es gibt ›lieux de memoire‹, weil es keine ›milieux de memoire‹ mehr gibt.”16
Nora plädiert für die Bezeichnung „Erinnerungsorte“, weil sich die Situation in
Frankreich des 20. Jahrhunderts sowie seine gesellschaftlichen Strukturen, z. B. durch
Immigration – oftmals aus ganz anderen Kulturkreisen –, verändert hat. Diese
13
Ebd., S. 19.
Ebd., S. 21.
15
Ebd., S. 23.
16
Ebd., S. 23.
14
7
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Erinnerungsorte gelten als eine Art künstlicher Platzhalter für das nicht mehr
vorhandene, natürliche, kollektive Gedächtnis.
Pierre Nora hat auch Voraussetzungen dargelegt, die eine kulturelle Objektivation
erfüllen muss, um als Erinnerungsort bezeichnet werden zu dürfen. Er spricht von drei
Dimensionen der kulturellen Objektivation: 1. die materielle, nicht unbedingt fassbare;
2. die funktionale; und 3. die symbolische. Diese drei Dimensionen kann man mit Hilfe
des Konzentrationslagers Auschwitz darstellen. Als materielle Dimension gelten hier
die Krematorien, Gaskammern und Verbrennungsöfen. Auschwitz erfüllt aber auch eine
positive Funktion in der Gesellschaft: Es erinnert die Menschheit – unabhängig von
ihrer nationalen Zugehörigkeit – an die Verbrechen der Vergangenheit und an die
industrielle Vernichtung der Menschen. Es erinnert an die Zeit, in der die
Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Auschwitz hat so eine symbolische Aura,
eine Aura des Todes, der Vernichtung des Menschen. Es ist eine Todeslandschaft.
Noras Überlegungen fanden großen, internationalen Anklang.
2.4 Kulturelles Gedächtnis von Aleida und Jan Assmann
Ende der 1980er Jahre haben Aleida und Jan Assmann den Begriff des kulturellen
Gedächtnisses analysiert, das viele wissenschaftliche Disziplinen verbindet, wie z. B.
Geschichts-, Religions-, Literatur- und Altertumswissenschaft, Kunstgeschichte und
Soziologie. Da kommunikatives und kulturelles Gedächtnis sich
voneinander
unterscheiden, gliederten Jan und Aleida Assmann dieses Phänomen
in zwei
›Gedächtnis-Rahmen‹17: das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis.
Das kommunikative Gedächtnis entsteht in der Alltagskommunikation und bezieht sich
auf einen begrenzten Zeitraum (von 80 bis 100 Jahre)18 und wird persönlich von
Zeitzeugen bestimmt. „Jeder gilt hier als gleich kompetent, sich der gemeinsamen
Vergangenheit zu erinnern und diese zu deuten”19. Die Inhalte des kommunikativen
Gedächtnisses
werden
vor
allem
mündlich
übertragen
und
dienen
der
Erinnerugskommunikation. Beim kulturellen Gedächtnis handelt es sich um feste
Ereignisse, die weit zurückliegen, gruppenspezifisch sind und selektiv konserviert
werden. Die Vergangenheit wird durch Worte, Bilder, Tanz, religiöse Handlungen,
17
Ebd., S. 27.
Ebd., S. 28.
19
Ebd., S. 28.
18
8
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Rituale, Zeremonien, Bauwerke, Literatur und Musik weitergegeben. Durch die Pflege
dieser Texten, Bilder und Riten wird das Selbstbild stabilisiert und vermittelt. Dieses
Gedächtnis beeinflusst soziale Gruppen und deren Identitätsbildung. Das Gedächtnis
wird z. B. durch Priester gefestigt, die verbindliche gruppenbezogene Werte und Inhalte
zu vermitteln versuchen. Das kulturelle Gedächtnis lässt sich durch folgende Merkmale
festlegen:
1. Identitätskonkretheit: Ohne kulturelles Gedächtnis wären wir nicht imstande, eine
kollektive Identität herauszubilden. Aus dem kulturellen Gedächtnis leiten wir unsere
Identität ab.
2. Rekonstruktivität: Wir rekonstruieren die Inhalte von der Ebene der Gegenwart aus.
Wichtig ist, dass diese Inhalte selektiv aufgenommen werden.
3. Geformtheit: Das kulturelle Gedächtnis ist nur mit Hilfe von festen Ausdruckformen
und Ausdrucksmedien zu vermitteln. Eine bestimmte Form muss vorhanden sein.
4. Organisiertheit: Das kulturelle Gedächtnis muss in Bezug auf historische Ereignisse
verwaltet werden. Diese Eigenschaft verbindet sich mit der Institutionalisierung des
kulturellen Gedächtnisses. Es muss Institutionen geben, die das alles kontrollieren,
organisieren, systematisieren und vermitteln.
5. Verbindlichkeit: Klare Wertperspektiven und ein Relevanzgefälle, das Abschätzen.
6. Reflexivität: Die Lebenswelt einer Gruppe hat eine bestimmte Form, einen
bestimmten Rhythmus. Das kulturelle Gedächtnis
spiegelt die Lebenswelt einer
Gruppe, einer Gemeinschaft wieder. Mit diesem Merkmal verbindet sich die Reflexion:
Wir müssen über die kulturellen Inhalte und über uns selbst reflektieren können. Jan
Assman unterscheidet ›die rituelle Kohärenz oraler Kulturen‹ und ›die textuelle
Kohärenz skripturaler Kulturen‹. Die oralen Kulturen basieren auf der Mündlichkeit.
Die Kultur der Indianer gehört zu den Kulturen, die auf das Mündliche gesetzt haben.
Bestimmte Mythen im Sinne von Geschichten mussten ständig mündlich wiederholt
werden, und das noch möglichst genau. Es durften keine Abweichungen vorkommen,
da die Geschichte sich sonst später nicht stabilisieren könnte. Das kulturelle Gedächtnis
wird in den organischen Gedächtnissen der Sänger oder Schamanen bewahrt. Die
skripturalen Kulturen beziehen sich auf das Prinzip der Schriftlichkeit. Auf diese Weise
konnte mehr konserviert werden. Der Prozess war und ist dauerhafter als die orale
Übermittlung. „Im Rahmen einer zerdehnten Situation (Konrad Ehlich) wird eine
9
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
spätere Wiederaufnahme der Mitteilung gewährleistet”20.
Weiter unterscheidet Jan
Assmann ›heiße‹ und ›kalte Kulturen‹. Von den ›heißen Kulturen‹ ist bei den
Gesellschaften zu sprechen, welche die Erinnerung zum Motor ihrer Entwicklung
machen. Die ›kalten Kulturen‹ können den geschichtlichen Wandel durch Erinnerung an
das ewig Gleiche „einfrieren”. Aleida Assmann unterscheidet in ihrem Buch
Erinnerungsräume, ›Gedächtnis als ars‹ und ›Gedächtnis als vis‹.21 Das erste speichert
Wissen und Informationen, die immer wieder in gleicher Form vom Gedächtnis
abgerufen werden können. Das ›Gedächtnis als vis‹ hat eine transformierende Wirkung.
Es trägt zur Bewusstseinsveränderung der Menschen im Laufe der Zeit bei.
Erinnerungen können rekonstruiert werden sowie können ins Vergessen geraten.
Weiterhin trifft Aleida Assmann die folgende Unterscheidung: Funktions- und
Speichergedächtnis. Das Speichergedächtnis gilt als Reservoir, aus dem man schöpfen
kann, als eine Art ›langue‹, das alles verfügbare Wissen und nicht unbedingt relevante
Informationen enthält. Das Funktionsgedächtnis gilt als ›parole‹ und verbindet sich mit
dem aktiv Erinnerten. Das Funktionsgedächtnis hat als „zentrale Aufgaben die
Identitätskonstruktion und die Legitimierung einer bestehenden Gesellschaftsform”22.
Das Speichergedächtnis ist jedoch auch wichtig, weil es viele Informationen enthält, die
im Laufe der menschlichen Entwicklung in das Funktionsgedächtnis übergehen können.
Das kulturelle Gedächtnis ist also nach diesem Konzept prozesshaft und kann sich
verändern.
2.5 Erinnerungskulturen zum Konzept der Justus-Liebig-Universität
Gießen
Im
Jahr
1997
wurde
an
der
Justus-Liebig-Universität
Gießen
der
Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen” gegründet. An dem Projekt sind
Menschen verschiedenster Ausbildung beteiligt: Historiker, Germanisten, Latinisten,
Gräzisten,
Kunsthistoriker,
Romanisten,
Anglisten,
Orientalisten,
Philosophen,
Politologen, und Soziologen. Die Aufgabe der Mitarbeiter und Wissenschaftler ist es,
die Geschichten aus der Erinnerung zu rekonstruieren. In den Vordergrund dieses
20
Ebd., S. 30.
Ebd., S. 32.
22
Ebd., S. 32
21
10
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Konzepts rückt dabei „Dynamik, Kreativität, Prozesshaftigkeit und vor allem die
Pluralität der kulturellen Erinnerung”23. Der SFB definiert die Erinnerung als:
1. ein Eindruck , den man im Bewusstsein bewahrt;
2. eine Art Speicher im Gehirn, in dem Informationen aufbewahrt werden;
3. die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern;
4. ein kleiner Gegenstand, der hilft, etwas Vergangenes nicht zu vergessen.
Die Erinnerung ist von einer Dynamik und Prozesshaftigkeit gekennzeichnet. Sie
unterliegt
einem
ständigen
Wandel.
Sie
ist
nicht
statisch.
„Der
Begriff
Erinnerungskulturen verweist auf die Pluralität von Vergangenheitsbezügen”24. Es gibt
Kulturen, die komplementär sind (bezugnehmend), und die sich einander ausschließen.
Ebenso gibt es Kulturen, die universal sind (z. B. die antike Kultur der Griechen und
Römer), insbesondere, wo die Erinnerungen nicht für jeden von gleicher Bedeutung
sind (z. B. in Lemberg geborene Polen). Der SFB hat ein Modell geschaffen, das aus
drei Ebenen besteht. Die erste Ebene bestimmt die Rahmenbedingungen, die durch die
folgenden Faktoren bestimmt sind:
1. Die Gesellschaftsformation: Typus der Gesellschaft, spielt bei Erinnerung eine
große Rolle (z. B. offene oder geschlossene Gesellschaft).
2. Die Wissensordnung: führt zur Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens;
3. Zugang zum Wissen (z. B. wenn das Archiv nicht zugänglich ist, kann man die
weißen Flecken nicht füllen).
4. Das Zeitbewusstsein: Verändert sich durch Entwicklungsprozesse
Herausforderungslage: Gemeint ist Umdenken von Menschen bei Krisen und
Umbrüchen.
Die zweite Ebene bezieht sich auf die „Ausformung spezifischer Erinnerungskulturen”25
und umfasst vier Faktoren:
1. Die Erinnerungshoheit in der Gesellschaft, also ein Erinnerungsehrenvorsitz.
2. Die Erinnerungsinteressen (-bedürfnisse) verschiedener gesellschaftlicher
Gruppen, die auch Einfluss auf den Inhalt der Erinnerung haben. In
verschiedenen Ländern werden die Interessenakzente anders gesetzt
3. Die Erinnerungstechniken, d. h. auf welche Art und Weise die Menschen die
Vergangenheit weitergeben.
23
Ebd., S. 34.
Ebd., S. 34.
25
Ebd., S. 35.
24
11
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
4. Die Erinnerungsgattungen: Darstellungsform der Geschichte wie z. B. ein
Geschichtsfilm oder historischer Roman.
Die
dritte
Ebene
Inszenierungsweisen
besteht
des
aus
vier
Faktoren,
vergangenheitsbezogenen
„die
Sinns
Äußerungsformen
bzw.
das
und
konkrete
Erinnerungsgeschehen”26 beleuchten:
1. Die Begriffe „Gedächtnis“ und „Erinnerung“ sind nicht identisch. Das
Gedächtnis wird hier als „eine diskursive Formation”27 und die Erinnerung als
„Abruf und Neukonstitution von Wissen über die Vergangenheit”28 verstanden.
2. Der „Typus der Erinnerungsarbeit”.
3. Die Generationsfrage: Der Unterschied zwischen erfahrener und nicht erfahrener
Vergangenheit. Von Bedeutung ist, ob man etwas am eigenen Leibe erlebt hat
oder nicht. Bei Erfahrenen ist die Intensität der Erinnerungen größer. Es gibt
also keine Unvermittelbarkeit bei Nicht-Erfahrenen.
26
Ebd., S. 35.
Ebd., S. 35.
28
Ebd., S. 36.
27
12
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
3 Erinnerte Geschichten in den autobiografischen Texten
Es gibt viele Autoren, die nach dem Krieg ihre Erfahrungen niedergeschrieben und
veröffentlicht
haben.
Zum
Einen
kann
dies
eine
Möglichkeit
sein,
das
Vergangene/Erlebte zu verarbeiten, zum Anderen aber auch, um berühmt zu werden29
und Mitleid zu bekommen, wie Joanna Drynda30 es an der Arbeit Norbert Gstreins
beschreibt. Zur Veranschaulichung dieses letzten Postulats seien die Fälschungen
genannt, die sich mit der Zeit herauskristallisiert haben. Die literarische Beschäftigung
mit diesem Themenkomplex soll, so Drynda, dem Leser die Wirklichkeit des
enthumanisierten Grauens nahebringen. Es müsse dabei aber auf moralische und
ästhetische, psychologische und ideologische Werte eingegangen werden, um
herauszufinden, ob so ein Text überhaupt möglich und erstrebenswert sei.
Die Autorinnen Irene Opdyke und Anita Lobel beschreiben in ihren (jeweiligen)
Büchern auf autobiografische Weise, wie sie den zweiten Weltkrieg er- bzw. überlebt
haben. Im Folgenden soll genauer auf den Inhalt beider Werke eingegangen werden und
ein Vergleich ihrer Erlebnisse aufgestellt werden.
3.1 Autobiografisches Schreiben als subjektive Geschichtsschreibung
Beide Autorinnen, sowohl Irene Opdyke als auch Anita Lobel, erzählen aus
autobiografischer Sicht, wie sie die Entwicklungen vor, während und nach dem zweiten
Weltkrieg erlebt haben (wobei Irene Opdyke ihren Schwerpunkt deutlich auf das
„Währenddessen“ bzw. den Verlauf legt). Durch diese Art des Schreibens entsteht eine
Mischung aus Geschichtsschreibung und Erzählung, d. h., die Autorinnen erzählen ihre
Geschichte, wie sie sie erlebt haben und was sie dabei gefühlt haben. Auf diese Weise
hat der Leser die Möglichkeit, selbst an diesem Geschichtserleben teilzunehmen und die
eigentliche Geschichte nicht bloß als Tatsachenbericht in Geschichtsbüchern oder
Fernsehreportagen passiv zu lesen bzw. zu sehen, sondern sich – vor allem auf Grund
der Ich-Perspektive – selbst in die Rolle der Autorin zu versetzen und das Erlebte mit
ihr zu teilen, also die – zumeist schlechten – Erlebnisse aktiv mitzuerleben und -leiden.
29
Vgl. Drynda, Joanna: Der Krieg aus der geschichtlichen Ferne betrachtet. Norbert Gstreins Suche
nach der richtigen Sprache. Wrocław/Dresden 2006. Die Autorin drückt dies durch folgende Worte aus:
„den Status einer Exil-Ikone“ gewinnen und „zum wahren Modethema gewordene[n] Biographien“, S.
237.
30
Ebd., S. 236.
13
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Bzgl. des Niederschreibens solcher Erfahrungen schreibt Drynda: „Die Hauptaufgabe
eines Künstlers, also auch eines Schriftstellers, der sich heute, sechzig Jahre nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs, glaubwürdig mit der Thematik der letzten Dinge
auseinandersetzen will, müßte darin bestehen, das von sich selbst nicht Erlebte in
seinem ganzen Ausmaß auf eine unverstellte und unverbrauchte Art und Weise zu
zeigen. [...]“.
‚Subjektive Geschichtsschreibung’ bedeutet, dass der Schriftsteller versucht seine
Empfindungen während der Geschehen niederzuschreiben. Bei dieser Arbeit stehen die
Erlebnisse sowohl von Polen als auch von jüdischen Polen – also vom Antisemitismus
betroffenen Polen – im Vordergrund. Sinn und Zweck sollte die Erinnerung an diese
Erlebnisse sein und nicht eine erzwungene Entschuldigung. Als Schriftsteller sollte man
nicht erwägen, mit dem verfassten Text etwas verändern oder verbessern zu wollen31:
„Wenn das eine Frage nach engagierter Literatur ist, so würde ich mich nicht als Autor
definieren, der Bücher schreibt zum Zweck etwas zu verändern. Wenn man ein Buch
geschrieben hat, mit dem etwas passiert in der Welt, dann ist man erfreut. [...] Aber ich
schreibe es nicht in der Vermessenheit, ich könnte etwas verändern oder verbessern.“
Nach der Betrachtung des Opfergedächtnisses ist jedoch auch die andere Seite zu
untersuchen: Das Tätergedächtnis. Nicole Birtsch32 analysiert in Marcel Bayers Roman
„Flughunde“33 das Verhalten bzw. das Sprechen der Täter, die nach Hitlers Tod
versuchen, sich als Opfer auszugeben, wobei sie sich an ihren eigenen Opfern
orientieren, also versuchen, diese zu imitieren. Ein dabei wichtiger zu analysierender
Faktor ist die Stimme, da sie das Instrument darstellt, das den anderen glaubhaft machen
soll, was das Opfer Schreckliches erlebt hat. Subjektive Geschichtsschreibung muss
nicht nur von denen durchgeführt werden, die es selbst erlebt haben, sondern kann auch
von den Folgegenerationen anhand der Erzählungen ihrer Eltern vorgenommen werden.
So schreibt Marcel Beyer als ein Autor der Enkelgeneration Geschichten, die er nicht
aus eigenem Erleben heraus, sondern nur durch Berichte anderer kennt34. Daraus wird
ersichtlich, wie wenige sowohl autobiografische als auch fiktive Erinnerungen von
Tätern des Dritten Reichs in der Literatur vertreten sind35. Beyer verfolgt mit seinem
Roman jedoch nicht das Ziel, mit der Tätergeneration „abzurechnen“, sondern vom
31
Ebd., S. 243.
Vgl. Birtsch, Nicole: Strategien des Verdrängens im Prozeß des Erinnerns. Die Stimme eines Täters in
Marcel Bayers Roman „Flughunde“. Wrocław/Dresden 2006.
33
Vgl. Bayer, Marcel: Flughunde. Frankfurt am Main 1995.
34
Vgl. Birtsch, Nicole: Ebd., S. 317.
35
Ebd., S. 320-321.
32
14
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Erkenntnisinteresse geleitet, zu klären, wie es zu so etwas Massen Mitreißendem wie
dem Nationalsozialismus überhaupt kommen konnte36.
Geht man noch weiter in die Tiefe, so stellt sich die Frage nach der Möglichkeit der
deutschen Sprache, den Holocaust zu beschreiben37. Auf der Täterseite zeugt gerade die
radikale Abwesenheit der Opfer von ihrem Leid. Weiterhin behauptet Marcel Bayer,
dass es nicht der Inhalt ist, der den Holocaust widerzuspiegeln hat, sondern die Sprache,
welche künstlerisch erzeugt werden muss, um eine authentische Erzählung der
Geschehen zu gestalten. Der Grund dafür sei die mangelnde Vorstellungskraft der
Zuhörer38/Leser, die das Beschriebene nicht an eigenem Körper erfahren haben. Zu
versuchen, das von den Opfern Erlebte nachzuempfinden ist eine mögliche
Erinnerungsarbeit, welche zum Ziel hat, das Geschehene aufzuarbeiten bzw. zu
sühnen39.
Damit ein autobiografisches Gedächtnis überhaupt erst möglich wird, so Maurice
Halbwachs, muss die Voraussetzung eines Rückgriffs auf die bereits genannten ‹cadres
sociaux›, gegeben sein. Damit meint er all die Menschen, die uns als soziales Wesen
umgeben. Halbwachs geht davon aus, dass man als Individuum nicht den vollen
Horizont dieser Erinnerungen erfassen kann, sondern es notwendig ist, sie auch aus
kollektiver, sprachlich (mit)geteilter Sicht zu betrachten, was später für das individuelle
Erinnern eine Hilfe sein kann: „Sehr viel grundlegender ist für Halbwachs aber die
Tatsache, dass uns durch Interaktion und Kommunikation mit unseren Mitmenschen,
Wissen über Daten und Fakten, kollektive Zeit- und Raumvorstellungen sowie Denkund Erfahrungsstörungen vermittelt werden“40.
Genau das tat I. Opdyke jahrzehntelang: Schweigen bzw. nur mit Familie und Freunden
darüber sprechen. Doch als sie gewahr wurde, dass ihre Erlebnisse – also ihr Gedächtnis
– in Vergessenheit geraten könnten, weil in der Gesellschaft die Tendenz zu spüren war,
den Holocaust herunterzuspielen41, entschied sie endlich, ihre Erfahrungen mit der Welt
zu teilen und so auch das kollektive Gedächtnis wieder aufzufrischen.
36
Ebd., S. 326.
Ebd., S. 320-321.
38
Vgl. Semprun, Jorge: Schreiben oder Leben. Frankfurt am Main 1997, S. 152.
39
Vgl. Birtsch, Nicole: Ebd., S. 328.
40
Vgl. Erll, Astrid: Ebd. S. 15.
41
Vgl. http://www.biblio.at/literatur/rezensionen/details.html?mednr[0]=bn0003190&anzahl=1
(07.06.2009).
37
15
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
3.2 Die ‚Wunde der Zeit’ in der Auffassung von Aleida Assmann
Wie Janina Bach42 erklärt, gelangt Aleida Assmann zu der Differenzierung vier
verschiedener, kollektiver Gedächtnistypen; das der Sieger und das der Verlierer
einerseits, und das der Täter sowie das der Opfer andererseits. Die ‚Wunde’ werde dabei
von den Verlierer- bzw. Opfergedächtnisträgern erlitten und wecke den Wunsch nach
einem Neuanfang, um alles Erlebte hinter sich zu lassen, ohne die notwendige
Verarbeitung dessen in Betracht zu ziehen. Assmann beschreibt jedoch die
Notwendigkeit einer „ehrliche[n] Aufarbeitung der Vergangenheit, um einen
tatsächlichen Neubeginn nach dem Krieg zu ermöglichen. Mit diesen Forderungen
versucht sie, das im Tätergedächtnis strukturelle Merkmal der Verdrängung
aufzubrechen“. Assmann unterscheidet zwischen zwei Gedächtnistypen: Körper und
Sprache43. Im Körper werden die Erinnerungen als „Spuren“ gespeichert, während die
Erinnerungen der Sprache in der sozialen Kommunikation durch Erzählen, Ausdrücken
der persönlichen Einstellungen usw. ablaufen.
3.3 Das ‚Leiden unter Geschichte’ – Zur (Un-)Aussprechbarkeit
traumatischer Erfahrungen
Die beiden Aurorinnen, Irene Gut Opdyke und Anita Lobel, haben es „gewagt“, in ihren
Büchern über ein Thema – den Holocaust – zu schreiben, d. h. es auszusprechen, dessen
Grauen und seelische Wunden (das „Trauma“44) eher als nicht zu beschreiben, nicht in
Worte zu fassen bzw. unaussprechbar gelten. In vorigen Kapiteln wurde bereits
beschrieben, wie unterschiedlich Erlebtes dargestellt bzw. aufgefasst werden kann
sowie die Schwierigkeit, die es bedeutet, etwas Unvorstellbares vorstellbar zu machen.
Paweł Zimniak schreibt zu diesem Thema: „Zur Menschlichkeit gehört auch eine
stammelnde oder sogar ganz scheiternde Artikulation, die eine Klage über die
Unzulänglichkeit und Missdeutbarkeit des Wortes mitreflektiert“45. Das bedeutet, dass
42
Vgl. Bach, Janina: Spuren des kollektiven Gedächtnisses an den Holocaust in der DDR-Literatur bis
1958. In Gansel, Carsten: Reden und Schweigen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 :
Fallstudien, Dresden 2006, S. 171-172.
43
Vgl. Birtsch, Nicole: Ebd., S. 323.
44
Der Terminus „Trauma“ (Pl. Traumen, Traumata) geht auf das griechische Wort τραύμα [’travma]
zurück, was tatsächlich (einfach) „Verletzung“ bedeutet, so wie es in der medizinischen Fachsprache auch
verwendet wird. Im Deutschen beschreibt es jedoch eine „starke seelische Erschütterung“. In: Dudenredaktion: DUDEN 1, Die deutsche Rechtschreibung. 23. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2004.
45
Zimniak, Paweł: Niederschlesien als Erinnerungsraum nach 1945. Literarische Fallstudien. Neisse
Verlag, Wroclaław – Dresden 2007. S. 264.
16
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
unsere Sprachgabe manchmal nicht ausreichend dafür sein kann, was jemand am
eigenen Leibe erfahren hat oder musste. Hinzu kommt, dass bei der Erinnerung
zwischen zweierlei Typen unterschieden werden kann:
1. Gewöhnliche
Erinnerung
(common
memory),
welche
normale,
zusammenhängende und dadurch für jeden verständliche Erlebnisse beschreibt.
2. Tiefe Erinnerung (deep memory), die unaussprechbar und undarstellbar bleibt46.
Wenn der Betroffene versucht, dass Unaussprechbare auszusprechen, intendiert er
ebenso eine „Selbstmitteilung, ein Sichtbar- und Hörbarmachen der Innenwelt, einer auf
bestimmte Art und Weise strukturierten Gedanken- und Gefühlswelt, die auch das
Schweigen einschließt“47. Das Schweigen per se darf nämlich nicht einfach als simples
Nichtssagen interpretiert werden, sondern gehört ebenso zum Sprechakt wie das
Sprechen selbst48. „Das Schweigen ist also eine spezifische Art der Kommunikation“49,
da es zwischen Sprechen und Nichtsprechen wechselt und durch jede Sprechpause, d. h.
jedes Schweigen auch noch Informationen preisgibt.
Schweigen kann auf vielerlei
Arten ausgelegt oder verstanden
werden.
Tote
und
Opfer
schweigen zwar, können durch
ihr
Schweigen
Geschehnisse
jedoch
bezeugen.
Besonders nach dem Zweiten
Weltkrieg, zu Ehren der vielen
Tausend Juden, die bei dem Krieg
grausam
umgebracht
wurden,
wurde in Berlin das Holocaust-Mahnmal (siehe Foto50) errichtet. Wenn man zwischen
diesen immer größer werdenden Betonklötzen hin- und hergeht, vernimmt man auch
bloß ein tiefes Schweige, dass stellvertretend von den Blöcken für die Opfer steht.
Ebenso sagt P. Zimniak: „Das Schweigen der Toten und Opfer fordert die Erinnerung
46
Ebd. S. 264. In: Young, James E.: Zwischen Geschichte und Erinnerung, a.a.O., S. 44.
Ebd. S. 265.
48
Man bedenke dabei auch das deutsche Sprichwort „Keine Antwort ist auch eine Antwort“, das genau
diese Tatsache beschreibt, dass durch das Nichtssagen doch etwas gesagt wird, was jedoch vom Kontext
abhängigt unterschiedlich interpretiert werden kann.
49
Ebd. S. 266.
50
Vgl. http://www.berlin.citysam.de/fotos-berlin/berlin/regierungsviertel/holocaust-mahnmal-6.jpg
(konsultiert am 01.05.2009).
47
17
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
auf“51, die Erinnerung daran, was passiert ist (vgl. „Denkmal“) sowie die Ermahnung
(vgl. „Mahnmal“), dass sich so etwas nicht wiederholen darf.
Zum Schluss bleibt nur noch zu sagen, dass, um das Auschwitz-Trauma überwinden zu
können, darüber gesprochen werden sollte. Die Sprache verfügt nämlich über viele
verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten und man wird sicherlich eine Form finden wird,
um das Erlebte in einer so gut wie möglich angepassten Art und Weise aussprechen zu
können.
3.4 Franz K. Stanzel – Autobiografie als Fiktion
„Wo ein Ich erzählt, ist immer Fiktion“ ist eine Vortragspublikation einer Rede, die
Franz Stanzel vor der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat52. In
dieser Rede bzw. dieser Veröffentlichung postuliert der Autor, dass „facta“ immer
„ficta“53 sind, wenn jemand ein autobiografisches Werk zu schreiben oder zu
veröffentlichen sucht. Eine von Stanzels Vorüberlegungen ist Folgende zu
„(textgenerierte[r]) Fiktionalität in der Gattung Autobiografie. Hier wirft nämlich die in
Hinblick auf eine selbsterzählte Lebensgeschichte gesteigerte Leseerwartung, diese
verspreche historische Authentizität, die Frage auf, wieweit die Narrativität eines
solchen Textes diese Erwartung überhaupt zu erfüllen vermag“54. Er hinterfragt diese
historische Authentizität in Anlehnung an eine Frage, die Heinrich von Kleist formuliert
hatte: „Schreiben wir immer, was wir denken, oder denken wir nicht oft, was wir
schreiben?“55.
Stanzel nimmt als erstes Beispiel Günter Grass’ Werk Beim Häuten der Zwiebel, das
von seinem Autor zwar als autobiografisches Buch publiziert wurde, jedoch sowohl
fragliche als auch diskutable Inhalte aufwies. Einerseits gibt er – sogar bevor das Buch
überhaupt erschien – preis, zur Waffen-SS gehört zu haben56, was offensichtlich das
öffentliche Interesse erregte. Andererseits beschreibt er darin nämlich Erfahrungen, die
er jedoch gar nicht wirklich erfahren zu haben scheint; Stanzel sagt dazu aus:
Was also Grass in seine ‚Autobiographie’ transportiert, ist [daher] oft nicht mehr das ursprünglich
Erlebte, sondern eine fiktionalisierte Version davon. Hier wird eine für unser Thema
aufschlussreiche wechselweise Interaktion in der Autobiographie zwischen Wirklichkeitserfahrung
und imaginativer Verarbeitung erkennbar. Gelegentlich vorgebrachte Einwände von Zeitgenossen
51
Ebd. S. 269.
Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sprachkunst, Beiträge zur Literaturwissenschaft,
Jahrgang XXXVII/2006, 2. Halbband. Verlag der ÖAW, Wien 2006. S. 325.
53
Ebd. S. 329.
54
Ebd. S. 326.
55
Ebd. S. 326.
56
Ebd. S. 328.
52
18
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
und Weggefährten, wie etwa: „So war es gar nicht“, wehrt Grass mit dem Unverlässlichkeitstopos
der Erinnerung ab [...]57.
So wirft Stanzel eine Debatte auf, die das Grundsätzliche – die Basis – in ihren
Grundfesten erschüttert, nämlich dass das Selbsterfahrene zu etwas Vorstellbarem wird
und so, letzten Endes, zu Fiktion.
Als letztes Beispiel erwähnt Stanzel den ungarischen Autor Imre Kertész, der auch einer
der vom Autor benannten ‚Generation der Davongekommenen’ ist. Dieser Autor gibt
nämlich gleich zu Anfang seines Buches Roman eines Schicksallosen an, dass er „die
Etikettierung als ‚autobiographischer Roman’ zurück[weise]“58.
Auf diese Weise wird deutlich, dass das Thema der Autobiografie nicht so einfach
„unter einen Hut gebracht“ werden kann, sondern noch viele Fragen hinsichtlich ihrer
Authentizität und Darstellbarkeit offen lässt.
3.5 Autobiografische Texte der deutschen jüdischen Schriftsteller
nach der Shoah
Viele jüdische Schriftsteller haben sich nach ihren Erlebnissen der Shoah59 mittels einer
autobiografischen Niederschrift mit diesen Erfahrungen auseinandergesetzt. Auf diese
Weise dient Literatur als ›Reservoir menschlicher Erfahrungen‹60.
Die Überlebenden des Holocausts müssen sich damit abfinden, dass sie etwas erlebt
haben, was sich die meisten Menschen überhaupt nicht vorstellen können. Deshalb
fühlen sie sich in der Verantwortung, diese Erlebnisse niederzuschreiben, damit sie auch
für die Nachwelt und die Nicht-Dabeigewesenen zugänglich gemacht werden können.
Dieses Gefühl bzw. diese Verantwortung hat sich in manchen Fällen sogar zu einem
„alleinigen Eigentumsrecht am Holocaust“61 entwickelt, welches so verstanden wird,
diesen „Schatz vor dem Verfall und – ganz besonders – vor mutwilliger Beschädigung“
zu schützen.
Dieser Hintergrund (die mutwillige Beschädigung bzw. das Herunterspielen des
Geschehenen) brachte auch Irene Gut Opdyke dazu, ihr Schweigen zu brechen und von
ihren Erfahrungen aus autobiografischer Sicht zu schreiben. Infolge dieser Situation
stellt sich die Frage, ob und wie die Erlebnisse als Bücher veröffentlicht werden sollen,
57
Ebd. S. 329-330.
Ebd. S. 340.
59
Aus dem Hebräischen ‫שואה‬: ‚Katastrophe’. Wird oft als Synonym für ‚Holocaust’ verwendet.
60
Vgl. Platen, Edgar: Erinnerte und Erfundene Erfahrung. München 2000, S. 7.
61
Vgl. Ehlers, Heller: Erinnerte Geschichten in autobiographischen Texten deutscher jüdischer
Schriftsteller nach der Shoah. In: Platen, Edgar: Erinnerte und Erfundene Erfahrung, München 2000, S.
9.
58
19
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
ohne dabei in einen kommerzialisierenden Hintergrund (vgl. Debatte um die
„Kommerzialisierung“ von Auschwitz62) abzurutschen.
Wie wichtig das Erzählen, d. h. die Weitergabe von Erlebtem ist, beschreibt das
folgende Zitat: „Geschichten sind so wichtig für die Menschen wie das Brot, das sie
täglich essen“63. Dadurch wird deutlich, dass die Weitergabe dieser Geschichten
notwendig ist, um die Folgegeneration damit zu „ernähren“ und ihr Gewissen
auszubilden und wachzuhalten.
Ein charakteristischer, den/die Schriftsteller/in betreffender Aspekt bei der Erzählung
eigener Erfahrung ist die Selbstkritik und -korrektur64, da es verschiedene
Wirklichkeitsauffassungen65 geben kann, die untereinander sogar in Konflikt geraten
können. Der Erzähler solcher erlebten bzw. erinnerten Geschichten fragt sich ständig
selbst, ob das auch wirklich alles so gewesen ist oder vielleicht nicht doch anders; ob
andere das genauso gesehen/erlebt haben oder nicht, ob und wie man solche
schrecklichen Erlebnisse an Nicht-Dabeigewesene weitergeben kann oder muss.
Weiterhin
verweisen
einige
Schriftsteller
darauf,
dass
dem
Erzählen
eine
Schutzfunktion zukommen kann66, und zwar gegen die „Überwältigung durch die
Erinnerungen“67. Mitverantwortlich können dabei Schuldgefühle sein; „ein diffuses und
doch sehr klares Schuldgefühl: ‚Warum habe ich überlebt, meine Angehörigen aber
nicht!’68“.
Hinsichtlich der Wahrheit und Authentizität der Lebenserinnerung ist Fred Wander
[...] klar: „Eine fotografisch genaue Abbildung der Vergangenheit kann es nicht geben.“ (336)
Walser zitierend, gesteht er zu, daß „man [...] etwas derart weit Zurückliegendes“ nicht
beschreiben könne, „ohne zu erleben, daß es längst Fiktion ist – selbst wenn das alles
tatsachengesättigt ist, wenn das Personen sind, die tatsächlich gelebt haben [...]“. (337) Damit
können der bei Wander mit Selbsterlebtem, Erzähltem und Erlesenem ausgefüllte geschichtliche
Raum und die Zeit auch verstanden werden als in der Erinnerung „erfundene Erfahrung“.69
Infolge dieser eben erwähnten, vergangenen Zeit und der manchmal schwierig zu
leistenden Erinnerungsarbeit könne es zu einer „Verschiebung der Perspektive“70
62
Ebd., S. 22.
Ebd., S. 14. In: aus: „Gedenken. Erzählen. Leben. Gespräch mit Fred Wander“. In: neue deutsche
Literatur. 4 1996. S. 62-75. Hier: S. 63.
64
Ebd., S. 16.
65
Vgl. Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. München
1976.
66
Vgl. Ehlers, Hella: S. 18 und vgl. Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Berlin 1971.
67
Ebd., S. 18.
68
Vgl. Ther, Klaus: Leseprobe von Wander, Fred: Der siebente Brunnen, 11. Juli 2005
(http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/wander/, konsultiert am 25.10.08).
69
Vgl. Ehlers, Hella: S. 19.
70
Ebd., S. 21.
63
20
Autobiografisches Erinnern
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Iwona Kusznierz
kommen, welche ein Abrutschen in einen kitschigen Stil („KZ-Kitsch“71) nach sich
ziehen könnte. Ruth Klüger gibt folgende Erklärung zu diesem Perspektivenwechsel,
den sie aufgrund eines künstlerischen Zugriffs auf Vergangenheitserfahrungen
problematisiert: „[j]e größer die zeitliche Distanz, desto unverständlicher wurde das
Geschehen jener Jahre. Auch mir scheint es manchmal, daß die Erinnerungen, die ich
im Gedächtnis herumtrage, mir fremd sind, nämlich sie sind der Person fremd, die ich
seither geworden bin“72.
Auf diese Weise gelangt man zu den verschiedenen „Möglichkeiten der Darstellbarkeit
der Shoah-Erfahrungen, wobei [...] Wahrhaftigkeit unbedingt Subjektivität (im Sinne
von authentisch) zur Vorbedingung hat73“, der Schriftsteller sich also der Schwierigkeit
gegenübersieht,
„Geschehenes
[Objektives]
von
Erinnertem
[Subjektivem]
zu
unterscheiden“74.
Bezüglich des Sammelbegriffs aus der Überschrift ‚deutsche jüdische Schriftsteller’ sei
darauf hingewiesen, dass diese beiden Adjektive (‚deutsch’ bzw. ‚jüdisch’) während der
Shoah antithetisch, d. h. als Opposition, verwendet wurden. Davon zeugen Ausdrücke
wie ,Gojim75 naches’ (oder noch kürzer und verächtlicher: ‚GN’76), womit die jüdischen
Kinder die „anderen Jungen“ bezeichneten. Andererseits zeugen Wörter wie „Chasser“
(Ferkel) und „cheirisch“ (schwerhörig)77 davon, wie die deutschen Kinder die jüdischen
riefen, wenn diese sich beschmutzt oder etwas nicht verstanden haben.
In dem hier behandelten Artikel wird also darauf eingegangen, dass „Geschichte(n)[E]rzählen und Erinnerungsfähigkeit [...] sich im poetologischen Selbstverständnis der
Schriftsteller und im Erzählvorgang als soziale Qualität des Menschen [erweisen]“78.
Die jüdischen Schriftsteller behandeln ihre Shoah-Erfahrungen sowie sich selbst, und
suchen dabei stets nach Darstellungsverfahren, die dem Erlebten – so weit wie möglich
– gerecht werden (sollen).
71
Ebd., S. 21.
Ebd., S. 21, in: Klüger, Ruth: Mißbrauch der Erinnerung: KZ-Kitsch. In: Dies.: Von hoher und
niedriger Literatur. 2. Auflage. Göttingen 1996. S. 29-44. Hier: S.33.
73
Ebd., S. 22.
74
Ebd., S. 22.
75
1. Go|jim: Pl. von →Goi. 1. Goi, der; -[s], Gojim ['go:jım, go'ji:m; hebr. gôy]: jüdische Bez. für
Nichtjude. Aus: DUDEN Online (http://www.duden-suche.de/suche/trefferliste.php), konsultiert am
25.10.08.
76
Ebd., S. 27.
77
Ebd., S. 28.
78
Ebd., S. 30.
72
21
Autobiografisches Erinnern
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3.6 Erzählen über Kindheit und Adoleszenz in der deutschen
Gegenwartsliteratur
In den 90er Jahren kam es in der deutschen Gegenwartsliteratur zu einem Wandel in
den „zeitgenössischen Anschauungen“79, wobei die Kindheit und Adoleszenz in den
Vordergrund gelangten. Dies beweist das „vitale Interesse am Erzählen [wahrer
Geschichten], an guten Geschichten und wacher Weltwahrnehmung“80. Viele der
Autoren, die dieser Tendenz folgen, gehören gleichsam zur „Popliteratur“81, die zu
dieser Zeit florierte. Der für das Publikum besonders interessante bzw. anziehende
Aspekt war das unmittelbare Verhältnis dieser Texte zum Leben82, da in ihnen
tagebuchähnlich erzählt wird, was die Autoren erlebt und durchgemacht haben. So kann
der Leser ein näheres, intensiveres Verständnis bzw. Nachvollziehen des Erlebten
bekommen. Wie Gottfried Willems erklärt, hätten solche Texte das Ziel, „die Kluft
zwischen Kunst und Leben zu überbrücken“83, wodurch die Kunst also dem Leser näher
gebracht und sie miterlebbar gemacht werden kann.
Besonders nach dem zweiten Weltkrieg erschien eine neue Autorengeneration 84, die
über ihr Erzählen das Durchlebte mit der Welt teilen wollte. Die Bezeichnung „Kinderund Adoleszenzliteratur“ ergibt sich demnach dadurch, dass die Schriftsteller vor und
während des Krieges Kinder bzw. Adoleszente waren. Viele Jahre später entwickelte
sich eine neue Lust am Erzählen dieser Erlebnisse, wobei sich der durch den
Nationalsozialismus bewirkte Zivilisationsumbruch noch verstärkte85. Dieses Phänomen
ging sogar so weit, dass es zu einem regelrechten Boom kam86.
Ein wichtiger Darstellungsgegenstand dieses Literaturstils war die aufgebürdete
Selbstverantwortung und -behauptung, welche die Kinder und Jugendlichen während
des zweiten Weltkrieges – also während einer Diktatur87 – entweder über sich
hinauswachsen oder verzweifeln ließ. Auch I. Opdyke Gut und A. Lobel beschreiben in
79
Vgl. Gansel, Carsten: Zum Erzählen über Kindheit und Adoleszenz in der deutschen
Gegenwartsliteratur. Zielona Góra 2004, S. 277. In: Buczek, Robert; Gansel, Carsten, et al.:
Germanistyka Texte in Kontexten. Zielona Góra 2004, Band 3.
80
Ebd. S. 277.
81
Ebd. S. 278.
82
Ebd. S. 278.
83
Vgl. Willems, Gottfried: Anschaulichkeit. Zu Theorie und Geschichte der Wort-Bild-Beziehungen und
des literarischen Darstellungsstils. Tübingen 1989, S.431.
84
Vgl. Gansel, Carsten: Ebd. S. 279.
85
Ebd. S. 279.
86
Ebd. S. 280.
87
Carsten Gansel stellt die These auf, dass „für die Bestimmung von Adoleszenz die jeweiligen
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bedeutung, also die Frage danach, ob der/die Adoleszente
sich im Absolutismus, einer Monarchie, einer Diktatur oder einer demokratischen Gesellschaft bewegt.“
Vgl. ebd., S. 283 – 284.
22
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
ihren Büchern sehr gut, wie viel Verantwortung sie sowohl für sich, als auch für ihre
Familienangehörigen
und
andere
Gruppenzugehörige
fühlten.
Durch
diese
„Schnellreifung“ der Kinder und Adoleszenten, so Carsten Gansel, seien die
Generationsräume nicht mehr penibel getrennt sondern miteinander verwoben und die
Grenzen fließend88.
3.7 Erinnerungen an Auschwitz
3.7.1 Erinnerungen der Nicht-Betroffenen
Was sich in Oświęcim (Auschwitz) während des zweiten Weltkriegs zugetragen hat,
kann sich heute kaum mehr jemand vorstellen. Tatsächlich bleiben auch immer weniger
Leute übrig, die sich (reflexiv)89 sowie andere (transitiv) an das Geschehene erinnern
können. Um dem Umkippen ins Gegenteil – also dem Vergessen – vorzubeugen, haben
sich auch Nicht-Dabeigewesene dem Aufschreiben dieser Erfahrungen gewidmet.
Der Ortsname Auschwitz ist so zu einer Metapher für all das geworden, was dort
passiert ist; in ihm sind eindeutige Schuldbenennungen enthalten, die stets an das
Vernichtungswerk erinnern90.
Bez. der „KZ-Literatur“ lässt sich zwischen zweierlei Autoren unterscheiden: 1. die
Dabeigewesenen, die alles auf ihrer eigenen Haut spüren mussten und 2. die NichtDabeigewesenen,
die
aus
der Distanz
das,
was
ihnen übermittelt
wurde,
niedergeschrieben haben. Thomas Oslo weist auch noch eine dritte Gruppe auf, und
zwar derer, die später geboren sind und fiktional über den Holocaust schreiben91.
Das Resultat mag mehr oder weniger das gleiche sein, jedoch nicht der Beweggrund,
der die Schreibmotivation jeder der beiden oben genannten Gruppen darstellt. Während
die Ersten das Niederschreiben nämlich brauchten, um das Erlebte verarbeiten zu
können, schrieben die Zweiten eher aus einer Selbstverpflichtung heraus, die dem
gesellschaftsfähig gewordenen Vergessen entgegenwirken sollte. Irene Gut Opdyke und
Anita Loben gehören der ersten Gruppe an (wovon ganz besonders die in ihren Büchern
enthaltenen Fotos zeugen), obwohl I. Opdyke selbst angab, ihren Schreibansatz gerade
durch diesen Grund gefunden zu haben, welcher eher der zweiten Gruppe zugeschrieben
88
Ebd. S. 287.
Jung, Thomas: Ortschaft Auschwitz: Topographie der Erinnerung. Diskurse der Erinnerung an
Auschwitz aus der Perspektive der Nicht-Dabeigewesenen. In: Platen, Edgar: Erinnerte und Erfundene
Erfahrung, München 2000, S. 47.
90
Ebd., S. 34, 35.
91
Ebd., S. 37.
89
23
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
wurde, nämlich der Verharmlosung und dem Vergessen (so wie es gewesen war)
entgegenzuwirken.
Um den Schreibprozess der zweiten Gruppe, die ja nicht direkt dabei gewesen ist,
besser verstehen zu können, gibt Thomas Jung folgende Erklärung:
Der Vorgang der Erinnerung kann [...] folgendermaßen beschrieben werden: Der Überlebende,
selber nicht mit derErfahrung des Ortes ausgestattet, nähert sich – stellvertretend für den Leser –
der Gegenständlichkeit des Ortes an, erkundet und benennt Fakten, Dokumente, Zeugnisse, Räume
und überführt diese im narrativen Bericht in den Wissensspeicher des Lesers. Eben dieser
Transformations- bzw. Transpositionsprozess exemplifiziert geradezu idealtypisch das Erinnern92.
Zusammenfassend sei gesagt, dass durch die Kombination von verschiedenen
sinnlichen wie reflektierenden Annäherungen an den Raum/die Ortschaft mit dem
faktischen Wissen über die Geschichte die Erinnerung als Reanimierung von
relevantem Wissen zu verstehen ist. Das kollektive Gedächtnis kann dabei von Hilfe
sein. Den Namen „Auschwitz“ sowohl für die Ortschaft wie auch als Metapher93
lebendig zu halten, hat zum Ziel, die notwendige Erinnerung an das dort Geschehene
stets am Leben zu halten und weiterhin unter den Menschen zu verteilen.
3.7.2 Erinnerungen der KZ-Häftlinge
Die Konzentrations- oder treffender gesagt Massenvernichtungslager der Nazis waren
wohl das Schrecklichste, was der Zweite Weltkrieg hervorgebracht hat. Die
unvorstellbar hohe Zahl an getöteten Menschen – allein aufgrund ihrer (religiösen,
ethnischen, politischen, sexuellen u. Ä.) Zugehörigkeit bzw. Herkunft – beweist, zu
welch unsagbar grausamen Übeltaten der Mensch gegenüber seinesgleichen fähig ist.
Es wir davon ausgegangen, dass um die 8 Millionen Menschen in den KZ vernichtet
wurden94. Die Nazis gingen so weit, dass sie die Tötung der Menschen über den
schnellstmöglichen Weg durchführten: sie zusammenpferchen, sie sich selbst ausziehen
lassen, eine große Anzahl von Menschen gleichzeitig mit Gas umzubringen (zu
„beseitigen“, ihren Worten nach), sie anschließend massenweise zu verbrennen und die
Asche als Dünger verwenden oder in den nächstverlaufenden Fluss abzuleiten.
Dem Ganzen zu entkommen war fast unmöglich, jedoch haben es ein paar Leute
geschafft – wie Irene Gut Opdyke und Anita Lobel –, die nach diesen Erlebnissen,
wovon diese Arbeit handelt, ihres Lebens dennoch nur sehr schwer wieder froh wurden
92
Vgl. ebd., S. 40.
Vgl. ebd., S. 48.
94
Vgl. Kusznierz, Iwona: Praca Licencjacka, Auschwitz im Spiegel der spanischen Presse, Gorzów
Wlkp. 2007, S. 23.
93
24
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
(nachdem ihnen so unsagbar Schreckliches wiederfahren war). Eine der AuschwitzÜberlebenden ist die das halbe Jahr in Spanien verbringende Marta Bik. Sie war noch
ein junges Mädchen, als sie von den Nazis festgenommen wurde. Sie war verdächtig,
weil ihr Bruder zum Widerstand gehörte. Ihr Bruder und ihr Vater wurden umgebracht.
Ihr wurden Sachen gesagt wie „Hier kann man nicht hinaus, außer durch den Kamin“95.
Marta arbeitete in der Wäscherei und hatte das „Glück“, kostbare Kleider waschen zu
können, wofür sie mit Kartoffeln belohnt wurde.
Die Gefangenen lebten in überfüllten Baracken, Männer und Frauen getrennt, wobei
Letztere noch die sexuelle Verfolgung der Soldaten aushalten mussten. „Das zu
überleben und dann [zu] erzählen ist ein Schicksal, das wenige hatten“96, schildert
Marta. Genauso wie bei Irene und Anita, war es die Stärke, die sie vor dem gleichen
Schicksal wie dem ihrer Leidensgenossen gerettet hat. Die Nummer, die Marta im KZ
auf den Arm tätowiert wurde, ist immer noch sichtbar: „für das Leben bzw. vom Leben
gekennzeichnet“97.
Viele der Überlebenden haben nach Kriegsende geheiratet, obwohl sie, wie Marta
angibt, Komplexe wegen ihrer psychischen Schäden hätten. Was Kinder betrifft, so
meint sie, dass sie keine gewollt habe, „denn wer bringt schon ein Kind in diese
schreckliche Welt?“98
Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger von 1986, gehört ebenfalls zu den AuschwitzÜberlebenden und schrieb ein Buch (Nacht) darüber, was er in Birkenau erlebt hat99. Er
gehörte einer Gruppe ungarischer und rumänischer Juden an und musste sehen, wie
Männer, Frauen, Alte, Kinder, Schwangere und Behinderte getrennt wurden, die „nicht
mehr zu Gebrauchenden“ sich ausziehen mussten und in die Duschräume gestoßen
wurden, um dort elend durch Zyklon B100 vergast zu werden.
Zusammenfassend wird ein Zitat von David Solar gegeben, das recht ausdrucksstark
wiedergibt, worum es sich bei Auschwitz (nicht nur für die Überlebenden) handelt:
Auf der einen Seite von Auschwitz findet man die ganze Brutalität, die ganze Perversion und [...]
Gottlosigkeit, auf der anderen den ganzen Schrecken, das ganze Leid, die ganze Angst, [die]
Tränen und [das] Wehklagen. Noch 60 Jahre später wirkt dieser Ort wegen der unermesslichen
Schande durch die Nazis und für das schreckliche Grauen ihrer Opfer bedrückend 101.
95
Tejeda, B.: Canarias 7. Las Palmas de Gran Canaria 2006, S.20.
Ebd., S. 21.
97
Vgl. Kusznierz, Iwona: S. 11.
98
Ebd., S. 20.
99
[62] Ebd., S. 19.
100
Ebd., S. 21.
101
Vgl. Solar, D.: La aventura de la historia 2002/50, S. 33.
96
25
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Iwona Kusznierz
4 Analysen von Texten
4.1 Erinnerung und Wahrnehmung in der Subjektivität von Anita Lobel in
narratologischer Sicht
Die ersten Lebensjahre Anita Lobels waren mit Polen verbunden. Sie war im Jahre 1934
in Krakau in einer reichen jüdischen Familie geboren. Wie sie sich selbst erinnert,
wurden sie und ihr Bruder von den Anderen als verwöhnte Kinder bezeichnet. Das
hängte damit zusammen, dass ihr Vater der Besitzer einer Schokoladenfabrik war. Die
Eltern widmeten ihren Kindern aber nur wenig Aufmerksamkeit. Die kleine Anita
spürte mehr Liebe von ihrem Vater als von der Mutter. Die einzige Person, die ständig
für sie Zeit hatte, war ihre Kinderfrau. Die betreute die kleine Anita und ihren Bruder
auch fast die ganze Kriegszeit über.
Die Kindheit von Anita verlief während der Kriegsjahre. Sie und ihr Bruder mussten
sich immer verstecken, weil die Nazisoldaten die Juden, egal ob Erwachsene oder
Kinder, verfolgten. Ihr Vater floh am Anfang des Kriegs in die Sowjetunion und die
Mutter versuchte ihr Leben zu sichern. Mit der Kinderfrau versteckten sie sich vielmals
– auf dem Lande und in Krakau. Das Schicksal ihrer Angehörigen verschonte sie nicht.
Sie und ihr Bruder wurden in einem Kloster entdeckt und mussten vom Krakauer
Übergangslager Płaszów nach Auschwitz marschieren (ungefähr 60 km). Das war kurz
vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs (im Januar 1945). Die sowjetischen Truppen
waren schon auf dem Gebiet des heutigen Polens und deshalb war das ganze Lager nach
Deutschland in das Konzentrationslager Ravensbrück abtransportiert worden. Dort
wurden sie von den Alliierten befreit und dank des Roten Kreuzes konnten sie nach
Schweden gelangen.
Es stellte sich heraus, dass die Geschwister an Tuberkulose leideten. Sie wurden in
einem Sanatorium untergebracht und von den schwedischen Ärzten behandelt. Ihre
Eltern kamen nach Schweden, mit denen sie in die USA auswanderten. Noch in
Schweden lernte Anita zeichnen. Das ermöglichte ihr in den USA Kunst zu studieren
und Kinderbuchillustratorin zu werden. 1998 veröffentlichte Anita Lobel ihre
Kindheitserinnerungen, die 2002 ins Deutsche übersetzt wurden.
4.1.1 Krakau als Erinnerungsraum
Krakau ist die schönste Stadt Polens. Das sagt jeder, der einmal dort gewesen ist. Viele
26
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Sehenswürdigkeiten und die ungewöhnliche Atmosphäre beeindrucken einen, auch die
Kinder.
Anita Lobel war 5 Jahre alt, als sie sich mitten in den Kriegswirren befand. Was sie als
Kind sah, musste einen starken Einfluss auf ihr künftiges Leben auswirken. Trotzdem
vergaß sie ihre Heimatstadt nie. Als sie ihre Stadt verlassen musste und in einem Dorf
bei Krakau wohnte, empfand sie große Sehnsucht danach, was sie mit den Worten „Die
Stadt fehlte mir“102 ausdrückte. Sie wusste, warum sie mit Niania und ihrem Bruder aufs
Land zu den Verwandten des Vaters fliehen mussten, aber sie fühlte sich wie ein
Stadtkind und deshalb fragte sie ihr Kindermädchen: „Werden wir Krakau jemals
wiedersehen?“103. In Łapanów kamen sie im späten Herbst an und diese Jahreszeit sieht
auf dem Lande nicht besonders schön aus. Überall ist es grau und nass, und für Kinder
langweilig. Dazu blieb ihre Mutter in Krakau, weil sie dort dank der falschen Papiere
eine Arbeit gefunden hatte. Darum sehnte sie nach der Stadt, wo immer etwas geschah.
Es gelang ihnen, nach einigen Monaten nach Krakau zurückzukehren. Genauer gesagt
ins Krakauer Ghetto, wo sie sich vor den Nazis versteckten. Als es dort lebensgefährlich
wurde, fand die Kinderfrau eine neue Zuflucht für sie: in einem BenediktinerinnenKloster. Dort lernten die Kleinen die anderen Kinder kennen, mit denen sie sich
anfreundeten, und sie bekamen von den Nonnen schmackhaftes Essen sowie eine
Übernachtungsmöglichkeit. Für die Autorin war es am wichtigsten, dass sie in Krakau
war. Ihre Freude drückt sie folgendermaßen aus: „Wir lebten wieder in der Stadt, die ich
liebte. Wenn wir zur Messe nicht in die kleine Kapelle der Benediktiner gingen,
besuchten wir die große Kościół Mariacki (Marienkirche) in der Stadt [...]“104.
Anita und ihr Bruder spielten auf dem Klosterhof, von wo aus sie die Stadt beobachten
konnten. So erinnert sie sich daran: „Wir setzten uns auf einen Ast der Eiche, die im
Hof stand, und ließen die Beine baumeln. Wir konnten den Fluss sehen und den Wawel,
das Schloss“105.
Nachdem die Kinder von den Nazis verhaftet worden waren, fuhren sie in einem mit
einer Plane bedeckten Lastwagen zum Krakauer Gefängnis „Montelupi“. Während der
Fahrt erinnerte sich Anita an die glücklichen Momente, die sie in Krakau erlebt hatte,
was aus den folgende Zeilen ersichtlich wird:
102
Vgl. Lobel, Anita: Das Versteck auf dem Dachboden, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002,
S. 28.
103
Ebd., S. 31.
104
Ebd., S. 82.
105
Ebd., S. 83.
27
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Bei unseren Spaziergängen mit Niania waren wir oft an diesem Gebäude mit den ordentlich
ausgerichteten langen reihen von quadratischen Fenstern vorbeigekommen. Mit seinem
merkwürdig klingenden Namen war es so sehr Teil unserer Stadt wie das Sukiennice, die alten
Tuchhallen, und die große Marienkirche am Marktplatz. Und der Volkspark, in den Niania mit mir
gegangen war, als ich noch klein war. Wo ich mit Krümeln von altem Brot, das Niania in einer
Papiertüte mitgebracht hatte, die Vögel fütterte. Wo ich die kleinen Blümchen gepflückt hatte, die
dicht am Boden im Rasen wuchsen106.
Krakau verbindet die Autorin am stärksten mit dem Familienhaus. Daran erinnert sie
sich in jeder Situation. Das Haus war für das Kind insofern ein sicherer Hort, als ihre
Eltern gut situiert waren und auf großem Fuß lebten. Sie beschreibt es ganz genau: „Die
Rückseite des großen Etagenhauses, in dem wir wohnten, ging auf einen viereckigen
Hof. Hier waren die Balkons lange Gänge, die am ganzen Haus entlangzogen“107.
Als einmal die Nazi-Soldaten in ihr Haus kamen, nahmen sie viele wertvolle
Gegenstände mit. Anita Lobel erinnert, wie folgt, sich an dieses Ereignis:
Der große Garderobenschrank, in dem unsere Mäntel hingen, stand offen. »Sie haben meine Pelze
mitgenommen«, sagte Mutter. »Und das ganze Silber.« Die Fächer im offenen Esszimmerschrank
waren leer. Die Festtagsleuchter und die schöne Kaffeekanne und die Teekanne aus Silber waren
weg. [...] Auch der Fußboden im Flur zum Esszimmer war leer. Die schöne lange Brücke mit der
Mitte aus scheckenförmig geschweiften roten Formen und die Girlande aus bunten Blüten
zwischen den Randstreifen war weg108.
Und die schönen Sachen konnte die Mutter auf dem schwarzen Markt tauschen und
dafür etwas zu essen bekommen. Anita Lobel wagte es sich nie, nach Polen zu fahren.
Die glücklichsten Momente erlebte sie in Schweden, und deshalb besuchte sie dieses
Land. Polen verbindet sie nur mit Entsetzlichem, das sie nicht mehr erleben möchte. Sie
fühlt sich mit allen Orten noch sehr verbunden, daher begründet sie ihre Entscheidung
folgendermaßen: „Ich bin nie wieder in Polen gewesen. Ich habe nicht den Wunsch, auf
den konservierten Überbleibseln von Auschwitz oder Płaszów oder Ravensbrück zu
stehen, als besuchte ich eine Touristenattraktionen wie die London Bridge oder das
Forum Romanum oder den Eiffelturm“109.
Im Buch findet man keine genauen Beschreibungen konkreter Stellen in Krakau. Es
sind nur verschiedene Namen der Krakauer Sehenswürdigkeiten vorhanden, aber ohne
ihre Geschichte oder ihre Bestimmungen. Andererseits darf man von der Person, die
ihren Heimatort als Kind verlassen hat, nicht verlangen, dass sie sich präzise an alles
erinnert. Außerdem helfen ausführliche Beschreibungen der Baudenkmäler auch nicht
nicht, diese Kindheitserlebnisse besser zu verstehen. Deshalb verzichtete die Autorin
106
Ebd., S. 107.
Ebd., S. 14.
108
Ebd., S. 18 ff.
109
Ebd., S. 247 ff.
107
28
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darauf, ihre Erfahrungen zu vertiefen und konzentrierte sich darauf, was mit ihr, ihrem
Bruder und ihren Angehörigen geschah. Der Betroffene kann Genaueres in Reiseführern
lesen oder die Stadt selbst besichtigen. Trotzdem spürt man in den früher erwähnten
Buchabschnitten die Atmosphäre des damaligen Krakau. Wenn der Leser die Stadt
kennen gelernt hat, kann er sich gut vorstellen, wo diese Ereignisse geschehen sind.
4.1.2 Gedächtnis an verlorene Kindheit
Ihre Erinnerungen schrieb Anita Lobel erst fünfzig Jahre nach Kriegsende nieder. Ihre
Freunde hatten sie dazu überredet. Sie selbst hatte keine Lust, wieder zu diesen
Ereignissen zurückzukehren. Sie beschreibt dies folgendermaßen:
Im Laufe der Zeit haben mich viele Menschen gebeten meine Erinnerungen an die frühen Jahre
meines Lebens niederzuschreiben. Ich habe diese Aufgabe gescheut. Ich habe mich gesträubt. Als
ich jetzt diese Geschichte doch festhielt, habe ich mich in eine Zeit zurückversetzt, in der alles in
meiner Welt zertreten und vernichtet wurde. Eine Zeit, aus der ich nur wenige schöne Bilder in
Erinnerung habe110.
Sicherlich stellt man sich solcherlei Fragen: Was kann ein 5-jähriges Kind im
Gedächtnis bewahren? Wie entsetzlich mussten die Erlebnisse sein, dass man sie noch
nach 50 Jahren in Erinnerung behält?
Die erste mit dem Krieg verbundene Erinnerung war das Verschwinden ihres Vaters,
was für die Autorin die schmerzhafteste Erfahrung war. Sie erinnerte sich an sein
Aussehen, an die Farbe seiner Anzüge, Hemden, Krawatten, Schuhe sowie an seinen
Duft. Und eines Tages fuhr er weg. Darüber schreibt Anita Lobel wie folgt:
Und dann war er eines Morgens fort und kam nicht zurück. Er hatte mir nachts einen
Abschiedskuss gegeben und ich hatte es nicht gemerkt. Ich suchte nach seinen Schuhen. Ich
konnte seinen Duft nicht finden und ich weinte 111.
Sie vermisste ihren Vater, weil er ihr mehr Zeit widmete als ihre Mutter. Sie sehnte sich
nach ihren Sonntagsspaziergängen, während derer sie immer in die Konditorei gingen.
Die Mutter versuchte die Tat des Vaters zu erklären („Jüdischen Männern droht
größere Gefahr von den Nazis als Frauen und Kindern“112), aber sie konnte die
Sehnsucht des kleinen Kindes nicht stillen. Sie warteten auf eine Nachricht vom Vater,
die jedoch nie kam. Damit die Kinder sicherer waren, schickte sie die Mutter aufs Land.
Sie sollten mit dem Kindermädchen bei den Verwandten des Vaters im Dorf Łapanów
wohnen. Dort erlebte die Autorin das erste direkte Treffen mit den Nazis, als sich die
Passahzeit näherte. Die Juden im Dorf backten Matzen, was verboten war. Die Tante
110
Ebd., S. 11ff.
Ebd., S. 15.
112
Ebd., S. 20.
111
29
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beschloss, sie in Anitas Puppenwagen zu verstecken. Während des Spazierganges traf
sie die Soldaten. Einer von ihnen fragte sie nach dem Inneren des Wagens. Das Kind
„erriet, was das heißen sollte“113, was dadurch verstärkt wurde, dass sie Gewehre hatten.
Deshalb fragte sich das Kind: „Was würden sie mit mir machen?“114. Zum Glück gingen
die Soldaten weiter.
Weil es in Łapanów immer gefährlicher wurde, beschloss das Kindermädchen, in sein
Dorf zu fahren. Um Gefahr zu vermeiden, musste sich der Bruder wie ein Mädchen
anziehen, was dadurch vereinfacht wurde, dass er einem Mädchen sehr ähnlicher sah.
Während der Fahrt konnten sie die Deportation der anderen Juden beobachten. Sie
sahen, wie die Juden in die Güterwagen einsteigen mussten, wie die Soldaten die Riegel
davorschoben und der Zug abfuhr.
In der neuen Zuflucht mussten sie um das Essen betteln. Sie hatten schöne Sachen aus
Krakau mitnehmen können, für die sie die Nahrung bekamen. Einmal wurden sie von
einer Frau mit dem Inhalt eines Nachttopfes übergossen. Zum Glück wurde das Essen
nicht verschmutzt und sie konnten ihren Hunger stillen. Im Dorf lebten aber auch gute
Polen, die ihnen halfen, obwohl sie genau wussten, dass sie Juden waren und solche
Hilfe mit dem Tod der ganzen Familie durch Erschießen enden konnte. Einer von ihnen
brachte sie zum Bahnhof, von wo aus sie nach Krakau fahren konnten. In Krakau sind
sie in Ghetto gegangen – ein ganz neuer Ort für sie. Die Autorin erzählt dies
folgendermaßen:
Mein Bruder und ich waren zum ersten Mal an diesem Ort, an den man die Krakauer Juden schon
im ersten Kriegsjahr getrieben hatte. Bis jetzt war Ghetto nur ein Wort für uns gewesen. Es mutete
nicht wie ein Gefängnis an. Nur wie ein bedrückender Ort in einem abgesperrten Teil der Stadt115.
Dort trafen sie ihre Mutter und konnten sich erst einmal satt essen. Die Idylle und Ruhe
dauerten jedoch nicht lange. Es kam die Zeit der Ghetto-Deportation mit den Nächten,
während derer sie wachen und auf Geräusche horchen mussten. Da ihr Onkel ein
erfolgreicher Architekt war, wurde er davor gewarnt, dass sie jetzt an der Reihe wären.
Sie fanden ein Versteck in einem Zwischenraum oberhalb des oberstem Stockwerks.
Die Autorin erinnert sich diesen Ort auf diese Weise:
Es war voll gestopft mit Männern und Frauen, die dicht auf dem Boden direkt unter den Balken
des schrägen Daches lagen. Der Geruch nach Schweiß und Mottenkugeln mischte sich mit dem
sommerlich-ländlichen Geruch von trockenem Holz und Staub. […] Das Versteck war zum
Ersticken. […] Wir krochen auf allen vieren durch die niedrige Öffnung. Einer der Chassiden
rutschte ein Stück hinüber, um Mutter Platz zu machen. Mein Bruder kletterte über sie hinweg und
113
Ebd., S. 33.
Ebd., S. 33.
115
Ebd., S. 59.
114
30
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quetschte sich dazwischen. Ich schob mich in den restlichen Raum auf ihrer anderen Seite. […]
Den ganzen Tag lagen wir da und lauschten auf die deutschen Stimmen. Zunächst in der Ferne. Sie
brüllten und fluchten wie gewöhnlich: »Raus! Schnell! Verdammte dreckige Juden!« Sie kamen
näher und näher. Bis schließlich klar war, dass sie in unserem Haus waren. Wir hörten keine
Klagen von den Menschen, die da hinausgescheucht wurden. […] Eine Ewigkeit verging, ehe die
Geräusche der Razzia verklangen. […] Ich versuchte Arme und Beine zu bewegen. Sie waren ganz
taub. Ich stützte mich auf dem Boden ab und kauerte mich hin. Die Leute reckten die Glieder
[…]116.
Danach fanden die Kinder ihre Zuflucht in dem Benediktinerinnen-Kloster, was eine
gute Zeit für sie war. Sie hatten keine Probleme mit dem Essen (d. h. sie brauchten es
nicht zu erwerben), hatten ihr eigenes Bett, konnten sich waschen und lernten neue
Kinder kennen. Die Autorin drückt das mit diesen Worten aus: “Es war ein gutes Leben
im Kloster. Die Nonnen waren nett zu uns. Wir lebten wieder in der Stadt, die ich
liebte“117. Die glücklichen Zeiten dauern jedoch nie lange. So war es dieses Mal auch:
An einem Weihnachtstag kamen die Soldaten und nahmen alle Juden mit. Alle wurden
mit dem Lastwagen ins Montelupi-Gefängnis gebracht. Sie saßen mit anderen Juden in
einer Zelle und waren hungrig. Anita Lobel beschreibt ihren Zustand mit solchen
Worten:
Sie werden uns verhungern lassen. Ich umklammerte den Stiefel des Nazis. Ich kniete mich hin.
»Milch, bitte, bitte«, flüsterte ich auf Deutsch. »Und etwas Brot!« Ich packte seine Hand und
küsste sie. […] Der Mann sagte nichts. Ich wusste, dass er vorhatte mich mit dem Fuß
wegzustoßen. Dann schüttelte er mich einfach ab, als sei ich ein kläffender, aber nicht besonders
gefährlicher Hund118.
Wie determiniert muss ein Kind sein, wenn es sich entscheidet, den größten Feind um
Essen zu bitten? Nach einer Weile bekamen alle Häftlinge wässrige Kohlsuppe und eine
kleine Scheibe Schwarzbrot. Dazu erhielten sie kein Besteck und mussten die Suppe
von einer zerbeulten Schüssel oder aus einem Blechbecher schlürfen. In der Zelle gab es
sehr viele Leute. Die Kinder hatten keinen Platz zum Sitzen. Sie legten ihre Mäntel auf
den Boden und setzten sich einfach darauf. Außer ihnen gab es keine Kinder und
deshalb fühlten sie sich einsam. Nach einigen Tagen wurden alle nach Płaszów
abtransportiert. Die Wachtürme und der Stacheldraht wirkten so auf die Autorin, dass
sie sofort wusste, wo sie sich befand. Sie waren dort, wovor sie die Kinderfrau schützen
wollte. Die 10-jährige Anita wollte natürlich mit ihrem Bruder zusammenbleiben, doch
sie wurden getrennt. Sie machte sich Sorgen um ihn, bis eine der Gefangenen ihr sagte,
dass er bei ihrem Onkel sei. Der musste eine sehr wichtige Person sein, weil er viele
Privilegien genoss. Er wohnte nicht in einer Baracke, bekam besseres Essen und hatte
116
Ebd., S. 65 ff.
Ebd., S. 81ff.
118
Ebd., S. 113.
117
31
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eine Toilette mit fließendem Wasser. Die kleine Anita konnte ihn auch besuchen und
dabei etwas Besseres essen und ein Bad nehmen. Erst nach vielen Jahren erfuhr sie,
dass sie ihr Leben allein dem Onkel zu verdanken haben. Sie „standen auf der Liste
derjenigen, die erschossen werden sollten. Onkel Samuel bat den Kommandanten die
Kinder seiner Schwester zu schonen. Der Nazi ließ sich erweichen und machte ihm das
Geschenk“119.
Es kam der Januar 1945 und die sowjetischen Soldaten rückten immer näher. Deshalb
mussten die Nazis das Arbeitslager Płaszów auflösen. Alle Häftlinge wurden
gezwungen, nach Auschwitz zu marschieren. Unterwegs versuchten einige zu fliehen,
weswegen sie von Nazis erschossen wurden. Den Marschierenden sagte niemand,
wohin sie gingen. In Auschwitz mussten sie gleich in den Güterzug einsteigen und
fuhren damit in ein anderes Konzentrationslager – nach Ravensbrück. Nach der Ankunft
wurden alle selektiert. Wie sich die Autorin erinnert, hat sie das schlechte Schicksal
meiden können. Sie beschreibt dies folgendermaßen:
„Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich nach rechts, bemerkte den Ziegelschornstein und den
Rauch. Schnell zog ich meinen Bruder mit in die Gruppe, die nach links ging. […] Ich hatte in den
letzten Jahren immer wieder Gerüchte von Gaskammern gehört und von der Verbrennung von
Leichen. In diesem Sekundenbruchteil hatte ich entschieden, dass es weiter weg von dem
Schornstein sicherer war“120.
In Ravensbrück erkrankte sie schwer. Sie hatte Durchfall und wusste, dass sie nicht in
das Krankenrevier gehen konnte, weil man dort mit den Kranken experimentierte121. Als
es ihr besser wurde, nahm eine Polin sie und ihren Bruder in mit eine andere Baracke,
wo sie saubere Wäsche bekamen. „Zum ersten Mal, seit wir unseren Marsch aus
Płaszów begonnen hatten, kümmerten sich Erwachsene um uns und behandelten uns
wie Kinder“122, erinnert sich Anita nach Jahren.
Kurz danach wurde das Lager von den Alliierten befreit. Die Häftlinge bekamen Dosen
mit Essen und wurden in Bussen abtransportiert. Die Geschwister gelangten an die
Meeresküste und erreichten mit einer Fähre Schweden. Erst hier kümmerte man sich um
sie wie um die Kinder. Sie wurden untersucht und gut in einem Sanatorium behandelt.
Beide erkrankten an Tuberkulose, die damals nicht so schnell wie heute geheilt werden
konnte. Die Kinder hatten Angst, zu sterben, wie ihre Freundin aus dem Kloster, Krysia.
Alle betreuten sie sorgfältig. Diese Zeiten beschreibt die Autorin auf diese Weise:
119
Edb., S. 243 ff.
Ebd., S. 144.
121
Ebd., S. 149.
122
Ebd., S. 152.
120
32
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Es gab so viel zu essen. Seltsam körniges Brot, das ich noch nie gegessen hatte. […] Und Butter!
Wie lange hatte ich diese fette, glatte, üppige Süße nicht geschmeckt. […] Und Kuchen, Kuchen!
[…] Die Bettwäsche in meinem Bett war weiß und sauber. Es gab eine Federbett und weiche
Kissen. Es waren märchenhafte Wonnen nach den dreckigen Pritschen mit so wenig Stroh und
Rupfen. Seit Jahren hatten mein Körper, meine Haut so angenehme Umhüllungen nicht gefühlt123.
Nach Schweden gelangten auch die ersten Nachrichten ihrer Eltern. Sie hatten den
Krieg heil überlebt. Bald kamen sie selbst nach Schweden und einige Zeit später
wanderten allesamt in die USA aus. Im Epilog fasst die Autorin ihr Leben in den USA,
wie folgt, zusammen:
In Amerika habe ich von den Menschen, die um mich herum sind und mir nahe stehen, zu lernen
versucht, wie das Leben zu leben ist ... Mit Familie und Freunden habe ich freudvolle Zeiten erlebt
und Kummer und Traurigkeit und Verrat, Zeiten, die mich niedergedrückt, aber mir auch Kraft
gegeben haben124.
Dank der guten Betreuung in Schweden, der Ankunft der Eltern und dem besseren
Leben in den USA konnten die Kinder ein psychisches Gleichgewicht erlangen. Die
Autorin lernte in Schweden malen, was ihr ebenso dabei half. Sie konnte dann ihr
Interesse darin vertiefen und sogar Kunst studieren. Ihr Bruder fand sich auch zurecht
und studierte Psychologie. Er wurde sogar amerikanischer Professor für Psychologie125.
Das verdanken sie auch ihren Freunden, die für sie sorgten und ihnen das Leben ohne
Kummer und Traurigkeit ermöglichten und ihnen Kraft gaben126.
Man mag sich fragen, ob alles, was im Buch steht, wirklich so geschehen ist. Fred
Wander hält es für unwahrscheinlich127. Vielleicht können die Bücher oder Filme, die
dem Holocaust gewidmet sind, die Erlebnisse wieder aufleben lassen.
4.2 Erinnerungen an den Holocaust in der Autobiografie von Irene Gut
Opdyke
In ihrer autobiografischen Erzählung Wer ein Leben rettet... (Eine wahre Geschichte
aus dem Holocaust) beschreibt Irene Gut Opdyke mit Hilfe von Jennifer Armstrong ihre
Erlebnisse als Deutsch sprechende Polin vor und während des zweiten Weltkriegs.
Sie beginnt ihre Erzählung mit dem ruhigen und normalen Leben, dass ihre Familie in
Kozienice (kleines Dorf in Ostpolen) führt. Diese Ruhe sieht sich jedoch allmählich
dadurch unterbrochen, dass Hitler 1934 nach Hindenburgs Tod Reichspräsident wird.
123
Ebd., S. 169 ff.
Ebd., S. 246.
125
Ebd., S. 243.
126
Ebd. S. 246.
127
Vgl. Ehlers, Hella: Ebd., S. 19.
124
33
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Da Hitler „in Polen nichts als ein Land slawischer Bestien [sah], die nur zum Arbeiten
zu gebrauchen waren“128, wollte er es vernichten und fiel mittels eines Blitzkriegs in
Polen ein.
Irene schaffte es, erst zu fliehen und konnte so eine Ausbildung zur Krankenschwester
machen. Letztendlich kam sie jedoch den Russen in die Hände und musste für sie
arbeiten. Als Sprecherin einer slawischen Sprache hatte sie es relativ leicht, Russisch zu
lernen und dank ihrer Stärke konnte sie sich schnell Respekt seitens eines Arztes
erarbeiten, der ihr später dabei half, wieder freizukommen. Ihre größte Sorge war trotz
all dieser Schwierigkeiten, wo sich ihre Familie befand und wie es ihr erging. Sie wollte
es irgendwie schaffen, zu ihr zu gelangen und nahm deswegen das Risiko auf sich, von
den Deutschen gefangen genommen zu werden. Auf diesem Weg hatte sie zwei
Vorteile: Erstens konnte sie als Deutsche „durchgehen“, weil sie wie eine solche aussah
(arisch: blond und blauäugig), Deutsch als Zweitsprache sprach, und ihr Nachname
(Gut) auch deutsch hätte sein können. Und zweitens hatte sie einen starken Willen und
war eine selbstsichere Person, so konnte sie sich manchmal Situationen entwinden, die
anderen das Leben hätte kosten können.
4.2.1 Leben im Radomer Getto
Irene Gut hatte das „Glück“, als blonde, Deutsch sprechende Polin bei den Deutschen
kaum aufzufallen. Außerdem war sie eine hübsche und starke Frau, die es häufig
schaffte, ihren Willen durchzusetzen, auch wenn sie nur eine Gehilfin war. Dazu
kommt, dass ihr Name genauso gut hätte deutsch sein können, was ihr bei Major
Rügemer dazu verhalf, sowohl eine gute Arbeitsstelle zu bekommen, als auch von ihm
gut angesehen zu werden. An dem folgenden Textstelle soll gezeigt werden, wie der
erste Kontakt zwischen ihnen beiden ablief:
»Wie heißen Sie«, fragte er auf Deutsch. [...]
»Mein Name ist Irena Gut.« Ich registrierte seine Überraschung darüber, dass ich Deutsch
verstand und auch sprechen konnte. »Vor dem Krieg habe ich in Oberschlesien gelebt.«
[...] »Sie müssen deutscher Herkunft sein, bei diesem Namen.«
»Ich weiß nicht – ich glaube nicht. Ich bin Polin.« [...]
»Sie erheben also nicht den Anspruch darauf, deutsch zu sein? Sie würden sich wundern, wie viele
Menschen das tun«, sagte er. Zynisch lächelte er mich an. »Ich bewundere Ihr Ehrlichkeit, dass sie
es gar nicht erst versuchen«129.
128
Vgl. Gut Opdyke, Irene; Armstrong, Jennifer: Wer ein Leben rettet... Eine wahre Geschichte aus dem
Holocaust. Weltbild, Zürich/München 2000. S. 27.
129
Ebd. S. 105.
34
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Nachdem Irene ihre Arbeit als Küchengehilfin begonnen hatte, entdeckte sie eines
Tages – durch ein Hinterfenster ihrer Arbeitsstätte – zufällig das Getto Glinice, was bei
ihr sehr starke Mitleidsgefühle auslöste. Dabei wurde sie von ihrem gutwilligen Chef
erwischt, der sie, um sie zu schützen, beschwor: „Reden Sie mit niemandem darüber
und zeigen Sie vor allem nicht, dass Sie Anteil nehmen – man wird sie sonst für ein
Judenliebchen130 halten“131. Irene war davon, was sie im Getto gesehen hatte, jedoch so
mitgenommen, dass sie sich dazu gezwungen sah, soweit es ihr nur irgend möglich war,
den Getto-Gefangenen zu helfen, auch wenn es nur „Ein Tropfen auf dem heißen
Stein132“ sei.
Die Juden waren im Radomer Getto gefangen. Die Deutschen konzentrierten sie in
diesen „Freijagdgebieten“, sie dort elendig sterben zu lassen. Irene hatte durch das
Fenster beobachtet, wie viele der Gettogefangenen einfach erschossen wurden, nachdem
sie durcheinandergetrieben und aufgescheucht wurden wie Hühner. Das Getto war von
einem Bretterzaun umgeben, auf dem messerscharfe Metallspitzen angebracht waren.
Irene hatte einen ruhigen Augenblick in der Küche genutzt, um Käse und Äpfel
mitzunehmen und grub nun mit einem Löffel ein Loch unter diesem Zaun her, um das
in einer Dose mitgebrachte Essen darunter herzuschieben. Da sie dabei nicht erwischt
wurde, wiederholte sie diese Essensübergabe von da an täglich, ohne je jemanden der
Gettogefangenen zu Gesicht zu bekommen, und wohl wissend, dass ihr deshalb die
Todesstrafe drohte, sollte sie einmal gepackt werden.
Diese gute Tat endete jedoch jäh, als Irene und ihre Schwester eines morgens
mitansehen mussten, wie Bulldozer das Getto – mit all seinem „Inhalt“ – niedergerollt
hatten. Ihre Gefühle werden wie folgt beschrieben:
Hier und da erblickte ich zwischen den Mauerresten und zerschmetterten Fensterrahmen einen
zerdrückten Hut, einen kaputten Koffer oder einen silbernen Kerzenhalter. [...] Ich griff nach
Janinas Hand und hielt sie ganz fest. Sie war blass vor Kummer und ich selbst hatte das Gefühl, als
hätte ich jemand Nahestehenden verloren. Und dann gab aus dem Lautsprecher an der Straßenecke
eine dröhnende Stimme mit großem Stolz bekannt: »Diese Stadt ist judenfrei!«133
Es fiel Irene sehr schwer, zu verstehen, was im Radomer Getto vor sich ging und, wie
die Deutschen nur so grausam zu ihren Mitmenschen sein konnten. Sie versuchte stets –
wo sie nur konnte – den Gefangenen all ihre Hilfe zukommen zu lassen. Sie wusste,
„Es gibt das ‚Judenliebchen', das ist eine Christin -oder ‚Arierin' - die ‚es mit Juden treibt’.“ Aus:
www.wallstreet-online.de/diskussion/1096370-1-10/linker-antisemitismus (16.03.09). „Mitte 1935: Eine
junge Frau wird in Groß-Karben mit einem Schild, auf dem ‚Judenliebchen’ stand, durch den Ort
geführt, weil sie weiterhin Freundschaft zu Juden unterhalten hat.“ Aus: http://www.stolpersteine-inkarben.de/2.html (16.03.09).
131
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd. S. 113.
132
Ebd. S. 114. Überschrift des auf dieser Seite beginnenden Kapitels.
133
Ebd. S. 119.
130
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dass darauf die Todesstrafe stand, wenn man sie erwischte, darum tat sie es, wie man
etwas Verbotenes tut: versteckt und heimlich. Aber sie konnte nicht mit ansehen, wie
die Menschen im Getto lebten und fühlte sich dazu verpflichtet, ihnen zu helfen.
4.2.2 Mitleid mit den Gefangenen
Als Irene sich noch in Lemberg aufhielt, bereit nach Ternopol aufzubrechen, muss sie
mit eigenen Augen ansehen, was mit den gefangen genommenen Juden passiert, die von
den Deutschen ausgelöscht werden sollten: Die Gefangenen wurden alle auf dem
Marktplatz zusammengetrieben und dann wurde einfach drauflosgeschossen, schlimmer
als es bei einer Hasenjagd zugehen würde. Schließlich muss sie mit ansehen, wie ein
Baby in die Luft geworfen wurde, und abgeschossen, als wäre es ein Vogel134. Irene
fühlt solches Mitleid mit diesen Leuten, dass sie fast daran verzweifelt. So groß ist ihr
Ohnmachtsgefühl.
Da Irene Gut bei Major Rügemer angestellt war und deshalb unter Herrn Schulz in der
Küche arbeitete, und außerdem von beiden nur für „ein junges Mädchen“135 gehalten
wurde, konnte sie so manche Frage stellen, die jemand anderen das Leben hätte kosten
können. Ihr Zuständigkeitsbereich wurde nun bis zur Waschküche ausgeweitet, so kam
es dass sie zwölf deutsche Juden kennen gelernt hatte, die sehr schlecht behandelt
wurden, weshalb sie sich ihrer annahm. Nach einiger Zeit wagte sie es jedoch, Herrn
Schulz um mehr Küchengehilfen zu bitten:
»Herr Schulz«, begann ich, »meinen Sie, ich könnte zusätzliche Hilfe bekommen? Mit den
Mahlzeiten und der Wäsche habe ich so viel zu tun, dass ich die Arbeit kaum schaffe. Außerdem
helfe ich Janina ja auch noch bei den Zimmern.«
»Ich werde mit dem Major darüber reden, Irene. Vielleicht kann er Ihnen einige Frauen aus der
Fabrik geben.«
»O ja, das ist eine gute Idee«, sagte ich, Überraschung heuchelnd136.
So wurden ihr „zehn weitere Hilfskräfte zugeteilt [...], die Freunde und Verwandte der
Arbeiter aus der Waschküche waren“137. Irene gibt ihnen folgenden Ratschlag, damit sie
nicht wieder zurück in die Fabrik müssen: „Suchen Sie sich etwas zu arbeiten, geben
Sie sich Mühe, stets beschäftigt zu wirken. Hier wird es Ihnen besser gehen als in der
Fabrik oder im Arbeitslager oder im Ghetto. Wenn Sie keinen Fehler machen, werden
134
Ebd. S. 127.
Ebd. S. 129.
136
Ebd. S. 133.
137
Ebd. S. 133.
135
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sie tagsüber hier bleiben können, jeden Tag, und wir werden Ihnen etwas zu essen
bringen“138.
Da Irene den Offizieren auftischte und eine Angestellte Rügemers war, bekam sie viele
Informationen mit, die ihr dabei halfen, ihre Schützlinge vor größeren Gefahren zu
bewahren. Alle schienen sie nur für ein junges Mädchen zu halten, das niemandem
gefährlich werden konnte.
Durch das bessere Leben, als sie es vorher geführt hatten, konnten die Zusatzgehilfen an
Gewicht zunehmen. Sie hatten sich im Keller hinter einem Wäscheregal eine Art
Unterschlupf aufgebaut und Irene sorgte dafür, dass sie das Wichtigste wie Essen,
Trinken und einen einigermaßen angenehmen Schlafraum mit ausreichend Decken usw.
hatten. Wenn sie etwas brauchte, stand ihr sogar Herr Schulze zur Seite, der nämlich
Bescheid wusste: „,Irene, wenn Sie irgendetwas brauchen – egal was –, scheuen Sie
sich nicht, mich zu fragen’, sagte er leise. [...] Schulz wusste, was ich tat“139, wohl
wissend, dass als „Juden-Gehilfe“140 getötet werden konnte. So scheint es, dass auch
Herr Schulz Mitleid mit den Gefangenen hat, obwohl er versucht es so dastehen zu
lassen, als sei es nur zwecks einer besseren Arbeitsverrichtung, als er sagt: „Schließlich
kann ich nicht zulassen, dass meine Mädchen frieren müssen, oder?141“
Das Judenpaar Roman und Sozia ist sehr verliebt und frisch verheiratet. Irene freut sich
sehr für sie. Eines Tages jedoch erblickt eine Deutsche, die sich an Roman rächen
wollte, weil er sie abgelehnt hatte, Roman und teilte dem Sturmbannführer mit, dass in
der Küche Juden das Essen vorbereiteten. Am nächsten Tag erschienen Roman und
Sozia nicht zur Arbeit, weil sie abgeholt worden waren. Irene beschreibt ihr Mitleid mit
den beiden folgendermaßen: „Ich hatte das Gefühl, als ob Roman und Sozia in einen
Abgrund gestürzt seien und ich sie im letzten Moment an den Handgelenken erwischt
und versucht hätte, sie wieder nach oben auf sicheren Boden zu ziehen Ich habe
versucht, sie zu halten – aber ich konnte nicht verhindern, dass sie mir entglitten“142.
Die Nazis fuhren mit ihrer Judenvernichtung fort und waren kurz davor, endgültig alle
umzubringen. Als Irene davon erfuhr, fühlte sich sich ganz schwach und ohnmächtig,
weil sie ihre Schützlinge wie auch immer vor der bevorstehenden Gefahr retten wollte.
Hinzu kam, dass Major Rügemer in ein anderes Haus umziehen wollte und Irene als
138
Ebd. S. 133-134.
Ebd. S. 142.
140
Siehe auch „Judenliebchen“.
141
Ebd. S. 142.
142
Ebd. S. 147.
139
37
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
einzige Haushälterin mitzunehmen gedachte. Nachdem Irene das neue Haus gesehen
hatte, beschloss sie die „Gefangenen“ mitzunehmen, da sie sie im Keller verstecken
konnte.
Gleichzeitig nutzte Irene jede Stadtfahrt mit dem Fahrrad aus, um allen Juden, die sie
sah, mitzuteilen, was ihnen bevorstand.
Während einer Feier der Deutschen nutze Irene die Möglichkeit, ihre Freunde in das
neue Haus des Majors zu bringen. Nachdem alle dort angekommen waren und sich im
Keller „eingerichtet“ hatten, begann für sie ein Leben, dass sogar fast noch angenehmer
war als das vorherige: Wenn Major Rügemer aus dem Haus war, stiegen die
Untergebrachten nach oben und taten alles, worauf sie Lust hatten – aber immer hinter
verschlossenen Fenstern, damit niemand etwas merkte. In was sich ihr Mitleid mit den
Gefangenen verwandelt hatte, wird in dem folgenden Extrakt ausgedrückt: „[...]
schließlich war ich [...] für die Menschen verantwortlich, die sich in meiner Obhut
befanden. Ich konnte nicht einfach meinem Heimatland nachweinen, während ihre
Leben in Gefahr waren. Das wurde mir klar, als ich bei meiner Rückkehr in die Villa an
jenem Nachmittag von Lazar Haller erfuhr, dass Ida schwanger war 143“. Das Ehepaar
wusste, dass es die Schwangerschaft abbrechen müsste, um das Leben aller nicht in
Gefahr zu bringen, doch Irene hatte großes Mitleid mit ihnen und wollte jedes weitere
menschliche Opfer vermeiden, sodass sie optimistisch genug war, das Kind dort
geboren werden zu lassen.
Irene kannte ein polnisches Ehepaar, das in der Nähe eines Waldes lebte, und das sie hin
und wieder mit Essen versorgte. In dem gleichen Haus wohnte noch ein anderes Paar, in
dem die Frau, Miriam, an einer Lungenentzündung litt, und derer Irene sich annahm,
um sie gesund zu pflegen.
Irenes Hilfe nimmt jedoch ein bitteres Ende, als sie der Major auf einmal mit einer der
im Haus lebenden Juden antrifft. Irene flieht den Major an, nichts davon zu erzählen,
um seine „Hände nicht mit dem Blut Unschuldiger“144 zu besudeln, wie sie sagt; sie
nehme die ganze Schuld auf sich. Irene lässt trotzdem nicht zu, dass ihre Freunde
fliehen, da sie draußen den Tod finden würden. Der Major verlangt als Gegenzug für
sein Schweigen jedoch, dass Irene sich ihm hingibt, wofür sie sich sehr, sehr schämte,
sie nahm es aber zum Schutze ihrer Freunde auf sich.
143
144
Ebd. S. 209.
Ebd. S. 220.
38
Autobiografisches Erinnern
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Iwona Kusznierz
5. Vergleich beider Autobiografien
5.1 Der Albtraum Krieg
Die mit dem Krieg verbundenen Erinnerungen bleiben lange im Gedächtnis der
Erwachsenen, noch länger jedoch im Gedächtnis der Kinder. Einerseits verstehen sie
weniger von den aktuellen Ereignissen, andererseits, wie soll man ihnen erklären,
warum sich die Leute auf diese Weise verhalten? Woran sind die Kleinen schuld, dass
sie wie Verbrecher behandelt werden.
Bei Anita Lobel begann der Krieg mit dem Einmarsch der Nazis in Krakau. Vom
Balkon aus sah sie einen toten Mann und wusste nicht, warum von der Leiche ein rotes
Strählchen floss.145 Das Kindermädchen kümmerte sich darum, dass die Kinder
möglichst wenig vom Schreck des Kriegs erfuhren. Als sie im Dorf wohnten, schützte
sie die Kleinen vor den Dorfbewohnern in Krakau – vor den Nazis –, obwohl sie nicht
viel tun konnte, weil sie wusste, dass der Krieg die schlimmsten Charaktereigenschaften
des Menschen herauskehrt. Sie benahm sich wie eine Bruthenne, die ihre Küken unter
den Flügeln versteckt, wenn sie eine Gefahr lauert. Sie konnte jedoch nicht vermeiden,
dass ihre Schützlinge nichts vom Krieg erfuhren. Die Kleinen hörten von den
Deportationen in der Familie, sahen die Tränen ihrer Mutter nach der Flucht des Vaters
und der Verschleppung der Großeltern ins Konzentrationslager.
Der wahre Albtraum begann für die Autorin und ihren Bruder, als sie im Dezember
1944 ins Montelupi-Gefängnis gerieten. Jetzt waren sie nur auf sie selbst angewiesen.
Die Erwachsenen, die mit ihnen in der Zelle saßen, sorgten sich nur um sich selbst. Am
Anfang dachte die kleine Anita, dass Niania bald kommen und sie mitnehmen würde.
Das passierte jedoch nicht. Dafür wurden sie zuerst in einer Zelle untergebracht und
dann ins Lager Płaszów abtransportiert146. Hier trafen sie ihre Verwandten, die sie in
ihren Schutz nahmen. Sie gaben ihnen Essen, organisierten ein Bad mit Seife. Doch die
guten Zeiten dauerten nicht lange. Eine Nacht wurde das ganze Lager geweckt und alle
mussten irgendwohin marschieren. Die Gefangenen schritten in Gruppen. Die Kusine
der Autorin wollte, dass das Mädchen in die Büsche flüchtete. Die Schriftstellerin hatte
aber Angst, weil in der Nähe der bewaffneten Nazis waren. Obwohl die Verwandten
sagten, dass Niania auf sie wartete, wollte sie nicht ohne ihren Bruder weglaufen.
145
Vgl. Lobel, Anita: Das Versteck auf dem Dachboden, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002,
S. 16.
146
Ebd., S. 110 ff.
39
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Außerdem fürchtete sie sich, weil sie nach der Flucht leicht von Nazis entdeckt werden
konnte. Die Bäume waren kahl und die Nazis hatten starke Taschenlampen, außerdem
war Vollmond; es gab kein Versteck vor den Nazis. Zudem glaubte sie ihrer Kusine
nicht; sie wollte nicht mit ihr laufen. Sie ahnte eine List. Unterwegs sah sie, wie ein
Nazi eine Frau erschoss, die nicht mehr gehen konnte147.
Die Gefangenen wussten noch
nicht, dass sie nach Auschwitz
marschierten. Erst, als sie in
der
Nähe
des
Konzen-
trationslagers waren, erfuhren
sie ihr Schicksal. Nachdem sie
durch
das
höhnischen
„ARBEIT
Tor
mit
der
Aufschrift
MACHT
FREI“
(siehe Foto links148) gegangen
waren, bemerkten sie, dass das Lager leer war. Sie vernahmen noch einen Ekel
erregenden Brandgeruch, der vom Krematorium ausging. Die Nazis ließen sie nicht
lange hierbleiben, sondern sie mussten schnell in die Güterwaggons einsteigen. Sie
waren so voll, dass niemand mehr hineinpasste. Die Autorin erinnert sich an diese Reise
folgendermaßen:
Die Güterwagen dieses Zuges waren alle oben offen. Der Himmel war jetzt ganz hell geworden.
Ein Rucken. Die Menschen stießen gegeneinander. Es gab Geschiebe und Murren. Es war
unmöglich, Platz zum Sitzen zu finden. Mein Bruder und ich standen dicht eingeklemmt in einer
Ecke des Waggons. Wenn sich jemand bewegte, nahm der Gestank zu. [...]
Ich hatte noch ein Problem. Ich brauchte einen Eimer. Ich wusste nicht, ob es irgendwo in dem
Waggon einen gab. Aber wenn, dann konnte ich trotzdem nicht dahin vordringen. [...]
Wir standen die ganze Fahrt hindurch. Als einmal ein Gefangener in der Hoffnung, sich einen
Augenblick setzen zu können, einen anderen zu Seite drängte, hörten wir Streit und Schimpfen.
Mein Bruder und ich waren klein. Wir nahmen weniger Platz ein. Es war uns gelungen, in unserer
Ecke zu bleiben und uns an die Wand des Waggons zu lehnen. In der Mitte eingeklemmt zu sein
wäre schlimmer gewesen.
Ich musste geschlafen haben. Im Stehen149.
Dieser Zug brachte sie nach Ravensbrück. Gleich nach der Ankunft fand eine Selektion
statt, was ein einschneidendes Erlebnis für die Geschwister war. Die Schriftstellerin
beschreibt dieses Ereignis auf diese Weise:
147
Ebd., S. 131 ff.
Quelle: http://z.about.com/d/history1900s/1/0/L/5/arbeitmachtfrei.jpg (konsultiert am 03.05.2009).
149
Ebd., S. 140 ff.
148
40
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Am Ende der Gasse zwischen den Baracken stand, umgeben von mehreren uniformierten
Bewachern, ein Nazi, der bedeutender schien, als die anderen, wie ich fand. Er zeigte, als wir
näher kamen, mit etwas, das wie eine Reitpeitsche aussah, zur einen oder anderen Seite; »Rechts!
– Links!« Die Rufe halten. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich nach rechts, bemerke den
Ziegelschornstein und den Rauch. Schnell zog ich meinen Bruder mit in die Gruppe, die nach links
ging. Ich weiß nicht, ob wir nach rechts hätten gehen sollen, in Richtung Schornstein. Ich hatte in
den letzten Jahren immer wieder Gerüchte von Gaskammern gehört und von der Verbrennung von
Leichen. In diesem Sekundenbruchteil hatte ich entschieden, dass es weiter weg von dem
Schornstein sicherer war150.
Nach der Selektion wurden alle Gefangenen kahl geschoren. Dann wurden ihre
Kleidungen mit einer Art Puder eingesprüht und es begann das Lagerleben mit den
Morgen- und Abendsappellen. Die Kleinen mussten nicht so hart arbeiten, wie die
erwachsenen Gefangenen. Die Bedingungen im Lager waren erbärmlich. Die Häftlinge
schliefen zu zweit auf einer Pritsche, das Essen war geschmacklos und gab überhaupt
keine Kraft. Die Kinder träumten von dem Essen bei Niania, von duftenden, gekochten
Kartoffeln, von einem Stück Schinken, von Weißbrot mit Butter. Das alles verursachte,
dass sie Durchfall bekamen. Niemand pflegte sie und sie hatten Angst zum Arzt zu
gehen. Erst als zwei polnische Frauen zu ihnen kamen, begann es, ihnen besser zu
gehen. Bis dahin hatten sie mit niemandem gesprochen, weil sie zusammen mit
Ungarinnen und Rumäninnen untergebracht wurden. Bei den Polinnen bekamen sie
eine Koje mit sauberen Decken. Die Frauen hatten ein Radio, worüber sie erfuhren,
dass die Alliierten nicht weit von Ravensbrück entfernt waren. Die Freude war groß.
Die Frauen umarmten einander und auch die Kleinen. Die Autorin bringt das in
folgender Form zum Ausdruck:
Die Frauen begannen einander zu umarmen und zu weinen. Martina trat zu meinem Bruder und
mir und drückte uns beide an sich.
Es war lange her, seit mich jemand umarmt hatte. Es war ein seltsames Gefühl, dass mich ein
Mensch liebevoll an sich drückte. »Es wird alles gut werden für euch«, sagte sie. »Es wird für uns
alle gut werden. Sie werden bald hier sein.« Tränen rannen ihr über die Wangen. Ich wusste nicht,
wer kommen würde, was geschehen würde, aber ich vertraute Marina und der Freude, die rings um
uns zu spüren war151.
Im April 1945 kamen endlich die Alliierten. Es gab viel gutes Essen und sogar Dosen
mit Milch. Die Befreiung des Lagers beschreibt Anita Lobel folgendermaßen:
An einem strahlenden Aprilmorgen kamen Soldaten, die keine Nazis waren, und öffneten die Tore
des Lagers. Einige der Frauen stürzten hin und begannen die Soldaten zu umarmen und zu küssen.
[...] Als mein Bruder und ich die Baracke verließen, dachte ich an all die Jahre, in denen wir auf
der Flucht gewesen waren und uns hatten verstecken müssen. Ich dachte an das ständige Antreten,
das Marschieren, die Transporte im Lastwagen, im Viehwaggon, an das Gebrüll und die
Kommandos in der verhassten Sprache. Wir waren Ungeziefer und Gewürm gewesen und nun
gingen wir bei helllichtem Tage und unter ihren Nazinasen davon. […]
150
151
Ebd., S. 144.
Ebd., S. 153.
41
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Am Hals fühlte ich die frommen Medaillons, die sich mir fast in die Haut brannten. Niania war
nicht hier, aber sie hatte Recht gehabt. Uns war ein wunderbares Geschenk gemacht worden. Die
Jungfrau Maria und das Jesuskind hatten uns beschützt“152.
Als die Kinder das Lager verließen, warteten schon die Busse des Roten Kreuzes auf
sie. Für sie begann ein nächster Weg, ein Weg in freies Leben.
Die Erlebnisse Irene Guts waren dem allen sehr, sehr ähnlich. Sie erinnert sich noch
daran, als sie ein kleines Mädchen war, als in Deutschland Hitler an die Macht kam,
doch sie nicht viel davon verstand, weil das einfach „nichts für kleine Mädchen” war.
Als dann die Deutschen in Polen einfielen, begann für sie der Albtraum:
[...] als ich ein stetiges, pulsierendes Dröhnen vernahm. Ich schaute nach oben [...]. Noch bevor ich
dir Flugzeuge überhaupt sehen konnte, hörte ich die ersten Explosionen, und dann waren sie auf
einmal da und der Himmel wurde schwarz – Reihe auf Reihe deutscher Bomber flogen in
Formation über Radom. Selbst als ich mir meine Ohren zuhielt, um mich vor dem donnernden
Geräusch zu schützen, fühlte ich die Erde unter mir erzittern. [...] Über der ganzen Stadt stiegen
Schmutz- und Rauchwolken auf. [...] Die Luft war geschwängert von dem Pfeifen der Bomben
und dem Donnern der Explosionen. Von überall her erscholl Sirenengeheul 153.
Sie konnte nach Russland fliehen und sich dort vorerst verstecken – bis sie von
russischen Soldaten gefunden und bewusstlos geschlagen wurde. Doch das war nicht
alles. Sie wurde missbraucht. Hinterher wurde sie von anderen Russen gefunden und
ins Krankenhaus gebracht. Da sie Schwesternschülerin war, konnte sie in dem
Krankenhaus anfangen zu arbeiten.
Zu Irenes Albtraum gehörte ebenso die Behandlung der Juden sowie der anderen Polen,
die sie mit ansehen musste. Sie wurden schlimmer als Tiere behandelt, was Irene nur
schwer verkraften konnte. Deshalb beschloss sie zu helfen, wo sie nur konnte: mit dem
Essen, dass sie unter der Zaun hervorschub; ihre jüdischen Freunde, die sie erst in der
Küche und hinterher bei dem Major unterbrachte. Da Irene schon älter als Anita war,
die mit ihrem kleinen Bruder genug zu tun hatte, konnte Irene mehr verrichten, d. h. auf
mehr Personen Acht geben als Anita.
Irenes Albtraum durchquert fast das ganze Buch, es geht ja gerade um den „Albtraum
Krieg“, der in diesem Buch beschrieben werden soll, den Albtraum, den es bedeutete,
den Krieg und seine Ungerechtigkeiten mitzuerleben. Irene, wie auch Anita, hatte nur
wenige glückliche Momente: die vor dem Krieg und die mit ihrer Familie („Als ich
dachte, ich könnte glücklich sein“154).
152
Ebd., S. 155 ff.
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd. S. 28.
154
Ebd. S. 89. Überschrift des auf dieser Seite beginnenden Kapitels.
153
42
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Als sie für Herrn Schulz arbeitete, schrieb sie sich Briefe mit ihrer Mutter. Mamusia
schrieb ihr Folgendes zu ihrer Situation:
»Wir sind alle zusammen, aber die Mädchen müssen als Zwangsarbeiterinnen im Lehmabbau
arbeiten... Wir müssen alle eine Armbinde mit dem Buchstaben ›P‹ für ›Pole‹ tragen... Die
Deutschen lassen Tatuś nicht gehen und ich fürchte, meine lieben Mädchen, dass wir uns nicht
wiedersehen werden, bevor dieser Krieg zu Ende ist«155.
Zu ihrem Albtraum gehörte auch der Sturmbannführer Rokita. Irenes Freunde erzählen
ihr, was er mit ihnen macht:
»Manchmal zwingt uns Sturmbannführer Rokita, abends noch stundenlang vor den Baracken
stehen zu bleiben, obwohl wir den ganzen Tag gearbeitet haben. [...] Wenn sich jemand bewegt
oder auch nur einen Mucks von sich gibt, wird er geschlagen, manchmal sogar erschossen«156.
Laut Irene war er ein Mann, kalt und hart wie Stein („Rokita hatte ein Herz aus Stein.
Diese blauen Augen waren kalt, ohne Leben“157). Er hatte kein Pardon und zielte nur
darauf ab, die Städte „judenfrei“ zu bekommen. Eine Freundin Rokitas war vorher
hinter einem der Juden hergewesen, auf die Irene aufpasste. Da sie ihn jedoch nicht
bekam, rächte sie sich nun dadurch bei ihm, dass sie ihn bei Rokita meldete:
Sozia [seine derzeitige Freundin] nahm ihn [Roman, den betroffenen] in die Arme [...]. »Keine
Sorge, Liebster. Wir sind ja schon Gefangene. Sie kann uns nichts mehr anhaben.«
Doch am nächsten Tag erschienen die beiden nicht zur Arbeit. [...] Roman und Sozia waren
abgeholt worden.
Als ich dies erfuhr, hätte ich beinahe losgeschrien. [...] Ich hatte das Gefühl, als ob Roman und
Sozia in einen Abgrund gestürzt seien und ich sie im letzten Moment an den Handgelenken
erwischt und versucht hätte, sie wieder nach oben auf sicheren Boden zu ziehen. Ich habe
versucht, sie zu halten, ich schwöre bei Gott [...], aber ich konnte nicht verhindern, dass sie mir
entglitten. Selbst wenn ich meine Augen schloss, hatte ich das Bild vor Augen, wie sie in die
Dunkelheit stürzten und mich dabei hilflos anblickten. Mein Herz schlug wie wild158.
Wie bereits im Punkt 4.2.1 beschrieben, hat Irene ihre Freunde zum Schutz vor den
Nazis in Major Rügemers Keller untergebracht. Eines Tages erfahren sie alle, dass eine
der Juden schwanger ist, worüber sich sich zuerst zwar freuen, sie dann jedoch alle mit
großem Schmerz einsehen müssen, dass sie das Kind dort nicht bekommen können – es
muss diesem Krieg geopfert werden, auch wenn Irene sie beschwört: „Nein, daran dürft
ihr gar nicht denken. Lasst es nicht zu, dass sie noch ein weiteres Leben
wegnehmen!“159.
Später jedoch wurde auch Irenes schlimmster Albtraum wahr: Als Major Rügemer
eines Tages eine von Irenes Freunden in seinem Haus entdeckt, kommt alles ans
155
Ebd. S. 117.
Ebd. S. 130-131.
157
Ebd. S. 132-133.
158
Ebd. S. 146-147.
159
Ebd. S. 209, Kapitel: „Die aufkommende Dunkelheit“.
156
43
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Tageslicht. Seine und Irenes Reaktion darauf werden in dem folgenden Textstück
beschrieben:
»Irene! Was, in Gottes Namen, haben Sie mir angetan?«, rief er. »Es sind unschuldige Menschen!«
Vor Panikverhaspelte ich mich beim Sprechen und begann zu weinen. »Sie haben nichts getan!
Wie hätte ich bloß dastehen und mit ansehen können, wie sie umgebracht werden? [...] Liefern Sie
sie nicht aus, ich flehe Sie an! Besudeln Sie Ihre Hände nicht mit dem Blut Unschuldiger [...]«
»Genug,« unterbrach er mich. Sein Gesicht war rot vor Wut – und Angst. »Wie konnten Sie mich
nur so täuschen, Irene? Ich habe Ihnen vertraut. Ich habe Ihnen ein Zuhause gegeben, Sie unter
meinen Schutz gestellt. Ich bin ein deutscher Offizier. Sie haben mich ruiniert!«
»Strafen Sie mich, Herr Major. Ich nehme die ganze Schuld auf mich – aber lassen Sie sie laufen!
[...] Ich flehe Sie an! Im Namen des Heiligen Vaters.« Er schaute zur Seite, sein Kinn zitterte.
»Lassen Sie mich nachdenken. [...]«
Ich griff nach seiner Hand und küsste sie, aber er entriss sie mir mit einem Ruck und verließ eilig
das Zimmer. [...], sank ich auf dem Boden zusammen und brach erneut in heftiges Schluchzen aus.
»Mamusia! Tatuś!«, würgte ich hervor. »Gott, hilf mir!« 160
Der Preis, den sie für Major Rügemers Schweigen zahlen musste, war hoch: Sie musste
sich ihm hingeben und von nun an in seinem Bett schlafen.
5.2 Befreiung und Rückkehr ins Leben
Die Befreiung aus dem Konzentrationslager Ravensbrück bedeutete nicht das Ende des
Krieges. Vor dem Lager standen Busse, die die Autorin und ihren Bruder aber auch die
Erwachsenen, über die die Verfasserin nichts schreibt, irgendwohin fuhren. Am
Lenkrad des Busses saß ein Mann, der eine für sie unbekannte Sprache sprach. Die
Kleinen waren glücklich, dass sie diesen schrecklichen Ort verlassen konnten. Wie die
Autorin schreibt: „Ich wusste nicht, wohin wir fuhren. Sie brachten uns von den Nazis
fort. Das reichte, um sie zu Engeln zu machen“161. Die Kinder bekamen Kartons mit
Leckerbissen. Sie konnten sogar Schokolade kosten, die sie an ihren Vater erinnerte.
Die Fahrt war aber nicht so angenehm, wie es am Anfang geschienen hatte. Am Abend
begann der Bombenangriff. Die Busse mussten mehrmals stehen bleiben, um das
Unglück zu vermeiden. Der Busfahrer versuchte seine Fahrgäste zu beruhigen, aber sie
verstanden nicht, was er sagte. Seine Stimme jedoch ausreichend, sodass die Kinder
ruhig waren. Schon im Bus erfuhren sie, wohin sie gebracht wurden: nach Schweden.
Am Morgen erreichten sie den Hafen, von wo aus sie mit einer Fähre weiterfuhren. In
Schweden wurden sie von vielen Menschen erwartet. Anita schämte sich, weil sie noch
die Lumpen aus dem Lager trug. An den Abschied von Deutschland erinnert sich die
160
161
Ebd., S 220-221.
Vgl. Lobel, Anita: Ebd., S. 156.
44
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Autorin folgendermaßen: „Ich schaute zurück. Dort hinter uns, auf der anderen Seite,
hatten wir eine Welt von Hunger, Schmutz, Gestank und Leichen zurückgelassen”162.
In Schweden überraschte die Kinder, dass sie niemand anschrie. Sie bekamen neue
Kleider und konnten sich unter fließendem, warmem Wasser waschen. Danach sollten
sie untersucht werden. Sie verstanden nicht, was die Krankenschwester und Ärzte
sagten, weshalb sie Angst von den neuen Geräten bekamen. Diese Situation beschreibt
Anita Lobel auf diese Weise:
Die Schwester sprach ganz ruhig, aber dass ich kein einziges Wort von dem verstand, was sie
sagte, erschreckte mich genauso, als hätte sie Befehle gebrüllt.
Woher sollte ich wissen, dass wir nicht wieder getäuscht und hereingelegt wurden? All ihre
Nahrungsmittel und die Nettigkeit waren vielleicht nur Teil eines Naziexperiments!“ 163
Erst, als eine Schwester, die eine bekannte Polin vom Lager Ravensbrück mitbrachte,
erfuhr sie, dass die Ärzte ein Röntgenbild machen wollten. Anita blieb trotzdem
unzuversichtlich, ließ aber eine Aufnahme von sich machen. Es stellte sich heraus, dass
die Kinder an Tuberkulose litten. Sie hatten Angst, weil ihre Freundin Krysia, die sie
im Benediktinerinnen-Kloster kennen gelernt hatten, an dieser Krankheit gestorben
war. Die Kleinen mussten in einem Sanatorium untergebracht werden, wo sie mit
vielen anderen Kinder zusammenwaren. Dort erlebte Anita Lobel noch einen Schreck:
Sie wurde von ihrem Bruder getrennt und war nur mit Mädchen in einem Saal; ihr
Bruder hingegen nur mit Jungen. Sie wollte ihn sehen und begann zu schreien. Sie
beruhigte sich erst, als ihr Bruder zu ihr zurückkam.
Im Sanatorium begann ein neues Leben für die Autorin. Mit den neuen Kindern fühlte
sie sich wohl. Sie schrieb: „Ich war keine schmutzige Jüdin mehr. Aber unter diesen
netten Menschen in diesem erfreulichen Zwischenreich war ich doch immer noch eine
sprachlose Waise“164. Zuerst war die kleine Anita so krank, dass sie viel im Bett liegen
musste. Von allen wurde sie so freundlich behandelt, dass sie begann den Albtraum des
Krieges zu vergessen. Diesen Zustand beschrieb sie in der folgenden Art:
Die Schwester brachten Fleischbrühe und Kakao. Wir schliefen. Wir atmeten die klare, reine Luft
des Nordens. In der Welt, aus der ich gerade gekommen war, hatte es keine leuchtenden Farben
und keinen frischen Wind mehr gegeben. Wie war es möglich, dass ich so kurze Zeit nachdem ich
in Schmutz und Angst versucht hatte in einem Konzentrationslager von dünner Kohlsuppe zu
überleben, mich jetzt an einem Ort befand, wo die Menschen noch Milch genug hatten, um damit
die Fußböden zu wischen!165
162
Ebd., S. 158.
Ebd., S. 160 ff.
164
Ebd., S. 167.
165
Ebd., S. 170.
163
45
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
In der Schule am Sanatorium lernte die Autorin die neue Sprache und begann
außerdem, zu zeichnen. Sie hielt sich langsam für eine richtige Schwedin. Einmal kam
ein Mann zu ihr und gab ihr die Adresse einer Agentur, die ihre Verwandten suchen
sollten. Sie schrieb ihnen auf Schwedisch und gab viele Einzelheiten vom Leben in
Krakau. Nicht lange danach kam ein Brief aus Polen, den ihre Mutter und Niania
geschrieben hatten. Die Geschwister waren überglücklich – sie waren keine Waisen
mehr. Sie schrieben Briefe nach Polen zurück und bald kamen wieder Antworten von
der Mutter. Eines Tages kam ein Brief vom Vater. Er sollte nach sieben Jahren aus der
Sowjetunion zurückkehren.
Nachdem die Autorin ihre Krankheit überwunden hatte, musste sie das Sanatorium
verlassen. Mit 12 Jahren begann sie ein neues Leben. Zuerst hielt sie sich in Stockholm
auf, dann in Kummelnäs, in einem Asyl für polnische Jugendliche. Sie wartete hier auf
ihre Eltern, die aus Polen zu ihr kommen sollten, und auf ihren Bruder, der noch im
Sanatorium bleiben musste. Auf diese Weise begann eine neuer Abschnitt ihres Lebens.
Irene hingegen war 23 Jahre alt, als Polen befreit wurde, doch sie fühlte sich wie eine
alte Frau nach all dem Leid, dass sie erfahren und gesehen hatte 166. Sie bekam von
Freunden finanzielle Hilfe, um zurück nach Polen zu fahren und ihre Familie zu finden.
Nachdem sie nach einer langen, schwierigen und traurigen – aufgrund der von den
Deutschen angerichteten Verwüstung – Reise in Radom angekommen war, traf sie ihr
Tante, die ihr mitteilte, sie wisse gar nichts von ihrer Familie. Irenes Desorientierung
war so groß, dass weder wusste, wohin sie als nächsten gehen sollte, noch was sie
überhaupt machen sollte. Auf der Suche nach Informationen traf sie eine ihrer „alten“
Freunde wieder, um die Irene sich während des Krieges gekümmert hatte. So erfuhr sie,
dass das Baby, das damals beinahe „geopfert“ worden wäre167, gesund und munter war.
Als sie sich jedoch aufmachte, um es zu sehen, wurde sie von sowjetischen Militärs
gepackt, die sie für die Partisanenanführerin hielten168. Sie wurde gefangen gehalten
und tagelang verhört, doch am Ende gelang ihr die Flucht.
Da sie jedoch von den Russen gesucht wurde, musste sie weiter fliehen und bekam
bruchstückhafte Nachrichten von ihrer Familie zu hören: Ihr Vater war von den
Deutschen erschossen worden und ihre Mutter und ihre Schwestern waren als
166
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd., S. 257.
Siehe Punkt 4.2.2.
168
Ebd. S. 261.
167
46
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Verwandte Irenes, die von den Sowjets „als gefährliche Kriminelle eingestuft“169
worden war, verhaftet worden. Später erreichte sie jedoch die Nachricht, dass ihre
Mutter und ihre Schwestern frei, aber untergetaucht seien.
5.3 Auf der Suche nach der neuen Heimat
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Leute ihre Heimat wechseln. Man kann
sagen, es begann eine richtige Völkerwanderung. Auch die Familie Anita Lobels
verließ Polen. Da die Kinder in Schweden waren, entschieden sich ihre Eltern, dorthin
umzusiedeln. Anita war damals noch im Asylhaus für polnische Jugendliche und ihr
Bruder war noch im Sanatorium. Anita konnte ihre Mutter erkennen, weil sie sich bloß
ein paar Jahre nicht gesehen hatten, aber ihr Vater sah anders aus, als es im Gedächtnis
des Kindes war. Sie freuten sich, dass sie alle endlich wieder zusammen waren. Sie
zogen mach Stockholm, um dort ein neues Leben zu beginnen. Zuerst musste Anita die
Eltern begleiten, weil sie noch kein Schwedisch sprachen. Ihre Unterkunft fanden sie in
einer Pension, die nicht weit von einem Hafenbecken entfernt war. Hier hatten sie nicht
so gute Wohnbedingungen wie in Krakau: Sie hatten jetzt nur ein Zimmer für sich. Die
Eltern brachten nur ein paar Habseligkeiten mit, darunter eine Nähmaschine. Nach
einiger Zeit bekam der Vater einen Job, mit dem er jedoch unzufrieden war. Er war
verzweifelt, weil er es eher anstrebte, als Fahrstuhlführer in einem Bürogebäude zu
arbeiten. Er fand, dass er dort „nichts“ war. Im Gegenteil zu ihm fühlte sich Anita in
Stockholm sehr wohl. Sie erinnert sich in dieser Form daran:
Ich begann gerade mein Leben in einer wunderschönen Stadt mit Neonreklame und
Kirchenglocken und Kinos und einem blauen Himmel. Ich hatte gelernt eine Sprache zu sprechen,
die sich gut auf meiner Zunge anfühlte und mir lieblich in den Ohren klang. Ich hatte einen
sauberen Körper. Ich hatte Haare. Ich war neu170.
Der Vater bekam schließlich eine andere Stelle. Diesmal in einer Fabrik, in der
Anzüge produziert wurden. Die Mutter begann auch in einem Betrieb zu arbeiten. Da
sie kein Schwedisch sprachen, durften sie nur einfache Tätigkeiten ausüben und
verdienten nicht viel. Trotzdem fühlten sie sich in ihrer neuen Heimat wohl. Sie
benahmen sich wie wahre Schweden: Sie bummelten durch die Stadt, fuhren mit dem
Boot, besuchten Museen, bewunderten die weißen Nächte im Sommer usw. Als der
Bruder von dem Sanatorium kam, konnte er sich in der neuen Stadt nicht zurechtfinden.
169
170
Ebd. S. 267.
Ebd., S. 219 ff.
47
Autobiografisches Erinnern
Magisterarbeit
Iwona Kusznierz
Er kannte den Vater nicht und hielt ihn für einen fremden Mann – er war zu klein, um
das Bild des Vaters von Krakau im Kopf zu haben.
In Stockholm begann Anita, die Schule zu besuchen. Sie gefiel ihr sehr und lernte
fleißig. Die Schulzeit beschreibt sie folgendermaßen:
Die Hausaufgaben waren kein Problem. Ich wusste alles vorwärts und rückwärts. In den
verschiedenen Unterrichtsstunden hatte ich die Hand ständig oben; ich stürzte mich auf die
quietschende Tafel voller Wörter, historischer Daten, Geschichten, Gedichte, Rechenkästchen, die
auszurechnen waren. [...] Es war egal, was wir lernten, ich stellte nichts infrage. Mein begieriges
Hirn schwelgte in den Lektionen der Bücher, wie mein ausgehungerter Magen in Bohnen und
Fleisch aus Dosen der Carpakete geschwelgt hatte171.
Dann begann sie, die Realschule zu besuchen. Sie bekam immer gute Noten und die
Lehrer und Eltern waren stolz auf sie. In dieser Schule fing sie an, Englisch zu lernen.
Diese Sprache gefiel ihr, weil sie sie von Filmen kannte und viele schöne Songs in ihr
gesungen wurden. In einer Kunststunde erwies sich, dass die Autorin künstlerisch
begabt war. Deshalb ging sie einmal in der Woche in den Abendunterricht in einer
richtigen Kunstschule.
Mit fünfzehn war die Autorin sehr beschäftigt. Darüber kann man folgende Zeilen
lesen:
Ich lernte, las Bücher und malte und zeichnete Bilder. Ich ging in Klavierkonzerte und ins Theater
und drückte mich in Tanzlokalen an die Wand [...]. Sonntags sang ich im Alt des Chores der
Söderkyrka.172
Als sie sechzehn war, beschlossen die Eltern, in die USA umzuziehen. Das war eine
schwere Entscheidung für die Autorin. Sie hatte sich an Schweden gewöhnt, hatte hier
Freunde und wollte nicht noch einmal ein neues Leben beginnen. An ihren Zustand
erinnert sie sich auf diese Weise:
Ich fühlte mich hintergangen. Während ich Wurzeln geschlagen hatte, hatten meine Eltern
Schweden nur als Durchgangsstation auf dem Weg nach Amerika betrachtet. Mein Bruder stand
auf ihrer Seite. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum die drei nicht für immer bleiben wollen,
wo wir waren. Ich protestierte und weinte und tobte. Ich wollte mich nicht losreißen von den
Freundinnen, der Schule, der reizenden Vertrautheit mit der Stadt, die ich lieben gelernt hatte, der
Sprache, die mir leicht über die Zunge tanzte, und mich wieder ins Exil treiben lassen 173.
Es ist nicht wunderlich, dass das Verlassen Schwedens für Autorin so schmerzlich war.
Hier fühlte sie sich glücklich und außer Gefahr, hier hatte sie Freunde gefunden, hier
lernte sie immer etwas Neues. Und hier waren ihre Eltern, nach denen sie sich die
171
Ebd., S. 224.
Ebd., S. 238.
173
Ebd., S. 240.
172
48
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Magisterarbeit
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ganze Kriegszeit über gesehnt hatte. Und jetzt stürzte alles ein. So musste sie wieder
ein ganz neues Leben beginnen.
Irene Gut Opdykes Buch hingegen beschreibt viel mehr von ihrem Leben während des
Krieges an sich. Sie ist stets auf der Flucht und empfindet lediglich ihr Elternhaus
Kozienice als Heimat, wohin sie auch jederzeit versucht wieder zurückzugelangen, doch
da Polen unter Deutschland und Russland aufgeteilt worden war, war nichts mehr so,
wie es früher einmal war, auch ihre Heimat nicht mehr – selbst nach dem Krieg. Ihre
Mutter und ihrer Schwestern waren wegen ihrer Verwandtschaft zu Irene – einer
„gefährlichen flüchtigen Partisanin“174 – von der Geheimpolizei verhaftet worden. Sie
sind jedoch frei gekommen, aber niemand wusste, wo sie sich aufhielten. Deshalb hatte
Irene keinen Grund mehr, länger in Polen zu verweilen, um dort vergeblich ihre Heimat
wiederzufinden.
Durch ihre Freunde gelangte Irene zu einem Auffanglager, dass ihr bei ihrer Suche nach
ihrer Familie und ihrer neuen Heimat von Nutzen sein sollte:
Diese Auffanglager wurden zu Zufluchtstätten für Millionen durch den Krieg entwurzelte
Menschen, deren Heimatstädte zerstört und deren Familien in alle vier Winde zerstreut worden
waren. [...] Beamte der Einwanderungsbehörden waren den Leuten dabei behilflich, jenseits der
Meere ein neues Zushause zu finden. Die Auffanglager standen Polen, Ungarn, Lettländern 175,
Italienern, Ukrainern, Zigeunern, Serben und Holländern, kurzum allen Bürgern Europas offen, die
durch den Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden waren – insbesondere ab den Juden176.
Deshalb wurde Irene erst einmal eine falsche jüdische Identität gegeben, um heile zu
dem Auffanglager zu kommen. Dort angekommen, konnte sie sie wieder ablegen und
versuchte nun, sich bei ihrer vorigen Arbeit als Krankenschwester ihrer neuen Heimat
bewusst zu werden. Doch es gelang ihr nicht.
Die Juden aus Palästina fragten Irene, ob sie mitkommen wolle, für Israel zu kämpfen.
Kurz darauf erkrankte diese jedoch an Diphterie und musste lange im Bett bleiben. Da
sie Herzrhythmusstörungen zurückbehalten hatte, war sie nicht mehr für Israel tauglich.
Ihre Leben in dem Auffanglager beschreibt Irene, wie folgt: „Ich hatte mein Leben in
dem Lagerdorf eingerichtet und lebte insgesamt drei Jahre dort. Aber selbst nach dieser
langen Zeit kam es mir nicht vor wie ein Zuhause“177.
Eines Tages kam ein UN-Delegierter, der Irene zu ihren Erlebnissen befragen wollte:
Her Opdyke. Er kam aus den Vereinigten Staaten von Amerika und sprach Englisch,
174
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd. S. 267.
Dieses Wort steht nicht im Duden: „Suchergebnis für Lettländer im gesamten Text: 0 Treffer in Duden
- Deutsches Universalwörterbuch“ (25/05/09). Das richtige Worte wäre „Lette (der)“.
176
Ebd. S. 269.
177
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd. S. 272.
175
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Französisch und andere Sprachen, wogegen Irene Polnisch, Deutsch, Russisch und
Jiddisch beherrschte, bei so vielen Sprachen brauchten sie am Ende aber doch einen
Dolmetscher. Irene erzählte Herrn Opdyke so ihre ganze Geschichte, die dieser
mitgeschrieben hatte. Anschließend lud er sie nach Amerika als Land zum Leben ein.
Sie wusste erst gar nicht, was sie damit anfangen sollte. Kurze Zeit später kommt Irene
doch in den USA an, was folgendermaßen beschrieben wird:
Gegen Ende des Jahres 1949 konnte Irene, die mit vielen anderen Flüchtlingen aus Europa an
Deck des Marieneschiffes John Muir stand, in der Ferne die Freiheitsstatue erkennen. Sie wurde
von einem Mitglied der Jüdischen Umsiedlungsorganisation in Empfang genommen, die ihr eine
Wohnung in Brooklyn besorgte. Schon bald fand sie Arbeit in einer Bekleidungsfabrik und lernte
Englisch Damit hatte ihr neues Leben begonnen. Dann lief sie eines Tages in einem Café in der
Nähe der Vereinigten Nationen zufällig William Opdyke in die Arme 178.
Die beiden lernten einander kennen, verliebten sich, heirateten Monate später und
bekamen eine Tochter, die sie Janina nannten. 5 Jahre nach ihrer Ankunft war Irene
bereits amerikanische Staatsbürgerin geworden. Was ihr erstes Heimatland Polen
betrifft, „mit dem Ende des kommunistischen Regimes in Polen kehrte Irene 1948 zum
ersten Mal seit Kriegsende in ihr Heimatland zurück, wo sie endlich Janina, Marysia,
Władzia und Bronia und deren Familien wiedertraf“179.
Auf diese Weise wird deutlich, wie unterschiedlich Anitas und Irenes Erfahrungen
einerseits waren – aufgrund ihres unterschiedlichen Alters und ihrer Familiengeschichte
–, wie gleich jedoch, was ihre Erfahrungen mit dem Krieg betrifft. Irene war älter und
unabhängig, sie verliebte sich und hatte andere Erfahrungen eines Erwachsenen
gemacht, während Anita noch war und ihre Erfahrungen aus einer eher kindlichen
Perspektive schildert. Sie kommt am Ende wieder mit Eltern zusammen, worüber sie
jedoch nicht außer sich ist vor Freude, da ihre Eltern sie aus einem Umfeld reißen
(Schweden), was Anita bereits ihre Heimat nannte. Irenes Vater hingegen wurde bereits
während des Krieges von Nazis getötet und ihre Mutter war kurz nach Kriegsende
gestorben.
5.4 Kindheitserinnerungen der polnischen und der jüdischen Autorin
Wenn man seine Erinnerungen erwägt, stellt man fest, dass man sich am besten an die
Schulzeit erinnern kann. Bei der Lektüre des Romans Das Versteck auf dem Dachboden
muss man sich vorstellen, welche entsetzlichen Ereignisse das Kind erleben musste,
dass sie für immer im Kopf der Kleinen bleiben würden. Es kann jedoch natürlich nicht
178
179
Ebd., S. 276.
Ebd., S. 277.
50
Autobiografisches Erinnern
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alles im Kopf behalten werden. Am häufigsten erinnern wir uns nach Jahren daran,
worüber man ab und zu spricht, oder wovon die Anderen erzählen.
Anita Lobel verbrachte ihre Kindheit nur zum Teil mit ihren Eltern. Ihr Vater fuhr
gleich nach dem Kriegsausbruch weg und die Familie hatte keine Nachrichten von ihm.
Die Mutter blieb in Krakau, während die Kinder mit ihrem Kindermädchen ins Dorf
fahren mussten. Die heutigen Leser können sich die Kriegsbedingungen nur erahnen.
Es gibt immer weniger Leute, die den Zweiten Weltkriegs miterlebten haben und die
Wahrheit der damaligen Erlebnisse bestätigen könnten.
Trotz vieler grausamer Ereignisse behielt Anita Lobel auch einige glückliche Stunden
im Kopf. Sie sagt über ihre Kindheit folgende Wörter:
Kindheit ist selbst unter günstigen Bedingungen schwierig. Ich schaue Kinder an, die in
glücklichen Zeiten aufwachsen, und sehe kleine Menschen mit wissendem Blick, die der Gnade
großer Leute ausgeliefert sind, die keine Ahnung haben, was sie tun. Es geht vielleicht zu weit,
wenn ich ein friedliches Leben mit den Eltern in einem hübschen Haus mit Wohnzimmer,
Schlafzimmer, Badezimmern und einer Küche mit gefülltem Kühlschrank vergleiche mit dem
mühsamen Sichdurchschlagen und Überleben in der Welt des Krieges. Es ist aber auch langweilig
sowie sehr gefährlich, sich hochmütig in Gewand und Würde eines Opfers zu hüllen. Ich habe sehr
viel mehr Jahre gut gelebt und mich mit erfreulichen und interessanten Dingen beschäftigt, als ich
damit verbracht habe, den Nazis zu entkommen oder Flüchtling zu sein 180.
Sie selbst erinnerte sich an die lieben Tage, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte. Sie
machten einen Stadtbummel und dann aßen sie Eis oder tranken heiße Schokolade. Das
war jedoch vor dem Krieg. Während des Kriegs gab es nur wenige glückliche
Momente. Die Autorin beschreibt die Spiele mit dem Bruder – wie sie mit einem Eimer
Fische aus dem Wasser schöpften, oder aus den gepflückten Weidenblumen einen
Kranz wanden181.
Als sie im Dorf lebten, gab es wenig zu essen. Die Dorfbewohner schauten sie
verdächtig an – man konnte erkennen, dass sie keine polnischen Kinder waren. Sie
mussten um Essen betteln und was sie bekamen, blieb nicht für lange. Nicht alle waren
nett zu ihnen. Sie erinnert sich nur an eine Frau, die sie in ihr Haus eingeladen hatte und
ihr etwas Mohnkuchen gab. Das musste etwas Außergewöhnliches sein, weil Anita
Lobel dieses Ereignis so beschreibt:
Mit dem köstlichen Geschmack des makownik auf der Zunge hatte ich mich vergessen! Seder!
Fast hätte ich Seder gesagt! [...] Mein Bruder aß sehr langsam sein Stück von dem Kuchen. Ich
wusste, dass er versuchte möglichst lange etwas davon zu haben182.
180
Vgl. Lobel, Anita: Ebd., S. 11.
Ebd., S. 26 ff.
182
Ebd., S. 45.
181
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Der Mangel an Essen musste lästig sein, weil sie dann „Es war gut, nicht mehr hungrig
zu sein“183 schrieb.
Im Sommer war es für sie leichter etwas Essbares zu finden. Sie gingen in den Wald
und suchten dort z. B. wilde Erdbeeren. Die Autorin schreibt darüber auf diese Weise:
„Und ich mochte die wilden Erdbeeren, die wir am Waldrand fanden. Ich fühlte gern,
wie der Becher oder das Körbchen immer schwerer wurde, wenn ich eine Beere nach
der anderen hineinfallen ließ, bis das Gefäß randvoll war“184.
Die Kindheit von Anita Lobel beschränkte sich eigentlich nur auf die Suche nach etwas
Essbarem, ein Versteck vor den Nazis und feinseligen Polen sowie darauf aufzupassen,
kein Wort auf Jüdisch zu sagen. Sogar wenn sie mit anderen Kindern spielen konnte,
musste sie sowohl auf sich selbst als auch auf ihren Bruder achten. Der war jünger als
sie und verstand von der finsteren Lage noch weniger. Die einzige Freundin, die sie
hatte, starb in ihrer Anwesenheit. Sie war überhaupt vom Tod umgeben: vom Tod der
Leute in Krakau – auf den Straßen und im Getto, auf dem Weg nach Auschwitz sowie
in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück. Und von Angst um ihr
eigenes Leben, um Leben von Niania und den Eltern. Trotzdem versuchte sie, jeder
Lage optimistisch gegenüberzustehen.
Wie die Autorin selbst schreibt, die einzigen glücklichen Momente erlebte sie in
Schweden. Zwar war sie an Tuberkulose erkrankt, aber es gab die anderen, die sich um
sie kümmerten, es gab genug Essen, sie konnte saubere Sachen tragen und hatte keine
Läuse mehr. Und an der Schwelle zum neuen Leben kamen die Eltern und sie konnten
alle zusammen wieder eine ganz normale Familie werden.
Die polnische Autorin, Irene Gut, war hingegen schon etwas älter, als der Krieg begann.
Geboren im Jahre 1922185, erinnert sie sich auch noch gut an ihre Kindheit; wie sie
glücklich mit ihren Eltern (Mamusia und Tatuś), ihren vier Schwestern und ihrem Hund
Myszka in Kozienice lebte, viel draußen in der Natur spielte und Polen noch ein freies
Land war. Ihrer Familie ging es gut, da ihr Vater eine gute Arbeit hatte.
Sie erinnert sich an die Pilgerreisen, die die Polen zur heiligen Madonna186
unternahmen, in deren Nähe sie wohnte. Sie erinnert sich auch noch an ein
Weihnachtsfest, dass sie fröhlich mit ihrer Familie zu Hause gefeiert hatte.
183
Ebd., S. 48.
Ebd., S. 27.
185
Vgl. Gut Opdyke, Irene: Ebd., S. 15.
186
Ebd. S. 16.
184
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Als sie etwas älter wurde und aber über ihren Vater vernahm, dass Hitler an die Macht
gekommen sei, konnte sie jedoch noch nicht verstehen, was das (für sie sowie für
Polen) bedeutete. Sie begann in der Schule, Deutsch zu lernen und da sie im
Allgemeinen viel Deutsch vernahm und in der Nähe der Grenze wohnte wusste man in
der Gegend gar nicht recht, ob man nun zu Deutschland oder Polen gehörte. Allerdings
wurde ihr von ihren Eltern beigebracht, stolz auf ihre polnische Identität zu sein187.
Als Heranwachsende tanzte sie in einer Tanzgruppe, die Volkstänze aufführte. Sie
erinnert sich auch noch daran, dass Janina die hübscheste von allen war, weil sich alle
stets nach ihr umdrehten.
187
Ebd. S. 21.
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6. Zusammenfassung
Der Zweite Weltkrieg war – und ist immer noch – ein unsagbar wichtiges und
schwerwiegendes Ereignis unserer Geschichte, woran die Erinnerung und das
Gedächtnis unter keinen Umständen abnehmen oder gar verschwinden darf. Die beiden
Autorinnen, Irene Gut Opdyke und Anita Lobel, die dieses Ereignis miterleben mussten
und überleben konnten, tragen in ihren jeweiligen Büchern dazu bei, die Erinnerung an
diesen Albtraum aufrechtzuerhalten, deren Analyse das Ziel dieser Arbeit war.
Die Erinnerung und das Gedächtnis an schwerwiegende geschichtliche Ereignisse im
Allgemeinen war der zweite Schwerpunkt dieser Arbeit, d. h. die Hinterfragung und
Analyse, inwieweit Erinnerung als authentisch bezeichnet werden kann und für andere
Personen
beschreibbar
gemacht
werden
kann.
Hier
gibt
es
verschiedene
wissenschaftliche Ansätze und Theorien, die sich mit der Erinnerungsfähigkeit und
ihren in der Kultur wahrgenommenen Einflüssen beschäftigen. Ein interessanter
Begriff, der in dieser Arbeit oft Anwendung gefunden hat, ist die Erinnerungskultur, die
beschreibt, wie ganze Gruppen die Erinnerung und das Gedächtnis an ein bestimmtes
Ereignis wahrnehmen, verarbeiten und an die Folgegeneration weitergeben.
Hinsichtlich der Erinnerbarkeit persönlich gemachter Erfahrungen gibt es eine
Kontroverse dazu, ob es überhaupt möglich sei, erstens, sich so gut an alle Einzelheiten
zu erinnern, dass man von authentischen Erlebnissen sprechen kann, und zweitens, ob
diese Erinnerungen tatsächlich aufs Papier gebracht werden können (sprich
autobiografisch), sodass anderen Personen, die nicht dabei gewesen sind, diese
Ereignisse miterlebbar gemacht werden können.
Wie auch immer, Anita Lobel und Irene Gut Opdyke haben es über ihre Bücher
versucht und tragen so dazu bei, dass andere Menschen der Folgegenerationen etwas
mehr über den Zweite Weltkrieg und seine Gräuel erfahren können. Beide Autorinnen
mussten diese Zeit miterleben, haben dies jedoch auf recht unterschiedliche Weise
getan, sodass die Situation ein Mal aus der Sicht einer Jüdin und ein anderes Mal aus
der Sicht einer Polin beschrieben wird.
Der Kern dieser Erinnerungskultur und der für sie geleisteten Arbeit(en) ist und bleibt
jedoch, dass solch gravierende Ereignisse einfach nicht vergessen werden dürfen, und es
deshalb der Literatur bedarf, damit die Geschichte als solche für jeden und jederzeit
zugreifbar gemacht werden kann und so aufrechterhalten wird.
54
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7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
Bach, Janina: Spuren des kollektiven Gedächtnisses an den Holocaust in der DDRLiteratur bis 1958. In Gansel, Carsten.
Birtsch, Nicole: Strategien des Verdrängens im Prozeß des Erinnerns. Die Stimme
eines Täters in Marcel Bayers Roman „Flughunde“. Wrocław/Dresden 2006.
Buczek, Robert; Gansel, Carsten, et al.: Germanistyka Texte in Kontexten. Zielona
Góra 2004.
Drynda, Joanna: Der Krieg aus der geschichtlichen Ferne betrachtet. Norbert
Gstreins Suche nach der richtigen Sprache. Wrocław/Dresden 2006.
Ehlers, Heller: Erinnerte Geschichten in autobiographischen Texten deutscher
jüdischer Schriftsteller nach der Shoah. In: Platen, Edgar.
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Stuttgart/Weimar 2005.
Gansel, Carsten: Reden und Schweigen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 :
Fallstudien. Dresden 2006.
Gut Opdyke, Irene; Armstrong, Jennifer: Wer ein Leben rettet... Eine wahre
Geschichte aus dem Holocaust. Übersetzt von Radke, Barbara.,
Zürich/München 2000.
Jung, Thomas: Ortschaft Auschwitz: Topographie der Erinnerung. Diskurse der
Erinnerung an Auschwitz aus der Perspektive der Nicht-Dabeigewesenen. In:
Platen, Edgar.
Klüger, Ruth: Mißbrauch der Erinnerung: KZ-Kitsch. In: Von hoher und niedriger
Literatur. 2. Auflage. Göttingen 1996.
Kusznierz, Iwona: Praca Licencjacka, Auschwitz im Spiegel der spanischen Presse.
Gorzów Wlkp. 2007.
Lobel, Anita: Das Versteck auf dem Dachboden. Übersetzt von Ilse Strasmann.
Hamburg 2002.
Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sprachkunst, Beiträge zur
Literaturwissenschaft, Jahrgang XXXVII/2006, 2. Halbband. Wien 2006.
Platen, Edgar: Erinnerte und Erfundene Erfahrung, München 2000.
Semprun, Jorge: Schreiben oder Leben. Frankfurt am Main 1997.
Willems, Gottfried: Anschaulichkeit. Zu Theorie und Geschichte der Wort-BildBeziehungen und des literarischen Darstellungsstils. Tübingen 1989.
Zimniak, Paweł: Niederschlesien als Erinnerungsraum nach 1945, Literarische
Fallstudien. Wrocław/Dresden 2007.
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Iwona Kusznierz
6.2 Sekundärliteratur
Bayer, Marcel: Flughunde. Frankfurt am Main 1995.
Dudenredaktion: DUDEN 1, Die deutsche Rechtschreibung. 23. Auflage.
Dudenverlag, Mannheim 2004.
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Berlin 1971.
Solar, D.: La aventura de la historia. 2002.
Ther, Klaus: Leseprobe von Wander, Fred: Der siebente Brunnen. 11. Juli 2005.
Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen.
München 1976.
Young, James E.: Zwischen Geschichte und Erinnerung, a.a.O.
Gedenken, erzählen, leben: Gespräch mit Fred Wander in: Neue Deutsche Literatur,
ISSN 0028-3150, Vol. 44, Nº. 4, 1996.
Referenzen aus dem Internet
Goethe-Institut: Kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Gedächtnis
http://www.goethe.de/ges/pok/dos/dos/ern/kug/de3106036.htm
Österreichisches Bibliothekswerk: Literaturrezensionen
http://www.biblio.at/literatur/rezensionen/details.html?mednr[0]=bn0003190&anzahl=1
Österreichisches Literaturhaus: Leseprobe von Wander, Fred: Der siebente
Brunnen: http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/wander/
Wallstreet online: Linker Antisemitismus
www.wallstreet-online.de/diskussion/1096370-1-10/linker-antisemitismus
Wörterbücher

Duden, deutsche Rechtschreibung: www.duden.de

Englisch-Deutsch: www.osola.com

Französisch-Deutsch: www.leo.org
56
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6. Zusammenfassung - Germanistisches Institut — Mitarbeiterseiten